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Textauszüge aus Briefen und E-Briefen

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- 2019 -

 Ausgewählte Texte aus Briefen und E-Briefen
HB und MB
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NACH OBEN

HB und MB (Michael Boden)

01.01.2019, 01:01

Ein frohes, glückliches und gesundes 2019, Herr Boden.

Folgend noch einige Zitate aus Wangenheims „Kultur und Ingenium“, Kapitel VII, VIII und IX:
„Denn eben dies ist Geschichte: die ewige Wiederkehr des Gegensätzlichen. So war der Voluntarismus einst auf die Frühscholastik gefolgt, so reagierte Descartes auf den Voluntarismus, so relativierte Locke Descartes und Leibniz Locke, so antwortete Hume auf Leibniz, so stellte sich Kant gegen Hume .... Der Deutsche Idealismus wendete Kant um, der Neukantianismus den Deutschen Idealismus, die Phänomenologie und Lebensphilosophie den Neukantianismus usw. ad infinitum, ad absurdum, ad mortem.
»Die Alten waren blind, weil ihnen die Wissenschaft des Nichtwissens fehlte. Doch huete ist völlig klar, daß die Erde sich wirklich bewegt, auch wenn wir es nicht bemerken, da alle Bewegung nur Vergleichung ist. Denn jedem - ob auf Erden oder den Sterenen - kommt es vor, als stehe er im unbeweglichen Mittelpunkte, während Alles und ihn her sich bewege. Der Bau der Welt ist daher so, als sei das Zentrum überall.« - Nikolaus von Kues
Die Überheblichkeit, mit der seit 500 Jahren das ptolemäische, das geozentrische Weltbild verhöhnt wird, ist ein fabelhaftes Beispiel für die kultische Dogmatik der Frühen Neuzeit. Man hat mit Hinblick auf den Prozeß gegen Galilei geglaubt, die Dogmatik der mittelalterlich geprägten römischen Kirche daran aufs deutlichste bestätigt zu finden. Doch es ist ebenso das ganze Gegenteil der Fall. - Die Kirche hatte gar keinen dogmatischen Anlaß, gegen die göttliche Vollkommenheit der Sonne Einspruch zu erheben, insofern sie ein ausgezeichneter Berechnungsmittelpunkt werden sollte - ganz im Gegenteil: Als Galilei die Sonnenflecken als Unreinheiten interpretierte und damit die Idealität in Frage stellte, da gab es tatsächlich ein Problem mit der kirchlichen Dogmatik. (Gegen ihn argumentiert Christoph Scheiner, dies seien Monde - allerdings verschwanden sie, was Galilei recht gab. Auch Scheiner glaubte, wie Galilei, mit dem Verschwinden der Venus hinter der Sonnenscheibe Kopernikus zu beweisen, was freilich falsch ist. Er widerlegt lediglich Ptolemäus, nicht aber das geozentrische Weltbild Tycho Brahes, welches die exakte »Umkehr« des kopernikanischen ist.) Alles, was die Kirche hier verhindern will, ist, daß - ganz wie schon im 13. Jahrhundert, als die ersten Universitäten aufkommen (das war aber schon im 11. Jahrhundert; HB) - außergeistliche Denker die Deutungshoheit an sich reißen oder gar eine neue Weltanschauung verkünden. Und das tut sie im gewissen Sinne ganz zu Recht. Denn wissenschaftlich ist das Zentrum der Welt nicht zu bestimmen. Es kann dies nur eine Deutung, eine transzendente Theorie, eine Religion entscheiden.
Und sogleich ist man in der praktischen Raumfahrt wieder auf das ptolemäische System umgestiegen, da die Berechnungen eben sinnvollerweise auf die Erde bezogen werden (oder der anderen Planeten, in deren Nähe sich das Raumschiff befindet).
Das ist die kopernikanische Wende, die angebliche Erkenntnis, daß die Sonne im Mittelpunkt der Welt stehe. Die Gewißheit, daß überhaupt nichts im Mittelpunkt der Welt steht, sondern daß wir einfach berechnen wollen, wie wir unsere Raumraketen ausrichten, ebenso wie das Mittelalter den Ostertermin berechnen wollte und sich im Grunde keine Minute um einen geometrischen Mittelpunkt der Welt geschert hat - der war transzendent, war Gott, wie heute der »Big Bang« ein transzendentes Ding ist -, läßt uns am Ende ganz zu einer geozentrischen Sicht zurückkehren.
Erst mit Kopernikus ... kommt in diesem Sinne überhaupt das Dogma der Weltanschuung auf!
Alle Bezugsysteme sind willkürlich gewählt und können zu einer sogenannten »eigentlichen Natur der Dinge« nichts sagen.
Die Frage des Bezugsystems ist eben schließlich unlösbar, wie bereits Nikolaus von Kues erkannt hatte, da dies Fragen der Relativität aller Bewegungen sind. Sofern man keinen Fixpunkt besitzt, ist ein absolute Aussage unmöglich.
Wen kann noch interessieren, ob die Rotverschiebungen im Lichtgeschwindigkeitsbereich von der Erde oder der Sonne aus gelten? Ja, Hubble zeigt: Sie gelten sogar von jedem beliebigen Punkt des Weltalls aus!  –  Und da ist er wieder, der alte Satz des Nikolaus von Kues: Der Bau der Welt ist daher so, als sei das Zentrum überall.
Die Offensiven des Zweiten Weltkrieges waren Feldzüge des Insichkringelns, der Kesselschlachten, des Umfangens und Überflügelns, die Perfektion dessen, was im Ersten Weltkrieg mit noch zu unreichend statischen Mitteln auf die Generalstabskarten hingestammelt wurde. Doch trotz 26 hundertachsiger Güterzüge an jedem Tage allein für die Heeresgruppe Mitte, trotz dreieinhalb Millionen Mann im deutschen Heer, 4000 Panzern - das sind 60000 t brennstoffgetriebener Stahl -, trotz tausender gefahrener Kilometer je Kampfwagen, ist die Geschichte dieses vielleicht industriellesten Krieges, den der Mensch je zu frabrizieren in der Lage war und sein wird, doch im Ablauf seiner Geschehnisse am Ende von derselben gesellschaftlichen Tragweite gewesen wie zu jeder anderen Zeit größten Aufgebots.
Die Gnade der Kartoffel aber muß dem Volk merkwürdigerweise aufgezwungen ... werden. Aber hier steht nicht der dumme, einfältige Bauer gegen jene Neuerung der Landwirtschaft ..., sondern die pure Blendung der gesamten Industriegesellschaft gegen den gesunden Menschenverstand.
Das 19. Jahrhundert ist voll von leeren Versprechungen, von Auspeitschung und Heilsankündigung: Wohlstand durch industrielle Wirtschaft, Beseitigung des Hungers durch die Kartoffel, Demokraie zur Freiheit aller. Der Reichtum durch die industrielle Entwicklung aber kam ihnen nicht zugute, weil er das Bevölkerungswachstum kompensieren mußte, die Kartoffel füllte zwar den Magen, ist aber ein energetischer Luftsack, und die Demokratie führt eben nie zur Befreiung aller, sondern zu einer scheinbaren Freiheit unter anders geordneter, nun in die Arbeiterschaft und ins Ausland verbannter Sklaverei.
Mit dieser Massierung aber nicht genug. Es stellt sich heraus, daß selbst Vermassung nie eigentlich möglich ist. Sie geht immer mit einem gleichrangigen Qualitätsverlust einher. Heute ist es vielleicht am deutlichsten in der Tatsache belegt, daß eine biologisch-ökologische Produktion aller notwendigen Lebensmittel die Landfläche der Staaten überschreiten würde. Folglich muß mit Qualitäsverlust - der auch im Ethischen und Menschlichen liegen kann - die Masse herbeigezwungen werden: »Ja, wenn nur die heutige Industrie noch nach dem Aechten, Werthvollen, Dauerhaften etc. strebte, aber alles soll wohlfeil (billig) seyn. [...] dass eine Kleinigkeit, ein kleines Versehen, eine sonst ganz unbedeutende Beschädigung etc. sofort den Stillstand, die momentan gänzliche Unbrauchbarkeit etc. des Werkzeugs etc- herbeiführt.“ - Karl Vollgraff, »Staats und Rechtsphilosophie«, § 488, 1851.
Es ist dies eine »Leistung« der Industrie, die bis heute angehalten hat. Die Erfindung der Plaste und Elaste im 20. Jahrhundert, ihr Einsatz als minderwertige Ersatzstoffe, welche heute zum Träger der billigen Produktion auch angeblich höherwertige Geräte avanciert sind, hat dem die Krone aufgesetzt. Ganz nebenbei haben sie in ihrer Massierung nicht nur die „aechten“ Stoffe aus unserer Welt immer weiter verdrängt, sondern treiben nun statt Flößerholz auf unseren Weltmeeren herum. Wir glauben, all das sei ein Niedergang der Industriequalität. Vollgraff berichtet uns, daß die Industrieproduktion selbst ein Niedergang gegenüber der Handwerlerqualität war - nicht als idealistische Huldigung der Handarbeit, sondern dem praktischen Gebrauchswerte nach.
Produkte verbessern sich nicht - sie konzentrieren sich, erhöhen ihre Leistungsfähigkeit, werden zugleich aber immer kurzlebiger. Es ist eine Tatsache, die wir heute noch ganz genauso aussprechen müssen , wie Vollgraff es vor mehr als 160 Jahren tat, als die Indsutrieproduktion voll durchzudringen begann. Dasjenige, das wirklich von dauerhaftem Werte ist, bleibt bis auf unsere Tage so teuer, wie es das Wertvolle eben schon immer war. Fortschritt heißt Zahl, nicht Methode.
Man hat gern behauptet, die Antike habe sich am Begriff der Unendlichkeit gestört. Und zweifellos konnte es nicht sonderlich folgerichtig erscheinen, daß die Geometrie, die doch gerade ihre Stärke in der Anschaulichkeit offenbart - nicht wie die abstrakte Zahl sie schon bei den Pythagoräern vermissen ließ -, zu ihrer Konstruktion ein derart mysteriöses Axiom benötigen sollte. Oder kurz gesagt: In einem Spiel »Welcher Satz paßt hier nicht?« wird man, ohne überhaupt lesen zu müssen, nämlich einfach der Länge wegen, das fünfte der euklidischen Axiome in Verdacht haben:
1. Zwischen zwei beliebigen Punkten kann man eine Strecke ziehen.
2. Eine begrenzte Linie kann verlängert werden.
3. Um jeden Punkt kann ein beliebig großer Kreis geschlagen werden.
4. Alle rechten Winkel sind einander gleich.
5. Schneiden zwei Geraden eine Gerade g so, daß die entstehenden Winkel auf der einen Seite von g kleiner zweier rechter sind, so schneiden sich diese zwei Geraden in unendlicher Verlängerung auf eben jener Seite.
Es lag die Idee nahe, das fünfte Axiom aus den übrigen, simpleren Grundsätzen herzuleiten. Allein, es gelang nicht. Bis heute fehlt dieser Beweis des 5. Euklidischen Axioms - auch wenn Poseidonios im frühen 1. Jh. v. Chr. eine wesentlich greifbarere Formulierung des Parallelenaxioms angibt: »Zwei parallele Geraden haben überall denselben Abstand«. Man lasse sich nicht über diese Unlösbarkeit täuschen, wenn immer wieder behauptet wird, die Frage sei 2000 Jahre ungelöst geblieben, aber die Entdeckung der nicht-euklidischen Geometrie in der Mitte des 19. Jh. habe die »Lösung« des antiken Problems erbracht (wie auch Spengler behauptet [das ist NICHT WAHR! {**|**|**|**|**}]). Nein, hier wurde überhaupt nichts gelöst! Denn die zweitausendjährige Frage lautete nie: »Gibt es auch eine andere Formulierung des Axioms?« oder »Erhalten wir auch eine sinnvolle Geometrie ohne das fünfte oder durch Ersatz deselben?« Sondern: »Ist das fünfte aus den vorangehenden ableitbar? ist es überflüssig? reichen zur Darstellung unserer Geometrie (der euklidischen) die ersten vier Axiome aus?«
Die Umkehrbarkeit der Zeit, die für Jahrhunderte in der Physik völlig unstrittig war, muß nun der Irreversibilität, einer Schicksalsphysik, weichen, die dem Lebensschicksal Boltzmanns, des Entdeckers der modernen Thermodynamik, ganz entspricht: Und verficht’s, bis es mit dir gar ist! Hier tritt Fatalität - ein Begriff, den man für eine Entwicklung der Literatur und Religion noch zugestehen möchte - in die mathematische Naturwissenschaft ein.
Man begreife wohl, wie einseitig, wie aus dem Zustand eben dieser Zeit heraus gedacht jene Vorstellung ist: Daß die Ordnung, die durch zunehmenden Entropie zerstört wird, vorher auch notwendigerweise erst geschaffen werden, also der gegenläufige Prozeß voraufgehen muß, das bleibt hier keiner Betrachtung, mehr würdig. Ebenso wie selbst heute noch von dem alles bestimmenden physikalischen Prinzip des Gleichgewichts gefaselt wird, ohne zu bemerken, daß ein Gesetz des Gleichgewichts überhaupt nur gedacht werden kann, wenn bereits ein Ungleichgewicht besteht. Es muß mindestens auch ein gleich starkes Prinzip des Ungleichgewichts gewirkt haben, um den Drang zum Gleichgewicht überhaupt zur ermöglichen.
Weil die Axiomatik allein die Anschauung abbilden soll und will, ist auch sofort klar, daß es ... eine Abweichung der Mathematik von der Anschauung überhaupt nicht geben kann.
Es war jene berühmte und weitreichende, aber doch zugleich erstaunlich simple Anordnung, welche Michelson und Morley erstmals 1881 in der Wilhelmstraße in Berlin aufbauten. Zwei senkrecht zueinander gekreuzte Messingarme mit verspiegelten Enden und einem Lichtteiler in der Mitte war im Grunde alles, was die Revolution der klassischen Physik erforderte. Ein Arm in Bewegungsrichtung der Erde, einer senkrecht dazu stehend, mußte eine Interferenz des eingeführten Lichts in der Laufgeschwindigkeit zeigen, wenn es jenes ausgezeichnete, ruhende Medium, den Äther, geben sollte, durch den sich das erdgebundene Berlin bewegt. Aber auch in etlichen verbesserten Apparaturen zeigte das Schauglas einfach keine Abweichungen oberhalb der Meßungenauigkeit. Als das Michelson-Morley-Experiment so von einer absoluten, nicht auf andere Geschwindigkeiten aufaddierbaren Lichtgeschwindigkeit zeugte, zeichneten sich verdutzte Züge in die Gesichter der Physiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Man war ratlos vor den Tatsachen.
Nach dem Nullergebnis dieses Experiments, das nunmehr keinen Zweifel daran ließ, daß der Nachweis des Äthers unmöglich sei, schlägt Lorentz die Interpretation vor, daß Raum und Zeit in der Bewegung kontrahiert oder dilatiert erscheinen. Das merkwürdige Ergebnis des Michelson-Morley-Experiments ist damit verstanden. Der Äther selbst bleibt aber unsichtbar. Es wird unmöglich ihn nachzuweisen. Poincare glaubt 1898 erstmals, daß es sich um wahrhaft physikalische Effekte handle und nicht mehr um bloße Übergangsgrößen der Mathematik. Lorentz und Poincare hatten im regen Austausch und Ringen in den Jahren vor Einstein ein System ausgearbeitet, welches den Ergebnissen nach mit der späteren "Speziellen Relativitiitstheorie" vollständig übereinstimmte. Formal waren die beiden Theorien voneinander nicht zu unterscheiden. Deshalb ließen sich beide Parteien auch nicht dazu bewegen, ihre Vorstellungen anzupassen, da es eher eine metaphysische Frage sei, wie Poincare meinte, welche Theorie man bevorzuge. Ganz in diesem Sinne hatte Regel einst bei der Verteidigung seiner Doktorarbeit ganz zu Recht auf den Vorwurf, die Realitiit widerspreche seiner Theorie der Planetenanordnung, geantwortet: Um so sch/immer für die Tatsachen!
Nachdem Lorentz bereits die mathematisch richtige Erklärung geliefert hatte und lakonisch erklärte, das Interferometer verkürze sich (eine Idee der Längenkontraktion, die Einstein berühmt gemacht hat) - was für ein bodenloser Verlust jeglicher physikalischer Seriosität der Jahrhunderte zuvor -, war es Einstein, der Lorentzens Mathematik nun wirklich radikal umdeutete, indem er vermeldete, daß erst gar der Äther nicht vorhanden sei, also auch kein ausgezeichnetes Bezugssystem existiere. Und in dieser metaphysischen Frage, ob der Äther mitgeschleift werden solle oder nicht, wie einst die umständliche Epizyklenrückrechnung, entscheidet sich Einstein dafür, daß nicht! Denn ingene Fragen werden durch Entscheidung gelöst, nicht durch Logik. Man begreife auch hier, wie in der Infinitesimalrechnung, wie in der kopernikanischen Weltlehre: Logisch beweisbar sind all diese »Fortschritte« nicht. Sie repräsentieren schlicht die je andere Blickrichtung, streben zur Subjektivität, zur Wahrheit des Ich, oder zur totalen Objektivität der »Allgemeingültigkeit«.
Die Unglaublichkeit wird Tatsache, also muß es erlaubt sein, Tatsachen für unglaublich zu halten: Die allgemeine »Konstanz von Raum und Zeit«, die Lorentz noch lokal retten wollte und jahrhundertelang eine Erfahrungstatsache war, wird gegen eine andere Idee eingetauscht. Das war das Ende des objektiven Bezugssystems, des Äthers. Was hieß das? Es würde ab sofort unmöglich sein, von etwas zu behaupten, es sei in absoluter Ruhe! - Es dämmert uns etwas: War dies nicht die Beliebigkeit des Ruhepunkts in den Weltsystemen des 16. Jahrhunderts? Und hatte nicht die Frühe Neuzeit gerade das mit dem Stillstand der Sonne verneint? Die Relativitätstheorie verkündet nun, nachdem einst im 15. Jahrhundert Kues behauptet hatte, die eigene Ruhe sei bloßer Schein: Der Bau der Welt ist daher so, as sei nichts in Ruhe. Es ist dasselbe. Das gotische Ingenium ist vollständig wiedererwacht. In der neuen Bewegungstheorie gilt nun als entscheidend: das Inertialsystem, der Blick vom Ich auf das andere Ich. Die Fichtesche Anerkenntnis hat physikalische Form angenommen. Die Relativität, welche erneut gelehrt wird - und nie mathematisch ableitbar war, sondem eine Deutung durch und durch ist - hat nun, in einer Relativität der Bezugsysteme, der Ruhepunkte und Zentren wieder seinen alten, ganz toleranten, nämlich ingenen Ausdruck gefunden. Die völlige Koinzidenz ist eingetreten. Die subjektive Anschauung der Welt, das Ingenium, früh im Mittelalter, hat sich nun, spät, wieder durchgesetzt.
Im Inertialsystem, welches die Verhältnisse der Raumverkürzung und Zeitdehnung bestimmt, ist also die Konstanz der nie Überschreitbaren Lichtgeschwindigkeit, jener oberen Schranke, gewahrt. Es ist aber ein wenig, wie mit Gödeis Neuinterpretation der Beweisbarkeit. Wollen wir doch dagegen einmal ketzerisch einen relativistischen Raumflug o h ne Inertialsystem tun.
Wir stehen auf der Startrampe unseres Schiffes und wählen uns das Ziel unserer Reise, einen Stern in 10 Lichtjahren Entfernung. Zu weit? Wir nehmen 100! Die Uhrzeit läuft - wir sind an Bord. Es handelt sich um ein außergewöhnlich leistungsfähiges Schiff, das uns mit Erdbeschleunigung g bis knapp unterhalb der Lichtgeschwindigkeitl antreibt. (Im Sinne des Inertialsystems.) Das dauert ziemlich genau ein Jahr. Wir können nun bereits wieder abbremsen - erneut mit g. Warum? Weil wir uns so nah an der Lichtgeschwindigkeit befinden, daß darin der Außenraum laut LorentzTransformation bis auf einen winzigen Teil zusammengeschrumpft ist. (Je nach Nähe zur Grenzgeschwindigkeit c kann die Längenkontraktion auf beliebig kleine Werte »eingestellt« werden.) Diese kurze Strecke aber haben wir freilich schnell überwunden. Die Lichtgeschwindigkeit aber haben wir dennoch nicht übertroffen, da auch unsere Zeit unter Beachtung der Zeitdilatation plötzlich für äußere Verhältnisse enorm raste.
Haben wir das Fahrzeug nun gestoppt und blicken zurück, so messen wir den Abstand zu unserem Herkunftsort -in relativer Ruhe zu jenem -aufnicht überraschende: 100 Iy - wie auch zu Beginn der Reise. Schauen wir aber nun aufunsere Uhr, so sehen wir, daß lediglich zwei Jahre vergangen sind: ein Jahr Beschleunigung, ein Jahr Verzögerung und wenige Sekunden 99,999...%iger Lichtgeschwindigkeit. Frech und frei vom Dogma des Inertialsystems rechnen wir klassisch: v = s / t = 100 ly / 2 a = 950 • 1015 m / 63072000 s = 15000000 km / s = 50 c.
Fünfzigfache Lichtgeschwindigkeit! Das ist natürlich ein relativistischer Humbug. Aber ist es nicht äußerst lebensnah? Müssen wir nicht sagen, daß es uns einen Kehricht schert, wie die Verhältnisse in einem abstrakten Inertialsystem aussehen? Kann uns das wirklich sagen, wo unsere Grenzgeschwindigkeit liegt? Ist es nicht die Höchstgeschwindigkeit allein innerhalb eines selbstkonstruierten Systems? Ist nicht grenzenlos bedeutender, daß es für uns mühelos möglich war, zu einem 100 Lichtjahre entfernten Stern zu gelangen, sofern uns nur genügend Leistung zur Verfügung stand, ohne über der Reisedauer eines natürlichen Todes zu sterben! Ist nicht für praktische Zwecke die Begrenzung der Lichtgeschwindigkeit als höchste Barriere völlig bedeutungslos?“
Auch die Massenzunahme bei Erhöhung der Geschwindigkeitl ist bloß eine direkte Folge aus dem Inertialsystem. (Die zu beschleunigende Masse wächst relativistisch in Annäherung an c ins Unendliche, so daß c auch bei höchstem Energieeinsatz nicht erreicht werden kann.) Nimmt man nämlich zur Berechnung der Geschwindigkeit unter Verletzung des Prinzips des Inertialsystems den Raum als ruhend an, die Zeit aber als relativistisch bewegt - so wie es im nachhinein praktisch erscheint und wie wir gerade gesehen haben -, so erhält man ganz Newtonsche Geschwindigkeiten, die dann auch beliebig, und zwar linear über c, steigen. Die Geschwindigkeit innerhalb der Einsteinschen Relativitätstheorie aber wird eben auf den Bereich 0 bis c abgebildet und muß daher - um den Effekt der Newtonschen Beschleunigung zu berücksichtigen - ganz natürlicherweise eine asymptotisch gegen c bis ins Unendliche steigende Masse erhalten. Denn »unendliche Geschwindigkeit«, das wird nun als c übersetzt.
Und so ist es auch gar nicht mehr verwunderlich, daß die Masse sich derart verhält, weil die tatsächliche, die praktische Geschwindigkeit (so wollen wir die oben berechnete unrelativistische Geschwindigkeit nennen) ja wirklich immer weiter über c hinaus steigt. Alles andere wäre eine klare Verletzung des Energiesatzes, die aus der falschen Rückübertragung der Verhältnisse des Inertialsystems auf unsere gefühlte Geschwindigkeit herrührte. Die Bewegungsenergie also, welche nötig ist, um sich c zu nähern, ist keine von Gott gegen unseren Bewegungsdrang gesetzte Hürde, der wir uns nur mit größtem Aufwand überhaupt zu nähern imstande sind, sondern lediglich der Newtonsche Zuwachs an Bewegungsenergie bei ins UnendIiche sich steigemder Geschwindigkeit. Wer sich der Lichtgeschwindigkeit nähert, der ist der unendlichen Geschwindigkeit nahe.
Wir stellen also fest, daß es die Denkform des Inertialsystems ist, welche die eigentliche Beschränkung vornimmt. Nur und ausschIießIich im gleichen Inertialsystem wird die Lichtgeschwindigkeit nie überschritten! Aber heißt das etwas Relevantes?
Der Untergang der Eroberer wird gerochen. Niemand bricht auf, niemand hat eine fixe Idee. Die Zeit ist reif.
Obwohl er (Eduard Meyer ist gemeint; HB) die Frage der Wiederkehr des Alten Reiches erörtert, bestreitet er es. Die Zeiten seien nun »modern«, wie er sagt - was auch immer dies bedeuten mag. Besonders aber seien nun die Mittel des Königs unbegrenzt. Doch eben das galt auch von den Pyramidenbauern schon - Bauwerke, wie sie auch die größten Tempel des Neuen Reiches an Masse kaum erreichen werden. Doch die wiedergekehrte Gigantomanie der Tempel des Neuen Reiches, Luxor, Abu Sillbel und die Erweiterungen in Karnak mit ihren massiven Pylonen und Elefantensäulen in engster Stellung monumentaler Urwälder, Kolossalstatuen und Obelisken haben die alte Größe des Staates auch wieder äußerlich sichtbar gemacht. Die Strenge der Geometrie aber, der Höhendrang der Pyramiden fehlt weitgehend. Man möchte meinen, diese Architekturen hätten sich weitgehend verfehlt. (Neben der neuen Tempelarchitektur steht auch das neue Felsengrab, das nun, neben der Tempelarchitektur den künstlichen Berg der Pyramidengruft ersetzt.)
Das dritte Argument gegen die Identität des Alten und Neuen Reiches ist fiir Meyer: »die wirtschaftlichen Bedingungen, welche das Alte Reich alsbald in einen Feudalstaat umgewandelt haben, bestehen nicht mehr«. Fast auf der gegenüberliegenden Seite fährt er fort - offenbar ebenso wie alle Kulturen das eben noch Fürwahr-Gehaltene plötzlich zu vergessen pflegen: »Aber tatsächlich entstand doch so [theologisch, durch das Priesterwesen] ein Staat im Staate, der auf noch festeren Fundamenten ruht als dieser und der als Träger der göttlichen Ordnungen und Offenbarungen in noch ganz anderer Weise als die weltliche Macht mit dem Nimbus des Geheimnisvollen und Unantastbaren umgeben ist« Ein Frevler, wer bei der Göttlichkeit des Pharao einen Unterschied zwischen Priestermacht und Fürstenmacht herbeikonstruieren will. Auch auf das Neue Reich schlägt freilich jene Kraft der Aufstrebenden hernieder - diesmal nicht erhobene Beamte, sondern Priester. Das Neue Reich wird untergehen, wie das ottonische Reichskirchensystem - im Grunde aber nicht anders als das Alte Reich an den etablierten Beamtenfiirsten. Jede Zentralmacht ist zugleich Ausgangspunkt der neuen Feudalzeit, so wie jeder Feudalismus in sich bereits - ganz nach Hegelscher Logik - den Kern des neuen Monarchenstaates trägt.
Doch eines - und hier hat Spengler sehr wohl richtig geahnt (»Der Untergang des Abendlandes«, Band I [»Gestalt und Wirklichkeit«], S. 241 [**], 1918) -, der Weg, kehrt nun als entscheidendes Element zurück. War es noch für die Pyramidenidee der Weg zu Re, die Leiter in den Himmel, so ist es nun der Weg ins Pomerium des Prozessionstempels, über die Sphingenallee, durch die gewaltige Pylonenmauer, das offene Peristyl hindurch, geradeaus in den typisch ägyptischen, dem abendländischen Kirchenbau ganz ähnlichen Riesenwald der Säulenhalle, um schließlich bis zum Altar vorzudringen. Doch nicht der Weg ist hier entscheidend, sondern - ohne welches jeder Weg nutzlos ist - daß man ihn abschreiten, daß man sich bewegen kann, bewegen wie im Raume, der im Ursymbol des Unendlichen, jenes Keimes der abendländischen Kultur, wie Spengler sagt, auch die dritte der großen Kulturen geschaffen hat.
So wird die Ausdehnung zum entscheidenden Merkmal beider Symbole, wird der Kern ihrer Verwandtschaft, gegen die das Ausdehnungslose, das Momenthafte, das Unbewegte und Statische der antiken Kultur im strengsten Sinne absteht. Die Ingenien - Ägypten wie das Abendland - sind der Bewegung verfallen. Das ist ihnen gemein. Daß zwischen ihnen ihr ganzes Gegenteil Kultur wird, daß sie ihren schärfsten Widersatz als schirmenden Kontrast umstehen, ist die Eröffnung jenes nochmalig tieferen Blickes, des Blickes in die Herkunft des Ursprungs, die Bedingung der Möglichkeit von Kultur. Auf dieser Stufe der Abstraktion wird uns das Prinzip der Ursymbole.
Wir erschauen nun, wie sich die Wesenheiten der Völkerseelen schaffen: Nicht als beliebig beobachtete Konkreta faßlicher Symbole, derer sich jede Kultur das ihre aus unergründlichen Tiefen (vielleicht aus der Landschaft, wie Spengler andeutet: »Der Untergang des Abendlandes«, Band II [»Welthistorische Perspektiven«], 1. Kapitel [»Ursprung und Landschaft« {**}] [genauer beschrieben im 1. Band {»Gestalt und Wirklichkeit«}, 3. Kapitel {»Makrokosmos«}, I. Unterkapitel {»Die Symbolik des Weltbildes und das Raumproblem«} und hier insbesondere die drei Unterunterkapitel »Das Raumproblem: Nur die Tiefe ist raumbildend« {**}, »Die Raumtiefe als Zeit« {**} und »Geburt der Weltanschauung aus dem Ursymbol einer Kultur« {**}! HB]) zog und in tausendjähriger Blüte auszugießen entschloß, sondern als ein Prinzip des Daseins und also des Lebens. Man könnte sagen, das dritte Spenglersche Axiom - entgegen dem 5. Euklidischen - ist herleitbar. Denn das dritte ist das erste. Wir haben es bloß bisher unglücklich formuliert und so ihre Identität nie erfaßt. Nun sind die Ursymbole Entäußerungen eines höheren Gesetzes: Die Zweiheit aus Bewegung und Stillstand gebiert in changierender Folge die Ursymbole der Weltgeschichte.
Und damit steht im Zusammenhang, was schon vor jener Revolution, die uns die ägyptische Geschichte im Neuen Reich noch zu bieten anschickt, ganz inhärent zum Wesen der Kultur des Nilvolkes gehört: die Isismutter und der Horusknabe. Der gute Sohn, der Kämpfer gegen das Böse, eine Jesusfigur der ägyptischen Mythologie, die geflügelte Sonnenscheibe, der von Gott gezeugte Pharao, menschgeworden, wird von Isis im Arm gehalten und gestillt. Die antik völlig unbekannte Idee Mutter und Kind, die Göttin als Gebärende zu verehren - diese beeindruckende Beobachtung gatte 1918 Spengler mehrfach ausgesprochen - ist über den mindestens tausendjährigen Verlust dieser tiefschürfenden Vorstellung doch mit schlafwandlerischer Sicherheit im Abendland ganz selbstverständlich wiedergeboren worden: der liebesbedürftige und schutzlose Gott - die contradictio der ingenen Theologie.
Jedoch ist gerade diese Identität der Religionssysmbole für Spengler - durchaus in begeistertem Erstaunen - doch immer unverständlich geblieben. Die Kulturen mußten sich in seiner Philosophie unverstanden gegenüberstehen, sie waren sich per definitionem fremd. (Und das entbehrte freilich schon wegen der engen Verbindungen ihrer Geistes- und Kunstgeschichte immer des gesunden Menschenverstands.) Nun aber ist uns klar, woher diese frappierende Ausschließlichkeit rührt: Nicht nur das Bild der Isismutter mit dem Horuskinde, sondern die tiefe Religion, die Transzendenz eines wahren Glaubens überhaupt, der Monotheismus, den nur Ägypten und das Abendland, die antike Blüte aber nie kannt3 - es ist die über drei gewaltige Kulturkörper gespannte, mit der Trägheit von Jahrtausenden ausgestattete Bewegung zwischen den großen Rundformen des Daseins, die als Zweiheit in der dritten Form den Ursprung, das Erste wieder schaffen muß.
Jene Spreizung ist es, die all den späten Reichtum möglich macht. Er kommt nicht aus höherer Technik, nicht aus größerem Fleiß, sondern dem Verhältnis der Unterworfenen zum Sturmauge des Pomeriums. Die Unterwerfung der vielen zur Blendung im Innersten - ob in Athen, Rom oder im späten Abendland - das ist die Schlagader jeder Zivilisation.“
Konstantin wird an der Milvischen Brücke mit Brittaniern, Germanen und Galliern ... gegen die italischen Heere des Maxentius kämpfen - und siegen. Im Grunde kommt hier der neue Kaiser bereits auf Germaniens Gnaden nach Rom, so wie die ägyptische Diktatur mmer mehr auf Fremde gestützt ist.
Nun, in der Rückwendung zu ihrem gefühlsmäßigen Ursprung, dem in die Späte gespiegelten frühen Ingenium, der Heimkehr zu ihrem innersten Wesen, finden sie aus der Leere zweier Gemüter zu dem, was Fichte nach der Erfahrung von These und Antithese die Synthese genannt hat.
Die Wiederherstellung des altägyptischen Pharaonentums, des Königs als Gottessohn, die Verrehrung des Augustus als Staatsgott und die Manie um Napoleon haben auch zugleich die greifbaren Idole der neuen Gottessehnsucht hervorgebracht, die durchgängig von der aufstrebenden Kunst begleitet werden: In Ägypten spricht bereits die namentliche Kenntnis der Bildhauer und Architekten für ihre königsähnliche Bekanntheit, der Aufstieg der römischen Dichter der Bürgerkriegs- und Kaiserzeit ist dem des Kaisertums ganz äquivalent, für das abendländische Ingenium ist es die Huldigungsbewegung der Geniezeit seit 1800, die sich in unserer Schauspieler- und Sängerverehrung bis zum heutigen Tage fortsetzt, und darin den nun verweltlichten Ausdruck tiefingenen Wesens bezeugt. Noch im 18. Jahrhundert gehörten Schauspieler dagegen dem niedersten Stand an. (Wer unter diesen Bedingungen von einem Hang der Moderne zur Demokratie redet, hat nicht begriffen, daß dies allein wegen der Bedeutungslosigkeit der Politik im letzten halben Jahrhundert möglich war. Die dem modernen Menschen tatsächlich bedeutenden Elemente des Lebens sind auch in der Demokratie unserer Tage von einem geradezu beäingstigenden Führerkult durchzogen. Die Großveranstaltungen unserer Zeit im Sport und in der Musik gleichen in der Hörigkeit der Masse nicht nur den römischen Tierhatzen im flavischen Amphitheater und den Ausrufungen der Soldatenkaiser auf den Schlachtfeldern der Spätantike, sondern sind in einem ernsteren Sinne auch von der Kopflosigkeit der Menge während der Sportpalastrede nicht zu unterscheiden. Es wird dereinst ein leichtes sein, diesen Mob wieder zum Marschieren zu bekommen. Der Schwenk in die Ernsthaftigkeit ist ein rein gradueller Vorgang. Dieser Führerkult schwelgt auch wie eh und je in Askese und Verzicht. Die Form der modernen Ehren-Gabe in freiwilligen Wucherpreisen und dem Markenkult scheint zunäichst rein wirtschaftlicher Natur, tatsächlich handelt es sich um einen zutiefst sehnsüchtigen Ausdruck der Unterwerfung. Es ist die Unterwerfung vor dem Design, dem Künstler, der Macht, jenem, dem auch die Anderen huldigen, der Kniefall vor den Schönen und Kraftvollen, vor den neuen, kaum noch religiösen, vielmehr durch die reine Überlegenheit erhobenen Führern. Und diese Demutsgebärde der Faulen, Energielosen und Untalentierten vor den wenigen Tatkräftigen ist es immer schon gewesen, welche die großen Männer noch zu Lebzeiten vergöttlicht hat. Hier kann auch kein Unterschied zur staatlichen Macht mehr liegen, wenn diese doch seit Jahrzehnten nicht nur phänomenal gegenüber dem Geld zu schwinden begann. Die Diktatur ist auf das Außerstaatliche ausgewichen, da sie innerhalb des Staates nunmehr unmöglich war. Auch insofern wird die hehre Verfassungsdemokratie ganz subtil unterlaufen, indem sie nicht verneint wird, sondern in den neuen Herrschaftsverhältnissen schlichtweg nicht mehr vorkommt.)
Die katholischen Nazarener, die Restauration von Thron und Altar, die Religiosität der romantischen Oper, die Huldigung des Mittelalters, die sich durch das ganze 19. Jahrhundert zieht und im 20. nur oberflächlich überwunden wird, ist das abendländische Äquivalent der Wiedererweckung des alten ägyptischen Symbols der geflügelten Sonnenscheibe durch den Sonnenkult des Re. (Der Re-Kult war bereits früh in der vierten Dynastie, der Zeit der großen Pyramiden im 26. Jahrhundert, zum Staatskult geworden. Nun wird er symmetrisch wiederaufgenommen.) Dasselbe geschieht mit der antiken Überwindung der demokratia und Senatsaristokratie durch das hellenistische Königtum und die augusteische restitutio rei publicae, die eigentlich die Spiegelung der alten Königszeit in Rom und die Wwiedergeburt des archaischen basileus in Griechenland ist. Man hat sich angewöhnt, sie die Blütezeiten dieser Kulturen zu nennen. Tatsächlich sind sie die Wiederkunft ihrer kindlichen Seelen. Noch fur Spengler ist das Jahr 1800 - die Synthese aus Mittelalter und Früher Neuzeit - der Höhepunkt abendländischer Dichtkunst.“
Man verkenne aber nicht, wie hier die Plastik auch ganz einseitig geworden ist. Was der Geniekult einerseits heraufbeschwor, das hat er nur gegen die Abwahl des Gegenteils errungen. Denn die kultische Begeisterung der griechischen Klassik und der Renaissance fur die Schönheit der Muskulatur, die Körperhaltung, die gewissermaßen rnechanische Perfektion des Bewegungsapparates, ist ganz einer Huldigung des Gesichts gewichen - jedoch einer ausschließlichen. Das völlige Desinteresse am Körper äußert sich in den kopfabwärts ganz flüchtig behauenen Sitzfiguren der ägyptischen Pharaonen bereits des Alten Reiches ebenso, wie in den Gewandstatuen des Mittelalters, die mit dem Faltenwurf Glieder und Körper streng zu verhüllen suchten. Deshalb kehren nun in der Romantik die Mäntel und Gehröcke wieder, nachdem Renaissance und Barock immer wieder dem nackten Körper gehuldigten hatten und selbst die bekleideten Figuren nur einen ganz dünnen Stoffüberzug trugen, der jede Körperzeichnung hindurchlassen mußte. Wir werden sehen, daß die Gewandstatue auch im späten Rom wiederkehrt. Dieser Verlust der Körperlichkeit geht jedoch notwendig mit einer Konzentration auf das Gesicht einher, welches nun in den Mittelpunkt rückt und recht eigentlich jenes Portrait gebiert, das die kultischen Maler nie im Sinn hatten.
So wie der Grieche sich ganz in die scharfe Zeichnung des wohlproportionierten Muskelkleides einsenkt - als Künstler wie als Betrachter -, so die ägyptischen und gotischen Bildhauer auf die Gesichtszüge.
Rom ist selbst barbarisch geworden. Allein, es protzt noch so sehr aus dem überkommenen pomerischen Reichtum heraus, daß es die Kriegervölker anzieht, wie einst Macht und Reichtum den ebenfalls äußerst grimmig-gesichtigen Sulla nach Rom zogen.“
All diese Varianz und Menschlichkeit ist in der Zeit der demokratischen Polis undenkbar.“
(Thomas Wangenheim, Kultur und Ingenium, 2013, S. 221, 225, 227-228, 231, 232, 233, 238, 241, 242, 243-244, 251-252, 253, 258-262, 276, 277-279, 282-283, 288, 289-290, 294, 295, 299).
Ich finde, daß Wangenheim bei ganz bestimmten Aspekten aus nicht zufälligen Gründen Spengler falsch versteht oder wenigstens mißdeutet, wie ich ja auch schon am 17.11.2018 um 22:18 Uhr (**) und um 23:40 Uhr (**) geschrieben habe. Aber insgesamt finde ich das, was Wangenheim schreibt, durchaus interessant, obwohl es für mich nichts Neues ist, sondern eher einfach „nur“ eine andere Perspektive, aus der heraus eine Weltanschauung beschrieben wird. Ich wiederhole, was ich schon am 29.12.2018, 02:07, geschrieben habe: „mich in Anlehnung an Wangenheims „ärgsten Widersacher und ... höchsten Lehrer“ (**) gegen Behauptungen Wangenheims wehren und ihn belehren“ (**) zu müssen. Es gibt etliche Beispiele für Wangenheims Fehldeutung Spenglers. So auch in den oben zitierten Beispielen wieder. Es ist nachweislich NICHT WAHR, daß Spengler behauptet hätte, „die Entdeckung der nicht-euklidischen Geometrie in der Mitte des 19. Jh. habe die »Lösung« des antiken Problems erbracht“ (**), wie Wangenheim behauptet. Es folgen also einige Spengler-Zitate:

„Jetzt erst mußte es tiefen Denkern fühlbar werden, daß die euklidische Geometrie, die einzige und richtige für den naiven Blick aller Zeiten, von diesem hohen Standpunkt aus betrachtet nichts ist als eine Hypothese, deren Alleingültigkeit gegenüber anderen, auch ganz unanschaulichen Arten von Geometrien, wie wir seit Gauß bestimmt wissen, sich niemals beweisen läßt. Der Kernsatz dieser Geometrie, das Parallelenaxiom Euklids, ist eine Behauptung, die sich durch andere ersetzen läßt, daß es nämlich durch einen Punkt zu einer Geraden keine, zwei oder viele Parallelen gibt, Behauptungen, die sämtlich zu vollkommen widerspruchslosen dreidimensionalen geometrischen Systemen führen, die in der Physik und auch in der Astronomie angewendet werden können und zuweilen der euklidischen vorzuziehen sind.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918, S. 120 [**].)

„Der Zufall hat es gewollt, daß wenige Jahre nach Vollendung seines Hauptwerkes Gauß die erste der nichteuklidischen Geometrien entdeckte, durch deren in sich widerspruchslose Existenz bewiesen wurde, daß es mehrere streng mathematische Arten einer dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich »a priori gewiß« sind, ohne daß es möglich wäre, eine von ihnen als die eigentliche Form der »Anschauung« herauszuheben.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918, S. 221 [**].)

„Die von der Philosophie behauptete genaue Übereinstimmung läßt sich aber weder durch den Augenschein noch durch Meßinstrumente nachweisen. Beide können eine gewisse, für die praktische Entscheidung über die Frage z.B., welche der nichteuklidischen Geometrien die des »empirischen« Raumes sei, bei weitem nicht ausreichende Grenze der Genauigkeit niemals überschreiten. (Gewiß läßt sich ein geometrischer Lehrsatz an einer Zeichnung beweisen, richtiger demonstrieren. Aber der Lehrsatz erhält in jeder Art von Geometrie eine andre Fassung, und hier entscheidet die Zeichnung nichts mehr.) Bei großen Maßstäben und Entfernungen, wo das Tiefenerlebnis das Anschauungsbild völlig beherrscht – vor einer weiten Landschaft etwa statt vor einer Zeichnung – widerspricht die Anschauungsform der Mathematik gründlich. Wir sehen in jeder Allee, daß Parallelen sich am Horizont berühren. Die Perspektive der abendländischen und die ganz andere der chinesischen Malerei, deren Zusammenhang mit den Grundproblemen der zugehörigen Mathematiken deutlich fühlbar wird, beruht eben auf dieser Tatsache. Das Tiefenerlebnis in der unermeßlichen Fülle seiner Arten entzieht sich jeder zahlenmäßigen Bestimmung. Die gesamte Lyrik und Musik, die gesamte ägyptische, chinesische, abendländische Malerei widersprechen laut der Annahme einer streng mathematischen Struktur des erlebten und gesehenen Raumes und nur, weil kein neuerer Philosoph von Malerei das geringste verstanden hat, konnte ihnen allen diese Widerlegung unbekannt bleiben. Der »Horizont«, in dem und durch den jedes Gesichtsbild allmählich in einen Flächenabschluß übergeht, ist durch keine Art von Mathematik zu erfassen. Jeder Pinselstrich eines Landschaftsmalers widerlegt die Behauptung der Erkenntnistheorie.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918, S. 221-222 [**].)

„Was war es denn, was dem antiken Menschen, dessen Blick in seine Umwelt sicherlich nicht weniger klar war, als das Urproblem des gesamten Seins erschien? Das der arce, des stofflichen Urgrundes aller sinnlich-greifbaren Dinge. Begreift man dies, so wird man dem Sinn der Tatsache nahekommen – nicht des Raumes, sondern der Frage, weshalb das Raumproblem mit schicksalhafter Notwendigkeit das der abendländischen Seele und dieser allein werden mußte. (Das liegt, bisher unerkannt, in dem berühmten Parallelenaxiom Euklids [»Durch einen Punkt ist zu einer Geraden nur eine Parallele möglich«], dem einzigen der antiken mathematischen Sätze, der unbewiesen blieb und der, wie wir heute wissen, unbeweisbar ist. Gerade das aber macht ihn zum Dogma gegenüber aller Erfahrung und damit zum metaphysischen Mittelpunkt, zum Träger jenes geometrischen Systems. Alles andre, Axiome wie Postulate, ist nur Vorbereitung oder Folge. Dieser einzige Satz ist für den antiken Geist notwendig und allgemeingültig – und doch nicht ableitbar. Was bedeutet das? Daß er ein Symbol ersten Ranges ist. Er enthält die Struktur der antiken Körperlichkeit. Gerade dies theoretisch schwächste Glied der antiken Geometrie, gegen das sich schon in hellenistischer Zeit Widerspruch erhob, offenbart ihre Seele, und gerade dieser der Alltagserfahrung selbstverständliche Satz war es, an den sich der Zweifel des aus körperlosen Raumfernen stammenden faustischen Zahlendenkens knüpfte. Es gehört zu den tiefsten Symptomen unseres Daseins, daß wir der euklidischen Geometrie nicht etwa eine, sondern eine Mehrzahl von andern gegenüberstellen, die für uns gleich wahr, gleich widerspruchslos sind. Die eigentliche Tendenz dieser als antieuklidische Gruppe aufzufassenden Geometrien – in denen es durch einen Punkt zu einer Geraden keine, zwei oder unzählige Parallelen gibt – liegt darin, daß sie eben durch ihre Mehrzahl den körperlichen Sinn des Ausgedehnten, den Euklid durch seinen Grundsatz heilig sprach, gänzlich aufhoben, denn sie widerstrebt der Anschauung, die alles Körperliche fordert, alles rein Räumliche aber verneint. Die Frage, welche der drei nichteuklidischen Geometrien die »richtige«, der Wirklichkeit zugrunde liegende sei – obwohl selbst von Gauß ernsthaft geprüft – ist dem Weltgefühl nach antik, hätte also von einem Denker unserer Kultur nicht gestellt werden sollen. Sie verschließt den Blick in den wahren Tiefsinn jener Einsicht: Nicht in der Realität der einen oder andern, sondern in der Vielheit gleichmäßig möglicher Geometrien liegt das spezifisch abendländische Symbol. Erst durch die Gruppe von Raumstrukturen, in deren Fülle die antike Fassung einen bloßen Grenzfall bildet, wird der Rest von Körperhaftem im reinen Raumgefühl aufgelöst.)“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918, S. 228 [**].)

„Gauß hat dreißig Jahre lang seine Entdeckungen der nichteuklidischen Geometrien verschwiegen, weil er das »Geschrei der Böoter« fürchtete.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918, S. 421 [**].)

Wie all diese Zitate zeigen, hat Spengler bezüglich euklidischer Geometrie und nicht-euklidischer Geometrie lediglich behauptet: „daß die euklidische Geometrie ... sich niemals beweisen läßt“ (**); daß der „Kernsatz dieser Geometrie ... eine Behauptung, die sich durch andere ersetzen läßt“ (**), ist; „daß wenige Jahre nach Vollendung seines Hauptwerkes Gauß die erste der nichteuklidischen Geometrien entdeckte, durch deren in sich widerspruchslose Existenz bewiesen wurde, daß es mehrere streng mathematische Arten einer dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich »a priori gewiß« sind, ohne daß es möglich wäre, eine von ihnen als die eigentliche Form der »Anschauung« herauszuheben“ (**); daß „die von der Philosophie behauptete genaue Übereinstimmung sich ... weder durch den Augenschein noch durch Meßinstrumente nachweisen“ (**) läßt; daß „beide ... eine gewisse, für die praktische Entscheidung über die Frage z.B., welche der nichteuklidischen Geometrien die des »empirischen« Raumes sei, bei weitem nicht ausreichende Grenze der Genauigkeit niemals überschreiten“ (**) können; daß das Parallelenaxiom Euklids als der einzige „der antiken mathematischen Sätze ... unbewiesen blieb und ..., wie wir heute wissen, unbeweisbar ist“ (**); „daß wir der euklidischen Geometrie nicht etwa eine, sondern eine Mehrzahl von andern gegenüberstellen, die für uns gleich wahr, gleich widerspruchslos sind (**); daß die „Frage, welche der drei nichteuklidischen Geometrien die »richtige«, der Wirklichkeit zugrunde liegende sei – obwohl selbst von Gauß ernsthaft geprüft ... dem Weltgefühl nach antik“ (**) ist; daß „nicht in der Realität der einen oder andern, sondern in der Vielheit gleichmäßig möglicher Geometrien ... das spezifisch abendländische Symbol“ liegt (**); und - um eine Abschlußformel zu bringen - daß „Gauß ... dreißig Jahre lang seine Entdeckungen der nichteuklidischen Geometrien verschwiegen“ (**) hat, „weil er das »Geschrei der Böoter« fürchtete“ (**).

Das alles bedeutet eben NICHT „die »Lösung« des antiken Problems“ (**), sondern nur eine andere Weltanschauung, wie Spengler nie müde wurde zu sagen. Vergessen Sie bitte nie, daß Spengler durch und durch Goetheaner war, daß Spenglers Morphologie der Weltgeschichte, die Analogie als Methode und nicht zuletzt die von Spengler zwischen apollinischer Antike und faustischem Abendland behauptete tiefste Gegensätzlichkeit, die man auch „Gegenspiegelung“ nennen mag, gar keine andere Deutung zulassen. Die nicht-euklidischen Geometrien sind eben KEINE»Lösung« des antiken Problems“ (**), sondern schlicht das Gegenteil: das als Gegenentwurf zum antiken Problem nach rd. 2150 Jahren endlich ebenfalls ganz klar und deutlich gewordene abendländische Problem.

Euklid faßte in seinen »Elementen« (um 312 v. Chr.) das gesamte damalige mathematische Wissen zusammen; sein Parallelenaxiom galt bis zu Gauß (1777-1855) als das »Vollendete«, dem man nichts mehr hinzufügen konnte (**). Einen »platonischen Monat« (rd. 2150 Jahre (**|**) lang galt dieser mathematische Satz, der unbeweisbar war und ist, als konkurrenzlos. Um 1800 entwickelte Gauß die erste nicht-euklidische Geometrie. Damit war der körperliche Sinn des Ausgedehnten, den Euklid durch seinen Grundsatz heilig gesprochen hatte, endlich durch die als anti-euklidische Gruppe aufzufassenden Geometrien aufgehoben. Antik war durch einen Punkt zu einer Geraden nur eine Parallele möglich, abendländisch sind durch einen Punkt zu einer Geraden keine, zwei oder unzählige Parallelen möglich. Dem euklidischen Axiom wurde ein »Gauß'sches«, der antiken Anschauung des Körperhaften ein abendländisches der Räumlichkeit genau gegenübergestellt. Die Antike forderte Körper und verneinte Raum; das Abendland fordert Raum und verneint Körper. Wenn die Kultur Zivilisation wird, ist sie erwachsen und fängt an, sich selbst gegenüber Rechenschaft abzulegen. Euklid einerseits und Gauß andererseits sind für diesen Prozeß ein »personifizierter Beweis«. Dieser betrifft nicht nur die Mathematik - aber sie zuerst -, sondern auch die gesamte Kultur. Das antike Denken konzentrierte sich auf die Dinge, die durch das abendländische Denken ins Gegenteil verkehrt wurden. Wenn das Abendland die Antike überhaupt je richtig verstanden hat, dann nur deshalb, weil es auf dem Weg zur eigenen Kultursymbolik erwerbstechnisch auf »Elterliches« angewiesen war und es nach und nach »abarbeiten« können mußte. In der Tiefe folgt jede Kultur dem »Ureigenen«. So lange sie »lebt«, wird sie vom eigenen Seelenbild angetrieben und vom eigenen Ursymbol angezogen (**).“ (Hubert Brune, Kosmos, 2001 [**].)

Nicht-euklidische Geometrie bedeutet NICHT Lösung des Problems der euklidischen Geometrie.

Wangenheim hat sich hier einen riesigen Patzer erlaubt - und dabei geht es gerade bei diesen beiden Geometrien um eine Spiegelung mit Widerspruch, also ein gefundenes Fressen für Wangenheim. Im Spenglerschen Sinne sind es Analogien, die sich einzig und allein im Gegensätzlichen unterscheiden. Dieses Gegensätzliche begründete Spengler mit den beiden Ursymbolen, die ebenfalls gegensätzlich sind. Es kann für mich nur zwei Gründe dafür geben, daß Wangenheim diesen Fehler begangen hat: entweder er hat auch hier Spengler einfach nur falsch verstanden, oder er will verhindern, daß Spengler richtig verstanden wird. Ich tendiere sehr stark zu der Überzeugung, daß er Spengler falsch verstanden hat.

Gruß an Kiel.

07.01.2019, 20:04

Guten Abend, Herr Boden.

Folgend noch einige Zitate aus Wangenheims „Kultur und Ingenium“, Kapitel X, XI und XII:
„Es ist exakt jene Freiheit, in der sich das Fichtesche Ich setzt, die Hegel an den unabhängigen Monarchen übergibt, Nietzsche dem neuen Menschen, jenem Übermenschen, und die Schopenhauer dem eigentlichen Menschsein im Besitz des Willens zum Ding an sich erklärte. Der Wille zur Macht und die Welt als Wille und Vorstellung künden vom Voluntarismus der Spiegelgotik des 19. Jahrhunderts, sind die spätingene Spiegelung der hier erbrachten Willensphilosophie. Und nicht nur der Wille kehrt ein halbes Jahrtausend später so wirkmächtig wieder, auch das Böse, die Aussicht auf die Umwertung aller Werte, der Moral Jenseits von Gut und Böse, das Leiden des jammernden Schopenhauerschen Weltpessimismus und Schmerzlebens hat das 19. Jahrhundert geistig empfunden. Hier - um 1300 - durchlebt es der gotische Mensch.
Und vielleicht ist hier, in der spätscholastischen Philosophie - neben dem Deutschen Idealismus das schärftse Ingenium, das die Geschichte der Philosophie je gesehen hat - diese Anschauung am greifbarsten begründet worden: Wenn Gott nach Belieben in der Welt gegen die Schöpfungsordnung agiert, dann wird jedes Gesetz, jede Begriffsordnung ein reines Vabanquespiel, damit aber unlogisch und deshalb als Gesetz lächerlich.
»Es gibt wahre Sätze der Theologie, die logisch nicht ableitbar sind.« Ich nenne ihn den Ockhamschen Unvollständigkeitssatz: ein philosophsicher Gedanke zur Theologie, wie der Gödelsche Unvollständigkeitssatz ein philosophischer Gedanke zur Mathematik ist, nämlich der Wahrheit ohne Beweisbarkeit. Die kausale notitia intuitiva steht der abstrakten notitia abstractiva unversöhnlich gegenüber. Daß die eine der anderen zu nichts verhelfen kann, daß sich beide nicht verstehen, daß es zwei Grundanschauungen gibt, die sich gegenseitig ausschließen und dennoch erst gemeinsam das Ganze bilden, eben das ist das Problem der Axiomatik und Meta-Mathematik des Jahres 1900, auch Hegels und jeder Vereinigungsphilosophie, es sind die Kunstanschauungen der Geschichte, die der Herrschaft, es sind Kultur und Ingenium.
Der einzige, wirklich überzeugende Gottesbeweis ist ... immer der ingene Beweis, der über den Umweg der Ethik oder Theologie letztlich immer nur dieser eine Entschluß ist: Es ist gut, daß es Gott gibt, also gibt es ihn. Das ist der abaelardsche Gottesbeweis, der ganz auf wahrscheinliche Gründe setzt - eine Wahrscheinlichkeit, wie sie jeder ingener Übergang kennt, die Wahrscheinlichkeit, was »gut« heißt.
Es ist ein grandioser Schritt gegen jede Doktrin, gegen jedes Dogma, jede theologische Deutungshoheit. Die Scholastik hat spätestens hier die Kirche wegdialektisiert. Sie ist im Verhältnis des subjektiv-autarken, selbstentscheidenden Individuums zum gänzlich frei waltenden und gnadenschenkenden Gott, zu einem überflüssigen philosophisch-theologischen Ornat geworden. Kirchliche Macht wird lächerlich.
Die Mittelinstanz wird hier abgeschafft, wie immer in den ingenen Spätzeiten. Kaiser Augustus wendet sich an den stadtrömischen Mob, der Volksführer Napoleon an die niederen Dienstgrade, Gott an den ihn liebenden Menschen. Das Größte geht die Verbindung mit dem Niedersten ein - und darin sinkt die Abstraktion des Höchsten herab, es hebt den Niedersten herauf. Das ist es, was diese Philosophie, die man oft so abwertend Scholastik genannt hat, wirklich hervorbrachte: die Konstitution des Individuums in der Gesellschaft. Und das hieß im christlichen Mittelalter, den Menschen im Verhältnis zu Gott, und das heißt im romanischen Verständnis: im Verhältnis zur Kirche zu einem Gewicht gemacht zu haben. Wer hier noch nicht begreift, daß dies ein der Aufklärung des 18. und 19. Jahrhunderts ganz äquivalenter Vorgang ist, der ist vor der Geschichte blind.
Nicht nur, daß mit der coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze (vgl. Nikolaus von Kues; HB), ganz begrifflich bereits eine Ähnlichkeit mit der Nach-Kantischen, Hegelschen Philosophie besteht, vor allem ist es die Festsetzung in der Verneinung alles Wahrgeglaubten.
Es ist das große Mißverständnis abendländischer Geschichte, daß nun die Aufklärung durch Vermittlung des Humanismus im Mittelalter immer die schlimmste Dunkelzeit sah und gegen sie wetterte, obgleich sie diese nie gekannt hat, sondern nur vermutete, die Verschärfung dessen, was das 16. und 17. Jahrhundert geboten hatten, müsse also das Mittelalter sein. Und das könne dann im Sinne des Fortschritts nur der Hölle gleichkommen. Aber die Aufklärung war der Gotik näher, als sie selbst glauben wollte. In Wahrheit kämpfte sie gegen die Frühe Neuzeit und mit, ja für die Gotik, nämlich ihre spiegelsymmetrische Wiederkehr im 19. Jahrhundert.
»Gott ist tot« ist der immer wieder probierte Versuch, Gott näherzukommen, transzendenter zu schauen. Das ist das ganze Streben des Abendlandes. (Nietzsche ist immer einseitig verstanden worden. »Tötet Gott« also sprach Zarathustra nie. Tatsächlich entblößt Nietzsche die Einbildung seiner Zeit, noch christlich zu denken, als eine dem Christentum feindlich gesinnte Machtphantasie, eine Überhebung des Menschen, der die Masse nicht gewachsen ist. »Gott ist tot« wird damit zu gleichen Teilen auch ein Trauerschrei der Gottlosigkeit - und zwar der untergegangenen Romantik.)
Die Antike hat ihre religiöse Hingabe durch das ganze Gegenteil zum Ausdruck gebracht. Sie wollte opfern und Statuen der Götter herstellen. Ja, die griechische Sprache kennt nicht einmal einen Begriff, der unserem der Religion entsprechen könnte. Religion zeigt sich im antiken Verständnis allein durch den Umgang mit den Göttern. Etwas vom Kult Losgelöstes, ein transzendentes Fühlen, ist dem antiken Religionswesen völlig fremd. Deshalb entbehrt der antike Glaube auch jeder Fundamantalschrift. Alles, was hier aufgeschrieben zu werden Wert hat, das sind Kultanweisungen und Theogonien.
Im Abendland ... ist das Gewissen alles, was den Menschen wahrhaft bewegt.
Man mache sich nichts vor: Die antizivilisatorische Naturbewegung ist nie aus einem nötigen Schutz der Natur heraus entstanden. Die Ideologie des Naturschutzes ist erst durch das derartige Fühlen - und zwar der Romantik - entwickelt worden. Den eigenen Tod ahnend, wird das Unausweichliche vorgedacht. Man muß begreifen, daß dies nichts als ein tief innerliches Anliegen der Verschonung ist.
Mit Moral hat diese späte Weinerlichkeit nicht das Geringste zu tun. Es ist bloße Verweichlichung - ohne die Konsequenz freilich, sich in Askese zu begeben. Aber balde, balde werden sie, wenn der Wohlstand verflogen ist, der ihr ganzes jämmerliches Dasein noch mit einem wenigstens scheinbaren Wert versieht, aufwachen - und dann mag man noch einmal nach Moral fragen. Nichts wird davon übrig sein. Mit leerem Magen moralisiert’s sich schlecht. – Erst dann wird wieder, aber auch nur bei den Hehrsten des Menschengeschlechts, wahre Moral aufkommen, werden Heilsbringer Religionen und Kaiserherrschaften begründen. Keiner der einstigen Weltverbesserer wird unter ihnen sein.
Deutschland ist die Wirtschaftsmacht der Welt, ist bevölkerungreichstes Land Europas, strebt der Hegemonie, wenn nicht durch Krieg, so durch seine wirtschaftliche Dominanz entgegen.
Sowohl die englischen Bedenken einer deutschen Hegemonie, wie auch der vom Kaiser verkündete Kriegsgrund der Alliierten - »die Gegner neiden uns den Erfolg“ - waren ganz recht bemerkt.
Man bemerkt, wie wenig eine allgemeine Untergangsstimmung mit einem vorausgegangenen Krieg oder einer raffgierigen Krankheit zu tun hat, sondern geradezu das Gegenteil, die Dekadenz, voraussetzt: Eben weil nicht Negatives Negatives anstößt, sondern der Überdruß des Schwelgens in die Verzweiflung führt.
Die Romantik und die ihr angehörige Vollendung des abendländischen Gewissens haben in diesem späten Ingenium unserer Kultur das Christentum als geistiges Großwerk vollständig abgelöst.
Die altväterliche deutsche Heerführung des Ersten Weltkrieges war es ..., die vom schnellen Vorstoß der eigenen Truppen, von diesem geradewegs blitzartigen Kriegsgeschehen der Herbsttage 1914 schlicht überfordert war und die bereits tief in Feindesland vorgedrungenen Truppen, die bereits größte Verwirrung in den französischen Linienresten ausgelöst hatten, zur Verwunderung des Feindes zurücknahm.
Die bereits in der Romantik immer mehr von der Naturdarstellung abgerückte Motivik der Malerei verliert sich im Impressionismus gänzlich in der Form des Werkzeugs.
Die Romantik sollte ein erster Stoßschrei gegen das untergegangene achtzehnte Jahrhundert sein ....
Vorerst leidet diese romantische Seele ganz ebenso an der Leere, welche aus jener abermaligen Renaissance des Klassizismus nun mittlerweile zum Überdruß langweilen mußte.
Die Leiden des jungen Werther, das Emporgreifen Napoleons, die Heraufkunft des Ich in der Philosophie Fichtes, die unmittelbare Ergriffenheit des Hörers der Fünften Beethovens, die Idee der Einsamkeit im romantischen Landschaftsbilde, der Roman als Ich-Erzählung, die Bedeutung des Einzelnen ist es, die hier nun überhaupt nicht mehr nach einer allgemeinen Stimmung, einer allgemeinen Wahrheit, einer allgemeinen Erfahrung fragt, sondern das emergente Erlebnis, das Erlebnis des Ich durch das Anerkennen des Anderen, das Erlebnis des Sieges über die Massen, den Schreck der Orchesterschläge, das Hineinversetzen in die Romanfigur zum alles beherrschenden Zeugnis einer im innersten Wesen vollständig umgeschlagenen Lebensauffassung bedeutet. Hier wird mit dem Blick nicht hinaus in die Welt und ihre Wahrheiten, sondern auf den Spiegel, auf uns selbst zurück das spätabendländische Ingenium über dem alteuropäischen Kulturraum mit gewaltigen Glockenschlägen eingeläutet.
»Die Weber« sind freilich ein großes Stück Hauptmanns, aber was war das für ein »Realismus«, der den einzigen altpreußischen Vater, der sich gegen den Aufstand gestellt hatte, schließlich bei der Handarbeit am Fenster sitzend von einer Gewehrkugel derer zu Tode kommen läßt, die eigentlich den Aufstand niederschlagen sollten! War das nicht eine Art Symbolismus? Und hatte man nicht ähnlich schon in »Ahnung und Gegenwart« (von Joseph Eichendorff; HB) empfunden? War dort nicht auch der Niedergang der Aristokratie des 18. Jahrhunderts Thema gewesen? »Gott steh dem Adel bei, wenn dies noch seine einzige Unterscheidung und Halt sein soll in der gewaltsam drängenden Zeit, wo untergehen muß, was sich nicht ernstlich rafft!« Freilich, hier war noch nicht das Leid beschrieben, sondern der Trost und das Wohlsein der Übriggebliebenen, und deshalb gerade Romantik genannt - aber in welche Sphären war der Verlust gehoben! Und wieviel ewige Tiefe stand in diesem Werke, wie hatte zugleich eine dichterische Philosophie geendet, als in zeitloser Entrückung dem Leser die Wiederkehr einfuhr: Die Sonne ging eben prächtig auf. Spätabendländisches Ingenium
Der Realismus war vor allem zu einer Verkürzung der Romantik fähig.
Aber so wie der Realismus literarisch wieder von der tiefingenen Moderne eingeholt wird, so geschieht diese Überwindung politisch.
Der postrealistische, moderne Roman besitzt nun in seiner Konzentration auf das Persönliche, auf den Helden, wieder all die romantischen Momente, wie sie der Werther oder die Odyssee des Friedrich in »Ahnung und Gegenwart« einhundert Jahre zuvor schon erhob. Hier bei Eichendorff passiert auch - wie man es vom modernen Roman gern sagt - tatsächlich nichts.
1927 kam »Berlin - Sinfonie einer Großstadt« (**) in die deutschen Kinos. Ein Dokumentarfilm von berauschender Quirligkeit, kommentarloser Hektik und Schnittechnik. Das hat Döblin in Sprache zu setzen versucht. Gerade diese direkte Abhängigkeit aber zeugt von dem bedeutenden Wandel, der hier vor sich geht: Der Roman ist tot.
Der ... Bewußtseinsstrom, die aufeinander folgenden Einzelgedanken, welche der Figur ungeordnet durch den Kopf schießen, ist eine unmittelbare Wahrnehmungsdarstellung. (Und im übrigen damit nichts anderes als die ins Extreme fortgeführte romantische Lyrik - wir lassen uns völlig täuschen, wenn wir für entscheidend halten, daß sie nicht in Versen geschrieben ist.)
Mit überzeugter Begeisterung hatte der Realismus die identische Wiedergabe der Welt durch das objektive Auge gefeiert. Nun soll - wie merkwürdig das auch aus der Sicht des Realismus scheint - die ganz vom Inneren eines Menschen aus geschilderte Welt die wahrste unter allen möglichen sein! Eine nicht nachvollziehbare Umkehrung, solang man nicht begreift, daß einmal der abstrakte, losgelöste Standpunkt des kultischen Menschen, der im Grunde ein physikalischer Beobachter im Sinne der Newtonschen Theorie sein will, das andere Mal aber nicht »Unmittelbarkeit« dieser Schau aus der Ferne, sondern der möglichst ungetrübte Blick aus den Augen des einzelnen Menschen - mit unseren Augen - als »unmittelbar« gelten soll, so wie es mit Fichte gegenüber Kant geschehen war.
Das ist gewissermaßen eine durchweg Fichtesche Unmittelbarkeit, die hier nach der »realistischen« Wiedergeburt des Neukantianismus mit dem Jahr 1900 erneut romantisch gebrochen in die Phänomenologie und Lebensphilosophie übergeht, welche wir bereits als Wiederkehr des »romantischen« Deutschen Idealismus verstanden haben. **
Nietzsche wird nach seiner Abkehr von Wagner gehörig über die »heimliche Giftmischerei gegen die Vorsausetzungen des Lebens« im asketischen Parsifal polemisieren. Doch das ist gerade der ganze Wille des späten Ingeniums, dem Nietzsche trotz des realistischen Antichristen am Ende selbst vollständig angehört.
Napoleon und Fichte, Beethoven und Goethe sprechen aus ihrem Innersten und graben sich in die Herzen der so lang den Entbehrungen des Großartigen unterlegenen Völker des Jahres 1800.
Das erste Mal seit dem Mittelalter gibt es wieder eigentliche Eroberungskriege, die Zerschlagung ganzer Staatsterritorien, wie es im 100jährigen Krieg, den Vormärschen des Deutschritterordens im Osten, den Zügen ins Heilige Land und der normannischen Invasion geschah.
Jetzt sollten es wieder Völker statt Söldner sein, die sich auf den Schlachtfeldern gegenüberstehen, sollten die alten Greueltaten des 30jährigen Krieges wiederkehren, brennende Städte und verwüstete Landstriche, sich aus dem Lande ernährende Armeen, sollten Standesgrenzen aufbrechen, sollten Spekulation und Kriegsgewinn zum Aufstieg von Männern überschauenden Blicks führen, wie 1815, als Rothschild an der Londoner Börse den Sieg Napoleons vortäuschte.
Napoleon hatte nie eigentlich seine Gegner durch den Kampf, sondern die List, die Täuschung und die Verletzung aller aristokratischen Anständigkeit bezwungen.
Die Planwirtschaft ist schlicht eine Entwicklungsstufe, die sich notwendig an die Umgangsform des freien Marktes anschließt.
Der Kommunismus wird aus der Privatwirtschaft erst geboren.
Im Grunde sind überhaupt nur zwei Formen von Wirtschaft denkbar, so wie ebenfalls bloß zwei Formen der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie und der Staatsführung denkbar sind. Zum kultischen Staat der Aristokraten, der Machthaber der mittleren Größenordnung, gehört der Handel der Gleichberechtigten, so wie zum ingenen Staatswesen der Diktatur und Volksmassen der Handel des Mächtigen mit den Abhängigen gehört.
Und darin geht uns auf, daß die kultische Marktwirtschaft gerade nicht dem Kommunismus gegenübersteht, so wie der Kapitalismus der Antipode der Planwirtschaft ist, sondern die Marktwirtschaft das Gegenmoment zu beiden bedeutet. Denn die Feindschaft zwischen Kommunismus und Kapitalismus, welche sich gerade im 20. Jahrhundert scheinbar so eindringlich bekämpft haben - seit den zunehmenden Staatskommunismen der Kriegswirtschaften, den Diktaturen und der »freien Welt« -, ist immer einer rein äußerliche gewesen. Im Grunde gehören sie sogar derselben Idee an. Sie sind nicht die Wirtschaftsform der Gleichberechtigung und des freien Marktes, sondern die Entartung derselben in die ingene Wirtschaftsdiktatur.
Denn jedes nur genügend große Unternehmen strebt dem Kommunismus zu.
Und auch die Gleichheit der Menschen wird im Kapitalismus auf ganz subtile Weise herbeigeführt. Die Masse vor dem Monopol ist nichts als jene Idee der Kommune aller Menschen. Denn im Akt der Verschärfung des Monopols als Macht wird der Monopolist - weil ohne Konkurrenz - ganz zum Hegelschen Monarchen, dem unabhängigen, weil völlig aus der Welt enthobenen und damit gerechten Oberhaupt der Gleichen. Im Sieg des einen Willens schält sich ungeahnt die Willenlosigkeit heraus.
Selbst die Währungsunion ... ist von jener Art. .... Daß damit ... das alte Prinzip der Konkurrenz, nämlich die Konkurrenz der Staatswirtschaften, der Nationalökonomien, der Währungen ausgeschaltet ist und damit zwar weltwirtschaftlich oligopole Verhältnisse herrschen, für den Einzelnen aber ausschließlich das Währungsmonopol, geht darin ... propagandistisch unter ....
Der Kapitalismus ist deshalb nicht der ärgste Feind des Kommunismus, sondern sein engster Verbündeter. Indem jede späte Politik nur noch den Staatskommunismus einerseits oder den Privatkapitalismus andererseits, der nichts als Privatkommunismus ist, überhaupt diskutiert, ist die freie Marktwirtschaft schon gar kein Thema mehr. (Und man lasse sich nicht durch die Verwendung des Bgeriffs »soziale Marktwirtschaft« täuschen. Hier handelt es sich nur noch in den Nischen des Kapitalismus um tatsächlich kultische Marktwirtschaft. Die eigentliche Ökonomie und so auch Machtpolitik wird freilich längst im ingenen Sinne und auf ganz anderen Kapitalebenen betrieben. – Dabei geht die Übertreibung der kultischen Gleichberechtigung ganz natürlicherweise in einen innovationslosen Kommunismus und Kapitalismus über, indem jedes Herausstechen zunehmend verhindert wird, zugleich aber jene, die diese Reglementierung betreiben, selbst zu den Herausstechenden, dem Staatskommunismus oder Großkapital, mutieren.) Daher all die kommunistischen Tendenzen unserer Wirtschaft ... Deswegen ist auch der große geschichtliche Konflikt nie der von Planwirtschaft und Großkapitalismus gewesen ..., sondern der Gegensatz zwischen aristokratisch-bürgerlicher und kleinstaatlicher Handwerkswirtschaft und planwirtschaftlichem Großreichkapitalismus. Das sind die eigentlichen Antipoden der Wirtschaftsformen, deren Widersatz in der Einheit kommunistisch-kapitalistischer Denkweise der letzten 200 Jahre - dem spätabendländischen Ingenium - ganz außer acht geraten sind.
Wenn im frühen 17. Jh. tatsächlich Banknoten als bedrucktes Papier auftauchen - just zur Zeit der aufkommenden Wahrscheinlichkeitsrechnung und da Wallenstein seine höchst inflationären Heere der Hunderttausend aushebt.
Denn Macht, das war schon immer Besitz, d.i. Geld. Denn Geld ist nichts als die materielle Veräußerung von Vertrauen.
Die Goldminen der Pharaonen, der römische Goldabbau in den spanischen Sklavenbergwerken, der Rammelsberger Silberbergbau der Ottonen, das Mansfelder Silber des Spätmittelalters, die Silberschiffahrt der Spanier aus Südamerika - all das war nichts als das Drucken von Papiergeld.
Die Pest gar ist in ihrer Wirkung nie wieder erreicht worden. Sie käme heute vielleicht einem Atomkrieg gleich.
Gegen Gaius Gracchus hatte der Senat erstmals das Militär eingesetzt. Es sollte nicht lange dauern, da würde das Militär gegen den Senat eingesetzt.
Um 220 n. Chr. - mit dem Ende des Prassens unter Caracalla und dem gescheiterten Macrinus - verliert Rom jede Führungsqualität in der Welt der Staaten. Gerade in der Nordpolitik reagiert Rom nur noch. Die Initiative ist verloren. .... Jetzt geht es für Rom ums nackte Überleben. .... Die zunehmend erkaufte Ruhe an den Nord- und Ostgrenzen, die Schutzgelder nämlich an die germanischen Völker, müssen freilich durchgängig in bester Goldmünze bezahlt werden. Dieses Gold, mit dem die Germanen schließlich römische Fernhandelsware einkaufen, ist gewisermaßen die Valuta-Mark des Römischen Reiches. Dagegen wird im Inland mit »Aluchips« bezahlt.
So ringen die Germanen das Reich zuletzt fast ausschließlich wirtschaftlich zugrunde.
Nachdem die Goten unter Geiserich Karthago genommen haben und damit die Getreideversorgung des Reiches in Barbarenhänden liegt, werden in Unteritalien nach Jahrhunderten gar wieder die Stadtmauern erneuert.
Indem der einzelne Staatsbürger am Ende der einzige ist, der überhaupt noch Steuern zu zahlen bewegt werden kann, ist er das bevorzugte Wirtschaftssubjekt des absteigenden Kaisertums, das hier nun zum kultischen Kleinfürstentum hinabsinkt. So wie die Großgrundbesitzer sich durch die immer schärfere Abhängigkeit der Arbeiter das zunehmend schwindende Angebot an Sklaven durch das Kolonat ersetzen, so sind all die Kleinbauernprogramme der Spätantike der Versuch des niedergehenden Staates, die Untertanen seines zukünftigen Fürstentums - wie er es selbst noch kaum begriffen hat - zur Arbeit zu veranlassen. Denn dies ist der einzig wahre Broterwerb: der Akt der Arbeit.
Die Verdammung zur Arbeit ....
Zugleich unterscheidet sich diese Heilssehnsucht, die ohne die gnadenlose Unterdrückung nicht auskommen kann, keinen Deut von der Begeisterung, die den späten Menschen von der Maschine ergreift. Indem Toleranz und Nächstenliebe zu notwendigen Nebenbedingungen werden ..., wird die Maschine zum moralisch sauberen Sklaven, so wie die Pflanze ... zur moralisch sauberen Nahrung wird. Der Mensch weigert sich, das lebendige Tier zu verzehren und zieht statt dessen die tote Pflanze vor, die seinem statischen Leben jetzt so nah ist - ganz wie er das Maschinenhafte dem Menschlichen vorzieht, da ihn der überlegene Umgang mit einem niederen Wesen verlegen und unsicher macht. Es ist unvermeidlich, daß damit auch jedes Verständnis für den Umgang mit empfindenden Wesen sogleich verloren und verlernt wird. Jede späte Härte geht auf das völlige Unverständnis menschlichen Zusammenlebens zurück, das die Ablösung vom Leben mit sich bringt. Die ingene Menschlichkeit, die Schonung des Sklaven, gebiert unweigerlich - durch Vergessen - das Unverständnis vom Menschen und damit seine Verachtung. Ohne äußeres Zutun wächst so das Gegenteil, die Gleichgültigkeit und Brutalität, aus der einstigen Zuneigung, aus jedem Zustand sein Gegenteil notwendig hervor. Nichts kann diesem ewigen Changieren trotzen.
Die Faszination, die von Herons Dampfspielmaschinen auf das alexandrinische Theaterpublikum wirkt, die von einem selbsttätigen Uhrwerk der Gotik ausgeht, von einem erstmals anlaufenden Kolbenmotor (man bemerke die große Lücke zwischen Mittelalter und Moderne [man vergesse nicht z.B. die von Leibniz entwickelte erste Rechenmaschine der Welt u.v.a. aus der Zeit zwischen Mittelalter und Moderne: HB]), einem schweißenden Gelenkarmroboter, bis hin zum eigentlichen Endziel dieses Strebens, nämlich zum Androiden, dem selbstkonstruierten Menschen, ist von der Wiedererweckung eines Totgeglaubten wie vom Wunder der Geburt nicht zu unterscheiden. (Eigentlich stellt der Android nur eine andere Form der biologischen Menschenzüchtung dar, wie man zu begreifen hat - allein er entbehrt der biologisch-ekelhaften Komponente und gehört deshalb in die saubere Kategorie der Maschine.) Und beides bringt zugleich die Starre und Angst vor der geschaffenen Lebendigkeit herauf. Beiden Phänomenen ist die Überwindung ihrer Herren zutiefst eigen. Der Nachkomme überwindet den Vater, die Maschine den Erfinder.
Indem die Arbeit an den Sklaven, an den Androiden übergeben, indem die Tat gegen das Schauen getauscht wird, händigt sich auch das Leben an andere aus. Arbeit ist Kultur. Zur Arbeit gepeitscht werden ist Zivilisation.
Kultisch ist ... das Motiv der Arbeit als künstlerischer Ausdruck unbekannt, ingen ist es notwendiges Verlangen und Welterfahrung. Deswegen sind Arbeiterszenen in der Malerei allein aus Ägypten und dem Abendland bekannt. Die Antike kennt etwas derartiges überhaupt nicht.“
(Thomas Wangenheim, Kultur und Ingenium, 2013, S. 324-325, 325, 329, 332, 332-333, 333, 335, 345, 346, 348, 349, 350-351, 356, 359, 361, 363, 364, 366, 367, 369-370, 370, 371, 378, 379, 381, 382, 383, 389, 390, 390-391, 397, 398, 399, 406, 407, 408, 411, 413, 415-416, 418, 419, 420).
Nur kurz eingehen möchte ich auf das, was im Kapitel XI über den „Halbstil Realismus“ und den „Stil Romantik“ innerhalb des „spätabendländische Ingeniums“ zu lesen ist. Wangenheim geht ja davon aus, daß die Stile die Halbstile dominieren - mehr oder weniger. Er geht also auch z.B. davon aus, daß die Romantik (Stil) den Realismus (Halbstil) dominiert. Das möchte ich nicht unbedingt unterschreiben. „Der Realismus war vor allem zu einer Verkürzung der Romantik fähig“ (**), so Wangenheim, der aber damit offenbar nicht gemeint hat, daß der Realismus die Romantik beendete, sondern eben sehr wahrscheinlich gemeint hat, daß nicht nur vor, sondern auch nach der Unterbrechung der Romantik durch den Realismus die Romantik vorherrschte.
Thomas Wangenheim, „Kultur und Igenium. Eine frktale Geometrie der Weltgeschichte“, 2013
Die Stile im Wechsel von Kultur und Ingenium. Vgl. Thomas Wangenheim, Kultur und Ingenium, 2013.
Spätabendländisches Ingenium
Realismus als Halbstil. Vgl. Thomas Wangenheim, Kultur und Ingenium, 2013.
Seine Gliederung in Stile und Halbstile und seine Bestimmungen, daß die Romantik ein Stil ist und der Realismus ein darin gewissermaßen „eingebetteter“ Halbstil, geben das so vor. Aber ist diese Vorgabe richtig? Die Literaturgeschichte gibt vor, daß der in etwa die 2. Hälfte des 19. Jahrunderts umfassende Realismus eine Reaktion auf den Idealismus und die in ihm nicht nur, aber doch größtenteils vertretene Romantik war. Wäre es demzufolge nicht sinnvoller, Romantik und Realismus so voneinander zu trennen, daß der Realismus nicht in Abhängigkeit von der Romantik erscheint, sondern als Stil gelten kann? So sieht es jedenfalls meine Theorie vor. Alle und jede Romantik, die dann noch auf den Realismus folgt, ist als Neoform oder Neuform zu bezeichnen: Neoromantik/Neuromantik, Neoneoromantik/Neueuromantik usw.. Selbstverständlich gilt das auch für alle neuen Formen des Realismus: Neorealismus/Neurealismus, Neoneorealismus/Neuneurealismus usw.. Diese Begriffe gibt es ja auch schon fast so lange wie die Phänomene selbst und sind nicht zufällig so gewählt worden. Außerdem „jongliert“ Wangenheim selbst ja auch mit den Neoformen, sogar bezüglich ganzer Stile, wie z.B. sein für die Gegenwart und/oder Zukunft auf völlig fraktale Weise abgeleiteter Stil namens „Neue Renaissance“ zeigt (siehe Abbildung rechts), was darauf rückschließen läßt, daß er das Bauhaus nicht unbedingt als Stil (siehe Abbildung links), sondern unter diesen Umständen als Halbstil einstufen will, der allerdings tatsächlich mit Renaissance nichts zu tun hat, abgesehen von der Glattheit, also davon, daß ihm die Ornamentik fehlt.

Mein fraktal-geometrischer Entwurf für die ägyptische, die antike und die abendländische Kulturgeschichte ist übrigens der folgende:

Fraktale Geometrie + Fraktale Geometrie = Fraktale Geometrie + Fraktale Geometrie = Fraktale Geometrie

Wangenheim geht davon aus, daß wir gerade auf eine „Neue Renaissance“ zusteuern oder sogar uns schon an ihrem Beginn befinden. Das ergibt sich eben aus der Logik seiner fraktalen Geometrie der abendländischen Geschichte. Ist eine solche „Neue Renaissance“ überhaupt möglich? Ja, grundsätzlich bzw. theoretisch schon. Aber ist das nicht eher fast unvorstellbar angesichts der derzeitigen kulturellen Entwicklung, besonders der demographischen, ökonomischen und politischen? Ja, es ist auch vorstellbar trotz, ja gerade wegen dieser Entwicklungen. Ist denn die Wahrscheinlichkeit für eine „Neue Renaissance“ eher hoch oder eher niedrig? Diese Frage ist schon schwieriger zu beantworten
Fraktale Geometrie Fraktale Geometrie
Das Abendland 2000: Die nächste Phase ist noch weit.
Fraktalität, „Tierkreis“, 12 „Eckpunkte“, 4 „Fixpunkte“.
Gemäß meiner Geschichtsphilosophie ist die Wahrscheinlichkeit gering, weil gemäß meiner Kulturtheorie die nächste Phase zeitlich noch relativ weit entfernt von uns ist (siehe Abbildung) und eher derjenigen ähneln wird, die zuvor schon andere Kulturen durchgemacht haben, d.h.: weil meine Geschichtsphilosophie nicht so sehr direkt (wie Wangenheims Geschichtsphilosophie), sondern eher indirekt, also eher über Umwege, und vielleicht sogar auch nur teilweise auf die fraktale Geometrie zurückgeht. Außerdem ist gemäß meiner Kulturtheorie der „Tod“ einer Kultur grundsätzlich stets möglich, wenn er auch nicht immer gleich wahrscheinlich ist und zukünftig viel wahrscheinlicher sein wird, als er es in der Vergangenheit war, die dann insgesamt ganze zwölf Phasen umfassen wird, von denen mindestens die letzten neun weniger vom „Tod“ bedroht waren, als die drei davor es gewesen waren und alle zukünftigen Phasen es sein werden. Ich weiß, daß meine Kultur-„Biographie“ nicht die einzig mögliche Deutung kulturgeschichlicher Phänomene ist, aber ich werde an ihr allein schon deshalb festhalten, weil Kultur und Leben und darum auch Kulturgeschichte und Biographien vieles gemeinsam haben und nah beieinander liegen, viel näher als Kultur und Geometrie, obwohl selbstverständlich jede Kultur von Raum und Zeit abhängig ist, aber Raum nicht nur geometrisch, sondern auch geographisch bzw. ökologisch („umweltlich“) ausgedeutet werden kann, und Zeit nicht nur kosmogenetisch (**) und auch nicht nur evolutionistisch (**), sondern auch geschichtlich (**) ausgedeutet werden kann, ja sogar muß, weil es gemäß meiner quadrialistischen Erkenntnistheorie (**) und auch meiner allgemeinen Entwicklungstheorie (**) mehrere Ebenen gibt, auf denen Entwicklung stattfindet und die auf eine erkenntnistheoretische Teilung der Welt in zwei Bereiche zurückgehen: Natur (Umwelt) und Kultur (System). **

Die Unterschiede zwischen meiner und Wangenheims Geschichtsphilosophie bezüglich Epochen („Quartale“) und Stile (Phasen):
Brune:
Kulturquartale und Kulturphasen und deren Differenzierung
Wangenheim:
Wangenheims Stile im Rahmen von Kultur und Ingenium
In der oberen Reihe ist die Gliederung der Epochen, in der mittleren Reihe die Gliederung der Stile, in der unteren Reihe eine der vielen alternativen Gliederungen der Epochen zu sehen.
Brune und Wangenheim (Versuch einer Kombination):
Brune und Wangenheim (Versuch einer Kombination)
Bei dieser Kombination ergibt sich vor allem das Problem der Zuordnung von Karolingik únd Ottonik, die gemäß meiner Theorie eine Phase (^), gemäß Wangenheims Theorie zwei
Phasen, die er „Stile“ oder „Stilepochen“ nennt, sind, was u.a. bedeutet, daß die Karolingik Teil einer ingeniösen Phase ist, obwohl gemäß Wangenheim die Karolingik doch kultisch ist.
Kulturmodell gemäß meiner Theorie
Ein Kuturmodell
gemäß meiner Theorie.
Kulturmodell gemäß meiner Theorie
Ein Kuturmodell
gemäß meiner Theorie.

Warten wir es ab, ob auf den mir jetzt zum Lesen noch verbliebenen 97 Seiten das Thema „Zuordnung“ zur Sprache kommt.

Gruß an Kiel.

17.01.2019, 20:04

Guten Abend, Herr Boden.

Folgend noch einige Zitate aus Wangenheims „Kultur und Ingenium“, Kapitel XII, XIV und XV:
(Thomas Wangenheim, Kultur und Ingenium, 2013, S. 324-325, 325, 329, 332, 332-333, 333, 335, 345, 346, 348, 349, 350-351, 356, 359, 361, 363, 364, 366, 367, 369-370, 370, 371, 378, 379, 381, 382, 383, 389, 390, 390-391, 397, 398, 399, 406, 407, 408, 411, 413, 415-416, 418, 419, 420).
Zum Abschluß dieser Buchbesprechung


 

 

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