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Luhmanns Zettelkasten

Niklas Luhmann
(1927-1998)
Soziale Systeme ** innerhalb der Systemtheorie **
Niklas Luhmann

Niklas Luhmann wurde am 8. Dezember 1927 als Sohn eines Brauereibesitzers in Lüneburg geboren. Später besuchte er das altsprachliche Gymnasium „Johanneum“ in Lüneburg. Zur Luftwaffe des Deutschen Reiches kam er 1943. Gegen Ende des 2. Weltkrieges kam Luhmann in us-amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo er „– gelinde gesagt – nicht nach den Regeln der internationalen Konventionen“ behandelt worden war. (Vgl. Detlef Horster, Niklas Luhmann, 1997, S. 28.) Von 1946 bis 1949 studierte Luhmann Rechtswissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Dann folgte eine Referendarausbildung in Lüneburg bis 1953 (schon 1951 hatte er mit dem Aufbau seiner Zettelkästen begonnen) und das zweite Staatsexamen (1953). Von 1954 bis 1962 war er Verwaltungsbeamter (Jurist) in Lüneburg, von 1954 bis 1955 am Oberverwaltungsgericht Lüneburg Assistent des Präsidenten; 1955 wurde ins niedersächsische Kultusministerium abgeordnet; 1960 erhielt er ein Stipendium für eine Fortbildung an der Harvard-Universität in den USA, die er nach seiner Beurlaubung realisierte und dabei in Kontakt mit Talcott Parsons und dessen strukturfunktionaler Systemtheorie kam. Luhmann war von 1962 bis 1965 Referent an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer, von 1965 bis 1968 Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster, und seit 1968 der erste Professor an der gerade gegründeten Universität Bielefeld, wo er bis zu seiner Emeritierung 1993 lehrte. Niklas Luhmann starb am 6. November 1998 in Oerlinghausen.


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1. Stadium („Winter“) 2. Stadium („Frühling“) 3. Stadium („Sommer“) 4. Stadium („Herbst“)
Vor-/Urdenken: Luhmanns
„Vor-/Urphilosophie“
Frühdenken: Lumanns
„Frühphilosophie“
Hochdenken: Luhmanns
„Hochphilosophie“
Spätdenken: Luhmanns
„Spätphilosophie“
(Dauer: 19 Jahre) (Dauer: 22 Jahre) (Dauer: 16 Jahre) (Dauer: 14 Jahre)
1927 bis 1946 1946 bis 1968 1968 bis 1984 1984 bis 1998
Geburt
(08.12.)
Berufung an die
Universität Bielefeld
Tod  
(06.11.
Übergang
    Schule, Kriegsdienst, Gefangenschaft / Studium                                                  
| „Soziale
Systeme“
Frühe
Kindheit
Grund-
Schule
Gymnasium,
Kriegsdienst,
Gefangenschaft
1946
- 1949
1949
- 1960
1960
- 1968
1968
- 1973
1973
- 1979
1979
- 1984
1984
- 1988
1988
- 1993
1993
- 1998
Erläuterung Erläuterung

1988 bekam Luhmann den Hegel-Preis. Die Laudatio dazu hielt der zur Ritter-Schule (**) gehörende Philosoph Robert Spaemann und nannte diese Laudatio: „Niklas Luhmanns Herausforderung der Philosophie“. Diese Herausforderung beschreibt der Kölner Philosoph, Mathematiker, Physiker und Künstler Günter Schulte wie folgt: „Er will zum Beispiel die Erkenntnistheorie mitbetreuen, oder er sagt, er will die Firma Vernunft unter einer neuen Bezeichnung, nämlich Selbstreferenz, übernehmen. Vernunft war sicherlich ein Thema der Philosophie, wenn nicht das Thema. Das würde der Philosophie jetzt aus der Hand genommen. Da fragt man sich natürlich: Woher dieser Anspruch? Wir hatten in der Philosophie natürlich schon mal Leute, die rigoros aufgeräumt haben, was die Philosophie der Vernunft betraf: das war Hegel, der meinte, man müßte die subjektive Vernunft, also die Vernunft der individuellen Subjekte, die frei handeln und entscheiden, umstellen auf eine göttliche, absolute Systemvernunft. Und dieses System Hegels ist das, was Luhmann zunächst mal am allermeisten beeindruckt, weshalb er auch zu recht den Hegel-Preis bekommen hat. Dann kam nach Hegel Marx und stellte dieses System des absoluten Geistes um auf Materie. Prima, sagt Luhmann, das können wir auch benutzen, indem wir jetzt eine naturalisierte Erkenntnistheorie machen ..., indem man nämlich meint: dieses Geistsystem (das er jetzt Sinnsystem nennt) Hegels kann empirisch beobachtet werden. Damit hat er also diese Marxsche Wendung mit drin.“ (Günter Schulte **). Schulte sieht in Luhmanns Theorie eine umgestülpte Subjekttheorie, eine schlichte Umstellung von Subjekt auf System (vgl. Günter Schulte, Der blinde Fleck in Luhmanns Systemtheorie, 1993, S. 12 und 22) und vermutet dabei auch einen neuen Gottesbeweis: Luhmanns „Gottesbeweis ist der Beweis eigener Göttlichkeit. Diese Systemtheorie ist das Re-entry Gottes selbst in seine Schöpfung“ (ebd., S. 161). Schulte muß gegen sich selbst gelten lassen, was er Luhmann unterstellt: „Wer meint, er hätte die Einheit gesehen, der irrt sich; denn hätte er recht, könnte er das nicht mehr mitteilen“ ([] ebd. S. 151). Luhmann hält philosophischerseits den Blick auf das Ganze aufrecht (man nennt diese Vorgehensweise auch „Holismus“) und soziologischerseits die Aufklärung für das angemessene Mittel, Soziologie zu betreiben. Die Verleihung des Hegel-Preises an Luhmann war absolut berechtigt. Der Unterschied zwischen Luhmann und z.B. den „Vertretern“ der Frankfurter Schule ist der zwischen auf Vernunft basierender Gelassenheit oder Unschuldsunterstellung auf der einen Seite (Luhmann) und Kritik oder Moral im Sinne von Schuldzuweisungen auf der anderen Seite (Frankfurter Schüler mit ihrer angeblichen „Kritischen Theorie“). Jedenfalls befinde ich mich in guter Gesellschaft (!) auf der Seite der auf Vernunft basierenden Gelassenheit oder Unschuldsunterstellung.

In erster Linie war Luhmann kein Soziologe, sondern ein Philosoph. Daß er nach seinem Jurastudium und seiner Berufstätigkei als Jurist
auch noch Soziologe wurde, spricht sogar erst recht dafür, daß er in erster Linie kein Soziologe, sondern ein Philosoph war, ein bedeutender.

Auch dann, wenn Luhmanns Systemtheorie die Subjektheorie, Luhmanns System das Subjekt, Luhmanns Systemvernunft die Subjektvernunft, Luhmanns Sinnsystem das Geistsystem, Luhmanns Sinn den Geist nur ersetzen und mit Empirie (Beobachtung) aufladen sollen, so bedeutet das nicht, daß das alles lediglich ein Blendwerk wäre, obwohl Luhmanns Selbstreferenz als höchste Weltvernunft eines göttlich, absoluten Sinns dies zunächst vermuten läßt, wie lange vor ihm schon Hegels Selbstreferenz als höchste Weltvernunft des göttlichen, absoluten Geistes. Also meinten beide vielleicht doch auch sich selbst (). Oder? Hatte Günter Schulte also doch recht: Luhmanns „Gottesbeweis ist der Beweis eigener Göttlichkeit. Diese Systemtheorie ist das Re-entry Gottes selbst in seine Schöpfung“ (Günter Schulte, Der blinde Fleck in Luhmanns Systemtheorie, 1993, S. 161)? Mit der Antwort auf diese Frage sollte man vorsichtig sein. Derartige Holisten bzw. Theorieriesen wie Hegel und Luhmann („Genie der Gesellschaftsheorie“, so Norbert Bolz [**], der auch sagte: „er war der letze Theorieriese, auf dessen Schultern sich zu stehen lohnt“ [**]) sind geistesgeschichtlich bzw. sinngeschichtlich nahezu unsterblich und deswegen tatsächlich fast wie Gott, natürlich nur fast.

Meine Gesamttheorie (Philosophie), die auch eine Systemtheorie ist.
Mein Webangebot
2 zwischen Q.Et. und A.Et.) Systemtheoretische Hypothesen (B., H., L., M.).
2 zwischen Q.Et. und Kt.) Geo-, bio-, öko-, morphologische Hypothesen.
2 zwischen A.Et. und H.D.) Systemtheoretische Hypothesen (B., H., L.).
2 zwischen Kt. und H.D.) Systemtheoretische Hypothesen (B.).
3 zwischen Q.Et. A.Et., Kt.) Geo-, bio-, öko-, morphologische Hypothesen.
3 zwischen Q.Et., A.Et., H.D.) Systemtheoretische Hypothesen (B., H., L.).
3 zwischen Q.Et., Kt., H.D.) Systemtheoretische Hypothesen (B., H., S.).
3 zwischen A.Et., Kt., H.D.) Systemtheoretische Hypothesen (B., H.).
4) Naturwissenschaftliche Hypothesen und Kategorien (Kausalität u.a.).

Luhmanns Systemtheorie spielt auch in meiner Gesamttheorie (Philosophie) mit ihren vier Einzeltheorien - meine quadralistische Erkenntnistheorie, meine Allgemeine Entwicklungstheorie, meine Kulturtheorie und Hegels dialektische Theorie - eine Rolle, weil sie einerseits an Hegels Theorie angelehnt ist und andererseits an den neun Schnittmengen, die meine Einzeltheorien insgesamt miteinander haben (siehe Abbildung und Erläuterung darunter), beteiligt sein kann und dann auch ist, wenn es erforderlich geworden ist. Erforderlich geworden ist es dann, wenn beispielsweise eine Übereinstimmung zwischen meiner Quadrialistischen Erkenntnistheorie und meiner Allgemeinen Entwicklungstheorie von deren Schnittmenge (siehe „2“ zwischen „Q.Et.“ und „A.Et.“ in der Abbildung) geliefert wird, etwa zur Beantwortung der Frage, warum Widerspruch (Negation, Antithese) in der Erkenntnis so wichtig für ihre Entstehung überhaupt ist, denn ohne jeden Widerspruch wäre Erkenntnis insgesamt sehr unwahrscheinlich geblieben, und dies erkannt zu haben, ist ein Verdienst von Hegel, auf den Luhmann sich bezogen hat. Dialektik, Systemtheorie bzw. systemtheoretische Hypothesen finden sich also auch in meiner Gesamttheorie, um nicht zu sagen, daß meine Gesamttheorie selbst eine Systemtheorie ist, die sich größtenteils auf andere Systemtheorien berufen kann, aber ansonsten mit ihnen nicht unbedingt zu 100% übereinstimmen muß. Was bei Luhmann „Kommunikation“ heißt, ist gemäß meiner Gesamttheorie Sprache im weitesten Sinne (i.w.S.). Diejenigen Wörter, die sich beispielsweise um das „Soziale“ oder „Gesellschaftliche“ drehen und von Luhmann sehr häufig gebraucht wurden - aus verständlichen Gründen -, werden in meiner Gesamttheorie möglichst gemieden (**|**|**), weil mit ihnen zuviel Unfug getrieben werden kann und auch wird (**|**), das ist sicher. Ich gehe auch dann mehr von Semiotik, Linguistik, Logik und Mathematik aus, wenn andere lediglich auf das Subjekt blicken und all ihre Erkenntnisresultate nur von ihm ableiten. Natürlich komme auch ich nicht ohne Subjekt aus, aber ich versuche, es möglichst herauszuhalten, und zwar aus möglichst jedem Mittelpunkt. Der Mensch „ist nicht mehr Maß der Gesellschaft“ (**), so Luhmann, und gehört aus der Sicht aller autopoietischen Systeme zur Umwelt. Also gehört der Mensch auch sogar von seinem Organismus her gesehen zur Umwelt. Denn mit dem Wort „Mensch“ ist ja mehr gemeint als nur ein Organismus. Und was das Wort „sozial“ angeht, so läßt sich mit absoluter Sicherheit sagen, daß nicht alle und jede Kommunikation „sozial“ im Sinne der semantischen Verwendung dieses Wortes ist. Nicht nur für Luhmann geht es bei der Kommunikation um Information, Mitteilung und Verstehen.
8 Disziplinen mit z.B. 2 Unterdisziplinen
gemäß Quadrialistischer Erkenntnistheorie.
Kommunikation ist Sprache im Sinne einer sowohl semiotisch-linguistischen als auch logisch-mathematischen Sprache. Wörter wie z.B. „Mensch“, „sozial“, „psychisch“ sind wissenschaftlich und also auch erkenntnistheoretisch Hindernisse. Denn sie deuten bereits an, wohin die Semantikreise gehen soll. Mit ihnen ist etwas ganz anderes bezweckt, als der erste Eindruck vermitteln soll. Das Wort „Mensch“ ist immer mehr zu einer rhetorischen Waffe geworden, diejenigen Wörter, die mit dem Begriff des „Sozialen“ zu tun haben, sind sogar schon seit ihrem erstmaligen Gebrauch rhetorische Waffen (sie sind ja eben „moderne“ Wörter), und genauso verhält es sich mit denjenigen Wörtern, die mit dem Begriff des „Psychischen“ zu tun haben. Soziologie und Psychologie sind keine Naturwissenschaften und auch keine Geisteswissenschaften, sondern etwas dazwischen (oft „Sozialwissenschaften“, selten „Seelenwissenschaften“ genannt); ihnen fehlt das wissenschaftliche Objekt; nicht zuletzt deshalb sind sie gemäß meinem Modell keine wissenschaftlichen Disziplinen, sondern Unterdisziplinen. Da sie also ohnehin einen niedrigen Wissenschaftswert und eine um so höhere Mißbrauchsrate haben, sollten sie im Status der Unterdisziplinarität bleiben oder/und wieder mehr dem Formalen untergeordnet werden.
4 Bereiche, 8 Disziplinen und viele Unterdisziplinen gemäß meiner quadrialistichen Erkenntnistheorie.
Bereiche (1. Ebene), Disziplinen (2. Ebene), Unterdisziplinen (3. Ebene) gemäß meinem quadrialistischen Modell.

Das Modell ist nicht komplett dargestellt, die 3. Ebene besteht aus viel mehr Unterdisziplinen als hier dargestellt.
1) Natur Natur-Kultur Kultur Kultur-Natur
2) Physik Chemie  Biologie Ökonomie Semiotik Linguistik Philosophie Mathematik
3) Geologie Ökologie   Jurisprudenz  
      Genetik    Demographie  Pädagogik    
      Soziologie   Psychologie    
Es gibt zwei Gründe dafür, daß die Unterdisziplinen nicht auf der zweiten, sondern auf der dritten Ebene zu finden sind:
(I) Die Zuordnung ist zu problematisch. Beispiele: Geologie, Genetik, Ökologie, Demographie, Pädagogik, Jurisprudenz.
(II) Der Bedeutungsgrad ist zu gering. Beispiele: Soziologie und Psychologie.
Wenn es um Formen geht, die von anderen Formen bewiesen oder widerlegt werden, also nicht oder kaum (je weniger, desto besser) auf etwas anderes als Formen sich beziehen müssen, dann ist die Mißbrauchsrate niedriger. Das ist evident. Aber „Beweise“ durch Statistik, also Fälschung? Nein, danke! Es geht ja um die Menschen, wenn von „Sozialem“ und „Psychischem“ die Rede ist, also wird dann am meisten gelogen, denn die Machthaber wollen nicht irgendwelche, sondern „ihre“ Menschen, wollen also Menschen, die in „ihrem“ Sinne funktionieren. Ich aber sage, daß wir den Formen und also auch der Wissenschaft als Vernunft wieder so viel Macht zukommen lassen sollten, wie es das „Zeitalter der Vernunft“ so vehement gefordert hat; die Vernunft als unsere Zweitreligion wird entweder den Endsieg über unsere Erstreligion davontragen, oder wir werden sowohl auf natürliche als auch auf kulturelle Art aussterben. Die Vernunft ist für das Abendland das, was für das Morgenland der Islam ist. Ich finde, daß Luhmann sich für die Vernunft sehr, sehr stark gemacht hat (wie Hegel es viel früher schon getan hatte) und einen hohen Beitrag dazu geleistet hat, jene Mißbrauchsrate zu senken. Aber er hätte einen noch höheren Beitrag dazu geleistet, wenn er auf leider mittlerweile typsich gewordene soziologische und psychologische Begriffe bzw. das, was heute als typisch für „Psychologie“ und „Soziologie“ zu gelten hat, nicht nur teilweise, sondern ganz verzichtet hätte - vorausgesetzt, die Machthaber hätten das geduldet (hätten sie aber nicht!). Auch im „Funktionssystem Wissenschaft“ gibt es Diktatur, z.B. durch „politische Korrektheit“, also Zwangskonsensualismus, oder durch scheinbare und in Wirklichkeit ebenfalls gelenkte „Revolte“. Auch eine Abweichung von Luhmanns Systemdenken ist wahrscheinlich schon zur Wirklichkeit geworden: „Wenn Luhmann wirklich, wie manchmal behauptet wird, der Hegel des 20. Jahrhunderts gewesen ist, dann wird sich das nicht zuletzt durch das Auftreten von Jungluhmannianern bewahrheiten, die sich mit einer erneuten existentialistischen Abweichung vom Systemdenken bemerkbar machen.“ (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet - Versuche nach Heidegger, 2001, S. 140-141 **). Wenn diese Analogie ganz genau zutrifft, dann dürften die ersten Jungluhmannianer ab 1960 geboren worden sein.

Meine auch wie eine Systemtheorie zu deutende Gesamttheorie deckt sich also in vielerlei Hinsicht mit Luhmanns Systemtheorie - und das liegt vor allem an Hegel (!) -, hat aber auch Unterschiede aufzuweisen, wie ich eben zu verdeutlichen versucht habe (**). Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Unterschied ist, daß meine Gesamttheorie (Philosophie) aus vier verschiedenen Einzeltheorien, die miteinander Schnittmengen haben, besteht und sich darum nicht immer nur um systemtheoretische Aspekte dreht. Ich setze Systeme da voraus, wo diese Voraussetzung aus Erkenntnisgründen weiterhilft. Ansonsten kann ich mich auf das konzentrieren, um das es gerade geht. Ich muß also beispielsweise für die Erklärung oder das Verständnis meiner Einzeltheorien nicht immer gleich Systemgründe anführen, sondern nur dann, wenn es um eben genau diese Gründe geht. Will ich z.B. den Unterschied von Natur und Kultur verständlich machen, so kann, aber muß ich das nicht auf systemtheoretische, sondern kann das auf eben jene einzeltheoretische, in diesem Fall kann ich es sogar auf dreifache, nämlich auf erkenntnis-, entwicklungs- und kulturtheoretische Weise tun. Will ich aber diese drei Weisen im Zusammenhang und/oder jenen Unterschied auf diese drei Weisen im Zusammenhang verständlich machen, so ist mir meine Gesamttheorie als Systemtheorie eine sehr große Hilfe. Der Unterschied von Natur und Kultur hat sich herauskristalliesiert durch eine Abweichung, eine Distanzierung, einen Widerspruch, eine Negation, eine Antithese seitens eines Phänomens gegenüber der Natur als These, wobei die Natur all das ist, wovon dieses Phänomen sich von da an unterscheidet: als Kultur. Das ist eine systemtheoretische Deutung, in der die Kultur durch Unterscheidung zum System geworden ist, sich also ausdifferenziert hat. Luhmann hätte jetzt nicht „Kultur“, sondern „System“, nicht „Natur“, sondern „Umwelt“ gesagt. Aber das ist in dem Zusammenhang ziemlich irrelevant.

Zum Vergleich eine Übersicht:

Luhmanns Systeme Meine Systeme
Luhmanns Systeme Meine Systeme

Das, was ich eine „Kultur“ nenne, ist ein sinnhaftes System, ein Sinnsystem, im Gegensatz zu den lebenden Systemen (siehe Abbildung [Ebene 5]). Sowohl lebende Systeme als auch sinnhafte Systeme sind gemäß meiner Systemtheorie und auch gemäß Luhmanns Systemtheorie autopoietische Systeme. In unseren Theorien (wie übrigens auch in Spenglers Kulturtheorie) steckt eben die Aussage, daß das Leben selbst keinen Sinn hat, daß aber einige andere Systeme Sinn haben, nämlich die Sinnsysteme, zu denen auch - jedenfalls gemäß Spenglers und eben auch meiner Kulturtheorie - jede Kultur gehört. (**|**|**). Und das, woran sich das am deutlichsten zeigt, ist das, was Luhmann „Kommunikation“ bzw. „kommunikative Systeme“ (siehe Abbildung) nennt und ich „Sprache“ bzw. „sprachliche Systeme“ (siehe Abbildung) nenne. Gemäß Luhmann ist Sprache kein System, sondern nur ein Medium. Das ist mir zu wenig. Für mich ist Sprache eindeutig ein System und sogar die Superordination für sprachliche Systeme, die umfangreichsten Systeme innerhalb der sinnhaften Systeme.

Gemäß Luhmanns Theorie:
Autopoiesis der Gesellschaft.
/ | \
Kommunikation Evolution Differenzierung
| | |
SOZIAL ZETLICH SACHLICH
\ | /
Selbstbeschreibung der Gesellschaft
Vgl. Niklas Luhmann, ebd, 1997, S. 1138. **
Gemäß meiner Theorie:
Autopoiesis des Sprachsystems
/ | \
Sprache (i.u.S.) Evolution/Geschichte Differenzierung
| | |
SPRACHLICH ZETLICH SACH-/RÄUMLICH
\ | /
Selbstbeschreibung eines Sprachsystems
**
Luhmann zufolge ist Sprache ein Medium, aber kein System. Für mich ist Sprache auch ein System.

Luhmanns Systemtheorie zufolge wird „in der Selbstbeschreibung des Gesellschaftssystems ... das Medium Sinn selbst zur Form, wird Sinn selbst reflexiv. Und eben deshalb mußten wir Sinndimensionen als Unterscheidungen unterscheiden.“ (Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 1137 [**].) Es geht dabei um drei Sinndimensionen: (I) Sozialdimension (betrifft die Kommunikation), (II) Zeitdimension (betrifft die Evolution), (III) Sachdimension (betrifft die Differenzierung). Gemäß meiner Theorie sind diese drei Sinndimensionen: (I) Sprachdimension (betrifft die Sprache im umfassendsten Sinne), (II) Zeitdimension (betrifft die Evolution [wie bei Luhmann] und speziell die Geschichte [**|**|**]), (III) Sach-/Raumdimension (betrifft die Differenzierung im sachlichen Sinne [wie bei Luhmann] und speziell im räumlichen Sinne). Die menschliche - sprich: sprachliche - Erkenntnisfähigkeit ist trotz alledem eine eingeschränkte (**). Diese Einschränkung haben - jedenfalls gemäß meiner Deutung - auch Hegel und Luhmann zumindest indirekt zugegeben, denn: wer will bestreiten, daß das göttliche, absolute Wissen des göttlichen, absoluten Geistes bei Hegel oder des göttlichen, absoluten Sinnes bei Luhmann nur Göttern vorbehalten ist? Trotzdem kann man dieses Wissen aber anstreben und es als die höchste Weltvernunft heiligen. Wir Abendländer haben keine Religion, keine Theologie, keinen Gott im Sinne des alten, nicht mehr funktionierenden Glaubenssystems mehr und sind dabei, uns ein neues, funktionierendes Glaubenssystem zu konstruieren. Ein solches neues, funktionierendes Glaubenssystem kann - nach meinem Dafürhalten - nur auf Vernunft, und zwar auf höchster Weltvernunft, wie sie ganz besonders von Hegel und Luhmann geheiligt wurde, gegründet sein. Ansonsten werden wir in relativ naher Zukunft verloren sein.

Zu I (Sozialdimension bei Luhmann, Sprachdimension bei mir). - Wir wissen gar nicht wirklich, was das „Soziale“ ist oder sein soll. Man kann in es alles hineinpacken, wenn man es nur will. Für mich ist das „Soziale“ ein Konzept des Nihilismus. Nicht alle und jede Kommunikation ist wirklich „sozial“ im Sinne der semantischen Verwendung dieses Wortes, es sei denn, man verwendet das Wort so, daß es im Sinne des Nihilismus ist, also auf den Wertezerfall abzielt. Ähnliches gilt auch für das „Psychische“, wie schon gesagt (**). Da Luhmanns Sozialdimension das betrifft, was er die „kommunikativen Systeme“ nennt (**), so ist es fast nur noch eine begriffliche Angelegenheit, die seine „kommunikativen Systeme“ und meine „sprachlichen Systeme“ voneinander trennt. Aber eben nur fast. Denn gemäß meiner Theorie ist das Sprachliche auch das den sprachlichen Teilsystemen übergeordnete sprachliche System, also das, was bei Luhmann die Gesellschaft ist, nämlich Gesellschaftssystem als kommunikatives System mit vielen ihm untergeordneten Teilsystemen, die ebenfalls kommunikative Systeme sind. Mein ökonomisches System jedoch ist dem Sprachsystem weder unter- noch übergeordnet (obwohl Verhaltensweisen wie das Kaufen, das Verkaufen u.v.a. eindeutig dem Sprachsystem untergeordnet sind), sondern mit ihm strukturell gekoppelt - im Gegensatz zu Luhmanns Wirtschaftssystem, das in Gänze ein dem Gesellschaftssystem untergeordnetes Funktionssystem (Teilsystem) ist. Dieser Unterschied hat aber bezüglich des Komunikativen bzw. Sprachlichen keine große Bedeutung, weil ja gemäß Luhmanns Systemtheorie die Gesellschaft Kommunikation bedeutet, ihre Autopoiesis darin besteht, Kommunikation mittels Kommunikation zu konstruieren - und das ist bei der Sprache nicht anders, wenn man sie in ihrem umfassendsten Sinne und natürlich als autopoietisch versteht, weil dann Sprache mittels Sprache konstruiert wird.

Zu II (Zeitdimension bei Luhmann und bei mir). - Auch hier liegen die Unterschiede in der Begrifflichkeit. Luhmanns Konzept von Zeit und Veränderung ist zumindest im Hinblick auf das Zufällige, auf das Kontingente in etwa deckungsgleich mit dem der Evolutionsbiologen. Jedoch nenne ich die Sinndimension dahinter nicht einfach nur „Evolution“, sondern „Evolution/Geschichte“ im Sinne meiner Allgemeinen Entwicklungstheorie, die begrifflich von einer allgemeinen Entwicklung ausgeht, in der Kosmogenese, Evolution und Geschichte in dieser chronologischen und darum auch hierarchiegemäßen Reihenfolge enthalten sind (**|**|**|**). Im Falle der Sprache ist aber die Kosmogenese - trotz der Tatsache, daß sie eine Voraussetzung auch der Sprache ist, sie entwicklungsmäßig dominiert - vernachlässigbar, denn die der Kosmogenese zwar hierarchisch untergeordnete Sprache ist an sich (an sich!) frei von ihr und darum ein Phänomen nur von Evolution und Geschichte. Luhmann ging es auch bei dieser Sinndimension um Kontingenz, um Selektion, um Komplexität und deren Temporalisierung. Deshalb kam ihm der evolutionsbiologische Begriff der „Evolution“ entgegen. Nach meinem Dafürhalten reicht dieser Begriff allein nicht aus, weil jedes dem Sprachsystem untergeordnete und sehr komplexe Teilsystem - z.B. die Schrift - nicht nur von der Evolution, sondern auch von der Geschichte her verständlich gemacht werden muß, und einer der Unterschiede zwischen Evolution und Geschichte ist der des Grades an Kontingenz, Selektion und Komplexität. Die Geschichte ist gegenüber der Evolution (und mit dieser übrigens auch gegenüber der Kosmogenese) freier, obwohl bzw. weil sie ihr (und mit dieser auch der Kosmogenese) ansonsten untergeordnet bleibt.

Zu III (Sachdimension bei Luhmann, Sach-/Raumdimension bei mir). - Was diese Sinndimension im Luhmannschen Sinne angeht, so habe ich ihr gegenüber nur einen speziellen Aspekt hinzuzufügen: den räumlichen. Systeme differenzieren sich aus - da sind Luhmann und ich uns natürlich einig. In Luhmanns Theorie kommt aber dabei der Raum kaum zur Sprache. Das liegt an dem sehr hohen Abstraktheitsgrad, den Luhmann offenbar liebte, der es ihm aber auch erlaubte, bestimmte Beziehungen außen vor zu lassen. In der Tat reicht es ja auch aus, die Differenzierung nur in theoretischen Idealbeziehungen zu sehen, wenn praktische, faktische Realbeziehungen unberücksichtigt bleiben können. Das war bei Luhmann insofern der Fall, als er von nur einer Gesellschaft - der „Weltgesellschaft“ (**) - ausging, in der es andere Gesellschaften nicht mehr gibt. Doch die „Weltgesellschaft“ ist in Wirklichkeit nicht die eine, alleinige, einzige Gesellschaft, von der man beruhigt ausgehen könnte, sondern ein abendländisches Konstrukt, eher eine Idee als eine Realität, die vom Abendland auf den Rest der Welt projiziert worden ist. Von wo? Die Antwort liefert die Sach-/Raumdimension, genauer gesagt: der abendländische Raum (**|**|**|**). Warum vom Abendland? Die Antwort liefert ebenfalls, aber nicht nur die Sach-/Raumdimension, sondern auch und besonders die Zeitdimension, genauer gesagt: die abendländische Geschichte (**).

Luhmanns Systeme errichten Sinngrenzen, die festlegen, was innerhalb des Systems von Bedeutung ist. Jedes System funktioniert, weil es sich – angesichts der unerschöpflichen Komplexität der Welt – nur auf einen begrenzten Ausschnitt (nämlich seinen „Gegenstandsbereich“: Umwelt) der Welt bezieht und daraus auswählt, was es intern verarbeiten kann. Weil die Umwelt immer viel komplexer ist als das System, bildet das System seinerseits komplexe Auswahl- und Ordnungsverfahren heraus, um die unüberschaubare Vielfalt der Möglichkeiten einzuschränken. Komplexität bedeutet ja, daß alles Mögliche möglich ist, und die Operationen im System sind immer als Reduktion der Umweltkomplexität gedacht. Um aber diese Verringerung der Umweltkomplexität zu erreichen, muß das System selbst immer komplexer werden. Daraus folgt der Widerspruch, daß Komplexitätsreduktion nur durch Komplexitätssteigerung gelingt.

Widersprüche sind für Luhmann kein Problem und keine Ausnahmen einer Regel, sondern eine Regel, die Ausnahmen zuläßt, so, wie in der Evolution Abweichungen notwendig sind, Unwahrscheinlichkeiten zu Wahrscheinlichkeiten werden können.

„Evolution ist die Umformung von Entstehungsunwahrscheinlichkeit in Erhaltenswahrscheinlichkeit.“ **

Das, was entsteht, nämlich zufällig entsteht und zufällig auf eine bestimmte Art entsteht, hätte auch gar nicht oder zufällig auf eine andere Art, also kontingent entstehen können.

„Die Evolutionstheorie .... Ihre Grundaussage ist: daß Evolution geringe Entstehenswahrscheinlichkeit in hohe Erhaltungsswahrscheinlichkeit transformiert.
Dies ist nur eine andere Formulierung der geläufigeren Frage, wie aus Entropie (trotz des Entropiesatzes) Negentropie entstehen kann.
Es geht, mit nochmals anderen Worten, um die Morphogenese von Komplexität.“ **

Würde ein System die Komplexität seiner Umwelt nicht mehr verringern bzw. seine eigene Komplexität nicht mehr steigern können, so würde es wieder zurück in seine Unwahrscheinlichkeit geschickt werden und sich im Zufall auflösen.

Vermutungen. - Vielleicht steckt ja auch Schopenhauers „Wille“ (**|**) als Kants „Ding an sich“ (**|**) im System. Vielleicht hat es Nietzsches „Willen zur Macht“ (**|**). Denn offenbar will ein System sich ausdehnen, größer, mächtiger werden, und das geht nur durch Komplexität, und zwar „auf Kosten“ der Umwelt, also durch Verringerung der Umweltkomplexität. Will das System seine Komplexität steigern, dann muß es die Komplexität in der Umwelt verringern. Oder will es gar nicht seine Komplexität steigern, sondern nur die Komplexität in der Umwelt verringern? Und wenn ja: Sind hier Mittel (Systemkomplexitätssteigerung) und Zweck (Umweltkomplexitätsverringerung) nicht austauschbar? Wir erinnern uns, daß die Operationen im System immer als Reduktion der Umweltkomplexität gedacht sind, die Reduktion der Umweltkomplexität nur durch die Steigerung der Systemkomplexität erreicht werden kann und daraus der Widerspruch folgt, daß Komplexitätsreduktion nur durch Komplexitätssteigerung gelingt. Gilt das auch für den Widerspruch im umgekehrten Fall: daß Komplexitätssteigerung nur durch Komplexitätsreduktion gelingt? Dies müßte so sein, vor allem dann, wenn die Gesamtkomplexität, also die Weltkomplexität unverändert bleibt. Man darf vermuten, daß die Weltkomplexität entweder unverändert bleibt oder, was wahrscheinlicher ist, zunimmt. Ist es Zufall, daß mich jetzt Komplexität an Entropie (**|**|**|**|**|**|**|**) erinnert? Dabei soll doch die Negentropie (**|**|**|**|**|**) eine „evolutorisch laufende Umwandlung der Unwahrscheinlichkeit des Entstehens in Wahrscheinlichkeit der Erhaltung von Differenzen“ (**) sein. Detlef Krause: „Entropie wäre analog der physikalischen Formel vom Zerfall aller Energieformen in ungeformte Zustände der Energielosigkeit als Auflösung von Differenzen in Differenzlosigkeit zu verstehen. Negentropie wäre entsprechend eine „evolutorisch laufende Umwandlung der Unwahrscheinlichkeit des Entstehens in Wahrscheinlichkeit der Erhaltung von Differenzen“ (**). Systeme können mit der paradoxen Einheit der Differenz Entropie/Negentropie umgehen. In ihnen gibt es einen Dauerzerfall gleichwahrscheinlicher Ereignisse. Das System vergißt. Die Kehrseite ist eine dem Dauerzerfall stets entgegenwirkende kontingent-selektive Relationierung oder Ordnung von Ereignissen.“ (Detlef Krause, Luhmann-Lexikon, 1996, S. 93). Es sind also die Differenzen (Systeme sind ja Differenzen - jedenfalls Luhmann zufolge [**]), die den Evolutionsobjekte vergleichbar sind, und die Ordnung, die wie ein Evolutionsprinzip gegen den Zerfall ankämpft.

Ein deutsches Sprichwort sagt ja auch: „Ordnung ist das halbe Leben“. Gemäß Luhmanns Theorie ist „Ordnung das ganze Leben“. Wenn man nämlich beide auf die Evolution bezieht, läßt sich sagen, daß die Ordnung auf ähnliche, gleiche oder sogar selbige Weise wie das Leben gegen die Entropie ankämpft. Differenzen (Systeme, wie gesagt) sind wie Lebewesen, anders gesagt: Lebewesen (Organismen) sind selbst ja ebenfalls Differenzen (Systeme). „Systemtheorie ist Differenztheorie, sie wird von Differenzen her und auf Differenzem hin entfaltet, vielleicht auf bessere Differenzen hin, die mehr sichtbar machen, aber nicht in Richtung auf Aufhebung des Differenten in Einheit.“ (Detlef Krause, Luhmann-Lexikon, 1996, S. 88). So wie klar ist, daß ohne Umwelt gar kein Lebewesen existieren kann, so ist auch „klar, daß ohne Umwelt gar kein System existieren kann; es würde in die Entropie laufen bzw. von vorneherein gar nicht zustandekommen, weil es immer gleich wieder zerfällt in einen differenzlosen Gleichgewichtszustand.“ (**). Das System braucht die Umwelt, um sich von ihm unterscheiden zu können, denn ansonsten gäbe es das System nicht. Das System braucht die Differenz und ist die Differenz.

„Ein System ist die Differenz zwischen System und Umwelt.“ **

„Ich gehe also davon aus, daß ein System die Differenz ist - die Differenz zwischen System und Umwelt. Das System kommt in der Formulierung zweimal vor.“ (**). Das System ist mit den semiotisch-linguistischen Zeichen vergleichbar, denn gemäß dem seit Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommenen sprachwissenschaftlichen Strukturalismus (**) gibt es die Differenz zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten, und in der Informationstheorie gibt es die auf Gregory Bateson (1904-1980) zurückgehende differenztheoretische Behauptung, daß Information eine Differenz, die eine Differenz macht, sei. Gemeint ist „also ein Unterschied nicht nur als vorhandener Unterschied, sondern wenn ein System ... den eigenen Zustand ändert, also ... einen Unterschied im System erzeugt. .... Das ganze Geschehen der Informationsverarbeitung ist aufgehängt zwischen einer Ausgangsdifferenz und einer Differenz, die dadurch entsteht, und diese entstandene Differenz kann wieder die Differenz sein, die weitere Informationen in Gang seztzt. Der Prozeß geht also nicht von unbestimmter Einheit zu bestimmter Einheit - wenn man Hegel so paraphrasieren darf -, sondern von einer Differenz zu einer Differenz.“ (**). Begonnen wird mit der Selbstreferenz, und zwar auch deshalb, weil es eigentlich keinen Unterschied zwischen Selbstreferenz und Differenz und auch keinen Unterschied zwischen Selbstreferenz und Beobachtung gibt. „»Mache eine Unterscheidung! Sonst geht gar nichts. Wenn du nicht bereit bist zu unterscheiden, passiert eben gar nichts.«“ (**). Luhmann hat hier George Spencer-Brown zitiert, dem zufolge eine Entscheidung immer nur gebraucht werde, um eine Seite und nicht die andere zu bezeichnen. Auf eine Unterscheidung folgt also eine Bezeichnung. Die Unterscheidung führt ja zu zwei Seiten, und eine dieser Seiten wird dann bezeichnet, die andere nicht.
Würde man beide Seiten für eine Bezeichnung benutzen, wäre die Unterscheidung ja sinnlos. Unterscheidet man z.B. „Menschen“ in „Männer“ und „Weiber“ und bezeichnet eine der beiden „Seiten“, dann kann man über sie sprechen oder denken; würde man beide für eine Bezeichnung benutzen - z.B. „Gender“ -, dann könnte man über sie nicht, dafür aber eben über „Gender“ sprechen oder denken - vorausgesetzt man hat auch „Gender“ wieder untterschieden, z.B. in „Gender“/„Nicht-Gender“ ... u.s.w. .... Hier sei an Orwells Roman „1984“ erinnert, in dem es u.a. um die Folgen des Verbots solcher Unterscheidungen und Bezeichnungen geht: die der Zensur ausgesetzten Menschen konnten bestimmte Unterscheidungen nicht mehr treffen oder nur noch falsch (links) treffen, weil sie nicht mehr bezeichnen oder nur noch falsch (links) bezeichnen durften. Heutige - nur scheinbar verharmlosende - Ausdrücke wie z.B. „Gender“, „Klimakiller“, „erneuerbare Energien“, „soziale Gerechtigkeit“, „Nazideutschland“ „Politkorrektheit“ u.v.a. (**) sind eben genau die Sprachmittel für Zensur, die Orwell meinte.
Unterscheidung in der Unterscheidung
P u p p e n l e i c h t e   U n t e r s c h e i d u n g e n .
Spencer-Brown notierte für die Unterscheidung einen vertikalen Strich ( | ) und für die Bezeichnung einen waagrechten Strich ( — ). Das Besondere aber ist, daß die Unterscheidung eine Unterscheidung und eine Bezeichnung enthält, also Unterscheidung und Bezeichnung unterscheidet! Somit setzt die Unterscheidung, wenn sie als Einheit in Operation gesetzt werden soll, immer schon eine Unterscheidung in der Unterscheidung voraus. Folglich müßte man auch - umgekehrt formuliert - aus jeder nicht-ersten Unterscheidung eine Unterscheidung herausziehen können, weil ja in jeder nicht-ersten Unterscheidung immer schon mindestens eine Unterscheidung steckt.
Wer aber traf die erste Unterscheidung? Das Paradox der Unterscheidung in der Unterscheidung kann ja nicht wirklich von Anfang an dagewesen sein - oder doch? Ist in Wirklichkeit auch der Anfang des Universums eher mit einem Paradox zu erklären? Ist der Anfang vielleicht doch nur theologisch? War am Anfang wirklich nur Gott und dann der (sein) Widerspruch?
Die Weisung an den Systemtheoretiker lautet also: „Treffe eine Unterscheidung, nämlich die Unterscheidung von System und Umwelt, und bezeichne das System und nicht die Umwelt!“. Das System ist dann auf der einen, der bezeichneten Seite, und die Umwelt auf der anderen Seite, die unbezeichnet bleibt. Eine Form hat zwei Seiten (vgl. oben, wo ich es schon mit dem Hinweis auf den sprachwissenschaftlichen Strukturalismus angedeutet habe [**]). Auch in Spencer-Browns Theorie hat eine Form zwei Seiten. So gilt „Form als eine prinzipiell zweiseitige Sache - und in unserem Fall eben System und Umwelt.“ (**). Wir sind hier also im Grunde wieder bei dem oben schon angesprochenen sprachwissenschaftlichen Strukturalismus angelangt (**). Wir hätten auf der einen Seite der Form das Zeichen, also das, was bezeichnet, für die Bezeichnung gebraucht wird, und auf der anderen Seite das Bezeichnete. Man kann dann auf die Dreierfigur kommen. „Das Zeichen ist eigentlich dann, genauer formuliert, die Differenz zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem.“ (**). Das Zeichen ist also eine Form mit zwei Seiten. Es gilt zu berücksichtigen, daß „von der Formanalyse her man sehen muß, daß das Zeichen eine Form mit zwei Seiten ist, und daß, wenn man es gebraucht, als Zeichen gebraucht, man immer auf die innere Seite der Form, also auf die Seite des Bezeichnenden - ... gehen muß und dort operiert, also etwa Sprache benutzt in der Annahme, daß die Wörter irgend etwas, was wir nicht so genau wissen, bezeichnen.“ (**). Systemtheoretiker sollten jedoch wenigstens einigermaßen wissen, was die Wörter bezeichnen.

System ist eine Form. Folglich bezeichnet eine systemtheoretische Form die Differenz von System und Umwelt. Denn ein System ist die Differenz von System und Umwelt (**). Ein System hat zwei Seiten (**). Eine Form hat zwei Seiten (**). Ein System ist eine Form mit zwei Seiten. Eine Operation, die anschlußfähig ist, also eine weitere Operation nach sich ziehen kann, erzeugt mit ihr ein System, „denn wenn man eine Operation an eine Operation anschließt, geschieht das selektiv, etwas anderes geschieht dann nicht ....“ (**). Die Umwelt bleibt dann außen vor, immer, also auch dann, wenn es bereits eine riesenlange Kette von Operationen in dem System gibt. Also ist mit dem System auch die Differenz von System und Umwelt entstanden - und das kann ja auch gar nicht anders gewesen sein, wenn das System die Differenz von System und Umwelt bedeutet. Dies gilt auch für jedes Lebewesen, weil es ebenfalls ein System ist (**), das sich von seiner Umwelt unterscheidet und gleichzeitig diese Unterscheidung ist, seit es durch eine bestimmte chemische und eine weitere (anschließende) chemische Operation entstanden ist und diese sowie alle weiteren auf das Leben bezogenen chemischen Operationen biochemische Operationen geworden sind. Leben ist einmalig, zu einer bestimmten Zeit durch die eben kurz beschriebene zirkuläre Operationsweise in Gang gekommen und aus Gründen der Evolution vervielfältigt und komplexer geworden. Von der Operation her gesehen, ist also die Einheit von Leben in einem ziemlich strengen Sinne garantiert - es sei denn, es vergeht sofort wieder und kann sich nicht mehr selbst produzieren und reproduzieren, also nicht mehr autopoietisch tätig sein. Auch für das Leben muß die Selbstreferenz vorausgesetzt sein. All dies läßt sich auch auf die Luhmannschen Systeme übertragen. Die Operation, die dafür in Frage kommt, ist gemäß Luhmanns Systemtheorie die Kommunikation, gemäß meiner Gesamttheorie Sprache im weitesten Sinne (i.w.S.). Beide kann man begrifflich gleichsetzen, wenn man sich auf die entsprechenden Definitionen einigt. Die Auswirkungen sind jedoch nicht gleich.

„Die Operation als Operation erzeugt die Differenz. .... Ein System muß ... die eigene Anschlußfähigkeit kontrollieren können. .... Entscheidend ist, daß die Kommunikation (Sprache i.w.S.) selbst diese Unterscheidung machen kann zwischen Kommumikation (Sprache i.w.S.) und Nicht-Kommnuikation (Nicht-Sprache i.w.S.), daß man also z.B. mit sprachlichen Mitteln darauf reagieren kann, daß gesprochen worden ist und man normalerweise nicht damit rechnen muß, daß bestritten wird, daß überhaupt gesprochen worden ist. .... Kommunikation (Sprache i.w.S.) kommt ja nur zustande, wenn etwas mitgeteilt wird, wenn also irgend eine Information mitgeteilt wird. Das ist schon zweiteilig. Verstanden werden muß es außerdem noch. Aber zunächst einmal kann man sagen: es wird über etwas gesprochen; ein Thema wird behandelt.“ (**). Es gibt zwei Hauptgrünnde dafür, daß Luhmann das Wort „Kommunikation“ so favorisierte, und diese beiden Hauptgründe bedingen sich gegenseitig:
I) Luhmann wußte, daß Sprache, die ja Kommunikation beinhaltet, nicht nur im „Kommunikationssystem“, sondern auch im „Bewußtseinssystem“ vorkommt: man kann gedankliche Selbstgespräche führen, und es ist (jedenfalls für mich) sicher, daß das Denken und das Sprechen sehr eng verwandt sind. Luhmann hätte also auf die Weise, die ich favorisiere, die Soziologie nicht voranbringen können (siehe 2)
II) Luhmann wollte die Soziologie voranbringen. Um aber das zu tun, war es hinderlich, sein System als System der Sprache i.w.S. statt als System der Komunikation vorzustellen, weil Sprache bereits Gegenstand der Sprachwissenschaft ist und das von ihm als „Bewußtseinssystem“ bezeichnete System ebenfalls beherrscht (siehe 1.). Diese Tatsache hätte ihn daran gehindert, „Kommunikationssystem“ und „Bewußtseinssystem“ voneinander getrennt zu halten. Daß man sie ohnehin nur unscharf voneinander trennen kann, beweist auch das Sinnsystem-Konzept (**). Beide - „Kommunikationssystem“ und „Bewußtseinssystem“ - sind Sinnsysteme, gehören also zu dem nur ihnen übergeordneten System namens Sinnsystem. Dies läßt vermuten, daß man beide „wiedervereinigen“ und sie nur noch ein einziges Sinnsystem sein lassen könnte.
Gemäß meiner Theorie ist die Trennung von Kommunikation und Bewußtsein nicht nötig, weil sie von der beide beherrschenden Sprache i.w.S. ausgeht. Auch bin ich in der glücklichen Lage, die Soziologie nicht vorantreiben zu wollen. Sie ist eh keine Wissenschaftsdiziplin und gehört zu den Erscheinungen des Nihilismus, was nicht heißt, daß sie keine Rolle mehr spielen wird, sondern im Gegenteil: sie wird in eine Neu-Religion münden, die sie als Soziologismus sowieso schon ist, genauso wie die Psychologie, die als Psychologismus ebenfalls schon eine Neu-Religion ist und mit dem Soziolgismus um die Religionsmacht konkurriert. Eine Religion ist aber keine Wissenschaft. Ich will die Wissenschaft vorantreiben, aber nicht die Religion, die schon genug und fast wie von selbst vorangetrieben wird - in Richtung ihrer neue Form, wie gesagt. Die Wissenschaft aber muß vorangetrieben werden, weil sie sonst ebenfalls in der Neu-Religion untergehen wird. Das wird zwar sowieso geschehen. Aber solange der Untergang der Wissenschaft noch nicht vollendet sein wird, solange lohnt sich nach meinem Dafürhalten der Kampf gegen ihre Zerstörung. Die Wissenschaft hat ihre Spaltung schon viel zu lange betrieben; es ist an der Zeit, ihre Wiedervereinigung zu fordern und zu fördern!

 


 

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Anmerkungen:

Erläuterung der Luhmann-Tabelle (**) - Denk-Biographie von Niklas Luhmann (1927-1998):
1. „Stadium“ („Winter“ - 1927-1946) und seine 3 „Stufen“: Luhmanns frühe Kindheit (1. Stufe); Grund-Schulzeit (2. Stufe); Gymnasial-, Kriegsdienst- und Gefangenschaftszeit (3. Stufe), also bis zum Beginn seines Studiums (1946).
2. „Stadium“ („Frühling“ - 1946-1968) und seine 3 „Stufen“: Luhmanns Studienzeit von 1946 bis 1949 (4. Stufe); die Zeit als Referendar und Jurist im Verwaltungsbereich und im niedersächsischen Kultusministerium bis zu seinem Stipendium in den USA 1960 (5. Stufe); von seinem Stipendium in den USA bis zu seiner Berufung an die Universität Bielefeld 1968 (6. Stufe).
3. „Stadium“ („Sommer“ - 1968-1984) und seine 3 „Stufen“: die Zeit von 1968 bis 1973 (7. Stufe); die Zeit von 1973 bis 1979 (8. Stufe); und die Zeit von 1979 bis 1984, als sein Werk „Soziale Systeme“, das als sein erstes Hauptwerk gilt, erschien (9. Stufe).
4. „Stadium“ („Herbst“ - 1984-1998) und seine 3 „Stufen“: von 1984, als Luhmanns Werk „Soziale Systeme erschien, bis 1988, als Luhmann der Hegel-Preis verliehen wurde (10. Stufe); von der Verleihung des Hegel-Preises 1988 bis zur Emeritierung 1993 (11. Stufe); von der Emeritierung 1993 biszu seinem Tode 1998 (12. Stufe).


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