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JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  http://www.Junge Freiheit.de/   21. September 2001

 


Allah gegen Mickymaus
Vom Ende der Spaßgesellschaft: Die These vom Kampf der Kulturen droht sich zu bewahrheiten
(von Werner Olles)

Im Sommer 1993 veröffentlichte der Politikwissenschaftler und Harvard-Professor Samuel Huntington in der renommierten und einflußreichen Zeitschrift Foreign Affairs einen Aufsatz mit dem polarisierenden Titel „The Clash of Civilisations?“. Huntington stellte hier erstmals seine provozierende These über den im 21. Jahrhundert unvermeidlichen Zusammenprall der Zivilisationen und Kulturen auf. Dieses neue Zivilisationsparadigma beruht wesentlich auf der nicht unbegründeten Annahme einer „Zweitklassigkeit des Westens“, die er als ein deutliches „Zeichen des Niedergangs“ versteht.

Obwohl die Kritik der Politiker und Intellektuellen an Huntingtons Ausführungen überwog, erhielt er durchaus auch Zustimmung. Im Dezember 1993 schob er in Foreign Affairs den Essay „If not civilisations, what? Paradigms of the post-cold war world“ nach, in dem er die Problematik der westlichen Ideen der Menschenrechte, des Liberalismus und Individualismus, der Gleichheit und Demokratie, der Freiheit des Handels und der Trennung von Kirche und Staat im Bereich der internationalen Politik den vormodernen nicht-westlichen Kulturen mit ihren archaischen Gemeinschaftsmodellen gegenüberstellt. Zwei Jahre später sprang ihm Bassam Tibi mit seinem Buch „Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Irrationalismus“ (Hamburg 1995) zur Seite. Tibi definierte den „Clash of Civilisations“ als „Ausweg aus der analytischen Sackgasse“, in die sich die multikulturellen Gesellschaften des Westens sicherheits- und geopolitisch hineinmanövriert haben.

Bereits 1990 hatte jedoch Bernard Lewis in der Zeitschrift The Atlantic Monthly in seinem Text „The roots of Muslim Rage“ die Thematik eines Kampfes der Kulturen angesprochen. Auf ihn bezog sich Huntington, als er sein kulturgeographisches und geschichtszyklisches Zivilisationsmodell von einem ursprünglich 25seitigen Essay zu einem 580seitigen Buch mit dem Titel „Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“ (München, Wien 1996) anwachsen ließ. Nach Francis Fukuyamas Buchstrom über „Das Ende der Geschichte“ (München 1992) füllte nun dessen ehemaliger Lehrer das Vakuum in der Theoriebildung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts wieder mit geopolitischem Realismus auf. Ähnlich wie Zbigniew Brzezenski und Henry Kissinger setzt Huntington auf die Ideologie der Einheit der westlichen Kultur, auf die Raumgebundenheit von politiko-kulturellem Handeln und auf die Vorstellung der Gemeinsamkeit von Geopolitik und Geokultur.

Damit ist er recht nahe bei Oswald Spengler, einem der Urväter der Konservativen Revolution, dessen Kulturmorphologie und Kulturbiologie und dessen Dekadenzthese er voll und ganz teilt. Wie Spengler beklagt auch Huntington den Verfall, die Schwäche, Kraftlosigkeit, Entartung und das Greisentum unseres dekadenten Zeitalters. Anders als Spengler, dessen Kulturbegriff sich explizit gegen das anglo-amerikanische Zivilisationsverständnis richtete, sieht Huntington die Erschöpfung und „das Verblassen des Westens“, der zur Selbstverteidigung nicht mehr in der Lage und „weit offen für barbarische Eindringlinge, die aus anderen, jüngeren, kraftvolleren Zivilisationen kommen“ ist. Mit argumentativem Furor beschreibt er die Gefahr, die im Sinne des „Clash of Civilisations“ von „kulturell andersartigen Nachbarvölkern“, vom „Aufstieg der chinesischen Macht“ und der „Dynamik des Islam“ ausgeht, und stellt diesen stabilen Glaubenssystemen mit ihrem Stammesdenken und ihrer tiefen Religiosität den Verfalls- und Fäulnisprozeß des Abendlandes gegenüber.

In diesem Kampf zwischen Dschihad und McWorld verschmelzen Kultur und Macht; der Weltbürgerkrieg der Kulturen wird zum Schicksalskampf um die Weltherrschaft. In den martialischen Kampfverbänden der muslimischen Fanatiker offenbart Allah seine Rache am eindringlichsten und fühlbarsten. Huntington konstatiert für Westeuropa eine „Islamisierung“ mit anschließender „Afrikanisierung“, wenn es nicht gelingt, Dämme zu bauen gegen die Flut der ungebetenen Einwanderer und identitätspolitisch die Idee des christlichen Abendlandes als Kulturmacht und Abgrenzungskriterium gegen die islamische Zivilisation wiederzubeleben. Die ethnischen Minderheiten in den USA und Westeuropa fungieren hier als eine Art „fünfte Kolonne“ nichtwestlicher Zivilisationen, als deren „nützliche Idioten“ die Multikulturalisten dienen, denen folglich der Kampf an der Heimatfront zu gelten hat.

In Huntingtons Fußstapfen treten neben Bassam Tibi auch Botho Strauß mit seinem „Anschwellenden Bocksgesang“ und Hans Magnus Enzensberger mit seinen im gleichen Jahr wie „Clash of Civilisations“ erschienenen „Aussichten auf den Bürgerkrieg“, um die hiesige entpolitisierte Spaßgesellschaft - die nach den barbarischen Terroranschlägen in New York und Washington zu allem Überfluß in der schlechten Tradition deutscher Schuld- und Gesinnungskultur und deutscher Romantik auch noch die Innerlichkeit des Gemüts entdeckt - aus ihrer politischen Apathie und ihrem unschuldigen Dornröschenschlaf zu wecken. Man braucht jedoch kein Politikexperte zu sein, um zu spüren, daß die herrschende politische Klasse nichts davon begriffen hat, was sich in den Köpfen der „Heiligen Krieger“ abspielt. Die überzeugendste Repräsentanz dieser Disneyworld-Mentalität stellt hierzulande die grüne Regierungspartei dar, deren führende Chargen inzwischen offenbar die völlige geistige Umnachtung ereilt hat. Wie anders ließe sich erklären, daß die Parteispitze angesichts der bekanntgewordenen Verstrickungen in Deutschland ansässiger arabischer Terroristen in die Anschläge jetzt energisch für eine erleichterte und verstärkte Einwanderung fremder Ethnien plädiert.

In dem islamistischen Ideologiegemisch aus Dschihad-Kultur, terroristischer Katharsis und irrationaler Religiosität, aus Blut, Glaube und Überzeugung, das von den Europäern und Amerikanern schon deshalb nicht verstanden wird, weil uns derartige Eigenarten des Patriarchalischen, Autoritären und Natavistischen völlig fremd geworden sind, liegt jedoch auch der Schlüssel zum Verständnis eines Triumphalismus, der verächtlich auf die Dekadenz der westlichen Kultur in diesem nihilistischen Jahrhundert, das vom Geistigen so tief abgekommen ist wie nie zuvor, herabblickt. So beurteilte beispielsweise der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann die Anschläge als „Angriff auf das marktwirtschaftliche und finanzwirtschaftliche System der freien Welt“, und in Mainz wurde bei der Interkulturellen Woche eine Diskussion zum Thema „Ist der Islam eine Alternative für den Westen? Probleme der multikulturellen Gesellschaft“ mit der Begründung abgesagt, „angesichts der Terroranschläge könne dies jetzt nicht mehr in der ursprünglich beabsichtigten Weise erörtert werden“. Es ist dieser Materialismus, es ist diese Feigheit, es sind diese öffentlich erwünschten Denkverbote einer unseligen political correctness und der laszive Umgang mit der Wahrheit, die die Unfähigkeit des Westens ausmachen, im Schatten der amerikanischen Ereignisse einen - bei aller notwendigen Distanz und Härte - rationalen Maßstab im Umgang mit der islamischen Welt zu finden.

Junge Freiheit vom 21. September 2001


 

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