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JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  http://www.Junge Freiheit.de/        13. Januar 2006

 


"Ein Lebensstil, der die Grundlage unserer Gesellschaft zerstört"
Im Gespräch: Der Soziologe Meinhard Miegel über sein neues Buch "Epochenwende", die Krise Europas als Krise der Welt, das Ende des Individualismus und die Renaissance des Konservativen
(von Moritz Schwarz / Jörg Fischer)

Herr Professor Miegel, was halten Sie von Oswald Spengler?

Miegel: Ein sehr bemerkenswerter Mann. Allerdings teile ich weder seine Diagnose noch seine Therapie.

Nicht nur bei der Lektüre Ihres neuen Titels "Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft?", ebenso bei Ihren früheren Büchern "Das Ende des Individualismus" und "Die deformierte Gesellschaft" gewinnt man allerdings den gegenteiligen Eindruck.

Miegel: Das höre ich immer wieder. Entweder ist Oswald Spengler oder bin ich nicht richtig gelesen worden.

Warum sträuben Sie sich so gegen eine Parallelisierung? Fürchten Sie als "Spenglerianer" von der "Political Correctness" stigmatisiert zu werden?

Miegel: Ich sträube mich nicht gegen Parallelisierungen, sondern gegen Schubfächer. Spengler ist Spengler. Ich bin ich.

Wenn Sie lieber auf Ihre Inhalte zu sprechen kommen wollen, dann müssen wir als erstes über Demographie reden. Sie weisen in "Epochenwende" darauf hin, daß in der Soziologie der Menschheit nun ein Faktor aufgetreten ist, den es zuvor in der Geschichte noch nicht gegeben hat.

Miegel: Bleiben wir ruhig bei Spengler. Seit seiner Zeit hat sich die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland und Europa annähernd verdoppelt - mit weitreichendsten Folgen. Verglichen mit Spenglers Zeit ist die heutige Gesellschaft schon aufgrund ihrer Altersstruktur ein Aliud - etwas grundlegend Anderes. Während des längsten Teils der Menschheitsgeschichte bestand die Gesellschaft im wesentlichen immer nur aus zwei Generationen: den Eltern und ihren Kindern. Heute leben fünf Generationen gleichzeitig. Die Europäer altern, und zwar mit einer unglaublichen Geschwindigkeit.

Und Europa ist nur der Anfang?

Miegel: So ist es. Die übrige Menschheit folgt den Europäern auf den Fersen. Selbst in den unterentwickeltsten Ländern haben die Menschen heute eine Lebenserwartung wie die Europäer in den vierziger Jahren. Und sie holen rasch weiter auf. Weltweit müssen wir uns also auf eine völlig neue Herausforderung vorbereiten: eine alte Menschheit.

Diese unvermeidliche Herausforderung ist aber nur die eine Hälfte des Problems, das Sie beschreiben. Die andere - vor der Sie in allen Ihren Büchern nachdrücklich warnen - ist eine im Grunde vermeidbare: die Vergeudung unserer kulturellen und zivilisatorischen Ressourcen.

Miegel: In der Tat pflegen viele heute einen Lebensstil, der dazu angetan ist, die Grundlagen einer Gesellschaft zu beschädigen, wenn nicht gar zu zerstören.

Wie Spengler sehen Sie in diesem Niedergang allerdings zugleich die Etappe eines historischen Prozesses - der auch deshalb stattfindet, weil hier in Europa gewissermaßen die Zukunft zuerst eintritt.

Miegel: Alle solchen Entwicklungen sind historische Prozesse. Schauen Sie, wir Europäer einschließlich unserer überseeischen Cousins und Cousinen waren in den zurückliegenden 200 Jahren extrem privilegiert. Wir hatten gegenüber der übrigen Menschheit beträchtliche Wissens- und Könnensvorsprünge, funktionierende rechtliche und staatliche Ordnungen, eine hohe Kapitalakkumulation, Zugang zu praktisch allen Ressourcen und und und ... Das erlaubte uns einen in der Menschheitsgeschichte einmalig hohen Lebensstandard. Doch mittlerweile sind zahlreiche Völker dabei aufzuholen. Das bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes. Aber bislang bestehende Unterschiede werden eingeebnet.

Es gilt allerdings genau auseinanderzuhalten, wovon Sie wann sprechen: Einmal ist da - wie eben beschrieben - der Abstieg, der sich durch den natürlichen Verlust der Vorrangstellung ergibt. Zum anderen wäre da aber der Abstieg, der sich selbstverschuldet durch gesellschaftliche Mißwirtschaft ergibt. Oder, wie Sie es formulieren: "Die Kultur des Westens zerstört sich selbst."

Miegel: Wenn große Bevölkerungsteile den Sinn ihres Lebens in der Aufrechterhaltung und Mehrung ihrer Konsumfähigkeit sehen, ist das alarmierend. Diese Fokussierung auf rein Materielles hat zwar dazu beigetragen, daß noch nie so viele materielle Güter erwirtschaftet worden sind wie jetzt. Aber die Gesellschaft als solche hat unter dieser Fokussierung gelitten. Die Folge: Weithin fehlt heute der Typ Gesellschaft, der Voraussetzung für dynamisches Wirtschaften ist.

Ihre Antwort auf diese "deformierte Gesellschaft" erinnert ­- nicht im Detail, aber en gros - wieder sehr an Oswald Spengler.

Miegel: Ich möchte Bewußtsein für veränderte Sicht- und Verhaltensweisen wecken. Die derzeit dominierenden haben begonnen, sich ad absurdum zu führen.

Das, was Sie in Ihren Büchern als notwendige Tugenden beschreiben, um "die Zukunft zu gewinnen", könnte man als eine "konservative Revolution" bezeichnen.

Miegel: Ich kann mit solchen Begriffen nicht viel anfangen. Aber wenn Sie so empfinden, will ich Ihnen nicht widersprechen.

Sie unterlassen nichts, um beim Leser den Eindruck einer Gesellschaft in Dekadenz hervorzurufen.

Miegel: Dekadenz ist für mich ein kulturell-zivilisatorischer Terminus.

Im Grunde läßt sich Ihre Kritik auf eine Generalformel bringen: der Verlust der Bindung. - Ob im privaten, ob in der Gesellschaft, ob zwischen Mensch und Natur.

Miegel: Richtig.

Die Bindung ist in der politischen Philosophie der Grundbegriff der konservativen Idee.

Miegel: Gegen "konservativ" habe ich nichts.

Wer ist politisch verantwortlich für die Entstehung der "deformierten Gesellschaft"?

Miegel: Alle und keiner. Wir reden von historischen Prozessen.

Gibt es angesichts dieser Geschichtsergebenheit noch Raum für eine gute und eine schlechte Politik?

Miegel: Natürlich. Wenn eine Politik mit Wort und Tat alles unternimmt, um die Zerrüttung einer Gesellschaft zu beschleunigen, verdient sie wohl kaum das Prädikat "gute Politik". Warum fühlen sich heute so viele Väter und mitunter auch Mütter frei, ihre minderjährigen Kinder im Stich zu lassen? Doch nicht zuletzt deshalb, weil ihnen immer wieder gesagt worden ist, ihre Selbstverwirklichung habe unbedingten Vorrang. Die Scherben, die sie hinterließen, werde der Staat schon wegräumen. Auf die Frage, warum Menschen kinderlos sind, ist die am häufigsten gegebene Antwort: Ich kann mich auf meinen Partner nicht verlassen. Zu häufig können sich Mann und Frau nicht aufeinander, Kinder nicht auf ihre Eltern, Eltern nicht auf ihre Kinder verlassen. Die einstmals bestehende Pflicht von Großeltern, gegebenenfalls für ihre Enkel aufzukommen und ebenso umgekehrt, wurde von der Politik als "Sippenhaft" diffamiert. Insofern spielt Politik schon eine Rolle.

Der besorgte Bürger mag nach der Lektüre Ihrer Bücher zu dem Schluß kommen, daß es unverantwortlich ist, weiterhin diese politischen Eliten in ihrer Pflichtvergessenheit zu bestätigen, sprich weiterhin den etablierten Parteien seine Stimme zu geben. Was raten Sie ihm?

Miegel: Vergessen Sie nicht, wir leben in einer Demokratie, und die Parteien spiegeln schon recht genau Volkes Willen wider. Das Ganze ist ein Wechselspiel. Politik und Bevölkerung beeinflussen sich gegenseitig. Wem die Richtung nicht paßt, muß deshalb selbst politisch aktiv werden.

Viele Leser Ihrer Bücher wünschen sich: Meinhard Miegel müßte eine Reformpartei gründen!

Miegel: In Deutschland fehlt es nicht an Parteien, sondern an guter Politik. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Sie hätten die Chance gehabt, Minister zu werden. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Miegel: Auch hier gilt: Es gibt genügend Personal. Viele Politiker wissen jedoch nicht, was eigentlich nottut. Deshalb arbeite ich in einem Institut, das politisch relevante Sachverhalte samt Lösungsvorschlägen aufbereitet und der Politik zugänglich macht. Das Erarbeitete auch noch in praktisches Handeln umzusetzen, würde jedermanns Kräfte übersteigen.

Alle Ihre Reformanstöße sind inhaltlich Konservativer Natur. Wenn konservative Werte also im Grunde die Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft sind, warum hat dann die CDU ein solches Problem mit konservativen Inhalten?

Miegel: Weil solche Inhalte nicht dem sogenannten Zeitgeist entsprechen. Sie zu leben ist mühsam.

Dann sollte Angela Merkel vielleicht langsam mal damit beginnen, beim Volk dafür zu werben. Bislang kommt ihr aber noch nicht einmal das Wort "konservativ" über die Lippen.

Miegel: Das liegt vermutlich an der Verwirrung vieler Begriffe. "Konservativ" wird weithin mit "reaktionär" gleichgesetzt, "liberal" ist in Verbindung mit "neo" zu einem Schimpfwort geworden. In Deutschland wäre schon viel erreicht, wenn wir uns wieder einer gewissen Sprachhygiene befleißigen würden. Es ist doch ein Unding, daß heute Menschen durch den Begriff "neoliberal" oder auch "konservativ" regelrecht stigmatisiert werden können. Umgekehrt kann allem und jedem mit dem nichtssagenden Begriff "sozial gerecht" eine Art Weihe verliehen werden. Das macht politisch notwendige Debatten schwierig. Die Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht, vor allem aber auch in begrifflicher Hinsicht, desorientiert.

Zum Beispiel auch im Falle des Begriffs Familie, wie Sie schreiben.

Miegel: Zum Beispiel.

Ihr Buch enthält ein Plädoyer für die Besinnung auf die Familie. Kann man sagen, daß die Familie im Zentrum Ihres gesellschaftlichen Reformdenkens steht?

Miegel: Ich bin kein Familienpolitiker. Klar ist für mich allerdings, daß der heranwachsende Mensch ein festes Bezugssystem braucht. Das findet er in der Regel in der Familie.

Wie definieren Sie Familie?

Miegel: Familie ist, wo Eltern und Kinder sind.

Ist die Familie für Sie nur nutzenbringend oder auch sinnstiftend?

Miegel: Diese Frage sollten Sie einem Philosophen stellen.

Sie bekennen sich also zum funktionellen Wert der Familie, sehen darin aber nicht unbedingt eine sinnstiftende gesellschaftliche Institution. Soweit war sogar die rot-grüne Bundesregierung schließlich auch.

Miegel: Sie interpretieren da etwas in meine Antworten, das nicht in ihnen enthalten ist. Mit dem Begriff "sinnstiftend" sollten wir sehr behutsam umgehen. Aber zurück zur Familie. Ich sehe es als problematisch an, wenn dieser Begriff heute auf alle möglichen Beziehungssysteme angewandt wird. Das trägt dazu bei, daß auch dieser Begriff langsam, aber sicher seinen Inhalt verliert. Familie sollte das bleiben, was sie ist: eine Gemeinschaft von Eltern und Kindern. Alles andere sollte eigenständige Bezeichnungen erhalten.

Eine Vision von der Familie haben Sie also offenbar auch nicht. Mutet da Ihr Appell - die Familie aus bloßer Einsicht heraus so wichtig zu nehmen, als wäre sie eine Institution, ohne sich zu ihr als sinnstiftender Institution zu bekennen - nicht an wie der Versuch, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen?

Miegel: Ich habe doch klar gesagt, was für mich Familie heißt. Was sollen in diesem Zusammenhang "Vision", "Institution" oder "Bekenntnis"? Können wir nicht zum schlichten Kern der Dinge zurückkehren? Eben Eltern und Kinder, die meinetwegen zusammen mit Großeltern und Enkeln eine Gemeinschaft bilden.

Die Familienpolitik der unionsgeführten Bundesregierung, beziehungsweise der CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen findet viel Lob, zum Beispiel für das Elterngeld. Vom Familienverständnis her wirkt alles jedoch recht sozialdemokratisch.

Miegel: Wir leben in einer völlig durchmonetarisierten und -kommerzialisierten Gesellschaft. Da darf es nicht verwundern, wenn auch Kinder und Eltern in diesen Strudel geraten sind. Kinder werden gewissermaßen als finanzielle Schadensfälle angesehen, für die die Gesellschaft die Eltern zu entschädigen hat. Kinder, so heißt es, kosten ja nicht nur Geld. Oft beeinträchtigen sie auch die Einkommenschancen der Eltern. Diese Sichtweise wird von allen Parteien mehr oder minder geteilt. Christdemokraten und Sozialdemokraten unterscheiden sich in dieser Frage nur mäßig.

"Die Nation hat eine wichtige historische Rolle gespielt"

Die Familie könnte man als ein Konzept der Bindung an der "Wurzel des Gesellschafts-Baumes" bezeichnen. Die Nation wäre dann ein Konzept der Bindung auf Höhe der Wipfel. Ist sie also ebenso ein Zukunftsmodell?

Miegel: Die Nation, wie wir sie heute kennen, ist im wesentlichen ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts. Sie hat eine große historische Rolle gespielt und spielt sie zum Teil auch heute noch. Aber für die Ewigkeit ist sie nicht bestimmt.

Sie setzen statt dessen auf ein Netz von "Euroregionen".

Miegel: Je fester sich die Europäische Union formiert, desto stärker werden die vor-nationalen Regionen an Bedeutung gewinnen.

Kritiker wenden ein, dies sei eine typisch deutsche Idee, denn außer den Deutschen sei in Europa niemand bereit, seine Nation zugunsten von Euroregionen aufzugeben.

Miegel: Die Regionalisierung ist doch in vollem Gange. Selbst in einem so traditionsbewußten Land wie Großbritannien haben Schotten und Waliser ihre regionalen Eigenständigkeiten nicht nur entdeckt, sie zelebrieren sie. Ähnliches gilt für Frankreich oder Italien.

Warum sollte es denn den Regionen gelingen, den Nationalstaat zu ersetzen? Die EU etwa vermag dies bis heute nicht - und zwar nicht deshalb, weil ihr die Kompetenzen fehlen, sondern weil es ihr nicht gelingt, die Loyalität der Bürger im selben Maße zu binden, wie das der Nationalstaat immer noch tut.

Miegel: Wundert Sie das? Den Nationalstaat kennen die Bürger seit langem. Europa kennen sie noch nicht. Aber wir sollten nicht vergessen, daß sich die Menschen auch an den Nationalstaat gewöhnen mußten, und zwar über Generationen hinweg.

Europas Zukunft wird jedoch nicht nur geprägt sein von der Frage nach der Nation, sondern auch nach der Migration. Ersetzt sie als Europas Konfliktherd - so wie wir das unlängst in Frankreich erlebt haben - künftig die "nationalen Friktionen" der Vergangenheit?

Miegel: Ich hoffe nicht. Aber unbestreitbar ist die Integration der Zuwanderer weithin mangelhaft. Das schafft Konfliktherde. Wenn beispielsweise in einer Schulklasse mehrere Sprachen gesprochen werden und die Schüler es ablehnen, sich auf eine Sprache zu verständigen, gibt es Probleme.

"Multikulti" hat zwar durch die Ereignisse in Holland und Frankreich einen "Dämpfer" erhalten, gilt aber nach wie vor sogar in der Union als Leitbild, wie zum Beispiel jüngst die Äußerungen von CDU-Bundestagspräsident Norbert Lammert bestätigt haben (JF 2/06). Ist die "multikulturelle Gesellschaft" tatsächlich die Lösung?

Miegel: Das, was wir von zwanzig Jahren an "multikulturellen Konzepten" diskutiert haben, ist heute samt und sonders vom Tisch. Davon reden nicht einmal mehr die Grünen. Damals mußte noch um das Elementarste gekämpft werden: Weder waren damals die Apologeten der multikulturellen Gesellschaft bereit anzuerkennen, daß es einer verbindlichen Verkehrssprache bedarf, noch daß das Grundgesetz die gesellschaftliche Grundlage darstellt.

Diese Zugeständnisse wurden aber nur gemacht, um das Konzept zu retten, das an der Realität zu scheitern drohte.

Miegel: Das ist richtig, aber das Konzept ist derart ausgedünnt, daß es fast einer Aufgabe gleichkommt. Sie können sich gar nicht vorstellen, was wir damals alles debattieren mußten! Ein Beispiel: Da die Würde des Menschen unantastbar ist, sei es inakzeptabel, etwa einen Angehörigen eines Nomadenvolkes ins Gefängnis zu sperren, da diese Strafe in seiner Kultur nicht üblich sei und daher seine Menschenwürde verletze. Eine dort übliche Strafe sei hingegen das Auspeitschen. Also war die Frage: Müssen wir einen solchen Menschen auspeitschen, wenn er wegen eines Vergehens bestraft werden soll?

Ihnen geht es aber doch nicht um die glückliche Überwindung der Verirrungen der Vergangenheit, sondern um das "Gewinnen der Zukunft". Reichen dazu die Einsichten im Rahmen einer reformierten "multikulturelle Gesellschaft" aus?

Miegel: Nein, die Zukunft ist dadurch noch nicht gewonnen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, bei dem es auch Rückschritte gibt. So sind Angehörige der zweiten oder dritten Zuwanderergeneration heute mitunter weniger integrationsbereit, als es ihre Eltern oder Großeltern waren. Hier gilt es, Mindeststandards zu setzen und durchzusetzen. Entscheidend ist eine gemeinsame Sprache und Rechtsordnung.

"Das Grundgesetz im Lichte unserer Kultur verstehen"

Haben Sie nicht einen entscheidenden Faktor vergessen: die Kultur? Glauben Sie im Ernst, kulturelle Widersprüche mit dem Grundgesetz in der Hand lösen zu können?

Miegel: Das Grundgesetz wie die gesamte Rechtsordnung ist Teil einer bestimmten Kultur und muß deshalb auch im Lichte dieser Kultur gesehen werden. Im übrigen sollten wir nicht immer nur wie gebannt auf die Konfliktfälle starren, auch wenn es diese zweifellos gibt. Viel häufiger ist doch das weitgehend problemlose Miteinander. Ich finde es beispielsweise durchaus bemerkenswert, wie sich das oft sehr unterschiedliche Geburtenverhalten von Zuwanderern innerhalb kurzer Zeit den Verhaltensformen der Aufnahmeländer anpaßt.

Sie haben immer noch nicht gesagt, in welche Richtung sich die Politik bewegen soll.

Miegel: In Richtung Integration.

Offizielle Linie der CDU bis in die neunziger Jahre war ­- wenn auch politisch nicht umgesetzt ­- möglichst gar keine Einwanderung, wenn nicht gar Rücksiedlung.

Miegel: Angesichts der demographischen Entwicklung können wir uns das nicht mehr leisten.

Sie schreiben doch selbst in Ihren Büchern, daß Zuwanderung keine Antwort auf die demographische Krise ist?

Miegel: Langfristig nicht, aber immerhin gewinnen wir Zeit.

Lassen Sie mich prognostizieren. Folge eins: Wir "nutzen" die Zeit, um uns noch länger um die Lösung des Problems herumzudrücken. Folge zwei: Wir produzieren mit diesem Behelf zusätzliche Kosten. Folge drei: Wir importieren sozialen und ethnischen "Sprengstoff".

Miegel: Deshalb plädiere ich auch erstens für eine moderate und zweitens für eine kontrollierte Zuwanderung von netto etwa 200000 Menschen im Jahr, die drittens dank einer entsprechenden Politik auch integriert werden.

Das bedeutet im Idealfall grundgesetztreue, aber kulturell parallele Gesellschaften.

Miegel: Wieso? Die Leute gehen auf die gleiche Schule, in die gleiche Fabrik und ins gleiche Kino. Wo beginnt da die Parallelgesellschaft? Nun gut, die einen feiern Weihnachten, die anderen Ramadan und wieder andere gar nichts. Soviel Parallelgesellschaft ist verkraftbar.

Die Lehre aus den Ereignissen in Frankreich oder Holland ist also nicht "Es geht nicht", sondern "Man muß es nur richtig machen"?

Miegel: So ist es. Schauen Sie sich doch bloß einmal die Wurzeln der Europäer an. Die Vorfahren von vielen sind doch erst in historisch junger Zeit aus Asien hierher eingewandert. Woher zum Beispiel kommen die Germanen?

Deshalb hatten wir auch 2000 Jahre lang die heftigsten Auseinandersetzungen, bis wir in zwei Weltkriegen, nach Rassen- und Klassenmorden den Ausgleich erreicht haben.

Miegel: Nicht nur deshalb hatten wir in Europa die monströsesten Konflikte. Es ging auch und vor allem um Macht, religiöse Überzeugungen und anderes mehr. Die USA haben in dieser Hinsicht manche Klippe umschifft.

Ausrottung der Indianer, Negersklaverei, brutale Diskriminierung der asiatischen Einwanderer, Sezessionskrieg, Rassenfrage bis an den Rand des Bürgerkriegs.

Miegel: Das alles ist unbestreitbar. Dennoch funktioniert die Zuwanderung in die USA alles in allem recht gut. Voraussetzung ist allerdings: Die Zuwanderer müssen bereit sein, sich in die Gesellschaft der USA einzubringen. Das muß auch für Europa gelten.

Im "Ende des Individualismus" sprechen Sie davon, daß sonst fremde Kulturen versuchen werden, sich in Europa anzusiedeln.

Miegel: Kulturen sind ständigen Veränderungen unterworfen. Um so wichtiger ist eine geordnete Zuwanderung integrationswilliger Menschen. Hier befindet sich Europa im Wettlauf mit der Zeit.

Im Wettlauf mit der Zeit befinden wir uns ebenfalls bei der Sicherung der Rentensysteme. Sie sind auch als die "Kassandra der Rente" bekannt geworden. Kurt Biedenkopf forderte bereits in den achtziger Jahren eine steuerfinanzierte Grundrente. Alles darüber hinaus sollte jeder privat finanzieren. Warum konnte er seine Vorstellungen nicht durchsetzen?

Miegel: Nicht nur Kurt Biedenkopf, auch ich habe mich bereits in den achtziger Jahren für eine steuerfinanzierte Grundsicherung - ich spreche nicht von Grundrente, das ist etwas anderes - eingesetzt. Wir konnten unsere Vorstellungen nicht durchsetzen, weil zum einen weder Politik noch Bevölkerung die Dramatik der demographischen Veränderungen begriffen hatten und zum anderen dem bestehenden System Machtstrukturen zugrunde liegen, die nicht leicht zu überwinden sind.

Private Rentenversicherungen sind den Risiken des Kapitalmarktes ausgesetzt. Von den eingezahlten Geldern müssen zudem immense Verwaltungskosten, Vertreterprovisionen und die Renditeerwartungen der Anteilseigner bezahlt werden. Inzwischen ist die Garantieverzinsung auf zwei Prozent gesunken. Wie kann man das als Alternative empfehlen?

Miegel: Wer ein einigermaßen ordentlich geführtes Portfolio besitzt, erzielt deutlich mehr als nur zwei Prozent Rendite. Zumindest erleidet er - anders als in der gesetzlichen Rentenversicherung - keine realen Verluste.

Frauen, die Kinder erziehen und daher nicht arbeiten gehen, bekommen in der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) Kindererziehungszeiten angerechnet. Bei privaten Versicherern gilt hingegen: Keine Beiträge, keine Rente. Wie soll dieses Problem gelöst werden?

Miegel: Die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung, die ihrem Wesen nach überhaupt keine Versicherung ist, und private Vermögensbildung sind zwei grundlegend verschiedene Systeme. Die gesetzliche Rentenversicherung wird unter Gesichtspunkten politischer Opportunitäten gesteuert - heute so und morgen so. Gezahlt wird immer nur nach Kassenlage. Bei der privaten Vermögensbildung ist das nicht möglich.

Private Versicherer stehen wie die GRV auch vor demographischen Herausforderungen: Da die Menschen im Durchschnitt immer älter werden, beziehen sie auch länger Rente. Die revidierten Sterbetabellen senken auch erheblich die zu erwartende Privatrente. Ist die Privatisierung der Rente daher nur eine Scheinlösung?

Miegel: Nein. Ersparnisse kommen auf dem Weltmarkt zum Einsatz und können an den hohen Renditeerwartungen aufstrebender Volkswirtschaften teilhaben. Ähnliche Chancen hat die gesetzliche Rentenversicherung nicht.

In den USA gibt es zunehmende Altersarmut. Immer mehr Rentner müssen zusätzlich arbeiten, weil die privaten Rentenversicherer ihre Zahlungsversprechen nicht einhalten können - nicht nur wegen der geplatzten "New-Economy"-Blase. Auch in Deutschland sinken sowohl Garantiezins wie Überschußbeteiligung. Sollte das nicht klar ausgesprochen werden, um später Enttäuschungen zu vermeiden?

Miegel: Es sollte nicht nur, es muß klar ausgesprochen werden. Die Zeiten saftiger Renditen sind bis auf weiteres vorüber. Aber wie gesagt, noch sind Renditen möglich.

Auch Altkanzler - und Volkswirt! - Helmut Schmidt hat vor Illusionen bei der privaten Rentenversicherung gewarnt: "Ob aber die Versorgung über Versicherungsbeiträge finanziert wird, über Steuern oder private Vorsorge: In allen Fällen fließt die Altersversorgung Rente aus dem gleichzeitig erarbeiteten Volkseinkommen." Die Verfechter der privaten Altersvorsorge müßten sich klarmachen: "Sie liefern sich dem Auf und Ab der Kapitalmärkte aus. Sie sind also letztlich wie alle Rentenversicherten davon abhängig, daß es genug Menschen gibt, die arbeiten, konsumieren und Mehrwert erwirtschaften." Was entgegnen Sie dieser Warnung?

Miegel: Schmidt hat recht und unrecht zugleich. Die Rentenversicherten sind gnadenlos dem Auf und Ab einer eng begrenzten Volkswirtschaft ausgesetzt, die z.B. im Falle Deutschlands auf Schrumpfung programmiert ist. Private Vermögen können hingegen - ich wiederhole mich - an den Chancen expandierender Volkswirtschaften teilhaben.

Prof. Dr. Meinhard Miegel gilt als kompetentester Analytiker und schärfster Kritiker der umfassenden sozialen Krise unserer Gesellschaft. Überalterung, Geburtenschwund, Zuwanderung, Integration, Individualismus und hedonistischer Lebensstil, Rentenkrise, Veränderung der Arbeitswelt, Werteverfall, Political Correctness und das Versagen des politischen Systems angesichts der Herausforderungen der Gegenwart - Miegel verknüpft die Problemfelder der Gesellschaft zu einem Panorama der Krise unserer Zeit. Der langjährige Leiter des renommierten Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn (IWG) war von 1973 bis 1977 Mitarbeiter des Generalsekretärs der CDU, Kurt Biedenkopf, und ab 1975 Leiter der Hauptabteilung Politik der Bundesgeschäftsstelle der CDU. Geboren wurde der Soziologe und Jurist 1939 in Wien. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen stechen vor allem die Bestseller "Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst" (Verlag Bonn aktuell, 1993) und "Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen" (Propyläen, 2002) durch ihre konservative Kulturkritik hervor. Zuletzt erschienen: "Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft?" (Propyläen, 2005).

Junge Freiheit vom 13. Januar 2006


 

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