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„Wir befinden uns im Cyberkrieg“
Frank Schätzing (*1957) im Gespräch,
in: Cicero, November 2009, S. 112-115

Ente will nach oben „Nur eine starke Bildung befähigt ..., in einer globalisierten, sich exponentiell entwickelnden Welt der Forschung, der Wissenschaft und der Wirtschaft mithalten zu können. Doch gerade Bildung wurde in Deutschland viel zu lange sträflich vernachlässigt. Wir haben eine freundliche, aber biedere Kanzlerin, die in diesen Dingen nicht gerade visionär wirkt.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 112).

„Wenn ich den Politikern so zuhöre, wird ständig über Arbeitsplätze und Mindestlohn geredet, aber nie habe ich das Gefühl, daß dieses Land in den nächsten zehn Jahren schillern und glänzen wird. Dabei haben wir hervorragende Forscher! Aber statt daß man ihnen den roten Teppich ausrollt, so daß die Welt mit Interesse auf Deutschland schaut, kürzt man ihre Budgets an allen Ecken und Enden mit dem Ergebnis, daß sie ihre Projekte ohne privates Sponsoring kaum noch finanziert bekommen.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 112).

„Es gibt so eine aufgesetzte (linke!) Empörung bei uns: Wie kann man Millionen in visionäre Forschungsprojekte stecken, solange Menschen in Armut leben? Zum Mond fliegen, während andere hungern? Diese Betrachtungsweise ist vollkommener Unsinn. Man darf Sozialpläne und Forschung nicht gegeneinander aufrechnen. Wir müssen uns der Parallelität der Probleme bewußt werden, statt im Entweder-Oder zu erstarren ....“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 112).

„Wir befinden uns heute mitten in einem Prozeß, in dem sich Teile der Privatwirtschaft immer mehr von den gesellschaftlichen Bedürfnissen abkoppeln. Jede Transparenz geht verloren, es entsteht eine Kluft zwischen Privatwirtschaft und Politik. Da mag Herr Ackermann mit Frau Merkel noch so einträchtig Geburtstag feiern, wahre Kommunikation findet nicht statt. Das private Kapital verachtet den Staat für seine Trägheit, was nachvollziehbar ist, wenn man sieht, wie sich die Bedenkenträger in den Parteien gegenseitig die Klinke in die Hand geben. Der Staat wiederum zieht sich aus der freien Wirtschaft zurück, verscherbelt sein Tafelsilber, verliert an Einfluß, erstickt in Bürokratie. Parteien sind kaum noch mehrheitsfähig. Entweder sie besetzen (die linke) Extreme oder verlieren sich in der Profillosigkeit der (linkenLINKS) Mitte. Sie lähmen einander in Koalitionen und punkten eigentlich nur noch in der Außenpolitik.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 112).

„In Japan beispielsweise bauen Unternehmen wie Toyota seit Jahren eigene Kindergärten und Krankenhäuser. Die haben sogar ihre eigenen Friedhöfe. Solche Konzerne sind wie Staaten im Staat. Sie bieten ihren Angestellten eine in sich geschlossene Lebenswelt, eine Heimat. Was zeigt, daß die Privatwirtschaft durchaus soziale Kompetenzen wahrnehmen und den Staat entlasten kann.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 112).

„Was wird also aus denen, die im Universum der Konzerne keine Heimat finden? Denen bleibt nur der Staat, der damit zum Auffangbecken für Verlierer und ergo für Gewinner unattraktiv wird. Keine gesunde Entwicklung. Wir haben in den vergangenen Monaten viel über Raubtierkapitalismus gesprochen, über Heuschrecken, über die Gier der Manager. Aber was folgt daraus? Hat die Krise wirklich Nachdenklichkeit produziert? Oder wird nächstes Jahr, wenn das Thema durch ist, alles wieder so laufen wie zuvor? Ich wette, ja. Die gleiche Gier, die gleiche mangelnde Transparenz. Die Chance, Staat und Kapital in eine starke, transparente Partnerschaft zum Wohle aller zu überführen, wird gerade vertan.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 112-114).

„Mir geht es nicht darum, Leistungen zu beschneiden, ich finde es im Gegenteil idiotisch, Managergehälter beschränken zu wollen. Die Folge wäre eine Bürokratisierung des Managements, die Motivation würde sinken, und gerade in der Krise muß man Leistungsträger auf jede erdenkliche Weise stärken. Aber eben nur, wenn sie auch wirklich Leistung bringen! Wer hingegen den Karren in den Dreck fährt, sollte zur Verantwortung gezogen werden.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 114).

„Sich die Taschen vollzumachen und zu denken, es werde schon irgendwie gut gehen, hat mit Risikofreudigkeit nichts zu tun. Gute Manager sind sich der potenziellen Folgen ihres Handelns bewußt, sie gehen Risiken ein und stehen zu ihrer Verantwortung. Was wir wirklich brauchen, sind Ethikkurse für Manager. Nur wenn ethisches Denken schon in der Ausbildung verankert wird, kann sich etwas verändern.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 114).

„Warum ist ein Mensch gierig? Weil er in einem System aufwächst, das Gier zulässt und ermöglicht. Die persönliche Deformierung beginnt in der Schule, also muß unser Bildungswesen schon früh dagegen anarbeiten und den Blick auf die Welt weiten. Globalisierung und Ethik müßten Schulfächer werden, Schüler und Studenten müßten für den Gegensatz von Arm und Reich sensibilisiert werden. Es gibt ein beschämend geringes Bewußtsein dafür, wie vernetzt die Probleme auf unserem Planeten sind.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 114).

„Die Ignoranz der Weltgesellschaft, was den Terrorismus betrifft, seine Gründe und seine Organisationsformen, ist offenkundig. Offenbar sind wir durch den permanenten Medienkonsum immun geworden, wie Käfer, die täglich mit Insektiziden besprüht und irgendwann resistent werden. Terror im Ausland berührt uns kaum noch. Der Mensch ist ein Höhlenbewohner. Echte Empathie für das, was von der Welt draußen berichtet wird, kann er nicht aufbringen.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 114).

„Der Netzwerkterrorismus ist schon jetzt ein großes Problem. Wir werden uns darauf einstellen müssen, daß Terroristen komplette staatliche Netzwerke lahmlegen. Wenn Sie sich vorstellen, wie ein Staat aufgebaut ist, mit den Eckpfeilern Banking, Telekommunikation und Energie, dann gewinnen Sie einen Eindruck von seiner enormen Verwundbarkeit. Die nachhaltige Schädigung der Energieversorgung etwa könnte die USA auf den Stand eines Entwicklungslandes zurückwerfen. Insofern kann man schon von einem drohenden Cyberkrieg sprechen.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 114).

„Wenn Sie ... die Stromversorgung einer Stadt oder sogar eines Landes lahmlegen, wenn Information, Kommunikation und die Logistik des Alltagslebens nicht mehr funktionieren, sorgen Sie in kürzester Zeit für völlige Destabilisierung.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 114).

„An solch einem Szenario arbeiten die Chinesen hinsichtlich Taiwans. Sie dringen nicht nur aus Spionagegründen in die Rechner anderer Länder ein, sondern suchen nach Wegen, um Netze im taktisch entscheidenden Moment auszuschalten, etwa durch das Einschleusen von elektronischen Schläfern. Angenommen nun, Peking beschließt, Taiwan zu annektieren, dann würde es im Vorfeld versuchen, die Kommunikationssysteme des us-amerikanischen Militärs auszuschalten, um sich den erforderlichen zeitlichen Vorsprung zu verschaffen. Die us-amerikanischen Streitkräfte würden erst anrücken, wenn die Chinesen längst gelandet sind und Tatsachen geschaffen hätten.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 114).

„Es ist die Privatwirtschaft, aus der schon jetzt die wichtigsten innovativen Impulse kommen. Im Buch (Limit, 2009) soll das irdische Energieproblem gelöst werden, indem man auf dem Mond Helium3 abbaut und zur Erde transportiert. Amerika und China streiten um die Schürfrechte, aber der Vorsprung der Amerikaner verdankt sich letztlich einem privaten Konzern, der damit ganz klar Politik macht. Seit Jahren sehen wir strukturell ähnliche Vorgänge, obwohl sich Politiker immer noch als Entscheider gerieren. Kein Präsident gibt sich gern als Hampelmann der Industrie zu erkennen. Bush aber war genau das, eine Marionette, hinter der als Strippenzieher Dick Cheney stand und der war eher Privatwirtschaftler als Politiker.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 115).

„Mit der Gasprom verhält es sich genauso. Auch hier haben sich die Grenzen zwischen Privatwirtschaft und Politik schon lange zersetzt. Und als Krönung installierte die ökonomisch mächtige Clique an der politischen Spitze eine Figur, die die staatlichen Aufgaben privaten Interessen unterwarf. Mir persönlich wäre es lieber, daß der Staat die Fäden in der Hand behielte, wenn es um die Sicherheit unserer Energieversorgung geht.
“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 115).

„Praktizierende Politiker versuchen für gewöhnlich, auf Zehenspitzen durchs Leben zu gehen.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 115).

„Der Vorstoß in den Weltraum ist aus meiner Sicht der nächstlogische Schritt in unserer Evolution. Wir haben über Jahrmillionen diesen Planeten erforscht, es ist nur konsequent, daß wir unser Augenmerk darüber hinauslenken. Das Bedürfnis, Grenzen zu überschreiten, ist unseren Genen eingegeben, die Erweiterung unseres Horizonts unabdingbar für unsere psychische Evolution. Deshalb werden wir über kurz oder lang ganz sicher ins All expandieren.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 115).

„Ich zitiere Humboldt ganz bewußt (im Buch: Limit, 2009) wir suchen in der Ferne, im Unbekannten letztlich immer nur uns selbst. Wir vertragen keinen Stillstand, wir müssen wachsen, ob das jetzt ökonomisches oder ethisches Wachstum ist. Irgendwann wird unser Planet so überbevölkert sein, daß uns keine andere Wahl mehr bleibt als auszuweichen.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 115).

„Wir argwöhnen, die Zukunft sei ein Betrüger. Dabei brauchen wir dringend wieder Träume und Visionen. Sie befähigen uns zu Höchstleistungen. Aber ich bin da Optimist. Die Geschichte zeigt: Alle Träume erleben irgendwann ihre Renaissance.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 115).

„Ich glaube, daß die Gesellschaft immer von Archetypen angetrieben wird. Was die eine Generation favorisiert, findet die nächste Generation uncool. Die dritte Generation vergißt es, die vierte Generation aber stöbert im Fundus der Vergangenheit und transformiert den Archetypus. Auf das Zeitalter der Ernüchterung und der Ratio wird deshalb ein neues Zeitalter der Visionen folgen. Im »Mittelalter« sagte man: Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen.“ (Frank Schätzing, in: Cicero, November 2009, S. 115).

 

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