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Niklas Luhmann (1927-1998)
- Literatur -

Luhmann-Zitate. Da ich Niklas Luhmann für einen der Giganten unter den Theoretikern und den „Hegel des 20. Jahrhunderts“ halte,
       möchte ich ihm einige separate Seiten widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:

 

- Soziale Systeme (1984) -
- Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997) -
- Aufsätze und Reden (postum) -

 

 

 

Soziale Systeme.

Erster Teilband.
Vorwort.
Kapitel 1:   Zur Einführung: Paradigmawechsel in der Systemtheorie.
Kapitel 1:   System und Funktion.
Kapitel 2:   Sinn.
Kapitel 3:   Doppelte Kontingenz.
Kapitel 4:   Kommunikation und Handlung.
Kapitel 5:   System und Umwelt.
Kapitel 6:   Interpenetration.
Kapitel 7:   Die Individualität psychischer Systeme.
Kapitel 8:   Struktur und Zeit.
Kapitel 9:   Widerspruch und Konflikt.
Kapitel 10: Gesellschaft und Interaktion.
Kapitel 11: Selbstreferenz und Rationalität.
Kapitel 12: Konsequenzen für die Erkenntnistheorie.
Register.

 

Soziale Systeme Vorwort.

„Systeme haben eine Fähigkeit zur Evolution nur, wenn sie Unentscheidbares entscheiden können. Das gilt auch für systematische Theorieentwürfe, ja selbst für Logiken, wie man seit Gödel nachweisen kann. Aber das läuft keineswegs auf Willkür einiger (oder gar aller) Einzelentscheidungen hinaus. Dies wird durch Negentropie oder Komplexität verhindert. Es gibt nämlich noch eine dritte Schwellenmarkierung. Eine soziologische Theorie, die die Fachverhältnisse konsolidieren will, muß nicht nur komplexer, sie muß sehr viel komplexer werden im Vergleich zu dem, was die Klassiker des Fachs und ihre Exegeten ... sich zugemutet hatten. Das erfordert andere theorietechnische Vorkehrungen, was Haltbarkeit und Anschlußfähigkeit nach innen und nach außen betrifft, und erfordert nicht zuletzt den Einbau einer Reflexion auf Komplexität (also auch eines Begriffs der Komplexität) in die Theorie selbst. Das Schwellenproblem liegt mithin auch in einem sehr viel höheren, sich selbst reflektierenden Grade begrifflicher Komplexität. Das schränkt die Möglichkeiten der Variation sehr ein und schließt jede Art von arbiträren Entscheidungen aus. Jeder Schritt muß eingepaßt werden. Und selbst der Willkür des Anfangs wird, wie im System Hegels, im Fortschreiten der Theorieaufbaus die Willkür genommen. So entsteht eine selbsttragende Konstruktion. Sie brauchte nicht »Systemtheorie« zu heißen. Aber wenn man die anderen Konstruktionsmerkmale konstant halten und den Systembegriff eliminieren wollte, müßte man etwas erfinden, was seine Funktion wahrnehmen, seinen Theorieplatz einnehmen könnte; und dieses würde dem Systembegriff sehr ähneln.“ (Ebd., S. 10-11.)

„Die Darstellung der Theorie praktiziert mithin, was sie empfiehlt, an sich selbst: Reduktion von Komplexität. Aber reduzierte Komplexität ist für sie nicht ausgeschlossene Komplexität, sondern aufgehobene Komplexität.“ (Ebd., S. 12.)

„Abstraktion ist ... eine erkenntnistheoretische Notwendigkeit.“ (Ebd., S. 13.)

 

Soziale Systeme Zur Einführung. Paradimawechsel in der Systemtheorie.

„Von System im allgemeinen kann man sprechen, wenn man Merkmale vor Augen hat, deren Entfallen den Charakter eines Gegenstandes als System in Frage stellen würde. Zuweilen wird auch die Einheit der Gesamtheit solcher Merkmale als System bezeichnet.
1)  ------------------------------------------------- Systeme ------------------------------------------------------------
/ / \           \
2)  Maschinen Organismen ---------- soziale Systeme ---------- psychische Systeme
/ | \
3)   Interaktionen   Organisationen   Gesellschaften 
Aus der allgemeinen Systemtheorie wird dann unversehens eine Theorie des allgemeinen Systems. (Unvershenes - oder auch sehr bewußt.) .... Die Unterscheidung der drei Ebenen der Systembildung läßt auf Anhieb typische »Fehler« oder zumindest Unklarheiten in der bisherigen Diskussion sichtbar werden. Vergleiche zwischen verschiedenen Arten von Systemen müssen sich an eine Ebene halten. Dasselbe gilt für negative Abgrenzungen. Schon durch diese Regel werden zahlreiche unergiebige Theoriestrategien eliminiert. Es ist zum Beispiel wenig sinnvoll zu sagen, Gesellschaften seien keine Organismen, oder im Sinne der Schultradition zwischen organischen Körpern (bestehend aus zusammenhängenden Teilen) und gesellschaftlichen Körpern (bestehend aus zusammenhängenden Teilen) zu unterscheiden. Ebenso »schief« liegt der Versuch, auf der Grundlage von Interaktionstheorien allgemeine Theorien des Sozialen zu konstruieren. Das gleiche gilt für neuerdings aufkommende, durch die Erfindung der Computer simulierte Tendenz, den Maschinenbegriff auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie zu verwenden (was eine ebenso ungerechtfertigte Ablehnung provoziert). Die Unterscheidung von Ebenen soll fruchtbare Vergleichshinsichten festlegen. Aussagen über Gleichheiten können dann auf die nächsthöhere Ebene überführt werden. Zum Beispiel sind soziale und psychische Systeme gleich insofern, als sie Systeme sind. Es mag aber auch Gleichheiten geben, die nur für Teilbereiche einer Vergleichsebene gelten. Zum Beispiel lassen sich psychische und soziale Systeme, nicht aber Maschinen und Organismen, durch Sinngebrauch charakterisieren. Dann muß man in Richtung auf Problemstellungen einer allgemeinen Theorie fragen, was in Maschinen und Organismen als funktionales Äquivalent für Sinn benutzt wird.“ (Ebd., S. 15-18.)

„Ein erster Entwicklungsschub hatte den Begriff der Selbstorganisation benutzt und um 1960 mit drei großen Symposien einen gewissen Höhepunkt erreicht. “ (Ebd., S. 24.)

„Stimulierend haben zunächst die Thermodynamik und die Biologie als Theorie des Organismus, später auch Neurophysiologie, Zellentheorie und Computertheorie gewirkt; ferner natürlich interdisziplinäre Zusammenschlüsse wie Informationstheorie und Kybernetik. Die Soziologie bleib nicht nur als mitwirkende Forschung ausgeschlossen; sie hat sich in diesem interdisziplinären Kontext auch als lernunfähig erwiesen. Sie kann mangels eigener grundlagentheoretischer Vorarbeiten nicht einmal beobachten, was geschieht.“ (Ebd., S. 27-28.)

„Die Theorie der sich selbst herstellenden, autopoietischen Systeme kann in den Handlungsbereich nur überführt werden, wenn man davon ausgeht, daß die Elemente, aus denen das System besteht, keine Dauer haben können, also unaufhörlich durch das System dieser Elemente selbst reproduziert werden müssen. Das geht über ein bloßes Ersatzbeschaffen für absterbende Teile weit hinaus und ist auch mit Hinweis auf Umweltbeziehungen nicht zureichend erklärt. Es geht nicht um Anpassung, es geht nicht um Stoffwechsel, es geht um einen eigenartigen Zwang zur Autonomie, der sich daraus ergibt, daß das System in jeder, also in noch so günstiger Umwelt schlicht aufhören würde zu existieren, wenn es die momenthaften Elemete, aus denen es besteht, nicht mit Anschlußfähigkeit, also mit Sinn, ausstatten und so reproduzieren würde. Dafür kann es verschiedene Strukturen geben; aber nur solche, die sich gegen diesen radikalen Trend zur sofortigen (nicht nur: zur allmählichen, entropischen) Auflösung durchsetzen können.“ (Ebd., S. 28-29.)

 

Soziale Systeme System und Funktion.

„Die allgemeine Theorie sozialer Systeme erhebt ... den Anspruch, den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie zu erfassen und in diesem Sinne universelle soziologische Theorie zu sein. Ein solcher Universalitätsanspruch ist ein Selektionsprinzip. Es bedeutet, daß man Gedankengut, Anregungen und Kritik nur akzeptiert, wenn und soweit sie sich ihrerseits dieses Prinzip zu eigen machen. Hieraus ergibt sich eine eigentümliche Querlage zu den klassischen soziologischen Kontroversen: Statik versus Dynamik, Struktur versus Prozeß, System versus Konflikt, Monolog versus Dialog oder, projiziert auf den Gegenstand selbst, Gesellschaft versus Gemeinschaft, Arbeit versus Interaktion. Solche Kontrastierungen zwingen jede Seite zum Verzicht auf Universalitätsanspüche und zur Selbstbewertung ihrer eigenen Option: bestenfalls zu Behelfskonstruktionen mit Einbau des Gegenteils in die eigene Option. Solche Theorieansätze sind nicht nur undialektisch gedacht, sie verzichten auch vorschnell auf eine Ausnutzung der Reichweite systemtheoretischer Ansätze. Seit Hegel und seit Parsons kann man dies wissen.“ (Ebd., S. 33-34.)

„Als Ausgangspunkt jeder systemtheoretischen Analyse hat, darüber besteht heute wohl fachlicher Konsens, die Differenz von System und Umwelt zu dienen. (Die Differenz von System und Umwelt läßt sich abstrakter begründen, wenn man auf die allgemeine, primäre Disjunktion einer Theorie der Form zurückgeht, die nur mit Hilfe eines Differenzbegriffs definiert: Form und anderes.) Systeme sind nicht nur gelegentlich und nicht nur adaptiv, sie sind strukturell an ihrer Umwelt orientiert und könnten ohne ihre Umwelt nicht bestehen. Sie konstituieren und sie erhalten sich durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt, und sie benutzen ihre Grenzen zur Regulierung dieser Differenz. Ohne Differenz zur Umwelt gäbe es nicht einmal Selbstreferenz, denn Differenz ist Funktionsprämisse selbstreferentieller Operationen. In diesem Sinne ist Grenzerhaltung Systemerhaltung.“ (Ebd., S. 35.)

„Ob und wie weit sich Verhältnisse ausbilden lassen, in denen ein System ein anderes dominiert, ist nicht zuletzt abhängig davon, wie weit beide Systeme und wie weit das System ihrer Beziehungen von der jeweiligen Umwelt abhängen. In diesem Sinne waren denn auch die »absolute« Herrschaft, von der ältere Reichsmodelle ausgingen, nie starke, nie determinierende Herrschaft, sondern mehr ein Modus der Systembeschreibung, der eine gewisse Verfügungsgewalt des Systems über sich selbst zum Ausdruck brachte.“ (Ebd., S. 37.)

„Systemdifferenzierung ist nichts weiter als Wiederholung der Systembildung in Systemen.“ (Ebd., S. 37.)

„Die Differenz System/Umwelt muß von einer zweiten, ebenfalls konstitutiven Differenz unterschieden werden: der Differenz von Element und Relation. In jenem wie in diesem Fall muß man die Einheit der Differenz als konstitutiv denken. So wenig wie es Systeme ohne Umwelten gibt oder Umwelten ohne Systeme, so wenig gibt es Elemente ohne relationale Verknüpfung oder Relationen ohne Elemente. In beiden Fällen ist die Differenz eine Einheit (wir sagen ja auch: »die« Differenz), aber sie wirkt nur als Differenz. Nur als Differenz macht sie es möglich, Informationsverarbeitungsprozesse auszuschließen.  –  Trotz dieser formalen Ähnlichkeit ist es wichtig (und unter anderem eine Voraussetzung für den Begriff der Komplexität), daß man die beiden sorgfältig unterscheidet. Es gibt deshalb zwei verschiedene Möglichkeiten, die Dekomposition eines Systems zu betrachten. Die eine zielt auf die Bildung von Teilsystemen (oder genauer: internen System/Umwelt-Beziehungen) im System. Die andere dekomponiert in Elemente und Relationen. Im einen Falle geht es um die Zimmer des Hauses, im anderen Falle um die Steine, Balken, Nägel usw.. Die erste Art der Dekomposition wird in einer Theorie der Systemdifferenzierung fortgeführt. Die andere mündet in eine Theorie der Systemkomplexität. Erst diese Unterscheidung macht es sinnvoll und nichttautologisch zu sagen, daß mit Zunahme der Differenzierung oder mit einer Änderung von Formen der Differenzierung die Systemkomplexität zunehme.“ (Ebd., S. 41.)

„Wir nehmen an, ohne das theoretisch sicher begründen zu können, daß Systeme mindestens Mengen von Relationen zwischen Elementen sein müssen, daß sie aber typisch durch weitere Konditionierungen und damit durch höhere Komplxität auszeichnen.“ (Ebd., S. 45.)

„Erfolgreiche Konditionierungen, mit denen erreicht wird, daß das, was durch sie möglich wird, auch entsteht, wirken dann als Einschränkungen. Man kann auf sie, obwohl sie kontingent eingeführt sind, nicht verzichten, ohne daß das, was durch sie möglich wurde, entfällt.“ (Ebd., S. 45.)

„Komplexität ... heißt Selektionszwang, Selektionszwang heißt Kontingenz, und Kontingenz heißt Risiko. Jeder komplexe Sachverhalt beruht auf einer Selektion der Relationen zwischen seinen Elementen, die er benutzt, um sich zu kostituieren und zu erhalten. ....  –  Durch Selektionszwang und durch Konditionierung von Selektionen läßt sich erklären, daß aus einer Unterschicht von sehr ähnlichen Einheiten (z.B. wenigen Arten von Atomen, sehr ähnlichen menschlichen Organismen) sehr verschiedenartige Systeme gebildet werden können. Die Komplexität der Welt, ihrer Arten und Gattungen, ihrer Systembildungen entsteht also erst durch Reduktion von Komplexiät und durch selektive Konditionierung dieser Reduktion. Nur so erklärt sich weiter, daß die Dauer dessen, was dann als Element fungiert, mit der Selbstregulation des Systems abgestimmt werden kann.“ (Ebd., S. 47.)

„Von Reduktion der Komplexität sollte man ... in einem engeren Sinne immer dann sprechen, wenn das Relationsgefüge eines komplexen Zusammenhangs durch einen zweiten Zusammenhang mit weniger Relationen rekonstruiert wird. Nur Komplexität kann Komplexität reduzieren. Das kann im Außenverhältnis, kann aber auch im Innenverhältnis des Systems zu sich selbst der Fall sein. So bewahrt ein Mythos, beschränkt durch die Möglichkeiten mündlicher Erzählung, die Welt und die Situationsorientierung eines Volksstammes. Der Komplexitätsverlust muß dann durch besser organisierte Selektivität (zum Beispiel: gesteigerte Anforderungen an Glaubwürdigkeit) aufgefangen werden. Auch Reduktion der Komplexität geht, wie jede Relationierung, von Elementen aus. Aber der Begriff der Reduktion bezeichnet nur noch einer Realtionierung der Realtionen.“ (Ebd., S. 49.)

„Man hat die unfaßbare Komplexität des Systems (bzw. seiner Umwelt), die entstünde, wenn man alles mit allem verknüpfen würde, von der bestimmt strukturierten Komplexität zu unterscheiden, die ihrerseits dann aber nur kontingent seligiert werden kann; und man hat die Umweltkomplexität (in beiden Formen) von der Systemkomplexität (in beiden Formen) zu unterscheiden, wobei die Systemkomplexität geringer ist und dies durch die Ausnutzung ihrer Kontingenz, also durch ihr Selektionsmuster wettmachen muß. In beiden Fällen ist die Differenz von zwei Komplexitäten das eigentlich Selektion erzwingende (und insofern: Form gebende) Prinzip; und wenn man nicht von Zuständen, sondern von Operationen spricht, ist beides Reduktion von Komplexität, nämlich Reduktion einer Komplexität durch eine andere.  –  Unter dem Gesichtspunkt dieser (aus Komplexität folgenden) Reduktionsnotwendigkeit hat man einen zweiten Komplexitätsbegriff gebildet. Komplexität in diesem zweiten Sinne ist dann ein Maß für Unbestimmtheit oder für Mangel an Information. Komplexität ist, so gesehen, die Information, die dem System fehlt, um seine Umwelt (Umweltkomplexität) bzw. sich selbst (Systemkomplexität) vollständig erfassen und beschreiben zu können.“ (Ebd., S. 50-51.)

„Die Systemtheorie ... hat ... keine Verwendung für den Subjektbegriff. Sie ersetzt ihn durch den Begriff des selbstreferentiellen Systems.“ (Ebd., S. 51.)

„Elemente müssen, wenn Grenzen scharf definiert sind, entweder dem System oder dessen Umwelt zugerechnet werden. Relationen können dagegen auch zwischen System und Umwelt bestehen. Eine Grenze trennt also Elemente, nicht notwendigerweise auch Relationen; sie trennt Ereignisse, aber kausale Wirkungen läßt sie passieren..“ (Ebd., S. 52.)

„Mit Hilfe von Grenzen können Systeme sich zugleich schließen und öffnen ....“ (Ebd., S. 52.)

„Beim abstrakten Grenzbegriff, beim Begriff einer bloßen Differenz zwischen System und Umwelt, kann man nicht entscheiden, ob die Grenze zum System oder zur Umwelt gehört. Die Differenz selbst ist, logisch gesehen, etwas Drittes. Nimmt man dagegen das Problem des Komplexitätsgefälles als Interpretationshilfe hinzu, kann man Grenzen auf die Funktion von Stabilisierung dieses Gefälles beziehen, für die nur das System Strategien entwickeln kann. Es handelt sich dann vom System aus gesehen um »selbstgenerierte Grenzen«, um Membranen, Häute, Mauern und Tore, Grenzposten, Kontaktstellen.“ (Ebd., S. 53-54.)

„Neben der Konstitution von systemeigenen Elementen ist demnach die Bestimmung von Grenzen das wichtigste Erfordernis der Ausdifferenzierung von Systemen.“ (Ebd., S. 54.)

„Selektion als Grundbegriff jeder Ordnungstheorie, und man vermeidet dabei den Rückgriff auf ein System, das die Entstehung von Ordnung auf Grund überlegener eigener Ordnungsmacht erklärt.“ (Ebd., S. 57.)

„Alle Selektion setzt Einschränkugen voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt.“ (Ebd., S. 57.)

„Die Elemente ermöglichen eine über andere Elemente laufende Rückbeziehung auf sich selbst ....“ (Ebd., S. 60.)

„Einerseits gibt es außerhalb des Kommunikationssystems Gesellschaft überhaupt keine Kommunikation. Das System ist das einzige, das diesen Operationstypus verwendet, und ist insofern real-notwendig geschlossen. Andererseits gilt dies für alle anderen sozialen Systeme nicht. Sie müssen daher ihre spezifische Operationsweise definieren oder über Reflexion ihre identität bestimmen, um regeln zu können, welche Sinneinheiten intern die Selbstreproduktion des Systems ermöglichen, also immer wieder zu reproduzeiren sind. .... Sonderstellung des Gesellschaftssystems ....“ (Ebd., S. 60-61.)

„Eine der wichtigsten Konsequenzen liegt auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie: Wenn auch die Elemente, aus denen das System besteht, durch das System selbst als Einheiten konstituiert werden (wie komplex immer der »Unterbau« als Energie, Material, Information sein mag), entfällt jede Art von basaler Gemeinsamkeit der Systeme. Was immer als Einheit fungiert, läßt sich nicht von außen beobachten, sondern nur erschließen.“ (Ebd., S. 61.)

„Eine wichtige strukturelle Konsequenz, die sich aus dem selbstreferentiellen Systemaufbau ergibt, muß besonders erwähnt werden. Es ist der Verzicht auf Möglichkeiten der unilateralen Kontrolle. Es mag Einflußdifferenzen, Hierarchien, Asymmetrisierungen geben,aber kein Teil des Systems kann andere kontrollieren, ohne selbst der Kontrolle zu unterliegen; und unter soclhen Umständen ist es möglich, ja in sinnhaft orientierten Systemen hochwahrscheinlich, daß jede Kontrolle unter Antizipation der Gegenkontrolle ausgeübt wird.“ (Ebd., S. 63.)

„Selbstbeobachtung ist ... die Einführung der System/Umwelt-Differenz in das System, das sich mit ihrer Hilfe konstituiert; und sie ist zugleich operatives Moment der Autopoiesis, weil bei der Reproduktion der Elemente gesichert sein muß, daß sie als Elemente des Systems und nicht als irgendetwas anderes reproduziert werden.“ (Ebd., S. 63.)

„Das Konzept des selbstreferentiell-geschlossenen Systems steht nicht im Widerspruch zur Umweltoffenheit der Systeme; Geschlossenheit der selbstreferentiellen Operationsweise ist vielmehr eine Form der Erweiterung möglichen Umweltkontaktes; sie steigert sich dadurch, daß sie bestimmungsfähigere Elemente konstituiert, die Komplexität der für das System möglichen Umwelt.“ (Ebd., S. 63.)

„Wenn man ... die Begriffe Beobachtung und Selbstbeobachtung auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie ansetzt und ... mit dem Begriff der Autopoiesis verbindet, wird Selbstbeobachtung zur nowtendigen Komponente autopoietischer Reproduktion. Gerade auf dieser Grundlage ergibt sich dann die Möglichkleit, organische und neurophysiologische Systeme (Zellen, Nervensysteme, Immunsysteme usw.) von Sinn konstituierenden psychischen und sozialen Systemen zu unterscheiden. Für all diese Systembildungsebenen gilt das Grundgesetz der Selbstreferenz, aber für die erstgenannte Gruppe in einem radikaleren, ausschließlicheren Sinne als für Sinnsysteme. Auch Sinnsysteme sind vollständig geschlossen insofern, als nur Sinn auf Sinn bezogen werden kann.“ (Ebd., S. 64.)

„Man sieht hieran deutlich den evolutionären Gewinn der Errungenschaft »Sinn« auf der Basis einer nicht mehr zu stoppenden Selbstreferentialität des Systemaufbaus: Er liegt in einer neuartigen Kombination von Geschlossenheit und Umweltoffenheit des Systemaufbaus; oder mit anderen Worten: in der Kombination von System/Umwelt-Differenz und selbstreferentiellem Systemaufbau.“ (Ebd., S. 64.)

„Es gibt Maschinen, chemische Systeme, lebende Systeme, bewußte Systeme, sinnhaft-kommunikative (soziale) Systeme; aber es gibt keine all dies zusammenfassenden Systemeinheiten. Der Mensch mag für sich selbst oder für Beobachter als Einheit erscheinen, aber er ist kein System. Erst recht kann aus einer Mehrheit von Menschen kein System gebildet werden. Bei solchen Annahmen würde übersehen, daß der Mensch das, was in ihm an physischen, chemischen, lebenden Prozessen abläuft, nicht einmal selbst beobachten kann.“ (Ebd., S. 67-68.)

„So schafft ein System sich als eigenen Kausalbasis eine eigene Vergangenheit, die es ihm ermöglicht, zum Kausaldruck der Umwelt in Distanz zu treten, ohne daß allein durch die interne Ursächlichkeit schon festgelegt wäre, was in Konfrontation mit Außenereignissen geschieht. Man sieht die Tragweite dieser evolutionären Errungenschaft, wenn man bedenkt, daß lebende Systeme für die Autonomie des Lebens auf genetische Determination angewiesen bleiben. (Das erinnert an die vier Schichten in Nicolai Hartmanns Schichtenlehre; HB.)“ (Ebd., S. 69.)

„Wir lassen offen, was Zeit »ist«, weil man bezweifeln kann, ob irgendein Begriff von Zeit, der über das bloße Faktum des Sichänderns hinausgreift, ohne Systemreferenz festgelegt werden kann. Andererseits wird uns ein bloß chronologischer Zeitbegriff im Sinne eines Maßes von Bewegung im Hinblick auf ein Früher und ein Später nicht genügen, weil er die Probleme, die Systeme in der Zeit und mit der Zeit haben, nicht ausreichend rekonstruieren kann.“ (Ebd., S. 70.)

„Zeit ist der Grund für den Selektionszwang in komplexen Systemen, denn wenn unendlich viel Zeit zur Verfügung stünde, könnte alles mit allem abgestimmt werden. So gesehen ist »Zeit« das Symbol dafür, daß immer, wenn etwas Bestimmtes geschieht, auch etwas anderes geschieht, so daß keine Einzeloperation je eine volle Kontrolle über ihre Bedingungen gewinnen kann.“ (Ebd., S. 70.)

„Die logische Möglichkeit, jedes Element mit jedem anderen zu verknüpfen, kann kein System realisieren. Das ist der Ausgangspunkt von aller Reduktion von Komplexität.“ (Ebd., S. 73.)

„Für Systeme mit temporalisierter Komplexität wird ... Reproduktion zu einem Dauerproblem. Dieser Theorie geht es also nicht, wie klassischen Gleichgewichtstheorien, um Rückkehr in eine stabile Ruhelage nach Absorption von Störungen, sondern um die Sicherung der unaufhörlichen Erneuerung der Systemelemente; oder in kurzer Formulierung: nicht um statische, sondern um dynamische Stabilität. Alle Elemente verschwinden, sie können sich als Elemente in der Zeit nicht halten, sie müssen also laufend neu hervorgebracht werden und dies auf Grund der Konstellation von Elementen, die im Moment aktuell ist. Reproduktion heißt also nicht einfach: Wiederholung der Produktion des Gleichen, sondern reflexive Produktion, Produktion aus Produkten. (Diese Verständnis von Reproduktion hat Tradition .... Vgl. z.B. Johann Jakob Wagner, Philosophie der Erziehungskunst, 1803, S. 48: »Aus Produkten produciren heißt reproduciren.«) “ (Ebd., S. 79.)

„Zeitdifferenz und sachliche Verschiedenheit trennen sich schärfer und sind zugleich stärker voneinander abhängig. Man kann vermuten, daß dies eine evolutionäre Ausgangslage ist, in der sich, zunächst als grandiose Vereinfachung, Sinn bildet und durch Formzwang erreicht, daß in allem, was Operation werden kann, Verweisungen in sachliche und Verweisungen in zeitliche Richtung zusammengeschlossen sein müssen.  –  Die alteuropäische Tradition hatte hierfür den Begriff der »Bewegung« bereitgestellt. Ihre Physik war bis Newton Bewegungsphysik. Noch Hegels System kommt nicht ohne den Bewegungsbegriff aus. Damit war ein Phänomen durch einen Begriff so aufgewertet, daß es eine genauere Analyse der Interdependenz von zeitlichen und sachlichen Bedingungen für Systemoperationen blockierte.“ (Ebd., S. 82.)

„Die Methode funktionaler Analyse, die wir durchgehend voraussetzen, baisert ihrerseits auf dem Informationsbegriff. .... Funktionale Analyse ist mithin eine Art Theorietechnik, ähnlich wie die Mathematik ....“ (Ebd., S. 83.)

„Wenn (es wirklich zutrifft, daß) Inflationen Verteilungsprobleme relativ konfliktfrei lösen (mit welchen Nebenfolgen immer), sind sie ein funktionales Äquivalent für politisch riskantere, weil konfliktreichere staatliche Planung. (Der vorherrschende Trend soziologischer Forschung verzichtet freilich auf eine solche methodologisch-theoretische Konstruktion und beschränkt sich darauf, unbehagliche Kausalitäten, latente Funktionen usw. einfach bloßzustellen. Man nennt das »kritisch« oder »progressiv«. Das führt aber nur zu der Frage, wie denn die zu Grunde liegenden Probleme anders gelöst werden können.)“ (Ebd., S. 85.)

„Das Wissenschaftssystem bedient sich keineswegs nur der funktionalen Analyse, aber mindestens seit dem 17. Jahrhundert gibt es im Wissenschaftssystem die These, daß der Funktionsbezug das eigentlich fruchtbare Prinzip der Selektion (!) wissenschaftlich relevanter Daten sei. Wir nennen die dafür geltenden Regeln in dieser Systemreferenz auch »funktionale Methode«.“ (Ebd., S. 87.)

„Mit der Wahl eines Problems, das die Einheit der Differenz von Erkenntnis und Gegenstand formuliert, geht die funktionale Methode über eine bloße Methodenentscheidung hinaus und beansprucht, Theorie der Erkenntnis zu sein.“ (Ebd., S. 90.)

„Für Erkenntnisgewinn durch funktionale Analyse gibt es zwar keine absoluten Garantien - weder in der Theorie noch in der Methodes des richtigen Vorgehens. (Im 18. Jahrhundert bereits war die These geläufig, daß für das Ansetzen eines ungewöhnlichen, sehr Verschiedenartiges übergreifenden Vergleichs ingenium, Witz, Einbildungskraft oder ähnliches, in jedem Fall eine nur individuell gegebene Fähigkeit erforderlich sei. Vgl. Alfred Baeumler, Das Irrationalitätsproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur Kritik der Urteilskraft, 1923, S. 141 ff..).“ (Ebd., S. 90.)

„Nach einer alten, einsichtigen Regel treten Wahrheiten in Zusammenhängen auf, Irrtümer dagegen isoliert. Wenn es der funktionalen Analyse gelingt, trotz großer Heterogeität und Verschiedenartigkeit der Erscheinungen Zusammenhänge aufzuzeigen, kann dies als Indikator für Wahrheit gelten, auch wenn die Zusammenhänge nur für den Beobachter einsichtig sind. Jedenfalls wird es bei dieser Technik des Einsichtgewinns schwerer und schwerer, die Überzeugung festzuhalten, die Ergebnisse könnten auf eine fehlerhafte Methode, auf Irrtum, auf reine Imagination zurückzuführen sein.“ (Ebd., S. 90-91.)

 

Soziale Systeme Sinn.

„Auch das zweite Kapitel greift noch über den engeren Bereich der Theorie sozialer Systeme hinaus und behandelt ein Thema, das psychische und soziale Systeme gemeinsam betrifft - psychische Systeme als konstituiert auf der Basis eines (selbstreferentiellen) Bewußtseinszusammenhanges und soziale Systeme als konstituiert auf der Basis eines (selbstreferentiellen) Kommunikationszusammenhanges. Andere Systemarten werden nicht mehr berücksichtigt.“ (Ebd., S. 92.)

„Psychische und soziale Systeme sind im Wege der Co-evolution entstanden. .... Personen können nicht ohne soziale Systeme entstehen und bestehen, und das gleiche gilt umgekehrt. (Daraus folgt allerdings nicht der Schluß, den eine bis heute nachwirkende Tradition aus dieser Notwendigkeit gezogen hatte: daß der Mensch als animal sociale Teil der Gesellschaft sei, die Gesellschaft also »aus Menschen bestehe«. Von dieser Prämisse aus hätte die im ersten Kapitel skizzierte Systemtheorie nicht entwickelt werden können. Wer an dieser Prämisse festhält und mit ihr ein Humanitätsanliegen zu vertreten sucht, muß deshalb als Gegner des Universalitätsanspruchs der Systemtheorie auftreten.) Die Co-evolution hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von psychischen als auch von sozialen Systemen benutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide ist sie bindend als unerläßliche, unabweisbare Form ihrer Komplexität und ihrer Selbstreferenz. Wir nennen diese evolutionäre Errungenschaft »Sinn«.“ (Ebd., S. 92.)

„Bei einem Rückblick auf das, was oben zum Thema Komplexität gesagt worden ist, ist unschwer zu erkennen, daß diese Formvorschrift Sinn sich auf das Problem der Komplexität bezieht.“ (Ebd., S. 94.)

„Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem hinaus auf etwas anderes. .... Sinn ist ... eine unnegierbare, eine differenzlose Kategorie.“ (Ebd., S. 96.)

„Einerseits gibt es schon in neurophysiologischen Systemen (und vielleicht müßte man auch sagen: in Atomen und Sonnen) entsprechende basale Unruhe. Andererseits ist die gesamte Welt der sozialen Kommunikation darauf eingerichtet, daß Monotonie ausgeschlossen ist und man nur kommunizieren kann, indem man Themen und Beiträge wechselt.“ (Ebd., S. 99.)

„Aus diesen Gründen gehen wir ohne jeden Versuch einer reduktiven »Erklärung« von einem Grundsachverhalt basaler Instabilität (mit der Folge »temporalisierter« Komplexität) aus und halten fest, daß jedenfalls alle Sinnsysteme ... dadurch geprägt sind.“ (Ebd., S. 99.)

„Sinn ist also basal instabil, nur so kann Realität für Zwecke emergenter Systembildung als Sinn behandelt werden. Die hat zwingende Konsequenzen für den Aufbau sozialer Systeme, auf die wir im folgenden bei der Behandlung von Themen wie Kommunikation, Handlung, Ereignis und Struktur ausführlich zurückkommen werden. Zuvor sollte jedoch, soweit möglich, geklärt werden, was allein dadurch schon vorgegeben ist, daß Sinn überhaupt basal instabil, unruhig, mit eingebautem Zwang zur Selbständerung gebildet werden muß.“ (Ebd., S. 99-100.)

„Die sinnspezifische Strategie des Auffangens und Prozessierens der eigenen Instabilität scheint in der Verwendung von Differenzen für anschließebnde Informationsverarbeitung zu liegen. Was jeweils variiert, ist nicht einfach der »Gegenstand« einer Intention. das Sinnprozessieren ist vielmehr ein ständiges Neuformieren der sinnkonstitutiven Differenz von Aktualität und Möglichkeit. Sinn ist laufendes Aktualisieren von Möglichkeiten. Da Sinn aber nur als Differenz von gerade Aktuellem und Möglichkeitshorizont Sinn sein kann, führt jede Aktualisierung immer auch zu einer Virtualisierung der daraufhin anschließbaren Möglichkeiten. Die Instabilität des Sinnes leigt in der Unhaltbarkeit seines Aktualitätskerns; die Restabilisierbarkeit ist dadurch gegeben, daß alles Aktuelle nur im Horizont von Möglichkeitsanzeigen Sinn hat. Und Sinn haben heißt eben: daß eine der anschließbaren Möglichkeiten als Nachfolgeaktualität gewählt werden muß, sobald das jeweils Aktuelle verblaßt, ausdünnt, seine Aktualität aus eigener Instabilität selbst aufgibt. Die Differenz von Aktualität und Möglichkeit erlaubt mithin eine zeitlich versetzte Handhabung und damit ein Prozessieren der jeweiligen Aktualität entlang von Möglichkeitsanzeigen. Sinn ist somit die Einheit von Aktualisierung und Virtualisierung, Re-Aktualisierung und Re-Virtualisierung als ein sich selbst propellierender (durch Systeme konditionierbarer) Prozeß.  –  Wie dies läuft, wird erst voll verständlich, wenn man eine zweite Differenz mit in Betracht zieht. Im Anschluß an Spencer-Brown wollen wir, wenn die Operation gemeint ist, von Unterscheidung (distinction) und Bezeichnung (indication) sprechen. Die entsprechenden sematischen Resultate heißen: Differenz und Identität.“ (Ebd., S. 100.)

„Insgesamt ist Sinn also ein Prozessieren nach Maßgabe von Differenzen, und zwar von Differenzen, die als solche nicht vorgegeben sind, sondern ihre operative Verwendbarkeit (und erst recht natürlich ihre begriffliche Formulierbarkeit) allein aus der Sinnhaftigkeit selbst gewinnen. Die Selbstbeweglichkeit des Sinngeschehens ist Autopoiesis par excellence. Auf dieser Grundlage kann dann jedes (wie immer kurze) Ereignis Sinn gewinnen und Systemelement werden. Damit ist nicht so etwas wie »rein geistige Existenz« behauptet, wohl aber Geschlossenheit des Verweisungszusammenhanges der Selbstproduktion.“ (Ebd., S. 101.)

„Man liest in einer Zeitung, die DM sei aufgewertet worden. Wenn man dasselbe dann in einer anderen Zeitung nochmals liest, hat diese Aktivität keinen Informationswert mehr (sie ändert den eigenen Systemzusatnd nicht mehr), obwohl sie strukturell dieselbe Selektion präsentiert.“ (Ebd., S. 102.)

„Informationen sind mithin Ereignisse, die Entropie einschränken, ohne damit das System festzulegen.“ (Ebd., S. 103.)

„Information reduziert Komplexität insofern, als sie eine Selektion bekanntgibt und damit Möglichkeiten ausschließt. Sie kann gleichwohl Komplexität auch erhöhen. Diese geschieht zum Beispiel, wenn die ausgeschlossene Möglichkeit eine negative Erwartung war: Man hatte gedacht, daß Pfarrer immer Männer sind, und stellt nun fest: dieser Pfarrer ist eine Frau. Soll man Pfarrerin sagen? Handkuß?“ (Ebd., S. 103.)

„Jedenfalls kann Information Unsicherheit nicht nur mindern, sondern auch steigern, und nur deshalb ist eine Evolution von Sinnformen mit hoher Kapazität für Informationsgewinnung und Informationsverarbeitung möglich.“ (Ebd., S. 104.)

„Information ist nur im System, nur dank dessen Auffassungsschema möglich.“ (Ebd., S. 104.)

„Sinn aber verweist immer wieder auf weiteren Sinn (**). Die zirkuläre Geschlossenheit dieser Verweisungen erscheint in ihrer Einheit als Letzthorizont alles Sinnes: als Welt. Die Welt hat infolgedessen die gleiche Unausweichlichkeit und Unnegierbarkeit wie Sinn.“ (Ebd., S. 105.)

„Die Selbstbeschreibung der Welt muß ... durch eine Leitdifferenz charakterisiert werden. Hiefür kommt als letztgültige Form nur die Unterscheidung von Sinn und Welt in Betracht. Die Einheit der sinnhaften Konstitution von Welt (der welthaften Konstitution von Sinn) wird für die phänomenologische Beschreibung als Differenz artikuliert und kann in dieser Form zur Informationsgwinnung dienen.“ (Ebd., S. 105.)

„Die Welt ist die Einheit der eigenen Differenz von System und Umwelt.“ (Ebd., S. 106.)

„Der allen Sinn immanente Welbezug schließt es aus, daß wir Sinn als Zeichen definieren. Man muß Verweisungsstruktur und Zeichenstruktur sorgfältig unterscheiden. (Vorbereitet ist diese Unterscheidung in den Husserlschen Analysen des Verhältnisses von Ausdruck und Anzeichen. Vgl. Logische Untersuchungen, II, 1, 3, S. 23 ff..) Die Funktion eines Zeichens erfordert immer Verweisung auf etwas Bestimmtes unter Ausschluß von Selbstreferenz. Es gibt, anders gesagt, weder ein Weltzeichen noch ein sich selbst bezeichnendes Zeichen. Beides, Universalität und Selbstreferenz, ist aber unabdingbare Eigenschaft von Sinn. Sinn ist daher der fundierende Sachverhalt: Ein Zeichen muß Sinn haben, um seine Funktion erfüllen zu können, aber Sinn ist kein Zeichen. Sinn bildet den Kontext aller Zeichenfestlegung, die conditio sine qua non ihrer Asymmetrisierung, aber als Zeichen genommen würde Sinn nur als Zeichen für sich selbst, also als Zeichen für die Nichterfüllung der Funktion des Zeichens stehen können.“ (Ebd., S. 107.)

„Wir können ... den Subjektbegriff azufgeben.“ (Ebd., S. 111.)

„Wir gehen ... davon aus, daß in aller Sinnerfahrung zunächst eine Differenz vorliegt, nämlich die Differenz von aktual Gegebenem und auf Grund dieser Gegebenheit Möglichem.“ (Ebd., S. 111.)

„Am Anfang steht also nicht Identität, sondern Differenz. Nur das macht es möglich, Zufällen Informationswert zu geben und damit Ordnung aufzubauen; denn Information ist nichts anderes als ein Ereignis, das eine Verknüpfung von Differenzen bewirkt .... Hier liegt der Grund dafür, daß wir auch die Dekomposition des Sinnes schlechthin nicht nur als Differenz, sondern als Dekomposition din Differenzen vorfinden. Wir werden diesen Befund durch den Begriff der Sinndimensionen bezeichnen und unterscheiden Sachdimension, Zeitdimension und Sozialdimension. Jede dieser Dimensionen gwinnt ihre Aktualiät aus der Differenz zweier Horizonte, ist also ihrerseits eine Differenz, die gegegn andere Differenzen differenziert wird. Jede Dimension ist ihrerseits wieder sinnuniversell gegeben, enthält also, formal gesehen, keine Einschränkung dessen, was in der Welt möglih ist. Man kann insofern auch von Weltdeimensionen sprechen.“ (Ebd., S. 112.)

„Die Sachdimension wird dadurch konstituiert, daß der Sinn die Verweisungsstruktur des Gemeinten zerlegt in »dies« und »anderes«. Ausgangspunkt einer sachlichen Artikulation von Sinn ist mithin eine primäre Disjunktion, die etwas noch Unbestimmtes gegen anderes noch Unbestimmtes absetzt.“ (Ebd., S. 114.)

„Es gehört zu dem schlimmsten Eigenschaften unserer Sprache (und die Gesamtdarstellung der Systemtheorie in diesem Buche ist aus diesem Grunde inadäquat, ja irreführend), die Prädikation auf Ssatzsubjekte zu erzwingen und so die Vorstellung zu suggerieren und schließlich die alte Denkgewohnheit immer wieder einzuschleifen, daß es um »Dinge« gehe, denen irgendwelche Eigenschaften, Beziehungen, Aktivitäten oder Betroffenheiten zugeschrieben werden. Das Dingschema (und entsprechend. die Auffassung der Welt als »Realität«) bietet aber nur eine vereinfachte Version der Sachdimension. Dinge sind Beschränkunghen von Kombinationsmöglichkeiten in der Sachdimension. Am Ding lassen sich deshalb entsprechende Erfahrungen sammeln und versuchsweise reproduzieren. In dieser Form geben Dinge handliche Anhaltspunkte für den Umgang mit Weltbezügen. Sie vertuschen aber auch, daß es stets und zwangsläufig zwei Horizonte sind, die an der sachlichen Konstitution von Sinn mitwirken; und daß entsprechend Doppelbeschreibungen, die nach außen und nach innen profilieren, nötig wären, um Sachsinn zu fixieren. Wir werden daher immer wieder Anlaß haben, darauf hinzuweisen, daß der primäre Gegenstand der Systemtheorie nicht ein Gegenstand (oder eine Gegenstandsart) »System« ist, sondern die Differenz von System und Umwelt.“ (Ebd., S. 115-116.)

„Die Zeitdimension wird dadurch konstituiert, daß die Differenz von Vorher und Nachher, die an allen Ereignissen unmittelbar erfahrbar ist, auf Sonderhorizonte bezogen, nämlich in die Vergangenheit und die Zukunft hinein verlängert wird. Die Zeit wird dadurch von der Bindung an das unmittelbar Erfahrbare gelöst, sie streift allmählich auch die Zuordnung zur Differenz von Anwesendem und Abwesendem ab (*), sie wird zu einer eigenständigen Dimension, die nur noch das Wann und nicht mehr das Wer/Was/Wo/Wie des Erlebens und Handelns ordnet. (* Es muß unterstrichen werden, daß dies ein sehr langsamer Entwicklumgsprozeß war und daß selbst innovative Zeitdenker wie Augustin die ferne Vergangenheit und die ferne Zukunft noch im Dunkel des weit Abwesenden zusammenfließen sahen. Überhaupt scheint das Ineinssetzen von Fernzukunft und Fernvergangenheit in mystischen Randzonen der zugänglichen Welt die noch lange vorhaltende Dominanz des Schemas anwesend/abwesend, nah/fern zu symbolisieren.) Die Zeit wird neutral im Bezug auf auf Anwesend und Abwesend, und Abwesendes kann dann ohne Rücksicht auf die Zeit, die man braucht, um es zu erreichen, als gleichzeitig aufgefaßt werden. Jetzt wird eine einheitliche, vereinheitlichende Zeitmessung möglich, und in der Zeitsemantik lassen sich dann auch die Zeitpunktsequenzen von den Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft-Verhältnissen trennen und zu ihnen in Beziehung setzen.“ (Ebd., S. 116.)

„Zeit ist ... für Sinnsysteme die Interpretation der Realität im Hinblick auf eine Differenz von Vergangenheit und Zukunft. Dabei ist der Horizont der Vergangenheit (und ebenso: der Zukunft) nicht etwa der Anfnag (bzw.: das Ende) der zeit. Diese Vorstellung des Anfangs bzw. Endes schließt der Horizontbegriff gerade aus. Vielmehr fungieren die gesamte Vergangenheit und ebenso die gesamte Zukunft als Zeithorizont - ob sie nun chronolgisiert und entsprechend linearisiert vorgestellt werden oder nicht.“ (Ebd., S. 116.)

„Zukünfte und Vergangenheiten können, und in dieser Hinsicht sind sie völlig gleich, nur intendiert bzw. thematisiert, nicht aber erlebt oder behandelt werden.“ (Ebd., S. 117.)

„Die Zeitspanne zwischen Vergangenheit und Zukunft, in der das Irreversibelwerden einer veränderung sich ereignet, wird als Gegenwart erfahren. Die Gegenwart dauert so lange, wie das Irreversibelwerden dauert. Bei genauem Zusehen erkennt man, daß immer zwei Gegenwarten gleichzeitig gegeben sind und daß erst deren Differenz den Eindruck des Fließens der Zeit erzeugt.“ (Ebd., S. 117.)

„Schließlich ist zu beachten, daß in der besonderen Sinndimension Zeit Geschichte konstituiert werden kann.“ (Ebd., S. 118.)

„Die Sozialdimension betrifft das, was man jeweils als seinesgleichen, als »alter Ego« annimmt, und artikuliert die Relevanz dieser Annahme für jede Welterfahrung und Sinnfixierung. Auch die Sozialdimension hat weltuniversale Relevanz; denn wenn es überhaupt ein alter Ego gibt, so sit es, wie das Ego auch, für alle Gegenstände und für alle Themen relevant.“ (Ebd., S. 119.)

„Sozial ist ... Sinn nicht qua Bindung an bestimmte Objekte (Menschen), sondern als Träger einer eigentümlichen Reduplizierunf von Auffassungsmöglichkeiten. Entsprechend stehen die Begriffe Ego und Alter (alter Ego) hier nicht für Rollen oder Personen oder Systeme, sondern ebenfalls für Sonderhorizonte, die sinnhafte Verweisungen aggregieren und bündeln. Auch die Sozialdimension wird mithin durch einen Doppelhorizont konstituiert; sie wird in dem Maße relevant, als sich im Erleben und Handeln abzeichnet, daß die Auffassungsperspektiven, die ein System auf sich bezieht, von anderen nicht geteilt werden. Und auch hier heißt die Horizonthaftigkeit von Ego und Alter Unabschließbarkeit weiterer Exploration. Da somit ein Doppelhorizont auch in diser Hinsicht konstitutiv ist für die Eigenständigkeit einer Sinndimension, läßt sich Soziales nicht auf die Bewußtseinsleistungen eines momadischen Subjekts zurückführen. Daran sind alle Versuche einer Theorie der subjektiven Konstitution von »Intersubjektivität« gescheitert.“ (Ebd., S. 119-120.)

„Nur wenn sich Dissens als Realität oder als Möglichkeit abzeichnet, hat man Anlaß, den Doppelhorizont des Sozialen als im Moment besonders wichtige Orientierungsdimension einzuschalten; und nur in dem Maße, als dies besonders oft oder in spezifischen Sinnzusammenhängen besonders deutlich geschieht, entsteht in der gesellschaftlichen Evolution eine besondere Semantik des Sozialen, die ihrerseits als Theorie dieser Differenz wieder konsens- bzw- dissensfähig sein kann.“ (Ebd., S. 121.)

„So wie in der Sachdimension das Dingschema die Weltbezüge vereinfacht an die Hand gibt, so wird die Sozialdimension auf Moral reduziert. Der Realistik entspricht die Moralistik der Weltauffassung.“ (Ebd., S. 121.)

„Die hier vorgestellte dimensionale Dekomposition der Welt auf Grund von Sinn und die Zuordnung eines konstitutiven Doppelhorizontes zu jeder Dimension ermöglichen weitere Schritte der Analyse; sie ermöglichen vor allem einen deutlicheren Aufriß der Bedingungen der Möglichkeit des Bestimmens von Sinn.“ (Ebd., S. 122.)

„Für den Prozeß der laufenden Selbstbestimmung von Sinn formiert sich die Differenz von Sinn und Welt als Differenz von Ordnung und Störung, von Information und Rauschen, Beides ist, beides bleibt erforderlich. Die Einheit der Differenz ist und bleibt Grundlage der Operation.“ (Ebd., S. 122.)

„Sinnbezogene Operationen selbstreferentieller Systeme werden durch Auslöseprobleme (primäre Disjunktion [vgl. Sachdimension; HB], Irreversibilität [vgl. Zeitdimension; HB, Dissens [vgl. Sozialdimension; HB) gereizt und die Doppelhorizonte der Sinndimension dadurch unter Optionsdruck gesetzt.“ (Ebd., S. 123.)

„Wird die Sinnselektion der Umwelt zugerechnet, gilt die Charakterisierung Erleben, und die Anknüpfung für weitere Maßnahmen wird in der Umwelt des Systems gesucht (obwohl das System als erlebend beteiligt war!). Wird dagegen die Sinnselektion dem System selbst zugerechnet, dann gilt die Charakterisierung Handeln (obwohl solches Handeln ohne Bezug auf die Umwelt gar nicht möglich ist).“ (Ebd., S. 124.)

„Durch Schrift wird Kommunikation aufbewahrbar, unabhängig von dem lebenden Gedächtnis von Interaktionsteilnehmern, ja sogar unabhängig von Interaktion überhaupt.“ (Ebd., S. 127.)

„Größere Deutlichkeit und Tiefenschärfe in den jeweiligen Doppelhorizonten Innen/Außen, Vergangenheit/Zukunft, Ego/Alter. Die jeweils zuständige Dichotomie trägt einerseits die Ausdifferenzierung der Sinndimension und wird andererseits durch sie auf höhere Komplexität gebracht.“ (Ebd., S. 133.)

„Die Sprache .... Ihre eigentliche Funktion liegt in der Generalisierung von Sinn mit Hilfe von Symbolen, die - im Unterschied zur Bezeichnung von etwas anderem - das, was sie leisten, selbst sind.“ (Ebd., S. 137.)

„Auch ein Widerspruch, auch eine Paradoxie hat Sinn. Nur so ist Logik überhaupt möglich. Man würde sonst beim ersten besten Widerspruch in ein Sinnloch fallen und darin verschwinden.“ (Ebd., S. 138.)

„Die hier vorgestellte Konzeption als »dialektisch« ... charakterisieren .... Sicher müßte eine gewissenhafte Diskussion ihres Verhältnisses zu den großen Theorieleistungen des 19. Jahrhunderts (Hegel, Marx, Darwin), die alle mit Differenz anfangen und nach Einheit suchen, an diesem Punkte ansetzen.“ (Ebd., S. 138.)

„Sinn trägt sich selbst, indem es seine eigene Reproduktion selbstreferentiell ermöglicht. Und erst die Formen dieser Reproduktion differenzieren psychische und soziale Strukturen.“ (Ebd., S. 141.)

„Im Übergang zur neuzeitlichen Gesellschaft, das heißt, im Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzierung des Gesellschaftssystems haben sich die Plausibilitätsgrundlagen dieses Metaphysik-Konzepts geändert, und zwar in genau der Hinsicht, auf die es hier ankommt. Mehr und mehr steht die Gesellschaft in einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit einer selbstgeschaffenen Realität: mit Personen, die das, was sie sind, durch Sozialisation und Erziehung sind; und mit einer physisch-chemisch-organischen Natur, die im Zusammenhang mit technischen Prozessen dirigiert wird. Man ist also an der Erzeugung der Probleme, mit denen man sich zu befassen hat, immer schon beteiligt und hat in gewisser Weise das, was man nicht will, immer schon gewollt. Auf diese sachlage müßte Metaphysik, wenn sie überhaupt möglich bleiben soll, ihr Konzept der Selbstrefrenz des Seins einstellen.“ (Ebd., S. 144-145.)

„Auf der Basis der neuzeitlichen Subjekt-Metaphysik, die von der Subjektivität des Bewußtseins ausging, sind hierfür keine letztlich überzeugenden Vorstellungen entwickelt worden - vielleicht vor allem deshalb nicht, weil die Gegenüberstellung von Sein und Denken sich nicht zu einer Gegenüberstellung von Sein und subjektivem Bewußtsein fortentwickeln ließ. Man hat das versucht, hat insbesondere versucht, das dem Sein zu grunde liegende Bewußtsein (»subiectum«) selbst sinnlos zu denken. Aber das aus dem Sein in dieser Weise vertriebene, sich selbst suchende Subjekt spezialisierte sich auf Erkenntnistheorie oder wurde revolutionär - beides aufs Ganze gesehen unzulängliche Auswege. Die Ortslosigkeit und Unfixierbarkeit eines extramundanen Subjekts symbolisiert dann letztlich nur noch den Fehlbegriff der Theorie - und nicht mehr etwas, was ein bewußtes Ich in sich selbst entdecken kann.“ (Ebd., S. 145.)

„Die alte Auffassung war: daß Wissenschaft auf eine entgegenkommende Rationalität des Gegenstandes angewiesen sei. Diese Auffassung ist durch die Transzendentalphilosophie in der als Ontologie vorliegenden Fassung aufgegeben worden. An ihre Stelle trat, korrelativ zur Erschließung der Selbstreferenz in das »Subjekt«, die These der Unerkennbarkeit der Realität »an sich«. Diese These wird durch die hier vollzogenen Reobjektivierung des selbstreferentiellen Systems nicht für falsch erklärt, sondern nur generalisiert: Jeses selbstreferentielle System hat nur den Umweltkontakt, den es sich selbst ermöglicht und keine Umwelt »an sich«.“ (Ebd., S. 146.)

„Wohlgemerkt: die Umwelt kann durch Sinnsysteme nur, aber auch das ist innenbedingt, in der Form von Sinn erfahren und bearbeitet werden. Das gilt auch für physische, chemische, organische Systeme der Umwelt, die selbst nicht unter der Form von Sinn operieren. Sinnsysteme in der Umwelt sind ein Sonderfall, und für diesen Sonderfall gilt, daß nicht nur strukturierte Komplexität im allgemeinen, sondern sinnspezifische Generalisierungen die Voraussetzungen herstellen, unter denen die Umwelt für selbstreferentiell-geschlossen operierende Sinnsysteme beobachtbar, verständlich, analysierbar ist.“ (Ebd., S. 147.)

 

Soziale Systeme Doppelte Kontingenz.

„Daß alle Gesellschaften Kultur tradieren und jede soziale Situation daher Kultur immer schon vorfindet. Die langfristigen Strukturen, die soziale Ordnung immer neu ermöglichen, liegen in diesem kulturellen Erbe, also in der Vergangenheit. .... Im Prinzip ist die Konstitution sozialer Systeme an einen immer schon vorhandenen kulturellen Code gebunden, obwohl sie auch dessen Entstehung und Funktion zu erklären hätte.“ (Ebd., S. 150.)

„Alter bestimmt in einer noch unklaren Situation sein Verhalten versuchsweise zuerst. Er beginnt mit einem freundlichen Blick, einer Geste, einem Geschenk - und wartet ab, ob und wie Ego die vorgeschlagene Situationsdefinition annimmt. Jeder darauf folgende Schritt ist dann im Lichte dieses Anfangs eine Handlung mit kontingenzreduzierenden, bestimmenden Effekt - sei es nun positiv oder negativ.“ (Ebd., S. 150.)

„Soziale Systeme entstehen ... dadurch, daß beide Partner doppelte Kontingenz erfahren und daß die Unbestimmtheit einer solchen Situation für beide Partner jeder Aktivität, die dann stattfindet, strukturbildende Bedeutung gibt. Das ist mit dem Grundbegriff der handlung nicht zu fassen.“ (Ebd., S. 154.)

„Ein soziales System baut nicht darauf auf und ist auch nicht darauf angewiesen, daß diejenigen Systeme, die in doppelter Kontingenz stehen, sich wechselseitig durchschauen und prognostizieren können. Das soziale System ist gerade deshalb System, weil es keine basale Zustandsgewißheit und keine darauf aufbauenden Verhaltensvorhersagen gibt.“ (Ebd., S. 157.)

„Bereits Hegel durchschaute Bedürfnisse als Abstraktion, bereits Parsons sah sich zur Generalisierung auf »need-dispositions« gezwungen. Eine auf den Bedürfnisbegriff fundierte Soziologie müßte daher zunächst einmal klären, woher sie den Mut nimmt, dies alles zu ignorieren. Naturalismus allein ist jedenfalls noch kein sinnvolles Programm.“ (Ebd., S. 159.)

„Es wäre vergeblich, nach einem psychischen oder gar organischen Substrat von so etwas wie Person, Intelligenz, Gedächtnis, Lernen zu suchen. Es handelt sich um Kunstgriffe von Beobachtern, mit denen Nichtbeobachtbares gedeutet und auf die emergente Ebene des Zwischensystemkontaktes überführt wird.“ (Ebd., S. 159.)

„Handlung ist auf Systeme zugerechntete Selektion. Wie immer sie dann als Wahl unter Alternativen rationalisiert, als Entscheidung dargestellt, auf Motive bezogen werden mag: zunächst ist sie nichts weiter als aktualisierte Kontingenz und, vom Beobachter her gesehen, die ins Unberechenbare gepflanzte Erwartung.“ (Ebd., S. 160.)

„Das System wird in Gang gebracht und orientiert sich daher zunächst durch die Frage, ob der Partner eine Kommunikation annehmen oder ablehnen wird, oder auf handlung reduziert: ob eine Handlung ihm nützen oder schaden wird. Die Position des Eigeninteresses ergibt sich erst sekundär aus der Art, wie der Partner auf einen Sinnvorschlag reagiert. Die Verfolgung eigenen Nutzens ist eine viel zu anspruchsvolle Einstellung, als daß man sie generell voraussetzen könnte (und die entsprechenden Theorie sind auch sehr spät entwickelte Theorien). Dagegen käme kein soziales System in Gang, wenn derjenige, der mit Kommunikationen beginnt, nicht wissen kann oder sich nicht dafür interessieren würde, ob sein Partner darauf positiv oder negativ reagiert.“ (Ebd., S. 160.)

„»Wie ist soziale Ordnung möglich?« In einer Weise, die diese Möglichkeit zunächst als unwahrscheinlich vorführt. Wenn jeder kontingent handelt, also jeder auch anders handeln kann und jeder dies von sich selbst und den anderen weiß und in Rechnung stellt, ist es zunächst unwahrscheinlich, daß eigenes Handeln überhaupt Anknüpfungspunkte (und damit: Sinngebung) im Handeln anderer findet; denn die Selbstfestlegung würde voraussetzen, daß andere sich festlegen, und umgekehrt. Zugleich mit der Unwahrscheinlichkeit sozialer Ordnung erklärt dieses Konzept aber auch die Normalität sozialer Ordnung; denn unter dieser Bedingung doppelter Kontingenz wird jede Selbstfestlegung, wie immer zufällig entstanden und wie immer kalkuliert, Informations- und Anschlußwert für anderes Handeln gewinnen. Gerade weil ein solches System geschlossen-selbstrefrentiell gebildet wird, also A durch B bestimmt wird und B durch A, wird jeder Zufall, jeder Anstoß, jeder Irrtum produktiv. Die Systemgenese setzt strukturierte Komplexität voraus im Sinne nichtbeliebiger Verteilungen. Ohne »noise« kein System. Aber unter dieser Bedingung ist das Entstehen von (wie immer kurzlebiger, wie immer konfliktreicher) Ordnung normal, wenn für diejenigen, die ihr Handlen festlegen, doppelte Kontingenz zur Erfahrung gebracht, also eine beidseitig kontingente Ego/Alter-Konstellation hergestellt werden kann.“ (Ebd., S. 165-166.)

„Auf den ersten Blick mag erstaunen, daß die Verdoppelung der Unwahrscheinlichkeit (bezogen auf jede spezifische Verhaltenswahl) zur Wahrscheinlichkeit führt. Es handelt sich also nicht um ein schlicht lineares Problem der Vermehrung bzw. Verminderung. Wenn zusätzlich zur eigenen Verhaltensunsicherheit auch die Verhaltenswahl eines anderen unsicher ist und vom eigenen Verhalten mitabhängt, entsteht die Möglichkeit, sich genau daran zu orientieren und im Hinblick darauf das eigene Verhalten zu bestimmen. Es ist mithin die Emergenz eines sozialen Systems, die über Verdoppelung der Unwahrscheinlichkeit ermöglicht wird und dann die Bestimmung des je eigenen Verhaltens erleichtert.“ (Ebd., S. 166.)

„Ich lasse mich von Dir nicht bestimmen, wenn Du Dich nicht von mir bestimmen läßt.  –  Es handelt sich, wie man sieht, um eine extrem instabile Kernstruktur, die sofort zerfällt, wenn nichts weiter geschieht. Aber diese Ausgangslage genügt, um eine Situation zu definieren, die die Möglichkeit in sich birgt, ein soziales System zu bilden. Diese Situation verdankt ihre Einheit dem Problem der doppelten Kontingenz: auch sie ist daher nicht auf eines der beteiligten Systeme zurückzuführen, zugleich aber Kristallisationskern für ein emergentes System/Umwelt-Verhältnis. Dies soziale System gründet sich mithin auf Instabilität. Es realisiert sich deshalb zwangsläufig als autopoietisches System. Es arbeitet mit einer zirkulär geschlossenen Grundstruktur, die von Moment zu Moment zerfällt, wenn dem nicht entgegengewirkt wird. Dies geschieht formal durch Enttautologisierung und, was Energie und Information betrifft, durch Inanspruchnahme von Umwelt.“ (Ebd., S. 167.)

„Wo liegen Selektionsvorteile, die es wahrscheinlich machen, daß bestimmte soziale Strukturren eher entstehen als andere?  –  .... Was taugt ... besonders, wenn es darum geht, in einer offenen Situation nächste Ereignisse vorzukonstruieren und sie durch Selbst- und Fremdfestlegung wahrscheinlicher zu machen?  –  In der Zeitdimension spielt sich der Tempovorteil eine Rolle. Diejenigen Themen werden bevorzugt, zu denen man schnell etwas beitragen kann. Selektionsketten, die rascher operieren können, verdrängen solche, bei denen man erst lange überlegen muß, auf was man sich einläßt. Darin ist eingeschlossen, daß derjenige, dem zuerst etwas Operationalisierbares einfällt, im Vorteil ist. Sachlich und sozial wird es vor allem auf Anschlußfähigkeit ankommen. Das heißt: als nächstes Ereignis wird dasjenige gewählt, was schon erkennen läßt, was als übernächstes in Betracht kommen könnte. Wie schon bei der so umstrittenen Evolution des Lebens scheinen es also Tempounterschiede und Sequenzbildungen zu sein, die ermöglichen, daß in Situationen, in dewnen dies zunächst eher unwahrscheinlich ist, trotzdem Strukturen entstehen.“ (Ebd., S. 168-169.)

„Ego erfährt Alter als alter Ego. Er erfährt mit der Nichtidentität der Perspektiven aber zugleich die Identität dieser Erfahrung auf beiden Seiten. Für beide ist die Situation dadurch unbestimmbar, instabil, unerträglich. In dieser Erfahrung konvergieren die Perspektiven, und das ermöglicht es, ein Interesse an Negation dieser Negativität, ein Interesse an Bestimmung zu unterstellen. Damit ist ... eine Systembildungsmöglichkeit im Wartestand gegeben, die nahezu jeden Zufall benutzen kann, um Strukturen zu entwickeln.“ (Ebd., S. 172.)

„Die Realität reagiert auf Probleme, die sich ihr stellen, durch Selektion. Probleme sind faktisch wirksame Katalysatoren des sozialen Lebens. Es ist dies die Grundvorstellung, die durch die »Dialektik« (vielleicht etwas vorschnell) prozessualisiert worden war. Sie wird in der Systemtheorie zunächst durch Begriffe wie Komplexität, Selbstreferenz, Sinn angereichert und artikuliert.“ (Ebd., S. 173.)

„Akzeptiert man diese Vorstellung der doppelten Kontingenz als autokatalytisch wirkendes Problem, hat das tiefgreifende Konsequenzen für das auf diesen Grundlagen aufgeführte Theoriegebäude. Die Theorie behandelt eine freischwebend konsolidierte Realität, ein sich selbst gründendes Unternehmen, und das gibt ihr als Theorie einen eigentümlichen Stimmungsgehalt, ein besonderes Kolorit. Sie kann die Haltbarkeit sozialer Ordnung weder auf Natur gründen noch auf a priori geltende Normen oder Werte. Was tritt an deren Stelle?“ (Ebd., S. 174.)

„Zeit ist nicht einfach das Maß einer Bewegung, die erkennbar, berechenbar, machbar und wiederholbar wird in den Maße, als feststeht, welche Zustände sie in welche andere überführt. Zeit ist nicht einfach auf Naturgesetze angewiesene Chronologie. Auch ist Zeit nicht organisiert im Hinblick auf ein gutes Ende, das die Prozesse normalerweise erreichen. Zeit ist nicht einfach Teleologie. Zeit ist Asymmetrisierung von Selbstreferenz im Hinblick auf eine Ordnung von Selektionen, und im sozialen Bereich verzeitlicht sie die doppelte Kontingenz sozialen Handelns mit den darin spielenden Selbstreferenzen, um zu ermöglichen, daß unwahrscheinliche Ordnung so gut wie zwangsläufig entsteht, wo immer doppelte Kontingenz erfahren wird.“ (Ebd., S. 176.)

„Was immer an Bewährungen oder an Anschlußselektionen anfällt, wird dem System selbst zugerechnet. Alles andere - vor allem natürlich die immensen Sinnmengen, über die man nie gesprochen hat - wird pauschal der Umwelt zugewiesen.“ (Ebd., S. 178.)

„Man fängt mit kleinen Risiken an und baut auf Bewährungen auf; und es erleichtert die Vertrauensgewähr, wenn sie auf beiden Seiten erforderlich wird, so daß das Vertrauen des einen am Vertrauen des anderen Halt finden kann.“ (Ebd., S. 181.)

„Insofern ist Vertrauen ein universaler sozialer Tatbestand.“ (Ebd., S. 181.)

„Der primäre Selbstbezug ist also der der Elemente, die für selektive Kombination geschaffen und zur Verfügung gestellt werden. Da diese Selbstrefrenz jedoch über ein alter Ego läuft, also durch einen dies bestimmte Handeln nicht selbst Vollziehenden vermittelt wird, ist immer auch eine andere Ebene der Selbstreferenz im Spiel, nämlich der Bezug auf das soziale System, das die basale Selbstreferenz erst ermöglicht und auf diese Weise selbst am Handlungsverlauf beteiligt wird. Zur Selbstreferenz gehört mithin einerseits: daß die Handlung sich selbst in der Perspektive des alter Ego kontrolliert; und andererseits: daß sie sich eben damit einem sozialen System zuordnet, in dem dies der Fall ist. Mit der Konstitution selbstreferentieller Handlungszusammenhänge entsteht also zugleich eine Selbstreferenz des sozialen Systems, nämlich die Miteinarbeitung des Geltungsbereichs der doppelten Kontingenz und seiner sachlichen, zeitlichen und sozialen Grenzen. Als Teilnehmer an sozialen Situationen kann man dann sehr wohl noch autistisch handeln, aber nur demonstrativ autistisch und im Miterfassen jener beiden selbstreferentiellen Zirkel: daß dies erstens die Handlung selbst in Richtung auf Demonstration deformiert (ob man das nun will oder nicht!) und daß dies zweitens im sozialen System einen bestimmten Stellenwert gewinnt, Reaktionen auslöst, Geschichte macht und so für den Akt selbst außer Kontrolle gerät. So ist die elementare Selbstreferenz Konstitutionsbedingung für soziale Selbstreferenz und umgekehrt; was nichts anderes besagt als: Elemente sind Elemente nur im System.“ (Ebd., S. 183.)

„Solange Ego nicht handeln kann, ohne zu wissen, wie Alter handeln wird, und umgekehrt, ist das System zu wenig bestimmt und dadurch blockiert. Das heißt für Sinnsysteme aber zugleich: hochsensibel zu sein für nahezu beliebige Bestimmungen. In dieser Lage wirkt doppelte Kontingenz, zeitlich gesehen, als Beschleuniger des Systemaufbaus. Aller Anfang ist leicht. Unbekannte signalisieren sich wechselseitig zunächst einmal Hinweise auf die wichtigsten Verhaltensgrundlagen: Situationsdefinition, sozialer Status, Intentionen. Damit beginnt eine Systemgeschichte, die das Kontingenzproblem mitnimmt und rekonstruiert.“ (Ebd., S. 184.)

„Die Offenheit der Ausgangssituation ist transformiert in Strukturprojektion und Enttäuschungsrisiko; und dies sowohl im Bezug auf die Umwelt als auch im Bezug auf das System selbst, beides aber in verschiedener Weise, so daß im System selbst System und Umwelt unterschieden werden müssen. “ (Ebd., S. 185.)

„Den gleichen Sachverhalt kann man mit dem systemtheoretischen Begriff der Konditionierung fassen. Ohne jede Konditionierung von Zusammenhängen ist keine Systembildung möglich, denn nur durch Konditionierung läßt sich ein Bereich von Möglichkeiten gegen anderes abgrenzen. Die reine doppelte Kontingenz konditioniert jedoch nur kurzschlüssig, nämlich durch Verweis auf Alter, der seinerzeit sich durch Rückverweisung auf Ego bestimmt. Für ein solches System wäre, trotz Konditionierung, alles möglich. Die Funktion der Konditionierung, Möglichkeitsräume abzugrenzen, wäre nicht erfüllt. Es handelte sich um ein ganz geschlossenes System, das zugleich ganz offen ist für jede weitere Konditionierung, die ihn zu einer Einschränkung seiner Möglichkeiten verhilft.  –  Die doppeltkontingente Konditionierung hat demnach nur die Funktion, für weitere Konditionierungen sensibel zu machen. Sie schafft Zufallsempfindlichkeit und setzt damit Evolution in Gang. Ohne sie gäbe es keine sozio-kulturelle Evolution. “ (Ebd., S. 185-186.)

„Mit Hilfe des Begriffs Konditionierung läßt sich schließlich das Problem der Reziprozität neu fassen. Auch in der neueren Soziologie wird Reziprozität immer wieder als Grundbegriff verwendet oder als Bedingung für Sozialität schlechthin angesehen. Es handelt sich aber nur um einen (sicherlich weit verbreiteten) Sonderfall von Konditionierung. Die Leistung des einen wird unter der Bedingung der Gegenseitigkeit von der Leistung des anderen abhängig gemacht - also doppelte Kontingenz reduziert auf doppelte Konditionierung. Das hat viele Vorteile für sich, zum Beispiel den der raschen Einseitigkeit. Aber im Laufe der Entwicklung komplexerer Gesellschaften kommen auch Nachteile auf, und Vorteile können in Nachteile umschlagen, wenn die Struktur der Gesellschaft sich ändert. So ist Reziprozität in hohem Maße offen für schichtspezifische Wertung der Beiträge. Leistungen »von oben nach unten« zählen mehr als Leistungen »von unten nach oben«. Das ermöglicht die Anpassung der Reziprozität an die Erfordernisse stratifizierter Gesellschaften - und wird zum Störfaktor, wenn Funktionssysteme ausdifferenziert werden. (Wenn zum Beispiel der »Souverän« an Reziprozität gebunden wäre, hätte dies eine ständige Aufkündigung des Gehorsams zur Folge, wenn nach Meinung Einzelner er seinen Beitrag nicht ordentlich erbringt. Dies Problem kann, und darauf kommt es an, nicht mehr durch schichtbezogne Überbewertung seines Beitrags gelöst werden.) Eine Generalnorm der Reziprozität muß dann ausgedünnt werden und trifft für viele Handlungsfestlegungen trotzdem nicht mehr zu.“ (Ebd., S. 186-187.)

„Im Moment interessiert nur, daß und wie die doppelte Kontingenz artikuliert und dadurch verändert wird. Grund dafür ist letztlich, daß im Horizont einer solche Kontingenzerfahruing alles, was geschieht, als Srlektion geschieht und daurch strukturbildend wirkt, wenn und soweit andere Selektionen sich daruf einlassen.“ (Ebd., S. 187.)

„Die Analyse von doppelten Kontingenz führt also zurück auf das Thema Selektion. ... Sowohl die Klärung des Begriffs der Komplexität als auch die Klärung des Sinnbegriffs lassen eine Art Selektionszwang hervortreten: Immer dann, wenn die Zahl der zu verknüpfenden Elemente ein geringes Maß überschreitet, und immer dann, wenn Komplexes in der Form von Sinn erfahren wird, entstehen Selektionsnotwendigkeiten, entsteht eine faktische Selektivität all dessen, was realisiert wird.“ (Ebd., S. 187.)

 

Soziale Systeme Kommunikation und Handlung.

„Sozialität ist kein besonderer Fall von Handlung, sondern Handlung wird in sozialen Systemen über Kommunikation und Attribution konstituiert als eine Reduktion der Komplexität, als unerläßliche Selbstsimplifikation des Systems.“ (Ebd., S. 191.)

„Der basale Prozeß sozialer Systeme, der die Elemente produziert, aus denen diese Systeme bestehen, kann ... nur Kommunikation sein. Wir schließen hiermit also, wie bei der Einführung des Elemetbegriffs angekündigt (vgl. Kapitel 1, II, 4), eine psychologische Bestimmung der Einheit der Elemente sozialer Systeme aus. Wie aber verhält sich dieser Kommunikationsprozeß zu den Handlungen, den Elementen des Systems, die er produziert? Besteht ein soziales System letzlich aus Kommunikation oder aus Handlungen? Ist die letzte Einheit, bei deren Auflösung das Soziale verschwinden würde, eine erfolgreiche Kopplung verschiedener Selektionen, oder ist es die als Handlung zurechenbare Einzelselektion?“ (Ebd., S. 192.)

„Die gesamte Metaphorik des Besitzens, Habens, Gebens und Erhaltens, die gesamte Dingmetaphorik ist ungeeignet für ein Verständnis von Kommunikation.“ (Ebd., S. 193.)

„Geht man vom Sinnbegriff aus, ist als erstes klar, daß Kommunikation immer ein selektives Geschehen ist, Sinn läßt keine andere Wahl als zu wählen. Kommunikation greift aus dem je aktuellen Verweisungshorizont, den sie selbst erst konstituiert, etwas heraus und läßt anderes beiseite. Kommunikation ist Prozessieren von Selektion.“ (Ebd., S. 194.)

„Information ist nach heute geläufigem Verständnis eine Selektion aus einem (bekannten oder unbekannten) Repertoire von Möglichkeiten. Ohne diese Selektivität der Information kommt kein Kommunikationsprozeß zustande (wie immer minimal der Neuigkeitswert des Mitteilungsaustauschs gehalten werden kann, wenn Kommunikation um ihrer selbst willen oder zur bloßen Ausfüllung von Leerräumen im Zusammensein durchgeführt wird). Ferner muß jemand ein Verhalten wählen, das diese Information mitteilt. Das kann absichtlich oder unabsichtlich geschehen. Entscheidend ist, daß die dritte Selektion sich auf eine Unterscheidung stützen kann, nämlich auf die Unterscheidung der Information von ihrer Mitteilung. Da dies entscheidend ist und Kommunikation nur von hier aus verstanden werden kann, nennen wir (etwas ungewöhnlich) den Adressaten Ego und den Mitteilenden Alter.“ (Ebd., S. 195.)

„Kommunikation wird ... als dreistellige Einheit behandelt. Wir gehen davon aus, daß drei Selektionen zur Synthese gebracht werden müssen, damit Kommunikation als emergentes Geschehen zustandekommt. Es ist wichtig, dies ausdrücklich festzuhalten, denn der zu Grunde liegende Sachverhalt ist oft gesehen, aber dann doch in einer anderen Begrifflichkeit abgepackt worden. Bühler spricht zum Beispiel von drei »Leistungen« oder drei »Funktionen« der menschlichen Sprache, nämlich (ich ändere die Reihenfolge): Darstellung, Ausdruck und Appell. (Vgl. die Ausführungen über das »Organon-Modell« der Sprache in: Karl Bühler, Sprachtheorie, 1934, S. 24 ff..) Die erste Bezeichnung meint die Selektivität der Information selbst, die zweite die Selektion ihrer Mitteilung, die dritte die Erfolgserwartung, die Erwartung einer Annahmeselektion. Das lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf Bedingungen der emergenten Einheit, sondern auf Fragen der relativen Dominanz und des Wechsels der Dominanz einer der drei Funktionen. Bei Austin nimmt die gleiche Dreiteilung die Form einer Typologie unterscheidbarer Äußerungen oder Sprachhandlungen an, nämlich lokutionäre, illokutionäre und perlokutive Akte (Vgl. John Austin, How to do Things with Words, 1962, S. 64 ff.. Auch Austin spricht von Funktionen.) Dadurch wird das Interesse auf Isolierbarkeit der entsprechenden Gestalten gelenkt. Auch diese Interessen wollen wir nicht ausschließen, halten sie aber für eher marginal im Vergleich zu der Frage nach den Bedingungen der Emergenz ihrer Einheit. Die Ausdifferenzierbarkeit von funktionsspezifischen Akten oder funktionalen Dominanzen des einen oder anderen Selektionshorizonts ist nur möglich, wenn zuvor schon die Einheit der kommunikativen Synthese als Normalsachverhalt gesichert ist.“ (Ebd., S. 196-197.)

„Die Zusammenfassung von Information, Mitteilung und Erfolgserwartung in einem Akt der Aufmerksamkeit setzt »Codierung« voraus. Die Mitteilung muß die Information duplizieren, sie nämlich einerseits draußen lassen und sie andererseits zur Mitteilung verwenden und ihr eine dafür geeignete Zweitform geben, zum Beispiel eine sprachliche (und eventuell lautliche, schriftliche, etc.) Form. Auf die technischen Probleme einer solchen Codierung gehen wir nicht näher ein. Soziologisch wichtig ist vor allem, daß auch dies eine Ausdifferenzierung der Kommunikationsprozesse bewirkt. Ereignisse müssen nun in codierte und nichtcodierte unterschieden werden. Codierte Ereignisse wirken im Kommunikationsprozeß als Information, nichtcodierte als Störung (Rauschen, noise).“ (Ebd., S. 197.)

„Daß Verstehen ein unerläßliches Moment des Zustandekommens von Kommunikation ist, hat für das Gesamtverständnis von Kommunikation eine sehr weittragende Bedeutung. Daraus folgt nämlich, daß Kommunikation nur als selbstreferentieller Prozeß möglich ist.“ (Ebd., S. 198.)

„Begreift man Kommunikation als Synthese dreier Selektionen, als Einheit aus Information, Mitteilung und Verstehen, so ist die Kommunikation realisiert, wenn und soweit das Verstehen zustandekommt. Alles weitere geschieht »außerhalb« der Einheit einer elementaren Kommunikation und setzt sie voraus. Das gilt besonders für eine vierte Art von Selektion: für die Annahme bzw. Ablehnung der mitgeteilten Sinnreduktion. Man muß beim Adressaten der Kommunikation das Verstehen ihres Selektionssinnes unterscheiden vom Annehmen bzw. Ablehnen der Selektion als Prämisse eigenen Verhaltens. Diese Unterscheidung ist theoretisch von erheblicher Bedeutung.“ (Ebd., S. 203.)

„Das Verstehen ist jene dritte Selektion, die den Kommunikationsakt abschließt.“ (Ebd., S. 203.)

„Annehmen und Ablehnen einer zugemuteten und verstandenen Selektion sind aber nicht Teil des kommunikativen Geschehens; es sind Anschlußakte.“ (Ebd., S. 204.)

„Mit einer etwas anderen Formulierung kann man auch sagen: Kommunikation transformiere die Differenz von Information und Mitteilung in die Differenz von Annahme oder Ablehnung der Mitteilung, sie transformiere also ein »und« in ein »oder«. Dabei ist nach dem Theorem der doppelten Kontingenz zu beachten, daß nicht etwa Alter die eine und Ego die andere Differenz repräsentiert, sondern beide Differenzen auf beiden Seiten gesehen und gehandhabt werden müssen. Es handelt sich nicht um einen sozialen Stellungsunterschied, sondern um eine zeitliche Transformation. Kommunikation ist danach ein völlig selbständiger, autonomer, selbstreferentiell-geschlossener Vorgang des Prozessierens von Selektionen, die ihren Charakter als Selektionen nie verlieren; ein Vorgang der laufenden Formveränderung von Sinnmaterialien, der Umformung von Freiheit in Freiheit unter wechselnden Konditionierungen, wobei unter der Voraussetzung, daß die Umwelt komplex genug und nicht rein beliebig geordnet ist, nach und nach Bewährungserfahrungen anfallen und in den Prozeß zurückübernommen werden. So entsteht in epigenetischer Evolution eine Sinnwelt, die ihrerseits unwahrscheinlichere Kommunikation ermöglicht.“ (Ebd., S. 205.)

„Der differenz- und selektionsorientierte Kommunikationsbegriff macht Probleme und Schranken kommunikativen Verhaltens verständlich, die man seit Jahrhunderten beobachtet und beschreibt. Einmal in Kommunikation verstrickt, kommt man nie wieder ins Paradies der einfachen Seelen zurück (auch nicht, wie Kleist hoffte, durch die Hintertür). Dies wird typisch am (erst für die Neuzeit aktuellen) Thema der Aufrichtigkeit vorgeführt. Aufrichtigkeit ist inkommunikabel, weil sie durch Kommunikation unaufrichtig wird. Denn Kommunikation setzt die Differenz von Information und Mitteilung und setzt beide als kontingent voraus. Man kann dann sehr wohl auch über sich selbst etwas mitteilen, über eigene Zustände, Stimmungen, Einstellungen, Absichten; dies aber nur so, daß man sich selbst als Kontext von Informationen vorführt, die auch anders ausfallen könnten. Daher setzt Kommunikation einen alles untergreifenden, universellen, unbehebbaren Verdacht frei, und alles Beteuern und Beschwichtigen regeneriert nur den Verdacht. So erklärt sich auch, daß dies Thema relevant wird im Zuge einer gesteigerten Ausdifferenzierung des Gesellschaftssystems, das dann mehr und mehr auf die Eigenart von Kommunikation reflektiert. Die Unaufrichtigkeit der Aufrichtigkeit wird zum Thema, sobald man die Gesellschaft erfährt als etwas, was nicht durch Naturordnung, sondern durch Kommunikation zusammengehalten wird.“ (Ebd., S. 207.)

„Dies Problem ist zunächst als ein anthropologisches registriert worden; es geht aber auf ein allgemeines kommunikationstheoretisches Paradox zurück. Man braucht nicht zu meinen, was man sagt (zum Beispiel, wenn man »guten Morgen« sagt). Man kann gleichwohl nicht sagen, daß man meint, was man sagt. Man kann es zwar sprachlich ausführen, aber die Beteuerung erweckt Zweifel, wirkt also gegen die Absicht. Außerdem müßte man dabei voraussetzen, daß man auch sagen könnte, daß man nicht meint, was man sagt. Wenn man aber dies sagt, kann der Partner nicht wissen, was man meint, wenn man sagt, daß man nicht meint, was man sagt. Er landet beim Paradox des Epimenides. Er kann es nicht wissen, selbst wenn er sich Mühe gäbe, den Sprecher zu verstehen; also verliert die Kommunikation ihren Sinn.“ (Ebd., S. 207-208.)

„Die Gründe für dieses Paradox der Inkommunikabilität liegen darin, daß der Verstehende auf Seiten des Kommunizierenden Selbstreferenz voraussetzen muß, um an ihr Information und Mitteilung scheiden zu können. Deshalb wird in jeder Kommunikation die Möglichkeit mitgeteilt, daß Selbstreferenz und Mitteilung divergieren. Ohne diesen Hintergrund wäre die Kommunikation nicht zu verstehen, und ohne Aussicht auf Verständnis würde sie gar nicht stattfinden. Man kann sich irren, man kann den anderen täuschen; aber man kann nicht davon ausgehen, daß es diese Möglichkeit nicht gäbe.“ (Ebd., S. 208.)

„Kommunikation ist zwar, wie schon angedeutet, ohne Mitteilungsabsicht möglich, wenn es Ego gelingt, eine Differenz von Information und Mitteilung gleichwohl zu beobachten. Kommunikation ist unter der gleichen Bedingung auch ohne Sprache möglich, etwa durch ein Lächeln, durch fragende Blicke, durch Kleidung, durch Abwesenheit und ganz allgemein und typisch durch Abweichen von Erwartungen, deren Bekanntsein man unterstellen kann. (Daß im Diskontinuieren oder Unterbrechen erwarteter Verläufe besondere Kommunikationschancen stecken, muß für die Evolution ausdifferenzierter Kommunikationsformen von besonderer Bedeutung gewesen sein. Wir können diese Überlegung hier nur andeuten. Sie könnte bestätigen, daß Evolution in der Tat auf komplexitätsfördernde Vorfälle anspricht.) Immer aber muß die Mitteilung als Selektion, nämlich als Selbstfestlegung einer Situation mit wahrgenommener doppelter Kontingenz interpretierbar sein. Es fehlt daher an Kommunikation, wenn beobachtetes Verhalten nur als Zeichen für etwas anderes aufgefaßt wird. Rasches Gehen kann in diesem Sinne als Zeichen für Eile beobachtbar sein, so wie dunkle Wolken als Zeichen für Regen; es kann aber auch als Demonstration von Eile, Beschäftigtsein, Unansprechbarkeit usw. aufgefaßt und mit der Absicht, eine solche Auffassung auszulösen, auch produziert werden.“ (Ebd., S. 208-209.)

„Wir können mithin Intentionalität und Sprachlichkeit nicht zur finition des Kommunikationsbegriffs verwenden. (Das entspricht im übrigen ganz herrschender Auffassung, Zu viele wichtige Phänomene -gerade auch an der absichtsvollen und sprachlichen Kommunikation selbst, die sehr oft mehr und anderes mitteilt, als in Sprache gefaßt und beabsichtigt war blieben ausgeblendet, würde man den Kommunikationsbegriff zu eng definieren. [Deshalb muß man ihn i.w.S. definieren, nämlich als: »Sprache im weitesten Sinne«. HB.]) Statt dessen stellen wir auf jenes Differenzbewußtsein ab: auf die in alle Kommunikation eingebaute Differenz von Information und Mitteilung. Die Kommunikation prozessiert sozusagen diese Differenz. Das macht zugleich deutlich, wie die Evolution von Sprache möglich ist und was damit gewonnen wird. Lange zuvor hatte es die Möglichkeit gegeben, etwas als Zeichen für anderes zu verwerten. Sprache artifizialisiert diese Möglichkeit, löst sie ab von der Bedingung naturgegebener Regelmäßigkeiten und kann sie dadurch ins so gut wie Beliebige vermehren. Andererseits ist bei sprachlicher Kommunikation die Absicht der Kommunikation unbestreitbar (wenngleich . man oft bestreiten kann, gemeint zu haben, was man gesagt hat, und demzufolge auch sprachliche Kommunikation benutzen kann, um etwas absichtlich unabsichtlich mitzuteilen). Darin liegt eine erhebliche Einschränkung der Kommunikationsmöglichkeiten auf das, was man als Mitteilungsabsicht vertreten oder notfalls in die Form indirekter, absichtlich unabsichtlicher Kommunikation bringen kann. Das läßt zugleich die Differenz, die Eigenselektivität der Mitteilung im Verhältnis zur Selektivität der Information, schärfer hervortreten. Sprachliche Kommunikation bedarf also im Hinblick auf soziale Konvenienz verstärkter Kontrolle, und kontrollieren kann sein Sprachverhalten nur, wer auch schweigen kann.“ (Ebd., S. 209.)

„Bei sprachlicher Kommunikation tritt denn auch die Abhängigkeit des Kommunikationsprozesses von der Beobachtungsgabe des Ego und von all ihren Ambivalenzen zurück. Ego muß die Differenz nicht nur sehen können, sie wird ihm unzweideutig aufgedrängt. Alter spricht zu ihm über etwas. Und selbst wenn Alter über sich selbst oder über sein Sprechen sprechen wollte, er würde immer noch jene Differenz reproduzieren, nämlich etwas an sich selbst oder an seinem Sprechen als Information behandeln müssen, die er mitzuteilen wünscht. Angesichts von Sprachverhalten kann Ego sich also darauf verlassen, daß die Differenz, die Kommunikation konstituiert, bereits hergestellt ist. Er kann sich entsprechend entlastet fühlen. Seine Aufmerksamkeit ist freigestellt für das Verstehen dessen, was gesagt wird.“ (Ebd., S. 209-210.)

„Man kann dies zusammenfassen in der These, daß Sprache die Ausdifferenzierung von Kommunikationsprozessen aus einem (wie immer anspruchsvollen, komplexen) Wahrnehmungskontext ermöglicht. Erst durch Ausdifferenzierung von Kommunikationsprozessen kann es zur Ausdifferenzierung sozialer Systeme kommen. Diese bestehen keineswegs nur aus sprachlicher Kommunikation; aber daß sie auf Grund sprachlicher Kommunikation ausdifferenziert sind, prägt alles, was an sozialem Handeln, ja an sozialen Wahrnehmungen sonst noch vorkommt. Zur Ausdifferenzierung trägt nicht nur die besondere phänomenale Prägnanz, Auffälligkeit und Abgehobenheit des Sprachverhaltens bei. Ebenso wichtig ist, daß Sprache die Reflexivität des Kommunikationsprozesses sicherstellt und damit Selbststeuerung ermöglicht.“ (Ebd., S. 210.)

„Reflexiv sind Prozesse, die auch auf sich selbst angewandt werden können. Im Falle von Kommunikation heißt dies: daß über Kommunikation kommuniziert werden kann. Man kann den Kommunikationsverlauf in der Kommunikation thematisieren, kann fragen und erläutern, wie etwas gemeint gewesen war, kann um Kommunikation bitten, Kommunikation ablehnen, Kommunikationszusammenhänge einrichten usw. Zu Grunde liegt auch hier jeweils die Differenz von Information und Mitteilung; nur daß im Falle von reflexiver Kommunikation die Kommunikation selbst als Information behandelt und zum Gegenstand von Mitteilungen gemacht wird. Dies ist ohne Sprache kaum möglich, da das bloß Wahrgenommene als Kommunikation nicht eindeutig genug ist für weitere kommunikative Behandlung. Wie immer, so setzt auch hier das Reflexivwerden eines Prozesses hinreichende Ausdifferenzierung und funktionale Spezifikation voraus. Erst Sprache sichert Reflexivität im Sinne einer jederzeit vorhandenen, relativ problemlos verfügbaren, nicht weiter erstaunlichen Möglichkeit, den Kommunikationsprozeß auf sich selbst zurückzubeziehen.“ (Ebd., S. 210-211.)

„Reflexivität kann dann ihrerseits dazu dienen, das Risiko höherer Komplexität und schärferer Selektivität zu kompensieren. Man kann unerwartete, ungewöhnliche Mitteilungen wagen, man kann sich knapper fassen und Verständnishorizonte ungeprüft voraussetzen, man kann unter völlig Unbekannten kommunizieren, wenn bei Zweifeln oder Verständigungsschwierigkeiten nachgefragt werden kann. Man braucht nicht alles schon in der direkten Kommunikation zu leisten, wenn zusätzlich jene Metaebene zur Verfügung steht, auf der man über Gelingen oder Mißlingen einer kommunikativen Verständigung kommunizieren kann.“ (Ebd., S. 211.)

„In sprachlicher Kommunikation ist die reflexive Rückwendung auf die Kommunikation selbst so leicht verfügbar, daß es besonderer Sperren bedarf, um sie auszuschließen. Solche Sperren rasten ein bei bewußt metaphorischem Wort- oder Bildgebrauch, bei beabsichtigten Zweideutigkeiten, bei Paradoxien, bei humorvollen, witzigen Wendungen. Solche Sprachformen übermitteln zugleich das Signal, daß eine Rückfrage nach dem Warum und Wieso keinen Sinn hat. Sie funktionieren nur im Moment -oder sie funktionieren überhaupt nicht.“ (Ebd., S. 211.)

„Die Überlegung dieses Abschnittes läßt erkennen, wie Steigerungsverhältnisse zustandekommen. Alles hängt davon ab, daß eine Ausgangsdifferenz installiert werden kann. Diese liegt in der Unterscheidung zweier selektiver Ereignisse, Information und Mitteilung, durch einen Beobachter. Wenn dies gesichert ist, kann weiteres daran anschließen, können in Bezug darauf Erwartungen gebildet, kann entsprechend spezialisiertes Verhalten, nämlich Sprechen, entwickelt und codiert werden. Begriffe können verschieden definiert werden, und speziell für den Kommunikationsbegriff gibt es große Zahlen recht verschiedenartiger Vorschläge (Merten a.a.O. stellt in einem Anhang 160 Definitionen des Kommunikationsbegriffs zusammen). Wir legen eine Fassung zu Grunde, die auf das abstellt, was Kommunikation erst ermöglicht, nämlich auf eine den Prozeß konstituierende, ihm Freiheit gebende Differenz.“ (Ebd., S. 211-212.)

„Kommunikation ist koordinierte Selektivität. Sie kommt nur zustande, wenn Ego seinen Eigenzustand auf Grund einer mitgeteilten Information festlegt. Kommunikation liegt auch dann vor, wenn Ego die Information für unzutreffend hält, den Wunsch, über den sie informiert, nicht erfüllen will, die Norm, auf den sie den Fall bezieht, nicht befolgen möchte. Daß Ego zwischen Information und Mitteilung unterscheiden muß, befähigt ihn zur Kritik und gegebenenfalls zur Ablehnung. Das ändert nichts daran, daß Kommunikation stattgefunden hat. Im Gegenteil: Wie oben erörtert, ist auch Ablehnung Festlegung des eigenen Zustandes auf Grund von Kommunikation. In den Kommunikationsvorgang ist mithin die Möglichkeit der Ablehnung zwingend miteingebaut.“ (Ebd., S. 212.)

„Hiervon ausgehend können wir ein Elementarereignis von Kommunikation definieren als kleinste noch negierbare Einheit. Dies ist nicht logisch gemeint, sondern kommunikationspraktisch. Jeder Satz, jedes Verlangen eröffnet viele Möglichkeiten der Negation: nicht dies, sondern das; nicht so; nicht jetzt; usw. Diese Möglichkeiten bleiben als Sinnverweisungen offen, solange Ego nicht reagiert hat. Die Mitteilung selbst ist zunächst nur eine Selektionsofferte. Erst die Reaktion schließt die Kommunikation ab, und erst an ihr kann man ablesen, was als Einheit zustandegekommen ist. Eben deshalb kann Kommunikation nicht als Handlung begriffen werden; und dies auch und gerade dann nicht, wenn man nach der letzten, nicht weiter auflösbaren Einheit fragt. Wir kommen darauf unter VIII zurück.“ (Ebd., S. 212.)

„Zunächst interessiert, daß Kommunikation nur selten als eine einzelne Einheit auftritt- als Warnruf; als Hilferuf; als Bitte, die sofort erfüllt werden kann; als Gruß; als Verständigung vor der Tür über das Problem, wer zuerst hindurchgeht; als Kauf einer Kinokarte. Einzelkommunikationen dieser Art sind oft sprachlos, oft nahezu sprachlos möglich, sind in jedem Falle aber stark kontextgebunden. Eine stärkere Ausdifferenzierung kommunikativen Geschehens erfordert die Verknüpfung einer größeren Zahl von Kommunikationseinheiten zu einem Prozeß -Prozeß hier in dem oben}O bestimmten Sinne genommen als temporale Verknüpfung einer Mehrheit selektiver Ereignisse durch wechselseitige Konditionierung. (Wir vergessen nicht, daß die Einheit der Kommunikation selbst auf einer Verknüpfung selektiver Ereignisse beruht; aber das ist eine andere Frage) Ausdifferenzierung erfordert ein Prozessieren von Kommunikation mit Zugang zu neuartigen Selbstreferenzen. Der Kommunikationsprozeß kann in sich auf sich selbst reagieren; er kann Gesagtes bei Bedarf wiederholen, ergänzen, revidieren; er läßt Rede und Gegenrede zu; er kann reflexiv werden, indem er sich selbst als Kommunikationsprozeß behandelt. Die Ausdifferenzierung und relative Kontextunabhängigkeit setzt offenbar geordnete interne Nichtbeliebigkeiten voraus, denn nur so kann sie situative Verständnisvoraussetzungen abstreifen und aus sich selbst heraus verständliche Kommunikation ermöglichen. Aber wie kann Kommunikation überhaupt Prozeß werden?“ (Ebd., S. 212-213.)

„Auch hier scheint wiederum eine besondere, funktionsspezifische Differenz als Bedingung der Möglichkeit zu fungieren, und zwar die Differenz von Themen und Beiträgen. Kommunikationszusammenhänge müssen durch Themen geordnet werden, auf die sich Beiträge zum Thema beziehen können. Themen überdauern Beiträge, sie fassen verschiedene Beiträge zu einem länger dauernden, kurzfristigen oder auch langfristigen Sinnzusammenhang zusammen. Über einige Themen kann man ewig, über andere fast endlos reden. Auch reguliert sich über Themen, wer was beitragen kannThemen diskriminieren die Beiträge und damit auch die Beiträger . So gehört zum Beispiel zu den Erforderlichkeiten geselliger Kommunikation, Themen zu wählen, zu denen alle Anwesenden etwas beitragen können: Themen, die niemanden verlocken, seine Individualität auszureizen, und jedem die Chance geben, einen hinreichend individuellen Beitrag zu leisten, in dem er selbst erkennbar wird. (Vgl. Friedrich Schleiermacher, Versuch einer Theorie des geselligen Betragens, in: Werke, Band 2, S. 1-31.)“ (Ebd., S. 213.)

„Die Differenz von Themen und Beiträgen ist als »Ebenendifferenz« noch unzureichend charakterisiert. Inhaltlich wird dadurch Negierbarkeit reguliert. Einerseits gibt es Thematisierungsschwellen, zum Beispiel im Hinblick auf Obszönitäten, religiöse Gefühle oder Bekenntnisse oder überhaupt Konfliktstoff. Andererseits ist das Akzeptieren des Themas Voraussetzung dafür, daß Beiträge mit negativen Kommentaren versehen, inhaltlich abgelehnt, korrigiert, modifiziert werden können. Die Thematisierungsschwellen können gerade deshalb hoch liegen, weil man beim Akzeptieren des Themas mit zu vielen zu negierenden Beiträgen zu rechnen hätte. Die Ebenendifferenz löst somit allzu kompakte und dann unvermeidlich persönlich treffende Negationstendenzen auf; und es ist kein Zufall, daß die Literatur in der frühen Neuzeit dies zu beachten beginnt in dem Maße, als die Einzelpersonen in den Kommunikationszusammenhängen stärker hervortreten.“ (Ebd., S. 213-214.)

„Themen haben, um Beiträge koordinieren zu können, einen sachlichen Gehalt: es mag um die Liebschaften einer Schauspielerin, um Börsenkurse und ihre Erklärung, um ein neues Buch, um die Kinder von Gastarbeitern gehen. Der Spezialisierung sind keine Grenzen gesetzt -außer solchen, die sich aus dem Interesse an Fortsetzung der Kommunikation ergeben. Themen haben aber auch einen zeitlichen Aspekt. Man kann sich an frühere Beiträge zum Thema erinnern. Themen sind alt oder neu, schon langweilig oder noch interessant, und all dies möglicherweise für verschiedene Teilnehmer in verschiedener Weise. Sie erreichen irgendwann einen Sättigungsgrad, von dem ab neue Beiträge nicht mehr zu erwarten sind. Ein altes Thema muß dann, um am Leben zu bleiben, neue Teilnehmer rekrutieren. Ein neues Thema mag dagegen für viele Teilnehmer zu neu sein, um überhaupt sinnvolle Beiträge stimulieren zu können (Die Zeitlage von Themen hat vor allem durch die modernen Medien der Massenkommunikation weitreichende, wenn nicht ausschlaggebende, die Themenwahl bestimmende Bedeutung gewonnen.).“ (Ebd., S. 214-215.)

„Schließlich ist, wie das Beispiel »Geselligkeit« schon angedeutet hat, auch der soziale Aspekt der Themenwahl von Bedeutung. Damit ist nicht nur Kongenialität gemeint; nicht nur, daß die Themen den Teilnehmer und ihren Beitragsmöglichkeiten mehr oder weniger entgegenkommen. Vornehmlich aktualisiert sich die Sozialdimension darin, daß Kommunikationen als sichtbares Handeln die Teilnehmer mehr oder weniger binden. Das heißt: daß sie mit Kommunikationen auch etwas über sich selbst aussagen, über ihre Meinungen, ihre Einstellungen, ihre Erfahrungen, ihre Wünsche, ihre Urteilsreife, ihre Interessen. Kommunikation dient auch dem Sichpräsentieren, dem Sichkennenlernen; und sie kann dann im Effekt dazu führen, daß man in eine Form gezwungen wird und daß man schließlich das zu sein hat, als was man in der Kommunikation erschienen war: Der Verführer muß schließlich lieben. (Ein beliebtes Romanthema. .... Entsprechende Zeitverschiebungen werden auch in der empirischen Forschung festgestellt: Der Mann liebt zuerst und romantisch, die Frau etwas später und dann wirklich.)“ (Ebd., S. 215.)

„Dieser Bindungseffekt tritt verschärft auf, wenn die Kommunika- , tionsthemen moralische Obertöne annehmen oder gar Moralthe- I men sind. Die Moral regelt die Bedingungen wechselseitiger Ach- i tung bzw. Mißachtung. (So jedenfalls ein soziologischer Moralbegriff.) Mit Themen, die sich zur Moralisierung von Kommunikation eignen, kann man daher Achtung provozieren; man kann sich selbst als achtungswürdig vorführen und anderen den Widerspruch schwermachen; man kann testen, ob jemand Achtung verdient; man kann versuchen, andere im Netz der Ach- I tungsbedingungen zu fangen, um sie dann im Netz abzuschleppen; I man kann aber auch andere"zu moralischen Selbstbindungen verführen, um sie dann damit im Stich zu lassen; man kann Moralisierungen auch benutzen, um zu zeigen, daß man auf die Achtung bestimmter Partner keinen Wert legt. Je nachdem, wieviel Freiheit im Umgang mit Moral die Gesellschaft ermöglicht (*), kann Moral eher Durkheimsch zur Solidaritätsverstärkung dienen oder Kritik, Distanzgewinne und Konflikte akzentuieren. (* Dies ist zum Teil (und für das bürgerliche Denken primär) eine Frage der Differenzierung von Moral und Recht; zum Teil aber auch eine Frage der sozialen Mobilität, der Leichtigkeit und relativen Folgenlosigkeit von Kontaktabbrüchen.)“ (Ebd., S. 215-216.)

„Themen dienen also als sachlich-zeitlich-soziale Strukturen des Kommunikationsprozesses, und sie fungieren dabei als Generalisierungen insofern, als sie nicht festlegen, welche Beiträge wann, in welcher Reihenfolge und durch wen erbracht werden. Auf der Ebene von Themen lassen sich deshalb Sinnbezüge aktualisieren, die an der Einzelkommunikation kaum sichtbar zu machen wären. Deshalb ist Kommunikation schließlich typisch, wenngleich nicht notwendig, ein durch Themen gesteuerter Prozeß. Zugleich sind Themen Reduktionen der durch Sprache eröffneten Komplexität. Die bloße Sprachrichtigkeit der Formulierungen besagt nicht genug. Erst an Hand von Themen kann man die Richtigkeit eigenen und fremden kommunikativen Verhaltens im Sinne eines Zum-Thema-Passens kontrollieren. Insofern sind Themen gleichsam die Handlungsprogramme der Sprache. Wenn es dann nur noch um die beste Art geht, Mäuse in Mausefallen zu fangen, kann man immer noch eine ganze Menge beitragen, aber nicht mehr Beliebiges; und man ist durch das Thema genug vororientiert, um seine Beiträge rasch wählen und das Passen der Beiträge anderer kontrollieren zu können; man kann an Hand der Qualen, die die Mäuse erleiden, die moralische Sensibilität der Teilnehmer testen und das Thema wechseln, wenn man den Eindruck hat, daß es für einen selbst und für die übrigen Teilnehmer erschöpft ist.“ (Ebd., S. 216.)

„Themen sind ablehnbar, Beiträge sind ablehnbar. Darüber hinaus muß man bei aller Kommunikation mit einer mehr oder weniger großen Verlustquote rechnen, mit Unverständlichkeiten, mit Ausschußproduktion. Dies sind jedoch tragbare Schwierigkeiten, nur Restbestände einer viel tieferliegenden Problematik. Wir müssen, nachdem wir skizziert haben, wie Kommunikation funktioniert, nun sehr viel radikaler fragen, wie dieses Normalfunktionieren überhaupt möglich ist.“ (Ebd., S. 216-217.)

„Gesehen im Kontext evolutionärer Errungenschaften muß kommunikativer Erfolg als zunächst äußerst unwahrscheinlich gelten4I. Kommunikation setzt für sich bestehende Lebewesen mit je eigener Umwelt und je eigenem Informationsverarbeitungsapparat voraus. jedes Lebewesen sichtet und bearbeitet, was es wahrnimmt, für sich. Wie ist unter solchen Umständen Kommunikation, das heißt koordinierte Selektivität, überhaupt möglich? Diese Frage wird durch unsere Erweiterung des Kommunikationsbegriffs von zweistelliger auf dreisteilige Selektion noch verstärkt. Es geht nicht nur darum, daß Lebewesen sich aufeinander abstimmen; es geht nicht nur um einfache Kopplung ihres Verhaltens wie beim Tanz. Sie müssen Abstimmung suchen und finden im Hinblick auf Weltsachverhalte, die kontingent, also auch anders möglich sind. Wenn schon die Überwindung der doppelten Kontingenz unsicher ist, wie kann dann diese Unsicherheit eingesetzt werden, um Sicherheit über unsichere Weltsachverhalte zu gewinnen? Wie ist, anders gefragt, Kommunikation als Informationsverarbeitung überhaupt möglich?“ (Ebd., S. 217.)

„Fragt man genauer nach, stößt man auf eine Mehrzahl von Problemen, ein Mehrzahl von Hindernissen, die die Kommunikation überwinden muß, damit sie überhaupt zustandekommen kann.“ (Ebd., S. 217.)

„Versetzt man sich auf den Nullpunkt der Evolution zurück, so ist zunächst unwahrscheinlich, daß Ego überhaupt versteht, was Alter meint- gegeben die Trennung und Individualisierung ihrer Körper und ihres Bewußtseins. Sinn kann nur kontextgebunden verstanden werden, und als Kontext fungiert für jeden zunächst einmal das, was sein eigenes Wahrnehmungsfeld und sein eigenes Gedächtnis bereitstellt. Ferner schließt, wie oben schon beiläufig festgehalten, Verstehen immer auch Mißverstehen ein, und die Mißverstehenskomponente wird, wenn man sich nicht auf zusätzliche Voraussetzungen stützen kann, so hoch sein, daß eine Weiterführung der Kommunikation unwahrscheinlich wird. (Das Problem wiederholt sich in jeder Anspruchslage der Kommunikation, nicht zuletzt in den Theoriediskussionen der Soziologie. )“ (Ebd., S. 217-218.)

„Die zweite Unwahrscheinlichkeit bezieht sich auf das Erreichen von Adressaten. Es ist unwahrscheinlich, daß eine Kommunikation mehr Personen erreicht, als in einer konkreten Situation anwesend sind; und diese Unwahrscheinlichkeit wächst, wenn man zusätzlich die Anforderung stellt, daß die Kommunikation unverändert weitergegeben wird. Das Problem liegt in der räumlichen und in der zeitlichen Extension. Das Interaktionssystem der jeweils Anwesenden garantiert in praktisch ausreichendem Maße Aufmerksamkeit für Kommunikation. Über die Grenzen des Interaktionssystems hinaus können die hier geltenden Regeln jedoch nicht erzwungen werden. Selbst wenn die Kommunikation transportable und zeitbeständige Sinnträger findet, wird es jenseits von Interaktionsgrenzen unwahrscheinlich, daß sie überhaupt Aufmerksamkeit findet. Anderswo haben Leute etwas anderes zu tun.“ (Ebd., S. 218.)

„Die dritte Unwahrscheinlichkeit ist die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs. Selbst wenn eine Kommunikation von dem, den sie erreicht, verstanden wird, ist damit noch nicht gesichert, daß sie auch angenommen und befolgt wird. Im Gegenteil: »Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn«. Erfolg hat die Kommunikation nur, wenn Ego den selektiven Inhalt der Kommunikation (die Information) als Prämisse eigenen Verhaltens übernimmt. Annehmen kann bedeuten: Handeln nach entsprechenden Direktiven, aber auch Erleben, Denken, weitere Informationen Verarbeiten unter der Voraussetzung, daß eine bestimmte Information zutrifft. Kommunikativer Erfolg ist: gelungene Kopplung von Selektionen.“ (Ebd., S. 218.)

„Diese drei Unwahrscheinlichkeiten sind nicht nur Hindemisse für das Ankommen einer Kommunikation, nicht nur Schwierigkeiten der Zielerreichung, sie wirken zugleich als Schwellen der Entmutigung. Wer eine Kommunikation für aussichtslos hält, unterläßt sie. Man muß daher zunächst erwarten, daß Kommunikation überhaupt nicht vorkommt oder, wenn sie vorkommt, durch Evolution rwieder eliminiert wird. Ohne Kommunikation können sich jedoch keine sozialen Systeme bilden. Man müßte also Entropie erwarten, aber das Gegenteil trifft zu. Das Unwahrscheinlichkeitstheorem ist damit nicht widerlegt, es zeigt um so präziser an, wo die Probleme liegen, deren Lösung im Laufe der Evolution Kommunikation ermöglicht, Systembildung in Gang setzt, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches transformiert. Die immanenten Unwahrscheinlichkeiten des Kommunikationsprozesses und die Art, wie sie überwunden und in Wahrscheinlichkeiten transformiert werden, regeln zugleich den Aufbau sozialer Systeme. Man hat den Prozeß soziokultureller Evolution zu begreifen als Umformung und Erweiterung der Chancen für aussichtsreiche Kommunikation, als Konsolidierung von Erwartungen, um die herum die Gesellschaft dann ihre sozialen Systeme bildet; und es liegt auf der Hand, daß dies nicht einfach ein Wachstumsprozeß ist, sondern ein selektiver Prozeß, der bestimmt, welche Arten sozialer Systeme möglich werden, wie Gesellschaft sich gegen bloße Interaktion absetzt und was als zu unwahrscheinlich ausgeschlossen wird.“ (Ebd., S. 218-219.)

„Man erkennt eine Art von Struktur in dieser evolution ären Selektion, wenn man sieht, daß jene Unwahrscheinlichkeiten sich nicht einfach nach und nach abarbeiten und Stück für Stück in ausreichende Wahrscheinlichkeit transformieren lassen. Sie verstärken und limitieren sich vielmehr wechselseitig. So bietet die Geschichte Ider soziokulturellen, auf Kommunikation gegründeten Evolution denn auch nicht das Bild eines zielstrebigen Fortschritts zu immer besserer Verständigung. Eher könnte man sie als eine Art hydraulisches Geschehen der Repression und Verteilung von Problemdruck begreifen. Wenn eines der Probleme gelöst ist, wird die Lösung der anderen um so unwahrscheinlicher. Die unterdrückte Unwahrscheinlichkeit weicht sozusagen in die anderen Probleme aus. Wenn Ego eine Kommunikation richtig versteht, hat er um so mehr Gründe, sie abzulehnen. Wenn die Kommunikation den Kreis der Anwesenden überschreitet, wird das Verstehen schwieriger und das Ablehnen leichter; es fehlt die Deutungshilfe und der Annahmedruck der konkreten Interaktion. Diese Probleminterdependenz wirkt ihrerseits selektivauf das, was als Kommunikation durchkommt und sich bewährt. Sobald alphabetisierte Schrift es ermöglicht, Kommunikationen über den zeitlich und räumlich begrenzten Kreis der Anwesenden hinauszutragen, kann man sich nicht mehr auf die mitreißende Kraft mündlicher Vortragsweise verlassen; man muß stärker von der Sache selbst her argumentieren. Dem scheint die »Philosophie« ihren Ursprung zu verdanken. Sie ist »sophia« als das Geschick, das erforderlich ist, um in einer so angespannten Lage doch noch ernsthafte, bewahrenswerte und, auf die Reichweite des Alphabets bezogen, universelle Kommunikation zu ermöglichen.“ (Ebd., S. 219-220.)

„Diejenigen evolutionären Errungenschaften, die an jenen Bruchstellen der Kommunikation ansetzen und funktionsgenau dazu dienen, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches zu transfortnieren, wollen wir Medien nennen. (Wie häufig, wenn eine umfassendere Theorie Teilstücke aus der bisherigen Forschung zusammenschließt, treten auch hier Terminologieprobleme auf. Der Ausdruck Medien« ist vor allem in der Forschung über Massenkommunikation geläufig und in dieser Verwendung popularisiert worden. Daneben gibt es den spiritualistischen Gebrauch, bezogen auf Kommunikation mit ungewöhnlichen Partnern, ferner den Gebrauch innerhalb der Parsons'schen Theorie, bezogen auf Tauschvermittlung. Wir schlagen im Text eine eigenwillige, rein funktionale Neufassung vor.) In Entsprechung zu den drei Arten der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation muß man drei verschiedene Medien unterscheiden, die einander wechselseitig ermöglichen, limitieren und mit Folgeproblemen belasten. Das Medium, das das Verstehen von Kommunikation weit über das Wahrnehmbare hinaus steigert, ist die Sprache. Sprache ist ein Medium, das sich durch Zeichengebrauch auszeichnet. Sie benutzt akustische bzw. optische Zeichen für Sinn. (Hiervon ist die oben S. 137 behandelte Funktion der Sprache für die Generalisierung der Selbstreferenz von Sinn zu unterscheiden, wenngleich in der Evolution beides nur zusammen entstehen kann. [Vgl. S. 217-218. Nach meinem gut begründeten Dafürhalten ist Sprache unzweifelhaft ein System! HB.]) Das führt in Komplexitätsprobleme, die durch Regeln für den Zeichengebrauch, durch Reduktion der Komplexität, durch Eingewöhnung einer begrenzten Kombinatorik gelöst werden. Der Grundvorgang bleibt jedoch die Regulierung der Differenz von Mitteilungsverhalten und Information. Als Zeichen gefaßt, kann diese Differenz der Kommunikation von Alter und Ego zu Grunde gelegt werden, und beide können durch gleichsinnigen Zeichengebrauch in der Meinung bestärkt werden, dasselbe zu meinen. Es handelt sich demnach um eine ganz spezielle Technik mit der Funktion, das Repertoire verständlicher Kommunikation ins praktisch Unendliche auszuweiten und damit sicherzustellen, daß nahezu beliebige Ereignisse als Information erscheinen und bearbeitet werden können. Die Bedeutung dieser Zeichentechnik ist kaum zu überschätzen. Sie beruht jedoch auf funktionaler Spezifikation. Man muß deshalb auch ihre Grenzen sehen. Weder ist Sinn als solcher ein Zeichen noch erklärt die Zeichentechnik der Sprache, welche Selektion von Zeichen im Kommunikationsprozeß Erfolg hat.“ (Ebd., S. 220-221.)

„Auf Grund von Sprache haben sich Verbreitungsmedien, nämlich Schrift, Druck und Funk entwickeln lassen. Sie beruhen auf einer inkongruenten Dekomposition und Rekombination von sprachlich nicht weiter auflösbaren Einheiten. (Dies gilt ganz besonders für die Perfektion der Schrift durch das Alphabet) Erreicht wird damit eine immense Ausdehnung der Reichweite des Kommunikationsprozesses, die ihrerseits zurückwirkt auf das, was sich als Inhalt der Kommunikation bewährt. Die Verbreitungsmedien seligieren durch ihre eigene Technik, sie schaffen eigene Erhaltungs-, Vergleichs- und Verbesserungsmöglichkeiten, die aber jeweils nur auf Grund von Standardisierungen benutzt werdenkönnen. Dadurch wird, verglichen mit mündlicher, interaktions- und gedächtnisgebundener Überlieferung, immens ausgeweitet und zugleich eingeschränkt, welche Kommunikation als Grundlage für weitere Kommunikationen dienen kann.“ (Ebd., S. 221.)

„Mit all diesen Entwicklungen von Sprach- und Verbreitungstechnik wird erst recht zweifelhaft, welche Kommunikation überhaupt Erfolg haben, das heißt zur Annahme motivieren kann. Bis weit in die Neuzeit hinein hat man auf gesteigerte Unwahrscheinlichkeit mit forcierten Bemühungen um eine Art Persuasivtechnik reagiert, so um Eloquenz als Erziehungsziel, um Rhetorik als besondere Kunstlehre, um Disputation als Konflikt- und Durchsetzungskunst. Selbst die Erfindung des Buchdrucks hat diese Bemühungen nicht obsolet werden lassen, sondern eher noch verstärkt. Der Erfolg lag jedoch nicht in dieser eher konservativen Richtung, sondern in der Entwicklung von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, die funktionsgenau auf dieses Problem bezogen sind.“ (Ebd., S. 221-222.)

„Als symbolisch generalisiert wollen wir Medien bezeichnen, die Generalisierungen verwenden, um den Zusammenhang von Selektion und Motivation zu symbolisieren, das heißt: als Einheit darzustellen. Wichtige Beispiele sind: Wahrheit, Liebe, Eigentum/Geld, Macht/Recht; in Ansätzen auch religiöser Glaube, Kunst und heute vielleicht zivilisatorisch standardisierte »Grundwerte«. Auf sehr verschiedene Weise und für sehr verschiedene Interaktionskonstellationen geht es in all diesen Fällen darum, die Selektion der Kommunikation so zu konditionieren, daß sie zugleich als Motivationsmittel wirken, also die Befolgung des Selektionsvorschlages hinreichend sicherstellen kann. Die erfolgreichste/folgenreichste Kommunikation wird in der heutigen Gesellschaft über solche Kommunikationsmedien abgewickelt, und entsprechend werden die Chancen zur Bildung sozialer Systeme auf die entsprechenden Funktionen hindirigiert. Die weitere Erörterung muß der Gesellschaftstheorie überlassen bleiben. Die allgemeine Theorie sozialer Systeme und ihrer kommunikativen Prozesse kann aber dazu dienen, auf den hochselektiven Charakter dieser funktional privilegierten Kommunikationsweisen aufmerksam zu machen.“ (Ebd., S. 222.)

„Sprache, Verbreitungsmedien und symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind mithin evolutionäre Errungenschaften, die, in Abhängigkeit voneinander, die Informationsverarbeitungsleistungen begründen und steigern, die durch soziale Kommunikation erbracht werden können. Auf diese Weise produziert und reproduziert sich Gesellschaft als soziales System. Wenn einmal Kommunikation in Gang gebracht und in Gang gehalten worden ist, ist die Bildung eines sie begrenzenden Sozialsystems unvermeidlich; und aus der Entwicklung sozialer Systeme ergeben sich diejenigen Stützbedingungen, die es ermöglichen, in Bezug auf an sich Unwahrscheinliches Erwartungen zu bilden und das Unwahrscheinliche damit ins hinreichend Wahrscheinliche zu transformieren. Auf der Ebene sozialer Systeme ist dies ein streng autopoietischer Prozeß, der das selbst produziert, was ihn ermöglicht.“ (Ebd., S. 222-223.)

„Die Entwicklung dieser Medien betrifft nicht nur ein äußeres »Mehr« an Kommunikation, sie verändert auch die Art und Weise der Kommunikation selbst. Man kann den Ansatzpunkt der Veränderung fassen, wenn man bedenkt, daß Ko!Ilmunikation die Erfah,rung der Differenz von Mitteilung und Information voraussetzt. Diese Differenzerfahrung ist nicht unbedingt als eindeutiges Faktum gegeben, sie kann mehr oder weniger deutlich vorliegen. Nur SO- ist eine allmähliche Evolution in Richtung auf Ausdifferenzierung spezifisch kommunikativer (sozialer) Systeme möglich. An diesem Ansatzpunkt wirken die Medien auf die sozio-kulturelle Evolution ein. Mündliches Sprechen in Interaktion unter Anwesenden und die spätere Hochstilisierung dieses Sprechens zum oratorisch gewandten Reden setzen zwar einen Gegenstand der Rede voraus (und, wie man in den Rhetorik-Schulen lehrt: Sachkunde in Bezug auf diesen Gegenstand), aber sie können Mitteilung und Rede zur Wirkungseinheit verschmelzen, können Mangel an Information durch mitreißende Rede ausgleichen, können Sprechen und Hören und Annehmen rhythmisch-rhapsodisch synchronisieren, buchstäblich keine Zeit lassend für Zweifel. Erst die Schrift erzwingt eine eindeutige Differenz von Mitteilung und Information, und der Buchdruck verstärkt dann nochmals den Verdacht, der sich aus der Sonderanfertigung der Mitteilung ergibt: daß sie eigenen Motiven folgt und nicht nur Dienerin der Information ist. Erst Schrift und Buchdruck legen es nahe, Kommunikationsprozesse anzuschließen, die nicht auf die Einheit von Mitteilung und Infor- J mation, sondern gerade auf ihre Differenz reagieren: Prozesse der Wahrheitskontrolle, Prozesse der Artikulation eines Verdachtes mit anschließender Universalisierung des Verdachts in psychoanalytischer und/oder ideologischer Richtung.“ (Ebd., S. 223-224.)

„Schrift und Buchdruck erzwingen also die Erfahrung der Differenz, die Kommunikation konstituiert: Sie sind in diesem genauen Sinne kommunikativere Formen der Kommunikation, und sie veranlassen damit Reaktion von Kommunikation auf Kommunikation in einem sehr viel spezifischeren Sinne, als dies in der Form mündlicher Wechselrede möglich ist. (Die übliche Auffassung denkt genau umgekehrt, weil sie Kommunikation teleologisch interpretiert als angelegt auf Übereinstimmung. Dann muß natürlich mündliche Wechselrede [Dialog, Diskurs] als Idealform erscheinen und alle Technisierung der Kommunikation durch Schrift und Druck als Verfallserscheinung oder als Notbehelf.) In diesen Überlegungsgang muß schließlich die Differenz von Themen und Beiträgen wiedereingeführt werden, die wir im vorigen Abschnitt vorgestellt haben. Sie ist Voraussetzung dafür, daß elementare Kommunikationsereignisse sich überhaupt zu Prozessen mit geordneter, ausdifferenzierter Selektivität formieren. Die gesellschaftliche Reproduktion von Kommunikation muß danach über die Reproduktion von Themen laufen, die ihre Beiträge dann gewissermaßen selbst organisieren. Die Themen werden nicht jeweils fallweise neu geschaffen, sind aber andererseits auch nicht durch die Sprache, etwa als Wortschatz, in ausreichender Prägnanz vorgegeben, (denn die Sprache behandelt alle Wörter gleich und disponiert noch nicht über die Themafähigkeit in kommunikativen Prozessen). Es wird demnach ein dazwischenliegendes, Interaktion und Sprache vermittelndes Erfordernis geben- eine Art Vorrat möglicher Themen, die für rasche und rasch verständliche Aufnahme in konkreten kommunikativen Prozessen bereitstehen. Wir nennen diesen Themenvorrat Kultur (*) und, wenn er eigens für Kommunikationszwecke aufbewahrt wird, Semantik. Ernsthafte, bewahrenswerte Semantik ist mithin ein Teil der Kultur, nämlich das, was uns die Begriffs- und Ideengeschichte überliefert. (* Auf eine Diskussion dieses Kulturbegriffs im Vergleich zu anderen können wir uns an dieser Stelle nicht einlassen. Der terminologische Vorschlag im Text entfernt sich nicht allzu weit vom üblichen Sprachgebrauch. Archäologen würden gewiß auch Mausefallen selbst als Kultur ansehen, wir dagegen nur die im Objekt reproduzierte Möglichkeit, sie zum Gegenstand von Kommunikation zu machen.) Kultur ist kein notwendig normativer Sinngehalt, wohl aber eine Sinnfestlegung (Reduktion), die es ermöglicht, in themenbezogener Kommunikation passende und nichtpassende Beiträge oder auch korrekten bzw. inkorrekten Themengebrauch zu unterscheiden.“ (Ebd., S. 224-225.)

„Diese terminologische Vereinfachung einer komplexen theoretischen Ableitung ermöglicht es, Fragestellungen zu formulieren, die es mit dem Verhältnis von Kultur (bzw. enger: Semantik) und Systemstrukturen in der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun haben. Um hierbei zu historisch verwertbaren Aussagen zu kommen, müßte der Hypothesenapparat jedoch sehr viel stärker angereichert werden, als dies auf der Ebene einer allgemeinen Theorie sozialer Systeme möglich ist. Es muß uns hier genügen, die Ausgangspunkte zu markieren.“ (Ebd., S. 225.)

„Am Anfang dieses Kapitels hatten wir die Frage aufgeworfen, was eigentlich letztes, für soziale Systeme nicht weiter auflösbares EIement für Relationierungen ist: Handlung oder Kommunikation? Zu dieser Frage kehren wir jetzt zurück. Wir werden versuchen, sie durch eine Klärung des Verhältnisses von Kommunikation und . Handlung zu beantworten, und wir werden dabei zugleich zu klären versuchen, wie die Elemente sozialer Systeme konstituiert werden.“ (Ebd., S. 225.)

„Als Ausgangspunkt ist festzuhalten, daß Kommunikation nicht als Handlung und der Kommunikationsprozeß nicht als Kette von Handlungen begriffen werden kann. Die Kommunikation bezieht mehr selektive Ereignisse in ihre Einheit ein als nur den Akt der Mitteilung. Man kann den Kommunikationsprozeß deshalb nicht voll erfassen, wenn man nicht mehr sieht als die Mitteilungen, von denen eine die andere auslöst. In die Kommunikation geht immer auch die Selektivität des Mitgeteilten, der Information, und die Selektivität des Verstehens ein, und gerade die Differenzen, die diese Einheit ermöglichen, machen das Wesen der Kommunikation aus.“ (Ebd., S. 225-226.)

„Hinzukommt, daß in sozialen Systemen, die durch Kommunikation gebildet werden, nur Kommunikation als Mittel der Auflösung von Elementen zur Verfügung steht. Man kann Aussagen analysieren, in zeitliche, sachliche und soziale Sinnbezüge weiterverfolgen, kann im Detail immer kleinere Sinneinheiten bilden bis in die endlose Tiefe des Innenhorizontes hinein -aber all dies immer nur durch Kommunikation, also in sehr zeitaufwendiger und sozial anspruchsvoller Weise. Dem sozialen System steht keine andere Weise der Zerlegung zur Verfügung, es kann nicht auf chemische, nicht auf neurophysiologische, nicht auf mentale Prozesse zurückgreifen (obwohl all diese existieren und mitwirken). Anders gesagt: die Konstitutionsebene der Kommunikation kann nicht unterschritten werden, sie steht für ein je nach Bedarf immer weiter zu treibendes Auflösen zur Verfügung, aber sie kann die Form ihrer Einheitsbildung, das Verschmelzen von Information, Mitteilung , und Verstehen nicht aufgeben, ohne ihre Operation zu beenden. Und daraus ergibt sich auch, daß die sozialen Systeme, die durch Kommunikation als Kommunikationssysteme gebildet werden, regulieren, in welche Richtung und wie weit Kommunikation getrieben werden kann, ohne langweilig zu werden!'. Es gibt mithin einen eigenen Kommunikationshorizont, der ein Fortschreiten ermöglicht, aber nie erreicht wird und schließlich die Kommunikation abbremst und stoppt, wenn sie zu weit geht.“ (Ebd., S. 226.)

„Die wichtigste Konsequenz dieser Analyse ist: daß Kammunikation nicht direkt beabachtet, sandern nur erschlossen werden kann. (ier dürfte denn auch der Grund dafür liegen, daß Soziologen lieber vom Handlungsbegriff als vom Kommunikationsbegriff ausgehen.) Um beobachtet werden oder um sich selbst beobachten zu können, muß ein Kommunikationssystem deshalb als Handlungssystem ausgeflaggt werden. Auch die mitlaufende Selbstkontrolle, von der wir oben gesprochen hatten, funktioniert nur, wenn man am Anschlußhandeln ablesen kann, ob man verstanden worden ist oder nicht.“ (Ebd., S. 226.)

„Außerdem ist Kommunikation, wenn man nicht schon Handlung hineiliest, ein symmetrsiches Verhältnis mehrerer Selektionen. Auch das wird durch die Übertragungsmetaphorik verdeckt. Kommunikation ist symmetrisch insofern, als jede Selektion die anderen führen kann und die Führungsverhältnisse laufend umgekehrt werden können. Mal liegt der Engpaß und der Schwerpunkt in dem, was verstanden werden kann; dann wieder sind neue Inforamtionen vordringlich wichtig, und bald darauf schlägt das Mitteilungsbedürfnis als solche durch. Es gibt also keine ein für allemal festliegende Richtung der Selektinsverstärkung. Die Verhältnisse sind reversibel und insofern hochgradig anpssungsfähig. Erst durch Einbau eines Handlungsverstäündnisses in das kommunikative Geschehen wird die Kommunikkation asymmetrisiert, erst dadurch erhält sie eine Richtung vom Mitteilenden auf den Mitteilungsempfänger, die nur dadurch umgekehrtwerden kann, daß der Mitteilungsempfänger seinerseits etwas mitzuteilen, also zu handeln beginnt.“ (Ebd., S. 227.)

„Entsprechend der Unterscheidung von Information und Mitteilung wird Handeln in zwei verschiedenen Kontexten sozial konstituiert: als Information bzw. als Thema einer Kommunikation oder als Mitteilungshandeln. Es gibt, anders gesagt, sehr wohl nichtkommunikatives Handeln, über das die Kommunikation sich nur informiert. Auch dessen soziale Relevanz wird jedoch durch Kommunikation vermittelt. kommunikationssystemen steht es frei, über Handlungen oder über etwas anderes zu kommunizieren; sie müssen jedoch das Mitteilen selbst als Handeln auffassen, und nur in diesem Sinne wird Handeln zur notwendigen Komponente der Selbstreproduktion des Systems von Moment zu Moment. Deshalb ist es nie falsch, wohl aber einseitig, wenn ein Kommunikationssystem sich selbst als Handlungssystem auffaßt. Erst durch Handlung wird Kommunikation als einfaches Ereignis an einem Zeitpunkt fiixiert.“ (Ebd., S. 227.)

„Auf der Basis des Grundgeschehens Kommunikation und mit ihren operativen Mitteln konstituiert sich ein soziales System demnach als Handlungssystem. Es fertigt in sich selbst eine Beschreibung von sich selbst an, um den Fortgang der Prozesse, die Reproduktion des Systems zu steuern. Für Zwecke der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung wird die Symmetrie der Kommunikation asymmetrisiert, wird ihre offene Anregbarkeit durch Verantwortlichkeit für Folgen reduziert. Und in dieser verkürzten, vereinfachten, dadurch leichter faßlichen Selbstbeschreibung dient Handlung, nicht Kommunikation, als Letztelement.“ (Ebd., S. 227-228.)

„Handlungen werden durch Zurechnungsprozesse konstituiert. Sie kommen dadurch zustande, daß Selektionen, aus welchen Gründen, in welchen Kontexten und mit Hilfe welcher Semantiken (»Absicht«, »Motiv«, »Interesse«) immer, auf Systeme zugerechnet werden. (Für die »Interesse«-Terminologie hat zumindest die historische Forschung gezeigt, daß sie nicht aus Interesse am Subjektiven, sondern aus Interesse an objektiver Berechenbarkeit entwickelt worden ist.) Daß dieser Handlungsbegriff keine ausreichende Kausalerklärung des Handeins vermittelt, schon weil er Psychisches außer Acht läßt, liegt auf der Hand. (Wir reagieren damit theoriegeschichtlich natürlich auf die Problematik, die in Max Webers Absicht liegt, Handeln durch Verstehen der Intentionen zu erklären.) Es kommt in der hier gewählten Begriffsbildung darauf an, daß Selektionen auf Systeme, nicht auf deren Umwelten, bezogen werden und daß auf dieser Grundlage Adressaten für weitere Kommunikation, Anschlußpunkte für weiteres Handeln festgelegt werden, was immer als Grund dafür dient.“ (Ebd., S. 228.)

„Was eine Einzelhandlung ist, läßt sich deshalb nur auf Grund einer sozialen Beschreibung ermitteln. Das heißt nicht, daß Handeln nur in sozialen Situationen möglich wäre; aber in Einzelsituationen hebt sich eine Einzelhandlung aus dem Verhaltensfluß nur heraus, wenn sie sich an eine soziale Beschreibung erinnert. Nur so findet die Handlung ihre Einheit, ihren Anfang und ihr Ende, obwohl die Autopoiesis des Lebens, des Bewußtseins und der sozialen Kommunikation weiterläuft. Die Einheit kann, mit anderen Worten, nur im System gefunden werden. Sie ergibt sich aus Abzweigmöglichkeiten für anderes Handeln.“ (Ebd., S. 228-229.)

„Schon daran läßt sich erkennen, daß alle Feststellung von Handlung eine Vereinfachung, eine Reduktion von Komplexität erfordert. Noch deutlicher wird dies, wenn man ein geläufiges Vorurteil beachtet, das auch Soziologen, obwohl sie es besser wissen könnten, oft mitvollziehen. Es besteht in der Zurechnung des HandeIns auf konkrete Einzelmenschen - so als ob als »Agent« der Handlung immer ein Mensch und immer ein ganzer Mensch erforderlich sei. Daß es physische, chemische, thermische, organische, psychische Bedingungen der Möglichkeit von Handlung gibt, versteht sich von selbst, aber daraus folgt nicht, daß Handeln nur auf konkrete Einzelmenschen zugerechnet werden kann. Faktisch ist denn auch eine Handlung nie voll durch die Vergangenheit des Einzelmenschen determiniert. Zahlreiche Untersuchungen haben die Grenzen der Möglichkeit psychologischer Handlungserklärung aufgedeckt. Zumeist dominiert - und dies gerade nach dem Selbstverständnis des psychischen Systems! - die Situation die Handlungsauswahl. Beobachter können das Handeln sehr oft besser auf Grund von Situationskenntnis als auf Grund von Personkenntnis voraussehen, und entsprechend gilt ihre Beobachtung von Handlungen oft, wenn nicht überwiegend, gar nicht dem Mentalzustand des Handelnden, sondern dem Mitvollzug der autopoietischen Reproduktion des sozialen Systems. Und trotzdem wird alltagsweltlich Handeln auf Individuen zugerechnet. Ein so stark unrealistisches Verhalten kann nur mit einem Bedarf für Reduktion von Komplexität erklärt werden.“ (Ebd., S. 229.)

„Am besten läßt sich die laufende Herstellung von Einzelhandlungen in sozialen Systemen begreifen als Vollzug einer mitlaufenden Selbstbeobachtung, durch die elementare Einheiten so markiert werden, daß sich Abstützpunkte für Anschlußhandlungen ergeben. Legt man die Logik der Form bildenden Operationen von George Spencer-Brown zu Grunde, dann kann man die hier getroffenen Theorieentscheidungen mit Hilfe der Begriffe distinction, indication und re-entry erläutern und auf einem sehr abstrakten logischen Niveau anschlußfähig explizieren. Die bei der Konstitution von Handlungen verwendete Unterscheidung ist die von System und Umwelt, innerhalb dieser Unterscheidung wird das System als Urheber der Selektion bezeichnet (und nicht die Umwelt), und Unterscheidung wie Bezeichnung werden als Operationen des Systems selbst (und nicht nur: eines externen Beobachters) vollzogen oder ihm zumindest als vollziehbar zugemutet. Auf diese Weise lassen sich Theorien und Forschungen recht heterogenen Ursprungs wie Logik der Form bildenden Operationen, Handlungstheorie, Systemtheorie und Attributionsforschung verknüpfen. Die Konsequenz ist, daß mindestens für soziale Systeme sich autopoietische Reproduktion und Operationen der Selbstbeschreibung und Selbstbeobachtung, die die System/Umwelt-Differenz im System selbst verwenden, nicht trennen lassen. Die Unterscheidung behält ihren analytischen Wert - aber nur, um die Hypothese zu ermöglichen, daß soziale Systeme ihre Selbstreproduktion nur mit Hilfe von Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibungen durchführen können.“ (Ebd., S. 229-230.)

„Zusätzlich ist das Moment der Temporalisierung im Auge zu behalten. Wie von allen Elementen in temporalisierten Systemen gefordert, kombinieren Handlungen Bestimmtheit und Unbestimmtheit. (Anders optiert für die allgemeine Theorie autopoietischer Systeme ihr Autor: Humberto Maturana.) Sie sind in ihrer momentanen Aktualität bestimmt, was immer man als Zurechnungsgrund dafür verantwortlich macht; und sie sind unbestimmt in Bezug auf das, was sie als Anschlußwert in sich aufnehmen. Dies kann zum Beispiel als Differenz von vorgestelltem und erreichtem Ziel aufgefaßt werden. Auch andere semantische Formen, die den Sinn von Handeln traditionsfähig machen, müssen aber mindestens dies leisten: Bestimmtheit und Unbestimmtheit im M oment zu kombinieren und sie nicht als Gegenwart und Zukunft auseinanderfallen zu lassen.“ (Ebd., S. 230-231.)

„Der gleiche Sachverhalt ist in der Sozialdimension erkennbar. Wenn eine Kommunikation als Mitteilungshandlung erscheint, ist sie im Moment für alle Beteiligten dieselbe und zwar gleichzeitig dieselbe. (Dies gilt nicht mehr [und muß daher durch Verstärkung der Deutlichkeit, z. B. der grammatischen und syntaktischen Richtigkeit kompensiert werden], wenn die Kommunikation nur schriftlich fixiert wird..) Dadurch wird die soziale Situation synchronisiert. Auch der Handelnde selbst ist in diese Synchronisation einbezogen; er kann zum Beispiel nicht mehr bestreiten, daß er gesagt hat, was er gesagthat. Alle haben es im Moment mit dem gleichen Objekt zu tun, und daraus ergibt sich eine Multiplikation der Anschlußmöglichkeiten für den nächsten Moment. Die Schließung öffnet die Situation, die Bestimmung stellt Unbestimmtheit wieder her. Aber es kommt nicht zu einem Widerspruch und nicht zu einer Blockierung, weil das Geschehen asymmetrisch als Sequenz geordnet ist und so erlebt wird.“ (Ebd., S. 231.)

„Der semantische Aufwand, der im Zusammenhang mit einer solchen Selbstbeschreibung des Kommunikationssystems als Handlungssystem getrieben werden muß, ist teils ein kulturgeschichtliches, teils ein situationsspezifisches Problem. Ob eine Semantik der Säfte und Kräfte ausreicht oder ob Interessen unterstellt werden müssen, ob man im Kontext von Beichte oder juristischen Verfahren »innere Zustimmung« zum eigenen Handeln ermitteln muß, um das Handeln fest und zugleich lose in der Umwelt zu verorten, ob das Handeln psychologisiert oder gar auf Faktoren zurückgeführt werden muß, die dem Handelnden nicht bewußt sind, sondern ihm erst auftherapiert werden müssen -all das hängt von Umständen ab, über die im sozialen System disponiert wird. Dem Handelnden mag dann mehr oder weniger erfolgreich die richtige Art der Selbstzurechnung beigebracht werden. So kann er rechtzeitig und möglichst schon vorher merken, wenn er handelt, und die soziale Kontrolle durch Selbstkontrolle entlasten.“ (Ebd., S. 231.)

„Es dürfte vor allem zwei Gründe geben, die dafür sprechen, die Selbstbeschreibung des 'sozialen Systems auf Handlungen zu beziehen, Den einen Grund haben wir schon erwähnt: Handlungen sind einfacher zu erkennen und zu behandeln als Kommunikationen, 'Die Einheit der Handlung kommt nicht erst durch das Verstehen eines anderen zustande, und sie hängt auch nicht davon ab, daß der Beobachter eine Differenz von Information und Verhalten ablesen kann; er muß nur die Zurechnungsregeln handhaben können, die in bestimmten sozialen Systemen üblich sind, Gewiß: auch Handlungen müssen, um im sozialen System behandelbar zu sein, in Kommunikationsprozesse Eingang finden -sei es als Mitteilung, sei es als Information, Jede Selbstbeschreibung, jede Selbstbeobachtung eines sozialen Systems ist ihrerseits wieder Kommunikation und nur so möglich (denn andemfalls würde es sich nur um eine Beschreibung oder Beobachtung von außen, etwa durch eine Person handeln), Die Vereinfachung liegt darin, daß als Verknüpfungsstellen für Relationierungen nur Handlungen, nicht volle kommunikative Ereignisse dienen, daß man sich also mit einer Abstraktion begnügen kann, wenn es um Kommunikation über Handlung oder um einfaches Anschlußhandeln geht, und daß man dabei von den Komplexitäten des vollen kommunikativen Geschehens weitgehend absehen kann. Die Entlastung liegt vor allem darin, daß nicht (oder nur unter besonderen Umständen) geprüft werden muß, auf welche Information sich eine Mitteilung bezog und wer sie verstanden hat.“ (Ebd., S. 232.)

„Auch den zweiten Vorteil hatten wir genannt. Er besteht darin, daß die Reduktion auf Handlung das zeitliche Asymmetrisieren sozialer Beziehungen erleichtert. Wir denken nortnalerweise Kommunikation immer schon zu sehr als Handlung und können uns daraufhin Kommunikationsketten wie Handlungsketten vorstellen. Die Wirklichkeit eines kommunikativen Ereignisses ist jedoch sehr viel komplexer. Es setzt die Handhabung der doppelten Kontingenz von Ego und Alter auf beiden Seiten voraus, es wird während einer gewissen Zeit in der Schwebe gehalten, mag Rückfragen bedeutsames Schweigen, Zögern erfordern, bevor es durch Verstehen zum Abschluß kommt; oder es mag, obwohl die Mitteilung als Handlung vorliegt, als Kommunikation scheitern. Demgegenüber erleichtert es die Orientierung, wenn man sich Handlungssequenzen wie Faktenketten vorstellen kann, in denen eine Handlung die andere ermöglicht, wenn sie punktuell fixiert werden kann. Während Kommunikation die Reversibilität im Zeitlauf festhält - man kann sich schwer tun, zu verstehen, kann ablehnen, kann das Mitgeteilte zu korrigieren versuchen (auch wenn es als Mitteilungshandlung unbestritten vorgekommen ist) -, markieren Handlungen die lrreversibilität der Zeit und ordnen sich so im Verhältnis zueinander chronologisch ein.“ (Ebd., S. 232-233.)

„Erst mit Hilfe einer solchen Punktualisierung und Asymmetrisierung kann sich ein autopoietisches Sozialsystem bilden. Nur so gewinnt das Problem der Anschlußfähigkeit erkennbare Konturen. Die Vor- und Rückgriffe der Kommunikation im Auswählen verständlicher Mitteilungen müssen also, obwohl sie Zeit übergreifen und obwohl das vorausgesetzt bleibt, auf einen Zeitpunkt bezogen werden: auf den Zeitpunkt, in dem der Mitteilende handelt. Ein soziales System konstituiert sich mithin als Handlungssystem, aber es muß dabei den kommunikativen Kontext des HandeIns voraussetzen; beides also, Handlung und Kommunikation, ist notwendig und beides muß laufend zusammenwirken, um die Reproduktion aus den Elementen der Reproduktion zu ermöglichen. (Vorsorglich sei noch angemerkt, daß diese Argumentation weder logisch noch theoretisch zwingend ist. Wie immer bei Funktionsangaben, lassen sich funktionale Äquivalente nicht ausschließen, hier also andere Möglichkeiten der Selbstbeobachtung, Selbstbeschreibung, Selbstsimplifikation. Die Reduktion auf Handlung hat sich zwar evolutionär derart bewährt und durchgesetzt, daß selbst die Soziologie sie zumeist unreflektiert mitvollzieht und soziale Systeme schlicht als Handlungssysteme auffaßt. Das wird mit der im Text präsentierten Theorie zugleich verständlich gemacht -und als kontingent behandelt. Man könnte sich vor allem historische Forschungen denken, die unvoreingenommen genug die Frage prüfen, ob und wie weit frühere Kulturen überhaupt in so entschiedener Weise nach einem Handlungsmodell gelebt haben.)“ (Ebd., S. 233.)

„Autopoietische Reproduktion heißt demnach nicht, daß eine bestimmte Handlung in geeigneten Fällen wiederholt wird (etwa daß man jedesmal, wenn man eine Zigarette anzünden will, zum Feuerzeug greift). Wiederholbarkeit muß zusätzlich noch durch Strukturbildung sichergestellt werden. Reproduktion heißt nur: Produktion aus Produziertem; und im Falle der autopoietischen Systeme besagt sie, daß das System sich mit der gerade aktuellen Aktivität nicht beendet, sondern weitermacht. Dies Weitermachen ist aber darin angelegt, daß Handlungen (mit Absicht oder gegen ihre Absicht) Kommunikationswert haben.“ (Ebd., S. 233.)

„Einen weiteren Schritt können wir tun, wenn wir diese Einsicht über das wechselseitige Verhältnis von Kommunikation und Handlung verbinden mit dem Problem der Selbstbeobachtung bzw. Selbstbeschreibung. Schon auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie kann man feststellen, daß beliebige Komplexität durch strukturierende Selbstsimplifikation eingeschränkt wird. Wie weit es sich allgemein, so zum Beispiel auch für Makromoleküle oder gar für Objekte schlechthin bewährt zu sagen, daß sie in sich eine Beschreibung ihrer selbst enthalten, können wir offen lassen. Soziale Systeme, unser Objektbereich, scheinen jedenfalls eine Selbstbeschreibung zu benötigen und zu entwickeln, indem sie die zu relationierenden Ereignisse auf Handlungen reduzieren, obwohl ihre eigene Wirklichkeit sehr viel reicher ist. Selbstbeobachtung ist zunächst ein Moment im Prozessieren der eigenen Informationsverarbeitung. Sie ermöglicht, darüber hinausgehend, Selbstbeschreibung, indem sie das fixiert, über was ein System kommuniziert, wenn es über sich selbst kommuniziert. Selbstbeobachtung ermöglicht, ja ernötigt vielleicht sogar Reflexion im Sinne einer Thematisierung der Identität (in Differenz zu anderem), die den Bereich, der sich selbst beobachtet, als Einheit für Relationierungen verfügbar macht.“ (Ebd., S. 233-234.)

„Mit Hilfe einer Begrifflichkeit aus der Theorie selbstreferentieller Systeme, nämlich mit Hilfe der Vorstellung, daß Systeme mit ihren eigenen Operationen eine Beschreibung von sich selbst anfertigen und sich selbst beobachten können, läßt sich der Zusammenhang von Kommunikation, Handlung und Reflexion aus der Subjekttheorie (der Theorie von der Subjektität des Bewußtseins) herauslösen. Natürlich behaupten wir nicht, daß es ohne vorliegendes Bewußtsein soziale Systeme geben könnte. Aber die Subjektivität, das Vorliegen des Bewußtseins, das Zugrundeliegen des Bewußtseins wird als Umwelt sozialer Systeme und nicht als deren Selbstreferenz aufgefaßt. Erst mit dieser Distanzierung gewinnen wir die Möglichkeit, eine wahrhaft »eigenständige" Theorie sozialer Systeme auszuarbeiten.“ (Ebd., S. 234.)

„Die Reduktion der Selbstbeschreibung auf Handlung führt indes auf ein Problem, das wir an dieser Stelle nur anzeigen können, um es später wieder aufzugreifen (im Kapitel »System und Umwelt«). Gerade aus der Theorie selbstreferentieller Systeme würde folgen, daß die Selbstbeschreibung eines Systems das System als Differenz zu seiner Umwelt aufzufassen hatte. Selbstbeschreibung ist nicht nur eine Art Abzeichnen unter Weglassen der Details, nicht nur der Entwurf eines Modells oder einer Landkarte des Selbst; sie hat - oder jedenfalls so nur kann sie sich bewähren - zugleich die erfaßbare Komplexität zu steigern indem sie das System als Differenz zu seiner Umwelt darstellt und an Hand dieser Differenz Informationen und Richtpunkte für Anschlußverhalten gewinnt. Die Reduktion auf Handlung scheint in die Gegenrichtung zu gehen; sie scheint auf Momente der bloßen Selbstreproduktion zu zielen - Selbstreproduktion als Stimulierung von Handeln durch Handeln. Diese Engführung scheint keinerlei Gewähr dafür zu bieten, daß die hier an Selbstbeschreibung gestellten Anforderungen erfüllt werden, gerade wenn man bedenkt, daß von Kommunikation (über Sinnthemen, die auf Umwelt verweisen) auf Handlung reduziert wird.“ (Ebd., S. 234-235.)

„Auf dieses Dilemma hat die Tradition, ohne das Problem als solches zu formulieren, in der Weise reagiert, daß sie jeweils zwei Handlungsbegriffe angeboten hat; einen poietischen und einen praktischen, einen herstellungstechnischen und einen selbstwertgeladenen. (Auch an dieser Stelle lohnt ein Seitenblick auf Parsons' Theorie des allgemeinen Handlungssystems. Parsons gewinnt sein Vierfunktionenschema durch eine Dekomposition des Handlungsbegriffs und reprojektiert das Schema dann auf die Welt .... Auf diese Weise wird die Differenz von System und Umwelt durch lsomoryhie abgemildert, und daraufhin wird es möglich, mit Input!Output-Modellen, mit Modellen des double interchange usw. zu arbeiten. Dieser Vorschlag kann dann darauf verzichten, mit zwei verschiedenen Handlungsbegriffen zu kokettieren, den einen zur Kritik des anderen zu benutzen und dieser Kritik dann einen gesellschaftskritischen Anstrich zu geben.) Wir finden uns damit in einer Semantik, in der man über »Rationalität« diskutiert hat. Auch das Rationalitätsthema zerfiel letztlich aber in eine Typologie unterschiedlicher Rationalitäten, deren Beziehung aufeinander nicht mehr unter Rationalitätsforderungen gestellt werden kann - etwa nach Art einer Rangordnung. Das scheint, theoriekonstruktionstechnisch gesprochen, ein Irrweg zu sein: Statt auf ein (Handlung transzendierendes) Grundproblem zurückzugehen, unterscheidet man zwei Typen; statt zu problematisieren, dualisiert man nur. Auch das Rationalitätsproblem müssen wir für eine spätere Behandlung zurückstellen. Der Ansatzpunkt dafür aber liegt an dieser Stelle. Er liegt in der Frage, wie man in die Selbstbeschreibung eines sozialen Systems, die auf Handlungszusammenhänge reduziert ist, die Differenz von Systemen und Umwelt einbauen und dadurch Informationspotential gewinnen kann. Oder knapper formuliert: wie es möglich ist, durch Reduktion von Komplexität erfaßbare Komplexität zu steigern.“ (Ebd., S. 235-236.)

„Die Antwort lautet: durch Konditionierung von Kommunikation, das heißt durch Bildung sozialer Systeme. Kommunikation ist dabei als eine Art Selbsterregung und Sinnüberflutung des Systems zu begreifen. Sie wird durch die Erfahrung der doppelten Kontingenz induziert, kommt unter dieser Bedingung so gut wie zwangsläufig zustande und führt daraufhin zur Ausbildung von Strukturen, die sich unter solchen Bedingungen bewähren. Man kann sich vorstellen, daß dies ein gleichsam leeres Evolutionspotential bereitstellt, das, wenn nichts Besseres verfügbar ist, jeden Zufall ausnutzen wird, um Ordnung aufzubauen. Insofern paßt dieses Konzept zu einer »order from noise«- Theorie.“ (Ebd., S. 236.)

„Keine Frage: zu den Bedingungen der Möglichkeit kommunikativer Systembildung gehören hochkomplexe Umwelten. Vor allem müssen zwei gegenläufige Voraussetzungen sichergestellt sein: Die Welt muß einerseits dicht genug strukturiert sein, damit es nicht reiner Zufall ist, ob sich übereinstimmende Sachauffassungen herausbilden; die Kommunikation muß irgendetwas (auch wenn man nie wissen wird, was es letztlich ist) greifen können, was sich nicht beliebig auflösen oder in sich verschieben läßt. Und andererseits muß es, auf eben der gleichen Grundlage, verschiedene Beobachtungen geben, verschiedene Situierungen, die laufend ungleiche Perspektiven und inkongruentes Wissen reproduzieren. (Die Konsequenzen lassen sich bis in Strukturprobleme sozialer Systeme hinein verfolgen.) Diesen Voraussetzungen entspricht, daß Kommunikation nicht als systemintegrierende Leistung, nicht als Herstellung von Konsens begriffen werden kann. Das würde nämlich heißen: daß sie ihre eigenen voraussetZUngen untergräbt und sich nur durch hinreichenden Mißerfolg am Leben halten kann. (Alle Konsenstheorien müssen sich denn auch die Frage gefallen lassen, die Helmut Schelsky einmal [mündlich] an Jürgen Habermas gerichtet hat: was denn nach dem Konsens der Fall sein würde.) Was aber sonst, wenn nicht Konsens, ist das Resultat von Kommunikation?“ (Ebd., S. 236-237.)

„Zu den wichtigsten Leistungen der Kommunikation gehört die Sensibilisierung des Systems für Zufälle, für Störungen, für "noise« aller Art. Mit Hilfe von Kommunikation ist es möglich, Unerwartetes, Unwillkommenes, Enttäuschendes verständlich zu machen. »Verständlich« heißt dabei nicht, daß man auch die Gründe zutreffend begreifen und den Sachverhalt ändern könnte. Das leistet die Kommunikation nicht ohne weiteres. Entscheidend ist, daß Störungen überhaupt in die Form von Sinn gezwungen werden und damit weiterbehandelt werden können. Man kann dann unterscheiden, ob die Störungen im Kommunikationsprozeß selbst auftreten, zum Beispiel als Druckfehler (der Begriff gibt Sinnlosem Sinn, man kann Druckfehler erkennen und beseitigen); oder ob sie in den Themen und Beiträgen der Kommunikation zu suchen sind, so daß man sie nicht einfach technisch korrigieren kann, sondern ihre Gründe ermitteln muß. Durch Kommunikation begründet und steigert das System seine Empfindlichkeit und setzt sich so durch Dauersensibilität und Irritierbarkeit der Evolution aus.“ (Ebd., S. 237.)

„Als Korrektiv dieser Unruhe dient nicht so sehr Konsens; denn bei Konsens wäre die Gefahr des Irrtums, der Fehlleistung, des Stillstandes viel zu groß. Vielmehr entsteht, wenn Kommunikation in Betrieb gehalten wird, ein Doppelphänomen von Redundanz und Differenz; und darin liegt der Gegenhalt für das Unruheprinzip der Kommunikation. Der Begriff der Redundanz bezeichnet überzählige Möglichkeiten, die aber gleichwohl eine Funktion erfüllen. Wenn A durch Kommunikation B über etwas informiert und ihm die Information abgenommen wird, kann C und jeder weitere sich sowohl an A als auch an B wenden, wenn er sich informieren wi1174. Es entsteht ein Überschuß an Informationsmöglichkeiten, der aber gleichwohl funktional sinnvoll ist, weil er das System von bestimmten Relationen unabhängiger macht und es gegen Verlustgefahr absichert. Das gleiche Wissen, die gleiche Einstellung ist jetzt mehrfach vorhanden. Dadurch allein schon kann der Eindruck der I Objektivität, der normativen oder kognitiven Richtigkeit entstehen und eine entsprechend sichere Verhaltensgrundlage abgeleitet werden. Die Redundanz verhilft auch zum Herausfiltern dessen, was sich in vielen Kommunikationen bewährt, und bildet in diesem Sinne Struktur; das System wird unabhängiger davon, daß alle Kommunikation über individualisiertes Bewußtsein vermittelt werden muß und insofern nur psychisch Vorgekautes prozessieren kann.“ (Ebd., S. 237-238.)

„Zugleich produziert Kommunikation aber auch Differenz. Liefe alles Prozessieren von Information nur auf Redundanz hinaus, wäre die Gefahr einer übereinstimmend akzeptierten Fehleinstellung viel zu groß. Daß die Gefahr nicht ausgeräumt werden kann, ist bekannt; die rasche Verbreitung eigentümlich engstirniger intellektueller Moden, die sich gerade dadurch für Kommunikation eignen, liefert immer wieder neues Anschauungsmaterial. Aber Kommunikationssysteme produzieren zugleich immer auch die Selbstkorrektur. Jede Kommunikation lädt zum Protest ein. Sobald etwas Bestimmtes zur Annahme angeboten wird, kann man es auch negieren. Das System ist nicht strukturell auf Annehmen, nicht einmal auf eine Präferenz für Annehmen festgelegt. Die Negation jeder Kommunikation ist sprachlich möglich und verständlich. Sie kann anizipiert und durch Vermeidung entsprechender Kommunikation umgangen werden; aber das ist nur eine Weise des Praktizierens der Differenz: ihre Rückverlagerung vom verstehenden Ego auf den mitteilenden Alter.“ (Ebd., S. 238.)

„Kommunikation setzt auf diese Weise Systembildung in Gang. Wenn immer sie in Gang gehalten wird, bilden sich thematische Strukturen und redundant verfügbare Sinngehalte. Es entsteht eine selbstkritische Masse, die Angebote mit Annahme-/Ablehnungsmöglichkeiten hervorbringt. All das differenziert sich als Prozeß aus einer Umwelt aus, die in Themen paratgehalten, in Kommunikationen intendiert werden kann und Ereignisse produziert, die im System als Information weiterbehandelt werden können. Das System findet sich, soweit dafür gesorgt ist, daß Teilnehmer sich wechselseitig wahrnehmen, in einer Art Dauererregung, die sich selbst reproduziert, aber auch von außen stimuliert werden kann, ähnlich wie ein Nervensystem. Es gewinnt mit all dem eine eigene Komplexität, und es reproduziert zugleich Ordnung im Sinne reduzierter Komplexität. Es ermöglicht sich selbst die orientierte Fortsetzung der Kommunikation durch eine Selbstbeschreibung, die durch Reduktion von Kommunikation auf Handlung zustandekommt. Solche Systeme sind in einer Weise, die sich nicht direkt aus der biologischen Evolution ergibt, evolutiver Selektion ausgesetzt. Daß sie Zufallanlässe in sinnhafte Information umsetzen, ist für sie unvermeidlich; aber ob das, was sie dann als Redundanz und als Differenz erzeugen, sich in der Evolution bewährt und wie lange es sich bewährt, ist aus der Zwangsläufigkeit des Ordnungsaufbaus nicht abzuleiten.“ (Ebd., S. 238-239.)

„Wenn Kommunikation in Gang kommt, entsteht mithin ein System, das eine besondere Art von Umweltverhältnis unterhält. umwelt ist ihm nur als Information zugänglich, nur als Selektion erfahrbar, nur über Veränderungen (im System selbst oder in der IUmwelt) erfaßbar. Gewiß gibt es zahllose weitere Umweltvoraussetzungen, vor allem natürlich die Existenz von Menschen mit Bewußtsein. Diese Bedingungen der Möglichkeit der Kommunikation gehen aber nicht automatisch in die Kommunikation mit ein: Sie Ikönnen Thema der Kommunikation werden, aber sie müssen es nicht. Der Sachverhalt liegt also genau parallel zu der eigentümlichen Umweltlage von Bewußtseinssystemen. Auch hier werden nicht die physiologisch komplexen Prozesse der Wahrnehmung bewußt, sondern nur deren Produkte. (Ein Sachverhalt, der in seiner erkenntnistheoretischen Tragweite selten hinreichend gewürdigt wird ....) Mit solchen Reduktionen ergeben sich neue Freiheitsgrade für den Umgang mit der Umwelt.“ (Ebd., S. 239.)

„Auf die Frage, woraus soziale Systeme bestehen, geben wir mithin die Doppelantwort: aus Kommunikationen und aus deren Zurechnung als Handlung. Kein Moment wäre ohne das andere evolutionsfähig gewesen.“ (Ebd., S. 240.)

„Wichtig ist es im Rückblick, sich vor Augen zu führen, daß wir eine mehrfach gereinigte Frage beantwortet haben. Die Fragestellung zielt nicht auf die Gesamtheit dessen, was zur Entstehung und Erhaltung sozialer Systeme erforderlich ist. Magnetismus und Magensäure, Luft, die die Stimmwellen trägt, und Türen, die man schließen kann, Uhren und Telephone: all das scheint mehr oder weniger erforderlich zu sein. Das Paradigma der System/Umwelt-Differenz lehrt aber, daß nicht alles, was erforderlich ist, zur Einheit des Systems zusammengefaßt werden kann.“ (Ebd., S. 240.)

„Deshalb fragen wir nach den Letzteinheiten, aus denen ein soziales System besteht und durch deren Relationierung es sich von seiner Umwelt unterscheiden kann. Diese Frage hatte früher zwei einander entgegengesetzte Antworten stimuliert: eine substantielle oder ontologische und eine analytische. Die Einheit der Elemente sei vorgegeben (wie die Einheit der Handlung durch die Intention des Handelnden bei Max Weber), lautete die eine Antwort. Sie sei ein nur analytisches Konstrukt (wie der unit ac t bei Parsons), lautete die andere. Beide Antworten sind durch den zweiten Paradigmawechsel, durch den Übergang zur Theorie autopoietischer Systeme überholt. Was immer als Einheit fungiert, wird zur Einheit durch die Einheit eines selbstreferentiellen Systems. Es ist weder von sich her Einheit noch allein durch die Selektionsweise eines Beobachters, es ist weder objektive noch subjektive Einheit, sondern Bezugmoment der Verknüpfungsweise des Systems, das sich durch eben diese Verknüpfung reproduziert.“ (Ebd., S. 240.)

„In diese Theorie kann und muß dann die Differenz von Konstitution und Beobachtung wieder eingebaut werden. Das ist im Vorstehenden mit Hilfe der Unterscheidung von Kommunikation und Handlung geschehen. Kommunikation ist die elementare Einheit der Selbstkonstitution, Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme. Beides sind hochkomplexe Sachverhalte, die als Einheit verwendet und auf das dazu nötige Format verkürzt werden. Die Differenz von Kommunikation im Vollsinne einer Selektionssynthese und zurechenbarem Handeln ermöglicht eine selektive Organisierung mitlaufender Selbstreferenz; und zwar in dem Sinne, daß man Kommunikation reflexiv nur handhaben (zum Beispiel bestreiten, zurückfragen, widersprechen) kann, wenn sich feststellen läßt, wer kommunikativ gehandelt hatte. Die Frage nach den Individuen, Atomen, Elementen, aus denen soziale Systeme bestehen, läßt sich deshalb nicht einfacher beantworten. Jede Vereinfachung an dieser Stelle wäre ein Verlust an Beziehungsreichtum, den eine allgemeine Theorie sozialer Systeme sich schwerlich leisten kann.“ (Ebd., S. 241.)

 

Soziale Systeme System und Umwelt.

„Das zentrale Paradigma der neueren Systemtheorie heißt »System und Umwelt«.“ (Ebd., S. 242.)

„Für die Theorie selbstrefrentieller Systeme ist die Umwelt ... Voraussetzung der Identität des Systems, weil Identität nur durch Differenz möglich ist. Für die Theorie temporalisierter autpoietischer Systeme ist die Umwelt deshalb nötig, weil die Systemereignisse in jedem Moment aufhören und weitere Ereignisse nur mit Hilfe der Differenz von System und Umwekt produziert werden können. Der Ausgangspunkt aller daran anschließenden systemtheoretischen Forschungen ist daher nicht eine Identität, sondern eine Differenz.“ (Ebd., S. 243.)

„Alles, was vorkommt, ist immer zugleich zugehörig zu einem System (oder zu mehreren Systemen) und zugehörig zur Umwelt anderer Systeme. Jede Bestimmtheit setzt Reduktionsvollzug voraus, und jedes Beobachten, Beschreiben, Begreifen von Bestimmtheit erfordert die Aufgabe einer Systemreferenz, in der etwas als Moment des Systems oder als Moment seiner Umwelt bestimmt ist. Jede Änderung eines Systems ist Änderung der Umwelt anderer Systeme; jeder Komplexitätszuwachs an einer Stelle vergrößert die Komplexität der Umwelt für alle anderen Systeme.“ (Ebd., S. 243.)

„Die Überschätzung, die im Subjektbegriff lag, nämlich die These der Subjektivität des Bewußtseins, wird revidiert. Sozialen Systemen liegt nicht »das Subjekt«, sondern die Umwelt »zu Grunde«, und mit mit »zu Grunde Liegen« ist dann nur gemeint, daß es Voraussetzungen der Ausdifferenzierzung sozialer Systeme (unter anderen: Personen als Bewußtseinsträger) gibt, die nicht mitausdifferenziert werden.“ (Ebd., S. 244.)

„Umwelt ist ein systemrelativer Sachverhalt. Jedes System nimmt nur sich aus seiner Umwelt aus. Daher ist die Umwelt eines jeden Systems eine verschiedene. Somit ist auch die Einheit der Umwelt durch das System konstituiert. »Die« Umwelt ist nur ein Negativkorrelat des Systems. Sie ist keine operationsfähige Einheit, sie kann das System nicht wahrnehmen, nicht behandeln, nicht beeinflussen. Man kann deshalb auch sagen, daß durch Bezug auf und Unbestimmtlassen von Umwelt das System sich selbst totalisiert. Die Umwelt ist einfach »alles andere«. “ (Ebd., S. 249.)

„Die weiteren Analysen der Differenz von System und Umwelt werden von der Annahme ausgehen, daß die Umwelt immer sehr viel komplexer ist als das System selbst. Dies ist bei allen Systemen, an die wir denken können, der Fall. Es gilt auch für das Gesamtsozialsystem der Gesellschaft.“ (Ebd., S. 249.)

„Die Differenz von Umwelt und System stabilisiert ... ein Komplexitätsgefälle. Deshalb ist die Beziehung von Umwelt und System notwendig asymmetrisch. Das Gefälle geht in eine Richtung. Es läßt sich nicht revertieren. Jedes System hat sich gegen die überwältigende Komplexität seiner Umwelt zu behaupten, und jeder Erfolg dieser Art, jeder Bestand, jede Reproduktion macht die Umwelt aller anderen Systeme komplexer. Gegeben eine Vielheit von Systemen, ist mithin jeder Evolutionserfolg eine Vergrößerung der Komplexitätsdifferenz für andere Systeme im Verhältnis zu ihrer Umwelt und wirkt so selektiv auf das, was dann noch möglich ist.“ (Ebd., S. 250.)

„Als Differenz genommen und an der Differenz von Umwelt und System festgemacht, hat das Komplexitätsgefälle selbst eine wichtige Funktion. Es erzwingt unterschiedliche Formen der Behandlung und Reduktion von Komplexität je nachdem, ob es sich um die Komplexität der Umwelt oder um die Komplexität des Systems handelt. Die Umwelt kann sozusagen großzügiger behandelt werden, kann mehr oder weniger pauschal abgewiesen werden. Es gilt eine Art umgekehrte Relevanzvermutung: Während interne Ereignisse/Prozesse für das System vermutlich relevant sind, also Anschlußhandeln auslösen, sind Ereignisse/Prozesse der Umwelt für das System vermutlich irrelevant; sie können unbeachtet bleiben. Das System gewinnt seine Freiheit und seine Autonomie der Selbstregulierung durch Indifferenz gegenüber seiner Umwelt. Deshalb kann man die Ausdifferenzierung eines Systems auch beschreiben als ein als Steigerung der Sensibilität für Bestimmtes (intern Anschlußfähiges) und Steigerung der Insensibilität für alles übrige - also Steigerung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit zugleich.“ (Ebd., S. 250.)

„Kein System kann Zufälle ... vermeiden, denn kein System hat genug Komplexität, um auf alles, was vorkommt, »systematisch« zu reagieren. Die Strukturwahl überläßt mithin vieles dem Zufall. Auch dies »dem Zufall Überlassen« ist ein Mittel der Reduktion von Komplexität, das sich bewährt, wenn das, was dem Zufall überlassen bleibt, tatsächlich ad hoc behandelt werden kann. (Dies schließt natürlich nicht aus, daß Spezialvorkehrungen für die Behandlung von Zufällen geschaffen werden und daß damit die Zufallstoleranz erhöht und zugleich systematisiert wird. So verzichten Warenhäuser darauf, jeden eintretenden Kunden einen Verkäufer zuzuordnen. Sie überlassen es, obwohl es sie interessiert, dem Zufall, ob ein Kunde die gesuchte Ware und ob er einen Verkäufer findet, der zuständig ist, gerade diese Ware zu verkaufen. Sie schaffen aber, um diese Zufälle zu reintegrieren, Informationsschalter, Wegweiser und durchgeplante Warenauslagen.)“ (Ebd., S. 251.)

„Dies sind nur erste Anhaltspunkte für die Chance, die darin steckt, Komplexität in der Umwelt und im System unterschiedlich sehen und unterschiedlich behandeln zu können. Das Komplexitätsgefälle ist die Realitätsgrundlage, die der Differenz von Umwelt und System Erfolgschancen gibt. Die Differenz artikuliert zugleich das Komplexitätsgefälle, das durch sie geschaffen wird; und das macht es lohnend, die Differenz von Umwelt und System als Orientierungsstruktur ins System selbst einzuführen. Das System kann dann unterschiedliche Formen der Behandlung zu hoher Komplexität voneinander trennen und simultan handhaben je nachdem, ob sie sich auf das System oder auf die Umwelt beziehen. Es kann zum Beispiel - man denke an tribale Kulturen oder an Fakultäten - eigene Komplexität moralisch konditionieren und Umweltkomplexität nach dem strategischen Schema von Freund und Feind.“ (Ebd., S. 251.)

„Identität im Unterschied zu allem anderen ist im Grunde nichts anderes als Bestimmung und Lokalisierung des Komplexitätsgefälles.“ (Ebd., S. 252.)

„Ferner wissen wir, daß Komplexität immer Selektionsdruck und Kontingenzerfahrung erzeugt. Das Komplexitätsgefälle wird im System deshalb vorwiegend als Kontingenz der Umweltbeziehungen erfaßt und thematisiert. (Dieser Aspekt ist speziell im Bezug auf formal organisierte Sozialsysteme zu einem eigenen Forschungsansatz ausgearbeitet worden, der sog. »Kontingenztheorie«.) Diese Thematisierung kann zwei verschiedene Formen annehmen je nachdem, wie die Umwelt gesehen wird: Wird die Umwelt als Ressource aufgefaßt, erfährt das System Kontingenz als Abhängigkeit. Wird sie als Information aufgefaßt, erfährt das System Kontingenz als Unsicherheit. Die Thematisierungen schließen sich wechselseitig nicht aus ....“ (Ebd., S. 252.)

„Zeitautonomie hat ... für das System eigene Folgeprobleme, die eigene Lösungsansätze erfordern. Sie ist andererseits eine unerläßliche Vorbedingung für Autonomie in Sachfragen.“ (Ebd., S. 255.)

„Das Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und System findet seinen deutlichsten Ausdruck darin, daß diese Differenz, einmal gegeben, jede weitere Differenzierung verschieden erlebt und behandelt werden muß je nachdem, ob sie in der Umwelt oder im System stattfindet.“ (Ebd., S. 256.)

„Einerseits steht die Reproduktion unter der Bedingung von Anschlußfähigkeit, sie muß in die Situation passen; andererseits kann sie Möglichkeiten bieten, im System ein neues System mit eigener System/Umwelt-Differenz zu bilden - und vielleicht ein System, das länger dauern wird als das Ausgangssystem. Man sieht auf einer Party eine Dame eine Zigarette nehmen und kommt ihr (sie ist entsprechend langsam) mit dem eigenen Feuerzeug zuvor. Eine eingewöhnte Systemdifferenzierung stabilisiert Reproduktionsmöglichkeiten über einschränkende Bedingungen der Verständlichkeit von Kommunikation und des Passens von Verhaltensweisen. Zugleich bieten aber die Sinnüberschüsse, die dabei mitreproduziert werden müssen, immer wieder Chancen zu innovativer Systembildung, das heißt: zur Einfügung neuer Differenzen und neuer Einschränkungen, also zur Steigerung der Einschränkbarkeit des Ausgangssystems durch Differenzierung. Nur so kann es zur Zunahme von Systemkomplexität kommen.“ (Ebd., S. 258-259.)

„Interene Differenzierungen schließen an die Grenze des bereits ausdifferenzierten Systems an und behandeln den damit eingegrenzten Bereich als eine Sonderumwelt, in der weitere Systembildungen folgen können. Diese interne Umwelt weist nämlich besondere Komplexitätsreduktionen auf, die durch die Außengrenzen gesichert sind; sie ist relativ zur Außenwelt eine schon domestizierte, schon pazifizierte Umwelt mit verringerter Komplexität. Sie ist überdies artgleiche Umwelt, denn interen Differenzierung kann nur in artgleicher Weise erfolgen. Lebende Systeme können sich nur in lebende Systeme, soziale Systeme können sich nur in soziale Systeme differenzieren.“ (Ebd., S. 259.)

„Das Gesamtsystem ermöglicht durch die eigene Ordnung nur die Selbstselektion des Teilsystems. Aber wenn sich Teilsysteme bilden, setzt das Anpassungsprozesse in Gang, weil dann für alles, was nicht als neuartiges Teilsystem ausdifferenziert wird, eine neuartige Umwelt entsteht. “ (Ebd., S. 260.)

„Obwohl Prozesse der interen Differenzierung nahezu beliebig anlaufen können und nicht durch eine zu »entwickelnde« Form dirigiert sind, scheint es doch eine Art Selektion zu geben, die das auswählt, was Bestand haben kann. So ließe sich möglicherweise erklären, daß es letztlich doch nur wenige Differenzierungsformen gibt, die in langfristig bestehenden Systemen durchgehalten werden können, so vor allem die Differenzierung in gleiche Einheiten (Segmentierung), die Differenzierung Zentrum/Peripherie, die Differenzierung konform/abweichend (offiziell/inoffiziell, formal/informal), die hierarchische Differenzierung und die funktionale Differenzierung. Durhchaltbar sind anscheinend nur Differenzierungsformen, die Prozesse der Abweichungsverstärkung (positives Feedback) zu ihren Gunsten mobilisieren und Renivellierungen verhindern können.“ (Ebd., S. 260-261.)

„Systemdifferenzierung führt zwangsläufig zur Steigerung der Komplexität des Gesamtsystems. Und ebenso gilt umgekehrt: daß Systemdifferenzierung nur möglich ist, wenn das Gesamtsystem mehr und verschiedenartigere Elemente konstituieren und über schärfer ausgewählte Relationen verknüpfen kann. Systemdifferenzierung heißt ja nicht nur, daß im System kleinere Einheiten gebildet werden; vielmehr wiederholt die Systemdifferenzierung die Gesamtsystembildung in sich selbst. Das Gesamtsystem wird rekonstruiert als interne Differenz von Teilsystem/Teilsystemumwelt, und dies für jedes Teilsystem auf je verschiedene Weise. Je nach interner Schnittlinie ist das Gesamtsystem dann mehrfach in sich selbst enthalten. Es multipliziert siene eigenen Realität. So ist das moderne Sozialsystem Gesellschaft zugleich: politisches Funktionssystem und dessen gesellschaftsinterne Umwelt; wirtschaftliches Funktionssystem und dessen gesellschaftsinterne Umwelt; wissenschaftliches Funktionssystem und dessen gesellschaftsinterne Umwelt; religiöses Funktionssystem und dessen gesellschaftsinterne Umwelt; und so weiter.“ (Ebd., S. 261-262.)

„Daß die Umwelt als differenziert erfahren wird (externe Differenzierung), scheint zu den Notwendigkeiten der Systembildung zu gehören. Gegenüber einer gänzlich undifferenziert erfahrenen Umwelt könnten keine Reduktionsstrategien entwickelt werden.“ (Ebd., S. 263.)

„Wenn Organiationsabteilungen nach unterschiedlichen Außengruppen, Kunden, betreuten Personenkreisen usw. eingerichtet werden, verstärkt das den Einfluß dieser gruppen auf die Organisation; sie finden »ihre« Vertretung im System. Wird die Gliederung nach rein internen Gesichtspunkten gewählt, steigert das die Ausdifferenzierung des Organisationssystems.“ (Ebd., S. 264.)

„Die Besonderheit sozialer Systeme bestht darin, daß diese sich in der Form von Sinn an Komplexität orientieren (Kapitel 2).“ (Ebd., S. 265.)

„Es gibt Gruppen, die wie Tiere sich mit ihrem Lebensraum identifizieren, ihn kennen, ihn verteidigen. Aber für das soziale System dieser Gruppen haben, darüber ist man sich einig, die Grenzen »ihres« Territoriums nur noch symbolische Bedeutung. (Darüber soll »man sich einig« sein? Das glaube ich nicht! HB) “ (Ebd., S. 266.)

„Prozesse des Alterns und Schrumpfens sozialer Systeme .... Gerade Systeme, denen hohe Sensibilität abverlangt ist, erleiden einen Themsnschwund, weil jeder schon weiß, daß der andere schon weiß, wie das Thema zu behandeln ist.“ (Ebd., S. 267.)

„Neben der Sachdimension bieten sowohl Zeitdimension als auch Sozialdimension Möglichkeiten der Grenzregulierung. Man kann die Kommunikationszeit verkürzen, zum Beispiel durch demonstrative Eile .... Alles Ernsthafte und Schwierige wird vertagt. Vor allem aber liegt es nahe, Themen und Sinngrenzen über Zulassung zur Teilnahme zu regulieren, zum Beispiel über soziale Schichtung oder über geprüfte Kompetenzen. Es gibt daher systeme, und sie haben als »formale Organisation« in der modernen Gesellschaft eine nichtwegdenkbare Bedeutung gewonnen, die ihre Grenzen primär über Mitgliedschaftsrollen und Zulassung zur Mitgliedschaf tregulieren und Themen als etwas behandeln, was den Mitgliedern des Systems auf Grund der Mitgliedschaft zugemutet werden kann. Über die Sozialdimesion läßt sich schließlich regulieren, was als handeln im System in Betracht kommt und welche Handlungen der Umwelt zuzurechnen sind.“ (Ebd., S. 268-269.)

„Reduktion von Kommunikation auf Handlung ....“ (Ebd., S. 277.)

„Die Reduktion auf Handlung ... führt ... in dem Maße, als sie erreicht wird, zu einer deutlicheren Ausdifferenzierung derjenigen sozialen Systeme, die diesen Weg gehen. Die system/Umwelt-Differenz wird dadurch auf ein kombinatorisches Niveau gebracht, auf dem mehr Abhängigkeiten und mehr Unabhängigkeiten zugelich aktualisiert werden können. Das System wird von bestimmten Eigenschaften oder Vorgängen seiner Umwelt, nämlich solchen, die für den Input oder für die Aufnahme des Outputs relevant sind, abhängiger, von anderen Umweltaspekten dagegen unabhängiger. Es kann sich mehr Sensibilität, mehr Tiefenschärfe in der Umweltwahrnehmung und zugleich mehr Indifferenz leisten. Eins bedingt das andere. Und beides wird bedingt durch einen höheren Grad interner Autonomie. “ (Ebd., S. 279.)

„Es leigt nahe, bei derartigen Sonderformen an Organisationen des politisch-administrativen Bereichs oder an Wirtschaftsorganisationen zu denken. “ (Ebd., S. 280.)

„Unterschied von Sozialisation und Erziehung .... Sozialisation kommt ohne besondere Aufmerksamkeitsanforderungen durch Mitleben in einem sozialen Zusammenhang zustande. Sie setzt Teilnahme an Kommunikation voraus .... Erziehung dagegen benutzt die Reduktion auf Handlung, um etwas zu erreichen, was die Koordination einer Vielzahl von Bemühungen voraussetzt, also nicht den Zufällen sozialisierender Ereignisse überlassen werden kann. Nur als Erziehung kann die Sozialisation in ein Input/output-Schema gebracht werden,“ (Ebd., S. 280-281.)

„Vor allem müßte stärker beachtet werden, daß eine pädagogisch stilisierte Handlung selbst wieder Kommunikation eben dieser Absicht wird. Dadurch wird eine Art Sekundärsozialisation im pädagogischen Kontext unausweichlich. Das handeln tritt mit seinen Absichten, seinen Idealen, seinen Rollenzwängen ins System ein und wird im System erlebt und beurteilt. Es wird sozusagen mit den Schlingen der Selbstreferenz wieder eingefangen und gibt dem, der erzoegen werden soll, die Freiheit, auf diese Absicht als solche zu reagieren - ihr aus bloßem Opportunismus zu folgen oder sich ihr, soweit möglich, zu entziehen.“ (Ebd., S. 281-282.)

„Wir setzen den Weltbegriff hier als Begriff für die Sinneinheit der Differenz von System und Umwelt ein und benutzen ihn damit als differenzlosen Letztbegriff.“ (Ebd., S. 283.)

„Die traditionelle Zentrierung des Weltbegriffs auf eine »Mitte« oder dann auf ein »Subjekt« hin wird damit aufgegeben, wird aber nicht einfach ersatzlos gestrichen.“ (Ebd., S. 284.)

„Denn diese Evolution ist, was immer sie sonst sein mag und wie immer sie zu bestimmen und zu erklären ist, Herausarbeitung von System/Umwelt-Differenz auf dem emergenten Niveau sozialer Systeme.“ (Ebd., S. 284.)

„Es ist daran zu erinnern, das jedes Entweder/Oder künstlich eingeführt werden muß über einem Untergrund, auf den es nicht zutrifft. Jede Differenz ist eine sich-oktroyierende Differenz Sie gewinnt ihre Operationsfähigkeit, ihre Fähigkeit, Informationsgewinn zu stimulieren, durch Ausschluß dritter Möglichkeiten. Die klassische Logik folgt diesem Prinzip. Die Weltlogik kann dagegen nur eine Logik des eingeschlossenen ausgeschlossenen Dritten sein. Wie Logiken aussehen könnten, die diese berücksichtigen, ist ein seit Hegel viel diskutierte Problem. (Diskutiert vor allem im Hinblick auf Architektur und Operationsfähigkeit einer solchen Logik. Leider ist der sog. »Positivismusstreit« ganz unterhalb des hier erforderlichen Denkniveaus geführt worden. Vgl. statt dessen Gotthatt Günther, Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, 5 Bände, 1968. Auch in allgemeinen Systemtheorien finden Probleme einer rekursiven, Selbstreferenz zulassenden, vielleicht »dialektischen« Logik zunhemende Beachtung. Siehe z.B. Heinz von Foerster, a.a.O ..... Varela, a.a.O. ....) Wir müssen uns hier mit der Platzierung des Problems begnügen.“ (Ebd., S. 285.)

 

Soziale Systeme Interpenetration.

„Sieht man den Menschen als Teil der Umwelt der Gesellschat an (statt als Teil der Gesellschaft selbst), ändert das die Prämissen aller Fragestellungen der Tradition, also auch die Prämissen des klassischen Humanismus. Das heißt nicht, daß der Mensch als weniger wichtig eingeschätzt würde im Vergleich zur Tradition. Wer das vermutet (und aller Polemik gegen diesen Vorschlag liegt eine solche Unterstellung offen oder versteckt zu Grunde), hat den Paradigmawechsel in der Systemtheorie nicht begriffen.“ (Ebd., S. 288-289.)

„Die Umwelt mag manches enthalten, was für das System (unter welchen Gesichtspunkten immer) wichtiger ist als Bestandteile des Systems selbst; aber auch die gegenseitige Konstellation ist in der Theorie erfaßbar. Gewonnen wird mit der Unterscheidung von System und Umwelt aber die Möglichkeit, den Menschen als Teil der gesellschaftlichen Umwelt zugleich komplexer und ungebundener zu begreifen, als dies möglich wäre, wenn er als Teil der Gesellschaft aufgefaßt werden müßte; denn Umwelt ist im Vergleich zum System eben derjenige Bereich der Unterscheidung, der höhere Komplexität und geringeres Geordnetsein aufweist. Dem Menschen werden so höhere Freiheiten im Verhältnis zu seiner Umwelt konzediert, insbesondere Freiheiten zu unvernünftigem und unmoralischem Verhalten. Er ist nicht mehr Maß der Gesellschaft. Diese Idee des Humanismus kann nicht kontinuieren. Denn wer wollte ernsthaft und durchdacht behaupten, daß die Gesellschaft nach dem Bilde des Menschen, Kopf oben usw., geformt werden könnte.“ (Ebd., S. 289.)

„Von Penetration wollen wir sprechen, wenn ein System die eigene Komplexität (und damit: Unbestimmtheit, Kontingenz und Selektionszwang [**]) zum Aufbau eines anderen Systems zur Verfügung stellt. In genau diesem Sinne setzen soziale Systeme »Leben« voraus. Interpenetration liegt entsprechend dann vor, wenn dieser Sachverhalt wechselseitig gegeben ist, wenn also beide (oder mehr! HB) Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, daß sie in das jeweils andere ihre vorkonstituerte Eigenkomplexität einbringen. Im Falle von Penetration kann man beobachten, daß das Verhalten des penetrierenden Systems durch das aufnehmende System mitbestimmt wird (und eventuell außerhalb dieses Systems orientierungslos und erratisch abläuft wie das einer Ameise ohne Kontakt zum Ameisenhaufen). Im Falle von Interpenetration wirkt das aufnehmende System auch auf die Strukturbildung der penetrierenden Systeme zurück; es greift also doppelt, von außen und von innen, auf dieses ein. Dann sind trotz (nein: wegen!) dieser Verstärkung der Abhängigkeit größere Freiheitsgrade möglich. Das heißt auch: daß Interpenetration im Laufe von Evolution das Verhalten stärker individualisiert als Penetration.“ (Ebd., S. 290.)

„Wir erinnern: Komplexität besagt, daß eine Vielzahl von Elementen, hier Handlungen, nur selektiv verknüpft werden kann. Komplexität bedeutet also Selektionszwang (**). Diese Notwendigkeit ist zugleich Freiheit, nämlich Freiheit zu unterschiedlicher Konditionierung der Selektion.“ (Ebd., S. 291.)

„Die interpenetrierenden Systeme bleiben füreinander Umwelt. Das bedeutet: die Komplexität, die sie einander zur Verfügung stellen, ist für das jeweils aufnehmende System unfaßbare Komplexität, also Unordnung. Man kann deshalb auch formulieren, daß die psychischen Systeme die sozialen Systeme mit hinreichend Unordnung versorgen, und ebenso umgekehrt. Die Eigenselektion und Autonomie der Systeme wird durch die Interpenetration also nicht in Frage gestellt. Selbst wenn man sich Systeme als volldeterminiert vorstellen müßte, würden sie durch Interpenetration mit Unordnung infiziert und der Unberechenbarkeit des Zustandekommens ihrer Elementereignisse ausgesetzt. Alle Reproduktion und alle Strukturbildung setzt damit Kombination von Ordnung und Unordnung voraus: strukturierte eigene und unfaßbare fremde, geregelte und freie Komplexität. Dieser Aufbau sozialer Systeme (und ebenso der Aufbau psychischer Systeme) folgt dem Ordnung-durch-Lärm-Prinzip (vgl. von Foerster).“ (Ebd., S. 291-292.)

„Die hier gewählte Begriffsfassung vermeidet mit Absicht den sehr viel einfacheren Weg, auf die Elemente abzustellen, aus denen die interpenetrierenden Systeme bestehen. Man könnte versucht sein, sich damit zu begnügen, zu sagen, daß Menschen und soziale Systeme sich in einzelnen Elementen, nämlich Handlungen, überschneiden. Handlungen seien Menschenhandlungen, zugleich aber möglicherweise auch Bausteine sozialer Systeme. Ohne menschliches Handeln gäbe es keine sozialen Systeme, so wie umgekehrt der Mensch nur in sozialen Systemen die Fähigkeit zum Handeln erwerben kann. Diese Auffassung ist nicht falsch, aber sie ist zu einfach. Der Begriff Element ist kein Letztelement systemtheoretischer Analyse; das haben wir sowohl am Begriff der Komplexität als am Begriff des selbstreferentiellen Systems herausgearbeitet. Entsprechend haben wir den Begriff des Elements entontologisiert. (Vgl. Kapitel 1, II, 4.) Ereignisse (Handlungen) sind keineswegs Elemente ohne Substrat. Aber ihrer Einheit entspricht keine Einheit ihres Substrats; sie wird im Verwendungssystem durch Anschlußfähigkeit erzeugt. (Die Parallelen, aber auch die Divergenzen, zu Kanu Behandlung des Komplexitätsproblems werden hier besonders augenfällig. Auch Kant geht von Mannigfaltigkeit aus und fragt, wie man zur Einheit kommt. Aber da er die Antwort durch Hinweis auf Bewußtseinssynthesen geben will, wird die ganze Fragestellung psychologisiert; und da das wiederum nicht akzeptabel ist, muß der Transzendentalismus draufgesetzt werden. Heute neigt man dagegen dazu, die gesamte Fragestellung [Erkenntnistheorie eingeschlossen] zu re-naturalisieren, ohne damit in eine Ontologie zurückzukehren.) Elemente werden durch die Systeme, die aus ihnen bestehen, selbst konstituiert, und in diesem Zusammenhang spielt der Umstand mit, daß Komplexität ein selektives Relationieren der Elemente erfordert. Man kann beim Verweis auf die Elemente also nicht stehen bleiben, so als ob es um Steinchen für ein Mosaik gehe; denn dahinter taucht sofort die Frage auf, wie die Fähigkeit des selektiven Konstituierens der Elemente zu erklären ist. Viel radikaler, als eine »Handlungstheorie« es sehen und formulieren kann, greift die Systemtheorie auf strukturelle Bedingungen der Selektivität zurück.“ (Ebd., S. 292.)

„Auf diese Frage bezogen soll der Begriff der Interpenetration nicht nur ein Sichüberschneiden in den Elementen bezeichnen, sondern einen wechselseitigen Beitrag zur selektiven Konstitution der Elemente, der dann im Ergebnis zu einem solchen Überschneiden führt. Entscheidend ist, daß die Komplexität des Menschen sich erst im Hinblick auf soziale Systeme entwickeln kann und zugleich durch soziale Systeme benutzt wird, um ihr, wenn man so sagen darf, Handlungen zu entziehen, die den Bedingungen sozialer Kombinatorik genügen.“ (Ebd., S. 292-293.)

„Es bleibt zwar richtig, daß interpenetrierende Systeme in einzelnen Elementen konvergieren, nämlich dieselben Elemente benutzen, aber sie geben ihnen jeweils unterschiedliche Selektivität und unterschiedliche Anschlußfähigkeit, unterschiedliche Vergangenheiten und unterschiedliche Zukünfte. Die Konvergenz ist, da es sich um temporalisierte Elemente (Ereignisse) handelt, nur je gegenwärtig möglich. Die Elemente bedeuten daher, obwohl sie als Ereignisse identisch sind, in den beteiligten Systemen verschiedenes: Sie wählen aus jeweils anderen Möglichkeiten aus und führen zu jeweils anderen Konsequenzen. Das heißt nicht zuletzt: daß die als nächstes sich ereignende Konvergenz wieder Selektion ist; daß also die Differenz der Systeme im Prozeß des Interpenetrierens reproduziert wird. Nur so ist überhaupt doppelte Kontingenz als Kontingenz möglich -das heißt: als etwas, das dank der Komplexität, die ihr zu Grunde liegt, jeweils auch anders möglich ist und mit dieser Verweisung auf andere Möglichkeiten in Rechnung gestellt werden muß.“ (Ebd., S. 293.)

„Mit Hilfe dieser Konzeption können wir eine Frage, die wir bei der Behandlung des Problems.der doppelten Kontingenz (Kapitel 3) offen lassen mußten, abschließend beantworten. Der Begriff der Interpenetration antwortet auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von doppelter Kontingenz. Er vermeidet es, diese Antwort durch Verweis auf die Natur des Menschen zu geben; er vermeidet auch den Rückgriff auf die (angeblich alles fundierende) Subjektität des Bewußtseins. Er formuliert das Problem auch nicht als eines der (Subjekte voraussetzenden) »Intersubjektivität«. Die Ausgangsfrage ist vielmehr: welche Realitätsvorgaben vorliegen müssen, damit es hinreichend häufig und hinreichend dicht zur Erfahrung von doppelter Kontingenz und damit zum Aufbau sozialer Systeme kommen kann. Die Antwort heißt Interpenetration. Sie präzisiert zugleich die Prämissen der Frage, die sie beantwortet. Es gpbt nicht einfach um einen geschichteten Weltaufbau, bei dem die unteren Schichten zuerst fertiggestellt sein müssen, bevor weitergebaut werden kann. Vielmehr werden die Voraussetzungen mit der Evolution höherer Ebenen der Systembildung selbst erst in eine dafür geeignete Form gebracht. Sie entstehen durch Inanspruchnahme. Deshalb ist Evolution nur durch Interpenetration, das heißt nur durch wechselseitige Ermöglichung möglich. Evolution ist in diesem Sinne, systemtheoretisch gesehen, ein zirkulärer Prozeß, der sich in die Realität hinein (nicht: ins Nichts hinein!) konstituiert.“ (Ebd., S. 293-294.)

„Auch die Notwendigkeit, Handlung und Kommunikation zu unterscheiden, gewinnt durch den Begriff der Interpenetration zusätzliche Sinnbezüge. Handlung erfordert individuelle Zurechenbarkeit als konstituierendes Moment, entsteht also durch ein Trennprinzip. Kommunikation kommt dagegen durch ein Zusammenfallen dreier verschiedener Selektionen zustande. Dies Zusammenfallen darf sich nicht nur hin und wieder, darf sich nicht nur zufällig ereignen; es muß regelmäßig und erwartbar reproduziert werden können. Dafür bildet sich im Falle hinreichender Bewährung ein eigenes System, ein soziales System, das aber die Fähigkeit zur Selektionsproduktion muß voraussetzen können. Mindestens zum Mitteilen und Verstehen, vielfach auch zur Erzeugung der Tatbestände, die im Kommunikationszusammenhang als Information fungieren, sind Menschen erforderlich. Interpenetration, nämlich Beisteuern von Komplexität zum Aufbau eines ernergenten Systems, findet demnach in der Form von Kommunikation statt; und umgekehrt setzt jedes konkrete Ingangbringen von Kommunikation ein Interpenetrationsverhältnis voraus. Diese Zirkularität bringt erneut zum Ausdruck, daß soziale Systeme nur als selbstreferentielle Systeme entstehen können. Sie bestätigt außerdem, daß es nicht bestimmte, vorweg schon vorhandene Eigenschaften des Menschen sind, die die Bildung sozialer Systeme ermöglichen -etwa: zentral gesteuertes Nervensystem, beweglicher Daumen, Fähigkeit, differenzierte Laute zu erzeugen und die eigenen Laute selbst zu hören, usw.; sondern daß all dies soziale Systeme nur erzeugt, wenn und weil es als temporalisierte Komplexität voraussetzbar ist, die von Moment zu Moment ihre eigenen Zustände seligiert und darin beeinflußt werden kann.“ (Ebd., S. 294.)

„Schließlich fügt sich diesen Überlegungen eine empirisch getestete Hypothese ein: Soziale Systeme, die auf komplexere psychische Systeme zurückgreifen können, haben einen geringeren Strukturbedarf. Sie können höhere Instabilitäten und rascheren Strukturwechsel verkraften. Sie köpnen sich eher Zufällen aussetzen und können ihr Regelwerk dadurch entlasten. Auch dies ist nur einsichtig, wenn man Komplexität und Interpenetration richtig versteht, nämlich als mit Größe steigender Selektionszwang und als offene Konditionierbarkeit eben dieses Zwanges.“ (Ebd., S. 294-295.)

„Man darf sich Interpenetration weder nach dem Modell der Beziehung zweier getrennter Dinge vorstellen noch nach dem Modell zweier sich teilweise überschneidender Kreise. Alle räumlichen Metaphern sind hier besonders irreführend. Entscheidend ist, daß die Grenzen des einen Systems in den Operationsbereich des anderen übernommen werden können. So fallen die Grenzen sozialer Systeme in das Bewußtsein psychischer Systeme. Das Bewußtsein unterläuft und trägt damit die Möglichkeit, Sozialsystemgrenzen zu ziehen, und dies gerade deshalb, weil sie nicht zugleich Grenzen des Bewußtseins sind. Das Gleiche gilt im umgekehrten Fall: Die Grenzen psychischer Systeme fallen in den Kommunikationsbereich sozialer Systeme. Kommunikation ist geradezu gezwungen, sich laufend daran zu orientieren, was psychische Systeme in ihr Bewußtsein bereits aufgenommen haben und was nicht. Und auch dies ist nur möglich, weil die Grenzen psychischer Systeme nicht zugleich Grenzen der kommunikativen Möglichkeiten sind. Jedes an Interpenetration beteiligte System realisiert in sich selbst das andere als dessen Differenz von System und Umwelt, ohne selbst entsprechend zu zerfallen. So kann jedes System im Verhältnis zum anderen eigene Komplexitätsüberlegenheit, eigene Beschreibungsweisen, eigene Reduktionen verwirklichen und auf dieser Grundlage eigene Komplexität dem anderen zur Verfügung stellen.“ (Ebd., S. 295.)

„Die Systemleistung, die interpenetrierende Systeme füreinander erbringen, besteht also nicht im Input von Ressourcen, von Energie, von Information. Auch dies bleibt natürlich möglich. Ein Mensch sieht etwas und erzählt es, steuert also Information zum sozialen System bei. Was wir Interpenetration nennen, greift jedoch tiefer, ist kein Leistungszusammenhang, sondern ein Konstitutionszusammenhang. Jedes System stabilisiert die eigene Komplexität. Es erhält Stabilität, obwohl es aus ereignishaften Elementen besteht, also durch die eigene Struktur zum ständigen Wechsel der eigenen Zustände gezwungen ist. Es produziert so ein strukturbedingtes Zugleich von Dauer und Wechsel. Etwas zugespitzt könnte man auch sagen: jedes System stabilisiert die eigenen Instabilitäten. Es garantiert damit die laufende Reproduktion noch unbestimmter Potentialitäten. Deren Bestimmung kann konditioniert werden. Diese Konditionierung läuft immer selbstreferentiell, ist also immer Moment der autopoietischen Reproduktion der eigenen Elemente; sie nimmt dabei aber, gerade weil reine Selbstreferenz tautologisch wäre, immer auch Anstöße aus der Umwelt auf. Selbstreferentielle Systeme sind deshalb in der Lage, verfügbare Potentialitäten für den Aufbau von Systemen auf ernergenten Realitätsniveaus freizuhalten und sich selbst auf die damit geschaffeneSonderumwelt einzustellen. Der Begriff Interpenetration zieht, so gesehen, die Konsequenzen aus dem Paradigmawechsel in der Systemtheorie: aus dem Übergang zur System/Umwelt-Theorie und zur Theorie selbstreferentieller Systeme. Er setzt diese theoretische Umdisposition auch insofern voraus, als er die Autonomie der interpenetrierenden Systeme begreift als Steigerung und Selektion von Umweltabhängigkeiten.“ (Ebd., S. 295-296.)

„Von Interpenetration soll nur dann die Rede sein, wenn auch die ihre Komplexität beitragenden Systeme autopoietische Systeme sind. Interpenetration ist demnach ein Verhältnis von autopoietischen Systemen. Diese Eingrenzung des Begriffsbereichs macht es möglich, das klassische Thema Mensch und Gesellschaft aus einem weiteren Blickwinkel zu betrachten, der mit dem Wortsinn von »Interpenetrieren« nicht ohne weiteres gegeben ist.“ (Ebd., S. 296.)

„So wie die Selbstreproduktion sozialer Systeme dadurch, daß Kommunikation Kommunikation auslöst, gleichsam von selber läuft, wenn sie nicht schlicht aufhört, gibt es auch am Menschen geschlossen-selbstreferentielle Reproduktionen, die sich bei einer sehr groben, hier aber ausreichenden Betrachtung als organische und als psychische Reproduktion unterscheiden lassen. Im einen Falle ist das Medium und die Erscheinungsform (ich nenne »Erscheinungsform« zusätzlich, um auf die aus der Autopoiesis sich ergebende Möglichkeit der Beobachtung hinzuweisen.) das Leben, im anderen Falle das Bewußtsein. Autopoiesis qua Leben und qua Bewußtsein ist Voraussetzung der Bildung sozialer Systeme, und das heißt auch, daß soziale Systeme eine eigene Reproduktion nur verwirklichen können, wenn die Fortsetzung des Lebens und des Bewußtseins gewährleistet ist.“ (Ebd., S. 296-297.)

„Diese Aussage klingt trivial. Sie wird niemanden überraschen. Gleichwohl bringt das Konzept der Autopoiesis zusätzliche Perspektiven ins Bild. Sowohl für Leben als auch für Bewußtsein ist die Selbstreproduktion nur im geschlossenen System möglich. Das hatte der Lebensphilosophie wie der Bewußtseinsphilosophie die Möglichkeit gegeben, ihren Gegenstand "Subjekt" zu nennen. Trotzdem ist die Autopoiesis auf beiden Ebenen nur unter ökologischen Bedingungen möglich, und zu den Umweltbedingungen der Selbstreproduktion menschlichen Lebens und menschlichen Bewußtseins gehört Gesellschaft. Um diese Einsicht zu formulieren, muß man, wie bereits mehrfach betont, Geschlossenheit und Offenheit von Systemen nicht als Gegensatz formulieren, sondern als Bedingungsverhältnis. Das soziale System, das auf Leben und Bewußtsein beruht, ermöglicht seinerseits die Autopoiesis dieser Bedingungen, indem es ermöglicht, daß sie sich in einem geschlossenen Reproduktionszusammenhang ständig erneuern. Das Leben und selbst das Bewußtsein brauchen nicht zu "wissen", daß dies sich so verhält. Aber sie müssen ihre Autopoiesis so einrichten, daß Geschlossenheit als Basis für Offenheit fungiert.“ (Ebd., S. 297.)

„Interpenetration setzt Verbindungsfähigkeit verschiedener Arten von Autopoiesis voraus - in unserem Falle: organisches Leben, Bewußtsein und Kommunikation. Sie macht Autopoiesis nicht zur Ailopoiesis; sie stellt gleichwohl Abhängigkeitsverhältnisse her, die ihre evolutionäre Bewährung darin haben, daß sie mit Autopoiesis kompatibel sind. Von hier aus wird besser verständlich, weshalb der Sinnbegriff theoriebautechnisch so hochrangig eingesetzt werden muß. Sinn ermöglicht die Interpenetration psychischer und sozialer Systembildungen bei Bewahrung ihrer Autopoiesis; Sinn ermöglicht das Sichverstehen und Sichfortzeugen von Bewußtsein in der Kommunikation und zugleich das Zurückrechnen der Kommunikation auf das Bewußtsein der Beteiligten. Der Begriff des Sinnes löst damit den Begriff des animal sociale ab. Es ist nicht die Eigenschaft einer besonderen Art von Lebewesen, es ist der Verweisungsreichtum von Sinn, der es möglich macht, Gesellschaftssysteme zu bilden, durch die Menschen Bewußtsein haben und leben können.“ (Ebd., S. 297-298.)

„Dieser Sachverhalt wird klarer, wenn man die reine Selbstreproduktion als bloße Fortsetzung des Lebens, der Bewußtheit, der Kommunikation unterscheidet von den Strukturen, mit deren Hilfe dies geschieht. Die Autopoiesis ist Quelle einer für das System unbestimmbaren Komplexität. Die Strukturen dienen der bestimmenden Reduktion und ermöglichen genau dadurch auch die Reproduktion der Unbestimmtheit, die immer wieder am Bestimmen als Möglichkeitshorizont erscheint. Nur beides zusammen ermöglicht Interpenetration. Das Interpenetrationsverhältnis seligiert dann seinerseits die Strukturen, die für die interpenetrierenden Systeme deren Selbstreproduktion ermöglichen. Oder mit einer Formulierung von Maturana: »An autopoietic system is a system with achanging structure that follows a course of change that is continuously being selected through its interaction in the medium in which it realized its autopoiesis«, und daraus folge, »that an autopoietic system is either in continuous structural coupling with its medium or disintegrates« (Humberto R. Maturana, Man and Society, a.a.O.. Mit »medium« in diesem Zitat ist social system gemeint. Im übrigen sind jedoch die Ausführungen des Meisters über soziale Systeme und deren eigene Autopoiesis dadurch beeinträchtigt, daß er als Biologe auch soziale Systeme für lebende Systeme hält und sie als »collection [!] of interacting living systems« [S. 11] unzureichend erfaßt. Somit fehlt denn auch eine ausreichende Analyse des Sachverhalts, den wir hier als Interpenetution zu begreifen versuchen.)“ (Ebd., S. 298.)

„Der hier gemeinte Sachverhalt ist also nur über komplizierte Formulierungen zugänglich zu machen. Es sind Differenz und Ineinandergreifen von Autopoiesis und Struktur (die eine sich kontinuierlich reproduzierend, die andere sich diskontinuierlich ändernd), die für das Zustandekommen von Interpenetrationsverhältnissen zwischen organisch/psychischen und sozialen Systemen auf beiden Seiten unerläßlich sind. Das Begreifen dieser Sachlage setzt dies Zusammenspiel einer Mehrheit von Distinktionen voraus. Läßt man nur eine von ihnen außer Acht, wird man zurückkatapultiert in die alte und ewig unfruchtbare, ideologisch besetzte Diskussion über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.“ (Ebd., S. 298.)

„Mit diesen Begriffsentscheidungen sind alle Gemeinschaftsmythologien verabschiedet - oder genauer gesagt: auf die Ebene der Selbstbeschreibung sozialer Systeme abgeschoben. Wenn Gemeinschaft heißen soll: partielle Verschmelzung personaler und sozialer Systeme, so widerspricht dies dem Begriff der Interpenetration direkt. Um das herauszuarbeiten, wollen wir zwischen Inklusion und Exklusion unterscheiden. Interpenetration führt zur Inklusion insofern, als die Komplexität der beitragenden Systeme von den aufnehmenden Systemen mitbenutzt wird. Sie führt aber auch zur Exklusion insofern, als eine Mehrzahl von interpenetrierenden Systemen, um dies zu ermöglichen, sich in ihrer Autopoiesis voneinander unterscheiden müssen. Weniger abstrakt formuliert: Die Teilnahme am sozialen System fordert dem Menschen Eigenbeiträge ab und führt dazu, daß die Menschen sich voneinander unterscheiden, sich gegeneinander exklusiv verhalten; denn sie müssen ihren Beitrag selbst erbringen, müssen sich selbst motivieren. Gerade wenn sie kooperieren, muß gegen alle natürliche Ähnlichkeit geklärt werden, wer welchen Beitrag leistet. Durkheim hatte diese Einsicht als Unterschied von mechanischer und organischer Solidarität formuliert; aber es geht nicht um unterschiedliche Formen der Interpenetration, sondern darum, daß stärkere Interpenetration mehr Inklusion und mehr (wechselseitige) Exklusion erfordert. Das daraus resultierende Problem wird durch »Individualisierung« der Personen gelöst.“ (Ebd., S. 298-299.)

„Es liegt außerhalb des Rahmens dieses Kapitels, Folgerungen für eine Theorie psychischer Systeme zu ziehen. Meine Vermutung ist jedoch, und dies wenigstens sei angedeutet, daß manche Themen und selbst Ambitionen der Philosophie des Bewußtseins in diesem Kontext wiederauftauchen werden. Wir streichen zwar die Behauptung, das Bewußtsein sei das Subjekt. Dies ist es nur für sich selbst. Trotzdem kann man nachvollziehen, daß die Autopoiesis im Medium des Bewußtseins geschlossen und zugleich offen ist. In jeder Struktur, die sie annimmt, adaptiert, ändert oder aufgibt, ist sie angeschlossen an soziale Systeme. Das gilt für »pattern recognition«, für Sprache und für alles andere. Sie ist trotz dieser Kopplung genuin autonom, weil nur das Struktur sein kann, was die Autopoiesis des Bewußtseins anleiten und in ihr sich reproduzieren kann. Damit findet man auch Zugang zu dem alle soziale Erfahrung transzendierenden Potential des Bewußtseins und zu einer Typik von Sinnbedarf, die dem Bewußtsein die eigene Autopoiesis im Wechsel aller spezifischen Sinnstrukturen garantiert. Im Zusammenhang einer Untersuchung von »Lebensbedingungen« hat Dieter Henrich Glück und Not als solche Sinngebungen behandelt, die ein ganzes Bewußtsein durchdringen, ohne in bestimmten Sinnformen greifbar und korrigierbar zu sein. (Siehe Fluchtlinien: Philosophische Essays, 1982, S. 11 ff. [**].)“ (Ebd., S. 299-300.)

„Verhältnisse der Interpenetration und Bindungen gibt es nicht nur zwischen Mensch und sozialem System, sondern auch zwischen Menschen. Die Komplexität eines Menschen wird für einen anderen von Bedeutung und umgekehrt. Wir wollen von zwischenmenschlicher Interpenetration sprechen, wenn es um genau diesen Sachverhalt geht (*), und wir müssem ihn einbeziehen, bevor wir auf Sozialisation zu sprechen kommen. (* Zur Terminologie: In Abweisung von früherem Sprachgebrauch spreche ich hier nicht von interpersonaler Interpenetration, weil auch das Körperverhalten einbezogen werden muß und weil Psychisches nicht in der sozial konstituierten Form von Personalität vorausgesetzt werden soll.)“ (Ebd., S. 303.)

„Der Begriff Interpenetration ändert sich bei dieser Verwendung nicht. Die Beziehung von Mensch zu Mensch ist damit auf den gleichen Begriff gebracht wie die Beziehung von Mensch und sozialer Ordnung. Gerade am identisch gehaltenen Begriff zeigen sich dann unterschiedliche Phänomene je nachdem, auf welche Arten von Systemen er bezogen wird.“ (Ebd., S. 303.)

„Die Nervenzelle ist kein Teil des Nervensystems, der Mensch ist kein Teil der Gesellschaft. Dies vorausgesetzt, müssen wir genauer fragen, wie es dann trotzdem möglich ist, die Komplexität des jeweils anderen Systems für den Aufbau des eigenen zu nutzen. Für den Bereich psycvhsicher und sozialer systeme, für den Bereich sinnhaft prozessierender Systeme also, lautet die Antwort: durch binäre Schematisierung.“ (Ebd., S. 311.)

„Die Norm kann ihre Wirklichkeitsprojektion nie voll durchsetzen; sie erscheint in der Realität daher als Spaltvorgang, als Differenz von Konformität und Abweichung.“ (Ebd., S. 312.)

„Das Normschema wirkt als Reduktion der Komplexität in Interpenetrationszusammenhängen nach zwei Seiten, und es wirkt in beiden Richtungen als Differenz. Es ist für soziale Systeme eine relativ leicht erreichbare Ordnungsgarantie - besonders wenn Normen variiert werden und Mechanismen für die Sanktionierung abweichenden Verhaltens zur Wirkung gebracht werden können. Für das Gesellschaftssystem heißt dies: Primat der Funktionsbereiche Politik und Recht.“ (Ebd., S. 313.)

„Oft wird der Komplexitätsbegriff schon gleich so verstanden: als Fehlen der für sichere Berechnung notwendigen Informationen (vgl. S. 50 f. [**]). “ (Ebd., S. 314.)

„Nicht Einheit, sondern Differenz ist die Interpenetrationsformel, und sie bezieht sich nicht auf das »Sein« der Systeme, sondern auf ihre operative Reproduktion.“ (Ebd., S. 315.)

„Die theoretischen Vorarbeiten, auf die wir zurückblicken, erlauben es, eine Frage zu formulieren. Wir hatten soziale Interpenetration und zwischenmenschliche Interpenetration unterschieden. Wir hatten außerdem an Hand der Komplexitätsprobleme in interpenetrativen Verhältnissen die Vorteilhaftigkeit binärer Schematisierungen (Beispiele: richtig/falsch, freundlich/feindlich, konform/abweichend, nützlich/schädlich u.a.; HB) dargelegt. Die Frage lautet: ob es eine binäre Schematisierung gibt, die beide Arten von Interpenetration zusammen bedient; die funktional diffus genug wirkt, um sowohl für soziale Interpenetration als auch für zwischen menschliche Interpenetration Komplexität zu reduzieren. Die Antwort lautet: ja. Dies ist die Sonderfunktion der Moral.“ (Ebd., S. 317.)

„Moral ... ist selbst, wissenssoziologisch interpretiert, ein Produkt der Situatiobn, die sie als beklagenswert formuliert. Nur bei oberflächlicher und zudem einseitiger Betrachtungsweise erscheint Moral als Bindemittel, das die Menschen in der Gesellschaft hält. Moral stößt auch ab, verfeindet auch und erschwert die Lösung von Konflikten - eine Erfahung, auf die man unter anderem mit der Trennung von Recht und Moral reagiert hatte. Jedenfalls ist die Funktion von Moral durch den Hinweis auf gesellschaftlichen Integrationsbedarf nicht zutreffend bestimmt. Die Gesellschaft ist, zum Glück, keine moralische Tatsache. Freilich übernimmt eine Theorie, die diese bestreitet, hohe Argumentationslasten. Sie muß Ersatz beschaffen. Dies versuchen wir mit Hilfe des Begriffs der Interpenetration, und das heißt: daß das Phänomen Moral nicht mehr auf die einfache Beziehung von Mensch und Gesellschaft bezogen wird, sondern auf die Beziehung zwischen Beziehungen: auf die Koordination zweier unterschiedlicher Interpenetrationsverhältnisse.“ (Ebd., S. 318.)

„Alle Moral bezieht sich letztlich auf die Frage, ob und unter welchen Bedingungen Menschen einander achten bzw. mißachten. Mit Achtung soll eine generalisierte Anerkennung und Wertschätzung gemeint sein, mit der honoriert wird, daß ein anderer den Erwartungen entspricht, die man für eine Fortsetzung der sozialen Beziehungen voraussetzen zu müssen meint. Achtung wird personenbezogen zugeteilt, jeder kann sie für sich gewinnen und verlieren (ohwohl in älteren Gesellschaften Gruppenzugehörigkeiten als Voraussetzung für Achtung/Mißachtung bedeutsam sind). In jedem Fall ist die Person als ganzes gemeint - im Unterschied zur Schätzung einzelner Verdienste oder Fähigkeiten, fachlichen, sportlichen, amourösen Könnens usw.. Achtung ist also ein symbolische Generalisierung, die auf die Person zielt und an ihr aber auch ihre Grenzen findet. .... Wichtig ist, daß die Person als ganzes zur Beurteilung steht. Dies ist Voraussetzung der binären Schematisierung: daß entweder Achtung oder Mißachtung angebracht ist, aber nicht ein Mischurteil wie: sportlich locker, menschlich warm, intellektuell unter dem Strich.“ (Ebd., S. 318-319.)

„Als Moral eines sozialen Systems wollen wir die Gesamtheit der Bedingungen bezeichnen, nach denen in diesem System über Achtung und Mißachtung entschieden wird.“ (Ebd., S. 319.)

„Moral ist eine symbolische Generalisierung, die die volle Komplexität von doppelkontingenten Ego/Alter-Beziehungen auf Achtungsausdrücke reduziert und durch diese Generalisierung (1) Spielraum für Konditionierungen und (2) die Möglichkeit der Rekonstruktion der Komplexität durch den binären Schematismus Achtung/Mißachtung eröffnet.“ (Ebd., S. 320.)

„Lockerung von Bindungen. Darin liegt, gesmtgesellschaftlich gesehen, auch eine Freigabe von Bindungsmöglichkeiten für stärker spezifische (nicht mehr die Gesamtperson betreffende) und zugleich kumulative Verwendungen. Man denke an Modeströmungen (wie etwa die Devotionsbewegung des 17. Jahrhunderts), an soziale Bewegungen, an Gruppierungen um Freizeitaktivität, aber auch an organisiertes Verhalten. Aggregationen dieser Art erzeugen dann durch Kumulation Effekte eigener Art, die heute die Gesellschaft vielleicht stärker bestimmen als der Schematismus der Moral - besonders wenn die Publikumsorientierung der Politik und die Konsumorientierung der Wirtschaft besondere Sensibilität dafür bereithalten. All das setzt eine abgeschwächte, temporäre, aber reizbare Bindungsfähigkeit von Individuen voraus. (Frappierend die Parallele zur schwachen, kumulativen und spezifischen chemischen Bindungsfähigkeit bestimmter Großmoleküle als Voraussetzung für die Entstehung von Leben.)“ (Ebd., S. 321-322.)

„Diese sozialkulturellen Entwicklungen muß man voraussetzen, dann sieht man den Kontext des daraus resultierenden Bedarfs für Reflexionsleistungen im Bereich der Moral. Ethische Theorien suchen diese strukturelle Problematik durch Theorie zu kompensieren, um zu verhindern, daß die Moral auch semantisch entwertet wird.“ (Ebd., S. 322.)

„Moral gelingt eben nur, wenn es gelingt, beide Interpenetrationsformen zu koppeln, also die Bedingungen, zu denen man sich persönlich und menschlich auf einen anderen einlassen kann, zurückzubinden an den Aufbau eines gemeinsamen Sozialsystems (oder auch: an das Schon-Leben in einem solchen Sozialsystem), und wenn umgekehrt das Kontinuieren der Operationen eines solchen Systems nicht unabhängig davon denkbar ist, was die Menschen persönlich voneinander halten und wie sie wechselseitig die Komplexität und die Entscheidungsfreiheit des jeweils anderen in die eignene Selbstauffassung einbauen.“ (Ebd., S. 323.)

„Wir ... gewinnen auch die Möglichkeit, Differenzphänomene zu analysieren und die Verschiebung von Themen im Verhältnis zur Moral zu beobachten. So kann man, um ein Beispiel zu geben, ab etwa 1650 für knap p150 Jahre von einer Moralkrise des Themenkomplexes Liebe und Sexualität sprechen. Liebe wird (im Zusammenhang mit Sexualität) auf ein kurzzeitiges, wenn nicht gar momenthaftes Phänomen reduziert, das für die Beteilgten höchste Erfüllung bedeutet - aber eben nur für den Augenblick. Das heißt: die Höchstform zwischenmenschlicher Interpenetration erfordert zugleich den Verzicht auf die Bildung eines sozialen Systems (Typ Ehe), das Dauer verheißen könnte. Im Spiel der Verführung, des Widerstandes, der Hingabe muß man daher auf moralische Sicherheiten, ja selbst auf Achtung verzichten - mit all der Bitterkeit und den psycholgischen Schwierigkeiten, die das (besonders für Frauen) mit sich bringt. In eine vordergründigen Nomenklatur geht es zwar noch um Tugend und Reputation; aber das eigentliche Problem ist, daß man angesichts der Inkonstanz der Liebe auf einen sozialen Halt verzichten muß. Der Fokus der Moral wandert, soweit es um Zweierbeziehungen geht, in die Semantik der Freundschaft ab.“ (Ebd., S. 323-324.)

„Umgekert geht es der Wirtschaftstheorie. Hier setzt die gesellschaftliche Änderung damit einb, daß produktive Arbeit nicht mehr (oder zunächst: nicht mehr nur) hauswirtschaftlich abläuft, sondern über den Geldmechanismus an die Wirtschaft angeschlossen wird. Dafür tritt die zwischenmenschliche Interpenetrationzurück und statt dessen neue Formen sozialer Interpenetration, Markt und Organsiation, in den Vordergrund. Man tauscht Arbeitsteilung nach spezifischen Anforderungen gegen Bezahlung in bestimmter Höhe. Dabei ist die Einbeziehung der vollen Komplexität des Menschen in die eines anderen nicht nur unnötig, sondern auch als Störfaktor zu vermeiden. Also kann die soziale Interpenetration nicht mehr die zwischenmenschliche Interpenetration mitversorgen. Achtung wird entbehrlich, Einschätzung von Leistungs- und Zahlungsfähigkeit genügen. Adam Smith schreibt eine Wirtschaftstheorie außerhalb seines Hauptwerkes, seiner »Theorie der moralischen Gefühle«.“ (Ebd., S. 324.)

„Moral wird zum Störfaktor, jedenfalls zu einer Attitüde, die ohne Mißtrauen beobachtet und in Schranken gehalten werden sollte. Die Maximen, die Machiavelli einem Fürsten mitgeben wollte, hatten zu seiner Zeit die moralisch gestimmten Gemüter erregt. Heute sollte man eher erschrecken, wenn man im Wahlkampfstab einer politischen Partei die Äußerung hört: »Die Leute wollen doch nur wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind, und das sagen wir ihnen«. (Ich verzichte darauf, das Zitat zu belegen [was man müßte, wenn man mit dem Zitieren ein moralisches Urteil verbinden und über Achtung und Mißachtung disponieren wollte].)“ (Ebd., S. 325.)

„Für die Behandlung von Fragen der Sozialisation, die nun anschließt, haben wir zu erinnern:
(1) daß wir Probleme der Kausalität als sekundär ansehenj gegenüber Probölemen der Selbstreferenz;
(2) daß alle Informationsverarbeitung ihren take off nicht an Identitäten (zum Beispiel: Gründen) gewinnt, sondern als Differenzen;
(3) daß wir genötigt waren, Kommunikation 8als konstituierende und reproduzierende Autopoiesis) und Handlung (als konstituiertes Element sozialer Systeme zu unterscheiden;
(4) daß wir Menschen als Umwelt sozialer Systeme ansehen;
(5) daß das verhältnis von Mensch und sozialem System unter dem Gesichtspunkt von Interpenetration begriffen wird.
Mit diesen Ausgangspunkten sind Vorarbeiten geleistet, sind Pfosten eingerammt, an denen wir die Theorie der Sozialisation vertäuen können.“ (Ebd., S. 325.)

„Alle Interpenetrationsverhältnisse erzeugen ... im Zuge ihrer Realisierung ... Schematismen. Nur mit ihrer Hilfe können Sitautionen erfaßt und für Informationsgewinnung ausgewertet werden. Nur im Scheamtismus Verstehen/Nichtverstehen gibt es jenen Aha-Effekt, der mit bestimmten unerwarteteten Ereignissen aufleuchtet und als Erfolgserlebnis gebucht werden kann. Nur im Schematismus Zuwendung/Abwendung kann man Signale lernen, die den einen bzw. den anderen Fall produzieren. .... Im Differenzschema liegt eine Vorentscheidung über die danach möglichen Optionen; un d diese Vorentscheidung, nicht esrt die Option, hat weitreichende Bedeutung für den Sozialisationsprozeß“ (Ebd., S. 327-328.)

„Festzuhalten ist gerade, daß es sich bei Differenzbildungen immer um Reduktionen handelt; aber eben um Reduktionen, die sich in Interpenetrationsverhältnissen bewähren und deshalb in der Sozialisation bevorzugt ausgebildet werden.“ (Ebd., S. 328-329.)

„Jedes Schema, für sich genommen, steigert die Wahrscheinlichkeit einer Akkumulation von Sozialisationserfahrungen auf entweder der einen oder der anderem Linie. Wenn das so ist. muß es für den Sozialisationsprozeß von erheblicher Bedeutung sein, daß nicht nur ein einziges Schema den Gesamtprozeß dominiert.“ (Ebd., S. 329.)

„Alle Sozialisation läuft als soziale Interpenetration, alle soziale Interpenetration als Kommunikation ab. Kommunikation gelingt und ist als gelingend erfahrbar, indem drei Selektionen (Inforamtion/Mitteilung/Verstehen) eine Einheit bilden, an die Weiteres angeschlossen werden kann. Teilnahem an diesem Geschehen ... ist die Grundlage aller Sozialisation.“ (Ebd., S. 330.)

„Mit Hilfe der Differenz bewußt/unbewußt hat sich Psychisches vom Körperlichen (oder genauer: vom Körper/Seele-Schema) emanzipiert, ist eigenmächtig und seinerseits hochkomplex geworden un d trotzdem leicht interpretierbar geblieben. Damit hat aber die Körperkultur ihren Wert als Indikator für psychische Vorgänge verloren. Die wechselseitige Interpenetration im sozialen Leben mit Hilfe des Schemas bewußt/unbewußt kann zwar Körperverhalten als psychisch gesteuert einbeziehen, erübrigt eben damit aber die Funktion der Körperkultur, Einblick in Psychisches zu ersetzen.“ (Ebd., S. 335.)

„Eine heute verbreitete Klage meint: der Körper sei mit Gewalt zum Schweigen gebracht worden.“ (Ebd., S. 335.)

„Am sprot fällt zunächst die extreme Reduktion weiterreichender Sinnbezüge auf, die dann als Grundlage dient für ein komplexes Arrangement von Leistungsbewertungen, Notierungen, Vergleichen, Fortschritten und Rückschritten. Eine Zulieferungsindustrie, ein mitlebendes Zuschauerinteresse usw. schließen an. Damit ist nicht nur (einmal mehr) belegt, daß Reduktionen den Aufbau von Komplexität ermöglichen, die dann durch die Reduktionen nicht mehr kontrolliert werden kann.“ (Ebd., S. 336-337.)

„Jede noch so unwahrscheinliche Ausdifferenzierung spezifischer Funktionsbereiche muß auf die Tatsache rückbezogen bleiben, daß Menschen in körperlicher Existenz zusammenleben, sich sehen, hören, berühren können. Noch so geistvolle, fast immateriell gelenkte Systeme wie Wirtschaft, Recht und Forschung können nicht ganz davon abheben. Sie mögen es auf einen Schattenkuß reduzieren ...; irgednwei aber müssen sie die Kontrolle der Körperlichkeit in den Symbolismus ihrer generalisierten Kommunikationsmedien einbeziehen; sie müssen Zeichen des Auslösens oder Verhinderns dafür bereithalten und entsprechende Erwartungsbildungen vorsehen. Die soziokulturelle Evolution nimmt nicht die Richtung von Materie zu Geist, von Energie zu Information; sie führt aber zu zunehmend anspruchsvollen, aspekthaften Kombinationen von Körperlichkeit und funktionsspezifischer Kommunikation.“ (Ebd., S. 337-338.)

„Die moderne Semantik des Körpers kann nicht mehr mit der Differenz von res-corporales/res-incorporales erfaßt werden, mit der die Tradition dem Verhältnis zum Körper Informationswert gegeben hatte. Damit verliert auch die Differenz von (sterblichem) Körper und (unsterblicher) Seele ihren Halt in einer über sie hinausgreifenden Differenz, die die ganze Schöpfung strukturiert, ja den Aspekt der Schöpfung selbst formuliert.“ (Ebd., S. 339-340.)

„Mit dem Ausklingen jener Leitdifferenz körperlich/unkörperlich werden ältere semantische Vorverständigungen obsolet. Zugleich wird Körpersinn aber auch ferigesetzt für diejenigen Sonderbestimmungen, die wir mit Tanz, Sport und symbiotischen Mechanismen entwickelt haben. Teils wird der Körper selbst zum Kristallisationspunkt für Soziales einbeziehende Sinngebung; teils wird er für die Verwendung in den kombinatorisch Zusammenhängen der großen Funktionssysteme zurechtaspektiert. Die Semantik der Körperlichkeit mit ihrem wohl unbestreitbaren Einfluß auf Körperempfinden und Körperverwendung korreliert mithin mit der Formenveränderung, sie sich in der soziokulturellen Evolution ergibt. Und dies ist deshalb der Fall, weil der menschliche Körper weder eine bloße Substanz (als Träger von Fähigkeiten) noch ein bloßes Instrument für soziale Verwendung ist, sondern weil er miteinbezogen ist in die Interpenetration von Mensch und sozialem System. “ (Ebd., S. 341.)

„Als Umwelt ist der Körper der Gesellschaft vorgegeben (was nicht ausschließt, vielmehr gerade einschließt, daß die sozioKulturelle Evolution auch die organische Evolution beeinflußt). Als hochkomplexes und dadurch konditionierbares Agglomerat von Systemen hat der Körper dagegen einen Sinn, der Komplexität in sozialen systemen als verfügbar erscheinen läßt: Man sieht dann, berücksichtigt dann, erwartet dann ganz unmittelbar, daß er sich so oder so auch anders verhalten kann. Aber diese Einheit der Komplexität und diese Unmittelbarkeit der Orientierung an ihr sind nicht der Körper selbst; sie werden zur Einheit und Unmittelbarkeit erst im Schema der Differenzen, die sich aus der Interpenetration ergeben.“ (Ebd., S. 341.)

„An Stewlle einer Zusammenfassung soll anschließend nochmals herausgestellt werden, daß Interpenetration auch ein Sachverhalt ist, der in allen angesprochenen Hinsichten historisch variiert, das heißt, mit der Evolution des Gesellschaftssystems sich aufbaut und sich ändert. Grundlage dieser Annahme ist die These: daß Komplexitätsverhältnisse weder eine beliebige noch eine von ihnen unabhängige Ordnung zulassen. Wird die Komplexität, die interpenetrierende Systeme einenander zur Verfügung stellen, gesteigert, wird die Kontingenz ihrer Reduktion erkennbar, wird die Selektivität aller Festlegungen verschärft, so ändert sich auch die Formen der Interpenetration, die sich dann noch bewähren können.“ (Ebd., S. 342.)

„Ohne einen binären Code gibt es auch kein »ausgeschlossenes Drittes«. “ (Ebd., S. 340.)

„Vor allem die zwischenmenschliche und die soziale Interpenetration treten auseinander.“ (Ebd., S. 343.)

„Sozialisation als Folge von Interpenetration für den Menschen .... “ (Ebd., S. 344.)

„Erfahrung, daß weder die Gesellschaft durch Moral noch die Sozialisation durch Erziehung unter Kontrolle gebracht werden kann.“ (Ebd., S. 344.)

„These: daß Steigerungen der Komplexität sozialer Systeme (und die Gesellschaft ist das komplexeste, das alle anderen in sich einschließt) die Interpenetrationsverhältnisse ändern, sie diversifizieren und sie weniger unmittelbar an ihren eigenen »natürlichen« Ablauf zurückbinden.“ (Ebd., S. 345.)

 

Soziale Systeme Die Individualität psychischer Systeme.

„Wir gehen davon aus, daß die sozialen Systeme nicht aus psychischen Systemen, geschweige denn aus leibhaftigen Menschen bestehen.“ (Ebd., S. 346.)

„Jedes dieser Systeme hat seine eigenen »innere Unendlichkeit«. Keines ist in seiner Totalität und in seinen Wahlgrundlagen beobachtbar. Es ist deshalb prinzipiell falsch, anzunehmen, Individuen seien besser oder jedenfalls direkter beobachtbar als soziale Systeme. Wenn ein Beobachter Verhalten auf Individuen zurechnet und nicht auf soziale Systeme, ist das seine Entscheidung. Sie bringt keinen ontologischen Primat von menschlicher Individualität zum Ausdruck, sondern nur Strukturen des selbstreferentiellen Systems der Beobachtung, gegebenenfalls also auch individuelle Präferenzen für Individuen, die sich dann politisch, ideologisch und moralisch vertreten lassen, aber nicht in den Gegenstand der Beobachtung projiziert werden dürfen. (Hier läßt sich im übrigen auch sehr leicht die prinzipielle Schwäche einer transzendentaltheoretischen Fundierung von Individualität [statt: von Arbeitskategorien der Vernunft] erkennen. Nach der eigenen Theorie muß der Transzendentaltheoretiker sich selbst dann als freies und dadurch unerkennbares Individuum postulieren, also als einen Theoretiker, der sich nicht in die Karten schauen läßt.)“ (Ebd., S. 347.)

„Gegen jede Art von individualistischem Reduktionismus wird immer wieder eingewandt, daß er als Reduktionismus den »emergenten« Eigenschaften sozialer Systeme nicht gerecht werden könne. Wir wenden zusätzlich ein, daß es sich nicht einmal um Reduktionismus handele, sondern nur um eine (extrem verkürzte) Relationierung auf psychische statt auf soziale Systeme. Dieser Sachverhalt wird verstellt, wenn man psychische Systeme kurzerhand als Individuen bezeichnet, also sie als ausreichend charakterisiert ansieht, wenn man sie für »unteilbar« erklärt.“ (Ebd., S. 347.)

„Vielleicht ist das einzige aktuelle problem, hinreichendes Geschick für Übergänge zu entwickeln (fast denkt man hier an Dialektik: Einheit in Übergängen erscheinen lassen!) und Lösungsmöglichkeiten für den Fall von Konflikten bereitzuhalten.“ (Ebd., S. 374.)

„Was damit erfaßt werden kann, ist allerdings das wohl wichtigste Problem der Autopoiesis des Bewußtseins: das Problem des Todes. Den eigenen Tod kann man sich als Ende des Lebens vorstellen, nicht aber als Ende des Bewußtseins.“ (Ebd., S. 374.)

„Der Tod ist kein Ziel. Das Bewußtsein kann nicht an ein Ende gelangen, es hört einfach auf.“ (Ebd., S. 375.)

„Je individueller ein psychisches System sich begreift und die eigene Autopoiesis reflektiert, desto weniger kann es sich ein Weiterleben nach den Tode vorstellen und desto unvorstellbarer wird ineins damit der letzte Moment des Bewußtseins.“ (Ebd., S. 376.)

 

Soziale Systeme Struktur und Zeit.

„“ (Ebd., S. 400.)

„“ (Ebd., S. 400.)

 

Soziale Systeme Widerspruch und Konflikt.

„“ (Ebd., S. 500.)

„“ (Ebd., S. 500.)

„Bürokratie ist bekanntlich ein System mit sehr geringer Störempfindlichkeit.“ (Ebd., S. 525.)

 

Soziale Systeme Gesellschaft und Interaktion.

„“ (Ebd., S. 500.)

„“ (Ebd., S. 500.)

 

Soziale Systeme Selbstreferenz und Rationalität.

„“ (Ebd., S. 500.)

„“ (Ebd., S. 500.)

 

Soziale Systeme Konsequenzen für die Erkenntnistheorie.

„“ (Ebd., S. 600.)

„“ (Ebd., S. 600.)

 

 

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- Literaturverzeichnis -