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JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  http://www.Junge Freiheit.de/   3. Juli 1998

 


Geschichte und Nachgeschichte: Der Historiker Ernst Nolte über das "Schwarzbuch des Kommunismus", über den Stand der Totaltarismusforschung und seine neueste Studie
"Ein Ausgriff des Menschen auf die Realität im ganzen"
(von Peter Krause)

In der Berliner Zeitung wurden Sie von Jan Ross als "Ahnherr" des "Schwarzbuches des Kommunismus" bezeichnet. Gleichwohl sind Sie zu keiner der vier Veranstaltungen mit dem Herausgeber Stéphane Courtois in Deutschland als Diskussionspartner eingeladen worden. Wie erklären Sie sich das?

NOLTE: Wenn ich zu diesen Veranstaltungen eingeladen worden wäre, wäre auch der großen Öffentlichkeit klar gewesen, daß der so lautstark verkündete Sieg der "gutgesinnten" Seite über die "Relativierer" im deutschen Historikerstreit immerhin fraglich geworden ist. Zumal, wenn man den Briefwechsel zwischen François Furet, der mit größerem Recht als der "Ahnherr" des Schwarzbuches bezeichnet werden müßte, und mir herangezogen hätte, würde einiges in eine andere Perspektive gestellt sein, als das heute meist der Fall ist. Trotzdem bin ich froh, daß die alte Kampfposition nicht restituiert worden ist, denn es hat sich ja doch eine Annäherung vollzogen, etwa im Zusammenhang mit der Goldhagen-Affäre. Es ist zu hoffen, daß in Zukunft ein gemeinsames Nachdenken die Stelle der Polemik einnehmen wird. Und es ist nicht ganz richtig, daß ich überhaupt nicht gebeten worden bin. Schon vor einigen Monaten habe ich im Deutschlandfunk und im Info-hRadio Berlin etwa mit Heinrich August Winkler und Peter Steinbach ohne polemische Schärfe über die französische Ausgabe des Schwarzbuches diskutiert. Aber der Auftritt in der großen Öffentlichkeit wird mir, darin haben Sie recht, noch nicht zugestanden.

Worin sehen Sie die prinzipielle Bedeutung des "Schwarzbuches"? Die Zahlen waren bekannt.

NOLTE: Natürlich war das meiste bekannt. Aber viele spezielle und vereinzelte Studien zusammenzufassen, auch wenn man das als eine Buchbindersynthese bezeichnen möchte, ist verdienstlich und hat es in dieser gründlichen und umfangreichen Form bisher nicht gegeben. Es kommt hinzu, daß gerade die Forschung über die Sowjetunion geschlossene Archive nutzen konnte. Was von Nicolas Werth gesagt wird, hat größeren Authentizitätswert als das, was vor 1989 gesagt werden konnte. Es ist ein zu einfaches Argument zu sagen: Das wußten wir ja alles schon. Es kommt auf die Synthese an, und hier zeigt sich klar, daß der Begriff Stalinismus vor allem eine apologetische Bedeutung hat. Ein gewisses Muster zeigt sich in allen kommunistischen Regimes. Und gerade in den Arbeiten über die Sowjetunion im Schwarzbuch wird ja klar, daß der Terror 1917 unter Lenin begann und nicht erst unter Stalin.

Der Stalinismus also nicht als die Verzerrung des Kommunismus zur Unkenntlichkeit, sondern als, wie Horkheimer sagt, die Entzerrung zur Kenntlichkeit?

NOLTE: Stalinismus bedeutet den Höhepunkt des Schreckens. Aber solche Höhepunkte hat es in anderen kommunistischen Diktaturen ähnlich gegeben.

Methodisch wird dem "Schwarzbuch des Kommunismus" vorgeworfen, es summiere bloß die Opfer, stelle keine argumentativen Zusammenhänge her. Teilen Sie diese Kritik?

NOLTE: Es hat vor einigen Jahren in der Zeitschrift "Die Woche" einen Artikel von Peter Glotz gegeben, der sich mit mir befaßte; dieser Artikel war überschrieben: "Der Buchhalter des Todes". Ich wüßte schlechterdings nicht, wo ich als ein solcher aufgetreten wäre. Es ist aber merkwürdig, daß Menschen, die sonst sehr an Zahlen hängen, jede Infragestellung von bloßen Zahlen mit großer Heftigkeit bekämpfen und meine Versuche der verstehenden Einordnung mit Verdächtigungen bedacht haben, nun, im Falle des Schwarzbuches, von Zahlen nichts mehr wissen wollen. Ohne die Zahlen kann man nicht auskommen. Vielleicht sind sie zu stark in den Vordergrund gestellt worden. Wenn man aber bedenkt, wie die Zahlen der Opfer des Kommunismus außerhalb der Sowjetunion lange in den Hintergrund gedrängt worden sind, dann ist klar, daß die Zahlen wichtig sind. Und daß es Unsicherheitsfaktoren gibt, was Courtois keineswegs bestritten hat, ist klar: es fehlten die statistischen Ämter.

Was bemängeln Sie an dem Buch?

NOLTE: Ich selbst habe immer die "enthusiasmierende Seite" des Kommunismus ebenso hervorgehoben wie die schreckenerregende, und auch im Schwarzbuch ist gelegentlich von der "hellen Seite" des Kommunismus die Rede. Man muß aber vor allem sehen, daß die helle und die dunkle Seite eng miteinander verknüpft sind. Vielleicht läßt sich das durch einen stark vereinfachenden Gedankengang klarmachen: Es gibt in jeder nationalen Gesellschaft eine Anzahl von Menschen, die "fortschrittlich" und zugleich sowohl pazifistisch wie humanitär gesinnt sind. Nehmen wir an, sie brächten es fertig, sich zu einer Partei zusammenzuschließen, die sich "Fortschrittspartei" nennen würde. Diese Partei würde eine bedeutende Kraft sein, aber schwerlich mehr als eine kleinere oder größere Minderheit darstellen. Wenn es ihr gelänge, gewaltsam die alleinige Macht zu erringen, würde sie sich gegenüber allen "reaktionären", vergangenheitsorientierten Kräften in einer Bürgerkriegssituation befinden. Sie müßte gegen die Majorität der Nation Krieg führen, müßte bestrebt sein, die führenden Gruppen dieser Majorität des Volkes auszuschalten, im Falle des Widerstandes sogar zu vernichten. Als militante Minderheitspartei wird sie sich selbst "revolutionär" nennen.

Und die Bolschewiki waren 1917 ein solche "Fortschrittspartei"?

NOLTE: In gewisser Weise kann man die bolschewistische Partei in der Tat als "militante Fortschrittspartei" verstehen. Das erklärt einerseits, weshalb ihr so viel Sympathie bei den fortschrittlich Gesinnten der übrigen Welt begegnet. Es erklärt andererseits, weshalb sie einen Vernichtungsfeldzug gegen so viele Feinde führte: gegen den Adel, die Kirche, die Kosaken, die Kleinbürger, die Kulaken… Diesen Auseinandersetzungen fielen schon in wenigen Jahren auf direkte oder indirekte Weise Millionen von Menschen zum Opfer. Die helle Seite wird, sobald die Fortschrittspartei militant ist, notwendig zur dunklen Seite. Weil die Partei der Bolschewiki indessen aus dem Weltkrieg heraus in den Weltfrieden eintrat, durfte sie ein großes historisches Recht für sich in Anspruch nehmen. Aber da sie vor allem die Partei der Armen und Ausgebeuteten sein wollte, vernichtete sie auch diejenigen Kräfte, die bis dahin immer als Spitze des Fortschritts gegolten hatten, nämlich das industrielle Bürgertum und die Intelligenzija. Und da sie sich an dem archaisch-utopischen Begriff der "Abschaffung des Privateigentums" orientierte, mußte sie auch wiederum als das Gegenteil einer Fortschrittspartei erscheinen. Sehr früh wurde mithin eine tiefe innere Widersprüchlichkeit erkennbar.

Sie kritisieren also eine gewisse Vereinfachung der Geschichte im "Schwarzbuch"?

NOLTE: Mit einfachen Begriffen läßt sich der "Klassenkrieg", den die Bolschewiki, zuerst mit dem Ziel der "sozialen Vernichtung", in Gang setzten, so wenig erfassen wie später der nationalsozialistische "Rassenkrieg". Man kann so zwar das kommunistische Phänomen zunächst durch einen sehr einfachen Begriff kennzeichnen: "militante Fortschrittspartei", im Weiterdenken wird die Sache aber sehr widersprüchlich, zumal heute der Begriff "Fortschritt" selbst seine einstige Eindeutigkeit verloren hat. Daher würde ich das kommunistische Vernichtungswerk, das dem Aufbau einer durchsichtigen, moralischen und egalitären Gesellschaft dienen sollte, nicht durch den zivilrechtlichen Begriff "Verbrechen" charakterisieren, sondern ich würde nicht anders als die späteren und entsprechenden, wiewohl gegensätzlichen Vernichtungsmaßnahmen des Nationalsozialismus als ideologisch begründete "Untat" bezeichnen. Schon mit dem Untertitel des Schwarzbuches: "Unterdrückung, Verbrechen und Terror" würde ich also nicht ganz einverstanden sein. Aber gegenüber der Verherrlichung der "Progressiven" ist es nicht minder im Recht, als es schon Solschenizyns "Archipel Gulag" war. Es ist ein Antidot für die Verharmloser.

Legt das "Schwarzbuch" Folgerungen nahe, die es selbst nicht ausdrücklich vornimmt?

NOLTE: Mir scheint, daß durch das Schwarzbuch die Einsicht unumgänglich wird, daß es schon in den zwanziger Jahren Publikationen gegegeben hat, deren Lektüre "das Blut in den Adern erstarren" läßt, und daß man solche Bücher nun nicht mehr als "antikommunistische Hetzliteratur" abtun darf. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts kann nicht als der simple Kampf der "Guten" gegen die "Bösen" erscheinen, sondern als ein Konzentrat tragischer Verkehrungen, die zwar dem moralischen Urteil über persönliche oder parteimäßige Schuld oder Unschuld unterliegen und ihrer Unterschiedlichkeit nicht entkleidet werden dürfen, die aber dem selektiven Moralismus und den politischen Instrumentalisierungen in den Kämpfen der Gegenwart entzogen werden sollten.

Alles war bekannt! Wieso weigerte und weigert sich eine maßgebende politische und intellektuelle Schicht in Deutschland, die Öffentlichkeit umfassend und aufklärerisch mit diesen Schrecken zu konfrontieren?

NOLTE: Die "fortschrittlich Gesinnten" sind in der Regel Menschen, die sich in erster Linie an Gedanken orientieren, nicht an Realitäten. Wenn man sie mit der Realität ihrer Idee derart konfrontiert, wie es das Schwarzbuch macht, dann müssen sie diese Belege kleinreden. Der urkommunistische Impuls eines harmonischen, konfliktfreien Lebens ist ja sehr schön, aber es gibt zwischen dem Gedankenkommunismus und dem Gewaltkommunismus, der hellen und der dunklen Seite, eine enge Verknüpfung, die immer noch geleugnet wird. Ich schrecke vor der These nicht zurück, daß das Überschießen oder der Extremismus des Guten nicht weniger schlimm sein kann als das Überschießen oder der Extremismus des Schlechten.

Erklärt das auch die ungewöhnliche Gereiztheit, mit der dem "Schwarzbuch" von linker und auch linksliberaler Seite begegnet wird?

NOLTE: Das hängt wohl damit zusammen, daß nicht nur der Kommunismus nicht mehr schönzureden ist, sondern daß der Nationalsozialismus in die Dimension der Vergleichbarkeit gerät. Das einfache Geschichtsbild wird so fragwürdig. Die These von der Vergleichbarkeit ist ja nicht etwa von mir eingeführt worden. Das hat Hannah Arendt bereits getan, die die beiden totalitären Systeme in gewisser Beziehung sogar gleichgesetzt hat. Mir wirft man vor, daß ich eine Kausalität hergestellt habe zwischen dem früheren Kommunismus und dem reagierenden Faschismus. Nun sagen manche Leute: post hoc ergo propter hoc – das sei Noltes falscher Schluß. Diese Leute haben sich nie gründlich mit der frühen Phase des Nationalsozialismus beschäftigt. Nun ist der Faschismus sicher nicht nur ein militanter Antikommunismus gewesen. Daß es sich dabei nur um einen Teilaspekt handelt, wenngleich um einen grundlegenden, habe ich stets klargemacht.

Ihr Werk ist heftiger Kritik, auch Mißverständnissen ausgesetzt, die beinahe gesucht wirken. Worin sehen Sie die Gründe für die Polemik?

NOLTE: Man hatte in den siebziger und achtziger Jahren geglaubt, einen großen Schritt getan zu haben, indem man die populäre Formel "Rot gleich Braun" gleichsam zu einem schmutzigen Wort gemacht hatte, so daß die Totalitarismustheorie überwunden zu sein schien. Was ich 1986 gesagt habe und dann im "Europäischen Bürgerkrieg" dargelegt habe, was aber eigentlich schon 1963 in "Der Faschismus in seiner Epoche" zu lesen war, ist nicht eine Gleichsetzung von Rot und Braun, sondern die These, daß Rot eine größere Ursprünglichkeit hat. Wenn man das Braun als eine militante Re-Aktion begreift, ist überhaupt nicht ausgeschlossen, daß es sich dabei um etwas Verbrecherisches, Grausames, Böses handelt. Im Gegenteil. Als manche Leute noch nicht so voreingenommen waren, wurde ich ja – noch 1985 in der Historischen Zeitschrift von einem israelischen Autor etwa – bezeichnet als derjenige, der als erster der "Endlösung" die angemessene Stelle in der Interpretation des Nationalsozialismus gegeben hat. Vorgeworfen wird mir nun, daß ich in das Verhältnis der beiden Totalitarismen ein historisch-genetisches Moment hineingebracht und den Kommunismus als ursprünglicher und eigentlich stärker bezeichnet habe. Stärker deshalb, weil er ein uralter Menschheitsgedanke ist. Der Nationalsozialismus reagierte auf die diese Utopie durch das Postulat einer Weltanschauung, der die elementare Mächtigkeit der linken Utopien aber fehlte. Die NS-Ideologie hatte einen künstlichen Charakter, aber keinen bloßen Wahncharakter. Der Nationalsozialismus hatte historisch-politische Realitätsgehalte, und darauf hingewiesen zu haben, hat man mir außerordentlich übel genommen.

Ihren Versuchen, den Faschismus zu historisieren, wurde vor allem mit Moralisierung und Ideologisierung begegnet. Sehen Sie eine Entwissenschaftlichung der Historie?

NOLTE: Ich bin meiner Absicht und Methode nach ein Wissenschaftler. Wissenschaft ist prinzipiell rational. Viele Historiker verstehen jedoch Ihre Aufgabe als eine nationalpädagogische. Das ist im Prinzip nicht unberechtigt. Dieses Ziel habe ich auch gehabt. Historiker sind keine Buchhalter. Aber nach einer gewissen Zeit, erst recht nach 50 Jahren, sollte sich methodisch etwas ändern. Ich versuche seit einiger Zeit, zu dem historischen Phänomen Nationalsozialismus mehr Abstand zu gewinnen, und der Tendenz entgegenzutreten, dasjenige, was früher Gegenstand des Bemühens um eine richtige Einschätzung war, nun zu einem Klischee zu machen, das überhaupt nicht mehr infragegestellt werden darf. Denn diese Tendenz, wenn sie sich völlig durchsetzte, würde die Erstarrung des geistigen Lebens bedeuten.

Ist es vielleicht auch Ihr wissenschaftlicher Habitus, der Ihre Gegner so provoziert? Sie pflegen einen distanzierten, kühlen Stil, während gerade die Geschichte des Nationalsozialismus starke Emotionen hervorruft.

NOLTE: In dieser "Kühle" steckt in Wahrheit nicht wenig an Emotion. Ich will das auch gar nicht verstecken. Daß ich wie alle Deutschen, wie alle Menschen entsetzt bin über das, was in Auschwitz, Treblinka oder durch die Einsatzgruppen im Osten geschehen ist, das sollte ich eigentlich nicht dauernd betonen müssen. Aber schon früh ist mir aufgegangen, daß es in all diesem Entsetzen etwas Verfehltes gibt: nämlich daß diejenigen Opfer, die wenig an Artikulationsfähigkeit besaßen und in der Welt keine Verwandten und Freunde hatten, vollständig vergessen werden. Wer, um nur ein Beispiel zu nennen, die Beschreibung der Deportation von Kulakenfamilien in den Jahren 1930 bis 1932 liest, und nicht die Ähnlichkeit mit den späteren Deportationen von Juden erkennen will, dem fehlt etwas. Und wer sich, wenn er die beiden Geschichten kennt, weiterhin ausschließlich auf den einen Schrecken konzentriert und den anderen ausblendet, der denkt weder historisch noch ist er moralisch. Der Wissenschaftler sollte das Bemühen um Verstehen über das bloße Moralisieren stellen.

Worin liegt das Festhalten an der "Mystifizierung" des Nationalsozialismus nach mehr als 50 Jahren begründet?

NOLTE: Die verspätete und heute ungefährliche Gegnerschaft zum Nationalsozialismus ist ein Religionsersatz. An die Stelle des absoluten Guten, das Gott war, ist das absolute Böse getreten: eine historisches Phänomen. Wenn nun jemand dieses "absolute Böse" auch nur im Ansatz verstehbar, nachvollziehbar machen will, dann hat das für einen Gläubigen etwas Entsetzliches. Für einen Gläubigen hat das etwas Entsetzliches. Die neue Pseudoreligiosität ist aber zu leicht durchschaubar, als daß ich großen Respekt davor hätte.

Wenn man Kommunismus und Nationalsozialismus auch als extreme politische Produkte einer bestimmten modernen Denkart betrachtet, nämlich des Übergreifens von Machbarkeitsdenken auf die Realität im ganzen: Ist dann nicht auch so etwas wie das Paradox eines liberalenTotalitarimus denkbar?

NOLTE: In einigen meiner Aufsätze und in meinem neuen Buch kommt der Terminus Liberismus vor. Dieser Begriff sucht ein bestimmtes Entwicklungsstadium dessen zu fassen, was ich das "liberale System" genannte habe. "Liberismus" ist ein Entwicklungsmoment dieser vielpoligen Gesellschaft, mit dem der Liberalismus in gewisser Weise totalitär wird. Aber der totalitäre Liberalismus weist grundsätzlich andere Merkmale auf als andere Totalitarismen: er ist hedonistischer Individualismus und damit die Verneinung des Begriffs der Pflicht. Insofern ist der liberale Totalitarismus von präzendenzloser Art. Darüber nachzudenken, wird Aufgabe Ihrer Generation sein. Ich will mir nicht anmaßen, einen Endpunkt anzugeben, obwohl eine solche Gesellschaft einen Endpunkt darstellen könnte. Das ist cura posterior.

Nun droht der Geschichtswissenschaft nicht nur die Gefahr der Ideologisierung und Beschränkung. Sie hat Konkurrenz bekommen von neuen Medien: Filme, Fernsehserien vermitteln, oft trivial und einseitig, dieGeschichtsbilder, beeinflussen Geschichtsbewußtsein.

NOLTE: Geschichtswissenschaft hat es dagegen schwer. Das einzige, was sie sich erhoffen kann, ist, daß ihren Forschungen und ihrem Nachdenken wenigstens kein Riegel vorgeschoben wird, was in totalitären Staaten von jeher der Fall war und was nun auch in unserer Gesellschaft drohen könnte, die ein freie sein will. Man sollte sich aber nicht wundern, wenn der nationalpädagogischen Trivialisierung der Geschichtsbilder durch die eine Seite eine Trivialisierung durch die andere Seite entspräche und sich diese Trivialisierung ebenso als sehr attraktiv erweisen könnte. Zwischen den beiden Trivialisierungen, der gegenwärtig sehr starken linken und der noch schwachen rechten, darf sich Geschichtswissenschaft aber nicht aufgeben. Es ist zu hoffen, daß sie dabei Unterstützung bekommt durch Verlage, Medien etc., die nicht nur Sensation produzieren wollen.

Verstehen Sie Ihre Geschichtsschreibung als nationale Sinnstiftung?

NOLTE: Nein. Aber ich meine, auch ein Amerikaner oder ein Franzose sollte der Auffassung sein, ein Volk dürfe sich nicht so sehr aufgeben, wie es in Deutschland nach der zweiten Niederlage und besonders nach 1968 geschehen ist, und zwar nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch in dem der anderen Nationen, damit nicht ein potentiell verhängnisvoller Sonderweg eingeschlagen wird.

Ihren historischen Arbeiten liegt ein geschichtstheoretisches Paradigma zugrunde: die Ausschau nach dem Ganzen, die "historische Trans-zendenz". Hängt das häufige Mißverstehen Ihres Werkes auch damit zusammen, daß dieses Denken einer Spätmoderne mit ihren disparaten Wahrnehmungsformen nicht entspricht?

NOLTE: Daß so ein Begriff wie "Transzendenz" in einem Werk der Geschichtswissenschaft auftaucht, ist sicher etwas Exzeptionelles. Es ist aber 1963 sogar in Amerika recht positiv aufgenommen worden. Daß ich heute in Deutschland und ebenfalls in den USA, keineswegs aber in Italien und auch nicht in Frankreich, als ein Ausgestoßener gelte, hängt sicherlich nicht mit diesem Begriff zusammen, sondern hat viel konkretere Ursachen. Das eigentliche Verständnis auf den geschichtstheoretischen Rahmen wird zwar immer auf kleine Kreise beschränkt sein, es gibt aber Hinweise, daß sich jüngere Forscher gerade diesem Gebiet wieder stark zuwenden.

Was wird Ihr neues Buch "Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?", das im Herbst im Piper-Verlag erscheinen soll, bringen?

NOLTE: Es wird, wie ich meine, eine konsequente Fortsetzung des Faschismus in seiner Epoche und des Europäischen Bürgerkrieges von 1987 sein. Der Faschismus in seiner Epoche hatte den Nationalsozialismus in den Rahmen anderer Faschismen gestellt, aber nicht, um ihn im Generischen verschwimmen zu lassen, wie es diejenigen tun, die den Terminus "deutscher Faschismus" verwenden, sondern um ihn als "Radikalfaschismus" gerade zu unterscheiden. Der Bürgerkrieg bezog den Kommunismus mit großer Ausführlichkeit in den Rahmen des 20. Jahrhunderts ein. In dem neuen und letzten Buch wird das Zwanzigste Jahhundert als ganzes in den Zusammenhang der Weltgeschichte gestellt – nicht in der Weise einer Erzählung selbstverständlich, sondern durch die Analyse von Kategorien und Existenzialien, welche seit dem Ende der Vorgeschichte für das Dasein der Kulturen bestimmend waren. Mindestens einige dieser Existenzialien, wie etwa "Adel" und "großer Krieg", werden im Zwanzigsten Jahrhundert durch die Entwicklung überholt, und dieses Jahrhundert stellt sich daher als der Übergang zu einem anderen Zustand dar, den man "Nachgeschichte" nennen mag, einem Zustand, von dem sich Comte und Marx eine viel zu idyllische Vorstellung gemacht haben. Ich versuche, durch die andere zeitliche Perspektive unverdient begünstigt, eine realistische Analyse zu geben. In diesem Zusammenhang erscheint der Kommunismus, die "militante Fortschrittspartei", als der verfehlte Versuch, die "Nachgeschichte" vorzeitig und gewaltsam herzustellen, und der Nationalsozialismus als der Todeskampf der historischen Existenz.

Also geht es nun primär um den Gegensatz der Totalitarismen?

NOLTE: Der Gegensatz zwischen den beiden Totalitarismen steht weit mehr im Vordergrund, als meine Gegner wahrnehmen wollen, aber es ist nicht der Gegensatz zwischen dem "Positiven" und dem "Negativen". Beide Phänomene geben vielmehr Zeugnis von der Macht der Verkehrungen in der Geschichte. Ob ein solches Geschichtsdenken in der "Nachgeschichte" – die ich als den Triumph der praktischen Transzendenz verstehe, das heißt des Ausgriffs des Menschen auf die Welt im ganzen und der Machbarkeit von allem einschließlich weithin des Menschen selbst – eine Fortsetzung finden kann, ist eine offene Frage. Um einer Antwort näher zukommen, müßte vom Verständnis der praktischen zur theoretischen Transzendenz die Rede sein. Das läßt sich in diesem Gespräch nicht leisten. Aber ein Antoß zu weiterem Nachdenken kann sehr wohl davon ausgehen.

Prof. Dr. Ernst Nolte wurde 1923 in Witten/ Ruhr geboren. Er studierte Deutsch, Griechisch und Philosophie an den Universitäten Münster, Berlin und Freiburg (u. a. bei Martin Heidegger). 1952 wurde er mit einer Arbeit über "Selbstentfremdung und Dialektik im Deutschen Idealismus und bei Marx" promoviert, 1964 mit der Studie "Der Faschismus in seiner Epoche" auf Vorschlag Theodor Schieders an der Universität Köln habilitiert. 1974 erschien "Deutschland und der Kalte Krieg", 1983 "Marxismus und Industrielle Revolution".

Im Sommer 1986 entzündete sich an seinem in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten Vortrag "Vergangenheit, die nicht vergehen will" der "Historikerstreit". Nolte hatte geschrieben: "War nicht der ’Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ’Rassenmordes‘ der Nationalsozialisten?"

Die Kontroverse um das Verhältnis von Realkommunismus und Nationalsozialismus entflammte 1987 neu durch das Buch "Der Europäische Bürgerkrieg 1917–1945". Nolte veröffentlichte danach u.a. 1991 "Geschichts-denken des 20. Jahrhunderts";

1992 "Heidegger"; 1993 "Streitpunkte"; und 1995 "Die Deutschen und ihre Vergangenheiten". Im Herbst wird das Buch "Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?" erscheinen.

Junge Freiheit vom 3. Juli 1998


 

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