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Spengler Spengler-Zitate Spengler
„DAS VERHÄLTNIS VON WIRTSCHAFT
UND STEUERPOLITIK SEIT 1750“, 1924
(in: „Politische Schriften“, 1919-1926)
Zitate
Ein Vortrag (Düsseldorf, 19.09.1924)
Zitate

NACH OBEN Zitate aus dem Vortrag in Düsseldorf (19.09.1924):

„Schon in den letzten jahren Ludwigs XIV. wurde eine Umwälzung bemerkbar: der alte Adel war überschuldet und verarmt; auf Geschenke und Pensionen angewiesen; der neue Finanzadel überwog ihn weit an Einfluß.“ (Oswald Spengler, Das Verhältnis von Wirtschaft und Steuerpolitik seit 1750, 1924, in: Politische Schriften, S. 300-301Spengler).

„Gerade in Frankreich ist unter Ludwig XIV. eine gewisse Stumpfheit des wirtschaftlichen Denkens deutlich fühlbar. Nur als Reste altgermanischen Feudalrechts bestehen daneben die Grundsteuersysteme. Sie beruhen sämtlich auf dem Gedanken, daß Grund und Boden Eigentum des Herrschers sind und dem Untertanen verliehen werden, so wie in England heute noch das ganze Land als Eigentum des Königs gilt. Das älteste Beispiel dieser Auswertung eroberter Länder durch Verteilung und geregelte Grundabgaben bieten die Normannen seit 1000 in der Normandie, seit 1066 im größten Stil in England, später in Sizilien. Aus der Rechnungskammer ihrer Könige stammen die Ausdrücke Quittung, Kontrolle,. Konto, Scheck (von dem schachbrettartig ausgelegten Rechnungstisch), Exchequer (Name des englischen Schatzamtes) und Clerk (von clericus, geistlicher Schreiber). Die Steuer haftet deshalb an der Grundfläche und deren möglichem, nicht an der Art der Bewirtschaftung und deren ta tsächlichem Ertrag, um den zu schachern oder den nachzurechnen die Würde dem Herrscher verbietet. Diese Bedeutung hat die »Taille« in Frankreich, welche den berühmten Streit um die Steuerfreiheit des französischen Adels und damit den Ausbruch der Revolution herbeiführte. Man versteht das heute in der Regel falsch: Der Adel wollte wohl zahlen - parteiische Geschichtsschreibung hat die große Opferbereitschaft der beiden Notabelnversammlungen stets verschwiegen -, aber nicht durch die Form der Auflage in den Rang von Untertanen herabgedrückt werden.
(Spengler). Hinter dem Kampf um die Finanzen stand der um die feudale Weltanschauung. Mit der Taille ist das Grundsteuersystem Josephs II. in Österreich und der »Generalhufenschoß« Friedrich Wilhelms I. in Preußen ver- gleichbar. Die englische Landtaxe war schon um 1700 eine Art fester Bodenrente geworden, die den Landbesitzer als Erbpächter erscheinen ließ. Wenn all diese Verfahren auch umschichtend und lähmend auf die Wirtschaft wirkten, so geschah das unbewußt und unbemerkt. Eine über den Ertrag hinausgehende Einsicht ist nirgends vorhanden. Aber diese Finanzmethoden gehen mit der französischen Revolution zu Ende. Der Bedarf wächst durch die Massenkriege und wirtschaftlichen Verwüstungen der jakobinischen und napoleonischen Zeit um das Vielfache. England muß bis 1816 eine Art Einkommentaxe erheben; in Frankreich geht die Besteuerung 1792 bis 1799 zuweilen bis zur tatsächlichen Beschlagnahme ganzer Einkommen und Vermögen. Die Hälfte des französischen Bodens wird den rechtmäßigen Besitzern genommen und verkauft oder verschleudert, eine Umschichtung des Nationalvermögens und damit der Bevölkerung, die auf den französischen Charakter ohne Zweifel tiefer gewirkt hat als die Ideen von 1789. Erst seitdem hat sich das französische Rentnerideal mit seiner besonderen Auffassung des Kapitals durchgesetzt. Vor allem aber wird nun die Auffassung der Besteuerung als Hoheitsrecht erschüttert. Eine Besinnung erwacht, mehr infolge der neuen politischen Ideale als der Höhe und Gefahr der Belastung. Aber man ist weit entfernt davon, nun etwa die inneren Bedingungen der Wirtschaft als der eigentlichen und einzigen Steuerträgerin zu studieren. Im Gegenteil. Die Nationalökonomie ist noch jung und viel zu abstrakt; man hat noch nicht gelernt, die Pflege der Wirtschaft als das erste und wichtigste Kapitel einer Finanzwissenschaft zu betrachten. Man folgt durchaus einer politisch-philosophischen Ideologie und erblickt das Wesen der Steuer in einer Art von wechselseitiger Pflichterfüllung freier Menschen, ganz im Geiste von Rousseaus Contrat social. Die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit führen wie von selbst zu einem sentimentalen Steuerideal auf Grund der angeborenen Menschenwürde: der einzelne soll seinen Anteil an den allgemeinen Lasten persönlich einschätzen und persönlich abführen. Aber damit entfernt man sich von der Voraussetzung wirtschaftlicher Erfahrung, statt sich ihr zu nähern. Die Gleichheit und Gerechtigkeit, die ideale Form wird wichtiger als die Kosten, selbst als der Reinertrag. Das Gefühl des Neides beginnt seinen Einfluß auf die Steuergesetzgebung geltend zu machen. Die europäischen Finanzminister um die Mitte des vorigen Jahrhunderts haben weniger geschäftlich gedacht als die des ancien régime. In der damaligen deutschen Finanzwissenscahft, unbestritten der ersten, aber auch der abstraktesten der Welt, war viel zu viel Kant und Hegel und viel zu wenig kaufmännische Erfahrung.“ (Oswald Spengler, Das Verhältnis von Wirtschaft und Steuerpolitik seit 1750, 1924, in: Politische Schriften, S. 301-304Spengler).

„Hier könnte Deutschland als das Land der Ideem vorbildlich für die ganze Welt werden, die an dem gleichen Fehler zu erliegen droht. Das Steuerproblem muß vom Wirtschaftsleben aus neu gestellt und durchdacht werden; an Stelle der Hoheitsrechte des 18., der Ideologie des 19. muß die wirtschaftliche Erfahrung des 20. Jahrhunderts treten. Es sollte ein Weltkongreß von Kennern des Wirtschaftslebens berufen werden, der von dieser Erfahrung aus die Form der Überführung der Steuerwerte aus dem Privathaushalt in den Staatshaushalt untersucht, der feststellt, an welcher Stelle und in welcher Weise den wirtschaftlich arbeitenden Einheiten Kraft entzogen werden kann, den Werken, nicht den Personen, an denen zufällig die Eigenschaft des Besitzes haftet. Man muß einsehen, daß man mit den Werken und mit ihnen allein die Besitzer erfaßt, da es keinen unrentablen Besitz auf Dauer geben kann. Je »gerechter« eine Steuer ist, desto ungerechter ist sie heute. In der Beurteilung dieser Dinge hat die Wirtschaft das erste Wort, nicht der Jurist, der Berufspolitiker und nicht der Finanzbeamte. Gelingt es der westeuropäischen Welt nicht, sich hier von den Vorurteilen und Empfindlichkeiten des demokratischen Zeitalters freizumachen, so sinkt sie wirtschaftlich auf eine Stufe, welche die Erhaltung der vorhandenen Menschenmasse nicht mehr gestattet, geschweige denn die Erhaltung ihrer Kultur.“ (Oswald Spengler, Das Verhältnis von Wirtschaft und Steuerpolitik seit 1750, 1924, in: Politische Schriften, S. 309-310Spengler).

 

NACH OBEN Anmerkungen:

 

Vgl. Adalbert Wahl, „Die Notablenversammlung von 1787“ (1899) und „Vorgeschichte der französischen Revolution“, Band II (1901).

 

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