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Peter Scholl-Latour (*1924)
- Matata am Kongo (1961) -
- Im Sog des Generals (1966) -
- Der Tod im Reisfeld (1975) -
- Der Ritt auf dem Drachen (1980) -
- Sieben Gesichter Chinas (1983) -
- Allah ist mit den Standhaften (1983) -
- Mord am großen Fluß (1985) -
- Leben mit Frankreich (1988) -
- Deutschland, Deutschland (1989) -
- Das Schwert des Islam (1990) -
- Den Gottlosen die Hölle (1992) -
- Eine Welt in Auflösung (1993) -
- Schlaglichter der Weltpolitik (1995) -
- Das Schlachtfeld der Zukunft (1996) -
- Lügen im Heiligen Land (1998) -
- Allahs Schatten über Atatürk (1999) -
- Der Fluch des neuen Jahrtausends (2001) -
- Afrikanische Totenklage (2001) -
- Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?  (2002) -
- Weltmacht im Treibsand (2004) -
- Koloß auf tönernen Füßen (2005) -
- Rußland im Zangengriff (2006) -
- Deutschland muß atomar aufrüsten (2007) -
- Zwischen den Fronten. (2007) -
- Der Weg in den neuen Kalten Krieg (2008) -
- Die Angst des weißen Mannes (2009) -
Scholl-Latour-Zitate. Da ich Peter Scholl-Latour für einen der weltweit besten Journalisten halte, möchte ich
                                                      ihm diese Seite widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:
- Allah ist mit den Standhaften (1983) -
- Das Schwert des Islam (1990) -
- Kampf dem Terror - Kampf dem Islam? (2002) -
- Weltmacht im Treibsand (2004) -
- Koloß auf tönernen Füßen (2005) -
- Rußland im Zangengriff (2006) -
- Deutschland muß atomar aufrüsten! (2007) -
- Zwischen den Fronten (2007) -
- Die Angst des weißen Mannes (2009) -

 

 

Allah ist mit den Standhaften. Begegnungen mit der islamischen Revolution (1983)

„Nach Verlassen der Fatih-Moschee und ihres öden Fabrikgeländes stand ich im Nieselregen auf der Görlitzer Straße und sah mich nach meinem geparkten Auto um. Mein Blick fiel auf eine evangelische Backsteinkirche, die wohl um die Jahrhundertwende gebaut worden war. Über dem neuromanischen Portal war die Begegnung Christi mit den Jüngern von Emmaus dargestellt. Darunter stand in gotischer Schrift ein Zitat aus dem Lukas-Evangelium. In der Wilhelminischen Epoche sollte dieser Bibelspruch wohl Zeugnis geben von lutherischer Zuversicht und gläubiger Geborgenheit in Gott. Aber der Zeitgeist hatte sich gewandelt. Im Vorfeld des zutiefst verwirrten Okzidents und auch im Kontrast zu der sendungsbewußten Moslemgemeinde der nahen Fatih-Moschee klang die Einladung der Jünger von Emmaus wie der Schrei einer millenarischen Angst: ’Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden‘.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 24).

Das Schwert des Islam. Revolution im Namen Allahs (1990)

„Bisher hat das Abendland es nicht vermocht, die Ereignisse des Morgenlandes mit anderen als westlichen Augen zu sehen. .... Ob der rationale Westen dies anerkennt oder nicht, mächtige Mythen erheben wieder ihr Haupt. Der Herausforderung der islamischen Revolution wird der Okzident nicht mit Permissivität begegnen können. Das 21. Jahrhundert wird ein religiöses sein, hatte der französische Schriftsteller André Malraux verkündet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 25).

„Wer erinnert sich noch der letzten Bilder des alten kranken Mannes, der den sowjetischen Außenminister Schewardnadse empfing? Damals hätte die Welt aufhorchen sollen. Die Botschaft Khomeinis an Michail Gorbatschov lautete: Der Kommunismus der Moskowiter sei geistlich und materiell gescheitert, und nun wäre es doch an der Zeit, daß die Sowjetunion ihr Heil im Islam suche. Eine surrealistisch anmutende Aufforderung der Bekehrung zu Allah.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 28).

„Niemand ahnte im Sommer 1989, daß die große Bewegung des koranischen Bekennertums binnen kürzester Frist auf die schiitischen Muselmanen des südlichen Kaukasus übergreifen würde. Auf geradezu mystisch anmutende Weise fiel das Begräbnis Khomeinis mit dem Aufflackern der nationalistischen und religiösen Volkserhebung in der Sowjetrepublik zusammen. Der Ansturm der iranischen Revolutionsheere war in den Sümpfen des Schatt-el-Arab liegengeblieben. Doch jetzt sprang das heilige Feuer nach Norden über. Der islamische Eifer entzündete sich jenseits des Flusses Arax, der die Grenze zwischen der iranischen Provinz Aserbeidschan und der kaukasichen Sowjetrepublik gleichen Namens bildet. ... Die kommunistischen Parteibücher wurden verbrannt, und das Antlitz Khomeinis verdrängte die Bilder des Gottesleugners Wladimir Iljitsch Lenin.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 28-29).

„Es war ein schwerwiegender Fehler westlicher Kommentatoren, daß sie die islamische Revolution auf die Figur des Ayatollah Ruhollah Khomeini zu reduzieren versuchten. Hier handelt es sich um ein fast weltumgreifendes Phänomen. Schon der Prophet Mohammed war sich seiner universalen Mission bewußt. Als unbekannter und damals noch unbedeutender Anführer einiger Beduinenhorden hatte er Botschafter an die Großmächte seiner Zeit entsandt. Der Überlieferung zufolge trafen Emissäre des Propheten beim Kaiser von Byzanz, beim Großkönig des Sassaniden-Thrones in Persien, beim Koptischen Patriarchen von Alexandrien ein, um sie aufzufordern, sich der neuen Offenbarung und dem Willen Allahs zu unterwerfen. Diese Botschaft ist damals abgelehnt worden, aber die drei Herrschaftssysteme, die da angesprochen waren, sollten später dem großen islamischen Sturm unterliegen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 29).

„Das Erwachen des Islam ist kein lokal begrenztes Problem. Über den Staat Israel sind die Amerikaner unmittelbar tangiert. Die Sowjetunion spürt den Umbruch ihrer südlichen Teilrepubliken, die zum koranischen Glauben zurückfinden. Europa hat längst aufgehört, das Mittelmeer zu beherrschen. Zwischen dem mediterranen Nord- und Südrand reißt eine Kluft auf. Von Süden her ist eine Immigrationswelle in Gang gekommen, die einer Völkerwanderung gleicht.“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 29).

„Am Anfang einer jeden Betrachtung über die islamische Revolution steht die Frage der Existenz Israels. Das Verhältnis der Muslime zu den Juden war von Anfang an gespannt. In der Eröffnungssure des Korans werden die Christen - relativ harmlos - als Irrende dargestellt. Hingegen spricht Allah von den Juden als denjenigen, denen er zürnt: »Ma'dub alaihi«. Wer von Mohammed und seinen Ursprüngen redet, kann nicht umhin, einen Blick auf das Gelobte Land zu werfen und auch auf Jerusalem, die »Stadt aus Gold«, wie die Israeli heute singen. Auf arabisch trägt Jerusalem schlicht den Namen »El Quds« - die Heilige. Aus der islamischen Offenbarungsgeschichte ist sie ebensowenig wegzudenken wie Mekka und Medina.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 29-30).

„Für die Muslime bezeichnet die Moschee El Aqsa den Ort, an dem der Prophet Mohammed auf dem Fabeltier Buraq in den Siebten Himmel erhoben wurde. In jener Nacht des Schicksals wurde ihm die erhabenste göttliche Botschaft zuteil. Nicht nur für die Palästinenser und für die Araber, für den gesamten Islam ist der Besitz Jerusalems deshalb unverzichtbar. Der koranischen Lehre zufolge haben hier die Stammväter Ibrahim und Ismail präzise an dieser Stelle, wo sich heute die goldene Kuppel des Felsendoms erhebt, ihr Sühneopfer dargebracht. Hier soll auch der Prophet Isa, ein Vorläufer Mohammeds - die Christen nennen ihn Jesus und verehren ihn als Sohn Gottes -, eines Tages auf den Wolken erscheinen und den Tag des Jüngsten Gerichts »Yaum ed din« ankündigen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 30).

„Das Bekenntnis Mohammeds zu Allah, dem einzigen Gott, seine Verfluchung der vielen Götzen, die die Jahrhunderte der »Dschahiliya«, der Unwissenheit, verdüstert hatten, mußten ihn natürlich die Feindschaft all jener Händler von Mekka einbringen, die von der Wallfahrt zum Sanktuarium dieses vielfältigen Aberglaubens, dieses »Schirk«, profitierten und sich daran bereicherten. Von allen Sakralplätzen Mekkas zeichnete Mohammed die heilige Kaaba (Würfel; zentrale Kultstätte des Islam; HB) aus, in deren Wand ein schwarzer Meteorit als Zeichen göttlicher Verheißung eingelassen ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 38).

„Als der prophet vor dem Zorn der Khoreischiten bei nacht aus mekka fliehen mußte, als er die »Hidschra« nach der Oase Yathrib im Norden antrat, die nach seinem Tode in »Madinat el Nabi«, Stadt des Propheten, auch kurz »Medina«, umbenannt wurde, wiegte er sich noch in der Hoffnung, die zahl- und einflußreichen jüdischen Stämme Arabiens, deren Glaubensgut seine religiöse Offenbarung entscheidend inspiriert hatte, auf seine Seite zu ziehen, ja sie zu seinen Jüngern zu machen. In Yathrib, wo Mohammed sich mit seinen Gefolgsleuten, den »Ansar«, niederließ, wo er nicht nur als Prediger des göttlichen Wortes, sondern vor allem auch als Gesezgeber und Feldherr auftrat, stieß er von Anfang an auf die »Verstocktheit« der dortigen Juden. Er wurde von der Bani Israil mit Spott übergossen und rächte sich schrecklich, indem er sie erschlagen ließ oder aus Arabien vertrieb. Bis zu dieser radikalen Entzweiung mit dem mosaischen Zweig der »Familie des Buches« war er zu manchem Kompromiß bereit gewesen. So war ursprünglich nicht der Freitag, sondern der Samstag, der Sabbat, der geweihte Tag des frühen Islam, und erst nach dem Bruch mit den Hebräern wurde Mekka als obligatorische Gebetsrichtung, als Qibla, fixiert. Bis dahin hatte sich die Gemeinde der »Muhadschirin« nach Jerusalem verneigt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 38).

„Die heiligen Bräuche von Mekka veranschaulichen die enge Verwandtschaft zwischen Thora und Koran, zwischen Juden und Arabern, diesen verfeindeten semitischen Brudervölkern. Am Anfang steht nämlich Abraham oder Ibrahim, der aus Mesopotamien ins Land Kanaan gezogen war. Das Alte Testament wie übrigens auch die christlichen Evangelien sind integrativer Bestandteil der muslimischen Lehre. Die Offenbarungsschriften der Juden und Christen wurden letztlich, so heißt es bei den Korangelehrten, von deren Interpreten verfälscht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 38-40).

„An der abrahimitischen Inspiration des Hadsch (Wallfahrt nach Mekka) läßt sich ermessen, mit welch unerbittlicher Rivalität Juden und Muslime ihren Streit um die Gunst des Höchsten austragen. Seit vielen Jahrhunderten setzt sich dieser Erbstreit im Hause Abraham fort. Durch die Schaffung des Staates Israel ist der Anspruch der Juden auf das Gelobte Land, ihre Vorstellung, als das auserwählte Volk Jahwes zu gelten, in deutlicher Weise bekundet und reaktualisiert worden. Dem steht die Heilsbotschaft Mohammeds entgegen, die inbrünstigen Gefühle der Muslime, daß sie die wahre, von Irrtümern gereinigte und endgültige Wahrheit besitzen, wie sie dem »Hanif« (Gottsucher) Ibrahim schon zu Vorzeiten zuteil wurde. Dem auf das Volk Israel in quasi tribalistischer Einschränkung umrissenen Erwähltheitsbegriff der Juden, dem Dreifaltigkeitsglauben der Christen, der den Korangläubigen als eine Spaltung der Einzigkeit Gottes erscheint, setzt der fromme Muslim die Überzeugung entgegen, daß er der perfekten Religion anhängt. Er bekennt, daß dem Islam eine universale Rolle zukommt und daß der Prophet - durch sein exemplarisches Leben als Offenbarungsverkünder, Gesetzgeber und Feldherr - die Einheit von Religion und Staat, ja die Unterwerfung der Politik unter das Sakrale für alle Zeit festgeschrieben hat.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 40-41).

„Das drittgrößte Heiligtum des Islam ... ist Jerusalem, und es ließe sich darüber streiten, ob »El Quds«, die Heilige, nicht einen höheren sakralen Stellenwert einnimmt als Medina.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 42).

„Der Hadsch illustriert nicht nur die angebliche Überlegenheit des Islam über die frühe Lehre des Judentums, er weist auch auf die Unverzichtbarkeit Jerusalems als Heiligtum des Islam hin. Aus dieser Perspektive betrachtet, erscheint eine Lösung des aktuellen Konfliktes um das Heilige Land kaum vorstellbar. Sie wird zu einer Frage des Jüngsten Gerichts, wie ein renommierter Orientalist es formulierte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 42).

„Immer wieder wird die Frage gestellt, warum die Muslime sich in fremde Kulturen so schwer integrieren lassen. Seitdem das Christentum aufgehört hat, gottesstaatliche Postulate zu formulieren, wie das im Mittelalter der großen Päpste der Fall war, seit die römische Kirche nicht mehr den Anspruch erhebt, allein seligmachend zu sein, haben in Europa die Reformation und die Aufklärung neue Normen der Toleranz gegenüber anderen Glaubensformen gesetzt. Wer den Islam mit dem Christentum vergleichen will, muß auf die beiden Gründerfiguren zurückgreifen, auf Christus und auf Mohammed. Immer wieder betonen die koranischen Schriftgelehrten, die Ulama, die Jesus von Nazareth als einen der großen prophetischen Vorläufer Mohammeds anerkennen, welche grundlegenden Unterschiede zwischen beiden abrahamitischen Religionen existieren. Man vergißt heute zu leicht, daß das Urchristentum kein politisches Konzept bereithielt, sondern sich auf einen nahe bevorstehenden Weltuntergang vorbereitete. Die muslimischen Kenner der christlichen Lehre verweisen auf den Satz Jesu: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Oder auf jenes andere Zitat des Neuen Testaments: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Auch die Mahnung »Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert unkommen«, wird in diesem Zusammenhang erwähnt. Tatsächlich haben die ersten Christen als Bekenner, als Märtyrer, zwar den Tod in der Arena oder durch die Folterknechte des Römischen Reiches gesucht; das entsprang aber nicht einer grundsätzlichen Ablehnung des alles beherrschenden Cäsarentums, sondern der Weigerung der ersten Anhänger Jesu, den römischen Kaiser als Gott anzuerkennen und ihm zu opfern. Was immer auch heute behauptet werden mag: Die Bergpredigt enthält keinerlei Regierungskonzept, sie zeichnet den christlichen Heilsweg auf.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 44).

„Ganz anders der Prophet Mohammed. Er war im Gegensatz zu Christus nur Mensch, wenn auch der perfekte Mensch. Mohammed war nicht nur der Künder und das Siegel göttlicher Offenbarung, er war ein umfassender Gesetzgeber, und er war Feldherr gegen die Ungläubigen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 44).

„Die persönlichen Konflikte Mohammeds mit den Christen seiner Zeit waren zweitrangig. Eine seiner Frauen war ohnehin Koptin, also Christin, und trug den Namen Maria oder Miriam. .... Seine wirklichen Gegner ... waren die Juden“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 45).

„Der Konflikt, die Rivalität mit dem Judentum, mit dem anderen semitischen Volk, das sich auf die Erbschaft Abrahams beruft, gilt von jeher als eine Existenzfrage des Islam. .... Die wirklich unversöhnliche Feindschaft zwischen Juden und Muselmanen brach erst aus, als der Zionismus unter den europäischen Juden an Boden gewann.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 45).

„Eine seltsame Umkehrung hat seitdem stattgefunden. Heute sind es die arabischen Palästinenser, die Nachfahren Ismaels, die in den Flüchtlingslagern eine karge, verbitterte Existenz führen, die in der Rolle des ewigen Wanderers Ahasver (Ewiger Jude) gedrängt wurden, die von der Rückkehr in ihr Gelobtes Land Palästina träumen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 48).

„Nicht Verwestlichung und Modernität, nicht Verweltlichung und Diesseitigkeit hat Israel den arabischen Nachbarn, den abrahamitischen Brüdern und Erbfeinden, überzeugend vor Augen geführt. Die jüdische Staatsgründung hat die muslimischen Rivalen um die Gunst Gottes auf den Weg der eigenen mystischen Rückbesinnung verwiesen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 58).

„In der unerbittlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden semitischen Völkern, die sich auf Abraham berufen, besitzen die Mohammedaner einen deutlichen Vorsprung. Während die jüdische Offenbarung auf ein auserwähltes Volk begrenzt bleibt und keine umfassende Weltbekehrung zum Monotheismus ins Auge faßt, erhebt die islamische Lehre Mohammeds einen universalen Anspruch.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 58).

„Die kriegerische Ausbreitung des Islam, die sich nach dem Tod Mohammeds in Windeseile vollzog und binnen weniger Jahrzehnte ein immenses Territorium zwischen Südspanien und Zentralasien, den »Dar-ul-Islam«, umfaßte, vollzog sich im Zeichen des »Dschihad«. Der Heilige Krieg gehört nicht zu den Grundgeboten, den fünf Säulen des Islam.“ (Peter Scholl-Latour, ebd. S. 58).

„Mohammed bewährte sich als Feldherr. Aus den Suren des Koran klingt eine ganze Folge von eindeutigen Appellen an die Gläubigen. Sie sollen auf dem Weg Allahs streiten, sie sollen töten und getötet werden, um der gerechten Sache willen. Dann winken ihnen die himmlischen Gärten des Paradieses. Nicht nur durch Feuer und Schwert, auch durch die Predigt der Schriftgelehrten und die bereitwillige Unterwerfung ungläubiger Völkerschaften unter das Gesetz Allahs hat sich der Islam in aller Welt verbreitet und schreitet weiter fort.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 58).

„Vor allem in Afrika ist der Islam weiter im Vormarsch. .... Bis zum Kongo und bis tief in den Süden Mosambiks sind die islamischen Missionare - meist handelt es sich um Händler, die den Koran predigen - vorgestoßen.“ (Peter Scholl-Latour, Das Schwert des Islam - Revolution im Namen Allahs, 1990, S. 59).

„Der Erfolg des Islam bei den Schwarzen liegt zum großen Teil an der Einfachheit seiner Lehre. Er wird zudem als eine antikolonialistische Botschaft betrachtet. Nur wenige Afrikaner scheinen sich daran zu erinnern, daß der Sklavenhandel, der zu Recht den weißen Eroberern angelastet wird, auch im arabisch-islamischen Raum von Anfang an in mindestens ebenso schrecklicher Form gewütet hat. Im Arabischen bezeichnet das Wort Abid sowohl den Neger als auch den Sklaven.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 59).

„Hier sollte immerhin vermerkt werden, daß die koranische Botschaft auch jenseits des Atlantik in Nordamerika Fuß gefaßt hat. Die dortige schwarze Protestbewegung hat der militanten Oraganisation »Black Muslims« einen beachtlichen Raum überlassen müssen.“ (Peter Scholl-Latour, Das Schwert des Islam - Revolution im Namen Allahs, 1990, S. 59).

„Im 13. Jahrhundert war der Mongolensturm wie ein mörderischer, alles vernichtender Wirbelwind über den gesamten islamischen Orient hinweggefegt. Es blieben nur Trümmer zurück, doch auf diesen Ruinen war kein neues arabisches Kalifat entstanden, sondern der Machtanspruch der osmanischen Türken, deren Padischah (Großherr; HB) sich zunächst den weltlichen Titel des Sultans zulegte, dann aber nach Beseitigung der letzten nach Kairo geflüchteten Abbasiden auch den Titel des Kalifen, des Statthalters auf Erden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 67-68).

„Im Gegensatz zur europäischen Geschichte, die sich (scheinbar! HB) linear entwickelte und bis auf den heutigen Tag den Fortschrittsglauben hochhält, scheint sich die islamische Entwicklung in einem ständigen Kreislauf zu bewegen. Nicht erst der Orientexperte Arnold Toynbee hat diese Gesetzmäßigkeit aufgezeichnet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 88-89).

Kampf dem Terror - Kampf dem Islam? Chronik eines unbegrenzten Krieges (2002)

„Heute läuft der Westen Gefahr, daß der »Krieg gegen das Böse«, den Präsident George W. Bush zur Vernichtung des weltweiten Terrorismus in Gang brachte und dem keine zeitlichen oder geographischen Grenzen gesetzt sind, zur »Mutter aller Lügen« wird.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 9).

„Die Idee einer weltumspannenden Ausbreitung des westlichen Demokratie-Konzepts und der ihm zugrunde liegenden Menschenrechtsideologie hatte sich ohnehin als grausame Farce erwiesen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 42).

„»Präsident Clinton hat zu erkennen gegeben, daß er nicht gewillt ist, politischen oder Wirtschaftlichen Druck auszuüben, um (den damaligen Regierungschef) Netanjahu zur Abänderung seines Programms zu zwingen. Nichts, was Clinton ausrichten kann, wird Einfluß auf die islamistische Hamas haben. Mrs. Abright kann also nur die üblichen Platitüden von sich geben, die gewohnten Aussagen der Entrüstung, des guten Willens und des Vertrauens in eine gute Zukunft, die sich zweifellos nicht einstellen wird. Sie ist unfähig, mehr zu tun, weil die Vereinigten Staaten über keine ernsthafte Politik auf diesem wie auf so manchem anderen Gebiet verfügen. Die Kontrolle über die amerikanische Politik ist während des letzten Vierteljahrhunderts Kartellen von Sonderinteressen ausgeliefert worden, und jedes von ihnen ist in der Lage, Initiativen abzublocken, die ihnen nicht genehm sind. Zu diesen Interessengruppen zählen offensichtlich die israelische wie die kubanische Lobby in den USA, nicht wegen der Wählermasse, die sie repräsentieren, sondern wegen der finanziellen Wahlkampfmittel, wegen der Handelsinteressen, deren finanzielle Unterstützung für die Präsidentschaftskampagne Bill Clintons unentbehrlich war ....« (William Pfaff, Los Angeles Times, 1997). So arbeitet nun mal die Demokratie, mögen manche sagen. Aber leider arbeitet so das Geld. Hier handelt es sich um die Macht der Plutokratie, nicht um die Macht des Volkes .... Niemals zuvor ist die amerikanische Außenpolitik so eindeutig den Kräften von Privat- und Gruppeninteressen sowie der politischen Demagogie ausgeliefert gewesen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 43).

„Eine andere Befürchtung ist heute nicht mehr von der hand z uweisen, daß nämlich die Osterweiterung der NATO sich als Rammbock gegen die immer noch höchst fragile EU erweist. Die neuen bzw. künftigen Mitglieder der Allianz (die meisten Länder des ehemaligen Ostblocks) richten sich ohnehin militärisch weit stärker auf Washington aus als auf Brüssel oder gar Berlin oder Paris.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 45).

„Der von Washington seit Jahrzehnten propagierte »zweite europäische Pfeiler« der NATO beruhte von Anfang an auf bewußter Irreführung. Eine auch nur begrenzte Eigenständigkeit der europäischen Verteidigung wurde mit allen Mitteln hintertrieben. Jeder Versuch eines Alleingangs (z.B. atomare Nuklear-Abschreckung) stieß sofort auf rigorosen Widerspruch aus Washington. Die Abhängigkeit sollte ... bleiben.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 46).

„Bei der dringend notwendigen Anpassung an die neuen Realitäten kommt die Bundeswehr an einer Reorientierung nicht vorbei, die weit über die vorliegenden Reformpläne hinausgeht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 46).

„Das abwehrfähige Europa von morgen könnte sich allenfalls auf einen engbegrenzten Kreis von Partnern beschränken. der politische Anatz für diese geographische Konzentration, die der verhängnisvollen Osterweiterung von NATO und EU radikal entgegenstünde, ist jedoch nicht in Sicht. Wo wäre auch ein Staatsmann von überragender Statur, der diese Perspektive mit Leben erfüllte?  Dennoch ist es an der Zeit, daß die Abendländer sich der eigenen Schmach und Schande bewußt werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 47).

„Zwar ist ständig von Massenvernichtungswaffen die Rede, doch nirgendwo existiert eine eigenständige, cis-atlantische Abschreckung gegen eventuelle Erpressungen durch »Schurkenstaaten«s, fanatische Terrororganisationen oder Mafiastrukturen. Das Thema ist tabu, zumal in Deutschland schon die zivile Nutzung der Kernenergie des Teufels ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 47).

„Bei meinem Gespräch mit dem irakischen Vize-Regierungschef Traiq Asiz verwies er darauf, daß in dieser Hinsicht die Europäer weit verwundbarer seien als die durch zwei Ozeane geschützten vereinigten Staaten von Amerika.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 48).

„Europa steht im Begriff, alle Voraussetzungen zu erfüllen, um eine leichte Beute der Barbaren zu werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 48).

„Während die Staaten der EU sich mit dem Bevölkerungsschwund ihrer Ureinwohner abfinden, dauert in ihrer unmittelbaren Umgebung die Geburtenexplosion an. Die große Migration ist im vollen Gange.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 48).

„Das Abendland ist immer noch immens reich, aber es ist schwach. Ihm fehlt die moralische Substanz zur dezidierten Selbstbehauptung. Kurzum, alle Prämissen eines fatalen »Untergangs« sind gegeben. So unrecht hatte Oswald Spengler wohl nicht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 48).

„Wie unzeitgemäß, wie lächerlich hätte ich hingegen gewirkt, wenn ich vor einer deutschen Veranstaltung mit den Worten »Gelobt sei Jesus Christus«“ oder mit dem Kreuzzeichen aufgetreten wäre in einer Republik, deren Minister es beim Amtseid mehrheitlich vermeiden, den Zusatz »So wahr mir Gott helfe« anzufügen. Man stell sich einen us-amerikanischen Senator vor, der die Beteuerung „so help me God“ verweigerte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 50).

„Wir kommen an dieser Stelle nicht umhin, über die türksiche Erwartung zu sprechen, Vollmitgleid der Europäischen Union zu werden, ein geographischer Nonsens, denn bis auf weiteres bezeichnet man Anatolien als Klein-Asien und nicht als Klein-Europa.“ (Peter Scholl-Latour, Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?, 2002, S. 51).

„In jenem Sommer 1993 kannte kaum jemand den Harvard-Professor Samuel Huntington, und seine Studie über den »Clash of Civilizations«, den »Zusammenprall der Kulturen«, war noch nicht erschienen, Dafür hatte André Malraux, der Autor der »Condition humaine«, eine Generation zuvor die Voraussage gewagt: »Le XXI-ème siècle seru religieux ou ne sera pas - Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein«. Düstere Prognose für das Abendland!“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 54).

„Die Fallschirmjäger von Kabul könnten meine Enkel sein, und gerade weil ich über unendlich mehr Kriegserfahrung verfüge als die ehemaligen Pazifisten, die uns heute regieren, blicke ich mit Sorge auf diese sympathischen jungen Leute. .... Wissen die Berliner Politiker, die - um sich nach den antiamerikanischen Ausfällen ihres Wahlkampfes nun wieder in Washington anzubiedern - ihre Bereitschaft verkünden, das Kommando von ISAF zu übernehmen, überhaupt, worauf sie sich einlassen?  Mit einer zeitlich begrenzten Truppenpräsenz am Hindukusch stützt man den proamerikanischen Vasallen Karzai ab und erlaubt den Energiekonzernen der USA einen lukrativen und relativ sicheren Abtransport von Erdgas und Petroleum in Richtung Indischer Ozean. Dafür wird das Leben deutscher Soldaten aufs Spiel gesetzt im Auftrag einer Parlamentarierriege, die sich früher zu dem törichten Spruch bekannte: »Frieden schaffen ohne Waffen«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 83-84).

„Hekmatyar ... vergleicht die Aktion der USA mit dem Fehlschlag des sowjetischen Expansionsstrebens und sogar mit der gescheiterten Eroberungspolitik Adolf Hitlers.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 115).

„Hamed Gul hatte die Expansion der USA in Zentralasien mit dem kaltblütigen Bestreben Moskaus erklärt, dem ehemaligen Gegner des »Kalten Krieges« in dieser unbezähmbaren Weltgegend ein ähnliches Schicksal zu bereiten, wie es die Sowjetunion nach 1979 erlitten hatte. Hamed Gul verwies Scholl-Latour diesbezüglich auf eine Studie des russischen Generals Gromov.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 122).

„Aber, so argumentierte er, all dies sei nur ein Vorgeplänkel. Ihn faszinierte die unvermeidliche Konfrontation, die sich zwischen Washington und Peking anbahnte. Die USA seien darauf aus, die Volksrepublik von ihren unentbehrlichen Energiequellen in Zentralasien abzuschneiden. Ähnlich habe es ja Präsident Franklin D. Rosevelt mit den Japanern im Jahr 1941 getrieben, als er dem General Tojo jedwede Petroleumlieferung verweigerte. Der Pazifikkrieg sei dadurch für Nippon unvermeidlich geworden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 122).

„Dabei erinnere ich mich an ein Gespräch mit einem einflußreichen us-amerikanischen Senator der Republikanischen Partei, der mich schon vor fünf Jahren mit der »Enthüllung« überrascht hatte, die Außenpolitik, zumindest die Nahostpolitik der USA, werde in Jerusalem konzipiert. Er konnte eine solche Behauptung wohl nur wagen, weil er Träger eines angesehenen jüdischen Namens war.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 232).

„Schon 1983 schrieb ich: „Im gesamten Orient wird es dem Weißen Haus schwerfallen, eine Pax Americana imperialen Ausmaßes fest zu etablieren, solange ihnen keine Legionäre zur Vefügung stehen, die sich »römischer Tugenden« rühmen.“ Die US-Amerikaner scheinen nach den Erfahrungen in Vietnam erst wieder lernen zu müssen, und auch „die Israeli scheinen - spätetsens seit ihrem Libanon-Abenteuer - aufgehört zu haben, das Sterben für das Vaterland als »dulce et decorum« zu preisen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 246).

„Ob die Strategen des Pentagon wohl eines Tages entdecken werden, daß der Judenstaat - statt eine solide strategische Bastion der USA im Orient zu bilden - zur Achillesferse Amerikas zu werden droht?   Wer vermag am Potomac die warnende Klage des Propheten Zacharias zu begreifen, der da im Namen seines Herrn verkündete: »Siehe, ich will Jerusalem zum Taumelbecher zurichten allen Völkern, die umher sind. Zur selben Zeit will ich Jerusalem machen zum Laststein allen Völkern; alle, die ihn wegheben wollen, sollen sich daran zerschneiden.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 285).

Weltmacht im Treibsand. Bush gegen die Ayatollhas (2004)

„»Stell dir vor, es gibt Krieg, und keiner geht hin«, so heißt es angeblich bei Bertold Brecht. Die deutschen Pazifisten, von denen einige in der jetzigen Regierung als Minister amtieren, hatten diese Losung begeistert übernommen, obwohl sie verfälscht ist. Heute müßte sie wohl anders lauten: »Stell dir vor, es gibt Krieg, und keiner weiß es! «   Welchem Bundesbürger ist denn wirklich bewußt, daß mit Inkrafttreten des Artikels V der Atlantischen Allianz nach dem 11. September 2001 die europäischen Staaten weiterhin auf seiten des us-amerikanischen Verbündeten in einen globalen Feldzug gegen den Terrorismus verwickelt sind, der weder zeitliche noch räumliche Grenzen kennt?“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 9).

„Nur ein Dummkopf kann sich heute schämen, ein »alter Europäer« zu sein.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 14).

„Die deutsche Reaktion auf diese neue Situation bestand aus einem Gemisch aus Willfährigkeit gegenüber der traditionellen atlantischen Führungsmacht, mangelndem Verantwortungsgefühl gegenüber den eigenen Soldaten und - trotz vorzüglicher nachrichtendienstlicher Unterrichtung - verbohrter Verkennung der realen Verhältnisse am Hindukusch.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 18).

„Wie weit soll der ritt nach osten noch gehen? Schon gehört Rußland der »partnership for peace« an. Wird die Bundeswehr eines fernen Tages, wenn die fortschreitende Solidarisierung zwischen Washington und Moskau eine konkrete Bündnisform annimmt, am Ussuri und Amur in Fernost Stellung beziehen und sich in eine gemeinsame Front gegen die chinesische Volksbefreiungsarmee einreihen?“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 18-19).

„Die wirkliche Allianz der Zukunft wird jedoch nicht zwischen Europa und Moskau, sondern zwischen Moskau und Washington geschmiedet werden. Der revolutionäre Islamismus einerseits, die aufsteigende Weltmacht China andererseits, das sind die ... historischen Herausforderungen, denen sich der globale Hegemonialanspruch US-Amerikas und die Überlebensstrategie Rußlands ausgesetzt sehen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 19).

„Die Viererberatung von Brüssel, die im Septemver 2003 stattfand, ist als »Konditor-Allianz« geschmäht worden. dennoch sollte sie als sinnvolle Initiative, ja vielleicht als einzig praktikabler Weg anerkannt werden. Selten ist ein internationales Treffen mit so viel Häme übergossen worden wie dieser »Pralinengipfel«. Die Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs wollten dort den Grundstein zu einer unabhängigen Verteidigung Europas legen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 22).

„Daß die USA sich gegen diese Emanzipation verwahren, ist zwar unklug, aber verständlich. Wenn jedoch eine ganze Kohorte deutscher Politiker und Publizisten jenen zwei Nationen des »alten Kontinents« ... jegliche Fähigkeit zur Selbstverteidigung absprechen, klingt daraus nicht nur Verzagtheit, sondern auch betrübliche Selbstverleugnung. Immerhin stellt diese »Konditor-Allianz« eine Bevölkerungsmasse von 150 Millionen Menschen dar, also mehr als das riesige Rußland zwischen Smolensk und Wladiwostok aufzubieten hat, und ein Wirtschaftspotential, das nur in den USA seinesgleichen findet. Daß diese »karolingische Achse« auf militärischem Gebiet irrelevant bleibt, ist vor allem jenen deutschen Parteien zu verdanken, die nach Ende des Ost-West-Konflikts ihre illusorische Friedensdividende kassieren wollten und das Wehrbudget verkümmern ließen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 23).

„Der globale Vormachtsanspruch, den George W. Bush vertritt, steuert us-amerikanischen Analysten zufolge unweigerlich auf eine weltweite Konfrontation mit dem revolutionären Islamismus und auf eine Kraftprobe mit der Volksrepublik China zu. In beiden Fällen decken sich die Interessen Rußlands und der USA.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 24).

„Eines haben Europäer und Iraker gemeinsam. Ihre Zukunft wird durch die türkische Frage überschattet. .... Die Aufnahme (in die EU! HB) beinhaltet das freie Niederlassungsrecht für die Bürger aller Mitgliedsstaaten. Die türkischen Deutschland-Experten und Soziologen in Ankara und Istanbul hegen nicht den geringsten Zweifel, daß somit eine gewaltige Migration aus Anatolien in Richtung Deutschland stattfände, eine rapide Zuwanderung von mindestens 10 Millionen Menschen, darunter ein überproportional großer Anteil von Kurden. Die Bundesrepublik Deutschland verlöre damit nicht nur ihre ohnehin fragwürdige christliche, sondern auch ihre nationale Identität. Bei aller Sympathie für die Türken, bei aller Anerkennung ihres Fleißes, ihrer Disziplin, käme es dann auf deutschem Boden - zumal in den Wohngebieten der kleinen Leute - zu einem fatalen Kulturschock, ja zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, an denen gemessen die Streitfälle Nordirland oder Baskenland, mit denen London und Madrid sich plagen, als Lappalie erschienen. Sehr bald würden im Bundestag türkische, vielleicht auch islamisch orientierte Parteien entstehen, die jede Regierungsbildung beeinflussen und - wie heute schon in gewissen Ballungsgebieten von Türken mit deutschem Paß - das Zünglein an der Waage bilden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 28-29).

„Ob die Bombenanschläge, die im Dezember 2003 jüdische Kultstätten und britische Einrichtungen in Istanbul verwüsteten - die Täter waren ausschließlich Türken -, das Hochkommen einer extrem-islamistischen Welle der Republik Atatürks signalisieren, bleibt noch dahingestellt. Aber wer von der Geschichtsträchtigen Metropole Konstantinopel als einem Ort der Toleranz, der multikutltuellen Entfaltung und einer Freizügigkeit der Sitten schwärmt, sollte einmal das dortige Fatih-Viertel aufsuchen, wo die Frauen schwarzverhüllt gehen und die Scharia schon wieder das tägliche Leben bestimmt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 29-30).

„Für eine diffuse Gespensterjagd gegen den »internationalen Terrorismus« wurde das Atlantische Bündnis jedoch nicht erfunden. Die NATO entartet seitdem zum Instrument angelsächsischer Bevormundung und Irreführung. Das war schon - mit Verlaub gesagt - im Kosovo-Krieg gegen Serbien der Fall.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 32).

„Die wirtschaftlich-industriellen Fortschritte im Reich der Mitte sind phänomenal, und die dortige Weltraumtechnik ... wäre auch in der Lage, das sakrosankte Territorium der USA mit nuklearbestückten Interkontinentalraketen zu erreichen. .... Würde eine Hegemonialmacht, die in Vietnam versagte, die Torheit begehen, sich zu Lande mit dem gigantischen Drachen am Westrand des Pazifik in einen Kampf auf Leben und Tod einzulassen?  .... Die Zeit arbeitet für dieses neu entstandene, unbesiegbare Imperium, dessen Wirtschaftsmetropole Shanghai weder mit Singapur noch mit Tokio rivalisieren will, sondern mit New York.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 46-47).

„Schon aus geographischen Gründen kann die amerikanische Planung weder auf Deutschland noch Frankreich verzichten. Im extremen Ernstfall, dem die Anrainer des Mittelmeers und des Balkans bedrohlicher ausgesetzt wären als die durch zwei Ozeane geschützten USA, könnte nur von Berlin und Paris jene längst fällige Aufstellung einer europäischen Kernallianz ausgehen, die den Amerikanern als gleichberechtigtre Partner und Entscheidungsträger weit nützlicher wäre als in der Rolle eines unterwürfigen und zwangsläufig verbitterten Vasallen. Selbst das stolze Spanien, das an seinen nordafrikanischen »Presidios« Cëuta und Melilla festhält und in dieser Frage auf eine unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Scherifischen Königreich Marokko zutreibt - der Zwischenfall auf der Petersilieninsel vermittelt einen Vorgeschmack -, wird spätestens zu diesem Zeitpunkt entdecken, daß der Beistand der »vieja Europa« (des alten Europa; HB) wichtiger sein kann als das Protektorat der auf fernen Kriegsschauplätzen gebundenen »Estados Unidos del Norte«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 48).

„»Das XXI. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein.« Die Voraussage André Malraux', der dem General de Gaulle als Informations- und Kulturminister zur Seite stand, hatte ich vor 20 Jahren zum Leitmotiv des ersten Buches über »Meine Begegnungen mit der Islamischen Revolutuion« gemacht. Das Wort ist seitdem oft wiederholt worden in deutschen Zeitungsspalten und auf deutschen Kanzeln. Jedenfalls hat Malraux nicht auf samuel Huntington und seinem »Clash of Civilizations« gewartet, dessen Thesen über den weltweiten kampf der Kulturen für die Eingeweihten keine Überraschung bereithielt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 49-50).

„Viel verblüffender ... ist das Erstarken der christlichen Erweckungsbewegung, des bigotten protestantischen Fundamentalismus in Nordamerika, und dessen politische Auswirkungen. Damit hatten die wenigsten gerechnet, obwohl dabei ein Grundzug des amerikanischen Wesens zutage tritt, den der unvergleichliche Alexis de Tocqueville schon im neunzehnten Jahrhundert definiert hatte. Ich greife hier auf den Kolumnisten William Pfaff zurück: »Die amerikanische Geschichte - the American Story - muß von Anfang an als eine Konfrontation zwischen den Erwählten und den Verdammten beschrieben werden, wie das der mächtige Einfluß des Calvinismus mit seinem Glauben an Prädestination und Gottesherrschaft vorgegeben hat. Als die Sowjetunion, der Rolle des ›Bösen‹ nicht mehr entsprach, hielt Washington nach eventuellen Nachfolgern Ausschau und fixierte sich schließlich auf die ›Schurkenstaaten‹, das heißt auf all diejenigen, die radikale unamerikanische Ideen vertraten und nach dem Erwerb von Nuklearwaffen trachteten. Die Schwäche dieser ›rogue states‹ verminderte jedoch ihre Glaubwürdigkeit als Repräsentanten des globalen ›Übels‹. Dann kam der 11. September (2001; HB), und das Problem war gelöst. Die Schurkenstaaten wurden jetzt zur ›Achse des Bösen‹. Sie wurden Teil einer umfassenden internationalen Bedrohung, die sogar die Vereinigten Staaten heimsuchen konnte. Die Nation befand sich von nun an im Krieg gegen den ›Terrorismus‹.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 50).

„Der englische Schriftsteller und Satiriker G. K. Chesterton, der 1936 gestorben ist und als Katholik gegen die »Heuchelei« des calvinistischen Protestantismus“ polemisierte, hatte festgestellt, daß die Vereinigten Staaten von Amerika eine »Nation mit der Seele einer Kirche« seien, daß sie »keiner Ideologie bedürften, weil sie selbst eine Ideologie sind«. Der Manichäismus der amerikanischen Außenpolitik, der Rückgriff auf die dualistischen Thesen des mesopotamischen Predigers Mani, der seinerseits unter dem Einfluß des Zarathustra-Kultes stand, war mir bereits aufgefallen, noch ehe ich Chesterton gelesen hatte. Die Vorstellungen dieses streitbaren »Papisten« klingen heute aktueller denn je: Die Puritaner der Neuen Welt hätten geschwankt zwischen der passiven Idee, Amerika in ein »neues Jerusalem« zu verwandeln, und dem aktiven Vorhaben, mit dem eigenen Beispiel ein Leuchtturm für die übrige Welt zu sein. Ihm falle diese Missionspflicht zu, zurückgebliebene, weniger zivilisierte Völker auf amerikanisches Niveau anzuheben, eine neue Weltordnung zu schaffen, die Welt zu erlösen, die Voraussetzungen für das Tausendjährige Reich der Gerechtigkeit zu schaffen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 50-51).

„Diese chiliastische Erwartung einer Heilsgestalt, die das Ende der Tage und die Ankunft Gottes verkündigt, findet sich seltsamerweise beim schiitischen Glaubenszweig des Islam wieder, der sehnsüchtig auf das Erscheinen des »Mehdi«, des Verborgenen Zwölften Imam, wartet. Ebenso ungeduldig debattieren die jüdischen Orthodoxen, die den zionistischen Staat ablehnen, über die Parusie des Messias und das Entstehen des wahren, gottgefälligen Israel.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 51).

„Schon bei meinem ersten Amerika-Aufenthalt hatte ich zahlreiche Plakate bemerkt: »Go to church - somewhere! « Der Publizist Nicholas D. Kristof beschreibt die Zunahme der »evangelikanischen« Frömmigkeit, die im sogenannten Bible Belt der Baptisten und ähnlicher Sekten stets zu Hause war, wie folgt: »Achtundfünfzig Prozent der US-Amerikaner sind überzeugt, daß man an Gott glauben muß, um moralisch zu sein. Andere hochentwickelte Länder verhalten sich da anders. In Frankreich stimmen nur dreizehn Prozent mit der amerikanischen Auffassung überein. Der Glaube an die Jungfrauengeburt Mariä, der seit der letzten Meinungsumfrage um fünf Prozent zugenommen hat, weist darauf hin, daß das amerikanische Christentum sich nicht intellektuell, sondern mystisch orientiert. .... «“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 51).

„George W. Bush ist ein Anhänger der »fundamentalistischen« Bibel-Auslegung. Er gehört zu den »Wiedergeborenen - the born again« und macht heute seine sündigen Jugendjahre, seine frühen alkoholischen Exzesse durch betonte religiöse Militanz wett. Wie amerikanische Psychologen feststellten, ist der Präsident von der gottgewollten Mission Amerikas ehrlich durchdrungen, empfindet sich als »Leader« eines auserwählten Volkes, könnte ohne Umschweife als »Gotteskrieger im Namen der Freiheit« definiert werden. Nicht nur im islamischen Orient sammelt sich also die »Hizbullah«, auch in den USA beansprucht eine fundamentalistisch-christliche »Partei Gottes« die Lenkung des Weltgeschehens.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 51).

„Dazu geselte sich im Herzen der Macht die geheimnisvolle Gemeinde der »Neokonservativen«. deren Einfluß auf die Gestaltung us-amerikanischer Diplomatie und Strategie ist immens. Ideologischer Ausgangspunkt dieser konspirativen Gruppe waren wohl die Thesen des Politologen Francis Fukuyama, der in der globalen Verwirklichung des us-amerikanischen Demokratiekonzepts und einer ungehemmten Marktwirtschaft den idealen Zustand der Menschheit erblickte und somit das »Ende der Geschichte« ankündigte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 52).

„Fukuyamas Vision durch den Gang der Ereignisse längst widerlegt. An deren Stelle hat sich eine andere Philosophie bei den »Neo-Cons« durchgesetzt, die sich auf den aus Deutschland emigrierten jüdischen Lehrmeister Leo Strauss bezieht. Darüber ist inzwischen viel geschrieben worden. Es besteht nämlich ein flagranter Widerspruch zwischen den elitären Ansprüchen, die der Professor aufzeichnet, und der einfaltigen, trivialen Bibelgläubigkeit des gewöhnlichen Evangelikaners.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 52).

„Bei einem gesellschaftlichen Treffen ... bin ich auf Walter Miller gestoßen, den Mitarbeiter einer jener großen us-amerikanischen Institute, die sich mit Meinungsforschung und Meinungsbeeinflussung beschäftigen. Miller gab sich ganz offen als Anhänger der neokonservativen Schule zu erkennen und ließ sogar den Bezug auf Leo Strauss gelten. Er ... vertrat einen theologisch anmutenden Eifer beim Vortrag seiner Überzeugungen, wie er bei Konvertiten oft anzutreffen ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 52-53).

„»Was bedeutet denn eigentlich die neokonservative Doktrin?« fragte ich ihn rundheraus. Das war offenbar gar nicht so einfach zu erklären. Als Vorläufer wurden mir sowohl Theodore Roosevelt als auch Woodrow Wilson genannt, obwohl mir die beiden Präsidenten der USA bislang als extrem unterschiedliche Typen erschienen waren. Theodore Roosevelt, der 1898 für den Krieg gegen Spanien plädiert hatte, der ohne Umschweife Kuba und die Philippinen der amerikanischen Einflußzone einverleibte, hatte sich als »Rough Rider« einen Namen gemacht. Er ist als imperial veranlagter Realpolitiker in die Geschichte eingegangen. Die heutige US-Administration, die viel zu oft und viel zu dröhnend mit ihren Erklärungen herauskommt, täte gut daran, sich den ersten Teil der außenpolitischen Maxime Theodore Roosevelts zu Herzen zu nehmen: »Speak softly and carry a big stick - sprich leise, und habe stets einen dicken Knüppel zur Hand !«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 53).

„Woodrow Wilson hingegen, der die Vereinigten Staaten 1917 in die Koalition gegen Deutschland einbrachte, war - daran gemessen - ein versponnener Moralist. Aber auch er träumte, vielleicht in umfassenderem Maße noch als Teddy Roosevelt, von einer universalen Mission der USA. Seine Abkehr vom überlieferten Isolationismus Amerikas begründete er mit einem weltverbesserischen, utopischen Anspruch, der sich auf die Grundprinzipien von »God's Own Country« berief. Wilson hatte sein Programm in vierzehn Punkten niedergelegt, was den damaligen französischen Regierungschef Georges Clemenceau zu der spöttischen Äußerung veranlaßte, Gott selbst habe sich doch mit nur zehn Geboten zufriedengegeben. Auf Betreiben dieses kontaktarmen Idealisten wurde der Völkerbund gegründet, dem die USA - was bezeichnend ist für das Scheitern der damaligen Politik - niemals beitrat.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 53).

„Sehr erhellend und konsequent sind die Erklärungen nicht, die Walter Miller bei diesem Dinner vortrug. Wenn ich ihn recht verstanden habe, stützt der Clan der Neokonservativen ... auf ein Gedankengut, das bei den »alten Europäern« ein gewisses Unbehagen verursacht. Während die Religion im protestantischen Selbstverständnis der us-amerikanischen Frömmigkeit die unentbehrliche Grundlage für den Zusammenhalt des Staates ist, ja gelegentlich als »unerläßliches Opium« für das Volk bezeichnet wird, bewegt sich die erlauchte Führungselite auf einem ganz anderen Niveau. Ihr Anspruch läuft nicht darauf hinaus, der Masse der Bürger eine wirklichkeitsbezogene Wahrheit zu vermitteln, sondern sie kann auf »fromme Lügen« zurückgreifen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 53-54).

„Die Manipulation der öffentlichen Meinung wird damit zur Regierungsdoktrin erhoben. Diesem Schema entspricht wohl die systematische Desinformationspolitik, deren sich die Bush-Administration gegenüber der eigenen Bevölkerung und den engsten Verbündeten bedient. Auf Plato und auf Nietzsche beziehen sich angeblich Theorie und Praxis der »Neo-Cons«, und damit kommen düstere Erinnerungen hoch. Den Streit zwischen diesen neuen »maltres-penseurs« und den als unpatriotisch abgestempelten »Liberalen« alten Schlages verglich ich beim Gespräch mit dem endlosen Disput, den im »Zauberberg« der jüdische Jesuit Naphta mit dem italienischen »Progressisten« Settembrini führt. Aber Walter Miller hat Thomas Mann nicht gelesen. Er gab mir hingegen den Rat, zum besseren Verständnis der neuen Mentalität Amerikas einen Essay zu beachten, den der bekannte Journalist Robert D. Kaplan in »The Atlantic Monthly« veröffentlicht hat und der in Deutschland von der »Welt« übernommen wurde. Das Gespräch mit Miller war trotz unserer unterschiedlichen Meinungen höflich und zivilisiert verlaufen, ähnlich übrigens wie meine anderen gelegentlichen Kontakte mit engagierten amerikanischen Anhängern der »Bush-Doktrin«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 54).

„Die Ausführungen von Robert D. Kaplan habe ich später mit gemischten Gefühlen gelesen. .... Es kommt noch besser: »Da Kriege immer unkonventioneller und asymmetrischer werden und das Überraschungsmoment immer mehr an Bedeutung gewinnt, wird immer weniger Zeit für demokratische Beratungen sein, weder mit dem Kongreß noch mit den Vereinten Nationen. Statt dessen werden die zivil-militärischen Eliten in Washington und anderswo blitzschnelle Entscheidungen fällen müssen. Unter solchen Umständen wird die Zustimmung der internationalen Gemeinschaft allmählich an Bedeutung verlieren, selbst wenn alle feierlich das Gegenteil behaupten.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 54-55).

„Das Vorgehen der USA auf den Philippinen nach ihrem Sieg über Spanien im Jahr 1898 wird von Kaplan als »eine der erfolgreichsten Niederschlagungen eines Aufstandes durch eine westliche Macht in moderner Zeit« gewertet. Weiß der Autor, daß die US Marines damals unter General Pershing, »Blackjack« genannt, hundertfünfzigtausend überwiegend muslimische Filipinos massakrierten mit dem Ergebnis, daß die Rebellion dieser »Moros« bis auf den heutigen Tag andauert?  Ich zähle weitere Grundsätze der neokonservativen Ideologie auf: »Weil die Folgen eines Angriffs von Massenvernichtungswaffen so katastrophal sind«, schreibt Kaplan, »werden die Vereinigten Staaten immer wieder einmal trotz eingeschränkter Erkenntnislage zu Präventivschlägen gezwungen sein. Dadurch sind unsere Aktionen den Angriffen der Journalisten ausgesetzt, ganz zu schweigen von Millionen Demonstranten, die ihre Proteste in wachsendem Maße weltweit koordinieren können. .... Die beste Informationsstrategie besteht ohnehin darin, Konfrontationen zu vermeiden, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und das Interesse der Öffentlichkeit möglichst weit zu streuen. Wir können die Welt nur in aller Stille beherrschen, sozusagen bei ausgeschalteter Kamera. Militärische Auseinandersetzungen in Kolumbien, auf den Philippinen, Nepal und anderen Orten könnten sehr wohl insgeheim stattfinden.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 55-56).

„Wir nähern uns dem Höhepunkt. »Der Imperialismus in der Antike war eine Spielart des Isolationismus: Der Anspruch auf absolute Sicherheit im eigenen Land führte zu dem Versuch, die Welt um sich herum zu dominieren. Dieses Modell eines heidnisch-römischen Imperialismus steht im scharfen Gegensatz zum altruistischen victorianischen Beispiel, das sich etwa im Ausspruch von Premierminister William Gladstone zeigt, nach dem die »Unantastbarkeit des Lebens in den Bergdörfern Afghanistans« geachtet werden müsse. Wir Amerikaner sind von Natur aus große Idealisten. Und doch sind wir zugleich im Interesse der nationalen Sicherheit gezwungen, unsere Außenpolitik heidnischer zu gestalten.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 56).

„Seit zunehmende Massen us-amerikanischer Gläubiger sich eine sektiererisch intolerante Auslegung der Heiligen Schrift zu eigen machen, der »Bible Belt« sich erweitert, die Gottesdienste sich immer häufiger in ekstatische Happenings verwandeln, steht George W. Bush - über die traditionelle Gefolgschaft der »Grand Old Party« hinaus - eine neue, begeisterte Gefolgschaft zur Verfügung. Die christlichen »Gotteskrieger« haben die Tragödie von »Nine Eleven« als Vorboten der Apokalypse gedeutet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 57).

„Präsident Bush kann sich mit Fug und Recht der traditionellen »WASP« zurechnen, »White, Anglo-Saxon, Protestant«. Aber jede Rassendiskriminierung, das muß zu seiner Ehre betont werden, ist ihm fremd. Unter seinen allerengsten Mitarbeitern befindet sich eine Anzahl Afroamerikaner. Den eben eingebürgerten Neu-Amerikanern - vorzugsweise den »Latinos« - begegnet er mit Wohlwollen und Sympathie. Die Streitkräfte der USA haben überaus positiv zur Integration der unterschiedlichsten Immigranten beigetragen, denen die höchsten Kommandostellen offenstehen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 58).

„Es läuft wohl nicht alles nach Plan, seit die imperialen Projekte im Treibsand der syrischen Wüste steckenblieben. »Dieses sind harte Zeiten für die Architekten der Bush-Doktrin des Unilateralismus und des vorbeugenden Krieges«, schreibt Krugman. Dick Cheney, Donald Rumsfeld und deren Gefolge, die ein neues us-amerikanisches Jahrhundert predigen, betrachten den Irak als ein Pilotprojekt, das ihre Sicht der Dinge bestätigen und den Weg frei machen würde für zusätzliche Regime-Wechsel.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 61-62).

„Paul Wolfowitz nahm die Vergabe von Wiederaufbaukontrakten im Irak zum Anlaß, allein den »Willigen« der Koalition einen bescheidenen Teil des Kuchens zuzuteilen. »Im Klartext übersetzt«, so meint Paul Krugman, »können wir andere Nationen bestechen, ihre Soldaten auszuschicken.« Der Präsident hat sich diesen Standpunkt zu eigen gemacht mit der lakonischen Äußerung: »Es ist alles sehr einfach. Unsere Leute riskieren ihr Leben. Freundliche Koalitionspartner riskieren ihr Leben. Die Vergabe von Aufträgen wird dem Rechnung tragen.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 62).

„»Blood for oil - Blut für Öl«, so lautete der Vorwurf bei den Protestmärschen der Kriegsverweigerer. Ihnen wurde aus Washington erwidert, daß die Kontrolle der weltweiten Energie- und Petroleumversorgung ein durchaus triftiger Grund sei, zu den Waffen zu greifen. Dagegen wäre auch wenig einzuwenden, wenn im Hintergrund nicht die großen Konzerne ihre Profite kassierten. Aber Calvinismus und Kapitalismus wachsen nun einmal auf einem Holz.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 62).

„Ich fügte hinzu, daß die Europäer ohnehin wenig Einwirkungsmöglichkeiten auf die Entwicklung im sogenannten Krieg gegen den Terrororismus besäßen, daß die Amerikaner weltweit das Sagen hätten. Aber da widerspricht der Afghane heftig. »Ohne die Europäer ist Bush zum Scheitern verurteilt, hier in Afghanistan wie auch im Irak.« Aber es fehle den Europäern an Selbstbewußtsein.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 82).

„Bei den ... Achtundsechzigern der Regierung Schröder muß die Legende vom »humanitären Krieg« und von der bewaffneten Friedensstiftung als Alibi herhalten für exotische Miltäreinsätze, von denen Bismarck gesagt hätte, daß sie nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert seien.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 94).

„Der Antikriegsstimmung der breiten deutschen Öffentlichkeit wurde Genüge getan und die Wiederwahl der rot-grünen Koalition wider alle Erwartung ermöglicht.“ (Peter Scholl-Latour, Weltmacht im Treibsand, 2004, S. 96).

„Schon kurz nach diesem Zwist mit Washington fand sich die Bundesrepublik zu allen möglichen Büßergesten bereit. Der unvermeidliche Canossa-Gang des deutschen Kanzlers, so hoffte man doch insgeheim, würde eines Tages als Spektakel neu geschmiedeter transatlantischer Verbrüderung gefeiert werden. Der Bundestag erteilte seine eilfertige Zustimmung zum Projekt der »NATO Response Force«, deren vornehmliches Ziel es sein soll, die ursprünglich anvisierte Aufstellung einer europäischen Eingreiftruppe oder »Rapid Deployment Force« von sechzigtausend Mann zu unterlaufen.“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 96).

„Kein deutscher Militärkommentator - so weit war die Selbstzensur der deutschen Medien bereits gediehen - hätte es wie ein renommierter Kommentator der »Los Angeles Times« gewagt, die »NATO Response Force« als eine »sich selbst finanzierende Fremdenlegion der Europäer im Dienste der USA« zu definieren, deren kriegerische Einsätze in fernen Weltregionen mit den europäischen Interessen wenig zu tun hätten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 96).

„Das hohe Sympathiepotential der deutschen Soldaten, der »arischen Vettern«, wie man hier sagt, droht in dem Maße zu verblassen, wie sie zum Ausführungsorgan der us-amerikanischen Zentralasien-Strategie degradiert werden. Die Ablehnung, ja die Feindschaft der Bevölkerung gegen die die US-Truppen ist seit der Vertreibung der Taliban und der Installierung des allzu willigen Präsidenten Karzai ständig gewachsen. Sie könnte eines Tages auch auf die deutsche Militärpräsenz abfärben.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 97).

„Berlin hatte sich bereit erklärt, das Interimregime von Kabul mit allen verfügbaren Mitteln zu unterstützen. In den zuständigen deutschen Ministerien war offenbar niemand auf die Idee gekommen, daß ein solches Engagement, das nicht ohne eigenes Risiko ist, nun auch für die Bundesrepublik ein gewichtiges Mitspracherecht und aktive Mitgestaltung am politischen Aufbau Afghanistans mit sich bringen müsse. Davon ist jedoch nicht die Rede. Die Weisungen an Karzai kommen aus Washington. Der ominöse Khalizad wird nunmehr in seiner Eigenschaft als US Ambassador zum Rang eines Statthalters der USA heraufgestuft.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 97).

„Die deutsche Basis Kundus würde sich in dieses gegen Peking gerichtete System ebenso einfügen, wie eine Delegierung der Bundeswehr nach Herat der Umzingelung der Mullahkratie von Teheran zugute gekommen wäre. Das sind gewiß weithergeholte Hypothesen. Die verantwortlichen Politiker der Bundesrepublik sollten sich dennoch bewußt werden, in welch unberechenbare Abenteuer die Expansionspolitik der NATO in die Weiten Zentralasiens den gefügigen deutschen Bündnispartner Schritt um Schritt zu verstricken droht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 100-111).

„Ich bin zu Gast im Camp Warehouse und hüte mich, vor den gesellig versammelten Militärs meine Bedenken auszubreiten. Meiner Meinung nach bleibt zwar das Atlantische Bündnis für Amerikaner und auch Europäer unentbehrlich. Deren organisatorische Struktur, die NATO, hingegen, die unentrinnbar dem US- Kommando untersteht, läuft infolge ihrer Fixierung auf Operationen »out of area«, des daraus resultierenden »overstretch« und der Verzettelung bis in die ferne »Tatarensteppe« den realen europäischen Verteidigungsinteressen zuwider. Wenn aus Washington die Ermahnung tönt, wer nicht bereit sei, »out of area« zu kämpfen, begebe sich automatisch »out of business«, sollte sie in Berlin und Paris auf Gelassenheit und notfalls auf Widerspruch stoßen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 111).

„Nur einfältige Gemüter kämen auf die Idee, das deutsche ISAF-Detachment, das an der Opiumschneise von Kundus stationiert ist, sei doch vorzüglich geeignet, diesem tödlichen Handel über den Pjandsch nach Duschanbe und nach Osch im Fergana-Tal notfalls mit militärischer Gewalt Einhalt zu gebieten. Eine solche Herausforderung der mächtigen Trafikanten und ihrer kriegerischen Gefolgschaft käme für die isolierte Bundeswehr-Garnison von Kundus eventuell einem Todesurteil gleich.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 114).

„Während meiner kurzen Visite bei der multinationalen Kabul-Brigade läßt sich noch nicht abschätzen, wie die deutsche Bevölkerung auf die Ausdehnung des ISAF-Auftrages in Afghanistan reagiert. Aber kurz danach sollte eine Umfrage von Infra-Test folgende Resultate erbringen: Nur 34 Prozent der Deutschen stimmen der Aktion Kundus zu. In der Bewertung der diversen Parteien ergibt sich ein verblüffendes Ergebnis: Von den Wählern der SPD lehnen 60 Prozent den Kundus-Einsatz ab; bei der CDU sind es immerhin 52 Prozent. Massive Zustimmung gibt es hingegen bei den Wählern der FDP mit 70 Prozent, und bei den Grünen steigt der Anteil auf 58 Prozent. Zu Zeiten Hans-Dietrich Genschers wäre eine solche außenpolitische Verirrung der Liberalen kaum vorstellbar gewesen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 114).

„Weit schockierender erscheint jedoch die Reaktion der Grünen, die sich unlängst noch als Pazifisten aufführten und allem Militärischen abhold waren. Die Gefolgschaft Joschka Fischers kann sich doch nicht ernsthaft an die Illusion klammern, im Namen des »humanitären« Bundeswehr-Einsatzes ein demokratisches Patenkind Afghanistan hochzupäppeln. Doch wer nimmt heute schon Anstoß daran, daß die Wehrdienstverweigerer von gestern die jungen Soldaten von heute in ein potentielles Himmelfahrtskommando am Ende der Welt verabschieden. Glaubt man etwa in Berlin, daß die Verschickung eines Bundeswehr-Kontingents von 450 Mann nach Kundus den zürnenden transatlantischen Hegemon wieder gnädig stimmen wird?  Eines sollte bedacht werden: Die öden Steppen am Amu Daria eignen sich wirklich nicht für die Züchtung der »blauen Blume« deutscher Politromantik.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 114).

„Von einer schrittweisen Befriedung, einer vom Volkswillen getragenen Stabilisierung oder gar von »nation building« kann heute nicht mehr die Rede sein. Etwa hundert deutsche Elitesoldaten der neu aufgestellten »Krisen-Spezial-Kommandos« hatten an der NATO-Operation »Enduring Freedom« im Süden des Landes teilgenommen. Sie hatten dort das Vorgehen ihrer amerikanischen Kameraden, vor allem deren totales psychologisches Unvermögen im Umgang mit der Lokalbevölkerung, mit Verwunderung und wachsender Skepsis wahrgenommen. Wie lange »Enduring Freedom« noch andauern soll, weiß Allah allein. Das kleine deutsche Kampfkontingent der KSK wird dieser Tage abgezogen, aber zurück bleibt ja die Friedensbrigade ISAF. Sie hatte mit dem Segen der Vereinten Nationen bei Kabul ihr Lager aufgeschlagen und wurde dem Karzai-Regime als Konsolidierungsfaktor, als bewaffneter Garant des Wiederaufbaus, ja als humanitärer Wohltäter zur Seite gestellt, ein fragwürdiges Unternehmen, wie sich jetzt herausstellt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 118).

„Niemand will offenbar auf die immer dringlicher vorgetragenen Alarmrufe der alliierten Nachrichtendienste hören, die auf die unaufhaltsame Verschlechterung der Lage, auf das Erstarken des Widerstandes, auf das fortdauernde Doppelspiel pakistanischer Geheimagenten verweisen. Wer will schon in den fernen Kanzleien der Atlantischen Allianz daran erinnert werden, daß Afghanistan von jeher sämtlichen Invasoren, zumal wenn sie vom Makel der Ungläubigkeit, des »Kufr«, gezeichnet waren, zum Verhängnis wurde. Selbst zu Zeiten der Monarchie war ja der Staat in zwei Teile zerfallen, in die Einflußzone des herrschenden Emirs oder Königs, »Hukuma« genannt, und die weiten Stammesgebiete des rebellischen » Yaghestan« andererseits, wo die aufsässigen Krieger sich keiner Zentralautorität unterordneten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 118).

„Die Phase der Euphorie ist längst vorbei. Nunmehr entdecken die verstreuten Garnisonen der Alliierten, auch die ISAF-Brigade von Camp Warehouse, daß sie in einem unerbittlichen Land weilen, wo - zumindest bei den Paschtunen - neben dem obersten Gebot des Schutzes für Asylsuchende, dessen obligatorische Befolgung Osama Bin Laden zugute kommt, das eherne Gesetz der Blutrache gilt. Die lokalen Bräuche, Paschtunwali genannt, erlauben nicht einmal den Freikauf des Mörders nach ausführlicher Verhandlung und Schuldabwägung, der in der koranischen Gesetzgebung, der Scharia, vorgesehen ist. Durch Generationen schleppt sich die Vergeltung zwischen den verfeindeten Clans. Eine oft zitierte Anekdote erwähnt jenen Dorfältesten, der erst nach Ablauf von hundert Jahren seiner Pflicht als Rächer nachkommen konnte. »Du hast es aber eilig gehabt«, hätten seine Stammesbrüder gescherzt: Diese Legende dient nur als Hinweis auf die unendliche Geduld, jenes ganz andere Zeitgefühl, das die Völker Zentralasiens von ihren jeweiligen fremden Eroberern, vor allem von den stets zur Hast neigenden Amerikanern, unterscheidet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 119).

„Spätestens ein Jahr nach dem trügerischen Triumph der Nordallianz enthüllt der Krieg seine häßlichste Fratze. In den südlichen und ösdichen Provinzen nistet sich die Guerilla ein; der Begriff stammt aus Spanien, wo die Armeen Bonapartes, die sich noch im Glanz ihrer Siege von Austerlitz und Jena sonnten, durch einen mörderischen, unbeugsamen Volksaufstand - oft von eifernden Mönchen angeführt - allmählicher Zermürbung und hohen Verlusten ausgesetzt waren. Seitdem zählt die Partisanenbekämpfung zu den schwierigsten und grausamsten Kapiteln moderner Strategie. Werden die Bundeswehrsoldaten der Kabul-Brigade vor Überfällen aus dem Hinterhalt verschont bleiben ?  Offenbar klammem sich die Berliner Politiker an die Wunschvorstellung, die sprichwörtliche Beliebtheit der Deutschen würde ihnen Schutz gewähren. Deutschland hatte in zwei Weltkriegen, die es gegen die traditionellen Unterdrücker Afghanistans, die Briten und die Russen, führte, ein beachtliches Kapital an Sympathie angesammelt. Auch die technische Hilfe, die zur Zeit der Monarchie von Bonn geleistet wurde, genießt am Hindukusch weiterhin hohes Ansehen. Doch diese germanische Sonderstellung könnte jäh zu Ende gehen, seit die Ankunft der Kanadier die Unterstellung von ISAF unter die NATO, also unter höchstes amerikanisches Kommando, bewirkte. Mit dieser Umdisposition wurde das bislang recht positive Profil der »Multinationalen Kabul-Brigade« verwischt. Sie wird nolens volens zum Bestandteil von »Enduring Freedom«, mit anderen Worten und in letzter Analyse zum ausführenden Organ des Pentagon. Kaum ein afghanischer Mudschahid dürfte noch einen Unterschied zwischen beiden Einsätze entdecken können.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 119-120).

„Ich wiederhole hier die entscheidenden Aussagen Hekmatyars im Wortlaut: »Der Widerstand gegen die Amerikaner wird von Tag zu Tag intensiver. In absehbarer Zeit werden die Patrouillen der US-Armee, ihre militärischen Konvois und Lager extrem verwundbar sein. Der öffentliche Druck auf die Bush-Administration, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen, wird dann zunehmen.« Zur Internationalen Kabul-Brigade äußert sich der Führer der »Islamischen Partei« wie folgt: »Die USA und ihre Verbündeten führen einen ungerechten und für die Zivilbevölkerung verlustreichen Krieg. Die Präsenz der ISAF-Truppe ist da nur eine schmerzlindernde Tablette, ein Alibi, und soll die verbrecherischen Ziele der US-Strategie kaschieren. Der Verbleib ausländischer Soldaten in Afghanistan bietet keinerlei Garantie für Frieden und Sicherheit, sondern bewirkt das Gegenteil. Die ISAF-Brigade bemüht sich lediglich, die Herrschaft verräterischer Räuberbanden in Kabul zu konsolidieren.« Den vollen Text dieser Mitteilung aus dem Untergrund habe ich den zuständigen deutschen Behörden übermittelt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 121).

„Hier tritt die Verlogenheit, der interne Zwiespalt zutage, mit der Soldaten der Bundeswehr von den Berliner Politikern in eine Situation gebracht werden, wo sie, statt ein utopisches Befriedungsprogramm auszuführen, in die Repressions- und Vergeltungs-Automatik des »asymmetrischen Krieges« verstrickt werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 123).

„Um mit den Untergrundkämpfern des Terrorismus oder eines nationalen Widerstandes fertig zu werden, haben sich fast alle regulären Armeen der Neuzeit zu abscheulichen Fehlleistungen hinreißen lassen. Um zu verhindern, daß die nächste Bombe hochgeht und unbeteiligte Zivilisten zerreißt, werden auch heute noch Verhörmethoden angewandt, wie sie in den Kellern der Gestapo stattfanden. Ob es sich um die Franzosen bei der Verfolgung der »Befreiungsfront« in Algerien, um die Briten beim Einsatz gegen die IRA in Nordirland, um die Amerikaner bei der Operation »Phoenix« in Vietnam, um die Israeli bei der Suche nach Hamas-Verschwörern im Gaza-Streifen, um die Russen bei der Niederschlagung des Tschetschenen-Aufstandes handelt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 124)

„»Ich sehe die eigentliche Schwierigkeit Amerikas darin, daß die Amerikaner ihre Entscheidungen nicht mit Rücksicht auf die Menschen in Amerika treffen können. Die Entscheidungen für Amerika treffen in der Regel die Zionisten, und für die sind die Interessen Tel Avivs wichtiger als die Interessen Washingtons. Die sind es, die die US-Politik im Orient bestimmen, aber diese Region wird mit der Politik Israels niemals in Einklang kommen.« (Mohammed Ali Abtahi).“ (Peter Scholl-Latour, Weltmacht im Treibsand, 2004, S. 162).

„Ein wagemutiger und hartnäckiger Reporter hat sich mit dem tragischen Schicksal jener ... »Detainees« befaßt, die ... in der US-Basis Guantanamo auf Kuba wie Tiere eingesperrt sind und dort außerhalb jeder zuständigen Jurisdiktion der Willkür ihrer Bewacher und Verhörer ausgeliefert sind. Es ist schon eigenartig, wie die Bush-Administration in diesem angeblichen Freiraum die elementaren Rechtsgrundsätze außer Kraft setzt, die bereits im »Jus Romanum« jedem »civis« zugesichert waren. ... Bagram sei noch schlimmer als Guantanamo, wagte ein entlassener afghanischer Häftling immerhin zu äußern, dem der Grund seiner Verschleppung und Zwangsisolierung niemals mitgeteilt wurde. Nach Schilderung der Methoden, mit denen die »Detainees« - um »Gefangene« handelt es sich ja angeblich nicht - zu Geständnissen gezwungen werden, äußerte sich ein hoher britischer Richter, der alles andere als ein Humanitätsapostel zu sein schien, mit den kurzen Worten: »This is torture« - das ist Folter.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 215).

„Ich will den Deutschen vor Augen führen, in welche dubiose Form der Kriegführung die NATO bereits abgeglitten ist. ... In Berlin sollte man endlich von der heuchlerischen Behauptung Abstand nehmen, es gehe bei »Enduring Freedom« oder »Iraqi Freedom« um einen humanitären Militäreinsatz. Gerade unter dem Vorwand des »nation building«, der staatlichen Stabilisierung, der Friedensstiftung, zeichnen sich die zunehmend scheußlichen Aspekte des »asymmetric warfare« ab. Wer solche aktuellen Erkenntnnisse beiseite schiebt, sollte auch bei der Beurteilung der »Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg« vom hohen Roß absteigen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 215-216).

„Es geht mir darum, den verwirrenden Ablauf dieses Feldzugs »Iraqi Freedom« halbwegs zu rekonstruieren, zu analysieren, denn eine einleuchtende Schilderung liegt bislang von keiner Seite vor. Wer den Irak-Krieg ergründen will, befindet sich in der Situation des Ödipus bei seiner Begegnung mit der Sphinx. Nur sind die Rätsel des bedrohlichen Ungeheuers, das sich als »Mutter aller Lügen« zu erkennen gibt, wirklich schwieriger zu lösen als die harmlose Allegorie, die Ödipus schnell durchschaute. Die Gefahr, in den Abgrund der Irreführungen und Täuschungen zu zerschellen, ist für den Suchenden ungleich größer.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 216).

„Die Schiiten wären ... sicher, ganz legal und gemäß den politischen Normen des Westens, die Mehrheit im künftigen Parlament von Bagdad und den Anspruch auf die Regierungsbildung davonzutragen. Daß die US-Administration ... eine solche Machtkonstellation schwerlich zulassen und voraussichtlich mit allen Mitteln versuchen würde, das Zustandekommen einer islamisch orientierten Staatsgründung, auch wenn sie dem Willen der breiten Bevölkerung entspräche, zu hintertreiben, war den hohen Geistlichen der Hawza von Nedschef sehr wohl bewußt. Aber sie hatten die Chance erkannt, vor den Augen der Welt als Repräsentanten der »volonté générale« dazustehen. Somit würden die Intrigen Washingtons entlarvt, die heuchlerische Beteuerung freiheitlicher Prinzipien und deren Mißachtung aus Gründen eigennütiger Opportunität in aller Öffentlichkeit bloßgestellt.“ (Peter Scholl-Latour,ebd., S. 234).

„Für viele Iraker bleiben die Vereinten Nationen für die unerbittlichen Sanktionen verantwortlich, unter denen die Zivilbevölkerung mehr als zehn Jahre lang zu leiden hatte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 240).

„Die Weltorganisation gilt in Bagdad weiterhin als der verlängerte Arm der USA. Der deutsch-französische Vorschlag, das Unternehmen »Iraqi Freedom« der Patronage des Generalsekretärs Kofi Annan zu unterstellen, würde - vielen Irakern zufolge - lediglich dazu führen, die Willkür der US-Besatzungspräsenz mit einem Mäntelchen internationaler Legalität zu tarnen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 241).

„Als ich mich in meiner suspekten Eigenschaft als Repräsentant des von Donald Rumsfeld verabscheuten »alten Europa« vorstelle, antwortet Charlie Mayo nur mit einem breiten Lachen: »Ich betrachte mich überhaupt nicht als Europäer«, sagte er, »ich bin Brite, und das genügt.« Was auch in Ordnung ist, und ich unterdrücke meine persönliche Meinung, daß die Europäische Union ja ohnehin schon zu viele Mitglieder aufgenommen habe.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 241).

„Aber das hier sind Söldner, und die kommerzielle Firma, die diese altgedienten Soldaten angeheuert hat, heißt »Global Security«. Von der gespielten Euphorie seiner anfänglichen Ausführungen ist der Holländer plötzlich abgerückt. »Sie erleben hier im Irak den kriegerischen Kapitalismus in Reinkultur. Die Bewachung der Erdölfelder - um die geht es ja im wesentlichen - wird längst nicht mehr von den Truppen der Koalition wahrgenommen, sondern von der finanzstarken Privatfirma »Global Security«, die unweit des CIA-Hauptquartiers in Virginia angesiedelt ist und die zwielichtigen Auswirkungen der vielgepriesenen Globalisierung schon in ihrer Namensgebung enthüllt.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 254).

„Gelegentlich würden per E-Mail eine Reihe von naiven Anfragen europäischer Unternehmen bei seiner Behörde landen, die am Aufbau des Irak - auch an seiner landwirtschaftlichen Rehabilitierung - beteiligt werden möchten. Sie sollten sich diese Flausen aus dem Kopf schlagen. »Wer hier nicht im Auftrag und mit Zustimmung Paul Bremers auftritt, hat nicht die geringste Chance«, brummt der Niederländer. Sogar die NGOs, die Nichtregierungsorganisationen, könnten hier nur tätig werden, wenn sie eine Lizenz von US-Aid erhielten. Die Frage hat sich übrigens von selbst erledigt. Auf Grund der permanenten Gefährdung hat die UNO ihre regulären Mitarbeiter weggeschickt und operiert nur noch mit Ortskräften. »Wer hier nicht mit dem Mega-Konzern Halliburton, dem Vizepräsident Dick Cheney noch unlängst als Chief Executive vorstand, aufs engste verbandelt ist«, erklärt Ryswiek, »wer nicht mit dem Unternehmen Bechtel paktiert, bekommt keinen Fuß auf den Boden.« Angeblich ist sogar der Hafen Umm Qasr an ein an- gelsächsisches privates Konsortium verpachtet. »Betrachten Sie doch mein persönliches Schicksal«, nimmt er wieder mit einem Anflug von Humor auf, »meine tägliche Nahrung in diesem Bunker-System wird ausschließlich von der Firma Kellogg geliefert; sogar meine Hemden werden von Kellogg gewaschen, obwohl hier viele irakische Frauen gern damit ein kleines Zubrot verdienen möchten, und dieses Unternehmen ist mit Halliburton assoziiert.« Ob denn wenigstens die obligatorische Kellogg's-Nahrung gut schmecke, frage ich. »Der Fraß ist abscheulich«, lautet die Antwort. Im übrigen würden die hochprofessionellen Spezialisten von »Global Security«, frühere Elitesoldaten der Special Forces, der US-Rangers oder des britischen SAS, deren Aktivität in zunehmendem Maße auch in Bagdad beansprucht wird, extrem gut besoldet. Ihnen stünden 500 Dollar pro Tag zu. Vielleicht würden die Nepalesen, die der Dritten Welt entstammen, weniger großzügig entlohnt. »Im Irak wird imperiale Plutokratie in Reinkultur vorgeführt«, beendet der Holländer seine Klage. »Wenn das Experiment hier scheitern sollte, dann ist mehr in Frage gestellt als die Wiederwahl des Präsidenten Bush und die Selbstherrlichkeit der Neokonservativen«. Ins Hotel zurückgekehrt, lese ich den Artikel der »New York Times« vom 1. Oktober 2003, den mir Ryswiek als Beleg mitgegeben hat. Ich zitiere nur einen Absatz: »Das wirkliche Problem besteht darin, daß ohne gesetzliche Prüfung und Aufsicht viele Milliarden Dollar, die der Steuerzahler autbringt, infolge mangelhafter Ausschreibung der Kontrakte den politisch verwandten Firmen wie Halliburton oder Bechtel zugespielt werden. So wurde bisher verfahren. Der Kongreß sollte zudem darüber wachen, daß bei den Wiederaufbauprogrammen im Irak die zur Verfügung stehenden Summen nicht vergeudet werden, indem hochbezahlte amerikanische Arbeiter und Techniker engagiert werden, obwohl qualifizierte, verläßliche und arbeitslose Iraker den Job ebenso gut und sehr viel billiger verrichten könnten.« Bei dieser Lektüre muß ich an meine Erfahrungen in Zentralafrika denken, die erst drei Jahre zurückliegen. Die Pervertierung des Krieges durch hemmungslose Kommerzialisierung hat im Schwarzen Kontinent ihren skandalösen Höhepunkt erreicht. Der Verfall gesellschaftlicher Gesittung, die Reduzierung eines unzureichenden, aber immerhin in Ansätzen existierenden Völkerrechts, der Bruch mit den mühsam erarbeiteten Vorschriften der Haager Kriegsrechtsordnung drohen künftig im profitorientierten Verzicht auf das Gewaltmonopol staatlich kontrollierter Streitkräfte zu gipfeln. Das Entstehen einer High-Tech-Form des Landsknechtwesens, der Rückfall in eine kriegerische Tollwut, die sich am spektakulärsten im Dreißigjährigen Krieg austobte, dürften am Ende dieser fatalen Entwicklung stehen. Der sogenannte Stellvertreterkrieg, »war by proxies«, ist ja längst zur blutrünstigen Routine geworden, ohne daß die angeblich überinformierte, in Wirkchkeit ignorante Weltöffentlichkeit daran Anstoß nimmt. Im Juli 2000 - ich hielt mich im kongolesischen Kisangani, im »Herzen der Finsternis« auf - war mir die zunehmende Bedeutung der hochoffiziellen und florierenden »Mercenary Companies« aufgefallen. Damals wurde immer wieder der Begriff »Executive Outcomes« genannt. Diese Organisation war 1993 gegründet worden und nahm »globale« Ausmaße an. Ihre Mitarbeiter wurden als »counter insurgency«-Berater von regulären Regierungen angeheuert, um bei der Bekämpfung von Aufstandsbewegungen behilflich zu sein. Zu den Auftraggebern zählten die Türkei, Algerien, Nigeria, Sri Lanka, um nur diese zu nennen. »Executive Outcomes« war auch in fast all jene Konflilfte verstrickt, die um die Mineralvorkommen Afrikas geführt wurden, und begnügte sich längst nicht mehr mit reinen Sicherungsaufgaben. Sowohl in Angola als auch in Sierra Leone übernahm diese Privatgesellschaft die Rolle einer aktiven Bürgerkriegspartei. Daß sie im Jahr 1999 offiziell ihre Tätigkeit einstellte, bedeutet keineswegs, daß sie nicht unter neuem Namen und geschickter Tarnung weiterhin aktiv bleibt. Inzwischen sind andere Namen hinzugekommen. Erwähnen wir nur »Defense Service Limited«, »Falconstar«, »Intersec« und vor allem »Amor Holding«. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, daß die moderne Kriegführung sich nicht nur auf den »killing fields« des Kongos oder Sierra Leones ein merkantil entstelltes Gesicht zugelegt hatte. In Amerika registrierte Spezialfirmen für Militärberatung und Waffenhilfe mit ihren pensionierten Generalstabsoffizieren und hochqualifizierten Guerilla-Veteranen waren sogar auf dem Balkan in Erscheinung getreten. Der kroatische Überraschungssieg über die »Serbische Republik Krajina« wurde im Sommer 1994 mit Hilfe solcher Dunkelmänner erzielt. Lange bevor die alliierte Bombardierung 1999 gegen Rest-Jugoslawien einsetzte, waren ähnliche Unternehmen als Geburtshelfer und Betreuer der »Kosovo-Befreiungsarmee« tätig und bildeten die albanischen Partisanen der UCK für ihren Einsatz aus. Ich neige nicht zu moralischer Entrüstung und beschränke mich auf bittere Ironie. In dieser heißen, stinkigen Nacht im »Merbed«-Hotel von Basra kommt mir der unziemliche Gedanke: Wie herrlich wäre es doch um die »brave new world« der Neokonservativen bestellt, wenn man das Schicksal des Irak unbesehen und exklusiv der artverwandten Markt- und Interessenkombination von »Global Security« und »Halliburton Inc.« übereignen könnte!“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 257).

„Während wir ein paar Kilometer entfernt die Heilige Stadt Kerbela passieren, erfahren wir über Funk, daß dort Kämpfe entbrannt sind. Auf seiten der Araber wie auf seiten der GIs habe es zwei tote gegeben. Eigentlich gehört diese Zone der heiligsten schiitischen Gräber zum Kontrolgebiet der polnischen Brigade. Aber die wäre zweifellos an der Wallfahrtsstätte der Schwarzen Madonna von Tschenstochau besser aufgehoben“ wäre „als im Umkreis der Gräber der Imame Ali und Hussein. Ich muß an die seltsame Demarche des polnischen Verteidigungsministers in Teheran denken, der anläßlich einer offiziellen Visite bei den schiitischen Mullahs der Islamischen Republik Iran angefragt hat, ob sie wohl etwas zum Schutz seiner Soldaten im Irak unternehmen und den Unmut der dortigen Muslime gegen die fremden Okkupanten aus Warschau dämpfen könnten. Der Irak sei ein souveräner Staat, lautete die persische Erwiderung, und es mag etwas Schadenfreude darin mitgeklungen haben. Der bösartige Witz, Polen sei der »trojanische Esel« Amerikas innerhalb der Europäischen Union, hat sich schon im Orient herumgesprochen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 258).

„Der bösartige Witz, Polen sei der »trojanische Esel« Amerikas innerhalb der Europäischen Union, hat sich schon im Orient herumgesprochen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 258).

„»Also sprach Zarathustra«, so beginnen tatsächlich die Verse der »Awesta«, die der Prophet dem ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse, zwischen Iran und Turan gewidmet hatte. Dem Lichtgott Ahura Mazda stand die Dämonengestalt Ahriman als Fürst der Finsternis entgegen. Diese permanente, unversöhnliche Zweiteilung der Welt in Gut und Böse sowie eine von Anfang an vorgeprägte Bestimmung der Menschen in Erwählte und Verworfene bilden den Kern dieser Lehre. Die Schriften der Awesta sind nur in Bruchstücken erhalten. In ihnen spürt man jedoch die frühe Verwandtschaft mit den Veda-Schriften des Hinduismus mitsamt ihrer unerbittlichen Kasten-Einstufung und der Vorzugsstellung der arischen Rasse. »Aria Mehr -Leuchte der Arier«, diesen Titel beanspruchte noch der letzte Schah von Persien, Mohammed Reza Pahlevi.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 289).

„Im Westen ist kaum bekannt, welche Fülle mythischer Vorstellungen, die wir als integralen Bestandteil des Judentums und der aus ihm abgeleiteten Lehren Christi und Mohammeds betrachten, auf die Visionen des frühzeitlichen Künders Zarathustra aus Baktrien zurückgehen. Während der babylonischen Gefangenschaft, als die Stämme Israels - vom Tyrannen Nebukadnezar an die Flüsse Mesopotamiens verschleppt - die dualistischen Vorstellungen der »Feueranbeter« entdeckten, verstärkte sich auch bei den Hebräern die Kunde vom ewigen Widerstreit zwischen Jahwe und Satan, 'zwischen Himmel und Hölle, kam bei ihnen die Vorstellung des Jüngsten Gerichts auf, das die Guten von den Bösen scheidet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 289-290).

„Die Spuren des zoroastrischen Kults, die sich auch in gewissen Freimaurer-Riten wiederfinden, wirken bis in unsere politische Gegenwart hinein. Das gilt nicht nur für Persien, wo ich im Jahr 1974, zur Zeit der Pahlevi-Dynastie, eines der letzten authentischen Zentren der Zarathustra-Anhänger in der abgelegenen Stadt Yazd aufsuchte. Etwa dreißigtausend Zarduschti leben heute noch in der Islamischen Republik Iran. Khomeini betrachtete diese verstreuten Sektierer, gemäß einer kuriosen Koran-Auslegung, als Monotheisten, als Angehörige der »Familie des Buches«, obwohl sich bei ihnen keinerlei Bezug zum Patriarchen Abraham herstellen läßt. Schah Mohammed Reza war der arischen Urgemeinde mit besonderem Wohlwollen zugetan, suchte er doch eine Kontinuität zu den Gott-Königen der Achämeniden - zu Kyros dem Großen, zu Xerxes, zu Kambyses - aufzuzeigen. Deren Imperium hatte bereits dem Zarathustra gehuldigt, wenn auch mit Vorbehalt und unter Beibehaltung zahlreicher anderer Kulte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 289-290).

„Die dualistische Botschaft des Zarathustra, die geheimnisvoll überlieferten Thesen des Manichäismus ... haben in der europäischen Geistesgeschichte einen eminenten Platz eingenommen. ... Sogar die Jungfrauengeburt eines Endzeit-Erlösers war ja in den iranischen Ur-Mythen enthalten. (). Die Manichäer haben noch im ausgehenden römischen Imperium und lange nach dem Märtyrertod des Verkünders seine Botschaft bis nach Indien und China getragen. Die Sekte besaß einen Schwerpunkt in Nordafrika, wo der heilige Augustinus dieser Ketzerei beinahe erlegen wäre, ehe er Bischof von Hippo Regius und einer der bedeutendsten Kirchenväter wurde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., 2004, S. 291).

„Erst unter den Sassaniden, also zwischen dem dritten und dem siebenten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, sollten die »Magi«, die Priester der »Feueranbeter«, wie man sie fälschlich nennt - entscheidenden Einfluß auf den Staat gewinnen und ihm ihre unduldsame, hierarchische Sakralstruktur auferlegen. Die Magi oder Magier waren sich ihrer ursprünglichen Verwandtschaft mit den hinduistischen Brahmanen wohl noch bewußt. Wenn sie schon den Persern und Mesopotamiern nicht das Kastensystem in letzter Konsequenz aufzwingen konnten, das auf dem indischen Subkontinent bis auf den heutigen Tag die Vorrangstellung der indogermanischen Erobererrasse verewigt, so pochten sie doch auf die strenge Trennung zwischen Klerus und Adel einerseits, den Bauern und den rechtlosen Parias andererseits.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 290).

„Die dualistische Botschaft des Zarathustra, die geheimnisvoll überlieferten Thesen des Manichäismus, so sinnieren wir in Ktesophon, haben in der europäischen Geistesgeschichte einen eminenten Platz eingenommen. Wir erwähnten die »babylonische« Einwirkung dieser theologische Schwarzweißmalerei auf Juden und Christen, sogar die Jungfrauengeburt eines Endzeit Erlösers “ war ja in den iranischen Ur-Mythen enthalten.“ ( Peter Scholl-Latour, ebd., S. 291).

„»Infandum, regina, jubes renovare dolorem.« (Vergil, 70-19, Aeneis, 2. Gesang, 30-20). „Unsäglichen Schmerz, oh Königin, gebietest Du zu erneuern.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 329).

„Im Schatten des griechisch-römischen Kulturerbes, dem sich Europa zusehends entfremdet, klingt die These des us-amerikanischen Professors Francis Fukuyama vom »Ende der Geschichte« wie ein törichter Frevel. Nicht Demokratie und Marktwirtschaft haben sich inzwischen weltweit und segensreich ausgeweitet, sondern der Terrorismus wurde »globalisiert«, und seine blinde Bekämpfung trägt nachdrücklich dazu bei.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 329).

„Ein lautstarkes lateinamerikanisches Orchester mit Sombrero erschwerte jede Konversation im Garten von »Les Grand Horizons«. Die allzu bekannten Schnulzen paßten schlecht zu unserem ernsten Gespräch. Vom Bandleader wurde ich gefragt, welche Weise ich denn zu hören wünsche. Er solle das Lied »Guantanamera« spielen, sagte ich. Der trotzige Gesang: »Yo soy un hombre sincero« bezieht sich ja auf jenen Landzipfel im Osten Kubas, wo die US-Army Drahtkäfige für die Kombattanten von El Qaida aufstellen ließ, wo die Häftlinge ohne Anklage, ohne Rechtsbeistand verharren und in ihrer knallroten Anstaltskleidung - durch Ketten gekrümmt, durch Gesichtsmasken geblendet - an ihrem Schicksal verzweifeln. »Guantanamera« würde sich heute als Protestsong gegen eine Verrohung der Sitten eignen, die man nach dem Zweiten Weltkrieg im westlichen Kulturkreis nicht mehr für möglich gehalten hätte. Das schmerzt besonders, weil es ja die Vereinigten Staaten von Amerika waren, die dem Horror der Diktaturen Europas verdienstvoll und unter hohen eigenen Verlusten ein Ende gesetzt hatten. »Con los pobres de la tierra quiero yo mi suerte echar«, steigerte sich der dürftige Text des Liedes. »Mit den Armen der Erde will ich mein Los teilen«. Von den anwesenden Gästen, die sich der »bonne société« der Côte d'Azur zurechneten und müde zu tanzen begannen, hat kein einziger die von mir beabsichtigte Anspielung begriffen.““ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 335-336).

Koloß auf tönernen Füßen. Amerikas Spagat zwischen Nordkorea und Irak (2005)

„Denjenigen, die an der dynamischen Erneuerungsfähigkeit des »homo americanus« zweifeln und bei ihm irreversible Degenerationserscheinungen festzustellen glauben, möchte ich eine Aussage Helmut Schmidts entgegenhalten, der bei einem Fernsehgespräch die anhaltende Vitalität der US-Bevölkerung auf die Robustheit, den Abenteuermut, den brutalen Durchsetzungswillen der sukzessiven Einwandererwellen zurückführte, die die Gestade der Neuen Welt überfluteten. Im selben Interview befand der Altbundeskanzler, daß die United States of America von Anfang an »imperialistisch« veranlagt gewesen seien. Das habe sich im 19. Jahrhundert bei der Auslöschung der indianischen Stämme zwischen Atlantik und Pazifik sowie bei der Halbierung des mexikanischen Staatsgebietes gezeigt, ehe diese Expansion um 1900 mit dem Sieg über Spanien (1898) den pazifischen Raum bis an die Küsten Chinas einbezog.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 10).

„Die Propheten des Unheils streiten darüber, ob interne Krisen und Zwistigkeiten, religiöse und intellektuelle Fehlentwicklungen das allmähliche Abbröckeln der »Hypermacht« im eben angebrochenen 21. Jahrhundert bewirken können ..., oder die Verwicklung in eine endlose Serie unlösbarer Regionalkonflikte den USA zum Verhängnis würde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 10-11).

„Auf dem Höhepeunkt der Habsburger Dominanz wurde in den Kanzleien von Wien, Madrid und Brüssel die anmaßende Formel erfunden: »AEIOU - Austria est imperare orbi universo«, zu Deutsch: »Alles Erdreich ist Österreich untertan.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 11).

„In einer internationalen Debatte ... war mir im Oktober 2004 ein ... Kollége aufgefallen, der das Auseinanderdriften von USA und Europa in letzter Analyse mit dem unterschiedlichen Verhältnis zum christlichen Glauben erklärte. Etwa achtzig Prozent aller US-Bürger suchen jeden Sonntag einen Gottesdienst auf. In Frankreich sei die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger auf sieben Prozent, in England sogar auf fünf Prozent geschrumpft. Wenn deutsche Beobachter dem »chief executive« der USA vorwerfen, er präsentiere sich als »selbstsicherer Fürst und gleichzeitig als Papst«, so tragen sie dem Umstand Rechnung, daß George W. Bush über eine Allmacht verfügt wie kaum einer seiner Vorgänger. .... Dank der Vorherrschaft der Republikaner im Senat, im Repräsentantenhaus und sogar im Obersten Gerichtshof scheint das vielgerühmte System von »checks and balances« außer Kraft gesetzt, das den Staatschef einer innenpolitischen Kontrolle unterwarf. Man könnte argumentieren, daß sogar im abendländischen Mittelalter weder Papst noch Kaiser eine vergleichbare Verfügungsgewalt besaßen, waren sie doch zu einer bipolaren Auseinandersetzung verurteilt, die der französische Dichter Victor Hugo als Kräftemessen der »beiden Hälften Gottes - les deux moitiés de Dieu« beschreibt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 14-15).

„Der patriotische Prediger George Walker Bush stehe lediglich in einer geistigen Kontinuität, die sich auf die us-amerikanische Gründungsidee zurückführen lasse, beteuern seine Apologeten. Fast alle Staatsoberhäupter der USA haben ausdrücklich auf Gottes Schutz und Gottes Hilfe gebaut. Festzuhalten bleibt immerhin, daß George Washington sich 1789 auf »jenes Allmächtige Wesen« berief, »welches über das Universum herrscht«. Diese Ausdrucksweise, ähnlich wie die Formulierungen Jeffersons, entspricht eher der Gedankenwelt europäischer Aufklärer und deren Freimaurerlogen als der holzschnittartigen Bibelfestigkeit jener puritanisch-calvinistischen Pilgerväter, die - wie Max Weber ausführlich dozierte - die göttliche Erwähltheit, die »Prädestination« am materiellen Erfolg der Gläubigen maßen und damit die Grundvorstellungen einer auf Profitdenken ausgerichteten Gesellschaft vorgaben. Im neokonservativen »New Deal«, das der heutige Präsident einläutet, findet diese Geistesrichtung eine zeitgenössische Bekräftigung.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 15).

„Leopold von Ranke hatte geschrieben, daß »der Historiker - oder sagen wir, der Chronist - alt werden muß, da man große Veränderungen nur verstehen kann, wenn man persönlich welche erlebt hat.« Heute würde ich die Notwendigkeit hinzufügen, eine intime Kenntnis fremder Kulturen erworben zu haben.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 34).

„Der deutsche Filmregisseur Wim Wenders, der sich in den USA zu Hause fühlt, hatte mir ... von seinem jüngsten Film über den derzeitigen Verarmungsprozeß weiter Landesteile erzählt, der unter dem ironischen Titel »Land of plenty - Land des Überflusses« erscheinen würde. Er dokumentiert darin schonungslos das erbärmliche Schicksal der »Underdogs«, und wiederum ist es typisch us-amerikanisch, daß über den schäbigsten Hütten und Wohnwagen stets die Fahne mit den »Stars and Stripes« weht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 36-37).

„Aus diesem tristen Milieu stammt wohl auch jene Militärpolizistin Lynndie England, die im Kerker von Abu Ghraib einen nackten gefangenen Iraker wie einen Hund an der Leine führte und die von den Bibel-bezogenen Medien als »Jezabel aus den Appalachen« vorgestellt wurde. Ist der »American dream«, die Zuversicht, daß jedem die Chance zu Reichtum und Glück offensteht, doch nicht erloschen?  Was hat die Gründungsväter überhaupt dazu bewogen, den Begriff »pursuit of happiness« als Elementarforderung in ihrer Verfassung zu verankern?  Ist damit wirklich jene Vorstellung von Glück gemeint, die in Europa geläufig ist und zumindest bei den Katholiken der Alten Welt stets ein bißchen anrüchig klingt?  Oder handelt es sich lediglich um den Erwerb von Reichtum, um materielles Wohlergehen, das mit dem strengen calvinistischen Selbstverständnis durchaus zu vereinbaren wäre?“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 37).

„Da drängt sich der Nietzsche-Satz auf: »Wir haben das Glück erfunden, sagen die letzten Menschen und blinzeln.« Doch die Verachtung des Zarathustra bezöge sich weit treffender auf die in Deutschland beheimatete und hochgefeierte »Spaßgesellschaft«. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat seinerseits für die »pursuit of happiness« eine prägnante Formel gefunden: »Man darf nicht vergessen, daß die USA eine rein eskapistische Nation darstellen. Die Bevölkerung des Landes besteht überwiegend aus Menschen, die unerfreulichen Verhältnissen entronnen sind, um anderswo neu anzufangen. Das Land selbst beruht auf der Flucht ins Glück.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 37).

„Ich will hier nicht die Gründe aufzählen, warum John F. Kerry trotz des ständigen Hinweises auf seinen wackeren Kampfeinsatz in Vietnam beinahe zwangsläufig unterliegen mußte gegen einen Mann, der - obwohl er der plutokratischen Oberschicht entstammt - bodenständig wirkte und an die einfachsten Instinkte des Durchschnitts(us-)amerikaners zu appellieren verstand. Sein verhängnisvoller Feldzug in Irak hat ihm bei seinen Landsleuten nicht wirklich schaden können. Im Sommer 2004 waren 70 Prozent von ihnen noch davon überzeugt, daß Saddam Hussein der eigentliche Anstifter für den Anschlag auf New York (und Washington) war. Wie ein liberaler Kollege mir achselzuckend versicherte: »Der normale US Citizen ist der staatlich gesteuerten Desinformation ebenso hilflos ausgeliefert wie unsere Indianer früher dem ›Feuerwasser‹ genannten Alkohol. Man hat das Volk mit Falschmeldungen besoffen gemacht.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 37-38).

„Wie ein liberaler Kollege mir achselzuckend versicherte: »Der normale US Citizen ist der staatlich gesteuerten Desinformation ebenso hilflos ausgeliefert wie unsere Indianer früher dem ›Feuerwasser‹ genannten Alkohol. Man hat das Volk mit Falschmeldungen besoffen gemacht.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 38)

„»Das Ende der Geschichte« hatte Francis Fukuyama im Jahr 1992 verkündet. Etwa zeitgleich mit dem Erscheinen des Buches »Kampf der Kulturen« von Samuel Huntington hatte er eine diametral entgegengesetzte These vertreten, die bei gewissen Europäern, die mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes ihre »Friedendividende« kassieren wollten, starken Anklang gefunden hatte. Dabei war die Aussage dieses Professors ... von Anfang an absurd. Die weltweite Ausbreitung der parlamentarischen Demokratie us-amerikanischen Modells und einer ungehemmten Marktwirtschaft würden der Menschheit einen endgültigen Zustand des Wohlergehens und der Harmonie bescheren. Damit würde der Schlußstrich gezogen unter die veralteten Antagonismen. So etwa läßt sich Fukuyamas Vorstellung vom »End of History« resümieren. Es paßt in diese euphoristische Stimmung, daß kurz danach die Utopie einer unbegrenzten und permanenten gewinnsteigerung für die »Shareholder« der »New Economy« selbst die angesehensten Gurus der nationalökonomie in einen Begeisterungsrausch versetzte. Die Blütenträume sind inzwischen verwelkt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 47).

„Bis zur letzten Konsequenz wagt sic der Autor des »Endes der Geschichte« jedoch nocht vor. jenen Schritt sollte zu meiner Überraschung Peter Sloterdijk vollziehen, der den den Satz prägte: »Durch Nation Building bekommt man bestenfalls demokratisch kaschierte Diktaturen mit Marktwirtschaft«. Ich hätte hinzugefügt: im Dienste der Marktwirtschaft.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 50).

Scholl-Latour in Korea (2004)

Als Wächterin dieses Ortes der Erinnerung waltet eine junge, hübsche Offizierin, deren Uniform ungewöhnlich elegant geschnitten ist. Sogar die hohe Schirmmütze mit dem roten Stern steht ihr gut. Sie führt ihre kleine Tochter an der Hand und bewegt sich geschmeidig auf halbhohen Absätzen. Nach Aufforderung unserer koreanischen Begleiter schmiegt sie sich zum gemeinsamen Foto eng an meine Schulter.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 74).

„Glücklicherweise läuft das Gespräch mit Herrn Ham viel offener und ungezwungener als mit dem übervporsichtigen Abrüstungsexperten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 99).

„Gewiß würden USA und China, die beiden Weltmächte westlich und östlich des Pazifik, langfristig auf eine schicksalhafte Kraftprobe zusteuern. Zur Zeit seien sie aber noch aufeinander angewiesen. Die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Peking und Washington sei stärker als der unvermeidliche Antagonismus. Die finanzielle Symbiose wirke sich bis auf weiteres als strategische Lähmung aus.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 101).

„Ob die atomare Aufrüstung Nordkoreas nicht zwangsläufig das Kaiserreich Japan dazu bringe, sich seinerseits mit nuklearen Waffen auszustatten, habe ich immer wieder gefragt. Stets erhielt ich die gleiche Erwiderung. Die japanischen Interkontinentalraketen seien längst im Weltall erprobt, und die Wissenschaftler im Land der Aufgehenden Sonne hätten Dank ihrer Spitzenposition in der High Technology alle Entwicklungen der Kernenergie erforscht. Sie seien mit sämtlichen Facetten der Uran- und Plutonium-Anreicherung vertraut und hätten de facto die Schwelle zur Atomrüstung bereits überschritten. »Wenn die Japaner wollen, werden sie morgen schon über ein nukleares Arsenal verfügen«, wird mir in Pjöngjang mehrfach versichert. Ähnlich hatten sich ja auch die chinesischen Diplomaten geäußert, die ich zu diesem Thema in Peking befragte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 101).

„Die wirkliche Gefahr der Zukunft sei bei jenen fanatischen oder kriminellen Banden zu suchen, die auch ohne den Besitz eines ausgereiften Atomsprengsatzes radioaktives Abfallmaterial, die »schmutzige Bombe«, erworben hätten und damit jedes beliebige Land durch Verseuchung von U-Bahnschächten, Wasserversorgung oder Industrieanlagen terrorisieren und erpressen könnten. Ri Jon Hyok betont das Interesse Nordkoreas an einer Zusammenarbeit mit Europa, insbesondere mit Deutschland.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 102).

„Heute ist in Nordkorea offenbar der Punkt erreicht, wo niemand mehr in der Lage ist, einen einzigen Traktor oder ein Fahrrad, geschweige denn ein Lastwagen für den Zivilbedarf herzustellen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 113).

„Wie sensationell hebt sich von dieser Tragödie der Demokratischen Volksrepublik der Höhenflug der südlichen Landeshälfte ab. Nach Abschluß des Waffenstillstandes von Panmunjom am 27. Juli 1953 stand die Republik von Seoul gegenüner Pjöngjang sehr unvorteilhaft da. Sie versackte in politischer Zerissenheit, ökonomischer Inkompetenz und unbeschreiblicher Korruption. Um aus diesem verrotteten Staatswesen des pro(us-)amerikanischen Präsidenten Syngman Rhee einen ostasiatischen »Tiger« zumachen, um Südkorea auf Platz zwölf der größten Wirtschaftsmächte, auf Platz sechs der Erdölverbraucher zu befördern und eine moderne, rentable Stahlproduktion anzukurbeln ... (bis auf Platz 5), hat es nicht der freien Marktwirtschaft, des weltoffenen Wettbewerbs bedurft. Dieser Riesenerfolg war auch nicht der Unterwerfung unter die Anweisungen des Internationalen Währungsfonds zu verdanken oder den monopolkapitalistischen Manipulationen, die man heute als »Globalisierung« schönredet. Die eiserne Faust eines resoluten Militärdiktators hat das Wunder vollbracht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 113-114).

„General Park Chung Hee hat den Wirtschaftsboom Südkoreas in Gang gesetzt, indem er in einer ersten Phase des eifersüchtigen Protektionismus gewaltige Konzerne aus dem Boden stampfte, die mit der Disziplin von Kasernen funktionierten. An deren Spitze delegierte er hohe Offiziere, die ihm für Effizienz und Produktionswachstum persönlich verantwortlich waren. Der Vietnamkrieg, der Südkorea als Lieferant der US Army aufwertete, hat ebenfalls zu diesem phänomenalen Aufschwung beigetragen. Eines bleibt dabei festzuhalten: Nicht Parteienvielfalt, westliche Demokratie und strikte Respektierung der Menschenrechte haben Südkorea zum wirtschaftlichen Höhenflug verholfen, sondern die konfuzianisch fundierte Strenge eines soldatischen Patriarchen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 114).

„Jawohl, auch in Berlin, denn beim Blick auf die weitgehende Mukde von Dien Bien Phu zwingt sich der Gedanke an die absurde, extrem gefährliche Situation auf, in die mehr als 2000 Soldaten der Bundeswehr bei ihrem ISAF-Einsatz in Afghanistan durch die Ignoranz und den Opportunismus ihrer Parlamentarier (! !!!) gebracht werden. Mit ihrer Stationierung in »Camp Warehouse« an der Straße nach Jalalabad ist das Gros der internationalen Kabul-Brigade in eine Schlucht eingezwängt, die keine realen Verteidigungschancen, ja nicht einmal eine Evakuierungsmöglichkeit bietet - von den Außenposten in Kundus oder Faisabad ganz zu schweigen. Offenbar hat niemand daran gedacht, ein »worst case scenario« zu entwerfen. Man tut so, als sei die NATO am Hindukusch vor dem Aufbäumen des islamischen Widerstandes gegen die Präsenz bewaffneter Ungläubiger auf wunderbare Weise gefeit.“ (Peter Scholl-Latour, Koloß auf tönernen Füßen, 2005, S. 227-228).

„Nicht nur der Irakkrieg wurde mit verlogenen Argumenten und Fälschungen vom Zaun gebrochen. Die irreführenden Äußerungen Colin Powells, des bislang hochgeachteten US Secretary of State, im Weltsicherheitsrat, als er die angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins auflistete, sind noch in aller Gedächtnis, ebenso die absurde Behauptung Tony Blairs, der Irak sei in der Lage, binnen 45 Minuten ein nukleares Inferno zu entfesseln.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 238).

„In Südostasien wurde vierzig Jahre zuvor nicht weniger schamlos getrickst. Es war im Juli 1964. Laut Meldung der US Navy waren us-amerikanische Zerstörer auf offener See von nordvietnamesischen Schnellbooten angegriffen worden, hieß es damals. Darauf stützte sich Präsident Johnson, um die Bombardierung Nordvietnams anzuordnen. Die massive Landung von Bodentruppen folgte ein knappes Jahr später. In Wirklichkeit hatte sich 1964 alles ganz anders zugetragen, wie die 1971 veröffentlichten »Pentagon Papers« eindeutig enthüllen sollten. Der US Destroyer »Maddox«, mit modernstem Abhör- und Spionage-Equipment versehen, kreuzte schon seit Wochen in den nordvietnamesischen Hoheitsgewässern. Als Reaktion auf die militärische Unterstützung, die der Vietcong seit 1960 aus Hanoi erhielt, war Saigon dazu übergegangen, mit Hilfe us-amerikanischer Kriegsschiffe Sabotagekommandos von Rangern und Infiltranten an der Küste abzusetzen. Zwei US-Zerstörer, »Maddox« und »Turner Joy«, befanden sich zur Zeit des Tonking-Golf-Zwischenfalls in unmittelbarer Küstennähe, und eine nennenswerte Gegenwehr der kümmerlichen Kriegsmarine Nordvietnams kam überhaupt nicht in Frage. Das hinderte den US Congress jedoch in keiner Weise, am 10. August 1964 eine Resolution zu verabschieden, die Lyndon B. Johnson den Blankoscheck zur Entfesselung des Krieges ausstellte. Wer nach Parallelen sucht zwischen den beiden US-Engagements in Vietnam 1965 und in Irak 2003, sollte diesen Doppelfall gezielter Desinformation der eigenen öffentlichen Meinung, der eigenen Parlamentarier und des verbündeten Auslandes stets vor Augen haben.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 278).

„Für die Partisanenbekämpfung, die »counterinsurgency«, den Krieg gegen den Terror, der neuerdings in so vielen Köpfen spukt und sich zum Alptraum des globalen Imperialanspruchs der USA auswächst, fehlt jedes überzeugende Konzept. Mit den ethischen Vorstellungen der westlichen Welt ist jene grauenhafte Analyse absolut unvereinbar, die ich vor einigen Jahren in einer anonymen arabischen Veröffentlichung entdeckte. »Es gibt nur ein Mittel«, so heißt es da, »den Aufstand eines Volkes zu brechen, das sich um keinen Preis ergeben will. Man muß es ausrotten. Es gibt nur ein Mittel, ein Territorium zu unterwerfen, auf dem sich ein unbeugsamer Widerstand eingenistet hat. Man muß es in eine Wüste verwandeln. Wo diese extremen Methoden - aus welchem Grunde auch immer - nicht angewendet werden können, ist der Krieg verloren.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 284).

„Washington könnte sehr bald entdecken, daß die Demokratie ein zweischneidiges Schwert ist. Präsident Bush wird sich nicht ewig der Erkenntnis verschließen können, daß sich in Bagdad ein System etabliert, das ... auf eine islamische Republik schiitischer Prägung zusteuert. Anstelle der säkulären Terrorherrschaft Saddam Husseins, die sich ideologisch zum arabischen Nationalismus und zur Trennung von Staat und Religion bekannte, hätte er dann dazu beigetragen, eine Regierungsform in den Sattel zu heben, für die die koranische Gesetzgebung, die Scharia, die oberste Richtschnur wäre.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 293-294).

„Welchen schiitischen Politiker er für das Amt des Ministerpräsidenten vorschlagen wolle, fragte ich Abdul-Aziz el-Hakim. .... Er zögerte einen Moment, bevor er eine Präferenz für Ibrahim-el-Ja'fari zu erkennen gab. Ibrahim-el-Ja'fari hat sich als Führer der schiitischen Partei Da'wa verdient gemacht und wird als »Kleriker im Anzug« bezeichnet. Er soll folgende programmatische Aussage gemacht haben: »Der Islam wird die offizielle Staatsreligion sein und eine der wichtigsten Quellen der Gesetzgebung neben anderen.«“ (Peter Scholl-Latour, Koloß auf tönernen Füßen, 2005, S. 294).

„Wie sehr haben sich doch die militärischen Bräuche seit meinem eigenen Wehrdienst verändert !““ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 299).

„Wenn die Generale des Pentagon glauben, der Ausbau eines weltweiten Stützpunktssystems sei das adäquate Konzept für die Sicherung globaler Dominanz bei minimalen Eigenverlusten, sollten sie zur Kenntnis nehmen, daß eine solche Einbunkerung in uneinnehmbaren Festungen einer »Einmottung« ihrer Einheiten gleichkäme und ihre Kampftauglichkeit auf jeden Fall beeinträchtigt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 300).

„Wenn man den Sirenen aus Washington Glauben schenkt, dann wäre ein »demokratischer Frühling« über ganz Arabien erblüht. Mehr noch, der gewaltige geographische Islam-Gürtel, »Broader Middle East« genannt, der sich von Marokko bis Pakistan erstreckt, hätte die Vorzüge von Freiheit und politischem Pluralismus entdeckt, sei auf dem besten Wege - nach dem angeblich triumphalen Durchbruch der Demokratie bei den irakischen Wahlen -, diesem leuchtenden Beispiel nachzueifern. »Hat vielleicht George W Bush doch recht gehabt, als er den von ihm umgestalteten Irak als ›Leuchtturm der Demokratie‹ anpries?«, kann man lesen. Selbst renommierte Kommentatoren in den USA und Europa fallen offenbar auf diesen Unsinn herein.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 308).

„Man höre und staune! Den Deklarationen der frisch berufenen Außenministerin Condoleezza Rice zufolge hat der Irak am 30. Januar den tugendhaften Pfad der freiheitlichen Emanzipation betreten. Präsident Bush zählt genüßlich die Länder des Orients auf, in denen die Menschenrechte sich unwiderstehlich durchzusetzen beginnen. In Saudi-Arabien wurden Kommunalwahlen veranstaltet, an deren Manipulationen gemessen die bislang übliche Beduinenpraxis der »Schura« ein weit größeres Maß ehrlicher Mitbestimmung gewährte. Der Präsident von Ägypten, Husni-el-Mubarak, hat sich seit einem Vierteljahrhundert als allmächtiger »Rais« im Land der Pharaonen behauptet, sich alle paar Jahre mit Zustimmung von 97 bis 98 Prozent wiederwählen lassen. Saddam Hussein, der Resultate von glatten hundert Prozent einheimste, war da ehrlicher. Jede Form von Opposition hat Mubarak mit Hilfe seiner Nationaldemokratischen Partei und vor allem seiner brutalen Geheimdienste erstickt. Jetzt hat er auf Druck Washingtons widerwillig konzediert, daß beim nächsten Volksentscheid über die Berufung des Staatschefs ein Gegenkandidat zugelassen würde. Daß dieser Oppositionelle, der wegen eines imaginären Delikts gerade im Gefängnis saß und entlassen werden mußte, nicht die geringste Chance hat, sich gegen die Militärdiktatur durchzusetzen, zumal dieser Repräsentant des liberalen Bürgertums den islamischen Grundvorstellungen der Massen in keiner Weise entspricht, stört offenbar niemanden am Potomac.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 308-309).

„Im Emirat Kuweit, wo die us-amerikanische »Befreiung« im Jahr 1991 wieder die Dynastie der Sabah in ihre Pfründe einsetzte und die einheimischen Erdölprofiteure ihre elenden asiatischen Hausangestellten und Hilfsarbeiter wie Sklaven, ja schlimmer als Tiere behandeln - ein Skandal, der zum Himmel schreit -, hat angeblich eine Gruppe von Damen der Gesellschaft für das Wahlrecht der Frauen demonstriert. Beim Überprüfen der Liste dieser »Emanzen« entdeckt man überwiegend die Namen der einflußreichen Ausbeuteroligarchie dieses Emirats, das den amerikanischen Streitkräften als rückwärtige Basis bedingungslos zur Verfügung steht. Über die Gleichberechtigung der Einwohner der Golf-Emirate, wo es noch relativ duldsam zugeht, wird in der us-amerikanischen Darstellung immer wieder unterschlagen, daß als Bürger oder Untertanen dieser von Reichtum strotzenden, aber extrem artifiziellen Gebilde höchstens ein Viertel der Einwohner in Frage kommt, während der Rest sich aus unterbezahlten Heloten aus den Armutszonen Südostasiens zusammensetzt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309).

„Auf der Insel Bahrein, deren Herrscher neuerdings den prätentiösen Titel eines »Malik«, eines Königs, usurpierte und dessen »Liberalität« ebenfalls aus Washington mit Lob bedacht wird, verschweigt man geflissentlich, daß drei Viertel der alteingesessenen Einwohner der schiitischen Glaubensrichtung angehören und als potentielle Staatsfeinde gelten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309).

„Als zwingenden Beweis für die Erfolge der Bush-Diplomatie im Hinblick auf »liberty and freedom« muß doch tatsächlich die Islamische Republik Afghanistan als Trophäe herhalten, obwohl deren Präsident Hamed Karsai sich weiterhin als »Bürgermeister von Kabulistan« verspotten lassen muß. Die brutalsten Warlords haben dort weiterhin das Sagen, und die relative Beruhigung, die sich zur Zeit eingestellt hat, ist den übelsten Methoden der Bestechung und Einschüchterung zu verdanken sowie dem Umstand, daß die islamische Revolution ihr kämpferisches Schwergewicht nach Mesopotamien verlagert hat. Das »befreite« Afghanistan ist schlimmer als ein »failed state«, ein mißglückter Staat. Es ist als weitaus größter Heroinlieferant zum Ausgangspunkt hemmungsloser Drogenkriminalität, zum Eldorado der Narkotrafikanten geworden. Die Folgen dürften sich am Ende verhängnisvoller auswirken als die Herrschaft der grausamen und fanatischen »Koranschüler«, der Taliban von einst.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309-310).

„Der Gipfel der Unverfrorenheit ist erreicht, wenn das Militärregime des General Parvez Muscharraf von Islamabad als fortschrittlicher Partner des Westens dargestellt wird, wo doch dessen Mandat als Staatschef und als Oberkommandierender der Streitkräfte soeben unter Mißachtung jeder Legalität verlängert wurde. Die Islamische Republik Pakistan wäre vermutlich auch unter der korrupten Führung der verbannten Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto schweren Krisen ausgesetzt. Aber die Strategen des Pentagon sollten den Atombombenbesitz dieses zu zügellosem Fanatismus neigenden Vielvölkerstaates, der nur durch die eiserne Faust der Armee zusammengehalten wird, mit weit größerer Sorge beobachten und zu kontrollieren suchen als die durch feindliche Nachbarstaaten zur nuklearen Aufrüstung geradezu verurteilte Mullahkratie des Iran.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310).

„So geht es mit ungebrochener Gewalt- und Willkürherrschaft weiter von Marokko, wo der Malik Mohamed VI. seinen wirklichen Einfluß in seiner Eigenschaft als »Amir-el-mu'minin«, als Befehlshaber der Gläubigen, geltend macht, bis Jordanien, wo ein haschemitischer Saud-König siebzig Prozent seiner Untertanen, die palästinensischer Herkunft sind, in Schach halten muß. Absolut schockierend mutet die Generalabsolution an, die dem libyschen Paranoiker Muammar-el-Qadhafi nicht nur von den USA, sondern auch von den Staaten der Europäischen Union erteilt wurde. Dieser berüchtigte Organisator internationaler Terroranschläge genießt plötzlich wieder das Wohlwollen seiner Petroleumklienten, ohne daß er seiner geknebelten Bevölkerung auch nur die geringste Erleichterung zukommen ließ. Statt dessen wird sein Sohn Seif-ul-Islam als dynastischer Nachfolger aufgebaut.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310).

„Da gibt es auch ein paar wohlwollende Despoten, wie den Sultan Qabbus von Oman, aber das Wort »Hurriya« bleibt bei ihm aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt. Gewiß, so wird man einwenden, zeichnet sich in den Palästinensergebieten eine politische Wende ab, eine Minderung der bislang alles zersetzenden Mißwirtschaft der »tunesischen« Clique. Aber die ersten Kommunalwahlen haben ergeben, daß die Führung der islamistischen Hamas, die - im Gegensatz zur Fatah-Bewegung Yassir Arafats mitsamt den Herren Mahllud Abbas und Ahmed Qurei - soziale Verantwortung übernimmt und die Nöte der armen Leute zu lindern sucht, an Einfluß gewinnt. Diese Entwicklung dürfte weder den Israeli noch den US-Amerikanern ins Konzept passen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310-311).

„Es hat bislang in der arabischen Welt, in der gesamten »Ummat-el-arabiya«, nur eine einzige ehrliche und freie Parlamentswahl gegeben, und zwar in Algerien im Dezember 1991. Die dort herrschende Offizierscamarilla hatte offenbar nicht damit gerechnet, daß die »Islamische Heilsfront« - »jibhat-el-islamiya lil inqadh« -, die sich bislang durch ihre karitative Fürsorge hervortat und sich keinerlei Gewaltakte schuldig machte, plötzlich im Begriff stand, die absolute Mehrheit der Abgeordneten und somit den Anspruch auf Regierungsbildung zu gewinnen. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten und fiel extrem grausam aus. Die Militärjunta von Algier hat den Volkswillen ignoriert, die bislang relativ gemäßiste Führungsmannschaft der FIS ermordet oder eingekerkert. Über ein Jahrzehnt lang hat sie versucht, die sich zunehmend fanatisierenden »Mujahidin« - die »Afghanen«, wie der Volksmund sie nannte - mit Stumpf und Stiel auszurotten. Laut vorsichtiger Schätzung haben bei dem grauenhaften Wechsel von Aufstand und Repression 150000 Algerier den Tod gefunden, und der Widerstand der Salafisten ist immer noch nicht ganz gebrochen. Im Westen hat man sich über den brutalen Staatsstreich der Generale nicht entrüstet. Im Gegenteil, die demokratischen Regierungen Europas und Amerikas haben sich dazu beglückwünscht, daß der Kelch einer islamischen Machtergreifung am Südrand des Mittelmeers noch einmal an ihnen vorbeigegangen war.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 311).

„Ähnliches wie in Algerien - wenn auch nicht unbedingt mit der gleichen Vehemenz - dürfte sich im gesamten »Dar-ul-Islam« wiederholen, falls Präsident Bush es ernst meinen sollte mit der Respektierung des Mehrheitswillens der Bevölkerung. In all diesen Staaten behauptet sich außerhalb der privilegierten Wohnviertel einer schmalen Metropolenelite - in den Slums der Armen, in den Provinzstädten, auf dem flachen Land - das Verharren in der frommen islamischen Lebensgestaltung, ja es findet eine heimliche Rückwendung zu den koranischen Vorschriften der Scharia statt. Bevor sie mit der Ausschaltung der Baath-Partei von Damaskus auch noch das letzte säkulare Regime des »Broader Middle East« beseitigen, sollten sich die Orientexperten der Bush-Administration bewußt sein, daß die Einführung der Demokratie in dieser Weltgegend ein gefährliches Pokerspiel bleibt. Mit ihrer Phraseologie von »freedom and liberty« sind diese Zauberlehrlinge auf dem besten Weg, die Fundamente ihrer eigenen Fremdherrschaft, die unweigerlich auf einheimische Tyrannen angewiesen ist, eigenhändig zu erschüttern. Wenn nun gar die neokonservativen Propagandisten verkünden, die unwiderstehliche Ausbreitung freiheitlicher Ideale, die Fortschritte der Menschenrechte vollzögen sich in globaler Dimension, da kann man nur mit den empörten Spaniern, die sich von ihrem Regierungschef Jose Maria Aznar schändlich betrogen fühlten, ausrufen: »No somos idiotas - Wir sind doch keine Idioten.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 311-312).

„So attraktiv für Völker anderer Kulturkreise sind die neoliberalen Entgleisungen, auf die sich der Westen neuerdings eingelassen hat, nun wirklich nicht. Der us-amerikanische Romancier Philip Roth, seit Jahren Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur, hat seine Kritik an dem Bestreben seiner Heimat, die eigenen Verhältnisse der übrigen Welt zu oktroyieren, auf bissige Weise formuliert: »Dieses Land wird nicht von seiner Bürgerschaft regiert, in der jeder von uns eine Stimme hat, sondern von der Börse, die entsprechend ihren Anteilen den Aktionären gehört.« Mit dem Wort »Demokratie« ist bereits auf skandalöse Weise Schindluder getrieben worden, als Josef Stalin in Osteuropa sein abscheuliches Satellitensystem mit dem Pleonasmus »Volksdemokratie« schmückte. So sollte man wenigstens hoffen, daß nicht auch noch der Begriff »Freiheit« zum Orwellschen Synonym von Wahlbetrug, Bestechlichkeit und Unterdrückung wird. Der deutsche Publizist Paul Sethe, der dem konservativen Lager angehörte, hatte einmal geschrieben, daß die vielgerühmte Pressefreiheit des Westens mit der »Freiheit« von zweihundert reichen Leuten gleichzusetzen sei, ihre Meinungen zu veröffentlichen. Die Zahl dieser Privilegierten dürfte sich inzwischen noch verringert haben.“  (Peter Scholl-Latour, Koloß auf tönernen Füßen, 2005, S. 312-313).

Rußland im Zangengriff. Putins Imperium zwischen Nato, China und Islam (2006)

„Der territoriale Mißbrauch der NATO-Struktur »out of area« hat die Bündnisorganisation in einem Maße ausgelaugt und ausgefranst, daß das US-Oberkammondo Autorität und Kompetenz eingebüßt hat.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 294).

„In Berlin scheinen das Überleben der Eisbären am Nordpol, die Aufstellung landschaftsverschandelnder Windspargel im Zeichen einer Pseudo-Ökologie und jener Unterwerfungsreflex, der gerade bei den domestizierten Pseudorevoluzzern der 68er Bewegung seltsame Blüten treibt, den Vorrang zu genießen vor der strategischen Selbsterhaltung der Nation und des Kontinents.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 295).

„In wenigen Jahren wird die deutsche Verteidigungspolitik vor folgende Alternative gestellt: Entweder beteiligt sich die Bundeswehr organisch an einem europäischen, das heißt deutsch-französischen Nuklear-Deterrent, oder sie wird im nationalen Alleingang auf diese unentbehrliche Form der Abschreckung zurückgreifen müssen, um das deutsche Volk vor unermeßlichen Schaden zu bewahren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 298).

Deutschland muß atomar aufrüsten! (in: Cicero, April 2007)

 Nur nationale Verfügbarkeit von Atomwaffen bietet Schutz!
 – Unzeitgemäße Treue im Reichstag
 – Der Krieg im Irak ist bereits verloren!
 – Die Verantwortung der Bundesregierung
 – „Mission impossible“ am Hindukusch!
 – Hysterischer Streit über törichte Gebirgsjäger
 – Regierungskunst gründet sich auf Vorausschau!
 – Europa muß Stellung beziehen

„Eine deutsche Außenpolitik gibt es nicht. Statt in blinder Nibelungentreue den USA zu folgen, muß sich Deutschland endlich emanzipieren und seine eigenen Interessen vertreten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Eine deutsche Außenpolitik, die diesen Namen verdient, gibt es ebenso wenig wie ein deutsches strategisches Konzept. Die Schuld daran ist nicht nur den in Berlin agierenden Parteien und Politikern anzulasten. Die überstürzte Ausweitung der Europäischen Union auf 27 Mitglieder mit extrem divergierenden Interessen hat den Kontinent und somit auch Deutschland jeder resoluten Handlungsfähigkeit beraubt. Im militärischen Bereich ist der Atlantischen Allianz mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Gegner abhanden gekommen. Seitdem hat sich die NATO „out of area“ in eine zeitlich und räumlich unbegrenzte Phantomjagd auf den internationalen Terrorismus eingelassen“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Wer die Dinge beim Namen nennt, setzt sich in den deutschen Medien unweigerlich dem diffamierenden Vorwurf des Antiamerikanismus aus. Dabei sind es prominente amerikanische Politiker, die George W. Bush als den verhängnisvollsten Politiker in der Geschichte der USA anprangern. Die Chance einer „Pax americana“, die nach dem Ende des Kalten Krieges durchaus bestand, ist durch den blinden Bellizismus der Bush-Administration wohl endgültig verspielt worden. Heute gilt es für die Deutschen, endlich den Unterschied zu erkennen zwischen dem Nordatlantischen Bündnis Europas mit Amerika, das den existenziellen Bedürfnissen beider Kontinente und ihrer kulturellen Affinität entspricht, und andererseits der konkreten Struktur dieser Allianz – North Atlantic Treaty Organization, die seit Beilegung des Ost-West-Konflikts obsolet wurde und sich für die europäischen Partner zunehmend negativ auswirkt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Deutschland muß atomar aufrüsten“, fordert Peter Scholl-Latour. Statt in blinder Nibelungentreue den USA zu folgen, müsse Deutschland endlich wieder seine eigenen Interessen vertreten. „Eine deutsche Außenpolitik, die diesen Namen verdient, gibt es ebenso wenig wie ein deutsches strategisches Konzept. Die Schuld daran ist nicht nur den in Berlin agierenden Parteien und Politikern anzulasten. Die überstürzte Ausweitung der Europäischen Union auf 27 Mitglieder mit extrem divergierenden Interessen hat den Kontinent und somit auch Deutschland jeder resoluten Handlungsfähigkeit beraubt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

Nur nationale Verfügbarkeit von Atomwaffen bietet Schutz!

„Als flagrantes Beispiel für diese Fehlentwicklung lässt sich die Absicht Washingtons zitieren – ohne Information und Konsultation der übrigen Verbündeten –, in Polen und Tschechien einen vorgeschobenen Raketenabwehrschirm beziehungsweise ein hoch entwickeltes Radarsystem einzurichten. Die Behauptung, diese Dislozierung an Weichsel und Moldau diene ausschließlich dem Zweck, das Territorium der USA vor der sich steigernden ballistischen Kapazität der Islamischen Republik Iran oder gar Nordkoreas zu schützen, klingt absurd und widerspricht zudem dem Geist atlantischer Solidarität. Die Staaten der Europäischen Union dürften ja viel eher in die Reichweite nuklearer Sprengköpfe geraten, die eventuell aus dem Orient abgefeuert würden, als das durch die Weiten der Ozeane geschützte Amerika.“  (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Die Deutschen sollten endlich begreifen, daß im Extremfall nicht die perfektionistischen Abwehrsysteme glaubwürdigen Schutz gegen die nukleare Bedrohung durch blindwütige Feindstaaten bieten, sondern – in Ermangelung eines kontinentalen Konsens – die nationale Verfügung über eine eigene atomare Abschreckung.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Seit George W. Bush und seine neokonservative Umgebung trotz gelegentlicher Beschwichtigung an die europäische Adresse am Unilateralismus der US-Politik festhalten und die wirklich relevanten Staaten sich frei nach Nietzsche als »kälteste aller Ungeheuer« zu erkennen geben, wirken die Beteuerungen von Nibelungentreue, wie sie aus dem Berliner Reichstag über den Atlantik klingen, naiv und unzeitgemäß.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Hier offenbart sich ein grundlegendes Dilemma der aktuellen deutschen Außenpolitik. Wie soll eine diplomatische Leitlinie für 27 Mitgliedstaaten der EU getroffen werden, wenn die osteuropäischen Beitrittsländer weit mehr auf Washington als auf Brüssel ausgerichtet sind. Die Konvergenz zwischen Deutschland und Rußland, die – unabhängig von Schröder und Putin – einer historischen Tradition und vor allem einer zwingenden ökonomisch-industriellen Komplementarität entspricht, stößt somit auf das Mißtrauen der Vereinigten Staaten einerseits, die sich einer Verselbstständigung Berlins von der exklusiven atlantischen Einbindung diskret, aber nachhaltig entgegenstemmen, sowie andererseits auf die offene Kritik der ehemaligen Sowjetsatelliten, denen die Annäherung zwischen Berlin und Moskau, beziehungsweise St. Petersburg, allzu oft zum historischen Verhängnis wurde. Kein Wunder, daß das Interesse Osteuropas an der Europäischen Union sich im wesentlichen auf die Überwindung bestehender finanzieller Engpässe und die Verheißung ökonomischer Prosperität beschränkt. Machtpolitik, wie es die Stunde erheischen würde, unter gemeinsamer Einflußnahme auf die globalen Entwicklungen läßt sich mit einem so bunt karierten Haufen nicht bewirken.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

Unzeitgemäße Treue im Reichstag

„Seit George W. Bush und seine neokonservative Umgebung trotz gelegentlicher Beschwichtigung an die europäische Adresse am Unilateralismus der US-Politik festhalten und die wirklich relevanten Staaten sich frei nach Nietzsche als »kälteste aller Ungeheuer« zu erkennen geben, wirken die Beteuerungen von Nibelungentreue, wie sie aus dem Berliner Reichstag über den Atlantik klingen, naiv und unzeitgemäß. Wer kann es übrigens Wladimir Putin verübeln, daß er den Aufbau neuer Lenkwaffenstellungen an seiner Westgrenze, die mit einem von Warschau geschürten »Drang nach Osten« der NATO und der EU einhergeht, als Provokation empfindet und adäquate Gegenmaßnahmen trifft. Hat bei den patentierten Kreml-Kritikern jemand bedacht, wie wohl die amerikanische Öffentlichkeit reagieren würde, wenn russische Ingenieure ihre Raketensysteme – unter welchem Vorwand auch immer – in Venezuela, Nicaragua oder gar Kuba einbetonierten?“  (Peter Scholl-Latour, ebd.).

Der Krieg im Irak ist bereits verloren!

„Allzu viele Berliner Parlamentarier verweigern sich der Einsicht, daß der Krieg im Irak – wie US-Verteidigungsminister Robert Gates diskret eingesteht – bereits verloren ist, daß eine Ausweitung des Konfliktes auf Iran sich zum Desaster für den ganzen Westen erweisen würde und – was Deutschland unmittelbar betrifft – daß der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Vielleicht werden sich die führenden deutschen Medien endlich der systematischen Zweckentfremdung der Atlantischen Allianz und der eigenen Unterwürfigkeit bewußt, wenn die Forderung des Pentagon nach Ausweitung der Allianz auf den Pazifischen Raum, auf den Nato-Beitritt Australiens, Neuseelands, sogar Japans und Südkoreas sich bewahrheiten sollte. Eine solche Orientierung in Richtung auf den Stillen Ozean könnte von Peking nicht anders denn als ein bedrohliches Einkreisungsmanöver gewertet werden. Die deutschen Abgeordneten, die als Polit-Touristen China bereisen und die Repräsentanten dieser uralten Kultur immer wieder mit erhobenem Finger zur Übernahme westlicher Demokratiebegriffe ermahnen, täten besser daran, die us-amerikanischen Verbündeten von einer umzingelnden Stützpunktstrategie gegen das Reich der Mitte abzubringen, die den Europäern nur Nachteile bescheren kann.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

Die Verantwortung der Bundesregierung

„Seit dem Debakel von Bagdad, an dem gemessen die US-Niederlage in Vietnam rückblickend als Episode erscheint, drängt sich der Zweifel an der Fähigkeit Amerikas auf, den Herausforderungen des „asymmetrischen Krieges“, der globalen Auseinandersetzung mit den verzettelten Brandherden der islamischen Revolution erfolgreich zu begegnen. So wie die US-Army in Falludscha hat ja auch die israelische »Zahal« im Südlibanon feststellen müssen, daß alle technologischen Wunder der modernen Rüstungsindustrie gegen einen taktisch perfektionierten Kampf ihre Wirkung verfehlen, daß jegliche Verwüstungen und »Kollateralschäden« angerichtet werden. Es wäre überdies an der Zeit, daß die deutsche Regierung, als treuer und aufrechter Verbündeter, auf gewisse unverantwortliche Husarenritte der Bush-Regierung aufmerksam machen würde. Während man auf Capitol Hill verzweifelt nach einem halbwegs ehrenhaften Ausweg aus dem irakischen „quagmire“ sucht, bricht das Pentagon den Raketenstreit mit Rußland vom Zaun, hält Vizepräsident Dick Cheney Brandreden gegen die angeblich weltbedrohende Aufrüstung Chinas. Präsident Bush fegte die überaus vernünftigen Vorschläge der Baker-Hamilton-Kommission vom Tisch und schickt sich an – wie viele Experten befürchten – im Verbund mit Israel einen Vernichtungsschlag gegen die iranischen Nuklearanlagen zu führen. Unterdessen erwägt man in Berlin lediglich eine Verschärfung der Sanktionen gegen Teheran, was sich als wirkungslos erweisen wird, und versucht mit dem gewohnten Zweckoptimismus die Einsicht zu verdrängen, dass ein Kriegseintritt Irans der militärischen Präsenz der USA im Irak ein jähes Ende setzen würde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Mission impossible“ am Hindukusch!

„In Afghanistan, so hat sich Brent Scowcroft, der frühere Sicherheitsberater des Präsidenten Bush senior geäußert, werde sich entscheiden, ob die NATO an der derzeitigen Krisensituation zerbricht. Die Mißstimmigkeiten häufen sich und werden auch nicht durch den willfährigen Einsatz von sechs deutschen »Beobachtungsflugzeugen« vom Typ Tornado ausgeräumt. Das irakische Szenario scheint sich am Hindukusch zu wiederholen. Seit drei Jahren liegen der deutschen Regierung ernüchternde und realistische Lagebeurteilungen der örtlichen Kommandeure, des BND und eines klarsichtigen Botschafters vor, die das Unternehmen am Hindukusch als »mission impossible« definieren. Aber die deutschen Regierungsparteien weisen diese Erkenntnis ebenso konsequent von sich, wie die Bush-Administration seinerzeit die Warnungen mißachtete, die ihr über den voraussichtlichen Verlauf des Irak-Feldzuges aus diversen verläßlichen Quellen vorlagen. Entgegen einer gezielten Desinformationskampagne würde die Welt nicht untergehen, wenn die NATO-Koalition Afghanistan räumen und die dortigen Stämme ihrem Schicksal überließe, wie das übrigens dem Wunsch der Bevölkerung entspricht. Auf die Höhlen des Hindukusch ist Al Qaida längst nicht mehr angewiesen, seit diese nebulöse Terrororganisation in der pakistanischen Nord-West-Region Zuflucht findet und ihre Kampfkraft auf den Schlachtfeldern des Irak erprobt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Der wirkliche Skandal hat sich in den letzten Tagen der rot-grünen Koalition ereignet, als der Bundestag mit erdrückender Mehrheit, aber ohne jede Debatte und sachlicher Erörterung die faktische Verschmelzung der ursprünglich grundverschiedenen Militäreinsätze »Enduring Freedom« und als ISAF sowie die Aufstockung der deutschen Truppen auf 3000 Mann akzeptierte. Im deutschen Parlament wird erst über das Thema Afghanistan diskutiert, wenn ein hysterischer Streit über ein paar Gebirgsjäger aufkommt, die in törichter Unbekümmertheit mit Totenkopfschädeln hantierten. Da wird endlos über den Fall des recht dubiosen Deutsch-Türken Kurnaz debattiert und die Elitetruppe KSK auf die Anklagebank gezerrt. Dabei sollte man sich – statt Kurnaz als Ankläger aufzuwerten – dafür schämen, daß die parlamentarischen Wehrbeauftragten ihrer Fürsorgepflicht für die eigenen Soldaten nicht nachkamen. Die Angehörigen des besagten Spezialkommandos, die harte Kampferfahrung im Massiv von Tora-Bora sammeln sollten, wurden nämlich vom US-Kommando in Kandahar als »KZ-Wächter« – der Ausdruck stammt von einem der prominentesten Minister der Kohl-Regierung - eines von CIA und US-Army eingerichteten Gefangenen-, Verhör- und Folterzentrums mißbraucht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

Hysterischer Streit über törichte Gebirgsjäger

„Immerhin hat sich in Berlin Widerspruch geregt, als der Sicherheitsberater des Weißen Hauses, Steven Hadley, die freie Verfügung des amerikanischen NATO-Befehlshabers in Kabul über das deutsche ISAF-Kontingent und dessen Einsatz im heiß umkämpften Süden und Osten des Landes anforderte. So weit, so gut. Der wirkliche Skandal hat sich in den letzten Tagen der rot-grünen Koalition ereignet, als der Bundestag mit erdrückender Mehrheit, aber ohne jede Debatte und sachlicher Erörterung die faktische Verschmelzung der ursprünglich grundverschiedenen Militäreinsätze »Enduring Freedom« und als ISAF sowie die Aufstockung der deutschen Truppen auf 3000 Mann akzeptierte. Im deutschen Parlament wird erst über das Thema Afghanistan diskutiert, wenn ein hysterischer Streit über ein paar Gebirgsjäger aufkommt, die in törichter Unbekümmertheit mit Totenkopfschädeln hantierten. Da wird endlos über den Fall des recht dubiosen Deutsch-Türken Kurnaz debattiert und die Elitetruppe KSK auf die Anklagebank gezerrt. Dabei sollte man sich – statt Kurnaz als Ankläger aufzuwerten – dafür schämen, daß die parlamentarischen Wehrbeauftragten ihrer Fürsorgepflicht für die eigenen Soldaten nicht nachkamen. Die Angehörigen des besagten Spezialkommandos, die harte Kampferfahrung im Massiv von Bora-Bora sammeln sollten, wurden nämlich vom US-Kommando in Kandahar als »KZ-Wächter« – der Ausdruck stammt von einem der prominentesten Minister der Kohl-Regierung – eines von CIA und US-Army eingerichteten Gefangenen-, Verhör- und Folterzentrums missbraucht

Regierungskunst gründet sich auf Vorausschau!

„Das große Thema der deutschen Außenpolitik ist höchst unerfreulich und könnte beliebig ausgeweitet werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Die ungebrochene Beliebtheit, deren sich die Deutschen weiterhin im ganzen Dar-ul-Islam erfreuen und die durchaus nicht nur auf die Bewunderung für Hitler zurückzuführen ist, wird unweigerlich in dem Maße schrumpfen, wie die Bundesrepublik sich von der manichäischen Weltaufteilung in Gut und Böse korrumpieren läßt, die der Vision des US- Präsidenten vorschwebt. Die Tragödie des Abendlandes besteht darin, daß der Schwund us-amerikanischer Glaubwürdigkeit in Verteidigungsfragen einhergeht mit einer selbst verschuldeten militärischen Kastration der Europäer. Seit neben Israel und Indien auch die extrem labile Islamische Republik Pakistan sich in den Atomclub drängte, wird das Fortschreiten der nuklearen Proliferation auf Dauer gar nicht zu verhindern sein. Auch dieser Realität muß man ins Auge blicken.“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

Europa muß Stellung beziehen

„Wie wird die deutsche Bevölkerung reagieren, wenn ihr Staat in den Sog jenes »Clash of Civilizations« (Mehr) gerät, dem Europa – die eigene Identität verleugnend und die eigene Wehrkraft vernachlässigend – gar nicht entrinnen kann. Was geschieht, wenn in Berlin oder Hamburg die Bomben von Terroristen explodieren oder falls die Europäische Union aus ihrem südlichen oder östlichen Umfeld massiver Erpressung und Einschüchterung ausgesetzt wäre?“  (Peter Scholl-Latour, ebd.).

„Bis dahin sollte die Bundeswehr sich von den überalterten NATO-Schablonen gelöst haben und über die Mittel verfügen, notfalls auch im nationalen Alleingang, am besten aber im engen Verbund mit den französischen Schicksalsgefährten, diesen Gefahren mit vernichtenden Gegenmaßnahmen, notfalls auch mit gezielten »preemptive Strikes« zu begegnen. Dabei kommt es nicht auf die Massen an, sondern auf die kriegerische Eignung einer hochtrainierten Truppe und ihrer speziellen Eingreifkommandos. Diejenigen europäischen Partner, die sich wie Tony Blair als »Pudel Amerikas« behandeln lassen und die kontinentale Einigung lediglich als eine Art Freihandelszone zu akzeptieren bereit sind, würden dann ihrem eigenen Hang zum Rückfall in Zwist und Mißgunst überlassen bleiben. Die deutschen Politiker ihrerseits, die mit ihren endlosen internen Querelen gelegentlich an das christliche Byzanz erinnern, dessen Senat unmittelbar vor der Eroberung der »Polis« durch die osmanischen Heerscharen Mehmet II. über das Geschlecht der Engel debattierten, würden ihren Auftrag sträflich verfehlen, wenn sie sich nicht eine Überlebensmaxime zu eigen machten, die Napoleon zugeschrieben wird: Regierungskunst gründet sich auf Vorausschau!“ (Peter Scholl-Latour, ebd.).

Zwischen den Fronten. Erlebte Weltgeschichte (2007)

„Im Alter von 83 Jahren und nachdem ich mit Ausnahme einiger winziger Eilande im Pazifik und in der Karibik sämtliche Länder der Welt aufgesucht habe - nur Osttimor bleibt noch abzuhandeln -, glaube ich mich als Chronist auf die Aussage von Leopold von Ranke berufen zu können: »Der Historiker muß alt werden«, so urteilte er, »da man große Veränderungen nur verstehen kann, wenn man persönlich welche erlebt hat.« Daran hat es in meinem Leben wahrlich nicht gemangelt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 7).

„In gewisser Hinsicht bleibt selbst im 21. Jahrhundert die Infanterie immer noch die Königin des Schlachtfeldes.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 194).

„Wer Deutschland am Hindukusch verteidigen will, täte gut daran, die geographischen Dimensionen zu berücksichtigen, seine Aufmerksamkeit den Nachbarländern unseres Kontinents zuzuwenden und den Grundsatz Friedrichs des Großen zu beherzigen, der seine Offiziere instruierte, daß derjenige, der alle Positionen verteidigen will, in Wirklichkeit nichts verteidigt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 199 ).

„Der gesunde Menschenverstand und die politische Klugheit gebieten, sich stets in die Mentalität anderer Kulturkreise zu versetzen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 199 ).

„Der territoriale Mißbrauch der NATO-Struktur »out of area« hat die Bündnisorganisation in einem Maße ausgelaugt und ausgefranst, daß das US-Oberkammondo Autorität und Kompetenz eingebüßt hat.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 294).

„In Berlin scheinen das Überleben der Eisbären am Nordpol, die Aufstellung landschaftsverschandelnder Windspargel im Zeichen einer Pseudo-Ökologie und jener Unterwerfungsreflex, der gerade bei den domestizierten Pseudorevoluzzern der 1968er Bewegung seltsame Blüten treibt, den Vorrang zu genießen vor der strategischen Selbsterhaltung der Nation und des Kontinents.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 295).

„In wenigen Jahren wird die deutsche Verteidigungspolitik vor folgende Alternative gestellt: Entweder beteiligt sich die Bundeswehr organisch an einem europäischen, das heißt deutsch-französischen Nuklear-Deterrent, oder sie wird im nationalen Alleingang auf diese unentbehrliche Form der Abschreckung zurückgreifen müssen, um das deutsche Volk vor unermeßlichen Schaden zu bewahren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 298).

„Dem Zufall, den vertraulichen Warnungen der CIA, der Wachsamkeit der deutschen Sicherheitsbehörden, aber auch der mangelnden Professionalität der Attentäter war es zu verdanken, daß die Bundesrepublik Anfang September 2007 vor monströsen Sprengstoffanschlägen einer gewissen »Islamischen Jihad-Union« verschont blieb.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 300).

„Was soll man ... von einem Bundestag halten, der eine Aufstockung der deutschen Afghanistan-Präsenz beschloß und die Unterstellung von ISAF unter NATO-Kommando ohne ernsthafte Debatte verabschiedete, sich jedoch in moralischen Vorwürfen gegen die eigenen Soldaten erging.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 304).

„Folgende Prinzipien werden aus der neuen Situation abgeleitet: Nicht mehr das offene Land, sondern die Städte bieten den Freischärlern den besten Schutz. .... Mehr denn je bewahrheitet sich die These von Clausewitz, wonach Zufall und Ungewißheit jede militärische Aktion stärker bestimmen als eine noch so ausgeklügelte Planung. .... In der derzeitigen Phase des asymmetrischen Krieges kommt der ... technischen Überlegenheit nur noch begrenzte Bedeutung zu. Von einem erdrückenden Aufwand feindlicher Mittel bedroht, wird die Aufstandsbewegung ihr Heil in der Zerstreuung ihrer Kampfgruppen suchen und darauf verzichten, feste Stellungen zu verteidigen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 306).

„Dem Terrorismus, der unweigerlich und unvermeidbar auf uns zukommt, begegnet man am besten mit kalter Entschlossenheit und - soweit es geht - mit Gelassenheit. Beunruhigend ist hingegen der Mangel an Kompetenz, der medienbezogene Konformismus, die bündnisfixierte »political correctness« (**), die die parlamentarische Debatte in Berlin so realitätsfern erscheinen läßt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 307).

„In Deutschland optiert die Mehrheit der Bevölkerung für eine baldige Räumung Afghanistans, aber neuerdings ist es bei Parlamentariern und Publizisten Mode gworden, die Meinung des Bürgers geringzuachten, gemäß der vulgären Redensart von einst: »vox populi, vox Rindvieh«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309).

„Mit grimmiger Heiterkeit kann ich feststellen, daß ausgerechnet jene früheren Wortführer eines utopischen Ultra-Pazifismus sich heute als Bellizisten in die Brust werfen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309).

„Unter den Journalisten plädieren vor allem diejenigen für einen unbegrenzten und verstärkzen Einsatz deutscher Truppen, die niemals ihren Fuß auf afghanischen Boden setzten oder sich allenfalls unter massiven Schutz zu einer Stippvisite aufrafften. Ein deutscher General erklärte vor laufender Kamera, wenn Deutschland nicht in Afghanistan verbleibe, dann komme Afghanistan zu uns. Er täte gut daran, einen Blick auf die Landkarte zu werfen. Was sich zur Stunde im Irak, im Nahen Osten, demnächst auf den Balkan und übermorgen in Nordafrika abspielt, ist für Europa unenedlich wichtiger als die Behauptung von isolierten Stützpunkten im hintersten Winkel Zentralasiens.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309).

„Die deutsche Öffentlichkeit unterliegt einer permanenten Desinformation. Wer will denn schon zur Kenntnis nehmen, daß das abscheuliche Attentat vom 11.09.2001 in den USA nicht das Werk afghanischer Freischärler, sondern saudi-arabischer Studenten war. Al Qaida ist keine afghanische, sondern eine saudische Organsiation. Finanziert wird sie - so berichten US-Medien - zu einem wesentlichen Teil durch den Trust »Dar-el-Maal-el-Islami« des hoch angesehenen Prinzen Mohammed el Faisal und seinesgleichen. Vergessen wir nicht, daß Osama bin Laden seine »grüne Fremdenlegion« in enger Zusammenarbeit mit der CIA rekrutierte, um sie gegen den sowjetischen Überfall auf Afghanistans einzuzsetzen. Sogar an der Aufstellung der Taliban-Horden des Mullah Omar waren us-amerikanische und pakistanische Geheimdienstler maßgeblich beteiligt. Viel zu spät entdeckten sie, daß sie sich mit unheimlichen Gesellen eingelassen hatten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309-310).

„Die am Hundukusch befindlichen Truppen sind dem Oberbefehl der NATO, das heißt de facto dem us-amerikanischen Kommando untergeordnet. In diesem Feldzug, der sich auf abenteuerliche Weise »out of area« abspielt, könnte die ohnehin obsolete Bündnisstruktur vollends zu Bruch gehen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310).

„Was die bevorzugte Sonderstellung der Deutschen bei den Afghanen betrifft, so muß mit Ernüchterung festgestellt werden, daß us-amerikanische Dienste, die sich durch Tarnung mit deutschen Fähnchen und Nummernschildern einen gewissen Schutz vor den Taliban versprechen, diese Praxis inzwischen aufgegeben haben.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310).

„Eine zusätzliche Täuschung der Öffentlichkeit findet statt, wenn der Tod von Bundeswehrsoldaten in Kundus und die Entführung von zwei deutschen Ingenieuren in der Provinz Wardak zu Schicksalfragen hochgespielt werden. natürlich kann die Berliner Regierung nicht ein strategisches Projekt aufgeben, weil dabei Soldaten ums leben kommen. Das gehört leider zu jeder kriegerischen Aktion. Erst recht darf sie sich nicht durch kriminelle Banden erpressen und zu einer politischen Kursänderung drängen lassen, weil deutsche Zivilisten auf schändliche Weise als Geiseln mißbraucht werden. Diese zutiefst schmerzlichen Erfahrungen berühren jedoch nicht den wesentlichen Punkt, nämlich die Frage, ob der NATO-Einsatz am Hindukusch überhaupt Sinn macht. Die Antwort kann nur ein deutliches Nein sein.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310-311).

„Es gibt keine NATO-Kontrolle über Afghanistan, weder im umkämpften Süden und Osten noch im relativ ruhigen Norden, wor die Bundeswehr ihre Schutzburgen aufgebaut hat. Von den Soldaten, die dort gewissenhaft ihren Dienst versehen, existiert in der Heimat meist ein falsches Bild. Diese mit Logistik und Versorgungseinrichtungen überfrachtete Truppe, die sogar ihre gesamte Verpflegung aus Deutschland einfliegen läßt, als ob es in Afghanistan kein vorzügliches Hammel- oder Rindfleisch sowie herrliche Früchte gäbe, sind in ihren jeweiligen Basen regelrecht eingesperrt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 311-312).

„Die Berliner Regierung hat lange genug »Feigheit vor dem Freunde« praktiziert. Sie muß endlich von der us-amerikanischen Führung ernsthaft und zwingend eine Erklärung verlangen, welches ihre langfristige Planung ist und wie sie sich eine Weiterführung dieser »mission impossible« am Hindukusch vorstellt. Wer möchte schon darauf warten, daß die US-Verbände plötzlich und ohne Vorwarnung den Rückzug natreten wie 1994 nach den Rückschlägen in Mogadischu während er UNO-Aktion in Somalia. Damals mußte das Bundeswehr-Kontingent, das in der Nähe der äthiopischen Grenze kampierte, sich beeilen, um rechtzeitig den Einschiffungshafen zu erreichen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 316).

„Warum ich dem deutschen Einsdatz am Hindukusch einen solchen Raum im Rahmen einer Betrachtung über die Fragmentierung Europas gewidmet habe? An dieser Stelle könnte die ... Bundesrepublik, die ihre außenpolitischen Richtlinien in der Ökologie und im Humanitätsdusel zu suchen vorgibt, von der Nemesis geschichtlicher Unerbittlichkeit eingeholt werden. Für ... Berlin droht Afghanistan eines Tages den gleichen negativen Stellenwert zu gewinnen wie der Irak-Feldzug für ... Washington. Kein geringerer als Brent Scowcroft, der frühere Sicherheitsberater des Präsidenten Bush senior, fragt sich bereits, ob die NATO an diesem Einsatz in Zentralasien zerbrechen wird.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 317).

„In den Talk-Shows über Afghanistan offenbart sich eine skandalöse Diskrepanz zwischen den nüchternen, meist pessimistischen Aussagen all derer, die sich an Ort und Stelle aufhielten und in engem Kontakt mit der dortigen Bevölkerung lebten - darunter befinden sich auch die Repräsentanten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz -, und einer Riege von besserwisserischen, beschwichtigenden Politikern jeder Couleur, die sich krampfhaft an getürkte Statistiken und folgenschwere Fehleinschätzungen klammert. Die traurige Realität am Hindukusch wird in Berlin konsequent negiert.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 346-347).

„Es ist reale Gefahr im Verzug, wenn der außenpolitische Sprecher einer großen Koalitionspartei behauptet, der asymmetrische Krieg und das Auftreten von »illegal combatans« seien eine originäre, völlig neue Entwicklung unserer Tage. Diese Kampfweise ist in Wirklichkeit so alt wie David und Goliath. Was der Staat USA als verbrecherischen Terrorismus brandmarkt, war von jeher die Grundregel eines jeden Partisanenkampfes, einer jeden Guerilla und der meisten Befreiungskriege.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 347).

„Die Methodik, die technische Kapazität des Widerstandes haben sich jedoch - parallel zu den atemberaubenden Rüstungsfortschritten der regulären Streikräfte in den USA - gründlich gewandelt. Die Kämpfer des Untergrundes verfügen jetzt ebenfalls über gesteigerte Vernichtungskraft und ausgeklügelten Erfindergeist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 347).

„Man verschone uns mit der Vokabel »feiger Mord«, wenn ein verzweifelter Kamikaze sich selbst in die Luft sprengt, während der ihm nachstellende Bomberpilot aus 10000 Meter Höhe seine tödliche Ladung ausklinkt und absolute persönliche Sicherheit genießt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 347).

„Die resignative Formel »mundus vult decipi« - »die Welt will betrogen werden« - muß allzuoft als Regierungsrezept herhalten. Wann werden die deutschen Politiker auf die erwiesenennaßen falsche Argumentation verzichten, die exakte Planung, die präzise Ausführung des Anschlags vom 11.09.2001 seien in den Höhlen des Hindukusch errfolgt. Mag sein, daß Osama Bin Laden, der bis 1991 als Rekrutierungs-Agent der CIA in diesem Raum tätig war, nach seiner plötzlichen, religiös motivierten Kehrtwendung gegen die USA den Auftrag zur Zerstörung des World Trade Center erteilte. Das hätte er aber auch von jedem beliebigen Punkt der Erde aus tun können. In den viel genannten El-Qaida-Lagern Afghanistans fand nicht viel mehr statt als infanteristische Grundausbildung und eine rudimentäre Anleitung zum Bau von Sprengsätzen. Das Spezialtraining der überwiegend saudischen Todeskandidaten als Piloten vollzog sich ausschließlich in den USA, und nur dort konnten die Flugpläne eingesehen und koordiniert werden, die den Todesengeln den Zeitplan vorgaben. Im übrigen läßt sich die übliche Behauptung nicht aufrechterhalten, beim Anschlag vom 11. September 2001 habe es sich um eine bislang vorstellbare, infernalistische Premiere gehandelt. Schon 1993 hatten die Komplizen des Scheich Omar Abdurrahman, eines blinden ägyptischen Predigers, der - im Besitz der »Green Card« - ebenfalls die Werbetrommel für islamische Freiwillige ... gerührt hatte, mit unzulänglichen Mitteln versucht, das Fundament des gleichen New Yorker Wolkenkratzer-Komplexes zu sprengen. Dafür büßt Scheich Omar heute in den USA eine lebenslange Haftstrafe ab.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 348).

„Wenn unsere maßgeblichen Parlamentarier außerstande sind, die jüngsten Ereignisse zu deuten und statt dessen gezielten Fälschungen erliegen, wie verhält es sich dann erst bei ihrer Bewertung weiträumiger geschichlicher Vorgänge. Auf welches Augurernspiel der Zukunftserkundung lassen sie sich dann ein?“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 348).

„Am Ende zahlloser Vorträge, die ich in allen Gegenden der Bundesrepublik hielt, pflegte ich meine festlich gestimmten Gäste gern mit einem Satz ... aufzuschrecken: „ Im Abgrund der Geschichte ist Platz für alle.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 349).

Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang (2009)

Kapitel:Vorwort1234566a6b6c6d6e6f6g6h77a7bNachwort

„Die politische Ausrichtung der USA wird nicht mehr durch eine Bevölkerungsminderheit definiert, die sich rühmte, »White, Anglo-Saxon and Protestant« zu sein.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 9).

„Seit Ende des Zweiten Weltkrieges sieht sich diese transatlantische Allianz globalen Machtverschiebungen ausgesetzt, denen sie schon aus demographischen Gründen nicht gewachsen ist. Dem »weißen Mann« ist ja nicht nur das Monopol industrieller und militärischer Überlegenheit abhanden gekommen. Ihm fehlen heute vor allem das Sendungsbewußtsein, die Lust am Abenteuer sowei die die Bereitschaft zur Selbstaufopferung, auf die sich sein immperialer Anspruch gründete.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 9).

„Ich bin so alt, daß ich die Stunde einer akuten Bedrohung wohl nicht mehr erleben werde. Doch schon die kommende Generation wird sich mit der schmerzlichen Anpassung an eine inferiore Rolle im globalen Kräftespiel, an geschwundenes Prestige abfinden müssen und mit dem tragischen Fatum leben, daß den weißen Herren von gestern das sachte Abgleiten in Resignation und Bedeutungslosigkeit bevorsteht. Der Ausdruck »White Man« ist heute ja schon verpönt und mit dem Odium des Rassendünkels behaftet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 10).

„Obama ... hat ... eingestanden, daß den Vereinigten Staaten nicht länger die Mittel zur Verfügung stünden, die Welt nach ihren Vorstellungen auszurichten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 15).

„Man hüte sich vor verallgemeinerungen. Mir ist sehr wohl bewußt, daß eine beachtliche Zahl von internationalen Hilfswerken vorbildliche und selbstlose Arbeit leistet. Man denke nur an Caritas, Brot für die Welt, Ärzte ohne Grenzen, die »Grünhelme« Rupert Neudecks, an die Malteser und mache andere mehr. Doch die Masse der »Non-Governmenatl Organizations« - im afghanischen Kabul sind sie in Hundertschaften präsent - steht allzu oft im Diesnte undurchsichtiger Geschäfte, des exotischen Reiserummels, eine egoistischen Selbstbestätigung und mehr noch der humanitär getarnten Spionage.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 23).

„Denn während das Mutterland seine Bedeutung einbüßte und auf den Status eines Kleinstaates an der europäischen Peripherie schrumpfte, entfaltet sich in unseren Tagen das immense Territorium Brasiliens zur amerikanischen Großmacht, die dank ihres wirtschaftlichen, morgen wohl auch politischen Potentials das lusitanische Erbe an die Nachwelt weiterreicht, Brasilien hat die Vasallenrolle, die Washington den lateinischen Staaten Mittel- und Südamerikas im Sinne der Monroe-Doktrin so lange angewiesen hatte, längst abgeschüttelt. Auf seltsame Weise wirkt hier der Schiedsspruch des Borgia-Papstes Alexander VI. nach, der um da Jahr 1500 die Neuentdeckunegn auf dem gesamten Erdball zu einer Hälfte den Spaniern, zur anderen den Portugiesen zugesprichen hatte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 28-29).

„Die Grausamkeit und die Habgier, mit denen die Besitzergreifung der iberischen Coqistadoren und auch ihre christliche Missionierung einhergingen, soll nicht beschönigt werden. Die späteren, überwiegend angelsächsischen Eroberer - denken wir nur an die Ausrottung der Indianer Nordamerikas - standen dem Wüten eines Cortés, der Herrschsucht eines Albuquerque, der Goldgier eines Pizarro übrigens in keiner Weise nach.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 29).

„Es gehört zu den absurdesten Kapiteln der europäischen Kolonialgeschichte, daß Protugiesen und Niederländer sich dreihundert Jahre lang um den Besitz von ein paar entlegenen und - an Java oder Ceylon gemessen - dürftigen Eilanden bekriegen sollten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 31).

„Holland - Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation - hatte dem Katholizismus den Rücken gekehrt. .... Wie »global« schon vor einem halben Jahrtausend die konfessionellen Gegensätze ausgetragen wurden und aufeinanderprallten, entnehmen wir einer Stophe des Siebten Gesangs der Lusiaden. Da heißt es: »Ihr seht der Deutschen hochmütige Herde, // Die sich auf weitflächigem Feld ernährt, // Den neuen Hirten wählt der neuen Lehre (gemeint sind Calvin und Luther) // Und gegen Petri Erben aufbegehrt.// Ihr seht beladen sie mit Kriegsbeschwerden, // Da sie der blinde Wahn noch nicht belehrt, // Nicht um den stolzen Türken zu verjagen, // Nein, um das hohe Joch (des Papstes) nicht mehr zu tragen» (Louís de Camões, Gesang der Lusiaden, 7. Gesang, 4. Strophe).“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 31-32).

„Der greise Camões, der von einer kümmerlichen Rente seines Königs ein trauriges Dasein fristete, wurde noch verzweifelter Zeuge des Niedergangs seines Vaterlandes. Es klingt seltsam modern, wenn er am Ende die Habgier und Verderbtheit seiner Landsleute, die der Sucht nach Ruhm und Reichtum erlegen waren, für das Scheitern des portugiesischen Imperiums verantwortlich macht. Er schließt sich damit der Verdammung der »avaritia« an, der wütenden Kritik an der Habsucht, an der zunehmenden gesellschaftlichen Ausrichtung auf Profit und Geldwirtschaft, die seiner christlichen Grundhaltung zutiefst widersprach und von zahlreichen Moralisten und Literaten seiner Epoche geteilt wurde. Schon damals gab es ideologische Gegner eines weltumspannenden Glücksrittertums, das uns seltsam vertraut vorkommt. Die Tragödie des Dichters Camões gipfelte in der Annexion Portugals durch den spanischen König Philipp II., die im Jahr 1580, im Jahr seines Todes, stattfand und fast ein Jahrhundert andauern sollte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 32).

„Ich will die Analogien nicht exzessiv bemühen, aber an dieser Stelle sollte einer der bedeutendsten Exegeten des Camões- Werks, der Deutsche Rafael Arnold, zu Wort kommen: »Inzwischen sind die Entdeckungen in andere Richtungen gelenkt. Aus dem geographischen Raum in den Weltenraum oder in den Mikrokosmos atomarer Kleinstteile. Daneben entdecken wir heute -den Blick auf den Bildschirm geheftet - am Computer ungeahnte virtuelle Welten. Der Wortschatz der Entdeckungen verdankt dabei bis heute der nautischen Fachsprache sehr viel. Astronauten bereisen ganz selbstverständlich in Raumschiffen das Weltall. ›Explorer‹ helfen bei der Orientierung im elektronischen Informationsspeicher, und unterstützt von einem ›Navigator‹ erkunden wir die ›novos mundos‹ virtueller Wirklichkeit, wenn wir durchs Internet surfen. ›Navegar na internet‹ nennen das die Portugiesen, von denen Camões einst stolz sagen konnte: ›Der Welt werden sie neue Welten bringen.‹ (II, 45)«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 32-33).

„Im Rückblick erscheint der endlos schwelende Konflikt zwischen Portugiesen und Holländern - letztere hatten vorübergehend, aber ohne bleibenden Erfolg auch in Nordost-Brasilien Fuß gefaßt als historischer Aberwitz, als extravagantes Vorgeplänkel jener europäischen Selbstzerfleischung, an deren Ende die düstere Vorahnung des »Untergangs des Abendlandes« steht. Die merkantile Hartnäckigkeit der Ostindischen Handelsgesellschaft, die 1799 der staatlichen Autorität der niederländischen Regierung unterstellt wurde, hat es dem Haus Oranien immerhin erlaubt, eine riesige koloniale Domäne zwischen der Nordspitze Sumatras und der Westhälfte Neuguineas extrem gewinnbringend auszubeuten, während Portugal, das sich in Asien lediglich in winzigen Dependancen behauptete, sich bis 1974 ohne großen Profit an seine weitflächigen afrikanischen Besitzungen klammerte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 33).

„Das Beispiel dieser europäischen Kleinstaaten, in deren Unterbewußtsein die Erinnerung imperialen Prestiges nicht erloschen ist, illustriert die profunden psychologischen Vorbehalte, die sich der heute angestrebten Einigung des Kontinents entgegenstemmen. Nicht nur Holland und Portugal hatten sich vorübergehend als Großmächte gebärdet. Neben Briten, Spaniern, Franzosen und Deutschen .... In der Nachfolge Kaiser Karls V, »über dessen Reich die Sonne nie unterging«, verstieg sich das Haus Habsburg zu der Devise A. E. I. 0. U.: »Austriae est imperare orbi universo« (es ist Österreich bestimmt, die Welt zu beherrschen) oder auch: »Alles Erdreich ist Österreich untertan«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 33-34).

„Wer heute an den zähflüssigen Querelen der Eurokraten von Brüssel, am frustrierenden Hindernislauf der kontinentalen Einigung, an der von Washington geschürten Divergenz zwischen »Old and New Europe« verzweifelt, sollte neben den pompösen Schriften des Barden Camões auch die exaltierten patriotischen Aufrufe, die nationalistischen Haßpredigten des 19. und 20. Jahrhunderts zur Hand nehmen, die die machtpolitische Abdankung des Okzidents begleiteten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 34).

„Hier bestätigt sich eine historische Kontinuität. Schon das späte römische Imperium hatte in der langen Folge seines Niedergangs die unzureichend bemannten legionen durch Anwerbung von »Barbaren« ergänzen müsse, wobei den egrmanischen Stämmen jenseits des Limes (denn es gab auch germanische Stämme diesseits des Limes!HB), aber auch den Numidiern, Dalmaten oder Nubiern eine besondere Rolle zufiel.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 39).

„Das britische Empire hatte es seinerseits meisterhaft verstanden, die unterschiedlichsten rassen in den »Mint«, in den Prägestock seines militärischen Drills, zu pressen und dieser Kolonialtruppe sogar das Gefühl zu vermitteln, einer kriegerischen Elite anzugehören. In der »Grande Armée« Napoleons, die auf Moskau zumarschierte, wurde mehr Deutsch als Französisch gesprochen. In den mörderischen Vernichtungsschlachten des Ersten Weltkriegs griffen Franzosen massiv auf Senegalesen und Algerier zurück.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 39).

„Die riesigen afrikanischen Territorien von Angola und Mosambik ... waren einer solchen Vernachlässigung und Mißwirtschaft anheimgefallen, daß vor dem Ersten Weltkrieg Engländer und deutsche vorübergehend über deren Aufteilung verhandelten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 40).

„Wie dieses Land laut offizieller UNO-Darstellung an mangelnder Ernährung, ja Hungersymptomen leiden soll, läßt sich schwer erklären.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 55).

„Als Wendepunkt des internationalen Pokerspiels nennt er den 12. November 1991. An diesem Tage hatten sich in Dili etwa tausend einheimische Patrioten am Friedhof Santa Cruz versammelt, um den Tod eines im Kampf gefallenen Widerstandskämpfers zu beklagen. Indonesische Soldaten eröffneten das Feuer und richteten ein Massaker an. Das war eigentlich nichts Ungewöhnliches. Aber dieses Mal geriet das brutale Vorgehen des General Suharto in das grelle Licht der westlichen, vor allem der us-amerikanischen Medien. Ganz zufällig sei die internationale Anteilnahme wohl nicht zustande gekommen, bemerkt Fernando mit müdem Lächeln.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 57).

„Im Jahr 1991 schwelgten die USA in der Gewißheit, ihr Ziel einer weltweiten Hegemonie erreicht zu haben. Die Sowjetunion war auseinandergebrochen. Präsident Bush senior hatte Saddam Hussein in die Knie gezwungen. Im Kapitol zu Washington keimte eine Vorstellung, die unter George Bush II. zur Obsession werden sollte. Demnach müßten im Zeichen einer ideologischen Gleichschaltung sämtliche Länder des Erdballs die us-amerikanischen Vorstellungen von Demokratie und Kapitalismus übernehmen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 57).

„Dem Diktator Indonesiens, Hadji Mohamed Suharto, der als unerbittlicher Kommunistenfeind ein willkommener Verbündeter war, hatte man bislang Grausamkeit und Korruption nachgesehen. Unter der energischen Führung des »lächelnden Generals« hatte sein gigantischer Archipel sogar einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Doch plötzlich wurde der alternde Despot, der sich zunehmend störrisch zeigte und den Weisungen des Internationalen Währungsfonds mit berechtigtem Mißtrauen begegnete, ein unbequemer, ja belastender Alliierter. Zudem kam der Verdacht auf, daß er sich zur Konsolidierung seines Regimes nicht nur auf die unentbehrliche Armee stützte, sondern gewissen islamischen Kräften zu weiten Spielraum einräumte. Kurzum, der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan, der Mohr konnte gehen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 57-58).

„Es war ja nicht das erste Mal, daß Washington bewährte Gefolgsleute fallenließ. Im Gedankenaustausch mit meinem portugiesischen Gesprächspartner erwähne ich das traurige Schicksal des Präsidenten Ngo Dinh Diem in Vietnam, den Schah von Persien, diverse Caudillos in Lateinamerika und neuerdings auch die Pressekampagne gegen General Pervez Musharraf in Pakistan.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 58).

„Die indonesischen Kommandeure, die Tausende ihrer Soldaten in der Guerrilla von Ost- Timor verloren hatten und nach der Gefangennahme des wichtigsten Partisanenführers Xanana Guzmão überzeugt waren, der »Pazifizierung« dieser rebellischen 27. Provinz nahe zu sein, hatten sogar den Gedanken an eine begrenzte Autonomie Ost-Timors weit von sich gewiesen. Die Situation änderte sich jedoch gründlich, als im Jahr 1997 Ostasien durch eine katastrophale Finanzkrise erschüttert wurde. Noch heute hält sich in den Ländern, die von dieser Rezession getroffen wurden, der Verdacht, daß sie in einer ersten Phase durch die Manipulationen des Finanzmagnaten George Soros, seine Spekulation gegen die thailändische Bath-Währung, ausgelöst und anschließend durch das krampfuafte Festhalten an den schädlichen Entscheidungen des Weltwährungsfonds auf eine ganze Reihe anderer Staaten in Fernost -darunter Südkorea- ausgeweitet wurde. Am härtesten betroffen war Indonesien, wo die Währung, die Rupiah, ins Bodenlose stürzte, die aufstrebenden Industriezweige plötzlich zusammenbrachen und das Gespenst des Staatsbankrotts auftauchte. Eine Welle von Verzweiflung, Wut und Gewalt bemächtigte sich der bislang so passiv und unterwürfig wirkenden Massen. Ganz Indonesien könnte Amok laufen, so befürchteten die Experten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 58).

„Daß die drangsalierten Timoresen am 30. August 1999 sich dennoch mit 78,5 Prozent der Stimmen für die Unabhängigkeit aussprachen, traf die indonesischen Militärs wie ein harter Schlag und eine tiefe Demütigung. .... Im September schlug die Stunde der bewaffneten Intervention der Vereinten Nationen. .... Die »International Force for East Timor« (INTERFET) übernahm die militärische Kontrolle.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 59-60).

„»So lautet die offizielle Story, die Sie überall nachlesen können«, fahrt Fereira fort, »aber der wirkliche Hintergrund dieses plötzlichen Sinneswandels und der überstürzten Intervention der ›Internationalen Völkergemeinschaft‹, wie es so schön heißt, präsentiert sich ganz anders.« Die globale Strategie spiele natürlich eine vorrangige Rolle. Die Gerüchte, wonach die US Navy an der Nordküste von Timor-Leste oder auf Atauro eine Marinebasis errichten wolle, haben sich bisher nicht bewahrheitet. Aber Marineexperten verweisen weiterhin darauf, daß die tiefen Gewässer der Savu-See und der Wetar Strait - zummal in der Perspektive eines Konfliktes mit China - eine ideale und sichere Direktpassage für us-amerikanische Nuklear-U-Boote vom Pazifik zum Indischen Ozean darstellen. Selbst in harmlosen, völlig unvoreingenommenen Guide Books wird angedeutet, daß diese günstige maritime Topographie bei dem plötzlichen Eintreten Washingtons für die Unabhängigkeit Timor-Lestes eine größere Rolle gespielt haben dürfte als die Beteuerung heiliger Prinzipien der Menschenrechte und der nationalen Selbstbestimmung.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 60).

„»Raten Sie, was beim Engagement Washingtons und Canberras zu Gunsten dieser Zwergrepublik den wirklichen, den entscheidenden Ausschlag gegeben hat?«  fragt mein portugiesischer Mentor mit bitterem Lächeln. Die Antwort fällt nicht schwer: »Es ist das Erdöl!«  Ich sage einen Spruch auf, der - nach eigenen Erfahrungen rings um die Welt - weiterhin seine Gültigkeit besitzt. So wie es zu Zeiten des britischen Empires üblich war, daß die Seeleute Ihrer Majestät den Finger in das Wasser der Ozeane tauchten mit der Bemerkung: »Tastes salty, must be British - Schmeckt salzig, muß also britisch sein«, so erhebt um die Wende zum einundzwanzigsten Jahrhundert die einzig verbliebene Supermacht USA den Anspruch: »Smells oily, must be (US[!]-)American« Riecht nach Öl, muß also us-amerikanisch sein.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 61).

„Die Timor-See, so wußten die Prospektoren seit geraumer Zeit, enthält knapp achtzig Meter unter dem Meeresspiegel reiche Vorkommen an Petroleum und Erdgas. Nun trifft es sich, daß das Bayu-Undan-Feld, wo die Förderung bereits im Gange ist, nur 250 Kilometer südwestlich des timoresischen Fischerortes Suai, aber 500 Kilometer vom nordaustralischen Hafen Darwin entfernt liegt. Schon ist eine Pipeline für Gastransport im Bau, die nicht nach Suai, sondern nach Darwin führt, von wo der Weiterexport in Richtung Japan stattfinden soll.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 61).

„Das Abkommen, »Timor Gap Treaty« genannt, das unter Mißachtung der geographischen Fakten und der völkerrechtlich verbindlichen Usancen unterzeichnet wurde, kam unter massivem Druck Canberras zustande. Eine extrem komplizierte Regelung wurde mit dem internationalen Konzern Phillips Petroleum vereinbart, aus dem nur eines mit Klarheit hervorgeht, nämlich die eindeutige Benachteiligung der Timoresen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 61).

„Sollte in Dili eines Tages eine handlungsfähige und selbstbewußte Regierung ans Ruder kommen, wäre der offene Streit mit Australien vorprogrammiert, zumal die Ausbeutung der zusätzlichen Reserven und Förderblocks im »Greater Sunrise Field« noch nicht zugeteilt wurde. Wer wohl als Gegenspieler der Angelsachsen und als Sekundant der geprellten Timor-Regierung in Frage käme, frage ich. »Auf lange Sicht kommt nur eine Großmacht in Frage«, lautet die Antwort. »Das wird mit Sicherheit nicht die Europäische Union sein, als deren Mitglied Portugal seiner ehemaligen Kolonie beistehen möchte. Das kann auf Dauer nur die Volksrepublik China sein, die als Aufkäufer des immensen Mineralreichtums Australiens als wenig beliebter, aber unentbehrlicher, unersättlicher Kunde über zunehmende Druckmittel verfügt.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 61-62).

„War es die schlechte Witterung oder eine gezielte Nachlässigkeit der australischen Fluglotsen, daß eine russische Maschine, die mit technischem und elektronischem Gerät aus Portugal zur Aufrüstung der timoresischen Streitkräfte beladen war, im Jahr 2004 ihr Ziel verfehlte und brennend im Busch aufschlug? Nicht weit davon sind Soldaten der im Aufbau befindlichen Armee von Timor-Leste in Baracken untergebracht. Für deren Ausbildung haben die Australier nicht den ausschließlichen Auftrag übernehmen können. Es sind auch Instrukteure aus Bangladesch und diversen ASEAN-Staaten präsent, was der Tauglichkeit dieser Truppe mit Sicherheit nicht zugute kommt. Die Chinesen der Volksrepublik hatten sich ursprünglich auf die Lieferung von Uniformen beschränkt, sind aber angeblich auch als Waffenlieferanten und diskrete Advisors über die ganze Inselrepublik verstreut.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 62).

„Ein paar plumpe Geschütze oder »Feuerschlangen«, wie man damals sagte, hatten genügt, um den weißen Mann zu seiner Weltherrschaft über alle Kategorien farbiger uund exotischer Völker zu verhelfen. Heute dürfte die Anhäufung der perfektioniertesten Technik, der Einsatz von Wunderwaffen, kaum mehr ausreichen, um eine so widernatürliche und anmaßende Dominanz zu verewigen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 62).

„So waren wir nach Grönland gereist und hatten festgestellt, daß die Klimaerwärmung, die ähnlich günstige Agrar- und Weidebedingunegn am rande der gewaltigen Eiskappe wiederherstellte wie zu Zeiten des Wikingers Eriks des Roten, auch den urzeitlich wirkenden Moschusochsen zugute kam.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 64).

„Den Vereinten Nationen - inspiriert durch us-amerikanisch-australische Menschheitsbeglücker - war für das »nation building«, dem sie sich auch in Ost-Timor verpflichtet fühlten, nicht besseres eingefallen als die Einführung der parlamentarischen Demokratie und eines Mehrheitsparteiensystems, das schnursracks auf bürgerkriegsähnliche Zustände zusteuerte. Von der Illusion des »nation building« zum »failed state«, das hätte man spätestens seit Bagdad und Kabul wissen müssen, ist es ja nur ein Schritt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 66).

„Ein anderer schwerer Fehler des Vatikan habe darin bestanden, die überlieferte Lithurgie ihres triumphialen Glanzes, ihres prachtvollen Zeremoniells zu berauben .... Statt dessen habe Rom das streitbare Eintreten für die göttliche Offenbarung den Mudjahidin des Propheten Mohammed überlassen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 76).

„Alkatiri ist sich der verlorenen Randposition seines Ministaates voll bewußt. Er weiß, daß es bei der »Befreiung« Timor-Lestes vom indonesischen Joch vorrangig um den Besitz der vorgelagerten Erdöl- und Erdgasvorkommen ging, um die Interessen der großen Energiekonzerne.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 82).

„Die Intervention auf Ost-Timor sei nur ein Teilaspekt dieser weit ausgreifenden Planung.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 100).

„Seit die Republik von Taiwan sich vorsichtig an Kontinenalchina annähert, baut das Pentagon die us-amerikanische besitzung Guam zu einer strategischen Drehscheibe und einem mächtigen Flottenstützpunkt aus.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 101).

„Weiterhin traurig und hoffnungslos ist es um die Aborigines bestellt, denen die »Sorry«-Erklärung von Primierminister Kevin Rudd und eine ganze Serie sozialer Fürsorgeversprechen wenig geholfen haben. Vor der Ankunft der Weißen mochten diese im Paläolithikum lebenden Urmenschen, die in einer Vielzahl ethnisch differenzierter Stämme zweihundert unterschiedliche Idiome sprechen, schätzungsweise eine halbe Million gezählt haben. Heute werden sie weiterhin auf knapp 500000 veranschlagt -das sind vier Prozent der Gesamtbevölkerung -, aber sie können sich nicht einmal, wie die Indianer Nordamerikas, die von den Weißen systematisch verdrängt und ausgerottet wurden, auf die Legende eines romantischen, heldenhaften Widerstandes gegen die fremden Eindringlinge berufen, der in der Nachwelt weiterlebt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 111).

„Auf den Ur-Australiern scheint ein schrecklicher Fluch zu lasten. Vor Ankunft der ersten Europäer lebten sie in Horden als Sammler und Jäger, kannten weder Ackerbau noch Viehzucht. Sie besaßen keine Eigentumsbegriffe. Unter Windschilden aus Laub suchten sie Schutz vor der brennenden Sonne und der empfindlichen Kälte des Winters. Ihr Leben verlief ebenso zyklisch wie die in sich geschlossenen Kreise ihrer mythischen Traumwelt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. ).

„Im Jahr 2008, zu einem Zeitpunkt, da ein afroamerikanischer Emporkömmling die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika übernimmt und somit zum mächtigsten Mann der Welt wirdlohnt es sich, an den Antipoden Europas - in Australien und Neuseeland - Betrachtungen anzustellen über die ungeheuerliche expansive Kraft, die die weiße Menschheit im verflossenen halben Jahrtausend entfaltet hat. In dieser Epoche wurde der nordamerikanische Kontinent zu einem riesigen europäischen Siedlungsgebiet. Die Kosaken des russischen Zaren nahmen die unendliche Nordhälfte Asiens, ganz Sibirien bis zur Küste des Pazifischen Ozeans in Besitz.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 112).

„Die Eroberung und Besiedlung dieser immensen Territorien hat sich unter sehr unterschiedlichen Umständen vollzogen. Die USA berufen sich immer noch in historischer Verklärung auf den calvinistischen Puritanismus und die Sittenstrenge, die Tugenden der Pilgerväter. Bei der Gründung ihrer ersten befestigten Dörfer in Neu-England schwärmten sie von einem neuen Jerusalem, »The City of the Hill«. Die Ankunft der Weißen in Australien stand unter ganz anderen, geradezu konträren Auspizien.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 112).

„»Australia Day« heißt der australische Nationalfeiertag. Ich weiß nicht, wie er heute begangen wird, aber am 28. Januar 1974 enthüllte diese Festivität ohne jeden Komplex ein brutales, grausames Historienbild. Die Kolonisation des Fünften Kontinents, der im siebzehnten Jahrhundert von holländischen Seefahrern sporadisch entdeckt wurde und im Jahr 1770 durch James Cook bei seiner Landung in Botany Bay »for King and Country« zum Besitz der britischen Krone erklärt wurde, begann erst im Januar 1788, als die »First Fleet« in der Nähe des heutigen Sydney 756 europäische Siedler ausschiffte. Hier handelte es sich jedoch um Pilgerväter besonderer Art. Es waren Sträflinge aus dem britischen Mutterland, der kriminelle Ausschuß der frühindustriellen Gesellschaft.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 112-113).

„In jener erbarmungslosen Zeit des von Dickens beschriebenen Frühkapitalismus genügte es allerdings, daß ein Hungerleider einen Laib Brot stahl, um ihn hinter Gitter zu bringen, ganz zu schweigen von den katholischen Iren, die sich gegen die willkürliche Unterdrückung durch ihre englischen Fronherren zur Wehr setzten. Der erste Gouverneur und Kerkermeister dieser Ansammlung von Zuchthäuslern war zudem jener Kapitän William Bligh, der anläßlich der Meuterei auf der »Bounty« traurige Berühmtheit erlangt hatte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 113).

„Den Australientag erlebte ich damals als historische Parodie. Der alte Stadtkern von Sydney war rekonstruiert worden, und hinter der sorglosen Ausgelassenheit der Gegenwart wurden schmerzliche Narben sichtbar. Zum Scherz traten Laienschauspieler auf, die die gequälten Gefangenen und ihre uniformierten Bewacher darstellten. Sie erinnerten daran, daß allein in denjahren 1830 bis 1837 laut amtlichen Angaben 42000 öffentliche Auspeitschungen stattgefunden hatten. Die unfreiwilligen ersten Siedler, überwiegend Opfer der zum Himmel schreienden sozialen Mißstände beim englischen Proletariat, waren von der herrschenden Klasse Albions wie menschlicher Müll an diesen fernen, unwirtlichen Gestaden ausgesetzt worden. Es waren schwergeprüfte, verrohte Menschen, die nach Absitzen ihrer Haft in die unendliche Weite des »Outback« entlassen wurden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 113).

„In den dunkelhäutigen Aborigines mit ihren Zottelmähnen, die nie einen Sinn für persönliches Eigentum entwickelt hatten und häufig Viehdiebstähle begingen, sahen die weißen Eindringlinge eine schädliche Tiergattung, eine Art Untermenschen, die nicht einmal zur Sklavenarbeit taugten. Sie knallten sie gnadenlos ab oder fielen - in Ermangelung weißer Frauen - über deren höchst unattraktive Weiber her.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 113).

„Wie grauenhaft es bis ins späte neunzehnte jahrhundert zugegangen ist, entdeckte ich bei einem Abstecher auf die Insel Tasmanien in der festungsähnlichen Sträflingsanstaltvon Port Arthur. Ein vergilbtes Foto zeigte einejagdpartie weißer Männer, die sich in triumphierender Pose gruppiert hatten. Die Beute zu ihren Füßen waren keine Tiere, sondern menschliche Ur-Tasmanier, die in ihrer Entwicklungsstufe nicht einmal den Stand der australischen Aborigines erreicht hatten und zumindest ein fürsorgliches ethnologisches Interesse verdient hätten. Doch sie wurden wie nutzlose Tere zur Strecke gebracht und systematisch ausgerottet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 113-114).

„Trotz mancher Zugeständnisse, die die Regierung von Canberra seit den 1980er Jahren den Eingeborenen machte - dazu gehörte die Zuweisung riesiger Flächen des Kontinents - kommt es nur extrem selten zu einer wirklichen Integration oder einer Hinwendung der Aborigines zu nützlicher, gewinnbringender Tätigkeit. Die wenigen Wortführer einer berechtigten Auflehnung und Rückbesinnung auf die eigenen Bräuche sind meist farbige Australier, die zum Teil auf weiße Vorfahren zurückblicken, und selbst sie gestehen, daß ihr Anspruch auf Gleichheit allzu oft an der Passivität der eigenen Artgenossen scheitert, daß es aber auch keine Rückkehr zur angestammten Kultur geben könne. Sogar die christlichen Missionare und engagierten Philanthropen neigen zur Resignation.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 114).

„Inzwischen findet eine zunehmende Verstädterung der Urbevölkerung statt. Vor dreißig Jahren hatten sich schon ein paar tausend Aborigines im Stadtteil Redfern von Sydney in einer Art Ghetto niedergelassen. Sie hatten dort sogar ein kleines Theater eingerichtet, und die Bühnenszene sollte das Leben einer Eingeborenenfamilie vor der Ankunft der Weißen zeigen. Der Vater brachte dem Sohn bei, wie man ein Känguruh erlegt. Der »gute Wilde« des Jean-Jacques Rousseau wurde auf der Bühne von Redfern lebendig.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 114).

„In der Pause schlug die Stimmung hoch. Unter den Zuschauern und Schauspielern war kein einziger reiner Ur-Australier zufinden. Die meisten waren Mischlinge. Manche weiße Sympathisanten hatten sich ihnen zugesellt. Im Mittelpunkt der allgemeinen Begeisterung, die durchaus politisch motiviert war, stand ein junger Farbiger in gut geschnittenem Anzug. Robert Mallet hieß der Autor des Theaterstücks, das den Niedergang seiner Rasse schilderte. Er war speziell für diesen Abend aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er eine Haft von sieben Jahren wegen gewaltsamen Einbruchs verbüßte, und er sollte nach Ende der Aufführung dorthin zurückkehren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 114-115).

„ Die letzte Szene stellte die Unterwerfung der Aborigines dar. Zu dritt waren die Vertreter der weißen Zivilisation angetreten - ein Missionar, ein Soldat, ein Siedler. In grotesker Form versuchten sie dem verstörten Eingeborenen ihre Botschaft und ihre Lebensform aufzuzwingen. Aber der Wilde begriff nicht, und da er sich zur Wehr setzte, wurde er niedergeschossen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 115).

„44 Jahre - von 1874 bis 1918 - hat die schwarz-weiß-rote Fahne des Zweiten Deutschen Reiches über der östlichen Hälfte von Neuguinea und einer Anzahl von Inseln im pazifischen Ozean geweht. Wer weiß das überhaupt noch in der heutigen Bundesrepublik? .... Der frühere deutsche Verwaltungssitz von »Kaiser-Wilhelm-Land«, wie man die ferne koloniale Erwerbung genannt hatte, war immer noch ein ... Fischerhafen ....“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 118).

„Lae (Neuguinea), im Frühjahr 1966 .... Gleich am ersten Abend hielt ich auf Wunsch der kleinen deutschen Gemeinde von Neuguinea einen Vortrag über den Prozeß der europäischen Einigung, die - von den Antipoden aus - ziemlich unvorstellbar erschien. Vor dieser Zuhörerschaft von Kaufleuten und ein paar Missionaren hatte ich damals noch im Brustton der Überzeugung über das Versöhnungswerk referieren können, das von Adenauer und de Gaulle kurz zuvor ... zelebriert worden war. Heute würde ich mit erheblichen Vorbehalten von einer kontinuierlichen Union des Kontinents sprechen, die durch über ihre überstürzte Ausweitung weit nach osten ihre Substanz und ihre Kohäsion eingebüßt hat.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 119).

„Da hing eine Reichskriegsflagge, ein schönes Emblem ....“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 119).

„Der Missionar verwies mich auch auf ein Schild der Deutschen Reichspost und vor allem auf das Portal »Hospiz für Eingeborene«. Für die damalige Zeit war eine oslche medizinische Versorgung der schwarzen Papua- bevölkerung keine Selbstverständlichkeit, sondern wirkte durchaus fortschrittlich, auch wenn die weißen Kranken in einem strikt getrennten Gebäude behandelt wurden. Insgesamt scheint die wilhelminische Kolonialverwaltung, die sich auf die humanitäre Vermittluung katholischer und evangelischer Missionare stützte, recht tolerant, ja wohlwollend gewesen zu sein in diesen pazifischen Besitzungen, die die inzwischen umgetauften Inseln neu-Pommern und Neu-Mecklenburg, den Bismarck-Archipel und die winzigen Eilande Mikronesiens und der Marianen umfaßten. Ausgedehnte Plantagen von Kokospalmen deuteten auf die rege Entwicklungsarbeit der damaligen weißen Herren hin.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 119).

„Als 26. Provinz trug »Irian Jaya«, später in »Papua« unbenannt, zu einem beträchtlichen Teil dazu bei, den Staatshaushalt von Jakarta zu finanzieren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 121).

„Im Juli 1969 organisierten die Vereinten Nationen einen »Act of Free Choice« der Eingeborenen, in Wirklichkeit einen schamlosen Wahlbetrug, der ihnen jedoch erlaubte, der Annexion durch Indonesien ihren Segen zu geben. Niemand nahm Notiz vom verzweifelten Aufbegehren, von dem aussichtslosen Widerstand der Papua gegen die übermächtige Armee des Generals Suharto, des neuen Militärdoktors von Jakarta.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 121).

„Im Gegensatz zu den Ureinwohnern Australiens, die über die Stufe von Sammlern und Jägern nie herausgekommen sind, hatten die Steinzeitmenschen von Neuguinea seit Tausenden von Jahren Landwirtschaft und Viehzucht entwickelt. Die ersten weißen Entdecker waren überrascht, bei den Kannibalen des Hochlandes gepflegte Fartenanlagen und ein bescheidenes, ausgewogenes Existenzniveau vorzufinden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 122).

„Jedesmal wenn uns eine der würdigen Gestalten im Adamskostüm begegnete, begrüßte er uns mit dem Spruch: »Godd evenig, Master.« Ein alter Mann, dessen Bart weiß schimmerte, trug dem Umstand Rechnung, daß er zwei Weißen begegnete, und drückte das mit den Worten aus: »Good evening, double Master.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 123).

„Zwischen Guorka und Mount Hagen wurden wir zu zu einer Hochzeitsfeier eingeladen. Die Zahl der geschlachteten Schweine spielte eine entscheidende Rolle. Die Braut, fast nackt wie alle Mädchen im heiratsfähigen Alter, schmückte ihr Haar mit den Federn des Paradiesvogels. Die Ältesten hatten Platz genommen, und ihre Aufmerksamkeit richtete sich weit intensiver auf die geschlachteten Schweine, die der Bräutigam zu entrichten hatte, als auf die eingeschüchterte Braut mit den spitzen Brüsten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 123).

„Von den krampfhaft aufgeblähten Einheiten der »Special Forces«, die seit 2001 und 2003 in Afghanistan und im Irak die Hauptlast des Kampfes tragen, unterscheiden sich die »Green Barrets« von Vietnam durch höheren IQ, durch besseres Training und eine vorzügliche Kenntnis des Terrains.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 170).

„Das Pentagon hat lange gebraucht, um zu erkennen, das im Zeitalter des »asymmetrischen Krieges« die fulminante Perfektionierung von Hi-Tech und Wunderwaffen, die Entfaltung einer ungeheuerlichen vernichtungskapazität, gekoppelt mit der Omnipotenz eines an Allwissenheit grenzenden Beobachtungs- und Spionagesystems, nicht in der Lage sind, das unzureichende Aufgebot an eigenen Bodentruppen zu kompensieren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 178).

„Das desolate Abgleiten der »jungen« afrikanischen Nationen in Chaos und Stammesfehden führte ... vor Augen, wie destruktiv sich die Übertragung des westlichen Parteiensystems auf den angestammten Tribalismus des Schwarzen Kontinents auswirkte. Die europäischen Politiker und Publizisten wiederum hatten sich durch die diversen militärischen Fehlschläge der USA und die dort zunehmende Verrohung der Sitten in ihrer USA-Gäubigkeit kaum beirren lassen. Sie würden an diesem Vorbild ... erst irre werden, wenn in Wallstreet der Götzentempel des Goldenen Kalbes erschüttert, wenn die existentielle Krise des angelsächsisch orientierten Turbokapitalismus und seiner Derivate auf das gefügig angepaßte System der europäischen Banken überschwappen würde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 182).

„Seit meinem letzten Aufenthalt in Havanna vor einem Vierteljahrhundert hat sich an den tragischen Verfall des einstigen Prunkstücks spanischer Kolonisation wenig geändert. Ein Polizeistaat ist dieses »sozialistische Modell« ebenfalls geblieben .... Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln reicht aus, um zu überleben. Aber die individuelle Rationen, die in Versorgungsheften abgestempelt werden, liegen weit (weit!) unter dem Niveau, das das Dritte Reich noch bis zum Ende des Krieges seinen ausgebombten Untertanen bieten konnte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 186).

„Bei den in Florida zahlreichen Castro-Gegnern, die dort Zuflucht vor der Revolution gesucht hatten, schlug John F. Kennedy, dem Mann, den man für dieses Desaster verantwortlich machte, nunmehr blanker Haß entgegen. Das Gerücht wurde nie widerlegt, wonach der tödle Anschlag auf den präsidenten in Dallas, den man krampfhaft dem Einzeltäter Lee Harvey Oswald anzulasten suchte, den Verschwörungszeirkeln erbitterter und enttäuschter Exilkubaner in geheimer Komplizenschaft mit Elementen der CIA sehr professionell angezettelt wurde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 188).

„Aus dem Namen Barack Hussein geht eindeutig hervor, daß sein Vater, der im überlieferten Stammesmilieu aufgewachsen war, der muslimischen Glaubensgemeinde angehörte. Er hatte eine bemerkenswerte akademische Karriere durchlaufen, bevor er als Universitätsdozent auf Hawaii die durch und durch weiße Mutter Obamas kennenlernte und ehelichte. Das arabische Wort »Barak« ist mit »Segen Allahs« zu übersetzen, und der Name Hussein bezieht sich auf den Enkel des Propheten Mohammed, der vor 1300 Jahren als Kämpfer der schiitischen Glaubenzweiges in kerbela den Märtyrertod erlitt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 195).

„Daraus leiten manche Schiiten ab, daß Vater Obamas Schiit gewesen sein müsse. Da das koranische Recht sich an die patrilineare Erbfolge hält und en nachkommen eines Muslim zwangsläufig in die islamische Umma eingliedert, würde im Prinzip das Ausscheiden von dieser weltweiten religiösen Gemeinschaft als »irtida«, als »tedda«, als Abfall vom wahren Glauben verdammt und mit dem Tod bestraft. So wäre es nicht ausgeschlossen, daß der neue US-Präsident, der sich zum Christentum bekennt, das Ziel eines islamischen Fanatikers würde. Die Gefahr jedoch, daß ihn ein rabiater weißer Rassist, ein Nostalgiker des Ku-Klux-Klan ins Visier nimmt, ist wesentlich größer.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 195).

„Der neue Staatschef der USA verfügt über ein intimes Verständnis der koranischen lehre und Kultur, von der sein Vorgänger nicht die geringste Ahnung hatte. Selbst die islamistischen Parteien Indonesiens fühlen sich durch die Berufung Obamas geschmeichelt, auch wenn ihr Geberalsekretär Anis Matta fassungslos reagierte. »Ich habe größte Mühe, mir vorzustellen«, soll er gesagt haben, »wie ein Mann, der zur Hälfte Muslim ist, es fertigbrachte, von der Mehrheit der US-Amerikaner gewählt zu werden.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 196).

„Der Zustrom lateinamerikanischer Zuwanderer, vor allem aus dem vom Bandenkrieg der Drogenmafia aufgewühlten Mexiko, hat eine profunde Umschichtring bewirkt. Die spanisch-indianischen Mestizen, die Hispanics, Latinos oder »Spics«, wie sie von der verbitterten weißen Unterschicht genannt werden, machen mit schätzungsweise fünfzig Millionen Menschen bereits ein Sechstel der Gesamtbevölkerung der USA aus, und ihre Immigration - legal oder illegal - nimmt ständig zu.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 197).

„Man kann die Dinge jedoch auch aus einer ganz anderen Perspektive sehen. Nicht die Gringos des Nordens würden am Ende die Nutznießer dieser ethnisch-kulturellen Annäherung sein, sondern jene buntgescheckte Staatenwelt, die den USA wirtschaftlich zwar weit unterlegen bleibt, mit Hilfe ihres demographischen Übergewichts und einer neu entwickelten Dynamik jedoch die Balance zu ihren eigenen Gunsten verschieben könnte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 197).

„Die Gretchenfrage, die diesseits des Atlantiks an Obama gerichtet wird, lautet bereits: »Wie hältst du es mit Europa?«  Ob er die atlantische Präferenz weiterführen wird, für die sich seine sämtlichen Vorgänger entschieden hatten, ob er Europa instinktiveine Priorität einräumen wird, die bislang der Leitfaden us-amerikanischer Außenpolitik war? Berührungspunkte zum alten Kontinent hat es in seinem Curriculum Vitae kaum gegeben, und vielleicht hat ihn der hemmungslose Jubel von 200000 Berlinern vor der Siegessäule im Tiergarten ähnlich befremdet, wie das angeblich bei John F. Kennedy der Fall war, als dessen Erklärung »Ich bin ein Berliner« einen Begeisterungstaumel auslöste, die eines Reichsparteitages würdig war.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 197-198).

„Heute verfügt die israelitische Minderheit in den USA in allen Bereichen des ökonomischen, aber auch des intellektuellen Lebens und der wissenschaftlichen Forschung über Spitzenpositionen und übt einen politischen Einfluß aus, der den Kritikern der »Jewish lobby« absolut disproportioniert und unerträglich erscheint. Auf dem Umweg über die biblischen Heilserwartungen, die die Gründung des Staates Israel bei den protestantischen Evangelikalen weckte, haben sich paradoxerweise gerade jene sektiererischen Gegner des Judentums als zuverlässigste Verbündete des Zionismus erwiesen und stehen der jeweiligen Regierung von Herusalem fast bedingungslos zur Seite.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 199).

„Den Kassandrarufen, die aus Europa über den Atlantik tönen und die den Vereinigten Staaten einen unaufualtsamen Abstieg voraussagen, wird oft entgegengehalten, daß der Prozentsatz der Europäer an der Gesamtbevölkerung des Globus binnen relativ kurzer Frist von zwanzig Prozent auf vier Prozent geschrumpft sein werde und daß die Überflutung des Abendlandes durch afrikanische und orientalische Migranten die Form einer Völkerwanderung anzunehmen drohe. Dem könnte eine nüchterne und deprimierende Analyse der Verhältnisse in der Neuen Welt entgegengehalten werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 199).

„Samuel Huntington, der durch seine düsteren Prognosen vom Kampf der Kulturen berühmt wurde, hat in seiner letzten Studie Who are We?  einen beschwörenden Appell an seine weißen und protestantischen Landsleute gerichtet, die er der rassischen und kulturellen Erosion ausgesetzt sieht. Er ruft sie dazu auf, dem Substanzverlust mit verzweifelter Energie entgegenzutreten. Es war wohl ein schicksalhafter Zufall, daß Huntington fast genau an dem Tag verstarb, an dem der Afroamerikaner Barack Hussein Obama erkoren wurde, das Schicksal von »God's Own Country« in seine Hände zu nehmen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 199).

„Auf der Fahrt nach Solo habe ich eine bescheidene christliche Kirche entdeckt. Da fällt mir plötzlich ein, daß - durch einen puren Zufall der unterschiedlichen Kalender - der Kreuzestod Christi in diesem Jahr an dem gleichen Tag betrauert wird, an dem die islamische Glaubensgemeinschaft die Geburt ihres Propheten Mohammed feiert. Ein eigenartiges Zusammentreffen, auch wenn es keinerlei Absicht entspricht. Nachdenklich hat mich diese Koinzidenz dennoch gestimmt. Hier wird tragisch daran erinnert, daß die Eroberung der Welt durch den weißen Mann, die vor genau einem halben Jahrtausend die Ozeane überwand und zu ihrem Triumphzug ausholte, parallel zur Ausbreitung des Christentums stattfand, daß Kolonisierung und Missionierung beinahe zwangsläufig Hand in Hand gingen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 207).

„Wie unterschiedlich dieses »heilige Experiment« verlief, das einer tiefen und frommen Überzeugung entsprang, gleichzeitig jedoch mit extrem grausamen, inquisitorischen Methoden durchgeführt wurde, läßt sich an der Gegensätzlichkeit der katholischen und der protestantischen Expansion darlegen. Die Mönche des heiligen Franziskus und des heiligen Dominikus, im Verbund und oft rivalisierend mit der elitären Kerntruppe des Papstes, mit den Jesuiten des Ignatius von Loyola, haben die halbe Welt der religiösen Autorität Roms unterstellt; von Lateinamerika bis zu den Philippinen, von Südindien bis zum Kongobecken Zentralafrikas. Die Patres der Societas Jesu, die aufgrund ihres unermüdlichen Studiums am Hof von Peking den Rang hoher Mandarine bekleideten, hatten sich zeitweilig in der Hoffnung gewiegt, durch die Taufe des Drachensohns und seines Hofes das gewaltige Reich der Mitte für die »alleinseligmachende Kirche« zu gewinnen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 207).

„Die protestantischen Konfessionen haben sich in ihrer Vielfalt schwerer getan mit der kulturellen und ethnischen Verschmelzung, die in den meisten katholischen Diözesen praktiziert wurde und oft zu erstaunlichen Assimilationsergebnissen führte. Wenn die Protestanten sich in dieser exotischen Umgebung durchsetzten, mußten sie - zumal zwischen Kapstadt und Pretoria - das Handicap der protestantischen Lehre überwinden. So übertrugen die dort lebenden Buren ihre Vorstellung von der Prädestination auf ihre rassischen Vorurteile und die Differenz zwischen Weiß und Schwarz. Die prüde Nüchternheit der Reformierten, ihr Verzicht auf heiligen Kult und liturgisches Decorum, an dem lediglich die Anglikaner festhielten, förderte das Entstehen von bizarren, oft extravaganten Formen des Synkretismus mit den im Untergrund schlummernden Naturreligionen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 207-208).

„Auf ganz andere Weise wiederum wurde der ganze Norden Asiens -vom Ural bis zum Pazifik - von den bärtigen Popen der prawoslawischen Kirche Rußlands, der byzantinischen Glaubensform des Christentums, einverleibt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 208).

„In jenen Kulturkreisen, die sich gegenüber allen Konversionsbemühungen der christlichen Mächte resistent oder immun erwiesen - in der weltumspannenden Umma des Islam, im starren Kastengefüge des Hinduismus, in der kontemplativen Absonderung des Buddhismus - erzielte zumindest das aufrührerische Gedankengut der Aufklärung verspätete Erfolge, nachdem die Klerisei in den Ruf des Obskurantismus und der Fortschrittsfeindlichkeit geraten war.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 208).

„Noch heute zehrt die vielgerühmte »Demokratie« Indiens von einer importierten Form des »Enlightenments« und dem Gedankengut der »Fabian Society«. Dieser Trend wurde in der Person des ersten indischen Regierungschefs Jawaharlal Nehru - wohlweislich ein Brahmane der vornehmsten Kaste - überzeugend verkörpert. Daß die Aufklärung zwar eine leidenschaftliche Verwerfung christlicher Dogmatik vollzog, in Wirklichkeit jedoch auf dem Urgrund der Lehre des Nazareners gedieh, sollten erst spätere Generationen wahrnehmen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 208).

„Schon in früheren Veröffentlichungen habe ich die Aussage des Schriftstellers André Malraux zitiert, der selbst Agnostiker und alles andere als ein klerikaler Frömmler war: »Das XXI. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein.« Aus dieser Prognose ließe sich für Europa ein düsteres Schicksal ableiten. In dem Maße nämlich, wie andere Kontinente zu ihren Mythen und Riten zurückfinden, verzichtet das Abendland auf die eigenen Glaubensgewißheiten, löst sich von der ererbten Religiosität.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 208-209).

„Auf das Modewort »Leitkultur« sollte man in diesem Zusammenhang lieber verzichten. Jedenfalls steht der westliche Hedonismus der eifernden, der kämpferischen Wiedergeburt oder Erneuerung anderer Bekenntnisse, vor allem des unmittelbar benachbarten Islam, rat- und hilflos gegenüber. »Die Menschenrechte sind kein Religionsersatz«, heißt es in einer Broschüre des französischen Heeres. Wer wäre schon bereit, für die Oktroyierung des politischen Pluralismus, für die erzwungene Weitergabe unserer parlamentarischen Bräuche das eigene Leben zu opfern, zumal die betroffenen fremden Völkerschaften nicht das geringste Verlangen nach einer solchen Übernahme bekunden?“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 209).

„Die verheißungsvolle Epoche, als Kemal Pascha, der unter dem Namen Atatürk die moderne Türkei mit Brachialgewalt auf den Trümmern des Osmanischen Reiches errichtete, das Edikt erließ: »Es gibt nur eine Zivilisation, und das ist die europäische«, liegt weniger als ein Jahrhundert zurück. Heute hat die radikale Ausrichtung auf das Vorbild des Abendlandes keinen Sinn mehr. Das läßt sich an der jüngsten Entwicklung der postkemalistischen Türkei ablesen, die Schritt für Schritt zur islamischen Tradition und Gesittung, ja zu heimlichen Kalifatsträumen zurückfindet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 209).

„Unbehagen rief die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. hervor, als der Heilige Vater Manuel ll., einen obskuren Kaiser des ermatteten Byzantinischen Reiches, zitierte und dessen Behauptung übernahm, die Lehre Mohammeds habe nichts Neues und ansonsten nur Negatives bewirkt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 227).

„Benedikt XVI. habe seinem Auftrag ... geschadet, als er sich in einer Moschee von Istanbul zur nachgiebigen Versöhnungsgeste bereit fand, zum gemeinsamen Gebet mit dem Ulama in Richtung Mekka. Statt dessen hätte er mit strenger Mahnung die Gemeinschaft der Völker auf die Verfolgung und Ächtung aufmerksam machen müssen, denen die uralte apostolische Christenheit des Orients ausgesetzt ist. Oft genug würden diese Gemeinden von Zwangsregimen und Potentaten bedrängt, die sich lediglich unter dem Schutz amerikanischer rund europäischer Waffen auf ihren usurpierten Throme halten könnten. Der von Ayatollah Khomeini gegründete Gottesstaat im Iran lege eine glößere Toleranz geegnüber der christlichen und sogar der jüdischen »Familie des Buches« an den Tag als mancher angebliche Freund des Westens. Selbst der fürchterliche irakische Diktator Saddam Hussein habe seine christlichen Untertanen weit wohlwollender behandelt als der NATO-verbündete und Europa-Kandidat Türkei.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 227-228).

„Die wenigen Weißen fallen unangenehm auf. Sogar zum Dinner erscheinen sie in abscheulichem Freizeitlook. Obwohl sie zweifellos aus vermögenden Verhältnissen stammen, treten sie wie Landstreicher aug mit halblangen Schlabberhosen und Sandalen, was wohl »coole« Lässigkeit vortäuschen soll. Fast alle haben sich am Swimmingpool einen Sonnenbrand geholt, und ihre gerötete Haut unterscheidet sich unvorteilhaft von den matten Bronzetönen der Eingeborenen. Ihre lauten Gespräche und dröhnenden Heiterkeitsausbrüche übertönen gerdaezu peinlich die zurückhaltende Gesittung der Asiaten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 234).

„Die Ursachen, die vor vierhundert Jahren zur plötzlichen Bekehrung der hinduistischen Fürstentümer Javas zum Islam führten, seien aufschlußreich. Seinerzeit war es darum gegangen, die unerträgliche Diskriminierung des Kastensystems abzuschaffen, die Entmachtung der Brahmanen-Oligarchie zu erzwingen und eine neue Grundlage des Zusammenlebens zu finden. Ähnliche Motivationen für ein plötzliches Aufbäumen der Massen - wenn auch unter ganz anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen - würden auch heute bestehen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 235).

„Wenn man die Überlebenchancen des Christentums in Asien und der Dritten Welt an der Zahl der dort tätigen Missionare europäischer und nordamerikanischer Herkunft messen würde, ergäbe sich der tragische Eindruck, daß in Bälde für die Kirche nur noch der Weg in die Katakomben oder in die Bedeutungslosigkeit offenstehe, räumt der Jesuit ein. Das Abendland leide an einem fatalen Mangel an Berufungen zum geistlichen Stand, an einer Auszehrung der kirchlichen Substanz ....“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 236).

„Das könne auf Dauer nicht ohne Folgen bleiben. Gewisse Formen des Synkretismus - zumal mit den afrikanischen Naturreligionen - würden bereits in Kauf genommen, und das eindeutige Übergewicht des »Weißen Klerus«, das bislang als gottgegeben abgesehen wurde, müsse unweigerlich den demographischen und ethnischen Verlagerungen auch innerhalb der römischen Hierarchie angepaßt und reduziert werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 237).

„(Philippinen, 1972). - Wir waren in weit größerer Gefahr als während meiner einwöchigen Gefangenschaft beim Vietkong ... Aber es gab da auch junge Fanatiker, die teilweise an den Universitäten der Insel Luzon mit dem marxistischen gedankengut der »New People's Army« in Berührung gekommen waren. Für sie galten wir als Spione der us-amerikanischen CIA.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 254-255).

„(Philippinen, 1972). - Einen wahren Schock empfand ich, als ein langhaariger Unterführer mit Kalaschnikov sich plötzlich aufrichtete und ich auf seinem grünen T-Shirt ein großes Hakenkreuz mit der deutschen Inschrift »Sieg Heil« entdeckte. Diese unberechenbaren Freischärler durften auf keinen Fall erfahren, daß unser Kameramann Jossi Kaufmann von Geburt Israeli war ....“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 255).

„Die Geschichte, so heißt es, wiederholt sich nicht. Das ist nur partiell wahr.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 261).

„Die halbwegs einsichtigen Offiziere sind sich voll bewußt, daß der Krieg am Hindukusch nicht zu gewinnen ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 262).

„ Mit einem Schlag schwand unter dem Eindruck der Antivietnam-Psychose, die von den USA auch auf Deutschland übergriff, der Siegeswille, und die bis dahin intakte Kriegsmoral der US-Army brach zusammen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 267).

„Ich habe den plötzlichen Meinungsumschwung bei so vielen deutschen Intellektuellen, die bislang in ihrer Ignoranz hemrmungslos auf einen schnellen Waffenerfolg der USA eingeschworen waren und nunmehr ihre Bündnistreue wie einen alten Hut fortwarfen, stets als schändlichen Opportunismus empfunden, zumal sie jetzt zu dem Gegröle »Ho-Ho-Ho Tschi Minh« durch die Städte der Bundesrepublik und West-Berlins stürmten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 267).

„Zutiefst erschüttert war Johnson vor die Kamera getreten und teilte seinem Volk mit, daß er für die anstehende neue Präsidentenwahl als Kandidat nicht zur Verfügung stehe. Der ihm nachfolgende Commander-in-Chief, Richard Nixon, war Realist und Zyniker, kurzum der Mann, den die Stunde brauchte. Mit Hilfe Henry Kissingers vollzog er eine historische Entscheidung, die längst fällig, aber innenpolitisch hochriskant war.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 267-268).

„Im Jahr 1972 erkannte er die Volksrepublik China an und reiste zu Mao Zedong (Tse-tung) nach Peking. Von nun an war sein Bestreben nur noch darauf gerichtet, den Rückzug aus dem indochinesischen »Quagmire«, wie David Halberstarn es nannte, möglichst schnell anzutreten. Daß er und sein kluger Außenminister dabei die Vernichtung Kambodschas anstifteten und die südvietnamesischen Verbündeten nach endlosen, irreführenden Verhandlungen den Erben Ho Tschi Minhs ans Messer lieferten, konnte einem Mann nichts anhaben, der zwar nach dem Watergate-Skandal als »Bösewicht« in die us-amerikanische Geschichtsschreibung eingehen sollte, aber vermutlich zu den wenigen Realpolitikern der USA in diesem Jahrhundert zählt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 268).

„Die aussichtslose Verstrickung in einen endlosen, verlustreichen Dschungelkrieg hatte es Nixon erlaubt, das kommunistische Reich der Mitte in eine angespannte, stets prekäre Partnerschaft mit Washington einzubeziehen. Angesichts der Tatsache, daß es den roten Mandarinen von Peking nach dem Tod des »Großen Steuermanns« gelang, in einer Spanne von nur dreißig Jahren zur kraftstrotzenden, dynamischen Weltmacht aufzusteigen, erscheint irn Rückblick das amerikanische Debakel von Saigon eben doch als ein Meilenstein der modernen Geschichte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 268).

„Der gewaltige Umbruch jedoch, der die Welt erbeben läßt, wie Napoleon es auf Sankt Helena voraussagte, vollzog sich in China. Nach dem Abflauen, ja dem Scheitern des Maoismus, der immerhin das Prinzip menschlicher Solidarität mit seiner Maxime »Dem Volke dienen« angemahnt hatte, kam dort eine originelle Formel für gigantisches industrielles Wachstum, für Entwicklung von High Technology und sensationelle Anhebung des Lebensstandards zum Zuge, die sich auf einen seltsamen Synkretismus stützt. Unter der Autorität der Kommunistischen Einheitspartei und einer straffen Form des Staatskapitalismus entfesselte sich die wissenschaftliche und vor allem merkantile Begabung der Han-Rasse.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 274).

„In der Lehre einer utopischen Harmonie, die das Politbüro von Peking der parlamentarischen »Streitkultur« des Westens entgegensetzt, finden sich Konfuzius, Mao Zedong (Tse-tung) und jener erste legendäre Kaiser Qin Xi Huangdi (Schi Hoang-ti) wieder. Dessen Reichsgründung zweihundert Jahre vor Christus erlaubt es heute der offiziellen Propaganda, die verblaßte Doktrin des Marxismus-Leninismus durch einen ehrgeizigen, alle Normen sprengenden Nationalismus zu ersetzen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 274-275).

„Das chinesische Modell hat in dem wiedervereinigten, in kommunistischer Ideologie erstamen Vietnam Nachahmung gefunden. Noch steht die gigantische Leninstatue vor der Zitadelle von Hanoi, aber die kommunistische Lao-Dong-Partei ist geschmeidig geworden unter einem Generalsekretär, der sich diskret, aber effizient mit seinen Reformen vortastet. An Peking gemessen, wurde Tokio inzwischen in den zweiten Rang verwiesen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 275).

„Die japanischen Samurai, die 1941 ausgezogen waren, die »große ostasiatische Wohlstandssphäre« zu beherrschen, stellen immer noch ein technologisches und wirtschaftliches Potential erster Güte dar, aber das Klientel-System und die ererbten Gesellschaftsstrukturen der fast ununterbrochen regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) lassen sich auf andere Länder nicht übertragen. Die allzu enge, oft unterwürfig wirkende Beziehung zum ehemaligen us-amerikanischen Feind, die allerdings nicht ewig dauern dürfte, stößt bei den Nachbarn auf Skepsis und Verwunderung. In gewisser Hinsicht ist Japan zum England des Pazifik geworden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 275).

„In Indonesien, Thailand, um nur diese zu nennen, begegnet man dem westlichen Wirtschaftssystem mit Argwohn, seit angeblich die katastrophale Rezession der 1990er Jahre durch die verfehlten Richtlinien des Internationalen Währungsfonds verursacht wurden. Die neue, recht beachtliche Wirtschaftserholung Jakartas, die sich auf die Aufnahmefähigkeit des Binnenmarktes stützt, orientiert sich nicht mehr an den Kriterien, die einst von Wall Street vorgegeben wurden. Der vielgepriesene Turbokapitalismus hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten jede schöpferische Qualität eingebüßt. Er ist leider allzuoft unter der Fratze des Casino- oder gar Raubtierkapitalismus aufgetreten. Seine Anziehungskraft ist dabei verlorengegangen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 275).

„Was wird von dem »Way of Life« des weißen Mannes, zumal des Nordamerikaners, den die junge Generation in der Dritten Welt und den Schwellenländern weiterhin zu kopieren sucht, am Ende übrigbleiben? Coca-Cola und McDonald's, das Angebot von Fastfood, besser gesagt von Junkfood, das monströse Fettleibigkeit zur Folge hat und zu einer weltweiten Plage wurde; die sportliche, der Modernität angepaßte Kleidung von Jeans und T-Shirt, eine dem Abendland weit überlegene zeitgenössische Literatur und eine unerschöpfliche Musikszene, deren Ursprünge jedoch auf die Spirituals der afrikanischen Sklaven zurückgehen. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 275-276).

„Hollywood hat seine schöpferischste Phase wohl hinter sich, und wer käme heute schon in Europa auf die Idee, ein us-amerikanisches Auto zu kaufen? Wie ein Menetekel klingt da der Zusammenbruch, die unvermeidliche Insolvenz des Automobilgiganten General Motors über den Adantik, hatte doch unter der Präsidentschaft Eisenhowers dessen Secretary of Defense Charles E. Wilson, dem man zu enge Geschäftsbeziehungen zu GM vorwarf, damals überzeugend erwidert: »What is good for General Motors, is good for the United States.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 276).

„Kurzum, die farbige, die »nichtweiße« Menschheit wendet sich von einem westlichen System ab, das ihr trotz aller gegenteiligen Beteuerungen im Namen der Freiheit politische Instabilität und ökonomische Gradwanderungen zumutet. Sie richtet sich eher auf autoritäre Regime aus, auf »wohlwollende Despoten« - eine Kategorie, die eingestandenermaßen extrem selten ist -, und blickt gebannt auf den chinesischen Koloß von 1,3 Milliarden Menschen, der seine Bedeutung als Reich der Mitte zurückgewonnen hat. Der Han-Rasse ist es auf sensationelle Weise gelungen, der Masse seiner aus dem Elend auftauchenden Bevölkerung ausreichende Ernährung, soziale Fürsorge und einen rasant wachsenden Bildungsstand ihrer Kinder zu verschaffen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 276).

„Die von Washington geführte Allianz erweist sich als unfähig, den diversen gegnerischen Freischärlergruppen des radikalislamischen Feindeslagers das Rückgrat zu brechen. Die US-Army findet sich in den neuen Spielregeln des asymmetrischen Krieges nicht zurecht und erleidet trotz einer absurden Steigerung ihrer phänomenalen technologischen Überlegenheit einen Rückschlag nach dem anderen. Das nagt zusätzlich am unlängst noch strahlenden Prestige der »einzig verbliebenen Supermacht«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 276-277).

„Wir sind von den desolaten Zuständen auf den Philippinen ausgegangen, um zu dieser globalen Betrachtung zu gelangen. Jenseits der Südchina-See, auf dem asiatischen Kontinent, vollzieht sich der systematische Aufbau einer militärischen Macht, der Volksbefreiungsarmee, die einst Mao ins Leben rief und die heute ihre maritimen Ambitionen klar zu erkennen gibt. Schon seit Gründung der Volksrepublik sind die Archipele Spratley und Paracel, eine Ansammlung winziger Atolle, in deren Umkreis reiche Vorkommen an Erdöl und Gas geortet wurden, auf den offiziellen Landkarten als unveräußerlicher Bestandteil Chinas eingezeichnet. Südlich von Hainan handelt es sich um eine weite Meereszone, die fast an die Küsten Vietnams, Malaysias und auch der Philippinen heranrückt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 277).

„Im Ernstfall ließe sich hier, falls der territoriale Anspruch verwirklicht würde, der gesamte maritime Verkehr der Straße von Malacca, die vom Indischen zum Stillen Ozean führt, kontrollieren und notfalls blockieren. Ein paar winzige Garnisonen wurden auf einigen dieser Eilande bereits stationiert, was unter den Anrainern heftigen Widerspruch, berechtigte Sorgen und sogar begrenzte Gegenmaßnahmen ausgelöst hat. Seit die Mandarine von Peking der ASEAN-Organisation gegenüber als freundliche Nachbarn auftreten und der riesige Drache, dieses Fabeltier des Erfolgs, ein harmloses Antlitz zeigt, werden die strategischen Ansprüche zurückgestellt. Den südostasiatischen Partnern wird eine ertragreiche wirtschaftliche Zusammenarbeit in diesem Raum angeboten und schmackhaft gemacht. Die vorübergehend angespannten Beziehungen zwischen den absolut konträren Regimen von Manila und Peking haben sich weitgehend geglättet, denn man weiß auch im Malacañang-Palast, wer in absehbarer Zukunft im Westpazifik die Schiedssprüche fällen wird.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 277).

„Welch erstaunliches Spektakel und welcher Wandel der Zeiten. Zwei atlantische Rand- und Kleinstaaten der Europäischen Union unserer Tage - Portugal und Holland - haben in jenen Tagen ihre imperialen Träume, ihre merkantile Gier ungezügelt ausgelebt. Am Ende stand wie ein mörderischer Taifun das kurze japanische Zwischenspiel des zweiten Weltkrieges. Das Hissen der roten Scheibe der aufeghenden Sonne über der Molukken-See besiegelte 1942 den letzten Akt einer usurpierenden Größe des Abendlandes. »Quis talia fando temperit a licrimis - Wer vermag sich bei solcher Schilderung der Tränen zu enthalten?«  beklagte der Held Aeneas im Epos des Dichters Vergil den Untergang von Troja. Man erlaube auch uns, am Ende dieses bunten Kaleidoskops fernen Weltgeschehens eine historische Träne zu vergießen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 279-280).

„Der Schlußstrich unter die anmaßende europäische Präsenz in China - ein halbes Jahrtausend nachdem die Portugiesen an der Küste von Kwantung ihre Dependenz ausbauten - war erst im Dezember 1999 gezogen worden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 282).

„Dem letzten Repräsentanten der britischen Krone war es gelungen, für die Einwohner des ehemaligen Empire-Juwels einige parlamentarische Sonderprivilegien durchzusetzen, an deren Gewährung zur Zeit der Kolonialherrschaft keine Regierung im fernen London jemals gedacht hätte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 282).

„Angela Merkel ... huldigte der »political correctness« (**), wie sie von Washington vorgegeben war. Sie versäumte keine Gelegenheit, den roten Mandarinen von Peking ins Gewissen zu reden, sie mit erhobenem Zeigefinger auf die Einhaltung »demokratischer« und »humaitärer« (reine Polit-Rhetorik, die auch darauf hinweist, wer die »Politische Korrekteit« befiehlt [**]; Anm HB) Normen zu verweisen, denen die deutsche Diplomatie in anderen, weit skandalöseren Fällen nur geringe Bedeutung schenkte. Die Kanzlerin fühlte sich einer »werteorientierten Außenpolitik« (reine Polit-Rhetorik, die auch darauf hinweist, wer die »Politische Korrekteit« befiehlt [**]; Anm HB) verpflichtet und war aich offenbar nicht bewußt, daß außerhalb des nordatlantischen Kuklturkreises eine Reihe wirtschaftlich und machtpolitisch aufstrebender »Schwellenländer« über ganz andere gesellschaftliche Kriterien und Traditionen verfügen, um den Fortschritt und das Erstarken ihrer Völker zu forcieren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 284-285).

„Am Beispiel Chinas offenbart sich mit betrüblicher Deutlichkeit, in welchem Ausmaß den Europäern und Amerikanern das geschichtliche Bewußtsein abhanden gekommen ist. Die Fehldiagnose des Politologen Fukuyama vom »End of History« war auf allzu fruchtbaren Boden gefallen. So begegnet die westliche Welt dem phänomenalen Aufstieg Chinas in den Rang der zweiten Weltmacht mit einem Gemisch aus Arroganz und Mißgunst. Noch halten allzu viele »Experten« an der Vorstellung fest, sie hätten es bei den 1,3 Milliarden Angehörigen der Ran-Rasse mit einer unterentwickelten, allenfalls zum Plagiat westlicher Errungenschaften befahigten Menschheitsgattung zu tun. Auf der anderen Seite erzeugt die explosive Dynamik Chinas wachsende Furcht, ja die Ahnung des eigenen Rückfalls in unerträgliche Mittelmäßigkeit.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 285).

„Nach relativ kurzer Unterbrechung findet China wieder zu jenem erhabenen Rang zurück, der ihm seit seit vier Jahrtausenden zusteht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 287).

„Die Päpste des Mittelalters waren sich der Bedeutung dieses geheimnisvollen Imperiums bewußt. Immer wieder hatten sie den Versuch unternommen, durch die Entsendung kirchlicher Emissäre an den Hofvon Peking... ein Bündnis gegen die rasante Ausbreitung der islamischen »Futuhat« zu schmieden, die sich des Grabes Christi bemächtigt hatten. Schon dehnte sich der unaufualtsame Eroberungsritt der Muselmanen rund um das Mittelmeer, ja bis nach Zentralasien aus. Die Bemühungen des Heiligen Stuhls sind allesamt gescheitert. Der staunende Okzident blieb in seiner Kenntnis der blühenden Zivilisation zwischen den Strömen Hoang Ho und Yangtsekiang im wesentlichen auf die umstrittenen und extravaganten Reiseschilderungen Marco Polos angewiesen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 287).

„Eine wirkliche Verbindung zwischen dem Stellvertreter Christi in Rom und dem chinesischen Himmelssohn in Peking kam erst zustande, als der Jesuitenorden seine hochgebildeten Emissäre über Macao in die Verbotene Stadt entsandte. Noch heute gibt die Sternwarte - von der kolossalen Silhouette der chinesischen Hauptstadt fast erdrückt - Kunde vom Bemühen der Societas Jesu, auf dem Wege eigener, zumal astronomischer Wissenschaft Rang und Ansehen in einer exotischen Umgebung von Höflingen, Feldherren, Kurtisanen und Eunuchen zu finden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 288).

„Manche von ihnen, so der Pater Schall aus Köln, wurden mit den höchsten Würden des Mandarinats ausgezeichnet. Sogar auf dem Gebiet der Kriegskunst suchte sich die Gesellschaft Jesu unentbehrlich zu machen, indem sie ihrem Gastvolk, das das Pulver längst erfunden hatte, das Gießen von Kanonen beibrachte, um die Nomadenvölker der nördlichen Steppe besiegen zu können, die sich wieder einmal anschickten, den Drachenthron zu erobern und der erlahmenden Ming-Dynastie den Todesstoß zu versetzen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 288).

„Um die Umgebung des Papstes für ihre Missionsarbeit zu gewinnen, hatten dieJünger des Ignatius von Loyola ein überaus positives, fast idyllisches Bild vom Reich der Mitte entworfen. Ihr Ehrgeiz war auf die Bekehrung des Kaisers von China zum katholischen Glauben gerichtet, in der Annahme, daß die Hinwendung seiner zahllosen Untertanen zur Botschaft des Kreuzes dann nur noch Frage eines imperialen Erlasses wäre.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 288).

„Die Societas Jesu hat verzweifelt versucht, die starren, dogmatischen Vorstellungen der Päpste zu durchbrechen und insbesondere den Ahnenkult, der für das konfuzianische China unverzichtbar war, nach bewährter kasuistischer Methode mit der heiligen Verehrung der Katholizität in Einklang zu bringen. DieJesuiten sind nicht nur an der Weigerung Roms gescheitert, dieser exotischen Abschweifung nachzugeben. Ihr ganzes Konzept war möglicherweise verfehlt. Abgesehen von einer Reihe hoher Würdenträger, die sich taufen ließen, verharrte der Hof in der unwandelbaren Rigidität der konfuzianischen Sittenlehre und ihrer pedantischen Riten. Selbst die Mandschu-Eroberer, die sich, kaum dem Barbarentum entronnen, auf dem Drachenthron einrichteten, unterwarfen sich den uralten Regeln des Meisters Kong, ja praktizierten seine Vorschriften mit dem Eifer von Neophyten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 288-289).

„Die Berichte der Jesuiten hatten die päpstliche Riten-Kongregation nicht umgestimmt. lm Jahr 1742 setzte Papst Benedikt XIV. mit seinem kategorischen Edikt einen Schlußstrich unter diese fernöstliche Akkulturation und verbaute damit möglicherweise eine einmalige Missionierungschance der Geschichte. Paradoxerweise fanden die frommen Patres eifrige, begeisterte Lehrer unter ihren schärfsten ideologischen Gegnern, den kirchenfeindlichen Philosophen und Dichtem der Aufklärung. In ihrem Bemühen, abendländisches Interesse für das Reich der Mitte zu wecken, Subventionen und Anerkennung für ihre entsagungsvolle Tätigkeit in Peking zu gewinnen, war das Reich der Mandschu-Kaiser, das bereits im achtzehnten Jahrhundert mit vielen Kennzeichen des Verfalls und der geistigen Sklerose behaftet war, von den europäischen Geistlichen als eine ideale Gelehrtenrepublik platonischen Zuschnitts beschrieben worden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 289).

„Der Kaiser thronte lediglich als wohlwollendes Symbol erdentrückter Despotie über ihr, während der Stand der Krieger, der im spätfeudalen Europa hohes, fast exklusives Ansehen genoß, bei den Söhnen des Himmels auf der untersten Gesellschaftsstufe rangierte und sich keinerlei Achtung bei jenen Gebildeten erfreute, die die höchste Autorität innehatten. Daß in Peking das Erlangen mandarinaler Würden an das Bestehen von philosophischen, ja literarischen Examina gebunden war, die - theoretisch zumindest - jedem begabten Untertan des Kaisers offenstanden, daß die Rangordnung der hohen Verwaltung einer »Meritokratie« entsprach, von der im damaligen Europa kaum jemand zu träumen wagte, schürte zusätzliche Begeisterung.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 289).

„Die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts entdeckte ein utopisches Spiegelbild ihrer eigenen Wunschvorstellungen in jenem femen Imperium des Ostens, das Europa bereits mit seinen Porzellanfiguren entzückte. Die Mode der »Chinoiseries« erfreute die Höfe des Abendlandes. Friedrich der Große ließ im Park von Sanssouci einen chinesischen Pavillon errichten, und die Philosophen - Leibniz, Voltaire und Fénelon an der Spitze - waren des Lobes voll für eine asiatische Staatsform, die Friedfertigkeit, Toleranz, geistige Harmonie und vor allem die Priorität der Gebildeten zu garantieren schien. Konfuzius, der alte Lehrmeister, der fünfuundert Jahre vor Christus den Söhnen des Drachen den Weg des Einklangs zwischen Himmel und Erde gewiesen hatte, wurde an hervorragender Stelle in das Pantheon der »Lumieres« eingereiht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 289-290).

„Wie plötzlich und unerbittlich der Verfall eines Imperiums ablaufen kann, das sich eben noch als Zentrum des Universums betrachtete, dem alle anderen mehr oder minder barbarischen Potentaten sich nur mit Geschenken und Huldigungen als Vasallen nähern konnten, wurde unter der späten Qing- oder Mandschu-Dynastie auf geradezu exemplarische Weise vorgeführt. Noch im Jahr 1793 hatte der letzte große Kaiser Qian Long von dem Botschafter Seiner britischen Majestät Lord Macartney, der ein für beide Seiten vorteilhaftes Handelsabkommen aushandeln wollte, verlangt, daß er sich dem demütigenden Ritual des Kotau, dem dreimaligen Niederknien mit jeweilig dreimaliger Verbeugung bis zum Boden, unterwürfe, was der Beauftragte Londons resolut ablehnte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 290).

„Unter Qian Long hatte die lange Kette kaiserlicher Herrlichkeit noch einmal einen Höhepunkt erreicht. Er hatte die heutigen Autonomen Regionen der Volksrepublik - die Mongolei, Ost-Turkestan und vor allem auch Tibet - unter die Autorität seines Drachenthrones gebracht. Sechzig Jahre lang hatte er regiert, und es war ihm gelungen, seinen Untertanen jene verheerenden Bürgerkriege und Bauernaufstände zu ersparen, die die Grundfesten des Staatsgebäudes in vier Jahrtausenden immer wieder erschüttert hatten. Als Folge dieser Friedensperiode und einer klugen Agrarpolitik hatte sich die Bevölkerung Chinas von 150 Millionen Menschen auf das Doppelte, 300 Millionen, vermehrt. Zur gleichen Zeit verfügte England über ganze acht Millionen Einwohner.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 290).

„Dennoch war der Niedergang vorprogrammiert .... Kaiser Qian Long hatte - von langer Herrschaft ermattet - auf den Himmelsthron verzichtet. Er war sich bei aller Glorie seines Regnums wohl bewußt geworden, daß er einem verkrusteten, in steriler und immobiler Tradition erstarrten System verhaftet blieb, während Europa in einer Phase ungestümer industrieller Revolution und strahlender Fortschrittsgläubigkeit davonstürmte. Das Aufeinandertreffen von zwei so unterschiedlichen Kulturen war von vornherein entschieden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 290-291).

„Es gehörte bis dahin zum Wesen Chinas, daß es ganz auf Beharrung ausgerichtet war. Konfuzius hatte bei der Dekretierung seines Gesellschaftsmodells, das - fern von aller Metaphysik - auf das harmonische Zusammenleben der Menschen unter festgefügten Autoritäten und Regeln ausgerichtet war, stets nach rückwärts geblickt, auf eine legendäre Vergangenheit, auf das »Goldene Zeitalter« der mythischen Dynastien Shang (Schang [1500-1000]) und Zhou (Schubzw. Chou [1000-256]), deren Perfektion es wiederherzustellen galt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 291).

„Das Abendland hingegen - an erster Stelle das Königreich England, das mit der protestantischen Reformation, mit dem Ausbau seiner welterobernden Flotte, dem Aufkommen einer dynamischen Ethik von Handel und Bereicherung sich schon auf eine technische Revolution zubewegte - blickte gebannt auf die Zukunft und widmete sich der Erfüllung seiner »great expectations«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 291).

„Niemals hat sich der westliche Imperialismus so skrupellos und raffgierig dekuvriert wie bei dem Opiumkrieg 1839. Das wesentliche Ziel Londons war es, den gewaltigen chinesischen Markt für den ungehemmten Import und Konsum des Rauschgiftes zu öffnen, das die britische East India Company auf ihren Plantagen in Indien produzierte. Den englischen Händlern ging es darum, das Handelsdefizit, das vor allem durch den Ankauf von chinesischem Tee und chinesischer Seide entstand und sich laufend zu Ungunsten der Briten vergrößerte, dank des tödlichen Kompensationsgeschäftes auszugleichen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 291).

„Bei dieser Gelegenheit war den Söhnen des Himmels zum ersten Mal ihre groteske militärische Unterlegenheit vor Augen geführt worden. Aber es sollte ein volles Jahrhundert vergehen, ehe die kommunistischen Umstürzler, auf die revolutionäre Inbrunst ihrer Volksbefreiungsarmee gestützt, die letzten Spuren dieser Unterjochung auslöschten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 291-292).

„Schneller noch als der Absturz in eine schändliche Unterwürfigkeit, die durch die Greuel der japanischen Besatzung vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ins Unerträgliche gesteigert wurde, hat sich dann das fulminante Wiedererstarken des Reiches der Mitte vollzogen. Der Westen mag vor allem die erbarmungslose kommunistische Tyrannei und deren fürchterliche Hekatomben der Revolution Mao Zedongs (Tse-tungs) in Erinnerung behalten. Die Masse der heute lebenden Chinesen bewertet diesen radikalen Umbruch als positive geschichtliche Leistung. Mao schuf die Voraussetzungen dafür, daß die von ihm gegründete, von Deng Xiaoping (Teng Xiao-ping) gründlich reformierte Volksrepublik sich neuerdings anschickt, die Vereinigten Staaten von Amerika aus ihrer hegemonialen Rolle als einzig verbliebene Supermacht zu verdrängen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 292).

„Wer sich heute über die Annexion und Gleichschaltung Tibets durch Peking entrüstet, sollte zudem bedenken, daß die Qing-Dynastie schon im Jahr 1720 ihr Protektorat über das Dach der Welt verhängte. Wenn in der Folge der bizarre Mönchsstaat der Dalai Lama nicht dem britischen Empire angegliedert wurde, das über den Himalaya nach Norden ausgriff, so war das lediglich dem Erlahmen jenes »great game« zu verdanken, das sich London und Sankt Petersburg in schwindelnder Gletscherhöhe um die Kontrolle Zentralasiens lieferten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 292).

„Während die Welt sich über die Annexion Tibets durch Mao Zedong (Tse-tung) entrüstete, hatte die im Westen hochverehrte Ministerpräsidentin der Indischen Union, Indira Gandhi, die Tochter Nehrus, ohne viel Aufhebens den König von Sikkim aus seiner bitarren Hauptstadt Gangtok vertreiben. Sie hatte die Auflehnung der dort lebenden buddhistischen Bevölkerung gegen die Eiverleibung in einen überwiegend hinduistischen Staatsverband ignoriert und in den Klöstern, die der verehrung Gautamas geweiht waren, ihre Soldaten stationiert. Ich hatte mich persönlich von dieser nilitärischen Okkupation, die in der Präsenz der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Tibet in nichts nachstand, im Sommer 2006 an Ort und Stelle überzeugen können.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 298).

„Der Zeitpunkt für den spektakulären Aufruhr gegen die chinesische Bevormundung, gegen den »kulturellen Genozid«, wie der Dalai Lama die Sinisierung seiner Heimat nennt, der plötzlich über Lhasa und eine Reihe tibetischer Siedlungen hereinbrach, war gut gewählt. Das internationale Kesseltreiben gegen einen harmonischen Ablauf der Pekinger Olympischen Spiele war planmäßig vorbereitet worden. Es gipfelte in der häßlichen Gewaltszene, als in Paris ein paar »Menschenrechtler« einer körperlich behinderten Athletin die Olympische Flamme brutal entreißen wollten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 302).

„Die Gewalt in Tibet war von rotgewandeten Lamas und ihren Gefolgsleuten ausgegangen, die angeblich im Namen ihrer buddhistischen Lehre sich solcher Übergriffe hätten enthalten müssen. Jedenfalls war die Brandschatzung chinesischer Geschäfte und Niederlassungen, die entfesselte Volkswut, die sich plötzlich nicht nur gegen die fremden Besatzer, sondern auch gegen die muslimische Minderheit der Hui entlud, das Produkteiner präzisen Planung. Um das festzustellen, bedarf es keiner finsteren Verschwörungstheorien. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 303).

„Die westlichen Medien haben die Zwischenfalle nach Kräften aufgebauscht. Die Niederknüppelung tibetischer Demonstranten vor der chinesischen Botschaft in der nepalesischen Hauptstadt Katmandu wurde im Fernsehen so dargestellt, als seien es chinesische und nicht nepalesische Polizisten, die erbarmungslos die Schlagstöcke führten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 303).

„Niemand wird behaupten, daß der Dalai Lama diese Übergriffe angestiftet habe, die immerhin mehrere Todesopfer forderten, aber ganz ohne Zweifel wurden die massiven Störaktionen von turbulenten Elementen tibetischer Exilorganisationen - nicht ohne Mitwirkung ausländischer Geheimdienste - angezettelt, die des beschwichtigenden Einlenkens ihres kornpromißbereiten Gott-Königs längst überdrüssig sind. In den westlichen Metropolen waren es überwiegend exzentrische Figuren des Showgeschäfts, die sich wieder ins Rampenlicht bringen wollten und die Olympischen Ringe als symbolische Handschellen darstellten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 303).

„Darüber hinaus wirkte es wie eine internationale Absprache, als der Dalai Lama von der deutschen Bundeskanzlerin fast wie ein Staatsoberhaupt in ihrem Amtssitz empfangen wurde, während unmittelbar danach George W. Bush die ihm verbliebene Amtszeit nutzte, um dem höchsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus, dem »Herrn des weißen Lotus«, eine hohe us-amerikanische Auszeichnung zu verleihen. Wie hätte wohl der damalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika reagiert, falls - um ein absurdes Beispiel zu zitieren - dem Indianerhäuptling Sitting Bull, dessen Volk vor der physischen Ausrottung stand, irn Ausland eine ähnliche Huldigung zuteil geworden wäre?“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 303).

„Die deutsche Regierungschefin, die dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama einen Auftritt vor dem Brandenburger Tor verweigert hatte, empfand keinerlei Bedenken, dem Dalai Lama diese Tribüne zu verschaffen. Hunderttausende deutsche Bewunderer dieses »Ozeans der Weisheit« verfielen in mystische Verzückung. Der Heilsbringer aus Tibet, der sich zu neuen Reisen in die Bundesrepublik rüstet, ist - wie Der Spiegel bestätigt - in Deutschland populärer als der deutsche Papst, und der Buddhismus hat der jungen Generation offenbar mehr zu bieten als das Christentum. Ein kleines Erlebnis am Rande: Beim Übernachten in einem Luxushotel von Düsseldorf entdeckte ich in der Schublade meines Nachttischs neben der Bibel, die vermutlich von den Zeugen Jehovas gestiftet war, auch eine Einführung in die erhabene Lehre Gautamas, die Gabe einer offenbar recht finanzkräftigen Gesellschaft für die Förderung des Buddhismus.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 304).

„Es liegt mir nichts ferner, als eine Person hohen geistlichen Ranges, die von der Mehrzahl seiner Landsleute als göttliche Wiedergeburt verehrt wird, in irgendeiner Weise zu schmähen. Daß er mich bei einer persönlichen Begegnung in Frankfurt nicht sonderlich beeindruckte, kann nicht als Kriterium dienen. Aber ganz offensichtlich hat eine weltweite Lobby versucht, sich dieses Mannes zu bedienen, um unter Mißbrauch des olympischen Verbrüderungsfestes alte Vorurteile und Ängste gegenüber dem schier unwiderstehlichen Aufstieg der Han-Rasse zu schüren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 304).

„Aber eines muß festgehalten werden: Den Drahtziehern der Anti-China-Kampagne ist es tatsächlich gelungen, den sportlichen Wettbewerb, von dem sich die Milliardenbevölkerung des Reiches der Mitte weltweite Gemeinsamkeit und eine durchaus berechtigte Anerkennung ihrer Leistungen versprach, in einen Schauplatz von Zank, Eifersucht und Mißgunst zu verwandeln. Wer meint, mit diesen Manipulationen, die sich sogar in der verzerrten Berichterstattung der Olympischen Spiele von Peking widerspiegelten, den hehren Zielen von Freiheit und Menschenrechten gedient zu haben, sollte sich bewußt sein, daß - von einigen Außenseitern abgesehen - beim größten Volk der Erde der Eindruck entstand, in eine Diskriminierung und Mißachtung zurückgestoßen zu werden, denen es ja unlängst noch auf so schmähliche Weise ausgesetzt war. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 304-305).

„Es geht hier um weit mehr als um das Macht- und Einflußringen, das sich China und die USA - letztere gestützt auf indische Schützenhilfe - seit der Machtergreifung Mao Zedongs (Tse-tungs) im Umkreis des Himalaya liefern. Die im Westen um sich greifende Schwärmerei für den Buddhismus - inkarniert in der Person des Dalai Lama - offenbart eine bestürzende metaphysische Ratlosigkeit.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 305).

„Das religiöse Bedürfnis, das nun einmal dem Homo sapiens seit seiner Entstehung innewohnt und das ihn von allen anderen animalischen Gattungen unterscheidet, wird offenbar durch die Überlieferten abrahamitischen Mythen nicht mehr befriedigt. In dieses mentale Vakuum drängt sich eine in mancher Hinsicht bewundemswerte Offenbarung, die aber gerade in ihrer tantrischen tibetischen Auslegung durch düstere Relikte von Schamanentum verdüstert wird. Allzu viele Amerikaner und Europäer haben mit ausufernder Phantasie das tibetische Hochland in eine Art Shangri-La verwandelt. Die Aussicht auf Wiedergeburt und das alles erlösende Nirwana soll die dem Menschen innewohnende Todesfurcht, die unerträgliche Ungewißheit dessen, was danach kommt, durch exotisch verklärte Weisheitssprüche Überwinden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 305).

„Wohlweislich werden alle gründlichen Studien verdrängt, die sich mit den realen gesellschaftlichen Zuständen in Tibet befassen. Die chinesische Volksbefreiungsarmee hatte mit ihrer atheistisch-materialistischen Ideologie und brutalen Unterdrückungsmethoden zwar der schauerlichen Rückständigkeit ein Ende gesetzt und die Voraussetzungen für technischen Fortschritt und die Anhebung des bislang erbärmlichen Daseins gefördert. Aber sie hat diesem kleinen, in seinen Überlieferungen lebenden Volk auf dem Dach der Welt die national-religiöse Identität, ja die Seele geraubt. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 305).

„Seit der Flucht des Dalai Lama, die durch speziell von der CIA ausgebildete Kampa-Krieger abgeschirmt wurde, ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Hätte er - unter den ursprünglichen Gesetzen seines Landes - seine Existenz weiterhin als Gott-König im Potala-Palast verbracht, wäre er möglicherweise, wie so manche seiner dreizehn Vorgänger, im Intrigenkampf der Mönchsgemeinschaften zerrieben oder gar vergiftet worden. Aber heute hat die geistliche Desorientierung des Westens es diesem über ein eigenartiges Charisma verfügenden Außenseiter der Weltpolitik erlaubt, Verehrung und Heilserwartungen gerade bei Angehörigen gehobener Gesellschaftsschichten zu wecken, bei der sogenannten Prominenz des Showbiz, der Politik, sogar diverser Wirtschaftsmanager Herolde seiner Botschaft zu finden. Wenn allerdings Reinhold Messner, der in Begleitung seiner tibetischen Sherpas nach Überwindung des Höhenrausches auf den höchsten Gipfeln des Himalaya eine tiefe Affinität zu dem »Herrn der Ringe« empfindet, dann sollte das respektiert werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 305-306).

„Ob dem Dalai Lama der Titel »Seine Heiligkeit« zusteht, der selbst einem gläubigen Katholiken bei der Benennung des Papstes nur schwer über die Lippen kommt, mag er selbst entscheiden. Erich Follath, der den Dalai Lama durchaus wohlwollend beschreibt, kommt nach langen Dialogen zu dem Schluß, daß für eine Vielzahl Abtrünniger, die an den Werten unseres westlichen Kulturkreises verzweifeln, dieser eigensinnige Schamane zum »Repräsentanten einer sanften Weltmacht, zur höchsten moralischen Instanz, zuständig für die Grundfragen der Menschheit, wie Lebenssinn, Glück, Gerechtigkeit und Frieden« geworden ist. Als postmoderner Engel mit urzeitlichen, in der Wiedergeburt stets reinkarnierten Wurzeln, als letzter gemeinsamer Nenner für Begeisterungsfähige und Skeptiker, Ohnmächtige und Übermächtige, Neurotiker und Naturburschen - eine Art Trostpflaster für die in Globalisierungsgewinner und -verlierer zersplitterte Erde, so sieht Erich Follath, auf dessen Urteil ich stets viel gegeben habe, den Dalai Lama. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 306).

„»Wenn so viele Menschen im Westen in seiner Person immensen spirituellen Trost gefunden hätten, so äußert sich der »Abgrund der Weisheit«, dann sage das mehr aus über sie als über ihn«, zitiert FoIlath den »weisen Clown«, der nach dieser Aussage in dröhnendes Gelächter verfallen sei. Schonungsloser und scharfzüngiger kann die Entwurzelung des »weißen Mannes« am Ende seines Parcours durch Christentum, Aufklärung, mörderisches Neu-Heidentum, Verwerfung von Vernunft und Maß nicht angedeutet werden. Der »Herr des weißen Lotus« - in seine rote Mönchskutte gehüllt - sollte dem Abendland eher als ein Künder seines Niedergangs denn als Prophet einer weltabgewandten Erlösung erscheinen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 306-307).

„Der religiösen Weisheit und Würde des Buddhismus soll hier durchaus gehuldigt werden. Aber zum Rezept beglückender Staatsführung oder zur Friedensstiftung ist er nun einmal nicht geeignet. Darin unterscheidet sich die Lehre Gautamas übrigens nicht sonderlich von den anderen uns bekannten Religionen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 307).

„Meine persönlichen Erfahrungen beziehen sich im wesentlichen auf den Bereich der ursprünglichen Theravada- oder Hinayana-Schule, deren in safrangelbe Togen gehüllte Mönche zu früher Stunde aus ihren Klöstern, ihren Sanghas, in langer Reihe ausschwärmen, um in Tonkrügen von den knienden Gläubigen ihre Nahrung einzusammeln.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 307).

„Besonders am Herzen lag mir das Königreich Kambodscha, das unter der extravaganten, aber klugen Herrschaft des Prinzen Sihanouk meiner Vorstellung vom Paradies auf Erden am nächsten kam. Über dieses heitere Land, das -von jeder Erbsünde verschont - in familiärer Ungezwungenheit und materieller Sorglosigkeit in den Tag lebte, ist imJahre 1970 ein grauenhafter Horror hereingebrochen. Das von Präsident Nixon und Henry Kissinger geschürte Komplott hatte die Sakralfigur Norodom Sihanouk, der sich ihren Plänen der Kriegsausweitung widersetzte, durch einen Armeeputsch gestürzt. Diese Insel des Friedens mitsamt ihren zahllosen Pagoden wurde den Vernichtungsschlägen der US Air Force ausgeliefert. Urplötzlich wurde das idyllische Kambodscha ein Opfer der Verwüstung, der sittlichen Verrohung durch das Vordringen primitiver Mörderbanden. Die sogenannten Roten Khmer, die sich von einer pseudorevolutionären Agrar-Utopie blenden ließen, hatten in den Tiefen des Dschungels auf ihre Stunde gewartet. Etwa zwei Millionen Menschen wurden von den Roten Khmer gezwungen, ihre eigenen Massengräber, die »Killing Fields«, auszuheben.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 307-308).

„In jüngster Vergangenheit hat vor allem die dumpfe Militärdiktatur von Burma oder Myanmar die Entrüstung aller aufrechten oder verlogenen Demokraten wachgerufen. Unter der Kolonialherrschaft, als das hinterindische Irrawaddy- Tal mit dem Lied verklärt wurde: »On the way of Mandalay where the flying fishes fly«, galt bei den britischen Verwaltungsbeamten der Satz: »To be a Burmese means to be a Buddhist.« Diese mystische Grundausrichtung hat nicht verhindert, daß seit dem Tag der Unabhängigkeit eine brutale Militärclique die Hauptstadt Rangoon in ein stählernes Korsett zwang, die in frommer Schicksalsergebenheitverharrende Bevölkerung tyrannisierte und die auseinanderstrebenden ethnischen Komponenten der Burmesischen Union mit Waffengewalt unterwarf.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 308).

„Noch schlimmer ist es einem anderen, im Theravada-Buddhismus verwurzelten Staatswesen an der Südspitze des indischen Subkontinents ergangen. In Ceylon, das heute Sri Lanka heißt, hatte ich einst in Kandy in einer endlosen Schlange Gebete murmelnder Gläubiger den »authentischen«, allerdings überdimensionalen Zahn Buddhas bestaunt. Dessen Ermahnungen zur Versöhnlichkeit und zum Gewaltverzicht haben jedoch nicht verhindern können, daß die Regierung von Colombo einen endlosen Vernichtungskrieg gegen die Minderheit hinduistischer Tamilen auslöste, die als Plantagenkulis aus dem indischen Teilstaat Tamil Nadu rekrutiert worden waren und in ihrem nördlichen Schwerpunkt Jaffna politische Unabhängigkeit von der buddhistischen Mehrheit, zumindest ein weites Maß an Autonomie von Colombo forderten. Gegen diese Rebellion, vor allem gegen die gefürchteten »Tamil- Tiger« ist die Armee des buddhistischen Commonwealth-Staates mit allen zur Verfügung stehenden Vernichtungsmethoden vorgegangen. Als schließlich im Sommer 2009 der bewaffnete Widerstand der Tamilen zusammenbrach, wurde die wehrlose Zivilbevölkerung in scharf bewachten Baracken zusammengepfercht, die den Ausdruck »Konzentrationslager« verdienen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 308-309).

„Dem Kerngebiet des Theravada-Buddhismus, dem Königreich Thailand, sind solche Greuel erspart geblieben, was zu einem wesentlichen Teil der gottähnlichen Autorität und der Weisheit des greisen Königs Bhumibol zu verdanken ist. Doch das alte Siam taumelt seit Jahrzehnten von einem Militärcoup zum nächsten. Die Korruption in den Ministerien Bangkoks und die fröhliche Lasterhaftigkeit, die allenthalben vorherrscht, lassen sich mit dem buddhistischen Tugendkanon allerdings kaum vereinbaren. Neuerdings verschärft sich zudem der blutige Konflikt mit den malaiisch-muslimischen Separatisten in den äußersten Südprovinzen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309).

„Aus unmittelbarer Nähe habe ich in den frühen 1960er Jahren erlebt, wie auf Weisung von Präsident Kennedy der Versuch unternommen wurde, die in Südvietnam stark vertretene Mahayana-Schule politisch zu instrumentalisieren und als Gegenkraft gegen die ideologische Ausweitung des Kommunismus aufzubauen. Der Opfertod eifernder Mönche, die sich selbst mit Benzinflaschen in Brand setzten, erregte damals weltweites Aufsehen. Die schöne Madame Nbu, eine Schlüsselfigur der katholischen Diktatur Ngo Dinh Diems, hat das grausige Schauspiel allerdings nur zu der zynischen Aussage veranlaßt, sie sei nicht verantwortlich dafür, daß diese Narren ihr eigenes »Barbecue« veranstalteten. Lange dauerte es nicht, da mußte auch die CIA erkennen, daß der Vietcong die Klöster der Jünger Gautamas infiltrierte und für seine Ziele zu nutzen verstand.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309).

„Aus fernster mythischer Vergangenheit ist uns die Saga des buddhistischen Herrschers Ashoka (Asoka) aus der Maurya-Dynastie überliefert, der etwa zweihundert Jahre vor Christus fast den ganzen indischen Subkontinent auf die Lehre Siddharthas ausrichtete, den Hinduismus weitgehend verdrängte, ohne jedoch dessen Kasten-Strukturen überwinden zu können. Doch Ashoka war alles andere als ein Held der Sanftmut und der Duldsamkeit. Der Legende zufolge ließ er seine 99 Brüder und Rivalen hinrichten und jeden Widerstand seiner Untertanen im Blut ersticken. Dann allerdings habe seine Läuterung und seine Bekehrung zur wahren Lehre stattgefunden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 309-310).

„Ashoka (Asoka) schickte seine buddhistischen Missionare bis nach Indonesien und in den afghanischen Hindukusch aus. Auf Java ist als Monument dieser Bekehrungsarbeit die kolossale Tempelkonstruktion von Borobodur erhalten geblieben, während im afghanischen Bamyan die riesigen, in hellenistischen Faltenwurf gekleideten Fels-Buddhas dem Bildersturm stupider Taleban zum Opfer fielen und gesprengt wurden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310).

„Manche Historiker behaupten übrigens, daß der listige König Ashoka (Asoka) sich der Friedens- und Entsagungslehre Buddhas bedient habe, um besonders räuberische und kriegerische Stämme an den Grenzen seines Reiches in unterwürfige und fromme Untertanen zu verwandeln und zu pazifizieren. Ähnlich sollen ja auch chinesische Kaiser der Ming-Dynastie vorgegangen sein, um die Konversion barbarischer Steppenhorden zur sanften Besinnlichkeit der buddhistischen Sanghas zu betreiben und die ungezähmte Wldheit in resignierte Unterwürfigkeit zu verwandeln. Manche Mongolen, so vernahm ich, beklagen heute noch diese »psychische Kastration« ihrer stürmisch-aggressiven Veranlagung.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310).

„Wer den Buddhismus als Märchen unserer Tage, als verwirklichten Traum von Shangri-La erleben will, der begebe sich nicht nach Dharamsala, dem Amtssitz des Dalai Lama auf indischem Boden, wo sich im Umkreis eines recht harmlosen Gott-Königs alle nur denkbaren Geheimdienste tummeln. Statt dessen beeile er sich, das in Sichtweite des Mount Everest gelegene Königreich Bhutan aufzusuchen, dessen Herrscher - mit vier Schwestern verheiratet - den Entschluß faßte, das grob-materialistische Streben des Westens nach »Gross National Product« durch die vergeistigte Mehrung einer »Gross National Happiness« zu überwinden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 310-311).

„Im Sommer 2005 habe ich mich an Ort und Stelle überzeugen können, daß es sich dabei um keine Scharlatanerie handelte, sondern daß Jigme Singye Wangchuk, Urenkel des Gründers der dortigen Drachen-Dynastie, bei seinen rund sechs Millionen Untertanen einen Zustand allgemeiner Zufriedenheit und frommen Wohlbehagens schuf. Das bescheidene Dasein und die begrenzten Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung werden von der Bevölkerung keineswegs als Entbehrung oder Benachteiligung empfunden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 311).

„Die asiatischen Nachbarstaaten waren überrascht, als dieser wohlwollende Despot nach relativ kurzer Regentschaft im Jahr 2006 auf seinen Thron verzichtete und seinen Sohn Jigme Khesar Namgyal als Nachfolger einsetzte. Er empfahl seinen Untertanen sogar, gewisse Praktiken westlicher Demokratie zu übernehmen und ein Mehrparteiensystem einzuführen. Vielleicht tat er das, um eventuellen Vorwürfen mangelnder Liberalität zuvorzukommen, die in Washington und vor allem in Neu-Delhi erhoben werden könnten. Das Volk ging höchst widerstrebend zu den Urnen. In freier Wahl verschaffte es spontan der Partei des »Gelben Drachen«, das heißt der Partei des Königshauses, die Gesamtheit der Abgeordnetensitze.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 311).

„Noch ist Bhutan, das den Tourismus aufs Äußerste beschränkt, sich selbst treu geblieben. Das Königshaus hat eine einheitliche Landestracht angeordnet: Für Männer ist das ein kiltähnlicher Rock und Wollsocken, die bis zum Knie reichen. Sämtliche Neubauten müssen den Stil ästhetischer Eleganz einhalten, der von den großen Monasterien, den festungsähnlichen »Zhong«, vorgegeben wurde. Die Klöster verharren im altüberlieferten Ritual. Von den fremden Besuchern wird hier kaum Notiz genommen. Während der endlosen Rezitation der Mantras und Sutren, die die Mönche in den exakt ausgerichteten Karrees ihrer weinroten Roben vornehmen, wachen ein paar ältere, grimmige Aufseher darüber, daß zumal bei den Novizen keine Zerstreutheit und kein Gespräch aufkommt. Sonst bekommen sie die mehrschwänzigen Peitschen zu spüren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 311).

„Mit demselben Strafinstrument verfolgten die Bonzen auch unsere Schritte, als wir den Zhong verließen. Es galt wohl, jene Dämonen und Schlangengeister zu vertreiben, die sich auf unseren Spuren in die langen Alleen goldener Buddha- und Bodhisattva-Statuen eingeschlichen haben könnten. In dieser archaisch esoterischen Umgebung fühlte ich mich ein wenig in jene Klosteratmosphäre versetzt, die Umberto Eco in seinem Roman Der Name der Rose beschrieben hat.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 312).

„Prüde und sonderlich schamvoll geht es bei diesem entkrampften Gebirgsvolk übrigens nicht zu. Die Wohnhäuser sind häufig mit außergewöhnlichen Fabeltieren bemalt, vor allem aber auch mit realistischen Darstellungen männlicher Genitalien, die mit blauen und rosa Schleifchen verziert sind. Besonders fiel mir an dieser kuriosen Mahayana-Schule der Kult auf, der ihrem Lieblingsheiligen, dem »zweiten Buddha« und höchsten Guru Rinpoche, gewidmet ist. Im achten Jahrhundert hatte er, auf einem Tiger reitend, die Berge von Bhutan erreicht. Mit krausem Bartwuchs wird er wie ein ausgeflippter Hippie unserer Tage dargestellt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 312).

„Dieser heilige Lama, auch als Lotus-geborener Padmasambhava verehrt, hat sich durch erotische Extravaganzen und grobe Scherze hervorgetan. So soll er bei einer einzigen Mahlzeit eine ganze Kuh und eine Ziege mit Haut und Haaren verspeist haben. Es folgte ein gewaltiger Rülpser, und Guru Rinpoche erbrach ein kurioses Tier, das nur in dieser Himalayazone anzutreffen ist und als eine Art Wunderwesen gilt. Ich habe die »Rinder-Gemse« mit den Ausmaßen eines Kalbes und zotteligem grauem Fell als besonders häßliche Tiergattung empfunden. Doch dieses Mißgeschöpf, »Takin« genannt, genießt Schutz und ernährt sich von extrem stacheligem Laub, dessen bloße Berührung mit der menschlichen Haut wie ein schmerzhafter Nadelstich wirkt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 312).

„Der kurze Aufenthalt in Bhutan verhalf mir zu einem seltsamen Zaubererlebnis, das meiner eher skeptischen Veranlagung gegenüber jeder Form von Magie überhaupt nicht entsprach. Unser stämmiger Begleiter Udai - in die vorgeschriebene Landeskluft gekleidet- kam mir zu Hilfe, als mein Schädel mit voller Wucht auf die scharfe, kantige Steinverkleidung einer niedrigen Klosterpforte knallte. Eine tiefe Kerbe hatte sich in meine Stirn eingeschnitten. Der Kopf dröhnte vor Schmerz. Da nahm Udai mich beiseite, umkreiste meine Verletzung weihevoll mit seinen Händen, holte tief Atem und blies mir mehrfach ins Gesicht. Mit einem Schlag war die unerträgliche Qual verschwunden und sollte sich auch nicht mehr einstellen. Die Narbe hingegen ist erst nach zwei Wochen allmählich verblaßt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 312-313).

„Wie lange die Idylle von Bhutan erhalten bleibt, liegt im Ratschluß Buddhas. Schon kommt es zu Spannungen mit den hinduistischen Zuwanderern aus Nepal, die sich am Südrand des Königsreichs angesiedelt haben. Auf ähnliche Weise war eine Migration von Nepalesen dem Königreich Sikkim zum Verhängnis geworden, als die indische Regierung sich ihrer als umstürzlerisches Element bediente. Aus dem östlich gelegenen Assam dringen neuerdings Freischärler in die entlegenen Dschungelgebiete Bhutans ein, um dort Schutz vor ihren indischen Verfolgern zu suchen. Schon geht die Sorge um, die Lockerung der Tourismusbegrenzung sowie die Zulassung der trivialen Fernsehprogramme aus »Bollywood« könne geistige Verwirrung auslösen. Die Zunahme von Selbstmorden gerade bei jungen Leuten wird mit Ratlosigkeit registriert.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 313).

„Auf keinen Fall darf der Fremde jedoch dem Irrtum verfallen, die Glückseligkeit des Drachenreichs von Bhutan, die sanfte Lebensfreude seiner Menschen ließen sich mit den Zuständen vergleichen, die vor dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee im Gottesstaat der rotgewandeten Lamas von Tibet vorherrschten. Selbst Guru Rinpoche, der sich in Bhutan als eine Art heiterer, glückspendender Kobold präsentiert, gewinnt am Nordrand des Himalaya ein furchterregendes Antlitz und unterwirft die auf ihn eingeschworene Gefolgschaft des Dalai Lama seinen zornigen Launen, seiner unberechenbaren Willkür.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 313).

„»Es ist unglaublich, fast unheimlich, mit welcher Ignoranz die treuherzigen Deutschen den Dalai Lama, diesen gelb-roten »Gott zum Anfassen«, der erst im zwanzigsten Jahrhundert dem finstersten Mittelalter entsprungen ist und der sich mit erstaunlichem Geschick westliche Begriffe von Liberalismus, Humanismus und Psychologie angeeignet hat, als »Jesus der Neuzeit« anbeten.« “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 314).

„Das Zitat habe ich den Tibet-Experten Victor und Victoria Trimondi entliehen. Aus persönlichem Antrieb hätte ich nicht gewagt, ein so vernichtendes Urteil zu fallen. Ich will nicht behaupten, daß die anbetende Hinwendung so vieler unserer Landsleute zu einem exotischen Heilskünder aus dem Himalaya einem dauerhaften Rückfall in schamanistisch anmutende Pseudospiritualität entspricht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 314).

„Was die einfaltige Bewunderung einer obskuren tantrischen Form des Buddhismus jedoch zum Ausdruck bringt, ist die intellektuelle und psychische Verwirrung des »weißen Mannes«. Nach seiner Abkehr von der eigenen theologischen Überlieferung ist es geradezu Mode geworden, den Trugbildern und Phantasmen anderer Kulturen nachzulaufen. Dabei geht aus seriösen Studien des Lamaismus hervor, daß Leibeigenschaft, Sklaverei, Erbfolge durchaus übliche Praktiken der damaligen feudalistischen Gesellschaft waren. Dazu gehörten auch eine strenge klerikale Hierarchie, düsterer Dämonenglaube, Geheimriten und »sexual-magische Praktiken«. Die seltenen Filmdokumente in Schwarzweiß, die uns aus der Epoche vormaoistischer tibetischer Unabhängigkeit erhalten sind, veranschaulichen eine Serie von kultischen Ritualen, deren grauenhafter Spuk und die an Epilepsie grenzenden Trancezustände tiefstes Befremden auslösen sollten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 314).

„Die Denaturierung des wahren Heilsweges, den der authentische Buddha predigte und der die Ausübung weltlicher Macht weit von sich weist, wird in der profunden Analyse der Tibetologin Jane Bunnag ohne jede Spur von Polemik beschrieben. »Die Schlüsselrolle der Mönche und ihrer »Sanghas«, so schreibt sie, »prädestiniert sie theoretisch zu einer führenden Stellung auf vielerlei Gebieten. Aber die Gläubigkeit ihrer frommen Gefolgschaft verwehrt sich dagegen, daß sich die Mönche ihre Hände mit gesellschaftlichen und nationalen Entwicklungsprogrammen - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne - schmutzig machen. Die Stärke der Mönche liegt darin, zwar in der Gesellschaft zu leben, aber nicht Teil der Gesellschaft zu sein, was den Wert ihres moralischen Einflusses steigert, ihre praktische Nützlichkeit jedoch auf ein Minimum reduziert.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 314-315).

„Am Abend vor meiner Abreise aus Lhasa habe ich meine beiden Gefährten zu einem Abschiedsessen geladen. Ich hatte bei Fangyi darauf gedrängt, daß mir die zuständige tibetische Religionsbehörde am Ende doch noch einen in Fragen buddhistischer Religiosität erfahrenen Experten als Informationsquelle zur Verfügung stelle. Meine Bemühungen, von Wang Chuk Einblicke in die lokalen Mahayana-Strukturen zu gewinnen, waren an dessen Ignoranz und nicht zuletzt am unzureichenden englischen Vokabular kläglich gescheitert. So verwechselte er bei meiner Frage nach den vier Schulen des tibetischen Tantrismus die Begriffe »Philosophie« und »Photokopie«. Zweifellos hielt auch er - wie die große Mehrheit seiner Landsleute - an der Idealvorstellung jener theokratischen Herrschaft seines Dalai Lama fest, der lange vor seiner Geburt aus dem Potala-Palast hatte fliehen müssen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 315).

„Bei der selbstbewußten Han-Chinesin Fangyi hatte ich das Gefühl, der mönchische Mummenschanz, die obskurantistische Magie auf dem Dach der Welt, wo wundertätige Gurus per Telepathie miteinander kommunizieren, seien für ihr teils konfuzianisch, teils maoistisch geprägtes Weltbild ohne das geringste Interesse. Gewiß, der Buddhismus hatte, wie der volkstümliche Roman Die Reise nach Westen beschreibt, auch Zugang zum Reich der Mitte gefunden, und jedem Chinesen ist die Märchenfigur des Mönches Xuan Zang bekannt, der in Begleitung des »Goldaffen« auf seiner Wanderung nach Indien so manches Abenteuer bestand.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 315-316).

„Aber die Mahayana-Bräuche, die bei breiten Volksschichten der Han-Rasse starken Anklang fanden, verschmolzen in einem typisch chinesischen Synkretismus sehr bald mit den ursprünglichen Zauberpraktiken des Taoismus zu einem vielfältigen Sammelsurium. Größter Beliebtheit erfreute sich die Figur des lachenden Buddha, der mit strahlendem Gesicht auf seinem von reichem Essen prall gefüllten Bauch weist und von der Askese des Religionsgründers weit entfernt ist. Diese Importreligion aus Indien entsprach im wesentlichen den abergläubischen Bedürfnissen der bescheidenen Gesellschaftsschichten, während die intellektuell und literarisch gebildete Elite des Mandarinats den Schriften und Geboten des Meister Kong absoluten Vorrang einräumte und sich an dessen Ahnen- und Ritenkult orientierte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 316).

„Ich war angenehm überrascht, als wir im Jingcheng-Hotel von einem hochgewachsenen jungen Tibeter abgeholt wurden, der sich durch seinen hellen Teint und sein gewandtes, urbanes Auftreten von der Mehrzahl seiner Landsleute unterschied. Lhundup, wie wir ihn nennen wollen, hatte zwei Jahre in Kalifornien verbracht, sprach ein sehr gutes Englisch und vertrat jenen Typus ideologischer Unbefangenheit, mit der sich in autoritär regierten Staaten die Angehörigen des Nachrichtendienstes durchaus vorteilhaft von der üblichen Mitteilungsscheu und Verschlossenheit ihrer Mitbürger unterscheiden. Jedenfalls hatte die geheime Amtsstube, die Lhundup geschickt hatte, einen vorzüglichen Gesprächspartner ausgewählt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 316).

„Das Abendessen fand - das mußte wohl so sein - wieder im »House of Shambhala« statt. Dort wird neben schwer genießbarem Essen auch Yogi-Unterricht, geistliche Erbauung in separaten Räumen geboten. Gelegentlich werden sogar lokale Modekollektionen vorgeführt. »Sie wollen ja nicht gleich mit mir über den Dalai Lama sprechen?«  fragte Lhundup scherzhaft und stimmte ein Lachen an, das fast so dröhnend klang wie die Heiterkeit des »Ozeans der Weisheit«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 316).

„Er versuchte gar nicht, die Zustände in seiner Heimat, auch das problematische chinesische Protektorat schönzureden, wie das in den offiziellen Propagandabroschüren üblich war. Er mokierte sich ohne Umschweife über die Fabelbilder, die von so manchen Abenteurern, Hobbyforschern, Spionen und Wirrköpfen aus dem Westen entworfen würden, bis hin zu jenen Exzentrikern, die auf dem Dach der Welt eine von der Sintflut verschonte Menschengattung und im Umkreis der Klöster die Spuren einer arischen Urrasse entdeckt zu haben glaubten. »Eines sollten Sie bedenken«, fuhr er mit ernstem Unterton fort, »wenn wir Chinesen nicht unsere alten, organischen Bindungen an Tibet wiederaufgenommen hätten, Würden die Inder sich längst mit us-amerikanischer Hilfe in Lhasa etabliert haben.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 317).

„Der hochgebildete Mann gab mir auch die Erklärung des Wortes »Shambhala«. Der Weg nach Shambhala führe laut tantrisch-buddhistischer Lehre den Erleuchteten zu jenem Ort der Erlösung, des Eingehens in einen immateriellen Zustand des Glücks, der nur durch Verzicht auf alle trivialen Bedürfnisse und Verlockungen des Lebens erlangt werden könne. »Es mag Sie interessieren, daß laut dem Kalachakra-Mantra aus dem zehnten Jahrhundert, dem auch der vierzehnte Dalai Lama anhängt, dieser Zustand der Perfektion, die Verwandlung Shambhalas aus einer mystischen Vision in eine erhabene Wirklichkeit, erst nach einer grauenhaften Phase kosmischen Zusammenpralls und menschlicher Verderbtheit erreicht werden kann.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 317).

„Offenbar war Lhundup über meine enge Beschäftigung mit dem revolutionären Islam unterrichtet, denn er verwies auf eine seltsame Verwandtschaft der großen Weltreligionen. Immer wieder trete die gemeinsame Vision nach einer Zwischenphase blutiger Wirren auf. Das Auftauchen falscher Propheten oder die höllische Erscheinung des Antichristen werde in der Schlacht von Armageddon gipfeln, jener grauenhaften Prüfung und quälenden Vorstufe der Läuterung, bevor der Himmel sich öffnet für die Parusie des Messias, Mehdi oder des Buddha Shakyamuni. Es bestehe doch eine eigenartige Parallelität zwischen den endzeitlichen Hinweisen der jüdischen Kabbala, der chiliastischen Erlösungserwartung der protestantischen Evangelikalen in USA, zwischen der schiitischen Mystik der »Hodschatiyeh«, der auch der jetzige iranische Präsident Ahmadinejad nahestehe und die alles Heil von der Wiederkehr des Verborgenen Zwölften Imam erwartet, zu gewissen geradezu apokalyptisch anmutenden Schreckensvisionen des tibetischen Tantrismus. In diesem Punkt habe sich die theologische Interpretation der Mönchsgemeinschaften von Lhasa und Shigatse weit von dem erhabenen Prinzip der »Ahimsa«, des Gewaltverzichts, entfernt, das der authentischen Lehre Gautamas im Westen so viele Junge zutreibe.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 317-318).

„Wir plauderten anschließend noch eine Weile über geopolitische und strategische Zustände in Zentralasien, bevor wir uns, dem chinesischen Brauch entsprechend, nach dem letzten Bissen unverzüglich, fast grußlos trennten. Fangyi und Wang Chuk hatten sich während der sprunghaft verlaufenen Unterhaltung jeder Äußerung enthalten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 318).

„Am Flughafen von Lhasa verabschiedete sich Wang Chuk am folgenden Tag mit einer buddhistischen Sutra, die dem Namen »Shambhala« eine hintergründige Bedeutung verlieh. Ob er damit auf meine rastlose Reisetätigkeit anspielen wollte? In dem Sakraltext hieß es: »Ein meditierender Mensch gewinnt eine ganz besondere Sicht der Dinge. Der eilfertige Reisende gewinnt einen ganz anderen Standpunkt. Es gibt so viele unterschiedliche Deutungen. Welches ist die wahre? Ein Mensch, der auf der Suche nach Shambhala durch die Welt reist, kann diese Erleuchtung kaum finden. Aber das bedeutet nicht, daß Shambhala nicht entdeckt werden kann.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 318).

„Dem Abendland kann es nicht gleichgültig sein, je es stellt sich die nackte Überlebensfrage, wenn - um nur diese Beispiele zu erwähnen - die Zahl der Algerier zwischen 1960 und 2000 von 8 auf 30 Millionen, die der Iraker zwischen 1050 und 1990 von 5 auf 25 Millionen hochgeschnellt ist, währen der eigene Bevölkerungsstand nur durch den unablässigen Zustrom außereuropäischer Migranten auf dem bisherigen dem bisherigen Niveau gehalten wird. Für die außereuropäischen großen Siedlungsgebiete der weißen Menschheit - Nordamerika und Sibirien zumal - gelten ähnlich düstere Perspektiven.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 319-320).

„Vor zweihundert Jahren waren die europäischen Kolonialmächte noch zutiefst davon überzeugt, ihnen sei der göttliche Auftrag erteilt, den in barbarischer Rückständigkeit und Willkür dahindämmernden Völkern Asiens und Afrikas die erlösende Botschaft des Christentums oder der Aufklärung zu vermitteln. Rudyard Kipling bezeichnete diese zivilisatorische Mission als »Bürde des weißen Mannes«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 320).

„Mit einem ähnlichen Gefühl kultureller Überlegenheit und technologischer Brisanz dürften heute die Chinesen den rückständigen Rassen in ihren Randzonen begegnen und sich rühmen, ihnen den Weg in eine bessere, würdigere Zukunft zu weisen. Seit die höchsten Gremien der Kommunistischen Partei von Peking begriffen haben, daß die von Mao Zedong (Tse-tung) vorgegebene Richtlinie der »Einkind-Familie« zu gesellschaftlicher Vergreisung und sozialen Engpässen führt, ist die drakonische Geburtenbeschränkung relativiert und der normale Wachstumsrhythmus wiederhergestellt worden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 320).

„Die aus Amerika und Europa unablässig vorgetragenen Ermahnungen an das Reich der Mitte, sich den westlichen Prinzipien von freier Meinungsäußerung (an die sich der Westen selbst nicht hält; HB), parteipolitischer Vielfalt (hier gilt ähnliches; HB) und peinlicher Observanz der Menschenrechte (hier gilt ähnliches; HB) unterzuordnen, klingen zunehmend bizarr und unglaubwürdig. Selbst im Berliner Reichstag dürfte sich allmählich herumsprechen, daß die im Westen gepriesene paralamentarische »Streitkultur«, die sich - unter Vernachlässigung der wirklich relevanten Probleme - in Debatten über den Mindestlohn von Briefträgern und die Spitzfindigkeiten von Hartz IV erschöpft, nicht einmal mehr den Erwartungen und Bedürfnissen eines 83-Millionen Volkes gerecht wird.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 320).

„Ich war seinerzeit nach Peking geeilt, um mir zwei Tage nach der Niederschlagung dieser im Westen so überschwenglich gefeierten »Konterrevolution« ein eigenes Urteil zu bilden. Gewiß, auch ich hatte Sympathien empfunden für die jungen Aufrührer und Idealisten, die sich im Namen eines Freiheitsbegriffs, den sie selbst nicht zu definieren vermochten, in ein Abenteuer stürzten, an dessen Ende - laut Amnesty International - etwa neunhundert Tote zu beklagen waren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 323).

„Aber in der Zwischenzeit haben sich von Bogotá bis Algier unendlich grausamere Tragödien abgespielt, und die sind von der flammenden Wut der professionellen Menschenrechtler weitgehend verschont geblieben. Bei manchen allzu selbstherrlichen Philanthropen kommt mir das Zitat in den Sinn: »Der Freund des Menschengeschlechts ist niemandes Freund.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 323).

„Was wäre denn die Alternative gewesen, wenn sich die »Reformer« durchgesetzt hätten? Die Partei und die Volksbefreiungsarmee hätten ebenso nachhaltig gegen den Ausbruch einer »weißen Kulturrevolution« und die damit verbundenen Bürgerkriegszustände eingreifen müssen wie einst gegen die exzessiven Ausschreitungen der Rotgardisten, die Mao mit seiner Order »Bombardiert das Hauptquartier!«  aufgeputscht hatte. Nach deren Zügelung und Disziplinierung waren - vorsichtigen Schätzungen zufolge - fünf Millionen Todesopfer zu beklagen gewesen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 323).

„Der kritische Höhepunkt, der den damaligen starken Mann im Zhongnanhai, Deng Xiaoping (Teng Xiao-ping), und den unerbittlichen Regierungschef Li Peng geradezu zwang, gegen den zunehmend gewalttätigen Aufruhr am Platz des Himmlischen Friedens mit Waffengewalt vorzugehen, war erreicht, als eine plumpe Kopie der us-amerikanischen Freiheitsstatue das Tor zur Verbotenen Stadt verstellte und die revoltierende Masse dem aus Moskau herbeigeeilten Michail Gorbatschov, einem Experten für Staatsauflösung und Chaosstiftung, den Zugang zum Großen Volkspalast versperrte. Der Generalsekretär der KPdSU mußte durch eine Hintertür eingeschleust werden. Dem Politbüro von Peking war die unerträglichste Schmähung zugefügt worden, die China kennt. Es hatte »das Gesicht verloren«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 323-324).

„Realpolitiker wie Helmut Schmidt oder Henry Kissinger haben sehr bald eingesehen, daß der chinesischen Führung gar keine andere Wahl blieb, als zum Wohl des Staates und des Volkes mit harter Hand durchzugreifen, daß es - um eine zynische Maxime chinesischer Politik zu erwähnen - an der Zeit war, »durch das Schlachten eines Huhns eine Horde Mfen zu vertreiben«.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 324).

„Jeden Vorwurf eines reaktionären Zynismus, den man mir machen könnte, weise ich weit von mir, seit ich beobachten konnte, daß sich unter den westlichen »Herolden der Freiheit«, die mit Schaum vor dem Mund das Massaker am Tien An Men verfluchten, ausgerechnet jene Scharlatane und Narren wiederfanden, die sich zwanzig Jahre zuvor mit der »Großen Proletarischen Kulturrevolution« und ihren blutigen Exzessen solidarisiert hatten. Sie hatten sogar in Peking - zur Erheiterung der Chinesen - die Mao-Mütze mit dem roten Stern aufgesetzt, trugen das Abzeichen mit dem Großen Steuermann stolz auf der Brust und skandierten im Chor Auszüge aus dessen Roter Bibel, jenem einfältigen Text, der lediglich für die Indoktrinierung unwissender chinesischer Massen konzipiert war, als handele es sich um die höchste Offenbarung revolutionärer Weisheit.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 324).

„Einem hochrangigen Funktionär des Olympischen Komitees ist der geniale Gedanke gekommen, in Zukunft sollten die weltumspannenden sportlichen Wettkämpfe nur in Staaten ausgetragen werden, die den Ansprüchen von Menschenrechten und westlicher Demokratie entsprechen. Damit würde jedoch die Zahl der qualifizierten Veranstalter auf eine extrem bescheidene Anzahl der sogenannten Völkerfamilie reduziert. Das Atlantische Bündnis sollte sich nicht länger um die Erkenntnis herumstehlen, daß nicht nur gewisse Prozeduren des Parlamentarismus ihre Fragwürdigkeit offenbaren, sondern daß der pauschale Begriff »Demokratie«, der im klassischen Griechenland alles andere als einen Idealzustand menschlichen Zusammenlebens definierte, einer globalen Erosion ausgesetzt ist. Um nur ein griffiges Beispiel zu erwähnen: In Schwarzafrika ist die tribalistische Bindung und Verpflichtung das oberste und exklusive Gesetz politischen Kräftemessens.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 325).

„Bei der überwiegend negativen Berichterstattung deutscher Politiker und Publizisten über die Entwicklung in der Volksrepublik China dürfte neben einer schwärmerischen Präferenz für Indien vor allem die Tatsache den Ausschlag gegeben haben, daß Peking im Begriff steht, die Bundesrepublik wirtschaftlich und industriell zu überholen, ihr den Rang der bedeutendsten Exportnation streitig zu machen, auch wenn die Qualität chinesischer Produkte oft noch zu wünschen übrigläßt. Aber auf Dauer werden sich die als beleidigte Verlierer auftretenden Industriellen aus Europa und Amerika nicht damit herausreden können, die Erben Mao Zedongs (Tse-tungs) seien zwar unübertreffliche Meister der Nachahmung, aber zu eigener Kreativität nur in geringem Maße befähigt. Mit solchen Behauptungen versucht man, unser Wissen um das erfinderische Genie zu verdrängen, das dem Reich der Mitte zwei Jahrtausende lang gegenüber dem Abendland einen deutlichen Vorrang verschaffte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 325-326).

„Noch versteifen sich die Auguren des Westens auf die Behauptung, daß sich der asiatische Gigant nur unter Verzicht auf seine sozialistische Ideologie zu einer rüden Form des Frühkapitalismus durchgerungen habe .... Inzwischen haben die völlig unerwartete Finanzkrise des Jahres 2008 und die drohende Rezession in der Realwirtschaft die extreme Fragilität der angelsächsisch-calvinistisch ausgerichteten Finanzkonzepte bloßgelegt. In der breiten Öffentlichkeit des Westens kommt der Verdacht auf, daß die jüngsten Auswüchse des spekulativen Vabanquespiels den Anforderungen einer anfangs überschwenglich gepriesenen Globalisierung nicht gewachsen sind.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 326).

„Wer hätte vor zehn Jahren vorauszusagen gewagt, daß New York und London das Heil ihrer Börsen in der Verstaatlichung einiger Großbanken suchen würden, daß die unbegrenzte Wachstums-Euphorie der Friedman-Schule und ihrer Chicago Boys mit einem Schlag recht altmodisch aussehen würde, während eine Rückwendung zu John Maynard Keynes und seiner These des »deficit spending« neuen Zuspruch gewänne?“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 326).

„Geradezu demütigend für die europäischen Hasardeure der »New Economy« ist die Tatsache, daß der ungebrochene Wirtschaftsaufstieg Chinas weit weniger durch die allgemeine Ratlosigkeit und Katastrophenstimmung betroffen war als die Systeme der übrigen großen Industrienationen. Die Bank of China ist infolge einer gewaltigen Anhäufung us-amerikanischer Wertpapiere, Schatzanleihen und Dollarreserven ein lebenswichtiger Partner der Vereinigten Staaten von Amerika und für eine eventuelle Stabilisierung beziehungsweise Konsolidierung der US-Ökonomie unentbehrlich geworden. Die Europäer sind demgegenüber auf eine zweitrangige Position zurückgefallen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 326).

„Daß das gewaltige Reich der Mitte vor Zerreißproben nicht gefeit ist, dessen dürfte sich das Parteikollektiv des Generalsekretärs Hu Jintao, dessen interne Spannungen selten nach außen dringen, sehr wohl bewußt sein. Der »Drachensohn«, der gottähnliche Kaiser in der Verbotenen Stadt, mußte stets befürchten, daß - als Folge von Naturkatastrophen, administrativer Mißwirtschaft oder militärischen Niederlagen - das Volk sich gegen ihn auflehnte und er selbst des »Auftrags des Himmels« verlustig ging. Da half es ihm auch nicht, daß jedes seiner Dekrete mit der Weisung »Zittere und gehorche!«  endete.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 326-327).

„So war der kriegerische Tumult der »Roten Turbane«, der im vierzehnten Jahrhundert der mongolischen Fremdherrschaft der Yüan-Dynastie ein Ende setzte, Ausdruck der geballten Unzufriedenheit des Volkes. Er war durch die Wühlarbeit von Geheimgesellschaften, deren Strukturen sich unter dem Namen »Triaden« bis auf den heutigen Tag erhalten haben, vorbereitet worden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 327).

„Schon tausend Jahre zuvor hatte eine Art chinesischer »Bundschuh« der »Gelben Turbane« die kaiserliche Herrschaft erschüttert. Für den Bestand des Reiches stellte die kurz darauf folgende mystische Massenbewegung der »Gelben Kopftücher« jedoch eine weit größere Gefahr dar, entsprach sie doch einem Hang zu magischer Sektenbildung, die im Taoismus wurzelte und gegen die Mißstände des konfuzianischen Mandarinats anstürmte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 327).

„Noch im neunzehnten Jahrhundert wäre die Mandschu-Dynastie fast vom Thron gefegt worden, als der Bauernsohn Hong Xiuquan sich in seinem religiösen Wahn als jüngerer Bruder Jesu Christi ausgab. Er predigte die »allgemeine Gleichheit auf Erden«, die manche Elemente der maoistischen Zwangskollektivierung auf verblüffende Weise vorwegnahm. Nach einer Periode unsäglicher Greuel und Massaker, die fast fünfzig Jahre andauerte, wurde der Usurpator, der sich den Titel eines »Himmlischen Königs des Himmlischen Reiches des Friedens« zugelegt hatte, aus seinem Regierungssitz Nanking vertrieben. Es hatte eines Aufgebots europäischer Söldner und Abenteurer unter dem Befehl des britischen Generals Gordon bedurft, um die Taiping-Revolte -unter diesem Namen ist sie in die Geschichte eingegangen -im Blut zu ersticken.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 327).

„Die derzeitige Staatsführung weiß, daß die ansonsten so nüchtern und pragmatisch wirkende Rasse der Han gegen gewaltsam ausufernde Anwandlungen mystischer, chiliastischer Hirngespinste keineswegs gefeit ist. So läßt sich in unseren Tagen die unerbittliche Verfolgung der Falun-Gong-Sekte erklären. Mit allen Mitteln versucht Peking zu verhindern, daß der beachtliche Zulauf, den Falun Gong vor allem bei der Jugend findet, sich nicht zu einer neuen pseudo-religiösen Erweckungsbewegung ausweitet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 328).

„Fremdherrschaft ist den Chinesen nicht erspart geblieben. Aus Westen kommend, eroberten die mongolischen Erben Dschingis Khans das Reich der Mitte und verhalfen ihm unter Kaiser Kublai Khan zu beachtlicher Expansion. Knapp dreihundert Jahre später stürmten die Mandschu-Horden aus Norden heran und bemächtigten sich des Pekinger Drachenthrones. Ihre am Ende dekadente und in Palastintrigen erstickende Yüan-Dynastie wurde erst im Jahre 1911 nach der Ausrufung der Republik durch Sun Yatsen aus der Verbotenen Stadt vertrieben. Aber die der Han-Rasse und ihrer Zivilisation innewohnende Kraft erwies sich als so gewaltig und überlegen, daß die Eindringlinge binnen kurzer Zeit einer totalen Assimilation erlagen und sämtliche Bräuche und Riten des konfuzianischen Hofes übernahmen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 328).

„In diesen geschichtlichen Prüfungen kam den Chinesen zugute - so unterschiedlich ihr Aussehen zwischen der Hoang-Ho-Ebene und den Bergen Yünans auch sein mochte, so sehr sie bislang durch diverse Sprachbarrieren, die erst heute durch die obligatorische Einführung des Mandarin überwunden werden, getrennt waren -, daß sie sich stets allen anderen Völkern des Erdballs weit überlegen fühlten. Die Geringschätzung aller Fremden macht übrigens auch vor den Europäern nicht halt, wie jeder bestätigen kann, der gelegentlich von seiner erzürnten chinesischen Geliebten als »redfaced Barbarian« beschimpft wurde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 328).

„Man mag einwenden, daß - um im ostasiatischen Raum zu bleiben- die Vietnamesen mit ähnlicher Geringschätzung auf die artfremden Gebirgsvölker herabblicken, die sie als »Moi«, als Wilde, bezeichneten .... Sogar die sanftmütigen Laoten suchten die ethnischen Gegensätze ihres kleinen Mekong-Staates zu überwinden, indem sie die fremdrassigen Meo, Yao oder Kha kurzerhand zu »Lao Theung«, Laoten der Berghänge, deklariertenähnlich wie Atatürk im femen Anatolien aus seinen kurdischen Untertanen »Bergtürken« gemacht hatte. Die entscheidende Differenz besteht allerdings darin, daß sich der Superioritätskomplex der Han auf die ganze übrige Menschheit erstreckt und sie zu potentiellen Vasallen ihrer riesigen Einzigartigkeit herabstuft.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 328-329).

„Das törichte Gerede von der »gelben Gefahr« hat vor allem in USA neue Aktualität gewonnen. Wie sähe sie wohl aus, die chinesische Weltherrschaft, die manche Phantasten bereits an die Wand malen? Eine »Pax Sinica« würde vermutlich kaum länger dauern als die »Pax Americana«, die gerade zu Ende geht. Sie böte auch keinerlei Gewähr dafür, daß sich unter ihrer Ägide eine harmonische Konvivialität und eine für alle ersprießliche Zukunft einstellen würde. Aber hüten wir uns vor den Schimären des verstorbenen Kaisers Wilhelm II. (gemeint ist dessen sogenannte »Hunnenrede«; HB).“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 329).

„Für politische Informationsgespräche in Peking blieb nicht viel Zeit nach den Umbuchungen, die ich vorgenommen hatte. Ich tröstete mich damit, daß ich jenseits der üblichen Freundschaftsbeteuerungen über den Rüstungsstand der Volksbefreiungsarmee ohnehin nichts Relevantes erfahren hätte. Die in Peking akkreditierten Verteidigungs-Attaches des Westens werden systematisch von jeder realistischen Einschätzung abgeschirmt oder ganz gezielt mit falschen Angaben gefüttert.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 329).

„Ich bat das Hotelpersonal, die Telefonnummer eines alten Kollegen aus der Zeit des us-amerikanischen Vietnamkrieges ausfindig zu machen, eines englischen »Schlachtrosses«, dessen profunde Kenntnis des Femen Ostens mich stets beeindruckt hatte. Seine Heirat mit einer Singapur-Chinesin hatte ihm auch einen Zugang zur chinesischen Mentalität verschafft, die den meisten Ausländern verschlossen ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 329-330).

„Nach Erreichen der beruflichen Altersgrenze war Derrick Turner als Freelancer in Peking geblieben. Der joviale, immer noch robuste Engländer stand im Ruf, für den britischen Auslandsdienst MI6 eine wertvolle Nachrichtenquelle zu sein. Nach längerem Suchen entdecke ich sein diskretes Büro in einem der monströsen Hochhäuser, deren Spitze in der gelben Dunstglocke der Hauptstand verschwindet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 330).

„Nichts verbindet so sehr wie gemeinsame Erlebnisse auf exotischen Schlachtfeldern. Wir sind beide gealtert, aber die Herzlichkeit ist schnell wiederhergestellt. Derrick gehört zu jener Kategorie von »gentlemen adventurers«, die heute kaum noch anzutreffen ist und für die nachwachsende Generation so fremd bleibt wie Kiplings »Der Mann, der König sein wollte«. Seine chinesische Ehefrau Suey serviert uns lächelnd und diskret den Tee und verzieht sich dann in ihre Wohngemächer. »Es ist seltsam«, bemerkt Derrick, »daß ich eine ganze Reihe von Europäern und Amerikanern getroffen habe, die mit Töchtern der Han-Rasse verheiratet und im allgemeinen damit recht gut gefahren sind. Hingegen sind mir kaum chinesische Männer bekannt, die eine Weiße geehelicht haben.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 330).

„Wir erwähnen beiläufig die rassischen Vorurteile, die bei den »Himmelssöhnen« mindestens so weit verbreitet sind wie im Westen. Während ich mich in dicht gedrängten asiatischen Massen niemals durch Körpergeruch belästigt fühle, nehmen die Chinesen bei den Weißen spezielle Ausdünstungen wahr. Derricks Frau Suey hatte im Scherz erwähnt, daß ihr Mann ähnlich rieche wie ihr heißgeliebter Hund Dragon, bei dem man stets auf der Hut sein müsse, daß er nicht als Leckerbissen in einem chinesischen Kochtopf enden werde. Für andere Töchter der Han-Rasse, so hatte ich erfahren, schmecke der Weiße irgendwie nach Milch oder Butter.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 330).

„Nachdem Suey die Teekanne durch eine Whiskyflasche ersetzt hat - glücklicherweise verzichtet Derrick auf Gin and Tonic, das Standardgetränk englischer Journalisten, das sie in riesigen Gläsern in sich hineinzuschütten pflegen -, kommen wir zur Sache. »Sehr nützlich kann ich dir mit meinen Kenntnissen über die chinesischen Rüstungsfortschritte nicht sein«, gesteht der englische Kollege. »Aus reiner Freundlichkeit bin ich vor ein paar Wochen zu einem großen Manöver eingeladen worden, bei dem ansonsten nur die Militärattaches der diversen Botschaften zugelassen waren. Die Volksbefreiungsarmee hat uns bei dieser Gelegenheit mit aller Deutlichkeit zu spüren gegeben, daß sie sich nicht in die Karten schauen läßt. Die donnernden Übungen, die uns dort mit fingierten Panzerschlachten und Artillerieduellen vorgeführt wurden, waren so altertümlich und konventionell, als gelte es, noch einmal die Armee Tschiang Kaischeks und seiner Kuomintang zu besiegen. Von irgendeiner Anpassung an den ›asymmetric war‹ der Gegenwart war jedenfalls keine Spur zu entdecken.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 331).

„Hingegen ist dem englischen Kollegen von us-amerikanischer Seite eine Studie zugespielt worden, die vor einem dramatischen Machtverfall der USA warnt, falls es dem Pentagon nicht gelänge, im Verbund mit den Streitkräften der Indischen Union ein Gegengewicht zu den Ambitionen Chinas herzustellen. Nun neigen die us-amerikanischen Chiefs-of-Staff seit langem dazu, das zunehmende militärische Gewicht Pekings ins Gigantische zu steigern, um für den eigenen maßlosen Kreditbedarf die Zustimmung des US-Kongresses zu erlangen. Derrick erscheint der vorliegende Situationsbericht dennoch interessant, weil er das strategische Schwergewicht vom Atlantik und sogar vom Pazifik weg auf die Fluten des Indischen Ozeans verlagert.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 331).

„Das Dokument »Marine Corps Vision and Strategy 2025« betont diese Umschichtung mit Nachdruck. Natürlich wird in diesem Zusammenhang auf jene gewaltige Armada verwiesen, die im vierzehnten Jahrhundert zur Zeit der Ming- Dynastie mit ihren riesigen Dschunken alle verfügbaren Flotten jener Zeit bei weitem überragte. Unter dem Befehl des Eunuchen-Admirals Zheng He übte sie die absolute Seeherrschaft zwischen China und Indonesien, Sri Lanka und dem Persischen Golfbis hin zur Ostküste Afrikas aus. Die Vormachtstellung, über die die USA auf sämtlichen Ozeanen noch verfügten, sei zeitlich ebenso begrenzt wie die Allmacht der britischen Royal Navy, die heute eine geringere Feuerkraft aufzubieten habe als die französische Marine Nationale. Die Zahl der us-amerikanischen Kriegsschiffe sei seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs von 1600 auf etwa 300 geschrumpft. Dem stehe eine rasante Vermehrung der chinesischen Flotte gegenüber.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 331-332).

„Die Lobbyisten des militärisch-industriellen Komplexes in Washington würden zweifellos weit übertreiben, so meint Derrick, wenn sie der Volksrepublik China binnen einer Dekade eine erdrückende maritime Überlegenheit zutrauen. Vor allem der Erwerb von U-Booten übertreffe jedoch das entsprechende us-amerikanische Potential um das Fünffache. Dazu geselle sich eine formidable Entwicklung neuwertiger Seeminen, perfektionierter Trägerwaffen und vor allem einer ausgefeilten Computertechnologie, die auf die Lähmung der us-amerikanischen Kommandosysteme im Falle eines gigantischen Cyber War hinziele.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 332).

„Diese Kassandra-Rufe werden relativiert durch die Tatsache, daß die chinesische Admiralität noch über keinen einzigen Flugzeugträger verfügt. Doch die Seeschlachten der Zukunft, so vermutet der Militärexperte Martin van Crefeld, werden nicht mehr, wie im 2. Weltkrieg, durch die stählernen Ungeheuer der Air Force Carrier entschieden. Die Gefährdung der Flugzeugträger durch die Entwicklung geräuschloser U- Boote dürfte deren Bedeutung drastisch reduzieren, und der Vergleich mit den britischen Super-Schlachtschiffen des Ersten Weltkrieges, den »Dreadnoughts«, die zu keinem sinnvollen Einsatz gelangten, sei angebracht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 332).

„Überschätzt Washington nicht die Bereitschaft Indiens, in die Bresche zu springen, die Delhi durch den Zustand US-Amerikas als »slowly declining hegemon« zugewiesen wird? Kann Indien ein neues militärisches Schwergewicht bilden in einer »post-us-american world«? Die forschen Aussagen des indischen Planers Raja Mohan aus dem Jahr 2006 klingen recht anmaßend, wenn er vorgibt: »Indien hat niemals auf eine us-amerikanische Erlaubnis gewartet, wenn es galt, ein Gegengewicht zu China zu bilden.« “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 332-333).

„Derrick Turner ist vor einer Landkarte Asiens stehengeblieben, die eine ganze Wand seines Büros ausfüllt. Er äußert sich als erfahrener Beobachter, wenn er von den allzu theoretischen Spekulationen der Militärakademien auf seine persönliche, frontnahe Erfahrung zurückgreift.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 333).

„»Ist dir eigendich aufgefallen, daß seit dem Triumph der Alliierten über Deutschland und Japan kein einziger Krieg mehr nachhaltig gewonnen wurde?«  doziert er. »Nirgendwo, nicht einmal in den belanglosen Scharmützeln von Somalia, beim gescheiterten Blue-Strike-Unternehmen im Iran, bei der dilettantischen Landung in Suez im Jahr 1956, beim Einsatz der ›Contras‹ in Nicaragua - von dem Debakel Kennedys in der kubanischen Schweinebucht ganz abgesehen - ist es den beiden Supermächten und ihren Trabanten gelungen, einen dauerhaften militärischen Erfolg an ihre Fahnen zu heften. Selbst die Israeli stolpern seit dem fatalen Rückschlag des Yom-Kippur-Krieges von einer Fehlentscheidung zur anderen.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 333).

„Im Bodenkampf, so kommen wir überein, habe sich im Südlibanon, im Irak, in Afghanistan längst bestätigt, daß die konventionelle Kriegführung der NATO-Stäbe, aber auch Rußlands und Israels, mit der Abnutzungsstrategie, die den Kern des »asymmetrischen Krieges« bildet, nicht zurechtkommt. Die ungeheuerliche Durchschlagskraft neuer Monsterbomben, inklusive der »bunker buster«, hat sich sowohl im Hindukusch als auch im levantinischen Küstengebiet als untauglich erwiesen, die El-Qaida- Truppe Osama bin Ladens oder die Hizbollah des Scheikh Nasrallah in irgendeiner Weise zu zermalmen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 333-334).

„Der klarsichtige Professor van Crefeld ... zitiert den Nordvietnamesen Truong Chinh als Kronzeugen einer erfolgreichen Guerrilla. Bei diesem Gefahrten Ho Tschi Minhs heißt es: »Das Leitprinzip der Strategie unseres gesamten Widerstands muß es sein, den Krieg in die Länge zu ziehen. Den Krieg zu verlängern ist der Schlüssel zum Sieg. Warum muß der Krieg verlängert werden? Weil es offensichtlich ist, wenn wir unsere Kräfte mit denen des Feindes vergleichen, daß der Feind noch stark ist und wir noch schwach sind. Wenn wir unsere ganzen Truppen in wenige Schlachten werfen und versuchen, die Entscheidung zu erzwingen, dann werden wir mit Sicherheit geschlagen werden, und der Feind wird siegen. Wenn wir auf der anderen Seite unsere Kräfte bewahren, sie ausweiten, unsere Armee und das Volk ausbilden, militärische Taktiken lernen und gleichzeitig die feindlichen Kräfte zermürben, dann werden wir sie so sehr demoralisieren und entmutigen, daß sie, so stark sie auch sein mögen, schwach werden und die Niederlage sie erwartet, nicht der Sieg.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 334).

„Ähnlich hatte sich Henry Kissinger geäußert, von dem man erhofft hätte, daß er den zunehmend sinnlosen Einsatz der NATO in Afghanistan mit Kritik überzöge: »Die Ordnungskräfte«, so argumentierte der ehemalige Außenminister Richard Nixons, »die Ordnungskräfte verlieren, weil sie nicht gewinnen. Rebellen hingegen gewinnen dadurch, daß sie nicht verlieren. Das trifftweitgehend zu, ob die Täter nun Weiße oder Schwarze sind, traditionalistisch oder modern, kapitalistisch oder sozialistisch und so weiter. Es gilt auch unabhängig davon, ob es sich um gottesfürchtige Amerikaner oder um atheistische Kommunisten handelt.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 334).

„Mein Freund Turner hält plötzlich inne. Er hat sich zu einer Mitteilsamkeit hinreißen lassen, die für ihn ganz ungewohnt ist. »Der Arzt hat mir mit Rücksicht auf den hohen Blutdruck von Whisky dringend abgeraten, und jetzt erlebst du meine Geschwätzigkeit. Aber mit wem soll ich mich denn noch aussprechen? Etwa mit unseren Militärexperten, die krampfuaft versuchen, auf den Niedergang unseres Empire mit der ihnen anerzogenen ›stiff upper lip‹ zu reagieren? Oder mit einer Crew jüngerer Fernost-Reporter, die sich auf Geheiß ihrer Chefredakteure am allgemeinen ›Chinabashing‹ beteiligen?«“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 334-335).

„Es sei doch ein schändlicher Witz, daß an einer Schlüsselstellung internationaler Seefahrt, im Golf von Aden, vom Bab-el-Mandeb bis zum Archipel der Komoren eine lächerliche Fischereiflotte somalischer Hungerleider mit ihren brüchigen Schlauchbooten allein im Jahr 2008 annähernd 100 Handelsschiffe und Tanker attackiert und 35 von ihnen ohne nennenswerte Gegenwehr mit ein paar Kalaschnikovs gekapert hätten. Inzwischen hat sich eine internationale Streitmacht ungewöhnlichen Ausmaßes, darunter auch zwei chinesische Fregatten, dort eingefunden, und eines Tages werde es dieser Koalition wohl gelingen, dem Spuk dieser primitiven Korsarenmannschaft ein Ende zu bereiten. Aber welcher Blamage habe der Westen sich dort ausgesetzt!“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 335).

„Am Beispiel der somalischen Freibeuter lasse sich ermessen, welche Katastrophe über die US Navy hereinbrechen könnte, wenn das Pentagon sich zu einem Militärschlag gegen die Islamische Republik Iran aufraffen würde. Die perfektionierten, mit Sprengstoff gefüllten Schnellboote der Revolutionswächter, der Pasdaran, die nur darauf warten, als Märtyrer, als »Schuhada«, in die Gärten Allahs einzugehen, würden in der schmalen Fahrrinne von Hormuz die weitaus wichtigste Erdölversorgung des Westens zum Erliegen bringen, ganz zu schweigen von dem Raketenhagel, der über den Petroleumfeldern und Raffinerien Kuwaits, Saudi-Arabiens und der Emirate niedergehen würde. Ob es wirklich so weit kommen wird, wie es der us-amerikanische Kommentator Robert D. Kaplan beschreibt: »Zum ersten Mal seit dem Eindringen der Portugiesen in den Indischen Ozean im frühen sechzehntenjahrhundert befindet sich hier die Macht des Westens in einem Zustand des Niedergangs.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 335-336).

„In Zukunft werden die Inder und die Chinesen in diesen Gewässern ihre dynamische Großmacht-Rivalität austragen.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 336).

„Mein englischer Gefährte hat das neu gefüllte Glas erhoben. »Ich bin kein törichter Nostalgikervon Empire-Größe«, meint er, »und neige nicht dazu, historische Tränen zu vergießen. Aber ich muß dir gestehen, daß mich jedes Mal auf dem Höhepunkt des Londoner ›Concert of the Proms‹ Wehmut überkommt, wenn die Hymne angestimmt wird: ›Rule Britannia, Britannia rule the waves‹.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 336).

„Suey hat unserem Austausch sehr aufmerksam zugehört. Sie streicht sich eine graue Strähne aus der Stirn und lächelt uns zu. »Ich bin ja froh, daß ihr wenigstens darauf verzichtet habt, eure Erlebnisse aus dem Vietnamkrieg wieder aufzuwärmen.« Liebevoll beugt sie sich über Derrick, dessen Gesicht unter der Einwirkung des Whiskys tatsächlich die Farbe eines »red lobster« angenommen hat. - »Do not listen to him«, scherzt Suey, »he is a silly old man.« »So am I«, füge ich hinzu und umarme sie freundschaftlich.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 336).

„Im trügerischen Gewand der kommunistischen »Völkerverbrüderung« war die russische Überfremdung angetrieben worden. In Moskau hatte mir ein Kollege , der Kasachstan bereist hatte, von der Verachtung der Russen für die Asiaten erzählt. »Die Asiaten werden als Neger oder ›Schwarzärsche‹ bezeichnet und von den Slawen stets ›geduzt‹«, hatte er mir gesagt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 348).

„Rassisch gemischte Brautpaare entdecke ... ich nicht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 349).

„Sankt Petersburg verfügte - entgegen allen feierlichen Abmachungen - die Rekrutierung junger kasachischer Männer in die berüchtigten Arbeitsregimenter .... Als die Nomaden-Clans sich dagegen auflehnten und zum offenen Widerstand übergingen, fand eine gnadenlose Strafaktion statt, die die kasachische Bevölkerung um ein Fünftel reduzierte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 351).

„Nach dem Sturz der Romanov-Dynastie war es Stalin, der den Horror auf die Spitze trieb, als er nach dem Scheitern diverser bolschewistischer Kollektivierungskampagnen, die mittels »Roter Karawanen« oder »Roter Jurten« veranstaltet wurden, Mitte der 1930er Jahre die Seßhaftmachung, die Sedentarisierung, der Hirten und Viehzüchter anordnete. Ein Drittel der einheimischen Bevölkerung dürfte dem Terror, der die Form eines Genozids annahm, zum Opfer gefallen sein. Die Viehbestände verringerten sich um achtzig Prozent. Eine halbe Million Kasachen flüchteten nach China.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 351).

„Der Zustrom russischer Neusiedler wurde von Moskau systematisch betrieben. Die Immigration erreichte in den fünfziger Jahren ihren Höhepunkt, als Nikita Chruschtschow die Steppe Nordkasachstans - nach der Ukraine - in die zweite große Kornkammer der Sowjetunion umwandeln wollte. Die Vergewaltigung von Natur und Mensch vollzog sich unter hochtrabenden Parteiparolen, die das neue Kasachstan als »Laboratorium der Völkerfreundschaft«, als »Planet der hundert Sprachen« priesen. Am Ende dieses Leidensweges stellten die authentischen Kasachen nur noch eine Minderheit von 29 Prozent in ihrer eigenen Heimat dar. Die Russen hingegen waren in der Überzahl. Ein Jahrhundert zuvor hatte der kasachische Bevölkerungsanteil noch bei neunzig Prozent gelegen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 351).

„Die tanzenden Paare waren säuberlich nach Rassen getrennt. Muslimische Sowjetbürger laden gelegentlich pralle, blonde Russinnen ein. Nur ausnahmsweise tanzte ein Slawe mit einer Asiatin.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. )352.

„Viele dieser gebirgsstämme hatten die deutsche Wehrmacht im Frühsommer 1942 als Befreier begrüßt und mit ihr zusammengearbeitet. Die Tschetschenen und Inguschen seien daraufhin 1944 von Stalin ebenso ausgesiedelt worden wie die Volksdeutschen drei Jahre zuvor.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 354).

„In Tadschikistan, wo die alten Kommunisten, »Kulabi« genannt, einen Ausrottugsfeldzug gegen Demokraten und Islamisten mit russischer Unterstützung angezettelt hatten, seien Folterungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen an der Tagesordnung.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. ).

„Nunmehr haben die milliardenschweren Oligarchen das Sagen. .... Im »Rahat Palace« ist die Mafia nicht nur zugegen, sie ist allgegenwärtig. .... Die Suiten, so erfahre ich, sind samt und sonders von Mafiabossen und ihren »Gorillas« belegt. Ich bin wohl der einzige Gast, der sich keinen Bodyguard leistet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 369).

„»Die Kriminalität hat unbeschreibliche Ausmaße angenommen«, warnt er. »Die früheren Sicherheitssorgane des KGB sind von Gewalttätern unterwandert. Es passiert immer wieder, daß Menschen umgebracht werden, um ihnen die Nieren zu rauben. Mit Transplantationen läßt sich sehr viel Geld verdienen.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 374).

„Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde Rußland vom Alptraum des Tatarenjochs erlöst ....“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 382).

„Im Westen und im Kaukasus ist Rußland heute auf die demütigenden Territorialverluste des Friedens von Brest-Litowsk zurückgeworfen, der en Bolschewiki noch zu Beginn des Jahres 1918 von dem Kaiserreich Wilhelms II. aufgezwungen wurde (im Vergleich zum späteren Versailler Diktat war der Vertrag von Brest-Litowsk sogar ein Freundschaftsvertrag; Anm HB).“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 383).

„In Fernost hat die chinesische Volkrepublik den (flächenmäßig!) gigantischen russischen Nachbarn, der um 1900 im Begriff stand, dem Reich der Mitte weitere riesige Landfetzen zu entreißen, als zweite Weltmacht bereits überflügelt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 383).

„Der besorgte Blick Moskaus richtet sich aber vor allem auf das islamische Aufbegehren, eine türkisch-mongolische Wiedergeburt, die unter berufung auf den Heiligen Koran düstere Erinnerungen an das »Tatarenreich« von einst in Erinnerung ruft.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 383).

„Dieser Experte wußte, daß innerhalb der imemr noch (flächenmäßig!) gewaltigen russischen Föderation etwa 25 Millionen Mulime lebten, deren nationale Ansprüche über kurz oder lang - zumal in den autonomen Republiken Tatarstan an der Wolga und Baschkortastan am Ural - durch die sich abzeichnende religiöse »Nahda« zusätzliche Impilse erhalten würde.Schon sammeltem sich ja die frommen Pilgergruppen an den Ruinen von Bolgar an der Wolga, wo der maghrebinische Weltreisende Ibn Batuta im vierzehnten Jahrhundert ein blühendes islamischen Staatswesen vorgefunden hatte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 383).

„Im Kaukasus war trotz der Gefügigkeit jener Muftis, die von Moskau bestallt und überwacht wurden, der geheime Wunsch zu spüren, zwischen Dagestan am Kaspischen und Abchasien am Schwarzen Meer eine Art nordkaukasisches Kalifat zu gründen. In Kazan wiederum wölbte sich die riesige blaue Kuppel der neuen Moschee Kul Sharif hoch über jenen goldenen Zwiebeltürmen des Christentums .... Die wahhabitischen prdiger sind inzwischen von Bosnien bis nach Indonesien ausgeschwärmt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 383).

„Primakov sah ... keinen Grund, sich der verkrampften Angstpsychose anzuschließen, die in Amerika und Europa das Verhältnis zur Islamischen Republik Iran belastete. Was Rußland zu befürchten hatte, war das Übergreifen des sunnitischen Radikalismus auf die Erblande der früheren Sowjetunion in Zentralasien, eine verzerrte Form der Salafiya, die ständig an Boden gewann. Dort gehörte jedoch lediglich die südkaukasische Republik Aserbaidschan mehrheidich der schiitischen Glaubensrichtung an. Die späteren Safawiden-Schahs waren es, die im sechzehnten Jahrhundert die schiitische Auslegung der koranischen Lehre, die »Schiat Ali«, zur Staatsreligion Persiens deklarierten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 385).

„Seitdem hat sich die erbitterte Feindschaft zu den Sunniten, die seit Selim I. den osmanischen Sultan von Istanbul als ihren Kalifen anerkannten, ständig vertieft. Für die rauhen Steppenvölker - seien sie nun Turkmenen oder Kasachen -, die sich bei aller Verhaftung im Aberglauben ihrer Derwisch-Orden rühmten, rechtgläubige Angehörige der Sunna zu sein, galten die Schiiten von Anfang an als abscheuliche Abtrünnige vom rechten Weg Allahs, als Ketzer und »Kuffar«. Falls Anhänger dieser auf den Imam Ali und die zwölf Imame gegründeten Glaubensrichtung in die Hände der Nomadenhorden fielen, wurden sie entweder zu Tode gefoltert oder als Sklaven verkauft.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 385).

„Aus diesem Grund hat die Russische Föderation unserer Tage von einem schiitisch inspirierten Staatswesen wie der Islamischen Republik Iran keinen ernsthaften konfessionellen Zusammenprall zu befürchten. Die frommen Schiiten hingegen verharren im Haß ihrer sunnitischen Gegner und insbesondere jener in Saudi-Arabien alles beherrschenden, extrem intoleranten Sekte der Wahhabiten, die seit ihrem Entstehen im achtzehnten Jahrhundert die Heiligtümer der »Partei Alis« in Nedschef und Kerbela häufig zerstören ließ. Da auch die Terroristenorganisation EI Qaida in der Korandeutung des Wahhabismus wurzelt, ein Radikalismus, der auch auf die Taleban Afghanistans übergreifen sollte, kann es keine Gemeinsamkeit geben zwischen Osama bin Laden und seinen Gefolgsleuten mit den Mullahs von Teheran. Dieser Gegensatz steigerte sich sogar nach dem iranisch-irakischen Golfkrieg zu glühendem Haß.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 385).

„Wenn also eines Tages eine militante sunnitische Form des Islam auf Usbekistan, Kirgistan, Turkmenistan übergreifen sollte, wofür ein von den Taleban beherrschtes Afghanistan die ideale Ausgangsbasis böte, dann könnte Rußland zumindest auf ein stillschweigendes Einvernehmen, wenn nicht auf aktive Komplizenschaft mit jenem Khomeini-Staat zurückgreifen, der sogar den US-Amerikanern zu Beginn der Operation »Enduring Freedom« eine lockere Zusammenarbeit gegen die »Koranschüler« und deren dumpfen Obskurantismus angeboten hatte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 385).

„Für Moskau wäre eine iranische Atombombe weniger furchterregend als das nukleare Potential, das bereits in den Arsenalen Pakistans lagert. Sollte sich dort eines Tages das befürchtete Chaos einstellen und Islamabad die Kontrolle verlieren, dann könnten sich verfeindete Fraktionen der Atombombe als ultima ratio ihrer Auseinandersetzungen bedienen. Der Westen, so hatte ich in Moskau erfahren, wird also auf vorsichtige Zurückhaltung stoßen, falls er bei den Russen eine tatkräftige Unterstützung gegen Teheran sucht und gegen die atomare Aufrüstung des Iran mit verschärften Sanktionen oder - auf Drängen Israels - sogar mit militärischen Präventivschlägen vorgehen sollte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 385).

„Der weitgehend säkularisierte Westen ist offenbar nicht mehr in der Lage, diese tiefgreifenden mythischen Gegensätze des Orients zu begreifen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 386).

Zentralasien

„Die zunehmende Gewalttätigkeit gehe im wesentlichen vom Fergana-Tal aus, wo gleich vier Staaten - Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan - aufeinanderstoßen. In letzter Zeit sei die überlieferte Feindseligkeit zwischen den Kirgisen, die mehrheitlich im Norden der Republikvon Bischkek siedeln, und den Uiguren, die im südlichen Umfeld von Osch für Unruhe sorgen, wieder vehement aufgeflammt. Seit der Präsident Usbekistans, Islam Karimov, vor vier Jahren unter den meuternden Einwohnern der Stadt Andijan ein Blutbad anrichtete, hätten zahlreiche Islamisten dieser Region in der kirgisischen Nachbarschaft Zuflucht gesucht.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 397).

„Ich erwähne einen früheren Besuch in der Fergana-Ortschaft Namangan, die als traditionelles Zentrum religiöser Auflehnung unter besonders strenger Überwachung durch den Repressionsapparat des ehemaligen Parteisekretärs Karimov steht. Die jungen Mudjahidin aus Usbekistan, die sich in der »Partei der Befreiung Hizb-e-tahrir« sammeln, hatten - auf seiten der Taleban kämpfend - bei den us-amerikanischen Flächenbombardements von 2001 in ihren Abwehrstellungen rund um Kundus schwere Verluste erlitten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 398).

„Die Überlebenden und Neuanhänger haben sich seitdem in den unzugänglichen Stammesgebieten Nordpakistans neu gruppiert. Emissäre der koranischen Revolution sind neuerdings auch in Kirgistan aktiv. Zusätzliche Spannungen gehen von Tadschikistan aus. Dort seien die Wunden des fürchterlichen Bürgerkrieges, der zwischen Exkommunisten und Islamisten, zwischen den Clans der Kulabi und der Gharmi getobt hatte, längst nicht verheilt. In gewissen Gebirgsfestungen hätten sich bereits Inseln des Widerstandes gegen das Regime des Altkommunisten Rachmonow formiert.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 398).

„»Die Gefahr chaotischer Zustände in Tadschikistan sollte den Deutschen zu denken geben«, betont Francis und zeigt auf eine Landkarte. »Der von der Bundeswehr abgesicherte Sektor Nordafghanistans ist von dem neuen Unruheherd in Tadschikistan nur durch den Flußlauf des Pjandsch getrennt, und dann sind noch knapp fünfzig Kilometer vorzüglicher Asphaltstraße zurückzulegen, um zu dem neuralgischen Punkt der deutschen Armeepräsenz, zum Stützpunkt von Kundus, vorzudringen.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 398).

„Ich hatte diese Strecke, deren Ausbau durch chinesische Kontraktfirmen durchgeführt wurde, noch drei Jahre zuvor befahren, ohne an eine spezielle Gefährdung durch Taleban-Überfälle zu denken. Aber das hat sich wohl seitdem gründlich geändert, und bei der exzessiven Behutsamkeit, die sich die Bundeswehr in ihrem Sektor zwischen Masar-e-Scharif und Faizabad auferlegt, dürften nur noch in Ausnahmefällen gepanzerte Konvois mit dem Balkenkreuz entlang dieser strategisch eminent wichtigen Grenzzone patrouillieren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 398).

„Wer erinnert sich heute noch daran, daß seinerzeit die fanatischen und finsteren Horden der Taleban durch die kombinierte Aktion der USA und Pakistans ins Leben gerufen wurden? Den unersättlichen Ölkonzernen und ihren Lobbys war es in erster Linie darum gegangen, eine Stabilisierung der internen Verhältnisse Afghanistans zu erwirken, wo die diversen Mudjahidin-Fraktionen nach Abzug der Sowjetarmee in eine unbeschreibliche Anarchie abgeglitten waren. Die Bush-Administration war bereit, die schlimmsten Auswüchse des islamischen Fundamentalismus am Hindukusch in Kauf zu nehmen, wenn ihr als Gegenleistung ausreichend Sicherheit geboten würde, um den Transport der immensen ÖI- und Gasreserven Zentralasiens an Rußland und Iran vorbei durch afghanisches Territorium über Herat und Shindand bis zu den pakistanischen Häfen am Indischen Ozean zu gewährleisten. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 399).

„Das Abkommen zwischen Mullah Omar, dem Emir der Koranschüler, und dem US-Konzern Unocal war in Kandahar reif zur Unterschrift, und niemand fragte damals danach, ob die Frauen Afghanistans weiterhin die Burka tragen würden und ob die einheimische Bevölkerung einer exzessiven Auslegung der Scharia ausgeliefert sein würde. Diverse anti-us-amerikanische Anschläge der mit den Taleban verbündeten Organisation EI Qaida, die in der Tragödie von »Nine Eleven« gipfelten, hatten dieser skrupellosen Planung ein radikales Ende bereitet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 399).

„Dem us-amerikanischen Geheimdienst war es in Zusammenarbeit mit obskuren NGOs und diversen Agentengruppen gelungen, durch sorgfaltig geplante Verschwörung und unter dem fadenscheinigen Vorwand der Demokratie und der Menschenrechte die »Rosen-Revolution« Georgiens und die »Orange-Revolution« der Ukraine zu inszenieren. Neokonservative Kreise in Washington hatten versucht, die in der gebirgigen Einsamkeit Asiens isolierte Republik Kirgistan ebenfalls zu einer us-amerikanischen Einflußzone zu gestalten und auf die us-amerikanischen Vorstellungen von »Nation Building« auszurichten. Was wirklich die us-amerikanische Diplomatie bewogen hatte, ausgerechnet in Kirgistan die sogenannte »Tulpen-Revolution« auszulösen und den Präsidenten dieser Republik, den Kirgisen Askar Akajew, zu stürzen, der als einziger der dortigen Potentaten kein prominentes Mitglied der sowjetischen Führungsclique, ja nicht einmal Mitglied der Kommunistischen Partei war, bleibt ungewiß.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 399-400).

„Bei ihrem Drang, zusätzliche Positionen zu okkupieren, die einerseits die Russen auf die ihnen verbliebene Föderation zurückgedrängt, andererseits die Chinesen einer systematischen Einkreisung aus allen Himmelsrichtungen ausgesetzt hätten, waren die us-amerikanischen Emissäre auch in Usbekistan rigoros vorgegangen. Sie hatten sich dabei den Zorn und das Mißtrauen des Tamerlan-Verehrers Islam Karimow zugezogen, der sich immerhin auf eine Masse von 25 Millionen Untertanen stützen konnte“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 400).

„In Kirgistan, wo die US Air Force über die Basis Manas verfügte, mag ihre Forderung, eine zusätzliche Awacs- Überwachung für die ganze Region einzurichten, den ansonsten recht verträglichen Staatschef Akajew mit Rücksicht auf das immer noch beachtliche Gewicht Moskaus zu einer schroffen Ablehnung veranlaßt haben. Daß dieser ehemalige Präsident der Akademie der Wissenschaften, der auch im Ausland ein gewisses Ansehen hatte, in einen Sumpf familiärer Korruption verstrickt war, daß er sich an den öffentlichen Finanzen schamlos bereicherte, hätte niemand schockieren dürfen, denn in dieser Hinsicht wurde der Kirgise von seinen Kollegen weit übertroffen. Wie dem auch sei, es kam in Bischkek zur »Tulpen-Revolution«. Plündernde Banden meist usbekischer Herkunft fielen über die Hauptstadt her und verwüsteten deren Zentrum. Die Polizei erwies sich als machtlos, und Akajew flüchtete nach Moskau.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 400-401).

„Als Nachfolger im Präsidentenamt riß im Jahr 2005 der robuste Intrigant Kurmanbek Bakijew, halb Kirgise, halb Usbeke, die Macht an sich. Ob die US-Amerikaner mit diesem Wechsel eine sehr glückliche Wahl getroffen hatten? Was Bestechlichkeit, Veruntreuung von Staatsgeldern und Ausbau einer raffgierigen Mafia angeht, so übertraf Bakijew seinen unglücklichen Vorgänger bei weitem. Pro forma ließ er zwei Oppositionsparteien zu, aber als es im Dezember 2007 zu Parlamentswahlen kam, sorgte er dafür, daß seine Fraktion, »Ak-Zhol«, das heißt »Heller Pfad«, über sämtliche Abgeordnetensitze verfügte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 401).

„Seinen us-amerikannischen Gönnern spielte er einen üblen Streich, indem er ihnen plötzlich die Nutzung des Luftwaffenstützpunktes Manas am Rande der Hauptstadt Bischkek entzog. Hinter dieser Geste patriotischer Auflehnung wurde der Einfluß Moskaus vermutet, wo man der US-Präsenz einen Riegel vorschieben wollte. In Wirklichkeit ging es Bakijew vermutlich um die Aufbesserung seines Budgets, denn wenig später fand er sich zu einem Kompromiß mit dem Pentagon bereit; die Pachtgebühren für Manas, das nunmehr offiziell zum »Transit Center« herabgestuft wurde, wurden schlicht und einfach verdreifacht. Die Masse der kirgisischen Bevölkerung, die in Ermangelung einträglicher Rohstoffvorkommen in Armut lebt, dürfte davon jedoch nur in geringem Maße profitieren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 401).

„In diesem rauhen Gebirgsland, von dem die meisten Europäer nicht einmal den Namen kennen, kam es nunmehr zu einer seltsamen militärischen Koexistenz zwischen USA und Rußland. Die Russen verfügten nämlich ihrerseits - etwa vierzig Kilometer von Bischkek entfernt - über die Basis »Kant« und standen im Begriff, im äußersten Süden, am Rande des turbulenten Fergana-Beckens, einen zusätzlichen Stützpunkt für ihre Streitkräfte einzurichten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 401).

„Die Präsenz von islamistischen Partisanen im Rascht-Tal, das Kirgistan und Tadschikistan verbindet, das bedrohliche Auftauchen eines Kommandeurs des Heiligen Krieges, des Mullah Abdullah, der längs der Nordgrenze Afghanistans ein Sammelsurium von Usbeken, Kirgisen, Tadschiken und auch Arabern für eine neue Phase gewaltsamer Auflehnung zusammentrommelt, läßt bei den regierenden Despoten der GUS-Republiken Befürchtungen um die Stabilität ihrer Länder und das Überleben ihrer autokratischen Regime aufkommen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 401-402).

„Francis richtet seinen Zeigestock auf das Rascht-Tal. »Hier vergeht kein Tag ohne blutige Zwischenfälle«, kommentiert er, »und vielleicht haben US-Amerikaner und Russen endlich begriffen, daß es töricht und zutiefst schädlich für die eigenen vitalen Interessen wäre, wenn sie ihre Querelen um den Besitz von Erdöl und Erdgas auf die Spitze trieben.« “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 402).

„»Werfen Sie einen Blick auf die deutschen Positionen in Afghanistan und vor allem auf Kundus, wo die Bundeswehr offenbar in Bedrängnis gerät«, wendet er sich an mich. »Einer Ihrer Verteidigungsminister hat doch einmal erklärt, Deutschland würde am Hindukusch verteidigt. Offenbar hat dieser Mann nie einen Blick auf die Landkarte Asiens geworfen. Nicht Deutschland, sondern Rußland, dessen Sicherheitsvorfeld bis zum Amu Daria reicht, wäre durch die Machtergreifung der Taleban oder anderer islamischer Extremisten in Kabul unmittelbar bedroht. Ein ausufernder Jihad Richtung Norden könnte sich, wenn wir unsere Phantasie spielen lassen, wie ein Flächenbrand bis zum Ural, ja bis zur Wolga fortpflanzen, von der Situation am Kaukasus, wo ein schleichender Bürgerkrieg bereits im Gange ist, ganz zu schweigen.« “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 402).

„Von Anfang an, so fügt Francis mit bemerkenswerter Offenheit hinzu, habe er sich gewundert, aus welchen Gründen Barack Obama das strategische Schwergewicht US-Amerikas aus dem Irak nach Afghanistan verlagern und die dortige Truppenpräsenz massiv verstärken wolle. Noch schwerer sei die Einrichtung eines AFPAK -Kommandos unter Richard Holbrooke zu erklären, das die Gefahr heraufbeschwöre, die unberechenbare Masse von 170 Millionen Pakistani, deren Armee zudem über die bislang einzige islamische Atombombe verfügt, in diesen aussichtslosen Feldzug »Enduring Freedom« einzubeziehen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 402).

„»Wann wird man in Washington begreifen, daß Afghanistan ›landlocked‹ und in sich selbst verkapselt - allenfalls ein Nebenkriegsschauplatz ist? Wann wird man in Langley zu der Erkenntnis gelangen, daß die Tragödie von ›Nine Eleven‹ kein afghanisches, sondern ein überwiegend saudisches Unternehmen war, auch wenn Osama bin Laden sich zu diesem Zeitpunkt in irgendeiner Felshöhle des Hindukusch aufhielt?«“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 403).

„Ich muß an einen Kommentar der International Herald Tribune denken, wo man das sich steigernde Engagement Barack Obamas in Afghanistan mit dem vietnamesischen »quagmire« verglich, in dem Lyndon B. Johnson gescheitert war. Auch in Vietnam hatte die Strategie des General Westmoreland zwischen den beiden unvereinbaren Alternativen der »counter-insurgency« geschwankt, zwischen »search and destroy« und »clear and hold«. Auch am Mekong hatten sich die US-Strategen - ähnlich wie heute die durchaus fähigen Generale Petraeus und McChrystal - immer wieder der Illusion hingegeben, es sei möglich und unverzichtbar »to win hearts and minds« -die Herzen und die Gemüter der exotischen Bevölkerung zu gewinnen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 403).

„Das war in Vietnam gründlich mißlungen, und in Zentralasien kam erschwerend hinzu, daß man es hier mit einer unerschütterlichen islamischen Glaubensgemeinschaft zu tun hatte, für die die Präsenz bewaffneter Ungläubiger auf einem Gebiet des »Dar-ul-Islam« einem entsetzlichen Frevel gleichkam und die frommen Muslime zum »qital fi sabil Allah« (»Kampf auf den Pfaden Allahs«) verpflichtete.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 403).

„Als ich mich verabschiede, gestehe ich Francis, daß mich soviel kritische Freimütigkeit von seiten eines us-amerikannischen Interessenvertreters überrascht habe. Er reagiert mit einem ironischen Lächeln. »Als mir Ihr Besuch angekündigt wurde, habe ich mich über Ihren Werdegang und Ihre Meinungen erkundigt«, sagt er. »Aber nehmen Sie nicht an, daß der düstere Realismus, den ich hier vortrage, der vorherrschenden Meinung im Weißen Haus oder im State Department entspricht. Soviel hat sich noch nicht verändert, seit Barack Obama im Weißen Haus residiert. Seltsamerweise sind es die hohen Militärs, die als erste dazu neigen, sich von gewissen Wunschvorstellungen der Vergangenheit zu verabschieden.«“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 403-404).

„Die übrigen Erkundungen, die ich in Bischkek einholte, waren weit weniger ergiebig als der Dialog mit dem us-amerikannischen Institutsleiter. Für einen kirgisischenjournalisten oder Politiker wäre es ohnehin nicht ratsam, seine Kritik an den Zwangsmaßnahmen des Bakijew-Clans oder seine Entrüstung über die staadiche Entmündigung freimütig zu äußern. So mancher Oppositionelle wurde eingekerkert, in einzelnen Fällen auch durch Auftragskiller beseitigt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 404).

„Ein Hauptmann der kleinen kirgisischen Armee, der gerade einen Lehrgang in Rußland absolviert hatte, lieferte eine durchaus plausible Analyse der russischen Einstellung zum militärischen Engagement US-Amerikas in Afghanistan. In Moskau beobachte man mit kaum verhohlener Schadenfreude, wie die US-Army, die sich aus purer Arroganz bei den Veteranen des sowjetischen Feldzuges am Hindukusch niemals um irgendeinen Ratschlag oder Erfahrungsbericht über die Tücken und Gefahren der dortigen Kriegführung bemüht hätte, nun ihrerseits in ein vergleichbares Dilemma gerate.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 404).

„Bei aller Überlegenheit ihrer Waffen seien die US-Amerikaner der psychologischen Belastung eines »war of attrition« - eines Abnutzungskrieges - auf Dauer nicht gewachsen. Selbst beim Scheitern der Sowjetunion habe seinerzeit die psychologische Erschlaffung den Ausschlag gegeben. Zudem werde der Zusammenhalt der Atlantischen Allianz in diesem konfusen Unternehmen, das zwischen der robusten Kriegführung von »Enduring Freedom« einerseits, den behutsamen Pazifizierungsbemühungen von ISAF andererseits hin- und herschwanke, einer fatalen Zerreißprobe ausgesetzt. Für Medwedew und Putin könne es nur von Vorteil sein, wenn Barack Obama auf Drängen seiner Generale die US- Truppenpräsenz im Sektor AFPAK, im Raum Afghanistan/Pakistan, ständig verstärke und für eventuelle zusätzliche Krisenfalle über keine ausreichenden Reserven mehr verfüge.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 404).

„Eine Audienz bei dem kirgisischen Außenminister Kadyrbek Sarbajew, der dem Typus nach eher einem Tadschiken glich, blieb bei aller Herzlichkeit des Umgangs ohne nennenswerte Informationen. Mit jovialer Überzeugungskraft versuchte er zu erklären, wie sehr sein Staat darauf angewiesen sei, eine Balance zwischen Rußland, USA und China zu wahren. Gravierende Probleme für die Republik Kirgistan wies er weit von sich. Für den Minister galt offenbar die Leibnizsche Maxime, daß »in der besten aller Welten alles zum Besten bestellt« sei.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 404-405).

„Das Sternenbanner der USA flattert wieder über dem kirgisischen »Transit Center« Manas am Rand von Bischkek. Der Anblick der »Stars and Stripes« wirkt beinahe anheimelnd in dieser barbarischen Umgebung am Rande der Tatarenwüste. Vielleicht spüre ich auch deshalb ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit und Solidarität mit dem transatlantischen Verbündeten, weil der eigene, europäische Kontinent, in den man so große Hoffnungen gesetzt hatte, durch seine überstürzte Ausweitung nach Osten einem Entfremdungsprozeß unterliegt. Die Europäische Union, die nicht in der Lage ist, sich zu einer gemeinsamen Außenpolitik, geschweige denn zu einer koordinierten Strategie durchzuringen, erscheint - von den Gletschern des Pamir aus betrachtet - wie eine schillernde Schimäre.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 405-406).

„Vielleicht unterliege ich einer Autosuggestion, aber die Soldaten des 376th Air Expeditionary Wing, die ich treffe, scheinen aus einem anderen Holz geschnitzt als ihre Kameraden von »Iraqi Freedom«, die mir in Bagdad häufig auf die Nerven gingen. Ist es nur ein günstiger Zufall oder liegt es am sympathischen Auftreten der uns betreuenden Offiziere, daß ich wieder die kameradschaftliche Verbundenheit empfinde, die sich einst in Vietnam einstellte, wenn wir mit den US-Marines oder den Soldaten der 1st Cav unter den Beschuß des Vietcong gerieten?“  (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 406).

„In Manas sehen die Wachen von exzessiven Kontrollen ab, die in der Umgebung der »Green Zone« von Bagdad in fast hysterischer Anspannung stattfinden. Das Kamerateam kann ungehindert seiner Arbeit nachgehen und in aller Ruhe das Beladen der mächtigen Transportmaschinen C 17 Globemaster filmen, die am Rande der Rollbahn aufgereiht sind. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 406).

„Der Public Affairs Officer lädt mich zu einem ausführlichen Bericht in seinen Briefing Room ein. Militärische Geheimnisse gibt er natürlich nicht preis, aber ich erfahre doch, wie unentbehrlich der Stützpunkt Manas für die us-amerikannische Truppenversorgung in Afghanistan geworden ist. Ein großer Teil der hier versammelten Mannschaften macht in der Regel eine Zwischenlandung in der zentralen Militärbasis von Bagram östlich von Kabul. Zum Teil aber führt der Transport auch direkt in die Kampfzonen, ob diese sich nun bei Kandahar, Jalalabad oder Kunar befinden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 406).

„Der Stützpunkt selbst verfügt über ein ständiges Militärpersonal von 1100 Mann. Auch ein begrenztes französisches und spanisches Kontingent ist hier zugegen. Der Kommandeur von Manas, Colonel Holt, hat als Pilot die unterschiedlichsten Typen geflogen und es auf mehr als 3700 Flugstunden gebracht. In seine Zuständigkeit fällt auch jene disparate Bodentruppe, die in Kabul unter dem Namen »International Safety Assistance Force« (ISAF) in Erscheinung tritt. Die Koordination einer so kunterbunten Koalition, deren Auftrag nie präzis definiert wurde, dürfte ihm manches Problem aufgeben. Die Einheit, die er befehligt, hatte sich bereits im Zweiten Weltkrieg bewährt, als er im Jahr 1942 an der vernichtenden Bombardierung der rumänischen Erdölfelder von Ploesti teilnahm und dabei schwerste Verluste erlitt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 406-407).

„Die Russen ... haben alles Interesse daran, daß die um die USA gescharte Atlantische Allianz durch die radikalen islamischen Kräfte, darunter die Taleban, aber auch die Partisanen der usbekischen »Hizb-e-Tahrir«, die ihren Einfluß auf ganz Zentralasien ausdehnen möchten, am Hindukusch festgenagelt wird. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 407-408).

„Der von Barack Obama berufene Oberbefehlshaber in Afghanistan, General McChrystal, hat nach den katastrophalen Folgen des wahllosen Bombenkrieges seiner Vorgänger und der damit verbundenen »Kollateralschäden« nunmehr auf eine Strategie der Schonung und Zurückhaltung umgestellt, um unnütze Verwüstungen zu vermeiden und die Verluste unter den Zivilisten niedrig zu halten. Er tut das in der Hoffnung, ein Minimum an Vertrauen und Sympathie bei der afghanischen Bevölkerung zurückzugewinnen, trotz des zwingenden Gebots der Blutrache, das im »Paschtunwali«, dem Sittenkodex der Paschtunen, vorgegeben ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 408).

„Ich habe längst gemerkt, daß ich bei dem »Briefing« mehr Mitteilungen von mir gebe, als der zuständige Major sie mir bieten kann. Es besteht ebenfalls kein Zweifel, daß unser Gespräch aufgezeichnet und den zuständigen Experten der Military Intelligence überstellt wird.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 408).

„Ein Kontingent Soldaten in sandgelber Tarnuniform ist inzwischen in einem riesigen Hangar angetreten. Die GIs nehmen unter der weitgespannten Zeltplane ihre Kampfausrüstung für den bevorstehenden Einsatz in Empfang. Sie sind in einem dichten Karree aufgestellt. Die bleischweren kugelsicheren Westen haben sie bereits umgeschnallt. Nun fixieren sie noch den übrigen Ballast an ihrem Gurt und heben den viel zu schweren Rucksack auf den Rücken. »Wenn einer von den Männem im steilen Gebirgsgelände zu Fall kommt, bleibt er doch wie ein Maikäfer hilflos auf dem Rücken liegen«, wende ich ein, und niemand widerspricht mir. “ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 408).

„Als ich mich zur Zeit des Afghanistan-Krieges gegen die Sowjetunion auf den extrem beschwerlichen Steilpfaden der Mudjahidin mühsam fortbewegen mußte, hatten wir unser gesamtes Gepäck auf Maultiere und Esel gepackt. Immer wieder passierte es, daß wir von unseren kleinen, kräftigen Pferden absteigen mußten, weil die Hänge zu steil aufstiegen und die Kraft der Tiere überfordert hätten. Wir pflegten dann die Schwänze der Rösser zu packen und uns an den schwierigsten Passagen von ihnen hochziehen zu lassen. Aber NATO-Truppen durchkämmen wohl nur in extrem seltenen Ausnahmefällen diese zerklüftete Wildnis und sind dabei auf ihre Hubschrauber angewiesen. Jedenfalls wären gepanzerte Fahrzeuge - sie nun Marder, Dingo, Wolf oder Wiesel heißen - für dieses Terrain total ungeeignet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 408-409).

„Die us-amerikannischen Soldaten, die ihre Rüstung Stück um Stück ergänzt haben, wirken plötzlich so archaisch und erstarrt wie eine gepanzerte Rittertruppe des Mittelalters. Ihre Gesichter sind - wohl bei dem Gedanken, welche Mühsal und Gefahr ihnen bevorstehen - sehr ernst geworden. Plötzlich fällt mir ein, wo ich eine ähnlich bewegungsunfähige Armee schon einmal gesehen hatte. Die GIs, die in dem ausgeschachteten Hangar wie in einer Grube massiert sind und sich anschicken, ihre Globemaster zu besteigen, gleichen zum Verwechseln jener Gespensterarmee aus Ton und gebrannter Erde, die am Rande der chinesischen Residenzstadt Xian aufgereiht steht, um den ersten großen Gründungskaiser des Reiches der Mitte, Qin Xi Huangdi (Schi Hoang-ti), auch jenseits des Todes als Leibgarde zu schützen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 409).

„Der slawische Bevölkerungsanteil ... ist auf ein Minimum geschrumpft.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 412).

„Die fruchtbare Fergana-Senke war als Zentrum radikal-islamistischer Agitation berüchtigt“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 412).

„Osch ist Knotenpunkt künftiger Konflikte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 412).

„»Sie haben eben ein paar Exemplare der Mafia, eine Bande von Betrügern gesehen, die uns regiern .... Diese Ausbeuter haben durch Betrug riesige Vermögen erworben und schämen sich nicht, ihre Korruption und Verderbtheit vor den armen Leuten auszubreiten.« Unter Präsident Akajew sei es geistteter zugegangen als unter dem Nachfilger, den die US-Amerikaner durch die »Tulpen-Revolution« an die Macht gebracht hätten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 416).

„Was mich am Tage unserer Expedition östlich von Osch faszinierte, waren die verblüffenden Meldungen aus Urumqi, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Xinjiang, »Westmark« in der Übersetzung. Wir befanden uns ja in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Region.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 419).

„Am 5. Juni 2009 hatten sich in Urumqi chaotische, mörderische Szenen abgespielt. Mit einem solchen Haßausbruch des türkisch-islamischen Volkes der Uiguren, das etwa neun Millionen Menschen zählt, gegen die Bevormundung und Knebelung durch die im Reich der Mitte dominierende Han-Rasse hatte ich nicht gerechnet, obwohl ich in Xinjiang intensive persönliche Erfahrungen gesammelt hatte. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, daß sich dieser östlichste Zweig der großen turanischen Völkerfamilie, dessen Angehörige in Urumqi infolge massiver chinesischer Zuwanderung noch höchstens ein Drittel der Einwohner ausmacht, zu einem kollektiven Amoklauf dieses Ausmaßes gegen die fremden Eindringlinge aufraffen könnte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 419).

„Von den überraschten Sicherheitsorganen kaum behindert, hatten die Aufrührer laut offiziellen Angaben 194 Chinesen ermordet, deren Geschäfte verwüstet und staadiche Einrichtungen in Brand gesetzt. Wie viele Opfer dann die Niederwerfung dieser Revolte unter den Uiguren forderte, läßt sich nicht überprüfen. Selbst der akute Auslöser dieses Pogroms der Unterdrückten gegen die allmächtige Überzahl der Han bleibt ungeklärt. Bei den Uiguren, deren Typologie ihren türkischen Verwandten in Anatolien ähnlicher ist als den stark mongolisch geprägten Kasachen und Kirgisen, muß sich das Gefühl einer unerträglichen Diskriminierung und Benachteiligung durch die Pekinger Staatsorgane angestaut haben, um eine solche Explosion auszulösen, die stellenweise in einer Hetzjagd auf alle Zuwanderer ausartete.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 420).

„Warum haben diese spektakulären Häuserkämpfe von Urumqi in der wesdichen Öffendichkeit - gemessen an den Entrüstungsstürmen, die das chinesische Vorgehen gegen die tibetischen Protestaktionen in Lhasa entfachte -relativ geringe Beachtung und wenig Solidarisierung gefunden? In das »de Luxe«-Hotel von Osch zurückgekehrt, bin ich darauf von einem ungewöhnlich mitteilungsfreudigen kirgisischen Studenten, vermutlich einem Verwandten unseres »Fixers«, angesprochen worden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 420).

„Sein Argument klang einleuchtend. Während die buddhistischen Mönche von Lhasa einer Erbauungslehre anhingen, die dem Prinzip der Gewaltlosigkeit und der politischen Abstinenz huldigt, sind die Uiguren seit Jahrhunderten zum Islam bekehrt und haben in Fragen der koranischen Religionsausübung - inklusive des Jihad - eine rigorosere Haltung eingenommen als die noch weitgehend in schamanistischen Bräuchen verhafteten Kasachen und Kirgisen. Unter den Uiguren fand sich auch eine beachdiche Anzahl von »Gotteskriegern« bereit, als Freiwillige in der »grünen Legion« Osama bin Ladens am Heiligen Krieg gegen die gotdosen russischen »Schurawi« und - nach deren Vertreibung aus Afghanistan - gegen jene Feinde Gottes anzutreten, die im Namen des US-Imperialismus die muslimische »Umma« zu knechten suchten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 420).

„Noch viel krasser, so meinte der junge Mann, trete diese westliche Voreingenommenheit gegen die Jünger des Propheten Mohammed in Kaschmir in Erscheinung, wo die indische Regierung von Delhi, der angeblich »größten Demokratie der Welt«, der muslimischen Bevölkerungsmehrheit das von der UNO gewährte Selbstbestimmungsrecht konsequent verweigere. Aus der paradiesischen Landschaft rund um den Dal-See, wo ich einst an Bord eines Hausbootes als »Sahib« zu den Zauberschlössern der Mogul-Herrscher gerudert worden war, war inzwischen ein tückisches Kampfgebiet geworden. Die Hauptstadt von Jammu-Kaschmir, Srinagar, wurde in ein befestigtes Lager verwandelt. Zeitweise hatte Delhi eine halbe Million Soldaten in diesem Unionsstaat am Rande des Himalaya stationiert.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 420-421).

„Der Repression der indischen Staatsorgane, die vom Westen wie eine »heilige Kuh« geschont wurden, seien bereits 70000 Widerstandskämpfer oder Jihadi zum Opfer gefallen. Aber von den Medien der USA und Europas würden diese Freiheitskämpfer als blutrünstige »Terroristen« diffamiert. Ob es wohl jetzt dem Politbüro in Peking gelingen würde, auch das national-religiöse Aufbäumen der Muslime von Xinjiang in jene Kategorie von brutalen Gewalttätern einzureihen, deren Ziel es sei, die ganze Welt durch ihre Anschläge in Angst und Schrecken zu versetzen, bleibe abzuwarten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 421).

„Die Tatsache, daß auch in Guant:inamo rund ein Dutzend Uiguren den dort üblichen Verhör- und Foltermethoden ausgesetzt waren, könnte in diese Richtung weisen. Im übrigen, so fügte der junge Unbekannte hinzu, der sich nach dem Gespräch hastig verabschiedete, hätten bereits 400000 Uiguren aus China im Umkreis von Osch Zuflucht und Asyl gesucht. Die einheimische Bevölkerung habe auf diese Zuwanderung recht unfreundlich reagiert.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 421).

„Wer hätte sich während der Kanzlerschaft von Willy Brandt vorstellen können, daß die behauptung eines sozialdemokratischen Verteidigungsministers, »Deutschlad wird am Hindukusch verteidigt«, die mehrheitliche Zustimmung des Bundesrates finden würde? Irgendwie scheint eine kuriose Form von Wilhelminismus in Deutschland wieder aufgelebt zu sein, seit die Ministerien und das Parlament sich an die Spree zurückbegeben haben.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 421).

„Die chinesische Einwohnerschaft Xinjiangs, die bei Machtantritt Mao Zedongs (Tse-tungs) höchstens ein Viertel betrug, steht im Begriff, die dortigen Turkvölker zu überflügeln. In den Jahren der großen politischen Wirren war die Westmark ein bevorzugter Ort der Verbannung für alle politisch unzuverlässigen Elemente. Hier sollte laut Weisung des Großen Steuermanns auch das rote Mandarinat lernen, daß schwere körperliche Arbeit, die traditionell verpönt war, ein vorzügliches Mittel ideologischer Ertüchtigung sei. Die Rotgardisten sorgten nach Ausbruch der großen Kulturrevolution für einen zusätzlichen Strom aufbaufreudiger Pioniere. Seit in der Taklamakan-Wüste ergiebige Erdölund vor allem Erdgasvorkommen entdeckt wurden, reißt der Zustrom chinesischer Fachkräfte nicht ab.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 423-424).

„Während meines Aufenthalts in Urumqi im Oktober 1995 war mir vom offiziellen chinesischen Propagandabüro eine Broschüre überreicht worden, die den historischen Anspruch Pekings auf die Westmark zu untermauern suchte. Einen Absatz daraus lohnt es sich im Wortlaut zu zitieren, weil dort - trotz aller Freundschaftsbeteuerungen gegenüber den Nachbarstaaten - die verjährt geglaubten geographischen Ansprüche des Reiches der Mitte weit über die heutigen Grenzen hinaus erwähnt werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 424).

„»Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts«, so schreibt der Autor Chen Dajun, »begannen die Kolonialmächte des Westens aktiv mit ihren Angriffs- und Expansionsfeldzügen. Von Indien aus wiegelten die Briten immer wieder die Nachfahren uigurischer Fürsten auf, die am Hofe des Khans von Kokand lebten, um in Süd-Xinjiang Unruhe zu stiften. Nach 1840 steigerten die westlichen Mächte ihre militärische Bedrohung, um die Qing- oder Mandschu-Dynastie zum Abschluß ungleicher Verträge zu zwingen. China wurde Schritt für Schritt auf den Status einer halbkolonialen Gesellschaft heruntergedrückt. Nachdem das zaristische Rußland die kasachische Steppe und die kleinen Emirate Zentralasiens besetzt hatte, nahm Sankt Petersburg auch weite Gebiete entlang der chinesischen Westgrenze in Besitz. Ein Territorium von 400000 Quadratkilometern, östlich und südlich des BaIkaschsees gelegen, der früher zu China gehörte, wurde durch das zaristische Rußland besetzt.« Das von Chen Dajun beschriebene Gebiet entspricht dem Kernland der heutigen Republik Kasachstan mitsamt ihrer früheren Hauptstadt Almaty.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 424-425).

„Schon fünfzehn Jahre früher, im Sommer 1980, war es mir vergönnt gewesen, die zu jener Zeit noch streng abgeschirmte Provinz Xinjiang aufzusuchen und dort einen Dokumentarfilm zu produzieren, dem ich den Titel »Chinas wilder Westen« gab. Damals war Urumqi ein grauenhafter Platz. Dort lebten etwa eine Million Menschen, aber die niedrige, gedrängte Häusermasse, über der die Fernsehantennen in den rußigen Qualm ragten, sah wie eine immense Siedlung von Höhlenbewohnern aus.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 425).

„Es war bemerkenswert, daß die chinesischen Behörden unser Kamerateam beim Filmen dieser Misere in keiner Weise behinderten. Wir konnten nach Belieben die Linse auf jene niedrigen Hütten der Industriearbeiter richten, die gegen die eisigen Winterstürme mit einer dicken Lehmschicht bedeckt waren und ihre Einwohner zur Existenz von Troglodyten verdammten. Bei unserer Suche nach muslimischen Gebetshäusern stießen wir auf die Verwüstungsspuren der Rotgardisten. Die entfesselten jungen Fanatiker der Kulturrevolution hatten gegen die Muslime besonders heftig gewütet, sie zum Verzehr von Schweinefleisch gezwungen und viele treue Korangläubige erschlagen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 425).

„Seitdem ist ein radikaler Wandel eingetreten. Aus den riesigen Elendsquartieren, aus der asiatischen Slum-Metropole Urumqi ist binnen fünfzehn Jahren eine saubere, hochmoderne Stadt von 1,5 Millionen Menschen geworden. Untergebracht sind wir dieses Mal, 1995, in dem luxuriösen Holiday Inn von U rumqi, der über Kommunikations- und Computereinrichtungen verfügt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 425).

„Bei ihrer Suche nach Gastländern, die sich bereit fänden, den Häftlingen, die durchaus nicht alle harmlos waren, Unterkunft zu gewähren, hatte die US-Administration die Bundesrepublik Deutschland als Bestimmungsort für die chinesischen Dissidenten Xinjiangs auserkoren. Daß eine Zustimmung Berlins zwangsläufig von Peking als Mfront empfunden und das deutsch-chinesische Verhältnis nachhaltig getrübt würde, hätte man am Potomac bereitwillig in Kauf genommen. Die große Koalition von Berlin hat immerhin den Mut aufgebracht, dieser amerikanischen Zumutung eine Absage zu erteilen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 429).

„Am Ende verfiel man in Washington auf einen seltsamen Ausweg. Unter den westpazifischen Inseln Mikronesiens waren ja diverse Atolle, die nur ein paar tausend Einwohner zählten und von der allmählichen Überflutung durch den Ozean bedroht sind, nach der Befreiung von den Japanern in souveräne Staatswesen verwandelt worden, die den USA als willfährige Klienten zur Verfügung standen. Zu diesen kuriosen Gebilden zählte auch die winzige Inselgruppe von Palau, deren Regierung sich gegen eine substantielle finanzielle Abfindung auch bereit fand, die gestrandeten Jihadisten vom Volk der Uiguren unter ihren Palmen unterzubringen. Der Vorgang entbehrt nicht einer gewissen Komik.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 429).

„Wer weiß denn heute noch in Deutschland, daß die Insel Palau in den Jahren von 1900 bis 1914 deutscher Kolonialbesitz war. Die große Koalition von Berlin hatte sich gegen die Überstellung der Uiguren erfolgreich zur Wehr gesetzt. Der Zufall hat es gefügt, daß das Häuflein von Islamisten aus Xinjiang auf einer winzigen Inselgruppe im Stillen Ozean stranden würde, wo vor hundert Jahren noch die schwarz-weiß-rote Fahne des wilhelminischen Kaiserreiches wehte. Ein Treppenwitz der Geschichte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 429).

„Das wirkliche Problem für die USA heißt Mexiko. Die Grenzstadt Ciudadju:irez ist bereits ins Chaos der violencia abgeglitten. Hier trennt nur das Rinnsal des Rio Grande del Norte diese Hochburg des Verbrechens von der texanischen Drehscheibe El Paso, wo sich binnen zwanzig Jahren eine gründliche Bevölkerungsumschichtung vollzogen hat. Seien es naturalisierte US-Citizens oder illegale »wetbacks«, die Mexikaner machen in El Paso inzwischen neunzig Prozent der Einwohnerschaft aus. Ähnlich verhält es sich entlang der endlosen Grenze, die sich von Laredo in Texas bis Tijuana in Baja California hinzieht. Die illegale Immigration der Latinos kann durch Drahtzäune und andere Sperren behindert werden, aber die us-amerikanische Border Police ist sich ihrer relativen Ohnmacht bewußt. Die Überflutung der USA durch eine Masse von Zuwanderern aus Mittel- und Südamerika, wobei Mexiko weit an der Spitze liegt, hat die ethnische Zusammensetzung der US-Bürgerschaft, vor allem auch des US-Wählerpotentials, so gründlich verändert, daß es sich ein Kongreß-Abgeordneter reiflich überlegen muß, ehe er zur Treibjagd auf die Eindringlinge bläst.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 435-436).

„Die größte Überraschung erlebte ich, als ich in Minneapolis, einer Stadt nahe der kanadischen Grenze, die mir sehr vertraut ist, den schier unaufhaltsamen Zustrom der Latinos konstatierte. Bis vor kurzem gab es hier nur eine kleine Zahl von »Negroes« und heruntergekommenen Indianern, während die eigentliche Substanz deutsch und skandinavisch war. Neuerdings gehört es in Minneapolis zum guten Ton, die eigenen Kinder auf eine neugegründete Schule zu schicken, deren Hauptunterrichtssprache Spanisch ist.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 436).

„Im Krieg von 1846 hatte Washington, nachdem es bereits die Sezession von Texas begünstigt hatte, das Territorium der Estados Unidos Mexicanos etwa um die Hälfte reduziert. Die heutigen US-Bundesstaaten Kalifornien, Neu-Mexiko, Arizona, Nevada und Colorado wurden kurzerhand annektiert. Inzwischen findet hier eine Revanche, eine Art Reconquista statt. Die Sprache Cervantes' verdrängt Schritt um Schritt die bislang exklusive Dominanz des Angelsächsischen. Eine gewisse Anhänglichkeit gegenüber den hispanischen Herren von einst ist offenbar - trotz aller Verehrung für die Helden der Unabhängigkeit Simón Bolivar und San Martin - selbst beim einfachen Volk erhalten geblieben. So ist es nicht selten, daß sogar auf Kuba Besucher aus Spanien von farbigen Inselbewohnern als Söhne und Töchter der »madre patria« gefeiert werden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 436).

„Als der schwarze Kontinent auf der Berliner Kongokonferenz im Jahr 1885 unter den europäischen Mächten aufgeteilt wurde, beließ man den Portugiesen den Besitz von Angola und Mosambik. Aber um 1900 befanden sich diese Gebiete in einem derartigen Zusatnd der Vernachlässigung und Rückständigkeit, daß zwischen Berlin und London über deren Aufteilung ernsthaft beraten wurde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 438).

„»Frankreich sinkt auf den rang Portugals herab«, soll de Gaulle gesagt haben .... In Wirklichkeit hätte Charles de Gaulle allen grund gehabt, die Portugiesen zu beneiden.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 439-440).

„Brasilien ist ... ein postkolonialer Koloß, der ... innerhalb der multipolaren welt unserer Tage den Anspruch auf Großmachtstatus erhebt. Unter der Abkürzung BRIC haben die Medien einen Sammelbegriff für jene »Schwellenländer« erfunden - Brasilien, Rußland, Indien, China -, die Europas Bedeutung in den Schatten stellen und mit den USA zusehends auf Augenhöhe kommunizieren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 440).

„Der bärtige Franziskaner ... entwarf ein düsteres Bild von den Irrungen seienr Kirche und des Klerus in Brasilien. Der Besuch des deutschen Papstes sei eine bittere Enttäuschung gewesen. Er habe in diesem von sexueller Vitalität strotzenden land auf dem Verbot der Empfängnisverghütung bestanden, Keuschheit gepredigt und die Nutzung von Kondomen verboten. Im Vatika habe man offenbar immer noch nicht begriffen daß allein die vom heiligen Stuhl verworfene Befreiungstheologie der materiellen Not und der politischen Aufbruchstimmung dieses Subkontinents gerecht würde, statt der ständigen Beschwörung des sechsten Gebotes.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 444).

„Wo sind die Zeiten geblieben, in denen der Mann einen Schips umbinden mußte, um ins Kino gelassen zu werden? Die Menschen fallen durch abenteuerliche Aufmachung auf, doch Eleganz ist kaum zu spüren.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 445).

„Seit vor der atlantischen Küste reiche Ölfelder geortet wurden, steht Brasilien im begriff, zu einer der maßgeblichen Wirtschaftsmächte aufzusteigen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 445).

„Brasilien wäre binnen kurzer Frist in der Lage, nuklear aufzurüsten und seine eigene Atombombe zu bauen.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 445).

„Unter allen Ländern unserer Erde, die ich aufsuchte, erscheint mir Brasilien als das unerklärlichste.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 446).

„Mit seiner vielfältigen Harmonie der Rassen nimmt Brasielien eine ethnische Vermengung vorweg, die für den ganzen Globus Gültigkeit gewinnen könnte.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 446).

„Es kann einem ... ein Schauer überkommen bei der Perspektive auf eine globale Entwicklung, an deren Ende das biologische Ende des »weißen Mannes« stünde.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 446-447).

„Es wird so viel über Klimawandel und ökologische Verseuchung gesprochen. Aber aufgrund der Kommunikationsmöglichkeiten, von denen unsere ... Vorfahren nicht zu träumen wagten, aufgrund einer subkutanen kulturellen Anpassung und Osmose, deren Ausmaß wir noch nicht ermessen, aufgrund einer technischen und elektronischen Beschleunigung der menschlichen Geistesentwicklung ... wäre auch eine Beschleunigung der Evolution, ja das jähe Auftreten von Mutationen nicht auszuschließen, die das Bild des »Homo Sapiens« erheblich verändern könnten. Der typologische Unterschied zwischen den Generationen ist bereits klar erkennbar. Dazu kommt das Phänomen einer durch einseitige Ernährung bewirkten Verfettung, die selbst auf China überzugreifen beginnt. Der androgyne Wuchs vieler Frauen ist weit vom Schönheitsideal der Vergangenheit entfernt.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 447).

„Während sich die Öffentlichkeit dazu beglückwünscht, daß das Durchschnittsalter des Menschen demnächst auf über hundert Jahre ansteigen könnte, stellen sich nur die wenigsten die Frage, ob eine solche Langlebigkeit mit der im Rhythmus von Jahrtausenden entstandenen Normalität, den natürlichen Gesetzen, denen wir unterliegen, überhaupt zu vereinbaren ist. Die ständige Vermehrung von Demenz- Erkrankungen im hohen Alter könnte eine schreckliche Mahnung beinhalten.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 447).

„Befinden wir uns an der Schwelle einer neuen Evolution unserer Gattung? Werden die Allmacht des Computer-Systems, des Internets, die Omnipräsenz der elektronischen Überwachung und die Perspektive eines eventuellen Cyber- Wars gewisse Hirnfunktionen ausschalten, umgestalten oder weiterentwickeln? Im Jubiläumsjahr des Darwinismus sind solche Überlegungen ja wohl erlaubt. Wir haben die Schreckensvision Orwells, die er in seinem Buch 1984 aufzeichnete, längst überholt, und die düsteren Vorstellungen H. G. Wells' von einer »Brave New World« liegen bereits hinter uns. Man bedenke, daß das nationalsozialistische Deutschland noch vor siebzig Jahren von der Reinheit der nordischen, der germanischen Rasse fabulierte, von der Vorherrschaft der blonden Herrenmenschen, um festzustellen, wie plötzlich diese Utopie einer Gemischtrassigkeit gewichen ist, die uns täglich auf den Straßen Europas und Amerikas begegnet.“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 448).

„In diesem Zusammenhang die existentielle »Angst des weißen Mannes« zu erwähnen, entspringt keiner Verzagtheit, keiner Phobie, sondern verweist auf eine Veränderung unserer Spezies ....“ (Peter Scholl-Latour, ebd., S. 448).

 

Zitate: Hubert Brune, 2005 (zuletzt aktualisiert: 2009).

 

Anmerkungen:


Altes Europa versus neues Europa. - Spätestens seit Januar 2003, als US-Verteidigungsminister Rumsfeld vom „Alteuropa“ sprach, fragt man sich, ob es sich dabei um reine Rhetorik handelte oder nicht. Ob damit der von den USA schon vor dem 11.09.2001 geplante Angriffskrieg auf den Irak durchgesetzt, ein Kriegsverbrechen wieder einmal vertuscht werden sollte oder nicht: Rumsfeld, der „Alteuropa“ offenbar die Bündnistreue absprechen wollte, bezog sich jedenfalls hierbei auf einen geographischen Raum, der in doppelter Hinsicht verstanden oder mißverstanden werden könnte: (1.) Das alte Europa ist nicht das neue Europa. (2.) Das alte NATO-Europa ist nicht das neue NATO-Europa.„Alteuropa“ hat außerdem zwei verschiedene Bedeutungen, weil er sich einerseits auf die antike, andererseits auf die abendländische Kultur beziehen kann. Für die Antike gilt ein anderes kulturelles Zentrum als für das Abendland; die geographischen Bezüge sind zwei zu unterscheidende. Wer heutzutage von „Europa“ spricht und sich ausschließlich auf eine noch existierende Kultur bezieht, der kann nicht das antike, sondern nur das abendländische Europa meinen. So gesehen bezieht sich „Alteuropa“ (als nicht-rhetorisches Mittel!) auf die Frühzeit des Abendlandes, z.B. auf dessen „Geburt“ und damit primär auf den deutsch-französischen Raum, den das Reich Karls des Großen erstmals als Einheit umfaßte. Sicheres „Stehvermögen“ erlangte das Abendland durch Deutschlands Sachsen-Kaiser, insbesondere seit 962, als Otto I. zum Kaiser gekrönt wurde.

Fatih heißt „der Eroberer“!Es ist natürlich kein Zufall, daß viele Moscheen im christlichen Teil der Welt Fatih heißen.

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