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JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  http://www.Junge Freiheit.de/    25. Juni 2004

 

Die Hedonismus-Falle
(von Jost Bauch)

Wenn Samuel Huntingtons Analyse vom "Kampf der Kulturen" richtig ist, dann ist der Westen (das Abendland, der Okzident) mehr als schlecht auf diesen Kampf vorbereitet. Führen wir uns einen Kernsatz der Huntingtonschen Analyse noch einmal vor Augen: "In der modernen Welt ist die Religion wirklich die zentrale Kraft, die die Menschen motiviert und mobilisiert ... Was letztlich zählt für die Menschen, ist nicht politische Ideologie oder ökonomisches Interesse. Glaubensüberzeugung und Familie, Blut und Glaubenslehre sind das, womit sich Menschen identifizieren und wofür sie kämpfen und sterben."

Wenn tatsächlich Glaubensüberzeugung, Familie und Blut die entscheidenden Parameter im Kampf der Kulturen sind, dann hat der Westen mit seinem Hedonismus und Utilitarismus, seiner Kultur des Wohlbefindens (Pleonexie) kaum eine Basis, um sich dem Expansionismus insbesondere des Islam entgegenzustellen. Denn die Auseinandersetzung mit den Glaubensinhalten einer anderen Kultur setzt immer eine eigene Glaubensüberzeugung voraus. Es stellt sich dabei die Frage, ob die säkularen Restwerte des westlichen Wohlbefindens (Zivilgesellschaft, Menschenrechte, Demokratie) die diskriminative und bestimmende Kraft einer Glaubensüberzeugung haben, um Gottesstaaten und Gotteskrieger Paroli bieten zu können. Die westliche Kultur steht dabei in einer Paradoxie, die andere weniger säkularisierte Kulturräume nicht haben: Will man die westliche Ethik des Wohlbefindens gegen Fundamentalismen anderer Kulturräume verteidigen, muß man genau diese Ethik des Wohlbefindens aufgeben. Die Ethik des Wohlbefindens ist tot, wenn man sie nicht verteidigt, sie ist aber ebenso zu Grabe zu tragen, wenn man sie verteidigen will! Der Einsatz der notwendigen Mittel zur Verteidigung macht die Suspendierung des Zweckes erforderlich.

Bevor man sich der Frage hingibt, ob es einen Weg aus dieser Aporie gibt, wollen wir uns genauer mit dem Phänomen der Säkularisierung befassen und insbesondere die Ambivalenz dieses Phänomens untersuchen: Die These ist, daß die Säkularisierung in der westlichen Welt einerseits zu einem Großteil die Vormachtstellung der westlichen Zivilisation ermöglicht hat, andererseits aber auch ihre "Wehrlosigkeit" verursacht.

Säkularisierung kann in einem ersten begrifflichen Zugriff als "Verweltlichung" verstanden werden. Im kanonischen Recht meint Säkularisation die Rückkehr eines Ordensangehörigen in den weltlichen Stand. Als Terminus technicus soll "secularisieren" zuerst in Münster gefallen sein, "und zwar während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden aus dem Munde des französischen Gesandten Longueville, der damit die zur Verhandlung stehende Liquidation geistlicher Herrschaft bezeichnete, der Stifte, Bistümer zum Opfer fielen", so Herrmann Lübbe in seiner Schrift "Säkularisierung" aus dem Jahre 1965. Säkularisation stellt aber nicht nur einen unrechtmäßigen Raub von Kirchengütern dar, wie weiter die Lokalgeschichte Münsters zeigt.

Die Gründung der Universität in Münster war mit einer Säkularisation verbunden, welche die Kirche aus eigenem Willen vollzog. Das adlige Benediktinerinnenkloster "Überwasser" wurde mit päpstlicher Genehmigung zur Urzelle der Münsterschen Universität. Der Primär-Begriff der Säkularisation ist also ursprünglich gegen das Urteil der Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit offen, so resümiert Herrmann Lübbe, erst im Gefolge der napoleonischen Kriege und Herrschaft galt Säkularisation in der katholischen Interpretation als unberechtigte Aufhebung geistlicher Institute und Einziehung von Kirchengütern durch den Staat. Erst viel später entkleidete sich der Säkularisations-Begriff dieser besonderen Bedeutung und wurde mehr oder weniger synonym mit "Verweltlichung" gebraucht. Seitdem bezeichnet er eine bestimmte Geisteshaltung, die die Welt und das Weltgeschehen zunehmend nicht mehr aus religiösen und transzendentalen, sondern aus innerweltlichen Bezugspunkten heraus erklärt. Dabei wurde Säkularisation zu einer soziologischen Prozeß-Kategorie und bezeichnet die zunehmende Abnahme der Bedeutung organisierter Religion als eines Mittels sozialer Kontrolle.

Will man die eigene Ethik des Wohlbefindens gegen andere Weltanschauungen verteidigen, muß man genau diese Ethik des Wohlbefindens aufgeben. Deshalb ist der "Fundamentalismus" für den Westen so gefährlich.

Von Anfang an ist dem Christentum eine so verstandene Säkularisierungstendenz inhärent: Denken wir an Jesus, der als Sohn Gottes Mensch geworden ist, denken wir an die Unterscheidung von civitas dei und civitas terrena ( die "Zweireichelehre") bei Augustinus. Einerseits lebt der Christ im Reich Gottes, andererseits lebt der Christ in einer Welt, die Gott geschaffen hat, die jedoch in Schuld und Sünde gefallen ist. Denken wir an das Gottesgnadentum des Protestantismus wie bei Calvin formuliert (der weltliche Reichtum zeigt mir, ob Gott mir gnädig ist) oder an das "sola fides"-Prinzip bei Luther.

In der 1520 verfaßten Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" heißt es: "Überaus leichtlich zu merken ist, warum der Glaub so viel vermag und daß keine gute Werk ihm gleich sein mugen, Denn kein gut Werk hanget an dem gottlichen Wort, wie der Glaub, kann auch nit in den Seelen sein, sondern allein das Wort und Glaube regieren in den Seelen." Wenn allein der Glauben zählt und nicht die Teilhabe an kollektiven, rituellen Handlungen, dann wird Religion verinnerlicht und transzendiert gleichermaßen. Die Welt wird freigesetzt und folgt eigenen Gesetzen, vielleicht noch in Gang gesetzt von Gott, dem "ersten Beweger".

Max Weber ist den Säkularisierungstendenzen in seiner berühmten Schrift "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" nachgegangen und kommt zu dem Schluß, daß die Religion sich durch eigene Rationalisierung selbst einen tragischen Untergang bereite. Nach Weber begründete der Protestantismus eine "innerweltliche Askese" und legte damit die Grundlage für die "ursprüngliche Akkumulation" des Kapitalismus. Weber schreibt wörtlich: "Die innerweltlich protestantische Askese - so können wir zusammenfassen - schnürte die Konsumption, speziell die Luxuskonsumption ein. Dagegen entlastete sie im psychologischen Effekt den Gütererwerb von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengte die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern direkt als gottgewollt ansah." Speziell der Protestantismus habe dem "okzidentalen Rationalismus" die Starthilfe gegeben und werde, wenn die moderne säkularisierte Gesellschaft einmal etabliert ist, nicht länger in Anspruch genommen.

Wie Pascal Bruckner in seinem Buch "Verdammt zum Glück" schreibt, wurde die Vorstellung von Glückseligkeit vom Christentum geprägt, doch diese im Himmel lokalisierte Glückseligkeit entfaltete eine irdische Kraft, die sich gegen das Christentum wenden mußte. "Das Motiv des Glücks ging aus dem Christentum hervor, doch entwickeln sollte es sich gegen dieses. Wie Hegel als erster bemerkt hatte, enthält diese Religion bereits alle Keime ihrer Überwindung und der Abkehr der Gläubigen." Der aus dem Geist des Protestantismus geborene Kapitalismus "als die Herrschaft des Mittels geht hilflos an sich selbst zugrunde, weil uns alle Zwecke fehlen", schreibt der junge Carl Schmitt in seinen Tagebüchern. "In der sündigen Welt des Kapitalismus vertauschen die Menschen die Vorzeichen des Lebens. Sie beten die Mittel an und haben die letzten Zwecke vergessen."

Auf der einen Seite begründete der in der westlichen Welt verankerte Säkularismus die technologische Überlegenheit gegenüber anderen Kulturräumen, als der Geist des Kapitalismus zu einer ungeheuren Entfesselung der Produktivkräfte führte. Oswald Spengler spricht vom "faustischen Charakter" der abendländischen Kultur, diese will alle Grenzen der Naturbeherrschung niederreißen und unter die Kontrolle des Menschen stellen. So ist es nicht verwunderlich, daß mit der Vormachtstellung des Bürgertums im Naturrecht und mit der Aufklärung alle Sozialbeziehungen rationalisiert werden und "more geometrico" der Natur die letzten Geheimnisse entrissen werden sollen. Die abendländische Säkularkultur zeichnet so ganz wesentlich verantwortlich für die technologische Überlegenheit des Okzidents.

Auf der anderen Seite führte die okzidentale Entzauberung der Welt zu einer "Verdiesseitigung des Wohlbefindens", transzendent begründete Werte und Normen verlieren - als Werteverlust oft diskutiert - ihre lebenspraktische Kraft und konvergieren zu materialen Restwerten des komfortablen Lebens. Menschen eines solchermaßen säkularisierten Kulturraumes sind nur in extremen Ausnahmefällen bereit, für eine Idee ihr Leben einzusetzen, weil das Leben hier und jetzt ja den höchsten Wert darstellt. Und genau diese Einstellung markiert die differentia specifica zu den Gotteskriegern des Islam. Für sie ist es ein Fest, ihr irdisches Leben für die Idee des Islam hinzugeben, um durch die für sie heroische Tat belohnt mit 72 Jungfrauen ins Paradies einzugehen. In einer Säkularkultur, in der nichts mehr zählt als ebendieses irdische Leben, kann eine solche religiös motivierte Einstellung nur auf Unverständnis stoßen. Aber genau diese materialistische, säkulare Grundhaltung der westlichen Zivilisation markiert ihre schwache Seite.

Auch wenn der Westen seine volle technologische Überlegenheit ausspielt und weiter in arabische Länder einmarschiert, entstehen mit jedem territorialen Sieg neue Gotteskrieger, die mit ihrer Terrordrohung genau den Nerv des westlichen Hedonismus treffen. Es wird zum Risiko, bequem zu leben: Massenveranstaltungen zu besuchen, Flugreisen in ferne Länder zu unternehmen, überhaupt liberalen, unkomplizierten, weltoffenen Umgang untereinander zu pflegen. Die "offene Gesellschaft", conditio sine qua non der "leisure-Kultur", steht auf dem Spiel.

Säkularisierung bedeutet, wie von Niklas Luhmann in seinem Aufsatz "Das Medium der Religion" dargelegt, "daß religiöse Kommunikation nicht mehr verlangt wird und Teilnahme an Religion nicht mehr zur Voraussetzung der Teilnahme an anderen Funktionssystemen gemacht werden kann". Dabei gilt es festzuhalten, daß in anderen Kulturräumen eine solche Entkopplung des Religionssystems von anderen Funktionssystemen (wie Politik, Ökonomie, Erziehung, Wissenschaft etc.) in diesem Ausmaß nicht üblich ist.

Auch wenn der Westen seine volle technologische Überlegenheit ausspielt und weiter in arabische Länder einmarschiert, entstehen immer wieder neue Gotteskrieger, die auf unsere Achillesferse zielen.

Man kann das als Evolutionsgewinn von funktionaler Differenzierung in westlich modernen Gesellschaften sehen. Fundamentalismus auf der anderen Seite bedeutet, daß die Partizipation des Einzelnen an religiöser Kommunikation die Voraussetzung für die Integration in andere Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft darstellt. Religion hat sich bei fundamentalistisch strukturierten Gesellschaften gegenüber anderen Funktionssystemen nur unzureichend funktional ausdifferenziert, sie "überdeterminiert" das Prozessieren anderer gesellschaftlicher Systeme. Diese Situation erinnert an mittelalterliche Verhältnisse in Europa, als die einzelnen gesellschaftlichen Teilbereiche und wissenschaftlichen Disziplinen sich nur als "Magd der Theologie" profilieren konnten. Galilei mußte widerrufen, das ptolemäische Weltbild galt auf Geheiß der Religionsführer weiter, die Wissenschaft war noch nicht "selbstreferentiell".

Natürlich stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob eine "Ent-Säkularisation", eine "Re-Sakralisierung" insbesondere Europas dem Westen wieder die Kraft geben könnte, im Kampf der Kulturen besser zu bestehen. Solche Versuche haben Tradition. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das europäische Unglück als Konsequenz des Jahrhunderts ohne Gott angesehen, so bei Alfred Müller-Armack. Er will den Säkularisierungsvorgang durch eine Reaktivierung der "bewahrenden Macht" rückgängig machen, die für "alle europäischen Völker in der Glaubenstradition des Christentums beschlossen liegt". Diese Einheit Europas im Christentum, so Müller-Armack im Jahre 1948, werde künftig mehr bedeuten als dessen konfessionelle Differenzierung.

Problematisch an solchen Positionen, die heute ja wieder vielfach vertreten werden, ist die Tatsache, daß Glaube nicht dekretiert werden kann (schon gar nicht politisch). Glaube wächst zu, vielleicht verstärkt in schlechten Zeiten. Auch sollte bedacht werden, daß Glaube, so wie wir ihn mit einem individualistischen Zug in christlicher und besonders protestantischer Tradition verstehen, auf säkulare Institutionen wie den Staat angewiesen ist. In den Worten von Herrmann Lübbe: "Es ist die Sprache des Mangels an Einsicht, daß Glaube und Kirche gegen die Gewalt- und Rechthaberei totalitärer Mächte heute einzig bei den säkular definierten Freiheitsrechten, die der säkularisierte Staat garantiert, geschützt sind."

Vor allen tagespolitischen Auseinandersetzungen müssen wir uns vor Augen führen, daß der "clash of civilizations" auch im Zusammenhang mit Globalisierungserscheinungen zu interpretieren ist. Mit der fortschreitenden kommunikationstechnischen und ökonomischen Globalisierung, die ja auch die arabischen Staaten erfaßt hat, setzt in diesen Ländern ebenfalls ein "Säkularisierungsschub" ein. Teile der Bevölkerung wehren sich gegen die sich aufbauenden neuen Welten im eigenen Lande durch traditionalistische Orientierung und religiösen Fanatismus. Die Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy vom Zentrum Moderner Orient in Berlin spricht von einer "arabischen Depression" angesichts der westlichen Demütigungen von Napoleon bis Bush.

Auch ohne den dezidierten Kampf der Amerikaner gegen Terrorismus und "Schurkenstaaten" gibt es aus internen Gründen der Ablehnung und Angst vor diesen Entwicklungen bei Teilen der Bevölkerung eine "hausgemachte" Radikalisierung. Die kulturunsensible Machtpolitik der Amerikaner setzt dieser Entwicklung nur die Krone auf. Der Westen muß verstehen lernen, daß die Menschen anderer Kulturräume sehr viel stärker traditionalistisch gebunden und Versatzstücke der westlichen Säkularkultur nicht ohne Widerstand in bestehende, jahrhundertealte Kulturen zu implantieren sind. Globalisierungseffekte produzieren in säkularisierten Gesellschaften weniger dramatische Auswirkungen und Reaktionen als in vorwiegend traditionalistisch strukturierten Gesellschaften.

Auf alle Fälle müssen wir uns zuerst mit dem Gedanken vertraut machen, daß der Westen mit seinem Säkularismus eine Sonderstellung innehat. Wir sind die Ausnahme und der Sonderling und nicht die anderen Kulturräume, die fast allesamt (noch oder wieder) transzendental und religiös begründete Normen und Werte des Alltags verteidigen. Eine globalisierte Welt nach westlichem Zuschnitt ist so eine große Illusion, und im "Kampf der Kulturen" ist noch nichts entschieden.

Prof. Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Zuletzt erschien von ihm: "Krankheit und Gesundheit als gesellschaftliche Konstruktion. Gesundheits- und medizinsoziologische Schriften 1979-2003".

Junge Freiheit vom 25. Juni 2004


 

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