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Friedrich Wilhelm Nietzsche
(1844-1900)

 

- Seiten mit den für mich wichtigsten Zitaten -
Jugendschriften
Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten
Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik
Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn
Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben *
Schopenhauer als Erzieher *
Richard Wagner in Bayreuth *
Menschliches, Allzumenschliches
Der Wanderer und sein Schatten **
Vermischte Meinungen und Sprüche **
Morgenröte
Die fröhliche Wissenschaft
Also sprach Zarathustra
Versuch einer Selbstkritik
Jenseits von Gut und Böse
Zur Genealogie der Moral
Götzen-Dämmerung
Der Fall Wagner
Der Antichrist
Ecce homo
Dionysos-Dithyramben
Nietzsche contra Wagner
Der Wille zur Macht
Aus dem Nachlaß
Aphorismen aus Niezsches Ur-/Vorphilosophie
Aphorismen aus Niezsches Frühphilosophie
Aphorismen aus Niezsches Hochphilosophie
Aphorismen aus Niezsches Spätphilosophie
Verweise
Verweise zu den bedeutendsten Zitaten u.a.
Werke-Verzeichnis
Briefe
* Auch in: Die Unzeitgemäßen / Unzeitgemäße Betrachtungen (4 Teile).
** Auch in: Menschliches, Allzumenschliches (2 Teile)

Als Nietzsche begann, sich erstmals zur Problematrik unserer Kultur öffentlich zu äußern, da ging er von der Bildung aus. Gerade als Philologe war er ja auch bestens dafür geeignet, das Wort „Bildung“ auch von seiner etymologischen Bedeutung her sehr ernst zu nehmen. Man kann Nietzsche also allein schon durch die Berücksichtigung des Wortes „Bildung“ und dessen Geschichte (als einen „roten Faden“ sozusagen) sehr gut verstehen und beurteilen, was ihn denkerisch und trotz seiner aufsehenerregenden „Wandlungen“ bewegte.

Eine weitere und die eben angesprochene ergänzende Möglichkeit, Nietzsches Denken näherzukommen, istd die Berücksichtigung seiner drei großen Lehrstücke:
(1.)Übermensch;
(2.)ewige Wiederkunft;
(3.)Wille zur Macht.

Des weiteren ist von großem Vorteil, Nietzsches Leben in drei Denkstadien zu (abgesehen von seiner Kindheit/Jugend [**|**|**]) zu unterscheiden:
(1.)Glaube an die Tradition der Kultur bis zum Zerbrechen dieses Glaubens;
(2.)Entdeckung des Nihilismus bis zur Feststellung, daß dieser nicht endgültig ist;
(3.)

Bejahung des Nihilismus bis zur Schicksalsliebe („Amor fati“).

1872 hielt Nietzsche in Basel sechs Vorträge unter dem Titel: „Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ (**|**). Mit diesem Vortrag trat Nietzsche erstmals als Kritiker oder Skeptiker der Bildungspolitik auf. Strenge Wissenschaft und Spezialisierung verringere die Bildung, die Arbeitsteiligkeit sprenge das Wissen um Zusammengehöriges auf, der Journalismus werde zur Kommunikationsform der Industriegesellschaft und verzerre die Bildung zusätzlich oder sogar vollends. Schon in diesem frühen Werk zeichnet sich Nietzsches Denken als das aus, was es in seiner hohen Bedeutung schon damals war, bis heute geblieben ist und zukünftig sein wird: aktuell! 1872 waren meinen Nachforschungen zufolge aber noch gar keine negativen Folgen in der Bildung zu sehen, sondern im Gegenteil: die von Nietzsche angesprochene Spezialisierung und Arbeitsteiligkeit in der Wissenschaft hatten damals und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein sehr befruchtende Auswirkungen - also eher genau umgekehrt zu dem, was Nietzsche befürchtete. Eine der möglichen Schlußfolgerungen daraus ist, daß Nietzsche ein Genie, ein Hellseher, zumindest aber ein weitsichtiger, genauer ein von der Herkunft (Vergangenheit) ausgehender und auf die Zukunft ausgerichteter junger Weiser war, dessen Befürchtungsaussagen zur Bildung erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wahr wurden, wiel die Bildungskatastrophe aktuell wurde, heute noch aktueller ist und zukünftig am aktuellsten sein wird (vorausgesetzt, daß dann überhaupt noch jemand zum Verstehen dieser Problematik fähig sein wird). Nietzsche sah, dachte und sagte das also weit voraus!

Zwar bezog sich Nietzsche mit seiner Kritik an den Bildungsanstalten lediglich auf die sprachliche Bildung - insbesondere an den Gymnasien und folglich auch Universitäten - und vernachlässigte dabei die mathematische, naturwissenschaftliche und technische Bildung an eben diesen Bildungsanstalten, die auch noch lange nach Nietzsches Tod große und größte Erfolge verbuchen konnten. Doch in der Sache selbst lag Nietzsche trotzdem richtig, weil die sprachliche Bildung neben der mathematischen Bildung die erste und damit grundlegende Bildung (nicht zufällig spricht man von Schreiben und Rechnen) ist, wozu Übung benötigt wird, die sich um so länger hinziehen muß, je qualifizierter das Ergebnis der Bildung sein soll (Ausnahme: Hochintelligente, Talente, Genies u.ä., obwohl auch die nicht ganz ohne Übung auskommen). Was allgemein als Übung bezeichnet wird, kann man - trotz aller heutigen Zensur - auch und gerade im Bezug auf Bildung wie Nietzsche be- oder umschreiben, wie Nietzsche es tat: mit den Wörtern „Zucht“ (**|**|**|**|**|**|**|**|**|**), „Gehorsam“ (**|**|**|**|**|**|**) und „Gewöhnung“ (**|**|**|**|**) sowie „Dienstbarkeit“ (**|**), und zu all dem ist der Wille zur Leistung eine unbedingte Voraussetzung.

„»Es sind Jahrhunderte vergangen, in denen es sich von selbst verstand, daß man unter einem Gebildeten den Gelehrten und nur den Gelehrten begriff; von den Erfahrungen unserer Zeit aus würde man sich schwerlich zu einer so naiven Gleichstellung veranlaßt fühlen. Denn jetzt ist die Ausbeutung eines Menschen zugunsten der Wissenschaften die ohne Anstand überall angenommene Voraussetzung: wer fragt sich noch, was eine Wissenschaft wert sein mag, die so vampyrartig ihre Geschöpfe verbraucht? Die Arbeitsteilung in der Wissenschaft strebt praktisch nach dem gleichen Ziele, nach dem hier und da die Religionen mit Bewußtsein streben: nach einer Verringerung der Bildung, ja nach einer Vernichtung derselben. Was aber für einige Religionen, gemäß ihrer Entstehung und Geschichte, ein durchaus berechtigtes Verlangen ist, dürfte für die Wissenschaft irgendwann einmal eine Selbstverbrennung herbeiführen. Jetzt sind wir bereits auf dem Punkte, daß in allen allgemeinen Fragen ernsthafter Natur, vor allem in den höchsten philosophischen Problemen der wissenschaftliche Mensch als solcher gar nicht mehr zu Worte kommt: wohingegen jene klebrige verbindende Schicht, die sich jetzt zwischen die Wissenschaften gelegt hat, die Journalistik, hier ihre Aufgabe zu erfüllen glaubt und sie nun ihrem Wesen gemäß ausführt, das heißt wie der Name sagt, als eine Tagelöhnerei.«“ **

Seit dem Ende der Klassik bzw. des Klassizismus mit seinem Idealismus und seiner Romantik wird laut Nietzsche „jeder ohne weiteres als ein literaturfähiges Wesen betrachtet, das über die ernstesten Dinge und Personen eigne Meinungen haben dürfte, während eine rechte Erziehung gerade nur daraufhin mit allem Eifer streben wird, den lächerlichen Anspruch auf Selbständigkeit des Urteils zu unterdrücken und den jungen Menschen an einen strengen Gehorsam unter dem Zepter des Genius zu gewöhnen.“ (**). „Hier erkennen wir die verhängnisvollen Konsequenzen unseres jetzigen Gymnasiums: dadurch, daß es nicht imstande ist, die rechte und strenge Bildung, die vor allem Gehorsam und Gewöhnung ist, einzupflanzen, dadurch, daß es vielmehr bestenfalls in der Erregung und Befruchtung der wissenschaftlichen Triebe überhaupt zu einem Ziele kommt, erklärt sich jenes so häufig anzutreffende Bündnis der Gelehrsamkeit mit der Barbarei des Geschmacks, der Wissenschaft mit der Journalistik.“ (**). „In der Journalistik nämlich fließen die beiden Richtungen zusammen: Erweiterung und Verminderung der Bildung reichen sich hier die Hand; das Journal tritt geradezu an die Stelle der Bildung, und wer, auch als Gelehrter, jetzt noch Bildungsansprüche macht, pflegt sich an jene klebrige Vermittlungsschicht anzulehnen, die zwischen allen Lebensformen, allen Ständen, allen Künsten, allen Wissenschaften die Fugen verkittet und die so fest und zuverlässig ist wie eben Journalpapier zu sein pflegt.“ (**).

Für den kulturell (neo)klass(zist)isch und herrschaftspolitisch aristoktatisch argumentierenden Nietzsche durfte „nicht Bildung der Masse ... unser Ziel sein, sondern Bildung der einzelnen ausgelesenen, für große und bleibende Werke ausgerüsteten Menschen ...“ (**). Der immer dominanter werdende Egalitarismus - Kommunismus, Sozialismus, Sozialdemokratismus u.ä. -, machte, weil er Bestandteil des Nihilismus ist, Nietzsches Argumente immer mehr zunichte. Es ist nur teilweise richtig, in Nietzsche den letzten Verteidiger des Klassizismus, den letzten kassischen Idealisten, den letzten Romantiker (**|**) zu sehen, denn er war Lebensphiolosph, gemäß meiner Deutung der Begründer der Mittleren Schule der modernen Lebensphilosophie (**), aber dennoch war und blieb er ersteres teilweise doch, zumindest in seiner frühen Zeit, und als Schüler eines Lehrers namens Schopenhauer, des Begründers der Alten Schule der modernen abendländisch Lebensphilosophie (**) war das für ihn vielleicht selbstverständlich, obwohl oder weil gerade das auch für Schopenhauer nur in relativem Maß gilt.

Man kann sogar fast so weit gehen und sagen, daß Nietzsche in seinen frühen Schriften (**|**|**|**) bereits das Wesentliche seines Gesamtwerkes zu Papier gebracht hatte und danach dieses zur Reife brachte, später mit großen Tönen spuckte, sich dabei auf einer immer beschmückteren Bühne präsentierend. (Vgl. dazu auch: Peter Sloterdijk, Der Denker auf der Bühne, 1986 **). Es ging ihm um den Erhalt und die eventuell sogar noch steigerbare Qualität der Kultur und also auch der Bildung. Anfangs (a) und während seiner frühen Schriften (b) glaubte Nietzsche an den Erhalt und die Steigerbarkeit dieser Qualität, dann (c) erkannte er immer mehr, daß nicht nur ihre Steigerbarkeit, sondern sogar auch ihr Erhalt nicht mehr möglich war, und schließlich (d) bejahte er sogar deren Untergang als Schicksal, weil er glaubte, daß in dem Chaos des Untergangs eine neue Qualität entstehen würde. Sein größter Fehler war, daß er deshalb immer mehr darauf vertraute, aus seiner subjektiven Gegenwart heraus die Geschichte so analysieren zu können, daß sie in seine subjektiven Befindlichkeiten paßte. Er war enttäuscht von den musikalischen Leistungen seiner Vaterfigur Richard Wagner und nicht zufällig besonders seitdem auch von den geschichlichen Leistungen seines Christentums, seiner Kirche, aber auch seines demokratischen Staates, seiner demokratischen Nation, seiner Kultur überhaupt und projizierte alle diese, seine eigenen - subjektiven - Enttäuschungen auf die, die er dafür verantwortlich zu machen glaubte, um dadurch sich selbst schonen und heilen zu können, ohne dabei objektiv sein zu müssen. Es ist nicht objektiv, wenn man subjektiv über die Geschichte urteilt. Das Subjektive ist zwar nie ganz herauszuhalten aus dem Urteil - soviel ist klar -, jedoch darf jedenfalls ein Geschichtswissenschaftler nicht subjektiv urteilen, sondern muß neutral, der Wissenschaft und also der Objektivität unbedingt treu bleiben. Nietzsche war kein Geschichtswissenschaftler - soviel ist klar -, aber er erweckte den Eindruck, mit seiner Philosophie die Geschichte so behandeln zu können, als sei sie nur abhängig von seiner eigenen, subjektiven „Gesundheit“ - und die war ja, wie wir eindeutig wissen, oft und ab einem bestimmten Zeitpunkt sogar sehr oft und wiederum ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch sehr schlecht.

Wenn man absieht von Nietzsches historischen Fehlanalysen, die zu bestimmten falschen Urteilen geführt haben, ist Nietzsches allgemeine Diagnose dennoch nicht ganz falsch. Denn: „Was er sieht, ist die unaufhaltsam fortschreitende »Verkleinerung« des Menschen, eine Verhäßlichung der Welt. Er treibt nicht Ursachenforschung, sondern er beschreibt und wertet.“ (Baeumler). Das ist der Punkt, und zwar mein Kritikpunkt, daß Nietzsche eben keine Ursachenforschung betrieben und deswegen einige falsche Schlüsse gezogen hat. Seine Gesamtdiagnose müßte deswegen ein wenig geändert werden.

Dieser Friedrich Wilhelm - benannt nach seinem König Friedrich Wilhelm IV., dem „Romantiker auf dem Thron“ - hatte einen anderen „Thron“:
die philosophische Bühne eines „letzten Romantikers“ (Spengler). Nietzsche war der letzte „Romantiker auf der Bühne“ des Denktheaters.

 

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