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JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  http://www.Junge Freiheit.de/  11. Juli 2008

 

Das Netz bestimmt uns. Virtuelle Gesellschaft: Bald wird der technisch-digitalen die politische Revolution folgen
(von Bärbel Richter)

Das Internet – eine Nachrichten- und Trivialitätenschleuder, ein riesiges virtuelles Warenhaus, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und Geschwätzigkeiten und, dank der Spuren, die die meisten Nutzer, freiwillig oder nicht, zurücklassen, ein gewaltiges Panoptikum, in dem jeder beobachtbar ist und keiner den Beobachter selbst sieht, größer und effektiver als alles bisher Dagewesene?

Ja, auch das, aber nicht nur. Gegenüber anderen Medien wie Fernsehen, Radio, Zeitungen und Telefon ist es das Hypermedium schlechthin, das auf der Ausdifferenzierung eines an sich simplen Begriffs beruht: dem der Verknüpfung beziehungsweise der Summe potentiell unendlicher Verknüpfungen, dem Netzwerk. Der Begriff hat seit langem Konjunktur, man mag das gesellschaftliche und politische Umwälzungspotential, das darin steckt, daher leicht übersehen.

Daß es ein Potential ist, aus dem neue gesellschaftliche Wirklichkeiten entstehen, dafür spricht, daß das Internet noch immer ein Medium vor allem der Jüngeren ist, der 14-bis-29-Jährigen. Rund 83 Prozent der 14-bis-19-Jährigen gehen täglich ins Internet, bei einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von mehr als zweieinhalb Stunden pro Tag. Die meisten verbringen diese Zeit in sozialen Netzwerken wie Chatrooms, MySpace oder SchülerVZ.

Mehr als ein vorübergehendes Phänomen gesteigerter Eitelkeit

Welche Auswirkungen diese dem Anschein nach banalen Aktivitäten haben mögen, zeigt ein Blick auf den einstigen Handy-Boom speziell unter Jugendlichen. Was zu Beginn dieses Booms viele störte, das geradezu exhibitionistische Telefonieren in der Öffentlichkeit, war im Rückblick vielleicht mehr als ein vorübergehendes Phänomen gesteigerter Eitelkeit.

Dahinter steckte ein anderes Bedürfnis: mitzuteilen, daß man Teil einer Gruppe, eines Kollektivs war. Eines Kollektivs, das vorläufig keiner näheren Bestimmung bedurfte. Unübersehbar bekundete sich hier eine erste Abkehr von jenem Individualismus, der Selbstwertgefühle aus der ausdrücklichen und kultivierten Differenz zu anderen zieht.

Stattdessen begann man nun, es aus der Tatsache oder Suggestion eines möglichst großen Kreises an „Kontakten“ abzuleiten. Die Entstehung sozialer Netzwerke im Internet, die dieses Prinzip noch erweitern, war daher nur folgerichtig. Nicht alle sind Selbstzweck. Inzwischen gibt es auch Netzwerke für Geschäftsleute oder Heiratswillige. Doch fast immer sind es „Datenkäfige“, geschlossene Gesellschaften, zu denen nur Zutritt erlangt, wer sich selbst darin anmeldet und mit seinem „Profil“, also einer Liste persönlicher Daten, Vorlieben und Meinungen, darstellt.

Das Gefühl aktiven Dabeiseins und Mitmachens

Als Entsprechung zum „Kontakt“ ist das Profil klarer, materieller und konkreter. Auch einfacher. Und leicher sanktionierbar. Mehr ist vom Begriff der Individualität und, nebenbei, auch der Identität nicht übrig.

Sie ist offenbar auch gar nicht mehr nötig. Was die Nutzer solcher Netzwerke bei der Stange hält, ist erklärtermaßen das Gefühl aktiven Dabeiseins und Mitmachens. Theoretisch sind deshalb Formen der Mobilisierung denkbar, die kein reelles Korrektiv mehr brauchen. Wer sich fragt, warum die soundsovielte Netzseite „gegen Nazis“ aufgelegt wird, findet in diesem Mechanismus vielleicht die Antwort: es geht nicht um die Inhalte, sondern lediglich um die gefühlte Zugehörigkeit.

Diesem Trend kommt entgegen, daß unter den 16-bis-24-Jährigen das Interesse an der Tagespolitik und an umfassenden Informationen zum besseren Verständnis von Zusammenhängen in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat.

Ende nationaler Identitäts- und Handlungsmuster

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann der Fortschritt in der Entwicklung digitaler Technologien Auswirkungen auf reale gesellschaftliche Organisationsformen, politische Machtausübung und ökonomische Einflußnahme haben wird. Thomas Friedman prognostiziert bereits bis 2020 das Ende nationaler Identitäts- und Handlungsmuster. Mehr als die vielzitierten 68er dürften sozial-technologische Entwicklungen zudem jene staatspolitischen Strukturen schleifen, an denen gerade Konservativen soviel liegt.

Ob zum besseren durch kleinteiligere politische Organisationsformen, oder zum schlechteren durch Abhängigkeit von und Manipulation durch wirtschaftliche Machtgruppen, steht dahin. Wahrscheinlicher allerdings ist letzteres.
Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, daß in dieser Organisationsform auch politische Sprengkraft liegen kann. Oder umgekehrt: wer Netzwerke organisiert, steuert und vor allem kontrolliert, sichert sich Macht und Einfluß.

Der kanadische Blogger Cory Doctorow spricht in diesem Zusammenhang von einer drohenden„Reputationsökonomie“ – eine Form der Gesinnungskontrolle, die bereits schleichend Einzug gehalten hat und die Neigung mancher zum, vorzugsweise anonymen, Bestrafen anderer ausnutzt. Insbesondere, wenn es um politische Meinungen geht. So lassen in jüngster Zeit immer mehr Online-Portale auch großer Zeitungen die Kommentare der Leser ihrerseits von anderen Lesern bewerten.

Kontrolle von seiten der Betreiber

Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zu ganzen Schwärmen korrekt Gesonnener, die mißliebige Kommentatoren mit Abwertung oder Inhaber anstößiger „Profile“ durch Kontaktentzug bestrafen. Unter der Voraussetzung, daß das Internet längst ein komplexes Netzwerk von Zugehörigkeiten ist, käme derlei einer Ausbürgerung aus einer virtuellen Gemeinschaft gleich, die wirksamer ist, weil sie still daherkommt. Für diese Art der Interaktion gäbe es keine andere Öffentlichkeit als die des Mediums selbst. Der Abgestrafte bleibt mit sich allein.

Eine Migration des eigenen Profils in andere Netzwerke ist in nahezu keinem Netzwerk möglich. Das erhöht die Chance auf ein Monopol und auf ein Höchstmaß an Kontrolle von seiten der Betreiber. Das führende amerikanische soziale Netzwerk Facebook macht vor, was das bedeuten kann. An der von einem Hedge-Fond-Manager betriebenen Plattform mit geschätzten 75 Millionen Mitgliedern und einem Marktwert von 15 Milliarden Dollar haben längst Firmen aus dem Umfeld der CIA-eigenen Beteiligungsgesellschaft In-Q-Tel Anteile.

Junge Freiheit vom 11. Juli 2008


 

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