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JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  http://www.Junge Freiheit.de/         27. Oktober 2006

 


Höchste Zeit, die Kulturen zu zivilisieren - Zorn, Globalisierung, Diplomatie: Peter Sloterdijk im Gespräch mit Ex-Außenminister Joschka Fischer und dem Medienforscher Iso Camartin
(von Harald Harzheim)

Seit mehr als zwei Jahrzehnten beweist der Philosoph Peter Sloterdijk seinen Spürsinn für Zeitgeistthemen, die er in historischen, aber originell recycelten Denkansätzen spiegelt: Kyniker, Gnostiker, Heidegger, Nietzsche - sie alle werden in Hinblick auf mögliche Aktualität abgeklopft. Mit seinem neuesten Buch "Zeit und Zorn" hat Sloterdijk innerhalb eines Monats die Bestsellerlisten gestürmt. Die darin aufgestellten Thesen brachte er vergangenes Wochenende als geistiges Gepäck nach Berlin, wo er auf den Ex-Außenminister Joschka Fischer und den Medienforscher Iso Camartin traf.

Sloterdijks Buch beginnt in der Antike, wo der Mensch sich noch als göttliches Sprachrohr begriff. Da werden der Achill des Homer oder die alttestamentarischen Propheten zu Medien zorniger Götter. Ein heiliger Zorn durchdringt sie, der (zu kultureller Form sublimiert) aus seinen Trägern Helden macht. Aber mit dem Aufkommen der bürgerlichen Stadtstaaten schwand das "Charisma des Zorns" und fand nur noch im Dionysostheater seine Nische. Die christliche Religion schließlich verschob den Tag des Zorns (Dies irae) auf das Jüngste Gericht bzw. ins Jenseits.

Aber mit dem neuzeitlichen Verblassen des Christentums wuchs wieder die Ungeduld. Die Revolutionen der letzten 200 Jahre schufen eine neue Ökonomie des Zorns, der hier direkte Entladung im großen Stil fand. Nach dem Ende des Sozialismus und durch den Druck des globalen Neoliberalismus übernimmt der politisierte Islam diese Funktion, wird zur aktuellen "Weltbank des Zorns". Als Therapie empfiehlt Sloterdijk - auf psychologischer wie politischer Ebene - eine "Balance", die sich selbst auch mit dem Auge des Anderen zu sehen bemüht.

In Abgrenzung zur Psychoanalyse versucht der Autor den Zorn mit Hilfe von Heideggers Analyse des Daseins ontologisch zu fundieren. In dessen "Sein und Zeit", worauf Sloterdijks Titel anspielt, erfährt der Mensch seine "Eigentlichkeit", seine Befreiung von Fremdbestimmung, als "Sein zum Tod", in Hinblick auf seine eigene Endlichkeit. Sloterdijk ergänzt, daß diese Eigentlichkeit auch im Durchlauf von der Kränkung bis zum Augenblick der Rache erfahrbar werde. Der Zorn wird somit zum Existential.

Die Sloterdijk/Fischer-Diskussion über "Meine Diplomatie" war Bestandteil der Veranstaltungsreihe "Meine Baustelle" im Haus der Kulturen der Welt. Letzteres ist aktuell im Umbau, also selbst eine Baustelle. Und eine Baustelle, so Sloterdijk, ist auch die derzeitige Politik, die autodidaktisch und ohne Vorbild eine globale Weltordnung errichtet. Kurzum, das Haus bot einen überaus symbolischen Raum für das Gespräch mit dem Ex-Außenminister.

Selbstredend, daß dabei der politische Aspekt des Zorns im Vordergrund stand. Fischer erklärte, daß die Diplomatie nicht länger als Verhinderin zorngetriebener Handlungen verstehbar sei. Dies wäre eine glatte Überforderung. Diplomatie vermittle zwischen den höchsten weltlichen Instanzen, zwischen souveränen Staaten. Dränge sich aber die Kultur, die Religion in den Konflikt, müßten Kulturschaffende, Intellektuelle und Theologen künftig den Dialog führen. Die politische Diplomatie spiele dabei nur noch eine marginale Rolle. Um so mehr, als globale (Kultur-)Konflikte nicht mehr zwischen souveränen Staaten, sondern via Terrorismus auf allen Ebenen ausgetragen werden.

Sloterdijk definierte den Diplomaten als Therapeuten, als Artisten, der dem zornig Aufgeregten zunächst recht geben müsse, um Entspannung einzuleiten. Zudem sollten die verschiedenen Kulturen zuerst einmal "zivilisiert" werden, da sie immer noch zu sehr von panischen Überlebensprogrammen geprägt seien. Diese heiße es jetzt für die Schaffung künftiger, großer Kooperativen aufzugeben.

Den berühmten Satz Carl Schmitts - "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet" - interpretiert Sloterdijk auf sprachkritischer Ebene so: "Souverän ist, wen man nicht zwingen kann, etwas zu sagen." Der sich nicht zu rechtfertigen braucht - so wie die USA oder Großbritannien beim Irak-Krieg. Solches Handeln ignoriert jedoch, daß im Zeitalter der Beschleunigung, jede Handlung innerhalb kürzester Zeit globale Auswirkung zeigt - und auch auf den Akteur zurückfällt. In welcher früheren Epoche beispielsweise mußten sich Diktatoren schon zu Lebzeiten vor Gericht rechtfertigen? Deshalb warnte Sloterdijk vor der Aktionsromantik der Teroristen, US-Neocons und Liberalen, die damit unvorhersehbare Wirkungen auslösten.

Ein stolzes Geschöpf reagiert zornig auf Demütigungen

Szenenwechsel: Am darauffolgenden Tag in der Repräsentanz des Suhrkamp-Verlages, einem frisch renovierten Haus der Gründerzeit. Kein Platz für Baustellenpolitik, wohl aber Seelenanalyse. Und tatsächlich stand im Dialog zwischen Sloterdijk und Iso Camartin die psychologische Seite des Zorns im Vordergrund. Worin versammelt sich im Zeitalter der Globalisierung der Zorn der Entrechteten? fragt sich Sloterdijk. Antwort: Über ein solches Sammelbecken verfüge die westliche Welt nicht mehr. Deshalb befinden sich ihre Unzufriedenheiten in einem "nichtsammelbaren Aggregatzustand". Hier scheint sie gegenüber dem politisierten Islam im Nachteil.

Wie aber sollen Gruppen von Benachteiligten oder Gedemütigten künftig in die "Balance" finden? Und was für Therapiemittel braucht die westliche Gesellschaft, wenn sie kein Sammelbecken des Zorns mehr bieten kann? Was, so fragt Iso Camartin, bedeutet das aktuell für Deutschland?

Leider zieht sich Sloterdijk in seiner Antwort wieder auf das Individuum zurück: Die Psychoanalyse habe den Menschen nur als "Marionette des Eros" verstanden, aber nie als "stolzes" Geschöpf, das auf Demütigung mit Zorn reagiere. Die Psychoanalyse wäre also gut beraten, den Stolz (nicht zu verwechseln mit Narzißmus!) in ihre künftigen Wörterbücher zu integrieren. Als ob den Gruppen von Gedemütigten - man denke bloß an unverschuldete Hartz-IV-Empfänger! - mit Erweiterung der Psychoanalyse geholfen wäre.

Sloterdijk verweist noch auf die griechische "Psychopolitik des Ehrgeizes", mit der die Antike den Zorn domestiziert habe. Aber auch dieses Modell dürfte heute passé sein. Nein, die Frage, welche künftigen globalen Strukturen Benachteiligung und Demütigung sozialer Gruppen maximal verhindern und - wo vorhanden - kompensieren könnten, das ist die Frage, die Sloterdijk bislang nicht beantwortet hat. Ein politisches Denken, das auf seinem Modell aufbauen will, müßte genau da anfangen.

Junge Freiheit vom 27. Oktober 2006


 

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