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Sigmund Freud
(1856-1939)
Lebensphilosophie Pschoanalyse, Unbewußtes als lebensphilosophische Triebdynamik

NACH OBEN Sigmund Freud, der Begründer der theoretischen und praktischen Psychoanalyse, arbeitete zur Konzeption erfolgversprechender Behandlungsmethoden bei der Hysterie eng mit Josef Breuer (1842-1925) zusammen. Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte Freud das psychoanalytische Therapieverfahren, bei dem er zugleich seine grundlegenden Einsichten in die Triebstruktur menschlichen Verhaltens gewann. Als Zentraltrieb nahm er den Geschlechtstrieb an. In der Richtigkeit dieser Annahme sah sich Freud durch die starke emotionale Bindung seiner Patienten bestätigt. Da gerade die Entfaltung der geschlechtlichen Triebhaftigkeit des Menschen durch gesellschaftliche Regeln und Tabus unterdrückt wird, ergeben sich laut Freud hieraus die Fehlentwicklungen, die zu Neurosen führen, denen auszuweichen lediglich durch Sublimierung möglich sei. Freud weitete dementsprechend seine psychologische Theorie auf alle geistig-kulturellen, sozialen, mythologischen und religiösen Bereiche des menschlichen Lebens aus. Seine Lehre - vielfach stark kritisiert, abgelehnt, mißdeutet und teilweise auch widerlegt - hatte weltweit beträchtlichen Einfluß auf die Entwicklung nicht nur der Anthropologie, Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, sondern auch der Philosophie, Kunst und Literatur. Freud

Hatte Freud seine Psychoanalyse zunächst nur als eine Psychotherapie zur Heilung der verschiedenen Formen der Hysterie entwickelt, so wurde sie jetzt von ihm immer mehr ausgestaltet zu einer Lehre von den Eigengesetzlichkeiten und dem Wirken des Unbewußten, insbesondere des Trieblebens.

Nach dem 1. Weltkrieg wandte sich Freud immer mehr von den Problemen der Krankenbehandlung ab und der psychologischen Theorie, von ihm „Metapsychologie“ genannt, zu. Am Lebensabend behandelte er insbesondere kulturphilosophische Fragen, die er psychologistisch zu klären versuchte. Freud war ein Schüler der Lebensphilosophie, das heißt: Schüler des Willensmetaphysikers Schopenhauer (1788-1860 Schopenhauer) bzw. des Schopenhauer-Schülers Nietzsche (1844-1900 Nietzsche), obwohl Freud sein Schüler-Sein durch einen ausgeklügelten Abwehrmechanismus ständig verdrängen mußte und meinte, die Philosophie sei eine der anständigsten Formen der Sublimierung verdrängter Sexualität, nichts weiter. Die Tatsache, daß er damit auch die Psychoanalyse, die Lebensphilosophie und nichts weiter ist, ins Niemandsland stellte, kam dem Meister der Verdrängung wohl nicht mehr ins Bewußtsein. Offenbar war ausgerechnet sein Ich dem Über-Ich so vollends ausgeliefert, daß Es nichts mehr zu melden hatte. Denn ausgerechnet das seelenkundliche Genie Nietzsche inspirierte die Tiefenpsychologie als eine Disziplin der modernen analytischen Psychologie und Psychotherapie, und Freud „hatte zeitlebens Anlaß zu leugnen“, daß er durch dieses Nietzsche-Tor „zu seinen Ansichten gelangt sei und daß er seine Grundbegriffe von Nietzsche geliehen hatte“. (Vgl. Peter Sloterdijk, in: Focus 34, 2000, S. 85). - Eugen Bleuler (1857-1939) prägte den Begriff der Tiefenpsychologie, um die Bedeutung unbewußter Prozesse zu betonen. Daß das Seelenleben ausschließlich oder überwiegend durch den Sexualtrieb, durch Macht und Geltungstrieb oder durch das libidinöse Kollektiv-Unbewußte bestimmt sei, wird zwar hin und wieder von den tiefenpsychologischen Vertretern als die Wirklichkeit verfälschende Simplifikation und als Biologismus abgelehnt, doch einig scheinen sie sich darüber zu sein, daß die Tiefenpsychologie sich auf die Lehren von Sigmund Freud, Alfred Adler (1870-1937) und Carl Gustav Jung (1875-1961 Jung) zu stützen habe. Die Tiefenpsychologie entstand jedoch bereits in der Romantik bzw. im Idealismus, als auch die Psychologie selbst, zunächst als Mesmerismus, und die klassische Homöopathie sowie andere individualisierende oder „selbstversuchende“ Projekte entstanden waren. (Tabelle). Als dann später Nietzsche sein eigenes Werden exemplarisch untersuchte, entdeckte er selbst und durch ihn bald auch die Öffentlichkeit „den Ernst des Selbstgeburtkampfes, den das einzelne Individuum mit sich und seinem Schicksal auszufechten hat.“ Nietzsche hob „den Sachverhalt ans Licht, daß die Aufgabe, das eigene Leben aus dem rohstoffartigen Zustand herauszuführen und es zu einem Werk zu machen, den Charakter eines Ringens ums Ganze annehmen kann.“ Letztlich war Nietzsche vielleicht auch „mehr Psychagoge als Psychologe - und das will etwas sagen, denn zu Recht durfte man ihn ... als den größten Psychologen seines Zeitalters im Gedächtnis behalten“. (Vgl. Peter Sloterdijk, in: Focus 34, 2000; S. 84f.). Sloterdijk

Nicht Freud, sondern Nietzsche erfand die Psychoanalyse, die deshalb also eigentlich Nietzsche-Psychologie genannt werden muß. Auch alle aus der Psychoanalyse hervorgegangenen Psychotherapie-Arten gehen somit auf Nietzsche zurück. Nietzsche lebte im 19. Jahrhundert und als Psychologe bereits im 20. Jahrhundert, denn er und sonst niemand war der Begründer der für das 20. Jahrhundert typischen Psychotherapie (ob das auch noch für spätere Jahrhunderts gelten wird, wird man erst in Zukunft beurteilen können). Die Tatsache, daß Freud von Nietzsche abgeschaut und abgeschrieben und dabei auch noch viele Fehler gemacht hat, bestätigt die Regel, daß das Original besser ist als seine Kopien. Nietzsche war Philosoph (Lebensphilosoph), Philologe, Dichter, Psychologe, Psychagoge, Psychoanalytiker, Psychotherapeut und insofern ein „Genie des Egoismus“ (Rüdiger Safranski), als mit einen Egoisten „nur“ derjenige gemeint ist, der „mit sich selbst gut befreundet sein kann“ und das „Ressentiment“, den Neid und den Haß aus einer Selbstverfeindung heraus nicht (mehr) nötig hat, und genau dieser Egoismus ist auch Ziel der Psychonalyse und jeder der aus ihr hervorgegangenen Psychotherapie-Arten. Egoismus bedeutet für die meisten Psychotherapeuten wie schon viel früher für ihren Übervater Nietzsche etwas Positives, Anzustrebendes, Gesundes.

„Die Quelle des prinzipiellen Mißverständnisses, dem sich die Psychoanalyse verschreiben hatte, lag in ihrem naturalistisch verkleideten kryptophilosophischen Vorsatz, die conditio humana insgesamt von der Libidodynamik her, mithin von der Erotik, zu erklären. Dies hätte kein Verhängsnis bedeuten müssen, wäre das legitime Interesse der Analytiker für den energiereichen Eros-Pol der Psyche mit einer ebenso lebhaften Zuwendung zum Pol der thymotischen Energien verbunden gewesen. Nie war sie jedoch dazu bereit, mit gleicher Ausführlichkeit und Grundsätzlichkeit von der Thymotik des Menschen beiderlei Geschlechts zu handeln: von seinem Stolz, seinem Mut, seiner Beherztheit, seinem Geltungsdrang, seinem Verlangen nach Gerechtigkeit, seinem Gefühl für Würde und Ehre, seiner Indignation und seinen kämpferisch-rächerischen Energien.“ (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 27-28).

„Ihrem erotodynamischen Ansatz entsprechend brachte die Psychoanalyse viel von dem Haß ans Licht, der die dunkle Kehrseite der Liebe bildet. Es gelang ihr zu zeigen, daß das Hassen ähnlichen Gesetzen unterliegt wie das Lieben und daß hier wie dort Projektion und Wiederholungszwang das Kommando führen. Sie blieb weitgehend stumm angesichts des Zorns, der aus dem Streben nach Erfolg, Ansehen, Selbstachtung und dessen Rückschlägen entspringt. Das sichtbarste Symptom der freiwilligen Unwissenheit, die aus dem analytischen Paradigma folgte, ist die Narzißmustheorie, jenes zweite Aufgebot der psychoanalytischen Doktrin, mit dem die Unstimmigkeiten des ödipalen Theorems beseitigt werden sollten. Bezeichnenderweise wendet die Narzißmus-These ihr Interesse zwar den menschlichen Selbstaffirmationen zu, möchte diese jedoch gegen alle Plausibilität in den Bannkreis eines zweiten erotischen Modells einschließen. Sie nimmt die vergebliche Mühe auf sich, die eigensinnige Fülle der thymotischen Phänomene von der Autoerotik und deren pathogenen Zersplitterungen abzuleiten. Zwar formuliert sie ein respektables Bildungsprogramm für die Psyche, das die Transformation der sogenannten narzißtischen Zustände in reife Objektliebe zum Ziel hat. Es kam ihr nie in den Sinn, einen analogen Bildungsweg für die Hervorbringung des stolzen Erwachsenen, des Kämpfers und Ambitionsträgers, zu entwerfen. Das Wort »Stolz« ist für Psychoanalytiker meist nur ein inhaltsleerer Eintrag ins Lexikon des Neurotikers. Zu dem, was das Wort bezeichnet, haben sie aufgrund einer Verlernübung, die sich Ausbildung nennt, den Zugang praktisch verloren.“ (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 28-29).

„Narziß jedoch ist unfähig, Ödipus zu helfen. Die Wahl dieser mythischen Modellpersonen verrät mehr über den Wähler als über die Natur des Gegenstands. Wie sollte ein Jüngling mit grenzdebilen Zügen, der nicht zwischen sich und seinem Spiegelbild unterscheiden kann, die Schwächen eines Mannes kompensieren, der den eigenen Vater erst in dem Moment kennenlernt, in dem er ihn totschlägt, und dann aus Versehen mit der eigenen Mutter Nachkommen zeugt?  Beide sind Liebende auf trüben Pfaden, beide verirren sich so sehr in erotischen Abhängigkeiten, daß nicht leicht zu entscheiden wäre, wer von ihnen als der Elendere gelten soll. Eine Galerie der Prototypen menschlicher Kläglichkeit ließe sich überzeugend mit Ödipus und Narziß beginnen. Man wird solche Figuren bedauern, nicht bewundern, und soll doch in ihren Schicksalen, wenn es nach den Lehren der Schule ginge, die mächtigsten Muster für die Lebensdramen aller anerkennen. Welche Tendenz diesen Beförderungen zugrunde liegt, ist unschwer zu durchschauen. Wer Menschen zu Patienten - das heißt zu Personen ohne Stolz - machen möchte, kann nichts Besseres tun, als Figuren wie diese zu Emblemen der conditio humana zu erhöhen. In Wahrheit hätte ihre Lektion in der Warnung liegen müssen, wie leicht die unberatene und vereinseitigte Liebe ihre Subjekte zum narren hält. Nur wenn das Ziel darin besteht, den Menschen ab ovo als Hampelmann der Liebe zu porträtieren, wird man den elenden Anebeter des eigenen Bildes und den ebenso elenden Liebahber seiner Mutter zu Mustern menschlichen Daseins erklären.“ (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 29-30).

„Kaum treten bei Individuen oder Gruppen »Symptome« wie Stolz, Empörung, Zorn, Ambition, hoher Selbstbehauptungswille und akute Kampfbereitschaft auf, nimmt der Parteigänger der thymós-vergessenen Kultur Zuflucht zu der Vorstellung, diese Leute müßten Opfer eines neurotischen Komplexes sein. Die Therapeuten stehen hier in der Tradition der christlichen Moralisten, die von der natürlichen Dämonie der Selbstliebe sprechen, sobald die thymotischen Energien sich offen zu erkennen geben. Haben die Europäer über den Stolz wie den Zorn nicht von den Tagen der Kirchenväter (Kirchenväter) an zu hören bekommen, solche Regungen seien es, die den Verworfenen den Weg in den Abgrund weisen? .... Die Aufgabe lautet also, eine Psychologie des Eigenwertbewußtseins und der Selbstbehauptungskräfte wiederzugewinnen, die den psychodynamischen Grundgegebenheiten eher gerecht wird. Das setzt die Korrektur des erotologisch halbierten Menschenbildes voraus, das die Horizonte des 19. und 20. Jahrhunderts umstellt. Zugleich wird eine empfindliche Distanzierung von tief eingeschliffenen Konditionierungen der westliuchen Psyche notwendig, in ihren älteren religiösen Ausprägungen ebenso wie ihren jüngeren Metamorphosen. Zunächst und vor allem ist Abstand zu gewinnen von der unverhüllten Bigotterie der christlichen Anthropologie, nach welcher der Mensch in seiner Eigenschaft als Sünder das hochmutkranke Tier abgibt, dem nur durch Glaubensdemut geholfen werden kann. Man soll sich nicht einbilden, eine hiervon Distanz schaffende Bewegung wäre leicht auszuführen oder gar schon vollzogen. Wenngleich die Phrase »Gott ist tot« jetzt schon von Journalisten geläufig in den Computer eingegeben wird, bestehen die theistischen Demutsdressuren im demokratischen Konsensualismus nahezu ungebrochen fort. Es ist, wie man sieht, ohne weiteres möglich, Gott sterben zu lassen und doch ein Volk von Quasi-Gottesfürchtigen zu behalten. Mögen die meisten Zeitgenossen von anti-autoritären Strömungen erfaßt sein und gelernt haben, eigene Geltungsbedürfnisse auszudrücken, so halten sie doch in psychologischer Sicht an einem Verhältnis semirebellischer Vasallität gegenüber dem versorgenden Herrn fest. Sie verlangen »Respekt« und wollen auf die Vorteile der Abhängigkeit nicht verzichten. Noch schwieriger dürfte es für viele sein, sich von der verhüllten Bigotterie der Psychoanalyse zu emanzipieren, nach deren Dogmatik auch der kraftvollste Mensch nicht mehr sein kann als der bewußte Dulder seiner liebeskranken Kondition, die Neurose heißt. Die Zukunft der Illusionen ist durch die große Koalition gesichert: Das Christentum wie die Psychoanalyse können ihren Anspruch, die letzten Horizonte des Wissens vom Menschen zu umschreiben, mit Aussicht auf Erfolg verteidigen, solange sie sich darauf verstehen, ein Monopol für die Definition der menschlichen Kondition durch den konstitutiven Mangel, vormals besser bekannt als Sünde, aufrechtzuerhalten. Wo der Mangel an der Macht ist, führt die »Ethik der Würdelosigkeit« das Wort. - Solange also die beiden klugen Bigotteriesysteme die Szene beherrschen, ist die Sicht auf die thymotische Dynamik menschlicher Existenz verstellt, in bezug auf Individuen nicht weniger als in bezug auf politische Gruppen. Folglich ist der Zugang zum Studium der Selbstbehauptungs- und Zorndynamik in psychischen und sozialen Systemen praktisch blockiert. Stets muß man mit den ungeeigneten Konzepten der Erotik auf die thymotischen Phänomene zugreifen. Unter der bigotten Blockade kommt die direkte Intention nie wirklich zur Sache, da man sich nur noch mit schrägen Zügen den Tatsachen nähern kann - immerhin sind diese, ihrer erotischen Fehlauffassung zum Trotz, nie ganz zu verdunkeln. Ist diese Verlegenheit beim Namen genannt, wird klar, daß ihr allein durch die Umstellung des grundbegrifflichen Apparats abzuhelfen ist.“ (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 32, 34-36). Außerdem „haben christlich und psychoanalytisch geprägte Denker bis heute Mühe zuzgeben, daß Freiheit ein Begriff ist, der nur im Rahmen einer thymotischen Menschensicht Sinn ergibt. Ihnen sekundieren mit hohem Eifer die Ökonomen, die den Menschen als das konsumierende Tier ins Zentrum ihrer Appelle stellen - sie wollen dessen Freiheit nur bei der Wahl der Futternäpfe am Werk sehen. .... Biologisch betrachtet, bedeutet Freiheit das Vermögen, das gesamte Potential spontaner Bewegungen zu aktualisieren, die einen Organismus eigentümlich sind. ... Stolzdynamisch bewegte Gruppen haben es manchmal sogar nicht ungern, bei ihren Nachbarn und Rivalen unbeliebt zu sein, solange das ihrem Souveränitätsgefühl Auftrieb gibt. .... Auf dem Feld des Kampfs um Anerkennung wird der Mensch zu dem surrealen Tier, das für einen bunten Fetzen, eine Fahne, einen Kelch sein Leben riskiert. .... Sofern der bürgerlich konditionierte Thymos der psychologische Sitz des von Hegel (1770-1831Hegel) dargestelletn Strebens nach Anerkennung ist, wird verständlich, warum ausbleibende Anerkennung durch relevante Andere Zorn erregt.“ (Ebd., S. 37-43). Laut Sloterdijk sind Thymos und Eros wie die zwei Brennpunkte in einer Ellipse anzusehen, und so komme es darauf an, sie im Gleichgewicht zu halten. Freud hat von seinem Lehrer Nietzsche nicht beide Konzepte - Thymos und Eros - übernommen, sondern nur eines: Eros, noch dazu auf übertriebene Weise und, ob bewußt oder unbewußt, im Sinne einer dem Christentum sehr ähnlichen scheinheiligen „Moral“, die die Menschen blockiert und auch blockieren soll, ganz besonders über das schlechte Gewissen.

Seit der Bürgerlichen Revolution hat man die Lehre vom Thymos vergessen, scheinen z.B. „Zorn, Ehrgeiz und Empörung als Motive zu Auftritten auf der politischen Bühne damals wie heute nie zureichend zu sein ... Immerhin dämmert die Einsicht, wonach ohne die unvornehme Basis der edlere Überbau Fiktion bleiben mußte. Das Vergilisch-Freudsche Motiv, man wolle die Unterwelt aufrühren, wenn man die oberen Götter nicht für sich einnehmen kann, beschreibt nicht nur die Hadesfahrten der Psychoanalyse; es deutet auch auf die politischen Arrangements zur Freisetzung der Kräfte, die unter den zivilisatorischen Hüllen auf die Gelegenheit zum Ausbruch warten wie Typhon, das hundertköpfige Ungeheuer, das Zeus vorzeiten unter dem Ätna begraben hatte.“ (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 185). Für Freud und seine Psychoanalyse standen das Thymotische (Stolz, Zorn, Geltungsstreben, Ehrgeiz, Empörung, Rache, Neid, Gier u.s.w.) und das Erotische (Geschlechtstrieb, „Libido“, sexuelles Begehren u.s.w.) nicht gleichwertig nebeneinander, z.B. wie jeder der zwei Brennpunkt einer Ellipse, die man vielleicht Wille oder Trieb nennen könnte (vgl. Nietzsches Wille zur Macht), und deren zwei Brennpunkte - Thymos und Eros - stets im Gleichgewicht zu halten sind. Nicht nur geometrisch gesehen gilt für alle Punkte in der Ellipse (z.B. Wille), daß die Summe ihrer Abstände zu den zwei Brennpunkten F1 (z.B. Eros) und F2 (z.B. Thymos) konstant ist und daß der Mittelpunkt (z.B. Macht) der Strecke zwischen den zwei Brennpunkten zugleich der Mittelpunkt der Ellipse ist. Also ist Macht gesund, ganz besonders im Hinblick auf das Thymos-Eros-Gleichgewicht. Für Sloterdijk gibt es „zwei Typen von Revolutuion“: „die erotische Revolution des Bürgertums, die giergetrieben ist, und die thymotische Revolution der Armen, die nur funktioniert, wenn sie stolzgetrieben bleibt.“ (Sloterdijk). Das Thymotische jedoch hat der bürgerliche Psychoanalytiker Freud total verdrängt.

Entscheidend für Freud war die Annahme des Unbewußten (oder des Es) als Teil des Psychischen außer dem Bewußten (Ich) und die Annahme einer Kraft, die dafür sorgt, daß es unbewußte Vorstellungen gibt: die Verdrängung. Freud fand in der psychoanalytischen Technik Mittel, diese widerstrebende Kraft aufzuheben und die betreffenden Vorstellungen bewußt zu machen. Neurosen schienen für Freud durch das Vorwalten wirksamer unbewußter Vorstellungen bestimmt zu sein und könnten demanch durch Bewußtmachen auch beseitigt werden. Freud sah sich mit seiner Entwicklung des Unbewußten als ein zweiter Kant (1724-1804Kant). (Vgl. „Kopernikanische Wendung“ Kopernikanische Wendung). Die Korrektur, die Kant an der äußeren Wahrnehmung gemacht hatte, daß sie subjektiv bedingt sei und daß hinter ihr das unerkennbare Ding-an-sich ("Ding an sich") stünde, machte Freud nun für die innere oder Selbst-Wahrnehmung. So wie nach Kant die Dinge an sich nicht so zu sein brauchen, wie sie uns erscheinen, so braucht nach Freud auch das Psychische, also das innere Objekt, nicht so zu sein, wie es uns erscheint. Ganz so unerkennbar wie Kants Dinge an sich sei das innere Objekt allerdings nicht, meinte Freud, denn in dessen Erkenntnis und Behandlung bestehe schließlich die ganze Psychoanalyse als Therapie und Technik der seelischen Kräfte. Freud verglich auch die Philosophie, neben Kunst und Religion, mit der Neurose. „Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der Religion und der Philosophie. Andererseits erscheinen sie wie Verzerrungen derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems“. (Freud). Der Neurotiker, meinte Freud, wendet sich von der Wirklichkeit ab, weil er sie - ihr Ganzes oder Stücke desselben - unerträglich findet, und ersetzt sie durch eine Wahnwelt. Sind also Künstler, Religiöse und Philosophen Neurotiker?  Und Freud?

Schon Hegel (1770-1831Hegel) hatte Kunst, Religion und Philosophie als „Selbstbefriedigungen des absoluten Geistes“ bezeichnet, gwissermaßen als Selbsttherapien des Geistes. (Hegel). Nietzsche vermutete, daß hinter der Logik und Philosophie physiologische Forderungen stünden, daß Philosophie bisher ein „Mißverständnis des Leibes“ gewesen sein könnte. (Nietzsche). Freud konnte an Nietzsches Versuche psychoanalytischer Aufklärung anknüpfen. Allerdings verschonte er - wohl zum Dank - Nietzsches Philosophie selbst von einer psychoanalytischen Aufklärung. Oder lag das an Freuds eigenem Komplex?  Der Ödipuskomplex bildete ja für Freud als das inzestuöse Verlangen (die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht auf den Vater) den Kern aller Verdrängungen (des Mannes). In der unzulänglichen Bewältigung des Ödipuskomplexes sah er den Grund für seelische Störungen und Neurosen. Und wo für Männer der Ödipuskomplex war, da sollte für Frauen der Elektrakomplex werden. Analog zu Freuds Ödipuskomples ist Jungs Elektrakomplex zu sehen: der verdrängte Wunsch der Tochter, mit dem Vater inzestuöse Beziehungen einzugehen. Jung nannte seine Lehre „Analytische Psychologie“, in der das Unbewußte den schöpferischen Mutterboden des Bewußtseins darstellt und persönliche, der Ontogenese, und kollektive, der Phylogenese entstammende Inhalte umfaßt. Letztere seien die artbedingten Aktions- und Reaktionsweisen der Psyche: die Archetypen (z.B. Animus vs. Anima).

„Man darf die Frage offenlassen, ob es die von Freud reklamierte psychoanlytische Kränkung des Menschen je wirklich gegeben hat, ausgelöst durch die vorgeblich unwillkommene Entdeckung, das Ich sei nicht Herr im eigenen Hause. Mit Gewißheit gibt es die behavioristische Kränkung des Menschen, die ebensogut die asketologische heißen kann. Sie folgt aus der Feststellung, wonach unser Dasein sich zu 99,9% aus Wiederholungen zsuammensetzt, von denen die meisten strikt mechanischer Natur sind. Diese Kränkung ist nur durch die Einbildung zu bewältigen, man selbst sei trotzdem origineller als so mancher andere. Setzt man sich einer anspruchsvolleren Selbstbeobachtung aus, gerät man in den psychosomatischen Maschinenraum der eigenen Existenz. Dort ist für die übliche Spontaneitätsschmeichelei nichts zu holen, auch Freiheitstheoretiker bleiben besser oben. Bei dieser Untersuchung dringt man in ein nicht-psychoanalytisches Unbewußtes vor, das alles umfaßt, was zu den normalerweise unthematischen Rhythmen, Regeln und Ritualen rechnet, gleich ob es auf kollektive Muster oder auf idiosynkratische Spezialisierungen zurückgeht. In diesem Bereich ist alles höhere Mechanik, intime Einbildungen von Nicht-Mechanik und unkonditioniertem Für-sich-Sein inbegriffen. Die Summe dieser Mechaniken erzeugt den Überraschungsraum Persönlichkeit, in dem doch nur äußerst selten Überraschendes geschieht. Die Menschen bewohnen nicht Territorien, sondern Gewohnheiten. Radikale Umzüge greifen zuerst die Einwurzelung in den habits an, erst dann die Orte, in denen die Gewohnheiten gründen. Seit die Wenigen explizit üben, wird evident, daß implizit alle üben, ja mehr noch, daß der Mensch ein Lebewesen ist, das nicht nicht üben kann - wenn üben heißt: ein Aktionsmuster so wiederholen, daß infolge seiner Ausführung die Disposition zur nächsten Wiederholung verbessert wird.“ (Vgl. Peter Sloterdijk, Das Lebewesen, das nicht nicht üben kann, in: ders., Du mußt dein Leben ändern, 2009; S. 642-643).

Die von Freud unterstellten „Kränkungen“ der Menschheit sind in Wirklichkeit Triumphe* der Erkenntnis.Triumphe der Erkenntnis
1.) Kosmische „Kränkung“?Der Mensch steht nicht im Zentrum der Welt! Triumphale Erkenntnis
 a)Die Erde, auf der der Mensch lebt, steht nicht im Zentrum.
 b)Die Sonne, um die die Erde kreist, steht nicht im Zentrum.
 c)Die Galaxis, um deren Zentrum die Sonne kreist, steht nicht im Zentrum.
 d)Das Universum steht nicht im Zentrum.
2.) Biologische „Kränkung“?Der Mensch stammt nicht von Gott ab! Triumphale Erkenntnis
 a)Der Mensch stammt vom Tier ab.
 b)Alle Lebewesen stammen vom Anorganischen ab.
 c)Das Anorganische stammt vom Zufall ab.
3.) Seelische „Kränkung“?Der Mensch bestimmt sich nicht selbst! Triumphale Erkenntnis
 a)Das Unbewußte des Menschen beherrscht das Bewußtsein des Menschen.
 b)Fremde Mächte beherrschen das Unbewußte des Menschen.
4.) Geistige „Kränkung“?Der Mensch kann nicht Gott werden! Triumphale Erkenntnis
 a)Der Geist, der den Menschen „frei“ macht, ist nicht allmächtig.
* Das „Triumphale“ daran ist nicht die absolute, sondern nur die relative Beseitigung alter Abhängigkeiten, weil (a) dabei neue Abhängikeiten entstehen, (b) absolute Freiheit unmöglich ist.

Bewußtseinsphilosophie schließt ja die Ziele der praktischen Philosophie nicht aus, denn Bewußtsein hat auch mit dem Leiblichen zu tun und ist auch immer affektiv bestimmt durch das, was Schopenhauer den „Willen“ nannte. (Schopenhauer). Freud nannte es Trieb (Libido, Eros, Unbewußtes). Bewußtsein und Vernunft sind durch und durch vom Lebens- oder Zeugungswillen bestimmt oder besessen. In Schopenhauers „Willen“ konnte Freud sein „Unbewußtes“ entdecken. Schopenhauers Schüler Nietzsche war der Lehrer Freuds. Ob Welt, Macht oder Unbewußtes: es geht um den Willen! (Vgl. 1. Hauptbestandteil der Lebensphilosophie: Willensmetaphysik bzw. Willensphilosophie Lebensphilosophie).

Die Existenzphilosophie, die ebenfalls aus der „Alten Schule“ (Alte Schule) hervorging, aber insbesondere auf Kierkegaard () basiert, hatte ihre größten Erfolge in der Zeit der „Mittleren Schule“ (Mittlere Schule). Für den Kulminationspunkt kann man sogar eine Jahreszahl angeben: 1927, als Martin Heidegger (1889-1976 ) mit Sein und Zeit () berühmt wurde. Seit Heideggers „fundamentalen“ Leistung, der Existenz-Ontologie (Fundamentalontologie ), wird mittels einer Daseinsanylyse das Dasein des Menschen dazu benutzt, das Wesen und den Sinn des (im menschlichen Dasein anwesenden) Seins zu erschließen. Wäre Freud 1927 überzeugter Existentialist geworden, hätte er seine Lehre vom Unbewußten wohl „verdrängen“ müssen. Jean-Paul Sartre (1905-1980 ) bereicherte die Existenzphilosophie mit einer existentiellen Psychoanalyse, speziell mit einer Existenzanalyse, der die Aufgabe zufällt, „in streng objektiver Form die subjektive Wahl ans Licht zu ziehen, durch die jede Person sich zur Person macht, d.h. sich verkünden läßt, was sie ist.“ Triebe, Neigungen u.s.w. sind (nur noch) zweitrangig in bezug auf diese Wahl. „Der psychische Tatbestand erstreckt sich genau so weit wie das Bewußtsein.“ Die Lehre vom Unbewußten wird hier also verworfen. (Vgl. 2. Hauptbestandteil der Lebensphilosophie: Existenzmetaphysik bzw. Existenzphilosophie Lebensphilosophie).

Die abendländische (skeptisch-moderne) Schule der Lebensphilosophie
besteht ganz allgemein aus einem ersten und einem zweiten Schulkurs:
1.) dem willensphilosophischen „Schopenhauer-Pflichtkurs“ (Hauptfach Schopenhauer),
2.) dem existenzphilosophischen „Kierkegaard-Wahlpflichtkurs“ (Nebenfach ).

Sigmund Freud war einer der Schüler aus der „Mittleren Schule“
der willensmetaphysischen „Schopenhauer-Schulklasse“, weil er ein
Schüler Nietzsches (Nietzsche), des Lehrers jener „Mittleren Schule“, war.

Die modernistische „Kopernikanische Wendung“, mit der schon Kant (Kant) berühmt wurde (Kant, Vater der Moderne), ist ein für „Spätdenker“ (Spätdenker), d.h. für die Moderne, ganz typischer Begriff, mit dem auch viele Lebensphilosophen liebäugeln: Freud, Spengler (Spengler) und Sloterdijk (Sloterdijk) sind nur einige Beispiele hierfür. Doch gerade die bewußt erklärten Willensäußerungen sind es doch, die nicht zu der Wiederholung führen, zu der sie führen sollen. Das hätte Freud doch wissen müssen, aber gearde er war es, der wiederholen wollte, was nicht zu wiederholen ist.

 

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Anmerkungen:


„KANT, DER VATER DER MODERNE“, schrieb z.B. der Rheinische Merkur in Großlettern anläßlich des 200. Todestages des revolutionären Denkers. In der Zeitung äußerte sich am 12.02.2004 Professor Otfried Höffe (Höffe), ausgewiesener Kant-Experte und Autor der gerade erschienenen Einführung „Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie“ (C. H. Beck, München, 2003), zur Aktualität des deutschen Meisterdenkers aus Königsberg: „Ohne Zweifel ist die Anzahl der Kantschen Elemente, die in unserem kulturellen Bewußtsein präsent ist, weitaus höher, als es zunächst den Anschein haben mag. Wichtig ist etwa Kants Vorstellung von der Kritik der reinen Vernunft. Sein Buch mit diesem Titel beinhaltet ein philosophisches Programm, das ein Stück Weltgeschichte geschrieben hat. Kant versteht Kritik nicht im Sinne einer Verurteilung, sondern eines Gerichtsprozesses, der charakteristischerweise keine externe Instanz kennt. Die Vernunft muß vielmehr über sich selbst zu Gericht sitzen. Nach dem Muster von Kopernikus, der die Stellung des Subjekts im Kosmos neu zu denken forderte, entwickelte Kant ferner eine grundlegend neue Erkenntnistheorie: Nur wenn der Mensch einen anderen Standpunkt gegenüber dem Erkennen einnimmt, kann man verstehen, was wissenschaftliche Erkenntnis ist. Man könnte noch eine Vielzahl von Elementen nennen, wie etwa den Gedanken der Unantastbarkeit der Menschenwürde: Der Mensch besitzt einen Wert, der nicht verrechnet werden darf, sondern, wie Kant sagt, über jeden Preis erhaben ist. Auch könnte man auf die heutige Mathematiktheorie, Physiktheorie oder Religionsphilosophie eingehen und träfe überall Kantsche Gedanken an. Beinahe alle Felder der Philosophie werden von Kant revolutionär neu bestellt, und die Landschaft des abendländischen Denkens erhält ihr modernes Gesicht.“ (Otfried Höffe). - Adelbert Reif (Rheinischer Merkur): „Nach einem berühmten Bonmot ist seit dem Denken der frühen Griechen keine wirklich »neue Philosophie« mehr entstanden. Erst Kant hätte eine »neue Dimension« im philosophischen Denken erschlossen. ....“ - Dazu Otfried Höffe: „Alfred North Whitehead, der Autor des Bonmots, meinte, die Geschichte der abendländischen Philosophie sei eine Geschichte von Fußnoten zu Platon. Das kann man so sehen, darf allerdings nicht vergessen, daß Platon bereits viele Generationen nach den Anfängen der Philosophie seine Gedanken entwickelte. Als Philosophen kann man die führenden kreativen Intellektuellen ihrer Zeit bezeichnen. So gesehen, gibt es immer wieder, vielleicht in Abständen von einigen Generationen, weltbewegend neue Gedanken. Innerhalb dieses kleinen Kreises der wirklich großen Philosophen gehört Kant zweifellos zu den Allergrößten. Neben Platon und Aristoteles, die in der abendländischen Philosophiegeschichte gewissermaßen den Rang von »Kirchenvätern der antiken Philosophie« einnehmen, ist Kant – eventuell mit Hobbes für das politische Denken und mit Hegel – der »Kirchenvater der neuzeitlichen Philosophie«.“ (Otfried HöffeHöffe). Ich würde sagen: Kant ist mit Hegel der „Vater der modernen Philosophie“. (Vgl. dazu: Moderne, Modernismus, Spät-Denker). Erwachsen Erwachsen

Otfried Höffe (*1943) ist Professor für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen in jüngster Zeit zählen: „Aristoteles“ (2. Aufl. 1999), „Immanuel Kant“ (5. Aufl. 2000), „Lexikon der Ethik“ (Hrsg., 6. Aufl. 2002) und „Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlagen der modernen Philosophie“ (2003). Höffe ist Herausgeber der beiden Bände „Klassiker der Philosophie“ sowie der Reihe „Denker“ (alle bei C. H. Beck, München).

Martin Heidegger (1889-1976), Sein und Zeit (1927). Rüdiger Safranski (*1945Safranski) behauptet: „Selbstverständlich lebt Heideggers Philosophie der Angst auch aus der allgemeinen krisenhaften Stimmung der zwanziger Jahre. Das Unbehagen in der Kultur - Freuds Essay unter diesem Titel erschien 1929 (Freud) - war weit verbreitet. Die Weltanschauungsessayistik dieser Jahre war geprägt vom unbehaglichen Gefühl einer untergehenden, verkehrten oder entfremdeten Welt. Die Diagnosen waren düster und die Therapieangebote zahlreich. ... SEIN UND ZEIT gehörte in diese krisenhafte Stimmungslage, aber unterschied sich vom einschlägigen Genre dadurch, daß hier keine Therapie angeboten wurde. Freud hatte 1929 seine Diagnose über das »Unbehagen in der Kultur« mit den Worten eingeleitet: »So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich keinen Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle.« Diese Worte passen auch auf das Heideggersche Unternehmen. Auch er denkt aus der Erfahrung des Unbehagens und weigert sich, als Prophet aufzustehen und »Trost zu bringen«. Allerdings ließen sich mit Heideggers emphatischer Frage nach dem »Sinn von Sein« solche Erwartungen sehr wohl wecken. Sie wurden auch geweckt - aber eben nicht erfüllt. Daß diese Erwartung enttäuscht werden muß, gehört zur Botschaft von SEIN UND ZEIT, die da lautet: Es steckt nichts dahinter. (NICHTS!). Der Sinn von Sein ist die Zeit; die Zeit aber ist kein Füllhorn von Gaben, sie gibt uns keinen Gehalt und keine Orientierung. Der Sinn ist die Zeit, aber die Zeit ›gibt‹ keinen Sinn (Mehr)“  (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 177-178Safranski). Trotzdem hat auch Heidegger versucht, „seelische Störungen mit Hilfe der Grundbegriffe der Daseinsanalyse () von SEIN UND ZEIT verständlich zu machen. Es wurden Krankengeschichten durchgesprochen. Die leitende Fragestellung war dabei, ob und inwieweit der offene Weltbezug beeinträchtigt sei. Offener Weltbezug bedeutet: die Gegenwart »ausstehen«, ohne in die Zukunft oder die Vergangenheit auszuweichen. Heidegger wirft der Freudschen Psychoanalyse vor, daß sie diesen Gegenwartsbezug durch konstruierte Theorien über die Vorgeschichte des Leidens eher erschwert. Weiterhin bedeutet offener Weltbezug, jenen Zwischenraum zu bewahren, worin die Menschen und Dinge zum Vorschein kommen können. Der Manisch-Depressive beispielsweise kennt dieses freie, offene Gegenüber nicht, er kann weder die Dinge noch die Mitmenschen raum-zeitlich dort lassen, wohin sie gehören; entweder sind sie ihm zu fern oder zu nah: er verschlingt sie und wird von ihnen verschlungen - oder sie verschwinden in eine große Leere, einer inneren und äußeren. Was ihn aus der Welt anspricht, kann er nicht mehr vernehmen und festhalten. Eine abstandhaltende Nähe zu den Dingen und Menschen ist ihm nicht möglich. Es fehlt die Gelassenheit, die sich selbst und den Mitmenschen - sein läßt. Immer wieder kommt Heidegger darauf zurück, daß die meisten seelischen Krankheiten sich als eine Störung des ›Existierens‹ im wörtlichsten Sinne verstehen lassen: das ›Aus-stehen‹ des offenen Weltbezugs gelingt nicht.“  (Rüdiger Safranski, ebd., 1994, S. 448-449). Außerdem: „In SEIN UND ZEIT lautet die Formel für die Fähigkeit, sich einsetzen zu können: »Mut zur Angst«.“  (Rüdiger Safranski, ebd., 1994, S. 171). Mehr

„Der Sinn von Sein ist - die Zeit. (Mehr). Die Pointe wird verraten, aber um sie verständlich zu machen, braucht Heidegger nicht nur dieses ganze Buch (SEIN UND ZEIT), sondern auch den Rest seines Lebens.“ (Ebd., S. 172). Safranski meint: „Das Fragen war Heideggers Leidenschaft, nicht das Antworten. Wonach er fragte und suchte, das nannte er - das Sein. Ein philosophisches Leben lang stellte erimmer wieder diese  e i n e  Frage nach dem Sein. Der Sinn dieser Frage ist kein anderer, als dem Leben das Geheimnis, das in der Moderne zu verschwinden droht, wieder zurückzugeben.“ (Ebd., S. 13). „Eine von Heideggers Formeln für die Abwehr der Zumutung, doch nun endlich die Frage nach dem Sein zu beantworten, lautet in der Nietzsche Vorlesung (1936/37): »Mit dem Sein ist es nichts ...«. Das bedeutet: Sein ist nichts, woran man sich festhalten könnte. ... Die Frage nach dem Sein soll verhindern, daß die Welt zum Weltbild wird. Als Heidegger merkte, daß dieses ›Sein‹ selbst zu einem Weltbild werden könnte, schrieb er es mit einem Ypsilon (Seyn), und manchmal behalf er sich auch, indem er ›Sein‹ ausschrieb und dann durchstrich (Sein). ... Heidegger aber versucht den Gedanken durchzuhalten: der Sinn des Seins ist die Zeit. Nietzsche macht aus der Zeit ein Sein, Heidegger aus dem Sein die Zeit.“ (Ebd., S. 341-342). Die Zeit ist ja „nicht auf dieselbe Weise wirklich wie die vorkommenden Dinge, die auch altern und ihre Zeit haben. Nur der Mensch erlebt, wie etwas, das ist, wenig später nicht mehr ist, und etwas, das noch nicht ist, nun ins Sein tritt. Der Mensch ist die offene Stelle im Sein, der Schauplatz, wo das Sein ins Nichts und das Nichts ins Sein umschlägt.“ (Ebd.; S. 383). Wenn also für Heidegger etwas eine besonders eröffnende Kraft besitzt, dann diese „e i n e  Frage, die er sein philosophisches Leben lang gestellt hat: die Frage nach dem Sein. Der Sinn dieser Frage ist kein anderer als dieses Offenhalten, dieses Verrücken, Hinausrücken in eine Lichtung (Lichtung), wo dem Selbstverständlichen plötzlich das Wunder seines »Da« zurückgegeben wird; wo der Mensch sich als Ort erfährt, wo etwas aufklafft, wo die Natur die Augen aufschlägt und bemerkt, daß sie da ist, wo es also inmitten des Seenden eine offene Stelle, eine Lichtung gibt, und wo die Dankbarkeit möglich ist, daß es dies alles gibt. In der Seinsfrage verbirgt sich die Bereitschaft zum Jubel. Die Seinsfrage im Heideggerschen Sinne bedeutet, die Dinge zu lichten ....“ (Ebd., S. 473).

„Legt man die von dem Psychoanalytiker und Paläoanthropologen John Bowlby beschriebenen Standards des seit dem Pleistozän evolutionär eingespielten Verkehrs zwischen Mutter und Kind zugrunde, so ergibt sich, über die neun-monatige intrauterine sowie die zwölf-monatige extrauterine Gestation hinaus, ein Zeitraum von insgesamt vier bis fünf Jahren, in welchem das kleine Kind durchgehend auf einen hohen Bemutterungsaufwand und die permanente Nähe von mütterlichen oder allomütterlichen Figuren angewiesen ist; selbst nach dieser Zeit bildet die Rückbindung des Kindes an betreuende Instanzen einen bleibenden psychosozialen Imperativ. Daß in einem solchen Regime die Geburtenfrequenz permanent niedrig gehalten werden muß, gleichgültig mit welchen Mitteln, versteht sich von selbst, weil die Überforderung durch Mehrfachbemutterung aus der Sicht der Frau die schlechthin zu meidende Gefahr darstellt. Hier erscheint das verfrühte zweite, das überzählige, das lästige Kind als der Gast, durch den das Böse kommt. Daher ist in den frühesten informellen Ethiken diesem Invasor gegenüber jede Reaktion erlaubt - Spuren solcher Empfindungsweisen lassen sich bis in die moderne Reklamation eines Abtreibungsrechts durch die nicht-bereite Frau verfolgen. Doch eben der hiermit benannte worst case, die Simultanbeanspruchung durch dicht aufeinanderfolgende Geburten, entwickelt sich mit den agrokulturellen Lebensformen zur Standardsituation der verheirateten Frauen. Die Gesamtlage nach dem Übergang zum Ackerbau erlaubt es zwar, die Invasion der Kinder in die Bauern- und Herrenfamilien materiell aufzufangen und die zahlreichen Gäste mit Hilfe des Mehrprodukts kultivierter Böden durchzufüttern, aber die psychische Versorgung der Invasoren wird durchgehend problematisch. Das bekannteste Symptom dieses systemisch bedingten Mißstands ist der Benjamin-Effekt. Nur noch das letzte Kind in der Serie erfährt die Fülle der Zuwendung, die eigentlich jedem einzelnen hätte gelten sollen, vorausgesetzt, die Mutter ist nicht zu erschöpft, um den Jüngsten nach dem Soll zu verwöhnen. Das mysterium iniquitatis bricht so in jede fruchtbare Familie ein; seinetwegen kann sich das Geschwister-Ressentiment zur hintergründigen Weltmacht entwickeln. Hieraus folgt, daß in der kinderreichen Familie des Neolithikums das Unbewußte erfunden wird, das die Geschichte der Zivilisation, wie wir sie kennen, vorantreibt: Sein erster und immerwährender Inhalt ist der unlebbare Neid des unterversorgten Einzelnen gegen die nächsten Verwöhnungsrivalen, die Brüder und Schwestern; sein Motor ist das unstillbare Verlangen nach Gerechtigkeit - das bedeutet: die unmögliche Umverteilung des mütterlichen Reichtums. Nicht um ein ödipales Privileg wird hier gerungen - wie eine kulturgeschichtlich uninformierte Psychoanalyse zu behaupten nicht müde wird. Was von dieser Zeit an wie etwas Unerreichbares umkämpft werden muß, ist eine völlig normale und doch zur Ausnahme gewordene extensive Bemutterung. Es geht nicht um den Inzest, sondern um die Resonanz, nicht um ein genital gefärbtes Begehren nach der Mutter, sondern um den freien Zugang zur Verwöhnerin, nicht um eine Rivalität mit ödipalem Gehalt, sondern um den geschwisterlichen Verdrängungswettbewerb. Wo das Band der ersten Intimität zu sehr verdünnt wird, vereinsamen die Kinder in bezug auf die eigene Mutter. Der geheimgemachte Streit dreht sich um den Skandal, daß als knapp erlebt wird, was niemals hätte knapp werden dürfen. Alle Ökonomien sind von da an potentiell und aktuell kompensatorisch - sie drücken die eine Knappheit durch die andere aus. In den bäuerlichen Schichten der Hochkulturen hat nahezu jedes Kind mehr oder weniger Grund, sich über das präverbal gegebene und fast unweigerlich gebrochene Versprechen der Teilhabe an der Levitation zu sorgen. Was man den Geist der Utopie genannt hat, entspringt aus der unaussprechlichen Forderung nach der Gleichverwöhnung aller; sie wäre die Wiederherstellung der sozialen Synthese aus dem Geist einer Geschwisterlichkeit jenseits des Neides. Das von Freud betonte Motiv des Vatermords ist in Wahrheit akzidentieller Natur. Was dem effektiven Unbewußten Inhalt gibt, ist die so heftig begehrte wie ungestehbare Vernichtung des Bruders oder der Schwester, die an deiner Verarmung und Zurücksetzung direkt schuld sind.“  (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004; S. 768-771). Vgl. Uterotop (Uterotop) und Thermotop (Thermotop). Sloterdijk

Peter Sloterdijk in einem Interview mit Jan Feddersen und Susanne Lang, Taz, 23.12.2006 (Sloterdijk). Weiter heißt es hier: „Marx hat die Gierrevolution der Bourgeoisie (also: die erotische Revolution des Bürgertums; HB) nicht umsonst so lebhaft gefeiert und zugleich behauptet, daß sie nicht genügt. Denn die linke Revolution macht man nicht im Namen der Gier, sondern des Stolzes und seiner beiden moralischen Derivate, des Zorns und der Empörung. Ziel solcher Revolutionen war es, die Erniedrigten und Beleidigten mit Subjektwürde auszustatten. Das sind Ermächtigungsbewegungen, durch die der rote Faden des proletarischen Thymos läuft: Würde durch Arbeit ! Würde durch Kampf! Sobald die Linke aber ihrerseits Gierpartei wird, wie bei uns überall, implodiert sie und wird Teil der Mitte.“ Die Süddeutsche Zeitung ließ Jens Bisky am 04.10.2006 schreiben: „Das »Thymotische«, Zorn und Stolz, Wut und Hass gehören für Sloterdijk zum Menschen. Sie sind nicht, wie uns die libidoversessene Psychoanalyse weismachen will, Reaktionsbildungen auf unbefriedigte erotische Wünsche, abgelenktes Begehren. Wenn dann, so mag man folgern, Ödipus oder Narziß unserem Triebschicksal den Namen leihen, so ist unsere Psyche doch nur ganz zu verstehen, wenn dem Achilleischen in ihr sein Recht wird.“ Harald Harzheim schrieb am 20.10.2006 in der Jungen Freiheit:„In Abgrenzung zur Psychoanalyse versucht der Autor (Sloterdijk) den Zorn mit Hilfe von Heideggers Analyse des Daseins ontologisch zu fundieren. (). In dessen »Sein und Zeit«, worauf Sloterdijks Titel (Zorn und Zeit) anspielt, erfährt der Mensch seine »Eigentlichkeit«, seine Befreiung von Fremdbestimmung, als »Sein zum Tod«, in Hinblick auf seine eigene Endlichkeit. Sloterdijk ergänzt, daß diese Eigentlichkeit auch im Durchlauf von der Kränkung bis zum Augenblick der Rache erfahrbar werde. Der Zorn wird somit zum Existential (in Heideggers Schreibweise: Existenzial).“

Sigmund Freud (1856-1939). Vgl. seine Werke: Werke

 

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