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- „Zorn-und-Zeit-Stimmungen“ -
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Sammelt euren Zorn. Peter Sloterdijk hält ein Plädoyer für politische Empörung auf Weltniveau.

Von Hans-Jürgen Heinrichs.

„Ich empöre mich, also sind wir“ – welch ein Pathos individueller Auflehnung in Albert Camus’ „Der Mensch in der Revolte“! Und nicht nur das: Die Empörung zieht ein existenzielles Zusammengehörigkeitsgefühl nach sich. Solch ein Glaube gehört einer anderen Epoche an. Wie ist es dazu gekommen, daß Empörung, Erregung und Zorn keinen gesellschaftlich wirksamen Zusammenhalt mehr für sich in Anspruch nehmen können?

Dieser Fragenkomplex liegt Peter Sloterdijks neuer Studie „Zorn und Zeit“ zugrunde. So dringt er in diesem groß angelegten „politisch-psychologischen Versuch“ in die Tiefen der Affekte und deren gesellschaftliche Bedeutung ein. Vehement attackiert der Philosoph die Psychoanalyse, die ihm immer schon als Vergleichsfolie diente, gegen deren Begrifflichkeit er ein fließendes, nicht kategorial festgezerrtes Denken durchzusetzen versucht. Allerdings mit ausgeprägt rebellischem Gestus. Jacques Derridas Dekonstruktionsprinzip – Systeme an ihren Schwachstellen stark zu machen – kommt ihm unterwürfig vor. Wie in allen seinen Schriften tritt er auch hier kämpferisch auf und kritisiert die herablassende Art, in der die Psychoanalyse Racheenergien auf einen Nebenschauplatz verschoben hat.

Im Rückgang auf Homers „Ilias“ möchte Sloterdijk dem Zorn, dem „unheimlichsten und menschlichsten der Affekte“, wieder einen geistigen Raum eröffnen. So soll gesellschaftliches und politisches Handeln nicht nur in seiner zerstörerischen Dynamik wahrgenommen werden. Der Ansatz ist ähnlich wie in seiner „Sphärologie“: von menschlichen Intimformen auszugehen, um den vermeintlich harten Kern des Wirklichen zu entlarven.

Dagegen entwickelte er das Bild einer von ihm so genannten „Schaumzellengesellschaft“, einer fragilen, dünnwandigen, gewebeartigen Formation, vergleichbar den Vorstellungen der modernen Biologie und Quantenphysik. Die ontologische Kategorie des Seins in Martin Heideggers „Sein und Zeit“ wird gegen einen psychologisch relevanten Begriff ausgetauscht. Und Zeit ist gleichbedeutend mit Geschichte. So stellen die „Sphärologie“ und „Zorn und Zeit“ dynamisierte Ontologien dar, in denen auch von Affekten, von sogenannten „thymotischen Kraftzentren“ und von Revolutionen die Rede ist.

Das erste zentrale, sprachgewaltige Kapitel des Buches ist mit „Zorngeschäfte im allgemeinen“ überschrieben. Hier wird der Übergang von der diffusen intimen Emotion zu organisierten politischen Programmen der „Zornwirtschaft“, der „Zornbanken“ erörtert: Der Zorn auf der Explosionsstufe entlädt sich eruptiv – etwa im aktuellen Beispiel der Pariser Banlieue-Unruhen. Wird der Zorn aber nicht mehr nur verschwendet, sondern gleichsam angelegt und verwertet, können daraus investierbare Kapitale entstehen. Im Klima des Hasses und der Rachevorhaben zwischen dem Westen und dem Islamismus nimmt der Zorn die Form eines übergreifenden Projekts an und geht (als eine „Bankform“) weit über das szenisch-theatralische Ausagieren von Gruppen oder Einzelnen hinaus.

Der in der biblischen Genesis dargestellte Brudermord sowie die Fluchpsalmen und Feindvernichtungsgebete aus dem Psalter des Alten Testaments haben als Zornakkumulationen für Sloterdijk große Bedeutung. Da es sich nicht um eine spontane Eruption von Affekten handelt, prägen sie das Zorngedächtnis. Die heftigen Psalmwendungen seien darauf angelegt gewesen, die „psychopolitische Unwahrscheinlichkeit des Überlebens Israels in einer Zeit der Niederlagen zu kompensieren.“ Es wäre natürlich von besonderem Interesse, diese frühen verbalen Kraftakte und „religiösen Fluchsprachspiele“, diese kämpferisch-zornigen Botschaften in Gebetsform in Beziehung zu der heutigen Kriegsführung Israels zu setzen. Drohgebärden haben begrenzte historische Laufzeiten: Der von der katholischen Kirche angedrohte Zorn Gottes oder der vom Kommunismus instrumentalisierte Zorn auf den Kapitalismus waren der Dynamik der Moderne nicht gewachsen. Als der Kommunismus seine Drohkapazität für den Umsturz bestehender Verhältnisse verlor, war damit auch diese irdische Agentur des christlichen Weltgerichts erledigt. Die Islamisten besetzen in der postkommunistischen Konstellation die freigewordene Stelle einer Bankform des Zorns, allerdings mit nur geringer Aussicht, die Rolle einer Weltoppositionsbewegung zu spielen.

Die Empörung habe, so Sloterdijk, keine Weltidee mehr vorzuweisen. Die Erniedrigten, Beleidigten und an den Rand Gedrängten besitzen in den Parteien und Reformbewegungen nur noch schlappe Organe, die sie repräsentieren könnten. Das „Zeitalter der Extreme“ scheint zu Ende zu sein. Sogar die Erwartung einer weltweiten Naturkatastrophe sei außerstande, einen übergreifenden Horizont verbindlicher Aufbrüche zu stiften: „Es könnte zum Stigma des 21. Jahrhunderts werden, die Ausbildung des Sinns für gemeinsame Situationen von unten nicht rechtzeitig zu schaffen.“

Wir müßten, so Sloterdijk, das Gericht in die Gegenwart verlegen. Und einen neuen Träger des Zorns und des Zornwissens ausfindig machen? Die europäische Linke – die zum Teil lange Zeit die kaltblütige Realpolitik des stalinistischen und maoistischen Zornmanagements und Selbstzerstörungswahns verkannte – suchte unermüdlich nach Möglichkeiten, dem Zorn der Benachteiligten eine angemessene Sprache und Handlungsfähigkeit zu verleihen.

Die Linksparteien als Hoffnungsträger verharren in der bloßen Geste scharfer Reden, oder sie haben sich – als „modernisierte Sozialdemokratien à la New Labour“ – definitiv vom Image einer Zornrepräsentanz abgelöst und die Wende zu einer Art kapitalistischer Erotik vollzogen: einem Kapitalismus, der mit seinem Verschwendungs- und Überschußpotential fortan jedem offen stehen soll.

An diesem Punkt wird für Sloterdijk der Begriff der Gier – als Korrelat zum heimatlos gewordenen Zorn – von zentraler Bedeutung. Am Beispiel Rumäniens und Albaniens gelingen ihm polit-ökonomische Analysen von einer Dichte und Sprachmächtigkeit, die man seit Georges Batailles fulminanten Schriften zur Ökonomie und Erotik so nicht mehr vernommen hat. Sloterdijk erprobt eine der Dramatik, Vitalität und Erotik des Kapitalismus adäquate Sprache, die uns nachfühlen läßt, was ein gier-dynamisches System par excellence mit den Menschen anzustellen vermag.

Das diesem System eigene und sich in die Menschen unwiderstehlich einschleichende Moment des Haben- und Erreichenwollens, um die tiefen Gefühle des Mangels für immer auszulöschen, wird durch einen Begriff wie „Konsumgesellschaft“ nur noch sehr ungenügend beschrieben. Immer riskantere „Gieraktivitäten“ und „kreditbasierte Genußbeschleunigungsspiele“ sind grundlegend für dieses System.

„ Zorn und Zeit“, das Buch eines der letzten Visionäre des Weltgeschehens auf philosophischer Bühne, wird Fragen aufwerfen. Zum Beispiel danach, ob sich in Zukunft nicht Zornsammelstellen von megaglobalen Ausmaßen und Schrecklichkeit herausbilden könnten. Eine der schlimmsten wäre die Atombombe in den Händen der unberechenbaren Mächte in Iran, Pakistan und Nordkorea. Oder wird der Mensch ganz im Gegenteil in Zukunft transformatorische Kräfte ausbilden, die den Zorn umwandeln in eine konstruktive Kraft ?


Wenn ganze Kulturen sich beleidigt fühlen.

Rezension zu „Zorn und Zeit“ von Peter Sloterdijk.

Von Julia Encke.

Vor den neuen Zornkollektiven der Beleidigten, die sich gerade in den islamischen Ländern formieren, beschützt uns keine Kälte. Wir selbst müssen einen gerechten Zorn entwickeln - so Peter Sloterdijk in seiner neuen, gewaltig erzählten Zeitanalyse.

Der Zorn hat keinen guten Ruf. Grundsätzlich sind wir, im produktiven Sinn, gar nicht mehr zornig, sondern beleidigt. Wir kennen nur noch die ressentimentbeladene Variante eines „gerechten Zorns“, der auf Vergeltung sinnt, es dem anderen heimzahlen will. Für Peter Sloterdijk, der in seinem sehr eindrucksvollen Buch eine Weltgeschichte des Zorns geschrieben hat, ist diese Austreibung des produktiven Zorns aus der Kultur lähmend. Anstatt aufwallende Energien kollektiv und domestiziert zu nutzen - er versteht Zorn im Sinne des antiken „thymos“ als in der Polis zivilisierte Form des Furors homerischer Helden -, zerstreuen wir unsere Kräfte wirkungslos. Die Empörung hat keine Weltidee vorzuweisen. Also habe mit großer Folgerichtigkeit „die Mitte, das formloseste der Monstren“, das Gesetz der Stunde erkannt: Gefragt seien belastbare Langweiler, von denen erwartet wird, an großen runden Tischen die Weltformeln des Ausgleichs zu finden.

Schlechte Zorngeschäfte

„Zorn und Zeit“ ruft nach der Rehabilitierung dessen, was Sloterdijk die „thymotischen Energien“ nennt. Das ist kein leichtes und kein selbstverständliches Projekt, hat der Zorn als politische Energie im zwanzigsten Jahrhundert doch Verheerendes angerichtet. Blickt man auf das vergangene Jahrhundert zurück, schreibt Sloterdijk, so drängt sich der Eindruck auf, daß in ihm die von Platon geforderte, von Aristoteles gelobte und von den Pädagogen des bürgerlichen Zeitalters praktisch versuchte Zivilisierung der Zorn-Energien in den Nationalstaaten gescheitert sei. Die starken Regungen der Menge für einen „Fortschritt“ zu nutzen schlug katastrophal fehl - egal ob die Manager der Zornpolitik rote oder braune Kittel trugen.Verheerend mußte diese Zornwirtschaft sein, weil sie eine Kriegswirtschaft des Ressentiments war. In großen, vom Furor seiner Metaphernwirtschaft zuweilen hinweggetragenen Kapiteln (Sloterdijk gefällt seine Allegorie von den verwaltenden „Weltbanken des Zorns“ so sehr, daß er das Vokabular, von der „Veruntreuung der Zornkapitale“ über „Thymosmonopole“ bis hin zu „thymotischen Renditen“, ausreizt) führt er diese These historisch aus.

Zorngeschäfte wurden unter verhängnisvollen Vorzeichen durch die Jahrhunderte gemacht, wobei die Revolutionäre des neunzehnten Jahrhunderts das Versprechen endgültiger Gerechtigkeit, das die Kirche auf das Jenseits verschob, in die irdische „Geschichte“ verlegten. Lenin, Stalin und Mao sind für Sloterdijk „Weltgeistliche des Hasses“ mit „makelloser Rücksichtslosigkeit“.

Uns steht noch einiges bevor

Die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts gehen für ihn auf das Konto der modernen Radikalismen, „die dem kollektiven Zorn, unter idealistischen wie materialistischen Vorwänden, nie betretene Wege zur Befriedigung weisen wollten - Wege, die vorbei an moderierenden Instanzen wie den Parlamenten, den Gerichten, den öffentlichen Debatten, auf gewaltige Freisetzungen von ungefilterten Racheenergien, Ressentiments und Ausrottungswünschen zuliefen“.

Betrachtet man die gegenwärtig freiwerdenden Rachenergien des Islamismus, wird deutlich, wie sehr das Ressentiment eine treibende Kraft ist. Uns steht noch einiges bevor. Es hieße Peter Sloterdijk aber mißverstehen, wenn man glaubte, es ginge ihm in „Zorn und Zeit“ nur deshalb um die Analyse der Zornwirtschaft des zwanzigsten Jahrhunderts, um düstere Szenarien für die Zukunft zu entwerfen. Die nahe Zukunft sieht tatsächlich düster aus. Es steht für ihn außer Frage, daß in Tausenden von Koranschulen, die überall dort aus dem Boden schießen, wo es Jungmännerüberschüsse gibt, weiterhin Märtyrer auf Heiligen Krieg getrimmt werden. Ein kleiner Teil werde zu terroristischen Zwecken eingesetzt, der größere in Bürgerkriege auf arabischen Territorium investiert werden - Kriege, von denen das iranisch-irakische Massaker von 1980 bis 1988 einen Vorgeschmack gegeben hat.

Es steht für ihn auch außer Frage, daß Israel weitere Bewährungsproben vor sich hat, also ohne eine weitsichtige Politik der Abschottung gar nicht wird überstehen können. „Selbst Kenner der Lage“, so lautet die Diagnose, „besitzen heute nicht die geringste Vorstellung davon, wie der machtvoll anrollende muslimische Youth Bulge, die umfangreichste Welle an genozidschwangeren Jungmännerüberschüssen in der Geschichte der Menschheit, mit friedlichen Mitteln einzudämmen wäre.“

Die Einschüchterung funktioniert

Doch liegt es nicht im Interesse Sloterdijks, bloß die Rolle des düsteren Propheten zu spielen. Was ihn umtreibt, ist die Frage, woraus der politische Islam seine Drohgewalt bezieht und ob er das Potential hat, sich zu einer „Weltbank des Zorns“ zu entfalten, also den Kommunismus als Weltdogma abzulösen. Die Antwort fällt negativ aus: Für Sloterdijk stellt der radikale Islamismus eine allein auf Rache gegründete Ideologie dar, die strafen kann, die aber nichts hervorbringt. Die Anschläge vom 11. September 2001 machen dies deutlich: Sie seien keine Demonstration islamistischer Stärke gewesen, sondern das Symbol einer hämischen Mittellosigkeit, zu deren Kompensation nichts als die religiös maskierte Opferung von Menschenleben aufzubieten war. Sicher wird der Traum der Aktivisten von einem islamischen Großimperium viele gewaltbereite Mitträumer inspirieren. Die politischen Voraussetzungen für ein solches Imperium aber fehlen. Aus regionalen Reichsbildungen islamischer Staaten könnten sich bestenfalls konventionelle Mittelmächte entwickeln. Grundsätzlich, schreibt Sloterdijk, hat der Islam wenig vorzuweisen, was ihn befähigte, die technologischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Existenzbedingungen für die Menschheit des einundzwanzigsten Jahrhunderts fortzubilden.

Die Einschüchterung funktioniert, und sie kommt den angegriffenen westlichen Mächten auf eine bitter-ironische Weise gelegen: Trotz wachsender sozialer Ungleichheiten können wieder nationale Solidargemeinschaften beschworen werden, „Überlebenseinheiten“, in denen der Imperativ der Sicherheit regiert. Sich aus den mittlerweile wohlbekannten nahöstlichen Quellen bedroht fühlen bedeutet jetzt: Gründe sehen, warum man eventuell bereit sein könnte, sich in der westlichen politischen Kultur von demokratischen Zuständen zu verabschieden.

Doppelt bitter daran ist, „Zorn und Zeit“ zufolge, daß der Islamismus über den Rang eines Randphänomens, das er vor kurzem noch war, tatsächlich nie so rasend schnell gekommen wäre, wenn die westlichen Gesellschaften ihn nicht so bereitwillig für ihre innerpolitischen Zwecke genutzt hätten und weiterhin nutzen.

Gesucht: der ressentimentfreie Zorn

Gibt es eine Chance für einen ressentimentfreien Zorn heute? Für einen Zorn, der anderes hervorbringt als Vergeltungsdrang? Als treibende politische Kraft, das muß Sloterdijk einräumen, hat der Zorn nicht gerade seine besten Zeiten hinter sich. Eher im Gegenteil. Doch gibt es Nietzsche, und in gewisser Weise muß man sich Sloterdijk als demokratisch denkenden Nietzsche-Leser vorstellen. Was er in seinen mit „Jenseits des Ressentiments“ überschriebenen Schlußfolgerungen in Aussicht stellt, ist eine mit Nietzsche gedachte Ablösung der „rachsüchtigen Demut“ durch eine Intelligenz, die sich ihres produktiven Zorns neu vergewissert. Sloterdijk zufolge konnte das Verlangen nach Gerechtigkeit für die Welt - sei es jenseits des irdischen Lebens, sei es in der geschehenden Geschichte - zur Theologie des Gotteszornes und zum Kommunismus nur so lange Zuflucht nehmen, wie die Verbindung von Geist und Ressentiment stabil war.

Das religiös und politisch überhöhte Vergeltungsdenken ist seiner Ansicht nach an sein Ende gekommen. Es sei Zeit für die Befreiung der Weltkultur vom Geist des Ressentiments. Sloterdijks gewaltig erzählte Analyse der Zornkollektive liefert die historischen Voraussetzungen für das, was er als eine ressentimentfreie politische Theorie des Zorns erst noch zu entwerfen verspricht. Sie ist ein erster Schritt. Daß man sich auf eine solche Theorie in einer Welt, in der ganze Kulturen sich beleidigt fühlen und damit beschäftigt sind, diese Beleidigtheit in negative Energie umzuwandeln, nur freuen kann, ist klar. Sie wäre eine echte Option.


Nur der Stolz bringt echte Helden hervor. Philosoph Peter Sloterdijk spricht bei der Tafelrunde Sanssouci über sich, sein neues Buch „Zorn und Zeit“ sowie dilettantische Terroristen.

Ein Bericht von Wolf Grombacher.

Philosophie hat Tradition in Sanssouci. Schon Friedrich II. (der Große) hielt sich mit Voltaire seinen privaten Chefideologen am Hof. Darauf verwies am Montagabend auch Kulturministerin Johanna Wanka in ihrem Grußwort zur Tafelrunde Sanssouci, wo mit Peter Sloterdijk dieses Mal ein großer Geist der Gegenwart zu Gast war.

Nicht geladen wie einst durch den König, sondern zeitgemäß durch das Brandenburgische Literaturbüro, die Zeitschrift Cicero und die MAZ. Was Sloterdijks These zu belegen scheint, wonach die wichtigste Entdeckung der Vergangenheit nicht war, daß „die Erde um die Sonne läuft“, sondern mehr noch „das Geld um die Erde“. Sind es doch heute Sponsoren, die Kulturschaffende bei Laune halten.

Wie ein Planet - in kreisenden Bewegungen - näherte sich auch Cicero-Chefredakteur Wolfram Weimer seinem Gesprächspartner. Entlockte ihm zunächst profane Dinge. Etwa, daß Sloterdijk aus „Vor-Opportunismus“ heraus gedient habe, weil es besser gewesen sei, „freiwillig zum Bund zu gehen, als gezwungen zu werden“. Oder, daß seine Eltern von ihm früher gesagt hätten, er sei „ungezogen und jähzornig gewesen“.

Über das neue Buch mit dem Titel „Zorn und Zeit“ gelangte Weimer dann in das Zentrum des Sloterdijkschen Gedankenkosmos und ließ dem Philosophen genug Raum, in seiner unnachahmlichen Art über die revolutionären Bewegungen als Verwalter einer „Weltbank des Zorns“ zu sprechen, und über Gottes „heiligen Zorn“, der den Gläubigen einen ersten Begriff von Gerechtigkeit verschafft habe. Sloterdijk leitet den Begriff des „Zorns“ dabei aus der „Ilias“ her und will ihn „thymotisch“ verstanden wissen, also mit Affekten beladen, die heute den Begriffen Stolz, Ambition, Gerechtigkeitsempfinden, Geltungsbedürfnis und Ressentiment nahestehen.

Konkreter wurde es, als Sloterdijk auf den Terrorismus - die Philosophie der Bombe - zu sprechen kam. Durchaus sehe er den „guten bösen Willen“ im Sinne Nietzsches, „alles aufzulösen“. Nebenbei habe Nietzsche allein durch seinen Ausspruch 1888 „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit!“  schon den Nobelpreis verdient. Doch der Terrorismus als „politische Strategie der reinen Destruktionsbewegung“ habe keine Lösungsvorschläge parat. Darüber hinaus seien zu viele „Dilettanten auf diesem Feld“ wirksam geworden. Auch über gehörige Zweifel Weimers hinweg behauptete Sloterdijk, er sehe keine wirkliche Gefahr für die westliche Welt durch islamistische Terroristen. (Halt! Hier Liegt ein Denkfehler vor, weil es sehr fragwürdig ist, ob in der Zukunft diese »westliche Welt« überhaupt noch existieren wird, denn mittlerweile verliert der Westen und in ihm insbesondere der europäische Westen seine eigene Bevölkerung, während seine Überfremdung durch diejenige nichtwestliche Bevölkerung, die die Integration strikt ablehnt, ziemlich rasch zunimmt; HB.). Revolutionäre hätten nur eine Chance, wenn die Verteidiger der Demokratie zu schwach seien. Dagegen spreche das „Lernen der Institutionen“ im Westen.

Allerdings müßten die Industriestaaten im Nahen und Mittleren Osten einen „zivilisierenden Konflikt“ suchen, wie Peter Sloterdijk meinte. „Man kann dieser Kultur nur helfen, indem man sie von ihrem Konsumenten- in einen Produzentenstatus überführt.“ Ihr so den nötigen Stolz gibt, das heimtückische Morden sein zu lassen. Denn nur der Stolz bringe echte Helden hervor.

Märkische Allgemeine vom 27.September 2006


Zorn und Zeit. Politisch- psychologischer Versuch. Von Peter Sloterdijk.

Kurzrezension von Felix Müller.

Mit diesem Großessay verhilft Peter Sloterdijk einer „Grundkraft im Ökosystem der Affekte“ zu Aufmerksamkeit und Anerkennung: dem Zorn. Ausgehend von der Wut des Achilles zum Auftakt der Homerschen „Ilias“ beschreibt er die westliche Kulturgeschichte als Historie der Einhegung, Umdeutung und drastischen Pervertierung einer natürlichen menschlichen Regung. Das geht einher mit einer glänzenden Kritik psychoanalytischer Irrwege und einer Deutung kommunistischer wie nationalsozialistischer Bewegungen als „Zornsparkassen“ breiter Bevölkerungsteile. Das Buch beweist ein weiteres Mal Sloterdijks Fähigkeit, mit zündender Assoziationskraft und höchster begrifflicher Anstrengung neue Perspektiven auf vertraut geglaubte Gegenstände zu öffnen.


Der Philosoph Peter Sloterdijk, der Gespür hat für allgemeine mentale, für kollektivseelische Verschiebungen, gibt uns mit seinem aufregenden Buch über „Zorn und Zeit“ ein neues Vokabular an die Hand, mit dem wir unsere Gegenwart besser in den Griff kriegen sollen.

Zornkollektive heißt sein rasantes Stichwort zur rasenden Zeit - gefaßt vor dem düsteren Hintergrund der islamistischen Bedrohungen der westlichen Kultur, vor der wir nicht in falscher Ruhe und eingebildeter Ausgeglichenheit, vor der wir nicht in Starre verharren dürfen.

FAZ, 29.09.2006


Peter Sloterdijk über Terrorismus.

Interview zwischen Michael Kerbler und Peter Sloterdijk werden die Ursachen gesellschaftlichen Zorns - etwa Korruption in Politik und Wirtschaft oder Ohnmacht gegenüber struktureller Gewalt - thematisiert. Es wird eine „Weltbank des Zorns“ phantasiert, in die Bürger ihren Zorn „einzahlen“ können. (Ausschnitt)

Im Hinblick auf die aktuelle Situation in Deutschland, wo in vier Landtagen die NPD vertreten ist, stellt der Philosoph die Frage, mittels welcher Mechanismen die Mitglieder einer Gesellschaft ihren Zorn an geeignet erscheinende machtvolle Akteure delegieren.

Peter Sloterdijk: Wir haben jetzt also vier solche Parteien, die diese Kloakenfunktion ganz deutlich wahrnehmen. Was sehr gut ist, daß es jetzt endlich im parlamentarischen Raum stattfindet und nicht mehr nur in der Kanalisation. Das ist mir persönlich lieber. Es gibt andere Intellektuelle, die sagen, es ist besser, man hält diese Dinge unter der Decke. Ich glaube das nicht. Die Leute haben jetzt die Aufgabe, diese Klärwerkfunktionen unter Beobachtung der Öffentlichkeit durchzuführen. Die Wählerschichten wissen, warum sie die gewählt haben. Das heißt es gibt diese Masse an Zorn, Unzufriedenheit und Protest in der Bevölkerung. Und es wäre einem demokratischen System nicht angemessen, wenn dieser Druck ganz ohne echte Repräsentation da wäre. Aber die Politiker dürfen nicht ... - und daran werden sie sich messen lassen müssen: Sie müssen die Klärwerkfunktion wahrnehmen, das heißt sie müssen aus diesem Zorn, aus dem dunklen Material ein höherwertiges politisches Produkt erzeugen. Das heißt sie müssen in die Rechtsfindung eingreifen, im produktiven Sinn. Sie müssen eine Art politischer Wertschöpfung betreiben. Und das ist etwas anderes als Agitation! Daran werden sie sich messen lassen müssen.

Michael Kerbler: Sie schreiben in Ihrem Buch, „belastbare Langeweiler werden uns nicht aus der Misere führen“. Da haben Sie ja sicher an jemanden gedacht, aber jedenfalls die Problemlösung scheint offenbar - wenn ich Sie richtig interpretiere - zu sein: Die Politik muß wieder radikaler werden. Im ursprünglichen Wortsinn. Man muß Ausbeutung „Ausbeutung“, Unrecht „Unrecht“ und Klassengesellschaft „Klassengesellschaft“ nennen dürfen. Auch wenn „Klassengesellschaft“ heute vielleicht eher durch unterschiedliche Bildungszugänge definiert ist als durch Einkommensunterschiede.

Peter Sloterdijk: Das ist richtig. Man muß für eine erhöhte Sprachhygiene sorgen. Es ist in der Tat so, daß wir im Moment in politischen Dingen unter einer erschreckenden Ausdrucksarmut leiden und einer ebenso bedenklichen Unfähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen. Aber wir müssen uns zugleich hüten, die historischen Namen mechanisch weiter zu benutzen, um das von Ihnen gegebene Beispiel der Klassenanalyse zu bemühen. Ich selber habe in dem Buch zu Ausdruck gebracht, warum ich vor einer Wiederaufnahme der marxistisch definierten Klassenterminologie warne, weil diese Ausdrücke eben mit völkermörderischen Implikationen beladen sind. Wer unter marxistischen Vorzeichen von „Klasse“ spricht, konstituiert ja sozusagen ein Täterkollektiv oder, genauer gesagt, ein Opferkollektiv, das zum Täterkollektiv werden will und das dem vorherigen Kollektiv der Wohlhabenden an die Kehle geht. Die historischen Beispiele sind zu erschreckend, als daß man diese Terminologie unbesehen wieder verwenden dürfte.

Aber alles, worauf Sie sonst hinweisen, ist völlig richtig. Man muß natürlich die Fragen nach der ... Gerechtigkeit wieder hoch und groß schreiben und dann in einem permanenten Klärungsvorgang die Differenz zwischen dem Verlangen nach Gerechtigkeit und ihrem Ressentiment ausdiskutieren. Das ist die psychopolitische Arbeit, die das 21. Jahrhundert leisten muß. Denn wenn dieser Vorgang nicht gelingt, wenn wir nicht Ressentimentanalyse auf höherer Stufe weitertreiben können, dann schwemmt uns diese neue Wutwelle, die sich bereits artikuliert, die gesamte Zivilisation davon.


„Väter weg von Puff und Kneipe“.

Parteien? Nur noch Dienstleister auf dem politischen Illusionenmarkt. Die Linke? Nur noch entwaffnet und ratlos. Die Grünen? Nur noch Gierpartei und Teil der totalen Mitte. Warum Peter Sloterdijk dann doch ganz optimistisch ist.

Interview von Jan Feddersen und Susanne Lang; TAZ vom 23.12.2006

TAZ: Herr Sloterdijk, was hat in diesem Jahr Ihren Zorn geweckt? 

Peter Sloterdijk: Ich weiß nicht recht, ich bin nicht leicht zu provozieren. Am ehesten denke ich, es waren die Studentenproteste in Frankreich gegen die Einführung des neuen Erstbeschäftigungsvertrags. Sein Zweck bestand darin, den Arbeitgebern Spielräume einzuräumen, um ihnen die Hemmungen vor der Einstellung neuer Mitarbeiter zu nehmen. Absurderweise wurde das von den Betroffenen als Angriff auf ein vermeintliches Grundrecht auf Lebenszeitbeschäftigung vom ersten Arbeitstag an gewertet. Ihr Widerstand war völlig illusorisch, als wollte man Spitzenjobs für alle fordern.

Idealismus zeichnet eine Studentenbewegung doch aus?

Man sollte Illusionismus und Idealismus unterscheiden. Die Haltung der Jüngeren hat sich verändert. Ich selber komme aus einer Generation, die unter ganz anderen Vorzeichen angetreten war: Als ich 1966 Abitur machte, wollte man überhaupt nie einen Kompromiß mit der Welt der Festanstellungen eingehen. Unser Motto lautete: „Meine Arbeitskraft kriegt ihr nie.“

Aber das galt doch nur für die linken Kader, nicht für ihre Schutzbefohlenen, die Arbeiter.

Es stimmt, daß in den frühen 1970ern, zur Zeit der sogenannten Vollbeschäftigung, eine studentische Boheme entstehen konnte. Diese 68er Boheme hat einen politischen Überschuß erzeugt, der fantastische Öffnungen bewirkte. Von denen leben wir bis heute. Die Proteste in Frankreich haben dagegen eine geradezu überwältigende Verspießerung der Jugend sichtbar gemacht.

Weil die Jugend arbeiten statt revolutionieren will? 

Weil sie ihre Wünsche von der Logik der Arbeitswelt strukturieren läßt. In früheren Lebensläufen spielte Jugend die Rolle eines psychosozialen Moratoriums, in dem der Mensch im Zustand der Unentschiedenheit, sogar der Desorientierung geduldet und geschützt blieb. Die Voraussetzung war ja immer, daß dies im Dienst einer späteren optimalen beruflichen Anwendung geschieht. Heute gehen 18-Jährige zu Hunderttausenden auf die Straße und klagen die Lebenszeitanstellung ein!

In Frankreich gingen auch Jugendliche in den Banlieues auf die Straße und zündeten Autos an. Sind sie die eigentlich Zornigen dieser Gesellschaft? 

Nein, beide Proteste sind vor allem mimetische Bewegungen, die einen Zorn nachahmen, den die Akteure selbst gar nicht nicht immer haben. Frankreich schöpft aus einer reichen Empörungsfolklore.

Die beherrschen wir in Deutschland auch ganz gut, oder? 

Ja, aber sie ist schwächer ausgeprägt. In Frankreich herrscht eine viel immobilere Atmosphäre, und die hat eine Dialektik von Stillstand und Explosion zur Folge. Bei uns sind die Dinge mehr im Fluß, deswegen hat der Protest keine so breite Basis mehr wie noch in den 1980ern.

Als vor allem die Grünen sehr laut zu hören waren? 

Wer die Grünen verstehen will, muß wissen, daß Deutschland nach 1945 bei der Hervorbringung von Verliererverhaltensweisen Außerordentliches geleistet hat. Bei uns ist die thymotische Kultur, die über Selbstaffirmation und Stolz läuft, bis auf den Stumpf abgetragen worden. Der Rest an selbstaffirmativem Verhalten mußte sich seither über Moralismus ausdrücken. Da waren die Grünen federführend, sie waren teilweise richtige Jakobiner.

Demnach gaben die Grünen als Partei eine gute Zornbank ab, wie Sie es in Ihrem neuen Essay „Zorn und Zeit“ ausführen. Sind sie das noch? 

Die Funktion der Institution Partei, nicht nur der Grünen, hat sich heute grundsätzlich geändert. Historisch gesehen waren Parteien nie nur Organe für Interessenausdruck, sondern mehr noch Affektsammelstellen. Es war ihre Aufgabe, Hoffnungs-, Illusions-, Wunsch- und Zornsammlung zu betreiben. Aufgrund verschiedener Mischungen haben sie jeweils verschiedene Publikumssegmente angesprochen: Diejenigen, die ihre Satisfaktion über nationale Symbole gesucht haben, artikulierten sich im rechten Flügel. Die anderen, die sich mit Symbolen des materiellen Fortschritts, des Ausbaus der Gerechtigkeit und des Sozialstaates identifizieren konnten, sammelten sich am linken Flügel. Bei den Liberalen schließlich haben sich die getroffen, die sich vom Fortschritt der Freiheiten im modernen Staat das meiste versprachen. Interessant ist jedenfalls, daß die bürgerlichen Parteien als Sammelstellen für militante Zufriedenheit fungierten.

Worin besteht die?

Das Bürgertum ist die Klasse, die aus ihrer Zufriedenheit selbst einen Trotz macht. Wie kann man das erklären? Die moderne Gesellschaft popularisiert die Möglichkeiten des Vergleichs. Deswegen gibt es ein asymmetrisches Wachstum zwischen den Gründen, zufrieden zu sein, und den Gründen, unzufrieden zu sein. Sobald die Befriedigungsmittel weiter gestreut sind, wachsen auch die Vergleichsmittel. Jeder vergleicht sich mit jedem, mit dem Ergebnis, daß man ringsum Leute sieht, die zu Unrecht vor dir liegen. Auf diese Weise werden zahllose Leute, die objektiv gesehen Modernisierungs- und Fortschrittsgewinner sind, subjektiv zu Protestierenden.

Deshalb leben wir in einer deutschen Welt. Luxusunzufriedenheit führt zu Abstiegsängsten? 

Diese Frage bringt die Paradoxie dieser vergeudeten Unzufriedenheit sehr schön auf den Begriff. Luxusunzufriedenheit deutet darauf hin, daß Menschen kein Organ haben, um Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Wir sind einerseits orientiert an Tatsachen, andererseits an Hoffnungen und Erwartungen. Aber ein Organ für das Wahrscheinliche gibt es nicht. Deswegen können wir die unvorstellbare Unwahrscheinlichkeit unserer eigenen Lebensform nicht evaluieren. Das könnten nur Leute, die von außen kommen, oder solche, die zwischen einer Armutskultur und einer Reichtumskultur pendeln.

Übertragen auf die Parteien, bedeutet dies, daß sie heute Anwälte des Unwahrscheinlichen sind? 

Ich sehe sie als Dienstleister auf dem politischen Illusionenmarkt. Ihr Pakt mit der Unwahrscheinlichkeit ist schicksalhaft und zwanghaft. Gewählt wird ja, wer den Wählererwartungen am meisten entgegenkommt. Aber alle Erwartungen dieser Art laufen auf steigende Unwahrscheinlichkeit hinaus. Das Generalprodukt, das die Parteien heute ausnahmslos anbieten müssen, ist der plausible Schein, daß durch die Politik dieser Partei die Lebensformen ihrer Klientel optimiert werden.

Die meisten Politiker signalisieren doch gar keine Optimierung mehr, sondern versprechen den Status quo. Und dies sehr alarmistisch.

In einem ausgeleerten Liberalismus gilt auch die Garantie des Status quo sehr viel. Wo die meisten Ideologen längst wieder mit Verschlechterungsdrohungen arbeiten, sind Bestandsgarantien schon nahezu Evangelien. Man muß sich klarmachen, daß auf der politischen Bühne schon immer die Drohkräfte mit den versprechenden Kräften gerungen haben. Gegenwärtig sind die Drohkräfte obenauf, deswegen werden die suggestivsten Drohthemen, internationale Konkurrenz und Terrorismus, bei uns so stark besetzt. Eigentlich würden die Menschen lieber schöne Versprechen hören, inzwischen sind sie schon froh, wenn man ihnen nicht allzu offen droht. Und dieselben Leute haben vor kurzem noch offensive Forderungen gestellt!

Der Mythos vom Generalstreik kann also gar nicht mehr tragen? 

In Deutschland noch weniger als in anderen Ländern. Die Linke war mächtig, solange sie selber glaubhaft drohen konnte. Damals, als der Kommunismus wie die real existierende Alternative auftrat, mußten die westlichen Arbeitnehmerparteien nicht sehr viel tun, um der Arbeitgeberseite klarzumachen, daß der soziale Frieden auch bei uns seinen Preis hat. Vergangene Zeiten. Die Linke ist jetzt bedroht, nicht drohend. Bei den Strategen definiert man die Drohung als bewaffneten Ratschlag. Links ist man heute entwaffnet und ratlos.

Wenn die Linke also ein Blatt ohne Trümpfe auf der Hand hat, dann ist sie doch überflüssig?

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ist in der westlichen Welt die gesamte Politik in die Mitte implodiert. Gleichzeitig implodierte im Osten der kommunistische Apparat. Das Ressentiment wird seither immer diffuser. Das ist das Merkmal der postkommunistischen Lage: Die Linke hat aufgehört, als Zornsammelstelle zu funktionieren. Womit soll sie jetzt noch werben? Ich denke, sie muß ihren Fokus verschieben, weg von Rachefeldzügen, hin zu Zivilisationskampagnen. Vom Kämpfen zum Lernen.

Bei „Rachefeldzügen“ fällt uns sofort einiges ein, aber wie sollten linke Zivilisationsprojekte aussehen?

Man könnte sich zum Beispiel einschalten in die Differenzen der Religionen. Warum ist der Islam in der postkommunistischen Situation so in den Vordergrund gekommen? Weil seine Aktivisten ihn als drohfähige Größe durchgesetzt haben. Ich habe in meinem Buch die Frage erörtert, ob es dem Islam gelingt, nach Katholizismus und Kommunismus die dritte Sammlung des Weltzorns zu organisieren, und ich sage: Nein.

Weshalb gelingt ihm das nicht?

Seine Voraussetzungen sind zu regional. Sie können den Unmut deutscher oder polnischer Arbeitsloser nicht islamisch sammeln. Natürlich, man kann sich gegenmodern in den Islam zurückziehen und sich in ihm stabilisieren, aber er läßt sich nicht zu einer Bewegung ausbauen, die aus der Mitte der Modernisierung kommt. Er kann keine bessere Moderne versprechen. Das war dem Kommunismus zeitweilig gelungen.

Inwiefern sind aber die Differenzen der Religionen ein Projekt der Linken?

Wenn es heute einen Weltkrieg gibt, dann hat er die Form eines Clashs der Monotheismen. Diese Antagonismen müssen zivilisiert werden.

Das klingt nicht wirklich neu. Wie diese Zivilisierung aussehen sollte, kann aber kaum jemand formulieren. Was wäre Ihr Vorschlag?

Zum Beispiel die zivilisierende Überformung der Religion durch die Kunst. Thomas Mann hat in seiner Romantetralogie „Joseph und seine Brüder“ vorgemacht, wie so etwas geht. In dem Buch wird gezeigt, wie es zugehen könnte, wenn die exklusive und eifernde Form des Monotheismus sich dank der Begegnung mit einer Fremdreligion in eine inklusive Kunstreligion verwandelt.

Dies könnte die Linke übernehmen?

Nicht direkt. Von dieser Lektion sind zunächst einmal die Konfliktparteien betroffen, die Dogmen- und Positionsbesitzer, die einen Wahrheitsfundus verwalten. Aber gleich danach könnte die postkommunistische Linke ins Spiel kommen, sofern sie noch einen Sinn für die Produktivität von Kämpfen, Reibungen und Konfrontationen hat. Auch heute sind die Kämpfe die maßgeblichen Lernsituationen. Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Die Menschheit ist noch mehr als zu Hegels Zeiten zur Autodidaktik auf Leben und Tod verurteilt. Der Krieg ist die primäre Schule, und wer nicht kämpft, lernt auch nicht. Neutrale Lehrer stehen nicht zur Verfügung. Aus dem Kampf selbst müssen die Regeln generiert werden, die über den Kampf hinausführen.

Also Klassenkampf?

Nun ja, der gute alte Klassenkampf baute auf einer prekären Siegesphantasie auf: Das Proletariat müßte die völlige Kontrolle über den Produktionsprozeß gewinnen, so wäre der Antagonismus mit dem Kapital beendet. Die russische Revolution hat gezeigt, wohin das führt: zum Völkermord an der Bourgeoisie, begangen durch die noblen Henker, die Berufsrevolutionäre, die als Anwälte des Proletariats auftreten. Heute sind wir von einer solchen Anwaltschaft abgerückt und bevorzugen die Idee der Selbstorganisation an der Basis. In Zeiten des Massenelends konnte das Anwalts- oder Tribunenmodell vielleicht noch plausibel sein. Heute arbeiten wir mit Vernetzungsfiguren und gehen von selbstorganisierten Einheiten aus.

Sind Sie sicher, daß das für alle Strömungen innerhalb der Linken gilt?

Es gilt mit Sicherheit für die alternative Regenbogenkultur. Kann sein, das Paläostalinisten und alte ML-Kader sich in dieser bunten Szene nicht wiederfinden, aber was soll's. Negri hat in „Empire“ probiert, paläolinke Motive mit den neolinken Ansätzen zu kombinieren, ohne überzeugendes Ergebnis. Er hat nur die Masse in die Menge umbenannt und einen neuen Fetisch geschaffen. Den Regenbogen als alternatives Proletariat.

Multitude als Formel der Ausrede?

Ich würde es anders bewerten. Negri tut zunächst nur, was Linksradikale chronisch tun, er setzt die Suche nach dem Subjekt der Revolution fort. Dabei kommen ihm zwei Einsichten in die Quere: Das Subjekt ist nicht eines, sondern viele. Damit kann er fürs erste leben. Zusätzlich stellt sich heraus, daß Revolution ein überholter Begriff ist, weil der Kapitalprozeß und das Empire immer schon revolutionärer sind als ihre Gegner. Auch hier tut Negri so, als könne er mit dieser Erkenntnis leben, doch in Wahrheit annulliert seine Position. Er muß sich mit dem Schein der Zeitgemäßheit begnügen, indem er den Hymnus von Marx auf die umwälzende Macht der bürgerlichen Klasse auf den heutigen Stand bringt.

Der kleine Haken: Die Bourgeoisie wollte und will nicht revolutionieren.

Doch, da es zwei Typen von Revolution gibt, die erotische Revolution des Bürgertums, die giergetrieben ist, und die thymotische Revolution der Armen, die nur funktioniert, wenn sie stolzgetrieben bleibt. Marx hat die Gierrevolution der Bourgeoisie nicht umsonst so lebhaft gefeiert und zugleich behauptet, daß sie nicht genügt. Denn die linke Revolution macht man nicht im Namen der Gier, sondern des Stolzes und seiner beiden moralischen Derivate, des Zorns und der Empörung. Ziel solcher Revolutionen war es, die Erniedrigten und Beleidigten mit Subjektwürde auszustatten. Das sind Ermächtigungsbewegungen, durch die der rote Faden des proletarischen Thymos läuft: Würde durch Arbeit! Würde durch Kampf! Sobald die Linke aber ihrerseits Gierpartei wird, wie bei uns überall, implodiert sie und wird Teil der totalen Mitte.

Wobei wir wieder bei den Studentenprotesten und den brennenden Autos in den Banlieues wären. Dann geht es doch um Zukunftschancen, um Verlangen nach Arbeit?

Da bin ich nicht so sicher. Wenn man die Beschreibungen der Protagonisten zugrunde legt, ging es in den Banlieues größtenteils um eine Form von Spaßrandale vor dem Hintergrund einer fürchterlichen sozialen Aussichtslosigkeit. Durch die Fernsehbilder wurde dank mimetischer Infektion eine Welle von Gewaltspielen ausgelöst - Autoanzünden mit Hilfe einer Volksausgabe von Molotovcocktails, 1500 Brandstellen in einer Nacht.

Also ging es um Aufmerksamkeit der Beleidigten?

Ja, aber nicht im Sinn des Verlangens nach Würde, denn das ergäbe ein Projekt, das einen langen Atem verlangt. Es ging mehr um eine Sofortgratifikation für ein wandalisches Spektakel. Da findet man die modernen Medien in einem schuldhaften Bündnis mit den schlimmsten Tendenzen. Die Aufmerksamkeitsprämien sind immer am höchsten, wenn die Handlungen am scheußlichsten sind.

Womit sollte eine zivilisierende Linke dieses Anreizsystem ändern?

Die einzige Lösung des Problems würde darin bestehen, daß man die Marginalisierten in eine sinnvolle eigentumswirtschaftliche Dynamik einbezieht.

Also doch Arbeit für alle?

Ja, aber nicht im Sinne einer Festanstellung auf Lebenszeit. Man muß aus Kämpfern Unternehmer machen, es ist dieselbe Energie. Befriedigungseffekte treten auf, wo es entweder Positionen in der Arbeitswelt gibt oder sich die Leute selber Positionen auf einer Ehrgeizleiter schaffen.

Die Kinder müssen von der Straße?

Natürlich, Kinder von der Straße und Väter weg von Puff und Kneipe. Dies gelingt am besten durch breit angelegte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, und die beste Arbeitsbeschaffung läuft nach wie vor über Ökonomie des Eigentums.

Wie wollen Sie das den Verlierern dieser Gesellschaft denn vermitteln? Fördern und fordern etwa?

Sehen Sie, wir haben doch strukturell nur drei Existenzformen: Unternehmer, Arbeitnehmer, Arbeitslose. Einen Unterschied, der einen Unterschied macht, gibt es nur bei den Arbeitslosen: Die einen werden passiv, die anderen zu Kriegern. Wenn sich Ressentiment und Kampfeslust treffen, rutschen die Aktivisten leicht in die faschistoide Position. Auch der Bürgerkrieg schafft Positionen. Es hat ja nicht nur der Krieg noch jeden Mann versorgt, um ein Diktum von Thomas Hobbes zu zitieren, sondern auch der Bürgerkrieg. Will man diese Variante ausschalten, bleibt nur die unternehmerische Alternative.

Sie setzen einiges voraus: souveräne, eigenverantwortliche Subjekte.

Die Hauptvoraussetzung ist, daß man die Arbeitslosigkeit neutral betrachtet. Sie ist zunächst ja nur der Ausdruck von zwei sehr wünschenswerten Entwicklungen, erstens daß Lohnarbeit nicht mehr für alle den wichtigsten Lebensinhalt ausmacht, zweitens daß Menschen von Tätigkeiten befreit werden, die besser von Maschinen ausgeführt werden. In diesem Sinn ist es eine gute Nachricht, daß die Arbeit weniger wird. Die zivilisierende Aufgabe der Linken hätte darin bestanden, diese Sicht zu kultivieren. Die Ersetzung von Menschen durch Maschinen ist absolut bejahbar, ebenso wie das Absinken der Lebensarbeitszeit innerhalb von 200 Jahren auf ein Drittel, das heißt rund 1700 Jahresstunden, bejahbar bleibt. Was wir brauchten, ist ein starkes Kultur- und Bildungskonzept für die Freigesetzten, verbunden mit Modellen freier Gemeinschaftsbildung, in denen sich Menschen auch außerhalb der Arbeitswelt gegenseitig stimulieren und bereichern.

Sie glauben also, daß geldwerter Wohlstand nicht zu sozialem Frieden führt?

Er befriedet nur die, die ihn haben. Der Kapitalismus geht von der Prämisse aus, daß Friede auf der Erde entsteht, wenn alle Menschen in Konsumenten umgewandelt sind. Das ist bestenfalls eine gefährliche Halbwahrheit. Zum Zivilisierungsprojekt gehört, daß man Menschen nicht nur als Geschöpfe am Futtertrog sieht, sondern als Wesen mit Würdeverlangen.

Womit gerade Religionen wieder zum Zuge kämen?

Die Religionen sind bis auf weiteres eher Teil des Problems als der Lösung. Gäbe es den Weltgeist, würde er jetzt wohl statuieren: Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen. Tatsächlich stehen sich auf der großen Bühne zwei Komplexe gegenüber, die in sich total unausbalanciert sind: ein übererotisierter, von der Gier verwüsteter Westen, andererseits ein überthymotisierter, vom Ressentiment verwüsteter Naher und Mittlerer Osten. Ohne Rebalancierung ist nach beiden Seiten die globale Selbstzerstörung programmiert.

Wirklich besorgt klingen Sie aber nicht. Sie sind da guter Hoffnung?

Eigentlich ja. Meine Hoffnung ist allerdings auf dem zweiten Bildungsweg erlernt, gegen meine anfängliche Stimmung. Doch wenn man ziemlich viel Glück hatte, kann man nicht auf pessimistischen Positionen herumreiten. Es gibt aber auch intellektuelle Gründe für gemäßigten Optimismus.

Was veranlaßt Sie dazu?

Man kann gewisse Denkfiguren Herders, Hegels und Whiteheads so umformulieren, daß ein belastbarer Prozeßoptimismus entsteht. In einer dichten Welt - und Dichte ist das Hauptmerkmal unserer Weltform - steigt die autodidaktische Spannung. Man erlebt, wie uns die Nebenwirkungen des Handelns immer rascher einholen. Wo Fatum war, wird Feedback werden. Die Menschheit ist eine verdammte Selbsterfahrungsgruppe, deren Teilnehmer sich gegenseitig so sehr unter Druck setzen, daß sie wohl noch im laufenden Jahrhundert einen halbwegs lebbaren Kodex erarbeiten könnten.

Was in Ihrer Lesart das Gegenteil von einem Warten auf einen neuen Revolutionsführer wäre?

Revolution und Führer sind kompromittierte Konzepte. Bei dem Prozeßmodell, das mir vorschwebt, hat man es eher mit einer Neuauflage des von Adam Smith eingeführten Arguments der unsichtbaren Hand zu tun. Scheinbar sehr naiv, bietet es in Wahrheit einen komplexen Gedanken im Vorfeld der Kybernetik und der Chaostheorie. Wenn man Chaostheoretiker und Kybernetiker auf die soziale Evolution ansetzt, werden sie nach Durchrechnung aller erreichbaren Variablen zu dem Schluß kommen, daß man unter allen Umständen etwas Besseres als den Super-GAU erwarten darf. Optimismus als Minimalismus. Mit dieser Auskunft kann man weiterarbeiten.


Wie werden wir die nächsten hundert Jahre überleben?

Terror, Kriege, Viren: Der Physiker Stephen Hawking fragt, ob die Menschheit dabei ist, sich selbst zu zerstören. Zehn deutsche Wissenschaftler antworten.

Sechs Wochen ist es her, daß der Physiker Stephen Hawking eine Debatte eröffnete mit einer Frage in einem Internet-Forum von Yahoo: »In einer Welt, die politisch, sozial und ökologisch im Chaos ist: Wie kann die Menschheit die nächsten 100 Jahre überleben?«  Es antworteten 25395 Menschen, bis sich Stephen Hawking wieder meldete: Er sagte, er habe die Frage gestellt, weil er selbst die Antwort darauf nicht wisse. Jedoch: »Langfristig wird das Überleben der Menschheit nur sicher sein, wenn wir in das Weltall ausschwärmen und dann zu anderen Sternen.« Außerdem hoffe er darauf, daß die Menschen durch einen Eingriff in ihr genetisches Material weiser werden und weniger aggressiv. Wir setzen die Debatte fort und haben zehn deutsche Wissenschaftler um ihre Antwort gebeten. ....

Peter Sloterdijk (Philosoph):

Stephen Hawking ist einer der Gelehrten, die sich Sorgen ums große Ganze machen. Er steht in einer noblen Tradition von Physikern des 20. Jahrhunderts, die die Gesellschaft vor der Gesellschaft warnen und naturgemäß auch vor den Physikern. Beide Warnungen gefallen mir, sie zeigen den Realitätssinn der großen Naturwissenschaftler.

Ich teile Hawkings Besorgnisse völlig. Mit seiner Frage bekennt er sich zu der Beobachtung, daß es manifeste Selbstzerstörungstendenzen in der Welt gibt. Er reagiert mit seinen Mitteln auf einen Befund, der manche seiner Kollegen seit Hiroshima umtreibt. Er tut dies nicht moralisierend wie seinerzeit Existenzphilosophen, die behaupteten, der Mensch stehe nur vor einem echten Problem, dem Selbstmord. Er wählt einen juristischen und ökologischen Ansatz, indem er den Begriff »Nebenfolgen« ernst nimmt. Er scheint sich zu fragen: Wie kann man bei unternehmerischen Menschen den Gedanken der Produkthaftung populär machen? Bei Herstellern von Waschmaschinen und anderen Gütern, die länger halten sollen, ist das ja nicht mehr ganz ungewöhnlich. Nur wenn es ums Ganze geht, hat sich der Haftungsgedanke unter den Aktiven noch nicht durchgesetzt.

Im Zusammenhang mit der Ausrottung der Indianer in Nordamerika habe ich einmal notiert: Die einzige tröstliche Vorstellung dabei ist, daß die Weltgeschichte ein Verbrechen ist, das man nur einmal begehen kann. Heute sind wir alle Indianer vor der Ausrottung – die absehbare Geschichte unseres Verschwindens birgt wenig Trost. Hawking hält uns für eine gefährdete Art, seine Empfehlungen fallen drastisch aus. Sie sind von einer technophilen Grundstimmung geprägt, wenn er sagt: Wir müssen auf andere Sterne auswandern.

Seltsam, man darf nicht den Israelis empfehlen, Israel aufzugeben, aber der Menschheit darf man nahe legen, sich einen anderen Planeten zu suchen. Niemand fühlt sich durch einen solchen Vorschlag provoziert, als ob die Menschheit kein beleidigungsfähiges Kollektiv wäre. Der Rat zum Auswandern drückt die Überzeugung aus, unsere Probleme seien am Boden unlösbar. Hier sind Prozesse in Gang gesetzt worden, die nach der Ansicht des Gelehrten nicht mehr durch Maßnahmen höherer Ordnung zu korrigieren sind.

Wären unsere Schwierigkeiten allein durch moralische oder kulturelle Haltungsänderungen zu bewältigen, könnte man den Standort Erde verteidigen, doch nach Hawking sollen wir darauf gefaßt sein, die Erde demnächst aufzugeben – das sagt einiges über seine Meinung bezüglich der menschlichen Lernfähigkeit. Hielten wir auf der Erde durch, hätten wir nur als genetisch veränderte Menschen eine Chance, uns »weiser und weniger aggressiv« zu verhalten.

Ich meine, in aller Bescheidenheit, bevor man die Eugenik und den Exodus ins All bemüht, sollten die bekannten irdischen Alternativen ausgeschöpft werden. Man könnte unter anderem auf die klassische Vorstellung zurückgreifen, daß Politik ein Mechanismus sei, Intelligenz in die Steuerung sozialer Systeme zu implantieren. Im Augenblick hat man nicht das Gefühl, dieser Forderung werde Genüge getan, denn die Akteure von heute spielen ein gefährliches Spiel mit dem menschlichen Zeitgefühl. Man läßt es auf die Katastrophe ankommen, weil man überzeugt ist, nur sie hätte die Autorität, eine Kehre zu bewirken.

Wie bekannt, rasen wir mit Höchstgeschwindigkeit frontal auf eine Betonmauer zu, doch weil der Moment des Aufpralls eine Weile entfernt ist, bleibt man auf dem Gaspedal. Unsere größte Gefahr steckt in der Unfähigkeit, dreißig, fünfzig, hundert Jahre konkret vorauszufühlen. Darum verbraucht die Gesellschaft der letzten Menschen ihre Zukunftschancen mit dem besten Gewissen. Man tut es in der Annahme, die Lösungen wüchsen so schnell wie die Probleme. Um ein anderes Bild zu verwenden: Wir verhalten uns, als seien wir aus dem hundertsten Stock eines Hochhauses gesprungen und postulieren, man werde dort unten bis zum Aufschlag schon etwas erfinden.

Manche halten das für realistischen Optimismus – man könnte es aber auch offene Meisterschaften im Selbstbetrug nennen.

Was passiert zum Beispiel mit den fossilen Energien? Die gefährliche Massenfrivolität im Kapitalismus ist ja unverkennbar ein Nebeneffekt der fossilenergetischen Technik. Eine ernsthafte Wende müßte den leichtsinnigen Habitus der Verbraucher korrigieren. In einer Philosophen-Republik würde das Verbrennen fossiler Energieträger einfach verboten – Philosophen sind ja, wenn nötig, rigoros. Nun werden wir die Philosophenherrschaft nicht erleben.

Was weiter? Man könnte den Chinesen nahelegen, ihren Kohle- und Ölverbrauch zu drosseln. Das Ergebnis läßt sich vorhersehen. Man hat in China förmlich erklärt, eine große Nation habe ein Recht auf Umweltverschmutzung – eine bemerkenswerte Äußerung, durch die auch das Verhalten des Westens explizit gemacht wird. Wer etwas gilt, lebt nach dem Motto: Wir sind zu bedeutend, um keinen Müll zu hinterlassen.

Am realistischen Ende der Skala werden die Vorschläge pragmatischer. Irgendwann sind wir so weit, daß wir eine unverbindliche Empfehlung aussprechen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, Kyoto-Protokoll und Co. Das kann man unterschreiben oder nicht. Und hat man unterschrieben, kann man sich dran halten oder nicht.

Von hier an kennen wir die Szene. Wir finden uns wieder in unserem fahrerlosen Bus, der mit steigender Geschwindigkeit auf die Wand zurast. Dabei kommt eine letzte erbauliche Vorstellung auf: Die Verzweiflung, die man braucht, um sich ins Weltall abzusetzen, sollte auch dazu ausreichen, den Bus zu bremsen.

Peter Sloterdijk ist Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

© ZEIT online, 17.08.2006


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