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Prägnant und möglichst knapp formulierte Gedanken

von

Nicolai Hartmann (1882-1950)

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„In Wirklichkeit fällt also die Beweislast gerade dem Idealismus zu, eben weil er es ist, der sich vom natürlichen Gegenstandsbewußtsein und von der Sachlage des Erkenntnisphänomens entfernt und eine Behauptung aufstellt, die von vorn herein den Stempel der Widernatürlichkeit trägt.“
Paul Nicolai Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 1921, S. 229

Wie das Transobjektive in der verlängerten Richtung des Erkannten liegt, so liegt das Transintelligible in der verlängerten Richtung des Erkennbaren.
Paul Nicolai Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 1921

„Durch die kategoriale Grundrelation begreifen wir, wissen wir aber nicht um das Dasein; durch die psychophysische Grundrelation wissen wir um das Dasein, begreifen es aber nicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 1921

Sofern das (das »Handeln« gemäß Kants »kategorischem Imperativ«; HB) besagt, daß wirklich die jedesmalige »Maxime« der Handlung ihre Richtschnur daran hat, ob sie zugleich allgemeines Gesetz sein könnte oder nicht, so liegt darin offenkundig etwas, was der Mensch als Persönlichkeit nicht prinzipiell wollen kann. Er muß vielmehr zugleich wollen, daß über alle Allgemeingültigkeit hinaus noch etwas Eigenes in seinem Verhalten sei, was an seiner Stelle kein Anderer tun sollte oder dürfte. Verzichtet er hierauf, so ist er eine bloße Nummer in der Menge, durch jeden Anderen ersetzbar; seine persönliche Existenz ist vergeblich.“
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926

Jede Seinsschicht hat ihren eigenen Kategorialkomplex, und zu jedem solchen gehört ein eigener Determinationstyp. Und wie die Kategorien jeder niederen Schicht in der höheren abgewandelt und um ein spezifisches Novum verstärkt wiederkehren, so natürlich auch die niederen Determinationstypen in den höheren.
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926

„Die Tragik des Menschen ist die des Verhungernden, der an der gedeckten Tafel sitzt und die Hand nicht ausstreckt, weil er nicht sieht, was vor ihm ist. Denn die wirkliche Welt ist unerschöpflich an Fülle, das wirkliche Leben ist wertgetränkt und überströmend, wo wir es fassen, da ist es voller Wunder und Herrlichkeit.
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926, S. 11

„Das Wertreich ist ... eine Sphräre ideal ansichseiender Wesenheiten.“
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926, S. 26

„Werte sind ... Gebilde einer ethisch idealen Sphäre eines Reichs mit eigenen Strukturen, eigenen Gesetzen, eigener Ordnung.“
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926, S. 29

„Die Werte selbst verschieben sich nicht in der Revolution des Ethos. Ihr Wesen ist überzeitlich, übergeschichtlich. Aber das Wertebewußtsein verschiebt sich.“
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926, S. 49

„Es gibt eben ein reines Wert-Apriori. Das unmittelbar, intuitiv, gefühlsmäßig unser praktisches Bewußtsein, unsere ganze Lebensauffassung durchzieht, und allem, was in unseren Gesichtskreis fällt, die Wert-Unwert-Akzente verleiht.
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926, S. 116

„Alles, was Sollenscharakter hat, kann ebendeswegen nicht Freiheitscharakter tragen.
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926, S. 760

„Gerade eine allseitige Weltnähe, Fühlung mit allem, was in der Welt werthaltig ist, liegt im praktischen Sinn der Weisheit.
Paul Nicolai Hartmann, Ethik, 1926, 45. Kap.

„Das geplante Ganze bildet den fundamentalphilosophischen Hintergrund meiner seither erschienenen systematischen Arbeiten — der »Metaphysik der Erkenntnis« (1921 erschienen; HB), der »Ethik« (1926 erschienen; HB) und des »Problems des geistigen Seins« (1933 erschienen; HB)—, hat sich wohl auch in deren Aufbau wiederholt angekündigt.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. V

„Eine neue, kritische Ontologie ist möglich geworden. Sie zu verwirklichen ist die Aufgabe.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. V

„Zugleich mache ich hiermit den Anfang, eine alte Schuld einzulösen. Es hat in meinen früheren Arbeiten nicht an ontologischen Voraussetzungen gefehlt, die ich machen mußte, ohne sie zureichend begründen zu können. Durch eine Reihe kleinerer Abhandlungen (»Wie ist kritische Ontologie möglich?« [1924 erschienen; HB], »Kategoriale Gesetze« [1926 erschienen; HB]u.a.) habe ich diesem Mangel zu begegnen gesucht. Das konnte auf die Dauer nicht genügen, da es sich ja nicht um Klärung von Randfragen, sondern um die Grundlegung eines Ganzen handelte.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. VI

„Von »Ontologie« haben wir in den letzten Jahrzehnten mancherlei gehört. Nicht nur was den Titel führt, wie die Werke von H. Conrad-Martius und Günther Jacoby, gehört hierher. Auch Meinongs Gegenstandstheorie, Schelers metaphysische Ansätze, Heideggers »Sein und Zeit« sind hier zu nennen, desgleichen manche weniger beachtete Versuche. Das Aufkommen dieser Tendenz hängt aufs engste mit dem Wiedererwachen der Metaphysik zusammen, das seinerseits als Reaktion gegen die inhaltliche Leere des niedergehenden Neukantianismus, Positivismus und Psychologismus im Beginn unseres Jahrhunderts einsetzte. Es kündete sich darin offensichtlich eine Bewegung allgemeinen Auflebens des philosophischen Geistes an, und sie wäre wohl in größerem Maßstabe durchgedrungen, wenn nicht in eben diese Zeit die Höhe des Historismus gefallen wäre, der durch seine Relativierung des Wahrheitsbegriffs ein skeptisch hemmendes und auflösendes Gegengewicht zur Seinsproblematik bildete.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. VII

„Wohin ich blicke in diesen Ansätzen, ich finde überall nur die Ankündigung der kommenden Ontologie, nirgends einen Versuch, sie selbst wirklich durchzuführen. Teils bleiben sie in der Voruntersuchung hängen, die das Verhältnis von Erkenntnis und Sein betrifft — wobei dann der ontologisch ungeklärte Erkenntnisbegriff alles weitere a limine illusorisch macht; teils verwechseln sie die Seinsfrage mit der Gegebenheitsfrage, oder gar das Seiende selbst mit dem subjektbezogenen »Gegenstande«: teils suchen sie nach Cartesischer Art den Ansatzpunkt überhaupt im Subjekt — einerlei ob dieses nun als der Mensch, die Person oder das »Dasein« ausgelegt wird —, wobei von vornherein die Indifferenz des Seienden gegen jede Art von Erkennen und Verhalten des Subjekts verfehlt wird.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. VII

„Man muß es aussprechen: es ist im Ganzen bei der Ankündigung geblieben, die Ontologie selbst ist nicht gefolgt. Ihr Thema wurde gar nicht eigentlich gestellt, geschweige denn in Angriff genommen — nicht weil man es nicht im Ernst gewollt hätte, sondern weil man es nicht zu fassen wußte. Es zu fassen ist auch weder im Geleise der hergebrachten Theorien noch mit deren bloßer Destruktion möglich; das erstere beweist plastisch der Versuch Jacobys, das letztere der Heideggers.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. VIII

„Eine besondere Stellung dagegen nimmt Hans Pichler ein. Er ging als einer der ersten voran mit seinem kleinen, aber gewichtigen Buch »Über die Erkennbarkeit der Gegenstände« (1909), einer Schrift, die ihrem Titel zum Trotz weit mehr ontologisch als erkenntnistheoretisch angelegt ist und wohl eben deswegen zu wenig gewürdigt worden ist. Auch Pichler freilich ist weit entfernt, eine Durchführung zu geben. Doch hat er das hohe Verdienst, als Einziger das Seinsproblem wirklich getroffen zu haben; wie denn seine ausdrückliche Bezugnahme auf Wolfs (Wolffs; HB) Lehre von der ratio sufficiens, sowie seine spätere Schrift über »Christian Wolfs Ontologie« (1910), seine Orientierung an der maßgebenden geschichtlichen Quelle bekundet.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. VIII

„Pichlers Vorgang war es, der mich seinerzeit in der Überzeugung, den rechten Weg eingeschlagen zu haben, bestärkte. Er gab mir gleichzeitig in meiner Einschätzung Wolfs (Wolffs; HB) recht, mit der ich mich damals wie heute so gut wie allein sah.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. VIII

„Das Verdienst der Hegelschen Logik, die in ihren ersten beiden Teilen allerdings eine Ontologie ist und von Hegel selbst als eine solche bezeichnet ist, sehe ich in ganz anderer Richtung. Sie schlug den Weg in die Besonderung des Seienden ein und hat damit Bahn gebrochen für das Verständnis der kategorialen Mannigfaltigkeit, ja für die innere Einheit von Ontologie und Kategorienlehre überhaupt. Sie ist die größte durchgeführte Kategorialanalyse, die wir besitzen, und ist sie die einzige geblieben, die in diesem Felde etwas Durchschlagendes geleistet hat. Sie philosophisch auszuschöpfen ist bis auf den heutigen Tag noch keineswegs gelungen. Als Ontologie verstanden aber blieb sie in derselben Halbheit stecken, die allen spekulativen Systemen eigen ist, sofern es ihnen letzten Endes um die Rechtfertigung metaphysischer Thesen zu tun ist. Die Ausweitung der Hegelschen Logik ist eine Aufgabe der speziellen Kategorien - lehre, nicht die einer Ontologie der ersten Grundlagen.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. VII-IX

„Der Universalienstreit ist nicht abgetan, nicht eine Sache ferner Vergangenheit, über die wir glücklich hinausgewachsen wären. Er ist, so möchte ich behaupten, noch eine heutige Angelegenheit. Was uns an ihm fast absichtlich vorbeisehen läßt, als wäre er ein Atavismus, den man belächeln dürfte, das ist die eigene ontologische Problemlosigkeit unserer Zeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. X

„Ob Kategorien Auffassungsweisen des Menschen oder unabhängig von aller Auffassung bestehende Grundzüge der Gegenstände sind, ist heute noch die ontologische Grundfrage der Kategorienlehre.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. X

„Sieht man hier von den extremsten Zuspitzungen ab, so zeigt sich, daß die Grundfrage immer noch dieselbe ist, und daß der alte Gegensatz von Nominalismus und Realismus ein immer noch fortbestehendes Kardinalproblem ausmacht.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. X

„Die scholastischen Theorien haben das Problem nur weit allgemeiner gefaßt und eine größere Mannigfaltigkeit der Auffassungen hervorgebracht, als dem heutigen Denken geboten scheinen würde. Doch dürfte gerade das heutige Denken hier einer Selbsttäuschung unterliegen. Denn fast in gleicher Ausdehnung findet sich auf seinen eigenen Spezialgebieten das Problem wieder. Es fehlt nur das Wiedererkennen des Alten im neuen Gewände. Was heißt es denn, wenn heute die exakte Wissenschaft von Naturgesetzen redet, an denen es in ihrer eigenen Auffassung höchst fraglich bleibt, inwieweit sie wirklich Gesetze bestehender Naturzusammenhänge, inwieweit bloße Gesetze wissenschaftlichen Denkens sind? Daß der heutige Positivismus von dieser Zweideutigkeit bis in die Wurzeln zersetzt ist, daß es unter seinen Vertretern Köpfe gibt, die ohne es zu ahnen, bei ausgesprochen nominalistischen Folgerungen angelangt sind, ist kein Geheimnis. Die Konsequenz aber finde ich nirgends gezogen. Hier geht es zwar nicht um die ontisch fundamentalen Wesenheiten, sondern um weit speziellere. Aber eben das ist lehrreich. Das Problem ist nur dem besonderen Inhalt nach verschoben; im Prinzip ist es das alte: ob das, was man als Wesensstücke des Erkannten heraushebt und in Urteilen ausspricht, ein Sein in rebus hat, oder bloß post rem, d. h. in der Abstraktion, besteht.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. X

„Von endgültiger Lösung ... ist die große Problemgruppe des »Seienden als Seienden« heute wie ehedem weit entfernt.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. XI

„Die Aufgabe also ist neben aller aufbauenden Arbeit eine doppelte: die alte Ontologie in ihrem Problembestande wiederzugewinnen und zugleich Distanz gegen sie zu gewinnen.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. XI

„Zu alledem kommt, daß es im heutigen philosophischen Denken eine gewisse Problem-Müdigkeit gibt. Der tief eingerissene Relativismus — in Deutschland am bekanntesten in der Form des Historismus — hat hier erschlaffend gewirkt. Um Probleme eindeutig sehen und in Angriff nehmen zu können, muß man den Sinn von wahr und unwahr einsehen; denn alle forschende Arbeit geht auf Erringung der Wahrheit. Wie aber, wenn als wahr alles gilt, was der geschichtlichen Geisteslage einer bestimmten Zeit konform ist? Da wird das Ringen selbst illusorisch, weil der Sinn dessen, wonach man ringt, sich aufzulösen scheint. Und dann kann es auch keine Problembestände mehr geben, die unaufhebbar wären und irgend etwas unnachsichtig von uns erheischen könnten. Scheinen sie doch selbst der gleichen Relativität zu unterliegen wie die Teilerningenschaften der Erkenntnis, an denen sie haften.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 3

„So glaubt man schließlich nicht mehr an Probleme. Man nimmt sie so wenig ernst wie die Wahrheit, auf die man mit ihnen abzielt. Und damit hebt man den Sinn der Forschung auf — zugleich aber auch den eindeutigen Sinn der Position, die man mit eben dieser Aufhebung einnimmt. Es ist die Selbstaufhebung des philosophischen Denkens.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 3

„Ein wirklich problemlos gewordenes Denken wäre wahrscheinlich auch nicht belehrbar. Soweit aber ist es nun doch nicht gekommen. Aller Gegentendenz zum Trotz hat jede Zeit ihren Problembestand, kein Relativismus kann ihn ohne weiteres auskehren. Was in unserer Zeit der Erweckung bedarf, das sind vielmehr nur die metaphysischen Hintergrundsprobleme. Und dem kommt das spontane Erwachen des Sinnes für metaphysische Fragen überhaupt entgegen, das seit dem Beginn des Jahrhunderts sich meldet und nur vom Relativismus niedergehalten worden ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 3

„Ein theoretisches Denken, das nicht im Grunde ontologisch wäre, gibt es in keiner Form und ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist offenbar das Wesen des Denkens, daß es nur »etwas«, nicht aber »nichts« denken kann. So hat es schon Parmenides ausgesprochen. Das »Etwas« aber tritt jederzeit mit einem Seinsanspruch auf und beschwört die Seinsfrage herauf.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 4

„Es ist eben nicht ein und dasselbe, ob etwas wahr »ist« oder für wahr »gilt«.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 5

„Auch Irrtümer können einer langen Folge von Generationen als Wahrheit gelten, auch Wahres kann ihrem Denken verborgen oder unverständlich sein und, wo es ausgesprochen wird, als Irrtum verschrieen werden. Das ist eine einfache Überlegung. Sie genügt vollkommen, um das Phänomen geschichtlicher Geltungsrelativität zu klären, das diesen Theorien vorschwebt.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 5

„Wäre Wahrheit ein greifbares Merkmal am Erkenntnisinhalt, so müßte das Unwahre sich im Bewußtsein jederzeit von selbst ankündigen — sei es als Unstimmigkeit oder sonstwie -—, und kein Irrtum könnte sich im Bewußtsein halten. Das Gesetz des Irrtums ist eben, daß er sich aufhebt, sobald er als solcher erkannt wird.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 5

„Sofern aber der historische Relativismus auch das Seinsproblem antastet, begeht er einen noch weit gewichtigeren Fehler. Diese Ausdehnung der Theorie liegt nah, weil Wahrsein nun einmal das Zutreffen auf Seiendes bedeutet. Auch die Realität der Welt wird demnach als relativ auf die Geistesart der Zeit verstanden. Und damit meint man nicht nur die Selbstverständlichkeit, daß in der realen Welt selbst sich vieles ändert, sondern die Veränderlichkeit eines und desselben einmaligen Geschehens, je nach der geschichtlichen Geformtheit des Geistes, der es zu seinem Gegenstande macht. Über die Extravaganz solcher Schlüsse ist kein Wort zu verlieren. Wohl aber ist es lehrreich, daß die Theorie gerade von dieser Konsequenz her eine Korrektion erfährt, die sie vernichtet. Der Wandel der Geformtheit des Geistes ist nämlich hier selbst als ein realer vorausgesetzt, und nur unter dieser Voraussetzung kann er jene „Veränderlichkeit" bewirken. Dann aber gehört er derselben realen Welt an, deren Relativität auf die Geformtheit des Geistes gefolgert wurde. Es wird also entweder seine Realität oder diese Relativität aufgehoben. Im ersteren Falle ist der Wandel des Geistes kein wirklicher, kann also auch keine Relativität des Seienden bewirken; im letzteren Falle besteht er zwar zurecht, aber das Seiende kann nicht auf ihn relativ sein. – Das klingt, wenn man es so ausspricht, reichlich gekünstelt. Nur liegt die Künstlichkeit in der Theorie, nicht in der Widerlegung. Das schlicht positive Resultat dieser Überlegung aber ist die Einsicht, daß selbst der extreme Relativismus noch ein ontologisches Fundament voraussetzt. Woraus man denn wohl schließen darf, daß Theorien, die ohne ein solches auskämen, ein Ding der Unmöglichkeit sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 5-6

„Wichtiger indessen als das Zeugnis der Theorien und Systeme ist das der inhaltlichen, nach Problembeständen sich gliedernden philosophischen Arbeitsgebiete. (Die genauere Rechenschaft über die Gesamtlage der Metaphysik in unserer Zeit findet sich in meinem Beitrag zu der von H. Schwarz herausgegebenen Sammlung »Deutsche Systematische Philosophie nach ihren Gestaltern«, Berlin 1931, S.283ff..) Man kann hier — um bei dem Lieblingsthema heutiger Spekulation, der Relativität, noch zu verweilen — gleich bei der Naturphilosophie einsetzen. Hier steht es nicht mehr wie zu Schellings Zeiten, niemand denkt mehr daran, die Natur nach Analogie des Geistes zu verstehen. Aber auch die Methodologie der exakten Wissenschaft befriedigt nicht mehr. Ist doch diese selbst in ihren Grenzgebieten höchst konstruktiv geworden.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 6

„Die Exaktheit der positiven Wissenschaft wurzelt im Mathematischen. Dieses als solches macht aber die kosmischen Verhältnisse nicht aus. Alles quantitativ Bestimmte ist Quantität »von etwas«. Substrate der Quantität also sind in aller mathematischen Bestimmung vorausgesetzt. Sie selbst als solche, einerlei ob es sich um Dichte, Druck, Arbeit, Gewicht, Dauer oder räumliche Länge handelt, bleiben identisch in der quantitativen Mannigfaltigkeit, und man muß sie schon anderweitig kennen, wenn man auch nur verstehen will, was die mathematischen Formeln besagen, in welche die Wissenschaft ihre besonderen Verhältnisse faßt. Hinter ihnen selbst aber steht eine Reihe kategorialer Grundmomente, die selbst offenkundig substrathaften Charakter haben und sich aller quantitativen Fassung entziehen, weil sie Voraussetzungen der realen Quantitätsverhältnisse sind. Von dieser Art sind vor allem Raum und Zeit, nächst ihnen aber nicht weniger auch Materie, Bewegung, Kraft, Energie, Kausalprozeß u.a.m..“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 6-7

„Um diese Kategorien der Natur ist von jeher der Streit gegangen. Auch heute sind es die Thesen der Relativitätstheorie, die sich auf sie beziehen. Das Metaphysische dieser Theorie besteht in dem Versuch, die Substratmomente in Raum, Zeit, Materie usw. aufzulösen. Sie stößt, vom Quantitativen ausgehend, in das Wesen der unquantitativ-ontischen Fundamente vor. Sie setzt in der Sphäre der Messung ein, stößt auf die Grenzen eindeutiger Meßbarkeit; statt aber hierin die Grenzen des Quantitativen in der Natur zu erkennen, zieht sie die Konsequenz nach der anderen Seite: sie relativiert die Substrate möglicher Maßverhältnisse. Statt zu fragen: welche Begrenzung des mathematisch Formulierbaren genügt dem Wesen von Raum und Zeit? fragt sie vielmehr: Welche Begrenzung des Wesens von Raum und Zeit genügt den mathematischen Formeln?“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 7

„So werden die Folgerungen vom ontisch Sekundären aus in die Region des Primären hineingetrieben. Die Substrate der Beziehung werden in Bezogenheiten aufgelöst. Man bemerkt nicht, daß man damit in die Sackgasse des leeren Relationalismus gerät.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 7

„So werden die Folgerungen vom ontisch Sekundären aus in die Region des Primären hineingetrieben. Die Substrate der Beziehung werden in Bezogenheiten aufgelöst. Man bemerkt nicht, daß man damit in die Sackgasse des leeren Relationalismus gerät. Man kann hieraus ohne Schwierigkeit die Lehre ziehen, daß die methodische Grenzüberschreitung des mathematischen Denkens geradeswegs das Gegenteil dessen beweist, was sie erstrebte, nämlich seine eigene Begrenztheit im Gegenstandsgebiet der Natur. Was hier wirklich als sehr relativ erwiesen wird, ist die Eindeutigkeit der mathematischen Verhältnisse. Diese Relativität aber ist nur ein Spezialfall der allgemeinen Abhängigkeit des Begreifens von den Formen und Kategorien des begreifenden Bewußtseins.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 7

„Das kategoriale Problem, das in dieser Sachlage greifbar wird, ist offenkundig ein ontologisch.es. Keine noch so exakte Naturwissenschaft kann sagen, was Raum, Zeit, Materie, Bewegung selbst eigentlich sind, geschweige denn, was Wirken und Bewirktwerden ist. Sie setzt dies alles schon voraus, und zwar ohne sich um Begründung oder Rechenschaft über das Vorausgesetzte zu bekümmern. Das Problem, das in diesen Voraussetzungen steckt, erfordert ein ganz anderes Vorgehen, und sei es auch nur, um es phänomengerecht zu fassen. Die Aufgabe, die hier erwächst, ist eine durchaus metaphysische. Und nur eine strenge Kategorialanalyse kann es zuwege bringen, den unlösbaren Teil der einschlägigen Probleme sauber herauszuarbeiten, um dadurch den lösbaren erst einer Lösung zugänglich zu machen.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 7

„Im biologischen Problemfelde wächst der metaphysische Einschlag gleich bei den ersten Schritten bis zu völliger Ratlosigkeit. Von alters her herrscht in der Philosophie des Organischen die teleologische Auffassung des Lebendigen. Allzu deutlich scheinen die Lebensvorgänge zweckmäßig zu verlaufen. Daß der Mensch, dessen Verhalten im Leben in durchweg zwecktätiges ist, diese Zweckmäßigkeit als Zwecktätigkeit und reale Zweckläufigkeit deutet, ist nicht zu verwundern. Dem Anthropomorphismus, der in dieser Umdeutung liegt, auf die Spur zu kommen, ist erst spät gelungen. Ja, daß hier überhaupt eine Deutung vorliegt, dürfte vor Kants Kritik der ideologischen Urteilskraft schwerlich jemandem ernstlich in den Sinn gekommen sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 7-8

„Die mechanistische Deutung dagegen, vom Materialismus öfters versucht, von Darwin und seinen Nachfolgern ernstlich in Angriff genommen, leidet an der Schwierigkeit, daß Prozesse von der Komplexheit der organischen sich auf keine Weise in ihrer Ganzheit kausal verstehen lassen. Es sind und bleiben immer nur Teilprozesse und Teilabhängigkeiten, die sich aufzeigen lassen. Über die bloße These, »daß« überhaupt es kausal geordnete Prozesse sein sollen, kommt man nicht hinaus.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 8

„Beides zusammengenommen läuft deutlich auf die Tatsache hinaus, daß wir das wirkliche kategoriale Determinationsverhältnis der Lebensprozesse nicht kennen. Hier ist etwas, was uns in aller augenfälligen Gegebenheit doch unzugänglich bleibt, ein Irrationales, ein metaphysischer Probleinrest, unabweisbar und unlösbar zugleich, und zwar gerade das Kernstück der Lebendigkeit betreffend.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 8

„Die Gegebenheitsweise des Organischen läßt diese Sachlage auch durchaus verständlich erscheinen. Sie ist eine doppelte, eine innere und eine äußere, und beide klaffen inhaltlich weit auseinander. Es gibt ein unmittelbares Bewußtsein der eigenen erlebten Lebendigkeit und ihrer Zustände, und es gibt ein objektiv-dingliches Bewußtsein fremden Lebens. Das letztere sieht und erkennt den Organismus in seinen Teilerscheinungen, faßt aber nicht die Ganzheit; das erstere dagegen erlebt ihn als Ganzes, weiß aber nicht um seine Funktionen. Daß beide Arten der Gegebenheit sich gegenseitig ergänzen, ist nicht zu verkennen. Aber das genügt nur für die Praxis des Lebens, nicht für das Verstehen des Wesens. Denn sie schließen nicht aneinander an, stimmen auch durchaus nicht durchweg überein. Der Kranke und der Arzt haben ein sehr divergierendes Bewußtsein von ein und demselben Zustand. Jener fühlt nur, daß ihm etwas „fehlt"; was es ist, weiß er nicht; dieser weiß es wohl, aber nicht aus seinem Lebensgefühl, sondern auf Grund äußerer Symptome.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 8

„Wir kennen sowohl Kausalzusammenhänge als Finalzusammenhänge. Beide aber treffen auf den Prozeß des Lebens nicht recht zu. Hier eben klafft die große Lücke in unserem Erkennen: den eigentümlichen Determinationstypus im Lebensvorgang kennen wir nicht. Das ist der Grund, warum in unserem Bewußtsein des Lebendigen dauernd entweder Kausaloder Finalvorstellungen sich vordrängen und die Tatsache verdunkeln, daß das Eigentümliche des Lebensvorganges ein metaphysisches Rätsel bleibt.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 9

„Ganz so schwierig ist die Sachlage auf dem Arbeitsgebiet der Psychologie nicht. Die Sphäre der Gegebenheiten ist hier eindeutig und in sich zusammenhängend. Doch gibt es auch hier einen metaphysischen Problemhintergrund, der in neuester Zeit sich immer greifbarer zeigt. Er fällt um so schwerer ins Gewicht, als die Psychologie des 19. Jahrhunderts ihn nirgends zu fassen bekommen hat und sich deshalb der trügerischen Gewißheit hingab, eine reine Tatsachenwissenschaft zu sein und aller systematischen Schwierigkeiten überhoben zu sein. Auf dieser Täuschung beruhte ihre scheinbare Überlegenheit über die anderen philosophischen Disziplinen, sowie zuletzt ihre Anmaßung, diese zu ersetzen.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 9

„Täuschung und Anmaßung des Psychologismus sind gefallen. Das Metaphysische des Grundproblems ist geblieben. Es liegt in der Seinsweise der psychischen Realität, ist also von vorn herein ein ontologisches Problem.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 9

„Solange man Realität als ein Eigentümliches der sog. Außenwelt ansah — der Dingwelt, des Physischen —, konnte die Psychologie sich metaphysisch unbelastet dünken. Aber nicht einmal der Art, wie wir das Seelische erleben, entspricht diese Ansicht. Jedermann rechnet im Leben mit der Gesinnung des Mitmenschen als mit etwas durchaus Wirklichem, die Ereignisse mit Bestimmendem; jeder kennt die eigenen Zustände, Gefühle, Aversionen, Sympathien, Wünsche, Sehnsüchte, Ängste als etwas Gewichtiges, das auch ohne sein Wissen stets vorhanden ist und ihn aus der dunklen Tiefe des eigenen Ich heraus bestimmt, überfällt, ja gelegentlich vollkommen überrascht. Es gibt offenbar ein reales, unabhängig vom Grade des Erkanntseins ablaufendes Seelenleben, und dieses ist nicht identisch mit dem Bewußtsein. Es verläuft in derselben realen Zeit, in der auch die physischen Geschehnisse verlaufen, wandelt und entwickelt sich in demselben eindeutig-irreversiblen Folgeverhältnis, zeigt denselben Modus des Entstehens und Vergehens; ja, es steht in mannigfaltiger Wechselbedingtheit mit dem äußeren Geschehen. Nur die Unräumlichkeit scheidet es von ihm.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 9-10

„Hält man die Räumlichkeit und die mit ihr eng verbundene Materialität für einen Wesenszug des Realen überhaupt, so kann man die Realität der psychischen Akte natürlich nicht fassen. Man hat sie durch eine falsche Definition — falsche ontologische Passung des Realseins — von ihnen ausgeschlossen. Gibt man aber der Fülle der angedeuteten Phänomene einmal Raum, so kann man umgekehrt jene Definition nicht mehr halten. Die seelische Welt erweist sich dann als genau ebenso real wie die physische. Damit aber erwächst der Psychologie eine Reihe weiterer Aufgaben. Es fällt ihr nicht nur die ontologische Frage zu, wie diese psychische Realität überhaupt zu fassen ist; es eröffnet sich auch der Ausblick auf ein verzweigtes Feld der unerlebten und unbewußten Zustände und Akte, das offenbar inhaltlich weit reicher ist als das unmittelbar Erlebte und Aufweisbare.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 10

„Daß die Welt des Geistes noch einmal eine besondere Seinssphäre über der des Seelenlebens ausmacht, ist in der heutigen Zeit, die den Geist selbst vorwiegend historisch sieht, kein Geheimnis.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 10

„Die geistige Sphäre ... ist eine gemeinsame, ein verzweigtes Ganzes von Anschauungen, Überzeugungen, Wertungen, Tendenzen, Urteilen und Vorurteilen, Wissen und Irrtümern, Lebens- und Ausdrucksformen; eine Sphäre von jeweiliger Einheit und Ganzheit, und dennoch fließend, sich entwickelnd, um Güter, Ziele, Ideen ringend, — ein Geistesleben, das in geschichtlichen Schritten fortschreitet.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 10-11

„Und wenn man bedenkt, daß es sich um die Seinsweise sehr bekannter und gewichtiger Gegenstände handelt — der Sprache, des Rechts, der Sitte, des Ethos, der Kunst, der Religion, der Wissenschaft —, so meldet sich hier deutlich die Notwendigkeit, ihr auf den Grund zu gehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 11

„Welche Seinsweise hat denn ein Urteil? Darin, daß es von jemandem im Denkvollzuge gefällt wird, geht es offenbar nicht auf. Es wird vom fremden Bewußtsein aufgegriffen, verstanden, nach vollzogen, es wird Gemeingut Vieler, einer ganzen Zeitgenossenschaft, überdauert sie geschichtlich.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 12

„Nennt man nun diese Sphäre die »logische Sphäre«, so erhebt sich die Frage, von welcher Art sie ist, welche Seinsweise sie hat. Sie ist nicht identisch mit der idealen Seinssphäre; denn auch unwahre Urteile, die nichts Seiendes treffen, gehören ihr an. Auch Irrtümer »wandern« in geprägter Urteilsform.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 12

„Der Urteilssinn als solcher ... hat weder Zeitlichkeit noch Realität. Er wandelt sich nicht. Nur seine Anerkanntsein, seine Geltung im Dafürhalten der Menschen wandelt sich. Diese Geltung ist aber nicht der logische Sinn des Urteils.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 12

„Dasselbe gilt von ganzen Urteilszusammenhängen und -folgen, von dem also, was die Logik »Schlüsse« nennt. Die sog. Schlüssigkeit, die innere Richtigkeit im Folgeverhältnis von Prämissen und Konklusion, besteht offenbar auch da zu Recht, wo sie nicht eingesehen und vollzogen wird. Und diese Seinsweise überträgt sich schließlich auf Begriffe der komplexesten Art, die schon auf Grund ganzer Serien von Urteilen und Schlüssen zusammengebaut sind. Die »Merkmale« des Begriffs sind eben die ihm durch Urteile eingefügten Prädikate.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 12

„Das Sein des Seienden ist eines, wie mannigfaltig dies auch sein mag. Alle weiteren Differenzierungen des Seins sind aber nur Besonderungen der Seinsweise.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 38

„Sein ist ein Letztes, nach dem sich fragen läßt. Ein Letztes ist niemals definierbar. Definieren kann man nur aufgrund eines anderen, das hinter dem Gesuchten steht.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, S. 43

„Sein ist ein Letztes, nach dem sich fragen läßt. Ein Letztes ist niemals definierbar. Definieren kann man nur auf dem Grund eines anderen, das hinter dem Gesuchten steht. Ein Letztes aber ist ein solches, hinter dem nichts steht.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935

„Alle apriorische Einsicht ist objektiv allgemein, d.h. sie spricht in jedem Urteil, zu dem sie führt, von einer Totalität möglicher Realfälle, gleichgültig ob diese in Wirklichkeit vorkommen, vorgekommen sind oder vorkommen werden. Diese Totalität erstreckt sich darüber hinaus auf Fälle, die im Realzusammenhang der Welt niemals wirklich werden. Ideale Gegenstände (insbesondere logische und mathematische) sind rein a priori gegeben.“
Paul Nicolai Hartmann, Zur Grundlegung der Ontologie, 1935

„Es ist das zweite Stück der Ontologie, das ich in diesem Bande vorlege. Es knüpft aufs engste an die vier Untersuchungen »Zur Grundlegung der Ontologie« an ...; es verhält sich zu den letzteren wie das Kernstück einer Wissenschaft zu den Präliminarien.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. V

„Die Modalanalyse dringt in das Gefüge von Möglichkeit und Wirklichkei, Notwendigkeit und Zufälligkeit ein und gewinnt aus dem eigenartigen Verhältnis, welches die Modi im Zuge des Weltgeschehens miteinander eingehen, den ontologischen Innenaspekt des Realseins als solchen, der seine positive Bestimmung wenigstens mittelbar möglich macht.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. V

„Es geht in diesem Buch also nicht um »Möglichkeit und Wirklichkeit« allein. Es geht noch um vieles mehr, was ein Buchtitel nicht aussprechen kann. Möglichkeit und Wirklichkeit stehen nur insofern im Zentrum der neuen Untersuchungen, als in ihrem Verhältnis fast sämtliche Aufschlüsse über das mancherlei Größere und Wichtigere zu suchen sind, das hier seinen Austrag finden muß.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. V

„Der einzige gangbare Weg zur Bestimmung der Seinsweise ist der, sie aus ihrem kategorialen Aufbau heraus zu verstehen, d. h. sie an ihren eigenen Strukturen sich selbst von innen heraus erleuchten zu lassen.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. V-VI

„Da die Strukturen des Seienden sich als Kategorien fassen lassen, so kann man sagen, daß hiermit bereits die Kategorienlehre anfange. In der Tat ist zwischen dieser und der Ontologie keine scharfe Grenze zu ziehen. Alle Ontologie, wenn sie ins Besondere geht, wird zur Kategorienlehre; genau so wie ja auch alle Erkenntnistheorie und alle Metaphysik. Darin stehen diese Arbeitsgebiete der Philosophie einander nah und zeigen auch geschichtlich verwandte Entwicklungskurven. Das Inhaltliche der Welt, die es zu erkennen gilt, ist eben in der Besonderung des Prinzipiellen verwurzelt, das in ihr herrscht. Ob man also auf diese Welt selbst aus ist oder auf ihre Erkennbarkeit, immer wird die Untersuchung es mit Prädikamenten zu tun haben, die das Prinzipienartige in ihr zu fassen angetan sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. VI

„Die Modalitätsstufen sind die allgemeinsten und fundamentalsten Kategorien sowohl des Seienden als auch der Erkenntnis des Seienden. Ihre Untersuchung geht insofern mit Recht derjenigen der inhaltlichen Kategorien voraus. Die letzteren sind »konstitutive« Prinzipien. Man kennt nun aus Kant den Unterschied der »konstitutiven und regulativen« Prinzipien; man erwartet daher vielleicht eine gewisse Gleichstellung des Modalen mit dem Regulativen. Damit indessen würde man das Problem der Modalität von vornherein verfehlen. Jener Kantische Gegensatz ist ein rein erkenntnistheoretischer, er scheidet das Inhaltliche der Erkenntnis vom Methodologischen, berührt also das Seinsproblem überhaupt nicht. Methode gibt es nur im Gange der Erkenntnis als solcher. Das Seiende als Seiendes hat keine Methoden. Es hat neben seinen konstitutiven Aufbauprinzipien und, ihnen vorgelagert, seine Seinsmomente (Dasein und Sosein), seine Seinsweisen (Realität und Idealität) und Seinsmodi (Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit). Sie alle stehen in sehr bestimmtem, wiewohl verschieden dimensioniertem Gegensatz zu den konstitutiven Kategorien. Aber keine dieser Arten des Gegensatzes deckt sich mit der Kantischen. Da nun die Seinsmomente vonuitersucht sind, die Seinsweisen aber sich erst nach und nach klären können, so tritt nunmehr an die Stelle des Kantischen Gegensatzes der ontologisch fundamentale Gegensatz des Konstitutiven und Modalen. “
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. VI

„Erst die heutigen Versuche in der Ontotogie sind es, die sich eine Modalanalyse sparen zu können meinen. Oder vielmehr, das Bewußtsein ihrer Notwendigkeit ist — nach dem großen Tief stände der Ontologie, der im Ausgang des 18. Jahrhunderts einsetzte, — in diesen Versuchen noch gar nicht wiedergekehrt. Man muß es erst wieder erwecken.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. VII

„Die Modalanalyse ist, wenn man es recht überlegt, eine ganze Wissenschaft. Sie ist bisher nur sporadisch getrieben worden — ähnlich wie ja auch die Logik einst vor ihrer ersten Zusammenfassung durch Aristoteles eine nur sporadisch getriebene Wissenschaft war. Sie ist in ihrer philosophischen Bedeutung vielleicht nicht geringer als diese. Aber das kann erst sichtbar werden, wenn man sie systematisch in Angriff nimmt. Einstweilen ist nur so viel zu erkennen, daß sie ein Gebiet der Überraschungen und des Umlernens ist, und zwar keineswegs bloß in ontologischer Hinsicht. Es ist kein Seinsdogmatismus, in den sie hineinführt, kein Primat irgendwelcher passiv substantiellen Mächte, die der menschlichen Aktivität Schranken setzten. Es ist gerade das Werk der Befreiung von mißverstandener Bindung, dem sie dient, die geradlinige Fortführung dessen, was Kant und Fichte anstrebten, die Wegbereitung einer von den Fundamenten her wohlgegründeten Philosophie des Menschen und der schöpferischen Tat. Das sind freilich nicht Dinge, die auf den ersten Blick ins Auge springen können; sie erfordern den mühevollen Gang stetigen Eindringens. Aber wohl will es mir scheinen, daß die Modalanalyse allein eine solche Grundlegung vollziehen kann. Denn sie allein ist in der Lage, das einst ebensosehr gefürchtete wie gemiedene Dunkel des Determinationsproblems aufzuhellen. In keinem Punkte aber waren von jeher die traditionellen Begriffe der alten Metaphysik verhängnisvoller als in diesem.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. VIII

„Angesichts solcher Aufgaben hätte ich mich in der Untersuchung vielleicht auf die Modi des Realen beschränken können. Sie eben bilden das Thema, das jene weiten Ausblicke eröffnet. Aber es gibt eine solche Fülle von Irrtümern, die Modi des idealen Seins, des Logischen und selbst der Erkenntnis betreffend, daß es nicht möglich war, diese aus dem Spiele zu lassen.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. VIII

„Im ausgehenden Mittelalter verstand man unter dem Modus die Besonderung der Substanz. Man unterschied am Subsistierenden die Attribute als ständige und notwendige, die Modi als wechselnde und zufällige Bestimmtheiten, verstand jene als Wesensstücke, diese als bloße Zustände der Substanz. Diese Bedeutung von »Modus« erhielt sich in denjenigen philosophischen Systemen der Neuzeit, die sich auf einer Substanzmetaphysik aufbauten. Sie war mit ihnen die herrschende in ihrer Zeit und ging mit ihnen zugrunde, als das kritische Denken den Substanztheorien ein Ende machte. Sie hat mit dem heutigen Sinn von Modalität nichts zu schaffen und mag hier auf sich beruhen bleiben. Im Gegensatz zu ihr hat sich spät — wohl nicht vor dem 18. Jahrhundert — in der Logik eine andere Bedeutung des Wortes »Modus« herausgebildet. Sie betrifft eine vierte Dimension der Urteilseinteilung neben denen der Quantität, Qualität und Relation. Sie geht von dem Unterschiede aus, ob das Urteil ein Möglichsein, ein Sein schlechthin, oder ein Notwendigsein aussagt. Diese drei Fälle bilden die drei »logischen Modi«. In ihrem Gegensatz besteht die „Modalität des Urteils"“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 1

„Solange die logisch orientierte Erkenntnistheorie herrschende Grunddisziplin der Philosophie war, konnte man sich damit begnügen. In dem Augenblick aber, als das alte Seinsproblem wieder durchzubrechen begann — wovon die ersten Anzeichen bereits in der Hegelschen Logik vorliegen —, besann man sich auch darauf, daß im Inhalt der Urteile ein Seinssinn steckt, und daß folglich auch den Modi des Urteils bereits solche des Seins zugrunde liegen müssen. Man übersetzte also nun die Modalität des Urteils in eine solche des Seins zurück, stieß aber zugleich damit auf die uralte Problematik von Möglichkeit und Wirklichkeit, die das ontologische Denken von seinen Anfängen her begleitet, oder vielmehr sehr wesentlich beherrscht hatte“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 1

„Der Ausdruck »Modalität des Seins« ist somit eine neue Prägung. Die Sache aber ist alt. Das neue Gewand konnte ihr nicht genügen, weil es der Welt des Gedankens entlehnt war; und ebensowenig konnte der alte Gehalt der Sache einer neuen, erweiterten Problemlage genügen, wie das Wissen der Neuzeit sie heraufgeführt hatte. Vor allem versagte der logische Wirklichkeitsbegriff, wenn man mit ihm an die Härte des Realen herantrat; aber auch die Seinsmöglichkeit führte auf ein Gewicht der Realsituation zurück, mit dem das luftige Gefüge des bloß widerspruchslos Denkbaren nur noch entfernte Ähnlichkeit zeigte. Hier war es nun, wo das alte Kategorienpaar »Potenz und Aktus« sich zur Erfüllung jener logischen Modi mit Seinsgehalt anbot. Aber weder deckte es sich mit dem eigentlich modalen Gegensatz von Möglichkeit und Wirklichkeit, noch hatte es Spielraum für den dritten, nunmehr hinzugekommenen Seinsmodus, die Notwendigkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 1-2

„In diesem Interferieren der heterogenen Wortbedeutungen und der hinter ihnen noch erkennbaren, nicht weniger heterogenen Problemlinien hat das Forschungsgebiet der Seinsmodalität sich bis zu einer gewissen Spruchreife herauskristallisiert, ohne doch bisher auch nur in den Grundlagen einige Festigkeit gewonnen zu haben. Der Mangel, der hiermit ausgesprochen ist, hängt indessen keineswegs am Zustande des Modalitätsproblems allein; er haftet vielmehr der Sachlage in der ganzen Ontologie an, geht letzten Endes auf die Unklarheiten im Seinsbegriff, in der traditionellen essentia-Lehre, in der Fassung von Dasein und Sosein, sowie in der Gegebenheit des realen und des idealen Seins zurück. Ein neuer Anfang konnte erst gemacht werden, wenn in diesen Punkten Klarheit geschaffen war. (Solche Klarheit zu schaffen, war die Aufgabe des ersten Bandes: »Zur Grundlegung der Ontologie« [1935], dessen vier Teile den angegebenen Punkten entsprechen.)“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 2

„Nachdem dieses geschehen, steht wenigstens der Weg offen. Es hat sich gezeigt, daß in dem traditionellen Gegensatz von essentia und existentia zwei verschiedene Gegensatzpaare stecken, das von Idealität und Realität einerseits, das von Sosein und Dasein andererseits. Die Seinsweisen hängen stets an dem Moment des Daseins, sie sind die Besonderungen oder Weisen des Daseins. Es tritt nun aber zum Gegensatz der Seinsweisen und dem der Seinsmomente als dritter noch der Gegensatz der Seinsmodi hinzu. Denn innerhalb jeder Weise des Daseins gibt es wiederum den Unterschied des Möglichseins, Wirklichseins und Notwendigseins, sowie den der entsprechenden Negativa, des Unmöglichseins, Unwirklichseins und Zufälligseins. Diese Seinsmodi sind es, die ja nach der Seinssphäre und ihrer Seinsweise sehr verschieden ausfallen und verschiedene Gesetzlichkeit in ihrem gegenseitigen Verhältnis zeigen.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 2

„Die Untersuchung dieser Verhältnisse ist verzweigt und muß für jede Seinssphäre gesondert geführt werden. Das gilt nicht nur für die primären und selbständigen Sphären, sondern ebensosehr auch für die sekundären, d.h. für die des Logischen und die der Erkenntnis. Hätte in der Geschichte der Philosophie das Problem der Seinsmodi eine geradlinige Entwicklung genommen, so ließe sich solche Komplikation wohl vermeiden. Nachdem es aber einmal den Umweg über die Logik und Erkenntnistheorie eingeschlagen hat, und seine Zurücklenkung auf die Seinssphären eine noch unabgeschlossene ist, ergibt sich die Notwendigkeit, das Problem der Modi in ganzer Breite aufzurollen.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 2

„Wie sehr solche Umständlichkeit vonnöten ist, beweist schon die Tatsache, daß es den Heutigen noch schwer fällt, Seinsmoment, Seinsweise und Seinsmodus auseinander zu halten. Nichts ist in unseren Tagen geläufiger als die Verwechslung von Dasein und Realität, Realität und Wirklichkeit. Was für die Zwecke der Ontologie erforderlich ist, erschöpft sich aber nicht im bloßen Klären und Unterscheiden. Es gilt vielmehr, das positive Verhältnis, das zwischen ihnen waltet, zu erarbeiten. Nur so kann dem Problem des »Seienden als Seienden« gedient werden.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 3

„Sieht man näher zu, so findet man in den Aristotelischen Bestimmungen ein Bild der Welt, in dem für das eigentliche Werden kein Platz ist. Das ist erstaunlich genug, da sich ja andererseits nicht verkennen läßt, daß es dem Aristoteles gerade um die Bestimmung des Werdens geht. Aber man halte sich vor Augen: in dem Dualismus von Dynamis und Energeia gibt es nur einen Modus für das Anfangsstadium der Prozesse und einen für das Endstadium — und zwar beide statisch-zuständlich gefaßt —, aber keinen für den Prozeß selbst, das Übergehen, den Fluß. Der Zustand der Dynamis liegt »vor« dem Prozeß, der Zustand der Energeia »nach« dem Prozeß. Der Prozeß als solcher geht leer aus. Da aber der Prozeß die kategoriale Grundform des Realen ist — nicht also ein Übergang von Sein zu Sein, sondern die Art und Weise, wie überhaupt Dinge, Lebewesen, Menschen u.a.m. sich im Dasein halten, — so stellt sich die Aristotelische Fassung als Verfehlung des Realseins dar. Das Gewicht liegt hier ganz auf den statisch verstandenen Formprinzipien, die sich in den Prozessen »verwirklichen«; der Prozeß aber spielt nur die Rolle des Übergangs.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 6

„Wie die Modalprinzipien des Aristoteles sich in der Antike und im Mittelalter ausgewirkt haben, soll hier nicht verfolgt werden. (Es ist das ein verzweigtes Thema, das neuerdings bei August Faust eine zusammenfassende Darstellung gefunden hat: »Der Möglichkeitsgedanke«, 2 Bde., Heidelberg 1931/32.) Potenz und Aktus der späteren Jahrhunderte blieben nicht identisch mit dem ursprünglichen Sinn von Dynamis und Energeia; doch blieb das teleologisch-konstitutive Element in ihnen erhalten. Und dieses wurzelte zu tief in der metaphysischen Vorstellungsweise des Abendlandes, als daß eine grundlegende Revision der Modalbegriffe hätte aufkommen können.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 7

„Man sieht ..., daß hier zwischen vorschwebender Möglichkeit und Realmöglichkeit ein Unterschied zu machen ist. Jene beansprucht mit Recht den breiten Spielraum einer Vielzahl von »Möglichkeiten«, hält aber dem althergebrachten Anspruch auf Realität nicht stand; diese dagegen erweist sich als strenge Bezogenheit auf eine Reihe von Realbedingungen und wird damit zum Ausdruck eines Realverhältnisses. Beide Arten des Möglich - seins haben damit den traditionellen Charakter, ein »Zustand des Seienden« zu sein, abgestreift. Ob auch das gespenstische Dasein des »bloß Möglichen« in der Realsphäre sich damit in leeren Schein auflöst oder nicht, ist freilich so schnell nicht zu entscheiden. Immerhin hat sich ein anderer Bereich des Möglichen gezeigt, in den es sehr wohl gehören könnte. Ob dem so ist, hängt von einer Reihe anderer Probleme ab.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 8-9

„Ein bloß Mögliches eben ist, was auch anders sein kann; notwendig aber ist, was nicht anders sein kann.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 21

„Es ist klar, daß in dieser Fassung alle Vorentscheidung über die Art der Determination vermieden ist; und nicht nur darüber, sondern auch über den Umfang des Notwendigen im Reiche des Seienden. Euer ist nicht, wie in den Vorsehungstheorien, vorausgesetzt, daß alles, was ist, notwendig sei; ja streng genommen nicht einmal, daß es überhaupt Notwendiges gibt. Nur daß das Notwendigsein, wo immer es vorkommen mag, etwas anderes ist als Möglichsein und Wirklichsein, ein neuer Seinsmodus neben ihnen, tritt klar zutage — und zwar in bewußtem Unterschied zu allem bloßen Gelten und zum Gewißheitsgrade; denn nowendig »sein« kann natürlich sehr wohl etwas, was gar nicht für notwendig gilt. Und ebenso umgekehrt.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 21-22

„Diese Wendung der Dinge bedeutet nichts Geringeres als den Beginn der geschichtlichen Reife des ganzen Modalitätsproblems. Solange man das Gegenstück der Möglichkeit in der Wirklichkeit erblickte, konnte man ihren kategorialen Charakter auf keine Weise rein erfassen. Darum eben erschien sie als Potenz. Faßt man sie, wie angegeben, als Gegenstück zur Notwendigkeit, so fällt der Potenzcharakter mit all seinen unlösbaren Schwierigkeiten mit einem Schlage hin.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 22

„Die Gegensatzstellung zur Möglichkeit, auf der die Einfügung des Notwendigkeitsmodus beruht, ist eine innere, natürliche, am kategorialen Verhältnis der Modi selbst sichtbare. Sie wird sofort einleuchtend, wenn man die Möglichkeit unter Negation stellt. Negierte Möglichkeit ist »Unmöglichkeit«. Die Unmöglichkeit ihrerseits aber fällt unter das genus der Notwendigkeit; sie ist Notwendigkeit des Nichtseins. Andererseits wenn man die Notwendigkeit des Seins negiert, so bekommt man Möglichkeit heraus: was nicht notwendig ist, das »kann« wohl sein, »kann« aber auch nicht sein. Dieses doppelte Können ist die Möglichkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 22-23

„In diesem Intermodalverhältnis treten nun Notwendigkeit und Möglichkeit in unmittelbaren Gegensatzzusammenhang. Die Wirklichkeit dagegen bleibt beiden gegenüber neutral stehen, als ein »Sein schlechthin«, in dem weder das Möglichsein noch das Notwendigsein direkt sichtbar ist. In dieser Neutralität pflegt das Wirkliche der Erfahrung gegeben zu sein; darauf beruht der Anschein des Zufälligen an ihm.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 23

„Erwägt man dieses innere Verhältnis genau, so findet man, daß auch der Gesetzesgedanke ihm nicht gerecht wird. Naturgesetzlichkeit bedeutet Gleichartigkeit der Fälle, der Abläufe; sie ist eine Typik der Prozesse. Das aber ist nicht der eigentliche Sinn der Realnotwendigkeit. Diese ist an sich ganz indifferent gegen Gleichartigkeit und Ungleich-, artigkeit der Fälle. Für sie ist es nicht wesentlich, daß der Einzelfall »unter« ein Schema falle, daß er etwa in Abhängigkeit von einem allgemeinen Prinzip stehe. Wohl setzt sie eine Abhängigkeit voraus, aber eine ganz andere: die Abhängigkeit von vorbestehenden Realumständen, von Faktoren oder Bedingungen, die ebenso real, zeitgebunden und vergänglich sind wie das Abhängige. Kurz, die Realnotwendigkeit verbindet nicht ein überzeitliches Prinzip mit dem zeitlichen Geschehen; sie verbindet vielmehr innerhalb des Geschehens ein Stadium mit dem anderen, Reales mit Realem, Zeitliches mit Zeitlichem. Daß diese Verbundenheit in den Abläufen der Naturprozesse Gleichartigkeit (Gesetzlichkeit) zeigt, ist gewiß eine Eigenart des Realen, aber es ist nicht das eigentliche Wesen des Notwendigseins. Denkbar wäre ja auch eine Welt ohne Gleichartigkeit und Gesetzlichkeit; deswegen könnte in ihr doch durchgehend eines aus dem anderen notwendig folgen. Die Folge würde nur kein Schema zulassen. (Die Kategorienlehre wird in anderem Zusammenhange zu zeigen haben, daß dasselbe wie von der Notwendigkeit sogar von der Kausalität gilt. Die sog. Naturgesetze sind sowohl an sie als Voraussetzung gebunden, nicht aber der Kauäalnexus als solcher an die Naturgesetze.)“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 23

„Es ist ein Verdienst des philosophischen Denkens in dieser Zeit, daß Leibniz — und ihm nach in breiter Durchführung Wolf (Wolff; HB) — das Notwendigkeitsproblem im Gegensatz zur Gesetzeswissenschaft wieder auf eine breitere Basis zu stellen wußten. Das geschah durch die Aufstellung des »Satzes vom Grunde«, der sich seither anfallen Gebieten, auf denen es ein Widerspiel der Modi geht — in der Logik und Erkenntnistheorie so gut wie in der Metaphysik —, durchgesetzt hat.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 24

„Daß etwas »möglich ist«, besagt eben nur, daß es sein kann, aber ebensogut auch nicht sein kann.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 24

„Und versteht man alles Sein (Wirklichsein) im Gegensatz zu einer irgendwie bestehenden Alternative des »Sein-und-nichtsein-Könnens«, so wird es auch verständlich, warum Leibniz und Wolf (Wolff; HB) dem Satz vom Grunde allgemeine Gültigkeit für alles Seiende zusprechen. Das Wirklichsein ist eben ein »So-und-nicht-anders-Sein«; es hat das Nichtseinkönnen dessen, was es ist, von sich ausgeschlossen. Determinativ ausgedrückt heißt das: es hat seinen Grund, warum es »ist« und nicht »nicht ist«; modal ausgedrückt: es kann nicht »nicht sein«, es ist notwendig.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 25

„Es hat sich gezeigt, daß wir weder von der Seinsmöglichkeit noch von der Seinsnotwendigkeit einen genügend klaren Begriff vorfinden, der sich der Untersuchung zugrunde legen ließe. Daß man unter solchen Umständen noch viel weniger von der Seinswirklichkeit einen solchen im überlieferten Material der Geschichte aufzeigen kann, wird hiernach niemand wunder nehmen. Ist doch das Wirklichsein noch um vieles ungreifbarer, obschon es das scheinbar Selbstverständlichste und Wohlbekannteste ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 25

„Die Modalkategorien haben eben den ungeheuren Nachteil, schwer faßbar zu sein. Ihre Stellung diesseits aller inhaltlichen Differenzierung bringt das mit sich. Alles Erfassen hält sich an unterscheidbare Bestimmtheiten, also an das, was konstitutiv ist und das Sosein des Seienden betrifft. Alle Kategorien oberhalb der Modalität sind konstitutive Kategorien; alle Beispiele, an denen sich etwas greifbar machen läßt, sind inhaltlich differenziert; und die Bestimmtheiten, die wir ihnen abgewinnen, sind solche des Soseins, nicht das Daseins und seiner Modi. Inhaltlich faßbar sind eben nur Bestimmtheiten.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 25

„Die Modalitätsunterschiede sind darum nirgends direkt faßbar. Sie sind, obgleich allem zugrundeliegend und überall vorausgesetzt, doch stets nur »mit« einem bestimmten Inhalt und »an« ihm faßbar. Diese Mittelbarkeit macht die Betrachtung unselbständig, verweist sie auf das Methodengesetz der abwärts gerichteten Schichtenperspektive. Das Gesetz besagt, daß wohl von den höheren Seinsschichten aus die Kategorien der niederen sichtbar gemacht werden können (weil sie im allgemeinen in ihnen mit enthalten sind), aber nicht umgekehrt. Und dabei setzt die eigentliche Aporie erst dort ein, wo die rückschauende Arbeit, vom Besonderen aus das Allgemeine sichtbar zu machen, vollzogen ist. Denn dann erst beginnt die Aufgabe, den Seinsmodus als solchen zu fassen.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 25

„Das Erschauen selbst, und vollends die begriffliehe Fassung der Modi, kann stets nur im Zusammenhang der inhaltlichen Betrachtung gelingen. Sobald man das Konstitutive aus den Augen verliert, ist nichts mehr sichtbar. Das Erschauen der Modalität ist ein solches Schauen, dem seine eigene Bedingung im Wege steht. Es muß, um durchzudringen, diese seine Bedingung selbst wieder aus dem Wege räumen. Es ist auf diese Weise ein nicht nur indirektes, sondern auch in sich gebrochenes, d.h. ein sich selbst teilweise wieder aufhebendes Schauen. Es kann seinen Gegenstand nur fassen, indem es sich selbst ausschaltet. Und da seine Inhaltsgebundenheit an allem Erfaßten mit erscheint, so muß es stets im Vollzuge sich selbst wieder vom Erfaßten abziehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 25-26

„Das ist die methodologische Schwierigkeit in der Modalanalyse, im letzten Grunde eine unauf hebbare Schwierigkeit. Das macht die Modalbegriffe so irritierend schillernd und zugleich so scheinbar nichtssagend und abstrakt. Man sieht es ihnen nicht an, wie sie mit Sprengstoff geladen sind, wie die ganze Krisis von Sein und Nichtsein in ihnen enthalten ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 26

„Das Schillern freilich läßt sich in gewissen Grenzen überwinden, indem man konzentrisch von verschiedenen Seiten zugleich schaut. Die gewonnenen Aspekte des Modus interferieren dann in der Weise gegeneinander, daß das Unreelle sich gegenseitig auslöscht. Aber die Abstraktheit, die Inhaltsleere, läßt sich nicht wegbringen. Sie ist notwendig, weil sie das Absehen von allem konstitutiv Inhaltlichen bedeutet. Darum bleiben die Modalbegriffe unselbständig.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 26

„Genauer gesprochen: Seinsmodi als solche lassen sich überhaupt nicht definieren. Es ist mit ihnen nicht anders als mit den Seinsweisen: man kann sie wohl vergleichen, abgrenzen, Unterschiede feststellen, aber damit trifft man nie direkt das Zentrale. Allerdings ist bei den Modi die Lage günstiger, weil ihre Mannigfaltigkeit größer ist, zumal wenn man die negativen Modi mit hineinnimmt, und weil die Unterscheidung doch am Inhaltlichen der Beispiele mehr Angriffsfläche findet. Aber eigentlich definieren — es sei denn nominell — kann man sie doch auch nicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 26

„Für ein indirektes Vorgehen aber bleibt immer noch der Weg, die Modi gegenseitig, immer einen von den anderen aus, zu bestimmen. Man kommt dabei auf ihre innere Kohärenz, ihr wechselseitiges Verhältnis der Implikation, der Indifferenz, des Widerstreits. Bei konstitutiven Kategorien ist das eine Definitionsweise, die dem Inhalt wohl gerecht wird. Bei den modalen, die keinen eigenen Inhalt haben, bleibt sie notwendig leer, es sei denn, daß man ihr durch den Anschluß an das unbegrenzte Feld möglichen Inhalts einen Boden gibt. Dann aber muß man, wie gezeigt wurde, das Inhaltliche im Erfassen selbst wieder vom Erfaßten substrahieren. Und es fragt sich, wieviel dann noch übrigbleibt.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 26

„Andererseits aber ist auf diesem Gebiet schon das geringste Erfassen von so fundamentalem Gewicht, daß sich sofort die weiteste Perspektive eröffnet. In unabsehbar mannigfaltige inhaltlich-kategoriale Verhältnisse leuchtet das Verständnis der Modi hinein und klärt das an ihnen sonst Unauflösbare und Undurchschaubare. Ontologisch wirkt sich das in erster Linie an dem Sphärengegensatz des Seienden, d. h. am Greifbarmachen der Seinsweise, aus. Das dunkelste Problem der Ontologie gewinnt von hier aus Licht: das Wesen des Realseins und Idealseins, das in sich selbst in keiner Weise greifbar ist, wird aus dem Verhältnis der Modi zu einander annähernd bestimmbar.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 26-27

„Der Kern dieser Sachlage ist in dem kategorialen Grundgegensatz des Konstitutiven und Modalen selbst zu suchen; er deckt sich im wesentlichen mit dem von Seinsbestimmtheit und Seinsweise. Sein allgemeinster Ausdruck ist das Verhältnis von Sosein und Dasein (das in der »Grundlegung« [gemeint ist das 1935 erschienene Buch: »Zur Grundlegung der Ontologie«; HB]untersucht worden ist); denn die Seinsweise ist die Weise des Daseins. Dieser Gegensatz hat seinen ontischen Ort unter den übrigen Seinsgegensätzen; und insofern rangiert auch die ganze Modalgesetzlichkeit bereits unter die Kategorienschicht der Seinsgegensätze. Sie steht aber, obgleich ebenso fundamental wie diese, doch auch zugleich im Gegensatz zu ihr. Denn die übrigen Seinsgegensätze sind rein konstitutiv und setzen ihrerseits die Intermodal Verhältnisse voraus. Die Kategoriengruppen der Modalität und der Seinsgegensätze sind somit nicht durch einen eigentlichen Höhenunterschied im Sinne der Schichtung voneinander abgehoben, sondern stehen nebeneinander und dürfen als einer Schicht zugehörig angesehen werden. Genauer: sie stehen in einem nicht näher angebbaren Rangverhältnis zueinander.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 27

„Diese eigentümliche Stellung der Modalkategorien ist für sie tief charakteristisch. Sie bilden eine Art Grenzgebiet von engerer und eigentlicher Ontologie und engerer Kategorienlehre. Sie sind wohl Kategorien, aber Kategorien der reinen Seinsweise. Das Kernstück der Ontologie bilden sie insofern, als fast alles, was wir vom »Seienden als Seienden« in dieser Allgemeinheit wissen, ein Wissen auf dem Umweg über die Modalanalyse ist. Aber sie sind zugleich auch Grundlage aller kategorialen Bestimmtheit. In ihnen also gerade, als dem Unfaßbarsten beider Lehrgebiete, wird deren Einheit unmittelbar faßbar.“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 27

„Wie alle Erkenntnis weitgehend bedingt und getragen ist von dem Verhältnis zwischen Erkenntniskategorien und Seinskategorien, so gilt dasselbe in erhöhtem Maße von dem Verhältnis zwischen den Erkenntnismodi und Seinsmodi“
Paul Nicolai Hartmann, Möglichkeit und Wirklichkeit, 1938, S. 28

„Das erste Anliegen der Ontologie geht dahin, die Frage nach dem »Sein als Seiendem« in ihrer vollen Allgemeinheit zu klären sowie sich der Gegebenheit des Seienden grundsätzlich zu versichern.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 1

„Kategorienlehre ist ausschließlich Fundamentalontologie (Fundamentalontologie als die Grundlehre vom Sein; sie bezeichnet auch die in Heideggers 1927 veröffentlichten Werk »Sein und Zeit« niedergelegten Ergebnisse seiner Untersuchungen des Daseins [Menschens] zu dem Zweck, das Sein [als ein auch im Dasein, einer sich selbst verstehenden Seienden Anwesendes], den Sinn von Sein zu erschließen; sie zeigt, wie das Sein sich im Dasein kundgibt; sie will die Grundlage aller Erfahrungswissenschaft sein; HB), d.h. Forschung nach den allgemeinen Seinsfundamenten, die sich zwar auch nach den Seinsschichten differenzieren, aber doch unterhalb der Besonderheit jener Spezialgebiete bleiben. Die Kategorienlehre teilt mit der Mehrzahl der Wissenschaften die ontologische Grundeinstellung der intentio recta. Aber innerhalb des Seienden überhaupt, auf das sie gemeinsam mit ihnen gerichtet ist, hat sie es doch nur mit dem Allgemeinen zu tun, auf das alles speziellere Seiende basiert und von dem es abhängig ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 42

„Darin liegen zwei Bestimmungen des Kategorienseins: die Allgemeinheit und der Determinationscharqkter. Der letztere besagt eben dieses, daß Kategorien das konkrete Seiende irgendwie »bestimmen« oder, was dasselbe ist, daß sie dasjenige sind, wovon es »abhängig« ist. Dieser zweite Grundzug der Kategorien ist es, was sie zu »Prinzipien« macht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 42

„Ein Prinzip ist nicht etwass für sich; es ist das, was es ist, nur in Beziehung auf ein Korrelat, das »Concretum«. Unter dem Concretum aber ist der Spezialfall zu verstehen, nicht so sehr als das Einzelne und Einmalige (das wäre bloß der Gegensatz zum Allgemeinen), sondern als das allseitig bestimmte, in sich komplexe Gebilde, das unzählige Momente umfaßt und nur in deren Miteinandersein besteht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 42

„An der Korrelation von Prinzip und Concretum eröffnet sich eine Möglichkeit, das Wesen der Kategorien näher zu bestimmen. Sie lieget in der Analyse des Verhältnisses selbst. Denn dieses Verhältnis ist ein eigenartiges, keinem anderen vergleichbares.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 42

„Faßt man die ganze Geometrie als eine ienzige große Exposition des Raumwesens auf, so ist das Erste der Exposition nicht das Erste und Fundamentalste des Raumes, sondern ein Sekundäres und Abhängiges. Die Axiome aber, zu denen sie fortschreitet, stehen dem Ersten bereits ganz nah. Der Euklidische »Beweis« ist in Wahrheit gar nicht Beweis - des Beweises würde es für ohnehin Evidentes nicht bedürfen -, sondern die Rekonstruktion der ontisch idealen Abhängigkeit selbst, wie sie durchgehend vom Fundamentalen zum Sekundären waltet. Der Beweis folgt der ratio essendi (die sich mit den Gründen des Seins beschäftigt; HB), während der Erkenntnisweg ihr entgegen läuft. - Das bestätigt sich auch geschichtlich, sofern die Axiome später gefunden worden sind als jene Gruppe mittlerer Theoreme. Und eine noch schlagendere Probe auf das Exempel ist der überhaupt erst spät ausgebrochene Streit um die Axiomatik, während das Speziellere im großen Ganzen unbestritten dasteht. Das kategoriale Grundwesen des Raumes aber, das noch außerhalb der Axiome steht, wird in der Geometrie nur ganz sekundär und mittelbar berührt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 55-56

„Das komplizierte Verhältnis, das ... zwischen den drei Arten von Kategorien - denen des Realen, denen des Idealen und denen der Erkenntnis - waltet, bildet eines jener Grundprobleme der Erkenntnis, die erst von der ontologischen Kategorialanalyse her eine grundsätzliche Klärung erwarten können.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 59

„Beim näheren Zusehen ... macht sich die Divergenz von Real- und Idealkategorien auch schon in den Grenzen des Erkennbaren geltend, wennschon sie unauffällig bleibt und der besonderen Aufweisung bedarf.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 60

„An der Zeit haben wir das Beispiel einer reinen Realkategorie, der unter den Idealkategorien nichts entspricht, was ihr irgend vergleichbar wäre. .... - Die Zeitlichkeit bildet somit eine klare kategoriale Grenzscheide des Realen und des Idealen, und ebendamit auch eine solche ihrer beiderseitigen Kategoriensysteme. Die Idealkategorien enthalten das Prinzip der Zeit überhaupt nicht. Unter den Realkategorien aber ist dieses Prinzip eines der durch alle Stufen und Schichten hindurchgehenden Grundmomente, über dem sich erst die spezielleren Formen des Realen erheben: das Werden, die Beharrung, die Folge, der Prozeß - und so fort bis zu den höchsten Erscheinungen des Menschenlebens und seiner Geschichte.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 63

„Ausgehend von den einfachsten Beobachtungen der Akustik (Verhältnis von Saitenlänge und Tonhöhe) und der Berechenbarkeit gewisser Bewegungen am Himmel, kamen die alten Pythagoreer zu dem berühmten Satz, die Zahl sei das Prinzip der Dinge. Eine Entdeckung ersten Ranges liegt dieser Tiefe zugrunde, ein erstes, ahnungsvolles Wissen um die gewaltige Rolle der mathematischen Verhältnisse im Aufbau der physischen Welt. Aber der kaum geborene Gedanke blieb dabei nicht stehen, er griff sofort über auf »alles Seiende«, d.h. auf die ganze reale Welt: alles sollte in Zahlenverhältnissen bestehen, auch das menschlich-seelische Sein, einschließlich der Tugend und der Gesetze des Staates. Aus der Entdeckung der mathematischen Kategorien im Kosmos wurde ohne weiteres ein universaler Mathematizismus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 87

„Diese ungeheuerliche Grenzüberschreitung blieb an den Naturtheorien haften, die in der Neuzeit das mathematisch fundierte Weltbild zur Durchführung brachten. Uwar sind die Grenzüberschreitungen hier im allgemeinen weit vorsichtiger, aber sie verschwinden nicht ganz; und wenn ein heutiger Positivismus im Ernst definiert »wirklich ist, was meßbar ist«, so liegt dem Anspruch nach darin noch immer dieselbe Maßlosigkeit der Verallgemeinerung. Es ist sehr verständlich, daß die großen Erfolge der mathematischen Naturwissenschaft eine Expansionstendenz heraufführen, die schon durch die bloße Trägheitskraft der Denkgewohnheit auf Gebiete wie die Physiologie, die Psychologie oder die Soziologie übergreift. Aber die Folge ist ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Prinzip und Concretum, ein verhängnisvolles Vorbeisehen am Wesentlichen und Eigentümlichen der höheren Seinsphänomene, ein immer ungünstiger werdendes Verhältnis von Erkennen und Verkennen in den zugehörigen Wissenschaftszweigen und schließlich der Zusammenbruch ganzer Theorien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 87

„Schon das Naturgeschehen und die materielle Dinglichkeit selbst sind weit entfernt, in Größenverhältnissen allein aufzugehen. In den Qualitäten, Abhängigkeiten und Gesetzlichkeiten, selbst soweit sie wirklich mathematisch aufgebaut sind, stecken doch stets noch andere Faktoren. Sie lassen sich nicht rein in Zahlen und Formeln auflösen. Dere Gegensatz solcher Grundmomente wie Masse, Strecke, Zeitdauer, Geschwindigkeit, Kraft, Widerstand, Trägheit, läßt sich nicht ins Quantitative übersetzen; er gibt vielmehr allen irgendwie bestimmten quantitativen Verhältnissen erst ihren Sinn. Und das heißt, erst als Verhältnisse dieser Grundmomente können sie als Realverhältnisse gelten. Denn gerade als bloß quantitative Verhältnisse, ohne Substrate der Quantität, können sie das nicht. Das »rein mathematische« Verhältnis als solches ist ein leerlaufendes Verhältnis und steht windschief zur realen Welt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 87

„Vollends anderer Natur ist aber schon die Welt des Lebendigen. Hier sinkt das Qunatitative zu einem gfanz untergeordneten, nur noch die Aufbauelemente mitbestimmenden Moment herab. Es verschwindet nicht ganz, aber das Eigentümliche des organischen Lebens, sein Novum dem Leblosen gegenüber, bleibt von ihm unberührt. Es hat andere, eigene Kategorien. Und je weiter hinauf man steigt in die Regionen des seelischen und geistigen Seins, die sich über dem Organischen erheben, um so mehr verschwindet der Einschlag des Quantitativen, und um so auffallender wird das Mißverhältnis, das die Verallgemeinerung der mathematischen Prinzipien heraufbeschwört. Der Anspruch, ein Concretum von der Seinshöhe geistigen Lebens mit so inhaltsleeren Kategorien zu bewältigen, sinkt zur Lächerlichkeit ab.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 88

„Der geschilderten Grenzüberschreitung des Mathematischen verwandt ist eine ganze Reihe ähnlicher Versuche. Der bei weitem bekannteste ist der sog. Materialismus. Hier liegt der Nachdruck nicht auf der Berechenbarkeit, sondern auf den Substraten der Dingsphäre und ihrer Mechanik, aus solchen Kategorien wie Materie, Bewegung, Kraft, Energie. Auch hinter dem Materialismus steht eine ganz schlichte, in sich vollkommen berechtigte Theorie des materiellen Seins; in dieser sind solche Katgeorien wie die oben genannten in der Tat die maßgebenden. Ein »Materialismus« wird aus ihr erst durch die Grenzüberschreitung, d.h. dann, wenn man organisches und seelisches Leben oder gar Phänomene des Denkens und Wollens mit Kategorien dieser Art bewältigen will. So oft dieser Versuch unternommen wurde, ist er gleich in den Anfängen stecken geblieben; er kann es über ein leeres Postulat - resp. über einige sehr allgemein und unbestimmt gehaltene Andeutungen - nicht hinaus bringen. Denn bei jedem näheren Eingehen auf die Phänomene zeigt sich sofort, daß sie so nicht faßbar sind; sie werden entweder verleugnet oder verkannt. Und die immer wiederkehrende Konsequenz ist denn auch tatsächlich die entsprechende Problembeschränkung, die Einengung der Welt auf materielles und dem Materiellen ähnliches Sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 88

„Ähnlich, wiewohl weniger grotesk, ist die Verirrung in jeder Art von Biologismus - einerlei ob er mehr organologisch oder evolutionistisch aufgezogen wird -, ja sogar im Psychologismus. Hier sind die Ausgänge freilich höher hinauf verlegt; die Kategoriengruppe, die zugrundegelegt wird, steht der Seinsordnung nach dem Geiste näher. Aber sie ist und bleibt ihm doch heterogen und äußerlich. Kategorien des Organischen können die Bewußtseinsvorgänge ebensowenig meistern, wie Kategorien des Seelischen das Ethos, das Denken, die Erkenntnisfunktion oder gar soziale und geschichtliche Verhältnisse meistern können. Daß psychologische Erklärungen vor den Phänomenen der letztgenannten Art versagen, ist eine sehr junge Einsicht; erst um die letzte Jahrhundertwende hat intensive kritische Arbeit den Fehler des Psychologismus wirklich aufzudecken vermocht. Und wenn auch die damaligen Argumente (etwa die Rickerts und der Brentanoschüler [zu denen übrigens damals auch der junge Heidegger gehörte; HB]) nicht eben in jeder stichhaltig waren, so reichten sie doch aus, die charakteristische Grenzüberschreitung greifbar zu machen, deren sich die Psychologie mit ihren Methoden schuldig gemacht hatte, legt ein beredtes Zeugnis von der Trägheitskraft des bekämpften Vorurteils ab.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 88-89

„In den angeführten Beispielen besteht die Insuffizienz der vorgeschobenen Kategorien überall darin, daß diese von ontisch niederer und strukturell inferiorer Art sind. Sie können ein Seiendes der höheren Ordnung nicht tragen, weil sie inhaltlich nicht an seinen Bestand heranreichen. Es gibt aber auch die umgekehrte Heterogeneität, die im Herantragen von Kategorien höherer Seinsstufe an das Concretum der niederen besteht. Das ist eine andere Variante der Grenzüberschreitung, ein anderer Typus desselben Grundfehlers; und in der Geschichte der Metaphysik ist er sogar der bei weitem mehr verbreitete.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 89

„Es ist auch leicht einzusehen, warum er der vorherrschende ist: Kategorien höherer Ordnung könne sich am Seienden niederer Ordnung nicht so leicht als insuffizient erweisen. Sie sind eben reicher und tragfähiger; und wenn es nur auf inhaltliches Zureichen allein ankäme, so wäre eine solche Übertragung überhaupt kaum anzufechten. Deswegen hat die Grenzüberschreitung »nach unten zu« von vornherien die größere Chance, ein einheitliches Weltbild zu ergeben. Sie gerät auch nicht so leicht in Konflikt mit den Phänomenen. Nur eine gewisse Willkürlichkeit haftet ihr auf den ersten Blick an. Eigentliche Kritik aber erfährt sie erst dann, wenn die eigenen, autochthonen Kategorien der niederen Seinsstufe entdeckt werden und die von oben her auf diese übertragenen höheren Kategorien sich hier als überflüssig erweisen. Die Grenzüberschreitung selbst aber ist die gleiche wie der umgekehrten Richtung; der Widersinn der kategorialen Heterogeneität ist derselbe.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 89

„Von dieser Art ist z.B. aller Idealismus, insofern er aus Kategorien des Subjekts - aber auch der Vernunft, des Geistes, des Bewußtseins - die Strukur und Seinsweise aller Gegenstände, also der ganzen übrigen Welt verstehen will. Die Vergewaltigung der Dingwelt ist hier besonders spürbar, weil ihre selbständige Realität aufgehoben und sie selbst als eine Vorstellungs- oder Erscheinungswelt in das Bewußtsein hineingenommen wird. Ob der Idealismus sich dann weiter als einen subjektiven oder objektiven, einen transzendentalen oder logisch absoluten bezeichnet, das macht an der Grenzüberschreitung selbst keinen Unterschied mehr. Die Kategorien eines transzendentalen Subjekts sind um nichts weniger Subjektkategorien als die eines empirischen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 89-90

„Ähnliches gilt von mancherlei verwandten Systemtypen. So gibt es einen Personalismus, der alle Sachgebiete nach Analogie personaler Wesen zu verstehen sucht. Sehr bekann ist die Sachlage im Pantheismus, der die Gebilde der Natur bis zu den niedersten herab als Modifikationen eines göttlichen Urwesens gelten läßt und damit die Kategorien dieses Urwesens (meist als allumfasende Vernunft verstanden) auf sie übertraägt. Auch die Monadenlehre zeigt ein ähnliches Schema; sind doch in ihr die Substanzen alle, auch die Elemente der Materie, nach Art des seelischen Seins gemeint.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 90

„Aber nicht nur die großen Systemtypen der Metaphysik gehören hierher. Es gibt auch gewisse mehr unterirdische Vorurteile, die fast unbemerkt hinter den bewußt verfochtenen oder umstrittenen Hauptthesen der Weltbilder stehen, aber eben deswegen von um so größerer Zähigkeit sind. Unter diesen darf der Teleologismus - die Ansicht, daß die Welt in allen ihren Schichten von Zwecken beherrscht wird - als eine typische Grenzüberschreitung »nach unten zu« gelten. Diese Ansicht beherrscht in der Geschichte der Metaphysik die Mehrzahl der großen Systeme, wiewohl sie oft in Formen auftritt, die sie bis zur Unkenntlichkeit verdecken.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 90

„Die Zweckkategorie gehört von Rechts wegen der Sphäre des Menschen und speziell der des menschlichen Wollens und Handelns an. Wenigstens wirklich aufweisen läßt sie sich nur hier. Übertragen aber wird sie von alters her mit der größten Skrupellosigkeit auf alles, was der Mensch anderweitig nicht zu erklären weiß (d.h. dessen wirkliche Kategorien er nicht kennt). Versteht man nun etwa Naturprozesse auf Grund der Zweckkategorie, so schiebt man ihnen eine Zwecktätigkeit nach Art der menschlichen unter; man deutet nach Analogie des eigenen Menschenwesens, Das läßt die Naturprozesse zwar außerordentlich vereinfacht erscheinen, ihrer wahren Natur aber wird es genau so wenig gerecht wie die alte mythische Vorstellungsweise,die in den Bergen und Flüssen beseelte Wesen erblickte. Inhaltlich steht die metaphysische Naturteleologie der mythischen Allbeseelung ja auch noch ganz nah: es ist in beiden derselbe Anthropomorphismus, der das Weltbild bestimmt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 90

„So aber ist die Sachlage: alle ernsthafte Erforschung der Naturverhältnisse muß ebensosehr mit der teleologischen Vergewaltigung aufräumen, wie alle Geisteswissenschaft mit den Übergriffen naturalistischer Anschauungen auf ihrem Gebiete aufräumen muß.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 90

„Erkenntnisprinzipien sind sind Bedingungen der Erkenntnis. Aber Bedingungen der Erkenntnis brauchen durchaus nicht selbst erkannt zu sein. Die Gegenstandserkenntnis kann auf ihnen beruhen, ohne im sie zu wissen. prinzipien apriorischer Erkenntnis brauchen also auch jedenfalls nicht a priori erkannt zu sein. Dieses Verhältnis ist ein wohlbekanntes, auch außerhalb der Erkenntnis. Das logische Schließen z.B. beruht auf den »Denkgesetzen«, aber diese selbst brauchen dem Schließenden nicht bekannt zu sein, auch nicht sofern er folgerichtig nach ihnen verfährt. Erst die Logik antdeckt sie; aber das schließende Denken wartet nicht auf die Logik. So wartet auch das Sprechen nicht auf die Grammatik; es folgt den Gesetzen der Sprache, aber was weiß sie nicht. So erkennt der Mensch durch seine Kategorien Dinge, aber ein Wissen um die Kategorien braucht er deswegen nicht zu haben. Erst die Erkenntnistheorie ist das Wissen um sie. Aber die Dingerkenntnis wartet nicht auf die Erkenntnistheorie.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 117-118

„An diesen Überlegungen wird der fehlschluß im Cartesischen Argument sichtbar. Die simplices brauchen nicht a priori bekannt zu sein, weil sie vielmehr gemeinhin in der komplexen Gegenstandserkenntnis überhaupt unerkannt bleiben.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 118

„Wahres Verhältnis des Apriorismus zu den Katgeorien. - Daß dieser katgeoriale Apriorismus das Apriorische in der Gegenstandserkenntnis, dessen Grundlage die Katgeorien bilden sollten, in unheilvoller Weise zweideutig gemacht, ja geradezu der deductio ad absurdum preisgegeben hat, ist merkwürdigerweise bis in die neueste Zeit kaum recht durchschaut worden. Geschichtlich war indessen die Sachlage bereits im Kampf des Empirismus gegen Desacrtes’ idea innata zur Spruchreife gelangt. Dind die obersten Ideen »eingeboren«, so mußoffenbar auch das naive Bewußtsein sie kennen, z.B. das des Kindes. Da aber hat man es leicht zu zeigen, daß von solcher Kenntnis keine Spur sich aufweisen läßt. Ein solches Argument mag populär sein, aber es trifft doch den Kern. Der Irrtum Lockes und seiner Nachfahren war nur, daß sie damit die Erkenntnis a priori überhaupt zu treffen meinten; in Wahrheit traf es ausschließlich den »kategorialen Apriorismus«. Daß ein naives Bewußtsein nichts von jenen »Ideen« weiß, hindert es nicht, vermöge ihrer apriorische ERkenntnis von Gegenständen zu haben. Bur daß es um die Ideen selbst, vermöge derer es solche Erkenntnis hat, auch noch ein Wissen a priori habe, ist auf Grund der von Locke aufgewiesenen Tatsache unmöglich.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 118-119

„Was erfordert nun die Kategorienlehre in dieser Problemrichtung? Das läßt sich jetzt unschwer in zwei Punkten angeben. Erstens gilt es radikal zu scheiden zwischen der apriorischen Erkenntnis von Gegenständen (als einer auf Kategorien beruhenden Erkenntnis) und der vermeintlichen Apriorität der Kategorienerkenntnis selbst. Es ist neimals ein Schluß von jener auf diese möglich. Beide haben überhaupt wenig miteinander zu tun.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 119

„Die apriorische Erkenntnis, die auf Katgeorien beruht, ist nicht Erkenntnis der Kategorien, sondern stets nur Erkenntnis konkreter Gegenstände. Und faßt man die letzteren Kantisch als Gegenstände der Erfahrung, so läßt sich bündig sagen: aller Apriorismus ist beschränkt auf Gegenstände der Erfahrung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 119

„Erkenntnis setzt ein unaufhebbares Gegenüber von Subjekt und Objekt voraus; sie ist ihrem Wesen nach die bestimmt geartete Relation zwischen ihnen, und die Relation setzt Spielraum voraus. Sie ist nur möglich in der Zweiheit der Sphären; fallen beide in eins zusammen, so fällt auch die Relation insich zusammen. Relation gibt es nur zwischen Nichtidentischem. Identität ist Aufhebung der Relation.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 130

„Die Strukturen des idealen Seins spielen wirklich die vermittelnde Rolle zwischen Gedanken und Realität, am deutlichsten sichtbar im logischen Einschlag der Erkenntnis. Sie müssen deshalb in der Tat wenigstens teilweise mit denen des Denkens und gleichzeitig mit denen des Realen zusammenfallen. Sonst könnte das Denken in seinen Schlußfolgerungen das Reale nicht fassen. Ideale Gesetzlichkeit muß also wirklich nach zwei Seiten die eigene Sphäre transzendieren - ins Denken hinein und in die Realwelt hinein. Aber dieses Transzendieren braucht nicht durchgehende Identität zu bedeuten. Und es darf auch gar nicht eine solche bedeuten. Sonst wäre ein Alogisches im Reich des Realen nicht möglich. Das Reale aber ist voll des Alogischen, noch weit mehr als des Unerkennbaren. Die reale Welt ist so wenig durchweg logisch, wie sie durchweg mathematisch ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 140

„Der Raum z.B. ist nicht nur als Anschauungsform, sondern auch als idealer (etwa als geometrischer) Raum nicht in jeder Hinsicht dasselbe wie als Realraum.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 147

„Erkenntnis ... stuft sich mehrfach ab; und von alters her hat man gesehen, daß die Stufen genug Gegensätzlichkeit zeigen können, um in Konflikt miteinander zu geraten. Aber nur alngsam und im steten Kampf mit vorschnellen Deutungen ringt sich die Einsicht durch, daß auch der Gegensatz dieser Stufen auf Verschiedenheit der kategorialen Struktur beruht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 173

„Bei Aristoteles ist eine solche hohe Stufenfolge im Erkenntnisgang schon klar herausgearbeitet: Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung und Wissen. Diese Stufenfolge soll zeigen, wie sich von realtiv einfachen Elementen der Gegebenheit aus durch das Einsetzen höherer (im wesentlichen verbindender) Funktionen das eigentliche Wissen um die Sache herausbildet, welches schon einen Einschlag von Selbstkontrolle hat und Anspruch auf Wahrheit erheben kann. Sie ist früh zur philosophischen Tradition geworden und in der mehrzahl späterer Theorien maßgebend geblieben. Geschichtlich hinter ihr steht die ältere zweistufige Gliederung von Wahrnehmung und Einsicht (aisqesiV und nohsiV), die in der Vorsokratik herausgebildet worden war. Sie entspricht der ältesten erkenntnistheoretischen Bestimmung, welche besagt, daß Wahrnehmung allein über das Wesen der Dinge nicht belehrt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 173

„Zwischen diese offenbar extrem heterogenen Stufen hatte Platon den Spielraum der Vorstellung oder meinung (doca) gesetzt. Die Meinung bildet sich der Mensch, indem er über das Wahrgenommene hinausgeht; darum unterliegt er mit ihr in erhöhtem Maße dem Irrtum. Die Wahrnehmung mag subjektiv sein, aber sie ist unmittelbare Gegebenheit und als solche nicht aufhebbar; in der Vorstellung dagegen setzt eine relativ freie Tätigkeit der Meinungs-Bildens ein. Diese Freiheit bringt die Vielheit der Meinungen mit sich, von denen bestenfalls eine zutreffen kann. Darüber hinaus kann nur die Instanz der Sicherung führen, und eine solche muß der Tendenz nach auf Gewißheit gehen. Diese Instanz hat man von jeher im Aufdecken der Gründe gesucht. Aber das ist Dache größerer Überschau. Das Auf-den-Grund-Gehen und die Überschau machen zusammen - und zwar beide im Gegensatz zur Meinung - den neuentdeckten Begriff der Wissenschaft aus (episthmh). Das kritische Moment der Rechenschaft unterscheidet die Wissenschaft von der Unverbindlichkeit der Vorstellung und Meinung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 173-174

„Selbstverständlich lassen sich diese Stufen weiter unterteilen. Bestehen sie doch überhaupt nicht streng geschieden, sondern nur durch unmerkliche Übergänge verbunden. Aber nicht darauf kommt es hier an. Es ist auch nicht so wesentlich, ob man die Aristotelische oder die Platonische Stufenfolge zugrunde legt, obgleich diese beiden sachlich sehr verschieden sind (Empirie ist etwas ganz anderes als Meinung); man kann statt dessen auch einer der neuzeitlichen Einteilungen folgen, etwa der Kantischen, die zwischen Sinnlichkeit und Verstand die Einbildungskraft einschaltet, und zwar mit einem deutlichen Einschlag von Anschauungscharakter. Doch ist es mit dieser Anordnung schon mehr auf das Ineinandergreifen der Funktionen abgesehen als auf eine Stufenordnung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 174

„Worauf es hier allein ankommt, ist vielmehr, daß es überhaupt Stufenunterschiede innerhalb der Erkenntnis gibt. Denn steht nun jede dieser Stufen unter ihren Kategorien, und hat jede von ihnen ein besonderes Verhältnis zum Gegenstande, so wird das Verhältnis der Kategorien verschiedener Erkenntnisstufen zueinander und zu den Seinskategorien von großer Bedeutung. Und da es sich natürlich nicht um ganz verschiedene Kategorien, sondern nur um partial verschieden handeln kann - denn sonst wären die Stufen nicht vergleichbar und auch nicht ineinander überführbar -, so läßt sich unschwer voraussehen, daß in gewissen Fällen auch dieselben Kategorien verschiedenen Erkenntnisstufen angehören dürften, nur in entsprechender Modifikation.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 174

„Die logische Sphäre nähert sich mit ihren Gesetzen und Strukturen der idealen Seinssphäre. Die psychische Aktsphäre (gibt es eine »psychische Aktsphäre« überhaupt? HB) dagegen ist ein Teilgebiet der Realsphäre; wie denn die seelischen Akte (vorausgesetzt, »die seelischen Akte« existieren überhaupt? HB) alle real in der Zeit verlaufen und ihre besondere psychische Realität (gibt es eine »psychische Realität« überhaupt? HB) haben. Beide Sphären kommen nun aber für die inhaltliche Stufung der Erkenntnis nicht in Betracht, denn beide sind keine objektiven Gegebenheitssphären. Die psychische ist nicht objektiv, die logische nicht Gegebenheitssphäre; jene ist überhaupt kein Reich des Inhalts, diese stellt im Erkenntnisverhältnis nur ein Reich von Formen der Bearbeitung anderweitig gegebener Inhalte dar.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 176

„Reine Funktion der Vermittelung des Seienden an das Bewußtsein ist nur die Erkenntnis. Und inhaltlich verstanden ist nur sie die Ausformung des seinsrepräsentativen Bewußtseinsinhalt. Sie ist die Form, in der wir um Seiendes wissen. Darum muß in der Diskussion dieser Form als solcher (der kategorialen Erkenntnisstruktur) auch die Seinsstruktur beurteilbar werden. Auch das freilich kann nur genähert gelingen, aber doch in zeitlicher Näherung. - Und nur aus diesem Grunde sind die Kategorien der Erkenntnis, und also auch die ihrer Stufen, von ontologischem Gewicht; und nur darum müssen sie, wo nur irgend sie gesondert faßbar werden, in die ontologische Kategorialanalyse hineingezogen werden. In jedem anderen Betracht sind sie genau so partikulär wie die der übrigen Teilsphären des geistigen Seins und können keine Sonderstellung beanspruchen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 176-177

„Die ontologische Haltung der natürlichen Weltansicht und des praktischen Lebens geht unverändert und ohne Grenzscheide in die wissenschaftliche Erkenntnishaltung über. Und von dort geht sie ebenso unverändert in die philosophisch-ontologische Einstellung über. Nur inhaltlich verschiebt sich das Bild.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 177

„Die Welt ist nicht zweischichtig, sie ist zum mindesten vierschichtig.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 189

„Daß im Aufbau der realen Welt eine Schichtung besteht, ist an sich leicht einzusehen, es drängt sich dem unbefangenen Blick geradezu auf. Es ist denn auch früh gesehen worden. Und nur deswegen konnte sich der Schichtungsgedanke nicht unbehelligt durchsetzen, weil ihm von jeher das Einheitspostulat des spekulativen Denkens entgegenstand. Man hielt das klar Eingesehene nicht für das Maßgebende, weil es die Welt aufzuspalten schien, und weil man nicht sah, wie man dem Zerfall begegnen sollte. Denn daß eine Stufenordnung mit ausgeprägter Grenzziehung gar keinen Zerfall zu bedeuten braucht, daß es auch anders geartete Einheit im Aufbau der eralen Welt geben kann als die der durchgehenden Gleichartigkeit, das gerade ist eine relativ späte Einsicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 190-191

„Wirkliche Ursprünge des Schichtungsgedankens kann man ... auf der Höhe der antiken Philosophie finden. Merkwürdigerweise tritt er hier am besten ausgeprägt zunächst innerhalb des seelischen Seins auf. Platons Lehre von den »drei Seelenteilen« ist eine echte Stufenordnung mit klarer Überhöhung und Grenzziehung. Eine untere Schicht, in welcher die Mächte der »Lust und Unlust« herrschen, steht einer oberen, vernunftgeleiteten gegenüber; und zwischen ihnen gelagert ist eine solche des Strebens (des Eifers und des Mutes). Hier liegen geschaute Phänomene zugrunde, wenn auch vielleicht einseitig erfaßte; aber sie sind durch keine spekulative Einheitstendenz verfälscht. Und sie erweisen sich sogleich als fruchtbar durch ihre rein funktionale Unterschiedenheit. Denn es zeigt sich, daß auch im Ethos des Menschen und im Aufbau der politischen Gemeinschaft dieselben Stufen wiederkehren: dort in den inhaltlich verschiedenen Arten des sittlichen Verhaltens (der areth), hier in der Differenzierung der »Stände« und ihren Aufgaben im Staate. Und auf beiden Gebieten bleibt der Charakter der Schichtung mit ihren Niveauunterschieden der Funktion erkennbar.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 191

„Zu größerem Stile setzt die Seelenlehre des Aristoteles diesen Gedanken fort. .... Deutlich erkennt Aristoteles das Verhältnis dieser Stufen als ein solches der Überlagerung (also Schichtung). Denn das ist sein Hauptargument, zu zeigen, wie immer die höhere Stufe auf der niederen aufruht, ohne sie nicht bestehen kann, während diese ohne die höhere sehr wohl besteht (in der Pflanze z.B. die Vitalseele ohne Sinnlichkeit, im Tier die vitale und wahrnehmende Seele ohne Vernunft); nicht weniger aber ist es ihm darum zu tun, daß dennoch immer die höhere Stufe ihr eigenes, durchaus selbständiges Prinzip hat. - In dieser Anordnung - man mag sie inhaltlich beurteilen, wie man will - ist der Schichtungsgedanke bereits vollkommen ausgebildet. Er ist nur noch nicht auf das Ganze der Welt bezogen. Denn das Seelische ist selbst nur eine Seinsschicht im Stufenreich der Welt. Das Interessante nun ist, daß Aristoteles das sehr wohl gesehen hat. Wir finden bei ihm den Gedanken einer die ganze Welt durchziehenden Stufenordnung; man muß sie sich nur in seinen Schriften zusammensuchen. Über der schon spezialisierten Materie erhebt sich der »physische Körper«, über diesem der »organische Körper«, die nächsthöhere Stufe ist das »beseelte Lebewesen«, und dieses wird seinerseits überhöht vom »politischen Lebewesen« (dem Menschen). Aber auch mit ihm hört die Schichtung nicht auf. Der Mensch ist der Vollendung der areth fähig, er erhebt sich mit ihr wieder auf einen höheren Stand. Und auch die areth erreicht in der höchsten dianoetischen Tugend noch einmal einen besonderen Gipfel, den des rein geistigen oder schauenden Lebens. - Diese Stufenordnung ist mit mancherlei Abänderungen in den Systemen des Mittelalters mehrfach wiedergekehrt. Wenn man von ihrem letzten Gliede, das spekulativ bedingt ist, absieht, so zeigt sie dieselbe natürliche Anlehnung an unverrückbare Phänomengruppen wie die funktionalen Schichten der Seele. Die vier Hauptstufen des physischen, organischen, seelischen und geistigen Seins sind deutlich in ihr erkennbar. Am wenigsten einheitlich tritt noch das Seelische hervor. Durchaus phänomenengerecht aber ist die Mehrstufigkeit des Geistigen erfaßt, soweit sie sich angedeutet findet.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 191-192

„Eine phänomenengerecht angelegte Kategorienlehre muß ... in der Stufenfolge der Kategorien selbst die entsprechenden Einschnitte aufweisen. Was wiederum bedeutet, daß sie es mit einer den Schichten des Realen parallel laufenden Schichtenfolge der Kategorien zu tun hat.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 195

„Die drei Einschnitte in der Stufenfolge der realen Welt. .... Solcher Einschnitte nun gibt es im Aufbau der realen Welt nur drei. Ihrer muß man sich vor allem weiteren versichern. Man kann das freilich nur tun, idem man bereits die grundlegenden kategorialen Aufbaumomente, die an diesen Punkten ansetzen, heraushebt.
1. Der bei weitem sichtbarste Einschnitt ist derjenige, welcher der alten Scheidung von Natur und Geist zugrunde lag. Er ist nur durch diese Scheidung ungenau bezeichnet; denn das Physisch-Materielle und das eigentlich Geistige sind Seinsgebiete, die ohnehin weit auseinanderliegen, dicht aneinander aber rgenzen die Bereiche der organischen Natur und des Seelischen. Zwuschen diesen beiden aber, obgleich sie im Menschenwesen aufs engste verbunden sind (wenn sie es sind! HB), klafft der Hiatus der Seinsstruktur. Denn das Organische, einschließlich des subtilen Systems der Prozesse, in dem es besteht, ist noch ein räumliches und materielles Gefüge; die seelischen Vorgänge und Inhalte sind etwas ausgesprochen Unräumliches und Immaterielles. Und diesem Gegensatz entspricht die Andersheit der Gegebenheit: die dinglich-äußere Gegebenheit des räumlich Lokalisierten und die innere Selbstgegebenheit der seelischen Akte (gibt es »seelische Akte« wirklich? HB) als der dem Subjekt selbst eigenen und zugehörigen. ....
2. Einen ähnlichen Einschnitt haben wir weit unterhalb der psycho-physischen Grenzscheide (sofern sie wirklich »psycho-physisch« ist! HB) zwischen der leblosen Natur und der organisch-lebendigen. Auch hier hat sich die Wissenschaft viel um den Übergang bemüht; immer wieder ist der Gedanke der Urzeugung des Lebendigen niederster Stufe aus rein dynamisch-chemischen Verhältnissen aufgetaucht. Seit man das Stufenreich des Lebendigen als Abstammungszusammenhang verstehen gelernt hat, ist dieser Gedanke auch grundsätzlich nicht abweisbar. Aber ein eigentliches Hervorgehen aus der Lebendigkeit - mit ihren eigentümlichen Funktionen des sich selbst regulierenden Stoffumsatzes und der Selbstwiederbildung - aufzuweisen, ist nicht gelungen. Der Einschnitt also bleibt bestehen. Ja, man möchte hinzufügen: auch wenn sich das Kontinuum der Formen einmal als über ihn hinweggehend erweisen sollte, so würde er doch in dem Sinne bestehen bleiben, daß mit dem Beginn der Lebensfunktion eine eigene Gesetzlichkeit dieser Funktionen einsetzen müßte. Damit aber kommt man gerade darauf hinaus, daß von dieser Grenze ab aufwärts eine andere - und zwar höhere - Kategoriengruppe zur Herrschaft gelangt.
3. Und schließlich gibt es weit oberhalb noch einmal einen Einschnitt von nicht geringer Tiefe. Er scheidet das geistige Sein von dem der seelischen Akte (falls es »seelische Akte« überhaupt gibt! HB). Daß geistiges Leben etwas anderes ist als der Inbegriff psychischer Vorgänge, hat man wohl von jeher gewußt; man war nur immer zu schnell geneigt, sein Wesen im rein Ideenhaften zu erblicken, und so konnte man in ihm keine Seinsstufe des Realen erkennen. Auch wirkte hindernd das alte Vorurteil nach, Realität käme nur dem Dinglichen zu. Es ist eine späte Einsicht, daß alles Zeitliche Realität hat, auch wenn es weder räumlich noch materiell ist. In der Tat sind die verschiedenen Gebiete des Geisteslebens weit entfernt, ein bloß ideales Sein zu haben: die Sprache (sie gehört aber nicht nur der geistigen Schicht, sondern allen Schichten an! HB), das Wissen, das Recht, die Sitte - sie alle haben ihr geschichtlich-zeitliches Entstehen und Vergehen;sie gehen nicht auf in den ideellen Normen oder Werten, denen sie folgen, sie teilen deren Zeitlosigkeit nicht, sondern bestehen nur in ihrer Zeit und nur geschichtlich realen Volksleben einer bestimmten Epoche. - Aber dieses ihr zeitliches Sein ... ist ein der Art und Stufe nach anderes als das der Aktvollzüge eines Bewußtseins, obgleich es in den jeweilig lebenden Individuen die Aktvollzüge zur Voraussetzung hat. Dieses Vorausgesetztsein hebt die Grenzscheide nicht auf, genau so wenig wie das Vorausgesetztsein des Organischen im Seelischen und das des Materiellen im Organischen jene anderen beiden Grenzscheiden aufhebt. das Entscheidende vielmehr ist, daß oberhalb des Seelischen beim Einsetzen des geistigen Lebens noch einmal eigene Gesetzlichkeit einsetzt. Und das bedeutet, daß wiederum eine höhere Schicht neuartiger kategorien sich den niederen überordnet.
Es muß freilich gesagt werden, daß die genauere Begründung der drei Einschnitte eine Aufgabe ist, die erst die Durchführung der Kategorialanalyse erfüllen kann. Insonderheit gilt das von dem zuletzt aufgeführten Einschnitt. Denn er ist in der Tat mit so allgemeinen Andeutungen nur ungenau gekennzeichnet. In Wahrheit sind es nicht die Phänomene des objektiven Geistes allein, sondern auch die des personalen Geistes, welche oberhalb dieser Grenzscheide zu liegen kommen. Und hier ist es nicht so einfach, die Unterscheidung durchzuführen; denn teilweise sind es dieselben Bewußtseinsakte, die dem seelischen und geistigen Sein zugleich angehören (ich sage: nur [ausschließlich] dem geistigen Sein angehören! HB). Aber die hier entstehenden Aporien zu lösen, kann ohne die genauere Untersuchung der Aktphänomene nicht gelingen. Diese Untersuchung aber läuft auf die Kategorialanalyse beider angrenzenden Schichten hinaus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 195-198

„Von Schicht zu Schicht, über jenen Einschnitt hinweg, finden wir dasselbe Verhältnis des Aufruhens, der Bedingtheit »von unten« her, und doch zugleich der Selbständigkeit des Aufruhenden in seiner Eigengeformtheit und Eigengesetzlichkeit. - Dieses Verhältnis ist die eigentliche Einheit der realen Welt. Die Welt entbehrt bei aller Mannigfaltigkeit und Heterogeneität keineswegs der Einheitlichkeit. Sie hat die Einheit eines Systems, aber das System ist ein Schichtensystem. Der Aufbau der realen Welt ist ein Schichtenbau. Nicht auf die Unüberbrückbarkeit kommt es hierbei an - denn es könnte sein, daß diese nur »für uns« besteht -, sondern auf das Einsetzen neuer Gesetzlichkeit und kategorialer Formung, zwar in Abhängigkeit von der niederen, aber doch in aufweisbarer Eigenart und Selbständigkeit gegen sie.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 198-199

„Überhaupt muß gesagt werden, daß Schichten im strengen Sinne nur die vier Hauptschichten des Realen sind. Das ist nicht unwichtig für den Aufbau der realen Welt. Denn selbstverständlich ist ihr Stufenbau im einzelnen ein viel ein mannigfaltigerer. Jede der vier Hauptschichten ist in sich weiter abgestuft; aber diese Stufung ist gespalten in parallele Stufenfolgen, ist also keine eindeutige Überhöhung; sie zeigt auch keine kategorial scharfen Grenzstriche, sondern meist gleitende Übergänge. Am bekanntesten ist diese Sachlage im Reiche des Organischen, wo das Verhältnis der Arten, Gattungen, Familien, Ordnungen, Klassen eine ganz andere Mannigfaltigkeit als die von Schichten zeigt. Und ähnlich ist es in den anderen Seinsschichten. Am größten dürfte die Parallelschaltung verschiedener Stufungen in der Schicht des geistigen Lebens sein. - Nicht verkennen darf man freilich, daß in der weiteren Unterteilung der Hauptschichten neben anderen Verhältnissen auch noch einmal eine gewisse Schichtung vorkommt. So bildet im Reich des Organischen der Unterschied der Einzelligen und Vielzelligen ein unverkennbares Schichtenverhältnis; und ähnlich ist es im Reich des geistigen Seins mit dem Unterschiede des personalen und objektiven Geistes sowie mit dem Gegensatz beider zum objektivierten Geiste. Aber auch alle solche Verhältnisse bilden keine durchgehende Schichtung, sondern gleichsam nur den Ansatz einer solchen. Im übrigen werden sie von einfacher Stufung mit gleitenden Übergängen abgelöst.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 199-200

„Zwischen einem Concretum und seiner kategorien besteht ein Verhältnis steter Zugehörigkeit, in welchem die Kategorien die Rolle einer durchgehende, das Gemeinsame in der Mannigfaltigkeit beherrschenden Determination spielen. Wenn nun das Concretum der gesamten realen Welt einen Schichtenbau bildet, so müssen die Schichten des Realen notwendig in entsprechenden Kategorienschichten wiederkehren. Der Unterschied der Realschichten ist eben ein prinzipieller, er muß also in ihren Kategorien enthalten sein. Deswegen aber braucht die Schichtung der Kategorien ihrerseits mit der Schichtung des Realen doch nicht einfach identisch zu sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 200

„Und sie kann auch nicht einfach identisch mit dieser sein. Denn erstens gibt es nicht nur kategorien des Realen, sondern auch solche der übrigen Sphären. Und zweitens gibt es Kategorien von solcher Allgemeinheit, daß sie sich nicht als einer bestimmten Realschicht zugeörig auffassen lassen. Solche Kategorien sind geminsame Prinzipien aller Schichten des Realen; sie bilden die einheitliche Grundlage der gesamten realen Welt. Und ihre ontologische Bedeutung liegt darin, daß sie die fundamentalsten Kategorien sind - das gemeinsame Fundament aller kategorialen Besonderung, damit also auch aller Schichtung - und überdies diejenigen sind, an denen die Einheit im Aufbau der realen Welt strukturell greifbar wird. Sie sollen im folgenden Fundamentalkategorien heißen. Sie machen den Gegenstand der »allgemeinen Kategorienlehre« im Unterschiede von der »spezielleren« aus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 200

„Von diesen zwei Gründen der Nichtidentität ist der erstere für das problem der Realkategorien ein nur äußeres Moment. Denn er betrifft nur die Parallelstellung der Idealsphäre sowie die der sekundären Sphären, sofern deren Kategorieen Abweichungen von den Realkategorieen zeigen. Es handelt sich also dabei um eine kategoriale Gesamtmannigfaltigkeit, welche in dieser Ausdehnung nicht mehr dem Nau der Realwelt betrifft. Diese Geamtmannigfaltigkeit ist offenbar eine mehrdimensionale. In ihr überschneidet sich die Mehrheit der Sphären mit der Folge der Schichten. Denn die letztere kehrt auch in den verschiedenen Sphören wieder.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 200-201

„Von der idealen Sphäre, als einer solchen der Wesenheiten,leuchtet das unmittelbar ein, obgleich ihre Selbständigkeit eine bedingte ist. Es wurde aber bereits gezeigt, warum ihre Kategorien mit denen des Realen nicht durchgehend zusammenfallen können (Kap. 3 und 4). Weil aber Wesensstrukturen und Wesensgesetze die reale Welt durchziehen, so bildet das Verhältnis ihrer Kategorien zu den Realkategorien auf jeder Schichtenhöhe doch ein Problem, welches auch die reale Welt betrifft, und zwar am meisten dort, wo die kategoriale Identität bedier Seinssphären Grenzen zeigt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 201

„Von noch größerem Interesse ist das kategoriale Verhältnis der Erkenntnissphäre - einschließlich ihrer inneren Abstufung (Kap. 18) - zur Realsphäre, obgleich die Erkenntnis dem Seienden als Seienden äußerlich ist und zu seinem Aufbau nur insofern gehört, als sie selbst ein Seinsphänomen der höchsten Realschicht, des geistigen Seins, ist. Denn Ontologie ist nun einmal Wissen umd das Seiende, und das Wissen ist Sache der Erkenntnis. Die Abweichung der Erkenntniskategorien - einerlei ob sie solche der Wahrnehmung, der Anschauung, der Erfahrung oder des Begreifens sind - bildet also ein Medium, durch welches hindurch allererst die Realkategorien greifbar werden können. Die Ontologie kann also die letzteren, auf die doch alles ankommt, nicht anders als in ständiger kritischer Auseinandersetzung mit den von ihr selbst (als einer Forschungsweise) mitgebrachten Erkenntniskategorien herauszuarbeiten. Und dazu muß sie die Unterschiede, auf die sie stößt, ins Bewußtsein heben. Denn der Erkenntnis in ihrer natürliche Einstellung sind ihre eigenen Kategorien noch weit weniger bewußt als die ihrer Gegenstände.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 201

„Am geringsten in diesem Zusammenhange ist das Gewicht der logischen Sphäre, deren kategoriale Momente sich auf wenige Gesetzlichkeiten reduzieren lassen. Ihre Besonderheit spielt noch am ehesten bei den Fundamentalkategorien eine gewisse Rolle, wei denn ihre Gesetzlichkeit auch der Allgemeinheit und Inhaltsleere nach diesen am nächsten steht. Weiter hinauf verschwindet sie so gut wie ganz aus dem Konzert der kategorialen Mannigfaltigkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 201

„Von weit größerem ontologischen Gewicht aber sit das zweite Moment der Abweichung kategorialer Schichtung von der Schichtung der realen Welt. Es liegt im Auftreten der Fundamentalkategorien. Da diese ihrer Einfachheit und Allgemeinheit nach sich als die elementarsten erweisen und als solche in den spezielleren Kategorien aller Realschichten enthalten - oder vorausgesetzt - sind, so muß man sagen, daß in ihnen sich die Folge der Kategorienschichten »nach unten zu« fortsetzt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 201-202

„Denn in der Tat stehen sie der Rangordnung nach »unterhalb« der Kategorien des Anorganischen. Es gibt also keine besondere Schicht der reaeln Welt mehr, die ihnen zugeordent wäre. Oder, anders ausgedrückt: die Schichten des Realen brechen nach unten zu mit dem Reich des Physisch-Materiellen ab, die Schichten seiner Kategorien aber brechen an dieser Grenze nicht ab, sondern erstrecken sich weiter abwärts. Freilich darf man sich diese Fortsetzung nicht in der Weiese vorstellen, als hätten die elementaren Kategorien nun überhaupt kein Concretum, auf das sie bezogen wären; das würde einen Widersinn ergeben, denn es macht das Wesen der Kategorien aus, daß sie nicht etwas »für sich« sind, sondern nur etwas an und in einem Concretum, nämlich »seine« Prinzipien. In der Tat fehlt ihnen das Concretum nicht; es liegt nur nich wei bei den höheren Kategorien in einer einzelnen Realschicht, sondern in allen Realschichten zugleich. Man kann das auch so ausdrücken, daß die Schichten des Realen ihre Kategorien nicht nur in den ihnen entsprechenden und speziell zugeordneten Kategorienschichten haben, sondern stets zugleich auch in den gemeinsamen Fundamentalkategorien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 202

„Diese Verhältnis kompliziert die Sachlage freilich, macht sie aber keineswegs undurchsichtig. Es liegt keinerlei Schwierigkeit darin, daß ein und dasselbe Realgebilde zugleich sehr allgemeine und sehr spezielle Prinzipien habe. Und vollends einleuchtend wird die »Unterhalbstellung« der Fundamentalkategorien, wenn man sieht, in welcher Art diese den speziellen Gebietskategorien zugrundeliegen, wie sie in ihnen die Rolle von einfachen kategorialen Aufbauelementen spielen, die in die komplexen Strukturen eingehen. Ihr Verhältnis zu den letzteren ähnelt dem Verhältnis zu einem Concretum derartig, daß man in den höheren Kategorien selbst bereits eine Art Concretum erblciken kann, auf welches sie bezogen sind. Sie sind in diesem Sinne die Prinzipien von prinzipien. Und das ist ein durchaus eindeutiges Verhältnis, in dem der Sinn des »Prinzipseins« vollkommen gewahrt bleibt. Wie sehr dieses Verhältnis dem ganzen Aufbau der Kategorienschichtung entspricht, kann hier freilich noch nicht vorweggenommen werden. Das zu zeigen, gehröt zum Thema der »kategorialen Gesetze«.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 202

„Etwas anderes aber wird an der Eindeutigkeit dieses Verhältnisses auch ohne nähere Analyse klar: dieses,daß wir es in den Fundamentalkategorien mit echten, slebständigen Schichten von prinzipien zu tun haben, welche vollständig die Schichtenfolge der Realkategorien anch unten zu fortsetzen. Das Schichtungsverhältnis selbst nämlich sowie die zugehörige Schichtungsgesetzlichkeit setzt sich in ihnen fort. Sie zeigen zu den Kategorien der anorganischen Welt dasselbe Verhältnis wie diese zu denen des Lebendigen und wie die letzteren zu denen des Seelischen u.s.f.: wie immer sit die niedere Schicht die bedingende und tragende, die höhere oder die aufruhende, in der gleichwohl die niederen Kategorien zu bloßen Elementen einer hoch überlegenen Struktur herabgesetzt sind. Dieses Verhältnis geht ohne Abänderung übert die untere Grenze des Realen hinweg. Es verbindet also eindeutig die kategorien des Materiellen, des Organischen u.s.f. mit den Fundamentalkategorien, die kein Concretum besonderer Schichtenhöhe mehr haben. Es beweist die Einheit und Homogeneität in der Schichtenfolge der Realkategorien, auch gerade sofern diese sich gegenüber der Schichtenfolge der realen Welt selbst als eine erweiterte zeigt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 202-203

„Die drei erkennbaren Gruppen der Fundamentalkategorien. ....
1. ... Gruppe der Modalkatgeorien. Sie darf hier als bekannt vorausgesetzt werden, weil ihre Untersuchung in extenso bereits vorliegt (dargelegt in dem Werk »Möglichkeit und Wirklichkeit«, Berlin 1938, welches den vorausgehenden Band zu dem gegenwärtigen bildet). Diese Gruppe ist insofern prototypisch, als sie noch diesseits aller inhaltlichen Besonderheit steht, nur die Seinsweise betrifft und deswegen wohl das Sphärenproblem bestimmt, aber den Aufbau der Realwelt und alles Strukturelle überhaupt noch unberührt läßt. Die Untersuchung hat gezeigt, wie die sechs Modi (Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit sowie Unmöglichkeit, Unwirklichkeit, Zufälligkeit; HB) und ihre Intermodalverhältnisse sich in den Sphären abwandeln, hat zur Bestimmung gebracht, was Realität eigentlich heißt und wie sie sich vom idealen Sein als einem unvollständigen unterscheidet, gleichwohl dieses aber in sich enthält. Sie hat darüber hinaus noch die Kategorien der Determination herausgearbeitet und ihre Begrenzung auf allen Gebieten des Irrealen aufgezeigt. Und an dem Beispiel dieser Kategorie hat sie zugleich das innere Verhältnis von Modus und Struktur (Seinsweise und Seinsbestimmung) ins Licht gerückt. Die Konsequenzen erstrecken sich dementsprechend bis in die höchsten Stufen des geistigen Seins hinauf; sie betreffen noch das Sollen und das Ethos, das Erkenntnisverhältnis und die rätselvolle Seinsform künstlerischer Werke. - Diese Untersuchung darf als die eigentlich fundamental-ontologische gelten. Sie macht durch ihre methodische Schwierigkeit und Eigenart eine besondere philosophische Disziplin aus. Sie mußte deswegen von der »allgemeinen Kategorienlehre«, zu der sie dem Thema nach gehört, abgetrennt und ihr vorweg durchgeführt werden.
2. ... Gruppe von Elementarkategorien, die strukturellen Charakter haben und durchgehend paarweise, in der Form zusammengehöriger Gegensatzglieder auftreten. Von diesen Kategorien sind viele von alters her bekannt. Solche Gegensätze wie Einheit und Mannigfaltigkeit, Form und Materie, Qualität und Quantität, Continuum und Discretum gehören hierher (vgl. S. 230; HB). Aber auch der Gegensatz von Struktur überhaupt und Modus muß noch als Grenzverhältnis dazu gerechnet werden, desgleichen Gegensätzlichkeit und Übergang (denn zwischen allen Gegensätzen spannt sich eine Dimension möglicher Übergangsglieder), System und Glied, Determination und Dependenz (vgl. S. 230; HB). Ja selbst die Grundstruktur des kategorialen Seins überhaupt, das Verhältnis von Prinzip und Concretum, ist ein Elementargegensatz (vgl. S. 230; HB). .... Diese Untersuchung ... hat den Vorzug, daß sich von jedem Gliede der Gegensatztafel aus ein Durchblick durch den ganzen Schichtenaufbau der realen Welt ergibt. Sie vermittelt also von den ersten Schritten ab ain konkretes Bild dieses Aufbaus - und zugleich ein Bild des Kategorienreiches.
3. ... System »kategorialer Gesetze«, welche das Wesen des Prinzipseins, die Kohärenz der Kategorien innerhalb einer Schicht, die Überlagerung der Kategorienschichten und die in ihr waltende Dependenz bestimmen. - Diese kategorialen Gesetze ... bilden eine weitere Gruppe von Fundamentalkategorien. Sie bezeichnen zugleich in ihrer strukturellen Artung als »Gesetze« einen dritten Typus von Kategorien überhaupt - neben dem der »Modi« und dem der »Gegensätze«. Zugleich aber geht ihre ontologische Bedeutung weit darüber hinaus. Denn da Kategorien das Prinzipielle in einem Conctretum sind, das Concretum in diesem Falle aber nichts Geringeres ist als der gesamte Aufbau der realen Welt, so sind die kategorialen Gesetze nichts anderes als die Gesetze eben dieses Aufbaues der realen Welt. Das bedeutet, daß an ihnen erst sich die Überlagerung der Realschichten, einschließlich des eigenartigen Wechselspiels von Abhängigkeit und Selbständigkeit, klären kann. - In diesem Sinne darf man sagen, daß in den kategorialen Gesetzen der eigentliche Schwerpunkt der allgemeinen Kategorienlehre liegt. Und dem entspricht es, daß sie in gewisser Hinsicht auch fundamentaler als die beiden anderen Kategoriengruppen sind; denn diese unterliegen bereits den kategorialen Gesetzen, Aber eben weil es sich hier um die entscheidenden Ordnungs- und Aufbauprinzipien handelt, muß die einschlägige Untersuchung ans Ende gerückt werden. Sie ist ohne die konkrete Fülle der Durchblicke, die sich an den Elementargegensätzen ergibt, nicht durchzuführen. Sie bleibt daher dem »dritten Teil« der allgemeine Kategorienlehre vorbehalten.
Fundamentalkategorien ... müssen - wenigstens grundsätzlich - auch allen Sphären gemeinsam sein. Und da es für die Seinsverhältnisse nur auf die Seinsphären, nicht auf die Sekundärsphären,ankommt, so läßt sich vereinfacht sagen: Fundamentalkategorien müsen dem realen und idealen Sein gemeinsam sein. .... Das ideale Sein ist gerade dadurch am augenfälligsten vom realen unterschieden, daß es kein zeitliches Sein ist, keinen Wandel, kein Entstehen und Vergehen, keine Veränderung kennt. Es gibt in ihm Einheit und Mannigfaltigkeit, Dimensionen und Gegensätze, Kontinuität und Diskontinuität, Beziehung und Bezogenens, aber es gibt in ihm keinen Wandel. Ideales Sein ist zeitloses Sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 203-206

„Die Zeitlichkeit und die ihr verwandten kategorien sind also insofern etwas weit Spezielleres und weniger Fundamentales - im Vergleich mit den allgemeinen Elementargegensätzen -, als sie spezifische Realkategorien sind. Sie setzen deshalb erst mit der untersten Schicht des Realen ein, und ihr Hindurchgehen durch die höheren Realschichten hat einen ontologisch anderen Charakter als das der Fundamentalkategorien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 207

„Eine eigenartige Rolle spielen in diesem Grenzverhältnis noch die sog. Quantitätskategorien. Hierher sind nicht etwa alle Grundmomente des Mathematischen zu rechnen, z.B. nicht die schon viel spezielleren der geometrsichen Verhältnisse, welche sich auf dem prinzip des Raumes aufbauen, wohl aber die allgemeinsten, welche das Reich der Zahlen und der Mengen umfassen und damit die Grundlage der Größenverhältnisse überhaupt bilden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 207

„Das Reich der Zahlen und aller mannigfaltigen Zahlverhältnisse ist zwar ein echtes Concretum, das auf diesen Kategorien beruht und ihnen unmittelbar zugehört, aber es ist kein »reales« Concretum. Seine Seinsweise ist die der idealen Sphäre.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 207

„Diesen Kategorien kann man den Charakter von Realkategorien nicht absprecvhen, weil sie die niederste Schicht des realen Seins, die der anorganischen Natur, ganz offenkundig beherrschen, ihre Gesetzlichkeit durchdringen und sehr wesentlich mitbestimmen. Für die Wissenschaften von der anorganischen Natur ist das von ausschlaggebender Bedeutung. Denn gerade der quantitative Charakter in dieser gesetzlichkeit ist die am besten erkennbare Seite an ihr. Ihm verdanken diese Wissenschaften ihren vielgerühmten Charakter der Exaktheit, der ihnen in der Tat eine hohe Überlegenheit über Wissenschaften anderer Art gibt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 207

„Aber die Quantitätskategorien sind deswegen noch keineswegs ohne weiteres Kategorien der Natur (wie sollten sie denn auch? HB), genausowenig wie die reine Mathematik, die sich auf sie gründet, eine Naturwissenschaft ist (wie sollte sie denn auch? HB). Das Reich der Zahlen und aller mannigfaltigen Zahlverhältnisse ist zwar ein echtes Concretum, das auf diesen Kategorien beruht und ihnen unmittelbar zugehört, aber es ist kein »reales« Concretum. Seine Seinsweise ist die der idealen Sphäre. Und dem entspricht es, daß die die reinen Zahlverhältnisse - und zwar auch die speziellen unter ihnen - von ganz anderer Allgemeinheit sind als die in den Naturgesetzen enthaltenen. Vielmehr besteht hier ein klares Bedingungsverhältnis: der mathematische Gehalt der Naturgesetze beruht auf der rein-mathematischen Gesetzlichkeit, wennschon er keineswegs durch sie allein bestimmt ist, d.h. er setzt sie voraus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 207

„Das ist nun offenbar ein Verhältnis des »Aufruhens« (es sei denn, man nimmt, statt »tragender« und »getragener« Schichten, in zwei verschiedene Richtungen »Impulse« abgebende und empfangende »Bereiche« innerhalb eines Kreises an, so daß jeder Bereich sowohl Sender als auch Empfänger von Impulsen ist; HB). Und daraus folgt - wenn man hier den genauen Begriff der Schichtung einsetzt -, daß der Gegenstand der reinen Mathematik eine niedere Seinsschicht, unterhalb der anorganischen Natur, also auch unterhalb des ganzen Schichtenbestandes der realen Welt bildet (es sei denn, man nimmt in zwei verschiedene Richtungen »Impulse« abgebende und empfangende »Bereiche« an, gemäß der die Mathematik am Ende und zugleich am Anfang des Kreises zu verorten ist, was u.a. bedeutet, daß sie sowohl Sender als auch Empfänger von Impulsen ist; HB). Wir haben es also im Gegenstandsgebiet der reinen Mathematik mit einer Schicht des idealen Seins zu tun, welche unterhalb der Realschichten steht (oder eben in der Draufsicht rechts und in der anderen Sicht links des anorganischen »Feldes« steht, d.h. Impulse einerseits empfängt und andererseits sendet; HB), aber doch eine konkrete Mannigfaltigkeit eigener Art bildet. Die Kategorien dieser Schicht haben somit die eigentümliche Stellung, daß sie zwar den Realschichten gegenüber zu den Fundamentalkategorien zählen müßten, dem besonderen Concretum nach aber, das ihnen als das ihrige zugeordnet ist, auch wiederum nicht zu ihnen gehören können. Denn Fundamentalkategorien eben sind solche, die auf das Ganze des Schichtenbaues bezogen sind und kein besonderes Concretum haben.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 207-208

„Auf das Ganze bezogen nun sind die Quantitätskategorien nicht einmal unmittelbar. Von den Realschichten ist es eben doch nur die unterste, die wirklich maßgebend von ihnen beherrscht wird. Schon im Organischen wird ihre Rolle eine ganz untergeordnete, und weiter hinauf verschwindet die mathematische Struktur vollständig. Das ist es, was sie von den Fundamentalkategorien unterscheidet.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 208

„Es läßt sich nicht vermeiden, daß das einfache Bild der Kategorienschichtung, welches in den Fundamentalkategorien eine direkt anschließende Verlängerung der Stufenfolge nach unten erblickt, durch die Zwischenstellung der Quantitätskategorien einen Riß bekommt (es sei denn, man nimmt in zwei verschiedene Richtungen »Impulse« abgebende und empfangende »Bereiche« innerhalb eines Kreises an, so daß z.B. die Mathematik wie jedes andere »Feld« sowohl Sender als auch Empfänger von Impulsen ist; HB). Aber man muß dem Phänomen dieser Stellung Rechnung tragen, wird also schließen müssen: es gibt eine Spielraum zwischen der unteren Grenze der den Einzelschichten zugehörigen Realkategorien und den Fundamentalkategorien. Und dieser Spielraum ist gleichfalls von gewissen Kategorien erfüllt. Ob die quantitativen die einziegn sind, sie in ihn hineingehören, läßt sich vor der Hand nicht entscheiden. Jedenfalls aber wird in ihnen eine Gruppe greifbar, welche die charakteristische Zwischenstellung zeigt. - Man muß diese Gruppe (der Quantitätskategorien; HB) also noch in das Thema der allgemeinen Kategorienlehre hineinnehmen,obgleich ihre Glieder keine Fundamentalkategorien sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 208

„Ideales Sein ist unvollständiges Sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 209

„Von den sekundären Sphären ist ... die der Erkenntnis die bei weitem wichtigste. Die logische Sphäre spielt daneben nur eine untergeordnete Rolle; sie kommt im Sphärenverhältnis nur insoweit zu einer gewissen Geltung, als sie die oberen Stufen der Erkenntnis mit ihrer Formgesetzlichkeit durchsetzt. Innerhalb der Erkenntnissphäre dagegen kommen alle ihre verschiedenen Stufen in Betracht, insonderheit der Gegensatz zwischen der untersten und der obersten, der Wahrnehmung (anschaulichen Vorstellung u.s.w.) und dem eigentlichen Wissen (Begreifen).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 209

„Erkenntnis nun ist ihrem Wesen nach ontologisch sekundär. Sie setzt das Seiende, das ihr Gegenstand ist, schon als ihr Primäres voraus; und dieses besteht unabhängig davon, ob sie es zu ihrem Gegenstande macht oder nicht, wird auch von ihr nicht verändert. Zugleich aber ist sie selbst ein Seiendes, nämlich ein Seinsverhältnis sui generis, und kann nur in schon bestehenden Realzusammenhängen von bestimmter Schichtenhöhe vorkommen. Sie kann nur entstehen in einem Bewußtsein, das bereits über die rein seelischen Aktzusammenhänge hinausgewachsen und auf die Höhe des objektiv Geistigen gelangt ist. Erkenntnis ist eine spezifische Funktion des geistigen Seins. Sie gehört also in den Schichtenbau des Realen hinein, gehört seiner höchsten Schicht an, und muß, wenn man sie ontologisch verstehen will, aus ihrer Einordnung in diese Seinsschicht heraus verstanden werden. Sie ist also vom ganzen Schichtenaufbau des Realen getragen, in welchem stets die höhere Schicht auf der niederen aufruht, bis hinab zum physischen Materiellen. Sie ist also in ihrer Seinsart auch kategorial von unten her bedingt, und zwar ebensosehr von den Fundamentalkategorien wie von den niederen Realkategorien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 209-210

„Erkenntnis ist ihrem Wesen nach Zuordnung. Sie ist es durch die Transzendenz der Relation, in der sie besteht. .... Wenn aber dies von »aller« Erkenntnis gilt, so ist damit noch nicht gesagt, daß auch in aller Erkenntnis die Zuordnung die gleiche sei. Sie ist vielmehr sehr verschieden je nach der Stufe der Erkenntnis; und vor allem ist ihre Verscheidenheit durch den Gegensatz von Wahrnehmung und Wissen (Begreifen) beherrscht. Das bedeutet, daß die Erkenntnis auf zwei Grundtypen oder Arten der Zuordnung aufgebaut ist, in deren Widerspiel sie sich bewegt. Und, um das Bild dieses Aufbaus vollständig zu machen: der zweierlei Zurodnung entspricht auch zweierlei Zugehörigkeit. Denn die Stufen der Erkenntnis, denen sie eigen sind, liegen innerhalb des geistigen Seins so weit auseinander, daß sie auch im Schichtenbau sehr verschiedene Höhenlagen haben. Das geistige Sein eben ist in sich vielstufig. Die Wahrnehmung gehört in seine Niederungen, sie steht dem bloß Seelischen noch nah; das Begreifen aber mit seiner Beweglichkeit des Eindringens und seiner kritischen Selbstkontrolle zählt zu den höchsten und reichsten Inhaltsgebieten des Geistes, und entsprechend sind seine Funktionen von Grund aus anderer Art. Das Wesentliche aber in dieser Andersheit ist die Art der Zuordnung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 213-214

„In der Wahrnehmung sind die einzelnen Sinnesqualitäten bestimmten Eigentümlichkeiten des physisch Seienden zugeordnet. Dieser Typus der Zuordnung ist wohlbekannt, wiewohl seine Funktion manches Rätselhafte umschließt. Jeder Farbenton in der Empfindung entspricht einer Wellenlänge des Lichtes, jede hörbare Tonhöhe einer solchen des Schalles. Hier ist die vollste Unähnlichkeit der Bestimmtheit zwischen Seiendem und Repräsentation. Aber die Zuordnung selbst ist eine feste, und sie macht die Skala der Farben und Töne zu einem Beziehungssystem, welches das an sich Gleiche unter gleichen Bedingungen auch stets als gleich erscheinen läßt. In gewissem Sinne ist dieses die vollkommenste Form der Zuordnung; ihr Nachteil besteht lediglich darin, daß es nur sehr enge Ausschnitte aus der unübersehbaren Mannigfaltigkeit der Seinsbestimmtheiten sind, die auf diesem Wege dem Bewußtsein vermittelt werden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 214

„In sehr erweitertem Maße tritt die Zuordnung auf den höheren Erkenntnisstufen auf. Aber sie hat hier einen ganz anderen Typus, besteht in einer Beziehung von anderer Ordnung und Gesetzlichkeit. Sie setzt auch nicht an den Einzelfällen des Realen ein, sondern an dem Allgemeinen in ihm, an seiner Gleichartigkeit und Regelmäßigkeit. Sie hält sich also an die Gesetze des Realen und letzten Endes an seine Kategorien. Wir kennen ihr Grundphänomen als den apriorischen Einschlag der Erkenntnis. Die Erkenntnis des Allgemeinen und der Gesetzlichkeit kann in weitestem Maße durch Erfahrung - also letztlich durch Einzelfälle der Wahrnehmung - bedingt sein; die Erhebung des Erfahrenen in die Allgemeinheit, unter welcher dann wieder weitere Einzelfälle verstanden und gedeutet werden, ist dewegen doch Sache des Apriorischen. Hier also hängt alles daran, unter was für kategorien die Erkenntnis ihre empirischen Gegebenheiten zusammenfaßt, versteht, interpretiert. Entsprechen ihre Kategorien den Seinskategorien, so hat das entstehende Gesamtbild des gegnstandes objektive Gültigkeit (Wahrheit); sind sie in wesentlichen Stücken abweichend, so ist die Folge Verfehlung des Seienden, Irrtum.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 214

„Dieses Verhältnis entspricht nun sehr genau dem Satz der Erkenntnistheorie, daß die Dinge nur so weit a priori erkennbar sind, als die Erkenntniskategorien mit Seinskategorien identisch sind. Dafür, daß diese Identität auch wirklich ihre Grenze hat, und daß die Grenze genau der Grenze der Erkennbarkeit der Gegenstände entspricht, sind oben die Gründe angegeben worden (vgl. Kap. 12 b - e). Ontologisch aber wird an diesem Verhältnis eine sehr merkwürdige Eigenart des erkennenden Geistes sichtbar: das Wiederauftauchen der Seinskategorien niederer Schichten im inhaltlich Strukturellen der geistigen Welt selbst. So tauchen z.B. die Kategorien des Quantitativen im rechnenden Denken wieder auf, desgleichen die Substanz, die Kausalität u.a.m. in der Dingerfassung. Und nur weil sie im Geiste wiederkehren, gibt es apriorische Erkenntnis desjenigen Seienden, dessen Realkategorien sie sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 214-215

„Sie sind deswegen nicht etwa Realkategorien des Geistes; die Erkenntnis als solche ist nicht etwas Quantitatives oder Substantielles oder auch nur etwas in sich kausal Geordnetes. Der Geist, und mit ihm die Erkenntnis, hat vielmehr seine eigenen, auf keinerlei niederen Seinsstufen vorkommenden Kategorien. Dahin gehört vor allem die höchst eigenartige Kategorie der Zuordnung selbst, deren Problem uns hier beschäftigt. Aber auch einige andere lassen sich als wohlbekannt aufzählen; so z.B. die sog. Objektivität des Inhalts, seine Übertragbarkeit (Mittelbarkeit) von Subjekt zu Subjekt, seine Ablösbarkeit vom tragenden Akt, seine Indifferenz gegen Subjekt und Akt, seine eigentümlich schwebende Seinsform im objektiven Geiste u.a.m.. Das alles sind Realkategorien des Geistes; sie alle zusammen - und es sind ihrer nicht wenige - machen die Eigenart seines Seinscharakters aus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 215

„Dagegen kehren in seinem Inhalt die Kategorien der niederen Seinsschichten wieder, nicht zwar als die seinigen, wohl aber als die der Erkenntnisgebilde (Repräsentationen); denn diese sind die Gegenbilder der Gegenstände, denen er als erkennender zugewandt (zugeordnet) ist. Erkenntnis ist, inhaltlich verstanden, eine Sphäre objektiver Gebilde, welche das Ansichseiende aller Schichten im Bewußtsein »darstellen«. Diese Gebilde müssen, wenn die Repräsentation Erkenntniswert haben soll, die gleichen Grundstrukturen aufweisen wie das repräsentierte Seiende.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 215

„Darum muß das Wiederauftauchen auch der niederen Seinskategorien am Inhalt der Erkenntnis als das Eigentümliche des geistigen Seins angesehen werden, soweit wenigstens zum Wesen des Geistes gehört, daß er Repräsentation der Welt, ein Bild der Welt in der Welt selber, ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 215

„Natürlich wird es bei dieser Sachlage notwendig, die am Inhalt wiederkehrenden Kategorien von den Realkategorien des Geistes zu unterscheiden. Das ist nun keineswegs schwer, die Kategorien selbst verraten ihr Wesen an der eigenen Struktur, sobald man sie daraufhin ansieht. Der Raum z.B. ist Inhaltskategorie der anschaulichen Dingerkenntnis; er muß am Inhalt wiederkehren, weil er Realkategorie der Dinge ist, und weil Dinge sonst in ihrer Räumlichkeit nicht erkennbar wären. Aber er ist nicht Realkategorie der Erkenntnis; Erkenntnis als solche ist nicht räumlich, sie ist nur als Dingerkenntnis dem Räumlichen zugeordnet, d.h. Erkenntnis des Räumlichen. Darum kehrt der Raum in ihr als »Anschauungsform« wieder - zwar nicht in voller Identität aller seiner Momente, wohl aber doch soweit dem Realraum der Dinge angeglichen, daß diese vermöge der Anschauungsform erfaßbar werden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 215-216

„Das ist ein im Grunde ganz unkompliziertes Verhältnis. Es ist dasselbe in der Kausalität, am quantitativen Verhältnis, am Gesetzescharakter des physischen Prozesses, an den Substratcharakteren des Dinglichen. Sie alle gehören - wiewohl abgewandelt - zur kategorialen Struktur des Inhaltlichen im erkennenden Geiste, sie kehren an dieser Struktur wieder. Aber sie gehören nicht zur Eigenstruktur des erkennenden und wissenden Geistes; dieser unterliegt nicht der Naturgesetzlichkeit, enthält keine dingartien Substrate, funktioniert nicht nach dem Schema von Ursache und Wirkung. Es bedarf durchaus keiner besonderen Kategorialanalyse, um dieses einzusehen. Der Unterschied Realkategorien des Geistes und seinen Inhaltskategorien ist ein so auffallender, unverkennbarer, beruht auf so tiefer Heterogeneität, daß nur ein wissendes Verschließen der Augen ihn übersehen könnte.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 216

„Kompliziert und der besonderen Analyse bedürftig wird dieses Verhältnis erst, wo eine und dieselbe Kategorie zugleich als Realkategorie der Erkenntnis und als ihre Inhaltskategorie auftritt. Das gilt z.B. von allen Fundamentalkategorien und wird an ihnen zu zeigen sein. Aber es gilt auch von mehreren speziellen Kategorien, und an diesen wird das Auseinanderhalten beider Arten des Prinzipseins schwierig. Gerade in solchen Fällen aber liegt auf der klaren Unterscheidung ein besonderes Problemgewicht, denn heir hat sich von jeher Verwirrung eingeschlichen. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Kategorienlehre, diese Verwirrung zu entwirren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 216

„Als ein repräsentatives Beispiel für das doppelte Auftreten einer Kategorie am Wesen der Erkenntnis und des geistigen Seins überhaupt steht die Zeit da. Erkenntnis ist ein transzendenter Akt des Bewußtseins. Die Transzendenz als solche ist hierbei etwas Zeitloses, aber der Aktcharakter ist wie an allen Bewußtseinsakten etwas Zeitliches. Das letztere gilt auch vom Fortschreiten der Erkenntnis, und zwar sowohl im Individuum als das reifende Eindringen und Zulernen wie auch im geschichtlichen Erkenntnisprozeß, in den alles persönliche Erkennen eingegliedert ist. Eines wie das andere braucht zeit, läuft in der Zeit ab, ist ein zeitlicher Prozeß. In diesem Sinne ist die Zeit Raelkategorie der Erkenntnis als solcher, ebenso wie sie Realkategorie des in seinen Akten verlaufenden Bewußtseins und des Geistigen Lebens überhaupt ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 216-217

„Zugleich aber tritt die Zeit am Erkenntnisinhalt als Anschauungskategorie auf, ja ebensosehr auch als Wahrnehmungs- und Erlebniskategorie. Denn alles Reale, das wir erfassen, erscheint uns auch inhaltlich als ein zeitliches, und zwar ohne Unterschied der Schicht, der es angehört. So nämlich muß es sein, wenn wir die Realverhältnisse als das erfassen sollen, was sie sind, als die in der Zeit entstehenden und vergehenden, an bestimmte Dauer gebundenen, einmaligen und nicht wiederkehrenden. Die Zeit als Anschauungs- und Erlebniskategorie ist also weit entfernt dasselbe zu sein wie die Zeit als Realkategorie des Anschauens und Erlebens selbst (der Akte). Das Bewußtsein mitsamt seinen Akten läuft in der Zeit ab, aber es ist auch seinerseits ein Bewußtsein zeitlicher Abläufe; und diese letzteren sind mit seinem eigenen Ablaufen nicht identisch. Sie können z.B. vergangene Abläufe (Ereingnisse) sein; das Bewußtsein aber, dem sie präsent sind, kann ein jetziges sein. Auf eine kurze Formel gebracht: die Zeit, in der das Bewußtsein abläuft, ist nicht die Zeit im Bewußtsein der Abläufe. Und die Kategorienanalyse der Zeit vermag darüber hinaus auch noch zu zeigen, daß die Zeit als Anschauungsform sogar strukturell etwas anderes ist als die Realzeit, in der das Anschauen - zusammen mit allen Bewußtseinsakten - vor sich geht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 217

„Man sieht nun aber auch leicht, wie in dieser Verdoppelung der Kategorien gerade das Wesen der Erkenntnis wurzelt; desgleichen wie an ihr das Bilderspiel von Zugehörigkeit und Zuordnung sich spiegelt. Durch die Wiederkehr der Realkategorien im Bewußtsein als Auffassungskategorien wird die Zuordnung des Bewußtseinsinhalts zu Realgegenständen verschiedener Schichten erst möglich. Durch ihr Bestehen an der Struktur der Auffassungsakte selbst dagegen werden diese ihrerseits dem Schichtenbau der realen Welt eingegliedert; und darin besteht ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Realschicht, an die sie gebunden bleiben, einerlei welcher Schicht die Gegenstände angehören, auf die sie gerichtet sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 217

„Die Wiederkehr der Realkategorien am Inhalt der Erkenntnis betrifft recht eigentlich das Verhältnis der Zuordnung. Und da an der letzteren die Erkenntnisfunktion hängt, so ist es numher auch ontologisch verständlich, warum die Erkenntnis die eminente Gegebenheitssphäre auch für die Kategorialanalyse ist, obgleich der Erkenntnis ihre eigenen Kategorien gemeinhin keineswegs »gegeben« sind (Kap. 11 a - d). Seinskategorien werden, soweit sie überhaupt erfaßt werden, am »erkannten« Gegnstande - genauer am Gegenstande, soweit er erkannt ist, - zugänglich.“ Und das heißt, sie werden durch die Vermittelung ihrer abgewandelten Wiederkehr in der Erkenntnis zugänglich.
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 217-218

„Alles Wissen des Philosophen um sie hängt an seinem Wissen um die am Erkenntnisgebilde faßbar werdenden Strukturen des Gegenstandes. Ncht daß sie hier als Erkenntnisk“ unmittelbar gegeben wären. Daß es Erkenntnisk“ sind, lehrt vielmehr erst die Erkenntnistheorie. Wohl aber ist das Gegestandsein, das dem Seienden als solchem äußerlich ist, das Gebiet des Zuganges und der Erfaßbarkeit. Das Ansichseiende ist gleichgültig gegen seine Objektion (sein Objektwerden für ein Subjekt); es geht auch immer nur teilweise in die Objektion ein. Aber in seinen Objiziertsein - soweit dieses eben reicht - ist es gegeben. Und nirgends als in seinem Objiziertsein sind seine kategorialen Strukturen zunächst faßbar. Erst von hier aus kann die Kategorialanalyse die Differenzierung in Seinskategorien und Erkenntniskategorien vornehmen; und auch das kann sie nur, sofern sie in derStufenfolge der Erkenntnis selbst eine Konvergenz auf den ansichseienden Gegenstand bereits vorfindet.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 218

„Auf diese Weise kommt das scheinbar Paradoxe zustande, daß der methodische Wert der Erkenntnissphäre als einer kategorialen Gegebenheitssphäre gerade auf der ontisch sekundären Relation der Zuordnung beruht. Das spiegelt sich deutlich in der Stellung der Ontologie als Wissenschaft. Sie gehört als Erkenntnisgebiet der Realschicht des geistigen Seins an. Sie findet sich mitsamt der ganzen Erkenntnissphäre als dieser Realschicht zugehörig vor; aber indem sie sich an die Gegenstände der Erkenntnis hält - also der intentio recta, als der natürlichen Einstellung der Erkenntnis, folgt -, hält sie sich an das Verhältnis der Zuordnung und nicht an das der Zugehörigkeit. Das heißt es, daß sie ihre Ansätze im Inhalt der Erkenntnis findet. Denn dieser allein ist es, der dem Seienden aller Schichten zugeordnet ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 218

„Die Welt ist in allen Schichten voller Gegensätze, aber die meisten von ihnen sind intisch sekundär und haben überhaupt keinen Anspruch auf den Charakter von Prinzipien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 223

„Neben den bekannten Elementargegensätzen der Alten findt sich ... in dieser (Kants; HB) Tafel der Reflexionsbegriffe ein neuer, der von »Innerem und Äußerem«. Er geht auf gewisse Unterschedungen Leibnizens am Wesen der Monade zurück, und Leibniz selber fußte auf scholastischer Vorgängerschaft. Diese Vorgeschichte bildet ein interessantes Thema für sich, muß aber hier aus dem Spiel bleiben. Immerhin dürfte Kant zuerst den kategorialen Charakter dieses Gegensatzes greifbar gemacht haben, obgleich er ihm die Stelle nicht anwies, die er verdiente. Nach ihm hat dann hegel eine ausführliche Exposition dieses sehr eigenartigen Gegensatzverhätnisses gebracht; und erst dadurch dürfte die ganze Bedeutsamkeit, die ihm anhaftet, ina Licht gerückt worden sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 229

„Anschließend muß hier ein Wort über die Hegelsche Dialektik selbst gesagt werden. Sie hat das fundamentalphilosophische Verdients, eine Fülle von ontologischen Gegensatzstrukturen aufgewiesen zu haben. Aber ihre spekulative Tendenz, jeden Gegensatz sogleich zum Widerspruch zuzuspitzen, um ihn swodann in eine »höhere« Synthese hinein »aufzuheben«, hat sie zugleich auch um den Ertrag ihrer gewaltigen Leistung gebracht. Denn Gegensatz ist nicht Widerspruch und kann auch auf keine Weise in Widerspruch umgestempelt werden. Einer Synthese aber bedürfen die Seinsgegensätze nicht, weil sie durch die Kontinuität der Übergangsdimension, die sich zwischen den Extremen spannt, stets schon in ihrem eigenen Wesen zur Einheit gebunden sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 229

„Die Tafel der Seinsgegensätze. - Anordnung der zwölf Gegensatzpaare. - .... Weder die Folge der Gruppen selbst noch die Anordnung innerhalb ihrer hat den Sinn einer Rangordnung.
I. Gruppe:
1. Prinzip  —  Concretum
2. Struktur  —  Modus
3. Form  —  Materie
4. Inneres  —  Äußeres
5. Determination  —  Dependenz
6. Qualität  —  Quantität.
II. Gruppe:
7. Einheit  —  Mannigfaltigkeit
8. Einstimmigkeit  —  Widerstreit
9. Gegensatz  —  Dimension
10. Diskretion  —  Kontinuität
11. Substrat  —  Relation
12. Element  —  Gefüge.
Auf den ersten Blick scheinen die beiden ersten Gegensätze der ersten Gruppe so fundamental zu sein, daß sie eine Gruppe für sich zu bilden verdienten. Denn sie betreffen das Wesen der Kategorien überhaupt. Bei näheren Zusehen aber zeigt sich, daß noch von einigen anderen dasselbe gilt, z.B. von Form, Determination, Einheit, Gegensatz. Es liegt also kein Grund vor, sie zu isolieren. Vielmehr dürfte an ihrer Zugehörigkeit zu den Seinsgegensätzen zu ersehen sein, daß auch das Wesen der Kategorien selbst sich erst aus den inneren Verhältnissen der Seinsgegensätze heraus näher bestimmen läßt. - Solcher Unstimmigkeiten fallen sehr viele auf. Die meisten stammen von den durchaus falschen Vorstellungen her, die man von Kategorien überhaupt mitbringt. So scheinen in derselben Gruppe der 5. und 6. Gegensatz zu speziell, weil man bei Qualität an Dingeigenschaften, bei Quantität an Größen- und Maßverhältnisse, bei Determination aber an den Kausalnexus denkt. Es wird noch zu zeigen sein, daß diese Kategorien in der Tat einen viel allgemeineren Sinn haben: daß z.B. solche gleichfalls kategoriale Gegensätze wie der des Allgemeinen und des Einzelnen, der Identität und der Verscheidenheit u.a.m. von der Elementarkategorie der Qualität vollkommen umfaßt werden. Im übrigen wird von Qualität und Quantität in einem besonderen Abschnitt zu handeln sein (Vgl. IV. Abschnitt: Die Kategorien der Qualität, S. 352 ff., und V. Abschnitt: Die Kategorien der Quantität, S. 390 ff.), und zwar gerade deswegen, weil sie die kategorialen Gebietstitel für je eine ganze Untergruppe von Kategorien sind, die ihrerseits in Grenzstellung zu den speziellen Schichtenkategorien stehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 230

„Der wichtigste dieser Einschnitte ist der zwischen dem organischen und dem seelischen Sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 287

„Man kann deswegen an einem solchen Einschnitt im Gegensatz zur Überformung von einem Überbauungsverhältnis sprechen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 287

„Auch an der Grenzscheide des seelischen und geistigen Seins sowie innerhalb des geistigen Seins noch mehrfach, scheint die Reihe der Überformungen unterbrochen zu sein. Die seelischen Akte (sofern es sie gibt; HB) z.B. gehen in den objektiven Gehalt von Sprache, Wissen, Recht, Kunst noch mit ein; das Geistesgut, obgleich getragen von ihnen (sofern es sie gibt; HB), steht in einer gewissen Schwebe, abgelöst von ihnen das; und so allein kann es ein geistig Gemeinsames sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 287

„Leibniz, der als erster die Kontinuität zu einem Grundprinzip alles Seienden machte, hat unbeschadet seiner Azusgänge vom mathematischen Infinitesimalverhältnis ihre universale Bedeutung auch zuerst erkannt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 304

„Kontinuität ... liegt als Bedingung der Diskretion zugrunde, während diese sich über ihr erhebt. Aber es wäre ganz irrig zu meinen, daß deswegen die realen Reihen auch kontinuierlich wären. Die Mehrzahl von ihnen ist durchaus diskontinierlich. Die Arten der Atome - so wie das periodische System der Elemente sie zeigt - gehen nicht stetig ineinander über, sondern sind in Sprüngen des Atomgewichts voneinander abgehoben (dennoch läßt sich bei ihnen auch Kontinuität feststellen; HB). Die Reihe der organischen Formen, auch wenn man sie phylogenetisch verbunden versteht, ist kein stetiger, sondern ein sprunghafter Formenzusammenhang; er verläuft auch zeitlich nicht in minimalen Variationen und deren allmählicher Steigerung, sondern ist wesentlich durch plötzlich auftretende größere Mutationen bestimmt. Ja nicht einmal die physikalisch-energetischen Prozesse verlaufen stetig, weil die Energieabgabe an Quanten gebunden ist, die sich nicht mehr teilen.  –  Diese Einsichten ... schließen es natürlich keineswegs aus, daß es auch wirklich stetige Realprozesse geben kann. Aber es scheint doch, daß rein kontinuierlicher Übergang in den Realverhältnissen auf ein Minimum beschränkt bleibt (etwa in der Elementarform der ein räumlichen Bewegung). Im Großen gesehen stellt sich das Verhältnis jedenfalls so dar: wir haben es mit einer durchgehenden kategorialen Priorität der Kontinuen zu tun, aber zugleich mit einer deutlichen Vorherrschaft der Diskretion in der Mannigfaltigkeit realer Abstufungsreihen und Formenketten, ja wie es scheint, sogar der Prozesse.  –  Das eigentliche Feld der Diskretion liegt auf allen Gebieten in der Begrenztheit geschlossener »Gebilde«, und zwar im Unterschied vom Fortlaufen der Prozesse, die bei aller Ungleichförmigkeit und Sprunghaftigkeit immer noch ein Wesensmoment der Stetigkeit an sich behalten. Nun gibt es aber auf den niederen Seinsstufen eine Vorherrschaft der Prozese, auf den höheren dagegen, vom Organischen ab aufwärts immer zunehmend, eine solche der Gebilde; zum mindesten nimmt der Formenreichtum der letzteren in der Weise zu, daß die Prozeßformen von ihnen überhöht und in ihrer Besonderung selbst von ihnen bestimmt werden. Im Hinblick auf die Abwandlungen von Kontinuität und Diskretion bedeutet das ein im Schichtenbau der realen Welt nach oben zu fortschreitendes Übergewicht der Diskretion sowie ein entsprechendes Zurücktreten der Kontinuität.  –  Dem entspricht nicht nur die zunehmende Komplexheit der Gebilde, sondern auch das Gewicht ihrer Individuation und die gesteigerte relative Selbständigkeit. Schon der Organismus hebt sich mit seinem Einzelsein und Einzelschicksal heraus aus dem Lebensprozeß der Art. Das menschliche Individuum aber ist durch sein seelisches Innenleben ... nach außen ... absolut abgeschlossen. Sein Seelenleben mag nach außen bezogen sein und von außen bestimmt sein, es selbst geht doch nie in das ihm Äußere, auch nicht in fremdes Seelenleben über. .... Weiter hinauf haben in der Sphäre des gemeinsamen Geisteslebens haben wir zwar die Geschlossenheit der Geistesgebiete sowie die der völkisch und zeitlich getrennten Menschengruppen. Aber die Abgeschlossenheit ist nicht die gleiche; hier gibt es sehr wohl die Übergänge, das Übergreifen und Ineinandergreifen. Überhaupt scheint es, daß im Geistesleben wieder mehr Kontinuität ist als im seelischen Leben. Das wird besonders einleuchtend, wenn man auf die Geschichtlichkeit des objektiven Geistes hinblickt, der mit der Generation, die ihn trägt, nicht stirbt, sondern sich weiter tradiert. Es stellt sich hier über dem Wechsel der menschlichen Individuen die Kontinuität eines geschichtlich geistigen Prizesses her, die nun ihrerseits das individuelle Geistesleben überhöht und bestimmt. Denn so sind die kommenden und gehenden Individuen in diesen Prozeß einbezogen, daß sie ihrerseits erst das tradierte geistige Gut - Sprache (ist aber mehr als nur »geistiges Gut«; HB), Sitte, Recht, Wissen u.a.m. - hineinwachsen und erst dadurch auf die Höhe des jeweiligen gemeinsamen Geistes gelangen.  –  Diese Sachlage ist anthropologisch ausschlaggebend, sofern sie allem Individualismus der Persönlichkeit sehr enge Grenzen setzt - und zwar nicht aus ethischen, sondern aus rein ontologischen Gründen. Wären Kontinuität und Diskretion über alle Schichten des Realen gleich verteilt, so stünde das menschliche Individuum mit seiner seelischen Einzigkeit freilich ganz anders da. Nun aber ist der Mensch nicht seelisches Wesen allein, sondern auch organisches und geistiges Wesen; oder, kategorial ausgedrückt, er ist selbst ein geschichtetes Wesen. Seine Seinsfundamente liegen im organischen Leben des Stammes, in dem er bloß ein Glied der Kette ist, die in der Folge der Generationen über ihn hinauslebt. Seine höhere Lebensgehalte liegen im geistigen Sein, und mit ihnen steht er wiederum in einer Kette fortlaufenden geschichtlichen Lebens, an die er gebunden ist un in der er nur ein zeitweilger, wenn auch vielleicht aktiv sie bewegender Träger ist. Nur ... als seelisches Individuum ... steht er anders da: sein Seelenleben ist und bleibt eine Sphäre für sich, ein Mikrokosmos, der sich bei aller Bedingtheit und Getragenheit vom makrokosmischen Prozeß doch niemals mit ihm vermengt (spricht nicht aufgrund dieser - und nicht nur dieser - Begründung der seelischen »Sonderstellung« bzw »Sonderschicht« eine sehr große Wahrscheinlichkeit dafür, daß es das Seelische gar nicht gibt? HB).  –  So ist in der Kette der organischen Individuen Kontinuität. Hier schließt Leben an Leben durch Zeugung und ständige Wiederbildung; der Zusammenhang ist lückenlos, obgleich er durch die Periodizität der Generationenfolge einer gewissen Gliederung, d.h. der Diskretion unterliegt. In der Seinsschicht des Seelischen aber ist keine solche Kontinuität: das Bewußtsein (sofern es überhaupt zum Seelischen und eben nicht zum Geistigen gehört! HB) behauptet seine Einheit nur innerhalb eines Menschenlebens, es entsteht in jedem Individuum von neuem und geht in jedem wieder zugrunde. Ein allgemeines Bewußtsein über dem der Individuen gibt es nicht; wie sehr auch die Metaphysik nach einem solchen gefahndet hat, etwa ein »transzendentales Bewußtsein« oder ein »absolutes Ich« postuliert hat, als real bestehend hat sich etwas derartiges nie nachweisen lassen. Eine Stufe höher aber, im geistigen Sein, ist wieder Kontinuität, und hier wird auf allen Gebieten im geistigen Austausch und in der Gemeinschaft des geistigen Gutes die Isolierung überbrückt.  –  Der Geist verbindet, wo das Bewußtsein trennt. Er verbindet auch dort, wo das organische Leben nicht verbinden kann. Denn der geistige Inhalt vererbt sich nicht - nur die Anlage vererbt sich -, aber er tradiert sich. In der Kontinuität des vom geistigen Zusammenhang über die Generationen hinweg zur Einheit gebundenen Gemeinschaftslebens speilt sich der große Gesamtprozeß ab, den wir Geschichte nennen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 304-307

„Das Bedingungsverhältnis ... ist nicht identisch mit dem Determinationsgesetz; es ist in diesem stets nur ein Teilverhältnis. Was noch hinzukommen muß, ist die Totalität der Bedingungen. Sind die Bedingungen beisammen, so setzt ein Gesamtverhältnis ein, das von anderer Art ist. Dieses Verhältnis ist das von zureichendem Grunde und notwendiger Folge.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 310-311

„Der »Grund« also, obgleich er nichts anderem als der Vollzähligkeit der Bedingungen besteht, unterscheidet sich von diesen eben dadurch, daß er wirklich determiniert. Sein Zureichendsein ist identisch mit der Vollzähligkeit der Bedingungen. Der Satz vom zureichenden Grunde besagt, daß für alles, was ist, die Reihe der Bedingungen vollständig vorhanden ist, und daß auf Grund dieser Vollständigkeit nichts Seiendes anders sein oder ausfallen kann, als es ist. Dieses Gesetz, in voller Allgemeinheit verstanden, ist ein universales Determinationsgesetz. Es würde besagen daß in allen Sphären und Schichten totale und durchgehende Determiniertheit waltet, und daß es nirgends in der Welt einen Spielraum des Zufälligen gibt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 311

„Die Modalanalyse hat gezeigt, daß dem nicht so ist. Es gibt kein allgemeines Determinationsgesetz. Es gibt nur eine Gesetz der Realdetermination; dieses besagt daß in der Realsphäre alles, was wirklich ist, auch auf Grund einer vollständigen Bedigungskette notwendig ist. Es besagt aber nicht, daß auch im idealen Sein oder gar in den sekundären Sphären ein ähnliches Verhältnis durchgehender Determination bestehe. Es besagt auch nichts über die besondere Art der Realdetermination; aus ganz anderen Zusammenhängen heraus ergab sich erst, daß jede Schicht des Realen ihre besonderen Determinationsformen hat.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 311

„Nicht als gäbe es keine Determination und keine Abhängigkeit in den anderen Sphären. Es gibt ihrer schon mancherlei, aber es ist keine durchgehende Determination, sie ist entweder sprachlich oder unvollständig, ergibt also kein einheitliches Gesetz.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 311

„Dasselbe läßt sich auch in der Begriffssprache von »Grund und Folge« ausdrücken. Es gibt kein für alle Sphären geltendes Gesetz des zureichenden Grundes. Es gibt nur eines für die Realsphäre. Der »Gründe« freilich gibt es auch im Wesensreiche, im Logischen und in der Erkenntnis genug. Aber in diesen Sphären hat entweder nur einiges (also nicht alles) einen zureichenden Grund, oder aber die Gründe sind nicht zureichend (bestehen nicht in Totalität der Bedingungen). Das erstere entspricht der sprachlich auftretenden, das letztere der unvollständigen Determination.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 311-312

„Dieses Resultat der Modalanalyse ist offenbar von allergrößtem Gewicht für das Verständnis der Sachlage im Determinationsproblem. Und selbstverständlich muß es allen weiteren Erörterungen über das Kategorienpaar Determination und Dependenz zugrunde gelegt werden. Aber es läßt sich nicht leugnen: es ist ein sehr merkwürdiges Resultat. Man meinte doch immer, im idealen Sein und im Logischen sei alles notwendig, nichts zufällig, in der realen Welt aber gebe es überall den Zufall. Man glaubte also im Wesensreich sowie in dem ihm formal verwandten Reich der Urteile und Schlüsse durchgehende Determinationsketten zu erblicken, die allen besonderen Inhalt ins kleinste beherrschen; man hielt daran deswegen so fest, weil man die Wesensnotwendigkeit allein meinte, die freilich hier überall vom Allgemeinen zum Besonderen hin - also im logschen Schema »abwärts« - waltet. Individuelle Einzelfälle aber gibt es im idealen Sein nicht. Dem Realen aber sprach man diese durchgehende Determination eben darum ab, weil hier das Reich der individuellen Einzelfälle ist, und weil diese vom Allgemeinen her nur unvollständig bestimmt, in ihrer Besonderheit also ihm gegenüber in der Tat zufällig (nämlich wesenszufällig) sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 312

„Dieser Gegensatz ist es, den die Modalanalyse umkehrt. Das ideale Sein ist unvollständiges Sein, und dementsprechend ist auch die Determination, die in ihm waltet, eine unvollständige. Wohl ist die Bestimmung des Besonderen vom Allgemeinen her in der Stufenleiter von genus und species eine durchgehende, aber sie betrifft in der species stets nur das Generelle, während das eigentlich Spezielle undeterminiert bleibt und dem genus gegenüber recht eigentlich zufällig bleibt. Damit fällt der Nimbus des idealen Seins - als eines Reiches der vollkommenen Notwendigkeit - von ihm ab, und ein Jahrtausende altes Vorurteil der Metaphysik hat ausgespielt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 312

„Und auf der anderen Seite zeigte sich, daß jene Wesenszufälligkeit der Realfälle nur relativ auf die Wesenheiten besteht, ja daß sie nichts anderes bedeutet als die Unzulänglichkeit der Wesenszüge und Wesensgesetze, das Reale zu determinieren. Deswegen aber brauchen die Realfälle nicht real zufällig zu sein. Es gibt eben in der Realsphäre noch andere Determination als die »von oben her« (vom Allgemeinen her); es gibt neben dieser »vertikalen« auch eine »horizontale« Determination, welche gerade die realen Einzelfälle und speziell die Stadien des Realprozesses miteinander verbindet. Und in dieser determinativen Horizontalverbindung ist alles Einzelne und Einmalige in seiner Besonderheit durch eine stets vollständige Kette von Bedingungen notwendig und kann nicht anders ausfallen, als es ausfällt. Es hat also seinen zureichenden Grund. Aber es hat ihn nicht in Wesenheiten und Allgemeinheiten allein, auch nicht in Kategorien oder besonderen Gesetzlichkeiten allein, sondern in der Totalität der Realzusammenhänge, die als Gesamtkollokation von Fall zu Fall andere sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 312-313

„Das also war der alte Irrtum, daß man die »vertikale« Determination vom Allgemeinen her allein im Auge hatte. Es gibt diese freilich auch in der Realsphäre, aber sie ist hier nur ein Bruchteil der Gesamtdetermination, während sie in der idealen Sphäre allein bleibt. Realnotwendigkeit ist anders dimensioniert als Wesensnotwendigkeit; darum überkreuzt sie sich in den Realzusammenhängen reibungslos mit dieser, füllt aber zugleich deren determinative Unvollständigkeit auf. So kommt es, daß das Wesenszufällige zugleich real notwendig sein kann, daß im Realzusammenhang durchgehende Determination herrscht, während im idealen Sein das Besondere auf jeder Höhenlage zufällig bleibt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 313

„Es gibt zwar Bereiche des idealen Seins, auf denen die vertikale Determination außerordentlich weit in die Besonderung hineinreicht. Es sind die Gegenstandsgebiete des mathematischen Seins. Doch walten hier besondere Verhältnisse, die am kategorialen Charakter des Quantitativen haften und sich nicht verallgemeinern lassen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 313

„Ein besonderes Kapitel des Sphärenunterschiedes ist noch das Verhältnis der Erkenntnis zur Realdetermination. Die niederen Erkenntnisstufen fassen wenig von ihr; Wahrnehmung und anschauliches Erleben nehemn das »Tatsächliche« gemeinhin als Wirkliches ohne Notwendigkeit. Die Realdetermination bleibt verborgen. Darauf beruht die Zufälligkeit, in der die unbegriffenen Ereignisse zu schweben scheinen. Das Begreifen aber, das sich auf die Zusammenhänge besinnt, hat einen weiten Weg bis zum Erfassen der Notwendigkeit. Denn es muß dazu eine Totalität von Realbedingungen zur Übersicht bringen; eine Aufgabe, die ihm nur in einfachen Fällen annähernd gelingen kann. Tatsächlich kann sich das Begreifen in diesem Dilemma nur durch den Umweg über die um vieles leichter faßbare Wesensnotwendigkeit helfen. Aber diese reicht für die Realdetermination nicht zu.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 313

„Die Abwandlung der Determination und Dependenz in den Schichten des Realen ist von besonderem metaphysischen Gewicht, weil sie angetan ist, allen traditionellen Vorstellungen von Determinismus und Indeterminismus entgegenzutreten. Denn ist Realdetermination nicht von einer Art, sondern ebenso geschichtet wie die reale Welt selbst, so passen alle alten Schemata des Weltbildes nicht auf sie zu und müssen revidiert werden, sowohl die deterministischen als auch die interdeterministischen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 313-314

„Aber diese Abwandlung zu verfolgen ist nur möglich, soweit wir die besonderen Typen der Determination kennen. Und hier stoßen wir auf Grenzen, die wir nicht überschreiten können. Denn die höheren Typen - vom Reich des Organischen an aufwärts - sind, soweit wir sie nicht aus unserem eigenen menschlichen Tun kennen, in ein Dunkel gehüllt, das nicht an ihrer Kompliziertheit allein liegt, und das bisher nur in sehr bescheidenen Grenzen hat aufgehellt werden können. Von allen Typen der Realdetermination sind uns mittelbar nur zwei zugänglich: der Kausalnexus im physischen und der Finalnexus im geistigen Sein. Ohne Zweifel gibt es auch auf der Höhe des Organischen sowie auf der des Seelischen eigene Formen des Nexus und darüber hinaus noch weitere auf den höheren Stufen des geistigen Lebens. Aber für diese läßt sich nur gleichsam der ontologische Ort angeben sowie einige wenige positive Hinweise, die sich aus den besonderen Prozeßformen ergeben. Die spezielle Katagorialanalyse kann hier freilich auf Grund der Schichtenunterschiede noch manches klären. Aber auch das läßt sich einstweilen nicht vorwegnehmen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 314

„Immerhin ist es sychon instruktiv, sich in den Grenzen unseres Wissens ein Bild von der Mannigfaltigkeit der Determinationstypen zu machen. Auf Vollzähligkeit kann das Bild selbstverständlich keinen Anspruch erheben.
1. Die einfachste Form des Realnexus ist die Kausalität. Sie hat die Form der mit dem Zeitfluß fortlaufenden Abhängigkeit des Späteren vom Früheren, wobei jedes Stadium des Prozesses zugleich Wirkung früherer Ursachen und Ursache späterer Wirkungen ist. Sie verhindert allererst die Stadien zur Einheit eines zusammenhängenden Prozesses, gleichgültig ob die Stadien kontinuierlich aneinanderschließen oder sprunghaft sich aneinanderreihen. Grundsätzlich kommt die Kausalreihe aus der Unendlichkeit, denn vor jerder Ursache müssen weitere Ursachen liegen, und geht ins Unendliche, denn über jede Wirkung hinaus müssen weitere Wirkungen folgen. Sie führt daher zum mindesten nach rückwärts, auf die Antinomie des »ersten Gliedes« hinaus.
2. Noch auf derselben Schichthöhe tritt neben die Kausalreihe als zweite Determinationsform die Wechselwirkung des Gleichzeitigen aufeinander. Sie besagt, daß die Kausalketten nicht isoliert nebeneinander her, sondern nur in durchgehender Querverbundenheit mieinander ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen. Das läuft auf die Einheit des Naturprozessesx (und vielleicht des Weltprozesses überhaupt) hinaus, sofern in jedem Gesamtstadium jede Teilwirkung mit durch die ganze Kollokation aller Realumstände bestimmt ist.
3.

In der Welt des Organischen reichen diese Formen der Determination nicht mehr aus. Zwar löst sich manches Rätsel am Lebensprozeß durch das Ineinandergreifen der Kausalfäden; aber die subtile Zweckmäßigkeit der Teilfunktionen füreinander, die Selbstregulation des Ganzen sowie die Wiederbildung des Organismus von der Keimzelle aus zeigen den Typus eines noch anders gearteteten Zusammenspieles, das vom Ganzen aus bestimmt ist. Vom Resultat aus sieht diese Form der Determination dem Finalnexus zum Verwechseln ähnlich, und man hat sie denn auch von altersher so verstanden. Es fehlt aber das zwecksetzende Bewußtsein; und die Wahrheit ist, daß wir die wirkliche Form der Determination in diesen innerorganischen Prozessen nicht kennen.

4. Um nichts weniger dunkel, obgleich weniger umstritten, ist die Determinationsform der psychischen Akte, die ihr Aufkommen, ihren Ablauf und ihren gegenseitigen Zusammenhang betrifft. Wenn man hier von psychischer Kausalität spricht, so ist das gewiß nicht ganz abzuzweifeln; aber es reicht nicht zu. Schon in den einfachen seelischen Reaktionen sind andere Momente mitbestimmend. Außerdem aber ist in allen Akten ein Faktor, der aus den inneren Eigentendenzen des Seelenlebens (was sollen diese sein? HB) kommt, nicht aus dem Bewußtsein (sofern dieses überhaupt zum Seelischen und eben nicht zum Geistigen gehört! HB), sondern aus seinen unterbewußten Hintergründen (was sollen diese sein? HB). Wo er ins Bewußtsein aufrückt, nimmt er die Form der Zwecktätigkeit an (und diese spricht wie das Bewußtsein für die Zugehölrigkeit zum Geistigen; HB). Wie er vor seinem Aufrücken determiniert, entzieht sich einstweilem noch aller Beurteilung.
5. Eine Stufe höher, mit dem Einsetzen der Objektivität und des personalen Geistes, haben wir dann wirklich den Finalnexus. Er ist nicht, wie man oft gemeint hat, die einfache Umkehrung des Kausalnexus, sondern von viel komplizierterem Bau. Es beginnt mit dem Vor-Setzen des Zweckes im Bewußtsein (im Geistigen - hier ist es in meinem Sinne gesagt! HB), verläuft sodann in der Wahl der Mittel - rückwärts vom vorgesetzten Zweck aus bis auf das erste Mittel - und endet im Realprozeß der Verwirklichung des Zweckes, der rechtläufig in der Zeit abläuft und in dem dieselben Mittel als Ursachenreihe den Zweck bewirken. Da die ersten beiden Glieder dieses Zusammenhanges typische Bewußtseinsvollzüge sind, so kann es den Finalnexus nur geben, wo ein zwecksetzendes und Mittel wählendes Bewußtsein vorhanden ist.
6. Unter den vielerlei Determinationsformen, die dem geistigen Sein eigen sind, ist die Wertdetermination eine der merkwürdigsten. Werte sind keine realen Mächte, von ihnen geht nur ein Sollen aus, die Anforderung. Aber der Mensch ist durch sein Wertgefühl empfänglich für die Anforderung; und da er zugleich des Wollens und der Verwirklichung mächtig ist, so kann er sich für sie einsetzen. Werte determinieren also nur indirekt etwas in der realen Welt, sofern ein realer Wille sich für sie entscheidet.
7. Das setzt aber eine weitere Determinationsform voraus: eben diejenige, die in der Entscheidung des Willens für oder wider die Anforderung enthalten ist. Sie besteht in einer Selbstbestimmung oder Autonomie des Willens sowohl den bestimmenden Faktoren der Realsituation als auch den Werten und ihrer Anforderung gegenüber. Ihr Problem ist das vielumstrittene der »Willensfreiheit«. Allerdings ist »Freiheit« ein mißverständlicher Ausdruck: er täuscht Unbestimmtheit vor, während es sich in Wahrheit um einen eminent positiven Faktor der Eigenbestimmung handelt.
8. Eine beosndere Rolle spielen weiterhin die hochkomplexen determinationsformen im Gemeinschaftsleben und im Geschichtsprozeß. In ihnen überlagern und durchdringen sich die niederen Formen des Nexus und liegen teilweise mit den höheren im Streit. Auch der Streit aber ist nicht regellos, er hat sein sehr bestimmtes Folgeverhältnis. Es folgt nur nicht immer das, was menschliche Zwecksetzung und Initiative in ihm vorsieht. Gleichwohl ist die Tendenz des Menschen, den Geschichtsprozeß zu gestalten, in diesem selbst ein wesentlicher Faktor.
In den Determinationstypen des Realen überwiegt die Form des Nexus, d.h. der fortlaufenden Reihe. Das entspricht der allgemeinen Seinsform des Werdens (oder der Werdensform des Seins? HB), die in den Schichten die gleiche ist und auf der Einheit der Zeitlichkeit in ihnen beruht. Zwar treten neben dem Nexus auch andere Formen auf - wie in der Wechselwirkung, in der Ganzheitsdetermination des Organischen und im Anforderungscharakter der Werte -, aber sie fügen sich doch überall der linearen (oder der zyklischen; HB) des Werdens ein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 314-316

„Es gibt aber noch andere Formen der Determination und Dependenz, die nicht auf Realverhältnisse beschränkt sind; und es gibt auch solche, die sich zwar auf das Reale erstrecken - d.h. es mitdeterminieren -, aber nicht in seine Seinsform eingespannt sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 316

„Von der ersteren Art ist z.B. die Bestimmung des Besonderen durch das Allgemeine (der species durch das genus). Von ihr wurde bereits gezeigt, daß sie unvollständig ist, desgleichen wie es charakteristisch für das verhältnis der beiden Seinssphären ist, daß sie im idealen Sein die einzige durchgehende Determinationsform ist, im realen aber nur ein untergeordnetes Teilmoment der Gesamtdetermination ausmacht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 316-317

„Eng verwandt ist ihr die von den Kategorien ausgehende und das Concretum generell bestimmende Determination. Sie hat keinen Reihencharakter, ist bloß zweigliedrig und steht dimensional »senkrecht« auf den im Concretum selbst verlaufenden Reihen des Realnexus. Nach dem Platonischen Bilde: Sie spielt in der »Vertikale«, während der Realnexus »horizontal« verläuft. Da aber die Kategorien nach der Schichtenhöhe verschieden sind und das Concretum überall von ihnen »abhängt«, so stehen auch die besonderen Typen der Realdetermination von ihnen in Abhängigkeit. Dadurch erweist sich die dimensionale Überjreuzung der Determinationen als wesentlich: der determinative Gesamtbau des Realzusammenhanges besteht im Zueinandergreifen der zeitlos-kategorialen und der zeitlich-realen Determination. Jene bestimmt die Form und den Bau des Nexus je nach der Schichtenhöhe, diese aber bestimmt das besondere Geschehen im Einzelfall, je nach der Gesamtkollokation des jeweiligen Realzusammenhanges.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 317

„Die geradlinige Fortsetzung der katgeorialen Determination ist diejenige, die von den besonderen Gesetzen einer Seinsschicht (oder auch eines engeren Seinsgebietes) ausgeht. Das bekannteste Beispiel dieser Art ist die Naturgesetzlichkeit. es ist dieselbe »vertikale«, in der sie verläuft, dieselbe Zweigliedrigkeit und dasselbe Überkreuzungsverhältnis zum Realnexus, das hier waltet. Nur setzt die Determination hier gleichsam auf halber Höhe ein, so wie es ihrer geringeren Allgemeinheit entspricht. Wichtig ist an diesem Verhältnis, daß die sog. Naturgesetzlichkeit nicht mit einer der Formen des Realnexus, also auch nicht mit der Kausalität, zusammenfällt. Der Realnexus könnte an sich auch ohne Gleichartigkeit (Gesetzlichkeit) der Abläufe bestehen; und die Gleichartigkeit könnte auch ohne Realnexus bestehen. Es sind determinativ durchaus verschiedene Instanzen der Bestimmtheit, die hier in Synthese treten und das Gesamtbild ausmachen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 317

„Eine weitere Form der Determination - der Wechselwirkung des Realen vergleichbar und doch ganz anders als sie - ist die Kohärenz der Kategorien, ihre gegenseitige Abhängigkeit und Implikation. Auch sie wirkt sich im Realen als Einheit der in sich mannigfaltigen kategorialen Determination aus. Und auch sie setzt sich im Zusammenhang der besonderen Gesetze fort, sofern diese nicht isoliert auftreten, sondern ihr Concretum gemeinsam bestimmen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 317

„Wiederum anders ist die mathematische Folge, die das Reich der reinen Größenverhältnisse, also das der Zahl und des geometrischen Raumes beherrscht, durch sie hindurch aber auch die Naturgesetzlichkeit durchsetzt. Sie ist mit dieser nicht identisch, besteht auch ohne sie als eine besondere Determinationsform des idealen Seins, umfaßt aber innerhalb des letzteren nur die quantitativen Verhältnisse. Für die Erkenntnis hat sie den ungeheuren Vorzug, daß sie unmittelbar im Verstande faßbar ist. Dadurch ist sie die faßbare Seite in der Naturgesetzlichkeit, soweit nämlich diese eine in quantitativen Verhältnissen geordnete ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 317-318

„Nur vorgreifend kann an dieser Stelle auf eine weitere, das ganze Reich des Realen durchziehende Determinationform hingewiesen werden, welche das Abhängigkeitsverhältnis der Seinsschichten (sowie ihrer Kategorienschichten) betrifft. Sie verläuft in der Schichtenfolge von unten nach oben und bedeutet das Basiertsein der höheren Schicht auf der niederen. Aber sie ist durchaus keine vollständige Determination, sondern läßt viel Spielraum für Selbständigkeit der höheren Schichten. Von ihr wird noch ausführlich bei den kategorialen Gesetzen zu handeln sein; denn für den Aufbau der realen Welt ist gerade sie die ausschlaggebende.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 318

„Schließlich ist nicht zu vergessen, daß auch noch die Erkenntnis ein besonderes Verhältnis von Grund und Folge kennt, das sich weder mit dem in den Seinssphären waltenden noch auch mit der logisch-deduktiven Folge deckt. Die ratio cognoscendi ist in der Richtung beweglich, sie kann der ratio essendi folgen, kann ihr aber auch entgegen gerichtet sein. Denn die Gründe der Einsicht liegen beim Gegebenen; das Gegebene aber kann auch das ontisch Sekundäre sein. Sie schließt von der Wirkung auf die Ursache, vom Fall auf das Gesetz, vom Concretum auf das Prinzip, genau so gut wie umgekehrt. Und sie kann es darin zu hohen Gewißheitsgraden bringen, auch wenn sie es zum vollen Erfassen der Realnotwendigkeit nicht bringt. - Sie ist dabei freilich auf allgemeine Voraussetzungen angewiesen, wie z.B. in der Induktion auf das Wissen um die Gesetzlichkeit überhaupt. Aber in den Grenzen, in denen ihre Kategorien mit denen des Seienden zusammenfallen, ist sie dieser Voraussetzungen gewiß. Denn hier ist der Punkt, in dem Erkenntnisgrund auf den Seinsgrund rückbezogen ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 318

„Nicht um die Ehre Gottes allein ging es im Theodizeeproblem. Es ging darum, was von der Welt zu halten ist, in der wir leben,um Weltbejahung und Weltverneinung, um Lebensoptimismus und Pessimismus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 319

„Kepler suchte die allgemeine »Weltharmonik«, für den räumlichen Kosmos, Leibniz für den ganzen Aufbau der realen Welt nachzuweisen. Mit ihren Namen ist das metaphysische Prinzip der Harmonie für die Dauer verbunden geblieben.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 319

„In einer Hinsicht haben die Alten sich die Erfassung des Problems erschwert: Sie erblickten die Wurzel des Widerstreits in den Seinsgegensätzen. Der Sache nach machten si dadurch aus dem Realwiderstreit einen solchen der Prinzipien. Das entspricht nicht der Sachlage im Verhältnis der Gegensatzkategorien (vgl. dazu S. 230 et passim; HB); Gegensatz ist nicht Widerstreit, er ist ebensosehr auch engste Zusammenghörigkeit (vgl. Kap. 25). Die ganze metaphysische Linie der Theorien, die eine Überwindung des Widersteits in der Einheit de Seinsgegensätze suchten - es ist die Linie, die beim Cusaner (Nikolaus von Kues; HB) in die coincidentia oppositorum auslief - läuft daher am ontologischen Problem des Widerstreits und der Einstimmigkeit vorbei.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 324-325

„Die aufsteigende Reihe der Formen des Widerstreits in der Schichtung des Seienden hat gelehrt, daß der Widerstreit nach oben hin erheblich zunimmt - sowohl an Mannigfaltigkeit als auch an Tiefe der Spannung und des Konflikts -, aber auch, daß der wachsenden Größe des Widerstreits höhere Formen der Einstimmigkeit entsprechen. Nur sind diese letzteren weder identisch mit dem Widerstreit (nach Herakliteischer Art), noch sind sie ihm vollkommen gewachsen. Man kann auf ihnen keine Theodizee gründen, nicht aller Konflikt löst sich in Harmonie.. Und, wie es scheint, gerade in den höheren Seibsschichten, im reich des Menschen, des Ethos, des Gedankens und der Geschichte, nimmt der Überschuß des unbewältigten Widerstreits zu, Denn zu dem einfachen Widerstreit homogener Kräfte kommt hier der tiefere Widerstreit heterogener Determinationsformen, deren Ausgleich nicht gegeben, sondern dem Menschen anheimgestellt ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 325

„Von den Antinomien nun ist berteits oben bei der Zurückweisung des kategorialen »Harmoniepostulats« die Rede gewesen (vgl. Kap.17, insonderheit b und c). Es fehlte dort noch an der nötigen Unterscheidung zwischen Widerspruch und Widerstreit sowie am erforderlichen Abstand vom Gegensatzphänomen. Dennoch konnte schon jene Überlegung eindeutig zeigen, daß echte Antinomien nur solche sind, die sich nicht lösen lassen und an denen schon das Unternehmen der Lösung die Verfehlung des Problems bedeutet.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 326

„Hat sich nämlich eine Antionomie als unlösbar erwiesen, so bestehen immer noch zwei Möglichkeiten: der Widerstreit kann in der Gesetzlichkeit des Erkennens liegen, es ist dann nach dem Worte Kants ein »Widerstreit der Vernunft mit sich selbst«; er kann aber auch im Sein liegen, und dann ist der Konflikt in der Strujtur der realen Welt selbst angelegt. Im ersteren Falle ist der Bau der Welt harmonisch, und nur die Kategorien der Erkenntnis reichen nicht zu, ihre Einstimmigkeit zu fassen. Im letzteren Falle aber ist die Welt disharmonisch, die Erkenntnis aber steht unter dem Satz des Widerspruchs, sie lehnt das Begreifen des Widerstreitenden ab, weil es für sie die Form des »Widerspruchs« annimmt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 327

„Element und Gefüge (12. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB). - .... Man könnte dafür auch sagen: Gleid und Gefüge. Denn hiersind die Teile in der Tat mehr als die Teile. Sie sind durch die Stellung, die sie im Gesamtgetriebe einnehmen, wesentlich bestimmt; löst man sie heraus, so hören sie auf zu sein, was sie waren. Denn ihre Besonderheit ist die der Funktion im Gefüge. Das Gefüge seinerseits kann unter Umständen die Funktion eines seiner Elemente sehr wohl durch die eines anderen ersetzen; ja es gibt Gefüge, die von vornherein auf solchen Ersatz angelegt sind (man denke an die Regenationsphänomene der Organismen). .... Aber in gewissen Grenzen darf der Unterschied wohl so gefaßt werden: reißt man den Teil aus dem Ganzen, so ist die Ganzheit verletzt, der Teil aber nicht; reißt man ein Glied aus dem Gefüge, so hört das Glied auf zu sein, was es war, das Gefüge aber kann fortbestehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 329-330

„In der Realsphäre, in der das zeitliche Werden die allgemeine Seinsform ist, sind .... alle natürlichen Gefüge zugleich Systeme von Prozessen und - da Prozesse nicht ohne dahinterstehende Kräfte laufen - auch Systeme dynamischer Antriebe. Elemente aber sind in solchen »dynamischen Gefügen« die Kraft- und Prozeßkomponenten so gut wie die materiellen Bausteine.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 330

„Die höheren Formen des Gefüges zeigen deutliche Überordnung des Zusammenhanges über die Elemente; in ihnen stehen und fallen die Elemente mit dem Gefüge, sie gehen mit seiner Auflösung zugrunde, oder sie sinken herab von der Seinshöhe dessen, was sie waren. Nicht nur der Organismus ist von dieser Art; auch die Volks- und Staatsgemeinschaft verhält sich ähnlich zu den Individuen, und gleich ihr die geschichtlich überindividuellen Formen des Geisteslebens, sofern auch sie determinierende und einheitlich fortbestehende Formen der Verbundenheit sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 331

„Wie die Abwandlung des Verhältnisses von Element und Gefüge (12. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB) verlaufen muß, ist nach dieser Klarstellung bereits einigermaßen zu sehen. Sie ähnelt derjenigen von Einheit und Mannigfaltigkeit (7. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB), teilweise auch der von Form und Materie (3. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB). Denn tatsächlich ist jedes Gefüge Einheit mannigfaltiger Elemente und zugleich ihre Formgebung. Das Neue ist nur, daß weder die Einheitlichkeit noch die Geformtheit das Wesentliche ist, sondern die innere relationale Gebundenheit und relative Selbständigkeit. Die letzte wiederum ist keineswegs als Isoliertheit oder Fürsichsein zu verstehen - es liegt ja im Wesen der Gefüge, daß sie selbst wiederum Elemente sein können -, sondern nur im Sinne eines Übergewichts der inneren Bindung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 332

„Nur die naive Anschauungsform der Dinglichkeit ... täuscht ... die Vorherrschaft der scharf gezogenen äußeren Grenzen vor; und die antike Kategorie der »Grenze« (peraV) hat diesen Fehler in der Ontologie heimisch werden lassen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 332

„Wir werden ... zu unterscheiden haben: einerseits das starre und das bewegliche Gefüge, andererseits das in sich straff gebundene und das lose gefügte, beides natürlich in mannigfaltiger Abstufung, aber keineswegs in Abhängigkeit voneinander. Bewegliche Gefüge sind solche, in denen die Elemente wechseln, während sie selbst sich erhalten; straff gebunden aber sind sie dann, wenn das Gefüge selbst den Verlust der Elemente durch entsprechenden Ersatz kompensiert. Dasselbe gilt für das Verhalten gegenüber jeder anderern Art von Störung. Wichtig aber ist hierbei noch ein Weiteres. Es handelt sich nicht um äußere Störung allein. Es handelt sich auch um innere Zerfallserscheinungen und Stabilitätsgrenzen. Und hier ist der Punkt, an dem das Verhältnis von Einstimmigkeit und Widerstreit (8. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB) für den Bestand der Gefüge ausschlaggebend wird.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 332-333

„Die allgemeine Seinsform der realen Welt ist das Werden, absolut statische Gefüge gibt es in ihr nicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 333

„Mit der Bewegtheit aber ist das Spiel der bewegenden Kräfte unlöslich verknüpft. Es handelt sich also stets auch um Gefüge der Prozesse oder Prozeßkomponenten sowie der antreibenden Mächte. Von dieser Art ist das dynamische Gefüge aller Stufen und Formen, aber auch nicht weniger das organische Gefüge, dessen spezielle Seinsform der Lebensprozeß ist. Und weiter hinauf alles, was im Seelenleben, im Bewußtsein, im Ethos des Menschen, in der Gemeinschaft und ihrer Geschichte den Charakter des einheitlichen Gebildes hat, beruht schon auf dem Widerspiel mannigfaltiger und teilweise stets einander entgegengerichteter Tendenzen. Der Ausgleich aber ist weit entfernt, immer ein vollkommener zu sein (vgl. Kap. 32 b).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 333

„Aller Widerstreit, sofern er an den Elementen eines Gefüges besteht, hat die Tendenz, das Gefüge zu sprengen. Erhält sich ein solches Gefüge dennoch, so beruht das auf Bewältigung des Widerstreits, auf einer übergreifenden Funktion der Einstimmigkeit, in der sich der Ausgleich oder das Gleichgewicht herstellt. Solcher Gleichgewichte nun kennen wir eine große Menge, wir finden sie eben tatsächlich an allen Formen und Stufen realer Gefüge. Aber nirgends ist ihre Stabilität eine absolute. Sie alle können sich nur in gewissen Grenzen halten. Überschreitet eine der im Widerstreit liegenden Komponenten eine bestimmte Grenze, so wird das Gleichgewicht labil, und das Gefüge löst sich auf.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 333

„Die Art und Weise aber, wie sich ein bewegliches Gefüge in den Grenzen seiner Stabilität im Gleichgewicht hält, ist je nach den Seinsschichten und deren Stufen sehr verschieden. Diese Verschiedenheit macht die bei weitem wichtigsten Unterschiede in der Stufenfolge der Gefüge aus. Denn sie betrifft recht eigentlich deren inneres Wesen, die bindende Kraft, die im Fluß der Veränderungen den Typus des Gebildes erhält. Nach ihr also wird in der kategorialen Abwandlung des Gefüges in erster Linie zu fragen sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 333

„Das kategoriale Qualitätsproblem und die besonderen Kategorien der Qualität. - Erst nach dem Kantischen Umschwung der Dinge wurde es einsichtig ..., daß es noch einen anderen, zwar um vieles blasseren, aber fundamentaleren Sinn des Qualitätsproblems gibt. Man fand ihn im Begriffsapparat der formalen Logik vorgezeichnet, wo die »Qualität der Urteile« die feste Bedeutung des Gegensatzes von »affirmativ und negativ« hatte. An dieser Bedeutung sind die Kantischen »Katheorien der Qualität« orientiert. - Kannt nannte diese Kategorien »Realität, Negation und Limitation« .... Zwei Grundkategorien der Qualität ... sollen im folgenden als »das Positive« und »das Negative« bezeichnet werden. Diese Bezeichnungen haben den Vorzug vor den antiken Termini »Sein« und »Nichtsein«, deren rein ontologische Prägung eine Vorentscheidung über die Rolle in den Seinssphären enthält. .... - Identität und Verschiedenheit bilden ein zweites Kategorienpaar innerhalb der Gruppe der Qualität. .... - Dazu kommt aber noch ein dritter Seinsgegensatz, der gleichfalls unter die Qualität gehört, obgleich die formale Logik, die sich an die »Umfänge« der Begriffe hält, ihn der Quantität einzuordnen pflegt. Es ist der Gegensatz des Allgemeinen und des Individuellen. .... Individualität und Allgemeinheit bilden einen Elementargegensatz, der an kategorialer Urwüchsigkeit den Seinskategorien ebenbürtig zur Seite steht. Um ihretwillen in erster Linie steht die Qualität mit Recht in der Gegensatzttafel (vgl. S. 230; HB). Das Problem der »Allgemeinheiten« (Universalien) hat einst lange Zeit die Metaphysik beherrscht; diese Metaphysik scheiterte schließlich am Problem des Individuellen. Auch heute noch gibt es Probleme an diesem Kategorienpaar, die gelöst werden müssen; und sie gehören zu den wichtigsten, welche die Seinsgegensätze uns aufgeben. - Wir werden also folgende drei Gegensatzpaare der Qualität zu behandeln haben:
1. Positives —  Negatives,
2. Identität —  Verschiedenheit,
3. Allgemeines —  Individuelles.
Es kommt bei ihnen weniger auf die Abwandlung an als auf die genaue grundsätzliche Klarstellung ihres Wesens.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 354-357

„Es ist erstaunlich, wie in der Geschichte der Metaphysik die besten Einsichten aufs schlechteste begründet worden sind. Der Satz des Parmenides »das Nichtseiende ist nicht« war der unentbehrliche Grundsatz, durch den die Unselbständigkeit der Negation erst greifbar wurde, aber das Argument des Parmenides war falsch. Es lautete: »denn dne ohne das Seiende, in dem es ausgeprägt ist, wirst du das Denken finden«. Also weil man Nichtseiendes nicht »denken« kann, weil alles Denken ein Denken vom Seienden ist, soll Nichtseiendes nicht »sein« können. - Wenn damit nichts gemeint ist als der Satz der Intentionalität - alles Denken ist Denken von etwas und nicht von nichts -, so ist der Satz zwar wahr, aber ontologisch nichtssagend. Denn das gedachte Etwas braucht kein Seiendes zu sein, weder im Sinne des realen noch des idealen Seins, eskann auch im bloßen Gedachtsein bestehen. Ist aber mehr damit gemeint, soll es heißen, daß ein Gedachtes, darum weil es gedacht wird, auch im Realzusammenhange so bestehe, wie es gedacht wird, so ist der Satz offenbar unwahr. Nichts ist dem Denken leichter, als sich vorzuspiegeln, was es in aller Welt nicht gibt. Wäre dem nicht so, der mensch wäre im Denken cor allem Irrtum sicher.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 359

„Identität und Verschiedenheit sind qualitative Einheit und Mannigfaltigkeit im Seienden selbst.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 361-362

„Zwei Dinge, die in allen Stücken dieselbe Bestimmtheit hätten, wären in Wirkloichkeit ein und dasselbe Ding. In einer Welt, wie der unsrigen, die aus lauter Einzeldingen besteht, muß also auch das Ähnliche noch qualitativ verschieden sein. So hat es Leibniz nachmals in seiner lex identitatis indiscernibilium ausgesprochen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 370

„Hier leigt der Grund, warum die Thomisten und Scotisten einander im Individuationsproblem nicht verstehen konnten. Sie meinten mit Individualität etwas verschiedenes. Beide zwar meinten ontologisch folgerichtig die Einzigkeit als solche (Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit). Aber jene meinten die numerische Einzigkeit, im Grunde also die bloß quantitativ verstandene; diese dagegen meinten eine wirklich qualitative Einzigkeit, die Einzigartigkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 370

„Individualität gibt es nur in der realen Sphäre, denn nur das real Seiende ist ein vollständig Bestimmtes: ideales Sein ist unvollständiges Sein, Wesenheiten stufen sich zwar nach genus und species ab, bleiben aber stets allgemein. Das Sosein einer Sache aber, wenn man es in der Betrachtung von ihrem Dasein abtrennt, ist »neutral« gegen Idealität und Realität; denn der Unterschied der Seinsweisen hämgt nicht an ihm, sondern am Dasein. (Vgl. »Zur Grundlegung der Ontologie«, Kap. 17 a-c.)“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 371

„Am Sosein als solchem also kann das »Nur-einmal-Dasein« nicht liegen, denn es ist Sache des Daseins, und zwar ausschließlich des realen Daseins. Es gibt natürlich sehr wohl die Wesenheitz eines Individuellen - die quidditas des einmaligen Realen in seiner Einmaligkeit -, aber sie ist keine individuelle Wesenheit. Sie bleibt allgemein in dem Sinne, daß die Einzigkeit des Realfalles (sein Nicht-Wiederkehren) nicht an ihr liegt, sondern an der Artung der realen Welt. Die Einzigkeit hämgt am Gefüge des Realzusammenhanges, sofern dieser eben strukturell (realtional und determinativ) so geartet ist, daß er das in allen Stücken Identische nicht zum zweiten Mal hervorbringen kann: dieselbe Sache würde zum zweiten Mal in anderen Seinsverhältnissen und anderen Determinationsverkettungen stehen und, da diese ihr nicht äußerlich sind, sondern ihre Beschaffenheit mit bestimmen, schon dadurch allein eine andere sein. Der Realzusammenhang der Welt ist aber selbst einzig. Darum allein ist alles das, was in ihm steht, auch einzig.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 371

„Der Satz »das Sosein eines Individuellen ist kein individuelles Sosein« spricht in ontologisch präzsier From die Antinomie der qualitativen Individualität aus. Der Grund der Antinomie aber liegt in der Isolierung des Soseins vom Dasein; er liegt also nicht in einer ontologischen Notwendigkeit, sondern in der Einseitigkeit der Betrachtunsgweise. Die Einseitigkeit aber besteht in nichts anderem als in der rein qualitativen Fassung der Individualität selbst; bei solcher Fassung eben müßte die Einzigkeit am Sosein allein hängen oder, wie die Scotisten sagen, an der »Form« allein. Und das hat sich als unmöglich erwiesen. - Nimmt man aber das Seinsmoment des Daseins wieder hinein in die Betrachtung, so führt man auch den anderen Individualitätsbegriff wieder ein, den der numerischen Einzigkeit. Das Nur-einmal-Dasein in der realen Welt ist der genaue Ausdruck dieser numerischen Einzigkeit. Die Frage ist also: wie läßt sich die numerische mit der qualitativen Einzigkeit so zur Synthese bringen, daß sie zusammen eine einheitliche, anch beiden Seiten - nach der Seite des Soseins und der des Daseins - zureichend gefaßte Individualität ergeben?“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 371-372

„Dazu ist zunächst weiter zu Frage: welches principium individuationis sorgt denn für die numerische Einzigkeit? Auf das alte Prinzip der Materie kann man nicht zurückgreifen; es paßt nur auf dinglich-materielles Sein, und da gerade ist die Individualität qualitativ am schwächsten ausgeprägt. Im ausgehenden Mittelalter setzt sich der Gedanke durch. Raum und Zeit seien das principium individuationis. Ontologisch hat das sehr viel für sich: was seine eindeutige Stelle im Raume und zugleich in der Zeit innehat, das ist dadurch von allen anderen auch eindeutig unterschieden, hat also darin die Gewähr seiner Einzigkeit. In der Zeit allein kann vieles zugleich sein, im Raume allein kann vieles nacheinander denselben Ort einnehmen; es kann aber nichts zugleich mit einem anderen am selben Ort sein. Es konnte also scheinen, daß im hic et nunc das principium individuationis gefunden sei. So hat es noch Schopenhauer im 19. Jahrhundert vetreten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 372

„Aber auch das genügt nicht, denn nicht alles Reale ist im Raume. Das seelische und geistige Sein ist unräumlich, es ist aber genau so sehr numerisch individuell wie das Räumliche; seine Zeitlichkeit allein aber genügt nicht zur Individuation. Es ist also im Grunde dieselbe Ungereimtheit, die dem hic et nunc als Prinzip der Einzigkeit anhaftet, wie diejenige, die der Materie anhaftete. Denn die Räumlichkeit reicht in der Schichtung des Realen nicht höher hinauf als die Materailität.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 372

„Was also unterscheidet denn im seelischen und geistigen Sein eines vom anderen? Hier ist doch außer der Zeitlichkeit und der Besonderheit des Soseins nocht etwas Drittes, was mitspielt. Was scheidet einen Akt vom andern, einen Gedanken vom anderen, eine geschichtliche Bewegung von der anderen? Oder fragen wir genauer: was würde sie auch dann noch scheiden, wenn sie inhaltlich (dem Sosein nach) vollkommen gleich wären? Nicht die Zeit allein, wohl aber der alles umfassende Realzusammenhang in der Einheit der Zeit. Der gleiche Akt einer anderen Person ist ein anderer, weil er in ihr ein zweiter, einem anderen Lebens- und Aktzusammenhang angehöriger ist. Der gleiche Gedanke ist ein anderer, weil er in anderem Gedankenzusammenhang, die gleiche geschichtliche Bewegung (gesetzt, eine solche wäre möglich), ist eine andere, weil sie in anderem Geschichtszusammenhang auftritt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 373

„Die Räumlichkeit ist nur die besondere Dimensionierung der niederen Realschichten. Die höheren haben andere Dimensionen der Mannigfaltigkeit. Daß also das hic et nunc für die ersteren genügt, bildet nur ein Spezialfall des Realzusammenhanges überhaupt. Was aber den Realzusammenhang selbst anlangt, so ist sein Charakter der Einzigkeit vollkommen einsichtig, denn er ist das Gefüge von Relationen und Abhängigkeiten, das die ganze reale Welt einheitlich durchzieht. Diese aber ist nur in der Einzahl da. Und darum sind auch alle besonderen »Stellen« im Realzusammenhang nur einmal da. Dieses »Nur-einmal-Dasein« aber ist die numerische Individualität, die Einzigkeit dem Dasein nach.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 373

„Der Realzusammenhang also, in seiner ganzen Fülle und Konkretheit verstanden, ist das eigentliche principium individuationis. Er leistet für alles Reale abendas, was die Materie und selbst das hic et nunc nur für einen Teil des Realen leisten: die numerische Einzigkeit. Aber er leistet noch mehr. Denn in ihm wird auch die gesuchte Synthese der beiden Arten von Individualität greifbar, der numerischen und der qualitativen. Wie alles Dasein, so hat auch alles Sosein seine Bestimmtheit auf Grund von Determinationsketten, und diese eben sind es, die den Realzusammenhang ausmachen. Isolierte Beschaffenheit eines Einzeldinges ist eine Abstaktion. Was real wirklich ist, das ist auch bis in seine letzten Sonderzüge hinein real möglich und real notwendig: beides aber ist es auf Grund von Bedingungskomplexen, welche die ganze Breite der jeweiligen Realkollokation umfassen. (Vgl. »Möglichkeit und Wirklichkeit«, Kap. 24, 25 und 31.)“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 373

„An diesem Verhältnis ist etwas zu lernen, was auf der Basis der alten,von den Universalien ausgehenden Ontologie nicht greifbar werden konnte: es gibt nicht zweierlei verschiedene Individuation - numerische und qualitative -, es gibt durchaus nur eine einzige auf Grund eines und desselben Individuationsprinzips. Und diese ist zugleich Einzigkeit dem Dasein und Sosein nach. Der Gegensatz also, über den sich einst die Thomisten u nd Scotisten nicht verständrgen konnten, ist in Wahrheit ontologisch nichtig. Er ist kein Gegensatz, er scheint nur einer zu sein, solange man Sosein und Dasein voneinander trennt. Diese Trennung aber gibt es nur im Denken, in der Realität besteht sie nicht. Hier ist vielmehr alles Sosein von etwas zugleich auch Dasein von etwas (wennschon nicht desselben) und alles Dasein von etwas zugleich auch Sosein von etwas. Es kann also gar nicht anders sein, als daß die Einnzigkeit dem Dasein nach im Ganzen des Realzusammenhanges mit der Einzigkeit dem Sosein nach zusammenfällt. (Vgl. »Zur Grundlegung der Ontologie«, Kap. 19 a-d.)“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 373-374

„Nur eines noch bleibt hierbei zu bedenken: kann man eigentlich sagen, der Realzusammenhang sei das principium individuationis? Es ist doch vielmehr so, daß er das Konkreteste des Konkreten ist, also gerade kein principium. Und gerade dadurch, daß er dieses eine, gegliederte, vielfach verschlungene, sich in der Zeit als Gesamtablauf fortwälzende Ganze ist, das immer wieder ander Kollokationen ergibt, sind in ihm auch alle Gebilde, Situationen, Abläufe und Beschaffenheiten einzig und unwiederholbar. Individuation ist etwas, was nicht von einem Prinzip ausgeht, sondern nur dem in voller Ganzheit verstandenen Concretum eignet. Darum auch gibt es im idealen Sein kein Individuelles. Wesenheiten, wie speziell sie auch sein mögen, behalten immer etwas vom prinzipiellen; es fehlt ihnen die Verflochtenheitder Reakrealtionen und Realdeterminationen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 374

„Will man also die Konsequenz ontologisch folgerichtig ziehen, so muß man sagen: auch der Realzusammenhang ist kein principium individuationis, er »ist« vielmehr die Individuation selbst. Denn eben durch die immer neuen Realsitautionen fällt auch das Geschehen immer anders aus. Man darf also sagen, es gibt kein principium individuationis, und es bedarf auch eines solchen nicht. Ja, es gibt auch im strengen Sinne keine »Individuation«, sondern nur Individualität. Der Terminus »Individuation« ist und bleibt nun einmal mit der Schiefheit jenes Aspektes behaftet, der dem Allgemeinen die Priorität gibt und alles Einmalige als sekundär versteht. Das ist ein Rudiment des Universalienrealismus, das sich durch die beherrschende Stellung des Allgemeinen in der Logik bis in die Metaphysik der Idealisten und Phänomenologen hinein hat erhalten können.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 374

„Diese ganze Vorstellungsweise ist es, die sich nunmehr als unzutreffend erwiesen hat. Darum muß auch die ganze Frageweise nach der »Individuation« als solcher preisgegeben werden. Individualität ist nicht Individuation. Sie bedarf keines Prinzips neben dem sonst alles beherrscheden Prinzipien. Dort, wo sie wirklich zuhause ist, in der Realsphäre, entsteht sie nicht nachträglich - hinter dem Allgemeinen her, das da unfähig ist, sie zu bestreiten -, sondern ist von vornherein und mit dem Allgemeinen zugleich da.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 374-375

„Mit den letzten Überlegungen ist der Gegensatz von Allegemein und Individuell in die Nähe des ersten Gegensatzes - Prinzip und Concretum - gerückt. Darüber darf man den Unterschied nicht vergessen. Alle Prinzipien sind zwar allgemein, aber nicht alles Allgemeine ist Prinzip. Gemeinsaem Züge vieler Fälle können auch sekundär und äußerlich sein, das Prinzipielle aber ist das ontisch Primäre. Und andererseits, auch das Concretum braucht nicht individuell zu sein; im ganzen Reich des idealen Seins bleibt es allgemein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 375

„Die reale Welt ..., die wir kennen, enthält ... kein zweierlei Seiendes. Es handelt sich hier gar nicht um ein Übereinander, es kann sich nur um ein Ineinander des Allgemeinen und Individuellen handeln. Das also, was unmöglich schien - daß ein Individuelles in mancherlei Hinsicht auch ein Allgemeines ist, das Allgemeine aber seine Realität nirgends anders als im Individuelle habe -, das gerade ist gefordert. Denn so allein entspricht es der Eigenart des Realseins im Gegensatz zu anderer Seinsweise: alles Reale (einerlei ob Prozeß, Gebilde oder flüchtige Kollokation) ist individuell - und zwar im strengsten Sinne sowohl der numerischen Einzigkeit als auch der Einzigartigkeit -, und dennoch hat das Allgemeine in ihm gleichfalls Realität.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 376

„In nichts anderem als diesem Enthaltensein des Allgemeinen im Individuellen besteht die »Realität des Allgemeinen«. Es gibt also tatsächlich kein Bestehen des Allgemeinen in der Realwelt als nur in den Einzelfällen selbst. Gesetzlichkeiten, Beschaffenheiten, Form- und Prozeßtypen haben kein anderes Sein als das des Identischen in der Verschiedenheit des Einmaligen. Identität und Verschiedenheit eben liegen nicht im Widerstreit, sondern ergänzen sich mannigfach abgestuft, indem sie sich gegenseitig in allem Seienden durchdringen. Das Allgemeine aber ist nichts anderes als die Identität einzelner Bestimmtheiten in der Verschiedenheit der anderen Bestimmtheiten. Ein Fürsich-Bestehen hat das Allgemeine nur im idealen Sein und im abstrahierenden Verstande. Real aber ist es nur in den Realfällen. Und da diese durchweg individuell sind, so darf man auch sagen: real ist das Allgemeine nur »im« Individuellen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 376-377

„So stimmen die beiden Sätze ohne Widerspruch zusammen: alles Reale ist individuell, und das Allgemeine ist gleichwohl auch real. Es ist nur keine selbständige Allgemeinheit, die »neben« dem individuellen Fällen real wäre; ebenso wie es keine individuellen Fälle »neben« dem Allgemeinen gibt, sondern nur solche, die von ihm erfaßt sind. »Allgemeine Fälle« gibt es nur in den Hilfsbegriffen der Wissenschaft, nicht in der realen Welt. Das Allgemeine hat gar nicht die Form des »Falles«; es hat die Form des in der Verschiedenheit der Fälle identisch Wiederkehrenden. Die Gemeinsamkeit dieses Wiederkehrenden in den Fällen ist aber gleichwohl ebenso real wie die Verschiedenheit der nicht-wiederkehrenden Züge.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 377

„Wollte man das bestreiten, man müßte Dasein und Sosein der Realfälle auseinanderreißen und dem Dasein allein Realität vorbehalten; denn das Sosein ist stets in vielen Stücken allgemein und und nur in seiner Ganzheit einzig. Dann aber könnte die Bestimmtheit der Realfälle keine reale Bestimmtheit, die Fülle der Verhältnisse und Determinationen, auf denen sie beruht, keine Fülle von Realverhältnisse und Realdeterminationen sein. Kurz, man höbe damit nichts geringeres als die Realität des Realzusammenhanges auf.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 377

„An keinem der Elementargegensätze tritt der Unterschied der Seinssphären so greifbar zutage wie an dem von Allgemeinheit und Individualität. Das Allgemeine ist beiden Sphären gemeinsam, das Individuelle scheidet sie radikal. Imidealen Sein gibt es nur Allgemeines. Es stuft sich dort zwar mannigfach ab, es reicht herab bis zur »Wesenheit eines Individuellen«; aber auch von dieser hat sich gezeigt, daß sie keineswegs »individuelle Wesenheit« ist. Die ideale Seibnssphäre kennt kein Individuelles. Alle wirkliche Einzigkeit gehört dem Realen an.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 377-378

„Der Alleinherrschaft des Allgemeinen im idealen Sein entspricht demnach keineswegs eine Alleinherrschaft des Individuellen im realen. Hier haben wir vielmehr die volle Gleichstellung: alles Reale ist zwar individuell, aber das Allgemeine ist im Individuellen selbst mit real. Der Unterschied in der Stellung beider ist zwar greifbar, aber er ist nicht ein solcher des Vorranges. Die oft proklamierte Priorität des Allgemeinen, bei der das Einzelne als kombinatorisches Resultat dasteht, hat sich als irrig erwiesen: alles Vorherrschen des Allgemeinen vor den Fällen ist bloß ein solches in der idealen Sphäre, ideales Sein aber ist selbst selbst nur unvollständiges Sein. Eine Priorität des Individuellen aber ist erst recht nicht haltbar, weil stets schon gemeinsame Züge das Einzelne verbinden. Leibniz, der in der Monadenmetaphysik hiermit Ernst machen wollte, konnte es auch nicht vermeiden, die Mannigfaltigkeit der Einzelsubstanzen durch eine Fülle gemeinsamer Wesenszüge zu bestimmen. Er setzte also gleichfalls das Allgemeine schon voraus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 378

„Der einzig klar faßbare Unterschied in der Stellung des Allgemeinen und s Individuellen an ein und demselben Realen ist vielmehr dieser, daß das Allgemeine das Verbindende, das Individuelle das Trennende ist. Und damit hängt es zusammen, daß das Allgemeine auch in der realen Welt sich abstuft, während die Individualität als solche sich nicht abstuft. Es gibt wohl ein Mehr und Weniger des Allgemeinseins, je nach dem »Umfang« der Gleichartigkeit, aber es gibt kein Mehr und Weniger an Einzigkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 378

„Dem scheint die Erfahrung zu widersprechen: ist nicht ein Mensch um vieles individueller als ein Stein? Aber meinen wir wirklich die Einzigkeit, wenn wir so fragen? Für das Einmaligsein ist es gleichgültig, wie hoch geformt oder wie lebenswichtig die Eigenart eines Gebildes ist, um derentwillen es im Realzusammenhang nicht zum zweiten Mal vorkommt. Die Einzigkeit als solche steigert sich nicht, wenn sie hoch über alles hinausragt, was der Einzelfall auch nur mit wenigen anderen gemeinsam hat. Sie gewinnt nur sehr wesentlich an Seinsgewicht und erst recht an Bedeutsamkeit, und darum ist sie uns im Leben an Menschen und menschlichen Verhältnissen wichtig, an Dingen und Naturvorgängen aber gemeinhin überaus gleichgültig. Aber das Wichtignehmen und die Gleichgültigkeit ändern nichts am Charakter der Einzigekit selbst. Dieser ist ein absoluter und kann sich nicht steigern.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 378

„Von hohem Interesse ist auch die Stellung beider Kategorien in der Erkenntnissphäre. Es ist wohlbekannt, daß die Wahrnehmung, das Erleben, die Anschaulichkeit und alles, was dieser noch irgend nahesteht, an den Einzelfällen hängt, ja sogar dazu neigt, sie in einer gewissen Verselbständigung zu nehmen, die sich bis zur Isolierung steigern kann; desgleichen, daß alles denkende und begreifende Erkennen in erster Linie am Allgemeinen hängt, wie denn die Begriffsbildung und der ganze logische Ordnungsapparat sich in Allgemeinheiten bewegt, die nun ihrerseits leicht verselbständigt werden. Dahinter steht die Zweiheit der Erkenntnisquellen, der aposteriorischen und der apriorischen, deren Gegensatz ja eben dieser ist, daß jene vom Einzelnen her, diese vom Allgemeinen her erkennt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 378-379

„Dieses Verhältnis ist ein vollkommen eindeutiges, was das Begreifen anlangt, obschon die Abstraktion in der Verstandestätigkeit gemeinhin nicht entfernt so weit geht, wie man zu meinen geneigt ist, wenn man sich an den Methoden der Gesetzeswissenschafteb (der exakten) allein orientiert. Was aber die Wahrnehmung und das Erleben angeht, ist das Verhältnis keineswegs so einfach. Es ist ein Irrtum zu meinen, daß die Wahrnehmung wirklich das Individuelle erfasse. Sie hängt zwar am Einzelfall und ist durchaus nur Gegebenheit des Einzelfalles, aber sie gibgt ihn keineswegs in seiner Einzigartigkeit; sie sieht gerade über die feineren Unterschiede hinweg, erfaßt den Fall nur in gewissen Zügen oder Umrissen, auf die es ihr ankommt, und diese sind zumeist gemeinsame Züge vieler Fälle.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 379

„Die Wahrnehmung, das Erleben und das Erfahren sind dadurch charakterisiert, daß sie selektiv erfassen. Sie unterliegen dem praktischen Interesse und den lebensaktuellen Belangen, und sie bringen die Gesichtspunkte der Auswahl schon ihrerseits in die anschauliche Auffassung der Einzelfälle hinein. Diese Auffassung ist deswegen weder eine solche des Allgemeinen noch eine solche des Individuellen; sie hält sich vielmehr bei allem, was ihr begegnet, an eine gewisse mittlere Linie, an das »Typische«. Sie hebt damit gerade das relativ Allgemeine heraus, sieht am wirklich Einzigartigen (der qualitativen Einzigkeit) vorbei, glaubt aber das Individuelle zu erfassen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 379

„Sie täuscht sich darin grundsätzlich; sie verwechselt das dunkle apriorische Wissen darum, daß jeder Fall einzig ist, mit dem Erfassen der Einzigartigkeit selbst. Jenes Wissen bringt sie mit, aber es betrifft nur die numerische Einzigkeit. Sie inhaltlich zu erfüllen, hat das anschaulich-erlebende Erfassen meist gar nicht die Neigung. Es gleitet über die Tiefe der qualitativen Differenzierung achtlos hinweg. Es begnügt sich mit dem in vager Analogie erfaßten Typenhaften an Dingen, Geschehnissen, menschlichen Situationen, ja sogar an den Personen selbst. Dieses Typenhafte, obgleich es ein nur oberflächlich gesehenes Allgemeines ist - ein Surrogat also des wirklich Allgemeinen sowohl als auch des Individuellen -, ist stets im Leben das Vordringliche.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 379

„Das ist eine lebensnotwendige Bereinfachung. Individualität erfassen ist Sache tieferen Eindringens, es bedarf des beonderen Einsatzes, der ruhigen Hingabe und Versenkung. Dazu hat das anschaulich erlebende Bewußtsein im Hingleiten über die Fülle der Eindrücke nicht die Kraft; das Lebenstempo selbst verbietet es ihm. Dieses Bewußtsein muß mit allem relativ schnell fertig werden, muß es einordnen, unterbringen. Das kann es nur durch das vereinfachte Sehen des Typischen. Nur sparsam kann es sich in das eine oder das andere versenken, und auch das nur, wo tieferes seelisches Bedürfnis dazu hindrängt. Am ehesten sind noch die Personen Gegenstände solcher Versenkung. Aber auch da neigt der Mensch auf Schritt und Tritt zu vorschnellen Analogien und Verallgemeinerungen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 380

„Die Verallgemeinerung in der Abstraktion ist nicht das, wofür man sie gerne hält, ist nicht ein nachträgliches Tun der Wissenschaft. Gerade im Leben abstrahieren wir ohne Rechenschaft, unbewußt und unkontrolliert im weitesten Maße. Das Erleben ist überhaupt ein Schweben in halber Abstraktion, und zwar je naiver es ist, um so mehr. Am skrupelosesten abstrahiert das kindliche Bewußtsein, bei dem selbst die Unterscheidung der Personen sich nur auf den engsten Kreis erstreckt. Und gerade mit dem Erwachen des Begreifens setzt die Individuation in der Anschauung ein. Wirklich individuell zu erfassen - wenn auch nur genähert -, ist wohl überhaupt nur das gereifte Bewußtsein imstande. Seine Fähigkeit zur Versenkung aber hängt bereits an einer weit auslangenden Überschau der Realzusammenhänge, wie nur das Begreifen sie gibt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 380

„Nur das Allgemeine stuft sich ab. Individualität als solche kann sich nicht abstufen, weil Einzigkeit und Einmaligkeit micht an der Höhe struktureller Differenzierung hängen,sondern in erster Linie an der Einmaligkeit der Kollokation im Realzusammenhange.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 380

„Aber es gibt sehr wohl eine Abstufung im Seinsgewicht der Individualität, und diese hängt freilich an der Höhe der Differenzierung. Da aber die letztere im großen Ganzen der Welt mit der Schichtenfolge des Realen steigt,so nimmt auch das Seinsgewicht des Individuellen mit der Schichtenhöhe erheblich zu. Diese Zunahme ist so auffallend, daß man sie meist für eine Stufenfolge der Individualität selbst gehalten, ja oft überhaupt nur den Gebilden der höheren Seinsschichten Individualität zugesprochen hat.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 380

„Es ist keineswegs nur das Dafürhalten des menschlichen Erlebens, das in den Prozessen der anorganischen Natur die Einmaligkeit des einzelnen Vorganges ignorieren zu können meint. Das Ignorieren hat auch einen sehr triftigen ontologischen Grund: die Individualität dieser Prozesse ist zwar vorhanden, aber sie ist in der Tat ontisch gewichtslos. Denn die inhaltlichen Unterschiede in den Prozessen sind relativ gering, das Identische in ihnen ist im entschiedenen Übergewicht. Das ist der Grund, warum die Wissenschaften, die von diesen Prozessen - und selbst von den typischen dynamischen Gefügen - handeln, sich an das Gleichartige in ihnen halten. Es sind Gesetzeswissenschaften.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 380-381

„Daß es auch vereinzelte Gegnstände dieser Seinsstufe gibt, an denen die Forschung auf das Einmalige geht - wie z.B. der Erdkörper als Gegenstand der Geologie und Geographie - ändert hieran nichts. Denn hier ist der Bezug auf den Menschen als Bewohner der Erde das Maßgebende.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 381

„Im Reich des Organischen verschiebt sich das Seinsgewicht schon ein wenig auf das Individuelle zu. Zwar ist in im Ganzen auch an den lebenden Individuen einer Art die qualitative Individualität nocvh minimal; aber sie ist ontisch nicht gewichtslos, weil minimale Abweichungen vom Arttypus phylogenetisch zu Faktoren der Artumbildung werden können. Das findet seine Bestätigung, wenn man die Entfaltung des lebens auf der Erde in ihrer zeitlichen und räumlichen Einmaligkeit ansieht, in der denn auch das Leben jeder Art als Stammesleben seine zeitlichen Grenzen und seine Einmaligkeit hat. Dieser Gesichtspunkt liegt uns im Leben fern, und selbst die Wissenschaft beobachtet und analysiert die Lebensfunktionen des einzelnen Organismus nur als die eines Repräsentatnten. Aber im realen Zusammenhang der Formen des Lebendigen ist doch die Einzigkeit des Stammeslebens ein Wesensmoment von hohem ontischen Gewicht. Zum Bewußtsein kommt uns das freilich nur, wenn wir vom Aussterben heute lebender Arten hören. Wirkliche Aktualität aber gewinnt es, wo es zum Stammesleben des Menschen selbst in seiner hohen rassischen und völkischen Differenzierung geht. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 381

„Dieses Seinsgewicht des Individuellen nimmt in den höheren Schichten ganz unverhältnismäßig zu. Auf der Stufe des Seelischen ist es getragen von der Innerlichkeit und Geschiedenheit der Bewußtseinswelten. Zwar täuscht sich der Mensch meist gar sehr über die Originalität seines eigenen Seelenlebens - es ist, wie die Chrakterologie und Psychologie wohl wissen, weit typenhafter, als wir naiverweise ahnen -, aber es bleibt doch genug an wesentlicher Ungleichartigkeit übrig. Und diese Ungleichratigkeit ist gerade für das Gesamtbild der menschlichen Gemeinschaften ein wichtiger konstitutiver Faktor. Denn die Gemeinschaften sind nicht Einheiten der Gleichartigkeit, sondern gerade der Ungleichartigkeit; und die Mannigfaltigkeit der Funktionen in ihnen hängt an der ,mannigfaltigkeit menschlich-seelischer Eigenart.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 381-382

„Noch weit mehr ausschlaggebend wird die Einzigkeit des Einzelmenschen an der Person als sittliches Wesen. Hier ist nicht die qualitative Andersheit allein wichtig, sondern vor allem die Unübertragbarkeit von Schuld und Verdienst, Vernatwortung und Entscheidungsfreiheit. Oder, um es prinzipieller auszusprechen: die Determinantion dessen, was der Einzelne in seiner Lebenssphäre dem Wirken und der Tendenz nach ist, ist hier selbst eine in ihrer Weise einzige und einmalige; und was von ihr an Aktivität ausgeht, ist unbeschadet der vielerlei gemeinsamen Einflüsse, denen sie unterliegt, doch das ihrige und kann in keiner Weise auf den Generalnenner irgend eines Allgemeinen zurückgebracht werden. Persönlichkeiten als solche sind darum nicht ersetzbar, wie sehr der Einzelmensch auch als Funktionsträger in der Gemeinschaft ersetzbar sein mag. Es bringt ein jeder als Person sein eigenes Prinzip in die Welt, und mit ihm verschwindet aus ihr auch das Prinzip.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 382

„Dieses ist kein Gleichnis, wennschon es ein unbeholfenes Bild für eine an sich nicht adäquat ausdrückbare Sache ist. Es ist damit dasselbe wie in der Geschichte mit den Völkern: ein jedes Volk bringt (nach dem bekannten Worte Hegels) sein eigenes Prinzip in die Welt. Es kann das Prinzip nicht übertragen, es kann es nur selbst an sich verwirklichen. Ein Irrtum Hegels war es, daß er dieses »Prinzip« nach Art der Substanz verstand. Aber eindrucksvoll kommen darin doch die Einmaligkeit und Einzigkeit der Völker in der Menschengeschichte zur Geltung, und zwar gerade sofern an ihr ein Wesenszug alles geschichtlichen Lebens hängt: die Unwiederbringbarkeit alles geschichtlichen Seins. Es ist hier nicht wie im Naturgeschehen, wo die neuen Vorgänge den alten im Wesentlichen gleichen und nur in Kleinigkeiten abweichen. Gerade nur die allgemeinsten Formen des geschichtlichen Geschehens kehren wieder, aber sie sind nichts als ein bloßes Schema; der überragende Reichtum des Besonderen und immer wieder Anderen ist hier das eigentlich Wesentliche. Das Wesentliche der Geschichte liegt im Einmaligen und nicht Wiederkehrenden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 382

„Noch mancherlei Abwandlungen wären hinzuzufügen, die hier zu weit führen würden. Eine der erstaunlichsten ist die im künstlerischen Werk, dessen Einzigkeit leicht in die Augen springt, und dessen geistiger Gehalt doch wieder weit darüber hinaus ins Allgemeine weist. Etwas ähnliches ist es mit Geistesprodukten aller Art, sofern sie sich geschichtlich über ihre Zeit hinaus - etwa im Schrifttum - erhalten und immer neue Interpretationen erfahren. Hier überall erscheint das Allgemeine in Form des Individuellen und gleichsam getragen von ihm. Aber die Art des Getragensseins führt auf eine lange Reihe neuer Probleme. Denn sie hat nichts gemein mit dem Enthaltensein des Allgemeinen in den Einzelzügen der »Fälle«, wie wir es sonst auf allen Gebieten des Realen kennen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 382-383

„Es wurde zu Anfang der Untersuchung über die Qualität (Kap. 35 a und b) ein engeres kategoriales Qualitätsproblem von dem weiten Gebiet der empirischen Beschaffenheiten unterschieden. Die drei Kategorienpaare: das Positive und das Negative, Identität und Verschiedenes, Allgemeinhiet und Individualität, gehören diesem engeren Problem an. In ihnen allein liegt der fundamentalontologische Gehalt des Qualitätsproblems. Das weite Feld der empirischen Beschaffenheit dagegen gehört, wie sich zeigte, der sinnlichen Gegebenheit und der ihr nahstehenden Auffassungsweise des unmittelbaren Erlebens an. Es ist also etwas ontologisch Sekundäres, und die realen Bestimmtheiten der Dinge, die der Mannigfaltigkeit sinnlicher Qualitäten entsprechen, sind etwas ganz anderes als Qualitäten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 383

„Das bedeutet nicht, daß die Kategorialanalyse die qualitative Mannigfaltigkeit, wie sie der Wahrnehmung gegeben ist, einfach ignorieren könnte. Es ist doch vielmehr so, daß der Aufbau der Wahrnehmungswelt, sofern er eine bestimmte Stufe des geistigen Seins ausmacht, mit in die Schichtenfolge der realen Welt hineingehört; wie denn die ganze Erkenntnissphäre mitsamt ihrer inhaltlichen Differenzierung sich der Seinsschicht des Geistes einordnet (vgl. Kap. 22 c und d). Zugleich aber besteht das Erkenntnisverhältnis, ontologisch angesehen, darin, daß die Inhalte des erkennenden Bewußtseins bestimmten Seinsformen zugeordnet sind. Diese Zuordnung ist nicht identisch mit jener Einordnung; in ihr vielmehr besthet die Erkenntnisrelation zum seienden Gegenstande.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 383

„Die qualitative Mannigfaltigkeit gehört als solche der sekundären Inhaltssphäre der Erkenntnis an und bleibt auch dort auf bestimmte Stufen beschränkt; quantitative Mannigfaltigkeit dagegen ist durchaus Sache des Realen selbst.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 391

„Ideales Sein deckt sich ... nur teilweise mit dem realen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 391

„Die Reichweite deds Quantitativen im Aufbau der realen Welt deckt sich ... nicht mit einem Ausschnitt der mathematischen Verhältnisse. Die Quantität des Realen ist nur in der niedersten Realschicht eine mathematische, und nur hier ist sei zahlenmäßig exakt faßbar. Weiter hinauf entzieht sie sich aller exakten Fassung, hört aber nicht auf, echte Quantität zu sein. Schon im Organismus ist das Meßbare mehr äußerlich, aber die Größenverhältnisse bleiben trotzdem wesentlich. In der Sphäre des Menschenlebens unterliegen nur nich die ökonomischen Verhältnisse mathematischer Gesetzlichkeit, und auch die nur in einem Teil ihrer bestimmenden Faktoren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 391

„Selbstverständlich aber liegt das eigentliche Seinsgewicht der Quantität im Bereich der unbelebten Natur. Und es ist kein Zufall, daß dieses in weitem Ausmaße mathematisch faßbar ist. Die relative Einfachheit und Durchsichtigkeit der Naturvorgänge ist eben identisch mit dem quantitativen Schema, dem sie unterliegen. Denn dieses ist ein in hohem Maße allgemeines und in der Allgemeinheit der mathematischen Größenverhältnisse faßbar. In den höheren Seinsschichten steigert sich sehr schnell die Höhe der Besonderung und die Komplexheit der Gefüge. Darum können dort die mathematischen Verhältnisse, selbst wo sie wirklich noch hineinreichen, nicht mehr das Wesen der Sache betreffen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 391-392

„Die Gegenstände der reinen Mathematik mitsamt ihren Gesetzen gehören dem idealen Sein an; diese selben Gesetze aber beherrschen weitgehend die Struktur- und Bewegungsverhältnisse der anorganischen Natur, zugleich aber auch die Denkzusammenhänge, soweit sie sich auf die Erkenntnis dieser Verhältnisse beziehen. Darum gibt es eine »exakte« Wissenschaft von diesen Naturverhältnissen, aber keine vom Seienden höherer Ordnung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 392

„Die Eaxktheit ist die Kehrseite der Primitivität des Mathematischen und deas rein Quantitativen überhaupt. Man kann auch sagen: sie ist die Kehrseite des aufs äußerste vereinfachten Verhältnisses von Seins- und Erkenntniskatgeorien, wie es eben nur auf Gegenstände der niedersten Schicht zutrifft.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 392

„Die Zahl ist inhaltsleer, sie allein ist reine Quantität, mit der räumlichen Dimensionalität setzt bereits ein Verhältnis von Maß und Größe ein, das eine, wenn auch blasse und gleichsam minimale, so doch durchaus inhaltliche Bestimmtheit vorausasetzt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 393

„Aber auch sonst gehört in die Philosophie der Mathematik vielerlei, was für die ontologische Kategorialanalyse viel zu speziell ist. z.B. eine Theorie der negativen Größen, der imaginären und komplexen Zahl sowie manches andere, was nur in der Rechnung und im Kalkül, nicht im Aufbau der realen Welt eine Rolle spielt. Von alledem soll hier nicht die Rede sein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 393

„Drei Gegensatzpaare:
1.) Eines und Vieles, 2.) Teil und Ganzes, 3.) Endliches und Unendliches.
Aber auch das genügt keineswegs. Man kann das Wesen der Zahl wohl annähernd in diesen Kategorien gegründet ansehen; aber die »Zahlenreihe« als solche - verstanden als kontinuierliche Reihe aller reellen Zahlen - geht darin nicht auf. Und dasselbe muß vom System der Zahlen mit seiner eigenartigen Gesetzlichkeit gelten, sofern es wiederum im Reihencharakter nicht aufgeht. Für die Seite des Erkenntnisproblems - also für die Quantität in der sekundären Sphäre des Begreifens (also innerhalb, und zwar in einem der obersten Bereiche der Seinschicht des Geistigen; HB) - ist außerdem noch der Gegensatz der rationalen und irrationalen Zahl von besonderem Gewicht. Denn hier ist die Grenze der kategorialen Identität im Bereich der Quantität selbst faßbar und damit zugleich die des mathematischen Apriorismus und der Berechenbarkeit des Realen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 394

„Das »Zählen« nach dinglichen Einheiten ist zwar ein Verfahren des Verstandes; aber die Anzahl der Dinge bestht auch ohne Zählung und vor ihr, und sie ist deswegen zählbar, weilsie schon an sich eine bestimmt große Menge von relativ gleichartigen Gebilden ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 394

„Sie Anzahl der Atome im Erdkörper mag nur in erster Näherung abschätzbar sein, aber sie ist auch ohne Abschätzung eine bestimmte in jedem Augenblick und als solche ihrerseits bestimmend für das innere Gleichgewicht, die Gestalt, Schichtenlagerung und Bewegungsverhältnisse der Erde.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 394

„Noch größere Bedeutung hat das ganzzahlige Verhältnis in der Wendung der Physik gewonnen, die sie durch die Quantentheorie erfahren hat. Die Voraussetzung der klassischen Physik, daß alle Prozesse kontinuierlich ablaufen, hat sich als irrig erwiesen; es gibt Quanten der Energieabgabe, die sich nicht mehr teilen, deren Multipla also stets ganzzahlige Verhältnisse ergeben. Die Kategorie der Diskretion bekommt auf diese Weise breiten Spielraum im Bereich der Naturvorgänge. Sie ist also gar nicht einaml auf »Gebilde« beschränkt. Soweit aber in der realen Welt die Diskretion und die Summierung gleicher Einheiten reicht, so weit reicht auch die einfache ganze Zahl.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 394-395

„Ist denn apriorische Anschauung auf Raum und Zeit beschränkt? Hat nicht die Phänomenologie unserer Tage ein viel weiteres Feld der Intution freigelegt? Und hat sich nicht bereits an einer ganzen Reihe von Fundamentalkategorien (vgl. S. 203 ff.; HB) erwiesen, daß sie im Aufbau der Anschauungswelt eine breite Rolle spielen?“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 396

„Die Zahl selbst ist ... ebensowenig Sache der Anschauung wie des Begriffs. Sie hat ein kategoriales Sein, das bestimmte Seiten am Seienden Concretum ausmacht - am idealen so gut wie am realen -, und alles Anschauen und Begreifen ist diesem Sein gegenüber ebenso sekundär wie überhaupt das Erkennen dem Sein gegenüber. Von diesem kategorialen Seinscharakter der Zahl aus ist Recht und Unrecht des mathematischen Intuitivismus leicht einzuschätzen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 396

„Die Zahl. im Sinnen solchen Seins verstanden, ist die rein quantitative und als solche inhaltslose Mannigfaltigkeit. Die Dimension, in der sie sich bewegt, ist gleichfalls durch nichts als ihre Allgemeinheit und Inhaltslosigkeit charakterisierbar. Sie ist deswegen auf alles übertragbar und ontisch in allem enthalten, was quantitative Bestimmtheit hat. Sie stellt den einfachsten kategorialen Typus der Reihe dar. Sie ist in ihrer Weise durchaus einzig, und dei Zahlenmannigfaltigkeit in ihr ist eine eindimensionale. Die koplexe Zahleneben fügt ihr zwar eine weitere Dimension hinzu, aber in Wirklichkeit ist es nur die Wiederholung derselben Dimension. Ein eigener Seinsbereich neben dem der reinen Quantität entspricht ihr nicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 397

„Die Vielheit selbst beruht auf Wiederholung der Eins.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 397

„Die Reihe der endlichen Zahlen geht ins Unendliche; sie reißt nicht ab, weder vorwärts ins Positive noch rückwärts ins Negative. Diese Unendlichkeit des Fortganges ist nicht die der Zahlen selbst, sondern die der Reihe, in deren Wesen es liegt, nicht abzureißen. Aber nach beiden Seiten nähern sich die Zahlenwerte dem Unendlichkeitsgroßen. Vom Ganzen der Zahlenreihe aus gesehen ist der Bereich der Endlichkeit in ihr nur ein Ausschnitt zu beiden Seiten des Nullpunktes, der ohne Grenze ins Unendliche übergeht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 398

„Nicht nur jede Zahl ist ein Ganzes, sondern auch die Eins, die das Aufbauelement in ihr bildet. Un wie jedes Ganze, ist auch sie teilbar. Das Wesen des Bruches ist nicht das, was der Bruchstrich für die Rechenoperation bedeutet, die Division des Zählers durch den Nenner, sondern die Teilung der Eins. Mit dem unbegrenzten Anwachsen des Nenners aber geht diese Teilung ins Unendliche.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 398

„Es ist ein Irttum, hierin eine Auflösung der Eins zu sehen. Die Eins gerade bleibt erhalten, denn alle Teilung bleibt auf sie ebenso rückbezogen wie die Reihe der ganazen Zahlen. Hebt man sie auf, so fällt auch der eindeutige Sinn der gebrochenen Zahl hin. Zwei Dinge aber sind es, die hierbei das Wesen der Zahl modifizieren:
1. Wie der unendliche Fortgang der Zahlenreihe nach beiden Seiten einen endlichen Ausschnitt um den Nullpunkt herum erkennen ließ, so läßt der unendliche Fortgang der Teilung zusammen mit jenem einen endlichen Ausschnitt von Zahlenwerten um die Eins herum entstehen. Während jener sich zwischen – und + bewegt, hat dieser jenen Spielraum zwischen und 1 / .
2. Da die gleiche Teibarkeit von jeder Einheit gilt, die Zahlenreihe sich aber aus Einheiten aufbaut, so nähert, so nähert sich mit dem Fortgang der Teilung ins Unendliche die Zahlenreihe - die zunächst eine diskrete war - dem Zahlenkontinuum. Dieses Continuum ist die Reihe aller ganzen und gebrochenen Zahlen, also aller reellen Zahlen überhaupt.
Aber es ist nicht schöpfbar durch die Reihe der in ganzzahligen Verhältnissen ausdrückbaren Zahlenwerte. Da aber alle Zahlenwerte sich in ihm bewegen- Diskretion in diesem Continuum sind -, so ist das Continuum der rellen Zahlen nichtsdestoweniger die kategoriale Grundlage und das eigentliche Gerüst der Zahlenreihe. - Von der endlichen Zahl aus ist es nicht ohne Grenzübergang zu erreichen. Das liegt keineswegs bloß an der Endlichkeit des rechnenden Verstandes. Es liegt vielmehr am Wesen des Continuums selbst, sofern es ein Unendliches höheren Grades (höherer »Mächtigkeit«) ist, als die Anzahl der ganzen und der in ganzzahliger Teilung bestehenden gebrochenen Zahlen ist. In diesem Continuum ist jeder beliebige Schnitt eine relle Zahl. Aber nicht jedem Schnitt entspricht ein in gazzahligen Verhältnissen ausdrückbarer Zahlenwert. Das Grenzphänomen, das hierfür beweisend ist, bildet das Auftreten der sog. »transzendentalen Zahl«.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 398-399

„Das ontologisch Wesentliche an der transzendentalen Zahl ist nicht, daß sie nicht genau berechenbar ist und daß wir sie nur in Näherungswerten angeben können - das vielmehr ist schon eine Folge -, sondern daß zwischen ihr und der Eins kein gemeinsames Maß ist. Darum kann sie auch weder mit einer ganzen Zahl noch mit einem durch Teilung der Eins entstandenen Bruch ein gemeinsames Maß haben. Das Verhältnis zwischen ihr und der endlichen Zahl ist ein inkommensurables. - Dieses Verhältnis ist nicht eine Spitzfindigkeit der Theorie. Es hat seinen Grund überhaupt nicht im Denken, sondern im Sein. Darum ist das mathematische Denken auch vom Sein her auf sein Bestehen aufmerksam geworden, und zwar ebensosehr vom idealen wie vom realen Sein her. Das Verhältnis der Diagonale zur Seite im Quadrat, das der Peripherie zum Durchmesser des Kreises, sind altbekannte Beispiele dafür. Vollends in der realen Welt sind inkommensurable Größen, streng genommen, gar nicht vorhanden: nimmt man den Maßstab von der einen her, so paßt er nicht auf die andere, nur die Ungenauigkeit unserer Meßmethoden täuscht uns ein Aufgehen vor.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 399

„Blickt man auf das Ganze der Zahlenreihe - verstanden als Reihe alle rellen Zahlen -, so erweist sich das System der endlichen Zahlen (einschließlich der endlich gebrochenen) als unfähig, die Reihe auszufüllen. Wie weit man die Teilung auch gehen läßt, es bleiben doch Lücken in der Reihe, und erst die transzendentale Zahl füllt die Lücken aus. Da ber das Continuum hier wie überall das Fundament der Diskretion ist, so muß man die Konsequenz ziehen, daß ontologisch die transzendentale Zahl mit ihrer weite höheren Mannigfaltigkeit den eigentlichen Grundstock der Zahlenreihe bildet, während die Mannigfaltigkeit der endlichen Zahlen innerhalb derselben Reihe nur ein System eingestreuter Sonderfälle ausmacht. Dieses System gleicht einem Netz, dessen Maschen sich zwar immer enger machen lassen, aber doch stets Maschen bleiben, die zwischen den Fäden Spielraum lassen. - Daß dem wirklich so ist, beweist die Tatsache, daß die Näherungswerte einer transzendentalen Zahl ihr zwar immer näher kommen, aber sie doch niemals erreichen. Mit welchen Methoden sie errechnet werden, ist dafür ganz gleichgültig. Verschieden ist nur die Grenze, bis zu der sich die Näherungswerte vortreiben lassen. Das Verhältnis zum Grenzwert aber bleibt in aller Näherung grundsätzlich das gleiche.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 399-400

„Der infinitesimale Bau der Zahlenreihe, der im Phänomen der transzendentalen Zahl anschaulich wird, wäre nun von geringer ontologischer Relevanz, wenn es dabei nur um das System der Zahlen selbst, seine Gesetze und die Grenzen der Rechnung ginge. Denn so rein in sich betrachtet, hat dieses System keinen weiteren Inhalt, es ist die reine, leere Quantität, die noch nicht Quantität von etwas ist. Alle Verhältnisse, die es umfaßt, spielen nur nur in der idealen Sphäre; und gerade an der Gleichgültigkeit dieser Verhältnisse gegen allen realen Inhalt ist der Charakter des idealen Seins als solchen faßbar.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 400

„Aber es geht hier keineswegs bloß um das Zahlensystem selbst. Wie die Entdeckung des Zahlenkontinuums an gewissen Problemen der Geometrie und der Mechanik haftete, so ist umgekehrt zu sagen, daß allgemein der Aufbau der Größenverhältnisse in Raum und Zeit, also auch der von Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung, bereits auf dem Prinzip der kontinuierlichen Größenänderung beruht. Es geht also im eminenten Sinne um Realverhältnisse, und zwar gerade um diejenigen, in denen überhaupt die Quantität des Seienden ihre größte konstitutive Kraft entfalten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 400

„Geht man der Geschichte der Infinitesimalrechnung nach, so findet man das ontologische Grundverhältnis durch eine uferlose Reihe schwerfälliger mathematischer Begriffe verdeckt, die alle den Zweck verfolgen, die kleinsten Größenunterschiede allererst mathematisch faßbar zu machen. Die Berechenbarkeit bewegt sich hier notgedrungen in Näherungsmethoden, bei denen es dann daruf ankommt, die Fehlergrenzen selbst faßbar zu machen. In den allgemeinen Überlegungen aber (im Kalkül) spielt gerade der Faktor des nichtfaßbaren Unendlichkleinen selbst die entscheidende Rolle. Es ist immer wieder mit Recht betont worden, daß die Methematik nicht mit dem Unendlichkleinen »rechnet«. Aber sie kalkuliert es ein und seztz es in seiner Unberechenbarkeit schon im Ansatz ihrer Gleichungen voraus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 400

„Dieses im Ansatz Vorausgesetzte ist es aber, was in der Richtungsänderung der Kurve, im Gecshwindigkeitszuwachs der räumlichen Bewegung, kurz in der realen Größenänderung selbst das eigentlich Grundlegende ist. Denn die Größenänderung ist hier überall eine kontinuierliche, nicht in sprunghaft getrennte Stadien auflösbare. Da aber die Überlegung notgedrungen von dem endlichen Größenunterschied getrennter Stadien ausgehen muß, so geht sie eben vom ontisch Sekundären aus und kann zum Primären nur durch den gedanklichen Sprung gelangen, mit dem sie das Zusammenrücken der Stadien vorwegnimmt. In dieser Vorwegngahme weiß sie, daß auch die Größenunterschiede selbst hierbei »verschwinden«, d.h. sich der Null nähern. Aber sie setzt voraus, daß selbst in diesem ihren »Verschwinden« das Verhältnis der Größenunterschiede sich erhält.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 401

„Diese letztere Voraussetzung ist es, auf die alles ankommt. Sie ist bekannt aus der Formulierung Leibnizens, daß die Gesetze des Finiten sich im Infiniten erhalten. Von der mathematischen Überlegung aus aber ist dieser Satz nur ein Postulat. Beweisen läßt er sich nicht. Er erthält seine Bestätigung nur dadurch, daß die Rechnung, deren Ansatz unter seiner Voraussetzung gemacht wurde, zu Resultaten führt, die innerhalb gewisse Fehlergrenzen sich an dem Realphänomenen bestätigen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 401

„Die Bestätigung aber berechtigt nun ihrerseits dazu, das Vorausgesetzte als das eigentliche Grundmoment der in Frage stehenden Realverhältnisse anzusehen. Die Paradoxie daran ist nicht aus der Welt zu schaffen. Die Bewegung in einem Zeitpunkt steht still; dennoch soll sich die Geschwindigkeit aus Inkrementen der Beschleunigung aufbauen, die im Zeitpunkt einsetzen und selbst keine eigentlichen Größen mehr sind. Die Strecke der Kurve im Raumpunkt wird gleich Null, aber ihre Richtung soll sie auch im Punkte behalten, und das Inkrement der Richtungsänderung soll gerade im Punkte einsetzen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 401

„Aber die Paradoxie besteht nur für die Anschauung. Das begreifende Denken sieht relativ leicht ein, daß so etwas nicht nur grundsätzlich möglich ist, sondern auch im Realen wirklich sein muß, wenn anders die Bewegung der Massen im Raum, die Beschleunigung, die Bahnen der Umläufe und der stetige Wechsel der Bahngeschwindigkeiten Realität haben sollen. Von alledem würde sonst eben nichts zustande kommen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 401

„Der Gedanke der »infinitesimalen Realtät«, der vor 40 Jahren im Neukantianismus aufkam, antbehrt im Hinblick auf die Kontinuität gewisser Realprozesse nicht der Berechtigung. Das Erstaunliche ist nur, daß er damals als Argument für den reinen Denkidealismus verwandt wurde: weil das Unendlichkleine nur im Denken besteht, während die realen Vorgänge der Bewegungsveränderung u.a.m. sein Bestehen voraussetzen, so sollte folgen, daß die Realität dieser Vorgänge nur im Denken besteht. Die Ontologie schließt mit größerem Recht umgekehrt: weil die Vorgänge der Bewegungsveränderung und alle ihr verwandten echte Realprozesse sind, diese Realprozesse aber das Unendlichkleine voraussetzen, so folgt, daß das Unendlichkleine in ihnen real sein muß. Ja, es folgt, daß das Unendlichkleine das eigentlich konstituierende Grundmoment ihrer Kontinuität ist. Der berechtigte Sinn des Begriffs eine »infinitesimalen Realtät« hat sich also im Vergleich mit dem, was seine Urheber mit ihm meinten, als der umgekehrte erwiesen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 401-402

„Nicht darauf beruht der durchgreifende und in aller Wissenschaft beispiellose Erfolg der Unendlichkeitsrechnung in den exakten Wissenschaften, daß sich das rechnende Denken vom Sein entfernte, um es durch einen Kunstgriff gleichsam zu überspringen und erst im Resultat wiederzufinden. Vergeblich hat die Fiktionentheorie die Sachlage so zu deuten gesucht; es ist ihr nicht gelungen, einleuchtend zu machen, wie der Kunstgriff über ein Netz komplizierter Umwege wieder treffsicher auf Gegebenes hinausgelangen sollte, wenn diese Umwege lediglich solche der Abstraktion sind. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 402

„Jener beispiellose Erfolg beruht vielmehr auf einer Annäherung an die wirklichen Seinsverhältnisse, wie sie die Anschauung und der mit endlichen Größen rechnende Verstand nicht aufbringt. Das Continuum der Größenänderung ist eben unanschaulich. Es zu erfassen kann nur in der Entfernung von der Anschauung gelignen. Aber Entfernung von dert Anschauung ist nicht Entfernung vom Realen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 402

„In gewissem Sinne ist es wahr, daß diese Kunstgriffe der Rechnung selbst wiederum die Anschauung erweitern: das zunächst Unübersichtliche wird auf diese Weise in der Tat zusammenschaubar; aber der Grad der Anschaulichkeit verliert sich doch mit ihrer Erweiterung immer mehr. Und von einer gewissen Grenze ab - die z.B. im Rechnen mit dem Logarithmus längst überschritten ist - versagt sie ganz. Die Rechenmethoden aber bewegen sich mit ungeschmälerter Sicherheit weit darüber hinaus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 405

„Kategoriale Gesetze haben natürlich selbst auch den Charakter von Kategorien, und da sie allgemein sind, von Fundamentalkategorien (vgl. S. 203 ff.; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 413

„Das Kategorienreich ist eine mehrdimensioanle Mannigfaltigkeit. Es geht in keinem einfachen Reihenschema auf. Als die auffallendste Dimension dieser Mannigfaltigkeit hat sich die der »Höhe« ergeben, in der die Seinsschichten einnander überlagern. Eine zweite liegt in der inhaltlichen »Breite« der Schichten, d.h. in der Nebenordnung zusammengehöriger Kategorien gleicher Höhe. Diese beiden Dimensionen bestimmen den Spielraum der kategorialen Gesetzlichkeit. Neben ihnen spielt nur noch das Verhältnis von Prinzip und Concretum eine bestimmende Rolle in ihr. Es ghet seiner Stellung nach der kategorialen Mannigfaltigkeit voraus und beansprucht das in der reihe der Gesetze den Vortritt. Der Dimension nach steht es quer zu allen Unterschieden der Kategorien unter sich, sowohl der »Höhe« als auch der »Breite« nach.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 416-417

„Untergeordnet dagegen ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis der Sphären. Die beiden sekundären Sphären gehören ohnehin dem geistigen Sein an, orden sich also der Schichtenfolge des Realen ein; die ideale Seinssphäre aber tritt nur auf einigen wenigen Gebieten selbständig neben die Realsphäre - z.B. im Gebiet des rein Quantitativen -, und im übrigen ist alle Seinsbestimmtheit in ihr eine unvollständige. Zu der Unvollständigkeit aber sind auch die kategorialen Verhältnisse nicht voll entwickelt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 417

„Die Erkenntnissphäre ist freilich in diesem Zusammenhang von hohem Interesse. Hier hängt am Kategorienverhältnis der ganze Einschlag des Apriorischen und unmittelbar also die Grundlage alles Begreifens, Verstehens, tieferen Eindringens. Aber eine allgemeine Gesetzlichkeit, welche die Übereinstimmung von Erkenntniskategorien und Seinskategorien (d.h. die Reichweite und Begrenzung ihrer Identität) beträfe, gibt es nicht. Jene partiale Wiederkehr der Realprinzipien im Verstande, an der alle Einsicht höherer Ordnung häüngt, ist ontologisch gesehen ein Anpassungsprodukt des Menschenwesens an die Realverhältnisse, auf denen es beruht und in denen es lebt. Alles ist hier praktisch durch Lebensbedürfnisse und Lebensaktualitäten bestimmt - also durch sekundäre Verhältnisse komplexester Art. Es ist nicht durch Gesetze bestimmt, die an den Kategorien als solchen bestehen, sondern durch Verhältnisse, die am Concretum bestehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 417

„Die Kategoriale Gesetzlichkeit selbst ergibt sich nun bereits unschwer aus der Betrachtung der Seinsgegensätze - ihrer Zusammenhämge und ihrer Schichtenabwandlung -, und sie wird dabei in vielen Stücken unmittelbar einsichtig, kann aber auf dieser basis nicht als erwiesen gelten. So lassen sich an der Überlagerung der Schichten ohne weiteres Schichtungsgesetze der Kategorien ablesen, die ihrerseits wieder in einem Grundsatz wurzeln; ferner ergibt sich, sobald der Typus der Schichtung erfaßt ist, auch die in der gleichen Höhendimension spielende Abhängigkeit, die sich ebenfalls in Gesetze fassen und auf einen Grundsatz zurückführen läßt. In beiden Fällen ist das Verhältnis zwischen dem Grundsatz und der voll entwickelten Reihe der Gesetze dadurch bestimmt, daß die letzteren untrennbar zusammengehören und gleichsam alle miteinander nur eine einzige, einheitliche Gesetzlichkeit ausmachen; diese ist nur zu vielseitig, um sich übersichtlich in einer einzigen Gesetzesformel aussprechen zu lassen. daraus folgt die formale Notwendigkeit, sie in mehrere Gesetze zu zerlegen und diese gesondert zum Asudruck zu bringen. Daß die Zerlegung beide Male je vier Gesetze ergibt, ist der Sache äußerlich. Die Zerlegung und Fassung könnte ohne inhaltlichen Unterschied auch eine andere sein. Der Inhalt der Gesetze selbst dagegen ist nicht willkürlich veränderbar. Man kann ihn in aller möglichen Einteilung und Formulierung nur entweder treffen oder verfehlen, aber nicht modifizieren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 417-418

„Diesen beiden Typen der Gesetzlichkeit in »vertikaler« Diemnsion stehen zwei andere gegenüber, die der Sache nach in ihnen bereits vorausgesetzt sind. Die eine von ihnen betrifft die »horizontale« Mannigfaltigkeit der Kategorien gleicher Schichtenhöhe. Sie ist eine Gesetzlichkeit des inneren Zusammenhanges, welche jede der Kategorienschichten in sich selbst zur Einehit zusammenschließt. Sie steht mit den Beziehungsgesetzen der »Höhe« in engster Verbindung und ist ohne sie nur zur Hälfte verständlich. Die andere dagegen hält sich an das Verhältnis von Prinzip und Concretum, oder richtiger, sie spricht dieses Verhältnis allererst in Gesetzesform aus. Diese letztere Gesetzlichkeit steht unabhängig von den drei anderen Gesetzestypen da, ist auch ohne sie zu verstehen und geht deswegen ihnen allen voraus. Sie ist fundamentaler als die übrigen alle, aber auch formaler, elementarer und für den Aufbau der realen Welt von geringeremn Interesse. Aber sie ist keineswegs selbstverständlich. Sie wird vielmehr erst faßbar, nachdem die ganze Reihe der alten Vorurteile, das Wesen der Prinzipien betreffend, endgültig gefallen ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 418

„Auch diese beiden Typen der Gesetzlichekit sind zu komplex, um in einer einzigen Gesetzesformel zum Ausdruck zu kommen. Auch sie werden erst in der Zerlegung durchsichtig. Der Zerlegung kommt hier eine natürliche Gliederung der Wesensmomente entgegen, aber die Vierzahl der Gesetze ist irrelevant und könnte sehr wohl einer anderen Aufteilung weichen. In beiden aber läßt sich je ein Grundsatz aufweisen. Diese beiden Grundsätze sind außerordentlich einfach. Sie leuchten unmittelbar ein, wenn man den ganzen Gang der Untersuchung bis zu diesem Punkte verfogt hat.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 418

„Hiernach lassen sich vor der Behandlung der Gesetze selbst die vier Grundsätze der kategorialen Gesetzlichkeit zusammenstellen. Sie können in dieser Allgemeinheit freilich nur der Übersicht dienen.
1. Der Grundsatz der Geltung: Kategorien sind das, was sie sind, nur als Prinzipien von etwas; sie sind nichts ohne ihr Concretum, wie dieses nichts ohne sie ist.
2. Der Grundsatz der Kohärenz: Kategorien bestehen nicht als einzelne für sich, sondern nur im Verbande der Kategorienschicht; sie sind durch ihn gebunden und mitbestimmt.
3. Der Grundsatz der Schichtung: Kategorien der niederen Schichten sind weitgehend in denen der höheren Schichten enthalten, aber nicht umgekehrt diese in jenen.
4. Der Grundsatz der Dependenz: Abhängigkeit besteht nur einseitig als die der höheren Kategorien von den niederen; aber sie ist eine bloß partiale Abhängigkeit, sie läßt der Eigenständigkeit der höheren Kategorien weiten Spielraum.
In solcher Fassung können die Grundsätze noch kaum etwas vom eigentlichen Gehalt der kategorialen Gesetzlichkeit verraten. Auch ist ihre Einsichtigkeit in dieser Allgemeinheit nur eine verschwommene. Das ganze Gewicht der Aufgabe fällt also auf die genauere inhaltliche Explikation dessen, was sie eigentlich besagen. Das kann nur in der Zerlegung der Grundsätze in die Teilgesetze geschehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 418-419

„1. Das Gesetz des Prinzips:
Das Sein einer Kategorie besteht in ihrem Prinzipsein. Daß etwas Prinzip einer Sache ist, heißt nichts anderes, als daß es bestimmte Seiten der Sache determiniert, resp. für sie »gilt«. Die Kategorie hat kein anderes Sein als dieses ihr Prinzipsein »für« das Concretum.
2. Das Gesetz der Schichtengeltung:
Die Determination, die von einer Kategorie ausgeht, ist in den Grenzen ihrer Geltung - also innerhalb der Seinsschicht, der sie zugehört - eine für alles Concretum unverbrühlich bindende. Es gibt von ihr keine Ausnahme, und keine Macht außer oder neben ihr vermag sie aufzuheben.
3. Das Gesetz der Schichtenzugehörigkeit:
Die unverbrüchliche Geltung einer Kategorie besteht aber nur am Concretum der ihr zugehörigen Seinsschicht. Außerhalb der Schicht kann sie - soweit sie da überhaupt besteht - nur eine beschränkte und modifizierte sein.
4. Das Gesetz der Schichtendetermination:
Am Concretum ist durch die Kategorien seiner Schicht alles Prinzipielle nicht nur unverbrüchlich, sondern auch vollständig determiniert. Das Concretum der Schicht also ist durch sie auch kategorial saturiert und bedarf keiner anderweitigen Bestimmung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 420

„Der Grundsatz der kategorialen Kohärenz (vgl. S. 418; HB) besagte, daß jede Kategorie durch den Verband der ganzen Kategorienschichtgebunden und inhaltlich mitbestimmt ist, also kein Bestehen außer ihm hat. Darin sind deutlich vier Momente enthalten, die sich gesondert formulieren lassen:
1. Die Gemeinsamkeit der Geltung.
2. Die inhaltliche Zusammengehörigkeit.
3. Der Totalitätscharakter dees Schichtenverbandes.
4. Das inhaltliche Mitbestimmtsein der Einzelkategorie durch ihn.
Diesen vier Momenten entsprechen die vier Gesetze der kategorialen Kohärenz:
1. Das Gesetz der Verbundenheit. Die Kategorien einer Seinsschicht determinieren das Concretum nicht isoliert (jede für sich), sondern nur gemeinsam, in Verbundenheit. Sie bilden zusammen eine Determinationseinheit, innerhalb deren die einzelnen Kategorien wohl sehr verschieden vorwiegen oder zurücktreten, aber nicht für sich determinieren können.
2. Das Gesetz der Schichteneinheit. Die Kategorien einer Schicht bilden auch in sich selbst eine unlösliche Einheit. Die einzelne besteht nur zurecht, sofern die anderen zurecht bestehen. Ihre Verbundenheit in der Determination wurzelt in ihrer eigenen inhaltlichen Verflochtenheit. Es gibt keine isolierten Kategorien.
3. Das Gesetz der Schichtenganzheit. Die Einheit einer Kategorienschicht ist nicht die Summe ihrer Elemente, sondern eine unteilbareGanzheit, die das Prius vor den Elementen hat. Die Schichtenganzheit besteht in der Wechselbedingtheit ihrer Glieder.
4. Das Gesetz der Implikation. Die Ganzheit der Schicht kehrt an jedem Gliede wieder. Jede einzelne Kategorie impliziert die übrigen Kategorien gleicher Schicht. Jede einzelne hat ihr Eigenwesen ebensowohl außer sich in den anderen Kategorien wie in sich; die Kohärenz der Schicht aber ist ebensowohl an jedem Gliede als auch am Ganzen vollständig vorhanden.
Es ist diesen Kohärenzgesetzen leicht anzusehen, daß sie alle ein und dasselbe Grundverhältnis ursprünglicher Verbundenheit ausdrücken. Sie zeigen es nur von verschiedenen Seiten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 433-434

„Hegels Dialektik ... ist eine Metaphysik der kategorialen Implikation, die unter den großen Theorien der Vergangenheit einzig dasteht. .... - In dieser Theorie hat die kategoriale Differenz ein sehr bestimmtes Thema angenommen. Man kann es in drei Momente zerlegen:
1. Die Antithetik, das an jeder Kategorie auftretende Widerspiel von These und Antithese, welches über sie hinausweist.
2. Die Synthese, das Hervorgehen der neuen Kategorie aus dem Widerstreit.
3. Der ideologische Aufstieg in dieser Bewegung, in dem sich die niedere Kategorie jedesmal als ein bloßes Moment der höheren erweist.
Das bekannteste dieser drei Momente ist das erste, die Antithetik. Man kann es nicht damit abtun, daß es viel zu sehr verallgemeinert auftritt. Faktisch gibt es freilich auch ganz andere, einfache Implikation der Kategorien; aber es gibt doch auch mehr Widerstreit, als das harmonische Denken meint, und Hegel hatte nicht nur recht, ihn aufzudecken, sondern sein Verfahren ist auch das Mittel, ihn aufzuspüren. Auf diese Weise gelang ihm eine ganze Reihe wichtiger Entdeckungen. - .... Der echte Widerstreit der Sache ist, namentlich in den niederen Seinschichten, nicht entfernt so dicht gesät, wie die Einseitigkeit der Begriffe uns vortäuscht (vgl. Kap. 32 a und c). - So haben wir in der Hegelschen Dialektik manche echte Sachantinomie, die der kategorialen Struktur anhaftet, daneben aber viele unechte. Die saubere Scheidung der einen von den anderen ist eine Arbeit der speziellen Analyse, die bis heute noch nicht geleistet, ja kaum in Angriff genommen ist. - .... Es liegt auf der Hand, daß eine Dialektik, die spekulativ am Begriff hängt, sich auch konstruktiv weit von der realen Welt und ihren Kategorien entfernen kann. Das wird bei Hegel sehr sichtbar in der Art, wie seine Synthesen sich über die Antithetik aufbauen. Dieses Synthesen sind nicht Auflösungen des Widerspruchs, sondern nur seine »Aufhebung« in ein anderes, in dem er erhalten bleibt. - .... In der Konstruktion von Synthesen liegt die eigentliche innere Gefahr einer spekulativen Dialektik; in ihr ist auch das Hauptmoment des Unreellen in der Hegelschen Dialektik zu suchen. Freilich gibt es unter den Synthesen Hegels solche, die wirklich ein Sachverhältnis treffen und damit ein Kategorienverhältnis aufdecken; das gilt in erster Linie von denjenigen, die auf dem Gebiete des geistigen Seins liegen. Aber gerade das ist verführerisch im Hinblick auf die lange Reihe der übrigen Synthesen; es erweckt den Schein, als wären auch sie an der Sache selbst gewonnen. .... - Vollends irreführend aber ist das dritte Moment (neben der Antithetik und der Synthesis), der Aufstieg. Wenn jedes komplexe Kategorienverhältnis eine höhere Kategorie impliziert, so wird damit nicht nur die Implikation überhaupt aus ihrer natürlichen Dimension, der »Horizontalen«, in ein Höhenverhältnis verschoben, sondern das Höhenverhältnis wird auch ganz eindeutig als die einseitige, nicht umkehrbare Abhängigkeit des Niederen vom Höheren verstanden. Damit aber wird eine gewaltige Vorentscheidung über den Aufbau der realen Welt getroffen. Der Gesamtaspekt ist dann eine einzige ununterbrochene Kette kategorialer Dependenz - ähnlich wie die im Neuplatonismus entworfene -, wobei letzten Endes alles am höchsten Gliede hängt: alles Mechanische ist schon oragnisch bedingt, alles Organische ist seelisch bedingt, und so immer weiter hinauf bis zum »absoluten Geiste«. Das Ganze der Welt hat sein Universalprinzip im Geiste. Damit ist dann alle eigentliche Untersuchung über die Schichtungs- und Abhängigkeitsverhältnisse der realen Welt überflüssig gemacht; ihr Resultat ist vorweggenommen. - .... Der Aufstieg ist das bedenklichste Moment in der Hegelschen Dialektik, dasjenige wodurch sie unreell wird und den Zusammenhang mit dem Gegebenen verliert. - .... Teleologisierung und Vermenschlichung der Natur. - .... Innere Gründe des Streites um die Dialektik. - Methodisch muß zu diesen Überlegungen bemerkt werden, daß man keineswegs jedermann ohne weiteres damit überzeugen kann. Es sind zwei Bedingungen dafür zu erfüllen:
1. Eine gewisse formale, denktechnische und inhaltliche Beherrschung der Hegelschen Dialektik.
2. Eine geweisse Distanz gegen sie.
Diese Bedingungen zu erfüllen ist außerordentlich schwer. - Erfahrungsgemäß fordert die denktechnische Beherrschung dieser Dialektik eine langjährige Hingabe an sie. Denn man kann sie nicht von außen fassen, man kann nur mit dem eigenen Denken in sie eintreten und ihre eigenartigen Gänge mitvollziehen. Ist man aber nach vielem Bemühen in ihren Duktus hineingelangt, so ist das eigene Denken auch von ihr erfaßt und geformt, man ist ihr verfallen, in ihr gefangen, hat keine Freiheit mehr gegen sie. Wer sie »beherrscht«, der wird vielmehr von ihr beherrscht und verliert das Urteil über sie. Das Organ der Kritik versagt. Diese Erfahrung bestätigt sich immer wieder. - Die innere Gefahr der Dialektik ist die unwiderstehliche Verführungskraft, die sie ausübt, sobald man ihre Kunst erlernt hat. .... - Weit schwieriger aber noch, als dieser Dialektik zugleich verstehend zu folgen und kritisch gegenüberzustehen, ist die Aufgabe, ihr auswertend gerecht zu werden. Sie ist nicht nur eine Methode des philosophischen Vorgehens, sondern auch eine Metaphysik der kategorialen Kohärenz, so gut wie die Kombinatorik eine solche war, nur mit überlegenen Mitteln und gesteigertem Anspruch. Und gerade in dieser Eigenschaft als Metaphysik ist sie für das Problem der Kategorien lehrreich .... - Kein objektiver Beurteiler wird ihr die Fülle ihrer inhaltlichen Errungenschaften bestreiten: die lange Reihe erstmalig herausgearbeiteter Probleme, Antinomien und kategorialer Strukturen. .... Die bedeutendsten Errungenschaften Hegels liegen auf der Höhe des geistigen Seins. Bis in diese Schichtenhöhe hinauf aber reichen die Wege heutiger Kategorialanalyse noch kaum. .... - Kategoriale Kohärenz und Verflüssigung der Begriffe. - .... Die Hegelsche Dialektik ... ist das Beispiel einer Begriffsbildung, die mit dieser Forderung (die Begrenztheit der Begriffe überhaupt aufzuheben uns sie selbst ineinander überfließen zu lassen; HB) in der Tat ernst macht. Die kategorialen Begriffe gehen hier selbst und als solche ineinander über. Als vereinzelte verschwinden sie damit im Duktus der Dialektik. Hegel nennt dieses die »Flüssigkeit« der Begriffe; und der Sinn dieser Verflüssigung geht dahin, daß erst durch sie die Begriffe tragfähig für ihren Gegenstand werden. Im Fortgange der Dialektik nämlich sagt immer erst der nächste, was der vorhergehende war; dieser war also ohne ihn gar nicht er selbst. Es ist zwar die Diskretion der Begriffe, an die sich hierbei der Wortausdruck hält; aber das Verhältnis selbst, das ausgedrückt wird, ist ein Continuum der Begriffe. Die Dialektik bleibt so zwar mit dem Widerspruch behaftet, weil das Begreifen mit der Scheidung der Begriffe behaftet bleibt. Aber sie ist doch der Ausdruck der Ungeschiedenheit und des Gegenteils ihrer selbst. - Hier trifft die Hegelsche Dialektik einen Punkt, der für die Fassung der kategorialen Kohärenz wesentlich ist. Von jeher hat die Definitionstechnik der klassischen Logik an den Kategorien versagt. Das liegt nicht am Einschlag der Irrationalität allein, es liegt auch an der Grenzziehung (definitio) als solcher; der unbegrenzte Begriff aber ist kein Begriff mehr. Man muß alos die Begriffe in ständiger Auflösung und Umbildung erhalten; und das eben ist es, was Hegel mit der Bewegung der Begriffe meint, ja was ihm auch in manchen Partien seiner Dialektik gelungen sein dürfte. Denn es läßt sich nicht verkennen, daß ihm auf diese Weise die lichtvolle und wahrhaft geniale Fassung von schwierigen Sachverhältnisse geglückt ist, die sonst nirgends durchsichtig gemacht werden konnten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 465-470

„Das Grundverhältnis - wie es der Grundsatz der Schichtung (vgl. S. 419; HB) ausspricht - läßt sich nun in vier Schichtungsgesetze auseinanderlegen, die ähnlich wie die Kohärenzgesetze (vgl. S. 433-434) erst zusammen eine einheitliche, wiewohl komplexe Gesetzlichkeit ausmachen. Voneinander getrennt bleiben sie einseitig und geben zu Mißverständnissen Anlaß, die ihren Inhalt verdunkeln
1. Das Gesetz der Wiederkehr. Niedere Kategorien kehren in den höheren Schichten als Teilmomente höherer Kategorien fortlaufend wieder. Es gibt Kategorien, die, einmal in einer Schicht aufgetaucht, nach oben zu nicht mehr verschwinden, sondern immer wieder auftauchen. Die Gesamtlinie solcher Wiederkehr hat die Form eines ununterbrochenen Hindurchgehens durch die höheren Schichten. Aber dieses Verhältnis kehrt sich nie um: die höheren Kategorien tauchen in den niederen Schichten nicht wieder auf. Die kategoriale Wiederkehr ist irreversibel.
2. Das Gesetz der Abwandlung. Die kategorialen Elemente wandeln sich bei ihrer Wiederkehr in den höheren Schichten mannigfaltig ab. Die besondere Stellung, die ihnen in der Kohärenz der höheren Schichten zufällt, gibt ihnen von Schicht zu Schicht neue Überformung. Was sich erhält, ist nur das Element selbst. An ihm als solchem ist die Abwandlung akzidentell. Im Aufbau der realen Welt aber ist sie ebenso wesentlich wie die Erhaltung.
3. Das Gesetz des Novums. Auf Grund der Wiederkehr ist jede höhere Kategorie aus einer Mannigfaltigkeit niederer Elemente zusammengesetzt. Aber sie geht niemals in deren Summe auf. Sie ist stets noch etwas darüber hinaus: sie enthält ein spezifisches Novum, d.h. ein kategoriales Moment, das mit ihr neu auftritt, das also weder in den niederen noch auch in deren Synthese enthalten ist und sich auch in sie nicht auflösen läßt. Schon die Eigenstruktur des Element-Verbandes in ihr ist ein Novum. Es können aber auch neue, eigenartige Elemente hinzutreten. Das Novum der höheren Kategorien ist es, was in der Wiederkehr der Elemente deren Hervor- und Zurücktreten sowie ihre Abwandlung bestimmt.
4. Das Gesetz der Schichtendistanz. Wiederkehr und Abwandlung schreiten nicht kontinuierlich fort, sondern in Sprüngen. Diese Sprünge sind allen durchgehenden Linien kategorialer Wiederkehr und Abwandlung gemeinsam. Sie builden an der Gesamtheit solcher Linien einheitliche Einschnitte. Auf diese Weise ergibt sich eine einzige Vertikalgliederung für alle Abwandlung durch die Höhendistanz der sich überlagernden Schichten. In diesem einheitlichen Stufenreich hat jede höhere Schicht der niederen gegenüber auch ein gemeinsames Novum: sie enthält die abgewandelte Schichtenkohärenz der niederen und taucht selbst mit der ihrigen abgewandelt in der nächst höheren auf. Sie enthält sich also - entsprechend dem Kohärenzgesetzen - in ihrer Gesamtheit nicht anders als die einzelnen Kategorien.
Einen strengen Beweis dieser Gesetze zu erbringen, wäre nur bei vollständiger Übersicht der Kategorien möglich. Davon kann im heutigen Stande der Kategorienlehre nicht die Rede sein. Sie zu einer gewissen Einsichtigkeit bringen kann man aber auch ohne strengen Beweis.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 475-476

„Daß überhaupt niedere Kategorien in den höheren als deren Elemente wiederkehren, ist die eigentliche Grundlage der kategorialen Schichtung. Was das »Gesetz« der Wiederkehr besagt, kommt erst heraus, wenn man den negativen Nachsatz hinzufügt;: diese Richtung der Wiederkehr läßt sich nicht umkehren. Es sind also wohl niedere Kategorien in den höheren als Elemente enthalten, aber nicht höherre in den niederen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 480

„Das Gesetz, das hier wirklich gilt, ... behauptet nicht, daß alle niederen Kategorien in den höheren wiederkehren, sondern nur, daß eoinige wiederkehren. Wieviele und welche wiederkehren, davon sagt es nichts. Wohl aber sagt es, daß die umgekehrte Wiederkehr nicht vorkommt, daß a,lso die Verbundenheit der Kategorienschichten miteienander ausschließlich auf dem Enthaltensein niederer Kategorien in den höheren beruht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 481-482

„Die Räumlichkeit als dimensionales System System beherrscht zusammen mit der Zeitlichkeit die ganze Mannigfaltigkeit der Gestalt- und Prozeßformen der Natur, sowohl der unbelebten als auch der belebten. Aber während die Zeitlichkeit auch das seelische und das geistige Sein mit umfaßt, bricht die Räumlichkeit mit dem Organischen ab. Die psychische Innenwelt, die Akte und Inhalte (falls es »psychische Akte und Inhalte« gibt; HB) ... sind unräumlich. Ihre Mannigfaltigkeit hat neben der Zeit ganz andere Dimensionensie sie mit Dingen und Dingprozessen unvergleichbar machen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 483

„Das Überlagerungsverhältnis der Kategorienschichten ist offenbar nicht überall dasselbe. Wenn es Einschnitte zwischen den Schichten gibt, über die hinweg alle Kategorien wiederkehren, und andere Einschnitte, über die hinweg ganze Gruppen von Kategorien nicht wiederkehre, so muß man schließen, daß die Art der Einschnitte selbst eine verschiedene ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 485

„Eine solche Grenzscheide der Überformungen haben wir besonders deutlich an dem Einschnitt zwischen organischem und seelischem Sein. Die räumlichen Formen und die raumzeitlichen Prozesse des Organischen gehen nichts als »Materie« in das Seelenleben ein, sie werden von den psychischen Akten und Inhalten (falls es »psychische Akte und Inhalte« gibt; HB) nicht »überformt«. Das Verhältnis ist hier ein anderes. Das seelische Sein erhebt sich zwar über dem organischen (falls es das tut; HB), aber nur wie ein »Überbau«, der das Material der niederen Stufe hinter sich läßt. Seine Inhalte sind aus anderem Stoff geformt (falls es überhaupt »Stoff« ist; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 485-486

„Das Verhältnis der seelischen Innenwelt zum Organischen und zum ganzen Stufenreich der Natur ist kein Überformungsverhältnis, sondern ein Überbauungsverhältnis (falls es überhaupt ein »Verhältnis« ist; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 486

„Seelisches Leben wird man durch keine Deutung als Überformung des organischen auffassen könnnen, denn es enthält nun einmal die räumlichen Prozesse des Organsimus nicht in sich.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 494

„Die »totale Wiederkehr« ... würde jener Begrenzung des Enthaltenseins widerstreiten .... Im Gegensatz zu dem früher entworfenen Bilde müßte es jetzt folgendermaßen aussehen. Eine Katgeorie, die einmal in einer Schicht aufgetaucht ist, könnte nach oben zu überhaupt nicht mehr verschwinden; sie müßte sich über die Schicht hinaus in allen höheren erhalten. Es könnte nur ein scheinbares Verschwinden, dem Phänomen nach, geben, nicht ein wirkliches, dem Sein nach. Und indem nun alle Kategorien von der Schicht aus, in der sie beheimatet sind, als einheitliche Linie kategorialer Bestimmtheit durch alle höheren Schichten hindurchgehen, sie gleichsam schneiden und dabei verbinden, würde sich das Bündel dieser Linien nach oben zu ungeheuer verdichten. Die höchsten Schichten brauchten deswegen nicht überdeterminiert zu sein. Die gewaltige Anhäufung der kategorialen Determination würde vielmehr durchaus ihrem Reichtum entsprechen “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 495

„Dieses vereinfachende Bild nun ist durchaus nicht willkürlich. Esentspricht ihm sehr wohl etwas in der realen Welt. Es wird nur mißverständlich, wenn man es direkt auf die Kategorienschichtung von Materie, Leben, Seele und Geist bezieht. Es wird aber durchaus zutreffend, wenn man die beden oberen Schichten nicht als Seele und Geist, sondern als Mensch und Gemeinschaft (oder anders; HB) oder auch als Mensch und Geschichte (oder anders; HB) versteht. - .... Denn der Mensch ist selbst ein geschichtetes Wesen, er ist auch Organismus, und folglich auch ein materiell-körperhaftes Gebilde. Insofern hat er die niederern Kategorien alls eals konstituierende Momente in sich. Er unterliegt der Schwere, dem Druck, dem Energieumsatz so gut wie dem Hunger, der Sterblichkeit und der Zeugung. Es kehr also in der Tat alles an ihm wieder, was dem Seienden der niederen Stufen eigen ist. .... - Man sieht, auf diese Weise ergibt sich in der Tat eine totale Wiederkehr aller niederen Kategorien in den höheren Schichten. Man muß sich also fragen, was denn das veränderte Bild der Schichtung ausmacht. Denn die Sache ist ja eigentlich so, daß die Schichtenfolge selbst verändert wäre, man rechnet ja gerade im Wesen des Menschen, der Gemeinschaft, des Volkes, der Geschichte mit denselben Schichten ...; man betrachtet sie nur in anders betonter Weise »an« den ontischen Gesamtgebilden (Mensch, Volk ...), an denen sie das spezifisch Unterscheidende gegenüber analogen Gebilden niederer Seinsstufe (Tier, Artleben) sind (und man gibt ihnen eine andere Bedeutung bzw. Wertigkeit; HB). Die Schichtenfolge also ist nicht gestört, sie ist nur in eine Stufenfolge der Gesantgebilde eingegliedert. Und die totale Wiederkehr gilt nun nicht eigentlich von ihr, sondern von den Kategorien dieser Stufenfolge enthaltenden Gesamtgebilde. - .... Diese Zusammenschau ist nicht nur berechtigt, sondern durchaus notwendig. Und so weit sie reicht, ist auch der Gedanke der totalen Wiederkehr ein berechtigter. Nur folgt daraus keineswegs, daß dieser Gedanke sich auch auf das spezifisch Unterscheidende des Menschen, des Volkes oder der Geschichte übertragen ließe. .... Der Einschnitt verschwindet nicht; und die analogen Einschnitte verschwinden auch weiter oberhalb im geistigen Sein nicht. Die tiefe Berechtigung der Schichtungseinheiten in den höheren Seinsgebilden hebt also die Grenzen des Überformungsverhältnisse innerhalb dieser Schichtungseinheiten in keiner Weise auf (mit anderen Schichtungseinheiten kann man aber das Ausmaß der »Überformung« bzw. »Überbauung« verkleinern; HB). - Vielmehr ist es doch gerade das große metaphysische Problem, wie derartig heterogene Seinsschichten in einem und demselben Mmenschenwesen - oder auch im Wesen von Gemeinschaft, Volk und Geschichte - so eng miteinanderverbunden sein können. Dieses Problem löst auch die Kategorienlehre keineswegs bis zu Ende. Sie kann nur in mancher Hinsicht tiefer hineinnleuchten (oder glauben, tiefer hineinzuleuchten, und dabei das wirklich tiefe Hineinleuchten vermissen lassen; HB), aber ein unlösbarer Rest bleibt bestehen. Es ist die Aufgabe der Philosophe nicht, das Unerkennbare beiseite zu schieben oder sein Bestehen zu bestreiten. Sie muß es anerkennen und einzugrenzen suchen. Das aber geschieht im vorliegenden Falle durch die klare Herausarbeitung der an bestimmte Einschnitte im Schichtenbau der Welt gebundenen Grenzen der kategorialen Wiederkehr. .... In ihrem ontischen Unterbau ... sind alle Kategorien von unten auf enthalten (der »Unterbau« als die Natur, bestehend aus der anorganischen und organischen Schicht, sind ja auch gar nicht das Problem; HB). - Die Kategorienlehre hat guten Grund, sich im Schichtungsverhältnis selbst an die Seinsschichten als solche zu halten (es geht doch aber »nur« um die Frage, welche Seinsschichten die »Seinsschichten als solche« sind bzw. sein sollen, und diese Frage impliziert eben auch die Frage, ob diejenigen, die dafür ausgewählt worden sind, auch wirklich die »Seinsschichten als solche« sind; HB) und nicht an die Stufenfolge der Gesamtgebilde (Sache, Lebewesen, Mensch, Gemeinschaft). (Wer bestimmt über die Bestimmung und Zuordnung von »Schichtenfolge« und »Stufenfolge«? ; HB). Denn eben weil diese Gesamtgebilde ein geschichtetes Wesen haben und darin dem Ganzen der realen Welt gleichen, kann die ontologische Analyse nicht von ihnen ausgehen. (Wer bestimmt über die Bestimmung und Zuordnung von »Schichtenfolge« und »Stufenfolge«? ; HB). Ihre Stufenordnung setzt eben vielmehr die Schichtung der Welt - als die an ihnen wiederkehrende und gleichsam mikrokosmisch sich abbildende - schon voraus. (Wer bestimmt über die Bestimmung und Zuordnung von »Schichtenfolge« und »Stufenfolge«? ; HB). Und eben diese Schichtung der Welt ist es, um deren Gesetzlichkeit es sich in den kategorialen Schichtungsgesetzen allererst handelt. (Diese »Schichtung« muß aber nicht die Folge »Anorganisches-›Organisches-›Seelisches-›Geistiges«, sondern kann auch z.B. die Folge »Anorganisches-›Organisches-›Organisatorisches(Öko-/Haus-/Wohnmäßiges)«-›Sprachliches(Zeichenhaftes/Medien)« haben; HB). - Der methodische Vorzug, den die Kategorialanalyse einstweilen dem reinen Schichtenverhältnis gibt, ist also kein willkürlicher, sondern ein seinerseits ontisch wohlbegründeter und durch die Problemlage gebotener. (Dies müßte - an dieser Stelle - eben begründet und die Problemlage erörtert werden. Wer oder was bestimmt das »reine Schichtenverhältnis«, die Schichtenfolge, die Bestimmung und Zuordnung der Schichten? Was gehört in welche Schicht oberhalb des Organischen? HB). ... - Darüber hinaus aber ist zu sagen, daß auch der andere Aspekt an seiner Stelle noch zu seinem Recht kommt, und zwar gleichfalls noch innerhalb des Themenkreises der kategorialen Gesetzlichkeit. Aber die Gesetze, die ihm gerecht werden, sind nicht mehr die der Schichtung (könnten sie aber sein; HB), sondern Gesetze der kategorialen Dependenz (müßten sie dann nicht mehr sein; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 496-498

„Es genügt nicht, im Auge zu haben, daß nicht alle Kategorien in allen Schichten wiederkehren. Sie schlagen auch dort, wo sie wirklich als Elemente enthalten sind, nicht gleich stark durch; die Regel vielmehr ist, daß sie in der höheren Struktur gegen diese zurücktreten. Sie sinken, je höher hinauf sie durchdringen, immer mehr zu untergeordneten Elementen herab und können als solche in den Phänomenen auch ganz verschwinden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 499

„Aber es ist auch nicht so, daß die Kombinatorik der niederen Elemente genügte, um höhere kategoriale Struktur zu ergeben. Vielmehr ist diese schon stets durch das Einsetzen neuer Kategorien bedingt. Ja, man kann nicht einmal sagen, daß die Elemente in ihrer Wiederkehr ganz gleich blieben; sie erscheinen zwar wieder, aber in neuem Gewande. Sie bleiben nicht unberührt von der Struktur der höheren Kategorien, in deren Bestand und Kohärenz sie eingehen. Damit aber ändert sich die Sachlage wesentlich.
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 499

„Die Kehrseite der Wiederkehr spricht das »Gesetz der Abwandlung« aus: die kategorialen Elemente wandeln sich bei ihrer Wiederkehr in den höheren Schichten mannigfaltig ab. Die besondere Stellung, die ihnen in der Kohärenz der höheren Schichten zufällt, gibt ihnen von Schicht zu Schicht neue Überformung. Was sich erhält, ist nur das Element selbst. An ihm als solchem ist die Abwandlung akzidentell. Im Aufbau der realen Welt aber ist sie ebenso wesentlich wie die Erhaltung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 499

„Das Gesetz der Abwandlung folgt eigentlich schon, wenn man das Implikationsgesetz in das Bild der Wiederkehr substituiert. Die wiederkehrende Kategorie rückt in den Verband der höheren Schichtenganzheit ein. Damit aber fällt sie unter die Kohärenz der höheren Schicht; und da diese in gegenseitiger Implikation besteht, so muß die niedere Kategorie mit den Elementen der höheren Schicht irgendwie behaftet sein. Denn eben das besagte das Gesetz der Implikation, daß der ganze kategoriale Zusammenhang einer Schicht an jedem ihrer Glieder vertreten ist. So muß denn notwendig eine Kategorie, die in die höheren Schichten durchdringt, in jeder von ihnen eine inhaltliche Beswonderung erfahren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 499

„Die Wiederkehr einer niederen Kategorie betrifft direkt immer nur eine oder einige wenige Kategorien der höheren Schicht, die anderen aber nur mittelbar. Niedere Einheitstypen tauchen nur an höheren Einheitstypen, niedere Kontinuitäten nur an höherer Kontinuität, niedere Gefügetypen mitsamt ihrer Gliederung nur am höheren Gefügetypus auf. Aber eben die höheren Typen sind andere Strukturen, und die Andersheit färbt ab auf das wiederkehrende Element. Durch die Kohärenz der höheren Schicht erstreckt sich die Wiederkehr freilich mittelbar auch auf die übrigen Kategorien der Schicht. Aber auch die höhere Kohärenz selbst ist eine andere als diejenige, aus der das Element kommt, und färbt nicht weniger ab. Bei den Fundamentalkategorien (vgl. S. 203 ff.; HB) fällt beides zusammen, weil sie die notwendigen Grundmomente kategorialer Struktur überhaupt sind. Darum läßt sich das Schichtungsverhältnis an ihnen so schön im Prinzip aufzeigen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 499-500

„Werfen wir einen Blick auf den Wandel von Einheit und Mannigfaltigkeit (7. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB). Ein anderes als die mathematische Eins und ihre Vielheit ist schon die Einheit des Dinges in der Mannigfaltigkeit seiner Beschaffenheiten; und wieder ein anderes ist die Einheit des Prozesses und die der dynamischen Gefüge, jene in der Vielheit, diese in der Verschiedenheit ihrer Elemente. Ganz anders ist wieder die um vieles höhere Schicht des Organismus in der Mannigfaltigkeit seiner Formen und Prozesse. Ganz unvergleichlich alledem ist die Einheit des Bewußtseins in seiner Akt- und Erlebnismannigfaltigkeit. So gehen die beiden Kategorien in fortschreitender Abwandlung auch durch die Stufen des geistigen Seins hindurch. Es gibt die Einheit der Person, die Einheit des Volkes, Einheit des Staates, Einheit der Wissenschaft, Einheit der Sprache, des geltenden Rechts, des Ethos, des Kunstwerkes. Das kategoriale Grundelement bleibt das gleiche, aber dies tritt immer wieder in ganz anderer Gestalt auf. Diese Andersheit ist durch den Schichtencharakter bestimmt, denn natürlich spielt eine Fülle anderer Kategorien in der Struktur der Einheitstypen mit. Das eben besagt der Satz, daß die Kohärenz der Schichten die Abwandlung bestimmt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 501

„Die geeignetsten Beispiele dürften diejenigen sein, die relativ einfach, aber dabei doch nicht gerade selbstverständlich sind. Von dieser Art ist das Gegensatzpaar Kontinuität und Diskretion (10. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB). Es ist leicht, die Kontinuen und Diskreta in der Zahlenreihe, in Raum und Zeit, in der Bewegung, im dynamischen Prozeß, in den Transformationen der Energie zu unterscheiden. Auch in der Kausalreihe sieht man beide noch ohne weiteres: den fortlaufenden Abhängigkeitszusammenhang, der eindeutig vom Früheren zum Späteren läuft, dabei aber seine sehr eigenartigen Einschnitte hat, die ihn mannigfach gliedern. Einen vollkommen anderen Typus des prozessualen Kontinuums haben wir dagegen im Reich des Organischen: Entfaltung, Entwicklung, formbestimmtes, immer zugleich formaufbauendes und formabbauendes Geschehen. Dieses Kontinuum ist begrenzt, der Lebensprozeß selbst setzt sich seine Grenzen. Im Großen, am phylogenetischen Gesamtprozeß, besteht diese Art Bewegung nicht; dafür gibt es hier in der relativen Konstanz der Arten, Gattungen, Ordnungen aufs neue ein ganzes System von Diskretionen, wie sie das niedere Seiende nicht kennt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 501-502

„Ein sehr eigenartiges Übergewicht der Diskretion finden wir dann im Seelenleben. Der Organismus gibt sein Leben weiter, er vererbt es; sein Bewußtsein kann niemand weitergeben, es entsteht in jedem Individuum neu. Innerhalb des individuellen Lebens aber ist es nicht weniger ein Kontinuum als das der Virtalprozesse. Weitere Typen des Kontinuums finden wir im verantwortlich-tätigen Leben der Person, im Denken, im Erkenntnisprozeß, zumal in dem überindividuellen der Wissenschaft, im Leben der Gemeinschaft und des von ihr getragenen objektiven Geistes. Und überall entspricht dem eigenartigen Kontinuum eigenartige Diskretion. Das merkwürdigste und vielleicht komplexeste Kontinuum liegt im geschichtlichen Geschehen vor, einem selbst wiederum mehrschichtigen Prozeß, dessen eigentliche Struktur - denn die Zeitlichkeit der Folge ist an ihm nur ein wiederkehrendes Element - durch das Ineinandertreffen sehr verschiedener Determinationsformen bestimmt ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 502

„Bedenkt man, daß jedes dieser Kontinuen eine besondere Kategorie bildet, so ist leicht zu ermessen, daß sich die ganze Fülle der Abwandlung erst an deren näherer Analyse ergebn würde. Aber schon das flüchtige Ableuchten legt eine weit größere Mannigfaltigkeit der Überformungen bloß, als man vom einfachen Elemetargegensatz aus erwarten sollte. Ganz anders noch steigert sich der Reichtum, wenn man mehrere Abwandlungslinien parallel zueinander verfolgt und dabei inne wird, daß keine der anderen gleicht, daß jede Grundkategorie ihre eigentümliche, auf keine andere übertragbare »Linie« beschreibt, daß also die Linien des »Bündels« nicht nur divergent, sondern auch strukturell, verschieden sind. Jede Kategorie zeigt in der Art ihrer Wiederkehr die Sondergesetzlichkeit einer eigenen Wandlungskurve.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 502

„Der Grund dafür kann weder in der Wiederkehr selbst liegen noch auch in dem bloßen Vor- und Zurücktreten der wiederkehrenden Elemente oder gar in ihrer bloßen Kombination. Hier zeigt sich vielmehr, daß hinter dere Abwandlung noch etwas anderes steckt, wodurch sie bereits wesentlich bestimmt ist. Dieses andere ist das Gesetz des Novums.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 503

„Das Gesetz besagt dieses: auf Grund der Wiederkehr ist zwar jede höhere Kategorie inhaltlich aus einer Mannigfaltigkeit niederer Elemente zusammengesetzt, aber sie geht in deren Summe nicht auf. Sie ist stets noch etwas darüber hinaus: sie enthält ein spezifisches Etwa, das erst mit ihr neu auftritt, das also weder in jenen Elementen noch in derern Synthese enthalten ist und sich auch nicht in sie auflösen läßt. Schon die Eigenstruktur des Elementen-Verbandes in ihr ist ein solches »Novum«. Es können aber auch neue, eigenartige Elemente hinzutreten. Das ist an jeder Schichtengrenze der Fall, in sehr gesteigertem Ausmaße aber dort, wo die Wiederkehr ganzer Kategoriengruppen abbricht und die Überfromung der Überbauung weicht. Der »Überbau« ist dann im wesentlichen das Werk vomn Kategorien, die erstmalig neu auf dieser Seinshöhe einsetzen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 503

„Das Nichtaufgehen der höheren Kategorien in den wiederkehrenden Elementen ist vielleicht das wichtigste Moment der Schichtungsgesetzlichkeit, obgleich es die bescheidene Form einer weiteren Begrenzung am Verhältnis des Ineinander-Enthaltenseins hat. Genügte nämlich die Wiederkehr der Elemente, um die höheren Seinsformen zu ergeben, so wären alles Seinsschichten und Stufen im letzten Grunde nur durch Fundamentalkategorien (vgl. S. 203 ff.; HB) bestimmt, und diese müßten genügen, den ganzen Reichtum des seelischen und geistigen Seins zu tragen. Theorien solcher Art sind oft versucht worden und immer gescheitert, auch dann, wenn man stillschweigend gewisse Seinskategorien unter die Elementarkategorien einschmuggelte. Sie mkußten scheitern, denn nicht einmal für das physisch-materielle Sein genügen bloße Elementarkategorien, und wenn man sie noch so sehr kombiniert dachte. Sie geben eben den reichtum des Neuen nicht her, der mit der Welt der ineindergreifenden Realprozesse und dynamischen Gesetze einsetzt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 503

„Ohne das Einsetzen eines kategorialen Novums in jeder neuen Schicht ist der Formenreichtum der Abwandlung schlechterdings nicht zu verstehen. Aber auch die Eigenart der höheren Kategorien selbst, sowie die der konkreten Gebilde, ist ohne Novum nicht zu verstehen. Wenn im Aufstieg von Schicht zu Schicht andere Kategorien ensetzen - und zwar urwüchsig andere, den niederen wirklich heterogene -, so müßte das höhere Concretum aus den Kategorien des niederen allein zu verstehen sein: der Organismus müßte aus Prinzipien des Materiellen, das Bewußtsein aus denen des Organischen u.s.f. vesrtändlich sein. Denn die höheren Kategorien selbst könnten dann nichts anderes sein als Kombinationen der niederen. - Das nun trifft offenbar nicht zu. Organisches aus Physischem, Seelisches aus Organischem (und Geistiges aus Seelischem; HB) bleibt ewig unverständlich - nicht nur weil wir die Kombination der strukturellen Momente nicht durchschauen, sondern weil auch tatsächlich das Höhere nicht in bloßer Kombination des Niederen besteht (vgl.: »das Niedere ist nicht das Höhere, weil es tatsächlich das Niedere ist«; HB). Der Kombinatorikgedanke, der in Wahrheit allen Erklärungsversuchen solcher Art zugrundeliegt, ist, auf die kategoriale Schichtung der realen Welt bezogen, ein Irrweg. Er ist eine künstliche Vereinfachung, eine gewaltsame Vereinheitlichung zu Ungunsten der gegebenen Mannigfaltigkeit; er ist Verkennung der kategorialen Grundverhältnisse - in der Sprache Leibnizens könnte man sagen: Verkennung des Verstandes Gottes - und darum zuletzt Weltverkennung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 503-504

„Gewiß gibt es die immer neuen Kombinationen wiederkehrender Elemente in der Schichtung der Kategorien. Aber sie sind weder eine Funktion der Elemente selbst noch ihrer Selektion - etwa unter einem Prinzip der Kompossibilität oder gar der Konvenienz -, sondern ganz offensichtlich eine Funktion der höheren kategorialen Struktur, die als solche ein Selbständiges und den Elementen gleich Ursprüngliches ist, nicht ein Produkt aus ihnen, sondern neu hinzutretende Einheit aus einem Guß. Darin liegt der Grund, warum es nie gelingen kann, höhere Seinsgebilde aus den Gesetzen niederer heraus zu »erklären«.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 504

„Das ist es, was das Gesetz des Novums ausspricht: auf Grund der Wiederkehr enthalten zwar die höheren Kategorien eine Mannigfaltigkeiz niederer Elemente in sich, gehen aber nicht nur in deren Summe nicht auf, sondern sind schon in ihrer Zusammensetzung stets durch das Auftreten eine kategorialen Novums bedingt. Denn eben ein Novum ist jedesmal schon die Anordnung der Elemente in der neuen kategorialen Gesamtstruktur. Und nur dadurch sind die weiderkehrenden Elemente in der letzterebn zu bloßen Momenten herabgesetzt, sind ihr ein- und untergeordnet.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 504

„Das Gesetz des Novums ist nicht eine Begrenzung der Wiederkehr - wie etwa das Auftreten der Überbauungsverhältnisse eine solche ist -, sondern das positive Gegenstück zu ihr. Es hindert das Durchgehen der neideren Elemente durch die Schichten nicht, aber es setzt ihm eine andere Grundeigentümlichkeit im Aufbau der realen Welt entgegen: das Moment der kategorialen Selbständigkeit der höheren Schicht gegen die niedere. Dieses andere Moment ist es, was das Enthaltensein niederer Kategorien in den höheren nicht mit ausdrücken kann, was aber dennoch in ihm vorausgesetzt ist; denn ohne das periodische Einsetzen des Novums wären die Höhenunterschiede der Seinsschichten gar nicht möglich. Da aber an diesen Höhenunterschieden die Abwandkung hängt, so muß man weiter sagen, daß auch die Überformung der wiederkehrenden Elemente in der Schichtenfolge schon durch das von Schicht zu Schicht sich wiederholende Einsetzen des kategorialen Novums bedingt ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 504-505

„Daß dem so ist,läßt sich an jeder einzelnen Elemntarkategorie beweisen, deren Abwandlung oben aufgezeigt wurde. Die verschiedenen Arten der Einheit und Mannigfaltigkeit (7. Gegensatzpaar; vgl. S. 230; HB) von den mathematisch-quantitativen Verhältnissen aufwärts bis zu den Gesamterscheinungen des geschichtlich-geistigen Lebens sind offenbar keine automatischen Selbstverwandlungen eines elementaren Kategorienpaares, sondern eine Funktion der Schichtenfolge. Diese aber treibt die immer neuen Einhaitstypen dadurch hervor, daß jede Schicht mit spezifischer Eigenstruktur einsetzt. Niemand wird die moralische Einheit der Person aus der numerischen Eins oder auch nur aus der funktionalen Prozeßeinheit des Organismus herleiten wollen. Es setzt vielmehr mit der Person etwas ganz Neuartiges ein, und darum fällt auch ihr Einheitstypus ganz neuartig, mit allem niederen unvergleichlich aus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 505

„Das Novum ist jedesmal der Schicht eigentümlich, wenn nicht gar einer besonderen Stufe innerhalb ihrer. Dem Phänomen nach gehört es zunächst der einzelnen Kategorie an. Da diese aber im Implikationsverhältnis zu den übrigen Kategorien der Schicht steht, so zeigt notwendig auch das Ganze der jedesmaligen Schichtenerhöhung ein Gesamtnovum - man kann auch sagen ein Schichtennovum - gegenüber dem Ganzen der niederen Schicht. Und nach dem Gesetz der Schichtenganzheit (Kap. 46 b [vgl. bes. S. 434.; HB]) hat dieses Gesamtnovum die kategoriale Priorität vor dem besonderen Novum der Glieder.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 506

„Hier greifen also deutlich die beiden Gesetzesgruppen, die der Kohärenz (vgl. S. 432 ff., bes. S. 433-434; HB) und die der Schichtung (vgl. S. 474 ff., bes. S. 475-476; HB), ineinander. Sie bilden ein Gefüge, in dem die Wiederkehr und die Schichteneinheit einander begegnen und gleichsam in Schach halten. Das Novum der höheren Kategorien gegenüber den niederen ist der Ansatzpunkt der autonomen Kohärenzgesetze mitten im Schichtungsverhältnis; denn es gehört der Sache nach primär der ganzen Kategorienschicht an. - Zwischen den beiden Gesetzesgruppen ist hierbei kein Widerstreit. Es wäre auch dann keine Widerstreit, wenn die Wiederkehr der niederen Kategorien in den höheren eine totale wäre. Ganz im Gegenteil: die Schichtenkohärenz mitsamt ihrem Novum wird vielmehr selbst von der Wiederkehr erfaßt und in die höheren weitergetragen; sie ist ja nur den niederen gegenüber ein Novum. Da jedes sich anwandelnde Element die Kohärenz seiner Ursprungsschicht an aich hat, so überträgt es diese auf die Kategorien der höheren Schicht, so weit nur irgend eine Wiederkehr reicht. Freilich überträgt es sie nur in gleichfalls abgewandelter Form; aber das ändert grundsätzlich nichts an der Übvertragung, wie das Beispiel der Elementarkategorien ja deutlich beweist (denn diese kennen tatsächlich keine Grenze der Wiederkehr).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 506

„Soweit also die Wiederkehr der Elemente reicht, macht sie auch deren Kohärenz zum Element der höheren und komplexeren Schichtenkohärenz. Und da diese das Gesamtnovum der höheren Schicht ist, so ordnet sie sich der Kohärenz der weiderkehrenden Elemente über und bezieht sie in sich ein, ohne sie als solche aufzulösen. Begrenzt ist dieses Verhältnis nur durch die Grenzen der Wiederkehr. Wo die Wiederkehr versagt, wo auch nur eine der niederen Kategorien im Bestande der höheren Schicht ausfällt, da ändert sich die Sachlage; da kann mit dem Durchdringen der übrigen in die höhere Schicht sich ihre Kohärenz nicht mit aug diese übertragen. Da löst sich die implikative Verbundenheit der Elemente und macht einem anderen Zusammenhang Platz.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 506-507

„Aber solche Begrenzung der Wiederkehr und soclhe Auflösung ist nicht durch das Novum der höheren Schicht bedingt, sondern durch die Grenzen der Überformung. Sie tritt dort auf, wo die letztere durch das Überbauungsverhältnis abgelöst wird.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 507

„Das Gesetz der Schichtendistanz (das 4. Schichtungsgesetz, siehe S. 476; HB): Wiederkehr und Abwandlung schreiten nicht kontinuierlich fort, sondern in Sprüngen; diese Sprünge sind allen durchgehenden Linien kategorialer Wiederkehr und Abwandlung gemeinsam, sie bilden an der Gesamtheit solcher Linien einheitliche Einschnitte. Auf diese Weise ergibt sich eine einzige Vertikalgliederung für alle Abwandlung. Sie ist identisch mit der Höhendistanz der sich überlagernden Schichten. Sie hängt aufs engste zusammen mit dem Auftreten des die ganze Schicht betreffenden Gesamtnovums und seiner kategorialen Priorität vor dem Novum einzelner Kategorien. - Hieraus wird erst das Phänomen der geschlossenen und in ihrer Ganzehit eindeutig voneinander abgehobenen Seinsschichten verständlich.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 508

„Räumlichkeit und träge Substanz kehren oberhalb des Organischen nicht wieder, die Aktcharaktere des Seelischen nicht im objektiven Geiste “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 512

„Der Phänomenologe klammert die Realität ein, indem er Wesenszüge heraushebt; er kann Anwesenheiten aufzeigen, die dem schwebenden Phänomenenbereich entsprechen und daurch alle niedere kategoriale Struktur von sich ausgeschieden haben. Die Einklammerung eben ist deren Ausscheidung, denn sie ist die Ausscheidung des Realzusammenhanges. Ontologisch kann man so nicht vorgehen. Das Sein des Aktes koinzidiert nicht mit dem introspektiv aufgelesenen Aktphänomen. Dieses ist nur seine Gegebenheitsweise. Erst mit der grundsätzlichen Unterscheidung von Gegebenheitsweise und Seinsweise tritt man auf ontologischen Boden über. (Muß man dafür aber nicht mehr vom Sein selbst, besonders auch den Unterschied zwischen dem Seienden und dem Sein wissen? HB). Und erst auf diesem Boden kann das Kategorienverhältnis sichtbar werden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 514

„Man kann ... die Dependenzgesetze annähernd aus dem Schichtungsverhältnis ablesen, obhleich sie etwas aussprechen, was in den Gesetzen der Schichtung noch nicht enthalten ist. Die kategoriale Abhängigkeit »folgt« wohl der Schichtung, aber sie deckt sich dem Umfange nach nicht mit der Wiederkehr. Das Gesetz des Novums reicht wohl aus, die Grenzen der Abhängigkeit zu bestimmen; aber das Gesetz der Wiederkehr reicht nicht aus, die Abhängigkeit selbst zu bestimmen. - Der Übersicht halbe sei der Inhalt der Dependenzgesetze einstweilen summarisch in folgenden drei Punkten zusammengefaßt.
Erstens:  Es gibt eine kategoriale Abhängigkeit der Schichten voneinander, aber nur einseitig als Abhängigkeit der höheren von der niederen Schicht (ihr Aufruhen oder Getragensein).
Zweitens:  Diese Abhängigkeit besteht nicht nur da, wo die Wiederkehr durchgeht (im Überformungsverhältnis), sondern auch da, wo sie abbricht (im Überbauungsverhältnis); das höhere Sein »ruht« auch da auf dem niederen »auf«.
Drittens:  Die Abhängigkeit der höheren Seinsschicht ist niemals eine totale; das Novum in ihr ist und bleibt selbständig (autonom) gegenüber den niederen Katgeorien - einerlei ob diese in ihm wiederkehren oder ihm nur die Basis des Aufruhens darbieten.
Zur Erklärung des letzten Punktes muß man sich erinnern, daß selbst wiederkehrende (und folglich inhaltlich mitbestimmende) Elemente im Novum der höheren Schicht zu durchaus untergeordneten Momenten herabgesetzt sind. Autonom also sind die Kategorien der höheren Schicht in jedem Falle - ungeachtet ihrer Abhängigkeit von den niederen -, und nicht nur wenn sie diese »überbauen«, sondern auch wenn sie nur ihre Überformung sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 518-519

„Die Gesetze selbst lassen sich nunmehr allen besonderen Erörterungen vorweg in folgender Weise zusammenstellen.
1. Das Gesetz der Stärke (das kategoriale Grundgesetz). Die höheren Kategorien setzen stets eine Reihe niederer voraus, sind aber ihrerseits in diesen nicht vorausgesetzt. Kategoriale Abhängigkeit also waltet durchgehend von den niederen zu den höheren, nicht aber umgekehrt. Bezeichnet man nun das Fundamentsein oder Bedingungsein eine Kategorie als ihre »Stärke«, Bedingtsein und Abhängigsein als ihre »Schwäche«, so läßt sich das Gesetz kurz so formulieren: die niederen Kategorien sind im Verhältnis der Schichten jedesmal die stärkeren, die höheren jedesmal die schwächeren. Dieses Verhältnis waltet irreversibel in der ganzen Schichtenfolge. Stärke und Höhe stehen im Kategorienreich durchgehend im umgekehrten Verhältnis.
2. Das Gesetz der Indifferenz. Die niedere Kategorienschicht ist zwar Grundlage der höheren, aber sie geht in diesem Grundlagesein nicht auf. Sie ist auch ohne die höhere eine selbständig determinierende Prinzipienschicht. Sie ist auch als Ganzesww nur »von unten her« bedingt, nicht »von oben her«. Sie ist gegen alles Höhere indifferent. Das niedere Sein hat in sich keine Bestimmung zum höheren; es verhält sich gleichgültig gegen alle Überformung und Überbauung. Darin besteht seine Schichtenselbständigkeit.
3. Das Gesetz der Materie. Überall, wo in der Schichtung Wiederkehr und Überformung besteht, ist die niedere Kategorie für die höhere nur »Materie«. Wiewohl sie die »stärkere« ist, gehjt doch die Abhängigkeit der höheren von ihr nur so weit, als die Eigenart der Materie den Spielraum höherer Formung einschränkt. Die höhere Kategorie kann aus der Materie der neideren nicht alles Beliebige formen, sondern nur was in dieser Materie möglich ist. Sie kann die niederen Elemente nicht umformen (denn diese sind stärker als sie), sondern nur überformen. Über eine solche einschrämkende Funktion hinaus reicht die bestimmende Macht der »materie« nicht. Vollends, wo die höhere Kategorienschicht die niedere nur »überbaut«, ist die letztere nicht einmal Materie, sondern bloß Seinsfundament; damit wird ihr Einfluß weiter herabgesetzt.
4. Das Gesetz der Freiheit. Sind die höheren Kategorien durch die niederen nur der Materie nach (oder selbst nur dem Fundament nach) bedingt, so sind sie ungeachtet ihres Schwächerseins doch notwendig in ihrem Novum den neideren gegenüber »frei« (autonom). Das Novum eben ist neuartige, inhaltlich überlegene Formung. Diese Überlegenheit macht das Höhersein aus, einerlei ob dabei die niederen Elemente überformt oder überbaut werden. Freiheit hat immer nur das Schwächere gegen das Stärkere, weil es das Höhere ist. Es hat darum seinen Spielraum nicht »im« Niederen, sondern »über« ihm. Denn da das Niedere im Höheren nur Element und als solches gleichgültig gegen seine Überformung (resp. Überbauung) dasteht, so ist der Spielraum des Höheren oberhalb seiner notwendig unbegrenzt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 519-520

„Diese Gesetze sprechen also nicht nur die kategoriale Abhängigkeit selbst aus, die in der Schichtung anthalten ist, sondern auch ihre innere Begrenzung. Zugleich sieht man leicht, daß sie weit mehr als die Schichtungsgesetze (vgl. S. 472 ff., bes. S. 475-476; HB), durch das Verhältnis der Kategorien hindurchgreifend, auch unmittelbar das Verhältnis der ganzen Seinsschichten selbst, d.h. den Aufbau der realen Welt betreffen. Sie decken die innere Dynamik der Seinsschichtung auf. Sie berühren dadurch einen Hintergrund alles Seienden, um den sich von alters her die letzten metaphysischen Grundfragen bewegt haben. Dieser Hintergrund betriftt auch das Kategorienproblem selbst.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 521

„Man darf also sagen, daß in dem Problem der Dependenzgesetze auch das metaphysische - d.h. das nicht bis zu Ende lösbare - Problem im Aufbau der realen Welt mit in die Diskussion hineingezogen wird. Schon aus diesem Grunde liegt derSchwerpunkt der ganzen kategorialen Gesetzlichkeit - und damit der Schwerpunkt der Ontologie überhaupt, soweit sie Kategorienlehre ist - bei den Dependenzgesetzen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 521

„Darum darf man das erste dieser Gesetze, das »Gesetz der Stärke«. mit Recht als das »kategoriale Grundgesetz« bezeichnen. Es ist das eigentliche und im engeren Sinne verstandene Dependenzgesetz, welches den Grundtypus der zeischen den Seinsschichten bestehenden Abhängigkeit ausspricht und damit das scheinbare Gleichgewicht deer Schichten aufhebt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 521

„Daß es eine Abhängigkeit und zugleich eine Autonomie - derselben höheren Kategorien denselben niederen gegenüber - geben soll, muß formal widersprechend anmuten. Daß der Widerspruch ein scheinbarer ist, macht das eigentliche Wesen im Widerspiel der beiden Gesetze aus. In Wahrheit kommen diese beiden Gesetze - das der Stärke (siehe 1. Dependenzgesetz, S. 519-520; HB) und das der Freiheit (siehe 4. Dependenzgesetz, S. 520; HB) - erst miteinander zu ihrer vollen Bedeutung. Das ist der Punkt, den eigentlich es zu erweisen gilt. An ihm hängt das metaphysische Gewicht des Dependenzverhältnisses. Alles übrige steht und fällt mit ihm.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 522

„Hält man sich ausschließlich an die vier Hauptschichten der realen Welt, so läßt sich der Inhalt dieses Gesetzes (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) an den drei Schichtendistanzen, durch die sie getrennt sind, folgendermaßen feststellen. Es gibt den Organismus nur als »Überformung« des Materiellen; es gibt das Bewußtsein nur als »Überbau« des Organischen; und es gibt den Geist nur als »Überbau« des Seelischen. Stets ist die höhere Seinsstufe getragen von der niederen, niemals schwebt sie für sich im Leeren ohne Seinsfundament. Und dieses Verhältnis geht durch, einerlei ob die höheren Gebilde die niederen in sich aufnehmen und überformen oder nur zum Fundament haben und überbauen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 523-524

„Das geistige Leben »beruht« nicht nur auf dem seelischen und mittelbar auf demorganischen und materiellen Sein, sondern es hat auch ständig mit ihm zu tun; es greift ein, bildet, formt um, wertet aus. Der Geist schafft eine Dingwelt nach seinen Zwecken, wie die Natur sie nicht kennt; er züchtet Pflanzen und Tiere, bildet das eigene Seelenleben um. Aber er bleibt dabei gebunden an die Eigengesetzlichkeit dessen, was er überformt. Er kann die Gesetze des materiellen, der physischen Prozesse, des Lebendigen nicht abändern; sie bleiben ungeschwächt in Kraft. der Geist hat über sie als solche keine Macht. Wohl aber ziehen sie ihm in seinen Tun und Planen sehr bestimmte Grenzen. Ja, sie gelten auch in seiner Lebenssphäre, weil diese nicht eine freischwebende, sondern »aufruhende« ist. Ein fallender Stein kann das Leben eines Genialen auslöschen, an dessen Wirksamkeit ein Stück geistiger Bewegung von geschichtlichem Ausmaße hing. Der Mensch ist das verletztlichste Wesen, das am meisten bedingte und abhängige. Seine Überlegenheit ist nicht die der ontischen Unabhängigkeit, sondern die der Erkenntnis, der bewußten Anpassung und zwecktätigen Auswertung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 524

„Das Positive dieses Verhältnisses wird sehr anschaulich durch die Technik illustriert. Die Technik kann die natürlichen Energien und ihre Wirkunsgweise nicht beeinflussen; sie kann nur deren Gesetze verstehen und in ihrer Eigenart selbst für die Zwecke des Menschen berwerten. Sie rechnet in aller Bewußtheit mit dem Stärkersein der niederen Kategorien, sie paßt sich ihrer Herrschaft schmiegsam an; und alles, was sie schafft, ist getragen vom Erraten und Ergründen ihrer Besonderheit. Zugleich aber rechnet sie auch ebenso bewußt mit der Indifferenz dieser Mächte gegen alle höhere Überformung. Dem fallenden Wasser ist es gleichgültig, ob es frei fällt oder im Turbinenschacht. Aber das es überhaupt fällt, daran ändert der schaffende Geist nichts.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 524-525

„Dieses Verhältnis ist ein allgemeines. Das geistige Leben ist ein ständiges Sich-Einschmiegen in das Geflecht der geistlosen Mächte. Die Sorge um Wohnung, Kleidung, Wärme u.s.w. verläßt den Menschen auf keiner Höhe kultureller Erhebung. Der Geist bleibt rückgebunden an die Naturgesetzlichkeit der weiteren Welt, deren Glied er ist; diese Gesetzlichkeit ihrerseits ist nirgends, auch in den höchsten Überformungen nicht, an ihn gebunden. So besteht die Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Zerstörbarkeit des geistigen Seins, ja schon des Lebendigen, in schroffem Gegensatz zu der Unabhängigkeit und Übermacht der kosmisch-physischen Verhältnisse. Das wird sehr eindrucksvoll anschaulich, wenn man sich die verschwindende Kleinheit der Menschenwelt mit ihrer zeitlich begrenzten Geschichte vor Augen hält: wie sie, angeklammert an den zwar relativ stationären, aber doch vergänglichen Zustand einer Planetenoberfläche, ein ephemeres Dasein hat, nicht wissend, ob in überbrückbar weiter Ferne noch einmal etwas ihresgleichen unter ähnlichen Bedingungen besteht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 525

„Der menschliche Organismus hat sich in mancher Hinsicht den Bedürfnissen des Geistes angepaßt (ist in diesem Fall nicht die geistige Schicht als die höhere stärker denn die organische Schicht als die niedere, die doch gemäß Kategorienlehre stets stärker sein soll als die höhere? HB), aber die Anpassung hat unübersteigliche Grenzen. Geistige Entwicklung des Individuums braucht eine andere Lebensdauer als die der höheren Tiere; in deren Grenzen des organisch Möglichen ist die vitale Lebenskurve des Menschenleibes diesem Erfordernis angepaßt. Vielleicht kann solche Anpassung auch noch weiter gehen, als sie heute vorgeschritten ist. Aber sie kann nicht beliebig weit gehen; sie ist durch das Gesetz des Organischen begrenzt, daß jede Art des Lebendigen nur im Wechsel der Individuen fortleben kann. Und wie das seelische Lebnem die Individuen trennt, das Bewußtsein in jedem Menschen neu einsetzt (vgl. oben Kap. 30 d und 34 d), so muß auch die geistige Entwicklung immer wieder von unten auf beu beginnen. Der Geist kann wohl als objektiver übergreifen, dem reifenden Individuum die gemeinsame Inhaltssphäre darbieten, in die es hineinwächst; aber das Hineinwachsen selbst, das Übernehmen und Bearbeiten muß immer wieder neu geleistet werden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 525-526

„Das kategoriale Grundgesetz (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) drückt nichts anderes als die einheitliche Richtung der Abhängigkeit für die ganze Folge der Seinsschichten aus, und zwar sowohl am Concretum als auch an seinen Kategorien. darum ist es auch keineswegs bloß der ontologischen Überlegung zugänglich, sondern schon mitten im Leben der der einfachen Besinnung geläufig. Tatsächlich rechnet der Mensch praktisch immerfort mit seinem Bestehen, und es ist nur ein kleiner Schritt über den praktischen Belang hinaus, es sich bewußt zu machen. - Aber das Gesetz selbst ist deswegen noch weit entfernt, selbstverständlich zu sein. Darüber geben zahlreiche Weltbilder, in denen es grundsätzlich verkannt und auf den Kopf gestellt ist, drastische Belehrung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 526

„Die niederen Kategorien haben Schichtenselbständigkeit gegen die höheren. Sie determinieren zwar in gewissen Grenzen die höheren mit, aber dieses Determinieren ist ihnen als solchen durchaus äußerlich. .... Kurz, die niederen Kategorien verhalten sich »indifferent« gegen die höheren - trotz deren Abhängigkeit von ihnen. Auch als Kategorien haben sie keine »Bestimmung« oder Tendenz in sich, einer höheren Struktur als tragende Basis zu dienen, oder gar als Elemente in sie einzugehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 529-530

„Substituiert man das vierte Geltungsgesetz (das Gesetz der Schichtendetermination, siehe S. 420; HB) in das kategoriale Grundgesetz (das Gesetz der Stärke als das 1. Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB), so jann man das Gesetz der Indifferenz (das 2. Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) auch formal aus diese folgern. Die niedere Kategorienschicht nämlich ist zwar Grundlage der höheren; aber ihr kategoriales Sein besteht nicht in diesem Grundlagesein; sie ist auch ohne alle Beziehung auf eine höhere Schicht eine selbständig determinierende Prinzipienschicht, und zwar, wie jede andere Schicht auch, eine total determinierende (alles Prinzipielle enthaltendes); ihr zugehöriges Concretum ist durch sie kategorial gesättigt und bedarf keiner anderen Prinzipien - d.h. keiner höheren, denn die niederen sind schon in ihr vorausgesetzt. - Eine jede Kategorienschicht ist auch als Ganzes nur »von unten her« bedingt, nicht »von oben her«. Sie ist also nicht nur strukturell unabhöngig von den höheren Kategorien, sondern auch unabhängig von ihrem Vorhandensein. In zugespitzter Formulierung: sie besteht unabhängig davon, ob überhaupt eine höhere Seins- und Kategorienschicht von ihr abhängig ist oder nicht. In dieser Formulierung erst zeigt sich der volle Sinn des Indifferenzgesetzes. - Wäre dem nämlich nicht so, bestünde also von vornherein eine Bindung »nach oben«, so müßte alles niederen kategoriale Sein notwendig eine »Bestimmung« (Destination) zum höheren in sich haben - eine Tendenz, Element höherer kategorialer Form zu werden. Am Concretum aber würde das bedeuten, daß alles niedere Sein wenigstens grundsätzlich dei Tendenz in sich trüge, in höheres Sein einzugehen oder überzugehen: alles Materielle müßte die Tendenz zur Lebendigkeit, alles Lebendige die zum Bewußtsein, alles Bewußtsein die zum Geiste haben. Das würde aber gerade die Abhängigkeit der niederen Schicht von den höheren bedeuten. Durchzöge eine solche Tendenz die ganze Schichtenfolge, so wäre sie die Inversion des kategorialen Grundgesetzes und widerspräche den Phänomenen, deren einheitlicher Ausdruck dieses Gesetz ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 530

„Die Verletzung des Indifferenzgesetzes (das 2. Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) im spekulativen Denken ist folgenschwer, als sich auf den ersten Bilck übersehen läßt. Hat nämlich die niedere Schicht an Stelle ihrer Bedingtheit »von unten her« eine Bedingtheit »von oben her« in sich - und sei es auch nur die Bedingtheit im Sinne einer »Bestimmung« zum Höheren -, so müßten die Gebilde der niederen Schicht in deren ganzem Umfange die teleologische Tendenz besitzen, in die höhere Schicht aufzusteigen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 530-531

„^Man würde mit einer solchen These etwas behaupten, was allen aufzeigbaren Phänomenen zuwiderliefe. Es ist nicht wahr, daß alles physisch-materielle Sein die Tendenz hat, zum organisch-lebendigen zu werden; das Auftreten des Lebens im Weltall ist an Bedingungen gebunden, von denen es leicht einzusehen ist, daß sie in den kosmischen Zusammenhängen nur als seltene Ausnahme eintreten können. Ebenso unwahr ist es, daß alles Lebendige die Tendenz habe, zum Bewußtsein zu gelangen; desgleichen, daß alles Bewußtsein zum geistigen Sein hintendiere. Offenbar wird in der Welt nur der allergeringste Bruchteil des physischen Seins in organische Gebilde hinaufgeformt. Nur gewisse Spitzenformen des Organischen sind es, an denen Bewußtsein auftritt (an den höheren Tieren). In beiden Fällen ist das Einsetzen des höheren Seins an eine kategoriale Formung gebunden, die wir dem niederen in keiner Weise als seine »Bestimmung« zuschreiben können. Die Erfahrung wenigstens gibt dafür nicht den geringsten Anhalt. A priori aber kann man darüber nichts wissen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 531

„Und ebensowenig läßt sich behaupten, daß alles Bewußtsein zum geistigen Sein durchdringe oder auch nur die Tendenz habe durchzudringen. Es müßte ein Durchdringen zur Personalität, zu ethisch bewertbaren Akten, zu schöpferischer Formung der Gemeinschaft und zur Objektivität allgemeingültiger Erkenntnis sein. Von alledem weit entfernt ist das geistlose Bewußtsein, wie es die längste Zeit in den Anfängen des Menschengeschlechts bestanden haben mag. Das geistlose Bewußtsein ist in den Zwang der vitalen Mächte eingespannt, in das Widerspiel der naturhaften Tendenzen, Bedürfnisse und Instinkte; eine Tendenz darüber hinaus ist ihm als solchem fremd. Und wenn es auch wahr ist, daß sich ein scharfer Grenzstrich auf grund unserer Erfahrung hier nicht ziehen läßt, so ist es doch um so leichter einzusehen, daß das Erwachen des geistigen Lebens im phylogenetischen Wandel des Bewußtseins zutiefst charakterisiert ist durch das Einsetzen eines ganzen Gefüges höherer Kategorien, wie sie eben das geistige Sein auf allen seinen Gebieten auszeichnen, keineswegs aber durch bloße Entfaltung dessen, was verkappt schon im primitiven Bewußtsein enthalten war.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 531

„Freilich kann man im Überblick der ganzen Stufenfolge mit einem gewissen Recht von »Höherbildung« sprechen. Aber man wird, wenn man metaphysischen Vorurteilen nicht Raum geben will, sich wohl hüten müssen, die Höherbildung als eigentliche »Entwicklung« zu verstehen. Man wird sie durchaus nur als stufenweises Einsetzen von höherer und immer höherer Seinsform verstehen dürfen, d.h. als kategoriale Überformung oder Überbauung des niederen Seins durch höheres. (Aus rein ontologischer Sicht mag es richtig sein, nicht »Entwicklung«, sondern »kategoriale Überformung« und »kategoriale Überbauung« als das zu verstehen, was gemeinhin und besonders aus nichtontologischer Sicht eben doch eher als »Entwicklung« wie »Genese«, »Evolution«, »Geschichte« verstanden wird; nichtsdestotrotz gibt es »Entwicklung«, und vielleicht ist diese sogar als »kategorialer Formverlust« und »kategorialer Abbau« zu deuten, jedenfalls aber ist sie nicht einfach wegzudeuten; HB). »Entwicklung« nämlich (oder »Entfaltung«) setzt ein »Eingewickeltsein« des Höheren im Niederen (oder bzw. und des Niederen im Höheren; HB) voraus; so war der Ausdruck auch ursprünglich im Neuplatonismus gemeint (exelixiV, exaplwsiV), und erst spätere Zeiten haben seinen Sinn verschoben. Das bedeutet aber, daß bei aller eigentlichen »Entwicklung« das Höhere im Niederen als Anlageelement enthalten sein muß. Entwicklung als solche ist nicht schöpferisch, sie kann zu nichts Neuem führen. Das Schlagwort der écolution créatice ist ein Widerspruch in sich selbst. Sieht man das Verhältnis der Seinsschichten im Schema der Entwicklung, so hebt man in Wahrheit die Irreversibilität der kategorialen Dependenz auf. Man verstößt damit nichrt nur gegen die Gesetze der Stärke (vgl. das Gesetz der Stärke als das 1. Dependenzgesetz, S. 519-520; HB) und der Indifferenz (vgl. das Gesetz der Indifferenz als das 2. Dependenzgesetz, S. 520; HB), sondern auch gegen das Gesetz des Novums (das 3. Schichtungsgesetz, siehe S. 476; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 531-532

„Für das wirkliche Hineinwachsen des niederen Seins in die höhere Formung versagen alle Bilder und Gleichnisse. Die Bilder der »Vorgeformtheit« und der »nachträglichen Entstehung« - Präformation und Epigenesis -, die lange Zeit als Schlagworte entgegengesetzter Theorien gedient haben (zumal im Problemgebiet des Organischen), sind im Grunde nichts als roh zurechtgemachte Schemata einseitiger Betrachtungsweise (sie könnten aber auch als Ergänzung zur ontologischen Kategorienlehre herangezogen werden, damit diese selbst sich nicht dem Vorwurf »einseitiger Betrachtungsweise« aussetzen muß; HB). In ihnen ist die ontologische Hauptsache vollkommen übersehen: das Grundverhältnis der Prinzipien zum Concretum, wie die Geltunsgesetze (vgl. S. 419 ff, bes. S. 420 ff.; HB) es aussprechen. Setzt man diese Verhältnis hier ein, so macht es keinerlei Schwierigkeit, daß am Concretum die höhere Seinsformung erst sekundär entsteht, während sie an den Kategorien, die als solche kein zeitliches Sein haben, vorbesteht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 532

„Ein zureichendes »Bild« ist freilich auch das nicht. Denn auch die Geltunsgesetze (vgl. S. 419 ff, bes. S. 420 ff.; HB) lassen sich nicht eindeutig verbildlichen. Die Wahrheit eben ist, daß es kein Bild gibt, welches dem wirklichen Überlagerungsverhältnis der Seins- und Kategorienschichten gerecht würde. Denn es gibt im Reiche der Anschauung kein anderweitig bekanntes Verhältnis, dem dieses sich vergleichen ließe. Es hängt aber zum Glück in der Philosophie nicht alles an den Bildern allein. Was die ins Wesen einer Sache eindringende Überlegung zutage fördert, behält gegen alle Veranschaulichung ein Eigenrecht. Ja, tatsächlich ist vielmehr sie es, die der neuen und gereifteren Anschauungsweise erst die Bahn bricht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 532

„Läge im Dependenzverhältnis der Schichten eine aufsteigende »Entwicklung« vor, so müßte alles niedere Sein den teleologischen Zwang enthalten, zum höheren aufzurücken; der Weltprozeß müßte darauf hinauslaufen, daß zuletzt alles bei der höchsten Seinsform anlangt. Wie sehr das allen bekannten Tatsachen widerstreitet, wurde schon oben gezeigt. Aber es widerstreitet auch wohlbekannten und genügend geprüften Gesetzlichkeiten. Organisches Sein kann ja gar nicht bestehen ohne die fortbestehende Grundlage des anorganischen, in das es eingebettet ist. Und ebenso augenfällig ist es, das geistiges Sein nicht bestehen kann ohne die Basis eines geistlos-seelischen Seins, über dem es sich erhebt und von dem es zehrt. Ginge also alles niedere Sein in höheres auf, so wäre das vielmehr die Selbstauflösung des höheren. Eine Tendenz dieser Art, die alle Schichten durchzöge, wäre in Wahrheit das Gegenteil dessen, was die Theorien mit ihr meinen: die totale Selbstauflösung und Selbstvernichtung alles Seienden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 532-533

„Ignoriert man gedankenlos Tatsachen und Gesetze, ist es einem im Grunde nur um ein schönes Weltbild zu tun, in das man sich spekulativ verliebt hat, so hindert einen freilich nichts, einen teleologisch angelegten Stufenbau der Welt zu konstruieren, der auf »Entwicklung« basiert ist und stillschweigend die »Vorformung« (Präformation) des Höheren im Niederen in Kauf nimmt. Man langt damit bei einem Weltbilde an, welches geradezu die Inversion des kategorialen Grundgesetzes zum Gesetz macht und damit buchstäblich das Unterste zu oberst lehrt (da wir nicht alles wissen können, ist auch nicht auszuschließen, daß die sogenannte »Inversion«, von der hier die Rede ist, eine tatsächlich gleichzeitig verlaufende, weil ebenso tatsächlich die Umkehrung derjenigen Prozesse ist, um die es in Hartmanns Kategorienlehre geht; HB). Ein solcher Stufenbau aber besteht dann nur im Gedanken des Menschen (in der geistigen Seinsschicht; HB). Mit dem Aufbau der realen Welt hat er nichts gemeinsam (dieser Aufbau kann auch von einem Abbau begleitet sein - gemeinsam in der Welt seiend; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 533

„Allen solchen Inversionstheorien (aus Sicht dieser Theorien ist übrigens Hartmanns Kategorienlehre eine Inversionstheorie; HB) gegenüber besagt das Gesetz der Indifferenz Gesetz der Indifferenz (das zweite Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB), daß es in aller Welt keine »Vorformung« von Schicht zu Schicht gibt, also auch keine Auswickelung des Vorgeformten, sondern nur Überformung des Niederen durch Höheres und, wo diese vesagt, nur noch Überbauung. Gegen diese beiden Typen des Überlagerungsverhältnisses ist das Sein der jeweils niederen Schicht durchaus indifferent. Beide sind und bleiben ihm äußerlich. Das Niedere hat niemals und auf keiner Stufe die »Tendenz«, ein Höheres zu tragen (es hat nicht die »Tendenz«, aber es tut es: das Niedere trägt das Höhere, das Höhere wird vom Niederen getragen; HB) oder das Element in ein solches einzugehen (es hat nicht die »Tendenz«, aber es tut es; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 533

„Der alte Hylozoismus des Thales und seiner Nachfolger, der das prinzip des Lebens schon im Urstoff der Welt suchte, bildet hier nur ein harmloses Vorspiel. Aristoteles dagegen ist schon ein reiner Vertreter einer durchgehenden Teleologie der Formen; er hat mit diesem spekulativen Denkschema das Gesicht der Metaphysik für viele Jahrhunderte bestimmt. Nach ihm vollendet sich alle niedere Form erst in der höheren, und das höchste Glied der ganzen Reihe ist der nouV, zu dem alles emporstrebt. Von diesem heißt es daher: »er bewegt, wie der Gegenstand der Liebe bewegt«, d.h. er bewegt teleologisch, als höchster Zweck, indem er alles zu sich heraufzieht. Und in diesem Sinne ist er »das erste Bewegende« aller Dinge. Noch bewußter durchgeführt ist das in der Lehre Plotins von der epistrofh aller Dinge zu dem »Einen«, von dem sie ausgegangen sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 533-534

„Am bekanntesten ist diese Inversion wohl aus Schellings Naturphilosophie geworden. Schelling verstand das Anorganische als erstarrtes Leben und das Leben wiederumn als bewußtlosen Geist. Am Anfang aller Dinge steht dann die »unbewußte Intelligenz«, deren Hindrängen zum Bewußtsein und schließlich zum sich selbst durchdringenden und wiedererkennenden Selbstbewußtsein den einheitlichen Duktus im Weltgefüge ausmacht. Hier ist die niedere Form nicht indifferent, sie drängt teleologisch zur höheren, kann sich selbst nicht vollenden ohne sie. Das Höhere wird so durchgehend zur latenten Voraussetzung des Niederen gemacht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 534

„Dieser Gedankenromantik setzt Hegel die Krone auf - mit dem Anspruch, von unten auf, Stufe für Stufe, Kategorie für Kategorie, zu zeigen, wie jedesmal das Niedere auf das Höhere »dialektisch« hinausführt, weil es in ihm keine Bestimmung und keine Vollendung (seine »Wahrheit«) hat. Hier ist Dialektik nicht die einfache Verfolgung von Implikationszusammenhängen, wie sie innerhalb einer Kategorienschicht bestehen, sondern die von unten auf angestellte Rekonstruktion einer von oben her durchgehend determinierenden Teleologie der Formen: an der höchsten Form, dem Sichselbstwissen des absoluten Geistes, »hängt« die ganze Reihe, und nur der aufsteigende Gang der Dialektik kann einen darüber täuschen. Die Täuschung fällt, wenn man begriffen hat, daß dieser Aufstieg vielmehr der Richtung der von Hegel gemeinten und vorausgesetzten Abhängigkeit entgegen läuft (es gibt nicht nur Aufstieg, sondern auch Abstieg; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 534

„Hat man den gemeinsamen Grundcharakter im Denkschema dieser Theorien einmal durchschaut, so sieht man ohne weiteres, daß in ihnen das kategoriale Grundgesetz (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) nicht nur aufgehoben, sondern auch auf den Kopf gestellt ist (da diese Theorien aber alle älter sind als die Theorie des kategorialen Grundgesetzes, so hat diese jene »auf den Kopf gestellt«; HB). Die Selbständigkeit der niederen Schichten ist von Grund aus verkannt, die höheren Kategorien sind zu den stärkeren gemacht, die Richtung der Dependenz in der Schichtenfolge des Seienden verkehrt (aus deren Sicht ist es umgekehrt; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 534-535

„Der Fehler ist ein ontologischer, ein kategroialer.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 535

„Er bsteht in der radikalen Verkehrung desjeningen Grundgesetzes (gemeint ist das kategoriale Grundgesetz - das Gesetz der Stärke als das 1. Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB), welches das Verhältnis zwischen der Rangordnung und der Abhängigkeitsfolge eben jener Seinsformen beherrscht, um deren einheitliche Zusammenschau diese Theorien bemüht sind. - Die Bemühung selbst nämlich unterliegt in ihnen einer Suggestion, die menschlich wohl verständlich, aber eben deswegen doch auch allzumenschlich ist und diese Anschauungsweise anthropomorph macht. Der Mensch ist es, der in seinem Leben nach Kräften das Niedere dem Höheren unterordnet. Er macht es also wirklich, soweit seine Macht reicht, vom Höheren abhängig. Das eben heißt es doch, wenn er natürliche Vorgänge, Kräfte und Tendenzen für seine Zwecke auswertet (ausnutzt, jedenfalls im Sinne der Finalität nutzt und auf diese Weise die Natur und alles andere »unter ihm« seinen Willen unterordnet, ja sogar zerstört; HB). Diese Unterordnung hat hier ihr gutes Recht; denn das ist das Tun der Vernunft im Menschen. Im Tun des Menschen also deckt sich wirklich die Richtung der Rangordnung mit der Richtung der Abhängigkeit; das Höhere determiniert, es ist das Maßgebende. (Und deshalb plädiere ich hier noch einmal für eine »zweigleisige« Betrachtung: vom Niederen zum Höheren im Sinne der Hartmannschen Kategorienlehre und vom Höheren zum Niederen; weil beide Wege tatsächlich existieren; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 535

„Das spekulative Denken aber überträgt dieses sehr besondere Verhältnis nach außen. Es verlängert die Perspektive der zwecklbewußten Aktivität weit ... in die Welt als ganzes hinein - als wäre es einer ähnlichen Aktivität der Vernunft auch in ihr gewiß. Das spekulative Denken einer gewissen Stufe vermag die Welt in der Tat nicht anders vorzustellen als nach Analogie menschlichen Tuns und Waltens; es findet seine Überlegungen gleichsam gefangen in der dependenzform des zweckvollen Tuns. Und so ordnet es denn auch im Ganzen der Welt das Niedere dem Höheren determinativ unter, läßt auch in ihr die Abhängigkeit der Ranghöhe folgen. Das aber ist die Inversion des des kategorialen Grundgesetzes (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB). Denn dieses besagt, daß in der Schichtenfolge die Abhängigkeit der Rangordnung nicht folgt, sondern entgegen läuft.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 536

„Soweit überhaupt in der Höehendimension der Seinsformen Abhängigkeit herrscht, ist das Höhere vom Niederen abhängig, das Niedere aber indifferent gegen das Höhere.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 536

„Die Dependenz in der Welt, wie sie »ist«, hat nicht den Charakter einer Sinn- und Wertordnung, geschweige denn einer Vernunftordnung, sondern durchaus nur den einer Seinsordnung.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 536

„Die Teleologie der Formen, des Vernunftidealismus sowie die aufsteigende Dialektik sind es nicht, die erst zur Inversion des kategorialen Grundgesetzes (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) führen; vielmehr sie selbst beruhen schon auf ihr. Sie haben die Inversion immer schon vollzogen, freilich ohne es zu ahnen; sie haben sie zugleich mit der Gehweise jenes verkappten Anthropomorphismus vollzogen, der als solcher nicht ins Bewußtsein tritt, aber um so mehr zwangsläufig wirkt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 536

„Im Idealismus z.B. ist schon von vornherein Bewußtsein (resp. Vernunft, Geist) dem dinglichen und organischen Sein vorgeordnet. Diese Vorordnung ist der Sinn alles »transzendentalen« Argumentierens. In der Formenteleologie und speziell in der Hegelschen Dialektik ist grundsätzlich die Abhängigkeit des neideren Seins vom höheren schon vor aller Untersuchung proklamiert; sie ist in aller Selbstverständlichkeit zum Prinzip erhoben. Diese Selbstverständlichkeit ist zwar eine sehr subjektive, aber sie bleibt unangefochten, solange das Denken in der naiv-anthopomorphistischen Einstellung bleibt, die unbedenklich bei jedem Dinge danach fragt, »wozu« es da sei, »worin« es seine Bestimmung habe - als wäre es von vornherien ausgemacht, daß alle Dinge ein »Wozu« (einen Zweck, einen Sinn, eine innere Destination) haben müßten (und das müssen sie ja auch aus Sicht des menschlichen Geistes, der realen Geistesschicht; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 536-537

„Diese vulgäre Frageweise geht eindeutig verfolgbar bis auf das uralte mythische Denken zurück, das alle Dinge vermenschlicht. Sie ist bis heute die Frageweise der Kinder und Ahnungslosen. Erstaunlicher aber ist es, daß sie trotz aller Durchsichtigkeit ihres Ursprungs in den großen und vielbewunderten Systemen der Metaphysik die stillschweigende, alles tragende Voraussetzung geblieben und selbst von deren Kritikern nicht kalr durchschaut worden ist. (Das liegt auch eben daran, daß der Mensch kein absolutes Wissen hat und deshalb die Inversionstheorien letztendlich nicht widerlegt werden können; ob echte Inversion oder echte Gegeninversion: beide müssen berücksichtigt werden, so wie bis heute auch z.B. der Subjekt-Objekt-Gegensatz weiterhin berücksichtigt bleibt; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 537

„Es ist kein Zufall, daß es keinem Kritiker Hegels ganz gelungen ist, ihn von innen heraus zu widerlegen, obgleich die »transzendente« Kritik frühzeitig den Widerspruch seiner These gegen breite Tatsachenreihen angezeigt hatte. (Kein Wunder, denn in Hegels Dialektik wird der Widerspruch ja auch nicht zum Verschwinden gebracht, sondern »nur« aufgehoben; Hegel kann man nicht widerlegen, indem man auf einen Widerspruch hinweist; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 537

„Wie der Zauber Hegels noch heute im Kern ungebrochen ist, so war es einst der nicht weniger starke, aber loser gewobener zauber des Aristoteles, der in den Jahrhunderten der abendländischen Philsophie einzigartig geherrscht hat (bis jetzt - warten wir ab, wie lange Hegel noch herrschen wird; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 537

„Nur das radikale Mittel kann hierhelfen: die an der Wurzel einsetzende Kategorialanalyse, die sich vom Gehalt der Probleme führen läßt und nach keiner Richtung etwas vorwegnimmt, was erst die Untersuchung erweisen kann.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 538

„Fruchtbare Kritik kann nur in der positiven Aufweisung von Seinsgrundlagen geleistet werden. Dazu bilden die Dependenzgesetze eine erste Handhabe und unter ihnen wiederum in erster Linie das kategoriale Grundgesetz (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) und das Gesetz Indifferenz (vgl. gemeint ist das 2. Dependenzgesetz, S. 520; HB). - Allen jenen unbemerkten Fehlerquellen der Denkform gegenüber besagen diese beiden Gesetze etwas ganz Einfaches, am Verhältnis der Seinsschichten selbst Sichtbares. Sie besagen dieses, daß geistiges Sein Bewußtsein voraussetzt, während Bewußtsein als solches nicht auf geistiges Sein angelegt ist und auch ohne sein Bestehen Realität hat; daß Bewußtsein an organisches Sein gebunden ist und nur auftreten kann, wo ein solches als sein Träger vorhanden ist, während der Organismus seinerseits keineswegs an Bewußtsein gebunden ist noch auch die Bestimmung zum Bewußtsein in sich hat; daß ferner organisches Sein nur auf Grund physisch-materiellen Seins möglich ist, diese hingegen in weitestem Ausmaße ohne organisches Leben besteht. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 538

„Dasselbe gilt innerhalb der einzelnen Seinsschichten für alle differenziertere Abstufung der gebilde, Vorgänge und Verhältnisse. Durch die ganze Stufenfolge hin zieht sich eindeutig und nicht umkehrbar die Abhängogkeit von unten her und die Indifferenz nach oben zu.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 538

„Handeln die ersten beiden Gesetze (gemeint sind das 1. und das 2. Dependenzgesetz, vgl. S. 519-520; HB) von dem, worin das Höhere abhängig, das Niedere selbständig ist, so haben die beiden letztgenannten Gesetze (gemeint sind das 3. und das 4. Dependenzgesetz, vgl. S. 520; HB) es umgekehrt mit dem zu tun, worin das Höhere eigenständig und autonom ist. Denn nur in bestimmter Hinsicht ist das Höhere abhängig vom Niederen: entweder als Überformung des Niederen, wobei es selbst dessen kategoriale Struktur als Aufbauelement in sich aufnimmt (und abwandelt; HB) , oder als Überbau, der des niederen Seins nur als eines tragenden Fundaments bedarf. Selbstverständlich ist im ersten Falle die Abhängigkeit des Höheren eine größere und mehr ins Inhaltliche gehende als im zweiten. Will man also das Moment der Autonomie einer höheren Seinsstufe gegenüber der neideren herausarbeiten, so muß man mit dem Überformungsverhältnis beginnen. Denn da hier die Abhängigkeit größer ist, muß auch die Autonomie des Abhängigen hier auf größere Widerstände stoßen. ist sie für das Überformungsverhältnis nachzuweisen, so folgt sie für das Überbauungsverhältnis von selbst. Darum erstreckt sich das Gesetz der Materie (gemeint ist das 3. Dependenzgesetz, vgl. S. 520; HB) unmittelbar nur auf die Überformung. Sein Geltungsbereich wird deswegen keineswegs allzusehr eingeschränkt. Man erinnere sich hier, daß Überformung keineswegs bloß an der Grenze von physisch-materiellem und oragnischen Sein statt hat; da die Fundamentalkategorien (vgl. S. 203 ff.; HB) durch alle Schichten hindurchgehen und von den höheren Kategorien immerhin viele nach oben zu wiederkehren, so findet in gewissen Grenzen an allen Schichtendistanzen »auch« Überformung statt, und »reine« Überbauungsverhältnisse gibt es wohl gar nicht. Ein Teil der niederen Kategorien geht eben stets mit in die höhere kategoriale Struktur ein, auch wenn sie heir als untergeordnete Elemente nicht auf den ersten Blick wiedererkennbar sind. Sie bilden überall, wo sie aufwärts durchdringen, eine Art kategorialer »Materie«. Von dieser materie handlet das dritte Dependenzgesetz.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 539

„Das geistige Sein ist nicht seelischer Akt (sofern es »seelische Akte« gibt; HB) , und seine Gesetze sind andere; aber der Vollzugscharakter des Aktes erhält sich in ihm, der Akt wächst nur in ein anders geartetes Gefüge von Gehalt und Bedeutung hinauf. Dieses andere Gefüge ist selbst in keiner Weise mehr Akt, es ragt sogar weit über die Grenzen des aktvollziehenden Bewußtseins hinaus - in eine Sphäre gemeinsamen geistigen Lebens hinein, die im ständigen Wechsel der Individuen einheitlich fortbesteht und sich fortentwickelt. Aber auch dieses höhere Gefüge bleibt stets am Bewußtsein und Akt als nur an seine Träger rückgebunden, und es kommt ohne sie nirgends vor; ja, es ist dadurch selbst real zeitgebunden, und diese Gebundenheit wird in der Geschichtlichkeit des Geistes sehr konkret greifbar. Und mittelbar, durch das Aufruhen des Bewußtseins auf dem organischen Leben, ist es sogar raumgebunden. Der Geist als solcher ist wohl unräumlich, aber sein reales Dasein in der Welt ist durch die Rückgebundenheit an die niederen Seinsschichten doch auch räumlich lokalisiert (räumlich sind nur zwei Schichten: die anorganische und die organische; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 543-544

„Über solche Rückgebundenheit hinaus aber geht im Überbauungsverhältnis die Abhängigkeit »von unten her« nicht. Das besagt, sie ist um vieles geringer als im Materie-Verhältnis. Sie spielt in das Inhaltliche kaum mehr hinein. Denn das Gegenstands- und Erkenntnisverhältnis, durch welche alle Seinsgebilde von unten auf wieder inhaltsbestimmend im Geistesleben werden, ist ein ganz anderes Verhältnis, ein spezifisches Novum des Geistes.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 544

„Das vierte Dependenzgesetz (das Gesetz der Freiheit, siehe S. 520; HB) ist in Wahrheit ein Gesetz der Independenz. Es ist die Kehrseite vom Gesetz der Materie (das dritte Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) und in diesem schon halb zu erkennen; es fügt aber zur bloß negativen Begrenzung der Abhängigkeit das eigentlich Positive erst hinzu: die Eigenständigkeit der höheren kategorialen Struktur.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 544

„Als Gegengesetz zum Gesetz der Stärke (das erste Dependenzgesetz als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) kann man es auch das »Gesetz der Höhe« (das vierte Dependenzgesetz als das Gesetz der Freiheit, siehe S. 520; HB) nennen. Denn das ist sein Sinn, daß es neben dem Vorrang der Stärke und des Elementarseins einen Vorrang der Höhe gibt, und zwar in derselben Stufenordnung des Seienden und seiner Kategorien. Dieser Vorrang der Höhe besteht nicht nur im inhaltlichen Reichtum der Struktur, auch nicht etwa erst im Sinn- und Wertgehalt - was ja unbestreitbar zutrifft, aber an sich kein ontologisches Moment ist -, sondern auch in einem bestimmten Typus von Unabhängigkeit oder, positiv ausgedrückt, in »kategrorialer Freiheit« und Eigengesetzlichekeit (Autonomie). - Da nun nach dem Gesetz der Stärke das Höhere abhängig ist vom Niederen, so könnte hier ein Widerspruch zu liegen scheinen, denn die Unabhängigkeit, von der das Gesetz der Freiheit spricht, soll ja auch gerade eine solche des Höheren vom Niederen sein. Das erste Erfordernis also ist, den scheinbaren Widerspruch aufzulösen. - Das ist nun nach den vorhergegangenen Erörterungen nicht schwer. Man braucht dazu nur das Verhältnis der drei ersten Dependenzgesetze (das der Stärke, das der Indifferenz und das der Materie, siehe S. 519-520; HB) genau in Auge zu fassen. Wäre nämlich die niedere Kategorienschicht nicht »indifferent« gegen die höhere, die auf ihr fußt, und wäre diese nicht nur der »Materie« (oder gar nur dem Fundament) nach durch jene bedingt, sondern auch ihrer besonderen Formung nach, so könnte es bei durchgehendem Stärkersein der neideren Kategorien keine Autonomie der höheren geben. Dann aber könnten die höheren auch kein Novum den niederen gegenüber enthalten, sie müßten in der Summe wiederkehrender kategorialer Elemente aufgehen. - Daß dem nicht so ist, sprach schon das Geswtz des Novums (vgl. S. 500 ff.; HB) aus. Wiederkehr macht die höheren Formen nicht aus (vgl. das Gesetz der Wiederkehr als das erste Schichtungsgesetz, siehe S. 475; HB); die Stärke der niederen Kategorien ist nur die von Elementen. Es ist von Schicht zu Schicht wie in dem Aristotelischen Beispiel mit den Balken und Ziegeln: sie geben den Bauplan nicht her, sie sind bur Grenzen seines Spielraumes. So sind von Schicht zu Schicht die niederen Kategorien nur eine Einschränkung des Spielraumes für die höhere kategoriale Struktur und dieses selbst gegen sie ein Novum, also autonome Struktur. - Da also vielmehr die niedree Kategorienschicht gleichgültig gegen die höhere ist, somdarf das Gesetz der Freiheit ohne Widerspruch gegen das kategoriale Grundgesetz (das Gesetz der Stärke als das erste Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB) behaupten, daß ungeachtet des Stärkerseins der niederen kategorien die höheren ihnen gegenüber in ihrem Eigentümlichen (ihrem Novum) autonom sind. Sie müssen sogar notwendig diese Autonomie haben, denn sonst wären sie gar nicht die höhere Seinsschicht. Es handelt sich also in der kategorialen Freiheit des Höheren um eine Independenz in der Depemdemz, um eine Selbständigkeit des Abhängigen als solchen und ohne Verletzung der Abhängigkeit oder auch um das Zusammenbestehen con struktureller Überlegenheit des Höheren mit dem Stärkersein des Niederen im Schichtenbau der realen Welt. Und dieses Verhältnis besteht durchgehend für alle Schichteninstanzen, einerlei ob die höheren Kategorien die niederen wie eine »Materie« (vgl. das Gesetz der Materie als das dritte Dependenzgesetz, S. 520; HB) überformen oder nur wie eine Grundlage überbauen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 544-545

„Hält man diese Dinge zusammen, so wird daran durchsichtig, daß kategoriales Höhersein schon rein als solches unmittelbar Autonomie gegenüber allem der Schichtung nach niederen Sein bedeutet, und zwar unbeachtet der kategorialen Abhängigkeit von diesem. Die Überlegenheit des Höheren ist eben eine andere als die des Stärkerseins; darum kommt ein Widerstreit seiner Independenz mit seiner eigenen Dependenz gar nicht in Frage. Denn die stärkeren Kategorien sind zugleich die ärmeren bei aller Härte ihrer Geltungskraft die höheren Seinsgebilde inhaltlich nicht bestreiten. - Das aber bedeutet: es bleibt an jeder Schichtendistanz Spielraum für höhere Formung »oberhalb« der niederen. Dieser Spielraum ist das freie Feld möglicher Autonomie einer höheren Seinsschicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 545-546

„Es wurde oben beim kategorialen Grundgesetz (das Gesetz der Stärke als das erste Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB) gezeigt, wie es eine Eigentümlichkeit im Schichtenbau der Welt ist, daß sich überhaupt zweierlei Überlegenheit - die der Stärke und die der Höhe - in ihm begegnet und in entgegengesetzter Richtung abstuft (Kap. 56 d). Man kann jetzt auch sagen, es sind zwei entgegengesetzte Arten der Selbständigkeit und des kategorialen Vorranges. Der Unterscheid gegen die dort angestellte Erörterung ist nur, daß auf Grund der drei weiteren Dependenzgesetze diese Eigentümlichkeit der Welt nicht mehr als bloße Tatsache hinzunehmen ist, sondern als innere Konsequenz einer kategorialen Mannigfalrtigkeit begreifbar geworden ist. Denn jeder einseitige Seinsvorrang - sei es der der Höhe oder der der Stärke - würde alle Schichten einseitig von einer total abhängigen machen, entweder alle niederen von der höchsten oder alle höheren von der niedersten, und dadurch die kategoriale Mannigfaltigkeit und den inhaltlichen Reichtum der realen Welt aufheben. Die Aufhebung aber würde aller unvoreingenommenen Analyse des Gegebenen - verstanden in der ganzen Breite naiver und wissenschaftlicher Erfahrung - widerstreiten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 546-547

„Nicht von jedem Problemzusammenhang aus sind beide Arten des Seinsvorranges zu sehen. Darum ist in den metaphysischen Systemen tatsächlich meist nur eine gesehen worden. Auch vom kategorialen Grundgesetz (das Gesetz der Stärke als das erste Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB) aus ließ sich nur die eine sehen, der Seinsvorrang in der Stärke des Niederen. Diesem trägt auch das Indifferenzgesetz (das Gesetz der Indifferenz als das zweite Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) noch Rechnung; doch wird hier bereits der Seinsvorrang der Höhe sichtbar. Aber erst im Gesetz der Freiheit (das »Gesetz der Höhe« als das vierte Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) wird er voll ins Bewußtsein gehoben. Der entscheidende Schritt dieser Einsicht liegt beim Gesetz der Materie (das dritte Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB); denn am Überformungsverhältnis wird es durchsichtig, wie in der Einheit einer Schichtenfolge der Vorrang des Höheren mit dem des Stärkeren ungezwungen koexistieren kann.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 547

„Die beiden Arten des Vorranges widerstreiten einander deswegen nicht, weil sie ganz verschiedenes bedeuten. Aus demselben Grunde widerstreitet auch das Gesetz der Freiheit (das »Gesetz der Höhe« als das vierte Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) nicht dem Gesetz der Stärke (das »kategoriale Grundgesetz« als das erste Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB); es spricht vielmehr in aller Bewußtheit die Andersheit im kategorialen Vorrang der Höhe gegen den der Stärke aus: die höhere Formung beansprucht nicht, Bedingung und tragende Grundlage zu sein, sondern lediglich, ihre besondere Artung im Aufruhen auf jener selbständig für sich zu haben. Dieser Anspruch verträgt sich offenbar ohne weiteres mit dem Stärkersein des Niederen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 547

„Das Schwächersein des Höheren bedeutet nach dem Gesetz der Freiheit (dem »Gesetz der Höhe« als dem vierten Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) nur ein Bedingtsein vom strukturell Ärmeren her, das als solches den Strukturüberschuß des Höheren nicht tangiert. An diesem Strukturüberschuß, dem Novum des Höheren, hängt das kategoriale Moment der Freiheit. Und da könnte man das G4esetz denn auch anders aussprechen: Freiheit hat immer nur das Schwächere gegen das Stärkere. Denn das Schwächere ist das Höhere.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 547-548

„Natürlich bedeutet diese Formel nicht, daß nicht das Stärkere auch seine Selbständigkeit habe. Das Stärkersein ist vielmehr selbst eine Art Selbständigkeit. das hat das Gesetz der Indifferenz (das zweite Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) zur Geltung gebracht. Aber Freiheit ist nicht identisch mit Selbständigkeit. Zur Freiheit gehört der Widerstand einer Determination, gegen welche sie sich durchsetzt. Die niederen Seinsschichten nun erfahren von den höheren keinerlei Determination; ihre Selbständigkeit gegen diese ist also keine Freiheit. Wohl abererfahren die höheren eine sehr bestimmte Determination von den niederen her. darum ist der Typus ihrer Selbständigkeit gegen diese mit Recht Freiheit zu nennen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 548

„Will man dieses genauer an die oben gebrachten Formulierungen anknüpfen, so kann man auch sagen: Freiheit ist die Selbständigkeit in der Abhängigkeit, Independenz in der Dependenz. Darum kann nur das kategorial Schwächere gegen das Stärkere Freiheit haben, nicht umgekehrt dieses gegen jenes. Die Selbständigkeit der Stärke kann auch das Unabhängige haben; sie ist zwar nicht identisch mit dieser, aber doch unlöslich verbunden mit ihr. Die Selbständigkeit der Freiheit dagegen kann nur das Abhängige haben.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 548

„In cder Schichtenfolge des Realen haben diese Bestimmungen einen ganz konkreten Sinn: die höhere Formung hat ihren Spielraum nicht »in« der bniederen, also nicht auf ihrer Seinshöhe, sondern »über« ihr. Die niedere Seinsschicht ist in ihrem ganzen Bereich schon durch ihre eigenen Kategorien zureichen determiniert; sie ist kategorial gesättigt. Und da ihre Kategorien die stärkeren sind, so können die höheren gegen sie nicht aufkommen. »In« ihr also ist kein Raum für Überbestimmung. »Oberhalb« ihrer dagegen haben die höheren Kategorien unbegrenzten Spielraum. - Denn »oberhalb« ihrer sind jene selben »stärkeren« Kategorien entweder nur Materie der Überformung oder gar nur Seinsfundament des Aufruhenden. In beiden Fällen verhalten sie sich vollkommen indifferent gegen das Einsetzen der höheren Form. Der Überfromung setzen sie nichts als die Tragkraft des Elements, der Überbauuung nichts als dei Seinsbasis entgegen. Beide schränken die höhere Formung nur im Sinne einer Bedingung ein, begrenzen also ihre Autonomie nur noch unten zu, nicht nach oben hin.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 548

„Die höehere Kategorien vermögen »gegen« die niederen nichts, »mit« ihnen aber - sie gleichsam »für« sich habend - alles, was nur immer an höherer Gestaltung sie aufbringen. Sie sind und bleiben zwar bei aller Autonimie in einer gewissen Abhängigkeit von ihnen; aber sie sind »frei« in ihrer Abhängigkeit,“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 548

„Vo jeher walten in der Geschichte zwei Typen der Systembildung vor. Der eine ist im wesentlichen der oben geschilderte der Formenteleologie, der von den höchsten Seinsformen aus abwaärts schauend die niederen verstehen will (Kap. 57 c und d); dieser Typus ist der eigentlich herrschende, die große Linie der spekulativen Metaphysik bestimmende. .... Der andere Typus, viel bescheidener vertreten, aber nicht minder radikal, will umgekehrt von den niedersten Seinsformen aufwärts die höheren verstehen. Die antike Atomistik zeigt diesen Typus, weit schroffer als sie aber der neuzeitliche Materialismus, Naturalismus, Energetismus, ja in gewissen Grenzen auch der Biologismus und Psychologismus. - Beide Typen haben unrecht, und zwar beide verfürht durch dasselbe Einheitspostulat. Der erste verstößt gegen das kategoriale Grundgesetz (das Gesetz der Stärke als das 1. Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB) indem er die höheren Prinzipien zu den stärkeren macht, der zweite gegen das Gesetz der Freiheit (das »Gesetz der Höhe« als das 4. Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB), indem er die niederen Prinzipien als zureichend für die höheren Seinsschichten gelten läßt. Jener hebt die Selbständigkeit des ontisch fundamentalen auf, dieser die Autonomie der überlegenen Seinsfülle. - Die Kategorien des physisch Materiellen sind genau so wenig imstande, auch nur dem Organismus oder gar dem Bewußtsein und dem geistigen Sein zu genügen, wie die kategorien des letzteren imstande sind, die Grundlage für jenes herzugeben. Eine rein mechanistische Deutung der Lebenserscheinungen ist ebenos aussichtslos wie die psychovitalistische und die teleologische. Beide führen das organische Sein auf kategorien zurück, die nicht die seinigen sind und deswegen seine Eigenart vergewaltigen, die eine von unten, die andere von oben her. .... - Beide Tendenzen verkennen grundsätzlich die kategoriale Selbständigkeit des Organischen. Wäre der »Vitalismus« wirklich da, was sein Name besagt, die einfache Annahme eigener Kategorialprinzipien, die von keiner anderen Seinsschicht entlehnt sind, so wäre er eine brauchbare Theorie, auch wenn er diese Prinzipien nicht herausarbeiten könnte. Er wäre wenigstens grundsätzlich auf dem ontologisch rechten Wege. Die vitalistischen Theorien tun idessen tatsächlich etwas ganz anderes: sie übertragen seelische oder geistige Prinzipien auf den Organismus, und zwar mit besonderer Vorliebe immer wieder die Kategorie der Zwecktätigkeit, die vom menschlichen Planen und Hadeln hergenommen ist. - Der springende Punkt ist eben doch der, daß auf jeder Seinsstufe in doppelter Richtung Selbständigkeit und Eigengesetzloichkeit besteht: in der Stärke und Indifferenz gegen das höhere sein und zugleich die des Novums und der Freiheit gegen das niedere. Der Vitalismus hat immer nur die letztere berücksichtigt, die erstere aber preisgegeben. Darum hat er niemals echte Vitalprinzipien eingeführt, sondern unter dem Vorgeben, solche zugrundzulegen, entlehnte kategorien aus der Sphäre des menschlichen Tuns und Treibens an ihre Stelle gesetzt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 549-550

„Wie der Materialismus das Lebendige vergewaltigt, so der Biologismus das Bewußtsein und das Seelenleben überhaupt. Versteht man das Bewußtsein als eine Funktion des Organismus unter anderen Furnktionen, so kann man sich sehr wohl einen phylogenetischen Weg seiner Entstehung auf Grund von Mutations- und Selektionsprozesse speziellster Art zusammenreimen. Man wird dieser Auffassung auch eine gewisse Berechtigung nicht bestreiten dürfen. Nur bedeutet sie kein ontologisches Durchdringen bis auf das Eigentümliche des Bewußtseins; sie setzt dieses vielmehr in der angenommenen Funktion schon voraus. (Sie muß es aber auch nicht, da man prinzipiell für jedes Phänomen ein »Eigentümliches« fordern - und deshalb eben auch ablehnen - kann; außerdem gehört das Bewußtsein mehr zum Geistigen als zum Seelischen und kann, wenn das Seelische als Schicht ganz herausfällt, nur dem Organischen oder nur dem Geistigen oder nur beiden zugeschlagen werden, nicht aber dem Seelischen; HB).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 550

„Nicht viel anders ist es auch bmit den Versuchen des Psychologismus, das geistige Sein aus dem Gefüge selischer Vorgänge heraus zu verstehen, also etwa das Urteil, das Erkennen, Wertfühlung und moralische Verantwortung,künstlerisches Schaffen und Schauen nach der Art psychischer Reaktionen aufzufassen. Man deklassiet damit in Wahrheit das Geistesleben, bringt es uum seine charakteristische Objektivität, seinen Sinngehalt, sien überindividuelles und übersubjektives Sein. Statt es zu erklären oder auch nur in seiner Rätselhaftigkeit anzuerkennen, vernichtet man seine Eigenart und Autonomie.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 551

„Alle Verstöße gegen das Gesetz der Freiheit, wie auch immer die Theorien vorgehen und auf welche Seinsschichten sie sich beziehen mögen, zeigen ein und dasselbe Gesicht. Sie verkennen das Novum des höheren Seins, verstoßen also zugleich auch gegen die Schichtungsgesetze (vgl. S. 472 ff., bes. S. 475-476; HB). Sie erklären mit unzureichenden Mitteln; unzureichend eben sind grundsätzlich die niederen Kategorien für eine höhere Seinsschicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 551

„Insofern ist der umgekehrte Verstoß, der gegen das Gesetz der Stärke (das 1. Dependenzgesetz als das kategoriale Grundgesetz, siehe S. 519-520; HB) - wie ihn die Theorien der Formenteleologie zeigen -, immer noch ein sinnvolles Unterfangen. Hier wird wenigstens mit grundsätzlich zureichenden Mitteln erklärt, ja sogar mit überzureichenden. Das Unterfangen ist nichtsdestoweniger verkehrt, und zwar eben weil man viel zu große kategoriale MMittel an das weit Einfachere und Ärmere heranträgt. Die suggestive Kraft solchen Vorgehens versteht man indessen sehr wohl: die höheren Kategorien, einmal dem niederen Concretum als die seinigen zugeschrieben, bewältigen dieses natürlich mit Leichtigkeit. Eine Theorie des Organischen auf Grund seelischer Formbildungsprinzipien hat leichtes Spiel. Schreibt man gar allen Seinsschichten Vernunft, Wille und planvolle Zwecktätigkeit zu (die Rede ist von der Geistesschicht; HB), so wird das Spiel noch um vieles leichter. Es wird so leicht, daß eigentlich schon sein müheloses Gelingen selbst das Falschspiel verrät. Eine solche Theorie setzt nicht nur voraus, was sie erst erklären sollte, was sie erst erklären sollte, sondern weit mehr als sie erklären sollte. Indem sie es sich zu leicht macht, schießt sie zugleich zu weit übers Ziel.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 551

„Der sinnvollere Fehler ist eben nicht weniger ein Fehler. Er vergewaltigt die Phänomene nicht weniger als der sinnwidrige Fehler. Dieser trägt darüber hinaus nur noch das Odium der Sinnwidrigkeit selbst. Das Gesetz der Stärke (das 1. Dependenzgesetz als das kategoriale Grundgesetz, siehe S. 519-520; HB) und das Gesetz der Freiheit (das »Gesetz der Höhe« als das 4. Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) sind gkleich fundamentale Gesetze. Ontologisch ist die Verletzung des einen genau so folgenschwer wie die des anderen. Was den Verstoß gegen das Freiheitsgesetz schwerer belastet, ist vielmehr eine außerordentliche Note: die Herabsetzung des Höheren, sofern man in ihr zugleich die Vernichtung eines bestimmten Wert- und Bedeutungsvorranges in Kauf nimmt. Und wo es sich um Herabsetzung des geistigen Seins handelt, empfinden wir das mit Recht als folgenschwer. Als Tun des philosophierenden Geistes ist also der verstoß gegen das Gesetz der Freiheit zugleich die Selbstverkennung und gleichsam Selbstdeklassierung eben dieses Geistes.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 551-552

„Ist es nun aber wahr, daß im Gefüge der realen Welt die höheren Seinsformen gar nicht bestimmend in das Gebiet der niederen hineinspielen? Es spricht, so scheint es, doch nicht Weniges dagegen. Der Mensch gestaltet dochj Naturverhältnisse um, zwar nur in seinem nächsten Umkreise, aber doch im im Sinne des Eingreifens in die natürlichen Abläufe. Er hat die Oberfläche in mancher Hinsicht umgestaltet (bis hin zur Zerstörung! HB) Viel weiter noch geht im Kleinen seine Dingformung und seine Auswertung von Naturkräften (Technik). Es ist klar, daß hier überall der Geist es ist, der in die Naturzusammenhänge eingreift; er ist die erkennende, planende, im Ausführen lenkende Instanz. Seine Kategorien aber sind die höheren. Ist es also nicht doch so, daß die höheren Kategorien determinierend in die niederen Seinsschichten hibareichen?“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 552

„Man kann dies Frage noch auf eine breitere Basis stellen. Der Geist greift auch in das organische Leben ein, er züchtet Pflanzen und Tiere, veranlaßt dadurch echte organische Umgestaltung; er hat auch durch die Methoden der Therapie das eigene leibliche Leben des Menschen in eine gewisse Abhängigkeit von seinenm planmäßigen Tun gebracht. Und auch in die seelische Welt greift er ein: er erzieht das Triebleben, schafft Gewohnheiten nach seinen Wertgesichtspunkten, untgerdrückt oder steigert bestehende seelische Vorgänge gegen deren mitgebrachte Gegentendenz.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 553

„Gegen diese Tatsachen ist nichts zu streiten. Es fragt sich nur,ob sie wirklich das sind, wofür der Einwand sie ausgibt: ein Eingreifen der höheren Formung in das Prinzipielle der neideren resp. Abhängigkeit der niederten von den höheren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 553

„Es läßt sich leicht zeigen, daß dem nicht so ist. Eingreifen in eine Seinsschicht ist etwas ganz andere als Eingreifen in ihre Gesetzlichkeit und kategoriale Struktur. Das erstere kann der Menschengeist auf mannigfache Weise, und zwar am weitgehendsten der niedersten Seinsschicht gegenüber; das letztere aber kann er auf keine Weise. Über niedere kategoriale Formung hat er keinerlei Macht. Im Gegenteil, daß er über gewisse Naturkräfte seiner nächsten Umgebung Macht gewinnt, beruht darauf, daß er deren Eigengesetzlichkeit verstehen lernt und sich in seinem technischen Schaffen seinerseits ihr anpaßt (vgl. oben Kap. 56 b). Die Anpassung aber ist ein Gehrochen, nicht ein Vorschreiben. Was der Geist vorschreibt, ist vielmehr die höhere Form, gegen welche die Naturkräfte indifferent sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 553

„Man sieht, es handelt sich um Fälle der Überformung. Die Kunstprodukte technischen Tuns sind eben nicht mehr Natur (beeinflussen diese aber dennoch! HB); sie gehören auch keineswegs einfach der Seinsschicht des Anorganisvhen an, denn ohne den Menschengeist, ohne Erfinden, Ersinnen und planmäßiges Ausführen kommen sie gar nicht zustande. Solche Überformung widerstreitet aber in keiner Weise dem Gesetz der Indifferenz (das zweite Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB). Sie ist vielmehr nur durch die Indifferenz der Naturgebilde möglich.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 553

„Dasselbe gilt natürlich auch vom Tun des Züchters, des Mediziners, des Erziehers u.s.f.. Weder dem organischen noch dem seelischen Sein kann der Geist die Gesetze vorschreiben; denn es hat seine eigenen, und über die hat er keine Gewalt. Er kann auch hier nur in Anpassung an sie überformen, was gegeben ist. Bei allem, womit der schaffende Geist es zu tun hat, gilt die Regel: er kann »gegen« die niedere kategoriale Formung nichts ausrichten, »mit« ihr aber vermag er genau so viel, als er mit ihr anzufangen weiß.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 553

„Die Herrschaft des Geistes im Reiche der Natur ist vollkommen begrenzt durch die Naturgesetzlichkeit. Nur in den Grenzen seiner Anschmiegung an sie kann er das Vorgefundene für seine Zwecke auswerten (und so die Natur beeinflussen; HB). Auch in seiner Naturbeherrschung bleibt der Geist abhängig von den niederen Kategorien, und seine höheren Kategorien sind uind bleiben die schwächeren. Sein Herrschen selbst aber ist eine Überlegenheit ganz anderer Art. Er herrscht durch seine Vorsehung und Zwecktätigkeit; die Natur eben ist nicht zwecktätig, sie ist gleichgültig gegen Richtung und Resultat ihrer Prozesse. Darum ist sie gegen die Zweckgebung des Geistes wehrlos, wenn diese in strenger Anpassung an ihre Gesetze geschieht. Es ist - mit Hegel zu reden - die »List der Vernunft«, die in er Kategorie der Zwecktätigkeit steckt. Denn in der Tat ist es eine Art der Überlistung der Naturkräfte, die der Mensch treibt, indem er sie für seine Zwecke arbeiten läßt. Und er kann sie für sich arbeiten lassen, sofern er entsprechend ihren an sich ziellosen Eigentendenzen unter ihnen die Mitel für seine Zwecke auswählt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 553-554

„Dieses Verhältnis ist ein vollkommen eindeutiges und durchsichtiges. Es hat mit Umkehrung der kategorialen Dependenz und Aufhebung des Indifferenzgesetzes (geneint ist das zweite Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) nichts zu schaffen. Es ist vielmehr durchaus nur auf Grund dieses Gesetzes möglich: die Indifferenz der an sich stärkeren Naturmächte ist gerade die Bedingung der Herrschaft des an sich schwächeren Geistes über sie.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 554

„Das Indifferenzgesetz (das 2. Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) besagt eben keineswegs, daß die niedere Seinschicht von einer höheren keinen Einfluß - etwa keine Überformung - erfahren könnte. Es besagt etwas ganz anderes, nämlich nur dieses, daß die »Kategorien« des niederen Seins vom höheren her keine Umformung erleiden können.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 554

„Das Kategorienverhältnis, wie es von Schicht zu Schicht sein Widerspiel von Dependenz und Autonomie zeigt, ragt »nach oben zu« über das Seinsproblem hinaus und in das Problemgebiet von Wert und Sinn hinein. Das darf allerdings die Untersuchung nicht verführen, den ontologischen Boden zu verlassen. Wohl aber rechtfertigt es ein besonderes Eingehen auf die Sachlage in dem entsprechenden Seinsverhältnis selbst. Denn hier mischt sich ein Interesse anserer Art in die Problemaufrollung, das ihre nüchterne Sachlichkeit gefährdet. Es ist dieselbe Gefahr, der die Mehrzahl der spekulativen Systeme erlegen ist. Ihr ist nur mit kritischer Wachsamkeit zu begegnen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 554-555

„Die Aktualität des Freiheitsproblems liegt beim Ethos des Menschen. Ausgefochten werden mußte es aber stets auf ontologischem Boden. Denn bei allem Ausfechten handelt es sich um das Verhältnis zu den determinativen Zusammenhängen, die im Aufbau der realen Welt enthalten sind. Doch war es infolge jener Aktualität immer nur die Willensfreiheit, die man im Auge hatte, und gerade das erschwerte die Sachlage, in der man sich fand. Geschichtlich ist es vollkommen gerechtfertigt, daß eine so ausgedehnte Problematik wie die der Freiheit nicht mit dem Fundamentalen, sondern mit dem Aktuellen beginnt. Daß das letztere ontisch höchst sekundär sein kann, ist eine späte Einsicht. Au ethischem Gebiet kann man am Freiheitsproblem nicht wohl vorbeikommen, ohne es ausdrücklich zu stellen. Der Sache nach aber ist Willensfreiheit nur ein Spezialfall - zwar ein sehr wichtiger und der einzigartigen Bemühung würdiger, aber doch einer, dem erst das ontologisch generelle Autonomieproblem den Hintergrund und die Wesensstruktur verleiht. In Wirklichkeit wird hier, wie überall, der Spezialfall erst vom Grundproblem aus einer strengeren Behandlung zugänglich.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 555

„Dazu kommt ein zweites. Ontologisch ist die Freiheit des Organischen gegenüber der leblosen Natur um nichts weniger wichtig als die des bewußten Willens gegenüber einem Geflecht der seelischen Motivation. Denn das Organische ist ebenso abhängig vom Physischen wie der Wille von den Motiven; in beiden Fällen also setzt sich die Autonomie gegen eine Dependenz durch. Und dasselbe gilt von der Freiheit des Bewußtseins gegen den Organismus, von dem es getragen ist.Hat man den Sinn dieser aufsteigenden Reihe von Freiheistverhältnissen erfaßt, so ist es ohne weiteres klar, daß Freiheit der Person in ihren Entschlüssen, Handlungen und Gesinnungen nur möglich ist, wenn es überhaupt die Autonomie eines höheren Gebildes gegen die Determination des niederen gibt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 555

Die vielumstrittene Willensfreiheit hängt ohne Zweifel an sehr mannigfaltigen Bedingungen; in erster Linie aber hängt sie am kategorialen Verhältnis von Dependenz und Autonomie, wie es von Schicht zu Schicht wiederkehrt. Am Verständnis dieses durchgehenden Verhältnisses hat es den Verfechtern der Willensfreiheit von jeher gefehlt. Darum haben sie sich immer wieder verführen lassen, das Weltbild für die Rettung der Freiheit spekulativ zurechtzustutzen, nicht bemerkend, daß sie dabei eben das voraussetzten, was sie erweisen wollten. Besonnenere Köpfe durchschauten das falsche Spiel und ließen die Freiheit fallen. Mit ihr aber fiel auch das eigentliche Sein des menschlichen Ethos.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 555-556

„Wo immer man im Ernst die Willensfreiheit zu verfechten suchte, stieß man unfehlbar auf den Widerstand des Determinismus. Dieser besagt, daß alles, was geschieht, schon durchgehend bestimmt ist und nicht anders ausfallen kann, als es ausfällt. Gemeint ist damit nicht die Determination, die von den Kategorien ausgeht, sondern diejenige, die innerhalb jeder Seinsschicht das Einzelne mit Einzelnem, Reales mit Realem verbindet. Jene betrifft nur das Allgemeine und Prinzipielle, diese aber durchdringt die Einzelfälle bis in ihre Individualität hinein.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 556

„Es ist oben (Kap. 31 b und c) gezeigt worden, wie in der tat jede Seinsschicht ihren eigenen Determinationstypus hat rfesp. ihre besondere Form des Realnexus, und wie alle diese Typen Abwandlungen der elementaren Determinationskategorie darstellen. Gibt es nämlich in jeder Seinsschicht am Concretumn soclh ein Nexua, so gibt es offenbar auch in jeder Kategorienschicht eine spezifische Determinationskategorie, welche die reine Form des betreffenden Nexus resp. sein Gesetz ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 556

„Der Determinationstypen sind mindestens so viele, als es Schichtenb des Realen gibt. Tatsächlich sind ihrer mehr, weil die Stufen des geistigen Seins noch eine weitere Manigfaltigkeit mit sich bringen. Ihr Vorhandensein läßt sich fast überall aufzeigen, der Kategorialanalyse zugänglich sind aber einstweilen nur ganz wenige: der Kausalnexus des physischen Geschehens und er Finalnexus des menschlichen Wollens und Handels (also: des Geistes; HB). Die dazwischenliegenden Stufen des Nexus liegen durchaus noch im Dunkel, derjenige des Organischen Werdeprozesses (der Entwicklung der Anlagen) und der des seelischen Vorganges. Diese Sachlage im Determinationsproblem hat es mit sich gebracht, daß in den metaphysischen Theorien nur die beiden bekannten Formen des Nexus zugrundegelegt und dann natürlich auch in entsprechender Einseitigkeit auf die übrigen Schichten übertragen worden sind. Erst durch Vereinseitigung, die offenbar den Typus der »Grenzüberschreitung« trägt (Kap. 7 b und c), sind die beiden bekannten Formen des »Determinismus« entstanden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 556

„Das Weltbild dieser Theorien drängte mit einer gewissen Zwangsläufigkeit immer weider darauf hinaus, daß alles Seiende unter einem einzigen Gesetz durchgehender Folge stehe, welches von unten auf bis in die höchsten Stufen des geistigen Lebens hinein ohne wesentliche Differenzierung alles beherrrschen müßte. Ob man dieses Folge-Gesetz nun mehr nach Art der Kausalität oder nach Art der Finalität verstand - und meist hielt man selbst diese beiden nicht einmal streng auseinander -, immer ergab der Gesamtaspekt einen vollkommen einheitlichen Welt-Determinismus, in dem aller Unterschied und die Überformung niederer Determination durch höhere verloren ging.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 557

„Die Freiheit der person ist nur ein Spezialfall der kategorialen Freiheit.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 557

„Es ist oft versucht worden, der Sachlage im Freiheitsproblem mit Hilfe des Indeterminismus Herr zu werden. Als gelungen kann man keinen dieser Versuche bezeichnen. Man verschlimmert damit die Schwierigkeit nur. Eine total indeterminierte Welt hat wohl im Ernst keine Theorie gemeint. Ein partialer Indeterminismus aber ist inkonsequent. Übrigens bricht auch ihm die Welt in zusammenhangslose Stücke auseinander, was den Phänomenen widerstreitet. - Oder er hebt die niedere Determination im Überformungsbereich der höheren auf, was gegen das kategoriale Grundgesetz (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) geht. Er hebt z.B. den Kausalnexus im Bereich der Motivation menschlicher Aktivität teilweise auf. Der Kausalnexus aber gehört nicht zu denjenigen Kategorien, die an der psychophysischen Grenzscheide abbrechen; er kehrt mannigfach abgewandelt und überformt wieder.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 557-558

„Der niedere Nexus kann dort, wo er überhaupt hineinspielt, nicht durch höhere Kategorien aufgehoben werden. Er ist der stärkere und kann nur überfromt werden. Seine Überformung aber kann nur ein höherer Determinationstypusb sein. Indeterministisches Denken verfehlt die Grundstruktur seines Gegenstandes, der Welt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 558

„Die Konsequenz ist: sowohl der Determinismus als auch der Indeterminismus haben sich als unfähig erwiesen, der Sachlage im Freiheitsproblem gerecht zu werden. Der eine macht die Freiheit sinnwidrig, der andere die Welt phänomenenwidrig.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 558

„Die Schichtung der Welt ist ein mittlerer Weg zwischen den Extremen der spekulativen Theorien. .... Die ontologische Überlegenheit dieses mittleren Weges ist entsprechend den Dependenzgesetzen (vgl. S. 512 ff., bes. S. 518-520; HB) diese: in jeder Seinsschicht gibt es durchgehende Determination, aber in jeder eine andere, ihr eigentümliche. Die niedere Determination ist zwar immer die stärkere, sie dringt auch nachweisbar in die höhere Seinsschicht durch, aber nur als ein untergeordnetes Moment, das vom höheren Nexus wie ein Materie überformt wird. Der höhere Nexus ist ihr gegenüber ein kategoriales Novum. Als Novum aber ist er ihr gegenüber »frei« - und zwar unbeschadet ihrer lückenlosen Durchgehens in ihrer Schicht und ihres Durchdringens in die höhere. Denn in der höheren Schicht liegt die Lückenlosigkeit nicht bei ihr, sondern bei der sie überformenden höheren Determination.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 558-559

„Der Erweis dieses Verhältnisses ist dadurch erschwert, daß wir von den Typen des Realnexus nur zwei eigentlich kennen, den Kausalnexus und den Finalnexus; und diese beiden liegen zu weit auseinander, um die aufsteigende Überlagerung der Determinationen direkt an ihnen zu zeigen. Was dazwischen liegt, läßt sich strukturell nur erraten. Nichtsdestoweniger muß man beim Kausalnexus einsetzen, schon weil er das uterste Glied der Reihe ist und die bei weitem meiste Überforrmung erfährt. Denn siese seine Überformbarkeit selbst ist keineswegs selbstverständlich. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 559

„Die Ursprungsschicht des Kausalnexus ist die des Anorganischen. Seine greifbarste Erscheinungsform ist der Mechanismus. Doch bleibt er auf diesen nicht beschränkt; er durchzieht alle Stufen des dynamischen Verhältnisses und erstreckt sich, offenbar nirgends unterbrochen, in den organischen Prozeß hinein. Aber da er nur in der zeitlich progressiven Abhängigkeit der späteren Prozeßstadien von den früheren besteht, so kann er in dieser einfachen Linearität dem organisch-morphogenetischen Prozeß nicht genügen. Hier tritt sichtlich eine anderweitige determination mitbestimmend hinzu, die ihn überformt: er wird zum Strukturelement eines Nexus, in welcjem ein vorbestehendes Formganzes die Direktive gibt. »Wie« dieses Formganze als höhere determination und kategoriales Novum in ihm einsetzt, davon wissen wir nur das eine, dim Entwicklungsgange des Einzelorganismus ein durchaus reales, zeitlich entstandenes, räumlich lokalisiertes, an bestimmte Zellen und Zellteile gebundenes Anlagesystem wirksam ist. »Wie« aber ein Anlagesystem sich kausal im Werdeprozeß des Ganzen auswirkt,läßt ishc nur teilweise erraten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 559

„Für die allgemeine Problemfassung ist die Klärung dieses »Wie« einstweilen auch nicht erforderlich. Nur so weit ist wesentlich, daß die unerkannte Eigenstruktur der höheren Determinationsform darin - also die des gesuchten nexus organicus - streng als solche festgehalten werde. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 559-560

„Für den Kausalnexus aber folgt hieraus bereits etwas ganz Fundamentales: er muß von Hause aus so beschaffen sein, daß er sich überformen läßt. Das bedeutet: wo es Deternimanten von überkausaler Natur gibt, die sich über ihn legen und ihn mit bestimmen können, da ist es keine Art, sie nicht vo9n sich auszuschließen, sondern widerstandslos in sich aufzunehmen und ihre ebenso getreulich im Prozeß mitzuführen wie die seiner eigenen vorausgehenden Stadien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 560

„Der Kausalnexus ist also imstande, fremde, nicht aus ihm stammende Determination in sich aufzunehmen, ohne dadurch seine Eigenstruktur zu verlieren; was sich mit derAufnahem ändert, ist nur die inhaltliche Richtung des Prozesses resp. sein Resultat. Er verhält sich demnach zur kategorialen Struktur des höheren Nexus wie die Materie zur Form; er ist indifferent gegen die höhere Struktur, und diese als solche ist über ihm autonom.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 560

„Das Stärkersein der niederen Form des Nexus ist deswegen an ihm nicht aufgehoben. Was einmal Ursache ist in einem bestimmten Prozeßstadium, das wirkt sich unaufhebbar in den nachfolgenden aus, und zwar ohne Unterschied vor wie nach der Überformung. Die höhere Form des Nexus kann ihn nicht aufhalten, kann ihm auch nichts abhandeln. Wohl aber kann sie ihm ein Plus an Determination hinzufügen. Und das genügt schon, ihn auf ein anderes Resultat hinauszulenken. Darin eben besteht die Indifferenz des Kausalnexus gegen höhere Determination, daß er nicht auf vorbestimmte Subresultate festgelegt ist, sondern sich widerstandslos auf andere Resultate umlenken läßt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 560-561

„Die Lenkbarkeit des Kausalprozesse beruht also darauf, daß seine kategoriale Struktur dem Einsetzen solcher außerkausaler Determination keinen Widerstand entgegensetzt. Diese Lenkbarkeit - kategorial sollte man sie Überformbarkeit nennen - ist und bleibt stets begrenzt durch die große Masse der vom Kausalprozeß selbst mitgebrachten Komponenten sowie durch die Fülle der besonderen Naturgesetzlichkeit, die ihn beherrscht. Aich der Kausalprozeß nimmt nicht beliebige höhere Determination auf, sonden nur solche, die sich ihm anpaßt, d.h. die wirklich an seiner Eigendetermination angreift. Nur eine solche greift wirklich in ihn ein. Aber diese Begrenzung ist nur das Stärkersein der niederen Kategorie, nicht ein Widerstand gegen Überformung überhaupt. Das Gesetz der Materie bewährt sich auch an ihm. - Darüber hinaus gibt es in ihm keinen Widerstand gegen das Eintreten neuer Determination. Er bewahrt getreulich alle Determinationsfäden, die einmal in ihm enthalten sind, aber er ist gleichgültig gegen ihre Herkunft. Er ist gleichsam der Plebejer unter den Determinationstypen. Er führt in seinem breiten Strom den Fremdkörper unbesehen ebenso mit, wie er auch seine eigenen Produkte als Ursachenmomente weiterer Wirkung mitführt. Diese kategoriale Eigentümlichkeit ist es, die ihn in den Grenzen geeigneter Anpassung in der Tat lenkbar macht - und zwar nicht erst für die bewußte Zwecktätigkeit des Menschengeistes, sondern schon für die vitale Selbstbestimmung im Aufbau des Organismus und die geheimnisvolle Steuerung des morphogenetischen Prozesses von einem Anlagesystem aus. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 562

„Das eigentlich Erstaunliche und allen alten, indeterministischen Vorstellungen gegenüber vollkommen Neue an dieser Indifferenz des Kausalnexus ist dieses, daß er bei aller Offenheit für außerkausale Determination und aller Lenkbarkeit doch sich selbst vollkommen getreu bleibt. Er ändert sein Wesen nicht, indem er unter die Direktive höhere Formkomponenten tritt. Diese reißen ihn, den von sich aus ziellosen und keine »Bestimmung« verfolgenden, gleichsam an sich, reißen ihn aus seiner Richtung, geben ihm die ihrige, lassen ihn für deren Verwirklichung arbeiten; aber sie heben ihn also solchen nicht auf, können ihm nichts abhandeln, können keine seiner mitgebrachten Kausalkomponenten ausschalten. Sie bleiben vielmehr ihrerseits mit ihrer ihm aufgelegten Eigentendenz auf sein unbeirrbar gleichgültiges Fortlaufen als auf ihre Grundlage angewiesen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 562-563

„Das drückt sich an seiner kategorialen Struktur darin aus, daß er »blind« ist. Er ist nie ohne Richtung, aber doch stets von sich aus ohne Zielrichtung, ohne vorausbestimmte oder auch nur intendierte Endstadien, auf die er hinauslaufen müßte, ohne Bindung an Zukünftiges, allein gebunden an das zeitlich Vorhergegangene, wie es denn überhaupt Anfang und Ende in irgendeinem angehbaren Sinne in ihm nicht gibt. Er ist also gerade gegen den Ausfall eben desjenigen gleichgültig, dessen Determiantoionskette er ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 563

„Das soeben gebrachte Bruchstück aus der Kategorialanalyse des Kausalnexus genügt bereits, um das alte, antinomisch zugespitzte Problem von Kausalität und Willensfreiheit grundsätzlich zu lösen. - Die Lösung liegt charakteristischerweise gar nicht im Inhaltsgebiet der Freiheitsfrage selbst, sondern weit diesseits ihrer in einem viel allgemeineren Grundverhältnis. Sie liegt in dem Verhältnis von Dependenz und Autonomie überhaupt, welches die Schichtenfolge von unten auf begleitet. Die Überformbarkeit des Kausalnexus ist dafür der eigentlich ausschlaggebende Punkt. Denn haben schon die morphogenetischen Prozesse des Organischen auf die angegebene Weise ihre Autonomie über den Kausalnexus, trotzdem dieser sich ungehemmt durch sie hindurch erstreckt, wieviel mehr wird das erst vom seelischen Sein, und nun gar vom ethisch-personalen Sein gelten müssen. Am letzteren können wir überdies das Verhältnis auch inhaltlich übersehen, denn hier kennen wir die Form des höheren Nexus und können an ihm die Überformung direkt zur Anschauung bringen (vgl. unten). Außerdem läßt sich hier auch das Inhaltliche der hinzutretenden Determinanten aufzeigen; es liegt im Reich der Werte und des Sollens. Bei ihm aber steht der überkausale Ursprung außer Zweifel.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 563

„Entsprechend der allgemeinen Schichtung des Seienden und seiner Kategorien ist auch in der Schichtung der Determinationstypen stets der niedere Tyypus im höheren mit determinierend; ob er es in derWeise einer überformten Materie oder bloß als tragende Grundlage ist, macht dabei keinen grundsätzlichen Unterschied aus. Zu beachten ist hierbei allerdings, dqaß in der Überlagerung der Determinationen die Überformung überall maßgebend zu sein scheint, und zwar auch gerade an denjenigen Schichtendistanzen, die im übrigen ein Überbauungsverhältnis zeigen. Daß hierin keine Ungereimtheit liegt, geht schon aus der oben berührten Tatsache hervor, daß stets ein Teil der niederen kategorien in der höheren Schicht wieerkehrt, auch wo andere ebenso wesentliche abbrechen, Es gibt keine »reinen« Überbauungsverhältnisse, es ist stets auch ein gewisser Einschlag von Überformung dabei. Und die Überhöhung der Determinationen scheint durchgehend von der Art der letzteren zu sein. Mit voller Sicherheit läßt sich das nicht ausmachen, weil wir einstweilen über den organischen Nexus und z.T. auch über den psychischen zu wenig wissen. Aber ohne weiteres sichtbar ist, daß »Motive« spezifisch seelischen und wohl auch leiblichen (also organischen) Ursprungs in die Determination des Handelns inhaltlich hineinspielen. Was sich wohl kaum anders deuten läßt, als daß auch diese in der bewußt-verantwortlichen Willensentscheidung irgendwie mit überformt werden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 563-564

„Bleibt nun die niedere Determination in der höheren mit determinierend, und ist das Novum der letzteren jedesmal autonom über ihr, so ergibt sich in der Schichtenfolge der Determinationen zugleich eine Schichtung der Autonomien. Die höhere Form des Nexus ist hierbei nirgens Aufhebung oder auch nur Durchbrechung der neideren, sondern durchaus nur Überformung; dabei zieht nach dem Gesetz der Materie (dem dritten Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) die niedere nur »nach unten hin« eine Grenze, läßt aber auch »nach oben zu« unbegrenzten Spielraum. Es gibt Autonomie nur »in« der Dependenz, eine Schichtung verschiedener Autonomien also auch nur »in« der geschichten Dependenz verschiedener Determinationstypen. Freiheit also kann es nicht in derEinheit einer einzigen, durchgehenden Determination geben, sondern nur in der Überlagerung mehrerer.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 564

„Autonomie ist die kategoriale Begeliterscheinung jeder determinativen Überformung. Wenn sich nun aber in der Mehrzahl der Überformungen auch die Autonomien selbst wiederholen und überhöhen, so muß man auch mit der Konsequenz Ernst machen, daß Willensfreiheit ein Spezialfall solcher Autonomie, d.h. ein Spßezialfall der kategorialen Freiheit ist. Sie ist die Autonomie in der Determination bestimmter personaler Akte »über« der Determination der seelischen Abläufe - genau so wie diese selbst die Autonomie der psychischen Determination »über« dem Nexus der organischen Prozesse enthält und der letztere wiederum die Autonomie des Organischen »über« dem einfachen Kausalnexus des physisch-materiellen Seins.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 564

„Damit geschieht der Eigenart jeder einzelnen dieser übereinandergeschichteten Autonomien kein Abbruch. Dieses gestzuhalten ist wesentlich, denn selbstverständlich ist die Willensfreiheit ein sehr besonderer Spezialfall, an dem die von Schicht zu Schicht wiederkehrende kategoriale Freiheit nur das allgemein ontologische Schema bildet, wie denn überhaupt ihr Problem hiermit nicht etwa gelöst, sondern nur der Lösbarkeit näher gebracht wird.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 565

„Die Eigenart einer jeden dieser Autonomien liegt in der besonderen Weise der Überformung, also in der besonderen Art, wie der niedere Determinationstypus in den höheren eingebaut ist und in ihm als Materie höherer Determination erhalten bleibt. Diese Überformungsweisen können einander so unähnlich sein wie nur irgend möglich, das ändert nichts am kategorialen Verhältnis von Dependenz und Autonomie überhaupt, welches an jeder Schichtendistanz als untrennbare Einheit wiederkehrt. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 565

„Die Konsequenzen dieses Verhältnisses sind von größter Tragweite. Sie heben das alte Widerspiel von Determinismus und Indeterminismus aus den Angeln. Wir sahen oben, wie die Alternative dieser beiden Ismen sich als falsch erwies, nämlich als unvollständige Disjunktion (aus der sich also affirmativ nichts schließen läßt). Jetzt aber zeigt sich auch, wie beide das kategoriale Dependenzverhältnis verfehlen. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 565

„Der von unten aufgebaute Determinismus verstößt gegen das Gesetz der Freiheit: er macht die niedere Determinismus zur Totaldeterminismus der ganzen Welt, also auch des seelischen und des geistigen-personalen Seins. Er läßt über dem Kausalnexus keine Überformung zu. Er beraubt dadurch den organischen und psychischen Vorgang und vollends den Willensakt seiner Eigengesetzlichkeit. Unter seiner Voraussetzung ist Freiheit jeder Art ein Ding der Unmöglichkeit. Freiheit eben kann nur in der Schichtung verschiedener Determinationstypen auftreten. Sie ist dann fortlaufend Begleiterscheinung der Überformung. Der metaphysische Determinismus hat die Schichtung der Determinationen aufgehoben, hat an ihre Stelle die Einheit eines Determinationsschemas gesetzt. Damit hat er alle Überformung ausgeschlossen und mit ihr zugleich das Widerspiel von Indifferenz des Niederen und Autonomie des Höheren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 565

„Der Indeterminismus aber verstößt gegen das kategoriale Grundgesetz (gemeint ist das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB). Er durchbricht d9ie niederen Determinationsketten zugunsten der höhern. Er weiß nicht, daß jene die »stärkeren«, diese aber die »schwächeren« sind. Er glaubt, nur auf diese Weise Spielraum für Freiheit gewinnen zu können. Das ist nicht nur Inversion der Schichtenabhängigkeit, sondern auch die vollkommene Verkennung der Sachlage. Denn eben die Inversion der Abhängigkeit ist für die Wahrung höherer Autonomie vollkommen überflüssig. Es bedarf der ausgesparten Lücken in der niederen Determination für das Einsetzen der höheren nicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 565-566

„Höhere Determination ist schon ihrem kategorialen Wesen nach - »über« der niederen und »auf« ihr als einer lückenlosen beruhend - ohnehin unbeschränkt autonom. Sie fällt mit ihrer Überformung von vornherein in eine andere Seinsebene. Auch hier ist die kategoriale Schichtung der springende Punkt, freilich nicht eine beliebige, sondern die im Sinne der Dependenzgesetze (vgl. S. 512 ff., bes. S. 518-520; HB) verstandene. Aber erst mit ihrer Verkennung setzt eine verzweifelte Lage des Freiheitsproblems ein, die zur Konstruktion des Indeterminismus führt - eine von Grund aus selbstgemachte Schwierigkeit, die von den Dependenzgesetzen auf einen Schlag behoben wird. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 566

„Wir können nun die Überformung der Determinationsstypen nocht von Schicht zu Schicht verfolgen, weil wir die mittleren Typen zu wenig kennen. Wir können statt dessen nur mit Überspringung der letzteren den Kausalnexus direkt auf die Willensbestimmung beziehen und in dieser Beziehung das Verhältnis von Bedingtheit und Autonomie aufzeigen. Denn ein solches muß es auch bei so weit auseinanderliegenden Stufen geben. Man nähert sich damit der seit Kant traditionell gewordenen Fassung des Freiheitsproblems, wie es in der Kausalantinomie seinen klassischen Ausdruck gefunden hat.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 566

„Weder bei Kant selbst noch bei seinen zahlreichen Interpreten un d Fortsetzern ist dieses Verhältnis kategorial ausgewertet oder auch nuir eigentlich durchanalysiert worden. Es fehlte dazu vor allem die geanuere Analyse des Kausalzusammenhanges, in der sich allererst die Überformbarkeit des Kausalnexus aufzeigen läßt (Kap. 60 e). Die Analyse wird eben so gut wie undurchführbar, wenn das Problem von Anbeginn mit so metaphysisch schwierigen Dingen wie dem »ersten Anheben einer Kausalreihe in der Zeit« belastet wird. Es gibt hier viel einfachere und besser zugängliche Fragepunkte. Und diese treten greifbar hervor, wenn man zunächst einmal die Determinationsfrom des Willens und der ihm verwandten sittlichen Akte ins Auge faßt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 566

„Diese Form ist greifbar im Sich-Einsetzen »für« etwas, im Streben »nach« etwas, in der Tendenz oder Neigung »zu« etwas, ja selbst im Fesinntsein »gegen« jemand. Sie zeigt durchgehend ein und denselben Typus, den des Gerichtetseins »auf etwas hin« und des Bestimmtseins von dem »Etwas« her, das den Richtungspunkt bildet. Diese Determinationsform ist die finale. Zum metaphysischen Prinzip erhoeben, macht sie das Wesen der Teleologie aus. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 566-567

„Im einfachen Falle handelt es sich nur darum, daß der Wille sich »für« etwas entscheidet oder »zu« etwas entschließt. Diese Für und Zu zeigt schon die Form der Zweckbestimmung. Alle reale, vom Willen ausgehende Determination hat die Form des Finalnexus. Die Handlung ist finite Aktion.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 567

„Wohlverstanden, nicht um Wert und Unwert des Zweckes handelt es sich hier. Das spielt eine Rolle erst für den Unterschied von Gut und Böse, nicht für den von frei und unfrei. Freiheit ist erst die Vorbedingung möglichen Gut- und Böseseins; unfreier Wille ist überhaupt weder gut noch böse, er steht diesseits des ethischen Wertgegensatzes. Dem entspricht die Tatsache, daß die Grundfähigkeit des Menschen zur Zwecktätigkeit - also zum Setzen und Realisieren von Zwecken überhaupt - an sich noch ganz indifferent gegen Gut und Böse besteht. Sie wird erst durch die wertabstufung des Zweckes moralisch relevant. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 567

„Dieses vorausgesetzt, läßt sich die kategoriale Struktur des Finalnexus, so wie er in Wille und Handlung vorliegt, in drei Stufen oder Akten beschreiben:
1. Das zunächst irreale, noch zukünftige Endstadium der Aktion wird im Geiste vorweggenommen, wird als Zweck »vorgesetzt«, und zwar mit Überspringung des realen Zeitflusses, im Vorgriff.
2. Vom vorgesetzten Zweck aus werden darauf rückläufig (dem Zeitfluß entgegen) die Mittel bestimmt (seligiert), die für ihn erforderlich sind, immer eines das andere fordernd, bis zurück zum ersten, das im gegenwärtig Gegebenen liegt und in der Macht des Handelnden steht.
3. Dann erst setzt von diesem ersten Mittel aus der der dritte Akt des Finalnexus ein, die eigentliche Realisation des Zweckes, und zwar durch dieselbe Reihe der Mittel hin, nur in umgekehrter Folg, rechtläufig in der Zeit.
Diese dritte Akt des Finalnexus ist die eigentliche Handlung. Mit ihm erst greift die Person ein in den Zusammenhang der Realprozesse. Denn dieser Akt ist als Realisation eines Irrealen selbst ein Realprozeß. Seiener Determinationsform nach aber ist er ein rein kausaler Ablauf: in ihm funktioniert die Reihe jener vom vorgesetzten Zweck aus seligierten Mittel nur noch als Reihe der Ursachen: jedes Mittel bringt das nachfolgende als seine Kausalwirkung hervor, und als letztes Verwirktes steht der real gewordene Zweck da. Was diesen Ablauf von anderen Kausalprozessen unterscheidet, ist nur seine Gebundenheit an die rückläufig seligierte Reihe der Mittel, d.h. sein Eingebautsein in die höhere Form des Finalnexus. Seine Kausalität ist keine frei laufende und ziellose, sondern zielgerichtete, vorbestimmte, in der Ursachenreihe vorseligierte und darum final gesteuerte Kausalität.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 567-568

„Hier haben wir nun in aller Form die Wiederkehr der Kausalstruktur in der Finalstruktur. Der dritte Akt des höheren Nexus bleibt deutlich an die allgemeine Kausalstruktur der Realprozesse gebunden. Darin bewährt sich das kategoriale Grundgesetz (das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB): die höhere und um vieles komplexere Determination hebt die niedere nicht auf, durchbricht sie auch nicht -, sondern nimmt si in ihren eigenen Formenbestand auf. der Finalnexus überformt den Kausalnexus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 568

„Das ist überaus lehrreich sowohl für die Freiheitsfrage als auch für das Verständnis der kategorialen Dependenz: die niedere Form des Nexus ist nicht nur kein Hemnis der höheren, ist keine Schranke ihrer Autonomie, die diese etwa erst durchbrechen müßte, sondern sie ist geradezu die Basis, auf welcher der höhere Nexus erst möglich wird.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 568

„Das leuchtet nicht nur am dritten Akt des Finalnexus ein, sondern auch bereits am zweiten, der in der Rückdetermination der Mittel vom vorgesetzten Zweck aus besteht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 568

„Gibt es nämlich keinen durchgehendem Kausalzusammenhang des niederen Seins, so ist es für ein aktiv zwecktätiges Wesen gar nicht möglich, von einemvorgesetzten Zweck aus Mittel für ihn zu seligieren; denn ausgewählt werden die Mittel doch eben darauf hin, ob sie den Zweck »bewirken« oder nicht. Ihre Kausalität ist also gerade die Hauptsache dabei. Wenn keine feste Zurodnung zwischen bestimmter Ursache und bestimmter Wirkung besteht, so ist nicht einzusehen, warum ein Mittel geeigneter als ein anderes sein sollte, die gewünschte Wirkung hervorzurufen. Was als Mittel für einen Zweck in Frage kommt, darüber entscheidet einzig die Voraussicht seiner Wirkung. Voraussicht aber ist nur möglich, wenn bestimmte Ursachen auch bestimmte Wirkungen nach sich ziehen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 568

„Menschliche Voraussicht nun bleibt freilich sehr beschränkt. Aber diese Schranken liegen auf der Seite des Subjektes; sie liegen nicht in einer Grenze des Kausalzusammenhanges, sondern in der Grenze unseres erkennenden Eindringens in ihn. Soweit dieses Eindringen reicht, ist im Entschluß zu etwas jederzeit auch schon die Seligierbarkeit möglicher Mittel in die Erwägung gezogen; denn niemand »entschließt« sich zu etwas, wofür sich ihm nicht überhaupt irgendwie geeignete Mittel darbieten, die er ergreifen könnte. Das aber bedeutet: der Selektionswert der Mittel ist nichts anderes als ihre Kausalwirkung, sofern diese auf den erstrebten Zwck führt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 568-569

„Daraus erbgibt sich weiter: in einer nicht kausal determinierten Welt ist gerade das, was dem geistigen Wesen seine hohe Überlegenheit über die Dinge seiner Umwelt gibt - seine Fährigkeit, sich Zwecke vorzusetzen und zu realisieren -, ein Ding der Unmöglichkeit. Und da an dieser Fähigkeit der Wille sowie alle ihm anverwandten (alle teleologoischen) Akte hängen, so wird damit die ganze Sphäre der Aktivität und des Ethos im Menschen zur Unmöglichkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 569

„Die höhere Determination ist eben durchaus bedingt durch die niedere. Die Bedingtheit ist zwar nur die der »Materie« nach, aber in dieser Einschränkung ist sie unaufhebbar. Die Autonomie der höheren Determination besteht gerade auf Grund ihrer Bedingtheit durch die niedere - nicht im Gegensatz zu ihr und vollends nicht im Widerstreit mit ihr. Sie ist Autonomie nicht neben ihr oder außer ihr, sondern »in« ihr als ihrem Element, der kategorialen Form nach aber »über« ihr. Sie ist denn auch in der Form des Finalnexus genau ebenso greifbar wie die Bedingtheit. Sie liegt in der dem Kaudsalnexus gänzlich fremden und äußerlichen, strukturell aber hoch überlegenen Rückdetermination der Mittel, die das Wunder zuwege bringt, den von sich aus gleichgültigen Ablauf kausalen Geschehens an ein vorbestimmtes Ziel zu binden.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 569

„Mit der eigentlichen Wilolensfreiheit hat das freilich direkt nichts zu tun. Zwecktätigkeit könnte es an sich wohl auch ohne Willensfreiheit geben; nicht aber umgekehrt Willensfreiheit ohne Zwecktätigkeit. Denn an letzterer hängt alle Aktivittät. Für die ethische Freiheitsfrage also liegt in der eigenartigen Überformung des Kausalnexus durch den Finalnexus nur eine Vorbedingung. Diese Vorbedingung aber ist unerläßlich. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 569

„Es ist notwendig, sich hierbei klarzumachen, daß Willensfreiheit ein überaus komplexes Verhältnis ist. Man kann in ihr drei übereinandergeschaltete Autonomien erkennen. Die eine ist die gegenüber den niederen Determinationen, vor allem also gegenüber dem Kausalnexus, sofern er den Willen mit bestimmt; die zweite aber ist die gegenüber dem moralischen Prinzip (dem Sittengesetz, den Werten), sofern der Wille auch gegen das Prinzip verstoßen kann. Die erste hat die Form der positiven, die zweite die der negativen Freiheit. Und offenbar können erst beide zusammen die eigentliche Willensfreiheit ausmachen. Wie sie sich miteinander reimen und in der Einheit »einer« Freiheit zusammengehen, kann hier freilich nicht ausgeführt werden. Leicht zu sehen ist nur, daß eine ohne die andere sinnlos ist. (Die Behandlung dieser Frage setzt eine genaue Entfaltung der »Sollensantinomie« voraus [d.h. der zweiten Freiheitsantinomie, die hinter der Kantischen Kausalantinomie auftaucht]. Ich habe sie in meiner »Ethik«, ... Kap. 74 b, in sechs Aporien entwickelt; zur Lösung dieser Aporien finden sich daselbst in Kap. 84 die nötigen Hinweise.) - Die dritte aber ist die Vorbedingung beider, die Autonomie der kategorialen Finalstruktur im Willen und in der Handlung, so wie sie sich in der Überformung des Kausalnexus darstellt. Sie ist nicht identisch mit der ersten Autonomie, obgleich sie gegenüber derselben niederen Determination besteht. Denn sie betrifft nicht wie diese die Bestimmung des Willens - etwa in der Setzung seiner Zwecke -, sondern die Selektion der Mittel zu einem schon gesetzten Zweck sowie dessen Realisation. Sie überformt auch nicht die die innere ... Kausalität der Beweggründe, sondern die äußere der Dinge, Geschehnisse und Situationen. Deswegen ist mit ihr allein über die Willensfreiheit nichts ausgemacht, sondern nur eine kategoriale Voraussetzung für sie geschaffen. - Diese Vorausetzung aber ist überaus lehrreich, weil an ihr in einzigartiger Weise aufzeigbar ist, was es überhaupt mit der Überformung einer niederen Determination durch die höhere auf sich hat, wie überhaupt Bedingtheit und Autonomie zusammenbestehen können. Das Überfromungsphänomen im Finalnexus ist das einzige wirklich durchanalysierbare Beispiel kategorialer Freiheit in der Schichtung der Determinationen. Und das Freiheit in jeder Gestalt Überformung eines Geformten ist, so fällt von hier aus in der Tat auch Licht darauf, wie wir uns die beiden höheren Autonomien zu denken haben, die in der Willensfreiheit sind.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 569-570

„Freiheit ist, wie sich gezeigt hat, die kategoriale Form der Selbständigkeit höherer Diese Vorausetzung aber ist überaus lehrreich, weil an ihr in einzigartiger Weise aufzeigbar ist, was es überhaupt mit der Überformung einer niederen Determination durch die höhere auf sich hat, wie überhaupt Bedingtheit und Autonomie zusammenbestehen können. Das Überfromungsphänomen im Finalnexus ist das einzige wirklich durchanalysierbare Beispiel kategorialer Freiheit in der Schichtung der Determinationen. Und das Freiheit in jeder Gestalt Überformung eines Geformten ist, so fällt von hier aus in der Tat auch Licht darauf, wie wir uns die beiden höheren Autonomien zu denekn haben, die in der Willensfreiheit sin über einer niederen, sofern erstere von letzterer zugleich »der Materie nach« abhängig ist. Sie besthet also im Verhältnis von Indifferenz des niederen Nexus gegen seine Überformung und inhaltlicher Dormautonomie des höheren. Gibt es keine niedere Determination, so gibt es auich keine »höhere«, also auch keine Überformung. Ist die Welt schon von unten auf teleologisch determiniert, so steht menschliche Teleologie der Handlung und des Willens auf einer Ebende mit dem Naturprozeß und kann sich über ihn nicht erheben, hat also keine kategoriale Überlegenheit gegen ihn.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 571-572

„Das alles widerstreitet nun jener langen Reihe von Grundphänomenen des menschlich-geistigen Seins, die mit dem schlichten Tun der Technik beginnt und sich bis zur sittlichen Verantwortung und Zurechnung hinauf erstreckt. Damit ist das Schicksal des Finaldeterminismus besiegelt, er hat endgültig ausgespielt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 572

„Hält man diese Konsequenzen mit dem zusammen, was oben über die teleologie der Formen gesagt wurde (Kap. 57 c-e), so soieht man, daß die teleologische Metaphysik in jeder Gestalt dem Durchdringen der kategorialen Gesetzlichkeit ins Bewußtsein weichen muß. Sie hat in dem Augenblick verspielt, wo es klar wird, daß sie das Freiheitsproblem nicht zu fassen, sondern nur zu verfehlen oder zu verunstalten vermag. Das Doppelgesetz von Stärke (siehe 1. Dependenzgesetz, S. 519-520; HB) und Freiheit (siehe 4. Dependenzgesetz, S. 520; HB) löst ihr determinatives Schema ab. Das ist das Ende der teleologischen Metaphysik.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 572-573

„Eine Welt, in der es Freiheit gibt, muß mindestens zweischichtig sein. In einer vielschichtigen tritt kategoriale Freiheit von Schicht zu Schicht als Begleiterscheinung des Novums am höheren Determinationstypus auf; da gibt es dann so vielerlei Freiheit, als es Schichtendistanzen gibt. In einer einschichtigen Welt mit einem einzigen Determinationstypus ist sie ein Ding der Unmöglichkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 573

„In diesem Punkt ist Kant, ohne die Sachlage ganz zu durchschauen, den rechten Weg gegangen, indem er im Gegensatz zur üblichen Auffassung die »Freiheit im poitiven Verstande« als eine Determination höherer Ordnung vesrtnd (»Freiheit unter dem Gesetz«). Daß er dabei den Unterschied der Schichten, der ihm vorschwebte, dem von intelligibler und sensibler Welt resp. von Ding an sich und Erscheinung gleichsetzte, ist kein metaphysisches Vorurteil. Daß er aber überhaupt eine superiore und eine inferiore Welt unterschied, setzte ihn gleichwohl in die Lage, das alte, an Vorurteilen und hergebrachten Denkfehlern krankende Freiheitsproblem erstmalig klar zu fassen und es sogar in seiner ersten Phase auch zu bewältigen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 573

„Mit einer solchen Unterscheidung hielt er den Schlüsel des Rätsels in der Hand. So konnte er als erster lehren, Freiheit bestehe ohne Durchbrechung des Kausalnexus zurecht. In gewissem Sinne darf man sagen, daß er damit das wichtigste Stück der kategorialen Dependenzgesetzlichkeit (vgl S. 512 ff.; HB) entdeckt hat. Ererfaßte es nur nicht als solches und überdies nicht in seiner Allgemeinheit. Er teilte darin das Schicksal vieler großer Entdecker: er wußte nicht, was eigentlich er entdeckt hatte.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 573

„Die These ist in der Kantischen Einkleidung auch paradox genug. Und die Interpreten, selbst in den traditionellen Vorurteilen festhägned, haben sie nicht auszuweretn vermocht; sie blickten immer wie festgebannt auf die transzendental-idealistische Metaphysik, in die Kant seine Einsichten gekelidet hatte. Daß der Kern der These in der von Kant aufgerissenen Schichtendistanz als solcher leigt, kann er einleuchtend werden, wenn man das Verhältnis von Dependenz und Autonomie in seiner unlösbaren Gebundenheit an die Seinsschichtung generell begriffen hat.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 573-574

„Die Kantische Position, im Kern verstanden un vomIdealismus abgelöst, ist im Freiheitsproblem die einzig mögliche. Ihr gegenüber stehen die die beiden traditionellen Formen des Einheitsdeterminismus, die kausale und die finale. Beide sind ausgesprochene determinative Monismen. Beide begehen denselben Grundfehler: sie vereinfachen die Welt, verwischen die Schichtung, zwingen alle Determination in ein einziges Schema. Sie beghen diesen Fehler nur in entgegengesetzter Richtung. Der Kausaldeterminismus meachanisiert Leben, Bewußtsein und geistiges Sein, der Finaldeterminismus teleologisiert den Naturprozeß. Beide vernichten damit den Vorrang und die determinative Überlegenheit des Menschen. Sie reihen ihn als Glied ein in den einen Gesamtnexus, der durch ihn hindurch und über ihn hinweg waltet. Ferner invertiert das Gesetz der Freiheit (das »Gesetz der Höhe« als das vierte Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB), dieser das kategoriale Grundgesetz (das Gesetz der Stärke als das 1. Dependenzgesetz, siehe S. 519-520; HB). Beide Inversionen sind dieselbe Preisgabe möglicher Freiheit. Dann bleibt als letzte Zuflucht wieder der Indeterminismus übrig; von dem aber sahen wir schon, daß er gleichfalls das kategoriale Grundgesetz verletzt; überdies, wer ihn gelten läßt, macht damit in Wahrheit überhaupt alle Gesetzlichkeit eines Nexus illusorisch und mit ihr zugleich fast alle konkrete Realgesetzlichkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 574

„Alle diese Schwierigkeiten sind künstliche, selbstgemachte, durch spekulative Voraussetzungen verschuldete Aporien. Stellt man das natürliche und in den Phänomenen aufweisbare Verhältnis verschiedener Determinationen wieder her, so fallen sie mit einem Schlage in sich zusammen. Denn so ist die Sachlage: die Einheit »einer« Determinationsweise für alle Seinsstufen ist Konstruktion; gegeben ist sie in keiner Weise, und nimmt man sie an, so sprechen die bekannten Phänomenreihen - besonders die extremen des geistigen und des materiellen Seins - in aller Eindeutigkeit gegen sie. Darum darf die Ontologie sie nicht annehmen. Das Einheitspostulat hat sich schon auf anderen Problemgebieten als Sackgasse erwiesen (Kap. 15). Im Freiheitsproblem aber wird es vollends verhängnisvoll.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 574

„Es ist nicht zu befürchten, daß ein philosophisches Weltbild ohne konstruierte Einheit an Einheitlichkeit zu kurz kommen könnte. Gerade an Einheit fehlt es dem Aufbau derrealen Welt auch ohne menschliche Zutaten nicht. Im Schichtungs- und Dependenzverhältnis ist das leicht zu erkennen. Dieses Verhältnis ist im Grunde selbst nichts anderes als ein einziger, groß angelegter Einheitstypus - nur eben ein sehr anders beschaffener, als die monistischen Konstruktionen ih sich vorstellen. Die vereinfachten Schemata passen auf ihn alle nicht zu. Er ist kein Allgemeines, kein oberstes Prinzip,kein Zentrum, kein Urgrund, kein Endziel. Er ist eine in sich komplexe Beziehungseinheit, in der die umfaßte Mannigfaltigkeit wesentlich bleibt. Man kann diesen Einheitstypus nicht wie ein genus den Spezialfällen überordnen, seine Funktion geht in keiner Subsumption auf. Ein Schichtenbau mit durchgehender Abhängigkeit und ebenso durchgehend wiederkehrender Autonomie läßt durchaus keine andere Einheit zu als die »umfassende«. in der die Besonderheit des Umfaßten von Stufe zu Stufe die Art des Umfaßten mitbestimmt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 574-575

„Diese Ert Einheit ist von Grund aus Einheit des »Aufbaus« oder des Zusammenbestandes, gegliederte Einheit einer Seinsordnung. Man kann sie nicht anders fassen als in der Gesetzlichkeit der Seinsordnung selbst. Das aber heißt, man kann sie nur in der Schichtung des Seienden erfassen. Diesen Weg ist die Herausarbeitung der kategorialen Gesetze (vgl. S. 412 ff. [{1} Geltungsgesetze, S. 418 ff.; {2} Kohärenzgesetze, S. 418, bes. 432 ff.; {3} Schichtungsgesetze, S. 419, bes. 472 ff.; {4} Dependenzgesetze, S. 512 ff.; HB)], zumal in deren beiden letzten Gruppen, gegangen. - Die kategorialen Gesetze in ihrer engen Bezogenheit aufeinander sind der eigentliche Einheitstypus der realen Welt. Ihre Zusammenstellung bildet ungesucht ein System von Gesetzen. In diesem System spiegelt sich der Systemtypus des Seienden - soweit wenigstens er sich den vorliegenden Phänomenketten im Überblick abgewinnen läßt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 575

„Ein System kontruieren ist leicht. Der Welt, wie sie ist, ihren Systemtypus abgewinnen ist etwas ganz anderes. Sucht man die Einheit der Welt, wo sie nicht ist, so wird man sie nie finden. Konstruiert man sie in systembefangener Verbelndung, so verbaut man sich damit den Ausblock in die Welt; man verfehlt unrettbar nicht nur die Chance zur »Lösung« der ewigen Grundprobleme, sonder auch die Zugänge zu ihrer Fassung und sacahgemäßen Behandlung. Dafür ist das Freiheitsproblem das lehrreichste Beispiel. Folgt man dagegen unbefangen dem Gehalt der probleme, wie man sie findet, läßt man die vorgefundenen Aoprien gelten, wie sie sich darbieten, so wird man durch sie selbst auf das natürliche System des Seienden hinausgeführt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 575

„Denn dafür, daß die Welt, wie sie ist, Einheits- und Systemcharakter hat, fehlt es im Erkennbaren an Hinweisen nicht. Man darf nur nicht erwarten, daß schon die ersten Schritte beginnenden Eindringens das Geheimnis offenbaren müßten.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 575

„Die Methode ist zwar von ihrem Gegenstand her bestimmt, gehört aber ihrerseits nicht der Seinsschicht des Gegnstandes an (der ja in jeder beliebigen Seinsschicht sein kann), sondern ausschließlich dem geistigen Sein. Denn Erkenntnis, Wissen, Forschung sind Sache des Geistes; da sie aber die Richtung auf einen Gegenstand haben, der auf beliebiger Seinshöhe stehen kann, so ist die Methode kategorial durch die »Zuordnung« bestimmt, welche die Erkenntnis mit ihrtem Gegenstande inhaltlich verbindet (vgl. Kap. 22d und e).“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 577

„Da die kategoriale Dialektik der Kohärenz folgt und diese in ihren Gesetzen (vgl. S. 432 ff., bes. S. 433 ff.; HB) bekannt ist, so braucht man, um die wirkliche Struktur der Dialektik zu gewinnen, nur die Kohärenzgesetze methodisch auszuwerten. Die zentrale Rolle spielt hierbei das Implikationsgesetz (das 4. Kohärenzgesetz, vgl. S. 434 und 447 ff.; HB); die Gesetze der Schichteneinheit (das 2. Kohärenzgesetz, vgl. S. 433-434 und 439 ff.; HB) und der Schichtenganzheit (das 3. Kohärenzgesetz, vgl. S. 434 und 441 ff.; HB) ergeben nur mit ihm zusammen Konsequenzen. Das Gesetz der Verbundenheit (das 1. Kohärenzgesetz, vgl. S. 432 und 434 ff.; HB) dagegen spielt methodologisch neben diesen keine Rolle. - Jene drei Gesetze besagen, daß alle Kategorien einer Schicht in Wechselbedingtheit stehen, sich gegenseitig implizieren, isoliert nicht vorkommen; ferner daß ihre Ganzheit das Prius vor den einzelnen hat, daß jede Kategorie ihr Eigenwesen ebensowohl »außer sich« in den anderen, als in sich hat, und daß die Kohärenz der Schicht ebensowohl an jedem Element wie am Ganzen der Schicht total vertreten ist. Daraus ergibt sich:
1. Man kann eine einzelne Kategorie nur dann vollständig erkennen, wenn man alle Kategorien der Schicht erkannt hat.
2. Könnte man eine Kategorie vollständig erkennen, so hätte man damit auch die übrigen Kategorien. der Schicht erkannt.
3. Man müßte dann von jeder Kategorie aus, zu der man einmal gelangt ist, die ganze Kategorienschicht aufrollen können.
Da die Bedingung vollständiger Erkenntnis dem menschlichen Erfassen nicht erfüllbar ist, so sind diese methdischen Regeln praktisch wertlos, wenn man sie nicht der endlichen Erkenntnis anpassen kann. Wir können weder von einer vollständige erkannten Kategorie noch von der erkannten Vollständigkeit einer Kategorienschicht ausgehen. Auf beiden Seiten steht uns nur zu Gebote, was die Analysis liefert. Und das eben ist beschränkt. Die großartige Aussicht, die sich auf Grund der kategorialen Kohärenz eröffnet, kann von der menschlichen Erkenntnis nicht vollständig ausgewertet werden. Reduziert man aber jene drei methodischen Regeln auf ds dem Menschen Erreichbare, so sinken sie auch selbst auf eine Art halber Höhe zurück; dafür werden sie praktisch anwendbar. Sie lauten dann folgendermaßen:
1. Eine einzelne Kategorie ist stets nur so weit inhaltlich erkennbar, als die übrigen Kategorien ihrer Schicht erkennbar sind.
2. Hat man eine Kategorie in einigen ihrer Momente erkannt, so ist eben damit vom Ganzen der Kategorienschicht genau ebensoviel erkennbar geworden..
3. Von jeder beliebigen Kategorie kann man die Kohärenz ihrer Schicht genau so weit erfassen, als man sie selbst erfaßt hat.
Daß diese drei Regeln immer noch eine methodische Handhabe ersten Ranges darstellen, bedarf keines Wortes. Sie sprechen klar für sich selbst. Nach ihnen stehen der menschlich begrenzten Erkenntnis von jedem jeweiligen Stande der Kategorienforschung aus zwei Wege der konspektiven Schau offen: vom Ganzen einer Schicht zum Gliede und vom Gliede zum Ganzen, oder - da das Ganze nie gegeben ist - von jeweilig erfaßten Bruchstücken der Schichtenkohärenz zur einzelnen Kategorie sowie umgekehrt von erfaßten Bruchstücken einer Kategorie zur Schichtenkohärenz.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 598-600

„In strenger Kohärenz stehen nur Kategorien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 603

„Nur dasPrinzipielle ist Sache der Kategorien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 603

„Es ist grundsätzlich ein Ding der Unmöglichkeit, philosophische Fundamentalbegriffe in der Weise einzufühen, daß man ihre Definition Vorausschickt. Man hilft sich wohl mit einer Nominaldefinition, aber die ist inhaltlich nichtssagend. Die Erfahrung hat gelehrt, daß der umgekerhte Weg der allein gangbare ist. der ist freilich paradox; man führt den Begriff in vorläufier Unbestimmtheit ein und entwcikelt statt seines Inhalts seine Beziehungen zu anderen Fundamentalbegriffen, d.h. man wendet ihn an.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 603

„Wollte man mit definierten Begriffen beginnen, wie es positivistische Schulmeisterei verlangt, man müßte, um auch nur anzufangen, vielmehr schon am Ende sein und die ganze Untersuchung hinter sich haben. Hat eine Wissenschaft ihre Begriffe zu Ende definiert, so hat sie auch ihren Gegenstand zu Ende erkannt, hat alos nichts mehr zu suchen. Solnage sie arbeitet, sind die Begriffe unfertig; in ihrem Umfang sind sie notwendig leer. Denn »erst die Prödikate sagen, was das Subjekt ist« (Hegel). In der Reihe der Prädikate aber besteht der Inhalt des ganzen Forschungsganges. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 604

„So inhaltsreich ist eben das Wesen der Kategorien, daß die Definition ihrer Begriffe einer ganzen Wissenschaft gleichkommt. Dieses Verhältnis, ins Bewußtsein gehoben und zur planmäßig arbeitenden Methode ausgeformt, ist die kategoriale Dialektik.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 604

„In Wirklichkeit kommt es auf die Zusammenarbeit analytischer und dialektischer Methode an, und zwar auf fortlaufende Zusammenarbeit. Von jedem Resultat der einen führt dann die andere zu neuen resultaten. Jede für sich allein kommt schnell zum Stehen. Zusammen führen sie einander dauernd über sich hinaus.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 605

„Die Geschichte der Phil0sophie hat große Beispiele dialektischer Vorwegnahme aufzuweisen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 605

„Die Hegelsche Logik vollends ist eine wahre Fundgrube neuentdeckten kategorialen Gutes sowie der zugehörigen Begriffsbildung. Daran ändert auch der Umstand nichts, daß hier die Dialektik gefährliche Wege geht und in ihren Resultaten mit Vorsicht zu nehmen ist. Denn es ist durchaus keine allzuschwere Aufgabe, sie Schritt für Schritt nachträglich an die analytische Vorarbeit anzuschließen und durch diese Rückbindung auf ein kritisches Maß zu restringieren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 605

„Nach Hegel gibt es ein dialektisches Hervorgehen des Höheren aus dem Niederen, aber es bedeutet ihm nur ein Zum-Vorschein-Kommen: das Höhere geht im Niederen nicht auf, wohl aber ist es in ihm latent vorausgesetzt und muß ans Licht kommen, wo man das Niedere auf seine Voraussetzung hin untersucht. Der ratio essendi nach hängt dann die niedere Kategorie an der höheren; sie hat die Tendenz zu ihr, denn sie kann sich erst in ihr vollenden. Sie ist also teleologisch abhängig von der höheren Kategorie. Und die Dialektik als Methode läuft dieser Abhängigkeit entgegen, indem sie Schritt für Schritt vom Niederen zum Höheren aufsteigt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 606

„In diesem Schema ist vor allem das Gesetz der Indifferenz (das 2. Dependenzgesetz, siehe S. 520; HB) verletzt, das da sagt, daß die niederen Kategorien gleichgültig gegen die höheren dastehen und ihrer jedenfalls nicht bedürfen. Zugleich aber ist auch das kategoriale Grundgesetz (das 1. Dependenzgesetz - das Gesetz der Stärke als das »kategoriale Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) invertiert, denn die Selbständigkeit (das »Stäkersein) der biederen Kategorien ist aufgehoben zugunsten eines teleologischen Hineinspielens der höhere in ihre Schicht. Das Gesetz der Wiederkehr (das 1. Schichtungsesetz, siehe S. 475-476; HB) dagegen ist in gewissen Grenzen gewahrt, denn die niederen Kategorien werden ja in die höheren aufgenommen (»aufgehoben«); nur erscheint hier die Wiederkehr als »von oben her« bestimmt, was immerhin nicht in ihrem Wesen liegt, sondern eine Folge der Inversion aller kategorialen Dependenz ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 606-607

„Für den Zweck der Methodenperspektive lassen sich die Schichtungsgesetze (S. 419, bes. 472 ff.; HB) in zwei Sätzen zusammenfassen:“
1. Eine Fülle niederer Kategorien kehrt in den höheren abgewandelt wieder.
2. Die höheren gehen in diesen wiederkehrenden Elementen nicht auf, ihre Distanz gegen diese liegt von Schicht zu Schicht in einem Novum.
Diese beiden Sätze vorausgesetzt, würde sich für einen unendlichen Intellekt eine Reihe sehr weitgehender Konsequenzen ergeben:
1. Wäre der Inhalt eine Kategorie (von etwa mittlerer Höhe) total erkannt, so müßte aus ihm die Reihe der niederen Kategorien so weit erkennbar sein, als sie weiderkehrende Elemente dieser Kategorie sind.
2. Wäre der Inhalt der höchsten Kategorien total erkannt, so müßte aus ihm das System aller niederen mitsamt ihrer Rangordnung genau so weit erkennbar sein, als ihre Wiederkehr bis in die höchsten hineireicht.
3. Wäre der Inhalt aller Kategorien einer Schicht total erkannt, so würde der Inhalt etwaiger höherer Kategorien doch höchstens den überformten Elementen nach, die in ihm wiederkehren,also nicht in seinem Eigentlichen (dem Novum) erkennbar sein.
4. Ob überhaupt es höhere Kategorien über den erkannten gibt, in denen diese als Elemente wiederkehren könnten, wäre damit nicht erkennbar.
Diese methodischen Regeln, obschon so nur für einen unendlichen Verstand gültig, drücken doch in aller Klarheit das Grundsätzliche der Schichtenperspektive aus, daß von den höheren Kategorien aus stets niedere zu erkennen sind, niemals aber von den niederen aus die Eigenart der höhern (ihr Novum).
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 607

„Das Gestz der Wiederkehr (das 1. Schichtungsesetz, siehe S. 475-476; HB) formuliert zusammen mit dem Gesetz der Stärke (dem 1. Dependenzgesetz als dem »kategorialen Grundgesetz«, siehe S. 519-520; HB) den einzigen Modus der Verbundenheit, der zwischen der Schichten waltet. Diese Verbundenheit hat nur einseitige Richtung und irreversible Dependenz. Die Wiederkehr verbindet die Schichten wohl fest miteinander, aber sie bindet nur die höheren an die niederen, nicht die niederen an die höheren.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 607-608

„Aus dem Gesagten läßt sich die weitere Konsequenz ziehen: je höher im Schichtenreich ein Ausschnitt erkannter Kategorien gelegen ist, um so mehr Erkenntnis niederer kategorien ist aus ihm zu gewinnen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 608

„Nun gelten die angegebenen Methodenregeln (siehe S. 607 und bes. 608-609; HB) nur für einen unendlichen Verstand. Sollen sie praktisch verwendbar werden, so muß man sie dem endlichen Verstande netsprechend reduzieren.
1. Ist der Inhalt einer Kategorie teilweise erkannt, so ist aus ihm genau so viel an niederen Kategorien erkennbar, als in ihm an wiederkehrenden Elementen erkannt ist. Ist also z.B. nur das Novum erkannt, nicht aber die Elemente, so sind niedere Kategorien durchaus nicht erkennbar.
2. Ist der Inhalt einiger Kategorien oder auch nur einer von ihnen erkannt, so ist aus ihm gebau so viel an Kategorien aller Schichten erkennbar, als in ihm selbst an wiederkehrenden Elementen erkannt ist. Vom Aufbau des ganzen Kategoriensystems, soweit es überhaupt erfaßbar ist, läßt sich nur von den höchsten Kategorien aus ein Bild gewinnen.
3. Ist der Inhalt einiger Kategorien gleicher Schicht erkannt, so läßt sich von ihm aus die Eigenart (das Novum) etwaiger höherer Kategorien in keiner Weise erkennen; wohl aber lassen sich gewisse wiederkehrende Elemente höherer Kategorien angeben, sofern diese anderweitig bekannt sind.
4. Ob überhaupt es höhere Kategorien über den erkannten gibt, in denen diese als Elemente wiederkehren könnten, ist daraus in keiner Weise zu ersehen.
Auch in solcher Reduktion verbleibt doch der Schichtenperspektive ein beträchtliches Leistungsfeld. Die letzte Regel ist dieselbe geblieben, weil sie negativ ist. Die Bedeutung der zweiten ist weit herabgesetzt; Bruchstücke des Kategoriensystems werden auch von Kategorien mittlerer Höhe aus faßbar. Die an sich mögliche Überschau von oben also kann dem bei unvollständig erfaßten Ausgangspunkten nur wenig hinzufügen. Das ganze methodische Gewicht fällt unter solchen Umständen auf die erste und dritte Regel, wobei aber weiderum die erste die bei weitem wichtigere ist. Denn die erste handelt von der Erkennbarkeit ganzer Kategorien niederer Schicht auf Grund erkannter Elemente von höheren; in der dritten aber geht es um Erkennbarkeit bloßer Elemente höherer Kategorien auf Grund erkannter niederer Kategorien. Die erste Regel ist das Gesetz der eigentlichen, abwärtsgerichteten Schichtenperspektive, die dritte nur ein Gesetz der uneigentlichen, aufwärtsgerichteten. Sie haben dieses gemeinsam, daß die Bindung ausschließlich an den Elementen hängt, und nicht am Novum. Aufwärts aber ist aus bloßen Elemente wenig zu ersehen, denn da ist das Novum die Hauptsache; abwärts dagegen ist das Novum in den Elementen enthalten. Aufwärts muß aus Elementen auf Kategorien geschlossen werden, abwärts brauchen nur aus Kategorien die Elemente aufgewiesen zu werden. In beiden Fällen bleibt das Eigentümliche und Autonome der höheren Kategorien aus dem Spiel.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 608-609

„Im Zusammenhang der Methoden also gewinnen die erste und dritte Methodenregel (siehe S. 607 und bes. 608-609; HB) der Schichtenperspektive ganz erheblich an Gewicht; und was vielleicht wichtiger ist, sie werden homogen, das Gewicht verschiebt sich ein wenig zugunsten der dritten. Die erste bleibt ihr zwar immer noch weit überlegen; aber man kann beide nun doch in zwei parallele Regeln der Ergänzung umformulieren.
1. Ist an einer höheren Kategorie eine Reihe von Elementen annähernd erkannt, die offenbar niederer Provenienz, aber in ihrer Ursprungsschicht noch unerkannt oder unvollständig sind, so ist von ihnen aus die Erkenntnis der niederen Kategorienschicht stets ergänzbar.
2. Ist an einer höheren Kategorie das Novum annähernd erkannt, aber nicht die Elemente, die in ihr wiederkehren, und ist andererseits eine Reihe niederer Kategorien erkannt, so ist aus diesen die Erkenntnis der höheren den Elementen nach ergänzbar. mittelbar kann sich damit auch die Erkenntnis ihres Novums erweitern.
Man kann diese beiden Ergänzungsregeln auch so zusammenfassen: alle Erkenntnis niederer Kategorien ist von erkannten höheren aus ergänzbar, einerlei welcher Schicht diese angehören und wieweit ihr Novum erkannt ist; und alle Erkenntnis höherer Kategorien ist der Elementarstruktur nach von erkannten niederen aus ergänzbar, einerlei welcher Schicht die niederen angehören.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 611

„Die Methode der Ergänzung hat auf diese Weise doch einen breiten Spielraum im Gefüge der Methoden. Was die erste Ergänzungsregel anlangt,so hat die Abwandlung der Elementargegensätze (siehe S. 204-205 und bes. 230 ff.; HB) ein reiches Material dafür geliefert, wie unübersehbar mannigfaltig der Gewinn für das Erfassen der niedersten Kategorien ist, der sich an der Auswertung von über die ganze Schichtenfolge verstreuten höheren Kategorien aus ergibt, auch wenn diese nur teilweise erkannt sind und nur sporadisch in vorläufiger Auslese herangezogen werden können. Die zweite Ergänzungsregel aber bekommt ihr Gewicht dadurch, daß die Erkenntnis der Elemente erheblich an Bedeutung zunimmt, wenn sie auf ein schon vorerkanntes Novum stößt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 611-612

„Man vergegenwärtige sich dazu die Gesamtsituation. Die Analysis fördert zunächst vom dekriptiv erfaßten Concretum aus gewissen Kategoriengruppen zutage, die verschiedenen Schichten angehören und nur lose Verbindung zeigen. Die Schichtenzugehörigkeit der einzelnen ist mitgegeben, darum setzt hier dialektisch-konspektive Schau ein und erweitert das Gesamtbild der einen und der anderen Schicht. Aber weder die Übersicht der Schicht noch das Bild der Einzelkategorie kommt damit zum Abschluß. Darum bedarf es des dritten Gliedes im System der Methoden, der Schichtenperspektive (rechnet man die Deskription mit ein, so ist sie bereits das vierte Glied). Diese Perspektive aber findet in den mittleren Schichten eine gewisse Verdichtung des bereits Erkannten vor; nach oben und nach unten zu steht sie zunächst vor einer gewissen Leere.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 612

„Die höchsten Kategorien sind undurchsichtig wegen ihrer hohen Komplexheit, die niedersten wegen ihrer Einfachheit, Nach beiden Seiten steht der Schichtenpespektive das Vordringen offen, aber in sehr verschiedener Weise und mit noch mehr verschiedener Aussicht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 612

„Die höchsten Kategorien sind etwa die des Gesinntseins, des Wertverständnisses, des Persönlichen, der geformten Gemeinschaft und ihres Geisteslebens, der Geschichte, nicht weniger aber auch die des Erkennens, der Wissenschaft, des künstlerischen Schauens und seiner Gegenstände.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 612

„Es ergeben sich somit drei weitere methodische Konsequenzen:
1. Von den höheren Kategorien aus ist das System der niederen, sofern es anderweitig schon teilweise erkannt ist, stets insoweit inhaltlich kompletierbar und kontrollierbar, als jene selbst inhaltlich erkannt sind.
2. Die Fundamentalkategorien (siehe S. 171 ff., bes. 203 ff.; HB) lassen sich nur aus der Elementaranalyse der höheren - und vorwiegend der »mittleren« - erkennen.
3. Von den Fundamentalkategorien aus, soweit sie erkannt sind, ergibt sich ein Grundschema möglicher Elementarstruktur höherer Kategorien überhaupt.
Das Vorgehen der Schichtenperspektive also beruht auf der Gegenseitigkeit zweier dimensional verbundener, der Richtung nach aber entgegengesetzter und in ihrer Kompetenz sehr verschieden gearteter Verfahren. Mit der Gegenseitigkeit im dialektischen Verfahren hat das nichts zu tun. Dialektik ist ebenso richtungslos wie die Kohärenz der Kategorien, auf der sie beruht. Schichtenperspektive ist so fest an eine Linie der kategorialen Verbundeheit gefesselt wie die Wiederkehr und die Dependenz der Kategorien selbst. Aber sie bewegt sich innerhalb der einen Linie frei aufwärts und abwärts; sie hat als Erkenntnisweg Autonomie der Richtung gegen die einseitige Dependenz der Kategorien.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 614

„Es gibt nun einen besonderen Modus der Betrachtung, bei dem die abwärts gerichtete Schichtenperspektive in die aufwärts gerichtete mit einbezogen ist und in ih5r von Schritt zu Schritt die gebende Instanz bildet. Dieser Modus ist an sich nichts Neues gegenüber dem oben Dargelegten. Das Besondere an ihm ist nur, daß die Leistungsfähigkeit der Methode an ihm in eigenartiger Steigerung greifbar wird.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 614

„Nach dem zweiten Schichtungsgesetz (dem Gesetz der Abwandlung, siehe S. 475-476; HB) ist alle Wiederkehr zugleich Abwandlung der wiederkehrenden Kategorien. Als Elemente höherer Kategorien nehmen die niederen neue Gestalt an entsprechend der komplexeren Gesamtstruktur, in die sie eintreten. Indem sie in diese eindringen, erfahren sie deren Rückwirkung. Verfolgt man also die Wiederkehr einer niederen Kategorie durch eine ganze Reihe von Schichten hin, so lernt man ihren Grundcharakter auch in seinen Besonderungen an der reihe der wechselnden Gestaltungen kennen.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 614-615

„Einem kategorialen Element ist es in sich nicht leicht anzusehen, was alles in ihm liegt; auch die Kohärenz seiner eigenen Schicht reicht dafür nicht aus. Wohl aber gewinnt man ihm sein inneres Wesen ab, wenn man seine Abwandlungen in den höheren Schichten durchläuft. Diese Abwandlungen sind die reine Explikation seines Wesens. Sie sind gleichsam die »Erfahrungen«, die das Seiende höherer Ordnung mit ihm als seine Elemente macht. Und darum liegt hier auch der Boden der Erfahrung, welche das philosophische Danken des Seienden mit ihm macht.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 615

„Nicht, als müßten die besonderen Gestaltungen, welche die Abwandlung durchläuft, dem Elemente zugeschrieben werden; sie sind und bleiben vielmehr Funktion des jeweiligen Novums an ihm und gehören ausschließlich den Schichten an, in denen sie auftreten, Wohl aber fällt von diesen Gestalten ein eigenartiges Licht auf die Grundgestalt zurück, welche das unveränderlich durchgehende Formelement und das Schema für sie bildet. Denn alle höheren Ausgestaltungen bleiben abhängig von der Grundgestalt. So kann denn diese von ihnen aus sehr wohl erkannt werden - und zwar in der eigentümlichen Weise, wie überhaupt Elementragestalten erkannt werden: aus der Expliaktion dessen, was in ihrem Schema wesensmöglich ist.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 615

„Ein anschauliches Bild von dieser »Methode der Abwandlung« gibt die Kategorialanalyse der elementaren Seinsgegensätze (wie sie in den Kapiteln 27-34 durchgeführt worden ist). Das Wesen von Einheit, Widerstreit, Gefüge, Innerem u.s.f. erschließt sich dem Blick nur spärlich, solange man es in einschichtiger Betrachtung cor Augen hat; verfolgt man es aber durch seine mannigfaltigen Besonderungen im Mathematischen, im Physikalisch-Materiellen, im Organischen, im Seelischen und nun gar auf den verschiedneen Gebieten und Stufen des Geisteslebens, so ergibt sich ein Reichtum der Formen, an dem der einheitliche Charakter der Grundstruktur sich anschaulich von vielen Seieten her fassen läßt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 615

„Es leuchtet ein, daß diese Methode in erster Linie die niedersten Kategorien betrifft. Das muß schon darum gelten, weil die Abwandlung der höheren Kategorien im Maße ihres Höherseins »kürzer« ist; außerdem ist die Wiederkehr der höheren auch keine vollständige. Es hat aber noch den anderen Grund, daß die niedersten Kategorien als solche nicht direkt analytisch zugänglich sind, sondern auf rückschauende Schichtenpersepktive angewiesen sind. So kommt es, da gerade im Anfang der Kategorienlehre die Methode der Abwandlung das Feld beherrscht, im Maße des Fortschreitens zu höheren Schichten aber immer mehr gegen das analytische und dialektische in den Hintergrund tritt.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 615-616

„Nur eins ist hierbei nicht zu vergessen. Die Methode der Abwandlung hat ihre natürliche Richtung, sie arbeitet »von unten aucf« und schreitet zum Höheren fort. In jedem einzelnen Punkte aber, an dem sie die Elementarform in höherer Übeformung wiederfindet, ist sie vielmehr die umgekehrte Schichtenperspektive: sie erkennt die niedere Kategorie von der höheren aus. Und nur darum kann ihr die aufsteigende Reihe der höheren das vervollständigte Bild der niederen vermitteln. Sie folgt damit der ersten Ergänzungsregel, die da sagt, daß alle Erkenntnis niederer Kategorien sich von der Erkenntnis höherer aus vervollständigen läßt, einerlei welcher Schicht die letzteren angehören.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 616

„Sie beruht also trotz der aufwärtsgehenden Folge der Abwandlungen, die sie durchläuft, vielmehr auf der abwärtsgerichteten Erkenntnis des Einfachen vom Komplexeren her. Und dadurch stellt sie selbst sich wiederum als ein Doppelverfahren dar, in welchem die Zusammenschau des Ganzen sich nach beiden Seiten ausgleicht. Und wäre nicht durch analytisch Vorerkanntes im Gebiet der höheren Schichten der Ansatz für abwärts schauende Schichtenperspektive bereits in einer gewissen Breite gegeben - wofür die Quellen weit über die Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften überhaupt verstreut liegen -, so hätte sie keinen Boden, auf dem sie sich beegen könnte.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 616

„So wird man von allen Seiten auf das Gefüge de Methoden, als auf ein ständiges Hand-in-Hand-Arbeiten, zurückgewiesen. Es ist eben in Wahrheit so, daß man an jeder einzelnen Kategorie des ganzen Methodenapparates bedarf. Zu jeder einzelnen - mit alleiniger Ausnahme der ersten Elemente - gibt es den direkten analytischen Aufstieg vom Concretum her; an jeder beliebigen gibt es die dialektische Zusammenschau der Kategorienschicht; und an jeder setzt die nach beiden Seiten führende Schichtenpespektive ein. Und je nachdem die eine oder die andere Methode vorangegangen ist, müssen die anderen zur Ergänzug und Kontraolle nachfolgen. “
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 616

„In der Beweglichkeit solchen Ineinandergreifens besteht die alleinige Möglichkeit, daß die Kategorienanalyse ihrer Großen Aufgabe in den Grenzen endlicher Erkenntnis Herr werde.“
Paul Nicolai Hartmann, Der Aufbau der realen Welt - Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre, 1940, S. 616

„Was einst für ein Reich der Vollkommenheit galt, das Reich der Wesenheiten, deren schwache Abbilder die Dinge sein sollten, das gerade hat sich als das Reich des unvollständigen Seins erwiesen, das nur in der Abstraktion verselbständigt wurde. In dieser Einsicht liegt vielleicht der greifbarste Gegensatz der neuen Ontologie zur alten.“
Paul Nicolai Hartmann, Neue Wege der Ontologie, 1942

„Die alte Seinslehre hing an der These, das Allgemeine, in der essentia zur Formalsubstanz verdichtet und im Begriff faßbar, sei das bestimmende und gestaltgebende Innere der Dinge. Neben die Welt der Dinge, in der auch der Mensch eingeschlossen ist, tritt die Welt der Wesenheiten, die zeitlos und materielos ein Reich der Vollendung des höheren Seins bildet.“
Paul Nicolai Hartmann, Systematische Philosophie, 1942

„So ist im Problem der Substanz (Beharrung) der Erkenntnisgang von der Materie zur Energie vorgedrungen, im Problem des real Allgemeinen von der substantiellen Form zur Gesetzlichkeit, im Zeitproblem von der naiv verstandenen Zeitanschauung zur Realzeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Ziele und Wege der Kategorialanalyse, in: Z.ph.F., II, 1948

„Das ideale Sein (der mathematischen Gegenstände) hat eine Nahstellung zum Bewußtsein, die für keine andere Seinsweise gilt, und diese ist greifbar im Phänomen einer unmittelbaren (apriorischen) Gegebenheit.“
Paul Nicolai Hartmann, Ziele und Wege der Kategorialanalyse, in: Z.ph.F., II, 1948

„Ein einfacher Kausaldeterminismus ist vollkommen neutral gegen das Einsetzen höherer Determination.“
Paul Nicolai Hartmann, Teleologisches Denken, 1950, S. 123

„Wenn die Bedingungen der Möglichkeit in ihrer Totalität da sind, dann bilden sie zugleich Notwendigkeit.“
Paul Nicolai Hartmann, Einführung in die Philosophie, postum

 

 

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- Literaturverzeichnis -