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Die Moderne, weniger die Neuzeit als die Moderne im weitesten Sinne, sondern mehr die Moderne im engeren Sinne
ist mit sehr skeptischen Augen zu betrachten, weil sie unser Werk, ein abendländisches Werk, und unsere Gefahr ist.
Dazu einige prägnant und möglichst knapp formulierte Gedanken:

Goethe
NietzscheSpengler
DávilaNolte
BaringOsten
RaddatzBenoistSafranskiMersch
Brune

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„Schon in ruhigen - weniger noch in unruhigen - Zeiten sollte man nicht nach Berlin streben.“
Johann Wolfgang Goethe, Mai 1778

„Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit.“
Johann Wolfgang Goethe

„Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten dder Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.“
Johann Wolfgang Goethe, Brief, 06.06.1825

„Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an der Menschheit hat und er abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung.“
Johann Wolfgang Goethe, Gespräche mit Eckermann, 1829

„Vielleicht gewinnen wir einen Ausgangspunkt der Betrachtung, wenn ich die Behauptung hinstelle, daß sich der Satyr, das fingierte Naturwesen, zu dem Kulturmenschen in gleicher Weise verhält, wie die dionysische Musik zur Zivilisation. Von letzterer sagt Richard Wagner, daß sie von der Musik aufgehoben werde wie der Lampenschein vom Tageslicht.“
Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, 1872, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 50

„Das ist ja das Merkmal jenes »Bruches«, von dem jedermann als von dem Urleiden der modernen Kultur zu reden pflegt, daß der theoretische Mensch vor seinen Konsequenzen erschrickt und unbefriedigt es nicht mehr wagt, sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins anzuvertrauen: ängstlich läuft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz haben, ganz auch mit aller der natürlichen Grausamkeit der Dinge. Soweit hat ihn das optimistische Betrachten verzärtelt.“
Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, 1872, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 114

„Der moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit auch ordentlich im Leibe rumpeln“, wie es im Märchen heißt.
Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 180

„Der moderne Mensch leidet an einer geschwächten Persönlichkeit.“
Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 187

„So ..., wie der junge Mensch durch die Geschichte läuft, so laufen wir Modernen durch die Kunstkammern, so hören wir Konzerte. Man fühlt wohl, das klingt anders als jenes, das wirkt anders als jenes: dies gefühl der Befremdung immer mehr zu verlieren, über nichts mehr übermäßig zu erstaunen, endlich alles sich gefallen zu lassen - das nennt man dann wohl den historischen Sinn, die historische Bildung.“
Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 207

„Über Goethe hat uns neuerdings jemand belehren wollen, daß er mit seinen 82 Jahren sich ausgelebt habe: und doch würde ich gern ein paar Jahre des »ausgelebten« Goethe gegen ganze Wagen voll frischer hochmoderner Lebensläufe einhandeln, um noch einen Anteil an solchen Gesprächen zu haben, wie sie Goethe mit Eckermann führte, und um auf diese Weise vor allen zeitgemäßen Belehrungen durch die Legionäre des Augenblicks bewahrt zu bleiben. Wie wenige Lebende haben überhaupt, solchen Toten gegenüber, ein Recht zu leben! Daß die Vielen leben und jene Wenigen nicht mehr leben, ist nichts als eine brutale Wahrheit, das heißt eine unverbesserliche Dummheit, ein plumpes »es ist einmal so« gegenüber der Moral »es sollte nicht so sein«. Ja, gegenüber der Moral!“
Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 218

„Dicht neben dem Stolze des modernen Menschen steht seine Ironie über sich selbst, sein Bewußtsein, daß er in einer historisierenden und gleichsam abendlichen Stimmung leben muß ....“
Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 219

„Hier und da geht man noch weiter, ins Zynische, und rechtfertigt den Gang der Geschichte, ja der gesamten Weltentwicklung ganz eigentlich für den Handgebrauch des modernen Menschen, nach dem zynischen Kanon: gerade so mußte es kommen, wie es gerade jetzt geht, so und nicht anders mußte der Mensch werden, wie jetzt die Menschen sind, gegen dieses Muß darf sich keiner auflehnen.“
Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874, in: Werke in drei Bänden, 1. Band, S. 220

„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigem das heißt, die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, elche man im Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschleunigte Element im großen Maße zu verstärken.“
Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, 1878-1880, S. 215

„Um das Gesagte noch einmal kurz zu sagen: das Interesse der vormundschaftlichen Regierung und das Interesse der Religion gehen miteinander Hand in Hand, so daß, wenn letztere abzusterben beginnt, auch die Grundlage des Staates erschüttert wird. Der Glaube an eine göttliche Ordnung der politischen Dinge, an ein Mysterium in der Existenz des Staates ist religiösen Ursprungs: schwindet die Religion, so wird der Staat unvermeidlich seinen alten Isisschleier verlieren und keine Ehrfurcht mehr erwecken. Die Souveränität des Volkes, in der Nähe gesehen, dient dazu, auch den letzten Zauber und Aberglauben auf dem Gebiete dieser Empfindungen zu verscheuchen; die moderne Demokratie ist die historische Form vom Verfall des Staates.
Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, 1878-1880, S. 280-281

„Und das zu einer Zeit, wo der deutsche Geist, der nicht vor langem noch den Willen zur Herrschaft über Europa, die Kraft zur Führung Europas gehabt hatte, eben letztwillig und endgültig abdankte und, unter dem pomphaften Vorwande einer Reichs-Begründung, seinen Übergang zur Vermittelmäßigung, zur Demokratie und den »modernen Ideen« machte!“
Friedrich Nietzsche, Versuch einer Selbstkritik, 1886, S. 12

„Ist Pessimismus notwendig das Zeichen des Niedergangs, Verfalls, des Mißratenseins, der ermüdeten und geschwächten Instinkte? – wie er es bei den Indern war, wie er es, allem Anschein nach, bei uns, den »modernen« Menschen und Europäern ist? Gibt es einen Pessimismus der Stärke? Eine intellektuelle Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, aus Fülle des Daseins? Gibt es vielleicht ein Leiden an der Überfülle selbst? Eine versucherische Tapferkeit des schärfsten Blicks, die nach dem Furchtbaren verlangt, als nach dem Feinde, dem würdigen Feinde, an dem sie ihre Kraft erproben kann? an dem sie lernen will, was »das Fürchten« ist? Was bedeutet, gerade bei den Griechen der besten, stärksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythus? Und das ungeheure Phänomen des Dionysischen? Was, aus ihm geboren, die Tragödie? – Und wiederum: das, woran die Tragödie starb, der Sokratismus der Moral, die Dialektik, Genügsamkeit und Heiterkeit des theoretischen Menschen – wie? könnte nicht gerade dieser Sokratismus ein Zeichen des Niedergangs, der Ermüdung, Erkrankung, der anarchisch sich lösenden Instinkte sein? Und die »griechische Heiterkeit« des späteren Griechentums nur eine Abendröte? Der epikurische Wille gegen den Pessimismus nur eine Vorsicht des Leidenden? Und die Wissenschaft selbst, unsere Wissenschaft – ja, was bedeutet überhaupt, als Symptom des Lebens angesehn, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher – alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Notwehr gegen – die Wahrheit? Und, moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit? Unmoralisch geredet, eine Schlauheit? O Sokrates, Sokrates, war das vielleicht dein Geheimnis? O geheimnisvoller Ironiker, war dies vielleicht deine – Ironie?“
Friedrich Nietzsche, Versuch einer Selbstkritik, 1886, S. 3-4

„Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit nicht lassen kann, auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu legen: aber jene »Gesetzmäßigkeit der Natur«, von der ihr Physiker so stolz redet, wie als ob – – besteht nur dank eurer Ausdeutung und schlechten »Philologie« – sie ist kein Tatbestand, kein »Text«, vielmehr nur eine naiv-humanitäre Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr den demokratischen Instinkten der modernen Seele sattsam entgegenkommt!“
Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886, 22, in: Werke III, S. 32 bzw. 586

„Oder zeigte vielleicht die gesamte moderne Geschichtsschreibung eine lebensgewissere, idealgewissere Haltung? Ihr vornehmster Anspruch geht jetzt dahin, Spiegel zu sein; sie lehnt alle Teleologie ab; sie will nichts mehr »beweisen«; sie verschmäht es, den Richter zu spielen, und hat darin ihren guten Geschmack – sie bejaht so wenig, als sie verneint, sie stellt fest, sie »beschreibt« .... Dies alles ist in einem hohen Grade asketisch; es ist aber zugleich in einem noch höheren Grade nihilistisch ....“
Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, 1887 in: Werke III, S. 340-341 bzw. 894-895

„Hat man sich für die Abzeichen des Niedergangs ein Auge gemacht, so versteht man auch die Moral – man versteht, was sich unter ihren heiligsten Namen und Wertformeln versteckt: das verarmte Leben, der Wille zum Ende, die große Müdigkeit. Moral verneint das Leben .... Zu einer solchen Aufgabe war mir eine Selbstdisziplin vonnöten – Partei zu nehmen gegen alles Kranke an mir, eingerechnet Wagner, eingerechnet Schopenhauer, eingerechnet die ganze moderne »Menschlichkeit«. – Eine tiefe Entfremdung, Erkältung, Ernüchterung gegen alles Zeitliche, Zeitgemäße: und als höchsten Wunsch das Auge Zarathustras, ein Auge, das die ganze Tatsache Mensch aus ungeheurer Ferne übersieht – unter sich sieht .... Einem solchen Ziele – welches Opfer wäre ihm nicht gemäß? welche »Selbst-Überwindung«! welche »Selbst-Verleugnung«!.“
Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, 1888, S. 3-4

„Mein größtes Erlebnis war eine Genesung. Wagner gehört bloß zu meinen Krankheiten. Nicht daß ich gegen diese Krankheit undankbar sein möchte. Wenn ich mit dieser Schrift den Satz aufrechterhalte, daß Wagner schädlich ist, so will ich nicht weniger aufrechthalten, wem er trotzdem unentbehrlich ist – dem Philosophen. Sonst kann man vielleicht ohne Wagner auskommen: dem Philosophen aber steht es nicht frei, Wagners zu entraten. Er hat das schlechte Gewissen seiner Zeit zu sein – dazu muß er deren bestes Wissen haben. Aber wo fände er für das Labyrinth der modernen Seele einen eingeweihteren Führer, einen beredteren Seelenkündiger als Wagner? Durch Wagner redet die Modernität ihre intimste Sprache: sie verbirgt weder ihr Gutes, noch ihr Böses, sie hat alle Scham vor sich verlernt. Und umgekehrt: man hat beinahe eine Abrechnung über den Wert des Modernen gemacht, wenn man über Gut und Böse bei Wagner mit sich im klaren ist. – Ich verstehe es vollkommen, wenn heut ein Musiker sagt: »ich hasse Wagner, aber ich halte keine andere Musik mehr aus«. Ich würde aber auch einen Philosophen verstehen, der erklärte: »Wagner resümiert die Modernität. Es hilft nichts, man muß erst Wagnerianer sein.«“
Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, 1888, S. 4

„Gerade, weil nichts moderner ist als diese Gesamterkrankung, diese Spätheit und Überreiztheit der nervösen Maschinerie, ist Wagner der moderne Künstler par excellence, der Cagliostro der Modernität. In seiner Kunst ist auf die verführerischste Art gemischt, was heute alle Welt am nötigsten hat – die drei großen Stimulantia der Erschöpften, das Brutale, das Künstliche und das Unschuldige (Idiotische).“
Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, 1888, S. 17

„Der Parsifal wird in der Kunst der Verführung ewig seinen Rang behalten, als der Geniestreich der Verführung .... Ich bewundere dies Werk, ich möchte es selbst gemacht haben; in Ermangelung davon verstehe ich es .... Wagner war nie besser inspiriert als am Ende. Das Raffinement im Bündnis von Schönheit und Krankheit geht hier so weit, daß es über Wagners frühere Kunst gleichsam Schatten legt – sie erscheint zu hell, zu gesund. Versteht ihr das? Die Gesundheit, die Helligkeit als Schatten wirkend? als Einwand beinahe? .... So weit sind wir schon reine Toren .... Niemals gab es einen größeren Meister in dumpfen hieratischen Wohlgerüchen – nie lebte ein gleicher Kenner alles kleinen Unendlichen, alles Zitternden und Überschwänglichen, aller Feminismen aus dem Idiotikon des Glücks! – Trinkt nur, meine Freunde, die Philtren dieser Kunst! Ihr findet nirgends eine angenehmere Art, euren Geist zu entnerven, eure Männlichkeit unter einem Rosengebüsche zu vergessen .... Ah dieser alte Zauberer! Dieser Klingsor aller Klingsore! Wie er uns damit den Krieg macht! uns, den freien Geistern! Wie er jeder Feigheit der modernen Seele mit Zaubermädchen-Tönen zu Willen redet! – Es gab nie einen solchen Todhaß auf die Erkenntnis! – Man muß Zyniker sein, um hier nicht verführt zu werden, man muß beißen können, um hier nicht anzubeten. Wohlan, alter Verführer! Der Zyniker warnt dich – cave canem ....“
Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, 1888, S. 37

„Der moderne Mensch stellt, biologisch, einen Widerspruch der Werte dar, er sitzt zwischen zwei Stühlen, er sagt in einem Atem Ja und Nein.“
Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, 1888, S. 46

„Aber wir alle haben wider Wissen, wider Willen, Werte, Worte, Formeln, Moralen entgegengesetzter Abkunft im Leibe – wir sind, physiologisch betrachtet, falsch .... Eine Diagnostik der modernen Seele – womit begänne sie? Mit einem resoluten Einschnitt in diese Instinkt-Widersprüchlichkeit, mit der Herauslösung ihrer Gegensatz-Werte, mit der Vivisektion vollzogen an ihrem lehrreichsten Fall.“
Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, 1888, S. 47

„Die Kultur und der Staat – man betrüge sich hierüber nicht – sind Antagonisten: »Kultur-Staat« ist bloß eine moderne Idee. Das eine lebt vom andern, das eine gedeiht auf Unkosten des andern. Alle großen Zeiten der Kultur sind politische Niedergangs-Zeiten: was groß ist im Sinn der Kultur, war unpolitisch, selbst antipolitisch ....“
Friedrich Nietzsche, , Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 431 bzw. 985

Ob wir moralischer geworden sind. – Gegen meinen Begriff »jenseits von Gut und Böse« hat sich, wie zu erwarten stand, die ganze Ferozität der moralischen Verdummung ... ins Zeug geworfen: ich hätte artige Geschichten davon zu erzählen. Vor allem gab man mir die »unleugbare Überlegenheit« unsrer Zeit im sittlichen Urteil zu überdenken, unsern wirklich hier gemachten Fortschritt: ein Cesare Borgia sei, im Vergleich mit uns, durchaus nicht als ein »höherer Mensch«, als eine Art Übermensch, wie ich es tue, aufzustellen .... Ein Schweizer Redakteur, vom »Bund«, ging so weit, nicht ohne seine Achtung vor dem Mut zu solchem Wagnis auszudrücken, den Sinn meines Werks dahin zu »verstehn«, daß ich mit demselben die Abschaffung aller anständigen Gefühle beantragte. Sehr verbunden! – ich erlaube mir, als Antwort, die Frage aufzuwerfen, ob wir wirklich moralischer geworden sind. Daß alle Welt das glaubt, ist bereits ein Einwand dagegen .... Wir modernen Menschen, sehr zart, sehr verletzlich und hundert Rücksichten gebend und nehmend, bilden uns in der Tat ein, diese zärtliche Menschlichkeit, die wir darstellen, diese erreichte Einmütigkeit in der Schonung, in der Hilfsbereitschaft, im gegenseitigen Vertrauen, sei ein positiver Fortschritt, damit seien wir weit über die Menschen der Renaissance hinaus. Aber so denkt jede Zeit, so muß sie denken. Gewiß ist, daß wir uns nicht in Renaissance-Zustände hineinstellen dürften, nicht einmal hineindenken: unsre Nerven hielten jene Wirklichkeit nicht aus, nicht zu reden von unsern Muskeln. Mit diesem Unvermögen ist aber kein Fortschritt bewiesen, sondern nur eine andre, eine spätere Beschaffenheit, eine schwächere, zärtlichere, verletzlichere, aus der sich notwendig eine rücksichtenreiche Moral erzeugt.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 458 bzw. 1012

„Denken wir unsre Zartheit und Spätheit, unsre physiologische Alterung weg, so verlöre auch unsre Moral der »Vermenschlichung« sofort ihren Wert – an sich hat keine Moral Wert –: sie würde uns selbst Geringschätzung machen. Zweifeln wir andrerseits nicht daran, daß wir Modernen mit unsrer dick wattierten Humanität, die durchaus an keinen Stein sich stoßen will, den Zeitgenossen Cesare Borgias eine Komödie zum Totlachen abgeben würden. In der Tat, wir sind über die Maßen unfreiwillig spaßhaft, mit unsren modernen »Tugenden« .... Die Abnahme der feindseligen und mißtrauen-weckenden Instinkte – und das wäre ja unser »Fortschritt« – stellt nur eine der Folgen in der allgemeinen Abnahme der Vitalität dar: es kostet hundertmal mehr Mühe, mehr Vorsicht, ein so bedingtes, so spätes Dasein durchzusetzen. Da hilft man sich gegenseitig, da ist jeder bis zu einem gewissen Grade Kranker und jeder Krankenwärter. Das heißt dann »Tugend« –: unter Menschen, die das Leben noch anders kannten, voller, verschwenderischer, überströmender, hätte man's anders genannt, »Feigheit« vielleicht, »Erbärmlichkeit«, »Altweiber-Moral« ....“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 458-459 bzw. 1012-1013

„Unsre Milderung der Sitten – das ist mein Satz, das ist, wenn man will, meine Neuerung – ist eine Folge des Niedergangs; die Härte und Schrecklichkeit der Sitte kann umgekehrt eine Folge des Überschusses von Leben sein. Dann nämlich darf auch viel gewagt, viel herausgefordert, viel auch vergeudet werden. Was Würze ehedem des Lebens war, für uns wäre es Gift .... Indifferent zu sein – auch das ist eine Form der Stärke – dazu sind wir gleichfalls zu alt, zu spät: unsre Mitgefühls-Moral, vor der ich als der erste gewarnt habe, ... ist ein Ausdruck mehr der physiologischen Überreizbarkeit, die allem, was décadent ist, eignet. Jene Bewegung, die mit der Mitleids-Moral Schopenhauers versucht hat, sich wissenschaftlich vorzuführen – ein sehr unglücklicher Versuch! – ist die eigentliche décadence-Bewegung in der Moral, sie ist als solche tief verwandt mit der christlichen Moral. Die starken Zeiten, die vornehmen Kulturen sehen im Mitleiden, in der »Nächstenliebe«, im Mangel an Selbst und Selbstgefühl etwas Verächtliches.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 459 bzw. 1013

„Die Zeiten sind zu messen nach ihren positiven Kräften – und dabei ergibt sich jene so verschwenderische und verhängnisreiche Zeit der Renaissance als die letzte große Zeit, und wir, wir Modernen mit unsrer ängstlichen Selbst-Fürsorge und Nächstenliebe, mit unsern Tugenden der Arbeit, der Anspruchslosigkeit, der Rechtlichkeit, der Wissenschaftlichkeit – sammelnd, ökonomisch, machinal – als eine schwache Zeit .... Unsre Tugenden sind bedingt, sind herausgefordert durch unsre Schwäche .... “
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 459 bzw. 1013

„Die »Gleichheit«, eine gewisse tatsächliche Anähnlichung, die sich in der Theorie von »gleichen Rechten« nur zum Ausdruck bringt, gehört wesentlich zum Niedergang: die Kluft zwischen Mensch und Mensch, Stand und Stand, die Vielheit der Typen, der Wille, selbst zu sein, sich abzuheben –, das, was ich Pathos der Distanz nenne, ist jeder starken Zeit zu eigen. Die Spannkraft, die Spannweite zwischen den Extremen wird heute immer kleiner – die Extreme selbst verwischen sich endlich bis zur Ähnlichkeit .... Alle unsre politischen Theorien und Staats-Verfassungen, das »Deutsche Reich« durchaus nicht ausgenommen, sind Folgerungen, Folge-Notwendigkeiten des Niedergangs; die unbewußte Wirkung der décadence ist bis in die Ideale einzelner Wissenschaften hinein Herr geworden. Mein Einwand gegen die ganze Soziologie in England und Frankreich bleibt, daß sie nur die Verfalls-Gebilde der Sozietät aus Erfahrung kennt und vollkommen unschuldig die eignen Verfalls-Instinkte als Norm des soziologischen Werturteils nimmt. Das niedergehende Leben, die Abnahme aller organisierenden, das heißt trennenden, Klüfte aufreißenden, unter- und überordnenden Kraft formuliert sich in der Soziologie von heute zum Ideal .... Unsre Sozialisten sind décadents, aber auch Herr Herbert Spencer ist ein décadent – er sieht im Sieg des Altruismus etwas Wünschenswertes!“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 459-460 bzw. 1013-1014

Mein Begriff von Freiheit. – Der Wert einer Sache liegt mitunter nicht in dem, was man mit ihr erreicht, sondern in dem, was man für sie bezahlt – was sie uns kostet. Ich gebe ein Beispiel. Die liberalen Institutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, sobald sie erreicht sind: es gibt später keine ärgeren und gründlicheren Schädiger der Freiheit als liberale Institutionen. Man weiß ja, was sie zuwege bringen: sie unterminieren den Willen zur Macht, sie sind die zur Moral erhobene Nivellierung von Berg und Tal, sie machen klein, feige und genüßlich – mit ihnen triumphiert jedesmal das Herdentier. Liberalismus: auf deutsch Herden-Vertierung .... Dieselben Institutionen bringen, so lange sie noch erkämpft werden, ganz andre Wirkungen hervor; sie fördern dann in der Tat die Freiheit auf eine mächtige Weise. Genauer zugesehn, ist es der Krieg, der diese Wirkungen hervorbringt, der Krieg um liberale Institutionen, der als Krieg die illiberalen Instinkte dauern läßt. Und der Krieg erzieht zur Freiheit. Denn was ist Freiheit? Daß man den Willen zur Selbstverantwortlichkeit hat. Daß man die Distanz, die uns abtrennt, festhält. Daß man gegen Mühsal, Härte, Entbehrung, selbst gegen das Leben gleichgültiger wird. Daß man bereit ist, seiner Sache Menschen zu opfern, sich selber nicht abgerechnet. Freiheit bedeutet, daß die männlichen, die kriegs- und siegsfrohen Instinkte die Herrschaft haben über andre Instinkte, zum Beispiel über die des »Glücks«.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 460-461 bzw. 1014-1015

„Der freigewordne Mensch, um wie viel mehr der freigewordne Geist, tritt mit Füßen auf die verächtliche Art von Wohlbefinden, von dem Krämer, Christen, Kühe, Weiber, Engländer und andre Demokraten träumen. Der freie Mensch ist Krieger.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 461 bzw. 1015

„Wonach mißt sich die Freiheit, bei Einzelnen wie bei Völkern? Nach dem Widerstand, der überwunden werden muß, nach der Mühe, die es kostet, oben zu bleiben. Den höchsten Typus freier Menschen hätte man dort zu suchen, wo beständig der höchste Widerstand überwunden wird: fünf Schritte weit von der Tyrannei, dicht an der Schwelle der Gefahr der Knechtschaft. Dies ist psychologisch wahr, wenn man hier unter den »Tyrannen« unerbittliche und furchtbare Instinkte begreift, die das Maximum von Autorität und Zucht gegen sich herausfordern – schönster Typus Julius Cäsar –; dies ist auch politisch wahr, man mache nur seinen Gang durch die Geschichte. Die Völker, die etwas wert waren, wert wurden, wurden dies nie unter liberalen Institutionen: die große Gefahr machte etwas aus ihnen, das Ehrfurcht verdient, die Gefahr, die uns unsre Hilfsmittel, unsre Tugenden, unsre Wehr und Waffen, unsern Geist erst kennen lehrt – die uns zwingt, stark zu sein .... Erster Grundsatz: man muß es nötig haben, stark zu sein: sonst wird man's nie. – Jene großen Treibhäuser für starke, für die stärkste Art Mensch, die es bisher gegeben hat, die aristokratischen Gemeinwesen in der Art von Rom und Venedig verstanden Freiheit genau in dem Sinne, wie ich das Wort Freiheit verstehe: als etwas, das man hat und nicht hat, das man will, das man erobert ....“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 461 bzw. 1015

Kritik der Modernität. – Unsre Institutionen taugen nichts mehr: darüber ist man einmütig. Aber das liegt nicht an ihnen, sondern an uns. Nachdem uns alle Instinkte abhanden gekommen sind, aus denen Institutionen wachsen, kommen uns Institutionen überhaupt abhanden, weil wir nicht mehr zu ihnen taugen. Demokratismus war jederzeit die Niedergangs-Form der organisierenden Kraft: ich habe schon in »Menschliches, Allzumenschliches« (I, 682) die moderne Demokratie samt ihren Halbheiten, wie »Deutsches Reich«, als Verfallsform des Staats gekennzeichnet. Damit es Institutionen gibt, muß es eine Art Wille, Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte hinaus, zur Solidarität von Geschlechter-Ketten vorwärts und rückwärts in infinitum. Ist dieser Wille da, so gründet sich etwas wie das Imperium Romanum: oder wie Rußland, die einzige Macht, die heute Dauer im Leibe hat, die warten kann, die etwas noch versprechen kann – Rußland, der Gegensatz-Begriff zu der erbärmlichen europäischen Kleinstaaterei und Nervosität, die mit der Gründung des Deutschen Reichs in einen kritischen Zustand eingetreten ist .... Der ganze Westen hat jene Instinkte nicht mehr, aus denen Institutionen wachsen, aus denen Zukunft wächst: seinem »modernen Geiste« geht vielleicht nichts so sehr wider den Strich.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 461-462 bzw. 1015-1016

„Man lebt für heute, man lebt sehr geschwind – man lebt sehr unverantwortlich: dies gerade nennt man »Freiheit«. Was aus Institutionen Institutionen macht, wird verachtet, gehaßt, abgelehnt: man glaubt sich in der Gefahr einer neuen Sklaverei, wo das Wort »Autorität« auch nur laut wird. Soweit geht die décadence im Wert-Instinkte unsrer Politiker, unsrer politischen Parteien: sie ziehn instinktiv vor, was auflöst, was das Ende beschleunigt .... Zeugnis die moderne Ehe. Aus der modernen Ehe ist ersichtlich alle Vernunft abhanden gekommen: das gibt aber keinen Einwand gegen die Ehe ab, sondern gegen die Modernität. Die Vernunft der Ehe – sie lag in der juristischen Alleinverantwortlichkeit des Mannes: damit hatte die Ehe Schwergewicht, während sie heute auf beiden Beinen hinkt. Die Vernunft der Ehe – sie lag in ihrer prinzipiellen Unlösbarkeit: damit bekam sie einen Akzent, der, dem Zufall von Gefühl, Leidenschaft und Augenblick gegenüber, sich Gehör zu schaffen wußte. Sie lag insgleichen in der Verantwortlichkeit der Familien für die Auswahl der Gatten. Man hat mit der wachsenden Indulgenz zugunsten der Liebes-Heirat geradezu die Grundlage der Ehe, das, was erst aus ihr eine Institution macht, eliminiert. Man gründet eine Institution nie und nimmermehr auf eine Idiosynkrasie, man gründet die Ehe nicht, wie gesagt, auf die »Liebe« – man gründet sie auf den Geschlechtstrieb, auf den Eigentumstrieb (Weib und Kind als Eigentum), auf den Herrschafts-Trieb, der sich beständig das kleinste Gebilde der Herrschaft, die Familie, organisiert, der Kinder und Erben braucht, um ein erreichtes Maß von Macht, Einfluß, Reichtum auch physiologisch festzuhalten, um lange Aufgaben, um Instinkt-Solidarität zwischen Jahrhunderten vorzubereiten. Die Ehe als Institution begreift bereits die Bejahung der größten, der dauerhaftesten Organisationsform in sich: wenn die Gesellschaft selbst nicht als Ganzes für sich gutsagen kann bis in die fernsten Geschlechter hinaus, so hat die Ehe überhaupt keinen Sinn. – Die moderne Ehe verlor ihren Sinn – folglich schafft man sie ab.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 462-463 bzw. 1016-1017

Die Arbeiter-Frage. – Die Dummheit, im Grunde die Instinkt-Entartung, welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, daß es eine Arbeiter-Frage gibt. Über gewisse Dinge fragt man nicht: erster Imperativ des Instinkts. – Ich sehe durchaus nicht ab, was man mit dem europäischen Arbeiter machen will, nachdem man erst eine Frage aus ihm gemacht hat. Er befindet sich viel zu gut, um nicht Schritt für Schritt mehr zu fragen, unbescheidner zu fragen. Er hat zuletzt die große Zahl für sich. Die Hoffnung ist vollkommen vorüber, daß hier sich eine bescheidene und selbstgenügsame Art Mensch, ein Typus Chinese zum Stande herausbilde: und dies hätte Vernunft gehabt, dies wäre geradezu eine Notwendigkeit gewesen. Was hat man getan? – Alles, um auch die Voraussetzung dazu im Keime zu vernichten – man hat die Instinkte, vermöge deren ein Arbeiter als Stand möglich, sich selber möglich wird, durch die unverantwortlichste Gedankenlosigkeit in Grund und Boden zerstört. Man hat den Arbeiter militärtüchtig gemacht, man hat ihm das Koalitions-Recht, das politische Stimmrecht gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereits als Notstand (moralisch ausgedrückt als Unrecht–) empfindet? Aber was will man? nochmals gefragt. Will man einen Zweck, muß man auch die Mittel wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herrn erzieht.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 463-464 bzw. 1017-1018

»Freiheit, die ich nicht meine ....« – In solchen Zeiten, wie heute, seinen Instinkten überlassen sein, ist ein Verhängnis mehr. Diese Instinkte widersprechen, stören sich, zerstören sich untereinander; ich definierte das Moderne bereits als den physiologischen Selbst-Widerspruch. Die Vernunft der Erziehung würde wollen, daß unter einem eisernen Drucke wenigstens eins dieser Instinkt-Systeme paralysiert würde, um einem andern zu erlauben, zu Kräften zu kommen, stark zu werden, Herr zu werden. Heute müßte man das Individuum erst möglich machen, indem man dasselbe beschneidet: möglich, das heißt ganz .... Das Umgekehrte geschieht: der Anspruch auf Unabhängigkeit, auf freie Entwicklung, auf laisser aller wird gerade von denen am hitzigsten gemacht, für die kein Zügel zu streng wäre – dies gilt in politicis, dies gilt in der Kunst. Aber das ist ein Symptom der décadence: unser moderner Begriff »Freiheit« ist ein Beweis von Instinkt-Entartung mehr.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 464 bzw. 1018

Den Konservativen ins Ohr gesagt. – Was man früher nicht wußte, was man heute weiß, wissen könnte –, eine Rückbildung, eine Umkehr in irgendwelchem Sinn und Grade ist gar nicht möglich. Wir Physiologen wenigstens wissen das. Aber alle Priester und Moralisten haben daran geglaubt – sie wollten die Menschheit auf ein früheres Maß von Tugend zurückbringen, zurückschrauben. Moral war immer ein Prokrustes-Bett. Selbst die Politiker haben es darin den Tugendpredigern nachgemacht: es gibt auch heute noch Parteien, die als Ziel den Krebsgang aller Dinge träumen. Aber es steht niemandem frei, Krebs zu sein. Es hilft nichts: man muß vorwärts, will sagen Schritt für Schritt weiter in der décadence (– dies meine Definition des modernen »Fortschritts« ...). Man kann diese Entwicklung hemmen und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln, vehementer und plötzlicher machen: mehr kann man nicht.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 464-465 bzw. 1018-1019

Fortschritt in meinem Sinne. – Auch ich rede von »Rückkehr zur Natur«, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn, sondern ein Hinaufkommen ist – hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit, eine solche, die mit großen Aufgaben spielt, spielen darf .... Um es im Gleichnis zu sagen: Napoleon war ein Stück »Rückkehr zur Natur«, so wie ich sie verstehe (zum Beispiel in rebus tacticis, noch mehr, wie die Militärs wissen, im Strategischen). – Aber Rousseau – wohin wollte der eigentlich zurück? Rousseau, dieser erste moderne Mensch, Idealist und Kanaille in einer Person; der die moralische »Würde« nötig hatte, um seinen eignen Aspekt auszuhalten; krank vor zügelloser Eitelkeit und zügelloser Selbstverachtung. Auch diese Mißgeburt, welche sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat, wollte »Rückkehr zur Natur« – wohin, nochmals gefragt, wollte Rousseau zurück? – Ich hasse Rousseau noch in der Revolution: sie ist der welthistorische Ausdruck für diese Doppelheit von Idealist und Kanaille. Die blutige Farce, mit der sich diese Revolution abspielte, ihre »Immoralität«, geht mich wenig an: was ich hasse, ist ihre Rousseausche Moralität – die sogenannten »Wahrheiten« der Revolution, mit denen sie immer noch wirkt und alles Flache und Mittelmäßige zu sich überredet. Die Lehre von der Gleichheit!... Aber es gibt gar kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit ist .... »Den Gleichen Gleiches, den Ungleichen Ungleiches« – das wäre die wahre Rede der Gerechtigkeit: und, was daraus folgt, »Ungleiches niemals gleich machen.« – Daß es um jene Lehre von der Gleichheit herum so schauerlich und blutig zuging, hat dieser »modernen Idee« par excellence eine Art Glorie und Feuerschein gegeben, so daß die Revolution als Schauspiel auch die edelsten Geister verführt hat. Das ist zuletzt kein Grund, sie mehr zu achten. – Ich sehe nur einen, der sie empfand, wie sie empfunden werden muß, mit Ekel – Goethe.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 469-470 bzw. 1023-1024

Goethe – kein deutsches Ereignis, sondern ein europäisches: ein großartiger Versuch, das achtzehnte Jahrhundert zu überwinden durch eine Rückkehr zur Natur, durch ein Hinaufkommen zur Natürlichkeit der Renaissance, eine Art Selbstüberwindung von seiten dieses Jahrhunderts. – Er trug dessen stärkste Instinkte in sich: die Gefühlsamkeit, die Natur-Idolatrie, das Antihistorische, das Idealistische, das Unreale und Revolutionäre (– letzteres ist nur eine Form des Unrealen). Er nahm die Historie, die Naturwissenschaft, die Antike, insgleichen Spinoza zu Hilfe, vor allem die praktische Tätigkeit; er umstellte sich mit lauter geschlossenen Horizonten; er löste sich nicht vom Leben ab, er stellte sich hinein; er war nicht verzagt und nahm so viel als möglich auf sich, über sich, in sich. Was er wollte, das war Totalität; er bekämpfte das Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl, Wille (– in abschreckendster Scholastik durch Kant gepredigt, den Antipoden Goethes); er disziplinierte sich zur Ganzheit, er schuf sich .... Goethe war, inmitten eines unreal gesinnten Zeitalters, ein überzeugter Realist: er sagte Ja zu allem, was ihm hierin verwandt war – er hatte kein größeres Erlebnis als jenes ens realissimum, genannt Napoleon. Goethe konzipierte einen starken, hochgebildeten, in allen Leiblichkeiten geschickten, sich selbst im Zaume habenden, vor sich selber ehrfürchtigen Menschen, der sich den ganzen Umfang und Reichtum der Natürlichkeit zu gönnen wagen darf, der stark genug zu dieser Freiheit ist; den Menschen der Toleranz, nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke, weil er das, woran die durchschnittliche Natur zugrunde gehn würde, noch zu seinem Vorteil zu brauchen weiß; den Menschen, für den es nichts Verbotenes mehr gibt, es sei denn die Schwäche, heiße sie nun Laster oder Tugend .... Ein solcher freigewordner Geist steht mit einem freudigen und vertrauenden Fatalismus mitten im All, im Glauben, daß nur das Einzelne verwerflich ist, daß im Ganzen sich alles erlöst und bejaht – er verneint nicht mehr .... Aber ein solcher Glaube ist der höchste aller möglichen Glauben: ich habe ihn auf den Namen des Dionysos getauft.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 470-471 bzw. 1024-1025

„Man könnte sagen, daß in gewissem Sinne das neunzehnte Jahrhundert das alles auch erstrebt hat, was Goethe als Person erstrebte: eine Universalität im Verstehn, im Gutheißen, ein An-sich-heran-kommen-lassen von jedwedem, einen verwegnen Realismus, eine Ehrfurcht vor allem Tatsächlichen. Wie kommt es, daß das Gesamt-Ergebnis kein Goethe, sondern ein Chaos ist, ein nihilistisches Seufzen, ein Nicht-wissen-wo-aus-noch-ein, ein Instinkt von Ermüdung, der in praxi fortwährend dazu treibt, zum achtzehnten Jahrhundert zurückzugreifen? (– zum Beispiel als Gefühls-Romantik, als Altruismus und Hyper-Sentimentalität, als Feminismus im Geschmack, als Sozialismus in der Politik). Ist nicht das neunzehnte Jahrhundert, zumal in seinem Ausgange, bloß ein verstärktes verrohtes achtzehntes Jahrhundert, das heißt ein décadence-Jahrhundert? So daß Goethe nicht bloß für Deutschland, sondern für ganz Europa bloß ein Zwischenfall, ein schönes Umsonst gewesen wäre? – Aber man mißversteht große Menschen, wenn man sie aus der armseligen Perspektive eines öffentlichen Nutzens ansieht. Daß man keinen Nutzen aus ihnen zu ziehen weiß, das gehört selbst vielleicht zur Größe.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 471-472 bzw. 1025-1026

„Goethe ist der letzte Deutsche, vor dem ich Ehrfurcht habe: er hätte drei Dinge empfunden, die ich empfinde, – auch verstehen wir uns über das »Kreuz« .... Man fragt mich öfter, wozu ich eigentlich deutsch schriebe: nirgendswo würde ich schlechter gelesen, als im Vaterlande. Aber wer weiß zuletzt, ob ich auch nur wünsche, heute gelesen zu werden? – Dinge schaffen, an denen umsonst die Zeit ihre Zähne versucht; der Form nach, der Substanz nach um eine kleine Unsterblichkeit bemüht sein – ich war noch nie bescheiden genug, weniger von mir zu verlangen. Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der »Ewigkeit«; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder andre in einem Buche sagt – was jeder andre in einem Buche nicht sagt .... – Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, meinen Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 472 bzw. 1026

„Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboreer, – wir wissen gut genug, wie abseits wir leben. »Weder zu Lande noch zu Wasser wirst du den Weg zu den Hyperboreern finden«: das hat schon Pindar von uns gewußt. Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes - unser Leben, unser Glück.« .... Wir haben das Glück entdeckt, wir wissen den Weg, wir fanden den Ausgang aus ganzen Jahrtausenden des Labyrinths. Wer fand ihn sonst? – Der moderne Mensch etwa? »Ich weiß nicht aus, noch ein; ich bin alles, was nicht aus noch ein weiß« – seufzt der moderne Mensch .... An dieser Modernität waren wir krank, – am faulen Frieden, am feigen Kompromiß, an der ganzen tugendhaften Unsauberkeit des modernen Ja und Nein. Diese Toleranz ... des Herzens, die alles »verzeiht«, weil sie alles »begreift«.“
Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 1889, in: Werke III, S. 611 bzw. 1165

„Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der »Fortschritt« ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgendwelcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.“
Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 1889, in: Werke III, S. 612 bzw. 1166

„Schopenhauer war in seinem Recht damit: durch das Mitleid wird das Leben verneint, verneinungswürdiger gemacht – Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus. Nochmals gesagt: dieser depressive und kontagiöse Instinkt kreuzt jene Instinkte, welche auf Erhaltung und Wert-Erhöhung des Lebens aus sind: er ist eben so als Multiplikator des Elends wie als Konservator alles Elenden ein Hauptwerkzeug zur Steigerung der décadence – Mitleiden überredet zum Nichts! .... Man sagt nicht »Nichts«: man sagt dafür »Jenseits«: oder »Gott«; oder »das wahre Leben«; oder Nirwana, Erlösung, Seligkeit... Diese unschuldige Rhetorik aus dem Reich der religiös-moralischen Idiosynkrasie erscheint sofort viel weniger unschuldig, wenn man begreift, welche Tendenz hier den Mantel sublimer Worte um sich schlägt: die lebensfeindliche Tendenz.“
Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 1889, in: Werke III, S. 614-615 bzw. 1168-1169

„Schopenhauer war lebensfeindlich: deshalb wurde ihm das Mitleid zur Tugend .... Aristoteles sah, wie man weiß, im Mitleiden einen krankhaften und gefährlichen Zustand, dem man gut täte, hier und da durch ein Purgativ beizukommen: er verstand die Tragödie als Purgativ. Vom Instinkte des Lebens aus müßte man in der Tat nach einem Mittel suchen, einer solchen krankhaften und gefährlichen Häufung des Mitleids, wie sie der Fall Schopenhauers (und leider auch unsre gesamte literarische und artistische décadence von St. Petersburg bis Paris, von Tolstoi bis Wagner) darstellt, einen Stich zu versetzen: damit sie platzt .... Nichts ist ungesunder, inmitten unsrer ungesunden Modernität, als das christliche Mitleid. Hier Arzt sein, hier unerbittlich sein, hier das Messer führen – das gehört zu uns, das ist unsre Art Menschenliebe, damit sind wir Philosophen, wir Hyperboreer!“
Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 1889, in: Werke III, S. 615 bzw. 1169

„Ein Gesetzbuch nach Art des Manu aufstellen, heißt einem Volke fürderhin zugestehn, Meister zu werden, vollkommen zu werden – die höchste Kunst des Lebens zu ambitionieren. Dazu muß es unbewußt gemacht werden: dies der Zweck jeder heiligen Lüge. – Die Ordnung der Kasten, das oberste, das dominierende Gesetz, ist nur die Sanktion einer Natur-Ordnung, Natur-Gesetzlichkeit ersten Ranges, über die keine Willkür, keine »moderne Idee« Gewalt hat.“
Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 1889, in: Werke III, S. 672 bzw. 1226

„Hiermit bin ich am Schluß und spreche mein Urteil. Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren »humanitären« Segnungen zu reden! Irgendeinen Notstand abschaffen ging wider ihre tiefste Nützlichkeit: sie lebte von Notständen, sie schuf Notstände, um sich zu verewigen. Der Wurm der Sünde zum Beispiel: mit diesem Notstande hat erst die Kirche die Menschheit bereichert! – Die »Gleichheit der Seelen vor Gott«, diese Falschheit, dieser Vorwand für die rancunes aller Niedriggesinnten, dieser Sprengstoff von Begriff, der endlich Revolution, moderne Idee und Niedergangs-Prinzip der ganzen Gesellschafts-Ordnung geworden ist – ist christlicher Dynamit. »Humanitäre« Segnungen des Christentums! Aus der humanitas einen Selbst-Widerspruch, eine Kunst der Selbstschändung, einen Willen zur Lüge um jeden Preis, einen Widerwillen, eine Verachtung aller guten und rechtschaffnen Instinkte herauszuzüchten! Das wären mir Segnungen des Christentums! – Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-, ihrem »Heiligkeits«-Ideale jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben austrinkend; das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischste Verschwörung, die es je gegeben hat – gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgeratenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst.“
Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, 1889, in: Werke III, S. 680-681 bzw. 1234-1235

„Jede Modernität hält Abwechslung für Entwicklung.“
Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 379

„Man unterscheide in aller Modernität wohl die volkstümliche Seite, das süße Nichtstun, die Sorge um Gesundheit, Glück, Sorglosigkeit, den allgemeinen Frieden, kurz das vermeintlich Christliche von dem höheren Ethos, das nur die Tat wertet, das den Massen - wie alles Faustische - weder verständlich noch erwünscht ist, die großartige Idealisierung des Zweckes und also der Arbeit. Will man dem römischen »Panem et circenses«, dem letzten epikuräisch-stoischen und im Grunde auch indischen Lebenssymbol, das entsprechende Symbol des Nordens und auch wieder des alten China und Ägypten zur Seite stellen, so muß es das Recht auf Arbeit sein, das bereits dem durch und durch preußisch empfundenen, heute europäisch gewordenen Staatssozialismus Fichtes zugrunde liegt und das in den letzten, furchtbarsten Stadien dieser Entwicklung in der Pflicht zur Arbeit gipfeln wird.“
Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 464-465

„Was aber mit dem Alexandrinismus und unserer Romantik entsteht, das gehört allen Stadtmenschen ohne Unterschied. .... Deshalb nehmen in allen Zivilisationen die modernen Städte ein immer gleichförmigeres Gepräge an. Man kann gehen, wohin man will, man trifft Berlin, London und New York überall wieder ....“
Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917-1922, S. 684

„Und so bezeichnet Sozialismus in diesem späten Sinne, nicht als dunkler Urtrieb, wie er sich im Stil gotischer Dome, im Herrscherwillen großer Kaiser und Päpste, in ... Gründung von Reichen auspricht, in denen die Sonne nicht untergeht, sondern als politischer, sozialer, wirtschaftlicher Instinkt realistisch angelegter Völker eine Stufe unserer Zivilisation, nicht mehr unsrer Kultur, die um 1800 zu Ende ging. Aber in diesem nun ganz nach außen gewandten Instinkt lebt der alte faustische Wille zur Macht, zum Unendlichen weiter in dem furchtbaren Willen zur unbedingten Weltherrschaft im militärischen, wirtschaftlichen, intellektuellen Sinne, in der Tatsache des Weltkrieges und der Idee der Weltrevolution, in der Entschlossenheit, durch die Mittel faustischer Technik und Erfindung das Gewimmel der Menschheit zu einem Ganzen zu schweißen. Und so ist der moderne Imperialismus auf den ganzen Planeten gerichtet.“
Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 24

„Wir kennen keine Grenze. Wir haben Amerika durch eine neue Völkerwanderung zu einem Teil Westeuropas gemacht; wir haben alle Erdteile mit Städten unsres Typus besetzt, unsrem Denken, unsren Lebensformen unterworfen. Es ist der höchste überhaupt erreichbare Ausdruck unsres dynamischen Weltgefühls. Was wir glauben, sollen alle glauben. Was wir wollen, sollen alle wollen. Und da Leben für uns äußeres Leben, politisches, soziales, wirtschaftliches Leben geworden ist, sollen alle sich unserm politischen, sozialen, wirtschaftlichen Ideal fügen oder zugrunde gehen. Dies immer klarer werdende Bewußtsein habe ich modernen Sozialismus genannt. Es ist das Gemeinsame in uns. Es wirkt in jedem Menschen von Warschau bis San Franzisko, es zwingt jedes unsrer Völker in den Bann seiner Gestaltungskraft. Aber auch nur uns. Antiken, chinesischen, russischen Sozialismus gibt es nicht.“
Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 24-25

„Die ganze moderne Nationalökonomie beruht auf dem Grundfehler, den Sinn des Wirtschaftslebens überall in der Welt mit dem Händlerinteresse nach englischen Begriffen gleichzusetzen, auch wo man dem Wortlaut nach die Manchesterlehre verwirft: der Marxismus hat sich als reine Verneinung dieser Lehre ihr Schema vollständig zu eigen gemacht.“
Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 51

„In einer modernen Demokratie stehen die Massenführer nicht den Führern des Kapitals, sondern dem Gelde selbst und dessen anonymer Macht gegenüber. Die Frage ist, wie viele der Führer dieser Macht widerstehen können. Wenn man wissen will, wie sich eine nicht mehr junge und deshalb von ihrer eignen Vortrefflichkeit begeisterte Demokratie in Wirklichkeit von der in ideologischen Köpfen vorhandenen unterscheidet, so lese man Sallust über Catilina und Jugurtha. Es ist kein Zweifel, daß uns Römerzustände bevorstehen, aber eine monarchisch-sozialistische Ordnung kann sie unwirksam machen. Das sind die drei Eigentumsideale, die heute im Kampfe stehen: das kommunistische, das individualistische und das sozialistische mit den Endzielen der Verteilung, Vertrustung und Verwaltung des gesamten produktiven Eigentums der Welt.“
Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 97

„Aber das gehört zur Tragik dieser Zeit, daß das entfesselte menschliche Denken seine eigenen Folgen nicht mehr zu erfassen vermag. Die Technik ist esoterisch geworden wie die höhere Mathematik, deren sie sich bedient, wie die physikalische Theorie, die bei ihrem Zerdenken von Abstraktionen der Erscheinung bis zu den reinen Grundformen menschlichen Erkennens vorgedrungen ist. ohne es recht zu bemerken. Die Mechanisierung der Welt ist in ein Stadium gefährlichster Überspannung eingetreten. Das Bild der Erde mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen hat sich verändert. In wenigen Jahrzehnten sind die meisten großen Wälder verschwunden, in Zeitungspapier verwandelt worden und damit Veränderungen des Klimas eingetreten, welche die Landwirtschaft ganzer Bevölkerungen bedrohen; unzählige Tierarten sind wie der Büffel ganz oder fast ganz ausgerottet, ganze Menschenrassen wie die nordamerikanischen Indianer und die Australier beinahe zum Verschwinden gebracht worden.“
Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik, 1931, S. 78

„Alles Organische erliegt der um sich greifenden Organisation. Eine künstliche Welt durchsetzt und vergiftet die natürliche. Die Zivilidation ist selbst eine Maschine geworden, die alles maschinenmäßig tut oder tun will. Man denkt nur noch in Pferdekräften. Man erblickt keinen Wasserfall mehr, ohne ihn in Gedanken in elektrische Kraft umzusetzen. Man sieht kein Land voller weidender Herden, ohne an die Auswertung ihres Fleischbestandes zu denken, kein schönes altes Handwerk einer urwüchsigen Bevölkerung ohne den Wunsch, es durch ein modernes technisches Verfahren zu ersetzen. Ob es einen Sinn hat oder nicht, das technische Denken will Verwirklichung. Der Luxus der Maschine ist die Folge eines Denkzwanges. Die Maschine ist letzten Endes ein Symbol, wie ihre geheimes Ideal, das Perpetuum mobile, eine seelisch-geistige, aber keine vitale Notwendigkeit.“
Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik, 1931, S. 78-79

„Eine moderne Republik ist nichts als die Ruine einer Monarchie, die sich selbst aufgegeben hat.“
Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, 1933, S. 25

Der größte moderne Irrtum besteht nicht in der These vom toten Gott, sondern im Glauben, daß der Teufel tot ist.
Nicolás Gómez Dávila, Einsamkeiten - Glossen und Text in einem, 1987, S. 25

Dem 19. Jahrhundert gelang nur eine ethische Konstruktion großen Stils: das preußische Offizierskorps.
Nicolás Gómez Dávila, Einsamkeiten - Glossen und Text in einem, 1987, S. 140

„Die moderne Welt ist so kaputt, daß man keine Angst zu haben braucht, daß sie nicht untergeht.“
Nicolás Gómez Dávila

„Das Ideal des Reaktionärs ist keine paradiesische Gesellschaft. Es ist die Gesellschaft der Friedenszeiten in Alteuropa - vor der demographischen, industriellen und demokratischen Katastrophe.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die moderne Metropole ist keine Stadt, sie ist eine Krankheit.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die moderne Welt besitzt keine Lösung als die des Jüngsten Gerichts. - Möge sie enden.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Historiker der Zukunft werden es schwer haben, zwischen den Träumen und den Alpträumen dieses Jahrhunderts zu unterscheiden.“
Nicolás Gómez Dávila

„Latein und Griechisch bilden, da sie eine Weltsicht vermitteln, die der heutigen feindlich gegenübersteht.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die drei großen reaktionären Unternehmungen der modernen Geschichte sind: der italienische Humanismus, der französische Klassizismus und die deutsche Romantik.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die schreiben, um zu überzeugen, lügen immer. Um nicht zu schwindeln, muß man mit Gleichgültigkeit schreiben.“
Nicolás Gómez Dávila

„Nationaler Sozialismus ist die exakte Definition von Nationalsozialismus.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die moderne Welt ist weniger eine Schöpfung der Technik als der Habgier.“
Nicolás Gómez Dávila

„Es gibt Epochen, in denen nur der Pöbel eine Zukunft zu haben scheint.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die moderne Gesellschaft ist nur in zwei Dingen den vergangenen Gesellschaften voraus: in der Vulgarität und in der Technik.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der heutige Regierende muß sich nur zur Linken bekennen, damit ihm alles erlaubt und alles verziehen werde.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die menschliche Wärme in einer Gesellschaft vermindert sich in dem Grade, in dem sich deren Gesetzgebung perfektioniert.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Moderne glaubt, in einem Pluralismus der Meinungen zu leben, während uns heute doch die Gleichförmigkeit erstickt.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Beweis dafür, daß man aus der Geschichte nichts lernt: die demokratischen Ideen sind nicht totzukriegen.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Wissenschaft hat keine einzige wichtige Frage beantwortet.“
Nicolás Gómez Dávila

„Das wahre Desaster der Linken wird offenbar, wenn sie hält, was sie verspricht.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Linke behauptet, schuld am Konflikt sei nicht, wer fremde Güter begehrt, sondern, wer die eigenen verteidigt.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Moderne nennt »Wandel« das immer schnellere Marschieren auf dem gleichen Weg in die gleiche Richtung. .... Der bloße Vorschlag zu einem wirklichen Wandel empört und erschreckt den Modernen.“
Nicolás Gómez Dávila

„Eine Bürokratie kommt dem Volke stets teurer zu stehen als eine Oberklasse.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Fortschrittler weiß nicht, daß nichts in der Geschichte umsonst ist. - Alles muß teuer bezahlt werden.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die moderne Technisierung der Landwirtschaft zerstört die agrarische Gesellschaft. - Sie wandelt eine Lebensweise in eine bloße Produktionsweise um.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Wahrheiten sind nicht relativ. Relativ sind die Meinungen über sie.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Liebe zum Volk ist eine aristokratische Berufung. Der Demokrat liebt es nur im Wahljahr.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Pessimisten prophezeien eine Zukunft in Trümmern, aber die optimistischen Propheten sind noch haarsträubender, wenn sie die Stadt der Zukunft ankündigen, wo in intakten Bienenhäusern Bosheit und Langeweile hausen.“
Nicolás Gómez Dávila

„Obwohl Joseph de Maistre behauptet, der Teufel zerstöre nur, zeigt die spätere Geschichte, daß er auch baut.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der moderne Mensch zerstört mehr, wenn er aufbaut, als wenn er zerstört.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die moderne Architektur ist fähig, Industrieschuppen aufzustellen, aber es gelingt ihr weder einen Palast noch eine Kirche zu bauen.“
Nicolás Gómez Dávila

„Sparta strebte nicht danach, den Stein zu behauen, sondern eine Seele zu formen. Wer Sparta schlechtredet, vergißt, daß es die vornehmsten Intelligenzen Athens faszinierte.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Kult der Menschheit wird mit Menschenopfern gefeiert.“
Nicolás Gómez Dávila

„Dem modernen Menschen ist es gleichgültig, in seinem Leben keine Freiheit zu finden, wenn er sie in den Reden jener verherrlicht findet, die ihn unterdrücken.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Statistik ist das Werkzeug dessen, der auf das Verstehen verzichtet, um manipulieren zu können.“
Nicolás Gómez Dávila

„Selbst der rechte Flügel irgendeiner Rechten erscheint mir immer zu links.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Kultur geht ihrem Ende zu, wenn die Landwirtschaft aufhört eine Lebensform zu sein und zur Industrie wird.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der moderne Mensch nimmt bereitwillig jedes Joch auf sich, solange nur die Hand, die es aufzwingt, unpersönlich ist.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Mensch korrumpiert das Politische ins Religiöse, wenn er bestrebt ist, die Welt zu verändern.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Mensch reift, wenn er aufhört zu glauben, daß die Politik seine Probleme löst.“
Nicolás Gómez Dávila

„Die Freiheit des Buchdrucks ist die erste Forderung der entstehenden und das erste Opfer der reifen Demokratie.“
Nicolás Gómez Dávila

„Der Moderne glaubt fest, daß nur das Unreine authentisch ist.“
Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, S. 72

„Der Wandel ist in der modernen Welt nicht Folge des Veraltens, sondern das Veralten Folge des Wandels.“
Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, S. 333

„Den Jugendlichen erziehen heißt nicht, ihn mit seiner Epoche vertraut zu machen, sondern dafür zu sorgen, daß er sie solange wie möglich ignoriert.“
Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text, S. 333

„Es ist umstritten, ob der Nationalsozialismus dem Kapitalismus oder dem Kommunismus ähnlich war, ob er als deutsch oder als undeutsch gelten muß, ob er sich als antimodern oder als modernisierend erwies, ob er revolutionär oder gegenrevolutionär war, ob er die Triebe unterdrückte oder entfesselte, ob er Auftraggeber hatte oder nicht, ob er ein monolithisches System erzeugte oder eine Polykratie, ob seine Massenbasis von Kleinbürgern oder zu einem beträchtlichen Teil auch von Arbeitern gebildet wurde, ob er von weltgeschichtlichen Tendenzen getragen war oder ob er ein letztes Aufbegehren gegen den Gang der Geschichte darstellte.“
Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945, 1987, S. 38

„Man sollte nicht vergessen, daß eine bestimmte Art von Mobilisierung schon ein Grundkennzeichen des liberalen Gesellschaftstypus war, den man bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges generell als den modernen betrachtete. Er stand im Gegensatz zu der traditionellen oder statischen Gesellschaft, in der die Landwirtschaft den bei weitem wichtigsten Produktionszweig darstellt, das Geldwesen erst untergeordnete Bedeutung besitzt, der Verkehr wenig entwickelt ist und die einzelnen Stände in weitgehender Abgeschlossenheit nebeneinander stehen Es war die Industrielle Revolution, welche diese traditionelle Struktur allmählich auflöste, und obwohl die französische Revolution keineswegs in allen ihren Faktoren und Erscheinungsformen eine geradlinige Fortsetzung oder Konsequenz dieser ursprünglicheren und tiefgreifenden Revolution war, so trug sie doch dadurch wesentlich zum Fortgang der Mobilisierung bei, daß sie die Standesgrenzen niederriß, das Bankwesen förderte, die Adels- und Kirchengüter in den freien Handel brachte und vor allem eine neue Heeresorgansiation schuf, welche die allgemeine Wehrpflicht an die Stelle der Anwerbung von Soldaten setzte.“
Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945, 1987, S. 412

„Es dürfte richtig sein, die Moderne nicht aus dem Wirken von zwei dynamischen Professionen hervorgehen zu lassen, die sich gegen die Hemmungskräfte ... sowie nicht zuletzt gegen den hartnäckigen Konservativismus ... durchgesetzt hätten, sondern aus dem Wechselspiel relativ unabhängiger, aber gleichwohl eng verbundener Kräfte, die ... in ihrem Aufeinanderwirken Modernität hevorbrachten. Eben das wäre das »Liberale System«, das nicht etwa erst ... als »Liberalismus« ins Dasein trat, sondern seine Wurzeln im Mittelalter hat. Man darf ohne Bedenken behaupten, daß ... darauf der Begriff der Singularität ... Anwendung finden darf ....“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 475-476

„Die moderne Wissenschaft mag als Grundlage allen Fortschritts oder als Anfang der Natuverwüstung verstanden werden, und die Aufklärung mag als entscheidender Schritt zur Befreiung aller Menschen von Armut und Aberglauben oder aber als Auflösung aller gemeinschaftsbildenden Werte und Strukturen gelten: Zusammen mit den politischen und ökonomischen Umwälzungen jener dreifachen Revolution bedeutet sie vor allem den Überschritt von der bis dahin allein bekannten theoretischen Transzendenz zur praktischen Transzendenz, d.h. zur Ergänzung oder zur Ablösung des auf die Welt im ganzen gerichteten denkens durch ein Handeln, das ebenso auf die Welt im ganzen gerichtet war; obwohl es der Meinung sein konnte, in der vorteilhaften Einrichtung der irdischen Verhältnisse sein Genügen zu finden.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 497

„Was bedeutete die französische Revolution unter innenpolitischen Gesichtspunkten, Die geläufigste Antwort ist, es habe sich um eine »bürgerliche Revolution« gehandelt, und das heißt, um eine modernisierende, den kapitalistischen Verhältnissen freie Bahn schaffende Revolution. Es grenzt indessen ans Groteske, wenn die Jakobiner für Vertreter »des Bürgertums« erklärt werden, nur weil sie ihrer Herkunft nach überwiegend Advokaten waren. Robespierre und Saint-Just haßten die Bourgeoisie, und die meisten Jakobiner ließen sich von jenem egalitären Volksenthusiasmus tragen, der in dem oben zitierten Vers seinen Ausdruck findet.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 510

„Der eigentlichen »Massenbasis« der Revolution, den Pariser »Sansculotten« haben selbst ihre Freunde unter den Historikern bescheinigt, daß sie in ökonomischer Hinsicht eine »reaktionäre« Einstellung hatten. Richtig ist allerdings, daß es andere Advokaten waren, die Robespierre, Saint-Just und Couthon schließlich stürzten und unter dem Direktorium dem Handelsverkehr und der industriellen Produktion wieder eine relativ freie Bahn schufen. Aber sie unterlagen ihrerseits schon bald dem sieggekrönten General Napoleon Bonaparte, der sich zum »Kaiser« machte und den ideologischen Bürgerkrieg gegen die »feudalen« Mächte Europas weitgehend in einen Staaten- und Eroberungskrieg umwandelte, dem unvergleichlich mehr Menschen zum Opfer fielen als dem Großen Terror der Jakobiner.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 510

„So viel ist sicher, daß Frankreich während des ganzen 19. Jahrhunderts gegenüber England und Deutschland ein ökonomisch rückständiges und in der Hauptsache landwirtschaftlich orientiertes Land blieb.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 511

„Modernität ist die Realisierung der Transzendenz, jenes »Wesens des Menschen«, das ihn von seinen ersten Anfängen an ein Verhältnis zur Welt im ganzen haben ließ. Wir haben dieses Weltverhältnis, wie es uns bisher begegnet ist, die »theoretische Transzendenz« genannt, da sich das »Über-hinaus«, das Überschreiten der in der Praxis gegebenen Grenzen, vornehmlich im Denken und im mythologischen Vorstellen vollzog. Anscheinend will Hegel sagen, in der Moderne vollziehe sich diese Entgrenzung nicht mehr bloß im Denken, sondern auch in der Praxis: Die Welt im ganzen, d.h. die Erde, werde entdeckt und erschlossen und alle menschlichen Verhältnisse würden entsprechend, d.h. gemäß der Vernunft, eingerichtet. In unserer Terminologie ließe sich das folgendermaßen formulieren: Die praktische Transzendenz löst als Weltbemächtigung und Welteinrichtung die theoretische Transzendenz als eine bloß vorwegnehmende und nicht autonome Gestalt ab. Tatsächlich hat Hegel die Religion und die Kunst für abgeschlossene Formen der geistigen Entwicklung erklärt, und auch eine Weiterentwicklung der Philosophie über die seine hinaus hat er allem Anschein nach nicht für möglich gehalten.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 514-515

„Wir haben gesehen, wie ambivalent die Modernität bei ihrem ersten Auftreten war, wie unverhüllt sie aber gleichwohl die Überwindung der bisherigen Geschichte postulierte. Wir sagen daher nicht: »Modernität ist Transzendenz«, sondern »Modernität ist praktische Transzendenz«, und diese praktische Transzendenz nimmt sich an der Schwelle des dritten Jahrtausends im Rückblick sehr viel fragiler und im Vorblick weitaus mächtiger aus, als Hegel sich vorstellen konnte. Aber eben deshalb gibt der Begriff der »Realisierung« das Verhältnis zwischen theoretischer und praktischer Transzendenz auf allzu vereinfachende Weise wieder.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 515

„Mit stärkster Betonung spricht Erwin Chargaff von dem »unaufhaltsamen Entmenschungsprozeß«, den die moderne Zeit darstelle. Zwar fehlt es gerade bei ihm nicht an kulturkritischen Verzweiflungsausbrüchen, die ihn etwa sagen lassen, wir lebten und stürben »auf einem gottverlassenen Misthaufen« und die » Verarmung der Menschenseele« sei ebenso unübersehbar wie die »Entgottung der Natur«. (Erwin Chargaff, Kritik der Zukunft, 1983, S. 11, 63). Aber im Kern richtet sich die Kritik des Wissenschaftlers gegen die Wissenschaft selbst, denn er verwirft die »überhitzte und sinnlos gewordene Forschungstätigkeit« in den Naturwissenschaften und beklagt die »unselige Imprägnierung unseres Lebens« durch eben diese Wissenschaften. (Vgl. ebd., S. 49, 58.). Letzten Endes vertritt er eine überaus radikale Anthropologie, indem er den Menschen aus der Welt ausstreicht und so zu einer »herrlichen geschichtslosen Welt« zu gelangen glaubt, einer Welt »ohne Vergangenheit und ohne Zukunft ...., voller Buntheit und Vielfältigkeit, in der Tiere und Pflanzen, Felsen und Erde und Luft in Gottes Ewigkeit hineinleben wie am fünften Tag« (ebd., S. 130).“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 610

„So ist es eine einleuchtende, wenngleich über einige Ansätze zu einer genuinen Erneuerung christlicher Denk- und Verhaltensweisen allzu rasch hinweggehende Behauptung, die westliche Zivilisation der Moderne sei eine ganz und gar irreligiöse, säkularisierte Existenzweise - die erste Massenzivilisation dieser Art, die es in der Weltgesellschaft gegeben habe, und eben deshalb bilde sie den Übergang zur »Nachgeschichte« und zu einer »Weltzivilisation«.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 664

„Als Angreifer versucht der Okzident, die Welt nach seinem Bilde umzugestalten, und im Gefühl seines Rechtes und seiner Überlegenheit merkt er noch nicht einmal durchweg, daß er zugleich ein Angegriffener ist. In diesem Gegenangriff kommt vor allem zum Vorschein, daß es andere Kulturen und Lebensweisen gibt, die ihre Identität zu bewahren, ja auszudehnen suchen, obwohl sie offensichtlich dem Zwang unterliegen, sich von sich aus zu ändern, wenn sie dem Einfluß des Okzidents widerstehen wollen. Aber es ist sehr wohl möglich, daß die islamische, die hinduistische, die buddhistische Kultur in ihrer religiösen Prägung sich als solche behaupten, wenn sie sich mit »der Moderne« in Gleichklang gesetzt, deren okzidentale Form aber zurückgewiesen haben.“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 678

„Als angegriffener, zu Opfern und Einbußen gezwungener Teil der Welt könnte dem Westen wieder erfahrbar werden, was so lange nur der restlichen Welt zugewiesen zu sein schien, nämlich Einschränkung und Bedrängnis. Eben dadurch könnte er jedoch lernen, nicht nur hilflos die Kritik von innen und außen über sich ergehen zu lassen, sondern seinerseits ein positives Selbstverständnis zurückzugewinnen ....“
Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998, S. 678

„Wie Oswald Spengler und Arnold Toynbee unterscheidet Huntington eine Reihe von »Kulturen«, aber er läßt deren Entwicklung nicht wie Spengler auf einen jeweils gleichartigen Zustand, nämlich die erstarrte und seelenlose »Zivilisation« hinauslaufen, und er sieht sie nicht wie Toynbee auf dem Wege zu einer gemeinsamen und positiven »Weltzivilisation«, sondern er hebt die Differenzen und die Konflikte zwischen ihnen aufs nachdrücklichste hervor. Diese Kulturen sind: die westliche, d.h. westeuropäisch-nordamerikanische, die christlich-orthodoxe Rußlands und einiger Teile Osteuropas, die vom Konfuzianismus bestimmte »sinische«, die davon verschiedene japanische, die hinduistische, die islamische, die afrikanische und die lateinamerikanische. Einen Vorrang der westeuropäisch-nordamerikanischen Kultur sieht er darin, daß sie es war, die erstmals die »Modernisierung« in die Welt brachte, welcher sich heute keine der anderen Kulturen entziehen kann. Aber diese Modernisierung zerstört nicht etwa die Eigenart der anderen Kulturen, sondern bringt neuartige, zur Selbstbehauptung, ja zum Ausgreifen entschlossene Formen dieser Kulturen hervor, die man Fundamentalismen nennt. Als einen anschaulichen Beweis für den Vorrang der Kulturkonflikte führt Huntington das ehemalige Jugoslawien an, wo ... die Grenzlinien zwischen dem westlich-christlichen Abendland, der byzantinisch-orthodoxen Welt und dem Islam ihre geschichtsbestimmende Kraft an den Tag legten.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 326

„Huntington teilt ... nicht die Meinung Fukuyamas, Kriege seien nur noch in der Dritten Welt möglich und »große Kriege« seien ausgeschlossen, er sieht vielmehr ein langes und durchaus »geschichtliches« Zeitalter der Kulturkonflikte heraufziehen, welches das Zeitalter der nationalen und der ideologischen Konflikte, das 20. Jahrhundert, ablöst und doch in gewisser Weise fortsetzt.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 261

„Erwin Chargaff ... scheut vor der schroffen Aussage nicht zurück, die Menschen der Gegenwart lebten und stürben »auf einem gottverlassenen Misthaufen«, und der Entgottung der Natur entspreche die Verarmung der Menschenseele.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 275

„Nicht nur »praktische Transzendenz« kennzeichnet das neuzeitliche Europa, sondern in eins damit das »Liberale System« als relativ freie Auseinandersetzung geistig-politischer Mächte, die in ihrem Sich- Weitertreiben den Individuen sowohl im intellektuellen wie auch im wirtschaftlichen Leben einen Spielraum gewährten, wie es in keiner anderen Kultur je der Fall gewesen war. Joseph de Maistre hatte nicht einfach unrecht, als er über »Zersetzung« klagte, während seine Gegner rühmend von »Emanzipation« sprachen. Andere Kulturen, die russisch-orthodoxe, die islamische, die chinesische, sollten später ganz ähnliche Klagen über die Zersetzung ihres Gemeinschaftsgeistes erheben und dann aber nicht »den Protestantismus«, sondern »den Westen« verantwortlich machen. Dieser Individualismus, der sich in Europa allmählich vom Bürgertum auf die Volksmassen ausbreitete, ist die kennzeichnendste Blüte der europäischen Geschichte und zugleich das mächtigste Auflösungsmittel der religiösen Glaubensrichtungen, aus deren Zusammenstoß und Wettbewerb er entstand.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 284-285

„In der Tat tauchten ... schon bei Hegel, bei Marx und bei Nietzsche Kehrseiten des Fortschritts und damit der Modernität auf.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 295

„Erst mit der Unterscheidung von »theoretischer« und »praktischer« Transzendenz ist, wie ich meine, die angemessene Dimension für die Bestimmung von »Modernität« erreicht. Es ist nicht richtig zu sagen: Modernität ist Transzendenz.. Modernität ist die bisher klarste Erscheinungsform von praktischer Transzendenz, aber Transzendenz als solche und gerade ihre früheste und beständigste Gestalt, die theoretische Transzendenz, liegt der Modernität voraus, macht Modernität überhaupt erst möglich. Mit einfachen Worten: der Mensch ist nicht weltoffen, weil er modern ist, sondern er kann nur modern sein, weil er von jeher schon weltoffen ist. Weltoffenheit, Transzendenz, ist nicht vom Menschen hervorgebracht, sondern sie ist die Bedingung der Möglichkeit allen Hervorbringens; sie ist, so könnte man sagen, das Geschenk der Welt an eins ihrer Wesen, und dieses Geschenk ist als solches nicht erforschbar, weil alles Forschen auf ihm beruht. Es ist dem Menschen übergeben, aber dadurch wird es nicht zu dessen Eigentum. Mit Wendungen wie »Entwicklung der Intelligenz« von den Blaualgen über Dinosaurier und Affen bis zum Menschen ist es bloß äußerlich beschrieben und abgeleitet.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 299

„Modernität als Gestalt der praktischen Transzendenz könnte sich selbst den Boden unter den Füßen wegziehen, und unter welchen Erschütterungen und Kämpfen derartiges vor sich gehen würde, ist nicht vorauszusehen.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 300

„Nicht ein Partikularismus der »religiösen und philosophischen Werte« ist zu überwinden oder zu verwerfen, sondern der militante Missionarismus, der sich mit Einzelinteressen und -wirklichkeiten mannigfaltiger Art verquickt und die Konflikte bis zum Untragbaren verschärft. In Zukunft muß es in weit höherem Maße Sache der Entscheidung des Einzelnen sein, welchen der Weltentwürfe er wählt, um inmitten der direktionslosen und unübersichtlichen Vielfalt des modernen, von der Wissenschaft geprägten Lebens Orientierung, Halt und Gemeinsamkeit zu gewinnen. Wenn das richtig ist, wird es unumgänglich sein, von dem am meisten charakteristischen Gedanken der Moderne Abschied zu nehmen, dem Gedanken, daß die praktische Transzendenz die theoretische Transzendenz einholen, erfüllen oder mindestens verdrängen könnte.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 300

„Der Mensch wird nie das Weltall »kolonisieren«, denn als solcher bleibt er an die Erde und deren nächste Umgebung gebunden, und nicht einmal seine zu Apparaten transformierte Intelligenz wird ihm aus den »Tiefen des Weltraums« Meldungen erstatten, sofern die These zutreffend bleibt, daß die Lichtgeschwindigkeit unüberholbar ist.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 300-301

„Nicht auszuschließen ist, daß jene dem wissenschaftlichen Denken benachbarte Maxime für die Lebensführung der Menschen eines Tages Wirklichkeit wird: das bereits von den Stoikern umrissene und von der europäischen Aufklärung übernommene Leitbild einer Menschheit, der alle der theoretischen Transzendenz entspringenden Entwürfe gleichgültig geworden sind, die aber auch allen »Weltraumphantasien« abgeneigt ist und ihr Leben auf der Erde zum Vorteil aller Individuen eingerichtet hat. Dann ließe sich auch jenes »altmoderne« Zukunftsprojekt des 19. Jahrhunderts realisieren, das am Ende des 20. Jahrhunderts noch um keinen Schritt vorwärts gekommen ist: die Verwandlung der Sahara in einen blühenden Garten. Alle Gestalten der theoretischen Transzendenz wären dann nicht universalisiert, wie Spirito verlangte, sondern schlicht verdrängt, und dem Streben nach einer letzten Konsequenz der praktischen Transzendenz hätte man sich entschlagen.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 301

„Aber die Frage ist, ob das durch Transzendenz bestimmte Weltwesen Mensch jemals in einer so bequemen, bloß »humanistischen« Transzendenzlosigkeit wird leben können und wollen, sofern es ihm gelingt, die ungeheuren Schwierigkeiten zu überwinden, die den Weg dahin umstellen.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 301

„Wahrscheinlicher dürfte sein, daß aus der Erfahrung der Modernität eine neue Gestalt des Weltbezuges im ganzen erwachsen und neben den älteren Entwürfen der theoretischen Transzendenz einen Platz finden kann: Die Erfahrungen der Moderne haben unter Beweis gestellt, daß der Grundgedanke der platonischen und schon der altindischen Metaphysik realer war als alle vorhandenen Realitäten, die er herabsetzte, nämlich der Grundgedanke, daß der Geist den Körper, daß das Denken die Sinnlichkeit unendlich übersteige.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 301

„ In der praktischen Transzendenz der Modernität haben Geist und Denken den Körper und die Sinnlichkeit so sehr überstiegen, daß der Mensch selbst überholt und zu einer obsoleten Wirklichkeit gemacht werden kann. Daraus mag die behagliche Selbstzufriedenheit des Sich-Einrichtens entstehen oder das verzweifelte Rütteln an den unzerstörbaren Gitterstäben eines kosmischen Gefängnisses, aber auch die liebevolle Zurückwendung zum Überholten und Obsoleten, zur Endlichkeit und Sinnlichkeit des menschlichen Daseins, nicht in der naiven Weise des Sensualismus oder Hedonismus, sondern einschließlich neuer Grenzziehungen und Bindungen gerade aus der Distanz einer höheren Stufe der Reflexion hinaus. Diese antimoderne Modernität würde die theoretische Transzendenz nicht mehr verdrängen, weil sie sich dem Impuls der praktischen Transzendenz nicht mehr widerstandslos und unreflektiert überließe.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 301-302

„Offenbar ist für Heidegger eine »weltende« Welt nur diejenige, in welcher der Mensch Bedeutsames, »Existenzerhellendes« erfährt, und erlebt »weltlos«, wenn er sich vor eine schlechthin unüberschaubare Fülle von bloßen und im Grunde gleichgültigen Gegenständen gestellt sieht. Von daher resultiert der äußerst negative Klang, mit dem Heidegger wieder und wieder die moderne Welt kennzeichnet: die moderne Wissenschaft bereite einen »Angriff auf das Leben und auf das Wesen des Menschen vor« ....“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 325

„Es wäre keine größere Ungerechtigkeit, kein schlimmeres Unglück vorstellbar, als ... wenn überall die Weltzivilisation der »Nachgeschichte« im Hochgefühl ihres Triumphes alles fortstieße, was sie für »antimodern« oder »archaisch« erklärt.“
Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 344

„»Modernisierung« vollzog sich überall in Europa im Rahmen des »widersprüchlichen und hochkomplexen Charakters einer modernen industriellen Klassengesellschaft«. Industriegesellschaftliche Modernisierung ist also in sich und notwendigerweise »krisenhaft«.“
Ernst Nolte, Die Weimarer Repubklik, 2006, S. 325

„Daß die beiden totalitären Parteien in Deutschland weitaus stärker waren als irgendwo sonst in der Welt - außer in den Ländern ihrer Alleinherrschaft Sowjetunion und Italien -, muß als Konsequenz aus der extrem krisenhaften Lage gesehen werden ....“
Ernst Nolte, Die Weimarer Repubklik, 2006, S. 326

„Dem deutungsmächtigen Harald Schmidt entschlüpfte dieser Tage eine hübsche Pointe. Wenn das mit der Entspannung zwischen Berlin und Washington so weitergehe, sagte er, dann habe die Bundesregierung bald zu Amerika ein besseres Verhältnis als zu Deutschland.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Schmidts Hohn über Schröder angesichts des deutsch- amerikanischen Zerwürfnisses wird noch gesteigert durch seine Behauptung, Berlins Beziehungen zu Washington seien immer noch besser als das Verhältnis der Bundesregierung zu Deutschland.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Was soll man von Parteien, was von Politikern halten, die trotz dieser astronomischen Staatsverschuldung mit zwölf (!) Nullen das offene Wort zu den Wählern scheuen, die wahre Lage verschweigen, krampfhaft den Anschein der Normalität zu wahren versuchen, obwohl man reihenweise Versprechungen bricht und freundliche Ankündigungen ins Gegenteil verkehrt. Flatterhaft sucht die Regierung nach immer neuen Finanzquellen, wohl wissend, daß sich damit die Wirtschaftskrise verschärfen wird.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Weiten Teilen der Bevölkerung ist inzwischen völlig klar (obwohl das unsere Parlamentarier, denen ihr Volk fremd ist, nicht wahrhaben wollen), daß wir uns unvermeidlich auf ein System zubewegen, in dem der Staat nur noch eine Grundsicherung für Gesundheit wie Rente garantiert und es den Bürgern überlassen bleibt, zusätzliche Sicherungen durch eigene Vorsorge bereitzustellen, was natürlich entsprechende Steuersenkungen voraussetzt.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Ebenso offenkundig ist, daß der Staat angesichts der vermutlich anhaltenden Finanzkalamitäten seine Ausgaben drastisch drosseln muß, statt die Einnahmen hochzuschrauben. Die Sozialausgaben sind bekanntlich der bei weitem größte Posten im Etat des Bundes (übrigens direkt gefolgt vom Schuldendienst der öffentlichen Hand). Es hilft nichts: Sie müssen angesichts des nahen Staatsbankrotts Punkt für Punkt überprüft und auf echte Probleme, unverschuldete Notlagen beschränkt werden. Wenn Renten und Sozialausgaben runter müssen, selbstverständlich auch Subventionen.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Wer sich aus öffentlichen Mitteln unterstützen läßt, muß künftig natürlich eine entsprechende Gegenleistung für die Gesellschaft erbringen.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Ein Symptom dieser Entartung ist die Tatsache, daß rund achtzig Prozent unserer Abgeordneten aus dem öffentlichen Dienst, aus den Gewerkschaften kommen.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Im Bundestag sitzen unter sechshundert Abgeordneten bestenfalls ein Dutzend, die wirklich etwas von Wirtschaft verstehen.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„ Ein bürokratischer Apparat lenkt seinen Staat ohne klare ordnungspolitische Vorstellungen, ohne je die Welt gesehen, ohne je eigene Erfahrungen im Wirtschaftsleben machen zu müssen: eine drohnenhafte Herrschaftskaste.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Es festigt sich im Lande die Überzeugung, daß unser Parteiensystem, in welcher Farbkombination auch immer, den heutigen Herausforderungen in keiner Weise gewachsen ist und daher von der Krise verschlungen werden wird, wenn es nicht die Kraft zur durchgreifenden Erneuerung findet.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„ Wenn unsere Parteien weder programmatisch noch personell in der Lage sind, die Bevölkerung mit klaren Alternativen zu konfrontieren und damit Richtungsentscheidungen zu erzwingen, ist diese Republik am Ende.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Man muß gerecht sein, darf nicht übersehen, daß unsere Verfassung ihrerseits durchgreifende Lösungen erschwert. Die heutige Lage zeigt, bei einigen Verschiedenheiten, Ähnlichkeit mit der Krise am Anfang der 1930er Jahre. .... Es gibt Parallelen: die Selbstentmachtung des Parlaments, die emotionale Distanz der Bevölkerung zur Republik. Aber anders als damals kennt das Grundgesetz keinen Artikel 48, der seinerzeit jahrelang die krisengeschüttelte Republik am Leben hielt. Es scheidet also heute die Möglichkeit aus, mit Hilfe präsidialer Notverordnungen erforderliche, schmerzliche Reformen ohne das Parlament in die Wege zu leiten.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Das Grundgesetz hat vier Jahre nach dem Ende der braunen Diktatur aus damals verständlicher Angst vor der Wiederkehr eines Führerstaates keine praktikablen Regelungen für den innenpolitischen Ernstfall geschaffen. Niemand wird heute eine demokratische Diktatur fordern. Aber was wird, wenn die normalen Verfahren nicht mehr greifen? Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, ob die Verfassung von 1949 mit ihrer vorsichtig ausgeklügelten Machtverteilung nicht jede energische Konsolidierung Deutschlands verhindert.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Es wäre das mindeste, die Bundestags- und alle Landtagswahlen auf das gleiche Datum zu legen, wenn man schon Bundestag und Bundesrat nicht grundsätzlich neu ordnen will. Nicht nur das Parteiensystem, auch die Verfassung muß jetzt endlich auf den Prüfstand.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Goethe meinte ganz zu Recht, das größte Bedürfnis, die tiefste Sehnsucht der Mitmenschen sei eine mutige Regierung. Die Geduld der Deutschen ist, wenn nicht alles täuscht, am Ende. So wie bisher geht es auf keinen Fall weiter.
Die Situation ist reif für einen Aufstand gegen das erstarrte Parteiensystem. Ein massenhafter Steuerboykott, passiver und aktiver Widerstand, empörte Revolten liegen in der Luft.“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Bürger, auf die Barrikaden! Wir dürfen nicht zulassen, daß alles weiter bergab geht, hilflose Politiker das Land verrotten lassen. Alle Deutschen sollten unsere Leipziger Landsleute als Vorbilder entdecken, sich ihre Parole des Herbstes 1989 zu eigen machen: Wir sind das Volk!“
Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden!,  in: F.A.Z., 19.11.2002

„Es ist jedenfalls ein sehr modernes Joch, das Goethe in genialer Wortschöpfung als »veloziferisch« bezeichnet: als Verschränkung von Velocitas (die Eile) und Luzifer.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 5

„Faust ... will bereits mehr, als er weiß. Er erscheint als der moderne Blitzkrieger der Erfüllung jener Wünsche einer Forderungs- und Anspruchsgesellschaft, die alles will, und zwar sofort. Und was Luzifer alias Mephisto der Ungedulds Fausts andient, sind denn auch schon jene Instrumente des Veloziferischen, deren Erscheinungsformen am Ende des 20. Jahrhunderts zwar andere Namen tragen, aber dieselben Dinge meinen: der schnelle Degen, die schnelle Liebe, der schnelle Mantel, das schnelle Geld und zum Schluß: der schnelle Mord (an Philemon und Baucis). Und Fausts globales Dorf, von Mephistos Gnaden, gebietet bereits perfekt über virtuelle Welten, wie wir sie heute mit Videoclips und beim Zappen zwischen TV-Kanälen kreieren. Sein virtuelles Arsenal reicht von Walpurgisnächten aller Art bis zur heraufzitierten Helena, von dem archaischen Tiefen der Mütter bis zum Lärm längst geschlagener Schlachten. Es sind immer rascher wechselnde Filmsequenzen einer Beschleunigungskultur mit Luzifer als omnipotenten Artifex einer (kaiserlichen Hof- und) Unterhaltungsgesellschaft, die sich bereits im zeichen grandioser Oberflächlichkeit und eines perfekten Zeitmanagements zu Tode amüsiert.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 5-6

„Fausts »übereiltes Streben« ist vor allem gekennzeichnet durch moderne Diskontinuitäten; am Ende steht Fausts gewaltsame Zerstörung der tradierten Welt der beiden Alten, Philemon und Buacis,. Wenn Goethe statuiert: »Das Leben hat nur insofern einen Sinn, als es eine Folge hat«, so war es für ihn vor allem die französische Revolution, die mit eben dieser »Folge«, mit dem langasam Gewachsenen, dem Althergebrachten, gründlich gebrochen hatte. Zeitgleich hatte sich der Rhythmus des Daseins ruckartig geändert, um sich auf nie dagewesene Weise zu beschleunigen. Anstelle ... des bedächtigen Fortschreitens war eine alle Lebensverhältnisse erfassende Akzeleration getreten. Was Goethe früh bemerkte, hat Nietzsche (in »Menschliches, Allzumenschliches«) spät mit den Worten diagnostiziert: »Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen das heißt, die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man im Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschleunigte Element im großen Maße zu verstärken.«“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 6

„Daß unsere Zivilisation aus mangel an Ruhe in eine neue Barbarei ausläuft, das hatte Goethe bereits 1778 in Berlin bemerkt. Mit dem Ergebnis, daß er sein Leben lang ein konsequenter Berlinverweigerer geblieben ist.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 6

„»Faust« als das Gleichnis für die Tragödie der Übereilungen der Moderne.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 7

„Goethes »Faust« also als ein seismographisches Frühwarnsystem, eine frühe Ahnung, daß mit dem Epochenbruch der französischen Revolution und den Blitzsiegen Napoleons das Menschheitsschiff sich nicht nur von den alten Bindungen losgerissen hatte, sondern insgesamt ausgerüstet wurde zu jenem Schnelldampfer, der dann im 20. Jahrundert den Namen »Titanic« erhalten sollte.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 7

„Goethe sah offenbar die Gespenster nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft auf uns zukommen.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 7

„Was Goethe im 2. Teil des »Faust« versiegelte und den Zeitgenossen vorenthielt, waren vor allem »Kainszeichen der Selbstzerstörung«, wie sie im V. Akt der Tragödie sichtbar werden. Goethe gibt hier den Blick frei auf die beiden großen Phänomene aller Übereilungen: Irrtum und Gewalt, die er offenbar auch als die eigentlichen Konstanten der Geschichte verstanden hat.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 7

„Fausts Leugnung der Gegenwart im Namen einer veloziferisch antizipierten Zukunft kulminiert im V. Akt allerdings nicht nur in Irrtum und Gewalt, in Torheit und Schlechtigkeit. Goethe antizipiert hier auch jenes andere Phänomen der Übereilung, das erst Heidegger in »Sein und Zeit« als eines der zentralen Themen der Moderne wieder neu reflektieren wird: die Sorge. Die Sorge als Personifikation eines hypotroph zukunftsorientierten Bewußtseins läßt Faust erblinden mit den Worten: »Die Menschen sind im ganzen Leben blind, nun, Fauste, werde du's am Ende!« (S. 350). Erst die Sorge ermöglicht endgültig das apokalyptische Szenarium des Veloziferischen: Fausts Untergang im Zeichen von Blindheit und Verblendung. Faust beschäftigt sich - bereits erblindet - mit modernen »Visionen«: mit einem groß angelegten Entsumpfungs-Projekt im Zeichen der Eile: »Was ich gedacht, ich eil (!) es zu vollbringen« (S. 350). Faust begeht hier denn auch den letzten, den irreversiblen Irrtum: er hört das Klirren der Spaten und glaubt, die Arbeit gelte einem Graben. In Wahrheit gräbt man sein eigens Grab.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 9-10

„Es ist die höhnische Ironisierung des veloziferischen Aktionismus einer wahren »Sumpf-Szene«, in der sich Irrtum und Gewalt zu einer schauerlichen Utopie verschränken, denn Faust glaubt mit freiem Volk auf freiem Grund zu stehen. In Wahrheit sind es bereits die Zwangsarbeiter der Moderne, die für ihn arbeiten. Von Menschenopfern ist die Rede, und vom Jammer, der die Nächte füllt.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 10

„Selten ist eindringlicher mit aller auf Kontinuität gründenden Kultur gebrochen worden als mit der Ermordung von Philemon und Baucis. Fausts Vergangenheitshaß, seine Leugnung jeder Kultur des Errinnerns und des Gedächtnisses antizipiert hier gleichsam das Muster abrupter Kontinuitätsrisse der deutschen Geschichte - bis hin zur Jugendrevolte der 1960er Jahre unseres Jahrhunderts. Eine Literaturkanons und der Einführung einer »Gefälligkeitspädagogik« dann jener (auch Goethe selber erfassende) Bruch mit der Vergangenheit gelang, den Lew Kopelew als eine »Kulturrevolution« besonderer Art quajlfiziert hat: Sie habe in Deutschland stattgefunden, und es habe keines Mao-Tse Tung bedurft.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 10

„Goethe, der im »Wilhelm Meister« warnt, man dürfe dasAltenicht aus den Augen verlieren, weil es ein »Gegengewicht dessen (sei), was in der Welt so schnell wechselt und sich verändert«, hat versucht, den Schritt in die emanzipierte Wildnis der modernen Beschleurifgung hinauszuzögern. Er wollte hinauszögern, weil er wußte,daß mit der Ermordung von Philemon und Baucis jene Rückspiegel zerbrechen würden, ohne die die Humanität nicht zu haben ist. Denn das Leben wird zwar nachvorwärts gelebt,aber nur nach rückwärts verstanden.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 10

„Das neue Tempo des Lebens hatte vor allem Napoleon exemplarisch bestimmt. Er hat nicht nur als erster den modernen Bewegungskrieg praktiziert (»man muß in erster Linie durch die Beine seiner Soldaten siegen«). Er hat auch als Politiker ein bis dahin unbekanntes Tempo eingeführt. Die Geschwindigkeit (»elan et vitesse«), dieses Geheimnis seiner Person und seiner Erfolge, hatte er Europa aufgezwungen als modernes Lebensgefühl. Wenn heute der Geschwindigkeits-Philosoph Paul Virilio den Temporausch zum alles beherrschenden Merkmal des technischen Zeitalters erklärt und über »schneller werdende Innovationszyklen, Datenautobahnen und virtuelle Mobilität« klagt, so ist dies letztlich die (verspätete) Diagnose dessen, was Goethe bereits als das »Veloziferische« erkannt und mit einer Tiefenschärfe analysiert hat, die ihresgleichen sucht. Und wenn (in den USA) bereits der Begriff der »Eilkrankheit« kursiert, die sich unter anderem in der Unfähigkeit zu angenehmen Erinnerungen äußert, so hat Goethe im »Faust« die Anamnese dieser Krankheit eindringlich geliefert.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 10-11

„Das gilt auch für Goethes Einsicht in die eigentliche Ursache dieser Krankheit. Es ist ein letztlich ahistorischer, ein ontologischer Quellgrund, den Goethe in seinen »Maximen und Reflexionen« andeutet mit dem Wort: »Theorien sind gewöhnlich Übereilungen des ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene gerne los sein möchte«. Ein Sachverhalt, für den Goethe auch die Kurzformel bereithält, daß für den Menschen »alles Faktische bereits Theorie« sei. Das heißt, Goethe war davon überzeugt, daß der Mensch auf Grund der ungeduldigen Tendenzen seines Verstandes unfähig ist, die Phänomene rein anzuschauen. Wobei für ihn allein die Phänomene entscheidend waren. Was wir uns dabei denken, ist letztlich gleichgültig. Die Natur unseres Verstandes also als der Grund unserer Irrtümer. Oder wie es Goethe formuliert hat: »Laß dich nicht vom Widerspruch beirren. Sobald wir sprechen, beginnen wir zu irren«. Der Fortschritt reduziert sich damit letztlich auf ein bloßes Fortschreiten von alten zu neuen Irrtümern. Wobei die letzten Wahrheiten sich dann, wie Nietzsche vermutete, »als unsere unwiderlegbaren Irrtümer« erweisen. Goethes Resümee fällt jedenfalls relativ pessimistisch aus. In den »Maximen und Reflexionen« finden sich die Worte: »Alle Verhältnisse der Dinge (sind) wahr - Irrtum allein in dem Menschen. An ihm (ist) nichts wahr, als daß er irrt, sein Verhältnis zu sich, zu andern, zu den Dingen nicht finden kann«. Und gegenüber dem böhmischen Grafen Sternberg hat er den Menschen denn auch definiert als »ein dunkles Wesen. Er weiß nicht, wer er ist, noch woher er kommt, noch wohin er geht. Und ich selber will es auch nicht wissen«.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 11

„Goethe hat vor diesem düsteren Hintergrund konsequent festgehalten an einer Kultur der »slow motion«, einer Ritardando-Kultur, deren Bedeutung uns erst heute einzuholen beginnt. Denn unsere Epoche der totalen Mobilmachung, deren Kommunikationstechnologie bereits alle Geschwindigkeitsbeschränkungen überschritten hat und sich dem rasenden Stillstand nähert, hat als paradox inzwischen eine gegenläufige Hoch-Technologie der Verlangsamung hervorgebracht: Airbag, ABS-Systeme, Anrufbeantworter sind Beispiele einer immer aufwendigerwerdenden Brems- und Selektions-Technologie im Zeichen der Akzeleration.“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 11

„Goethe, dem die Gegenwart die einzige Göttin war, die er anbetete, hat für seine Person im geduldigen Anschauen der Phänomene den Raum der Gegenwart zu weiten versucht. Das heißt, er hat den Abstand zwischen Begehren und Besitzen verlängert, den Faust bis zur Gleichzeitigkeit verkürzt. Goethe hat hierbei die Natur verstanden als die verläßlichste Gegenwelt des Veloziferischen, also die letzte große Bastion gegen die beginnende Mobilmachung seines Jahrhunderts: »Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit« lautet seine Devise. Die dann Nietzsche übernehmen wird mit dem Satz: »Die Natur ist das große Rettungsmittel der modernen Seele.«“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 12

„Faust, den Mephistos Magie der »Übereilungen« vom Anschauen der Natur entfernt hat, erkennt dieses »Rettungsmittel« zu spät: »Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar verlernen, stünd ich, Natur!, vor dir ein Mann allein, da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein!« (S. 345). Eine Einsicht, die bereits vorausweist auf den kulturkritischen Pessimismus. Paul Virilio, der in seiner Lehre von der Geschwindigkeit (Dromologie) dignostiziert, daß inzwischen durch Simulationstechniken Widerstände und Distanzen in virtuelle Realitäten verwandelt werden. Fausts melanchloische Klage: »Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen« (S. 345) hat Virilio indes um eine neue Perspektive ergänzt. Zukunft gäbe es nur noch nach der Zerstörung, äußerte er kürzlich in einem zeitungsinterview. Vielleicht meint Martin Walser genau dies, wenn er die Weimarer Klassik definiert als »ein grandioses Schönheitspflaster auf einem fürchterlichen Mal«?“
Manfred Osten, Homunculus, die beschleunigte Zeit und Max Beckmanns Illustration zur Modernität Goethes, 1999, S. 12-13

„Goethe wußte, daß das langsame Gehen spätestens seit der französischen Revolution passé ... war.“
Manfred Osten, Alles veloziferisch oder: Goethes Entdeckung der Langsamkeit, 2003, S. 9

„Es ist Goethes geniale Verschränkung von »velocitas«, der Eile, und »Luzifer«, dem Teufel, sprich Mephisto, als dem Herrscher über die selbstzerstörerische Ungeduld des Menschen..“
Manfred Osten, Goethe der Entsschleuniger, 2008

„Die Moderne erzeugt das größte Problem, das wir glauben hier im interkulturellen Bereich erkennen zu können, selbst.“
Hans Peter Raddatz, Vortrag

„Die faschistischen Bewegungen wurden von Nolte als Antworten auf die bolschewistische Gefahr gedeutet. .... Die Frage, ob der Faschismus eine »soldatische« und voluntaristische Wende einer konterrevolutionären, hierarchisierenden und antimodernen Ideologie (Nolte) darstellt, ob er vielmehr eine modernistische und revolutionäre Lehre bildet, die der Idee einer neuen Gesellschaft offensteht und eine überholte Vergangenheit nicht braucht (Furet), oder ob er grundsätzlich das Ergebnis einer Revision des Sozialismus in einem antimaterialistischen und antiinternationalistischen Sinn ist (Sternhell), bleibt ... weiterhin umstritten.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 93-94

„Wie von Hannah Arendt unterstrichen, teilen sich die politischen Systeme nicht in faschistische und antifaschistische Systeme auf, sondern vielmehr in liberale, demokratische, autoritäre und totalitäre.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 96

„Mussolini ... in seiner berühmten Rede vom 22. Juni 1925 im Theater Augusteo anläßlich des 4. Kongresses der nationalfaschistischen Partei (PNF): »Alles im Staat, nichts außerhalb des Staats, das ist unser unerbittlicher und totalitärer Wille!«  .... Der Zusammenhang zeigt eindeutig, daß Mussolini unter »Totalitarismus« lediglich das Mittel versteht, um die demokratische Trennung zwischen Staat und Gesellschaft zu überwinden. In einem Land, dessen erst spät erfolgte Einheit durch die Folgen der Wirtschaftskrise und durch die ungleiche Entwicklung im Norden und im Süden weiterhin gefährdet bleibt, war er der Ansicht, daß nur ein starker Staat die Vereinigung und Modernisierung einer echten nationalen Gemeinschaft erfolgreich durchführen könne. »Für den Faschismus«, erklärte er, »ist alles im Staat, und Menschliches oder Geistiges besteht nicht, geschweige denn hat Wert außerhalb des Staats.« Diese Mystik des Staats hat mit »Staatolatrie« (Staatsverherrlichung), und nicht mit Totalitarismus zu tun. Sie ist mit den Theorien des »totalen Staates« in Verbindung zu bringen, die von Carl Schmitt (»Der totale Staat«, in: Der Hüter der Verfassung, 1931; »Die Weiterentwicklung des totalen Staats in Deutschland«, in: Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar-Genf-Versailles 1923-1939, 1940, S. 185 ff.) und vor allem von Ernst Forsthoff (Der totale Staat, 1933) entwickelt wurden. Diese Theorien sollten bald von den Nationalsozialisten verworfen werden, die ihren Verfassern vorwarfen, der »lateinischen Staatsverherrlichung« zu erliegen.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 96-97

„Arendt weist die liberalen Theorien, die in den totalitären Systemen bloß ein Wiederaufleben »archaischer« Verhaltensmuster völlig irrationalen Charakters zu sehen neigten, entschieden zurück und zeigt vielmehr auf, daß das Wesen dieser Systeme, die sich durch den Antisemitismus, den Sozialismus oder den Imperialismus des 19. Jahrhunderts nur sehr unvollkommen erklären lassen, erst durch eine kritische Analyse der Genealogie der Moderne erfaßt werden kann.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 102-103

„Die modernen Ideologien sind profane Religionen. Sie stützen sich auf verweltlichte theologische Begriffe. Diese Feststellung gilt ganz besonders für die totalitären Systeme, deren tausendjährigen Anspruch und messianische Komponente in der Vergangenheit vor allem die christlichen Häresien vermittelt haben. Wie einige andere Autoren (Waldemar Gurian, Eric Voegelin, Jean-Pierre Sironneau) beschrieb Raymond Aron die modernen Totalitarismen als »politische Religionen« oder »weltliche Religionen«, das heißt, als »Lehren, die in den Seelen unserer Zeitgenossen die Stelle des Glaubens einnehmen und das Heil der Menschheit hier auf Erden sehen, in einer fernen Zukunft, in Form einer noch zu schaffenden Sozialordnung«.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 111

„Mehrere Beobachter der totalitären Systeme, wie Alain Besançon, Michel Heller oder François Furet, haben sie übrigens als »ideokratische« Systeme beschrieben. Diese Bezeichnung paßt vor allem auf das sowjetische System: Der Totalitarismus ist jedoch nicht allein schon deswegen totalitär, weil er sich auf eine Ideologie bezieht - entgegen der Ansicht der liberalen Autoren, die sich einbilden, von einem nicht-ideologischen Ort aus zu sprechen. Alle Menschengesellschaften, sofern sie eine bestimmte Weltanschauung konkretisieren, besitzen nämlich eine ideologische Legitimationsbasis, mag diese offen ausgesprochen oder verinnerlicht sein. Eigentlich spielt auch nicht der Inhalt der Ideologie die Hauptrolle in den totalitären Systemen! Es ist vielmehr die Art, wie dieser Inhalt bewußt als Wahrheitssystem aufgestellt, offiziell vertreten und jeglicher Form von Diskussion entzogen wird.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 111-112

„Montesquieu sagte, daß jedes politische System ein Wesen (»was es als solches macht«) und ein Prinzip (»was es zum Handeln bringt«) besitzt. Eines der Merkmale des Totalitarismus ist, daß sein Wesen und sein Prinzip eins sind, eben weil sie einer »totalen« Ideologie untergeordnet sind, die »aus einer als sicher angenommenen Prämisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit ... alles Weitere deduziert«! Ähnlich wie die religiösen Lehren stellt sich diese Ideologie als eine im wesentlichen dogmatische Struktur dar, die absolute Gewißheiten trägt, den anderen Lehrmeinungen die Rolle des falschen Bewußtseins oder der Mystifizierung (Täuschung) zuweist, mit dem Ziel, die Realität dessen, was eigentlich auf dem Spiel steht, zu verschleiern. Als solche spielt sie sich als oberste Wissenschaft der Geschichte oder des Lebens auf, und ihre Grundbegriffe und Grundprinzipien werden zu alleinigen Wahrheiten.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 112

„Der ... moderne Historismus ..., eine weltliche Version des Glaubens an eine linear verlaufende, auf das Reich Gottes hin ausgerichtete Geschichte. .... Paradoxerweise ist der Voluntarismus ... verbunden mit dem Glauben an ein absolutes Gesetz, das nicht Ergebnis der Deutung der Menschen, sondern sich ihnen vielmehr aufzwingt - das Gesetz der Geschichte oder das des Lebens. Dieses Gesetz grenzt die »Willensfreiheit« einschneidend ab und ... ist die wesentliche Quelle jener Wahnvorstellung von Transparenz und totaler Beherrschung, die die Totalitarismen kennzeichnet.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 115

„Es herrscht eine zweifache Versessenheit: auf das Abschließen eines endgültig abgelaufenen Zeitalters und gleichzeitig auf das Eröffnen einer völlig neuen Ära. Hierin ist der Totalitarismus der unmittelbare Erbe der Moderne, die von Anfang an als tablula rasa auftrat, das heißt als grundsätzliche Ablehnung und Wegwerfen all dessen, was zuvor als erhaltens- und vermittelnswert angesehen wurde. Die implizite Parole der Moderne lautet, daß man die »Grenzen des Möglichen« (Arendt) unaufhörlich erforschen müsse, in der Meinung, daß alles, was möglich ist, auch wünschenswert sei. Diese Parole entspricht jener »unbegrenzten Expansion«, die Hannah Arendt eben zum Telos der Moderne erhebt, oder der profanen Anwendung dessen, was Heidegger den »Begriff der Unendlichkeit« nennt. Sie bedingt eine Infragestellung des Begriffs »Grenze« selbst, die unendlich zu verschieben der menschliche Wille oder der »Fortschritt« aufgerufen ist. Definitionsgemäß ist der Totalitarismus das System, das keine Grenzen kennt und nach der totalen Mobilisierung der Menschen und der Welt trachtet; das System, das die Ausforschung und Zur-Vernunft-Bringung der gesamten Welt anstrebt; diese Totalität der Welt entfaltet er als solche in einer »massiven Macht der Requisition« (Jean-Luc Nancy und Jean-Christophe Bailly). Er ist das System, das nicht nur glaubt, daß alles möglich ist (weil sein Wille grenzenlos ist), sondern auch, daß alles erlaubt ist (weil es die absolute Wahrheit verkörpert).“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 116-117

„Hannah Arendt sah eine klare Verbindung zwischen der Atomisierung der Menschen, verursacht durch den zunehmenden Einfluß des egalitären Individualismus, und der totalitären Erscheinung. Für sie war der Totalitarismus eine Antwort auf die »Entzauberung der Welt«, auf die Auflösung der Zwischenkörperschaften, auf den kulturellen und sozialen Zerfall der modernen Industriegesellschaften, in denen die Beschleunigung der Entwicklung jene Lebensweisen zerstörte, die mit den organischen Primär-Gruppen (Familien, Dorfgemeinschaften usw:) zusammenhingen. Ihrer Ansicht nach stand sein plötzliches Auftauchen in Zusammenhang mit dem Erstarken entwurzelter »Massen«, die der Untergang der traditionellen Gemeinschaften, Vereinigungen und Stände formbarer und verwundbarer denn je gemacht hat. Das anonyme Individuum, schreibt einer ihrer Schüler, Domenico Fisichella, »erinnert an ein Gefäß, das darauf wartet, gefüllt zu werden«.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 121-122

„Schon 1939 schrieb Horkheimer, daß die 1789 als Weg zum Fortschritt entstandene Ordnung die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich getragen habe. Er fügte hinzu, daß der Nationalsozialismus die Wahrheit der modernen Gesellschaft sei und daß seine Bekämpfung mit Bezug auf das liberale Denken darauf hinauslaufe, sich auf das zu stützen, was ihm zum Sieg verholfen habe. Augusto Del Noce hat die Moderne in ähnlicher Weise beschrieben als eine »eigentlich totalitäre« Zivilisation, während Michel Foucault im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus von »Rationalität des Abscheulichen« sprach. Zygmunt Baumann behauptet ebenfalls, daß es »die rationale Welt der modernen Zivilisation« sei, die antisemitische Verfolgungen möglich und vorstellbar gemacht habe. Diese stellten »nicht nur die technologische Vollendung der industriellen Gesellschaft dar, sondern auch die organisatorische Vollendung der bürokratischen Gesellschaften.« Die von den totalitären Regimen verübten Massenmorde stellten extreme Formen instrumenteller Rationalität dar, die sich unmittelbar aus der modernen Verwandlung des Menschen in ein Objekt ableiten lassen. Hierin unterscheiden sie sich grundsätzlich von sämtlichen früheren Massenmorden.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 134-135

„Die französische Revolution, die offizielle Geburt der Moderne, machte als erste aus dem Massenmord die rationale Folge der Aussage eines politischen Prinzips. Der erste Völkermord in der Geschichte der Neuzeit hatte die Vendée als Schauplatz: 180000 Männer, Frauen und Kinder wurden getötet einzig aus dem Grund, daß sie geboren waren. Über die Vendéer erklärte Couthon am 10. Juni 1794: »Es geht weniger darum, sie zu bestrafen, als darum, sie zu vernichten.« Gegenüber ihren jeweiligen - tatsächlichen oder vermeintlichen - Feinden haben die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts wie die französischen Revolutionäre reagiert: mit dem Willen zur Ausrottung, mit immer wieder derselben Vorstellung, daß die Vernichtung des Feindes die Voraussetzung für die Rettung der Welt sei.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 137

„Die französische Revolution war aber auch die erste, die die Massen mobilisierte und ihren politischen Anhängern den Bruch mit allen anderen Bindungen auferlegte. Die erste auch, die den Prozeß der Zerstörung der Zwischenkörperschaften vervollkommnete in der Absicht, alles zu beseitigen, was zwischen der Zentralmacht und den atomisierten Individuen im Wege stehen konnte. Die erste schließlich, die einen Universalismus vertrat, der sich plötzlich in Fremdenhaß verkehrte, nachdem die Begriffe »Franzose« und »universell« gleichbedeutend geworden waren; wer nicht Franzose war, konnte logischerweise von der Menschheit ausgeschlossen werden.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 137

„Die Parallele zwischen der französischen und der sowjetischen Revolution, zwischen dem jakobinischen und dem bolschewischen Terror wurde zuvorderst von den russischen Kommunisten selber gezogen. Lenin war der erste, der die Kosaken mit den Vendéern gleichsetzte; er behauptete, 1917 vollende 1789, und deutete damit an, daß die Oktober-Revolution gewissermaßen Robespierres Revanche darstelle. In den Ländem des Westens benutzten auch die KP-Führer und ihre Weggefährten diese Parallele, um den Sowjetismus zu rechtfertigen - wie François Furet klar erkannt hat, der die Rolle der »jakobinischen Vorstellungswelt« bei der französischen Billigung des Kommunismus sowie bei der Nachsicht der Intellektuellen gegenüber den mörderischsten Taten der sowjetischen Regierung unterstreicht.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 138

„Erklärte nicht Marcel Cachin nach seiner Rückkehr aus der UdSSR: »In der russischen Revolution, die in ihren Methoden, in ihrem Ablauf die französische Revolution II neu beginnt, ist nichts, was ein Franzose abschwören könnte«? Ernst Nolte konnte beobachten, daß »sich die französische Unke nicht nur dadurch auszeichnet, daß sie die französische Revolution nach wie vor als entscheidendste Phase in der Geschichte der menschlichen Emanzipation wahrnimmt, sondern auch dadurch, daß sie eine positive Beziehung zwischen der französischen und der russischen Revolution herstellt«. Heute noch, fügt Krzystof Pomian hinzu, »sind die französischen intellektuellen Kreise nicht wirklich ›entstalinisiert‹ worden. Sie bleiben der Mythologie der Volksfront tief verbunden, und noch tiefer der Vorstellung, daß die französische Revolution ein in sich geschlossener ›Block‹ gewesen sei, was den Terror rechtfertige.«“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 138-139

„So wie die französischen Revolutionäre die früheren Provinzen abgeschafft hatten, so löste Hitler das ehemalige Preußen auf, zentralisierte das Reich und führte in sämtlichen Bereichen eine Zwangseinigung durch: Schon im Februar 1934 wurden alle Landesparlamente aufgelöst und die Regionen gleichgeschaltet. Alexandre Kojève hatte bereits darauf hingewiesen, daß »Hitlers Wahlspruch: Ein Volk, ein Reich, ein Führer nur eine schlechte-Übersetzung der Losung der französischen Revolution von der einen und unteilbaren Republik ist«. »Lenin hat kein Hehl daraus gemacht, was er den Jakobinern verdankte, und Hitler, was er Lenin verdankte«, bemerkt seinerseits Jules Monnerot (a.a.O., 1969, S. 603).“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 140-141

„Der Versuch, den Kommunismus im Namen seiner tiefen, mit den Idealvorstellungen der Moderne übereinstimmenden Inspiration reinzuwaschen, verschleiert also die Tatsache, daß diese Inspiration die Wurzel nicht nur seiner Verbrechen, sondern auch die der Verbrechen des Nationalsozialismus bildet. Letzterer war keineswegs kriminell durch Übereinstimmung mit einer Ideologie, die, im Gegensatz zum Kommunismus, nur ihm eigen gewesen wäre; er wurde es vielmehr in bezug auf den Teil Inspiration, den er mit dem Kommunismus gemeinsam hatte. Das stellt auch François Rouvillois fest, wenn er über den Nationalsozialismus schreibt: »Nicht was ihn vom Marxismus unterscheidet, macht ihn kriminell, sondern eben, was er mit ihm gemein hat.« »Marxismus und Nationalsozialismus«, fügt er hinzu, »sind gleichermaßen totalitär durch dieses sie vereinende Element: weil sie beide jener radikalen Moderne entsprungen sind, die aufgrund ihrer historischen und anthropologischen Voraussetzungen nur in den Alptraum abgleiten konnte.« (François Rouvillois, a.a.O., 1998, S. 29 ).“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 141

„Auch bei Claude Lefort werden die totalitären und die liberaldemokratischen Systeme als die beiden Erscheinungsformen analysiert, die die Vollendung der »demokratischen Revolution« annehmen kann. »Der Totalitarismus«, schreibt Lefort, »wird in meinen Augen nur dann verständlich, wenn man sein Verhältnis zur Demokratie erfaßt. Der totalitäre Staat läßt sich nur im Vergleich zur Demokratie und vor dem Hintergrund ihrer Ambiguitäten auffassen. Er ist deren Widerlegung Punkt für Punkt, und trotzdem bringt er zu ihrer Aktualität Vorstellungen, die er virtuell enthält.« (Claude Lefort, a.a.O., S. 167 & 42). Für Lefort definiert sich die moderne Demokratie als eine politische Form, in der die Macht auf keinen transzendenten - göttlichen oder traditionellen - Ursprung verweist, sondern sich als reines Abbild des menschlichen Willens darstellt.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 145-146

„Die Beleuchtung der Verwandtschaft zwischen Totalitarismus und bürgerlichen Demokratien hat eine wichtige Folge: Sie zeigt auf, daß die demokratisch-liberalen Systeme von Natur aus keineswegs immun gegen den Totalitarismus sind. Was ihre Vertreter auch immer behaupten mögen, auch sie laufen Gefahr, in den Totalitarismus hineinzurutschen - so wie 1789 zur Schrekkensherrschaft von 1793 geführt hat. Zum einen können die Demokratien jederzeit antidemokratische Mittel gebrauchen: Im Zweiten Weltkrieg haben die liberalen Demokratien nicht vor vorsätzlichen Massakern an Zivilbevölkerungen (u.a. Dresden, Hiroshima, Nagasaki) zurückgeschreckt, um mit dem nationalsozialistischen Deutschland und dem nationalistischen Japan fertigzuwerden. Zum anderen: Wenn auch ihre Erscheinungsformen offensichdich ganz andere sind als diejenigen totalitärer Regime, so unterscheiden sie sich doch, wie wir gesehen haben, in ihrer ursprünglichen Inspiration nicht grundlegend. Ist die moderne Dimension des Totalitarismus einmal anerkannt, so ist es nicht abwegig zu denken, daß es auch eine totalitäre Dimension der Moderne gibt.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 149-150

„Wenn man außerdem anerkennt, daß der Totalitarismus vor allen Dingen durch seine Zielsetzung gekennzeichnet ist, und nicht durch die Methoden, um dorthin zu gelangen, dann wird verständlich, daß er auch ganz andere Formen annehmen könnte als die bereits bekannten. Diese Möglichkeit ist um so denkbarer, als die totalitären Regime - sofern sie auf das Homogene, d.h. auf die Reduzierung der Welt auf das Gleiche, abzielen - sich in jene typisch moderne Auffassung von Freiheit vollkommen einfügen, die darin besteht, immer das Gleiche vorzuziehen (siehe Adornos und Horkheimers »Freiheit zum Immergleichen«). Man muß sich dann fragen, in welchem Maße mit deser Zielsetzung äußerste Repressionsmittel (der »Terror«) untrennbar verbunden sind. “
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 150-151

„Sokrates sagte, daß niemand absichtlich Böses tut. Die totalitären Regime wurden nicht unbedingt von Männern geführt, die gern Böses taten oder aus Vergnügen Massenmorde veranstalteten, sondern von Männern, die der Ansicht waren, daß dies das einfachste Mittel war, zu ihren Zielen zu gelangen. Hätten ihnen andere, weniger extreme Mittel zur Verfügung gestanden, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie lieber zu ihnen gegriffen hätten. Von seinem Wesen her belingt der Totalitarismus nicht automatisch, eher zu dem einen Mittel als zu einem anderen zu greifen. Nichts schließt aus, daß nan mit schmerzlosen Mitteln zu den gleichen Zielen gelangen kann. Der Zusammenbruch der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts bannt nicht das Gespenst des Totalitarismus. Er regt vielmehr zum Nachdenken über die neuen Formen an, die er in der Zukunft annehmen könnte.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 151

„Faschismus und Antifaschismus, Kommunismus und Antikommunismus unterliegen heute der gleichen Nostalgie und dem gleichen Unvermögen, die Gegenwart zu analysieren. Die Antriebe, die in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts am Werk waren, sind natürlich immer noch da. Sie sind aber nur deswegen noch da, weil sie schon früher da waren, das heißt, weil sie letzten Endes zur menschlichen Natur gehören.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 102-103

„Den Kommunismus und den Nationalsozialismus in ihre Zeit einzuordnen heißt begreifen, daß der eine wie der andere »Antworten« auf eine bestimmte Lage dargestellt haben, auf eine politische und soziale Problematik, die sich von der heutigen völlig unterscheidet.“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 102-103

„Die modernen Totalitarismen sind Produkte einer Moderne ....“
Alain de Benoist, Totalitarismus, 2001, S. 102-103

„Ich denke, wenn es die Katholische Kirche nicht gäbe, müßte man sie erfinden. Gerade als antimodernistisches Gegenlager gegenüber den unglaublich gefährlichen Potenzen, die in der Moderne ... liegen. Mir ist ... wirklich am wohlsten, also ich fühle mich am sichersten, wenn wir diesen »Elefanten« der katholischen Kirche da stehen haben und die Modernitätshysteriker können sich daran arbeiten. Dadurch entsteht eine Entschleunigung in diesen Prozessen der Modernität. Und auf die setze ich. Der Charme der katholischen Kirche ist für mich der, daß sie genau an allen Punkten, die wir so bisher genannt haben, auf der Bremse steht. Die steht auf der Bremse. Und die brauchen wir. “
Rüdiger Safranski, in der TV-Sendung: Das Philosophische Quartett, November 2009

„So wie ich das bei Benedikt XVI. höre, ist mir das insofern sympathisch, als ich z.B. im Moment das Gefühl habe, daß wir in unserer Gesellschaft eine inbrünstige quasi-religiöse Gläubigkeit an die Naturwissenschaften haben. .... Die größte Gefahr - für mich - im geistigen Leben ist der pseudo-naturwissenschaftlich begründete Naturalismus. .... Einen ... Standpunkt in dem allgemeinen Meinungskampf, wie ihn Benedikt XVI. vertritt, empfinde ich als eine Befreiung von Flachköpfen wie Dawkins u.s.w..“
Rüdiger Safranski, in der TV-Sendung: Das Philosophische Quartett, November 2009

„Ein ganz entscheidendes Merkmal der Moderne dürfte aber das massenhafte Entstehen größerer Organisationen (Unternehmen) sein, bei denen es sich quasi um neuartige biologische Phänomene mit eigenen Identitäten und eigenständigen Selbsterhaltungsinteressen handelt. Anfanglich befanden sich diese noch überwiegend im Besitz von einigen wenigen Personen (»der Kapitalist«). Auch begrenzten sie ihr Tätigkeitsfeld aufgrund vorhandener Kommunikationslimitationen meist auf eingeschränkte lokale Regionen.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 359

„Organisationssysteme besitzen in aller Regel einen im Vergleich zu Menschen ungeheuren Energie- und Ressourcenbedarf (Kapitalbedarf). Beiden Anforderungen wurde die beginnende Moderne mit der Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe und dem Aufkommen leistungsfahiger Banken und Finanzmärkte gerecht. Erst damit waren die Voraussetzungen geschaffen, um biologische Phänomene dieser Größenordnung entstehen zu lassen.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 359-360

„Mit zunehmender Größe können Unternehmen kostengünstiger produzieren (aufgrund der Nutzung von Skaleneffekten) und sich somit gegenüber Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Mit dem Wachstum differenzieren sie sich dann intern immer weiter aus, und zwar zur Komplexitätsreduzierung.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 360

„Es wurde bereits erwähnt, daß ein wesentliches Merkmal der Moderne das massenhafte Entstehen größerer Organisationssysteme ist. Karl Marx bezeichnete die Wirtschaftsform dieser Epoche sogar als Kapitalismus.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 361

„Nun bilden aber Organisationen ihre eigenen Organisationsstrukturen und Dominanzhierarchien aus, wobei sie die jeweiligen Rechte und Pflichten der einzelnen Ebenen untereinander meist präzise festlegen und beschreiben.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 361

„In modernen Marktwirtschaften halten sich die Staaten aus dem eigentlichen Marktgeschehen weitestgehend heraus. Der Grundgedanke dabei ist, den Wettbewerb unter den verschiedenen Marktteilnehmern anzuregen und so für mehr Leistung und Innovation im Vergleich zu staatlichen Monopolbetrieben zu sorgen. Die Unternehmen sind nun aber wiederum aus Wettbewerbsgründen vor allem an hohen menschlichen Kompetenzen interessiert. Solange Energie in ausreichender Menge und dabei auch noch preiswert zur Verfügung steht, werden Unternehmen es immer vorziehen, Maschinen statt Menschen für die Verichtung monotoner und körperlich schwerer Tätigkeiten einzusetzen. Die an qualifiziertem Humankapital interessierten Organisationen dürften deshalb eher Gesellschaftsstrukturen präferieren, in denen sich ihnen alle Bürger frei und gleich mit ihren Qualifikationen anbieten können, die Gesellschaft selbst also möglichst wenige Dominanzhierarchien und Klassen-, Rassen- beziehungsweise Geschlechterunterschiede aufweist.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 361-362

„Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung und der damit einhergehende Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz hat eine immer stärkere Konzentration des Einzelnen auf eng umrissene Aufgaben (Spezialisierung) zur Folge, die sich dann aber ganz häufig nicht mehr mit anderen Tätigkeiten vereinbaren lassen. Ferner besitzt die Spezialisierung gemäß Ricardos Theorem in der Regel zusätzliche komparative Kostenvorteile, aber eben auch nur dann, wenn es zu einer echten Spezialisierung kommt, und die Aufgaben nicht doch wieder mit irgendwelchen anderen Tätigkeiten zu vereinbaren sind. All dies bewirkt letztlich, daß sich das Individuum immer stärker von gesellschaftlichen Rollenvorgaben inklusive den durch sie vermittelten Gemeinschaftsaufgaben löst. Es kommt dann zum Prozeß der Individualisierung und - sofern keine Gegenmaßnahmen erfolgen - bald darauf bei den davon betroffenen Gemeinschaftsaufgaben zur Tragik der Allmende.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 362-363

„Ich bin ... der Auffassung, daß es ab etwa der Moderne nicht mehr primär die menschlichen Gesellschaften und ihre jeweiligen technischen Systeme sind, die den Gang der Geschichte bestimmen, sondern die Organisationssysteme - Aggregationen von Menschen also - mit ihren spezifischen Anforderungen und Interessen.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 362-363

„Die größten Organisationen operieren heute global und damit nationenüberspannend, so daß sie national auch kaum mehr zu kontrollieren sind. .... Wie jedem anderen Lebewesen auch geht es ihnen in erster Linie um ihren Selbsterhalt und Eigennutz und nicht um irgendwelche nationalen Interessen. Und wenn dann etwa ein Konkurrent seine Gewinne auf den Cayman Islands versteuert, werden alle anderen folgen müssen, weil sie sonst im Nachteil wären. Hier greift die gleiche Trittbrettfahrerproblematik wie auch in vergleichbaren menschlichen Kontexten.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 387

„Mit ethisch-moralischen Argumenten wird man auf die beschriebenen Verhaltensweisen keinen Einfluß nehmen können, höchstens mit Maßnahmen, die dem gleichen System (Wirtschaft) zurechenbar sind, wie auch schon Niklas Luhmann anmerkte (vgl. Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation, 1986). Wirkungsvoll könnte möglicherweise die internationale Besteuerung globaler Finanztransaktionen sein (vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft, 2007, S. 176ff.). Dies gilt im Grunde für alle Lebensbereiche: Selbsterhaltende Systeme wollen sich selbsterhalten, sie handeln also vom Kern her egoistisch. Wenn in einer Gemeinschaft aus lauter selbsterhaltenden Systemen Möglichkeiten bestehen, den Egoismus auf Kosten anderer auszuleben (weil man dann Vorteile hat und sich besser selbsterhalten kann), dann werden dies einzelne Individuen über kurz oder lang auch tun. Dagegen helfen keine Vorwürfe, sondern höchstens Maßnahmen, die solchen Verhaltensweisen die entscheidenden Vorteile nehmen.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 387

„Wie wir gesehen haben, ist die Gefallen-wollen-Kommunikation viel verschwenderischer als die dominante Kommunikation. Gleichzeitig setzt sie einen zuverlässigen Zugang zu den natürlichen Ressourcen voraus. Kommt es irgendwann einmal zu einer Ressourcenverknappung, dann dürfte die elegante, herrschaftsfreie Gefallen-wollen-Kommunikation schon bald wieder zur Disposition stehen. Die Folgen könnten Krieg, Dominanzhierarchien (zum Beispiel Klassenstrukturen), Zwangsmaßnahmen beim Zugriff auf die Ressourcen und vieles andere mehr sein. Da die dominante Kommunikation insgesamt ressourcenschonender operiert, dürfte sie die Gefallen-wollen-Kommunikation schon bald wieder in weiten Teilen ersetzen.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 387-388

„Es gehört deshalb auch nicht viel Vorstellungskraft dazu, sich die Folgen einer kritischen globalen Ressourcenverknappung auszumalen: An vielen Stellen würden Kriege ausbrechen, und Demokratien, Marktwirtschaften und die Freiheit und Gleichheit der Menschen gäbe es dann wohl schon bald nicht mehr.“
Peter Mersch, Evolution, Zivilisation und Verschwendung, 2008, S. 388

„Evolutionsbiologisch gesehen wird Erfolg mit Nachkommen belohnt, doch für Menschen in ihren jeweiligen »Modernen« scheint das nicht zu gelten, wie das demographisch-ökonomische Paradoxon beweist, denn in menschlichen »Modernen« besteht nachweislich ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl und sozialer Position bzw. Bildungsniveau. Aber wenn es der Mensch sich offenbar sogar »leisten« kann, vorübergehend gegen die Spielregeln der Evolutionsbiologie zu existieren, so kann er das nur, wenn er sein Aussterben in Kauf nimmt, denn »Singles«, »Emanzen« und andere Kinderlose haben sich selbst, bewußt oder unbewußt, zum Aussterben verurteilt - auch, ja sogar besonders diejenigen, die sehr viel Geld verdienen (»negative Selektion« = [beruflicher] Erfolg wird nicht mit Nachkommen belohnt bzw. [beruflicher] Mißerfolg wird mit Nachkommen belohnt, man könnte auch sagen: Survival of the Unfittest). Und diese »negative Selektion«, die für Menschen während ihrer »Modernen« maßgeblich ist, wird von den Menschen selbst auf ihre »moderne« Politik, für die ja Produktion wichtiger als Reproduktion ist, übertragen und heißt dann nur noch »negative Bevölkerungspolitik«.“
Hubert Brune

„Ich bin zwar kein Anhänger des Nationalismus, also der modernen Variante des Nationalen; aber man kann nicht immer von jedem Phänomen nur die gute Seite haben - mit anderen Worten: wer die Demokratie haben will, muß auch das Nationale, das nicht nur aus dem Nationalgefühl und dem Nationalbewußtsein, sondern auch dem Nationalismus besteht, haben wollen.“
Hubert Brune

„Man sollte nicht vergessen, daß der Nationalismus eine wichtige Begleiterscheinung der französischen Revolution, also einer Bürgerlichen Revolution ist, die neben der Industriellen Revolution gemeinhin als der Beginn der abendländischen Moderne i.e.S. gilt. Wer also den Nationalismus (und deshalb auch die Demokratie) abschaffen will, will immer auch einen der wichtigsten Bestandtteile der abendländischen Moderne abschaffen.“
Hubert Brune

„Täglich werden in der EU und Nordamerika zusammen ca. 8000 bis 10000 ungeborene Kinder getötet (in der EU: ca. 5000 bis 6000 [davon allein in Deutschland ca. 800 bis 1000]; in Nordamerika: ca. 2000 bis 4000)! Das sind pro Jahr ca. 2,92 Mio. bis 3,65 Mio. und pro 40 Jahre (und man muß sogar davon ausgehen, daß die Zahlen sehr wahrscheinlich noch drastisch steigen werden!) ca. 116,8 Mio. bis 146 Mio. getötete ungeborene Kinder in der EU und Nordamerika. Weltrekord im Bösen! Extreme Unmenschlichkeit!“
Hubert Brune

„Und diese ungeheurlich große Zahl an Abtreibungen, diese ermordeten Kinder soll laut westlicher Propaganda »Fortschritt« bzw. Modernität sein! Zynischer, dekadenter, nihilistischer geht's nicht mehr!“
Hubert Brune

„Abtreibung und Emanzipation bedeuten Lebens-, v.a. Menschenfeindlichkeit, Beschleunigung des Unterganges, Wille zum Tod.“
Hubert Brune

„Abtreibung, Euthanasie, wirtschaftspolitische Geschlechtsumwandlung - allein schon diese drei Aspekte machen deutlich, was der Untergang einer Kultur, also einer Gemeinschaft (Entschuldigung: »Gesellschaft«, denn eine Gemeinschaft will sie ja schon lange nicht mehr sein), der Wille zum Tod wirklich bedeutet. Aus der Abtreibung als Recht wird die Abtreibung als Pflicht, aus der Euthanasie als Recht wird die Euthanasie als Pflicht, aus der (biologischen) Geschlechtsumwandlung als Recht wird die (wirtschaftspolitische) Geschlechtsumwandlung als Pflicht. Im Grunde kann man ja sagen: Ohne Abtreibungen gäbe es kein Geburtendefizit, also keinen Bevölkerungsrückgang, sondern ein (zwar geringes, aber ideales) Sterbedefizit, also ein (zwar geringes, aber ideales) Bevölkerungswachstum.“
Hubert Brune

„Die Abtreibung vergrößert das Geburtendefizit, den Bevölkerungsrückgang, enorm. Auch die Euthanasie, die vor allem zukünftig immer mehr eine Rolle spielen wird, vergrößert das Geburtendefizit, den Bevölkerungsrückgang. Und »Gender« - das heißt: politische Geschlechtsumwandlung - sorgt für noch mehr Tötungen mittels Abtreibung und Euthanasie, vergrößert also das Geburtendefizit, den Bevölkerungsrückgang, denn »Gender« ist ja gerade wirtschaftspolitisch erwünscht, weil damit die Frauenerwerbsquote erhöht wird. Die Tatsache, daß dabei die Geburtenzahlen und Bevölkerungszahlen, noch mehr reduziert werden, wird als negativer Nebeneffekt gerne in Kauf genommen.“
Hubert Brune

„Die gesamte Abtreibungspolitik - , das Abtreibungswesen, das Abtreibungssystem -, kurz: die Abtreibunsgesellschaft ist ein Skandal ersten Ranges. Und der Staat zahlt dafür auch noch gigantische Summen.“
Hubert Brune

„Nur eine dekadente Gesellschaft leistet sich so viel Überfluß. Natürlich liegt es an einem liberalistisch-individualistischen System wie dem Abendland, wenn es zu dem ohnehin schon vorhandenen Überfluß auch noch - und zwar zumeist ohne Grund (abgesehen von den wirklich harten Fällen, die aber eine sehr kleine Ausnahme sind) - die eigenen Nachkommen und letztendlich sich selbst abtreibt und gar nicht mehr weiß, wer oder was Männchen und Weibchen ist. Der Sinn dafür soll schon weg sein. Und die sehr wenigen Frauen, die wirklich von der Emanzipation profitieren, tun dies auf Kosten aller anderen Frauen, um über die Lobby an die Macht zu kommen und sie zu verteidigen - nicht nur gegen Männer, sondern noch mehr gegen Frauen, also im Grunde doch gegen sich selbst. Wie unfruchtbar! Wie menschenfeindlich!“
Hubert Brune

„Emanzipation und Abtreibung, und das auch noch auf Kosten des Staates, also: des Steuerzahlers!“
Hubert Brune

„Nationalsozialismus unter nur umgekehrten Vorzeichen!“
Hubert Brune

„Die westliche (abendländische) Kultur ähnelt seit ihrer Moderne selbst immer mehr ihrem eigenen Paradoxon. Jede Kultur trägt in sich ein solches Paradoxon, das mit zunehmenden »Alter« immer deutlicher wird, weil es immer mehr nach außen drängt, als bekäme es immer mehr Macht, als sei in ihm der »Wille zur Macht« am Werk. Die Westler (Abendländer) haben die wissenschaftlich-technische Entwicklung enorm beschleunigt, von der immer mehr und zuletzt sogar  a l l e  Menschen profitieren können, aber die Westler (Abendländer) tragen die Hauptverantwortung auch für alle negativen Nebenwirkungen dieser wissenschaftlich-technischen Entwicklung. Was Krieg bzw. Wirtschaft und Politik (Krieg mit anderen Mitteln) betrifft, so muß man sogar sagen, daß die Westler (Abendländer) a l l e n  a n d e r e n  Menschen sehr viel mehr Unheil gebracht haben, als zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte überhaupt summarisch an Unheil gebracht werden konnte - man kann also in diesem Zusammenhang gar nicht mehr nur von Hauptverantwortung, sondern muß sogar von (ich benutze dieses Wort nicht gern) Schuld sprechen. Was eine zivilisatorische Barbarei ist, was also eine Zivilisationsbarbarei ist, was Zivilbarbaren sind, weiß man wohl erst dann, wenn man Kulturgeschichte und die zu ihr gehörende Zivilisationsgeschichte studiert und dabei realisiert hat, daß nicht die von den Kulturvölkern so genannten »Barbaren«, sondern die Zivilisierten unter den Kulturvölkern die wirklichen, weil grausameren Barbaren sind - frei nach dem Motto: je zivilisierter, um so barbarischer. Dies ist ein Paradoxon und doch nur ein scheinbares, denn es kann aufgelöst werden: Kulturen entstehen und vergehen während der größten Barbarei; sie erreichen zwar zu einer Zeit, in der sie am wenigsten barbarisch sind, ihren kulturellen Höhepunkt, doch sie erreichen zu einer Zeit, in der sie am meisten barbarisch sind, ihren zivilisatorischen Höhepunkt, denn der ist zugleich ihr kultureller Tiefpunkt. In jeder der von mir auf meinen Webseiten präsentierten Kulturen (es sind neun, nämlich: eine »Menschenkultur« und acht »Historienkulturen« innerhalb dieser »Menschenkultur«) werden diese Zeiten besonders intensiv behandelt, wobei jeder kulturelle Höhepunkt wie eine »Sommersonnenwende« und jeder kulturelle Tiefpunkt (zivilisatorische Höhepunkt) wie eine »Wintersonnenwende« beschrieben werden. Bisher haben sieben der acht »Historienkulturen« ihren kulturellen Tiefpunkt (zivilisatorischen Höhepunkt) »überlebt«, und es bleibt abzuwarten, ob die westliche (abendländische) Kultur als die jüngste dieser acht »Historienkulturen« ihn auch »überleben« wird, denn sie wird ihn frühestens im letzten Drittel des 21., wahrscheinlich aber im 22. Jahrhundert, doch vielleicht sogar erst im ersten Drittel des 23. Jahrhunderts erreichen. Es würde zwar außergewöhnlich, aber nicht wirklich wunderlich sein, wenn die westliche (abendländische) Kultur als außergewöhnlichste der acht »Historienkulturen« wegen der eventuell (vgl. faustisch, unendlicher Raum, unendlicher Wille, unendliches Streben u.ä.) geringen kulturellen »Lebenserwartung« ihr »Rentenalter« nicht erreichen würde. Doch das muß nicht so sein. Jedenfalls ist das oben erwähnte Paradoxon weniger ein Paradoxon als ein Fehler, der zurückgeht auf Verwechslungen und Mißverständnisse, z.B. das Mißverständis von »Kultur« und noch mehr das Mißverständis von »Zivilisation« und am meisten sogar das Mißverständnis von »Moderne«.“
Hubert Brune

 

 

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- Literaturverzeichnis -