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Frederick William Engdahl (*1944)

- Mit der Ölwaffe zur Weltmacht. Der Weg zur neuen Weltordnung (1992) -
- Wie kann der Mittelstand die Globalisierung bestehen? (2005) -
- Saat der Zerstörung. Die dunkle Seite der Gen-Manipulation (2006) -
- Apokalypse jetzt! Washingtons geheime Geopolitik (2007) -
- Der Untergang des Dollar-Imperiums. Die verborgene Geschichte des Geldes und die geheime Macht des Money Trust (2009) -
- Es klebt Blut an Euren Händen. Die geheimen Machenschaften der Öl-Multis (2012) -
- Krieg in der Ukraine (2014) -
- China in Gefahr. Wie die angloamerikanische Elite die neue eurasische Großmacht ausschalten will (2014) -
- Die Denkfabriken. Wie eine unsichtbare Macht Politik und Mainstream-Medien manipuliert (2015) -
- Rußland und die neue Vernetzung Eurasiens (2016) -
- Geheimakte NGOs. Wie die Tarnorganisationen der CIA Revolutionen, Umstürze und Kriege anzetteln (2017) -

Frederick William Engdahl. Da ich F. W. Engdahl für einen klugen Wirtschaftsjournalisten halte, möchte ich
                                                       ihm diese Seite widmen und aus folgendem seiner Werke zitieren:
- Der Untergang des Dollar-Imperiums. Die verborgene Geschichte des Geldes und die geheime Macht des Money Trust (2009) -

Der Untergang des Dollar-Imperiums. Die verborgene Geschichte des Geldes und die geheime Macht des Money Trust (2009)

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Vorwort

J. P. Morgan d.Ä.
J. P. Morgan d.Ä. (1837-1913)
John D. Rockefeller (I)></TD></TR><TR><TD WIDTH=
J. D. Rockefeller (1839-1937)
  
J. P. Morgan d.J.
J. P. Morgan d.J. (1867-1943)
Paul M. Warburg (1868-1932)

„»Geld ist Macht.« Dieses Sprichwort existiert seit der Antike, und doch haben nur wenige Menschen die wahre Macht des Geldes verstanden. (Ebd., S. 7).

„Geld kann erzeugt (»geschöpft«) oder vernichtet werden. Es kann zu Wohlstand oder tiefer Depression führen oder zu einem moderaten Wachstum. .... Im wesentlichen ist Geld ein politisches Geschöpf. Deshalb sollte die Macht über die Geldschöpfung zu den wichtigsten Aspekten nationaler Souveränität zählen, ohne die ein Staat nicht über das Schicksal seiner eigenen Bevölkerung zu wachen vermag. (Ebd., S. 7).

„Im Dezember 1913 ließ sich der Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika von einer mächtigen Privatinteressen - Namen wie J. P. Morgan, John D. Rockefeller und Paul Warburg sind da zu nennen - überreden, die Macht der Geldschöpfung privaten Bankinteressen zu übertragen. Damit gab der US-Kongreß eine Macht aus den Händen, die für das Überleben der Republik als so wichtig betrachtet wurde, daß die Gründungsväter sie gleich im ersten Artikel der us-amerikanischen Verfassung verankert hatten. (Ebd., S. 7).

„Seitdem liegt die Macht, das gesetzliche Zahlungsmittel der USA zu schöpfen, bei einer Clique von Privatbankiers und nicht mehr bei den gewählten Vertretern des us-amerikanischen Volkes. Infolge dieser Entscheidung, die bewußt so vernebelt wurde, daß nur wenige verstehen, daß in den USA private Bankiers und nicht mehr die eigene Regierung die Macht über das Geld in Händen hält - ist US-Amerika im Laufe des vergangenen Jahrhunderts in zwei Weltkriege eingetreten ist, die vor allem geführt wurden, um die Macht des privaten Money Trusts auszuweiten. (Ebd., S. 7-8).

„Dieses Buch ist eine Chronik der Geschichte der wahren Macht über das Geld. Es erzählt, wie diese Macht in privaten Händen die USA zur größten Macht der Erde aufsteigen und in die schwerste Depression der Geschichte stürzen ließ. Es erzählt auch, wie die gewählten Volksvertreter hilflos zusehen mußten, während der durch und durch korrupte Money Trust enorme Summen Papiergeld enteignete, um ein System zu retten, das nicht mehr zu retten war: ihr privat kontrolliertes Dollar-System. (Ebd., S. 8-9).

„In einem gesunden Organ, das gemäß seiner natürlichen Bestimmung funktioniert, kann sich kein Krebsgeschwür ausbreiten. Nur wenn das Immunsystem des Körpers nicht mehr normal funktioniert, kann ein Krebs wuchern. Der Schuldenkrebs und die Kontrolle über diese Schulden im zurückliegenden Jahrhundert und heute dient den Privatinteressen, die schon lange die us-amerikanische Federal Reserve und darüber hinaus die Zentralbanken der meisten Industrieländer der Welt kontrollieren. Schritt für Schritt haben diese Zentralbanken, wenn auch manchmal zögerlich, auf die eine oder andere Weise die in den USA vorexerzierte Übergabe der Souveränität über ihr eigenes Geld an Privatbankiers imitiert - egal ob es nun »professionelle Banker« oder deren Statthalter waren, wie zum Beispiel Alan Greenspan oder Paul Volcker. (Ebd., S. 9).

„Hat man diese einfache Wahrheit erst einmal verstanden, dann wird einem der wahre Grund nicht für die gegenwärtige verheerende Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch für die Kriege und Krisen der Zeit nach 1913 schlagartig klar - selbst der Normalbürger versteht das alles ohne jede Schwierigkeit. Dann aber ließe sich der Schuldenkrebs isolieren und unter Kontrolle bringen, und ganze Länder könnten wieder ein normales, vernünftiges Wirtschaftsleben aufnehmen. (Ebd., S. 9).

„Es ist keine Überraschung, daß die Wirtschaftsfakultäten der Universitäten in den USA, in Großbritannien und anderswo unter dem Einfluß dieses Money Trusts davon Abstand genommen haben, diese Wirklichkeit zu lehren. Nobelpreise wurden an die Ökonomen verliehen, die den Interessen des Money Trusts am besten dienten, ob es sich nun um Milton Friedman oder um weniger bekannte Namen handelt wie etwa die Derivate-Theoretiker Robert Merton oder Myron Scholes - oder selbst um gemäßigte Kritiker oder gar Reformer wie Joseph Stieglitz und Paul Krugman. Das System von Belohnungen und beruflichen Auszeichnungen diente dazu, die Regeln dieser privaten Macht über das Geld als Pseudowissenschaft zu sanktionieren. In die richtige Handhabung dieses religiösen Dogmas dürfe sich, so wurde uns erklärt, kein unerfahrener Laie einmischen, der vom »Geld« nichts verstehe. Einfache Grundfragen zu stellen könnte den Normalbürger womöglich veranlassen, darüber nachzudenken, wer denn eigentlich die wirkliche Macht über das Geld hat: der souveräne Staat und seine gewählten Vertreter oder eine private Geld-Oligarchie, die vor allem ihre eigene Macht im Sinne führt? (Ebd., S. 9).

„Der Satz »Wer das Geld kontrolliert, der kontrolliert die ganze Welt.« stammt angeblich von Henry Kissinger .... Wenn ein souveränes Land, selbst eine Supermacht, die Kontrolle über das Geld verliert - als »Banker der Welt«, als Zentrum des weltweiten Kapitalflusses, als Inhaber der Weltreservewährung -, dann steht diese Supermacht unweigerlich vor dem Absturz .... (Ebd., S. 10).

„Die zentrale Frage, vor der die Länder inmitten der sich verschärfenden Krise ... stehen, lautet: Wer soll künftig das Geld kontrollieren? Soll diese Macht in der Hand privater Wall-Street-Banker bleiben, einer internationalen Finanzoligarchie, die immer wieder bewiesen hat, daß sie sich um das Allgemeinwohl eines Landes – egal welchen Landes – nicht schert? Oder sollen die gewählten Regierungen souveräner Länder die Macht über das Geld wieder zurückerobern? Dies gilt insbesondere für die USA, wo im Jahr 1913 sich der Präsident (der Verräter Wilson; [HB]) und der Kongreß vor dem Altar des Money Trusts verbeugt und diesem die souveränen Rechte über das Geld übergeben haben. Die entscheidende Frage ist: Hat der Staat die Macht über das Geld oder hat die Macht des Geldes die Kontrolle über den Staat? (Ebd., S. 10).

***

„Abraham Lincoln hatte sehr wohl verstanden, warum die Väter der Verfassung der Vereinigten Staaten vom Kongreß und nicht privaten Bankiers das Recht zur Geldschöpfung übertragen hatten. Bereits seit langer Zeit hatte Lincoln die protektionistisch Zollpolitik zum Schutz der Industrie des führenden Vertreters der Parte der Whigs, Senator Henry Clay unterstützt. Außerdem war Lincoln eng mit dem Ökonomem Henry C. Carey befreundet, der nicht nur offen für protektionistische Maßnahmen eintrat, sondern auch ein energischer Anhänger des berühmten deutschen Ökonomen Friedrich List war, einem der Väter der Nationalökonomie. (**).“(Ebd., S. 50-51).


„Der ehemalige Tübinnger Wirtschaftsprofessor Friedrich List, in Deutschland u.a. als Vater des Zollvereins bekannt, war in den 1820er Jahren auf Einladung von Mathew Careys Pennsylvania Society for the Promotion of Manufactoring and the Mechanical Arts (Pennsylvanische Gesellschaft zur Förderung des Manufakturwesens und der mechanischen Künste) nach Pensylvanien gekommen. Dort schreib List eine scharfe Kritik an der britischen Freihandelsdoktrin von Adam Smith und Ricardo ..., die Carey, der Vater von Lincolns Berater Henry C. Carey, veröffentlichte. Kurioserweise ist der Name List heute aus den Wirtschaftswissenschaften fats voll ständig verschwunden, da dort seit den 1970er Jahren die neoliberalen Freihandeslehren eines Milton Friedman dominieren.“ (Ebd., Anmerkung 11).

 

Republikanische Bankiers kaufen sich einen Demokraten für ihren Putsch

„Die Wahl Woodrow Wilsons im Jahr 1912 war das Werk einer kleinen Gruppe einflußreicher Männer, die eine Spaltung innerhalb der Republikanischen Partei herbeiführten - sie finanzierten eine dritte Partei, die nach ihrem Präsidentschaftskandidaten, dem ehemaliegn Republikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt, bald den Spitznamen Bull Moose erhielt. (Ferdinand Lundberg berichtet in America’s Sixty Families ausführlich über die Gründung der dritten Partei Bull Moose, mit der diese Kreise erreichen wollten, daß an Stelle des Republikaners Howard Taft der ihren Interessen zugänglichere Woodrow Wilson gewählt wurde. Nach dem Sieg des »bankers’ man« Woodrow Wilson im Jahre 1912 löste sich die vollkommen künstliche Progressive Party wieder auf, und Teddy Roosevelt schloß sich stillschweigend wieder der Republikanischen Partei an.)“(Ebd., S. 67).

 

Zwei Rivalen für Englands führende Rolle in der Welt

„In der Zeit, in der sich in England die Anzeichen für einen endgültigen Niedergang mehrten, tauchten, zunächst kaum wahrnehmbar, zwei potentielle Rivalen auf, die in der Lage waren, die Rolle des Britischen Empires herauszufordern. Einer davon war das Deutsche Reich. Im Jahre 1900 ... stellten das industrielle Wachstum, das Erziehungs- und Bildungssystem sowie die Wissenschaften in Deutschland schon seit langem (seit langem! [HB]) das- bzw. diejenige Englands in den Schatten, so daß nur noch die Londoner City ihre beherrschende Rolle über den Welthandel behielt. (**|**|**|**).“ (Ebd., S. 74-75).

„Der zweite Herausforderer für Englands Rolle als vorherrschende Weltmacht waren die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich im ersten Eroberungskrieg gegen Spanien 1898-1899 die Philippinen und Kuba gesichert hatten. Der unerklärte geopolitische Wettstreit zwischen England, Deutschland und US-Amerika sollte drei Jahrzehnte dauern, und es sollte zu zwei Weltkriegen kommen, bevor er endlich entschieden war. (**|**|**|**).“ (Ebd., S. 75).


„Eine interessante geopolitische Sichtweise dieser Realität um die weltweite Vorherrschaft findet sich in Peter J. Taylor, Britain and the Cold War ..., 1990, S. 17: »Im nachhinein können wir die zwei Weltkriege als Wettsreit um die Nachfolge der Briten zwischen Deutschland und den USA interpretieren. Der Wettstreit wurde erst am Ende des Zweiten Weltkriegs und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands entschieden.« (**|**|**|**).“ (Ebd., Anmerkung 4).

„In US-Amerika erkannten die Eliten, die den Money Trust und die großen Industriekonzerne unter ihrer Kontrolle hatten - die Morgans und Rockefellers, Harriman, Schiff und andere -, erst allmählich die Möglichkeit, zu einer wirklichen Weltmacht zu werden.“ (Ebd., S. 75).

 

„Manifest Destiny“

„Im Jahre 1900 ... stellten das industrielle Wachstum, das Erziehungs- und Bildungssystem sowie die Wissenschaften in Deutschland schon seit langem (!) das- bzw. diejenige Englands in den Schatten, so daß nur noch die Londoner City (gemeint ist die Finanzlobby; [HB]) ihre beherrschende Rolle über den Welthandel behielt.“(Ebd., S. 77).

„Da US-Amerikas einziger Rivale beim Kampf um die Nachfolge des britischen Weltreichs das Deutsche Reich war, sollte die Strategie darin bestehen, eine us-amerikanische Allianz mit dem schwächeren der beiden Rivalen, nämlich England, gegen den stärkeren, nämlich Deutschland, zu schmieden. Auf diese Weise sollte sich US-Amerika als Macht wie Phoenix aus der Asche eines großen Krieges in Europa erheben. (**|**|**|**).“ (Ebd., S. 77).

 

Der Casus Belli

„Die verhängnisvolle Fehlkalkulation der britischen militärischen und diplomatischen Führung, die sie veranlaßte, 1914 in den Krieg einzutreten, habe ich in einem früheren Buch mit dem Titel Mit der Ölwaffe zur Weltmacht - Der Weg zur neuen Weltordnung (**) ausführlich dargelegt. Dieser Krieg war keine Reaktion auf die Verletzung eines feierlichen internationalen Abkommens durch die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajewo. Er war vielmehr das Ergebnis einer strategischen Entscheidung, die lange zuvor in Whitehall und in Downing Street Nr. 10, den britischen Machtzentren, gefallen war: Bereits 1904 hatte England mit Frankreich die Entente Cordiale geschlossen, und 1907, nach der russischen Niederlage gegen das von England unterstützte Japan im russisch-japanischen Krieg von 1905, bildete es eine Allianz mit dem zaristischen Rußland. Das Ziel dieser entstehenden »Tripelallianz« war die militärische Einkreisung und Isolation des gemeinsamen Feindes, nämlich Deutschlands.“(Ebd., S. 77-78).

Seit den Napoleonischen Kriegen war das Kernstück der Strategie des Britischen Empires die Herrschaft und Kontrolle über die Seewege und die Routen des Welthandels. Die Entscheidung, einen Krieg gegen Deutschland, Österreich-Ungarn und später auch die Türkei, das Osmanische Reich, zu führen, entsprang nicht der Stärke des Britischen Empires, sondern der Einsicht in seine fundamentale Schwäche. Man rechnete sich aus, daß ein früher Krieg besser wäre, anstatt noch einige Jahre zu warten, da es dann für England schwieriger sein würde, sich gegen die zunehmende Übermacht Deutschlands zu behaupten. Wie sich im weiteren Verlauf zeigen sollte, führte diese Entscheidung dazu, daß Rule Britannica, die Herrschaft des Britischen Empires, schließlich aufhörte. Allerdings sollte es noch einige Jahre dauern - und es sollte noch zu einem Zweiten Weltkrieg kommen -, bis die Elite in England diese Realität zögernd zur Kenntnis nahm.“ (Ebd., S. 78-79).

 

Morgan übernimmt ein äußerst lukratives Geschäft

Gedenktafel an J. P. Morgan
Eine Gedenktafel in Göttingen an
J. P. Morgan, einen der Männer,
denen die Deutschen, ja sogar alle
Europäer die Ur-Katstarophe des
20. Jahrhunderts
und die fatale
Abhängigkeit vom US- Dollar
zu verdanken haben.  –  „Toll“!

„Zur Erklärung, wie sich diese Entwicklung vollziehen könnte und welches Land Morgan & Co. dabei als Hauptbedrohung für eine weltweite Dominanz der USA betrachtete, stellte Lamont fest: »Die Frage der Überlegenheit bei Handel und Finanzierung wird zwangsläufig durch mehrere Faktoren bestimmt; einer davon ist die Frage, wie lange der Krieg noch dauern wird. Wenn ... der Krieg schon bald zu Ende wäre .., würden wir wahrscheinlich erleben, daß sich Deutschland, dessen Exporte jetzt fast vollständig unterbunden sind, sehr schnell wieder zu einem scharfen Konkurrenten emporschwingen würde.« Lamont weiter: »Ein dritter Faktor, und auch der ist abhängig von der Dauer des Krieges, betrifft die Frage, ob wir in wirklich großem Stil zum Kreditgeber für fremde Länder werden. .... Sollen wir in wirklich enormem Maße Kreditgeber dieser ausländischen Regierungen werden? .... Wenn der Krieg lang genug dauert, so daß wir in diesem Vorgehen bestärkt werden, dann werden wir uns unweigerlich von einer Schuldnernation zu einer Gläubigernation wandeln. Solch eine Entwicklung wird früher oder später den Dollar anstelle des britischen Pfundes zur internationalen Devisengrundlage machen.« In dieser ungewöhnlichen Rede, über US-Amerikas Presse wohlweislich nur wenig berichtete, legte der Morgan-Partner Lamont die Strategie des Hauses Morgan & Co. dar, und zwar nicht nur für die Zeit des (1.Welt-)Krieges, sondern auch für die Nachkriegszeit bis hin zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.“ (Ebd., S. 83).

„Die Geschäfte liefen extrem gut für Lamont, J. P. Morgan & Co. und ihre bevorzugten Unternehmen aus der Rüstungsindustrie.“ (Ebd., S. 83).

 

Ein Krieg, um die Welt für J. P. Morgan & Co. sicherer zu machen

„Vom Standpunkt Lamonts und seiner Freunde lohnten sich ihre »ungewöhnlichen Maßnahmen« während des Krieges erheblich. Ende 1916 und Anfang 1917 verschlechterten sich jedoch die Aussichten plötzlich ganz dramatisch. Im Februar 1917 mußte der Zar in Rußland abdanken, weil das Militär in St. Petersburg (Petrograd) meuterte. Die Führung der russischen Armee war nicht in der Lage, die Meuterei zu unterdrücken. Würde Rußland seine Streitkräfte aus dem Krieg zurückziehen, dann befände sich Deutschland nicht mehr in einem verheerenden Zweifrontenkrieg und könnte seine Streitkräfte auf die Westfront konzentrieren.“ (Ebd., S. 84).

„Weil Morgan & Co. direkte Kriegskredite in Höhe von mehr als 1,5 Milliarden Dollar für England, Frankreich, Rußland und Italien organisiert und außerdem den kriegsführenden Nationen in Europa die Lieferung von Kriegsmaterial im Wert von fünf Milliarden Dollar garantiert hatten, plagte Morgan & Co. nun die Angst, daß das Undenkbare passieren könnte - ein Sieg Deutschlands.“ (Ebd., S. 84).

„Die russische Front gegen das Deutsche Reich war zusammengebrochen, und ein von W. I. Lenin geführtes bolschewistisches Regime drohte die Macht in Rußland zu übernehmen; dieses waghalsige Unternehmen wurde vom deutschen Generalstab finanziert. Die deutsche Führung ging bewußt ein hohes Risiko ein, als sie es den führenden Bolschewisten ermöglichte, von ihrem Schweizer Exil in einem versiegelten Eisenbahnwaggon über Deutschland nach Rußland zu reisen. Außerdem gaben sie Lenin ausreichend Goldbarren mit auf den Weg und kauften damit quasi eine Revolution gegen den Zaren. Der Zweck dieser Operation war die Installierung eines neuen Regimes in Rußland, das den Zielen der Engländer und Franzosen feindlich gesonnen war und einem Separatfrieden mit Deutschland zustimmen würde. Frankreich war kriegsmüde und völlig erschöpft. Seine dringenden Bitten um Verstärkung wies England zurück, da das britische Militär eine Million Soldaten im Nahen Osten stationiert hatte, die in Mesopotamien die unerschlossenen Ölquellen für das Britische Empire sichern sollten. Ein Waffenstillstand an der Ostfront bedeutete, daß die deutschen Truppen an der Westfront verstärkt werden konnten, um in einer Großoffensive die französischen Stellungen durchbrechen und den Krieg gewinnen zu können.“ (Ebd., S. 84-85).

„Wilsons Botschafter in London war damals Walter Hines Page, der eng mit der Rockefeller-Gruppe verbunden war. Page war Treuhänder von Rockefellers General Education Board (Rat für Allgemeine Erziehung) gewesen, bevor er zum Botschafter am Hof von St. James ernannt wurde. Page war, wie alle US-Botschafter in London seit 1902, Mitglied in der exklusiven Pilgrims Society und erhielt von Cleveland Dodge, dem Präsidenten der National City Bank, eine Einkommens-»Aufbesserung« von 25 000 Dollar jährlich - damals eine erhebliche Summe. Wie bereits erwähnt war Dodge der finanzkräftige Hintermann von Wilson.“ (Ebd., S. 85).

„Am 5. März 1917 sandte Botschafter Page eine vertrauliche Depesche an Präsident Wilson, in der es hieß: »Ich glaube, der Druck dieser heraufziehenden Krise übersteigt die Möglichkeiten des Finanzhauses Morgan, für die britische und französische Regierung tätig zu sein. Der [Finanz- ]Bedarf wird jetzt einfach zu groß und [ein Kredit] ist so dringend erforderlich, daß eine Privatbank ihn nicht decken kann ....« Page fügte noch hinzu, die Aussichten in Europa seien »alarmierend« für die industriellen und finanziellen Interessen US-Amerikas. »Wenn wir in den Krieg gegen Deutschland einträten, bestünde die größte Hilfe für unsere Alliierten in solch einem Kredit. In diesem Fall könnte unsere Regierung, wenn sie wollte, eine große Investition tätigen, und zwar entweder in Form eines direkten Kredits an Frankreich und England, oder indem sie die Garantie für solch einen Kredit übernimmt ....«“ (Ebd., S. 85).

„Um sicherzugehen, daß Woodrow Wilson Pages Gedankengang nicht mißverstand, fügte der Botschafter noch hinzu: »Natürlich kann unsere Regierung eine solche direkte Kreditgarantie nur dann abgeben, wenn wir gegen Deutschland in den Krieg ziehen ....« Page fügte sogar noch hinzu, die Alternative dazu sei der Zusammenbruch der Wirtschafts- und Finanzstruktur in den USA selbst!“ (Ebd., S. 86).

„Vier Wochen nach Pages alarmierendem Brief, im April 1917, führte Woodrow Wilson, der noch 1916 als Kandidat für den Frieden gewählt worden war, US-Amerika in den Ersten Weltkrieg. Er erschien vor dem Kongreß und bat um die formelle Kriegserklärung gegen Deutschland. Als Grund nannte er Deutschlands Wiederaufnahme der uneingeschränkten U-Boot-Angriffe gegen Schiffe der USA und anderer neutraler Länder, die englische und französische Häfen anliefen. Der Kongreß verlieh Wilson die Vollmacht mit überwältigender Mehrheit. Die einzigen Gegenstimmen kamen von einigen wenigen prinzipientreuen Verfechtern der Neutralität, darunter Senator LaFollette.“ (Ebd., S. 86).

J. P. Morgan
„John Pierpont Morgan,
vor dem Ersten Weltkrieg
der mächtigste Bankier der Welt,
war im Jahre 1913 für die
Errichtung der privaten Federal
Reserve verantwortlich, die es
möglich machte, daß die
Vereinigten Staaten von Amerika
in den Ersten Weltkrieg eingriffen,
um Morgans Kredite an
England und Frankreich zu retten.“

„Nun begann das US-Finanzministerium, mit Unterstützung der 1913 errichteten Federal Reserve - der Präsident der Federal Reserve Bank von New York war Benjamin Strong (**), ein loyaler Morgan-Mann - von der Bevölkerung Geld in nie da gewesener Höhe einzutreiben, und zwar durch den Verkauf sogenannter »Liberty Loans« (Friedensanleihen). Aus der ersten Tranche dieser Liberty Loans erhielt J. P. Morgan & Co. 400 Millionen Dollar zur Begleichung der Schulden, die Großbritanniens Regierung bei diesem Finanzhaus hatte. Wilson und die us-amerikanische Bevölkerung holten buchstäblich Morgans dicke Kastanien aus dem Feuer.“ (Ebd., S. 86).

„Vom offiziellen Eintritt in den Ersten Weltkrieg im April 1917 bis zur Unterzeichnung des Waffenstillstands mit Deutschland am 11. November 1918 lieh die Regierung der Vereinigten Staaten den Alliierten-Mächten in Europa die - wie Thomas Lamont von Morgan bei seiner Rede 1915 gesagt hatte - »phantastische Summe« von knapp 9,4 Milliarden Dollar - genau waren es 9 386 311 178 Dollar -, wobei der Löwenanteil von 4,136 Milliarden Dollar an England ging. Frankreich erhielt 2,293 Milliarden Dollar.“ (Ebd., S. 87).

„Mit Unterstützung der Federal Reserve wurde der full faith and credit der Vereinigten Staaten von Amerika mobilisiert, um Deutschland vollkommen zu besiegen. Diese neun Milliarden Dollar flossen jedoch nicht nach London oder Paris, um dort je nach Bedarf eingesetzt zu werden. Das Geld ging vielmehr direkt an die Industrie in US-Amerika, vor allem an die Unternehmen, die enge Verbindungen zur Morgan-Gruppe, zu Kuhn und Loeb oder zur Rockefeller-Familie unterhielten, um die an die Alliierten gelieferten Rüstungsgüter zu bezahlen. Morgan leistete ganze Arbeit.“ (Ebd., S. 87).

„Für diese Kehrtwende um 180 Grad und für die Mobilisierung der Öffentlichkeit in US-Amerika, die skeptisch gegenüber einem Krieg gegen Deutschland eingestellt war, schuf das Weiße Haus unter Wilson die eindrucksvollste Propagandaabteilung, die die Welt bis dahin je gesehen hatte.“ (Ebd., S. 87).

 

Propaganda als Waffe

„Am 13. April 1917 rief Woodrow Wilson das Committee on Public Information (CPI, Komitee für Information der Öffentlichkeit) ins Leben, um im eigenen Land für den Krieg zu werben und im Ausland die us-amerikanischen Kriegsziele bekannt zu machen. Unter Leitung des Journalisten George Creel, eines von Wilsons Strohmännern, verknüpfte das CPI Werbetechniken mit einem hochentwickelten Verständnis der menschlichen Psychologie. Es war das erste Mal überhaupt, daß eine Regierung in einem solchen Ausmaß Propaganda verbreitete. Was jetzt ablief, war in jeder Hinsicht ein Vorläufer der Welt, die George Orwell in seinem Roman 1984 beschrieben hat.“ (Ebd., S. 87).

„Neben Creel gehörte einer der cleversten Propagandisten der us-amerikanischen Geschichte dem CPI an: der junge, in Wien geborene naturalisierte US-Amerikaner Edward Bernays. Bernays brachte die genaue Kenntnis eines damals noch neuen Zweiges der menschlichen Psychologie mit, dessen Werke noch nicht ins Englische übersetzt worden waren. Er war der Neffe und us-amerikanische Literaturagent des österreichischen Psychoanalytikers Sigmund Freud.“ (Ebd., S. 87-88).

„Mit Creels Sensationsjournalismus und Bemays’ Einsatz der Freud’schen Psychologie und seiner Analyse unbewußter Wünsche und Triebe ließ das Committee on Public Information eine wohlkalkulierte Flut von Lügen auf die ahnungslose us-amerikanische Öffentlichkeit los. Mit Bildern von deutschen Soldaten, die belgische Säuglinge mit dem Bajonett aufspießten, und ähnlichen inszenierten Grausamkeiten sollte die us-amerikanische Öffentlichkeit zu einem Krieg gegen ein Land aufgestachelt werden, das sie in keiner Weise bedrohte - das deutsche Kaiserreich.“ (Ebd., S. 88).

„Das CPI übte de facto in der Kriegszeit eine Medienzensur aus. Unter Berufung auf die deutsche Propaganda gab das CPI »freiwillige Richtlinien« für Nachrichtenmedien heraus. Durch die Wirkung seiner antideutschen Propaganda wirkte das CPI mit, den US-Kongreß dazu zu bewegen, das Spionagegesetz von 1917 und das Gesetz gegen Aufwiegelung von 1918 zu verabschieden. Radikale Zeitungen wie der sozialistische Appeal to Reason (Aufruf zur Vernunft) wurden durch das Verbot, in Kriegszeiten abweichende Meinungen zu veröffentlichen, praktisch mundtot gemacht.“ (Ebd., S. 88).

„Zu Creel und Bernays gesellte sich beim CPI der anglophile Journalist und enge Wilson-Berater Walter Lippmann. Bereits als junger Harvard-Absolvent war Lippmann angeworben worden, um quasi als Verbindungsmann zwischen den Wall-Street-Interessen um Morgan und der britischen Geheimgesellschaft Round Table zu fungieren. Dieser Round Table hatte seit seiner Gründung im Jahre 1909 eine maßgebliche Rolle dabei gespielt, die englische Bevölkerung aufzuwiegeln und auf einen Krieg gegen Deutschland vorzubereiten.“ (Ebd., S. 88).

„Lippmann wurde durch seine regelmäßig zweimal pro Woche erscheinenden Leitartikel in der New Yorker Herald Tribune, die in mehreren hundert Zeitungen in ganz US-Amerika nachgedruckt wurden, zu einer der einflußreichsten pro-britischen Stimmen in den USA. Seine Kommentare spielten eine entscheidende Rolle dabei, die Loyalität der gebildeten us-amerikanischen Mittelschicht zu gewinnen, die sich normalerweise eher neutral verhielt oder den Krieg ablehnte.“ (Ebd., S. 88).

„Seinen besonderen Erfolg, in nur wenigen Monaten eine regelrechte Massenhysterie für den Krieg zu entfachen, verdankte das Committee on Public Information jedoch Bernays’ besonders abwegiger Begabung, die Psychologie des Mobs mit der psychologischen Manipulation verschiedener menschlicher Emotionen zu verknüpfen, die er mit Hilfe seines Onkels entwickelt hatte. Unter vollem Einsatz von Bernays Talenten untersuchte das CPI im Stile einer Werbeagentur der Madison Avenue die unterschiedlichsten Wege, wie bestimmte Informationen tatsächlich bei der Bevölkerung ankamen. Anschließend wurden diese Kanäle mit Kriegspropaganda gefüttert.“ (Ebd., S. 88-89).

„Die Inlandsabteilung des CPI bestand aus 19 Unterabteilungen, die sich jeweils auf einen bestimmten Typ Propaganda konzentrierten. Die Nachrichtenabteilung des CPI verteilte viele tausend Presseerklärungen, das war der wichtigste Weg zur Verbreitung von Informationen über den Krieg. Die CPI-Nachrichtenleute brüsteten sich damit, daß angeblich jede Woche mehr als 20000 us-amerikanische Zeitungskolumnen mit Material aus diesen CPI-Erklärungen erschienen; natürlich wurde die Nachrichtenquelle dabei niemals genannt. Das CPI richtete auch eine Abteilung namens Syndicated Features (etwa: Feature-Verband) ein und warb dafür bei Autoren von Romanen und Kurzgeschichten sowie bei Essayisten. Diese Schriftsteller sollten den Durchschnittsus-amerikanern den Krieg in Bildern vermitteln, die einfach zu verstehen waren. Jeden Monat erreichte das CPI so etwa zwölf Millionen Menschen.“ (Ebd., S. 89).

„In einer CPI-Abteilung für Civic and Educational Cooperation (etwa: Staatsbürgerliche Erziehung und Zusammenarbeit) verfaßten englandfreundliche Gelehrte Broschüren mit Überschriften wie »Das Flüstern der Deutschen«, »Deutsche Kriegspraktiken und Eroberung und Kultur«. Es war ungeschminkte Propaganda. Angesehenere Denker wie John Dewey und Lippmann wandten sich hingegen an eine aufgeklärtere us-amerikanische Öffentlichkeit. Jeder Bevölkerungsschicht wurde so eine eigene, sorgsam auf sie abgestimmte Kriegspropaganda serviert.“ (Ebd., S. 89).

„Zur CPI-Abteilung Bebilderte Öffentlichkeitsarbeit (Division of Pictorial Publicity) zählten die begabtesten Reklamezeichner und Karikaturisten der damaligen Zeit. Zeitungen und Zeitschriften stellten bereitwillig Werbeseiten zur Verfügung. Es war fast unmöglich, eine Zeitung aufzuschlagen, ohne auf CPI-Material zu stoßen. Überzeugend gemachte Plakate, dazu in patriotischen Farben gemalt, erschienen auf Werbetafeln im ganzen Land. Mit eingängigen Karikaturen wurden die US-Amerikaner zum Kauf von Liberty Bonds animiert; andere Plakate wandten sich direkt anjunge Männer: »Uncle Sam Wants You!«“ (Ebd., S. 89).

„Eine Filmabteilung sorgte dafür, daß auch im Kino für den Krieg geworben wurde. Das CPI gründete ein landesweites Freiwilligen-Corps namens Four Minute Men (Vierminutenmänner), dem bis zu 75000 begeisterte Freiwillige angehörten, deren Aufgabe darin bestand, als offizielle Vertreter des regierungseigenen CPI bei jeder Filmvorführung zu erscheinen und eine vierminütige gepfefferte Ansprache zur Unterstützung des Kriegs, zum Kauf von Liberty Bonds etc. zu halten. Der Erfolg war ungeheuer groß.“ (Ebd., S. 89-90).

„In einem Leitartikel der Filmzeitschrift The Motion Picture News wurde 1917 behauptet, »jeder, der in dieser Branche tätig ist, will seinen Beitrag leisten«, und versprochen, »durch Lichtbilder, Vorfilme, Filmankündigungen und Zeitungswerbung diese Propaganda zu verbreiten, die unbedingt nötig ist, damit die großen Ressourcen des Landes umgehend mobilisiert werden«. Filme mit Titeln wie »Der Kaiser«, »Die Bestie von Berlin«, »Wölfe der Kultur« und »Pershings Kreuzritter« liefen in den us-amerikanischen Kinos im ganzen Land. Ein Film mit dem Titel »Zur Hölle mit dem Kaiser« war so beliebt, daß in Massachusetts einmal die Polizei gerufen werden mußte, um eine aufgebrachte Menge auseinanderzutreiben, die wegen Überfüllung an der Kinokasse abgewiesen worden war.“ (Ebd., S. 90).

„Da die Propagandisten versuchten, »für den anderen zu denken«, bevorzugten sie indirekte Botschaften gegenüber offenen, logischen Argumenten. Während des Krieges setzte das CPI zu diesem Zweck wohlkalkulierte emotionale Appelle ein, in denen Deutschland verteufelt, der Krieg mit den Zielen unterschiedlichster sozialer Gruppen in Verbindung gebracht und, falls nötig, auch rundheraus gelogen wurde.“ (Ebd., S. 90).

 

Appell an einfache Gefühle

„Die CPI-Propaganda sprach bewußt das Herz und nicht den Verstand an. Sie war stark von Bernays’ Anwendungen der Erkenntnisse Sigmund Freuds beeinflußt. Gefühlsagitation war eine bevorzugte Technik der Strategen des CPI, die wohl wußten, daß jede Emotion durch gekonnte Manipulation in Aktivität »abgeleitet« werden kann. In einem unmittelbar nach Kriegsende in der Zeitschrift Scientific Monthly erschienenen Artikel wurde behauptet, »die Einzelheiten über das Leiden eines kleinen Mädchens und ihres Kätzchens können unseren Haß gegen die Deutschen mobilisieren, unsere Sympathie für die Armenier wecken, uns für das Rote Kreuz begeistern oder uns dazu bewegen, für das Tierheim zu spenden«. “ (Ebd., S. 90).

„Das CPI schuf Kriegs-Slogans wie »Blutendes Belgien«, »Der kriminelle Kaiser« oder »Macht die Welt sicher für die Demokratie«. Ein typisches Propagandaplakat zeigte einen aggressiven, bajonettschwingenden deutschen Soldaten unter der Überschrift »Vertreibt den Hunnen mit Freiheitsanleihen«. Damit wurden zum Beispiel die Gefühle von Haß und Angst in Spenden für den Krieg umgeleitet.“ (Ebd., S. 90-91).

„Nach dem Krieg schrieb Harold Lasswell von der Universität Chikago in einer soziologischen und psychologischen Untersuchung über die Rolle der Propaganda während des Krieges, der Grund für das Scheitern der deutschen Propaganda in US-Amerika sei gewesen, daß die Deutschen die Logik mehr betont hätten als die Leidenschaft. Der deutsche Diplomat Graf von Bernsdorff machte eine ähnliche Beobachtung aus einem anderen Blickwinkel: »Das herausragende Charakteristikum des Durchschnittsus-amerikaners ist eher große, wenn auch oberflächliche Sentimentalität.« Wie die deutschen Presseerklärungen zeigen, fehlte den Deutschen für diese Tatsache jegliches Verständnis.“ (Ebd., S. 91).

„Eine weitere Propagandatechnik des CPI bestand in der Dämonisierung des Feindes. »Die psychologischen Widerstände gegen den Krieg sind in den modernen Ländern so groß«, schrieb Lasswell, »daß jeder Krieg als Verteidigungskrieg gegen einen bedrohlichen, mörderischen Aggressor dargestellt werden muß. Es darf keinen Zweifel darüber geben, wen die Öffentlichkeit hassen muß.« In CPI-Broschüren wurden die Deutschen als verkommene, brutale Aggressoren dargestellt. So fragte in einer CPI-Veröffentlichung Professor Vernon Kellogg: »Kann es da verwundern, daß nach dem Krieg die Menschen auf der Welt immer dann, wenn sie erkennen, daß der andere ein Deutscher ist, vor Schreck ausweichen, damit sie ihn nicht berühren, wenn er an ihnen vorübergeht, oder sich nach Steinen bücken, um ihn zu vertreiben?«“ (Ebd., S. 91).

„Eine besonders wirksame Strategie zur Dämonisierung der Deutschen war das Verbreiten von Berichten über Gewalttaten. »Eine einfache Regel, wie man Haß weckt«, sagte Lasswell, »lautet: Wenn sie sich nicht gleich erregen lassen, dann präsentiere ihnen eine Gräueltat. Diese Regel ist bei allen bekannten Konflikten unter Menschen immer erfolgreich angewandt worden.« Unglaubliche Geschichten über barbarisches Vorgehen der Deutschen in Belgien und Frankreich leisteten dem Mythos von der Brutalität der Deutschen Vorschub. Laut CPI-Propaganda amüsierten sich die deutschen Soldaten damit, belgischen Säuglingen die Hände abzuschneiden. Eine weitere oft wiederholte Schreckensmeldung beschrieb, wie deutsche Soldaten belgischen Frauen aus schierer Bosheit die Brüste abschnitten.“ (Ebd., S. 91).

„1927 verfaßte Lasswell eine umfangreiche Studie mit dem Titel Propaganda Technique in the World War (Propagandatechnik im Weltkrieg), in der er die Arbeit von Creel, Lippmann und Bernays eingehend analysierte. Er teilte ihre Überzeugung, daß man nicht darauf vertrauen könne, daß die Bevölkerung in einer Demokratie sich so verhielte, wie die Elite es wünschte, und daher mit emotionalen Appellen entsprechend manipuliert werden müsse.“ (Ebd., S. 92).

„Nach dem Krieg gestand Edward Bernays ein, daß seine Kollegen angebliche Gräueltaten benutzt hatten, um einen öffentlichen Aufschrei gegen Deutschland zu erzeugen. Einige dieser Gräuelgeschichten, die im Krieg umliefen - wie beispielsweise die über eine Badewanne voller Augäpfel oder die Geschichte eines siebenjährigen Jungen, der deutschen Soldaten mit einem Holzgewehr entgegentrat -, waren wiederauf gewärmte Geschichten aus früheren Konflikten. In seiner Arbeit über die Propaganda in Kriegszeiten behauptete Lasswell, Gräuelgeschichten seien immer beliebt, weil die Zuhörer ihre selbstgerechte Entrüstung über den Feind fühlen und sich bis zu einem gewissen Grade mit den Verbrechern identifizieren könnten. So schrieb er: »Eine junge Frau, die vom Feind mißbraucht worden ist, gibt einer ganzen Reihe von Vergewaltigern auf der anderen Seite der Grenze eine geheime Befriedigung.«“ (Ebd., S. 90).

„Um die Propagandawirkung zu verstärken, unternahm das regierungsgesteuerte CPI große Anstrengungen, allgemein verwendete germnische Ausdrücke auszutauschen - so sollten beispielsweise aus »Hamburgern« nun »Freiheitssteaks« werden. Man fühlt sich sofort daran erinnert, daß Jahrzehnte später die Bush-Regierung versuchte, Frankreich wegen der Ablehnung des Irak-Krieges dadurch zu ächten, daß man fortan nicht mehr von »French fries« (Pommes frites), sondern von »Freedom fries« sprach. Aus Sauerkraut wurde damals auf dem us-amerikanischen Speiseplan »Freiheitskohl«, und bekannte deutsche Milchschokolade wurde in dänische Milchschokolade umgetauft. In weiten Teilen der USA lebten friedfertige und patriotische Deutsch-Amerikaner in Angst vor Angriffen durch Horden oder organisierte Banden, allein wegen ihrer ethnischen Herkunft.“ (Ebd., S. 92).

„Die Erfahrungen Lippmanns, Bernays’ , Lasswells und anderer Autoren mit den ungewöhnlichen Techniken der Meinungsmanipulation der Massen während des Krieges wurden zum Ausgangspunkt einer Veränderung des Landes: Dem äußeren, trügerischen Erscheinungsbild nach war US-Amerika zwar eine Demokratie, im Inneren wurde das Land jedoch von einer Plutokratie regiert, die ihre eigenen Interessen verfolgte.“ (Ebd., S. 92).

„In einem bemerkenswert offenherzigen Buch mit dem einfachen Titel Propaganda schrieb Bernays im Jahr 1928: »Es war natürlich der erstaunliche Erfolg der Propaganda während des Krieges, der den intelligenten wenigen ... die Augen dafür öffnete, wie sich das öffentliche Denken manipulieren ließ.« in bezug auf seine eigenen Bemühungen mit dem CPI fuhr Bemays fort: »Die us-amerikanische Regierung entwickelte eine Technik, die ... neu war; ... die Manipulatoren des patriotischen Denkens nutzten geistige Klischees und die emotionalen Gewohnheiten der Öffentlichkeit, um eine Reaktion der Massen gegen angebliche Gräueltaten, den Terror und die Tyrannei des Feindes zu produzieren. Es war nach Kriegsende nur natürlich, daß sich intelligente Menschen fragten, ob es nicht möglich sei, eine ähnliche Technik auch auf die Probleme des Friedens anzuwenden.“ (Ebd., S. 93).

„Es sollte sich zeigen, daß das nur allzu möglich war.“ (Ebd., S. 93).

„In der Folgezeit schuf Bernays einen neuen Berufszweig, den er Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit) nannte. In einem Buch, das er nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte, bezeichnete Bernays seine eigene Tätigkeit als »die Handhabung des Konsensus«. Die Methoden der Werbebranche in der New Yorker Madison Avenue und ihre ausgeklügelten Techniken, einen unbewußten, triebhaften Wunsch zu erwecken, bestimmte Produkte wie Zigaretten, teure Damenschuhe oder was immer der Kunde - politische Kunden eingeschlossen - wünscht, zu kaufen, all dies war Bemays’ Werk. Er erwarb sich den Titel »The Father of Spin« (Vater der Neuinterpretation), eine Referenz an die Technik, die Wirklichkeit in gewünschter Manier zu manipulieren - sei es, um eine bestimmte Politik oder um eine bestimmte Seife zu verkaufen.“ (Ebd., S. 93).

„Während die bemerkenswerte Propagandamaschine des Committee on Public Information (CPI) der Wilson-Regierung in der us-amerikanischen Bevölkerung eine Kriegsstimmung erzeugte, konnten J. P. Morgan und die mit ihm verbündeten Wall-Street-Interessen, die hinter der privaten Finanzierung und Ausrüstung für England, Frankreich und Italien standen, ihr lukratives Geschäft in erheblich größerem Umfang weiterführen. Allerdings waren jetzt ihre Geschäfte durch den full faith and credit der Regierung der Vereinigten Staaten garantiert und durch die praktisch unbegrenzte Fähigkeit der neugeschaffenen Federal Reserve und deren Mitgliedsbanken abgesichert. Sie alle bürgten für das außerordentlich hohe Risiko, das Morgan und die privaten Finanzinteressen des Money Trusts eingingen.“ (Ebd., S. 93).

 

Die unglaublichen Kosten des Krieges

„Ein entsetzlicher, vier lange Jahre dauernder Krieg führte zu unermeßlich hohen Verlusten an Menschen und zu ungeheuren Zerstörungen. Die offiziellen Statistiken der Regierung beziffern die Opferzahlen, die dieser »Krieg, der alle Kriege beenden sollte« direkt oder indirekt forderte, auf 16 bis 20 Millionen Menschen - sieben Millionen davon waren Soldaten und über zehn Millionen Zivilisten. Der Oberbefehlshaber der US-Expeditionsstreitkräfte, den Wilson nach Europa entsandt hatte, um die us-amerikanischen Truppen zu kommandieren, General John J. Pershing, wurde in New York mit einer Konfettiparade geehrt. Das Bild glich dem Empfang eines römischen Kaisers, der mit reicher Kriegsbeute versehen siegreich aus einem Feldzug in einem fremden Land zurückkehrte. Nur erhielten in diesem Fall nicht die Generäle die reiche Kriegsbeute, sondern das Haus Morgan sowie die Investmenthäuser und -banken der Wall Street. Sie kontrollierten das Geschäft mit dem Kauf und Verkauf der Liberty Bonds der Federal Reserve und anderer Regierungsanleihen, mit denen die Beteiligung am Ersten Weltkrieg finanziert wurde.“ (Ebd., S. 94).

„Die Kosten des Krieges erreichten, für alle Länder zusammengenommen, die schwindelerregende Höhe von 186 Milliarden Dollar, also 186 000 000 000 Dollar. Davon hatte Deutschland ungefähr 39 Milliarden Dollar aufgebracht, die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten dagegen 123 Milliarden Dollar. Allein die Kosten für die us-amerikanische Kriegsbeteiligung ab April 1917 beliefen sich auf die enorme Summe von 22 Milliarden Dollar - für nur gut zwei Jahre aktiver Kriegshandlungen.“ (Ebd., S. 94).

„Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages am 28. Juni 1919 hatten Großbritannien und das Britische Empire inklusive Indien, Kanada und der Länder des Commonwealth insgesamt elf Milliarden Pfund Sterling, das waren damals 54 Milliarden US-Dollar, für den Krieg gegen Deutschland und die verbündeten Mittelmächte aufgewendet. Um die historische Größenordnung dieser Zahl ermessen zu können, muß man sich vor Augen halten, daß in den sechs Haushaltsjahren zwischen dem 31. März 1914 und dem 31. März 1920 die Ausgaben der englischen Regierung zusammengerechnet höher waren als die Gesamtausgaben in den 225 Jahren vor 1914.“ (Ebd., S. 94).

„Über 36 Prozent davon bezahlten die britischen Steuerzahler. Die restlichen 64 Prozent wurden geliehen, hauptsächlich von der Regierung der Vereinigten Staaten, und zwar über die Institution Federal Reserve. Großbritannien hatte sich insgesamt 7,4 Milliarden Pfund Sterling geborgt, wobei 4,86 Dollar für das Pfund berechnet wurde. 1914, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, betrug die britische Staatsverschuldung lediglich 711 Millionen Pfund Sterling, nicht einmal fünf Prozent des gesamten Reichtums des Landes. Am Ende des Krieges war die Verschuldung auf 8,2 Milliarden Pfund gestiegen - ein Anstieg der öffentlichen Verschuldung um mehr als das Elffache in sechs Jahren.“ (Ebd., S. 94-95).

„Das war das Ende des Britischen Empires als Bankenmetropole der Welt, wie es Thomas Lamont 1915 prognostiziert hatte. England erstickte an seinen Kriegsschulden. Die öffentliche Verschuldung in den USA stieg im Verlauf dieses Krieges um etwa 2500 Prozent, von einer Milliarde Dollar 1913 auf über 25 Milliarden Dollar Ende 1919. Finanziert wurde diese Verschuldung durch den Verkauf von öffentlichen Anleihen über die Federal Reserve und die Privatbanken, die mit Anleihen handelten, an erster Stelle also von J. P. Morgan, Kuhn & Loeb und anderen Wall-Street-Banken. Für diese Banken war das ein enorm einträgliches Geschäft.“ (Ebd., S. 95).

„Allerdings bestand das Problem für J. P. Morgan, Rockefeller und das ganze Establishment der Wall Street nun aber dann, daß das übrige Land noch nicht bereit war, sich den Mantel eines Weltreichs umzuhängen, der bisher von Großbritannien getragen worden war. Dafür brauchte man noch etwas mehr Einsatz, sehr viel mehr Yankee-Erfindungsgabe und einen weiteren Weltkrieg.“ (Ebd., S. 95).

„Für J. P. Morgan & Co. und ihre Freunde im Money Trust an der Wall Street war es von höchster Bedeutung, daß sich der Status der Vereinigten Staaten durch den Ersten Weltkrieg änderte, wie der Morgan-Vertreter Thomas Lamont dies 1915 bei seiner Rede vor der US-Amerikanischen Akademie für Politik und Gesellschaftswissenschaften in Philadelphia prognostiziert hatte. US-Amerika wurde von einer Schuldnernation zur größten Gläubigernation der Welt, eine Rolle, die England zuvor bekleidet hatte.“ (Ebd., S. 95).

„Während des Krieges verlagerte sich der Markt für Akzeptbanken von London nach New York. Der Bankier Paul Warburg, ehemals Vorstandsmitglied der Federal Reserve und Architekt des Federal-Reserve-Gesetzes, der jetzt wieder bei Kuhn & Loeb tätig war, stieg zum mächtigsten Akzeptbankier der Welt auf. Noch immer bildete der Goldstandard die Grundlage des Währungskurses, und die jetzt von den New Yorker Bankiers angeführte kleine Gruppe internationaler Bankiers, die das Gold besaß, kontrollierte jetzt das Währungssystem aller westlichen Länder. Großbritannien konnte erst 1925 zum Goldstandard zurückkehren und auch dann nur mit Hilfe einer Goldanleihe von Benjamin Strongs (**) New Yorker Federal Reserve an die Bank von England und eines zusätzlichen Privatkredits von 100 Millionen Dollar von J. P. Morgan & Co. Doch diese Rückkehr zum Goldstandard sollte sich für die englische Wirtschaft als verhängnisvoll erweisen.“ (Ebd., S. 95-96).

„Im Dezember 1919 setzten die New Yorker Bankiers beim US-Kongreß eine Änderung des »Federal Reserve Acts« von 1913 durch, das sogenannte »Edge Amendment«. Aufgrund dieser kleinen Änderung konnten besondere Finanzinstitute gebildet werden, die sich ausdrücklich »in internationalen oder ausländischen Bankgeschäften oder anderen internationalen oder ausländischen Finanzoperationen engagieren (konnten), einschließlich dem Handel in Gold und Goldbarren und dem Besitz von Aktien ausländischer Unternehmen«. In einem Kommentar dieser Änderung betonte Prof. E. W. Kemmerer, Wirtschaftswissenschaftler an der Princeton University: »Die Federal Reserve erweist sich als sehr einflußreich bei der Internationalisierung des us-amerikanischen Handels und der us-amerikanischen Finanzgeschäfte.«“ (Ebd., S. 96).

„Kemmerer, der bei dieser Internationalisierung des New Yorker Bankwesens in den 1920er Jahren eine wichtige Rolle gespielt hat, wußte, wovon er sprach. Genau deswegen hatten J. P. Morgan, Warburg, Rockefeller und die anderen Mitglieder des inneren Kreises des Money Trusts an der Wall Street so stark darauf gedrungen, eine Federal Reserve zu gründen, die sich im Privatbesitz befand. Wie diese Federal Reserve später, in den zehn Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs, die Weltpolitik definierte, das sollte sich als bemerkenswert erweisen.“ (Ebd., S. 96).

 

Der US-Kongreß entdeckt den Money-Trust

„Nach Morgans Tod im März 1913, also kurz vor dem Ersten Weltkrieg, wurde das Haus Morgan & Co. von Partnern geleitet, darunter Henry P. Davison, William Straight (der während der Versailler Friedens[diktat]konferenz verstarb), Thomas W. Lammot und später J. P. Morgan d.J..“ (Ebd., S. 100).

„Durch bestimmte finanzielle Verknüpfungen verband die Bank auch weiterhin das Schicksal der Wall-Street-Finanzinteressen und damit der von diesen beherrschten us-amerikanischen Wirtschafts- und Finanzwelt mit der Zukunft Englands nach dem Krieg. Die Politik des Hauses Morgan zielte darauf ab, ein us-amerikanisches Finanzimperium zu errichten, das am Ende die Rolle spielen sollte, die die Londoner City vor dem Krieg innegehabt hatte: die der führenden Finanzsupermacht der Welt. J. P. Morgan & Co., Rockefellers Finanzgruppe und die wichtigsten Investmentbanken an der Wall Street, wie Kuhn & Loeb und Dillon & Read, spielten bei dieser Entwicklung eine tragende Rolle.“ (Ebd., S. 100).

„Die Art der ausländischen Verstrickungen des Hauses Morgan nach dem Ersten Weltkrieg, die durch seine Kontrolle über die Federal Reserve erleichtert wurde, war für die Vereinigten Staaten und letztendlich auch für die Welt hoch problematisch. Der dominoartige Ausfall dieser von Morgan initiierten Kreditverbindungen nach Europa und darüber hinaus in der Zeit von 1929 bis 1931 machte aus einem handhabbaren Kollaps des us-amerikanischen Aktienmarkts die schlimmste Depression in der Geschichte US-Amerikas, die ihrerseits eine weltweite Depression auslöste. In einer Weise, die bemerkenswerte Analogien zur Natur der jetzigen globalen Finanzkrise von 2007/2008 aufweist, stützten sich die Kredite ab 1919 weltweit auf eine Pyramide immer fragwürdigerer Schulden, auf deren Spitze das Haus Morgan und die Finanzhäuser der Wall Street thronten. Die meisten Staaten Europas und eine Reihe weniger entwickelter Länder von Bolivien bis Polen waren ebenfalls Teil dieser Kreditpyramide der Wall Street.“ (Ebd., S. 100).

„Wenig verstanden - und entsprechend wenig diskutiert - wurde damals und in den Jahrzehnten nach der Großen Depression und der Krise in Europa von 1931 der zentrale Grund für den Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Der wirkliche Ursprung der Großen Depression von 1931 bis 1938 lag nicht in einem überbewerteten New Yorker Aktienmarkt und dem darauffolgenden Kollaps. Der wahre Grund für die weltweite Depression und Bankenkrise am Beginn der 1930er Jahre und damit die Triebkraft hinter der ursprünglichen Aktienblase war vielmehr, daß das Haus Morgan und das Wall-Street-Establishment, die ja während der Regierungszeit der Republikaner in den 1920er Jahren die US-Außenpolitik bestimmt hatten, von einer falschen Vorstellung ausgingen. Diese Kreise waren besessen von der Idee, die Macht zu ergreifen und die Rolle zu übernehmen, die London vor dem Weltkrieg gespielt hatte, nämlich die des Zentrums des Weltfinanzsystems. Diese zentrale Stellung sollte nun New York einnehmen -und Gold sollte bei dieser Machtübernahme die entscheidende Rolle spielen.“ (Ebd., S. 100-101).

„Im New Yorker Money Trust gab es zwar unterschiedliche Ansichten darüber, wie man diesen Währungsputsch am besten zum Erfolg führen konnte, doch über die Tatsache, daß New York zum Finanzzentrum der Welt werden und London in dieser Rolle ablösen sollte, bestand Einigkeit.“ (Ebd., S. 101).

„Die Morgan-Fraktion, die seit den 1870er Jahren in den Vereinigten Staaten durch ihre engen Verbindungen-zu führenden Finanzgruppen in London, allen voran den Rothschilds, derart mächtig geworden war, hielt die Strategie einer gemeinsamen Allianz in Form einer »Sonderbeziehung« (special relationship) zwischen einer geschwächten Londoner City und der aufstrebenden Macht der Wall Street für den besten Weg, endgültig ein »US-Amerikanisches Jahrhundert« etablieren zu können. J. P. Morgans Verbindungen mit der Londoner City und dem britischen Finanzministerium waren so stark, daß die New Yorker Bank bis zum September 1931, als England gegen den Willen von J. P. Morgan & Co. den Goldstandard aufgab, als offizieller Finanzvertreter der britischen Regierung in den Vereinigten Staaten fungierte. Der einflußreiche Gouverneur der New Yorker Federal Reserve, Benjamin Strong (**), teilte Morgans Ansicht nachdrücklich.“ (Ebd., S. 101).

„Andere Finanzhäuser an der Wall Street, besonders Dillon Read & Co. und ihr einflußreicher Berater Edwin Kemmerer, der in den 1920erJahren die Schlüsselrolle bei der Reorganisation eines neuen, von den USA dominierten Goldstandards spielte, waren anderer Ansicht. Zwar wollten auch sie, daß ein aufsteigendes informelles US-Empire, dessen Macht auf der Rolle der us-amerikanischen Goldreserven und der Wallstreet-Banken beruhte, England schließlich als führende Weltmacht ersetzen sollte. Doch Kemmerer und andere Bankiers in seinem Kreis fanden es überhaupt nicht notwendig, so behutsam mit der Londoner City oder mit England im allgemeinen umzugehen wie das Haus Morgan, das mit Morgan Grenfell über eine einflußreiche Tochtergesellschaft verfügte und sowohl enge Verbindungen zur Bank von England als auch zu Fed-Gouverneur Strong (**) unterhielt.“ (Ebd., S. 101-102).

„Trotzdem waren sich alle großen Fraktionen an der Wall Street darin einig, daß ihre Zukunft im hoch profitablen Kreditgeschäft mit Buropa, Lateinamerika, Japan und der restlichen Welt lag. Alle diese Länder und Kontinente waren fast ein Jahrhundert lang praktisch eine Provinz der Londoner City gewesen. Diese Kredite und insbesondere die Kreditbürgschaften der Wall Street für Kredite, die an die ganze Welt vergeben wurden, bescherten den Bankiers in New York attraktive Auslandszinssätze von fünf bis acht Prozent. Die Anleihen oder Kredite wurden in der Regel von den Regierungen der einzelnen Länder abgesichert, die zuvor zugestimmt hatten, ihre Nachkriegswährungen durch eine Anlehnung an einen us-dominierten neuen Goldstandard zu »stabilisieren«. Dieses Stabilisierungssystem war eine primitive Ad-hoc-Version dessen, was die New Yorker Banken später mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank als Kern des Dollar-Systems nach dem Zweiten Weltkrieg institutionell verankern sollten.“ (Ebd., S. 102).

„Bereits im Februar 1922, in der Frühphase der Auslandskreditblasehatte Präsident Warren Harding auf Druck des damaligen Handelsministers Herbert Hoover eine Sonderkonferenz im Weißen Haus einberufen. Hoover war besorgt über den dramatischen Anstieg der Auslandskredite durch us-amerikanische Banken und die damit verbundenen Risiken. An dem Treffen nahmen teil: Präsident Harding, Finanzminister Andrew Mellon, Außenminister Charles Evans Hughes, Handelsminister Hoover und führende Vertreter der die Anleihen ausgebenden Wall-Street-Banken, wie J. P. Morgan, Dillon & Read, Kuhn & Loeb und andere Institute. Ziel war es, die möglichen Gefahren einer solch ausgedehnten Ausgabe von Auslandskrediten für die Gesundheit der us-amerikanischen Wirtschaft zu beurteilen, insbesondere in den Fällen, in denen die Risiken nicht bekannt waren. Die Teilnehmer des Treffens kamen zu dem Schluß, daß alle Vorschläge für neue Auslandskredite dem US-Außenministerium zur Beurteilung vorgelegt werden sollten. Das State Department seinerseits sollte diese Beurteilung dann dem Handels- und dem Finanzminister zur Begutachtung vorlegen. DemAußenministerium oblag die Beratung hinsichtlich der politischen Auswirkungen der geplanten neuen Kredite auf die Vereinigten Staaten.“ (Ebd., S. 102).

„Bereits nach knapp einem Monat waren die mächtigen New Yorker Bankiers zum Gegenangriff bereit. Sie überzeugten Benjamin Strong (**), den Gouverneur der New Yorker Federal Reserve, energisch beim Außenminister zu protestieren und zu fordern, die Regierung solle sich gefälligst aus dem lukrativen Auslandskreditgeschäft der Wall Street »heraushalten«. Der Money Trust setzte sich durch. Präsident Harding und Finanzminister Andrew Mellon, ein einflußreicher englandfreundlicher Bankier, der ähnlich wohlbetucht war wie Rockefeller, erzwang die Rücknahme des obigen Beschlusses; die Vereinbarung wurde praktisch wirkungslos. Das boomende Auslandskreditgeschäft wuchs sogar noch stärker an, bis zum Kollaps von 1929-1931.“ (Ebd., S. 102-103).

„Im wesentlichen glich diese in den 1920er Jahren von der Wall Street erreugte Auslandskreditblase in puncto Risiko und unvermeidlichem Fiasko der jüngsten Verbriefungsblase an der Wall Street (**), die sich seit 1999 entwickelt hatte und nach ihrem Platzen im Sommer 2007 zum größten Finanzdesaster der Geschichte führte.“ (Ebd., S. 103).

„In der ganzen Zeit, als in den 1920er Jahren die riesige Finanzblase entstand, hielten die Bankiers der Wall Street engen Kontakt mit dem US-Finanzminister Andrew Mellon. Dieser Mellon, der am längsten amtierende US-Finanzminister aller Zeiten, sah ungerührt zu, wie sich der gesamte Prozeß entwickelte: vom Beginn der Blase im Jahre 1921 über dieAmtszeit mehrerer Präsidenten hinweg. Erst 1932 wurde Mellon vom damaligen Präsidenten Hoover entlassen. Trotzdem blieb die Troika von US-Finanzministerium, Federal Reserve Bank von New York und Wall Street das Zentrum der us-amerikanischen Finanzmacht, bis hinein ins 21. Jahrhundert.“ (Ebd., S. 103).

„Die Höhe der Auslandsanleihen, die von der Wall Street in den zehn Jahren vor dem Börsenkrach 1929 herausgegeben wurden, betrug etwa sieben Milliarden Dollar, eine relativ gewaltige Summe, da sie damals etwa zehn Prozent des gesamten BIP entsprach. Natürlich wurden über 90 Prozent der Kredite, die nach Europa vergeben wurden, von den kriegsgeschädigten europäischen Regierungen zum Kauf us-amerikanischer Waren aufgewendet, ein Segen für die groBen an der New Yorker Börse notierten us-amerikanischen Unternehmen. Aber schon bald vertiefte sich genau dadurch die Depression der US-Industrie noch erheblich, denn nach 1929 brachen diese US- Verkäufe ein.“ (Ebd., S. 103).

 

Strongs New York Fed übernimmt das Kommando

B. Strong
„Der mit Morgan verbundene Bankier
Benjamin Strong (1872-1928) war
bis zu seinem Tod im Jahr 1928 der
mächtige Präsident der New Yorker
Federal Reserve (er war auch ihr
1. Präsident; [HB]
). Seine Politik
des »leichtenGeldes« heizte die
Blase auf dem US-Aktienmarkt von
1929 an, die eine Nebenwirkung
von Morgans Plan war, einen
Golddevisenstandard mit Zentrum
in New York einzuführen.“

„Unter der Leitung des mächtigen ersten Präsidenten der Federal Reserve Bank von New York, des Morgan-Mannes Benjamin Strong, wurden von 1914 an die Währungspolitik der USA und die Kapitalflüsse in den kritischen Jahren von 1929 bis 1931 de facto im Interesse der Wall Street gesteuert. Wall Street, das war vor allem J. P. Morgan, der London die Führung der Weltfinanzen abnehmen wollte. Entscheidend war bei diesem Prozeß, daß unter Strongs Einfluß die Bankreserven der restlichen elf regionalen us-amerikanischen Federal-Reserve-Banken nach New York geschleust wurden. Strong war vorher Vizepräsident des von Morgan kontrollierten Banker's Trust in New York gewesen und hatte als J. P. Morgans persönlicher Gesandter 1910 an dem Geheimtreffen der Top-Bankiers auf Jekyll Island teilgenommen. Dort war der Plan entwickelt worden, der 1913 zum »Federal Reserve Act« und damit zu einer privaten US-Zentralbank führte. Strong als Morgan-Mann zu bezeichnen, war deshalb keine Übertreibung.“ (Ebd., S. 103-104).

„Die New Yorker Banken schleusten den Reichtum, der in der Zeit zwischen 1920 und 1929 in der us-amerikanischen Industrie und Landwirtschaft geschaffen worden war, über die Wall Street auf den Auslandskreditmarkt. Unter dem Einfluß, den Strong, der Chef der Federal Reserve Bank von New York, inzwischen gewonnen hatte, konzentrierte sich nun die bei weitem mächtigste der zwölf Mitgliederbanken der Federal Reserve, nämlich die von New York, vorwiegend auf das Auslandskreditgeschäft. Gleichzeitig setzte sie sich dafür ein, erneut einen internationalen Goldstandard unter Führung der Vereinigten Staaten einzurichten. Die übrigen elf regionalen Federal-Reserve-Banken sollten sich um die wirtschaftlichen Probleme vor Ort oder in ihrer Region kümmern. Gelder, die in den 1920er Jahren nicht den Weg ins Ausland fanden -vor allem nach Deutschland oder auf andere gewinnträchtige Märkte -, flossen an die New Yorker Börse, und dies nach 1925 in zunehmendem Maße.“ (Ebd., S. 104-105).

„Eine Folge des verheerenden Krieges von 1914 bis 1918 in Europa war die nie da gewesene Anhäufung von Goldreserven der europäischen Zentralbanken in den Tresoren der Federal Reserve, da die schuldengeplagten kriegsführenden Länder Europas, von England über Frankreich bis Italien, die von US-Amerika gelieferten Rüstungsgüter mit ihrem Gold bezahlen mußten (und diese Schulden Deutschland aubürdeten! [HB]).“ (Ebd., S. 105).

„Das führte dazu, daß nach Ende der Verhandlungen (Verhandlungen ? Mit wem denn? Das Verhandeln war ja verboten! [HB]) in Versailles die USA den Löwenanteil am Währungsgold der ganzen Welt besaßen: Ihre Goldreserven vermehrten sich gegenüber denen der Vorkriegszeit um 400 Prozent. Gold war bis zum Kriegsausbruch 1914 die Grundlage des internationalen Währungssystems gewesen, dessen Zentrum seit der Zeit der Napoleonischen Kriege die Londoner City war.“ (Ebd., S. 105).

„1920 besaß die Federal Reserve der Vereinigten Staaten gut 40 Prozent der gesamten Goldreserven der Welt. Die Fed hatte diese Goldmenge angesammelt, weil sie den welthöchsten Preis für das Währungsgold bezahlen konnte, und das in einer Zeit, als Engand und Kontinentaleuropa an US-Amerika hohe Kriegsreparationen (zahlte nur Deutschland [einschließlich Österreivh! Anm [HB]) entrichten und die Kriegsschulden begleichen mußten.“ (Ebd., S. 105).

„Von New York aus richtete Benjamin Strong die Politik der Federal Reserve vornehmlich darauf aus, den internationalen Goldstandard aus der Zeit vor 1914 wiedereinzuführen, allerdings als Kernstück seiner - von der Wall Street geteilten - Vorstellungen über einen Wiederaufbau in Europa, der mit Bankkrediten und Anleihen von New Yorker Banken finanziert werden sollte - mit ansehnlichen Gewinnen, versteht sich. Man war der Meinung, ein solcher von New York dominierter Goldstandard wäre nur dann ein zuverlässiges Maß für die Wirtschaft, die Finanzen und den Handel der Welt, wenn England daran beteiligt war.“ (Ebd., S. 105).

Montagu Norman
„Montagu Norman (1871-1950), der
Gouverneur der Bank von England,
galt von 1920 bis zu seinem Tod als
mächtigster Zentralbankchef der Welt.“

„Für die Größen des Money Trusts in New York, und selbst für Benjamin Strong persönlich, spielten England und die Bank von England in ihrem geplanten System mit Sitz in New York eindeutig nur die Rolle eines untergeordneten »Juniorpartners«. Doch dies wollten die Londoner City und das britische Establishment keinesfalls hinnehmen. Die Forderung des US-Finanzministeriums bei den Versailler Friedens(diktat)gesprächen 1919, daß die Alliierten, allen voran England, ihre gesamten Kriegskredit-Schulden in Milliardenhöhe zurückzahlen müßten, bedeutete im Klartext, daß sich die us-amerikanische Finanzelite nicht mehr damit zufriedengab, eine untergeordnete Rolle zu spielen. In Wahrheit war die gesamte Geschichte der britischen Geopolitik in Europa und der übrigen Welt in der Zeit bis zum Ausbruch des neuen Krieges im Jahre 1939 ein versteckter und verzweifelter Versuch Großbritanniens, diesen Rang als Untergebener abzustreifen und seine imperiale Hegemonie in der Welt aufrechtzuerhalten.“ (Ebd., S. 105-106).

„Die wirtschaftliche und politische Macht des Britischen Empires war durch den Krieg und die dadurch notwendig gewordenene hohe öffentliche Verschuldung stark geschwächt worden, aber noch immer war das Empire ein wesentlicher Teil des Weltfinanzsystems, ohne das ein neuer Goldstandard - auch einer, der von New York dominiert wurde - nicht denkbar war.“ (Ebd., S. 106).

„Persönlich war Strong ein Freund der Engländer. In den 1920erJahren verbrachte er seine alljährlichen Sommerferien zusammen mit dem damaligen Chef der Bank von England, Montagu Norman, entweder in Großbritannien oder in Südfrankreich, und zwar bis zu seinem Tod im Jahr 1928. Er teilte die Sicht Montagu Normans, wonach »die Welt von einem weltweiten System der Finanzkontrolle in privater Hand geführt werden sollte, das in der Lage ist, das politische System in jedem einzelnen Land und die Weltwirtschaft als Ganze zu dominieren«, wie der us-amerikanische Historiker Carroll Quigley, ein ausgewiesener Insider des US-Establishments, in seinem Monumentalwerk Tragedy and Hope (Tragödie und Hoffnung) schreibt (S. 324).“ (Ebd., S. 106).

„In den 1960er Jahren war Quigley, der vorher als Professor an den Universitäten Princeton und Harvard geforscht und gelehrt hatte, an der Washingtoner Elite-Universität Georgetown Lehrer des späteren Präsidenten Bill Clinton gewesen. Dem Vernehmen nach erhielt Quigley in den 1950er Jahren für Recherchen zu seinem erwähnten Buch Einsicht in vertrauliche Papiere und Archive des New Yorker Council on Foreign Relations (**), allerdings nur unter der Bedingung, daß er die zentrale Rolle der Rockefeller-Fraktion in seinem Buch nicht erwähnen würde. Er hielt sich auch daran und konzentrierte seine Darlegung statt dessen auf die Rolle der damals geschwächten Morgan-Fraktion, die nach der Großen Depression ihre frühere Macht nicht mehr wiedergewinnen konnte. (**).“ (Ebd., S. 106-107).


„Nach Infonnationen aus erster Hand, die der Autor von einem Studenten Quigleys an der Georgetown-Universität erhalten hat, fürchtete Quigley in seinen letzten Jahren um sein Leben, da er Angst hatte, er könne in seinem Buch zu viel von der inneren Motivation und dem Vorgehen des Macht-Establishments preisgegeben haben, und das, obwohl erstaunlicherweise die zentrale Rolle Rockefellers auf den 1300 Seiten des Buches so gut wie nie zur Sprache kommt.“ (Ebd., Anmerkung 10).

„Quigley beschreibt das Konzept der 1914 von Morgan, Strong und Montagu Norman angestrebten Rückkehr zum Goldstandard wie folgt: »Dieses System sollte in feudalistischer Manier von den gemeinsam agierenden Zentralbanken der Welt kontrolliert werden, und zwar mit Hilfe von geheimen Absprachen, die bei häufigen privaten Treffen und Konferenzen getroffen wurden. .... In jedem einzelnen Land beruhte die Macht der Zentralbank zum großen Teil auf ihrer Kontrolle der Kreditvergabe und der Geldmenge. In der gesamten Welt aber beruhte die Macht der Zentralbankiers überwiegend auf ihrer Kontrolle von Anleihen und dem Fluß des Goldes.« (Ebd., a.a.O., S. 324).“ (Ebd., S. 107).

„Im Zentrum dieses Systems stand in den 1920er- ahren die New Yorker Federal Reserve unter Benjamin Strong.“ (Ebd., S. 107).

„Der politisch glücklose Herbert Hoover griff Strong in seinen späteren Memoiren mit bitteren Worten an und machte ihn zum großen Teil für den Schaden verantwortlich, der durch die Große Depression entstanden war. 1941 schrieb Hoover unter Bezug auf Strongs Leitung der Politik der Federal Reserve verbittert: »Es gibt Verbrechen, die weit schlimmer sind als Mord und für die Menschen verurteilt und bestraft werden sollten.« Hoover nannte Strong »ein geistiges Anhängsel Europas«, was ein versteckter Hinweis auf Montagu Norman war. Hoover war ursprünglich in den 1920er Jahren eng mit Strong befreundet gewesen, hatte aber später wegen dessen Unterstützung für die uneingeschränkte Kreditvergabe der Banken an Europa mit ihm gebrochen.“ (Ebd., S. 107).

„Hoovers Angriffe auf Strong waren zwar richtig, seine Gründe dafür aber nicht. Denn entweder ließ er das geopolitische Projekt, das Strong und die Wall Street vorhatten, nämlich New York zum Zentrum der weltweiten Kapitalströme zu machen, außer Acht, oder er verstand das Ausmaß dieses Planes nicht.“ (Ebd., S. 107).

„Hoover warf Strong weiterhin vor, er habe durch die Zinspolitik seiner New Yorker Federal Reserve nach 1925 die Rückkehr zum britischen Goldstandard erleichtert und dadurch künstlich die Zinsraten in den ganzen USA nach unten gedrückt, als 1927 das Spekulationsfieber außer Kontrolle geriet; das aber habe das Feuer noch weiter entfacht und später zu dem spektakulären Börsenkrach von 1929 geführt.“ (Ebd., S. 107).

„Im Jahre 1925 war der Chef der Bank von England, Montagu Norman, zusammen mit Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und Charles Rist von der Banque de France nach New York gekommen, um Strong zu bewegen, den Diskontsatz der Federal Reserve zu senken. Dadurch sollte England die Rückkehr zum Goldstandard erleichtert haben und ein wirtschaftlicher Aufschwung in Kontinentaleuropa angestoßen werden, der nötig war, um die nach dem Dawes-Plan von Deutschland geforderten Kriegsreparationszahlungen an Frankreich, England und Italien leisten zu können. Gleichzeitig brauchten Frankreich, England und Italien Dollar-Kredite, um in der Lage zu sein, die us-amerikanischen Kriegsanleihen zurückzahlen zu können (in Wirklichkeit haben sie die Deutschland nachträglich, also noch zusätzlich aufgebürdet! [HB]).“ (Ebd., S. 108).

„Schutzzölle, die in den 1920er Jahren zunächst durch den »Fordney-McCumber Act« von 1922 erlassen worden waren, sowie der berüchtigte »Smoot-Hawley Tariff Act« von 1930 hatten die Importbarrieren ungeheuer erschwert, so daß es schwierig. wenn nicht gar unmöglich für die europäischen Länder geworden war, die Kriegsschulden oder Reparationen zu bezahlen - es sei denn, sie nahmen Kredite von den USA auf. Denn für die europäischen Regierungen bestand keine Aussicht, diese Kosten auf traditionelle Weise durch Aufbau von Dollar-Überschüssen gegenüber den USA aufzubringen. Der »Smoot-Hawley Tariff Act« von 1930 hat nicht, wie von der heute vorherrschenden Freimarktmythologie verbreitet, zu der Großen Depression der 1930er Jahre geführt. Dieses Gesetz war lediglich ein kleiner verschlimmernder Faktor in einem System, das nach 1919 auf einem verrotteten Fundament aufgebaut worden war. Das gesamte Finanzgebäude, das die USA nach dem Ersten Weltkrieg errichtet hatten, war auf Sand gebaut. Doch solange das Geld floß, war es leicht, diese einfache Wahrheit zu ignorieren.“ (Ebd., S. 108).

„Während des Ersten Weltkriegs war Strong als Chef der New Yorker Federal Reserve mehrmals zu Gesprächen mit Vertretern der Bank von England und den Banken der City nach London gereist. Aufgrund seiner einflußreichen Position als Chef der New Yorker Federal Reserve konnte Strong im Vorstand der Fed einen verhängnisvollen Präzedenzfall durchsetzen, und zwar über starke Einwände von einigen Vorstandsmitgliedern, darunter Paul Warburg und Adolph C. Miller, hinweg. Benjamin Strong, ein Morgan-Mann, wurde schon 1915 - trotz der Neutralität der US-Amerikaner - mit der Aufgabe betraut, die Munitionsverkäufe der Alliierten zu finanzieren. Wie bereits erwähnt, war J. P. Morgan der Bankier für die englische und später auch die französische Regierung, und weil Strong und die New Yorker Fed die Rolle übernommen hatten, deren Wechsel zu diskontieren, konnten sie den Krieg so lange fortführen, bis die US-Amerikaner schließlich im Jahr 1917 in den Krieg eintraten.“ (Ebd., S. 108-109).

„Die Rolle, die Strong dabei mit Unterstützung Morgans übernahm, war der Präzedenzfall dafür, daß die New Yorker Federal Reserve von da an bei allen internationalen Geschäften des gesamten Fed-Systems und dessen Mitgliederbanken die Führung übernahm. Bis zur Verabschiedung des »Banking Acts« von 1935 kontrollierte die New Yorker Fed direkt und allein die internationale Währungs- und Bankenpolitik der USA. Morgans Rechnung und der auf Jekyll Island geschmiedete Plan, die Federal Reserve als ihr Werkzeug zu nutzen, war in den 1920erJahren aufgegangen. Der Präsident der New Yorker Federal Reserve besaß in dieser Hinsicht alleinige Entscheidungsbefugnis. Nur die Krise der 1930er Jahre machte eine - wenn auch nur kosmetische - Änderung dieser Machtbefugnis notwendig.“ (Ebd., S. 109).

 

Die Goldstrategie der Bank von England

„Daß England in den 1920er Jahren zum Goldstandard zurückkehrte, war ein entscheidender Faktor in der Strategie, nach dem Krieg die City von London wieder zum Weltfinanzzentrum zu machen. Gleichzeitig war das der Kern der gesamten internationalen Kreditpyramide, die von 1925 bis zum völligen Einbruch 1929-1931 entstand. Mehr noch als die deutschen Reparationszahlungen oder die Kriegsschulden der Alliierten (die sie Deutschland nachträglich, also zuzsätzlich aufbürdeten! [HB]) waren der grundsätzlich falsch angesetzte Golddevisenstandard und die wackelige Position der Bank von England die entscheidenden Faktoren, die die schlimmste weltweite Wirtschaftsdeflation in der Geschichte auslösten.“ (Ebd., S. 109).

„England hatte etwa 20 Jahre zuvor den schrecklichen Burenkrieg geführt, um der Bank von England die Kontrolle über die größten damals bekannten Goldminen in Witwatersrand zu sichern. Jetzt, nach dem langen Krieg in Europa, war dieses gewonnene Gold zerronnen und mit ihm die Kontrolle der Londoner City über den weltweiten Kredit, den Kern des britischen geopolitischen Einflusses.“ (Ebd., S. 109).

„Zu Beginn der harten Auseinandersetzungen über die Kriegsschulden der Alliierten, die deutschen Reparationszahlungen und andere Fragen 1919 in Versailles war die englische Regierung gezwungen, das Pfund Sterling formell vom Goldstandard abzukoppeln und die vor dem Krieg gültige Parität von 4,86 US-Dollar zum Pfund aufzugeben. Der Grund: Washington bestand auf der Rückzahlung der Kredite in Milliardenhöhe, die England bei us-amerikanischen Banken aufgenommen hatte, vor allem bei dem Haus Morgan und später beim US-Finanzministerium.“ (Ebd., S. 109-110).

„Das britische Establishment hatte naiverweise erwartet, seine us-amerikanischen »Vettern« würden die Rückzahlung der Schulden vergessen (Schulden vergessen!?!), wenn der Krieg erst einmal von der alliierten englisch-us-amerikanisch-französisch-italienisch-russischen Front gewonnen wäre. Aber diese Illusionen waren schon bald dahin, als sich die us-amerikanische Regierung unter dem Druck Morgans und der Wall Street weigerte, diesem Wunsch nachzugeben. Da der größte Teil des britischen Handels mit US-Amerika, der außerhalb der Strukturen des Empires abgewickelt wurde, chronisch defizitär war, konnte England noch nicht einmal mehr die Illusion aufrechterhalten, es könnte die vor dem Krieg bekleidete Position als Zentrum eines weltweiten Goldstandards bewahren.“ (Ebd., S. 110).

„England tat diesen Schritt nur äußerst zögerlich. 1919 war eindeutig klar, daß nicht mehr das Britische Empire die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt war, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika. Das Gold aufzugeben, und sei es auch nur vorübergehend, bedeutete de facto die Anerkennung dieser unangenehmen Wirklichkeit.“ (Ebd., S. 110).

„Die USA hatten durch den Ersten Weltkrieg eine überaus mächtige Position gewonnen, sie waren Gläubiger aller großen europäischen Mächte. Die Goldreserven US-Amerikas waren im Verlauf des Krieges auf das Vierfache gestiegen und nunmehr die größten Währungsgoldreserven der Welt. Dieser Prozeß setzte sich noch bis zum großen Börsenkrach im Jahre 1929 fort. England hatte dagegen enorm hohe Auslandsschulden, vor allem gegenüber den Vereinigten Staaten. Das Pfund Sterling hatte deutlich an Wert verloren, und Englands Goldreserven waren auf ein gefährlich niedriges Niveau gesunken.“ (Ebd., S. 110).

„Nach dem Krieg fürchtete man bei der Bank von England und in den führenden Kreisen der Londoner City, daß New York die City als Weltfinanzzentrum ablösen werde. In dieser Lage galt die Rolle des Goldes als entscheidend. 1919 waren die Vereinigten Staaten wieder dazu übergegangen, den Dollar an das Gold zu koppeln, nachdem sie diese Bindung nach dem Kriegseintritt US-Amerikas 1917 für zwei Jahre ausgesetzt hatten. Anders als England hatten die USA keine Schwierigkeiten, zum Goldstandard zurückzukehren. Bei der Errichtung eines neuen Goldstandards spielte US-Amerika jetzt die entscheidende Rolle.“ (Ebd., S. 110).

 

„Der Kollaps von Benjamin Strongs (**) Großprojekt, New York zum Bankenzentrum für Europa und die ganze Welt zu machen, hatte die Strukturen des Weltfinanzsystems, den Welthandel und die Entwicklung der Weltwirtschaft gründlich erschüttert.“ (Ebd., S. 139).

„Es sollten sechs lange Jahre einer schweren Wirtschaftsdepression, des Umbaus und der Vorbereitung für einen neuen großen Krieg in Europa vergehen, um die Niederlage der Wall Street in dem Bemühen, das Britische Empire als Weltmacht Nummer eins abzulösen, wieder wettzumachen. Dazu mußte aber das Deutsche Reich als Rivale für die Vorherrschaft US-Amerikas ein für alle Mal ausgeschaltet werden. (**|**|**|**).“ (Ebd., S. 139-140).

„Diesen Prozeß würde man später als Zweiten Weltkrieg bezeichnen. In Wahrheit war dieser Krieg nur die Fortsetzung des ungelösten geopolitischen Problems des Ersten Weltkriegs; ein gewaltiger und tragischer Kampf zwischen zwei Mächten - nämlich Deutschland und den Vereinigten Staaten - um die Nachfolge des zerfallenden Britischen Empires als herrschende Weltmacht. Zumindest stellte sich die Sache so für die führenden Eliten im us-amerikanischen Establishment dar. Es kann bezweifelt werden, ob die deutsche Elite ernsthaft die Idee eines globalen Reichs verfolgte; ganz bestimmt nicht vor 1914 und allemAnschein nach noch nicht einmal in den 1930er Jahren. Hitler hatte dafür viel zu viel Respekt vor dem Britischen Empire. (**).“ (Ebd., S. 140).


„Vgl. Fritz Hesse, Das Spiel um Deutschland, 1953, S. 240-241. Hesse, der im Dritten Reich Berater von Außenminister Ribbentrop gewesen war, attackiert in seinen Memoiren scharf das Außenministerium des Deutschen Reichs und Hitler, weil diese die Geopolitik des Engländers Halford Mackinder nicht verstanden hätten. In Hesses Worten: »Für die Angelsachsen war es völlig gleichgültig, wer Deutschland regierte. Die einfache Tatsache, daß Deutschland wieder zur größten Kontinentalmacht geworden war, reichte den Angelsachsen und den Franzosen, um in den Krieg zu ziehen.« (S. 240).“ (Ebd., Anmerkung 10).

„Es konnte jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß der Money Trust in den Vereinigten Staaten solch eine Vorstellung von einem weltweiten Imperium hegte, einem informellen Finanzimperium, das durch die mächtigste Militärmacht der Welt abgesichert war. Zur Durchsetzung dieses Ziels brauchte der Money Trust einen neuen Weltkrieg. Auch hier sollte die Federal Reserve eine entscheidende Rolle spielen. Der erste Versuch der einflußreichen New Yorker Banken, unterstützt von ihrer privaten New Yorker Federal Reserve, war erwiesenermaßen ein katastrophaler Fehlschlag, der die USA in die schlimmste Finanzkrise, eine Kettenreaktion von Bankenbankrotten und eine Depression stürzte. Innerhalb von nicht einmal zehn Jahren machten sich die Wall Street und die hinter ihr stehenden mächtigen Familien erneut daran, zum zweiten und letzten Mal nach der Weltmacht zu greifen.“ (Ebd., S. 140).

 

Rockefeller triumphiert

„Die schicksalhafte Konsequenz des Niedergangs des Hauses Morgan im us-amerikanischen Establishment war der Aufstieg der Interessen der Rockefeller-Familie, die fortan die us-amerikanische Witschaftspolitik und die allgemeine Politik in den USA in einem Maße beherrschte, wie es das Land noch nie erlebt hatte. In den 1920er-Jahren, als die Morgans versuchten, ihre Dollar- Weltmacht aufzubauen, hatte die Rockefeller-Gruppe noch im zweiten Glied gestanden. Sie konzentrierte sich damals vielmehr auf den Ausbau der Macht von Standard Oil im Nahen Osten, in Lateinamerika, Europa und anderen Teilen der Welt sowie auf den Aufbau einer internationalen Chemie- und Rüstungsindustrie, des Vorläufers des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes in der Zeit des Kalten Krieges.“ (Ebd., S. 156-157).

„Ende der 1930er Jahre wurde die mächtige Rockefeller-Dynastie im wesentlichen von vier Söhnen John D. Rockefellers jun. geleitet: David, Nelson, John D. III und Laurance Rockefeller. Ein fünfter Sohn, Winthrop, spielte bei den politischen Aktivitäten der Familie eine eher untergeordnete Rolle. Die vier genannten Brüder kümmerten sich darum, daß die Macht ihrer Fraktion in den höchsten Kreisen des US-Establishments stetig zunahm. Im Zentrum stand dabei die Hausbank des Standard-Oil-Imperiums, die First National Bank in New York mit ihrem Direktor James Stillman. Im Aufsichtsrat dieser Bank saß unter anderen William Rockefeller, der Bruder von John D. Rockefeller. Daneben spielte auch die Chase Bank eine Rolle, die ebenfalls eine Hausbank von Standard Oil war. In der Zeit um 1933 war diese Chase - nach ihrer Fusion mit Rockefellers Equitable Trust - sogar die größte Bank der Welt geworden; und sie stand unter Rockefellers Kontrolle.“ (Ebd., S. 157).

„Den meisten Bankiers an der Wall Street war Roosevelts New Deal anfänglich ein Gräuel, da sie ihn als großen Schritt in Richtung auf einen Wirtschaftsbolschewismus in den USA ansahen. Die Rockefellers hingegen hatten begriffen, daß sie sich die Depression und die wachsende Rolle des Staates beim Aufbau ihres weltweiten Imperiums zunutze machen konnten. Sie hatten von der Politik des Roosevelt-Kabinetts nicht viel zu befürchten. Ihre Leute hatten das Sagen im berühmten »Brain Trust« des Präsidenten - ein Gremium von ursprünglich fünf Männern, die, ohne ein offizielles Amt zu bekleiden, den Präsidenten in politischen Fragen berieten.“ (Ebd., S. 157).

„Die Rockefellers hatten einen führenden Mann an der Seite von Präsident Roosevelt, nämlich seinen Vertrauten (und ehemaligen Rockefeller-Angestellten) Harry Hopkins, über den sie sicherstellen konnten, dasß Roosevelts Vorgehen den Interessen der Rockefellers nutzte. Hopkins war mehr als zehn Jahre lang von der Rockefeller-Stiftung finanziell unterstützt worden, als er Chef der von Rockefeller geförderten »Sozialdienste« (Anführungsstriche von mir [HB]) Organized Social Services war.“ (Ebd., S. 157-158).

„Gleichzeitig unterhielten die Rockefellers aber auch enge Verbindungen zu einem weiteren einflußreichen Mitglied von Roosevelts »Brain Trust«, zu Professor A. A. Berle jun. vin der Columnia-Universität. Dieser Professor sollte nach dem 2. Weltkrieg für die Rockefeller-Interessen als Berater in Lateiamerikafragen tätig werden und als Co-Autor die Autobiographie von Nelson Rockefeller mitverfassen. Berle stand seit Beginn der 1920er Jahre mit den Rockefellers auf gutem Fuß; damals war er ein prominenter Rechtsanwalt in New York.“ (Ebd., S. 158).

„Anstatt Schritte zu unternehmen, die es möglich gemacht hätten, die Depression schon bald zu überwinden, brachte Roosevelt aufgrund der Ratschläge dieser Männer das Land auf einen Kurs in Richtung einer staatlichen Kontrolle, die an den Korporativismus in Musolini-Italien einnerte.“ (Ebd., S. 158).

„Anders als mit den meisten kleinen und mittleren Industrieunternehmen ging der New Deal äußerst freundlich mit den Rockefeller-Strukturen um, genauso wie mit den meisten Unternehmen der »Fortune 500«, die den Rockefellers nahestanden.“ (Ebd., S. 159).

 

Rockefellers „diskretes Unterfangen“

„»Wenn Kriegsziele formuliert werden, die sich einzig und
allein auf den anglo-amerikanischen Imperialismus beziehen,
dann werden diese den Menschen in der restlichen Welt wenig
bedeuten. Statt dessen sollten die Interessen anderer Völker
betont werden. Dies hätte eine weit bessere Propagandawirkung.«
(Meomorandum des Council on Foreign Relations [CFR] an
das US-Außenministerium, War & Peace Studies, 1941).“ **

„J. P. Morgan hatte niemals Zeit oder Interesse, seinen großen Besitz in gemeinnützige Stiftungen zu überführen, um damit seinen Einfluß weit über die Grenzen seiner Bank- und Unternehmensholdings auszudehnen. Nachdem es im Zusammenhang mit einem Bergarbeiterstreik in Colorado, bei dem private Sicherheitsleute auf unbewaffnete Arbeiter geschossen hatten, negative Schlagzeilen gegeben hatte, war John D. Rockefeller dem Rat seines wichtigsten Wirtschaftsberaters Frederick T. Gates gefolgt und hatte 1913 seinen Reichtum in einer gemeinnützigen Stiftung angelegt. Dabei nutzte er steuerfreie Gelder, um die Macht und den Einfluß der Familie im Stil us-amerikanischer Medici auszuüben, allerdings ohne deren kulturelle Vornehmheit.“ (Ebd., S. 164).

„Die Rockefeller-Stiftung, die 1913 in-New York eingetragen wurde, konzentrierte sich unter Gates Leitung - Rockefeller nannte Gates einmal den größten Geschäftsmann, dem er je begegnet sei - auf Programme, die zwar auch den Reichtum der Rockefellers mehrten, vor allem aber die politische und gesellschaftliche Macht der Rockefeller-Interessen vergrößerten.“ (Ebd., S. 164).

„Das Verständnis darüber, in welchem Ausmaß die Rockefeller-Stiftung unter dem Deckmantel der Philanthropie (»Philanthropen«, „Menschenfreunde« oder »Gutemenschen« nennen sich solche Lügner ja besonders gerne; [HB]) seit Beginn der 1930er Jahre die Weltkarte verändert hat, ist ungeheuer wichtig - aber kaum vorhanden.“ (Ebd., S. 164).

I. Bowman
„Isaiah Bowman, der Gründer des CFR und Stratege der Geopolitik, war während des Zweiten Weltkriegs Leiter des CFR-Geheimprojekts War & Peace Studies der Rockefeller-Stiftung. Time, die Zeitschrift von Henry Luce, dem Verfechter eines US-Amerikanischen Jahrhunderts, machte Bowman international bekannt..“ Er war quasi der „Haushofer der USA“!

„Mit Mitteln der Rockefeller-Stiftung und unter größter Geheimhaltung nahm der New Yorker Council on Foreign Relations (CFR) zusammen mit dem US-Außenministerium 1939 eine ganze Reihe von Langzeitstudien in Angriff. Das Projekt, das den Namen War & Peace Studies erhielt, lief fünf Jahre lang bis 1944. Leiter des Projekts war Prof. Isaiah Bowman, Direktor des CFR und ursprünglich Mitglied eines vertraulichen Beraterkreises von Woodrow Wilson im Ersten Weltkrieg namens The Inquiry (etwa: Die Untersuchung). Bowman war Präsident der renommierten John-Hopkins-Universität und Geograph. Er selbst bezeichnete sich unter Bezug auf Hitlers Geopolitiker als US-Amerikas Haushofer.“ (Ebd., S. 165).

„Lange vor dem Sieg der Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg war den Rockefellers und den Vorständen der größten us-amerikanischen Unternehmen und Banken klar, daß der us-amerikanische Markt für ihre ehrgeizigen Pläne viel zu klein war. Nach ihrer Ansicht mußte US-Amerika global vorgehen, um die bereits erwähnte »Manifest Destiny«, die grenzenlose Ausweitung der us-amerikanischen Macht, zu erreichen. Ein ... errungener Sieg im Ersten Weltkrieg und die erzielten Vorteile im Versailler Frieden (Diktat! [HB] in Europa hatte ihnen Appetit auf mehr gemacht.“ (Ebd., S. 165).

„Die Rockefeller-Interessen hatten insgeheim Ende 1939, nur wenige Wochen nach dem deutschen Einmarsch in Polen, aber volle zwei Jahre vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten nach Japans »Überfall« (Anführungstriche von mir, denn ein Überfall war es ja nicht! [HB]) auf Pearl Harbor, eine sehr einflußreiche Gruppe ins Leben gerufen: die War & Peace Group. Diese geheime Gruppe erhielt von den Rockefellers den Auftrag, die wirtschaftlichen und politischen Ziele für die USA in der Zeit nach dem Krieg festzulegen -wobei man immer von der Annahme ausging, daß es zu einem Weltkrieg kommen würde, aus dem die USA als herrschende Weltmacht hervorgingen.“ (Ebd., S. 165-166).

„Die War & Peace Study Group des New Yorker Council on Foreign Relations führte für das personell hoffnungslos unterbesetzte US-Außenministerium die so wichtige Planung für die Nachkriegszeit durch. Nach 1942 wurden die meisten Mitglieder dieser Gruppe stillschweigend vom Außenministerium übernommen, um von ihren hohen Positionen aus die Ziele des Projekts umzusetzen.“ (Ebd., S. 166).

„Zwischen November 1939 und Ende 1942 hatte die Rockefeller Foundation über die Finanzierung der War & Peace Study Group 350000 Dollar für die Erstellung eines Papiers aufgebracht, das die Erringung der wirtschaftlichen Hegemonie US-Amerikas in der Nachkriegszeit vorsah. Wie fast alle »philanthropischen« (Anführungstriche von mir, denn philanthropisch waren sie ja nicht! [HB]) Investitionen der Rockefellers sollte sich auch diese in späteren Jahren tausendfach auszahlen. In diesem Papier wurde das weltweite Wirtschaftsimperium US-Amerikas nach dem Krieg definiert. Das US-Amerikanische Jahrhundert war weitgehend ein Rockefeller-lmperium, aber die meisten US-Amerikaner hatten davon nicht die geringste Ahnung.“ (Ebd., S. 166).

„In seiner Jahrzehnte später autorisierten offiziellen Geschichte gab das CFR in verblüffender Offenheit wesentliche Aufgaben des War-&-Peace-Projekts zu: »Mehr als zwei Jahre vor dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbar hatte man im Forschungsstab des Council on Foreign Relations damit begonnen, über einen neuen Vorstoß nachzudenken, der das Leben des Instituts in den anstrengenden Jahren, die damals vor uns lagen, bestimmen sollte. Mit Blick auf (Wilsons Beraterkreis) The Inquiry (**) entwarf man für den Council eine Rolle bei der Planung der künftigen Politik unseres Landes. Am 12. September 1939, nach dem Einmarsch Deutschlands in Polen, machten sich (CFR-Vertreter Hamilton Fish) Armstrong und Mallory auf den Weg nach Washington, wo sie sich mit George S. Messersmith, einem Abteilungsleiter im Außenministerium, trafen. Damals standen dem Außenministerium nur wenige Mittel für Studien, Forschungsprojekte, politische Planung und Initiativen zur Verfügung; in dieser Hinsicht erging es den Karrierediplomaten am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nur wenig besser als ihren Vorgängern zu der Zeit, als US-Amerika in den Ersten Weltkrieg eintrat.«“ (Ebd., S. 166).

„Die Männer vom Council schlugen ein geheimes Projekt vor, das an The Inquiry (**) erinnerte: ein Programm unabhängiger Analysen und Studien, das der us-amerikanischen Außenpolitik sowohl in den folgenden Kriegsjahren als auch angesichts der Herausforderungen, die die neue Welt nach dem Krieg stellen würde, beratend zur Seite stünde. Das Projekt wurde als War and Peace Studies bekannt.«“ (Ebd., S. 166-167).

„»Die Angelegenheit ist streng vertraulich«, schrieb Isaiah Bowman, »denn der gesamte Plan würde ›scheitern‹, wenn öffentlich bekannt würde, daß das Außenministerium mit einer außenstehenden Gruppe zusammenarbeitet.« Die Rockefeller-Stiftung willigte zunächst zögernd ein, das Projekt zu finanzieren, steuerte später aber 350000 Dollar bei, als sie von seiner Bedeutung überzeugt war. In den folgenden fünf Jahren waren fast 100 Männer an den War and Peace Studies beteiligt. Die Arbeit war in vier Themenbereiche unterteilt: Wirtschaft und Finanzen, Sicherheit und Rüstung, Territorialfragen sowie Politik. Diese Gruppen trafen sich über 250-mal, meistens in New York, zum Abendessen; die Treffen zogen sich für gewöhnlich bis tief in die Nacht hin. Die Gruppen erstellten 682 Memorandenfür das Außenministerium, das diese Berichte als geheim einstufte und an die zuständigen Regierungsstellen weiterleitete.«“ (Ebd., S. 167).

„Das Ziel dieses CFR-Geheimprojekts bestand darin, eine solide und dauerhafte Grundlage dafür zu legen, daß die Vereinigten Staaten nach dem Krieg die Rolle einnehmen konnten, die das Britische Empire vor 1914 innegehabt hatte: das Imperium, über dem die Sonne niemals untergeht - eine »Pax Americana«; die unangefochtene Nachfolge US-Amerikas auf die schwindende Pax Britannica des Britischen Empires.“(Ebd., S. 167).

„Die politischen Experten, die diese Grundsatzpapiere für den CFR erstellten, wurden aus der Elite der Mitglieder des New Yorker Council on Foreign Relations ausgewählt, der seinerseits mehr und mehr aus handverlesenen Rockefeller-Leuten bestand. Anders als beim Britischen Empire beruhte die us-amerikanische Vision einer Weltherrschaft auf Wirtschaftszielen und nicht auf militärischer Eroberung und dem Besitz eines Kolonialreichs. Das Projekt war ungeheuer raffiniert, denn mit ihm konnten die us-amerikanischen Großkonzerne ihre handfesten Interessen hinter dem Banner des Kampfes für »Demokratie« und »Menschenrechte« für »unterdrückte Kolonialvölker« sowie für die Unterstützung des »freien Unternehmertums« und »offener Märkte« verbergen.“ (Ebd., S. 167).

„Unter dem Einfluß der politischen Strategie der War & Peace Group wurde Franklin D. Roosevelt in den Kriegsjahren davon überzeugt, Churchill gegenüber zu erklären, die Vereinigten Staaten kämpften nicht im Zweiten Weltkrieg, »um das Britische Empire zu retten«. Was Franklin D. Roosevelt allerdings nicht sagte, war, daß man tatsächlich diesen Krieg kämpfte, um ein us-amerikanisches Imperium aufzubauen, das man später das »Amerikanische Jahrhundert« nennen würde und das bis in alle Einzelheiten von den Rockefeller-Interessen in New York und Washington formuliert worden war.“ (Ebd., S. 167-168).

„In einem vertraulichen Memorandum von der War-&-Peace-Gruppe beim Council on Foreign Relations an das US-Außenministerium von 1941 heißt es unmißverständlich: »Wenn Kriegsziele formuliert werden, die sich einzig und allein auf den anglo-amerikanischen Imperialismus beziehen, dann werden diese den Menschen in der restlichen Welt wenig bedeuten. Statt dessen sollten die Interessen anderer Völker betont werden. Dies hätte eine weit bessere Propagandawirkung.« (**). “ (Ebd., S. 168).

„Die von der Arbeitsgruppe des Council on Foreign Relations verfolgten Ziele waren alles andere als demokratisch. Sie spiegelten die Interessen der kleinen Elite us-amerikanischer Banken, Industrieunternehmen und deren Rechtsanwaltskanzleien wider, die mittlerweile weltweite Interessen vertraten. Die im CFR vertretenen Geschäftsleute waren eine ganz besondere Spezies; anders als die anderen US-Amerikaner waren sie Angehörige einer Aristokratie von Macht und Geld - sie waren eine nur auf sich selbst bezogene Oligarchie.“ (Ebd., S. 168).

„In den Protokollen der Sicherheits-Unterabteilung der War & Peace Study Group des CFR wurden die Maßstäbe für die US-Außenpolitik nach dem Krieg festgehalten: ».... Das Britische Empire wird in der Form, wie es in der Vergangenheit bestanden hat, nie wieder auferstehen, und ... die Vereinigten Staaten werden möglicherweise seinen Platz einnehmen müssen. ....« Die USA »müssen sich geistig auf eine Weltordnung nach diesem Krieg vorbereiten, die uns in die Lage versetzt, (anderen) unsere eigenen Bedingungen aufzuwingen, was einer ... Pax Americana gleichkommt.« Die US-Amerikaner könnten, so wurde behauptet, ihre Vitalität nur dadurch wiedergewinnen, daß sie die Notwendigkeit ständiger Expansion einsähen. Im Jahr 1942 schrieb CFR-Direktor Isaiah Bowman: »Das Maß unseres Sieges wird das Maß unserer Herrschaft nach einem Sieg sein. .... Die USA müssen sich Bereiche sichern, die in strategischer Hinsicht für die Kontrolle über die Welt erforderlich sind.«“(Ebd., S. 168).

„Ein weiteres Memorandum dieser Geheimgruppe, das Memorandum E-B19, legte die Prioritäten der US-Außenpolitik nach dem Krieg dar und faßte die »einzelnen Teile einer integrierten Politik zur Erringung einer militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit der Vereinigten Staaten« zusammen. Wie die Autoren erklärten, müsse ein weiteres wichtiges Element die »(Nachkriegs- )Koordination und Kooperation der Vereinigten Staaten mit anderen Ländern sein, um garantiert jede souveräne Handlung ausländischer Nationen einzuschränken, die eventuell das kleinste Gebiet der Welt bedrohen könnten, das für die Sicherheit und das wirtschaftliche Wohlergehen der Vereinigten Staaten und der westlichen Hemisphäre wesentlich ist.«“ (Ebd., S. 168-169).

„Ein Memorandum des US-Außenministeriums vom April 1944 erläuterte die Philosophie hinter dem Konzept dieser Gruppe über den »Zugang zu Rohstoffen« für den Westen. Diese Philosophie hieß: gleicher Zugang für alle us-amerikanische Unternehmen zu den Rohstoffen der Welt - aber nicht für andere Interessen; volle Herrschaft der USA über die Produktion in der westlichen Hemisphäre (d.h. Nord- und Südamerika), während die US-Konzerne im Rest der Welt expandierten, sowie »Beibehaltung der jetzigen Praxis, die bestehenden Konzessionen in us-amerikanischer Hand zu behalten - und damit auch zu schützen - und gleichzeitig auf dem Prinzip der Offenen Tür, der Chancengleichheit für US-Unternehmen in neuen Bereichen zu bestehen«.“ (Ebd., S. 169).

„Die Studien der Wirtschafts- und Finanzgruppe des CFR hatten ergeben, wie gefährlich ein vereintes Europa - mit oder ohne Nazi-Herrschaft - für die Vereinigten Staaten sein würde. Hamilton Fish Arrmstrong vom CFR erklärte bereits Mitte Juni 1941, man könne die Entwicklung eines vereinten Europas nicht zulassen, weil dies so stark wäre, daß es eine ernsthafte Bedrohung für die us-amerikanische »Grand Area« darstellte. Ein Europa, das sich als politische Einheit organisierte, galt als »grundsätzlich unvereinbar mit dem us-amerikanischen Wirtschaftssystem«.“ (Ebd., S. 169).

„Die CFR-Gruppe, die während des Krieges direkt im US-Außenministerium arbeitete, war davon überzeugt, daß man zumindest den größten Teil der nicht-deutschen Welt als us-amerikanische »Grand Area« benötigte, um genügend »Ellbogenfreiheit« zu haben.“ (Ebd., S. 169).

„Letztendlich bestand die für die Nachkriegszeit geplante us-amerikansche »Grand Area« aus der westlichen Hemisphäre (d.h. ganz Nord- und Südamerika) sowie Westeuropa, dem Fernen Osten und dem ehemaligen Britischen Empire (das damals gerade demontiert wurde). Dazu kam aber auch noch die Kontrolle über die ungeheuer wichtigen Energieressourcen im Mittleren Osten (die damals zunehmend in us-amerikanische Hände übergingen, weil Frankreich und England hinausgedrängt wurden), die restliche Dritte Welt und, wenn möglich, den gesamten Erdball. Auch ganz China gehörte zu dieser »Grand Area«. Bei diesen imperialen Plänen war für Bescheidenheit kein Platz. Die einzige Frage, welche die außenpolitischen Strategen des US-Amerikanischen Jahrhunderts beschäftigte, war die: Würde Stalin einwilligen, ein zerstörtes Rußland und die ganze Sowjetunion zum Teil eines US-Amerikanischen Jahrhunderts zu machen, oder nicht?« (Ebd., S. 169-170).

 

Das US-Amerikanische Jahrhundert

„Anfang 1941, etwa zehn Monate vor der Bombardierung von Pearl Harbor durch die Japaner, gab Henry Luce, der Herausgeber der Zeitschriften Time (**) und Life, der über gute Verbindungen zur US-Ostküstenelite verfügte, seinem Leitartikel für die Life-Ausgabe vom 17. Februar den Titel »Das Amerikanische Jahrhundert«. In seinem Beitrag beschrieb Luce den sich herausbildenden Konsens des Rockefeller-Establishments um den CFR und die War & Peace Study Group.“ (Ebd., S. 170).

„Luce wörtlich: »Tyranneien brauchen vielleicht etwas mehr Platz zum Leben, aber die Freiheit braucht noch sehr viel mehr Raum als die Tyrannei und wird ihn auch weiterhin brauchen.« Er rief die US-Amerikaner offen dazu auf, eine neue Rolle als herrschende Vormacht in der Welt einzunehmen, obwohl die Vereinigten Staaten bis dahin noch nicht in den Krieg eingetreten waren. Luce abschließend: »Der Ausweg ist: rückhaltlos zu unserer Pflicht und unserer Chance als mächtigste und vitalste Nation der Welt (die war aber Deutschland! [HB]) zu stehen und dementsprechend gegenüber der ganzen Welt unseren vollen Einfluß geltend zu machen für Zwecke, die wir für angemessen halten, und mit Mitteln, die wir für angemessen halten.«“ (Ebd., S. 170).

„Das war ein Aufruf zur Bildung eines us-amerikanischen Empires, ohne es beim Namen zu nennen. Luce kleidete das Empire in ein idealistisches Gewand, ähnlich wie die War-&-Peace-Gruppe: »Während des 17., 18. und 19. Jahrhunderts wimmelte es auf dem Kontinent von Projekten und wunderbaren Zielen. Sie alle überragte und verband das triumphale Ziel der Freiheit, das alle zum wunderbaren Banner der ganzen Welt und der ganzen Geschichte verwob.« Mit bewegender Rhetorik kam er zu dem Schluß: »In diesem Sinne sind wir alle aufgerufen, jeder nach seinem eigenen Vermögen und jeder nach seiner besten Vorstellungskraft, das erste große Amerikanische Jahrhundert zu schaffen.«“ (Ebd., S. 170).

„Luce, Absolvent der Eliteuniversität Yale, dessen Verlagsimperium seinen Sitz im Time Life Building des neu errichteten Rockefeller Centers in New York hatte, spiegelte die damals aufkeimende Sicht der international orientierten US-Geschäftswelt und des Banken-Establishmentt; um Rockefeller wider. Diese Interessen brauchten den uneingeschränkten weltweiten Zugang zu Rohstoffen und Märkten nach dem Krieg, und sie sahen jetzt die Chance, all dies zu bekommen, während die konkurrierenden Nationen allesamt vom Krieg verwüstet waren.“ (Ebd., S. 170-171).

„Die us-amerikanischen Bank- und Industriegiganten mußten neue Märkte, mehr Raum erobern oder das, was die War & Peace Study Group als »Grand Area« bezeichnete - ein Konzept, das in bemerkenswerter Weise Haushofers Begriff »Lebensraum« ähnelte. Die Arbeitsgruppe Wirtschaft und Finanzen der CFR- War & Peace Study Group erstellte Ende der 1930er Jahre eine Studie über den Welthandel. Die Autoren schlugen vor, die westliche Hemisphäre mit dem pazifischen Raum zu einem von den USA dominierten Block zu verschmelzen, auf der Grundlage dessen, was sie als »militärische und wirtschaftliche Überlegenheit für die Vereinigten Staaten« bezeichneten. Zu diesem Block sollte auch das damals noch bestehende Britische Empire gehören. Die us-amerikanische »Grand Area« sollte fast die ganze Erde umfassen, außer dem Einflußbereich von Stalins Sowjetunion, die sich zu ihrer Verwunderung noch immer einer kapitalistischen Durchdringung durch die US-Amerikaner widersetzte.“ (Ebd., S. 171).

„Das Ziel, das die von Rockefeller finanzierte War & Peace Study Group für die Welt der Nachkriegszeit verfolgte - die sie schon vor dem Eintritt der USA in den Krieg als US-Amerikanisches Jahrhundert konzipierten -, war nicht sentimental. 1940 schrieb ein Mitarbeiter der Arbeitsgruppe » Wirtschaft und Finanzen« in einem an den CFR und das US-Außenministerium gerichteten Memorandum: »Zuallererst sind die Vereinigten Staaten gefordert, in einer Welt, in der sie die unbestreitbare Macht besitzen sollen, schnell ein Programm umfassender Aufrüstung durchzuführen ..., um garantiert jede souveräne Handlung ausländischer Nationen einzuschränken, die eventuell das kleinste Gebiet der Welt bedrohen könnten, das für die Sicherheit und das wirtschaftliche Wohlergehen der Vereinigten Staaten und der westlichen Hemisphäre wesentlich ist.«“ (Ebd., S. 171).

„Im September 2002, also über sechs Jahrzehnte später, erklärte die Regierung Bush mit fast denselben Worten dieselben Ziele ausdrücklich zur Nationalen Sicherheitspolitik der USA.“ (Ebd., S. 171).

„Isaiah Bowman, Gründungsmitglied des CFR und Leiter der War & Peace Study Group beim CFR, der während des Zweiten Weltkriegs auch als »Amerikas Geopolitiker« bekannt war, benutzte noch einen anderen Begriff für die anvisierte »Grand Area«. In Anlehnung an Hitlers geografischen Begriff, mit dem die deutsche Expansion wirtschaftlich gerechtfertigt wurde, sprach Bowman vom »amerikanischen wirtschaftlichen Lebensraum«. Aus offensichtlichen Gründen ließ man diesen Begriff später fallen, und der neutralere Ausdruck »Amerikanisches Jahrhundert« wurde statt dessen benutzt, um die Vision der Rockefeller-Gruppe über einen US-Imperialismus in der Nachkriegszeit zu beschreiben.“ (Ebd., S. 171-172).

„Nach der Vorstellung von Bowman und anderen in der CFR-Studiengruppe beim Außenministerium würden sich die Helden der neuen us-amerikanischen Wirtschaftsgeographie als selbstlose Verfechter der Freiheit für die Kolonialvölker und als Feinde des Imperialismus darstellen. Sie würden dafür eintreten, den Weltfrieden durch multinationale Kontrolle zu erreichen. Seit der Endphase des Ersten Weltkriegs, als Bowman bei The Inquiry (**), der bereits beschriebenen geheimen Strategiegruppe Woodrow Wilsons, mitgearbeitet hatte, war er mit der Frage befaßt, wie man die imperialen Ambitionen der USA in ein liberales und wohltätiges Gewand kleiden konnte.“ (Ebd., S. 172).

„US-Amerikas Beherrschung der Welt nach 1945 sollte nach Ansicht Bowmans und der War & Peace Study Group durch eine neue, von ihnen entworfene Organisation durchgesetzt werden, dem »Kronjuwel des us-amerikanischen Lebensraums« - den Vereinten Nationen (UNO), denen die neuen, in Bretton Woods geplanten Institutionen angehören sollten: der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank sowie später das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade), GATT.“ (Ebd., S. 172).

„Bowmans CFR-Gruppe hatte für Präsident Roosevelt den ersten groben Entwurf für die spätere UNO verfaßt und den Präsidenten dafür gewonnen, diesen Plan rückhaltlos zu unterstützen. Unter dem Banner des »freien Handels« und der Öffnung bisher geschlossener Märkte in aller Welt würde das Big Busineß der USA freie Bahn haben, nach dem Krieg neue, bisher unerschlossene Märkte mit billigen Rohstoffen und neue Märkte für den Verkauf us-amerikanischer Waren zu erschließen.“ (Ebd., S. 172).

„Bowmans Team verfaßte damals mehr als 600 politische Dokumente für das US-Außenministerium und Präsident Roosevelt. Die Dokumente befaßten sich praktisch mit allen Winkeln der Welt, von großen Kontinenten bis hin zu winzigen Inseln. Alles beruhte auf der Annahme, daß die USA als Sieger aus einem Krieg hervorgingen, den Washington bis dahin noch gar nicht offiziell führte.“ (Ebd., S. 172).

„Für die Rockefellers und andere weitsichtige Mitglieder des politischen Establishments der USA sollte die weltweite Macht nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in Begriffen wie »militärische Kontrolle über Kolonialgebiete« gemessen werden. Das Britische Empire und andere Kolonialmächte Europas hatten gelehrt, daß ein solches System viel zu teuer und ineffizient war. Macht würde man fortan als wirtschaftliche Macht definieren. Und die würde weitgehend auf dem beruhen, was der Harvard-Professor Joseph Nye später als »Soft Power« bezeichnen sollte: eine »sanfte Macht«, die sich auf den mächtigsten Militärapparat und die herrschende Finanzmacht der Welt stützte. (**).“ (Ebd., S. 172-173).


„Joseph S. Nye,d.J., »Propaganda Isn't the Way: Soft Power«, in: The International Herald Tribune, 10. Januar 2003. Nye definiert hier, was er unter »soft power« (sanfte Macht) versteht: »Soft power ist die Fähigkeit, das zu bekommen, was man sich wünscht, indem man die anderen dafür gewinnt und davon überzeugt, seine Ziele zu übernehmen. Sie unterscheidet sich von der »hard power«, der Fähigkeit, mit Zuckerbrot und Peitsche die wirtschaftliche und militärische Macht einzusetzen, um andere dazu zu bringen, seinem Willen zu gehorchen. Sowohl hard power als auch soft power sind wichtig ..., aber Überzeugung ist viel billiger als Zwang und sollte deshalb gehegt und gepflegt werden.«“ (Ebd., Anmerkung 12).

 

Die Rockefellers bauen ihr Wirtschaftsimperium in Lateinamerika auf

Als sich der Zweite Weltkrieg 1945 dem Ende zuneigte, verkörperte keine andere Gruppe die Weltanschauung des us-amerikanischen Big Busineß' klarer als die Familie Rockefeller, die mit ihrem weltweiten Ölimperium und ihren Banken ein Vermögen aufgebaut hatte. Für die Familie vor allem Nelson, John D. III, Laurance und David -, deren Stiftung die War & Peace Studies des CFR finanziert hatte, bedeutete das siegreiche Ende des Krieges die goldene Gelegenheit, ihren Einfluß auf die Weltpolitik stärker zu ihrem eigenen Nutzen auszuüben als jemals zuvor.“ (Ebd., S. 173).

„Nelson Aldrich Rockefeller sollte bei der Definition dieser globalen Interessen eine diskrete, aber entscheidende Rolle hinter den Kulissen spielen. Geschickt wurden diese Interessen nicht mehr als Rockefellers Privatsache dargestellt, sondern zu sogenannten »nationalen Interessen Amerikas« erklärt.“ (Ebd., S. 173).

„Jetzt wurde deutlich, was genau Isaiah Bowman und seine Kollegen von der War & Peace Study Group im US-Establishment mit ihrem Begriff der »Grand Area « und der Entwicklung des » freien Marktes« im Sinn gehabt hatten. Nelson Rockefeller, der die War & Peace Studies des Council on Foreign Relations maßgeblich unterstützt hatte, verlor jetzt keine Zeit und nutzte entschlossen die wirtschaftlichen Möglichkeiten für das Lateinamerika-Geschäft, die der Zweite Weltkrieg seiner Familie eröffnet hatte.“ (Ebd., S. 173).

„Während des Krieges hatte Nelson sich in ganz Lateinamerika für die Interessen der Rockefeller-Familie eingesetzt. Als Koordinator für Interamerikanische Angelegenheiten (CIAA) bekleidete er damals eine hohe Position im US-Geheimdienst und agierte nominell im Auftrag des Weißen Hauses unter Roosevelt. Von dieser strategischen Position aus konnte Nelson Unterstützungsgelder der US-Regierung für Rockefellers Geschäftsfreunde in Schlüsselstaaten wie Brasilien, Peru, Mexiko, Venezuela und sogar Argentinien schleusen - immer unter dem Vorwand, in Lateinamerika einen Kampf gegen die Infiltration der Nazis und für die Verbreitung der »amerikanischen Demokratie« zu führen. Sorgfältig legte er damit die Basis für die Ausweitung der us-amerikanischen Geschäftsbeziehungen in Lateinamerika nach dem Krieg - ganz besonders natürlich für das Geschäft der Rockefeller-Interessen.“ (Ebd., S. 173-174).

„Roosevelt hatte Nelson Rockefeller im August 1940 zum Direktor der CIAA ernannt, unter eindeutiger Verletzung der offiziellen Neutralität der USA. Um diesen heiklen Punkt zu vertuschen, wurde der CIAA die Fassade einer Organisation verpaßt, die in Lateinamerika die »amerikanische Kultur« förderte.“ (Ebd., S. 170).

 

Vorwand für den Kriegseintritt: Roosevelts Pearl Harbor

Als Präsident Roosevelt 1940 zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, war er insgeheim schon seit Monaten damit beschäftigt, in den Krieg gegen Deutschland einzugreifen. Roosevelt war Churchill nicht nur - unter Verstoß gegen die offiziell behauptete Neutralität der USA - durch den Leih- und Pachtvertrag zu Hilfe gekommen, sondern Franklin D. Roosevelt spielte auch eine aktive Rolle bei der Vorbereitung der Ereignisse, die Japan schließlich zu der Entscheidung bewogen, im Dezember 1941 den Versuch zu unternehmen, in Pearl Harbor die US-Pazifikflotte zu zerstören.“ (Ebd., S. 174).

„Freigegebene Kongreß-Protokolle und andere nach dem Krieg und Roosevelts Tod veröffentlichte Dokumente belegen zweifelsfrei, daß der Präsident und sein Kriegsminister Henry Stimson durch das ÖI-Embargo gegen Japan und die Vorbereitungen für eine Militäraktion im Pazifik zur Eindämmung der japanischen Expansion Tokio bewußt zum Krieg anstachelten. Aus diesen Dokumenten geht hervor, daß Roosevelt bereits Tage vor der Bombardierung Pearl Harbors über die genauen Einzelheiten des Vorrückens der japanischen Marine bis hin zum genauen Zeitpunkt des geplanten Angriffs unterrichtet war.“ (Ebd., S. 174).

„Roosevelt und seine Berater stachelten die Japaner zum Angriff auf die US-Marinebasis auf Hawaii an, um die ahnungslose us-amerikanische Öffentlichkeit für einen Krieg mobilisieren zu können, mit dem das US-Amerikanische Jahrhundert erkämpft werden sollte. Damit sollten Rockefellers War-&-Peace-Studies-Pläne für die Nachkriegszeit in die Realität umgesetzt werden. Historiker nennen das Ganze den Zweiten Weltkrieg.“ (Ebd., S. 174-175).

„Bei einer Anhörung des gemeinsamen Untersuchungsausschusses des US-Kongresses über den Angriff auf Pearl Harbor, die 1946 unter Vorsitz von Senator Alben Barkley aus Kentucky stattfand, wurde auch ein Bericht des Pearl Harbor Boards der US-Armee vorgetragen. Er wurde sofort als »streng geheim« klassifiziert und erst Jahrzehnte später freigegeben. Dieser Bericht war eine einzige Anklage gegen die Roosevelt-Regierung, gegen Roosevelt persönlich und gegen seinen Kriegsminister Stimson. Mit Blick auf den Hintergrund der japanischen Entscheidung, Pearl Harbor zu bombardieren, heißt es in dem Bericht, Roosevelt habe »am 26. Juli 1941 per Executive Order verfügt, alle japanischen Vennögenswerte in den Vereinigten Staaten einzufrieren. Mit dieser Anordnung kamen alle Finanztransaktionen sowie sämtliche Import- und Exportgeschäfte, an denen Japaner beteiligt waren, unter us-amerikanische Kontrolle. Die Anordnung brachte den Handel zwischen den Vereinigten Staaten und Japan praktisch zum Erliegen.« In Tokio wurde sie als Kriegshandlung gegen Japan aufgefaßt.“ (Ebd., S. 175).

„Bei den japanischen Angriffen auf Pearl Harbor und die Bomberflotte der US Army Air Force am 7. Dezember 1941 kamen 2403 US-Amerikaner ums Leben und 1178 wurden verwundet. 18 us-amerikanische Kriegsschiffe und 188 US-Flugzeuge wurden zerstört. Bereits am 26. November 1941, also zwei Wochen vor diesem Angriff, war Roosevelt persönlich von Churchill dringend vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff auf Pearl Harbor gewarnt worden. Roosevelt reagierte auf diese Warnung damit, daß er die Luftabwehr für die Flotte von Pearl Harbor abzog, eine Maßnahme, die einen Erfolg der Japaner praktisch garantierte.“ (Ebd., S. 175).

„In einem gemeinsam verfaßten Schreiben an den Oberkommandierenden der US-Flotte warnten die US-Admiräle Richardson und Kimmel bereits am 25. Januar 1941 vor einem möglichen japanischen Angriff auf Pearl Harbor - also fast elf Monate, bevor es wirklich dazu kam. In dem Brief hieß es: »Japan wird möglicherweise ohne Vorwarnung angreifen; die Angriffe können in jeder erenklichen Form erfolgen .... Japanische Angriffe sind gegen die Schiffahrt, Außenposten oder Marineeinheiten zu erwarten. Auch Überraschungsangriffe auf Pearl Harbor oder Versuche, den (Hafen- )Kanal zu blockieren, sind möglich.«“ (Ebd., S. 175).

„Zudem waren bewußte Schritte unternommen worden, um zu gewährleisten, daß Pearl Harbor im Fall eines solchen Angriffs der Japaner schutzlos dastehen werde. Eine Untersuchung des Pearl-Harbor-Ausschusses der US-Armee ergab: »Die Lage am 7. Dezember läßt sich wie folgt zusammenfassen: Die Marine nahm keine Fernaufklärung vor; nur die üblichen vier oder fünf Seeaufklärer (PBYs) waren in der Luft; die Flakartillerie unternahm nicht die üblichen Sonntagsmanöver mit den Marinefliegern, und die Flugzeugträger mit ihren Flugzeugen befanden sich an diesem Sonntag in einiger Entfernung von Oahu. Alle Flugzeuge der Army und Navy standen eng beieinander am Boden; die gesamte Flotte lag im Hafen, außer den beiden Einheiten Task Forc 9 und 12, zu denen einige Kreuzer und Zerstörer sowie die beiden Flugzeugträger Lexington und Enterprise gehörten. Die Munition für die Army befand sich mit Ausnahme der in der Nähe der Luftabwehrgeschütze gelagerten Kisten in Munitionslagern, und sowohl die beiden Kampfdivisionen als auch die Luftabwehreinheiten befanden sich in ihren Quartieren und nicht in ihren Gefechtstellungen. Aufgrund Alert Nr. 1 zur Sabotagebekämpfung war alles auf engstem Raum konzentriert. Kurz: Alles, was getan worden war, lud geradezu zu einem Luftangriff ein, und die Japaner machten sich dies in vollem Umfang zunutze.«“ (Ebd., S. 175-176).

„Am 19. Juli 1941, fünf Monate vor dem Angriff auf Pearl Harbor, wurde Admiral Kimmel, der Chef der US-Pazifikflotte, zu seiner eigenen Information über den Inhalt einer abgefangenen japanischen Depesche in Kenntnis gesetzt, die vom US-Geheimdienst durch das Programm namens Magic entschlüsselt worden war. In der abgefangenen Nachricht von Kanton an Tokio hieß es unter anderem: »Der kürzlich erteilte Befehl zur allgemeinen Mobilmachung bringt die unwiderrufliche Entschlossenheit Japans zum Ausdruck, der anglo-amerikanischen Mitwirkung bei der Eindämmung der natürlichen Expansion Japans ein Ende zu bereiten. .... Unmittelbares Ziel ist die friedliche Besetzung Französisch-Indochinas, doch jeder Widerstand wird zerschlagen und das Kriegsrecht wird eingeführt .... Als Nächstes steht ein Ultimatum an Niederländisch-Indien auf dem Plan. Bei der Besetzung von Singapur wird die Marine die Hauptrolle spielen ..., mit der U-Boot- Flotte in Mandates, Hainan und Indochina werden wir die Militärmacht der Briten und Amerikaner vernichten und zerschlagen, so daß sie sich nie mehr an Komplotten gegen uns beteiligen können.«“ (Ebd., S. 176).

„Damit wußten die höchsten Stellen der US-Regierung bereits fünf Monate vor Pearl Harbor, daß ein Krieg mit Japan kurz bevorstand, und zwar aufgrund der abgefangenen Nachrichten, die der US-Geheimdienst mit Hilfe des streng geheimen Magic-Programms, mit dem die Codes der japanischen Marine und Diplomatie geknackt worden waren, entschlüsselt hatte.“ (Ebd., S. 176-177).

„Am 7. November 1941, genau einen Monat vor dem Angriff, erhielt der Oberste Flottenkommandant der US-Pazifikflotte, Admiral Kimmel, von Admiral Stark aus Washington die folgende Depesche: »Eine Krise im Pazifik scheint sich anzubahnen. Wann sie genau zum Ausbruch kommt, läßt sich nicht vorhersagen. Meine grundsätzliche Reaktion darauf ist so, wie ich Ihnen bereits geschrieben habe .... In einem Monat kann buchstäblich alles passieren.«“ (Ebd., S. 177).

„Am 28. November 1941 erhielt Kimmel eine neuerliche Depesche von Admiral Stark aus Washington, in der es unter anderem hieß: »Verhandlungen mit Japan scheinen praktisch zum Erliegen gekommen zu sein ..., künftiges Vorgehen der Japaner unvorhersehbar, aber Kriegshandlungen jederzeit möglich. Wenn Kriegshandlungen nicht - wiederhole: nicht - verhindert werden können, sollen nach Wunsch der Vereinigten Staaten die Japaner den ersten ostentativen Akt begehen.«“ (Ebd., S. 177).

„Nach Erhalt dieser Warnung wurde Admiral Kimmel von Washington angewiesen, von Pearl Harbor aus keine Fernaufklärung gegen mögliche Luftangriffe zu unternehmen. Auf Anweisung von Henry Stimsons Kriegsministerium in der Zeit zwischen dem 28. November und dem 5. Dezember gab Kimmel den beiden Flugzeugträgem USS Enterprise und USS Lexington den Befehl, zusammen mit sechs schweren Kreuzern und 14 Zerstörern Pearl Harbor in Richtung der Atolle Midway und Wake zu verlassen. Damit sollten die modernsten Schlachtschiffe der Pazifikflotte beim Angriff der Japaner außer Reichweite sein. Bewußt hielt Washington Kimmel lebenswichtige Informationen vor, aufgrund derer er bereits Tage vor dem Angriff hätte erkennen können, daß Pearl Harbor das Ziel war. Ihm wurde der Eindruck vermittelt, das wahrscheinliche Ziel des japanischen Angriffs seien die Philippinen oder Inseln in der Nähe.“ (Ebd., S. 177).

„In dem Untersuchungsbericht des Senats heißt es weiter: »Admiral Newton erhielt keinerlei Informationen über die zunehmende Gefährdung unserer Beziehungen zu Japan. Er erhielt keine besonderen Befehle und hielt sein Auslaufen aus Hawaii als Mission für nicht weiter bedeutsam, außer, daß er Midway ansteuern und von der Lexington aus ein Luftgeschwader zur Verstärkung dieser Insel losschicken sollte. Deshalb erfolgte kein Befehl zur Bewaffnung der Flugzeuge oder zur Kriegsvorbereitung außer der üblichen Routine ..., die Alarmbereitschaft im Hafen (Pearl Harbor - W. E.) wurde nicht erhöht, lediglich eine Patrouille der Küstenwache wurde von Pearl Harbor aus losgeschickt, die dann im Hafenkanal und in der Umgebung kreuzte.« Wie es in dem Bericht weiter heißt, wurden die Verteidigungsmaßnahmen in Pearl Harbor sogar noch mehr reduziert: »Ein in Pearl Harbor stationiertes Geschwader patrouillenflugzeuge erhielt den Befehl, das Geschwader zu ersetzen, das von Midway aus nach Wake flog. Dieses Geschwader Patrouillenflugzeuge verließ Pearl Harbor am 30. November.«“ (Ebd., S. 177-178).

„Dann hält der Untersuchungsbericht fest: »Nichts wurde jedoch unternommen, um von Norden und Nordwesten, die als gefährlichste Sektoren galten, heranrückende feindlicheAngreifer auszumachen. Wir werden die Rechtfertigung für diese Unterlassung untersuchen.«“ (Ebd., S. 178).

„Wie es in dem Bericht heißt, war Washington dafür verantwortlich, Admiral Kimmel die bestmögliche Einschätzung darüber zu liefern, aus welcher Richtung der strategisch wichtigste feindliche Angriff kommen würde. Kimmel mußte als Oberbefehlshaber der Pazifikflotte auch auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein, und »als er vor den nahenden Kriegshandlungen gewarnt und angewiesen wurde, Verteidigungsmaßnahmen zu ergreifen, mußten sich solche Maßnahmen notwendigerweise gegen alle möglichen Gefahren richten, die auf Hawaii aufgrund der schwierigen Lage dort zukamen.«“ (Ebd., S. 178).

 

Black Magic in Washington

07.12.1941
„Der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 wurde von Roosevelt bewußt
provoziert, um den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg zu rechtfertigen -
wie später anhand von Dokumenten bewiesen wurde -, wobei es zuvorderst
nicht um einen Krieg gegen Japan, sondern gegen Deutschland ging.“

„In dem Bericht des Senats wird im Einzelnen dargelegt, daß das us-amerikanische Kriegs- und das Marineministerium heimlich den diplomatischen Code der Japaner geknackt hatten. Durch die Einsicht in abgefangene und entschlüsselte Botschaften zwischen Tokio und den japanischen diplomatischen Einrichtungen, das sogenannte Magic-Projekt, verfügte Washington über reichlich Aufklärungsmaterial über die Ziele der Japaner. Die durch Magic gewonnenen geheimdienstlichen Informationen wurden als überaus vertraulich betrachtet und durften nur von wenigen Personen eingesehen werden, damit nicht bekannt wurde, daß der Code geknackt war.“ (Ebd., S. 178).

„Roosevelt informierte noch nicht einmal Churchill, dessen eigener Geheimdienst in Cheltenham die japanischen Codes ebenfalls geknackt hatte, über diesen Durchbruch. Im Gegenzug zeigten sich die Briten, deren streng geheimes Projekt den Namen Ultra trug, auch recht zugeknöpft; Churchill zum Beispiel unterließ es, Roosevelt über das britische Geheimnis namens Ultra zu informieren. Nur der englische Text der abgefangenen Nachrichten der Japaner wurde einigen zuständigen US-Stellen mitgeteilt, darunter Kriegsminister Stimson, seinem Stabschef sowie dem Chef der Abteilung Kriegsplanung und dem Chef der Abteilung Militärgeheimdienst. Von der us-amerikanischen Marine wurden Marineminister Knox, der Chief of Naval Operations (Chef der Marineoperationen), der Chef der Abteilung Kriegsplanung sowie der Direktor des Marinegeheimdienstes in Kenntnis gesetzt. Darüber informiert wurden außerdem das US-Außenministerium und der Marineassistent des Präsidenten, der den Inhalt natürlich umgehend vertraulich dem Präsidenten übermittelte.“ (Ebd., S. 178-179).

„Am 6. Dezember 1941 wurde eine abgefangene und mithilfe von Magic entschlüsselte japanische Nachricht übersetzt und am Abend zwischen 21.30 und 22.00 Uhr an das US-Kriegsministerium und das Weiße Haus übermittelt, und zwar an einen Adjutanten von Admiral Beardall, den Marineassistenten des US-Präsidenten, mit der Weisung, diese Nachricht dem Präsidenten so schnell wie möglich zukommen zu lassen. Korvettenkapitän Schulz überbrachte diese Nachrichten Präsident Roosevelt, der sie gemeinsam mit Harry Hopkins durchlas. Dann wurde die Nachricht an Marineminister Knox weitergeleitet, der sie ebenfalls las, und an Admiral Wilkinson.“ (Ebd., S. 179).

„Die abgefangene Nachricht enthielt ein Kommunique zwischen Tokio und dem japanischen Botschafter in Washington. Es deutete darauf hin, daß es am 7. Dezember um 13.00 Uhr Washingtoner Zeit, oder im Morgengrauen nach der Zeitrechnung in Pearl Harbor, zu einem dramatischen Ereignis kommen würde. Dieses Ereignis war die Bombardierung der US-Flotte in Pearl Harbor durch die Japaner - ein Ereignis, das es Roosevelt ermöglichte, vom Kongreß die Zustimmung zu einer Kriegserklärung gegen die Mächte der Tripelallianz - Deutschland, Japan und Italien - zu erwirken.“ (Ebd., S. 180).

„Admiral Kimmel erklärte später bei der Anhörung im US-Kongreß: »Hätte ich diese entscheidenden Informationen und die Nachricht »Schiffe im Hafen«bereits am 28. November [1941] erhalten, so hätte ich nach meiner heutigen Überzeugung den Vorschlag des Marineministeriums, Flugzeugträger nach Wake und Midway zu entsenden, abgelehnt. Ich hätte den dritten Flugzeugträger, die Saratoga, von der (US- )Westküste zurückbeordert. Ich wäre mit der Flotte in See gestochen und hätte es gewagt, sie in einer Abfangposition auf See zu belassen. Damit hätte die Schlagkraft der Flotte sich eines Angriffs auf die Region Hawaii erwehren können.« Kimmel wurde jedoch zum Sündenbock gemacht, weil er den Angriff auf Pearl Rarbor zugelassen hatte; er wurde zum Rücktritt gezwungen.“ (Ebd., S. 180).

„Churchills Nachricht vom 26. November 1941 an Roosevelt ist das einzige Dokument in der gesamten Korrespondenz dieser beiden Staatschefs, das bis zum heutigen Tage aus Gründen der »nationalen Sicherheit« nicht veröffentlicht worden ist. Angeblich hatte Churchill darin Roosevelt vor einem kurz bevorstehenden Angriff auf Pearl Harbor gewarnt.“ (Ebd., S. 180).

„Der vernichtende Angriff auf Pearl Rarbor lieferte Roosevelt den Grund, den Krieg zu führen, den er sich so sehr wünschte (so wie Wilson den 1. Weltkrieg [HB]). Es war ein Krieg für den Aufbau eines ... us-amerikanischen Empires, das US-Amerikanische Jahrhundert des Time-Rerausgebers Henry Luce.“ (Ebd., S. 180).

„Auch nachdem der US-Kongreß Deutschland, Japan und den Achsenmächten im Dezember 1941 den Krieg erklärt hatte, setzten einflußreiche Kreise innerhalb der Regierung Roosevelt und der Rockefeller-Fraktion in der us-amerikanischen Industrie ihre illegale Kooperation mit führenden deutschen Rüstungsunternehmen fort, eine Geschichte über Landesverrat, die jedoch in den historischen Berichten über die Nachkriegszeit geflissentlich übersehen bzw. versteckt wurde.“ (Ebd., S. 180).

 

Leichen aus dem Dritten Reich in Rockefellers Keller

„Ähnlich wie die Chefs zahlreicher us-amerikanischer Unternehmen - von Henry Ford bis zu den DuPonts - fand auch die Rockefeller-Gruppe im US-Establishment das europäische Modell des Faschismus eines Mussolini oder sogar das der Nazis in Deutschland attraktiv. Die Wall Street und die führenden Industriekreise in den USA hatten die Gewerkschaften schon immer abgelehnt und waren geradezu unbarmherzig, wenn es darum ging, gegenüber der breiteren Bevölkerung Zugeständnisse zu machen. Fasziniert beobachteten diese Kreise, wie Hitler und Mussolini es Anfang der 1930er Jahre schafften, die organisierte Arbeiterschaft zu disziplinieren und die Gewerkschaften samt ihren politischen Parteien zu zerschlagen - egal, ob es Sozialdemokraten oder Kommunisten waren.“ (Ebd., S. 180).

„Es gab aber auch einen geopolitischen Aspekt bei ihrer Sympathie für die Faschisten vor dem Krieg. Wie ihre Vettern in den Kreisen des Round Tables in England wünschten sie sich einen größeren Krieg; einen Krieg zwischen ihren wichtigsten Rivalen im Kampf um die potenzielle Vorherrschaft in Eurasien: Deutschland und Rußland (Sowjetunion). Einen Krieg also, in dem die beiden Großmächte, Hitlers Drittes Reich und Stalins Sowjetunion, »einander zu Tode bluten würden«, wie es ein britischer Insider, Sir David Sterling, Gründer der britischen Eliteeinheit SAS, formulierte. Mit ideologischen oder romantischen Illusionen über die Überlegenheit der »arischen Rasse« hatte dies wenig zu tun, wenngleich die Rockefeller-Stiftung bis 1939 die Eugenik-Forschung und Experimente an Menschen in Hitlers Drittem Reich großzügig finanziell unterstützte. Es ging allein um den Aufbau ihres US-Amerikanischen Jahrhunderts auf den Trümmern Europas.“ (Ebd., S. 181).

„Zu Beginn des Kriegseintritts der Vereinigten Staaten im Jahr 1941 war der (später in Exxon umbenannte) Konzern Standard Oil of New Jersey der größte Ölproduzent der Welt. Der Konzern kontrollierte 84 Prozent des us-amerikanischen Ölmarktes. Seine Hausbank war die Chase Bank, die Eigentümermehrheit lag bei der Rockefeller-Familie und ihren Stiftungen, die von der Steuerzahlung befreit waren. Der nächstgrößte Aktionär der Standard Oil nach den Rockefellers war die IG Farben, das riesige Petrochemie-Unternehmen in Deutschland (das größte Chemieunternehmen der Welt! [HB]), das damals ein wichtiger Teil der deutschen Rüstungsindustrie war. Die Beziehung zwischen den Rockefellers und der IG Farben reichte bis in das Jahr 1927 zurück, also ungefahr in die Zeit, als die Rockefeller-Stiftung in großem Stil begann, die Eugenikforschung am Kaiser-Wilhelm-lnstitut in Berlin finanziell zu unterstützen.“ (Ebd., S. 181-182).

„Nelson Rockefeller bekämpfte zwar anscheinend als Chef der CIAA der US-Regierung die Wirtschaftsinteressen der Nationalsozialisten in Lateinamerika, doch der Konzern Standard Oil der Familie Rockefeller, vertreten durch den Vorsitzenden Walter C. Teagle und Präsident William S. Farish, sorgten für die Lieferung des damals unverzichtbaren Zusatzstoffes Tetraethylblei an die Deutsche Luftwaffe. Teagle von Standard Oil, Henry Ford sowie Sir Henry Deterding, der Chef von Royal Dutch Shell, waren vor dem Krieg alle offene Bewunderer des Dritten Reichs. (**).“ (Ebd., S. 182).


„Am 25. März 1942 gab der stellvertretende US-Justizminister Thurman Arnold bekannt, daß William Stamps Farish von Standard Oil sich in bezug auf Anschuldigungen einer kriminellen Absprache mit den Nationalsozialisten für »nicht schuldig« erklärt habe. Als George H. W. Bush 1980 zum US-Vizepräsidenten gewählt wurde, ging sein persönliches Vermögen in die Treuhänderschaft eines von William Stamps Farish III. - einem Enkel des früheren Chefs von Standard Oil- verwalteten »blind trusts« über. Als Präsident ernannte H. W. Bush dann Douglas Dillon vom Investmenthaus Dillon & Read, einen alten Freund der Familie, zum Finanzminister.“ (Ebd., Anmerkung 29).

„Kurz nach Hitlers Machtübernahme Anfang 1933 hatte Teagle dafür gesorgt, daß der persönliche Pressesprecher und »Meinungsmacher« der Rockefeller-Familie, Ivy Lee, der IG Farben und der Nazi-Regierung in Berlin Informationen über die us-amerikanische Reaktion auf die deutsche Aufrüstung, auf die Behandlung der Kirchen im Dritten Reich und auf die Organisation der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) zugänglich machte. Lees Aufgabe bestand nun dann, eine deutschfreundliche Propagandakampagne in den Vereinigten Staaten auf die Beine zu stellen, um Sympathien für das Dritte Reich zu erzeugen. Lee wurde über ein Konto bei der von Deutschland kontrollierten Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ; gegründet 1930 [HB]) in Basel bezahlt, ein Finanzinstitut, das ironischerweise 1930 gemäß dem Owens-Plan (gemeint ist offenbar der Young-Plan [HB]) gegründet worden war, um die Zahlung der deutschen Kriegsreparationen nach dem Ersten Weltkrieg abzuwickeln. Chef der BIZ zum Zeitpunkt der Überweisungen an Ivy Lee war der US-Amerikaner Gates W. McGarrah, der früher für Rockefellers Chase Bank in New York und die Federal Reserve tätig gewesen war.“ (Ebd., S. 182).

„Rockefellers Bank, die Chase Bank, spielte eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung der verschiedenen Rockefeller-Aktivitäten im nationalsozialistischen Deutschland. Als Hitler 1936 das Rheinland remilitarisierte, gründete die Schroeder Bank in New York mit den Rockefellers eine Partnerschaft namens Schroeder, Rockefeller & Co., Investment Bankers. Das Time Magazine bezeichnete diese Bank damals als »Wirtschaftsmotor der Achse Rom-Berlin«“ (Ebd., S. 182).

„Auffällig bei der neuen Bank waren die Partner, zu denen als Vertreter der Familie John D. Rockefellers Neffe Avery Rockefeller zählte, sowie Baron Bruno von Schröder (»englisch«: Schroeder [HB]) aus London und der Vetter des Barons, Baron Kurt von Schröder, Chef des Kölner Bankhauses J. H. Stein und Direktor bei der BIZ in Basel. Kurt von Schröders Bankhaus J. H. Stein in Köln hatte schon 1931 bei der frühen finanziellen Unterstützung Hitlers eine maßgebliche Rolle gespielt und diente als Hitlers Liaison mit der deutschen Großindustrie über die »Harzburger Front«, der führende Bankiers, Industrielle und Militärs wie Hjalmar Schacht, Fritz Thyssen, General von Seeckt und zahlreiche andere Prominente angehörten, die sich in der Frühphase der Wirtschaftskrise Hitler zuwandten, den sie für den möglichen Retter ihrer Macht hielten.“ (Ebd., S. 182-183).

„Auch die New Yorker Anwälte, die bei der Gründung der Schroeder-Rockefeller-Bank Rechtsbeistand leisteten, waren zwei Partner in Rockefellers Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell, nämlich die Brüder John Foster und Allen Dulles. Allen Dulles saß anschließend im Vorstand dieser neuen Bank. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang auch, daß sich Dulles während des Krieges dem us-amerikanischen Office of Strategic Services (OSS), dem Vorläufer der CIA, anschloß und im Krieg vom schweizerischen Bern aus geheimdienstliche Operationen leitete - angeblich gegen Deutschland.“ (Ebd., S. 183).

„Die Geschäfte der New Yorker Bank Schroeder, Rockefeller & Co. wurden über die Pariser Niederlassung der Chase Bank abgewickelt, die ihren Geschäftsbetrieb während des gesamten Krieges weiterführen konnte, obwohl Paris in der Zeit der Vichy-Regierung von den Deutschen besetzt war. Über die Pariser Chase Bank liefen nicht nur die Finanzgeschäfte mit dem Bankhaus Schroeder in New York, sondern auch mit der nazifreundlichen französischen Banque Worms. Außerdem wurden über die Pariser Chase Bank auch die Geschäfte von Rockefellers Standard Oil im besetzten Frankreich abgewickelt. Die Direktoren von Standard Oil in Frankreich saßen auch im Vorstand der Banque de Paris et des Pays-Bas in Vichy, die ihrerseits als Verbindungsglied zwischen verschiedenen deutschen Bankkreisen und der Chase Bank fungierte.“ (Ebd., S. 183).

„Nach dem Angriff der japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 wurden alle noch in Paris verbliebenen Zweigstellen us-amerikanischer Banken aus Angst vor feindseligen Angriffen geschlossen - mit einer Ausnahme: Die einzige Bank, die während des gesamten Krieges geöffnet blieb, war Rockefellers Chase Bank. Diese Bank handhabte auch die persönlichen Bankgeschäfte für Otto Abetz, den deutschen Botschafter in Paris. Zwischen den Rockefellers und Berlin bestanden enge Beziehungen.“ (Ebd., S. 183).

„Allerdings stand der Rockefeller-Clan bei seinen geheimen Finanzund Industriegeschäften mit dem Dritten Reich nicht allein. Die Rockefellers kooperierten mit anderen führenden Vertretern im us-amerikanischen Establishment, vor allem mit der Familie DuPont und der Familie Bush - durch Prescott Bush, den Vater des späteren US-Präsidenten George Herbert Walker Bush und Großvater von George W. Bush.“ (Ebd., S. 183-184).

 

Auch die Familien DuPont und Bush machen mit

Thyssen Funds Found in U.S.
Die us-amerikanischen Medien berichteten im Juli 1942
über den Skandal um Prescott Bush. Averell Harriman und
andere Mitglieder des Rockefeller-Kreises, die Thyssen
und die deutsche Rüstungsindustrie unterstützt hatten.

„Während der Bombardierung Londons durch die Deutsche Luftwaffe protestierte die britische Regierung gegen die Lieferung von Tetraethyl-Blei durch Standard Oil an Deutschland. Dieser Zusatzstoff war nötig, um Flugbenzin mit hoher Oktanzahl herzustellen, und ohne dieses Benzin hätten die Flugzeuge der Luftwaffe nicht nach England fliegen können. Standard Oil, DuPont und General Motors hatten weltweite Patente auf dieses Äthyl-Additiv. 1938 hatte Teagle bei einem Geheimtreffen mit dem Vorsitzenden der IG Farben, Hermann Schmitz, vereinbart, der IG-Farben einige Tonnen von ihrem Tetraethylblei zu »leihen«. Teagle traf ähnliche Absprachen, um auch die japanische Luftwaffe mit demselben Zusatzstoff zu versorgen.“ (Ebd., S. 184).

„Bei den Geheimabkommen von Rockefellers Standard Oü mit der IG-Farben während des Krieges war auch der riesige Chemiekonzern DuPont aus Delaware mit von der Partie. Durch verschiedene Vereinbarungen in der Petrochemie hatte Rockefellers Standard Oü den Konzern DuPont in den Kreis der Rockefeller-Unternehmen gezogen. Dabei ging es auch um eine Vereinbarung zur Herstellung von Tetraethylblei für Antiklopfmittel für Autobenzin mit der Ethyl Company, einem gemeinsamen Unternehmen von Standard Oil, General Motors und DuPont.“ (Ebd., S. 180).

„Bereits 1919 hatten DuPont- Vorstandsmitglieder dem deutschen Chemiker und Industriellen Carl Bosch die gemeinsame Produktion von Farbstoffen vorgeschlagen. Doch weil Bosch, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts (zusammen mit Fritz Haber) bei der Badischen Anilin- und Soda Fabrik (BASF) ein Verfahren zur Ammoniaksynthese entwickelt hatte, anschließend bei der BASF zum Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen war und später seine eigene Firma - die IG Farben - gründete, keinen Vorteil darin sah, den deutschen Sachverstand mit den US-Amerikanern zu teilen, lehnte er den DuPont-Vorschlag ab. DuPont ließ sich aber nicht entmutigen und versuchte nach der Gründung der IG Farben im Jahre 1925 weiterhin, deutsches Know-how zu erwerben. Im darauffolgenden Jahr unterzeichneten DuPont-Vertreter ein geheimes »Gentlemen's Agreement« mit zwei Tochtergesellschaften der IG Farben, der Dynamit Aktiengesellschaft und Köln Rottweiler - beides große Sprengstoffhersteller -, wobei beiden Vertragspartnern das Vorrecht bei der Nutzung neuer Verfahren und Produkte eingeräumt wurde, wie etwa bei der Herstellung von Schwarzpulver sowie Sicherheitsanzündschnüren und Pulverzündschnüren.“ (Ebd., S. 184-185).

„DuPont hatte in den 1920er Jahren über drei Millionen Dollar in die deutschen Rüstungsindustrie investiert und sich damit einen großen Vorsprung vor allen us-amerikanischen Konkurrenten gesichert. Im Jahre 1933 - Hitler war mittlerweile an die Macht gekommen - willigten DuPont-Vertreter ein, dem Dritten Reich »militärische Treibstoffe und militärische Sprengstoffe« zu verkaufen, was sowohl eine Verletzung des Versailler Vertrages (Diktats! [HB]) als auch des Friedensvertrags (Diktats! [HB]) zwischen den USA und Deutschland bedeutete. Zu der Vereinbarung kam es, obwohl ein DuPont-Direktor in Deutschland gewarnt hatte, es sei »allgemein bekannt«, daß die IG Farben die Nationalsozialisten finanzierte.“ (Ebd., S. 185).

„Berichte über die geheimen Kartellvereinbarungen DuPonts mit der IG Farben und anderen Firmen in Europa kamen 1934 bei den Anhörungen über Kriegsmaterial im US-Senat zur Sprache. Eine ganze Reihe von Direktoren aus der DuPont-Familie - Lammot, Felix, Pierre und Irenee leugneten die Existenz solcher Vereinbarungen, bis zum Beweis Dokumente vorgelegt wurden, die eine Kartellvereinbarung über Sprengstoffe mit dem britischen Chemieriesen Imperial und verschiedenen deutschen Unternehmen zweifelsfrei belegten.“ (Ebd., S. 185).

„Trotz dieser peinlichen Enthüllungen unterhielt DuPont weiterhin während der Nazizeit Verbindung zur IG Farben und gewährte Lizenzen zur Herstellung von Acryl- und Stickstoffprodukten. 1939 vereinbarte DuPont mit dem deutschen Chemieriesen einen intensiven Informationsaustausch, wobei der US-Konzern das Know-how für die Herstellung vollsynthetischer Fasern lieferte und dafür von der IG Farben die Patente zur Herstellung von Buna erhielt, einem neu entwickelten synthetischen Kautschuk für die Reifenherstellung.“ (Ebd., S. 185).

„Der Austausch strategisch wichtigen industriellen Know-hows ging ungehindert weiter, obwohl dies die Gesetze über die us-amerikanische Neutralität verletzte und obwohl Roosevelt von William Dodd, seinem Botschafter in Berlin, davor gewarnt wurde. DuPont verhandelte weiterhin mit der IG Farben über Handelsabkommen, und zwar bis zum Jahre 1941, als der Vorstand schließlich dafür stimmte, die Aktien an der deutschen Firma zu verkaufen und den Austausch von Patenten »auszusetzen«, bis »die derzeitige Notlage vorüber ist«.“ (Ebd., S. 185).

„Diese von DuPont erwähnte »derzeitige Notlage« war damals die offizielle Kriegserklärung der USA gegen Deutschland und die Achsenmächte.“ (Ebd., S. 186).

„Auch Rockefellers Standard Oil hatte seine Erfahrungen bei der Herstellung von künstlichem Kautschuk sowie sein überlegenes Acetylen- Verfahren und seine Herstellungsmethode für synthetisches Benzin an das nationalsozialistische Deutschland weitergegeben. Mit dem auf diesem Wege hergestellten Benzin konnte nicht nur die deutsche Luftwaffe zweieinhalb Jahre lang fliegen, sondern damit konnte Hitler auch seine riesige motorisierte Armee in Bewegung halten.“ (Ebd., S. 186).

„Bis zu dem Moment, als deutsche Panzer in die Niederlande und Frankreich einrückten, waren die führenden Kreise um Neville Chamberlain in England und die Rockefeller-Gruppe an der Wall Street fest davon überzeugt, das Dritte Reich werde sich zur Sicherung seines »Lebensraums« nach Osten und nicht nach Westen wenden. Der wahre Zweck von Chamberlains berüchtigter Münchner »Appeasement«-Politik bezüglich des deutschen Anspruchs auf das Sudetenland und die Tschechoslowakei bestand dann, die Deutschen dazu zu verleiten, ihren »Lebensraum« nach Osten, in Richtung von Stalins Sowjetunion, auszudehnen. Hitler sollte meinen, England habe nichts dagegen einzuwenden.“ (Ebd., S. 186).

„Chamberlain erhielt seine geopolitischen Direktiven von der einflußreichen Fraktion des Round Tables im britischen Establishment. Vor 1914 hatte vor allem die Round-Table-Gruppe von Lord Milner die Propagandatrommel für einen Krieg gegen Deutschland gerührt. Die hasserfülltesten germanophoben Töne kamen damals von Philipp Kerr, dem später der Titel Lord Lothian verliehen wurde.“ (Ebd., S. 186).

„Ende der 1930er Jahre propagierte derselbe Round Table, der vor 1914 massiv Propaganda für einen Krieg gegen das Deutsche Reich gemacht hatte, das genaue Gegenteil. In öffentlichen Reden und in der Londoner Times, dem Hausblatt des Round-Table-Mitglieds Geoffrey Dawson, sowie in ihrem eigenen Magazin, The Round Table, forderten diese britischen Elitekreise, die Remilitarisierung des Rheinlands durch die Reichsregierung zu tolerieren und jede Einmischung in den Spanischen Bürgerkrieg zu unterlassen, bei dem Deutschland Francos Streitkräfte nicht nur tatkräftig logistisch, sondern auch mit Waffen unterstützte.“ (Ebd., S. 186).

„Im Januar 1935 traf Lord Lothian, der später zum Botschafter Seiner Majestät in Washington ernannt werden sollte, mit Hitler zusammen. Angeblich schlug Hitler Lord Lothian eine Allianz zwischen England, Deutschland und den Vereinigten Staaten vor, die Hitler freie Bahn für einen Vorstoß nach Osten gegen Rußland verschaffen würde. Als Gegenleistung habe Hitler dem Vernehmen noch Lord Lothian versprochen, er werde Deutschland nicht zu einer »Weltmacht« aufsteigen lassen oder den Versuch unternehmen, der britischen Marine bei der Kontrolle der Weltmeere Konkurrenz zu machen.“ (Ebd., S. 186-187).

„Diese Kehrtwendungen von 180 Grad in der Deutschland-Politik des britischen Round Tables zu unterschiedlichen Zeiten und auch die Politik seiner Verbündeten in den Kreisen des Council on Foreign Relations in New York werden nur dann verständlich, wenn man die Ziele der britischen Geopolitik berücksichtigt. Sir Halford Mackinder hatte schon 1919 bei den Friedens(diktat)gesprächen in Versailles erklärt, Ziel der britischen Geopolitik der »Balance of Power« (des Machtgleichgewichts) sei es, sich stets mit dem schwächeren von zwei kontinentaleuropäischen Rivalen gegen den stärkeren zu verbünden. In den Jahren bis zum Ausbruch des Großen Krieges im August 1914 war Frankreich der schwächere Rivale auf dem Kontinent, Deutschland der stärkere. Während der 1930er Jahre bis zur Invasion der Wehrmacht in den Niederlanden war Frankreich der stärkere der beiden Gegner Englands auf dem Kontinent, und zwar durch seine Allianzen mit Polen und der Tschechoslowakei sowie seine unilaterale Gold- und Finanzpolitik.“ (Ebd., S. 187).

„Wenn einerseits Hitler und sein innerster Kreis das Wesen der britischen geopolitischen Strategie nicht verstanden, so hatten andererseits auch die Kreise im Umfeld des britischen Round Tables nicht verstanden, wie tief die Lektion des Ersten Weltkriegs - nämlich, daß Deutschland nie wieder einen Zweifrontenkrieg führen würde - dem Generalstab der Reichswehr und den führenden Nationalsozialisten in den Knochen steckte. (**).“ (Ebd., S. 187).“


„Bedeutsam ist die Dokumentation der Tatsache, daß dieselben Mitglieder des britischen Round Tables um Lord Lothian (Philipp Kerr), des britischen Botschafters in Washington während des Zweiten Weltkriegs, die 1914 die Propagandatrommel für einen Krieg gegen Deutschland gerührt hatten, im Jahre 1938 dasselbe zur Unterstützung der deutschen Waffenkäufe taten. Beides war jeweils nur ein Aspekt der größeren geopolitischen Absicht, Rivalen auf dem eurasischen Kontinent zu zerstören. Die Rockefeller-Gruppe in den USA stimmte aus eigenen Motiven ihr Vorgehen eng mit dem Round Table ab. Siehe auch Carroll Quigley, a.a.0., S. 628-629. Dort wird dargelegt, welche strategischen Überlegungen Chamberlain bei seinem Appeasement-Versuch 1938 in München bewogen, nämlich Deutschlands »Drang nach Osten« (den es so nie gehabt hat [HB]) zu befördern.“(Ebd., Anmerkung 41).

„Als die Börsenaufsichtskommission der US-Regierung im Februar 1938 eine Untersuchung über die Rolle von Standard Oil bei der Kontrolle von American IG, einem Joint Venture mit der IG Farben, veranstaltete, nahm Konzernchef Teagle zu Lügen Zuflucht und behauptete, er wisse von nichts. Anschließend faßte er den Entschluß, bei Standard Oil eine weniger exponierte Rolle zu spielen, und überließ auf Verlangen von John D. Rockefeller jun. die Aufsicht über das Tagesgeschäft seinem Freund, dem Standard-Oil-Direktor William Stamp Farish. Auch der Konzern Standard Oil belog die Regierung und behauptete, seine Politik inzwischen geändert zu haben.“ (Ebd., S. 187).

„Doch diese Veränderung war rein kosmetischer Natur. Standard Oil ließ lediglich seine Flotte in Panama registrieren, um einer Durchsuchung oder Beschlagnahmung durch England zu entgehen. Doch die Schiffe transportierten weiterhin Öl nach Teneriffa und an die Küste Spanisch Saharas im Nordwesten Afrikas, wo sie aufgetankt wurden während ihre Ladung gleichzeitig auf deutsche Tanker zum Weitertransport nach Hamburg umgeladen wurde.“ (Ebd., S. 187-188).

„Die IG Farben verfügte noch immer über einen Brückenkopf auf dem lukrativen US-Markt, und zwar durch den Besitz von 90 Prozent der Anteile der General Aniline and Film Corporation (GAF) mit Sitz in New York. Diese Gesellschaft wiederum - eine Strohfirma - kontrollierte Anteile in Höhe von 11,5 Millionen Dollar bei us-amerikanischen Firmendarunter auch Standard Oil und DuPont.“ (Ebd., S. 188).

„Als das bekannt wurde, kam es zu einem wahren Proteststurm in der Presse, der dazu führte, daß die US-Regierung das Vermögen von General Aniline nach dem » Trading with the Enemy Act«, dem US-Gesetz über den Handel mit dem Feind, beschlagnahmte. 1943 wurden DuPont und zwei weitere US-Unternehmen der Teilnahme an einem internationalen Komplott zur Kontrolle strategisch wichtiger Metalle angeklagt. DuPont wurde schließlich verurteilt.“ (Ebd., S. 188).

„Diese Firma aus Delaware mußte sich im Januar 1944 erneut vor Gericht verantworten, dieses Mal als Beteiligter bei Kartellvereinbarungen über Sprengstoffe. Dabei stellte sich heraus, daß in Deutschland nur drei oder vier Direktoren der IG Farben eingeweiht waren sowie der Finanzberater Erwin Respondek, der geholfen hatte, die Vereinbarung zu formulieren.“ (Ebd., S. 188).

„Der Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten im Dezember 1941 beeinflußte diesen Pakt nicht. Wie Respondek nach dem Krieg erklärte, hatte die IG Farben »DuPont vor und während des deutsch-amerikanischen Konflikts bis Januar/Februar 1945 über eine gesicherte Route über Basel mit detaillierten Informationen versorgt«. Die vertraulichen Unterlagen, die die IG Farben an DuPont lieferte - und von dort erhielt -, wurden »in einem besonderen Safe aufbewahrt, zu dem außer drei oder vier besonderen Direktoren niemand Zugang hatte«“ (Ebd., S. 188).

„DuPont und die IG Farben waren auch an extrem sensitiven kriegsrelevanten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten beteiligt. Während des Ersten Weltkriegs hatte ein deutscher Chemiker namens Walter Heldt ein Giftgas entwickelt, das als Zyklon B bekannt war und zur Entlausung eingesetzt wurde. Die Herstellung dieses Gases oblag nun der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (DEGESCH), die zu 42,5 Prozent der IG Farben gehörte. Als die Nationalsozialisten 1942 mit der Durchführung ihrer »Endlösung« begannen und Gaskammern bauten, lieferte die DEGESCH das Zyklon B. 1942 behauptete US-Senator Harry S. Truman bei einer Untersuchung des Senats, die Beziehung zwischen Rockefeller und der IG Farben »grenzt an Verrat« Paul Manning, der Kriegskorrespondent von CES News, berichtete am 10. August 1944, die Partner Rockefeller und IG Farben hätten ihr »Fluchtkapital« mit der Hilfe ihnen nahestehender us-amerikanischer, deutscher, französischer, englischer und schweizerischer Banken verschoben. Unter dem Schutz des Weißen Hauses wurde - abgesehen von einigen kleineren Geldstrafen - praktisch nichts gegen die Rockefeller- und DuPont-Interessen wegen ihrer Verletzung des »Trading with the Enemy Acts« unternommen.“ (Ebd., S. 188-189).

Logo von Skull & Bones

„Ein weiterer wichtiger Akteur bei der Unterstützung der Rockefellers und der Wall Street für das Dritte Reich und einen künftigen Krieg gegen die Sowjetunion war der Vater von Präsident Herbert Walker Bush, Prescott Bush, der wie sein Sohn und sein Enkel, George W. Bush, Mitglied von Skull & Bones (**) war, dem elitären Gehe,imbund der Universität Yale.«“ (Ebd., S. 189).

„Die Familie Bush hatte vor dem Zweiten Weltkrieg schon jahrzehntelang engstens mit der mächtigen Rockefeller-Gruppe zusammengearbeitet. Beide Familien machten ihr Geld in der Öl- und Rüstungsindustrie.«“ (Ebd., S. 189).

„George H. Walker und Samuel Prescott Bush, die Großväter von George Herbert Walker Bush, waren im und nach dem Ersten Weltkrieg die Gründerväter der Familiendynastie. Walker, Financier aus St. Louis, hatte mit Rüstungsverträgen ein Vermögen gemacht. 1919 wurde er von dem Eisenbahnerben W. Averell Harriman als Präsident der Wall-Street-Firma W. A. Harriman Co. angestellt, die in den 1920er Jahren in Öl, Schifffahrt, Luftfahrt und Mangan investierte, teilweise auch in Rußland und Deutschland. Samuel Bush betrieb in Ohio ein Stahlunternehmen namens Buckeye Steel Castings, in dem Waffen hergestellt wurden. 1917 berief ihn Bernard Baruch zum Leiter der damals noch kleinen Abteilung für Waffen, Munition und Versorgung des staatlichen War Industries Boards in Washington.46 Sowohl George Walker als auch Sam Bush waren an der Bildung des späteren militärisch-industriellen Komplexes in den USA beteiligt.“ (Ebd., S. 190).

„Prescott Bush machte sein Vermögen als Direktor von Unternehmen, die im Zweiten Weltkrieg zur us-amerikanischen Rüstungsindustrie gehörten; aber zur gleichen Zeit waren seine Unternehmen auch -über Thyssen -strategisch an der geheimen Rüstung und Finanzierung des Dritten Reiches beteiligt. Ein Bush-Unternehmen, Dresser Industries aus Texas, stellte die Brandbomben her, die über Tokio abgeworfen wurden, und produzierte Gasdiffusionspumpen für das Atombombenprojekt.“ (Ebd., S. 190).

„Die Familie Bush unterhielt neben den langjährigen Verbindungen zu dem reichen Bank- und Eisenbahnmagnaten Harriman auch enge Beziehungen zu den Rockefellers, die die Ölindustrie kontrollierten. Bushs Verbindungen zu John D. Rockefeller und Standard Oil gingen auf die Zeit vor über 100 Jahren zurück, als Rockefeller Sam Bushs Buckeye Steel Castings dadurch einen fabelhaften Erfolg bescherte, daß er die Eisenbahngesellschaften, die sein Öl transportierten -und die übrigens teilweise Harriman gehörten -, dazu überredete, das schwere Gerät bei Buckeye Steel zu kaufen. George H. Walker half in den 1920er Jahren beim Wiederaufbau der sowjetischen Ölindustrie, und Prescott Bush sammelte als Direktor von Dresser Industries in Texas Erfahrungen im internationalen Ölgeschäft. Dresser Industries gehörte zu den Bank-Holdings der Familie Harriman und unterhielt engste Beziehungen zu Rockefellers ÖI-Interessen. Später wurde Dresser Teil der Halliburton Corporation, also des Konzerns, der durch Dick Cheney traurige Berühmtheit erlangte.“ (Ebd., S. 190).

„Als Folge der Reorganisation der Macht an der Wall Street nach dem Börsenkrach von 1929 schloß sich im Jahr 1931 Averell Harrimans Investmentbank W A. Harriman & Co. mit dem britisch-us-amerikanischen Investmenthaus Brown Brothers zusammen - zur Investmentbank Brown Bros. Harriman. Seniorpartner waren Averell und sein Bruder sowie Prescott Bush und Thatcher H. Brown. Der Londoner Zweig dieses Investmenthauses war fortan unter dem Namen Brown Shipley tätig, und bei dieser Bank war Montagu Norman (**) Seniorpartner gewesen, bevor er Chef der Bank von England wurde.“ (Ebd., S. 190-191).

„Harriman war bereits in den 1920er Jahren der New Yorker Bankier für den deutschen Stahlmagnaten Fritz Thyssen geworden. 1934, also ein Jahr nach Errichtung des Dritten Reiches, hatte es Prescott Bush, Seniorpartner bei Brown Bros. Harriman, zum Direktor bei der Union Banking Corporation gebracht, die in den USA für den deutschen Montankonzern Vereinigte Stahlwerke AG tätig war. 1926 war ein enger Freund von Prescott Bush, der einflußreiche Wall-Street-Investmentbankier Clarence Dillon vom Investmenthaus Dillon Read & Co., im Auftrag von Thyssen an der Gründung der Vereinigten Stahlwerke beteiligt; er selbst hatte zwei Sitze im Vorstand des neuen Montankonzerns inne.“ (Ebd., S. 191).

„Offiziell wurde die Union Banking Corporation (UBC) 1924 in den New Yorker Büroräumen von W A. Harriman & Co. gegründet. Die UBC war eng mit der niederländischen Bank voor Handel en Sheepvaart (BHS) liiert, die wiederum Thyssen gehörte. Die UBC war das Vehikel, mit dem unter Zuhilfenahme der niederländischen BHS Gelder vom Thyssen-Unternehmen über den Atlantik in die USA sowie von dort nach Deutschland geschleust wurden. Das Investmenthaus Brown Bros. Harriman - d.h. Prescott Bush und Averell Harriman, der übrigens, wie Bush, ebenfalls in Yale der Geheimgesellschaft Skull & Bones (**) angehört hatte - fungierte also als Manager für Thyssens Finanzoperationen außerhalb Deutschlands.“ (Ebd., S. 191).

„Im Jahr 1942 unterzeichnete Leo T. Crowley, der Alien Property Custodian (Treuhänder ausländischer Vermögen) der US-Regierung, die »Vesting Order No. 248« zur Beschlagnahmung des Vermögens von Prescott Bush gemäß dem »Trading with The Enemy Act«. Diese Verfügung wurde aber nur in einigen schwer zugänglichen Aktenverzeichnissen der US-Regierung veröffentlicht und von der Presse nicht aufgegriffen. Außerdem hieß es in diesem Papier lediglich, die Union Banking Corporation sei tätig gewesen im Auftrag der »Thyssen-Familie aus Deutschland ..., Staatsbürger ... eines als feindlich bezeichneten Landes«“ (Ebd., S. 191).

„Als Ermittler des US-Kongresses nach dem Krieg die Thyssen-Strukturen, die Union Banking Corporation und andere Betriebe mit Nazi-Verbindungen untersuchten, gaben sie bekannt, daß die Vereinigten Stahlwerke während des Dritten Reiches die folgenden prozentualen Anteile der deutschen Gesamtproduktion hergestellt hatten: 50,6 Prozent des gesamten Roheisens, 41,4 Prozent des Universalblechs, 30,6 Prozent des Grobblechs, 38,5 Prozent der Gesamtproduktion von galvanisiertem Blech, 45,5 Prozent aller Rohre und Leitungen, 22,1 Prozent aller Drähte, 35,0 Prozent der Sprengstoffe. Die Vereinigten Stahlwerke spielten also eine erhebliche Rolle bei der Rüstungsproduktion.“ (Ebd., S. 191-192).

„Bei genauerer Betrachtung ging es bei der weitreichenden und wenig bekannten Beteiligung der Familien Rockefeller, Harriman und Bush an der lebenswichtigen Unterstützung für die Kriegsvorbereitungen des Dritten Reiches um viel ehrgeizigere Ziele als nur um ihre Sympathie für die Philosophie und Methoden in Hitler-Deutschland .... Ihr Ziel bestand nicht etwa darin, ein siegreiches Deutschland zu unterstützen, sondern sie wollten einen Weltkrieg, aus dem dann nach 1945 ein US-Amerikanisches Jahrhundert, genauer gesagt ein »Rockefeller-Jahrhundert«, hervorgehen sollte.“ (Ebd., S. 192).

„Bush, Rockefeller, Harriman, DuPont und Dillon waren maßgeblich daran beteiligt, dem Dritten Reich in seiner Frühphase wichtige Unterstützung zukommen zu lassen, denn das gehörte zu ihrem großen geopolitischen Plan, die europäischen Großmächte, besonders Deutschland und Rußland (Sowjetunion), dazu zu bringen, sich gegenseitig zu zerstören. Wie erwähnt sprach ein britischer Stratege davon, diese beiden Mächte »sollten einander zu Tode bluten«, und das sollte den Weg für die Hegemonie des US-Amerikanischen Jahrhunderts ebnen. Das war die eigentliche Absicht der von Rockefeller finanzierten War & Peace Studies.“ (Ebd., S. 192).

„Zusätzlich zu den Geschäften der Rockefellers in Deutschland und Rest-Europa während des Zweiten Weltkriegs sollte Nelson Rockefeller in Lateinamerika eine strategisch wichtige Rolle dabei spielen, die unenneßlichen Rohstoffe zu sichern und die nötigen politischen Bündnisse zu schmieden, die man nach dem Krieg für den Aufbau des us-amerikanischen Empires nutzen wollte.“ (Ebd., S. 192).

 

Der Aufbau des Rockefeller-Imperiums in Lateinamerika

„Während des Zweiten Weltkriegs war Nelson Rockefeller mit der Aufgabe betraut, in Lateinamerika vor der Gründung der CIA die geheimdienstlichen und verdeckten Operationen der USA zu koordinieren. Er war die direkte Verbindung zwischen Präsident Franktin Roosevelt und Sir William Stephenson, dem persönlichen Geheimdienstchef für ganz Amerika des britischen Premierministers Winston Churchill. Sir Stephenson leitete ein Deckunternehmen namens British Security Coordination oder BSC. Bezeichnenderweise befand sich das geheime Hauptquartier für Stevensons verdeckte Aktivitäten im Rockefeller Center in New York City, und zwar in Raum 3603, d.h. ganz in der Nähe von Nelsons eigenem Büro. Das war kein Zufall. Rockefeller und Stephenson stimmten die beiderseitigen Geheimdienstoperationen in Nord- und Südamerika eng miteinander ab, wobei Rockefeller allerdings bereits die Übernahme der besten britischen Anlagewerte in dieser Weltregion vorbereitete.“ (Ebd., S. 193).

„In Washington installierte Rockefeller ein von ihm handverlesenes Team, das aus engen Geschäftspartnern seiner Familie bestand. Dazu gehörten auch Joseph Rovensky von der Chase Bank und Will Clayton, ein Baumwollmagnat aus Texas von der Firma Anderson Clayton, ein Unternehmen, das landwirtschaftliche Produkte herstellte. Nelsons Assistent John McClintock betrieb nach dem Krieg in ganz Zentralamerika die riesigen Plantagen der United Fruit Company, in deren Auftrag die CIA 1954 einen Putsch in Guatemala inszenierte.“ (Ebd., S. 193).

„Nelson Rockefellers Tätigkeit während des Krieges legte die Basis für die massive Ausweitung der Familieninteressen in den 1950er Jahren. Er entwarf ein gemeinsames Verteidigungskonzept für die USA und Lateinamerika, das die Militärelite in Lateinamerika im Kalten Krieg an die USA binden sollte. Oft genug geschah dies durch rücksichtslose Militärdiktatoren, die von der Unterstützung durch die Familie Rockefeller profitierten und die von den Rockefeller-Interessen bei ihren Geschäften eine Vorzugsbehandlung genossen. Nelson nannte diese von ihm unterstützten kooperativen lateinamerikanischen Militärdiktatoren »das neue Militär«. Einige Jahre später sollte dieses Konzept das Vorbild für die NATO werden.“ (Ebd., S. 193).

„Seit den 1930er Jahren hatte Nelson Rockefeller bei den Investitionen us-amerikanischer Unternehmen in Lateinamerika eine Vorreiterrolle gespielt. Damals war er Direktor von Creole Petroleum, der Tochtergesellschaft von Standard Oil in Venezuela. 1938 hatte er den Versuch unternommen, mit dem damaligen mexikanischen Präsidenten Lazaro Cárdenas über eine Niederlassung für Standard Oil in Mexiko zu verhandeln, hatte damit aber keinen Erfolg. Vielmehr hatte Cárdenas Standard Oil verstaatlicht, was die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko vergiftete.“ (Ebd., S. 194).

„In den 1940er Jahren gründete Nelson Rockefeller die Mexican-American Development Corp. (als ob Mexiko nicht zum Kontinent Amerika gehörte [HB]), und nach dem Krieg war er Privatinvestor in der mexikanischen Industrie. Er ermunterte seinen Bruder David Rockefeller, die Lateinamerika-Abteilung der Chase Bank zu gründen.“ (Ebd., S. 194).

„Während des Krieges hatte Nelson Rockefeller als Chef von Roosevelts CIAA ein Netzwerk von Journalisten und Herausgebern großer Zeitungen in ganz Lateinamerika aufgebaut. Dabei drohte er neutralen lateinamerikanischen Zeitungsherausgebern an, sie von der Versorgung mit kanadischem Zeitungspapier abzuschneiden. Schon bald brüstete sich Rockefeller damit, er kontrolliere 1200 Zeitungsherausgeber in Lateinamerika, weil diese ansonsten kein Zeitungspapier mehr erhalten würden - die Lieferungen erfolgten mit us-amerikanischen Schiffen.“ (Ebd., S. 194).

„Rockefellers Pressestab versorgte dann ganz Lateinamerika mit us-amerikafreundlichen Stories, die natürlich besonders wohlgesonnen gegenüber den Geschäftsinteressen der Rockefellers in Südamerika waren. Unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Einflusses der Nationalsozialisten in Lateinamerika legten Nelson Rockefeller und seine Brüder die Grundlage für ihr riesiges privates Geschäftsimperium in der Nachkriegszeit.“ (Ebd., S. 194).

„Während Nelson Rockefeller als Koordinator für den US-Geheimdienst in Lateinamerika für die us-amerikanische Regierung arbeitete, lieferten die Rockefeller-Banken und Standard Oil lebenswichtige Rohstoffe an das Dritte Reich und leisteten aktive Finanzhilfe. Bis zum Moment der Kriegserklärung der USA im Dezember 1941 war Standard Oil rund um die Uhr damit beschäftigt, dem deutschen Militär unverzichtbare Ölprodukte zu liefern. Als die Tanker von Standard Oil, die illegal nach Europa unterwegs waren, durch eine britische Seeblockade gestoppt wurden, sorgte Farish von Standard Oil dafür, daß das Öl nach Rußland und von dort über die Transsibirische Eisenbahn nach Berlin transportiert wurde; oder aber von Rußland nach Nordafrika - konkret Casablanca, das damals von der nazi-freundlichen Vichy-Regierung Frankreichs kontrolliert wurde. Die Öllieferungen der Rockefellers von ihren Ölfeldern in Südamerika, vor allem Venezuela, wurden ergänzt durch eine Vereinbarung zwischen der IG Farben und Farish von Standard Oil, in der festgelegt wurde, daß Standard Oil seine Ölfelder im rumänischen Ploesti an den deutschen Industriekonzern IG Farben verpachtete.“ (Ebd., S. 194-195).

„Die IG Farben ihrerseits finanzierte in Rumänien zum Schutz der Ölleitungen die Aufstellung der Eisernen Garde von General lan Antonescu. Um die Öllieferungen von Standard Oil an die Achsenmächte, also auch an Mussolinis Italien, zu sichern, ließ Farish die Tanker von Standard Oil nicht wie bisher unter deutscher, sondern unter panamesischer Flagge registrieren. Dadurch erhielt er von James Forrestal, dem damaligen Staatssekretär im US-Marineministerium, die Freistellung vor einer möglichen Beschlagnahmung. Dieser Forrestal saß gleichzeitig als Vizepräsident im Vorstand der General Analine & Film, dem gemeinsamen Unternehmen von Standard Oil und IG Farben.“ (Ebd., S. 195).

„Entgegen Farishs Versicherung an die us-amerikanischen Behörden, er habe die Öllieferungen über Rockefeller-Außenposten wie Brasilien oder Teneriffa gestoppt, gingen diese Lieferungen illegal bis nach dem Angriff auf Pearl Harbor weiter. Farish war damals übrigens auch Mitglied im War Petroleum Board der US-Regierung.“ (Ebd., S. 195).

„Während die Rockefeller-Gruppe durch das Wirken von Nelson Rockefellers CIAA aktiv daran arbeitete, sich den lateinamerikanischen »Lebensraum« in Lateinamerika zu sichern, arbeiteten die Partner der Rockefellers in der deutschen Industrie aktiv an ihrer eigenen Version vom »Lebensraum«.“ (Ebd., S. 195).

 

Die Lehren der britischen Geopolitik außer Acht gelassen

„»Wer Osteuropa regiert, beherrscht das Herzland;
wer das Herzland regiert, beherrscht die Weltinsel;
wer die Weltinsel regiert, beherrscht die gesamte Welt.«
(Halford Mackinder, 1919).“

Es gibt einen (scheinbaren) Widerspruch in der Rolle der führenden Kreise des Council on Foreign Relations und der Internationalisten im Umkreis der Rockefeller-Gruppe. Einerseits finanzierten sie die War & Peace Studies des CFR, deren Autoren erklärtermaßen einen detaillierten Plan für die weltweite Hegemonie US-Amerikas nach dem Krieg entwerfen wollten -für ein US-Amerikanisches Jahrhundert. Andererseits haben die Rockefellers, Standard Oil und Unternehmen wie Dow Chemicals und DuPont aber anscheinend in erheblichem Maße die Aufrüstung des Dritten Reichs unterstützt, und zwar mit einer Energie, die weit darüber hinausging, daß sie sich von den täglichen Geschäften mit dem Dritten Reich einen erheblichen Gewinn versprachen.“ (Ebd., S. 199).

„Doch dieses scheinbare Paradox löst sich auf, wenn man die us-amerikanische Geopolitik in dem Sinne versteht, wie Isaiah Bowman vom CFR und Nicholas Spykman von der Universität Yale sie auffaßten. Bowman und Spykman hatten die wesentlichen Aspekte der Ideen des Briten Halford Mackinder zu einer besonderen us-amerikanischen Form der Geopolitik geformt - der eines us-amerikanischen Empires.“ (Ebd., S. 199).

„Für die us-amerikanischen Eliten im Umfeld des CFR war Krieg lediglich ein Instrument der Politik, ihr weltweites Finanzimperium nach dem Krieg auszuweiten und einen us-amerikanischen »Lebensraum« zu schaffen, der nicht nur das Britische Empire, sondern auch das Deutsche Reich und jede andere mögliche europäische Kontinentalmacht ersetzte. Wie aus Spykmans Worten hervorgeht, war ihnen bei dem Versuch, einen noch größeren us-amerikanischen Lebensraum durch die Eroberung und Unterwerfung neuer Märkte im Gefolge ihrer Kriege zu schaffen, nur allzu bewußt, daß das, was die Welt Frieden nannte, in Wirklichkeit nur ein »einstweiliger Waffenstillstand« war - bis die mögliche Ausbeutung einer bestimmten Weltregion erschöpft war und ein neuer Eroberungskrieg nötig wurde. Mit großer geopolitischer Voraussicht schrieb Spykman 1938: »Wenn die Träume einer Europäischen Konföderation nicht Wirklichkeit werden, dann ist es sehr gut möglich, daß in 50 Jahren das Quadrumvirat der Weltmächte von China, Indien, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gebildet wird.« (Unerläßliche, also notwendige Voraussetzung dafür war aber - wie schon mehrfach gesagt -, daß der größte, ja einzige Konkurrent der USA zerstört werden mußte: Deutschland! [HB]). Das also verstanden Spykman, Bowman und die führenden Kreise im Umfeld der Rockefeller-Dynastie unter internationaler Politik. Gegenüber dem berühmten Diktum von Clausewitz, der Krieg sei eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, war dies eine bedeutsame Veränderung.“ (Ebd., S. 199-200).

„Wenn die Führung des einflußreichen britischen Round Tables die grundlegenden geopolitischen Anforderungen Deutschlands nicht verstand, so herrschte auch bei den Deutschen - und bei Hitler ganz besonders - ein verhängnisvolles Mißverständnis über die Grundzüge der britischen Geopolitik, aus welchen Gründen auch immer.“ (Ebd., S. 200).

„Bevor jedoch das US-Amerikanische Jahrhundert zur dominierenden Weltmacht werden konnte, wie es Rockefeller, Isaiah Bowman und die Eliten im Umkreis des New Yorker Council on Foreign Relations planten, mußten sich alle potenziellen Rivalen in einem großen Massaker gegenseitig vernichten. Nur dann ließe sich mit Sicherheit ausschließen, daß ... das Deutsche Reich das Machtvakuum ... ausfüllen könnte, das nach einem Zusammenbruch Frankreichs und seiner Alliierten entstanden wäre.“ (Ebd., S. 200).

„Von Washington aus unterhielt Franklin Delano Roosevelt eine geheime Korrespondenz mit Churchill, und zwar schon lange bevor die USA im Dezember 1941 in den Krieg eintraten. Churchill, der gerissene und absolut prinzipienlose Verfechter der Interessen des Britischen Empires, versuchte, seine Verbindungen zum us-amerikanischen Präsidenten dahingehend auszunutzen, daß er so viel wie möglich für England dabei herausschlagen konnte. Zu den größten Rätseln der Anfangsjahre des Zweiten Weltkriegs in Europa gehört die Frage, warum Hitler nicht zuerst England in die Knie zwang - was in Dünkirchen leicht möglich gewesen wäre -, bevor er sich definitiv nach Osten wandte und gegen die Sowjetunion losschlug.“ (Ebd., S. 200).

„Der fürchterliche Zweite Weltkrieg war ein gewaltiger Zusammenstoß widerstrebender geopolitischer Strategien um die Vorherrschaft. Die traditionelle geopolitische Strategie Großbritanniens bestand darin, Kontinentaleuropa zu spalten und die Meere zu beherrschen. Churchills beispiellose Entscheidung, sich mit ... den Vereinigten Staaten, im Krieg gegen Deutschland zu verbünden, beruhte auf der Kalkulation, nur so könnte die weltweite Vormachtstellung des Britischen Empires gerettet werden. (In Wirklichkeit war das Britische Empire zu diesem Zeitpunkt längst so gut wie tot! [HB]).“ (Ebd., S. 200-201).

„Die Opposition gegen Hitler innerhalb der deutschen Großindustrie und Hochfinanz sowie bei hochrangigen Militärs beruhte auf den geopolitischen Plänen dieser Kreise, einen Wirtschaftsimperialismus anstelle eines militärischen Imperialismus’ zu errichten - eine »penetration pacifique«, ein »Drang nach Osten«, der sich gegen Osteuropa und schließlich auch gegen die Sowjetunion richtete. Hitler verfocht die geopolitische Strategie eines Lebensraums, der die brutale militärische Unterdrückung der slawischen Völker forderte, während die deutsche Großindustrie versuchte, dieselben Gebiete durch wirtschaftliche Mittel statt durch Krieg zu erobern.“ (Ebd., S. 201).

„Die Vereinigten Staaten und insbesondere die Internationalisten im Umkreis von Präsident Roosevelt wie Rockefeller, DuPont, Prescott Bush und der Council on Foreign Relations verfolgten einen ganz eigenen geopolitischen Plan. Sie wollten Hitler und Deutschland unterstützen und ausnutzen, um damit ein für alle Mal die Möglichkeit auszuschalten, daß Deutschland erneut zum Herausforderer eines us-amerikanischen Lebensraums werden könnte. Sie wollten die us-amerikanische Überlegenheit über die vom Krieg verwüsteten Länder Deutschland, England und Stalins Sowjetunion durchsetzen. Die Rockefellers und ihre Freunde waren genauso wenig »deutschfreundlich«, wie sie »englandfreundlich« waren. Sie wollten ein US-Amerikanisches Jahrhundert, und vor allem eines für Rockefeller, und zwar in einem fast monarchistischen Sinne. Ihre Ailianzen, mal mit Deutschland, mal mit der Sowjetunion oder England, waren für sie lediglich taktische Manöver auf dem Weg zur Erfüllung ihres strategischen Endziels: die weltweite Hegemonie US-Amerikas, ihr us-amerikanisches »Manifest Destiny«, ihr »Lebensraum« bzw. »Grand Area«.“ (Ebd., S. 201).

„Fritz Hesse, Ribbentrops England-Berater im deutschen Außenministerium, glaubte, Hitlers entscheidender Fehler habe in seiner fatalen Unverständnis der Axiome der britischen Geopolitik bestanden. Der »Führer« habe nicht verstanden, warum Churchiil eine Einigung mit Hitler über die Aufteilung der Welt noch nicht einmal in Erwägung ziehen wollte. Und das zu einer Zeit, als das Überleben Englands selbst alles andere als gesichert zu sein schien.“ (Ebd., S. 201).

„Ebenso wurde Hesse klar, daß auch die Spitzen der deutschen Opposition gegen Hitler dies nicht verstanden, sei es aus schwer verständlicher Naivität oder aufgrund einer verdrehten Arroganz. Diese Männer im deutschen Außenministerium, im Generalstab der Wehrmacht oder in den Führungsetagen des deutschen Bankwesens oder der Industrie - also Hitlers interne Opposition im deutschen Establishment - verstanden einfach nicht die Bedeutung der geopolitischen Axiome. Aufgrund dieses Denkfehlers war ihr Bestreben, die Politik des Dritten Reiches zu bestimmen und 1940 zu einem Modus Vivendi mit England zu kommen, zum Scheitern verurteilt.“ (Ebd., S. 202).

„Selbst wenn Chamberlain damals den politischen Kurs hätte ändern wollen - er hatte sich bereits zu sehr auf eine Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler festgelegt. Deshalb konnte er sich den starken Widerstand von hochrangigen Oppositionellen im deutschen Generalstab und in dessen Umkreis, die Hitlers Politik klar ablehnten, den Streit über den Danziger Korridor mit militärischen Mitteln zu lösen, nicht zunutze machen.“ (Ebd., S. 202-203).

„Weniger offensichtlich war, warum Churchill den Widerstand in Deutschland nicht unterstützte, als er im Mai 1940 als erklärter Gegner von Chamberlains Beschwichtigungspolitik an die Macht gekommen war. Hätte der neue englische Premierminister in dieser Frühphase des Krieges den deutschen Widerstand unterstützt, dann hätte die militärische Bedrohung, die Hitler für Europa - und ganz direkt natürlich für England selbst - darstellte, entscheidend verringert, wenn nicht sogar völlig ausgeschaltet werden können.“ (Ebd., S. 203).

„Als Churchill im Mai 1940 seine Amtsräume in 10 Downing Street bezog, hatte die deutsche Wehrmacht Polen, den größten Teil der Tschechoslowakei, Österreich, Dänemark, Norwegen, Belgien, Holland, Luxemburg und ganz Frankreich besetzt (Österreich mußte nicht »besetzt werden, sondern lediglich seinem Wunsch entprechend angeschlossen werden! [HB]). Es bestanden eine Militärallianz zwischen Deutschland und Italien sowie eine gute Zusammenarbeit Hitlers mit Francos neutralem Spanien. Zudem hatte Deutschland mit Stalins Sowjetunion eine Vereinbarung über die Aufteilung des restlichen europäischen Kontinents getroffen.“ (Ebd., S. 203).

„England sah sich also vollständig isoliert und von allen Alliierten auf dem Kontinent, die die Hauptlast des Kampfes hätten tragen können, abgeschnitten. Es gab dort keinen Kandidaten, der zusammen mit England hätte kämpfen können, so wie es Frankreich im Jahre 1914 getan hatte. Churchill wußte auch nur zu gut, daß die Vereinigten Staaten nicht bereit waren, ihre jungen Männer in einen erneuten Krieg in Europa zu schicken.“ (Ebd., S. 203).

„Churchill wußte über die Bedeutung des Widerstands in Deutschland. Schon bevor er in die Regierung Chamberlain eingetreten war, war Churchill die Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit der hochrangigen Kräfte in Deutschland bewußt, die versuchten, einen neuen Krieg zu verhindern.“ (Ebd., S. 203-204).

„Er hatte einige der wichtigsten Männer des Widerstands gegen Hitler aus der deutschen Elite getroffen, darunter Ewald von Kleist-Schmenzin, ein Aristokrat und pommerscher Junker, der Cousin und Mitstreiter des Generals Erwin von Kleist war. Churchill hatte Ewald von Kleist im Sommer 1938 auf sein Landgut in Chartwell eingeladen, um mit ihm über die Lage in Deutschland zu sprechen. Ein Jahr später, im August 1939, also unmittelbar vor Hitlers Einmarsch in Polen, hatte sich Churchill auf Veranlassung von Admiral Canaris, dem Chef der deutschen Spionageabwehr, mit Kleists engem Freund aus dem deutschen Widerstand, Fabian von Schlabrendorff, getroffen. Churchill wußte genau, wie ernsthatt und einflußreich der institutionelle Widerstand gegen Hitler war.“ (Ebd., S. 203-204).

„Warum es der britische Premierminister ablehnte, den Widerstand gegen Hitler zu unterstützen oder auch nur zu ermutigen, gehört zu den größten Paradoxa des Zweiten Weltkriegs. Aber ein Paradox war es nur für jemanden, der die Axiome der britischen Geopolitik nicht verstand. Chamberlain und Churchill waren sich in einem grundlegenden, strategischen Punkt einig. Die geopolitischen Ziele Englands, wie sie diese verstanden, waren von dem Widerstand im deutschen Militär, in der Zivilverwaltung und in der Industrie mindestens genauso, wenn nicht sogar noch stärker, bedroht wie von Hitler selbst. (Das war auch der Grund z.B. dafür, daß nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland nicht der Nationalsozialismus, sondern dessen Widerstand - der Konservat[iv]ismus und insbesondere das nicht zufällig fälschlicherweise als »Militarismus« bezeichnete Preußentum innerhalb Deutschlands - zerstört wurde! [HB]).“ (Ebd., S. 204).

„Wie Hesse richtigerweise behauptet hatte, war es für England gleichgültig, welche der beiden Gruppen in Deutschland an der Macht war. Solange Deutschland die eurasische Landmasse zu beherrschen drohte, war es für die britische Geopolitik der wichtigste strategische Rivale. Schon lange bevor Sir Halford Mackinder 1904 seine These vom Kampf »Herzland gegen Weltinsel« aufgestellt hatte, versuchte Großbritannien gemäß seiner geopolitischen Doktrin des Machtgleichgewichts (»balance of power«) zu verhindern, daß eine kontinentaleuropäische Macht die Herrschaft über Eurasien gewann.“ (Ebd., S. 204).

„Hesse war mit Mackinders geopolitischen Vorstellungen vertraut und zitierte ihn sogar, um seine Argumentation zu untermauern. Er hatte verstanden, welche Motive die von Mackinder formulierte angelsächsische - und us-amerikanische - Geopolitik antrieben. Hesse unterstrich, daß das völlige Unverständnis der kontinentaleuropäischen Mächte, insbesondere Deutschlands, dieser Motive schon im vorangegangenen Jahrhundert der eigentliche Grund für die wiederholten Kriege gewesen war. Denn weder Großbritannien noch später auch die USA hätten zulassen können, daß eine kontinentaleuropäische Macht unangefochten den eurasischen Kontinent beherrschte. Mackinder hatte 1919 in seinem Aufsatz ausdrücklich geschrieben: »Wer Osteuropa regiert, beherrscht das Herzland; wer das Herzland regiert, beherrscht die Weltinsel; wer die Weltinsel regiert, beherrscht die ganze Welt. (**).“ (Ebd., S. 204).


„Vgl. Fritz Hesse, Das Spiel um Deutschland, 1953, S. 240. In einer Fußnote über Mackinders 1919 verfaßten Aufsatz »Democratic Ideals and Reality« schreibt Hesse: »Die vorgefaßte Konzeption der Engländer und US-Amerikaner finde ich insbesondere in dem Buch von Sir Halford Mackinder, Democratic Ideals and Reality, London 1919, vertreten. Seine Lehre vom Herzland sowie die des Admirals Mahan haben zu dem völligen Mißverständnis der Politik der Kontinentalmächte geführt, ohne die man die englische und die us-amerikanische Politik in diesem Jahrhundert nicht verstehen kann. Es sind insbesondere diese Gedanken gewesen, aufgrund derer Angelsachsen im Interesse ihrer Sicherheit Deutschland zerschlagen zu müsen glaubten.« (Fußnote S. 240).“ (Ebd., Anmerkung 5).

„Hesse war für die Vertreter des deutschen Widerstands kein Unbekannter. Er verkehrte seit Mitte der 1920er Jahre mit vielen von ihnen per Du, da sie zusammen dem reaktionär-elitären Deutschen Herrenklub des Barons Heinrich von Gleichen-Rußwurm in Berlin angehört hatten. Mitglieder dieses Klubs waren unter anderem auch die Herren, die später zu einflußreichen Männern des Widerstands gegen Hitler werden sollten, wie etwa Ulrich von Hassel, Hjalmar Schacht, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, General Kurt von Hammerstein. Wolf Graf von Baudissin und Baron Thilo von Wilmowsky, von 1911 bis 1943 Mitglied m Aufsichtsrat der Krupp AG.“ (Ebd., S. 204-205).

„Anfang der 1930er Jahre wurde Hesse auch zum Vorsitzenden des Deutschen Orient-Vereins berufen. einer wichtigen Abteilung innerhalb des deutschen Verbands für Geopolitik und Industrie, dem Mitteleuropäischen Wirtschaftstag oder MWT. Dieser Verband war seit 1934 an den strategisch-geopolitischen Vorstößen der deutschen Großindustrie zur Schaffung eines deutschen Großraums, des »Lebensraums«, beteiligt! Deutschlands Großindustrie hatte den MWT bereits 1931 so umgestaltet, daß er ihren Zwecken diente, also bereits zwei Jahre bevor sie die schicksalsträchtige Entscheidung fällten, Hitler den Weg zur Kanzlerschaft zu ebnen.“ (Ebd., S. 205).

 

Wo genau aber liegt dieses „Mitteleuropa“?
- Variante 1 -
Europa
- Variante 2 -
Europa
- Variante 3 -
Europa
- Variante 4 -
Europa
 
Die Problematik bezüglich der Definition von „Mitteleuropa“ betrifft nicht
die Breitengrade (**|**|**), sondern die Längengrade. Variante 1 (**)
zeigt die Ost-Längengrade 0 bis 25 (genau: 10 bis 15), Variante 2 (**)
zeigt die Ost-Längengrade 5 bis 30 (genau: 15 bis 20), Variante 3 (**)
zeigt die Ost-Längengrade 10 bis 35 (genau: 20 bis 25), Variante 4 (**)
zeigt die Ost-Längengrade 15 bis 40 (genau: 25 bis 30) als Mitteleuropa.
 
Welche der vier Varianten in Engdahls Text gemeint ist, ist nicht immer
eindeutig. Es mag daran liegen, daß Engdahl in den USA geboren
und aufgewachsen ist. Er hätte deutlich machen müssen,
wer „Mitteleuropa“ wann und warum wie definiert!
 
Weil aus Engdahls Text nicht eindeutig hervorgeht, wie „Mitteleuropa“
von den Längengraden her verstanden werden soll, gehe ich davon aus,
daß es vielleicht nur bezüglich der Breitengrade verstanden werden soll,
und zwar: zwischen 45 und 55 Grad nördlicher Breite (**|**|**|**).
 
- Mitteleuropa bezüglich der Breitengrade -
Mitteleuropa n.B.
 

Der »Großraum Mitteleuropa« des Dritten Reiches

Die Schlüsselpersonen des späteren Widerstandes gegen Hitler kamen aus den höchsten Kreisen derselben konservativen Familien und Institutionen. die Hitler im Januar 1933 die Kanzlerschaft angeboten hatten. Diese Kreise hatten Hitler damals unterstützt, weil sie ihn für den geeigneten Mann hielten, der ihre eigenen Pläne umsetzen konnte: nämlich die Verluste von Versailles wieder wettzumachen und Deutschland zum Kern ihrer geplanten neuen Ordnung in Europa zu machen. Nach Versailles wurde in der deutschen Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik alles darauf ausgerichtet, daß Deutschland wieder zu einer einflußreichen Weltmacht aufstieg. Nach 1930 konzentrierte sich diese neue Machtstrategie darauf, die Hegemonie in Mitteleuropa (wo aber liegt Mitteleuropa genau [**|**]? [HB]) zu erringen. Nach der Niederlage von 1918 hatten sich die führenden deutschen Kreise auf eine langfristige, geheim gehaltene Strategie geeinigt. Zu diesen Kreisen zählten die Kommandoebene der Reichswehr, die adligen Junker unter den Großgrundbesitzern, die oberen Etagen des deutschen Beamtentums und schließlich die wichtigsten Vertreter von Industrie und Banken - also alle vier Säulen der institutionellen Macht in Deutschland. Sie alle erstrebten ein Ziel: Deutschland sollte auf der weltpolitischen Bühne wieder die Rolle spielen, die dem Land zukam: die einer wirtschaftlichen und politischen Weltmacht. Vor einer Versammlung junger Deutscher faßte Reichpräsident von Hindenburg in den 1920er Jahren den Entschluß dieser Kreise einmal so zusammen: »Was deutsch war, muß wieder deutsch werden.«“ (Ebd., S. 205-206).

„Carl Duisberg von der IG Farben, dem Chemiekartell, das enge Verbindungen zu Rockefellers Standard Oil sowie zu DuPont und anderen führenden US-Unternehmen unterhielt, erläuterte 1931, also zwei Jahre vor Hitlers Machtübernahme, die strategischen wirtschaftlichen Ziele der deutschen Industrie-Elite. Er erklärte, Deutschland müsse »einen geschlossenen, unabhängigen Wirtschaftsblock von Bordeaux bis Odessa als Rückgrat Europas« schaffen. Duisberg sprach dabei nicht nur als Chef des Chemiekonzerns IG Farben, der seit den 1920er Jahren geheime Abkommen mit Rockefellers Standard Oil getroffen hatte. Duisberg sprach auch als Vorsitzender des mächtigen Reichsverbands der Deutschen Industrie.“ (Ebd., S. 206).

„Nach Duisbergs Vorstellungen sollte der Wirtschaftsblock von Bordeaux bis Odessa ein von Deutschland dominiertes Gebiet sein, das sich über das europäische Herzland erstreckte bzw. über das Gebiet, das die NSDAP-Propaganda als »Lebensraum« bezeichnete. Um diesen Wirtschaftsraum Mitteleuropa (wo aber liegt Mitteleuropa genau [**|**]? [HB]) ... zu errichten, setzten die Wirtschaftskapitäne eine private Interessenvertretung ein, die als MWT - Mitteleuropäischer Wirtschaftstag - bekannt war.“ (Ebd., S. 206).

„Im August 1931, also mitten in der sich verschärfenden Weltwirtschaftskrise, machten die großen Unternehmen des deutschen Stahlkartells, die als Langnamverein bekannt waren, den MWT zum Instrument zur Verbreitung ihrer Pläne für eine wirtschaftliche Expansion. Für sie bedeutete die internationale Wirtschaftskrise eine Gelegenheit, auf internationaler Ebene Initiativen in Gang zu setzen, an die man zuvor nicht zu denken gewagt hätte. Um den MWT - eine damals in Wien ansässige, kaum noch aktive Organisation - zu kooptieren, übernahmen diese Kreise dessen Finanzierung, verlegten die Zentrale nach Berlin und machten einen der ihren, den Baron Thilo von Wilmowsky, zum Vorsitzenden des MWT. Dieser, ein Schwager des einflußreichen Industriemagnaten Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, hatte als Vorstandsmitglied des Stahl- und Rüstungsriesen Krupp in den 1920er Jahren die Geschäfte für Krupp in der Sowjetunion geführt. Einen Monat später, im September 1931, übernahm Gustav Krupp von Carl Duisberg die Leitung des Reichsverbands der Deutschen Industrie.“ (Ebd., S. 206-207).

„Zu den finanziellen Stützen des MWT gehörten die führenden deutschen Industrieverbände. Zu Krupp und dem Lagnamverein als Vertreter der Stahlindustrie gesellten sich dabei die IG Farben für den Chemiesektor, das Kohlebergbaukartell aus dem Ruhrgebiet, das Kaliumkartell, die großen Landwirtschaftsinteressen der ostpreußischen Junker, der Deutsche Maschinenbauverband und der Reichsverband der Deutschen Industrie als einflußreichste Vertretung der deutschen Großindustrie. Auch der damalige Chef der Dresdner Bank, Carl Goetz, und Hermann Abs von der Deutschen Bank gehörten zu den prominenten Mitgliedern des neu formierten MWT.“ (Ebd., S. 207).

„Unter Baron von Wilmowsky unterhielt der MWT enge Beziehungen zur staatlichen Verwaltung in Deutschland, besonders zu Oberst (später General) Georg Thomas, dem damaligen Leiter des Heereswaffenamts im Reichswehrministerium, den Wilmowsky später als »unseren Patron« bezeichnete. Als der Druck vonseiten Hitlers zunahm, die Rüstungsproduktion zu steigern, spielte Thomas eine Schlüsselrolle als Verbindungsmann zwischen dem Reichswehrministerium, der militärischen Führung und den Vertretern der Industrie im MWT. Thomas übernahm bis 1942 immer mehr Verantwortung für Entscheidungen des gesamten Rüstungsbereichs in der Wirtschaft des Dritten Reiches. Er entschied darüber, was gebraucht wurde und welche Firma welchen Auftrag erhielt. Durch diesen Prozeß übernahmen die Industrievertreter im MWT Krupp, IG Farben und andere - das Kommando beim Aufbau der Kriegswirtschaft, besonders in der Zeit nach 1934.“ (Ebd., S. 207).

„Ihre Geheimvereinbarungen mit Standard Oil und der Chase Bank von Rockefeller sowie mit DuPont und anderen Industriekreisen in den USA waren für ihre Pläne eminent wichtig, denn dadurch sollte Deutschland in die Lage versetzt werden, den für den kommenden Krieg benötigten synthetischen Kautschuk und synthetisches Benzin herzustellen d.h. die sogenannte wirtschaftliche Autarkie gewinnen. Die Standard-Oil-Gruppe von Rockefeller informierte die Führung der IG Farben jedoch nicht darüber, daß die entsprechenden Herstellungsverfahren noch nicht vollständig entwickelt waren. Die IG Farben und das Deutsche Reich sollten für den Bau des Leunawerkes zur Herstellung synthetischen Benzins atemberaubende Summen aufwenden.“ (Ebd., S. 207).

„In den oberen Etagen des deutschen Außenministeriums ließ der MWT vor allem den zweiten Mann des Ministeriums für sich wirken, Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker, Ulrich von Hassel, der deutsche Botschafter im Vatikan in den 1930er Jahren und wie Wilmowsky Mitglied im Deutschen Herrenklub, wurde Vorstandsmitglied im MWT. In den Jahren ... nach 1933 arbeitete auch Hjalmar Schacht, ebenfalls ein enger persönlicher Freund von Wilmowsky, bei der Umsetzung der wirtschaftlichen Expansionspläne eng mit dem MWT zusammen. Schacht war damals Reichswirtschaftsminister und gleichzeitig Reichsbankpräsident.“ (Ebd., S. 208).

„Im Oktober 1932, einige Monate vor Hitlers Machtübernahme als Reichskanzler, war der MWT in Rom in geheimer Mission unterwegs zu einem Treffen mit dem faschistischen Diktator Benito Mussolini. Der Plan war in Zusammenarbeit mit dem Reichsaußenministerium und der Reichswehr geschmiedet worden. Bei dem Treffen sollte ein vertrauliches Memorandum übergeben werden. In diesem Papier schlugen der MWT und seine einflußreichen Unterstützer im deutschen Establishment vor, Deutschland und Italien sollten gemeinsam Mitteleuropa (wo aber liegt Mitteleuropa genau? [**|**]? [HB]) unter sich aufteilen.“ (Ebd., S. 208).

„In dem inoffiziellen Memorandum wurde eine wirtschaftliche Einflußsphäre Italiens in Südosteuropa vorgesehen, wobei Mussolini ein großer Teil von Rumänien sowie Serbien, Bulgarien, Albanien und Griechenland zugestanden wurde. Deutschland beanspruchte Polen und die Tschechoslowakei als vorrangige Interessensphäre und beabsichtigte, die Zollunion mit Österreich aus dem Jahre 1931 wieder einzurichten und weiter auszubauen. Österreich hatte, wie erwähnt. die Zollunion unter dem starken Druck Frankreichs aufgeben müssen. Damit erhielte Deutschland auch den direkten Zugriff auf die ungarische Wirtschaft.“ (Ebd., S. 208).

„Eine aus Ungarn, Kroatien-Slowenien und dem transsylvanischen Teil Rumäniens bestehende Donauföderation sollte dann genau umrissene bevorzugte Zoll- und Handelsvereinbarungen mit Deutschland und Italien treffen. Das Königreich Jugoslawien sollte aufgeteilt werden, und zwar mit Hilfe höherer deutscher und italienischer Geldzuwendungen und Waffenlieferungen an die Pavelic-Truppen, die damals gegen König Alexander I. kämpften. In dem Memorandum wurde genau beschrieben, wie die Teilung dieses reichen zentralen Balkanlandes erfolgen würde; in einer Rückkehr zum Status vor Versailles würden Slowenien und Kroatien dem deutschen Wirtschaftsraum, Serbien dagegen Mussolini zugeteilt.“ (Ebd., S. 208).

„In den internen Diskussionen ließen die Vertreter des MWT keinen Zweifel daran aufkommen, daß die vorgeschlagene Aufteilung Mitteleuropas zwischen Deutschland und Italien unter deutschem Kommando vor sich gehen würde. Die wirtschaftlich und militärisch schwächeren italienischen Firmen würden schrittweise von den gewandteren deutschen Firmen in den Hintergrund gedrängt.“ (Ebd., S. 209).

„Der einzige Teil der wirtschaftlichen Expansion des MWT, die sogenannte »penetration pacifique« (friedliche Durchdringung) von Duisberg und Krupp, bei dem kein Fortschritt erzielt werden konnte, waren die Beziehungen zu Stalins Sowjetunion, die Mitte der 1930er Jahre Deutschland als wichtigste strategische Bedrohung betrachtete. Doch auch das sollte sich schon bald dramatisch ändern. Wie Sohn-Rethel betont, hatte das Deutsche Reich schon seit 1935 insgeheim darauf hingearbeitet, die Sowjetunion in den Krieg hineinzuziehen.“ (Ebd., S. 212).

 

Der Wirtschaftsraum Eurasien

„Nachdem Hitler der Geduldsfaden gegenüber dem polnischen Außenminister Josef Beck gerissen war, entschloß er sich, Stalins durchtriebenen Vorschlag zur Aufteilung Polens anzunehmen. Am 23. August 1939 wurde in Moskau der Nichtangriffspakt von Molotov und Ribbentrop unterzeichnet, was dann bereits Anfang September 1939 zur militärischen Besetzung und Zerstückelung Polens führte.“ (Ebd., S. 217).

„Der Pakt mit der Sowjetunion führte dazu, daß jeglicher ernsthafte Widerstand gegen Hitler in Becks Generalstab und anderen Institutionen in sich zusammenbrach. Obwohl England und Frankreich Deutschland den Krieg erklärt hatten, um ein Zeichen zur Verteidigung Polens zu setzen, war es von ihrer Seite eher ein »vorgetäuschter Krieg«. Darüber hinaus schienen die Aussichten auf eine strategische Allianz mit der Sowjetunion einen mehr als genügenden Ausgleich für die Unpäßlichkeit zu geben, daß man sich theoretisch im Krieg gegen England und Frankreich befand. Vielleicht wäre ja schon bald alles vorbei, könnten die Männer des deutschen Widerstands gegen Hitler gedacht haben.“ (Ebd., S. 217).

„Außerdem ging der Nichtangriffspakt Deutschlands mit der Sowjetunion mit einem weitreichenden deutsch-sowjetischen Handels- und Kreditabkommen einher. Im Zuge dieses Wirtschaftspakts erhielt die UdSSR eine sofortige Kreditlinie von bis zu 200 Millionen Reichsmark zum Kauf von deutschen Industriegütern. Im Gegenzug lieferte die Sowjetunion Öl und Rohstoffe an die deutsche Industrie.“ (Ebd., S. 217).

„Artikel I des Handels- und Kreditabkommens sah ausdrücklich »den Bau von Fabriken, die Lieferung aller Arten von Maschinen und Werkzeugmaschinen, Ausrüstung zum Aufbau einer Naphtha-Industrie, einer sowjetischen Chemieindustrie, die Ausrüstung für eine elektrotechnische Industrie, Schiffe, Fahrzeuge, Transportausrüstung, Meßinstrumente, Laborausrüstung ...« vor. Der Anfangskredit von 200 Millionen Reichsmark, den Moskau für den Kauf deutscher Industriegüter erhielt, sollte von der Deutschen Golddiskontbank (Dego) gewährt werden“ (Ebd., S. 217).

„Dieses Handels- und Kreditabkommen mit Stalin eröffnete zumindest theoretisch die Aussicht auf eine weitreichende wirtschaftliche »penetration pacifique« der riesigen Sowjetunion durch Deutschland. Zweifellos unter Mitwirkung des Botschafters des Dritten Reiches in Moskau, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, eines alten Freundes des Barons von Wilmowsky vom MWT, entwarf das Außenministerium unter Freiherr von Weizsäcker ein Memorandum für Ribbentrop, Hitler und das Kabinett. Darin legten sie dar, welche Bedeutung sie den neuen Wirtschaftsabkommen mit Moskau zumaßen.“ (Ebd., S. 217-218).

„Im Außenministerium jubelte man über die Wirtschaftsabkommen mit Moskau. Man schrieb: »Beide Länder werden sich gegenseitig auf natürliche Weise bereichern: Die Sowjetunion, das Land der unbegrenzten Rohstoffquellen und großer langfristiger Wirtschaftsplanung, benötigt in absehbarer Zukunft deutsche Fertigwaren höchster Qualität. Deutschland, das aufgrund seiner ungeheuer spezialisierten Industrie, die höchste Qualität liefert, der jetzt nur teilweise industrialisierten Sowjetunion die benötigten Fabriken und Ausrüstungen für die Entwicklung seines Industriesektors liefern kann. Und Deutschland ist auch unbegrenzt in der Lage, die sowjetische Produktion zu beliefern ....«“ (Ebd., S. 218).

„Deutschlands institutionelles Ziel- das der wirtschaftlichen Beherrschung der riesigen eurasischen Landmasse - schien im Sommer 1940 plötzlich zum Greifen nahe zu sein.“ (Ebd., S. 218).

 

„Neue Ordnung in Europa“

„Seinen höchsten Einfluß im Dritten Reich hatte der Mitteleuropäische Wirtschaftstag (MWT) von Wilmowsky ironischerweise - und obwohl Schacht mittlerweile in Ungnade gefallen war - in den ersten beiden Kriegsjahren; vom August/September 1939 bis zum (Präventiv-)Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 (Operation Barbarossa).“ (Ebd., S. 218).

„Unter den wirtschaftlichen Bedingungen des Hitler-Stalin-Pakts wurde die Rolle der Sowjetunion als lang ersehnter Rohstofflieferant und Abnehmer deutscher Wirtschaftsgüter endlich Wirklichkeit. Unter diesen Bedingungen arbeitete das MWT zusammen mit Hermann Abs von der Deutschen Bank intensiv an der Formulierung von Hitlers geplanter »Neuer Ordnung« - der Konsolidierung eines von Deutschland beherrschten Europas von Bordeaux bis Odessa, oder jetzt sogar noch weit darüber hinaus.“ (Ebd., S. 218).

„Schachts Nachfolger im Wirtschaftsministerium, Walther Funk, war von Göring angewiesen worden, Pläne für eine wirtschaftliche Konsolidierung der Gebiete zu entwerfen, die entweder zuvor von den wirtschaftlichen Beziehungen zum Dritten Reich mit Beschlag belegt oder davon abhängig geworden waren. Am 25. Juli 1940 verkündete Funk die »Neue Ordnung in Europa« gemäß dem Versprechen, Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und gesellschaftliches Chaos in den Ländern zu beenden, die jetzt in der Einflußsphäre von Deutschlands lagen. Dieses Versprechen war ein wohlkalkulierter Kontrast zu Wirtschaftschaos und Depression der liberalen Wirtschaftslehre.“ (Ebd., S. 218-219).

„Funks Assistent beim Reichswirtschaftsministerium war Karl Blessing, ein Schützling von Hjalmar Schacht. Blessing war für die Konsolidierung vieler Wirtschafts- und Bankverbindungen mit den besetzten Gebieten in Europa verantwortlich. Im Sommer 1941, unmittelbar vor dem (Präventiv-)Angriff auf die Sowjetunion (die Sowjetunion war informiert und wegen dieses deutschen Präventiv-Angriffs nicht mehr in der Lage, ihren Angriff auf Europa durchzuführen! [HB]), wurde Blessing von Göring zum stellvertretenden Vorsitzenden des staatlichen Unternehmens Kontinentale Öl AG ernannt. Im Aufsichtsrat dieser Konti Öl saßen unter anderem Reichswirtschaftsminister Walter Funk, Hermann Abs von der Deutschen Bank und Carl Krauch von der IG Farben. Die Konti Öl gehörte zu den zahlreichen Unternehmen, die - insbesondere in Rumänien - über Frontorganisationen mit Rockefellers Standard Oil kooperierten, um die kriegswichtige Benzinversorgung zu sichern.“ (Ebd., S. 219).

„Walter Funks Neue Ordnung sollte aus einem einzigen europäischen Wirtschaftsraum bestehen, aus einem einheitlichen europäischen Markt von »Bordeaux bis Odessa« und darüber hinaus. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den osteuropäischen sowie einigen westeuropäischen Ländern unter der Vorherrschaft von Hitlers Drittem Reich sollten in nationalen Währungen abgewickelt werden, deren Wert an den der Reichsmark gekoppelt war.“ (Ebd., S. 219).

„Berlin sollte Finanzzentrum dieser Neuen Ordnung in Europa werden. Schlußendlich sollten alle Landeswährungen dieses »Neuen Europas« an die Reichsmark gebunden und durch rigide Preiskontrollen der einzelnen Länder aufrechterhalten werden. Gold sollte zugunsten der Bindung an die Reichsmark abgelehnt werden -diese Währungsstruktur war also in etwa vergleichbar mit der Rolle, die der US-Dollar nach dem Verlassen des Goldstandards im August 1971 (**|**) spielte. Mit einer gewissen - zumindest für Deutschland, wenn auch nicht für die besetzten Nachbarn - zwingenden Logik erklärte Funk: »Wir werden niemals eine Währungspolitik verfolgen, die uns in irgendeiner Weise vom Gold abhängig macht, denn wir können uns nicht an ein Zahlungsmittel binden, dessen Wert wir nicht selbst festlegen können.«“ (Ebd., S. 219).

„Schließlich liefen die Überlegungen darauf hinaus, ein Vier-MächteAbkommen zwischen Hitlers Deutschland, Mussolinis Italien, Japan und der Sowjetunion zu bilden, das die gemeinsame wirtschaftliche Kontrolle über die gesamte eurasische Landmasse zwischen dem Atlantik und dem Pazifik ausüben sollte. Genau so eine geballte Machtkonzentration gelte es, so hatte Mackinder seinerzeit die britische Elite gewarnt, um jeden Preis zu verhindern; und genau so etwas würden ihre us-amerikanischen Vettern in Rockefellers Council on Foreign Relations und dessen Umkreis nicht tolerieren - das war zumindest Fritz Hesse nur allzu bewußt.“ (Ebd., S. 219-220).

„Von zentraler Bedeutung für den Aufbau der Neuen Ordnung in Europa war die Rolle der großen Banken in der Reichshauptstadt Berlin, vor allem der Deutschen Bank und der Dresdner Bank. Im Direktorium der mächtigsten Bank in Deutschland, der Deutschen Bank, war Hermann Abs für das gesamte Auslandsgeschäft verantwortlich. Abs trat 1937 auf Empfehlung des damaligen Reichswirtschaftsministers Schacht in den Vorstand der Deutschen Bank ein; er nahm den Posten eines verstorbenen Direktors ein.“ (Ebd., S. 220).

„Das deutsche Bankenmodell, bei dem die Banken Eigentümer der Schlüsselindustrien waren, sollte in die besetzten Gebieten des Neuen Europa exportiert werden, insbesondere in die östlichen Länder. Die Deutsche Bank kontrollierte bereits einen Großteil des tschechoslowakischen Bankenwesens durch den Kauf der Böhmischen Union-Bank; und durch die Übernahme des großen Wiener Creditanstalt-Bankvereins kontrollierte sie auch einen Großteil der Industrie- und Bankgeschäfte in Österreich. Die Dresdner Bank übernahm die Länderbank Wien und die wichtige Böhmische Escompte-Bank in Prag.“ (Ebd., S. 220).

„Die Kontrolle der deutschen Banken über die Geldhäuser in Wien und Prag verschaffte der MWT-Strategie zur Entwicklung des Handels mit Südosteuropa beträchtlichen Aufwind. Durch die Creditanstalt dehnte die Deutsche Bank ihre Interessen im alten Teil des Habsburgerreiches aus, d.h. in Zagreb, Budapest, Lvov und auch Belgrad. Durch die Kontrolle der Prager Banken kontrollierten die deutschen Banken - vollständig oder teilweise -auch die Geschäfte in Preßburg (Bratislava), Belgrad, Sofia und Bukarest. Die Geldhäuser in diesen Ländern wiederum kontrollierten die wichtigsten landwirtschaftlichen Betriebe und Industrieunternehmen in der jeweiligen Region. Zur Rechtfertigung der deutschen Politik zur Konsolidierung der Banken in Osteuropa erklärte das Reichswirtschaftsministerium, das sei »notwendig, um die Rohstoffquellen zu sichern, die für unser wirtschaftliches Wohlergehen so bedeutsam sind«.“ (Ebd., S. 220).

„Die expansive Entwicklung der großen Berliner Banken, der Industrie und des MWT beim Bau der Neuen Ordnung in Europa lief nach dem Besuch des sowjetischen Außenministers Molotov in Berlin am 12. November 1940 aus dem Ruder. Verärgert konfrontierte Molotov Hitler mit dem Vorwurf, Deutschland habe gegen das Abkommen zwischen Molotow und Ribbentrop von 1939 verstoßen, besonders in Finnland und Rumänien. Im Oktober 1940, also nur wenige Tage vor Molotovs Reise nach Berlin, hatte Rumäniens Diktator Ion Antonescu der deutschen Wehrmacht erlaubt, sein Land zu besetzen und damit die unschätzbar wichtigen Ölreserven in Ploiesti für das Dritte Reich zu sichern.“ (Ebd., S. 220-221).

„Bei seinen Berliner Gesprächen mit Hitler betonte Molotov noch einmal nachdrücklich die sowjetischen Ansprüche an Finnland und die Balkanländer, insbesondere Rumänien. Außerdem verlangte Stalin die Kontrolle über die Dardanellen; dieser Schritt bedrohte die Allianz Deutschlands mit Mussolinis Italien.“ (Ebd., S. 221).

„Kurz nach dieser Konfrontation mit Molotov im November 1940 entschied Hitler, die Sowjetunion nicht nur von dem geplanten Vier-Mächte-Abkommen mit Italien und Japan auszuschließen. Am 18. Dezember 1940 befahl Hitler seinem militärischen Oberkommando, unter dem Decknamen Operation Barbarossa die vollständige Zerstörung der Sowjetunion vorzubereiten - also den alten Plan aus dem Jahre 1935 zu realisieren.“ (Ebd., S. 221).

Operation Barbarossa dauerte von Juni bis Dezember 1941 - in einem extrem kalten Winter. Am Einmarsch in die Sowjetunion waren über 4,5 Millionen Soldaten (hauptsächlich der Wehrmacht [HB]) beteiligt. In Hinsicht auf die Zahl der Beteiligten, das durchschrittene Gelände und die Zahl der Gefallenen war diese Operation Barbarossa die größte Militäroperation in der Geschichte der Menschheit.“ (Ebd., S. 221).

„An diesem Scheidepunkt im Juni 1941 brach die gesamte Strategie von Wilmowskys MWT zusammen; der MWT verlor jeglichen Einfluß auf die deutsche Politik. Die MWT -Mitglieder in der deutschen Industrie und den Institutionen des Dritten Reiches definierten ihre Aktivitäten neu und wurden zu dem, war man nach dem Krieg als »Der Widerstand« bezeichnete.“ (Ebd., S. 221).

„Die merkwürdigen Aufs und Abs des aktiven Widerstands dieser Männer gegen Hitlers Kriegspläne nach 1939 bis zum versuchten Attentat auf den »Führer« am 20. Juli 1944 durch Oberst Claus von Stauffenberg können vielleicht nur vor dem Hintergrund der Aufs und Abs der Pläne für Mitteleuropa und Eurasien der deutschen institutionellen Kreise um Schacht, Krupp, General Thomas und Wilmowskys MWT verstanden werden. Englands Premierminister Churchill betrachtete diese Entwick lung eiskalt vom Standpunkt eines britischen Geopolitikers: Für ihn war der deutsche Widerstand gegen Hitler der gefährlichere Gegner. Churchill verstand den deutschen Widerstand nur allzu gut.“ (Ebd., S. 221-222).

„Alfred Sohn-Rethel, Sohn einer konvertierten jüdischen Mutter und eines »arischen« Vaters, mußte 1936 Deutschland verlassen, nachdem die Gestapo Verdacht in Hinblick auf seine Aktivitäten geschöpft hatte. Aus dem französischen Exil schrieb er ausführliche Berichte über die Pläne und seine Erfahrungen in den Kreisen der deutschen Industriellen beim MWT und deren wirtschaftsimperialistische Pläne. Zu den Personen, die seine Schriften erhielten, gehörte der einflußreiche außenpolitische Redakteur der London Times, Wickham Steed, ein Mitglied des britischen Round Tables und ein enger Freund Winston Churchills.“ (Ebd., S. 222).

„Churchill war völlig klar, daß die britische Geopolitik nicht zulassen konnte, daß sich ein Deutschland zu den Bedingungen der erfolgreichen Mitteleuropa-Strategie des MWT als Bedrohung für die britische Vorherrschaft etablierte. Um dieser Bedrohung zu begegnen und um das Britische Empire zu erhalten, mußte er - und auch das begriff Churchill nur allzu gut - eine noch nie da gewesene Sonderbeziehung (später »Special Relationship« genannt) mit Englands anderem Rivalen, den Vereinigten Staaten, eingehen. Roosevelt seinerseits war dazu nur allzu gern bereit - allerdings nur strikt zu us-amerikanischen Bedingungen und nicht entsprechend Churchills Wünschen.“ (Ebd., S. 222).

„Im Spätsommer 1945 hatte mit Japan die letzte der drei Achsenmächte Deutschland, Japan und Italien kapituliert. Dieser Sieg hatte fürchterliche Opfer an Menschenleben gefordert. Im Zweiten Weltkrieg waren über 100 Millionen Soldaten mobilisiert worden; dieser Krieg war der umfassendste Krieg der Geschichte. Im Zustand des »totalen Kriegs« stellten die großen Länder ihre gesamten wirtschaftlichen, industriellen und wissenschaftlichen Fähigkeiten in den Dienst des Krieges und verwischten so die Grenzen zwischen zivilen und militärischen Ressourcen. Über 55 Millionen Menschen, die meisten davon Zivilisten, kamen im Zweiten Weltkrieg ums Leben, der damit auch der blutigste Konflikt in der menschlichen Geschichte war.“ (Ebd., S. 222).

„Am Ende dieses Krieges standen die Vereinigten Staaten von Amerika als unangefochtene Weltmacht da. Ihre Industrie war auf der Grundlage der damals (aus Deutschland geklauten) höchstentwickelten Technik und mit Steuergeldern (und Deutschlands Reapartionszahlungen) wiederaufgebaut worden und hatte Flugzeuge, Panzer, Munition, Bomben und andere Sprengstoffe für den Krieg produziert. Roosevelts New Deal und die großen staatlichen Infrastrukturprojekte vom Hoover- und Colorado-Damm bis zur Tennessee-Stromtal Verwaltung (TVA) lieferten der us-amerikanischen Aluminiumindustrie und den anderen Rüstungsbetrieben die riesigen Energiemengen zu günstigen Preisen. US-Amerikas Chemiebetriebe von DuPont bis Dow Chemical und Hercules Powder hatten sich zu riesigen Unternehmen entwickelt. Und einer dieser Industriegiganten war zur Speerspitze der us-amerikanischen politischen Macht geworden: 1945 standen die Rockefeller-Brüder im Zentrum des entstehenden weltweiten Kolosses namens US-Amerikanisches Jahrhundert.“ (Ebd., S. 222-223).

„US-Amerikas Elitekreise im Umfeld des Council on Foreign Relations und der Wall Street hatten ihre neue globale »Open Door« (Offene Tür) aufgestoßen bzw. die »Grand Area« geschaffen, wie Isaiah Bowman vom CFR diese Politik bezeichnete. Jetzt war die US-Elite bereit, durch diese Tür hindurchzutreten. Sie war der Sieger in dem komplexen geopoliitischen Spiel, aus dem das US-Amerikanische Jahrhundert der Familie Rockefeller und ihrer Freunde beim Council on Foreign Relations samt ihren unzähligen Verbündeten in der US-Industrie hervorgehen sollte. Zynischerweise wurden also dieselben Personen, die insgeheim das Dritte Reich bei seinen Kriegsvorbereitungen aktiv unterstützt hatten, nach dem Zweiten Weltkrieg zu den führenden Repräsentanten einer us-amerikanischen Politik zur »Verbreitung der Demokratie« und des »freien Unternehmertums« in aller Welt. Für sie war das nichts Persönliches; es war einfach nur das tägliche Geschäft - »business as usual«. Das war die Geburtsstunde des US-Amerikanischen Jahrhunderts.“ (Ebd., S. 223).

 

Das Britische Empire wird zurechtgestutzt

Die dramatischste Veränderung, zu der es 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam, war der relative Absturz der politischen Macht, die 150 Jahre lang die Welt beherrscht hatte - Großbritannien. Im größeren geopolitischen Zusammenhang betrachtet, läßt sich die Zeit vom Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 vielleicht am besten als »Wettstreit zwischen Deutschland und den USA um die Nachfolge Großbritanniens« verstehen, und genau so hat es ein Student von Mackinders britischer Geopolitik auch formuliert. »Dieser Wettstreit war erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands entschieden.«.“ (Ebd., S. 227).

„Das US-Establishment und seine Alliierten in Washington zögerten keine Sekunde, um diese imperiale Nachfolge anzutreten. Schon vor Kriegsende sollte Washington Churchill gegenüber keinen Zweifel daran lassen, daß man in der Nachkriegswelt die traditionellen Einflußsphären nicht mehr respektieren werde. Man wollte dies insbesondere mit Blick auf die althergebrachte dominierende Rolle Englands in der Ölpolitik im Mittleren Osten klarstellen; ebenso dachte man nicht daran, die geheimen (deutschen, aus Deutschland geklauten) Erkenntnisse bei der Entwicklung der Atombombe mit irgendjemandem zu teilen. In wirtschaftlicher Hinsicht wurde klargestellt, daß Truman die Finanzhilfen an England gemäß dem Leih- und Pachtgesetz stoppen und ab sofort harte Forderungen als Gegenleistung für us-amerikanische Finanzhilfen stellen würde..“ (Ebd., S. 227-228).

 

Roosevelts Saudi-Coup: Die Sonne geht über dem US-Amerikanischen Jahrhundert auf

„Die us-amerikanischen Ölinteressen waren am Ende des Zweiten Weltkriegs viel mächtiger als vor dem Krieg. Ein wesentlicher Faktor war dabei der, daß ihre englischen, deutschen und französischen Ölrivalen durch den Krieg zerstört bzw. geschwächt waren. Washington zögerte keinen Augenblick, diese Schwäche auszunutzen.“ (Ebd., S. 228).

„Da handverlesene Leute aus den Reihen der von Rockefeller finanzierten War & Peace Studies jetzt praktisch die Politik des US-Außenministeriums bestimmten, David Rockefellers Chase Bank, die unter der nazifreundlichen französischen Vichy-Regierung im von den Nazis besetzten Paris ihre Geschäfte betrieb und Geld von der IG Farben und anderen Kunden im Dritten Reich transferiert hatte, in der us-amerikanischen Finanzpolitik den Ton angab, und Nelson Rockefeller Roosevelts Politik der »guten Nachbarschaft« mit Lateinamerika fest in der Hand hatte - eine neue Version der us-amerikanischen Monroe-Doktrin in bezug auf die Einflußsphäre der USA in ganz Nord- und Süd-Amerika -, brauchte der US-Präsident dem entstehenden Rockefeller-Imperium jetzt nur noch einen letzten Gefallen zu tun: nämlich Rockefellers Ölgesellschaften die Exklusivrechte über die riesigen Ölvorräte des Königreichs Saudi-Arabien zu verschaffen, und dieser verhängnisvolle Schritt sollte den gesamten Gang der us-amerikanischen Nahost-Politik in der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tag bestimmen.“ (Ebd., S. 228).

„Harold L. Ickes war 13 J ahre lang Franklin Roosevelts Innenminister und in dieser Position auch für die Vergabe von Pachtverträgen für Rohstoffelder zuständig; seit 1941 war er auch Koordinator für Petroleum in Fragen der Nationalen Verteidigung der USA. Ickes diente dem Präsidenten auch als Direktor der Public Works Administration (PWA) im Rahmen des New Deals, also der Behörde, die in den Zeiten der Depression der US-Privatindustrie Milliarden Dollars an Steuergeldern zur Verfügung stellte. Rockefellers Standard Oil und ihre ARAMCO Corporation konnten Ickes dafür gewinnen, Roosevelt 1943 davon zu überzeugen, auch Saudi-Arabien großzügige Finanzhilfen gemäß dem Leih- und Pachtgesetz zu gewähren. Der Hintergedanke: Die US-Regierung sollte sich zum ersten Mal in dieser Region derWeIt engagieren und einen Schutzschild für die ARAMCO-Interessen bilden. Diese Arab-American Oil Company war in Wirklichkeit nur ein Konsortium der großen Ölgesellschaften Rockefellers, die lange darum gekämpft hatten, bei den reichen saudischen Ölvorkommen den Fuß in die Tür zu bekommen.“ (Ebd., S. 228-229).

„Auch Ickes gehörte zu den Personen im inneren Kreis um Roosevelt, die gleichzeitig enge Freunde der Familie Rockefeller waren. Bereits in den 1930er Jahren war Ickes wiederholt auf dem Landgut der Familie Rockefeller in Pocantico Hill im US-Bundesstaat New York zu Gast gewesen, ein Vorrecht, daß nur ganz wenigen Personen, die nicht zu ihrem engsten Umfeld gehörten, gewährt wurde.“ (Ebd., S. 229).

„In einem Memorandum des US-Außenministeriums an das Weiße Haus vom Dezember 1942 heißt es: »Wir sind fest davon überzeugt, daß die Entwicklung der Petroleumquellen in Saudi-Arabien im Lichte des breiteren nationalen Interesses betrachtet werden sollte.« Dieses nationale Interesse hatten die Rockefellers und ihr Vertreter Ickes gegenüber Roosevelt als das Recht formuliert, ein exklusives Mandat über die saudi-arabischen Ölvorkommen zu bekommen und die britischen Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen.“ (Ebd., S. 229).

„Als Roosevelt im Februar 1943 die Finanzhilfen nach dem Leih- und Pachtgesetz an Saudi-Arabien verkündete, bezeichnete er das Land als »lebenswichtig für die Verteidigung der Vereinigten Staaten«. Er machte sich jedoch nicht die Mühe, zu erklären, warum. Die Hilfen nach dem Leih- und Pachtgesetz bedeuteten, daß ARAMCO den Fuß in die Tür bekam, um sich die Exklusivrechte an dem saudischen Öl zu sichern. Dieses Vorhaben zu erleichtern war eine der wichtigsten Handlungen des US-Präsidenten. London schäumte vor Wut über Roosevelts Entscheidung, millionenschwere Hilfen in das Königreich zu pumpen, verfügte aber nicht über die Finanzmittel, um sich auf ein Wettbieten mit seinem Alliierten in Washington einzulassen. Schließlich war die britische Wirtschaft selbst abhängig von Hilfen gemäß dem Leih- und Pachtgesetz der USA.“ (Ebd., S. 229).

„Das US-Außenministerium war erst relativ spät nach Saudi-Arabien gekommen, eine Region, die in London seit den Tagen des englischen Geheimdienstagenten T. E. Lawrence - dem »Lawrence von Arabien« - im Ersten Weltkrieg als Eckstein von Englands Kontrolle über den Mittleren Osten gegolten hatte. Erst 1942 eröffneten die USA eine kleine Gesandtschaft, noch nicht einmal eine Botschaft, in Riad.“ (Ebd., S. 229-230).

14.02.1945
„Kurz vor seinem Tod gelang es Roosevelt 1945 noch, die Verbindung zwischen England und König Abdul Aziz (Ibn Saud)
von Saudi Arabien zu kappen und das saudusch-arabische Öl für die USA zu sichern.“ (Bild: Treffen vom 14.02.1945 [HB]).

„Bei seiner Rückkehr von der Drei-Mächte-Konferenz in Jalta 1945 hatte Roosevelt ein Geheimtreffen mit dem saudischen König Abdul Aziz Al Saud (»Ibn Saud«) auf dem Schiff des Präsidenten vereinbart. Ein US-Zerstörer, die USS Murphy, legte im Februar 1945 im saudischen Hafen Dschidda an; es war das erste Mal überhaupt, daß ein us-amerikanisches Schiff im Königreich Saudi Arabien vor Anker ging. Ibn Saud und seine Entourage kamen an Bord und wurden zum Großen Bittersee im Suezkanal gebracht, wo der König am 14. Februar an Bord der USS Quincy mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zusammentraf. Für Ibn Saud war es das erste Treffen mit einem ausländischen Staatschef überhaupt.“ (Ebd., S. 230).

„Bei dem Gespräch achtete Roosevelt sorgsam darauf, in Gegenwart des saudischen Monarchen weder zu rauchen noch zu trinken, um dessen religiöse Gefühle nicht zu verletzen. Er versprach dem König, »er werde nichts unternehmen, um die Juden gegen die Araber zu unterstützen, und keine feindlichen Schritte gegen die arabischen Völker unternehmen«. Der König war über die starke Zuwanderung europäischer Juden nach Palästina, das damals noch englisches Mandatsgebiet war, besorgt. Berichten zufolge verließ Ibn Saud das Treffen mit Roosevelt hoch befriedigt darüber, daß der US-Präsident »Verständnis« für die arabische Sicht in der heiklen Palästina-Frage gezeigt habe. Auch Roosevelt hatte die Freundschaft dadurch »besiegelt«, daß er dem saudischen König seinen eigenen Rollstuhl und ein DC3-Flugzeug zum Geschenk machte. Der König war dem Vernehmen nach darüber hocherfreut.“ (Ebd., S. 230-231).

„Erbost über Roosevelts diplomatischen Vorstoß, verlangte Churchill drei Tage später ebenfalls ein Treffen mit dem König. Der britische Premierminister, ein geradezu legendärer starker Trinker und Zigarrenraucher, ließ Seine Exzellenz vor dem Treffen wissen, daß es in Churchills Welt als »heiliger Ritus« galt, zu rauchen und Alkohol zu trinken. Das gefiel dem König offenbar überhaupt nicht. Außerdem weigerte sich Churchill, Zugeständnisse an Saudi-Arabien in der Palästina-Frage zu machen, und überreichte als Gegengeschenk für luxuriöse juwelenbesetzte Geschenke des Königs diesem lediglich eine Schachtel mit billigem Parfüm.“ (Ebd., S. 231).

„Am 5. April 1945 hielt Roosevelt seine Versprechen an den saudischen König in einem Brief fest, in dem es hieß, der US-Präsident habe die Versprechen in seiner »Eigenschaft als Leiter der Exekutive dieser Regierung« gegeben.“ (Ebd., S. 231).

„Eine Woche später war Roosevelt tot. Stalin, der Churchill nicht ausstehen konnte, schrieb einen vertraulichen Brief an FDR’s Witwe, Eleanor Roosevelt, in dem er anbot, seinen persönlichen Arzt zu schicken, um eine unabhängige Autopsie durchzuführen. Wie er der Witwe mitteilte, war er überzeugt davon, daß Churchill Roosevelt hatte vergiften lassen. Sie nahm das Angebot jedoch nicht an. Roosevelt hatte jedoch lange genug gelebt, um dem ÖI-Imperium der Rockefellers den größten Dienst zu erweisen: die Exklusivrechte für ihre Partner bei ARAMCO über die Erschließung aller saudischen Ölvorkommen. Dieser Preis sollte die US-Außenpolitik der folgenden 60 Jahre maßgeblich bestimmen. Es war das erste Mal, daß die nationale Sicherheit der USA offiziell mit dem Schicksal des über 10000 Meilen entfernten Wüstenkönigreichs am Persischen Golf verknüpft wurde. Es sollte aber nicht das letzte Mal sein, daß die »nationalen Interessen« der US-Außenpolitik mit den Ölvorkommen im Mittleren Osten verbunden wurden. In den 1940er Jahren war der Schritt, die saudischen Ölvorkommen zum Bestandteil us-amerikanischer Interessen zu machen, umso bemerkenswerter, als die Vereinigten Staaten damals genug eigenes Öl förderten und daher nicht auf Ölimporte angewiesen waren. Als 1948 das größte Erdölfeld der Welt, Ghawar, in Saudi-Arabien entdeckt wurde, verschaffte das der Macht, die us-amerikanische Ölinteressen über die Weltwirtschaft ausübten, einen weiteren Hebel. Öl wurde in der Nachkriegswelt sehr schnell zur Grundlage des Wachstums der Weltwirtschaft, zur Hauptenergiequelle. Und diese Energie hielten die us-amerikanischen Ölriesen der Rockefellers fest in der Hand.“ (Ebd., S. 231-232).

 

Und über dem Britischen Empire geht die Sonne unter

„In den sechs Jahren des Krieges, der sich über den ganzen Erdball gespannt hatte, waren über 55 Millionen Menschen ums Leben gekommen. In keinem Land waren mehr Einwohner gestorben als in Stalins Sowjetunion, die mindestens 22 Millionen verloren hatte. In Washington wußte man genau, wer was verloren hatte. Dort ging es vor allem um die Frage, wie man die entstehende us-amerikanische Hegemonie handhaben wollte. 1945 waren die Vereinigten Staaten unter dem Banner von »Freiheit« und »Demokratie« bereit, die Welt in einem Maße zu beherrschen, wie es das Britische Empire nicht einmal vor dem Ersten Weltkrieg 1914 vermocht hatte.“ (Ebd., S. 232).

„Nach der Versailler Friedenskonferenz von 1919 hatte das Britische Empire die größte geographische Ausdehnung erreicht, das Herrschaftsgebiet erstreckte sich über ein Viertel der Erdoberfläche, ein Empire, »in dem die Sonne nie unterging«. Nur 30 Jahre später, im Jahr 1949, zerfiel das Britische Empire an allen Enden, überall forderten die Kolonien die Unabhängigkeit von dem repressiven Mutterland. Das Britische Empire erlebte die wahrscheinlich größten Aufstände, die ein Königreich in der ganzen Geschichte je erlebt hatte. Heimlich, still und leise unterstützte die us-amerikanische Außenpolitik das Streben der Kolonien nach Freiheit und Unabhängigkeit, ohne jedoch den Prozeß der Entkolonialisierung ernsthaft zu fördern, wenn die Länder ihre Unabhängigkeit erst einmal erlangt hatten.“ (Ebd., S. 232).

„Nach einer Meuterei der indischen königlichen Marine irn Februar 1947 ernannte die britische Labour-Regierung von Premierminister Clement Attlee Viscount Mountbatten aus Burma zum letzten Vizekönig von Indien. Er hatte den Auftrag, den Abzug der britischen Kolonialtruppen und der britischen Administration durchzuführen. Am 15. August 1947, fünf Monate nach Mountbattens Ankunft in Indien, hatte er den indischen Subkontinent geteilt, und zwar so, daß er einem bizarren Flickenteppich glich: Ost- und Westpakistan mit überwiegend muslimischer Bevölkerung waren durch ein von Hindus dorniniertes Indien getrennt.“ (Ebd., S. 232).

 

Washington wirft die (in Deutschland geklaute) Atombombe ab

„Als Roosevelt im April 1945 plötzlich starb, folgte ihm sein Vizepräsident Harry Truman, ein schlecht vorbereiteter Senator aus Missouri, im Amt. Zu Trumans ersten Amtshandlungen als Präsident gehörte seine Zustimmung zum Abwurf der Atombombe auf Japan, nachdem ihn seine Militärbefehlshaber über die Wirkung der Atombombe informiert hatten. Tatsächlich hatte Truman diese Entscheidung insgeheim schon zu Beginn der Potsdamer Konferenz - zwischen Truman, Stalin und Churchill - gefällt, die in der zweiten Juli-Hälfte 1945 im besetzten Deutschland stattfand. Nur bei dieser Gelegenheit hat sich Truman übrigens mit seinem künftigen Gegner im Kalten Krieg getroffen.“ (Ebd., S. 235).

„Der Abwurf der Atombomben auf Japan ist seitdem heiß umstritten. Truman behauptete, er habe gehandelt, um Japan zur Kapitulation zu zwingen und einen längeren Krieg mit weiteren us-amerikanischen Opfern zu verhindern. Das war für aufmerksame Beobachter der Ereignisse kein besonders überzeugendes Argument.“ (Ebd., S. 235).

„Deutschland hatte bereits im Mai 1945 gegenüber den Alliierten Streitkräften kapituliert, einen Monat nach dem Amtsantritt von Präsident Truman. Japan war jetzt isoliert, wirtschaftlich in die Knie gezwungen und de facto bereits besiegt. Eine wirksame Seeblockade Japans durch Kriegsschiffe der USA und der Alliierten hätte nach Ansicht von Militärexperten ausgereicht, um den japanischen Kaiser zur Kapitulation zu zwingen, selbst unter den harschen Bedingungen, die Washington dabei stellte. Weitere Opfer hätte es praktisch nicht mehr gegeben.“ (Ebd., S. 235).

„Statt dessen setzte Washington seine schreckliche neue (den Deutschen geklaute) Atomwaffe ein. Truman bestand darauf, er habe auf Anraten seiner Militärs gehandelt, um »das Leben von 100000 us-amerikanischen Jungs zu retten«. In Wirklichkeit sollte damit der ganzen Welt, und in erster Linie Stalin, demonstriert werden, daß US-Amerikas Macht entsetzlich und eigentlich unvorstellbar war.“ (Ebd., S. 235-236).

„In Trumans privatem Tagebuch vom Juli 1945 findet sich ein aufschlußreicher Eintrag. »Es ist sicher gut für die Welt, daß Hitlers oder Stalins Leute diese Atombombe nicht entdeckt haben (Deutschland hatte die Atombombe zuerst; die US-Amerikaner haben sie bei Kriegsende beschlagnahmt und über Japan abgeworfen [HB]). Es scheint das schrecklichste Ding zu sein, das je erfunden wurde, aber es kann auch das nützlichste sein.« Privat brach Truman Berichten zufolge nach einem detaillierten Briefing durch seine Militärs über die Wirkung dieser Bombe mit den Worten »Das ist das größte Ding in der Geschichte« in kindlichen Jubel aus. In der Tat ein sehr merkwürdiger Kommentar eines Mannes, der gerade befohlen hatte, diese »schrecklichste« aller Waffen gegen Japan zum Einsatz zu bringen.“ (Ebd., S. 236).

„US-Außenminister James Byrnes riet Präsident Truman im Sommer 1945, unmittelbar nach dem erfolgreichen Test der Atombombe am 16. Juli in Alamagordo im US-Bundesstaat New Mexico, eine mit Bedingungen verknüpfte Kapitulation des Kaisers von Japan, die den Krieg sofort beendet hätte, abzulehnen. Byrnes behauptete, die Bombe und der Eintritt der Sowjets in den Krieg gegen Japan würde eine Einigung mit Japan überflüssig machen.“ (Ebd., S. 236).

„Das eigentliche Ziel der atomaren Verwüstung von Hiroshima und Nagasaki war Moskau und erst in zweiter Linie Tokio. Als er den Bericht über den ersten erfolgreichen Test der Bombe in Alamagordo erhalten hatte, zeigte sich der us-amerikanische Kriegsminister Henry L. Stimson hoch erfreut. Er benutzte die Terminologie des Pokerns, als er in sein Tagebuch schrieb, die Kombination der überwältigenden wirtschaftlichen Stärke US-Amerikas in der Nachkriegszeit mit dem Monopol über die Atombombe verschaffe den USA den Super-Trumpf »eines Royal Straight Flush, und wir dürfen uns nicht blöd dabei anstellen, wie wir ihn ausspielen«. Präsident Truman erklärte gegenüber Stimson, auch er sei der Meinung, daß US-»Amerika die Karten in der Hand halte«, und er, Truman, werde sie als us-»amerikanische Karten ausspielen«.“ (Ebd., S. 236).

„1945 verfügten allein die Vereinigten Staaten über die industriellen Fähigkeiten und die nötigen Ressourcen zur Herstellung von Atombomben (NEIN - denn Deutschland verfügte darüber schon viel früher als die Vereinigten Staaten, nur wurde ihm die Patente und das Wissen über den Bau einer Atombombe und die Atombombe selbst geklaut und nach Kriegsende die Verfügbarkeit darüber verboten! [HB]). 1943 hatte Präsident Roosevelt mit Churchill ein Geheimabkommen, das sogenannte »Quebec Agreement«, über die Kontrolle der Entwicklung der Atomenergie und der entsprechenden Uran- und Thoriumbrennstoffe unterzeichnet.“ (Ebd., S. 236).

 

Ein us-amerikanischer „Lebensraum“ nach dem Krieg

„Die treibende Kraft hinter dem gesamten Projekt War & Peace Studies von Rockefellers Council on Foreign Relations, das Motiv für Roosevelt, die Vereinigten Staaten in den Krieg zu führen, die gesamte Kriegsmobilisierung und die durch den Krieg verursachte öffentliche Verschuldung der Vereinigten Staaten, all dies richtete sich auf ein Ziel in der Nachkriegszeit: die Schaffung eines weitgehenden Monopol-Absatzmarktes oder Wirtschaftsraumes für die Vereinigten Staaten, eines »us-amerikanischen Lebensraums«, wie Isaiah Bowman vom CFR es nannte ein wahrhaft US-Amerikanisches Jahrhundert.“ (Ebd., S. 240).

„Das Ganze war ein Empire genau wie das Britische Empire nach 1815, allerdings mit dem bedeutsamen Unterschied, daß sich sein wirtschaftlicher Imperialismus dieses Mal hinter der rhetorischen Fassade der »Verbreitung des freien Unternehmertums, der nationalen Selbstbestimmung und der Demokratie« verbarg. (Was sich wirklich dahinter verbarg, hatte ja schon Wilson verraten! [HB]). Den Architekten dieser Politik im US-Außenministerium, dem Weißen Haus und dem außenpolitischen Establishment gelang die clevere Täuschung, ihr Empire strebe nicht nach militärischer Besetzung anderer Länder; zumindest behaupteten sie dies. Aber bis ins letzte Detail handelte es sich hier um ein (informelles) Empire, das auf der dominierenden Rolle der USA im internationalen Finanzsystem - mit dem Dollar als Stützpfeiler des Nachkriegssystems - und der militärischen Überlegenheit beruhte.“ (Ebd., S. 240-241).

„Diese Täuschung war zum Teil deshalb so verblüffend erfolgreich, weil die führenden Kreise im US-Establishment begriffen, wie wichtig es war, den reichen und oft korrupten Eliten in den Ländern, deren Märkte sie erobern wollten, einen Teil des Kuchens vor Ort abzugeben. Außerdem hatten die engen Beziehungen zwischen Washington und Hollywood dazu geführt, daß innerhalb der US-Regierung ein sehr effektiver Propagandaapparat entstanden war, der in den meisten Ländem die Hoffnung der Menschen auf eine bessere Zukunft genährt hatte. Wie dem auch sei, das sich nach 1945 herausbildende System wurde von einer überwältigenden Macht, den Vereinigten Staaten von Amerika, und einer wachsenden Anzahl von Vasallenstaaten gebildet, deren reiche Führungseliten ihre Existenz auf die eine oder andere Weise dem guten Willen der Vereinigten Staaten verdankten.“ (Ebd., S. 241).

„Wie in den vorherigen Kapiteln beschrieben, war die us-amerikanische Geschichte des letzten Jahrhunderts von einem zunehmend mächtigen Kartell der Finanzeliten und der von diesen kontrollierten Industriekonzerne geprägt. Allein deren Interessen, und nicht etwa die Interessen der Nation oder ihrer Bürger (und also auch nicht der Demokratie! [HB]), definierten die Prioritäten dieses mächtigen Kartells. Die allgegenwärtige Kontrolle über die Medien des Landes ernöglichte es den Propagandaexperten des Kartells, dessen eigene Interessen als »US-Amerikas Interessen« darzustellen.“ (Ebd., S. 241).

„Die Philosophie der us-amerikanischen Expansionspolitiker wie Frederick Jackson Turner und Brooks Adams, wonach US-Amerika aufgrund einer von Gott gegebenen »Manifest Destiny« seine Grenzen ständig weiter ausdehnen konnte, war die mystische oder romantische Verbrämung der Tatsache, daß sich die kartellisierte und zunehmend konzentrierte Monopolwirtschaft des Money Trusts seit dessen Entstehen in der Zeit nach 1860 immer neue Märkte erobern mußte, um bestehen zu können. Das Wirtschaftsmodell dieser Interessen war das der britischen Ostindiengesellschaft, oder genauer der Piraterie der nordafrikanischen Barbareskenstaaten, die zur Aufrechterhaltung ihres jeweiligen Imperiums eine Weltregion nach der anderen völlig ausplünderten und so wenig Brauchbares wie möglich zurückließen. Die Rockefeller-Interessen, die prominentesten Vertreter dieser Idee der »Manifest Destiny« in der Nachkriegszeit, betrachteten die gesamte Welt als eine derartige »Grenze«.“ (Ebd., S. 241-242).

„Im Jahre 1944 erklärte der Staatssekretär im US-Außenministerium, Dean Acheson, vor einem Kongreßausschuß, der sich mit der Wirtschaft in der Nachkriegszeit beschäftigte: »Keine Gruppe ... hat je daran geglaubt, daß unsere eigenen Märkte unsere gesamte Produktion in unser derzeitiges System aufnehmen könnten. Deshalb muß man sich nach anderen Märkten umsehen, und diese Märkte finden sich im Ausland.«“ (Ebd., S. 242).

„Die verschiedentlich geäußerte Bezeichnung »Architekt des Kalten Krieges« erhielt Acheson nicht von ungefähr. Acheson entwarf die »Truman-Doktrin«. Er überzeugte Truman, 1950 einen nicht erklärten Krieg gegen Korea zu führen; und er spielte auch 1944 beim Zustandekommen der Vereinbarungen von Bretton Woods eine Rolle, denn dieses System sollte den USA bei der Suche nach »Auslandsmärkten« helfen.“ (Ebd., S. 242).

„1945 konnten die außenpolitischen Kreise beim New Yorker Council on Foreign Relations und in Washington von sich behaupten, bei ihren Plänen große Fortschritte erzielt zu haben. Ihr einziges Problem sahen sie darin, daß sie irgendwann die beiden großen Gebiete, die ihrer wirtschaftlichen Expansion, ihrer »Manifest Destiny«, zunächst verschlossen blieben - die Sowjetunion und später die Volksrepublik China -, zerstören oder zumindest empfindlich schwächen mußten, wenn sie weltweit alle Volkswirtschaften und Märkte kontrollieren wollten.“ (Ebd., S. 242).

„Während seiner Arbeit im War & Peace Studies-Projekt für die Rockefellers und beim Council on Foreign Relations überzeugte Isaiah Bowman den alternden Vater der britischen Geopolitik, Sir Halford Mackinder, davon, einen strategischen Beitrag für das CFR-Joumal Foreign Affairs zu verfassen und seine Vorstellungen über eine geopolitische Ordnung der Nachkriegszeit darzulegen. Der mit »The Round World and the Winning of Peace« (etwa: »Der Erdball und der Sieg für den Frieden«) überschriebene Aufsatz erschien im Juli 1943 in Foreign Affairs, also fast ein Jahr vor der Landung der Alliierten in der Normandie.“ (Ebd., S. 242).

„In seinem Aufsatz legte Mackinder seine Vision einer von den USA beherrschten Nachkriegsordnung dar. Er wiederholte noch einmal seine 1904 formulierte ursprüngliche Definition des Herzlandes (**|**|**) als dem wichtigsten Gegner der fortgesetzten anglo-us-amerikanischen Überlegenheit nach dem Krieg. Was er als Herzland definierte, entsprach im wesentlichen dem Territorium der damaligen Sowjetunion.“ (Ebd., S. 242).

„Mackinder brachte gewissennaßen die geopolitische Saat für den späteren Kalten Krieg aus. Er schrieb: »Die Schlußfolgerung ist unvermeidlich: wenn die Sowjetunion aus diesem Krieg als Eroberer Deutschlands hervorgeht, dann wird sie zur größten Landmacht der Erde. Darüber hinaus wird sie sich in der strategisch stärksten Verteidigungsposition befinden. Das Herzland ist die größte natürliche Festung der Welt.«“ (Ebd., S. 243).

„Bowman und die führenden Kreise der US-Außenpolitik nahmen sich diese Lektion offensichtlich zu Herzen, aber in einem us-amerikanischen Zusammenhang und nicht in dem Sinne von Mackinder, der damals Sowjetrußland als Alliierten der Angelsachsen und US-Amerikaner bei der Eindämmung Deutschlands nach dem Krieg betrachtet hatte.“ (Ebd., S. 243).

„Schon kurz nach Roosevelts Tod betrachteten das US-Establishment und Churchill gleichennaßen die Sowjetunion, ihren Alliierten der Kriegszeit, als ihren Hauptfeind, als Bedrohung für den Weltfrieden. Nach Churchills Ansicht hieß das -und zwar schon in der Zeit vor dem offiziellen Kriegsende -, daß man Deutschland zu irgendeinem späteren Zeitpunkt als den nunmehr schwächeren der beiden Rivalen Englands um die Hegemonie in Eurasien gewinnen mußte; strikt nach der britischen Kalkulation des Machtgleichgewichts, demzufolge Stalins Sowjetunion nunmehr Englands stärkerer Rivale um diese Position war. Dieses Kalkül hatte mit Ideologie nichts zu tun, sondern war rein geopolitischer Natur. Kaum jemand verstand das -und aus Londoner Sicht sollte man es auch gar nicht verstehen“ (Ebd., S. 243).

„Am 15. April 1945, wenige Tage nach Roosevelts Beerdigung und wenige Wochen vor der Kapitulation Deutschlands, trafen sich hochrangige us-amerikanische und britische Außenpolitiker zu Gesprächen hinter verschlossenen Türen in Washington. Zu den 15 einflußreichsten Gesprächsteilnehmern zählten John J. McCloy, damals stellvertretender Kriegsminister, der Präsident von General Motors, ein wichtiger Rüstungsunternehmer und mehrere handverlesene Establishment-Insider. Diese Herren unterhielten sich darüber, wie man angesichts der in US-Amerika vorherrschenden Ansicht, daß der Krieg gewonnen sei und jetzt der Frieden wieder einkehren werde, die Militäraktionen US-Amerikas von Deutschland auf die Sowjetunion verlagern könnte. Sie verständigten sich darauf, daß so ein radikaler Umschwung in der öffentlichen Meinung in den USA gegen den Kriegsalliierten Sowjetunion nur dann möglich war, wenn man Stalin zu einem aggressiven Vorgehen provozieren könnte, das wie ein Vertrauensbruch und eine Bedrohung des Friedens aussähe! Sie hatten die Lektion vom britischen Machtgleichgewicht verstanden und machten sich nunmehr daran, diese Lektion in verhängnisvoller Weise auf die us-amerikanische Außenpolitik anzuwenden.“ (Ebd., S. 243-244).

„Ihnen war klar: Mit einer feindlichen Sowjetunion an der Ostgrenze Westeuropas entstand de facto ein neuer Wirtschaftsraum in Westeuropa, Japan, großen Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, der nach dem baldigen Ende des 2. Weltkrieges von den USA beherrscht sein würde; ein Raum, dessen Sicherheit von der militärischen Stärke US-Amerikas abhängen würde. Mit der Beherrschung dieses riesigen Raumes sollte die Strategie der War & Peace Studies des CFR umgesetzt werden, in der Nachkriegszeit ein us-amerikanisches Empire zu errichten, das nicht ausdrücklich so genannt wurde.“ (Ebd., S. 244).

„Mitten in der Öl- und Nahrungsmittelkrise der 1970er Jahre hat Henry Kissinger, damals sowohl Außenminister als auch Präsident Nixons Nationaler Sicherheitsberater, angeblich erklärt: »Herrsche über das Öl, und du herrschst über ganze Länder oder gar Kontinente; herrsche über die Nahrungsmittel, und du herrscht über die Menschen; herrsche über das Geld, und du herrschst über die ganze Welt.“ (Ebd., S. 244).

„1945 kontrollierte die Federal Reserve, die Zentralbank der Vereinigten Staaten, den größten Teil des Währungsgoldes der »freien Welt«. Mit ihrer Währung, dem Dollar, sollten die USA gemäß dem von Washington und den Wall-Street-Banken entworfenen System von Bretton Woods die weltweite Kontrolle über das Geld übernehmen. Schon ab 1941, als die US-Geopolitiker damit rechneten, daß Hitlers Vormarsch gegen die Sowjetunion Deutschland als potenziellen künftigen Rivalen ausschalten würde, legten sie die Grundlage für die wirtschaftliche Hegemonie der USA in der Nachkriegszeit. Damit hatten sie auch großen Erfolg, allerdings nur zeitweise.“ (Ebd., S. 244).

 

Die Errichtung des Dollar-Systems in Bretton Woods

„Das Zentrum der us-amerikanischen Wirtschaftsstrategie für die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg war das noch während des Krieges getroffene Abkommen zwischen den Alliierten, das später als Bretton-Woods-Abkommen bezeichnet wurde. Es bestand im Kern aus der Förderung des freien Handels und sah den US-Dollar als einzige Währung beim Welthandel vor.“ (Ebd., S. 244).

„Zu diesem freien Handel in der Welt gehörten die Senkung von Zöllen und die Aufhebung protektionistischer Maßnahmen einzelner Länder, die den Fluß vor allem us-amerikanischer Güter auf die Weltmärkte behinderten. Bereits 1846, als die englische Regierung die zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit dem »Corn Law« (Korngesetz) erlassenen protektionistischen Maßnahmen für landwirtschaftliche Erzeugnisse aufgeben mußte, war den Engländern klar geworden, daß »freier Handel« und »gleiche Wettbewerbsbedingungen« nur Kampfparolen der stärksten Volkswirtschaften sind, wenn sie weniger entwickelte Märkte für ihre Erzeugnisse erschließen wollen. Nach 1945 sollten die Führungskreise der us-amerikanischen Industrie und Banken dieses System praktisch zu einem religiösen Dogma erheben.“ (Ebd., S. 244-245).

„Den Volkswirtschaften in Europa blieb angesichts der Verwüstungen durch sechs Jahre Krieg kaum eine andere Wahl, als sich den us-amerikanischen Vorstellungen über das Management der internationalen Wirtschaft in der Nachkriegszeit anzuschließen. Selbst Großbritannien, das doch für sich in Anspruch nahm, den Vereinigten Staaten am Verhandlungstisch mindestens ebenbürtig zu sein, mußte sich angesichts brutaler Forderungen der USA eine bittere Lektion in Sachen Erniedrigung gefallen lassen.“ (Ebd., S. 245).

„Zur endgültigen Einigung über eine Neue Weltordnung in Währungs- und Wirtschaftsfragen nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im Juli 1944 im Hotel Mount Washington in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire. Zuvor hatte es monatelange erbitterte Auseinandersetzungen gegeben, insbesondere zwischen den englschen und us-amerikanischen Verhandlungsführern. Von zentraler Bedeutung bei dem Abkommen war die englisch-us-amerikanische Hegemonie über das Weltfinanz- und Handelssystem. Die entscheidenden Bedingungen waren bereits seit 1941 bei privaten Verhandlungen zwischen Lord Keynes, dem Berater des britischen Finanzministeriums, und Harry Dexter White, dem Stellvertreter von US-Finanzminister Morgenthau, ausgehandelt worden.“ (Ebd., S. 245).

„Das Treffen der »Vereinten Nationen« - so Roosevelts Bezeichnung - in Bretton Woods sollte zur ersten institutionellen Einrichtung einer neuen Organisation der Vereinten Nationen (UNO) nach dem Krieg werden, die den von England dominierten Völkerbund ablösen sollte. Anders als beim Völkerbund sollten bei der UNO die USA den Ton angeben, und die UNO sollte im wesentlichen die us-amerikanischen Pläne für die Nachkriegszeit umsetzen. Selbst das Baugelände für das UNO-Hauptquartier in Manhattan wurde von der Rockefeller-Familie gestiftet. Aufgrund des rapiden Anstiegs der Grundstückspreise in der Umgebung, wo nun die diplomatischen Vertretungen der vielen Mitgliedsländer errichtet wurden, erwies sich diese ursprüngliche Großzügigkeit als eine lohnende Investition.“ (Ebd., S. 245-246).

„Nach vielen Auseinandersetzungen setzte sich Washington gegenüber den Engländern in bezug auf Stimmrechte, Regeln und andere wichtige Aspekte der neuen Bretton-Woods-Institutionen IWF und Weltbank durch.“ (Ebd., S. 246).

„Um sicherzugehen, daß die USA zur Gründung der UNO über genügend Stimmen verfügten, sorgte Nelson Rockefeller höchstpersönlich dafür, daß es zu einem erstaunlichen - und von einigen Medien als politisch peinlich bezeichneten - »Bündeln« der Stimmen zugunsten der us-amerikanischen Pläne kam. Damit gewann Rockefeller die Stimmen der 14 Mitgliedsländer der Panamerikanischen Union, von denen sieben darunter Argentinien - während des Zweiten Weltkriegs neutral gewesen waren. Nelson Rockefeller, der vom US-Präsidenten gerade zum stellvertretenden Minister für Lateinamerika ernannt worden war, stellte den lateinamerikanischen Ländern ein Ultimatum, wonach sie nicht an der Schaffung der neuen Organisation der Vereinten Nationen - dem Herzstück des geopolitischen Plans der War & Peace Studies des CFR für die US-Amerikas Herrschaft nach dem Krieg - teilnehmen könnten, wenn sie nicht bis Februar 1945 den Achsenmächten den Krieg erklärten. Diese formelle Kriegserklärung gegen die Achsenmächte war nach dem gerade getroffenen Drei-Mächte-Abkommen von Jalta erforderlich.“ (Ebd., S. 246-247).

„Nur Argentinien blieb außen vor, aber man brauchte seine Stimme als Gegengewicht gegen die Stimmen Englands. Rockefeller gelang es, den bereits kranken Roosevelt dazu zu bewegen, Argentinien schriftlich zur Gründung der UNO einzuladen, obwohl das Land gegen die nur wenige Wochen zuvor in Jalta erreichten Vereinbarungen mit England und der UdSSR verstoßen hatte, wonach nur jene Länder Gründungsmitglieder der UNO sein dürften, die Deutschland den Krieg erklärt hatten. (Also - gemäß dieser kriminellen Logik - haben die sogenannte BRD und die sogenannte DDR, als sie UNO-Mitglieder wurden, Deutschland den Krieg erklärt! [HB]). Diese Geste war militärisch bedeutungslos, weil der Krieg praktisch beendet war. Das Ganze war ein Trick von Nelson Rockefeller, die Stimmen bei der Gründung der Vereinten Nationen gegen Großbritannien zu bündeln, das seinerseits seine Herrschaftsgebiete (Dominions) und die Länder des Commonwealth einsetzte, um ihre Stimmenzahl zu erhöhen. Stalin schäumte vor Wut.“ (Ebd., S. 247).

„Das Bretton-Woods-System sollte auf drei Säulen beruhen: dem Internationalen Währungsfonds (IWF), dessen Gelder aus den Beiträgen der Mitgliedsländer eine Notreserve bei Zahlungsbilanzschwierigkeiten bilden sollten; einer Weltbank oder Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die Mitgliedsländern Kredite für Großprojekte gewähren sollte; und etwas später einem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT), bei dem durch Gesprächsrunden über Zollsenkungen ein Fahrplan für den »freien Handel« entwickelt werden sollte.“ (Ebd., S. 247).

„Jedes Mitgliedsland sollte aufgrund einer bestimmten Quote Beträge in Gold und Landeswährung in einen gemeinsamen IWF-Fonds einzahlen. Gemäß ihrem Anteil an der Gesamtquote des IWF sollte ein Mitgliedsland im IWF-Direktorium (Board of Governors) eine entsprechende Anzahl von Stimmen erhalten. Es war von vornherein ein Spiel nach us-amerikanischen Regeln. Die USA mit den größten Goldreserven der Welt bekamen schließlich 28 Prozent der Stimmen, das Vereinigte Königreich erhielt 13 Prozent. Dagegen verfügte Frankreich nur über magere fünf Prozent. Damit war der neugeschaffene IWF ein Instrument der Anglo-US-Amerikaner zur Gestaltung ihrer Version der weltwirtschaftlichen Entwicklung nach dem Krieg.“ (Ebd., S. 247).

„Bretton Woods bedeutete gegenüber dem früheren Goldstandard eine willkommene Verbesserung für die Vereinigten Staaten, denn alle Unterzeichnerländer des Abkommens willigten ein, den Wert ihrer Währungen nicht an Gold, sondern an den US-Dollar zu koppeln. Wie in England ein Jahrhundert zuvor, so wurde 1945 behauptet, der Dollar wäre »so gut wie Gold«. Innerhalb von 20 Jahren sollte sich dieses Axiom der internatiolalen Finanzstabilität als tragische Täuschung erweisen. 1945 war es allerdings die Realität. Europa brauchte dringend Kredite für den Wiederaufbau. Die Währungen waren nicht konvertibel, und die Wirtschaft lag in Trümmern.“ (Ebd., S. 247-248).

„Die New Yorker Federal Reserve Bank, ein privates, seit seiner Gründung im Jahre 1913 vom Money Trust der Wall Street kontrolliertes Finanzinstitut, bildete den Kern des neuen internationalen Finanzsystems, das über das meiste Währungsgold der nicht kommunistischen Welt verfügte. Den USA bot das Währungssystem von Bretton Woods einmalige Vorteile. In der Praxis bedeutete es, daß die anderen Länder, da der US-Dollar die Hauptreservewährung war, ihre Währungen an den Dollar koppeln mußten und - wenn die Konvertibilität wiederhergestellt war - diese Dollars kaufen oder verkaufen mußten, um die Schwankung der Währungsparitäten in einer Bandbreite von plus/minus einem Prozent zu halten, wie es die Regeln des IWF verlangten. Damit trat der US-Dollar an die Stelle, die das Gold zur Zeit des Goldstandards im internationalen Finanzsystem eingenommen hatte. In der Praxis bedeutete dies, daß der Welthandel fast ausschließlich in US-Dollars abgewickelt wurde - und das sollte sich später als entscheidender Vorteil für die USA erweisen.“ (Ebd., S. 248).

„Diese Rolle des US-Dollars als unangefochtene Weltreservewährung war eine der wichtigsten Säulen der Macht der USA nach dem Krieg. Die zweite Säule war die unangefochtene Rolle der Vereinigten Staaten als alleinige militärische Supermacht, eine Überlegenheit, die die Sowjetunion während des Kalten Krieges nicht ernsthaft infrage stellen konnte. Die am Zweiten Weltkrieg beteiligten Länder Westeuropas waren hochverschuldet (Deutschland nicht, aber Deutschland war ausgeraubt worden [HB]) und hatten auf us-amerikanisches Verlangen große Mengen Gold in die Vereinigten Staaten transferieren müssen. Auch dies trug zur Überlegenheit der Vereinigten Staaten als »Führungsmacht der Freien Welt« nach 1945 bei.“ (Ebd., S. 248).

„Unter dem System von Bretton Woods war die Währung eines jeden Mitgliedslandes an den US-Dollar gekoppelt. Der US-Dollar seinerseits wurde bei 35 Dollar für die Feinunze Gold fixiert, eine Rate, die Präsident Roosevelt 1934 auf dem Tiefpunkt der Großen Depression festgelegt hatte, noch bevor die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Weltkrieges spürbar wurden. Der Unterschied zu dem vorherigen Golddevisenstandard von 1919 bis 1934 bestand darin, daß die Vereinigten Staaten dieses Mal weder politische noch militärische Konkurrenz um die Welthegemonie fürchten mußten (zu diesem Zweck war Deutschland ja ausgebombt und ausgeraubt worden [HB]). Sie konnten die Bedingungen buchstäblich diktieren. Und genau das taten sie auch.“ (Ebd., S. 248-249).

„Da die New York Federal Reserve Bank während des Krieges den Großteil der staatlichen Goldreserven aufgehäuft hatte, und da der Dollar aus den Verwüstungen des Krieges als stärkste Währung der Welt hervorgegangen war ..., konnte kaum jemand nach dem Krieg einem US-Dollar-Standard etwas entgegensetzen.“ (Ebd., S. 249).

„Die Errichtung des IWF nach Washingtons Vorstellungen verschaffte den US-Banken und Finanzinteressen nach dem Krieg international enorme Vorteile. Gleichzeitig wurde der US-Dollar zur Weltreservewährung, die de facto das Gold ersetzte. Dies sollte 1973 offiziell besiegelt werden. Diese außergewöhnliche Rolle des US-Dollars verschaffte dem US-Kapital in der Nachkriegszeit einen enormen Vorteil gegenüber potenziellen Rivalen wie der Deutschen Mark, dem britischen Pfund Sterling oder dem französischen Franc. Wichtiger noch: Sie gab dem US-Finanzministerium und der Federal Reserve die uneingeschränkte Macht, Dollars in praktisch unbegrenzter Höhe als Weltreservewährung in Umlauf zu setzen, ohne Rücksicht auf eine Golddeckung.“ (Ebd., S. 249).

„In Wirklichkeit war der Dollar zwar nicht »so gut wie Gold«, er wurde aber von anderen Ländern jahrelang so behandelt. Unter Führung von Rockefellers Finanzinstituten Chase Bank und National City Bank hatten New Yorks Finanzhäuser die Stelle als »Bankier für die Welt« eingenommen, die London vor 1914 innegehabt hatte. (Merke: die Machtstellung, die England vor dem 1. Weltkrieg und US-Amerika nach dem 2. Weltkrieg innehatte, war zwischen den beiden Weltrkiegen offen und wurde zwischen den zwei Ländern, die ausschließlich dafür in Frage kamen, ausgefochten: es war der 31-jähriger Krieg - ein Weltmachtskrieg - um die Weltherrschaft zwischen Deutschland und US-Amerika, das sich mit dem Rest der Welt verbünden mußte, um überhaupt eine Chance zu Erreichung dieses Ziel bekommen zu können [**|**|**|**|**|**|**|**|**]! [HB]). In der Nachkriegszeit wurde viel us-amerikanisches Kapital in Europa, Lateinamerika und der ganzen übrigen Welt investiert. Verhängnisvollerweise machte es die Rolle des US-Dollars als Weltreservewährung auch möglich, daß die Vereinigten Staaten ihre weltweiten Militärausgaben dadurch finanzierten, daß sie einfach neue Dollars in Umlauf brachten, d.h. druckten, anstatt -wie verwunderte sowjetische Ökonomen richtigerweise betonten -die eigenen Goldreserven zu erhöhen. Kein anderes Land konnte sich diesen Luxus erlauben.“ (Ebd., S. 249).

„Anfanglich spielten der IWF und die Weltbank aber nur eine untergeordnete Rolle, während eine leicht veränderte Strategie der Geopolitik nach Roosevelts Tod 1945 unter Präsident Truman langsam Gestalt annahm. Bowmans War & Peace Study Group beim CFR war ursprünglich davon ausgegangen, daß sich die USA nach dem Krieg mit der Sowjetunion und den anderen alliierten Nationen verbünden sollten, um sicherzustellen, daß Deutschland nicht wieder zur stärksten Nation aufsteigen könnte. Außerdem sollte China als Alliierter gegen ein mögliches Wiedererstarken Japans fungieren. Truman dagegen war aufgeschlossener für die Vorschläge von Averell Harriman, dem ehemaligen US-Botschafter in Moskau, und die von US-Außenminister Dean Acheson, die beide zu einem stärkeren Widerstand gegen Stalins Vorgehen in Osteuropa rieten, auch wenn dies gegen die in Jalta erreichte Vereinbarung verstieß. Die großartigen Pläne zur Ausweitung des us-amerikanischen »Lebensraums«, die Roosevelt mit seiner Vorstellung von den Vereinten Nationen gehegt hatte, wurden einstweilen auf Eis gelegt. Washington wollte dieselben Pläne lieber bilateral verfolgen, d.h. mit England.“ (Ebd., S. 249-250).

„Churchill war 1946 nach Fulton in Trumans Heimatstaat Missouri gekommen, wo er seine berühmte Rede über den »Eisernen Vorhang« hielt und erklärte, daß im Augenblick Europa neu geteilt werde. Spätestens seit 1943 hatten Churchill und die ihm nahestehenden Kreise des englischen Round Tables damit gerechnet, daß sie einen neuen Konflikt mit den Sowjets schüren müßten, damit sich England bei dem unerfahrenen Washington als unverzichtbarer »Vermittler« zwischen den Sowjets und den Vereinigten Staaten andienen konnte. Bereits Anfang 1945, noch vor der Kapitulation Deutschlands, hatte Churchill angeordnet, die gefangengenommenen deutschen Divisionen intakt zu halten und ihnen ihre Waffen zu belassen, weil man daran dachte, sie möglicherweise gegen die sowjetische Rote Armee einzusetzen. Ein sehr ungewöhnliches Vorgehen. Aus militärischen Gründen widersetzten sich General Eisenhower und das Weiße Haus diesem Plan. Er machte aber deutlich, daß England sich bereits auf die nächste Phase des Kampfes in einer »balance of power«-Welt vorbereitete?“ (Ebd., S. 250).

„Churchill war klar, daß sich England selbst mit einer von Roosevelt regierten USA hart würde auseinandersetzen müssen, wenn es auch nur den Anschein seiner Vorkriegsmacht wahren wollte. Truman stellte schon sehr früh klar, daß genau dies der Fall sein würde.“ (Ebd., S. 250).

„Als eine seiner ersten und unerwarteten Amtshandlungen als Präsident hatte Truman die Unterstützungen nach dem Leih- und Pachtgesetz für England direkt nach der Kapitulation Japans im August 1945 eingestellt und die Rückzahlung der Kriegskredite gefordert. Die Engländer waren überrascht, denn sie hatten erwartet, daß die USA ihre großzügige Hilfe auch beim Wiederaufbau nach dem Krieg fortführen würden. Anfang 1945 waren 55 Prozent der englischen Arbeitskräfte entweder im Krieg oder in der Kriegsproduktion beschäftigt. Die strenge Rationierungspolitik der Kriegszeit hatte dazu geführt, daß der Pro-Kopf-Verbrauch in England um 16 Prozent unter das Niveau von 1938 gefallen war. Am Ende des Krieges betrugen Englands Gold- und Dollar-Reserven nicht einmal mehr 1500 Millionen Dollar, die kurzfristige Verschuldung lag bei ungeheuren zwölf Milliarden Dollar. Mit Ausnahme der Rüstungsindustrie war die britische Industrie in einem desolaten Zustand. Die Kohleproduktion war dramatisch gesunken, Stromausfälle waren an der Tagesordnung. Millionen heimkehrende Soldaten mußten wieder in eine schwer angeschlagene zivile Wirtschaft integriert werden.“ (Ebd., S. 250-251).

„Trumans Entscheidung, diese Hilfslieferungen einzustellen, richtete sich direkt gegen London, denn zur gleichen Zeit machte Truman im Falle Chinas eine Ausnahme und ließ die Unterstützungen nach dem Leih- und Pachtgesetz weiterlaufen. Für Washington und die Kreise um den CFR richtete sich die Streichung der us-amerikanischen Kredite und Hilfslieferungen gezielt gegen einen potenziellen wirtschaftlichen Konkurrenten nach dem Krieg, nämlich Großbritannien mit seinen Sterling-Präferenzabkommen, mit seinen Herrschaftsgebieten (Dorninions) in der ganzen Welt und mit seinen vielen Kolonien.“ (Ebd., S. 251).

„Es war klar: Roosevelt und die Rockefellers waren nicht in den Krieg gezogen, um das Britische Empire zu retten. Ganz im Gegenteil, England mußte in die Knie gezwungen werden, damit es sich als der eindeutig kleinere Partner an einer anglo-us-amerikanischen »Special Relationship« beteiligte. Der spätere britische Premierminister Harold Macmillan, der während des Zweiten Weltkriegs persönlicher Gesandter von Winston Churchill gewesen war, formulierte diese neue Realität gegenüber dem prominenten englischen Sozialdemokraten Richard Crossman folgendermaßen: »Mein lieber Crossman, wir sind die Griechen in diesem Amerikanischen Empire. Sie sehen vielleicht die Amerikaner so, wie die Griechen die Römer empfunden haben - dick, vulgär, geschäftig, dynamischer als wir und doch ruhiger, mit weniger unverdorbenen Tugenden, aber auch korrupter. Wir müssen das Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte so führen, wie die griechischen Sklaven die Geschäfte für Kaiser Claudius geführt haben.«“ (Ebd., S. 251).

 

Der Marshallplan: Der Beginn des US-Amerikanischen Jahrhunderts

„1947 war Washington bereit, Westeuropa in seinen Wirtschaftsraum zu integrieren und die Sowjets zu isolieren. Deshalb wurde ein bilateraler Marshallplan für den Wiederaufbau Europas vorgeschlagen.“ (Ebd., S. 252).

„Den mächtigen Vertretern des sogenannten Ostküsten-Establishments, d.h. den zumeist mit der Rockefeller-Gruppe verbundenen oder ihnen zumindest nahestehenden New Yorker Banken und internationalen Konzernen, war völlig klar, was sie nach dem Krieg erreichen wollten. Der Chef von Standard Oil formulierte es mit schönen Worten.“ (Ebd., S. 252).

„1946 forderte Leo D. Welch, Direktor von Rockefellers Standard Oil, Washington auf, » ...die politischen, militärischen, territorialen und wirtschaftlichen Erfordernisse darzulegen, die auf die Vereinigten staaten bei der potenziellen Führung des nicht-deutschen Teils der Welt, inklusive des Vereinigten Königreichs, der westlichen Hemisphäre und des Fernen Ostens, zukommen.« Diesen Satz hätten auch die Vertreter der War & Peace Group des CFR genau so formulieren können.“ (Ebd., S. 252).

„Im us-amerikanischen Busineß-Jargon fuhr Welch fort: »Als größter Kapitalgeber und als wichtigste Beitragsquelle zu dem globalen Mechanismus müssen wir das Tempo bestimmen und die Verantwortung als Mehrheitsaktionär dieses Unternehmens übernehmen, das man die Welt nennt ..., und das gilt auch nicht nur für eine bestimmte Amtszeit. Das ist eine dauernde Verpflichtung.«“ (Ebd., S. 252).

„1948 verfaßte George F. Kennan, der einflußreiche us-amerikanische Diplomat, der die Strategie des Kalten Krieges im US-Außenministerium maßgeblich mit formuliert hatte, für sein Ministerium ein vertrauliches internes Memorandum. In diesem Papier legte er in knappen Worten dar, was das US-Macht-Establishment im Umfeld der Rockefeller-Familie für die Nachkriegszeit plante: »Wir besitzen etwa 50 Prozent des Reichtums dieser Welt, stellen aber 6,3 Prozent ihrer Bevölkerung. .... In einer solchen Situation werden wir unweigerlich zur Zielscheibe von Neid und Mißgunst. Unsere wirkliche Aufgabe besteht deshalb in der nächsten Zeit darin, eine Form von Beziehungen zu entwickeln, die es uns erlaubt, diese Wohlstandsunterschiede ohne ernsthafte Abstriche an unserer nationalen Sicherheit beizubehalten. Dabei können wir uns keine Sentimentalitäten oder Tagträumereien leisten; unsere Aufmerksamkeit muß sich überall auf unsere unmittelbaren nationalen Ziele richten. Wir sollten uns nicht der Täuschung hingeben, daß wir uns heute den Luxus von Altruismus und Weltbeglückung leisten könnten.«“ (Ebd., S. 252-253).

„Kennan, der schon in den 1930er Jahren unter Rockefellers Geschäftspartner Averell Harriman als Gesandter an der US-Botschaft in Moskau tätig war und später in Washington die Politik des »Containments« (Eindämmung) des Kalten Kriegs konzipierte, beschrieb damit die wahre Natur der US-Politik nach dem Zweiten Weltkrieg. Kühl, aber ehrlich und realistisch präsentierte Kennan das wahre Ziel der Nachkriegs-Elite der USA: Die Beherrschung der ganzen Welt - oder zumindest so viel davon, wie die US-Elite 1948 bekommen konnte. Es ging also um die Herrschaft über die vom CFR vorgeschlagene »Grand Area«.“ (Ebd., S. 253).

„1947 legte US-Außenminister George Marshall einen zusammen mit William Clayton und George Kennan verfaßten Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas vor. Dieser Plan sollte die Dominanz der US-Industrie, der großen Ölgesellschaften und Finanzhäuser im Nachkriegseuropa zementieren. Bekannt wurde diese Politik als »Marshallplan«, dessen offizieller Name lautete: European Recovery Program (ERP), also Europäisches Wiederaufbauprogramm.“ (Ebd., S. 253).

„Die us-amerikanischen Autoren der Bedingungen für die Marshallplan-Hilfe hatten darauf geachtet, das Angebot us-amerikanischer Hilfe beim Wiederaufbau auch der Sowjetunion zu unterbreiten, allerdings unter der Bedingung, daß Stalin die sowjetische Wirtschaft für den Westen und die Vereinigten staaten öffnete. Da neben anderen unakzeptablen Bedingungen dabei auch vorgesehen war, daß die Sowjetunion riesige Mengen Rohstoffe an Westeuropa liefern mußte, lehnte die Sowjetunion diese Form der Hilfe ab. Daher (und hauptsächlich daher, daß sie Deutschland weiterhin ausbeuteten und kontrollierten [HB]) konnten die USA also Westeuropa wirtschaftlich dominieren, ohne mit den Sowjets kooperieren zu müssen.“ (Ebd., S. 253-254).

„Bei nüchterner Betrachtung ging es bei der Marshallplan-Hilfe um den massiven Transfer us-amerikanischer Industriegüter nach Europa, ein sehr nützliches Vorgehen bei der Eroberung der neuen westeuropäischen Märkte. Vor allem gehörte zu diesen Hilfsmaßnahmen der Verkauf von Öl aus den Reserven des Standard-Oil-Imperiums der Rockefellers. Eine Anfrage des US-Senats brachte ans Licht, daß der größte Einzelposten , bei der ERP-Hilfe für die Empfangerländer den Kauf us-amerikanischen Öls betraf - Öl, das Rockefellers Standard Oil zu hochgradig inflationierten Preisen geliefert hatte.“ (Ebd., S. 254).

„Am Ende des Krieges waren die von Rockefeller kontrollierten »Fünf ; Schwestern«, also praktisch die gesamte US-Ölindustrie, g:nauso internationalisiert wie die britische. Die Hauptquellen des US-Öls befanden sich in Venezuela, im Mittleren Osten und anderen weit entlegenen Gebieten. »Big Oil«, wie man die fünf riesigen Unternehmen nannte - Standard Oil of New Jersey (Exxon), Socony-Vaccum Oil (Mobil), Standard Oil of Califomia (Chevron), Texaco und Gulf Oil der Familie Mellon -, übernahm nach dem Krieg die Kontrolle des europäischen Erdölmarkts.“ (Ebd., S. 254).

„Die Verwüstungen des Krieges hatten sich stark auf die europäische Abhängigkeit von der Kohle als Hauptenergiequelle ausgewirkt. Deutschland hatte die Kohlereserven im Osten an die Sowjets und Polen (vgl. Vertreibung, Morde, widerrechtliche Annexionen u.s.w. [HB]) verloren, und die Kohleförderung im Westen Deutschlands betrug nur 40 Prozent der Vorkriegsproduktion. In Großbritannien lag die Kohleförderung um 20 Prozent unter dem Wert von 1938. Das Öl in Osteuropa lag nun hinter Churchills »Eisernem Vorhang«, unerreichbar für den Westen. 1947 wurde die Hälfte alles in Europa verbrauchten Öls von den fünf us-amerikanischen Ölgesellschaften geliefert.“ (Ebd., S. 254).

„Die großen us-amerikanischen Ölfirmen nutzten diese günstige Gelegenheit unverzüglich: Kongreßuntersuchungen und Protesten aus der Verwaltungsburokratie gegen den offensilchtlichen Mißbrauch der Marshallplan-Gelder zum Trotz zwangen die US-Ölkonzerne Europa (ganz besonders Deutschland [HB]), einen hohen Preis zu zahlen. Von 1945 und 1948 erhöhten Rockefellers Ölgesellschaften den Ölpreis für ihre europäischen Kunden um mehr als das Doppelte, von 1,05 Dollar auf 2,22 Dollar pro Barrel. Das Öl wurde zwar billig auf den Feldern der US-Gesellschaften im Mittleren Osten gefördert - die Förderpreise lagen meist bei unter 25 Cent pro Barrel -, aber die Frachtraten wurden bewußt mit einer komplizierten Formel berechnet und an die Frachtpreise gekoppelt, die für Transporte von der Karibik nach Europa galten, so daß der Endpreis erheblich höher lag.“ (Ebd., S. 254-255).

„Selbst auf dem europäischen Markt gab es enorme Unterschiede bei den von den US-Konzemen geforderten Preisen. Griechenland mußte 8,30 Dollar pro Tonne für Heizöl bezahlen, während England für die gleiche Ölsorte weniger als die Hälfte - genau 3,95 Dollar pro Tonne - auf den Tisch legen mußte. Außerdem setzten die US-Ölgesellschaften mit Unterstützung Washingtons durch, daß die Europäer keine MarIshallplan-Dollars für den Aufbau eigener Raffineriekapazitäten verwenden durften. Dadurch verstärkten die US-Olkonzerne von »Big Oil« ihre Kontrolle über die Länder im Nachkriegseuropa noch erheblich.“ (Ebd., S. 255).

„Der Marshallplan zum Wiederaufbau trat am 12. Juli 1947 in Kraft und blieb bis nach dem Koreakrieg 1953 wirksam. In dieser Zeit gewährte Washington wirtschaftliche und technische Hilfe im Wert von etwa 13 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau der europäischen Staaten, die der 1948 im Zuge des Marshallplans gegründeten Organisation für Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) mit Sitz in Paris beitraten. Diese Hilfen waren jedoch an strikte Bedingungen geknüpft. So mußten beispielsweise in Frankreich als Gegenleistung für US-Finanzhilfen us-amerikanische Filme gezeigt werden, was eine Schwächung der französischen Filmindustrie bedeutete. US-Amerika war sich der Bedeutung Hollywoods als Propagandainstrument für die unterschwellige Werbung für den »American Way of Life« und us-amerikanische Güter sehr wohl bewußt. Darüber hinaus ermöglichte es der Marshallplan großen US-Konzernen, sich in die europäische Industrie einzukaufen, und zwar zu Schnäppchenpreisen, da die europäischen Währungen gegenüber dem Dollar stark gefallen waren. “ (Ebd., S. 255).

„Anfänglich wurden die Marshallplan-Gelder vornehmlich zum Kauf von Nahrungsmitteln und Treibstoffen aus den USA verwendet, später dann für Industriegüter, die beim Wiederaufbau benötigt wurden. Nach dem Beginn des Koreakriegs im Juni 1950 wurde ein immer größerer Teil der Mittel im Zuge der Gründung der neuen nordatlantischen Verteidigungsorganisation NATO für den militärischen Wiederaufbau in Westeuropa benutzt. Dabei stammten die meisten Rüstungsgüter aus den USA. US-Amerikanische Rüstungsexporte wurden zur strategischen Priorität bei der us-amerikanischen Exportpolitik. (Der Marshallplan war also eine Hilfe nur für US-Amerika, nicht für Europa! [HB]).“ (Ebd., S. 250).

 

1971: Der Anfang vom Ende des Dollar-Systems

„»Wir haben Ihnen gezeigt, wie die USA England und alle anderen Länder der
Geschichte, die versucht haben. ein Imperium zu errichten, in die Tasche gesteckt
haben. Wir haben die größte Abzocke aufgezogen, die es je gegeben hat.«
(Herman Kahn, 1971, nachdem er erfuhr, wie Zahlungsbilanzdefizite
der USA genutzt werden können, um andere Länder auszubeuten).
Vgl. Michael Hudson, Super Imperialism: The Origins and Fundamentals of US World Dominance, 2003, S. xiii. Hudsons Bericht ist Teil seiner brillanten Beschreibung der us-amerikanischen Finanzmanipulationen der Nachkriegszeit, als atemberaubend hohe Schulden des US-Finanzministeriums im Verein mit chronischen Handelsdefiziten dazu benutzt wurden, um das zu tun, was sich kein anderes Land leisten konnte, einfach weil der Dollar Weltreservewährung war und die Sicherheit aller anderen Länder von der Militärmacht der USA abhing. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als mit ihren Handelsüberschüssen von vielen hundert Milliarden Dollars Schatzbriefe des us-amerikanischen Finanzministeriums zu kaufen, was - wie Hudson gegenüber Kahn betont hatte - diese Länder zwang, us-amerikanische Kriege und andere Abenteuer zu finanzieren, die den Ländern, die diese US-Schatzbriefe kauften, auch noch zum Schaden gereichten. Die Abkopplung des Dollars vom Gold im August 1971 war der entscheidende Schritt, der diese Entwicklung erst ermöglichte, obwohl das, wie Hudson zeigt, den politischen Kreisen in Washington und an der Wall Street zunächst gar nicht klar war. Das gesamte Buch ist online verfügbar.“

„Die frühen 1970er Jahre bedeuteten für das US-Establishment eine Wasserscheide. Wenn die USA als dominierende weltweite Wirtschafts- und Finanzmacht überleben wollten, mußten dramatische Maßnahmen eingeleitet werden. Wie US-Amerikas Elite dabei allerdings vorgehen sollte, war alles andere als klar. Doch schon bald hatten die Mächte, die an der Wall Street das Sagen hatten, eine Strategie entwickelt.“ (Ebd., S. 295).

„Angesichts der Kosten für Johnsons eskalierenden Krieg in Südostasien verkauften internationale Banken und Zentralbanken vermehrt Dollars und kauften dafür Gold. 1968 hatte das Defizit im US-Bundeshaushalt aufgrund der explodierenden Kriegskosten die bis dahin beispiellose Höhe von 30 Milliarden Dollar erreicht. Die Goldreserven schwanden weiterhin beängstigend und näherten sich dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestwert von 25 Prozent. Politische Auflösungserscheinungen verstärkten die Finanzflucht noch weiter: Verteidigungsminister Robert McNamara, der weithin als Architekt und Stratege eines »nicht zu gewinnenden Krieges« galt, reichte seinen Rücktritt ein.“ (Ebd., S. 295).

„Es war offensichtlich nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kern des Bretton-Woods-Systems der Nachkriegszeit zerbrach. Das geschah schließlich am 15. August 1971, als Präsident Richard Nixon der Welt verkündete, er habe angeordnet, das Gold-Diskontfenster der New Yorker Federal Reserve zu schließen. Ausländer, die Dollars besaßen, waren durch diese einseitige Handlung des US-Präsidenten über Nacht ihres vertraglich besiegelten Anrechts auf Gold beraubt worden.“ (Ebd., S. 295-296).

„Nixon handelte auf Rat eines kleinen Beraterkreises aus dem Umkreis der Rockefellers. Dazu gehörten neben seinem Haushaltsberater George Shultz, dem späteren US-Außenminister und Direktor des riesigen Baukonzerns Bechtel, auch Jack F. Bennet vom Finanzministerium, der später Direktor von Rockefellers Ölgesellschaft Exxon Co. und Finanzstaatssekretär für internationale Währungsfragen wurde, sowie der frühere Direktor der Chase Manhattan Bank, Paul Volcker, zeitlebens ein Protegé der Rockefeller-Interessen. Dieser Paul Volcker sollte acht Jahre später als Chef der us-amerikanischen Federal Reserve eine entscheidende Rolle spielen. Zu diesem Posten hatte ihm David Rockefeller verholfen, der dafür gesorgt hatte, daß Präsident Carter Volcker zum Fed-Chef ernannte, damit ein »Bankiers-Putsch« möglich wurde! (**).“ (Ebd., S. 296).

„Die Entscheidung Nixons und Volckers
zur Aufhebung der Goldkonvertibilität
vom August 1971 öffnete die
Schleusen für die Währungsinflation.“

„Nixons einseitiges Vorgehen in der Goldfrage wurde bei internationalen Gesprächen bestätigt, die im Dezember desselben Jahres in Washington zwischen Vertretern der führenden Länder Europas, Japans und einiger anderer Staaten geführt wurden und in einem faulen Kompromiß mündeten, der nach dem Ort der Verhandlungen als »Smithsonian Agreement« bekannt wurde. Nach diesen Gesprächen im Washingtoner Smithsonian-Gebäude verkündete Nixon, diese Vereinbarung sei »der Abschluß der wichtigsten Währungsvereinbarung der Weltgeschichte«. Die USA hatten formell den Dollar abgewertet, allerdings nicht um den riesigen Betrag - d.h. eine Verdopplung des Goldpreises auf 70 US-Dollar -, der nach Meinung der Europäer nötig war, um ein globales Gleichgewicht wiederherzustellen. Washington wertete den Dollar lediglich um acht Prozent ab, wodurch der Goldpreis bei 38 Dollar pro Feinunze anstatt der jahrelang gültigen 35 Dollar pro Feinunze festgelegt wurde. Außerdem ließ diese Vereinbarung jetzt eine offizielle Schwankungsbreite der Währungen von 2,25 Prozent zu (anstelle des ursprünglich in den IWF-Regeln festgelegten einen Prozentes).“ (Ebd., S. 296-297).

„Als Nixon allen, die auf der Welt Dollars besaßen, erklärte, daß sie ihre Papiere nicht mehr in Gold eintauschen konnten, setzte er eine Reihe von Entwicklungen in Gang, die die Welt erschüttern sollten. Es dauerte nur wenige Wochen, bis das Vertrauen in das »Smithsonian Agreement« zu bröckeln begann.“ (Ebd., S. 297).

„Gold hat wenig Wert an sich. Dieses Edelmetall wird für einige industrielle Zwecke benutzt und ist als Schmuck sehr begehrt. Aber historisch hat es aufgrund seines begrenzten Vorkommens als anerkannter Wertstandard gedient, an dem verschiedene Länder ihre Handelsbedingungen und damit auch ihre Währungen ausgerichtet haben. Als Nixon erklärte, daß die USA ihren Währungsverpflichtungen gegenüber dem Gold nicht mehr nachkommen würden, öffnete er die Schleusen für eine weltweite Spekulation im Stil eines Casinogelages in Las Vegas und zwar in einer historisch nie da gewesenen Dimension.“ (Ebd., S. 297).

„Ab dem 15. August 1971 wurde die langfristige wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr an einen festen Wechselkurs gebunden, sondern der Welthandel wurde selbst zum Schauplatz von wilden Spekulationen in bezug darauf, in welche Richtung bestimmte Währungen schwanken würden. Infolgedessen stieg das Gesamtvolumen der weltweit zirkulierenden Dollars, das sich bis Ende der 1960er Jahre auf einem relativ gleichmäßigen Niveau befunden hatte, bis Ende der 1990er Jahre exponentiell um etwa 2500 Prozent an.“ (Ebd., S. 297).

„Daß die Einlösung von Gold ausgesetzt und daraufuin Anfang der 1970er Jahre »flexible Wechselkurse« eingeführt wurden, war keine Lösung. Es verschaffte den US-Finanzkreisen lediglich etwas Zeit, ihre nächsten Schritte festzulegen. Die untaugliche Grundlage des »Smithsonian Agreements« führte 1972 zu einer weiteren Verschlechterung der Lage, da es weiterhin zu einer massiven Kapitalflucht aus dem Dollar in Richtung Europa und Japan gab, bis Nixon am 12. Februar 1973 schließlich eine zweite Abwertung des Dollars bekannt gab, und zwar um zehn Prozent gegenüber dem Gold, wodurch der offizielle Goldpreis auf den bis heute gültigen Wert von 42,22 Dollar pro Feinunze festgelegt wurde.“ (Ebd., S. 297).

„Doch die Abwertung konnte die Dollar-Verkäufe kaum stoppen. Im Mai 1973 kam es darum auf einer kleinen schwedischen Ferieninsel vor Stockholm zu einem streng geheimen Treffen, bei dem das Leben des US-Dollars auf Kosten des weltweiten industriellen Wachstums ein wenig weiter verlängert wurde. Die Wall Street und die Machtelite im Umkreis des damaligen US-Außenministers - und de facto amtierenden Präsidenten - Henry Kissinger, der selbst zeitlebens ein Anhängsel der Rockefeller-Interessen war, beschlossen bei diesem Treffen, der Weltwirtschaft einen dramatischen Schock zu verpassen, um den fallenden Dollar als Wert für den Welthandel und die Weltfinanzen sowie als Säule der imperialen Strategie US-Amerikas zu retten.“ (Ebd., S. 297-298).

 

Saltsjöbaden und der Ölschock der Bilderberger **

„Der Plan hinter Nixons Dollar-Strategie vom 15. August 1971 (**|**) wurde erst im Oktober 1973 deutlich, und selbst dann begriffen außer einer Handvoll Insider nur wenige den Zusammenhang. Die Entmonetarisierung des Goldes im August 1971 wurde vom New Yorker Finanz-Establishment genutzt, um Zeit zu gewinnen, während us-amerikanische Politstrategen einen kühnen neuen Währungsplan entwarfen - einen »Paradigmenwechsel« vollzogen, wie einige Insider das Ganze gern nannten. In dem Moment, wo alles verloren schien, hatten bestimmte einflußreiche Stimmen im US-Finanz-Establishment eine Strategie entwickelt, mit der wieder ein starker Dollar geschaffen und die politische Machtposition der USA in der Welt gestärkt werden konnten.“ (Ebd., S. 298).

„Im Mai 1973, als der dramatische Verfall des Dollars noch in vollem Gange war, trafen sich 84 der führenden Insider aus Finanzen und Politik auf der besagten einsamen Insel an der Ostseeküste vor Stockholm - Saltsjöbaden -, die praktisch der schwedischen Bankiersfamilie Wallenberg gehört. Bei diesem Treffen von Prinz Bernhards Bilderberger-Gruppe (**) trug ein US-Amerikaner das »Szenario« eines unmittelbar bevorstehenden 400-prozentigen Anstiegs der Öleinkünfte der OPEC-Länder vor. Der Zweck dieses Geheimtreffens auf Saltsjöbaden bestand allerdings nicht darin, den erwarteten Ölpreisschock zu verhindern, sondern vielmehr zu planen, wie man die bald zu erwartende Flut von Öl-Dollars handhaben sollte. US-Außenminister Kissinger sollte diesen Prozeß später als »Recycling der Petrodollar-Ströme« bezeichnen.“ (Ebd., S. 298).

„Der erwähnte US-Amerikaner war Walter Levy, der Rockfellers Standard-Oil-Konzern als Berater nahestand. Er erklärte den Teilnehmern des Bilderberger-Treffens (**) , bei dem es eigentlich um die atlantisch-japanische Energiepolitik gehen sollte, was in der nächsten Zeit geschehen würde. Zunächst legte er dar, daß in Zukunft der weltweite Ölbedarf vorwiegend von einer kleinen Zahl ölproduzierender Länder im Mittleren Osten gedeckt werde, und fügte dann prophetisch hinzu: »Die Kosten dieser Ölimporte werden gewaltig steigen, was für die Zahlungsbilanzen der Verbraucherländer große Schwierigkeiten bringen wird. Ernsthafte Probleme würden entstehen, wenn sich in Ländern wie Saudi-Arabien oder Abu Dhabi plötzlich große Devisenreserven anhäufen sollten.« Und weiter: »Die politischen, strategischen und machtpolitischen Beziehungen zwischen den ölproduzierenden und den ölimportierenden Ländern sowie den Heimatländern der internationalen und nationalen Ölgesellschaften der produzierenden und importierenden Länder könnten sich grundlegend verändern.« Er prognostizierte dann einen Anstieg der Öleinkünfte der OPEC-Länder im Mittleren Osten, der bei etwas über 400 Prozent liegen würde, das gleiche Niveau, das Kissinger bald vom persischen Schah verlangen sollte.“ (Ebd., S. 298-299).

„Weitere Teilnehmer des Treffens auf Saltsjöbaden im Mai 1973 waren: David Rockefeller von der Chase Manhattan Bank, damals der anerkannte »Vorstandsvorsitzende des us-amerikanischen Establishments«; Robert O. Anderson von der Atlantic Richfield Oil Company, ein enger Rockefeller-Verbündeter; Lord Greenhill, Direktor von British Petroleum; Sir Eric Roll von der Bank S. G. Warburg, Mitbegründer der Eurobonds; George Ball von der Investmentbank Lehman Brothers, der zehn Jahre zuvor als stellvertretender US-Außenminister seinem Bankiersfreund Siegmund Warburg von der Londoner Bank S. G. Warburg & Co. geraten hatte, den Eurodollarmarkt in London aufzubauen; Zbigniew Brzezinski, der gerade Direktor von David Rockefellers privater Trilateraler Kommission (**|**) geworden war und später Präsident Carters Nationaler Sicherheitsberater werden sollte; Gianni Agnelli, der Fiat-Chef aus Italien; sowie Otto Wolff von Amerongen, einer der einflußreichsten Repräsentanten der deutschen Nachkriegswirtschaft und der erste Deutsche, der zu einem der Direktoren von Rockefellers Exxon Oil Company ernannt wurde. Auch Henry Kissinger war zu dem Treffen eingeladen!“ (Ebd., S. 299).

„Seit Mai 1954 fanden die jährlichen Treffen der Bilderberger (**) statt, und zwar immer unter strengster Geheimhaltung. Anfänglich waren die Bilderberger eine kleine elitäre Gruppe von »Atlantikern«, zu der vor allem David Rockefeller, George Ball, Dr. Joseph Retinger, Prinz Bernhard der Niederlande und George C. McGhee, damals us-amerikanischer Diplomat und später Direktor von Rockefellers Mobil Oil, gehörten. Zu den Treffen der Bilderberger - ihren Namen erhielten sie von dem Ort ihres ersten Treffens, dem Hotel De Bilderberg in der Nähe von Amheim in den Niederlanden - fanden sich dann alljährlich die führenden Eliten aus Europa und US-Amerika ein, um vertrauliche politische Gespräche zu führen und geheime Entscheidungen zu treffen. Ein Konsens wurde »geformt« und in anschließenden Pressekommentaren und Medienberichten sorgfaltig propagiert, ohne jedoch jemals dabei die geheimen Bilderberger-Gespräche zu erwähnen. Der Bilderberger-Prozeß gehörte zu den effektivsten Instrumenten der Gestaltung der anglo-us-amerikanischen Politik nach dem Zweiten Weltkrieg. (**).“ (Ebd., S. 299-300).


„Anonym, Saltsjoebaden Conference, Bilderberg-Treffen, 11.-13. Mai 1973. Der Autor ist im Besitz einer Originalkopie der offiziellen Diskussion bei diesem Treffen. Das eigentlich vertrauliche Dokument wurde in einer Pariser Buchhandlung gekauft. Es trägt die Unterschrift des Bilderberger-Insiders (**|**) Shepard Stone. Die Tagesordnung für das Bilderberger-Treffen 1973 war von Robert D. Murphy vorbereitet worden, der 1922 als US-Konsul in München stationiert gewesen war. Dort hatte er sich um ein Treffen mit dem damals unbekannten Adolf Hitler bemüht und anschließend eine positive Empfehlung an seine Vorgesetzten in Washington geschickt. Später war Murphy als politischer Berater an der Gestaltung der US-Besatzungspolitik in Nachkriegsdeutschland beteiligt. Walter Levy, der den Energiebericht in Saltsjöbaden vortrug, war mit den Interessen von »Big Oil« eng verbunden. 1948 diente Levy als ÖI-Experte bei der Economic Cooperation Administration des Marshall-Plans, wobei er versucht hatte, eine Untersuchung der Regierung zu verhindern, die den Vorwürfen nachgehen wollte, die Ölgesellschaften erhöben zu hohe Preise.“ (Ebd., Anmerkung 4).

„Die Mächtigen, die sich im besagten Mai 1973 bei ihrer BilderbergerTagung (**) in Schweden trafen, hatten dabei offenbar entschieden, einen enormen Angriff auf das industrielle Wachstum zu führen und damit die Machtbalance wieder zugunsten der us-amerikanischen Finanzinteressen und des Dollars zu verschieben. Zu diesem Zweck beschlossen sie, ihre wertvollste strategische Waffe einzusetzen: die Kontrolle über die weltweite Verteilung des Erdöls.“ (Ebd., S. 300).

„Die Politik der Bilderberger (**) sah vor, die us-amerikanische Diplomatie einzusetzen, um knapp ein halbes Jahr später, im Oktober 1973, ein weltweites Ölembargo auszulösen und damit - welch ein Schock! - einen dramatischen Anstieg des Ölpreises zu bewirken. Seit 1945 hatte es sich international eingebürgert, daß der weltweite Ölhandel in US-Dollars abgewickelt wurde, da nach dem 2. Weltkrieg us-amerikanische Ölgesellschaften den Markt beherrschten. Ein plötzlicher steiler Anstieg des Ölpreises weltweit bedeutete deshalb auch einen gleichermaßen steilen Anstieg der weltweiten Nachfrage nach US-Dollars, um damit das benötigte Öl zu bezahlen. Der Anstieg würde also nicht nur Exxon, Mobil Oil und die anderen Rockefeller-Ölgesellschaften zu den größten Unternehmen der Welt machen, sondern gleichzeitig auch ihre Banken - Chase Manhattan, Citibank und einige wenige andere - zu den größten Geldhäusern der Welt.“ (Ebd., S. 300).

„Das von den Rockefellers beherrschte us-amerikanische Finanz-Establishment war entschlossen, seine Macht über das Öl in einer Weise einzusetzen, die damals niemand für möglich gehalten hätte. Genau das Ungeheuerliche ihres Plans diente ihrem Vorteil. Niemand konnte sich vorstellen, daß so etwas bewußt getan würde. Aber genau so geschah es.“ (Ebd., S. 300).

 

Kissingers Ölschock von „Jom Kippur“

„Am 6. Oktober 1973 - auf diesen Tag fiel in diesem Jahr der jüdische Versöhnungstag (»Jom Kippur«), der höchste israelische Feiertag - marschierten ägyptische und syrische Truppen in Israel ein und lösten damit den »Jom-Kippur-Krieg« aus. Dieser Krieg war nicht das simple Ergebnis von Fehleinschätzungen und Fehlern oder der Entscheidung der arabischen Staaten, einen Militärschlag gegen Israel zu führen. Die Umstände im Vorfeld des Ausbruchs dieses Krieges im Oktober 1973 wurden insgeheim in Washington und London inszeniert, die sich dabei der einflußreichen diplomatischen Geheimkanäle bedienten, die das Weiße Haus unter Nixons Nationalem Sicherheitsberater Henry Kissinger entwickelt hatte.“ (Ebd., S. 300-301).

„Durch seine engen Verbindungen zu Simcha Dinitz, dem damaligen Botschafter Israels in Washington, konnte Kissinger praktisch die politische Reaktion Israels bestimmen. Darüber hinaus pflegte Kissinger auch seine Verbindungen zur ägyptischen und syrischen Seite. Seine Methode war einfach: Er präsentierte der einen Seite die kritischen Elemente der anderen Seite falsch und stellte damit sicher, daß es zum Krieg und zu dem nachfolgenden Ölembargo der Araber kommen würde. Vorher hatte Saudi-Arabiens König Faisal wiederholt Kissinger und Washington gegenüber klargestellt, daß die OPEC-Länder mit einem Ölembargo antworten würden, wenn die USA weiterhin einseitig Israel mit Militärgütern belieferten.“ (Ebd., S. 301).

„Kissinger, damals Nixons Geheimdienst-»Zar«, unterdrückte gezielt us-amerikanische Geheimdienstberichte, darunter auch abgefangene Kommunikationen zwischen arabischen Vertretern, die die Kriegsvorbereitungen bestätigten. Der Krieg und die Zeit danach - Kissingers berüchtigte »Pendeldiplomatie« - wurden in Washington entworfen, und zwar genau entsprechend der Entschlüsse der Bilderberger (**|**) vom vergangenen Mai auf Saltsjöbaden, knapp sechs Monate vor Ausbruch des Krieges. Die arabischen ölproduzierenden Länder sollten zum Sündenbock für die kommende weltweite Empörung gemacht werden, während sich die wirklich verantwortlichen anglo-us-amerikanischen Interessen still im Hintergrund hielten!“ (Ebd., S. 301).

„Mitte Oktober 1973 erklärte die Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt dem damaligen US-Botschafter in Bonn, daß sich Deutschland im Nahostkonflikt neutral verhalte und den USA nicht gestatten werde, von deutschen NATO-Basen aus Nachschub an Israel zu liefern. Am 30. Oktober 1973 sandte Nixon eine scharf formulierte Protestnote, die dem Vernehmen nach Henry Kissinger formuliert hatte, an Bundeskanzler Brandt - eine merkwürdige Vorwegnahme ähnlicher Ereignisse ungefähr 17 Jahre später.“ (Ebd., S. 301).

„Nixons Antwort an die Bundesregierung war ebenso kurz wie direkt: »Wir erkennen an, daß die Europäer stärker vom arabischen Öl abhängig sind als wir, aber wir sind nicht der Ansicht, daß Ihre Verletzlichkeit sinkt, wenn sie sich in einer solch bedeutenden Angelegenheit von uns distanzieren .... Sie schreiben, diese Krise sei kein Fall gemeinsamer Verantwortung für die Allianz und die militärischen Lieferungen an Israel geschähen zu Zwecken, die nicht zum Verantwortungsbereich der Allianz gehören. Ich glaube nicht, daß wir solch eine feine Unterscheidung machen können ....«“ (Ebd., S. 302).

„Washington wollte Deutschland einfach nicht erlauben, sich im Nahostkonflikt für neutral zu erklären. Dagegen durfte England jedoch ungestraft seine Neutralität klar erklären, damit das Land die Auswirkungen des Ölembargos nicht zu spüren bekam. London hatte sich selbst geschickt um eine internationale Krise herummanövriert, die England selbst mit inszeniert hatte.“ (Ebd., S. 302).

„Eine außerordentlich wichtige Konsequenz des anschließenden Anstiegs der OPEC-Ölpreise um rund 400 Prozent war unter anderem die, daß sich jetzt die vielen hundert Millionen Dollar, die British Petroleum, Royal Dutch Shell und andere anglo-us-amerikanische Ölkonzerne in die riskante Förderung des Nordseeöls investiert hatten, jetzt auszahlten. Es war schon ein sehr merkwürdiges zeitliches Zusammentreffen, daß die Nordsee-Ölfelder erst nach Kissingers Ölschock profitabel wurden. Aber natürlich könnte das auch nur ein glücklicher Zufall gewesen sein.“ (Ebd., S. 302-303).

„Am 16. Oktober 1973 hatte die Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) zum Abschluß eines Treffens in Wien zur Beratung über die Höhe des Ölpreises diesen Preis um für damalige Verhältnisse atemberaubende 70 Prozent angehoben, nämlich von 3,01 auf 5,11 Dollar pro Barrel. Gleichzeitig erklärten die arabischen Erdölländer an diesem 16. Oktober unter Hinweis auf die Unterstützung Israels durch die USA ein Embargo auf alle Ölverkäufe an die USA und die Niederlande, das mit Rotterdam den wichtigsten Ölhafen Westeuropas stellte.“ (Ebd., S. 303).

„Saudi-Arabien, Kuwait, der Irak, Libyen, Abu Dhabi, Qatar und Algerien erklärten am 17. Oktober 1973, sie würden ihre Produktion für den Oktober gegenüber dem September-Niveau um fünf Prozent kürzen und jeden Monat um weitere fünf Prozent, »bis der Abzug der Israelis aus den im Juni 1967 besetzten arabischen Gebieten abgeschlossen ist und die Rechte des palästinensischen Volkes wiederhergestellt sind«. Der erste »Öl-Schock« der Welt - die Japaner nannten ihn »Oil Shokku« - war perfekt.“ (Ebd., S. 303).

„Es ist bedeutsam, daß die Ölkrise genau in dem Moment voll zum Tragen kam, als der Präsident der Vereinigten Staaten persönlich in den sogenannten »Watergate-Skandal« hineingezogen wurde. Henry Kissinger konnte damit de facto als US-Präsident agieren; er bestimmte während der Krise Ende 1973 den Kurs der us-amerikanischen Außenpolitik.“ (Ebd., S. 303).

„Als das Weiße Haus von Präsident Nixon 1974 einen führenden Vertreter zum US-Finanzministerium schickte, um dort einen Plan zu entwickeln, wie man die OPEC zur Senkung des Ölpreises zwingen könnte, wurde er brüsk abgewiesen. In einem Memorandum erklärte Nixons Vertreter: »Die führenden Bankiers lehnten diesen Rat rundweg ab und setzten sich für ein ›Recycling‹-Programm ein, um mit dem höheren Ölpreis fertigzuwerden. Dies war eine fatale Entscheidung ....« Zu den führenden Bankiers gehörten damals ohne Zweifel David Rockefeller und die Chefs der großen New Yorker Banken mit ihren Verbindungen zur Ölindustrie.“ (Ebd., S. 303).

„Das US-Finanzministerium unter Jack Bennett, dem Mann, der 1971 daran beteiligt gewesen war, Nixons verhängnisvolle Dollar-Politik zu steuern (**|**), hatte mit der saudi-arabischen Währungsbehörde SAMA eine geheime Vereinbarung geschlossen, die in einem Memorandum von Finanzminister Jack F. Bennett an Außenminister Kissinger vom Februar 1975 festgehalten wurde. Nach dieser Vereinbarung sollten die riesigen unerwarteten Profite (»windfalls«) dieser neuen Öleinkünfte Saudi-Arabiens in erheblichem Maße zur Finanzierung des US-Haushaltsdefizits eingesetzt werden. David Mulford, ein junger Wall-Street-Investmentbanker von der führenden Eurobond-Firma White Weid & Co., wurde als Haupt-»Investmentberater« der SAMA nach Saudi-Arabien entsandt, um die saudischen Petrodollar-Investments in die richtigen Banken zu schleusen - natürlich vornehmlich in us-amerikanische Banken in London und New York. Alles verlief wie von den Bilderbergern (**|**) gepant. Auch der in den Jahren zuvor aufgebaute Eurodollar-Markt sollte beim »Recycling« der Offshore-Petrodollars eine entscheidende Rolle spielen. Später schätzte Rockefellers Chase Manhattan Bank, daß zwischen 1974 und Ende 1978 die Länder der OPEC bei ihren Ölexporten einen Überschuß von 185 Milliarden Dollar erzielt hatten. Von diesem Geldern wurden mehr als drei Viertel durch westliche Finanzinstitute geschleust, wobei der Löwenanteil an die Chase und mit ihr alliierte Banken in New York und London gelangte, die diese »Petrodollars« dann in Form von Krediten an die Dritte Welt weitergaben. Das war damals eine ganz gewaltige Summe.“ (Ebd., S. 303-304).

„Kissinger, der als Präsident Nixons mächtiger Nationaler Sicherheitsberater bereits wichtige Lageeinschätzungen der US-Geheimdienste unter seiner Kontrolle hatte, sicherte sich auch die Kontrolle über die US-Außenpolitik, als er in den Wochen vor dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 Nixon überredete, ihn auch zum Außenminister zu ernennen und damit eine Machtposition in der US-Politik einzunehmen, die weder vor noch nach ihm je ein anderer Politiker innegehabt hat. In den letzten Monaten der Regierung Nixon verfügte niemand übel so viel absolute Macht wie Henry Kissinger. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde Kissinger 1973 der »Friedensnobelpreis« (Anführungsstriche von mir [HB]) verliehen.“ (Ebd., S. 304).

„Nach einem Treffen am 1. Januar 1974 in Teheran wurden noch eine zweite Preiserhöhung um mehr als 100 Prozent verfügt und der Richtpreis der OPEC auf 11,65 Dollar pro Barrel festgelegt. Das geschah auf die überraschende Forderung des Schahs von Persien hin, dem Henry Kissinger insgeheim diesen Schritt befohlen hatte. Der Schah wußte, das er seine Rückkehr zur Macht im Jahr 1953 der CIA und der Unterstützung Washingtons zu verdanken hatte. (**).“ (Ebd., S. 304).


Bei einem persönlichen Gespräch in seinem außerhalb von London gelegenen Haus berichtete S. E. Scheich Saki Jamani, saudi-arabischer Ölminister und OPEC-Sprecher in der Zeit des Embargos, dem Autor im September 2000 von seinem Gespräch mit dem Schah von Persien Anfang 1974. Als Jamani auf Anweisung des saudichen Königs den Schah fragte, warum der Iran einen so starken Anstieg des Olpreises forderte, entgegnete dieser: »Um eine Antwort auf Ihre Frage zu erhalten, fahren Sie am besten nach Washington und fragen Sie Henry Kissinger.«“ (Ebd., Anmerkung 11).

„Schah Reza Pahlavi hatte sich noch wenige Monate zuvor einer Erhöhung des Ölpreises durch die OPEC auf 3,01 Dollar widersetzt, weil er befürchtet hatte, dies würde die Exporteure im Westen dazu zwingen, die Preise der Industrieanlagen, die der Schah für Persiens ehrgeiziges Industrialisierungsprogramm importieren wollte, zu erhöhen. Die Unterstützung Washingtons und der westlichen Länder für Israel im Oktoberkrieg hatte die Wut der OPEC bei den Treffen geschürt. Und nicht einmal Kissingers eigenes Außenministerium war über dessen geheime Absprachen mit dem Schah informiert.“ (Ebd., S. 304-305).

„Von 1949 bis Ende 1970 hatten die Preise für Rohöl aus dem Nahen Osten im Durchschnitt bei etwa 1,90 Dollar pro Barrel gelegen. Anfang 1973, zum Zeitpunkt des verhängnisvollen Bilderberger-Treffens (**|**) auf Saltsjöbaden, bei dem über einen unmittelbar bevorstehenden Preisanstieg der OPEC um 400 Prozent gesprochen worden war, waren sie auf 3,01 Dollar gestiegen. Anfang Januar 1974 war dieser anvisierte Preisanstieg von 400 Prozent dann Wirklichkeit geworden.“ (Ebd., S. 305).

 

„Heißes Geld“: die Geburtsstunde der Offshore-Eurodollars

„Schon bevor Nixon gezwungen war, das Abkommen von Bretton Woods aufzukündigen und die Konvertierbarkeit des Dollars gegen Gold aufzuheben, hatten die New Yorker Banken unter Führung von David Rockefellers Chase Manhattan Bank und der Citibank bereits damit begonnen, eine Nutzung für die vielen Milliarden Dollars zu entwickeln, die sich in Übersee, das heißt vor allem in Banken in London und auf dem europäischen Kontinent, ansammelten. Aufgrund der klugen Lobbyarbeit der New Yorker Banken waren Bankkredite, die ausländische Zweigstellen der US-Banken an Ausländer vergeben hatten, von der neuen, 1964 verhängten »US-Interest Equalization Tax« ausgenommen. Mit dieser Zinsausgleichsteuer sollten die Kreditvergabe us-amerikanischer Banken ins Ausland erschwert und damit der Abfluß von Dollars gestoppt werden.“ (Ebd., S. 305).

„Infolgedessen hatten die us-amerikanischen Banken nichts Eiligeres zu tun, als Zweigstellen in London und anderen geeigneten Finanzplätzen zu eröffnen. Wieder einmal hatte es die Londoner City trotz der Schwäche der englischen Wirtschaft geschafft, zum weltweiten Finanz- und Bankenzentrum zu werden, und zwar durch die Entwicklung des großen neuen »Eurodollar«-Bank- und Kreditmarkts mit London als seinem Zentrum.“ (Ebd., S. 305).

„Ab Ende der 1950er Jahre hatten die großen New Yorker Banken ihre Macht und ihren Einfluß durch eine Reihe von Bankfusionen enorm gesteigert. Rockefellers Chase National Bank hatte sich mit der Bank of Manhattan zur Chase Manhattan Bank zusammengeschlossen. Deren Direktor wurde Rockefellers Anwalt und Treuhänder der Rockefeller-Stiftung, John J. McCloy, damals Vorsitzender des New Yorker Council on Foreign Relations, der erst kurz zuvor von seinem Posten als Hoher Kommissar der USA in Deutschland nach New York zurückgekehrt war. Die National City Bank of New York übernahm die First National Bank of New York und bildete unter Vorsitz von James Stillman Rockefeller die City Bank of New York, die spätere Citibank.“ (Ebd., S. 306).

„Andere große New Yorker Banken, darunter die Chemical Bank, Manufacturers Hanover und Bankers Trust durchliefen ähnliche Fusionen und Zusammenschlüsse, bis schließlich - wie es in einem Bericht des US-Justizministeriums von 1961 formuliert wurde - die fünf größten Banken von New York unter Führung der beiden Banken der Rockefeller-Interessen 75 Prozent aller Einlagen in der größten Stadt der USA kontrollierten, die gleichzeitig das Finanzzentrum der Welt war. Die erstaunliche Konzentration der Finanzmacht in der Hand dieser wenigen New Yorker Banken in den 1960er Jahren war für die politischen und finanziellen Entwicklungen in den folgenden 40 Jahren bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts von entscheidender Bedeutung. Die US-Regierung nahm die Banken von den Bestimmungen der us-amerikanischen AntiKartell-Gesetze aus, die eine unangemessene Konzentration oder Kartellisierung verboten.“ (Ebd., S. 306).

„In den 1960er Jahren machten sich diese neu fusionierten und enorm einflußreichen New Yorker Banken daran, einen neuen Offshore-Markt für Dollars außerhalb der Vereinigten Staaten zu gründen: den Eurodollar-Markt. Washingtons gesteigertes Bemühen, Besitzer von Dollars in Übersee davon zu überzeugen, diese Dollar-Bestände nicht gegen Gold einzutauschen, führte dazu, daß sich in Übersee eine ständig wachsende Menge Dollars ansammelte - das meiste davon auf dem westeuropäischen Kontinent oder in London. Das Schicksal Londons hellte sich langsam wieder auf, da sich die Londoner City - so wird der Bankenbezirk gemeinhin genannt - daran machte, den Markt für die US-Dollars im Ausland zu monopolisieren. Die Bank von England und der Londoner Bankier Sir Siegmund Warburg, der Gründer der einflußreichen Handelsbank der City, der S. G. Warburg & Co., hatte mit der Hilfe seiner Freunde in Washington, insbesondere des stellvertretenden US-Außenministers George Ball, geschickt die Dollars angelockt, so daß in London die größte Konzentration von US-Dollars außerhalb der USA selbst entstand.“ (Ebd., S. 306-307).

„Der daraus resultierende Londoner Eurodollar-Markt war »offshore«, das heißt, er unterlag nicht der Kontrolle durch ein Gesetz eines Landes oder der Aufsicht durch eine Zentralbank. New Yorker Banken und Brokerhäuser eröffneten Büros in London, um das blühende neue Eurodollar-Kasino zu dirigieren, außer Reichweite der neugierigen Blicke der us-amerikanischen Steuerbehörden. Die internationalen New Yorker Banken bekamen billige Gelder vom Eurodollar-Markt, genauso wie die großen multinationalen Konzerne.“ (Ebd., S. 307).

„Washington ließ Anfang der 1960er Jahre bereitwillig zu, daß sich die Schleusen weit öffneten, durch die enorme Mengen an US-Dollars aus US-Amerika auf den Eurodollar-Markt mit seinem »heißen Geld« flossen.“ (Ebd., S. 307).

„Käufer dieser neuen Eurodollar-Anleihen namens Eurobonds waren anonyme Personen, die von den Londoner, New Yorker und schweizerischen Bankiers, die dies neue Spiel betrieben, zynisch »belgische Zahnärzte« genannt wurden. Diese Eurobonds waren »Inhaber«-Obligationen bzw. -Pfandbriefe, d.h. kein Name eines Käufers tauchte irgendwo auf, und deshalb waren sie bei Investoren, die nach Wegen zur Steuerersparnis suchten, genauso beliebt wie bei Drogenpaten und anderen zwielichtigen Figuren, die ihre illegalen Profite waschen wollten. Was gab es Besseres, als Einkünfte aus Schwarzarbeit in Eurodollar-Anleihen anzulegen, wenn die Zinsen von General Motors oder der italienischen Autostrada-Betriebsgesellschaft bezahlt wurden? Ein kluger Analyst des Eurodollar-Prozesses schrieb: »Der Eurodollar-Markt war das wichtigste Finanz-Phänomen der 1960er Jahre, denn hier hatte das Finanz-Erdbeben vom Anfang der 1970er Jahre seinen Ursprung.«“ (Ebd., S. 307).

„Ein wichtiger Wendepunkt in den Beziehungen der großen New Yorker Banken zu der schnell zunehmenden Akkumulation von Dollars im Ausland, den Eurodollars, kam 1966. Wie die meisten Wendungen in der us-amerikanischen Finanzpolitik nach dem Krieg, begann diese neue Entwicklung mit Rockefellers Chase Manhattan Bank.“ (Ebd., S. 307).

„In dieser Bank zirkulierte damals ein vertrauliches internes Memorandum darüber, daß die us-amerikanischen - sprich New Yorker - Banken bei dem Geschäft auf dem lukrativen internationalen Markt für das »Fluchtkapital« benachteiligt waren. In dem Memorandum wurde auf die Vorteile hingewiesen, die schweizerische Banken daraus erwuchsen, daß sie den Markt für die geheimen Vermögen von Diktatoren, wie zum Beispiel Marcos von den Philippinen, oder vielen saudischen Prinzen, Drogenbaronen und ähnlichen illustren Personen dominierten.“ (Ebd., S. 307-308).

„Chase Manhattans Vorstoß in das Offshore-Geschäft mit dem »heißen Geld« im Libanon war der Beginn einer wesentlichen Verlagerung der mächtigen New Yorker Banken auf das Offshore-Geschäft, das weit entfernt von jeglichen gesetzlichen Bestimmungen und Steuerverpflichtungen abgewickelt wurde. Die Profite waren atemberaubend und, da sie ja offshore erwirtschaftet wurden, von den us-amerikanischen Behörden »erlaubt«. Die Geschäfte verliefen ohne jede Kontrolle.“ (Ebd., S. 309).

„Daß sich die New Yorker Banken auf den Offshore-Markt vorwagten, bedeutete eine echte Wende in deren Bankenpraxis, die in den nächsten 30 Jahren enorm an Bedeutung gewinnen sollte. Die Chase Manhattan Bank, die Citibank und andere große Banken in New York und in den USA allgemein sollten ohne zu fragen viele hundert Milliarden Dollar an illegalem »heißen Geld« für Diktatoren wie den philippinischen Präsident Ferdinand Marcos oder den Mexikaner Raúl Salinas des Gortari, waschen oder die Gelder des Drogenkartells von Juárez nach Uruguay und Argentinien verschieben sowie zahllose andere Geschäfte abwickeln. (**).“ (Ebd., S. 309).


Raúl Salinas (Bruder des ehenaligen mexikanischen Präsidenten Carlos Salinas de Gotari) war während der Amtszeit seines Bruders angeblich daran beteiligt, Drogengelder in Höhe von 130 Millionen Dollar über die Citibank und verschiedene schweizerische Banken zu waschen. Raúl Salinas wurde später wegen Mordes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.“ (Ebd., Anmerkung 19).

„Nachdem Nixon im August 1971 (**|**) den Mechanismus für den Goldumtausch außer Kraft gesetzt hatte, explodierte der Offshore-EurodollarMarkt plötzlich und erreichte einen Umfang, der den heimischen US-Bankenmaikt geradezu winzig erscheinen ließ. Im Zuge der 400-prozentigen Ölpreiserhöhung der OPEC Mitte der 1970er Jahre umfaßte der Eurodollar-Markt geschätzte 1,3 Billionen Dollar an »heißem Geld«. Ende der 1980er Jahre überstiegen allein die Einkünfte aus dem internationalen Drogenhandel, die in solchen Offshore-»Heißgeld«-Banken gewaschen wurden, den Wert von einer Billion Dollar pro Jahr. Die großen Banken in New York und London hatten sichergestellt, daß sie davon den Löwenanteil einstrichen.“ (Ebd., S. 309).

 

Der Money Trust lanciert eine Konterrevolution

Anfang der 1970er Jahre lief die US-Wirtschaft alles andere als rund. Die Entscheidung vom August 1971 (**|**), einseitig das Abkommen von Bretton Woods aufzukündigen und die Dollar-Gold-Konvertibilität aufzuheben, war de facto der Anfang vom Ende des US-Amerikanischen Jahrhunderts; denn dieses System hatte 1944 auf der (zu dieser Zeit!) weltweit stärksten Volkswirtschaft - den USA - und der gesündesten Währung der Welt - dem US-Dollar - beruht.“ (Ebd., S. 310).

„In seiner neuen Inkarnation als Geld- oder Fiat-Währung durchlief das Dollar-System vom August 1971 (**|**) an mehrere Phasen. Die erste Phase könnte man als die der »Petrodollar-Währung« bezeichnen, wobei die Stärke des Dollars auf dem 400-prozentigen Anstieg des Ölpreises, der auf dem Weltmarkt in Dollar berechnet wurde, beruhte sowie auf dem höchst profitablen Recycling dieser Petrodollars durch die us-amerikanischen und englischen wie auch einer Handvoll ausgewählter anderer internationaler Banken in der Londoner City, der Offshore-Zufluchtstätte der Petrodollars. Diese Phase dauerte bis Ende der 1970er Jahre.“ (Ebd., S. 310).

„Die zweite Phase des Dollar-Systems nach 1971 (**|**) begann mit Volckers Zinsraten-Putsch vom Oktober 1979 und dauerte bis etwa 1989, als sich mit dem Fall der Berliner Mauer für die Banken an der Wall Street eine völlig neue Dimension für die Dollarisierung und den Raub von Vermögenswerten eröffnete. Das enorme Wirtschaftswachstum Chinas, das inzwischen Mitglied der Welthandelsorganisation WTO geworden war, und diese neue Marktöffnung erlaubten eine drastische Senkung des allgemeinen Lohnniveaus in der Weltwirtschaft, die am deutlichsten in den Industrieländern ausfiel.“ (Ebd., S. 310).

„1997 begann noch eine neue Phase des Post-1971-Dollar-Systems (**|**), und zwar mit einer politisch motivierten Attacke von Hedgefonds auf die verwundbaren Währungen der schnell wachsenden »Tigerstaaten« in Ostasien, angefangen mit Thailand, den Philippinen, Indonesien und schließlich Südkorea. Diese Phase war mit dafür verantwortlich, daß jetzt Dollars aus asiatischen Zentralbanken im großen Umfang in die USA flossen. Durch den massiven Erwerb von US-Staatsanleihen stockten diese asiatischen Länder ihre Devisenreserven auf mit dem Ziel, sich in Zukunft gegen mögliche erneute spekulative Attacken besser bzw. überhaupt verteidigen zu können. Dieser Zufluß asiatischen Kapitals in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar in die USA trug in den Jahren 1999 bis 2002 auch zur Entwicklung der IT-Blase an den us-amerikanischen Börsen bei.“ (Ebd., S. 310-311).

„Die Endphase des Dollar-Systems nach 1971 (**|**) war dann die Alan-Greenspan-»Finanzrevolution«. Greenspan unterstützte in den Jahren 2001 und 2002 nach dem Platzen der IT-Aktienblase die sogenannte »Revolution«, bei der Finanz-, Hypotheken- und sonstige Vermögenswerte als Sicherheiten für die Ausgabe neuer Kredite genutzt wurden. Diese »Verbriefungs-Revolution« (**) endete 2007 mit dem Zusammenbruch der Verbriefungsblase.“ (Ebd., S. 311).

 

David Rockefellers Trilateraler Plan **

„Im Rückblick war aber das Jahr 1973 der entscheidende Wendepunkt in der Strategie des mächtigen US-Establishments um David Rockefeller und seine Brüder.“ (Ebd., S. 311).

„Die Entscheidung der mächtigen Kreise im Umfeld der Rockefeller-Gruppe und des anglo-us-amerikanischen Ölkartells sowie der damit verbundenen Banken, während des Jom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 eine schockartige Erhöhung des Ölpreises zu inszenieren, sicherte dem US-Dollar zwar noch für einige weitere Jahre das Überleben als Grundlage des weltweiten Handels- und Wirtschaftssystems, aber die Lage war prekär. Noch dreistere Maßnahmen waren erforderlich, um die finanzielle Dominanz der Großbanken und multinationalen Konzerne im Umfeld des Cduncil on Foreign Relations und der Rockefeller-Familie zu sichern.“ (Ebd., S. 311).

Trilaterale Kommission
Nordamerika, Europa, Japan:
die „Trilaterale Kommission“

„1973 hielt es David Rockefeller, der damalige Vorsitzende des einflußreichen New Yorker Council on Foreign Relations und Direktor der hauseigenen Chase Manhattan Bank, für geboten, den politischen Einfluß US-Amerikas durch eine neue internationale Organisation zusätzlich abzusichern. Wie die Bilderberger-Gruppe (**|**), so sollte auch diese neue Organisation privat strukturiert sein und nur ausgewählten Mitgliedern offenstehen. Aber anders als bei der Bilderberger-Gruppe, der nur US-Amerikaner und Europäer angehörten, sollten dieser neuen Organisation Entscheidungsträger aus US-Amerika, Japan und Europa angehören. Die Rede ist von der 1973 von David Rockefeller gegründeten Trilateralen Kommission (**|**), die - wie der Name schon sagt - drei Pole umfassen sollte: Nordamerika, Europa und Japan.“ (Ebd., S. 311-312).

„Da Japan sich zum Wirtschaftswunder Asiens entwickelte, war man der Meinung, man müsse das Land enger in die strategischen Ziele der New Yorker Machtelite einbinden. Die Mitglieder dieser elitären Trilateralen Kommission rekrutierten sich mehr oder weniger aus den Personen, die auf David Rockefellers »Rolodex-Liste« standen. Zu den Gründungsmitgliedern zählten höchst einflußreiche Wirtschaftspartner der weitverzweigten internationalen Rockefeller-Interessen oder ihnen nahestehende Politiker, wie beispielsweise aus Frankreich Baron Edmond de Rothschild, aus Belgien der Bankier Baron Leon Lambert, der britische Bankier und Vater des Eurodollars Lord Roll of Ipsden, Fiat-Chef Gianni Agnelli aus Italien und John Loudon von Royal Dutch Shell. Rockefeller machte seinen engen Freund, den Strategen der Geopolitik Zbigniew Brzezinski, zum ersten Vorsitzenden. Weitere Mitglieder auf us-amerikanischer Seite waren führende Wall-Street-Bankiers sowie Alan Greenspan und Paul Volcker von der Chase Manhattan Bank - und ein damals noch völlig unbekannter Gouverneur aus dem US-Bundesstaat Georgia namens Jimmy Carter.“ (Ebd., S. 312).

„Was den Verein umtrieb, geht aus einem Bericht einer Arbeitsgruppe der Trilateralen Kornmission hervor, der 1975 bei dem Treffen der Trilateralen im japanischen Kyoto vorgestellt wurde. Der Bericht war überschrieben: Grundzüge einer Neuordnung von Welthandel und -finanzen. Darin hieß es: »Eine enge trilaterale Zusammenarbeit zur Friedenssicherung, zur Lenkung der Weltwirtschaft und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung sowie der Linderung des Welthungers erhöht die Chancen auf eine reibungslose und friedliche Entwicklung des globalen Systems.« In einem anderen Dokument der Kommission war zu lesen: »Das vorrangige Ziel besteht darin, in dieser Welt die gegenseitige Abhängigkeit zu verstärken, deren Nutzen darin liegt, daß jedes einzelne ›Land‹ (Anführungsstriche von mir [HB]) gegen Bedrohungen von innen und außen geschützt wird. Diese Bedrohungen wird es ständig durch Kräfte geben, die bereit sind, einen hohen Preis für eine verstärkte Autonomie zu zahlen. Dadurch kann sich das Tempo der Entwicklung der gegenseitigen Abhängigkeit manchmal verlangsamen .... Häufiger jedoch wird es geboten sein, dem Eindringen einer nationalen Regierung in den internationalen Austausch wirtschaftlicher und nicht-wirtschaftlicher Güter Einhalt zu gebieten.«“ (Ebd., S. 312).

„Der Plan der Trilateralen war identisch mit dem der Rockefellers und des US-Establishments, und den hatte David Rockefellers Bruder John just in diesem Jahr bekanntgegeben.“ (Ebd., S. 313).

„Denn in diesem Jahr 1973 rief die Money-Trust-Elite die »Zweite Amerikanische Revolution« aus. John D. Rockefeller III veröffentlichte eine wegweisende politische Erklärung in Form eines Buches, das exakt diesen Titel trug und zur Vorbereitung auf die bevorstehende Zweihundertjahrfeier der USA im Jahre 1976 dienen sollte. Herausgegeben wurde dieses Buch passenderweise vom Verlag des Council on Foreign Relations, und dessen Vorsitzender war ebenso passenderweise Johns Bruder David Rockefeller.“ (Ebd., S. 313).

„In seinem Buch forderte John D. Rockefeller zunächst eine radikale Einschränkung der Macht der Regierungen und mehr Privatisierung; oder, in seinen Worten, »so viele Regierungsfunktionen und -befugnisse wie möglich auf den Privatsektor zu übertragen« - Funktionen, die schon seit langer Zeit vom Staat wahrgenommen wurden. Das Buch war ein eindeutiger Aufruf, den Keynesianismus des »New Deal« fallen zu lassen, das heißt, das Eingreifen des Staates bei der Korrektur von Ungleichgewichten bei der gesellschaftlichen Verteilung von Arbeit und Einkommen, das seit den 1930er Jahren üblich war, zu beenden.“ (Ebd., S. 313).

„Rockefellers Aufruf von 1973 war der Startschuß für eine landesweite Medienkampagne gegen Ineffizienz, Inkompetenz und Obstruktion der Regierung, wobei man sorgsam ausgewählte Einzelfälle anführte, die jeder Bürger nachvollziehen konnte. Diese Kampagne sollte dazu dienen, die ordnungsgemäße und notwendige Rolle des Staates bei der Regulierung von Wirtschaft und Handel sowie der Aufrechterhaltung des Gemeinwohls auszuhebeln, und zwar zugunsten der Profitmaximierung privater Unternehmen und der Banken, die diese Unternehmen finanzierten.“ (Ebd., S. 313).

„Im November 1976 erhielt Rockefellers Plan für eine Zweite US-Amerikanische Revolution gewaltigen Auftrieb, als David Rockefellers Schützling Jimmy Carter, ein Erdnußfarmer aus Georgia, überraschend die Präsidentschaftswahl gegen den Amtsinhaber Gerald Ford gewann. Ford war Nixon im Amt gefolgt, nachdem dieser wegen des Watergate-Skandals im August 1974 zurücktreten mußte. Die wichtigsten Kabinettsposten der Regierung Carter waren alle mit Vertretern von Rockefellers Trilateraler Kommission besetzt. Zbigniew Brzezinski wurde Nationaler Sicherheitsberater des Präsidenten, Cyrus Vance US-Außenminister. Insgesamt waren 26 führende Positionen der Carter-Regierung mit Mitgliedem der Trilateralen Kommission besetzt - einige US-Medien sprachen deshalb von der »Trilateralen Präsidentschaft«. Noch treffender hätte man sie als Präsidentschaft David Rockefellers bezeichnen können. Unter Carter begann der langwierige Prozeß der Deregulierung von Regierungsfunktionen mit anschließender Privatisierung, die sein Nachfolger Ronald Reagan zur zentralen Aufgabe seiner Regierung machen sollte.“ (Ebd., S. 313-314).

„Bezeichnenderweise stellte David Rockefeller seinen Freunden in der Trilateralen Kommission bei ihrer ersten Jahresversammlung im Mai 1975 im japanischen Kyoto den »Demokraten« (Anführungsstriche von mir [HB]) Jimmy Carter als »nächsten Präsidenten« der USA vor - nachdem der amtierende Präsident Gerald Ford, ein »Republikaner« (Anführungsstriche von mir [HB]), auf Anraten seines jungen Stabschefs Donald Rumsfeld die Entscheidung getroffen hatte, nicht mit Nelson Rockefeller als Vize-Präsidentschaftskandidaten in die Wahlen von 1976 zu ziehen.“ (Ebd., S. 314).

 

Die Reaktion der Neoliberalen: Rücknahme der Zugeständnisse des New Deals

Der Grund dafür, daß die Rockefellers und andere Führungskreise des US-Establishments Anfang der 1970er Jahre so ungewöhnlich aktiv waren und neue, radikale Strategien entwickelten, lag in der sich verschärfenden Krise. Deutlich sichtbar war eine Stagnation oder sogar ein Rückgang des Wachstums am Markt mit entsprechend geringeren Profiten, und zwar sowohl auf der ganzen Welt als auch in den Vereinigten Staaten selbst, die ja damals noch der weltgrößte Markt für Waren und Dienstleistungen waren. 1975 war der Anteil des Gesamtreichtums der USA, den deren reichste Familien (die obersten ein Prozent) in der Hand hielten - gemessen an Immobilien-, Aktien-, Anleihen-, Bar- und sonstigen Vermögen -, auf den niedrigsten Stand seit 1922 gesunken.“ (Ebd., S. 314).

„Die dreiste Manipulation der Weltmarktpreise für Erdöl hatte die bis dahin schwerste globale Rezession nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. 1975 war klar, daß die Weltwirtschaft im Zuge der Verringerung der Profitrate in eine »Strukturkrise« - so der Fachausdruck der Wirtschaftswissenschaftler - eingetreten war. Das hieß konkret: fallende Wachstumsraten, eine sinkende Pro-Kopf-Produktivität, zunehmende Massenarbeitslosigkeit und insgesamt eine hohe Inflationsrate.“ (Ebd., S. 314).

„Damals tauchte eine neue Gesellschaftsordnung auf, der »Neoliberalismus«, wie er später genannt werden sollte, und zwar zunächst im anglo-us-amerikanischen Zentrum - England und USA - und danach schrittweise im weiteren Umkreis. Dieser Neoliberalismus hatte mit der »liberalen« Wirtschaft von Keynes wenig zu tun. Denn der ab Mitte der 1970er Jahre verbreitete Neoliberalismus war ein Projekt des US-Establishments und seiner britischen Kollegen, namentlich der Rockefeller-Brüder, die das radikale Dogma eines freien Marktes von Milton Friedman von der Universität Chikago verfochten. Dieser Milton Friedman war Mitglied der erzkonservativen Mont-Pelerin-Gesellschaft und damals Ökonomie-Professor an der us-amerikanischen Universität, die Jahrzehnte zuvor mit Geldern von Rockefellers Standard Oil gegründet worden war. Korrekterweise sollte der Neoliberalismus eigentlich Neofeudalismus heißen.“ (Ebd., S. 314-315).

„Wie in einem Nachhall zu John D. Rockefellers Manifest von 1973 forderte Friedmans Neoliberalismus - dargelegt in seinem Buch Free ta Chaase (dt.: Chancen, die ich meine) -unbeschränkt freie Märkte und einen ebenso völlig unbeschränkten Freihandel; außerdem attackierte er die Gewerkschaften als »Rückkehr in die vorindustrielle Zeit«. Die Internationale Handelskammer von Paris, die weltweit zu den stärksten Verfechtern dieser neuen neoliberalen Revolution zählte, die ja im Wesentlichen eine globalisierte Version von John D. Rockefellers Zweiter US-Amerikanischen Revolution war -, definierte das neoliberale Mandat so: »Die Barrieren für internationalen Handel und Investitionen einreißen, so daß alle Länder vom höheren Lebensstandard durch gesteigerten Handel und höheren Investitionsfluß profitieren können«. Es war die Frühphase dessen, was man 20 Jahre später »Globalisierung« nennen sollte.“ (Ebd., S. 315).

„Diese mächtigen Kreise im Umfeld der Rockefeller-Familie im US-Finanzestablishment forderten eine »neue Disziplin von Arbeiterschaft und Management zugunsten der Kapitalgeber und Aktionäre; weniger Eingreifen des Staates bei Wachstum und Allgemeinwohl; ein dramatisches Wachstum der Finanzinstitute; die Etablierung neuer Beziehungen zwischen dem Finanz- und dem Nichtfinanz-Sektor zugunsten des Ersteren; neue Gesetze, die Fusionen und Übernahmen erleichtern; Stärkung der Position der Zentralbanken sowie eine stärkere Konzentration ihrer Arbeit in Richtung Preisstabilität; und die Entschlossenheit, die Mittel der Peripherie ins Zentrum zu schleusen«.“ (Ebd., S. 315).

„Darüber hinaus entstanden mit diesem Neoliberalismus auch neue Aspekte der Globalisierung. Beispielsweise die nicht mehr zu tragende Schuldenlast der peripheren Entwicklungsländer, die sich nach 1973 viele Milliarden an recycelten Petrodollars geliehen hatten, um ihre Öl- und sonstigen Importe bezahlen zu können; oder die Schäden, die die freie internationale Mobilität des Kapitals angerichtet hatte. Das hervorstechendste Merkmal dieser neuen Form von »Neoliberalismus« war jedoch seine schrittweise Ausdehnung über den ganzen Erdball - das heißt: seine Globalisierung. Dieses Krebsgeschwür breitete sich mit verheerender Geschwindigkeit und Effizienz auf der ganzen Welt aus, und diese Ausbreitung wurde noch zusätzlich erleichtert durch die Schaffung neuer multinationaler Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO) sowie durch den massiven Druck, den Washington und seine Verbündeten der »freien Marktwirtschaft«, allen voran Großbritannien, zur Verstärkung des »Freihandels« ausübten.“ (Ebd., S. 315-316).

„Milton Friedmans Dogma des »Monetarismus« war der theoretische Ausdruck dieser neuen Revolution. 1979 war das entscheidende Jahr in dieser Hinsicht, denn in diesem Jahr bewog David Rockefeller Präsident Carter dazu, seinen Schützling Paul Volcker zum Chef der Federal Reserve zu berufen. Dieser Fed-Chef verhängte im Oktober 1979 die radikalste monetaristische Politik in der gesamten Geschichte der Federal Reserve: Die US-Leitzinsen wurden um über 300 Prozent auf Werte um die 20 Prozent angehoben! Anschließend hielt Paul Volcker die Leitzinsen auf einem extrem hohen Niveau, bis ihn die daraus resultierende Schuldenkrise der Dritten Welt - zu der es unweigerlich im August 1982 auch kam - dann zwang, von seiner Hochzinspolitik wieder abzurücken.“ (Ebd., S. 316).

J. P. Morgan
„Paul Volcker, Rockefellers Kandidat
für das Amt des Federal-Reserve-
Chefs, sollte ab 1979 den Putsch
des Money Trusts vorbereiten.“

„Man hat das Jahr 1979 auch als »Jahr des neoliberalen Putsches« bezeichnet. Mit dem Argument »Die Inflation ist außer Kontrolle« hatten die Rockefeller-Familie, Paul Volcker und ihre mächtigen Verbündeten im Money Trust eine monetäre »Schocktherapie« gerechtfertigt, die angeblich »die Inflation aus dem System vertreiben« würde, wie es Volcker gerne formulierte. Doch die eigentliche Ursache dieser Inflation war die Entscheidung auf dem Treffen der Bilderberger (**|**) im Frühjahr 1973, den Ölpreis drastisch zu erhöhen.“ (Ebd., S. 316).

„In Wirklichkeit hatte das US-Finanz-Establishment die Hochzinspolitik im Zuge ihrer langfristigen Strategie eingeführt, um die Zugeständnisse abzuschütteln, die ihnen während der Großen Depression aufgezwungen worden waren.“ (Ebd., S. 316).

„Damals waren mit dem New Deal in den USA ein keynesianischer Wohlfahrtsstaat und die erste Sozialversicherung geschaffen worden. Außerdem stärkte die damalige US-Regierung die Rechte der Arbeiterschaft, vor allem die der Gewerkschaften. Konfrontiert mit einem stagnierenden Binnenmarkt, sinkenden Profiten und dringend benötigten umfangreichen Investitionen (wenn sie ihre heimische Industrie wieder dem Weltniveau anpassen wollten), gingen die Rockefeller-Kreise lieber ihren eigenen Weg: Anstatt die us-amerikanische Industrie zu modernisieren, ließ man die USA zu einer »nachindustriellen Gesellschaft« - so nannten es die neoliberalen Denkfabriken - verkommen.“ (Ebd., S. 317).

„Volckers Zinspolitik führte zu »realen«, das heißt inflationsbereinigten Renditen von sechs bis acht Prozent, ein wahrer Segen an »Windfall«-Profiten für die ohnehin schon wohlhabenden Besitzer von Anleihen, die das eigentliche Rückgrat des Finanzsystems bildeten. Diese Hochzinspolitik hatte für das anglo-us-amerikanische Establishment aber noch einen weiteren Vorteil: Sie führte zu einer starken Rezession und damit verbunden zu steigender Arbeitslosigkeit in Europa und den Vereinigten Staaten und schuf damit die Voraussetzung dafür, daß man die Arbeiterschaft wieder disziplinieren und den Einfluß der Gewerkschaften auf die Lohnpolitik drastisch verringern konnte. Genau das geschah Anfang der 1980er Jahre, sowohl unter Reagan in den USA als auch unter Thatcher in England.“ (Ebd., S. 317).

„Die 1970er Jahre bedeuteten für die Entwicklung des US-Amerikanischen Jahrhunderts eine Übergangszeit. Wie bereits erwähnt, kam es Ende der 1960er Jahre aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Erholung der europäischen Staaten und Japans zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in den USA wieder zu dauerhaften Handelsbilanzdefiziten. Überschuß-Dollars sammelten sich in der übrigen Welt an, und damit stieg für Washington die Gefahr, daß diese Auslandsdollars in Gold umgetauscht werden könnten. Der Dollar mußte im Verhältnis zum Gold und zu anderen wichtigen Währungen abgewertet werden. Im August 1971 (**|**) setzten die Vereinigten Staaten die Konvertibilität des Dollars aus und führten flexible Wechselkurse ein.“ (Ebd., S. 317).

„Als sich im Jahre 1973 das System der flexiblen Wechselkurse fest etabliert hatte, entschieden sich Washington und die Verbündeten in London - vor allem durch die Konferenz der Bilderberger (**|**) im Mai 1973 - für eine dramatische Inflation des Ölpreises, um den fallenden Dollar zu stützen. Sechs Jahre später, 1979, also zum Zeitpunkt des Putsches von Volckers Federal Reserve, konnten diese Kreise bei einem steigenden Dollar enonne Profite für ihre Obligationen und anderen Vennögenswerte einstreichen.“ (Ebd., S. 317-318).

„Als der Republikaner Ronald Reagan 1981 sein Amt als Präsident antrat, setzten die USA diese bewußte Defizit-Politik energisch um. Daher kam es während Reagans Amtszeit zu den größten Handels- und Haushaltsdefiziten der us-amerikanischen Geschichte. Das war der wirkliche Beginn der »größten Abzocke, die es je gegeben hat«, wie es der Gründer des Hudson-lnstitutes, der us-amerikanische Futurologe Hennan Kahn, mit offensichtlicher Genugtuung formulierte.“ (Ebd., S. 318).

„Nachdem Washington 1973 bei den multinationalen Verhandlungen über die dauerhafte Einführung flexibler Wechselkurse seine Position durchgesetzt hatte, ließ man keinen Zweifel daran, daß man die militärische Dominanz in der NATO und in Asien nutzen würde, um die Handelspartner zu größtmöglichen Zugeständnissen zu zwingen. Bei den bilateralen Verhandlungen mit Südkorea im Jahre 1973 stellten die USA die Bedingung, daß »sich südkoreanische Exporteure, die den us-amerikanischen Markt beliefern, verpflichten müssen, eine bestimmte Menge Rohstoffe aus den Vereinigten Staaten zu importieren«“ (Ebd., S. 318).

„1973 nahm die Handelsposition der USA den wichtigsten Verbündeten in Europa und Japan gegenüber Gestalt an. Die Bedingungen des »großen Geschäfts« sollten so aussehen, daß die USA ihre Grenzen für fast unlimitierte Importe europäischer oder japanischer Produkte wie Autos, Stahl und später auch Elektronik öffnen würden. Als Gegenleistung würden sich die entsprechenden Länder bereit erklären, us-amerikanische Rüstungsgüter, landwirtschaftliche Produkte und Flugzeuge für die jeweiligen nationalen Fluggesellschaften zu kaufen.“ (Ebd., S. 318).

„Der weitreichendste Aspekt der nach 1973 von Washington eingeführten neuen Regeln im internationalen Handel, an die sich bis heute alle US-Regierungen gehalten haben, war allerdings der folgende: Weil der US-Dollar als Weltreservewährung in einem System flexibler Wechselkurse eine ganz besondere Rolle spielte und weil er nicht mehr gegen Gold eingetauscht werden konnte, waren die ausländischen Regierungen, die durch ihre Exporte in die USA hohe Dollar-Überschüsse angehäuft hatten - also insbesondere Deutschland und Japan -, gezwungen, diese erwirtschafteten Dollar-Überschüsse in US-Staatsanleihen anzulegen, um dadurch Zinseinkünfte kassieren und ihre Dollars sicher anlegen zu können.“ (Ebd., S. 318).

„Da Washington nichts dem Zufall überließ, wurde bei bilateralen Handelsverträgen mit Ländern wie Deutschland oder Japan festgeschrieben, daß diese ihre Dollar-Überschüsse in Schatzbriefen des US-Finanzministeriums investierten.“ (Ebd., S. 318-319).

„Damit begann die ungesunde Abhängigkeit der Exportnationen dieser Welt von den USA als »Importeur der letzten Instanz«. Unter Führung der Wall-Street-Banken, die das Monopol auf den Kauf und Verkauf von Schatzbriefen des US-Finanzministeriums hielten, sollten sich die Vereinigten Staaten in den 1980er Jahren zum größten Kapitalmarkt der Welt entwickeln, da die US-Defizite sprunghaft anstiegen und die Entwicklung der us-amerikanischen Industrie aufgrund dieser Entscheidung in böswilliger Absicht vernachlässigt wurde. Die Aktienhändler an der Wall Street strichen die Profite ein. Das US-Establishment hatte die Präsidentschaft Ronald Reagan zu ihrem Instrument gewählt, diese »größte Abzocke« durchzuführen.“ (Ebd., S. 319).

 

Volcker zündet die Schuldenbombe

„Ein direktes Ergebnis des Volcker-Schocks (**) war die Schuldenblase in Lateinamerika - ein unheimlicher Vorgeschmack auf die Subprime-Krise von 2007.“ (Ebd., S. 326).

„Nach sieben Jahren unvermindert hoher Zinssätze der Federal Reserve unter Volcker, die der leichtgläubigen Öffentlichkeit als Maßnahme verkauft wurde, »die Inflation aus der US-Wirtschaft herauszupressen«, war der innere Zustand der US-Wirtschaft 1986 entsetzlich.“ (Ebd., S. 326).

„Weite Gebiete der Vereinigten Staaten gleichen einem Land der Dritten Welt: Die Slums vor den Großstädten breiteten sich aus, die Arbeitslosigkeit war im zweistelligen Prozentbereich, Verbrechen und Drogenabhängigkeit nahmen besorgniserregende Ausmaße an. Eine damalige Studie der Federal Reserve ergab, daß 55 Prozent aller us-amerikanischen Familien verschuldet waren. Das Haushaltsdefizit des Bundes lag im Schnitt bei über 200 Milliarden Dollar pro Jahr, ein damals unerhörter Wert.“ (Ebd., S. 326-327).

„In Wirklichkeit war Volcker, ein persönlicher Schützling David Rockefellers von der Chase Manhattan Bank, mit einem bestimmten Auftrag nach Washington geschickt worden - den Dollar vor dem freien Fall zu bewahren, was seine Rolle als Weltreservewährung gefährdet hätte. Außerdem sollte Volcker damit auch den Anleihenmarkt für die reiche Oberschicht der us-amerikanischen Gesellschaft retten. Volckers Politik war die Konterrevolution der Oligarchen gegen die Zugeständnisse, die sie während und nach der Großen Depression gegenüber der »Unterschicht« hatten machen müssen.“ (Ebd., S. 327).

„Diese Rolle des Dollars als Reservewährung war der verborgene Schlüssel zu US-Amerikas Finanzmacht.“ (Ebd., S. 327).

„Da die Zinsraten in den USA in die Höhe schossen, strömten ausländische Investoren ins Land, um beim Kauf von US-Regierungsanleihen Profite einzufahren. Anleihen waren und sind das Herzstück des Finanzsystems. Volckers Schocktherapie für die Wirtschaft bedeutete riesige Gewinne für die New Yorker Finanzelite.“ (Ebd., S. 327).

„Volcker erledigte seine Aufgabe mit Bravour.“ (Ebd., S. 327).

„Von 1979 bis Ende 1985 stieg der Dollar auf Rekordhöhen im Vergleich zu den Währungen in Deutschland, Japan, Kanada und anderen Ländern. Der überbewertete US-Dollar machte die us-amerikanischen Waren auf den Weltmärkten unerschwinglich teuer und führte zu einem dramatischen Einbruch der Exporte der us-amerikanischen Industrie mit entsprechenden Folgen.“ (Ebd., S. 327).

„Schon die hohen Zinsraten der Fed unter Volcker ab Oktober 1979 hatten zu einem deutlichen Rückgang der heimischen Bauwirtschaft, dem endgültigen Ruin der us-amerikanischen Automobilindustrie und damit auch der Stahlproduktion geführt, da die us-amerikanischen Hersteller zunehmend ihre Produktion ins Ausland verlagerten, wo die Kosten erheblich niedriger waren.“ (Ebd., S. 327).

„In bezug auf Paul Volcker und seine Freimarkt-Unterstützer im Weißen Haus unter Reagan klagte der Republikaner Robert O. Anderson, damals Direktor der Atlantic Richfield Oil Company: »Sie haben mehr dafür getan, die amerikanische Industrie zu demontieren als irgendwer sonst in unserer Geschichte. Und trotzdem erzählten sie überall, alles sei wunderbar. Es ist wie beim Zauberer von Oz.«“ (Ebd., S. 327-328).

 

Der IWF hilft bei der Plünderung der Dritten Welt

„Ohne die radikale monetaristische Schocktherapie von Maggie Thatcher und Paul Volcker hätte es in den 1980er Jahren keine Schuldenkrise der Dritten Welt gegeben.“ (Ebd., S. 328).

„Die Thatcher-Regierung hatte im Juni 1979 erstmals den monetaristischen Schock der Hochzinspolitik eingesetzt, im Oktober desselben Jahres folgte ihr Volckers Fed. Dies führte dazu, daß praktisch über Nacht die Zinslast auf die Schulden der Dritten Welt in astronomische Höhen stieg, denn die LIBOR-Zinsen in London kletterten von durchschnittlich sieben Prozent Anfang 1978 auf fast 20 Prozent Anfang 1980.“ (Ebd., S. 328).

„Während bei den Schuldnerländern der Dritten Welt die Zinslast für ihre Auslandschulden ab 1980 in astronomische Höhen schnellte, brachen gleichzeitig die Märkte für ihre Exportgüter in den Industrieländern zusammen, denn auch die Industrieländer erlebten infolge der Schock-»Behandlung« durch Thatcher und Volcker den schlimmsten wirtschaftlichen Abschwung seit der Großen Depression in den 1930er Jahren.“ (Ebd., S. 328).

„Die Schuldnerländer in der Dritten Welt gerieten unter die Räder der sich verschlechternden »terms of trade« (Austauschverhältnisse) für ihre Warenexporte mit fallenden Exporteinnahmen und einem rapide steigenden Anteil der Schuldendienste. In Washington und London sprach man von der »Schuldenkrise der Dritten Welt«. Doch die Krise war in London, New York und Washington gemacht worden und nicht in Mexiko City, Brasilia, Buenos Aires, Lagos oder Warschau.“ (Ebd., S. 328).

„Die Schuldnerländer haben ein Mehrfaches ihrer Schulden bezahlt und das buchstäblich mit dem sprichwörtlichen »Pfund Fleisch« an die heutigen Shylocks in New York und London. Den großen Schuldnerländern in der Dritten Welt wurde unter Druck des IWF »die Pistole an die Schläfe« gehalten; sie wurden gezwungen, mit führenden internationalen Privatbanken »Umschuldungsabkommen« zu unterzeichnen, wie es im Bankenjargon beschönigend hieß. Auf der Bankenseite stand dabei zumeist die Citibank oder die Chase Manhattan Bank aus New York.“ (Ebd., S. 328).

„Nach einem Treffen hinter verschlossenen Türen im Herbst 1982 im englischen Ditchley Park taten sich die mächtigen Privatbank-Strukturen zusammen und schufen unter Führung der New Yorker und Londoner Banken ein Gläubigerkartell, das sie Institute for International Finance oder infonnell »Ditchley-Gruppe« nannten. Ein Beobachter meinte, sie hätten einen »Banker-Sozialismus« (**) erzwungen, bei dem die Bankiers der Mehrheit der Steuerzahler ihre eigenen Kreditrisiken übertrugen (oder »sozialisierten«), während sie für sich selbst alle Gewinne privatisierten, also eine ähnliche Politik betrieben, wie das später im Jahre 2008 die US-Regierung von George W. Bush tun sollte.“ (Ebd., S. 328-329).

„Nachdem die Bankiers und ihre Verbündeten in der Reagan-Regierung, darunter Finanzminister Donald Regan, dem Präsidenten genügend Angst über die Lage eingeflößt hatten, forderte das Weiße Haus Paul Volcker, die Banken und den IWF auf, jedem Schuldnerland ein Programm strikter »Konditionalitäten« aufzuerlegen.“ (Ebd., S. 329).

„Die Idee, den IWF und seine strikten Konditionalitäten in den Mittelpunkt der Schuldenverhandlungen zu stellen, stammte aus US-Amerika. Es war im Kern eine fast identische Kopie dessen, was die New Yorker Bankiers 1919 Deutschland ... mit dem verhängnisvollen Dawes-Plan auferlegt und später mit dem Young-Plan noch einmal versucht hatten.“ (Ebd., S. 329).

„Die Konditionalitäten des IWF und die Einwilligung eines Landes, den Vertrag mit dem IWF zu unterschreiben, gehörten zu einem Programm, das ein damaliger us-amerikanischer Vertreter beim IWF, Irving Friedman, entwickelt hatte, der dafür später mit einem hohen Posten bei der Citicorp belohnt wurde. Der IWF, der 1944 in Bretton Woods geschaffen worden war, um die Währungen und Handelsbeziehungen zwischen den Industrieländern zu stabilisieren, erhielt nun eine völlig neue Aufgabe: Der IWF wurde zur Schuldenpolizei für die New Yorker Banken.“ (Ebd., S. 329).

„Die »Konditionalitäten«-Medizin, die der IWF verordnete, war immer dieselbe. Dem betreffenden Schuldnerland wurde erklärt, wenn es je wieder einen Penny Kredit von ausländischen Banken sehen möchte, dann müßte es die heimischen Importe bis auf das absolute Minimum einschränken, den eigenen Haushalt brutal kürzen - was meistens bedeutete, daß Subventionen für Nahrungsmittel und andere Grundbedürfnisse gestrichen werden mußten - und ihre Währung abwerten. Nur so würden ihre Exporte für die Industrieländer »attraktiv«, während natürlich gleichzeitig importierte hochentwickelte Industriegüter unerschwinglich teuer wurden. Die alles sei nötig, um harte Währung zu verdienen, mit der man die Schulden bezahlen könne.“ (Ebd., S. 329).

„Dieses »Strukturanpassungsprogramm« des IWF war allerdings nur die »Stufe eins«, mit dem der »Kandidat« das Anrecht auf »Stufe zwei« erwarb - eine Vereinbarung mit den Gläubigerbanken über die Umschuldung, die »Restrukturierung« des Rückzahlungsplans für die Auslandsschulden oder zumindest einen großen Teil davon. Auf dieser zweiten Stufe sicherten sich die Banken für die Zukunft weitgehende Rechte über die Schuldnerländer, denn sie fügten die ausstehenden Zinsrückstände dem Nennwert der Gesamtschulden hinzu. Die Banker nannten das Zinskapitalisierung.“ (Ebd., S. 329-330).

„Infolge der zahllosen Umschuldungen nach diesem Restrukturierungsmuster nach 1982 stiegen die Schulden an die Gläubigerbanken in ungeahntem Maße. Nach Angaben der führenden schweizerischen Versicherungsfirma Swiss Re stieg die Gesamt-Auslandverschuldung der Entwicklungsländer - und zwar sowohl die kurz- wie auch die mittelfristige Verschuldung - nach 1982 beständig an, von damals etwa 839 Milliarden Dollar auf fast 1300 Milliarden Dollar im Jahre 1987. Das meiste davon waren nicht etwa neue Kredite, sondern vielmehr die zusätzlichen Lasten der »Refinanzierung« der unbezahlbaren Altschulden, die nun die wirtschaftliche Zukunft belasteten.“ (Ebd., S. 330).

„Der IWF war zum globalen »Polizisten« geworden, der die Zahlung von Wucherschulden durchsetzen sollte, indem er die drakonischsten Sparmaßnahmen der Geschichte verhängte. Da die Stimmenmehrheit beim IWF fest in der Hand der us-amerikanisch-britischen Achse lag, wurde diese internationale Währungsinstitution zum Vollstrecker einer de facto anglo-us-amerikanischen neokolonialistischen Währungs- und Wirtschaftspolitik. In der Tat erpreßten die us-amerikanischen Banken, die bei weitem größte Gruppe der Gläubiger Lateinamerikas, die Banken in Westeuropa und Japan mit dem Argument, sie müßten sich »solidarisieren« oder es drohe sonst der Zusammenbruch des gesamten internationalen Bankensystems.“ (Ebd., S. 330).

07.12.1941
„Die Petrodollar-Kredite der New Yorker Banken an die
Dritte Welt führten zu einer Schuldenblase, die Volcker
1979 zum Platzen brachte, um die Entwicklungsländer den
Konditionalitäten des IWF zu unter- werfen, die den
Industrieländern im Norden billige Rohstoffe verschafften
eine Wiederholung des britischen Finanzimperialismus'
der 1880er Jahre in Ägypten und dem Osmanischen Reich..“

„Als nun ein Schuldnerland nach dem anderen gezwungen wurde, sich mit dem IWF und den Gläubigerbanken zu einigen, führte dies zu einer Umkehr der Kapitalflüsse in ungeheurem Ausmaß. Nach Angaben der Weltbank beliefen sich zwischen 1980 und 1986 allein für eine Gruppe von 109 Schuldnerländern die Zinsen auf die Auslandsschulden an die Gläubiger auf den Betrag von 326 Milliarden Dollar. Die Tilgung der Kreditsumme für diese Schulden betrug weitere 332 Milliarden - insgesamt standen Gesamtschuldenzahlungen von 658 Milliarden Dollar zu Buche, und zwar für Schulden, die ursprünglich 430 Milliarden Dollar betragen hatten. Alles in allem schuldeten diese 109 Länder im Jahre 1986 ihren Gläubigern noch immer den Gesamtbetrag von 882 Milliarden Dollar. Es war eine ausweglose Schuldenspirale. So wirkten die Wunder von Zinseszins und flexiblen Wechselkursen.“ (Ebd., S. 330-331).

„Die Schuldnerländer waren in die Schuldenfalle getappt, und der einzige Ausweg, den ihnen die Gläubigerbanken in New York und London in Aussicht stellten, bestand darin, ihre souveräne Kontrolle über ihre Wirtschaft, insbesondere die wertvollen Rohstoffe, aufzugeben.“ (Ebd., S. 331).

„In einer Studie der dänischen UNICEF hat Hans K. Rasmussen darauf hingewiesen, daß seit Anfang der 1980er Jahre ein Transfer von Reichtum aus der Dritten Welt, die nach Kapital lechzte, in die Industrieländer stattgefunden hat, und zwar vornehmlich zur Finanzierung der Defizite in den USA. Seinen Schätzungen zufolge haben die Länder des Entwicklungssektors in den 1980er Jahren insgesamt 400 Milliarden Dollar allein in die Vereinigten Staaten von Amerika transferiert. Damit konnte die Reagan-Regierung ihre größten Haushaltsdefizite in Friedenszeiten decken - und gleichzeitig fälschlich für sich beanspruchen, »den größten Aufschwung der Welt in Friedenszeiten« geschafft zu haben.“ (Ebd., S. 331-332).

„Aber nicht einmal die Ausplünderung des schuldengeschütteltenl Entwicklungssektors reichte aus. Aufgrund der hohen Zinsen in denUSA, des steigenden Dollars und der zugesicherten Unterstützung durch die us-amerikanische Regierung wurden 43 Prozent des Rekord-Haushaltsdefizits der USA in den 1980er Jahren dadurch »finanziert«, daß den Schuldnerländern des ehemaligen »Entwicklungs«-Sektors Kapital abgepreßt wurde. Genauso wie bei den Verhandlungen mit den anglo-us-amerikanischen Bankiers über die Reparationsschulden nach dem Ersten WeItkrieg in Versailles waren auch diese Schulden nur das Vehikel, mit dem de facto eine umfassende Wirtschaftskontrolle über souveräne Länder verhängt wurde.“ (Ebd., S. 332).

„Die Schuldenstrategie der Reagan-Regierung, Volckers und der New Yorker Banken forderte allerdings auch ihren Tribut von der us-amerikanischen Wirtschaft. In einer im Mai 1986 für den Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß des US-Kongresses erstellten Studie über die »Auswirkungen der lateinamerikanischen Schuldenkrise auf die US-Wirtschaft« wurden die verheerenden Verluste us-amerikanischer Arbeitsplätze und Exporte aufgezeigt, die entstanden, weil die vom IWF verordneten Sparmaßnahmen die Länder Lateinamerikas gezwungen hatten, zur Bedienung ihrer Schulden ihre Importe, vor allem die Importe von Industriegütern, fast vollkommen einzustellen. In dem Bericht hieß es: »Es wird jetzt deutlich, daß die Politik der (US-)Regierung über das Ziel hinausgegangen ist, die Banken in den Finanzzentren vor der Insolvenz zu bewahren ..., der Umgang mit der Schuldenkrise durch die Regierung Reagan hat tatsächlich die Institutionen belohnt, die wesentlich dazu beigetragen haben, daß die Krise überhaupt entstanden ist, und gleichzeitig die Sektoren der US- Wirtschaft bestraft, die keine Verantwortung für die Schuldenkrise tragen.« Die Institutionen, die diese Krise verursacht hatten, waren natürlich Volckers Federal Reserve und die New Yorker Banken. Die Studie verschwand prompt in der Versenkung.“ (Ebd., S. 332).

„Afrika erging es im Gefolge der us-amerikanischen Schuldenkrise noch viel schlechter. Die Ölschocks und die folgende Zinserhöhung auf 20 Prozent sowie der weltweite Einbruch des Wirtschaftswachstums in den 1980er Jahren versetzten fast dem gesamten afrikanischen Kontinent den Todesstoß. Bis in die 1980er Jahre hinein waren die Länder Schwarzafrikas bei der Finanzierung ihrer Entwicklung zu 90 Prozent von Rohstoffexporten abhängig. Anfang der 1980er Jahre setzte ein fast ununterbrochener Verfall der Dollar-Weltmarktpreise für diese Rohstoffe ein - d.h. praktisch alles von Baumwolle über Kaffee und Kupfer bis hin zu Eisenerz und Zucker. 1987 waren die Preise dieser Rohstoffe auf den tiefsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gefallen, genauer gesagt auf den Stand von 1932, einem Jahr schwerster weltweiter Depression. Dieser Kollaps der Rohstoffpreise, der fast 20 Jahre andauerte, bis der Wirtschaftsboom in China am Anfang des neuen Jahrhunderts eine Wende brachte, war das Ergebnis einer bewußten Politik der us-amerikanischen Finanzinteressen, in einer »globalisierten« Wirtschaft ein Wirtschaftswachstum anzuheizen, das auf spottbilligen Rohstoffen basierte.“ (Ebd., S. 332-333).

„Wären die Preise für diese Rohstoffe nur auf dem Niveau der 1980er Jahre geblieben, dann hätten die Länder Schwarzafrikas in den 1980er Jahren zusätzlich 150 Milliarden Dollar verdient. Zu Beginn der »Schuldenkrise« 1982 schuldeten die afrikanischen Länder den Gläubigerbanken in den Vereinigten Staaten, Europa und Japan etwa 73 Milliarden Dollar. Gegen Ende des Jahrzehnts hatte sich diese Summer aufgrund der »Umschuldungen« und verschiedener IWF-Interventionen in ihre Wirtschaft mehr als verdoppelt - auf genau 160 Milliarden Dollar -, was etwa der Summe entspricht, die diese Länder bei stabilen Exportpreisen verdient hätten.“ (Ebd., S. 333).

 

Die bösen Taten fallen auf den Urheber zurück

„Die Auswirkungen der Ölschocks und die durch die Hochzinspolitik ausgelösten währungspolitischen Schocks der 1970er Jahre glichen den 1920er Jahren bis in die Einzelheiten. Anstelle der Versailler Reparationen, die auf den produktiven Investitionen lasteten, mußte die Welt jetzt den »Strukturanpassungsprozeß« des IWF für die Schulden der Dritten Welt verkraften. Die unglaublichen Inflationsraten zu Anfang der 1980er Jahre - meist zwischen 12 und 17 Prozent - diktierten die Bedingungen für die Rentabilität von Investitionen. Man brauchte schnelle und riesige Gewinne.“ (Ebd., S. 333).

„Zwar bescherte die nach Oktober 1982 betriebene Politik, viele Milliarden Dollars von Ländern der Dritten Welt einzutreiben, dem us-amerikanischen Bankensystem einen warmen Regen an finanzieller Liquidität, doch der fortgesetzte Druck der Wall Street und der Eifer des damaligen US-Finanzministers Donald Regan, die Finanzmärkte von den staatlichen »Fesseln« zu befreien, führte zu großen Finazexzessen. Als sich der Staub am Ende jenes Jahrzehnts gelegt hatte, wurde einigen Personen klar, daß der us-amerikanische Präsident Ronald Reagan es mit seiner Politik des »freien Marktes« geschafft hatte, eine gesamte Volkswirtschaft zu zerstören.“ (Ebd., S. 323-324).

„Reagans »Wirtschaftsaufschwung« tat wenig, um Investitionen in die Verbesserung der Technologie und Produktivität der Industrie anzulocken, von einer handvoll militärischer Luftfahrtunternehmen, die staatliche Rüstungsverträge in Rekordhöhe ergattern konnten, einmal abgesehen. Das meiste Geld wanderte statt dessen in die Immobilien- und Aktienspekulation sowie in Ölquellen in Texas oder Colorado, allesamt »Steueroasen«.“ (Ebd., S. 324).

 

Aufhebung der Beschränkungen des „Glass-Steagall Acts“

„Kaum hatte Greenspan sein Amt als Fed-Chef angetreten, da verlangte er die Aufhebung des »Glass-Steagall Acts«. Vehement hatten das auch schon seine alten Freunde bei J. P. Morgan und der Citibank getan. Der (nach zwei US-Kongreßabgeordneten benannte) »Glass-Steagall Act« - der den offiziellen Namen »Banking Act of 1933« trägt - schrieb die gesetzliche Trennung von Geschäftsbanken einerseits sowie den Wall-Street-Investmenthäusern und -versicherungen andererseits vor. Dies Gesetz war ursprünglich dazu gedacht, drei größere Probleme zu verringern, die in den 1930er Jahren zu einer Welle von Bankenpleiten und der Großen Depression geführt hatten: Banken hatten die ihnen anvertrauten Einlagen - »ihr« Vermögen - in Wertpapiere investiert, wobei im Falle eines Börsenkrachs die kommerziellen Investoren und Sparer das Risiko tragen mußten. Außerdem vergaben die Banken unsichere Kredite, damit sie die Preise für bestimmte Wertpapiere oder die finanzielle Position von Unternehmen, in die eine Bank ihr Vermögen investiert hatte, künstlich in die Höhe drücken konnten. Die finanzielle Beteiligung einer Bank am Besitz, Preis oder an der Streuung von Wertpapieren verleitete die Banken unweigerlich dazu, ihre Bankkunden zu drängen, in Wertpapiere zu investieren, die die Bank selbst dringend verkaufen mußte. Das war natürlich ein enormer Interessenkonflikt - und eine Einladung zu Betrug und Mißbrauch.“ (Ebd., S. 352).

„Geschäftsbanken, die auch Dienstleistungen beim Investmentbanking und offene Investmentfonds anboten, gerieten in einen Interessenkonflikt, der dazu führte, daß ihre Kunden, einschließlich der Kreditnehmer, Einleger und Korrespondenzbanken, geschädigt wurden. Da es seit 1999 in den USA keine Einschränkungen durch den »Glass-Steagall Act« mehr gibt, wurden Banken, die verbriefte Hypothekenobligationen und ähnliche Produkte durch eigene Zweckgesellschaften anboten - die sie selbst gründeten, um das Risiko »aus den Bankbüchern« zu entfemen -, Komplizen bei dem, was wahrscheinlich als der größte Finanzschwindel aller Zeiten in die Geschichte eingehen wird - dem Subprime-Verbriefungs-Betrug. (**).“ (Ebd., S. 352-353).

„In seiner Geschichte über den Großen Bankenkrach (Great Crash) schrieb der us-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith: »Der Kongreß war besorgt, daß beide, die Geschäftsbanken im allgemeinen und auch die Mitgliederbanken des Federal Reserve System im besonderen, den Niedergang der Börsen verschlimmert haben und von ihm auch gleichzeitig geschädigt wurden; und zwar zum Teil aufgrund ihrer direkten und indirekten Beteiligung am Handel und Besitz von spekulativen Wertpapieren.«“ (Ebd., S. 353).

„»Die legislative Geschichte des »Glass-Steagall Acts«, fuhr Galbraith fort, »zeigt, daß der Kongreß auch die subtileren Gefahren im Auge hatte und sich wiederholt auf sie konzentrierte. Diese Gefahren treten auf, wenn eine Geschäftsbank ihre Befugnis als Treuhänder oder Bevollmächtigter überschreitet und entweder direkt ins Investmentbankgeschäft einsteigt oder eine Zweiggesellschaft gründet, die bestimmte Investments verwaltet und verkauft.« Galbraith betonte: »Im Laufe des Jahres 1929 verwaltete und verkaufte ein Investmenthaus, Goldman Sachs & Company, Wertpapiere in Höhe von fast einer Milliarde Dollar über drei miteinander verbundene Investmenttrusts - Goldman Sachs Trading Corporation, Shenandoah Corporation und Blue Ridge Corporation. Alle verloren praktisch ihren gesamten Wert.«“ (Ebd., S. 353).

„Die großen New Yorker Banken hatten schon lange eine Rücknahme dieses 1933 vom Kongreß beschlossenen einschränkenden Gesetzes gefordert, und Alan Greenspan war als Vosrtandvorsitzender der Fed für sie genau der richtige Mann dafür. US-Amerikas Großbanken, mit Rockefellers einflußreicher Chase Manhattan Bank und Sanford Weills Citicorp an der Spitze gaben über 100 Milliarden Dollar für die Beeinflussung von Kongreßabageordneten und für Wahlkampfspenden aus, um die Abschaffung der während der Großen Depression beschlossenen Beschränkungen von Bankgeschäften und Aktienemissionen zu erreichen. (Für die Rockellers bedeutete das quasi die Rücknahme dessen, was ihnen den Aufstieg un den Morgans den Abstieg gebracht hatte [**] - ein Omen? [HB]).“ (Ebd., S. 353-354).

„Die Außerkraftsezung des »Glass-Steagall Acts« öffnete 1999 die Schleusen für die Verbriefungs-Revolution (**) ....“ (Ebd., S. 354).

 

Deregulierung, TBTF und Gigantomanie

„Zwischen 1980 und 1994 wurden in den USA mehr als 1600 Banken, die durch die Bundeseinlagenversicherung (Federal Deposit Insurance Corporation) versichert waren, geschlossen oder erhielten Finanzhilfen durch diese FDIC. Das war weit mehr als in irgendeiner anderen Periode, seit die FDIC in den 1930er Jahren im Zuge des New Deals gegründet worden war. Diese Entwicklung führte zur Konzentration der Banken in gigantischen Bankengruppen und sollte bis in das neue Jahrhundert andauern.“ (Ebd., S. 372).

„1984 drohte die größte Bankinsolvenz in der Geschichte der USA, die Pleite der Chikagoer Continental Illinois National Bank, der damals siebtgrößten Bank der Vereinigten Staaten und einer der größten Banken weltweit. Um diesen großen Kollaps zu verhindern, griff die US-Regierung mithilfe der Bundeseinlagenversicherung FDIC ein und sagte der Continental Illinois eine 100-prozentige Einlagengarantie zu, die an die Stelle der begrenzten Garantie trat, die normalerweise die FDIC-Banken bietet. Diese Stützungsmaßnahme wurde dann zu der Doktrin: »Zu groß, um bankrott zu gehen« (»Too Big to Fail« -TBTF). Das Argument lautete, man dürfe es nicht zulassen, daß bestimmte, sehr große Banken untergehen, weil sie einfach zu groß seien. Denn der Zusammenbruch einer solchen Bank werde zu einer Kettenreaktion führen, die arge Konsequenzen für die gesamte Volkswirtschaft haben könne. Es dauerte nicht lange, bis die großen Banken merkten, daß sie sich, je größer sie durch Fusionen und Übernahmen wurden, immer mehr für diese »TBTF-Behandlung« qualifizierten. Das sogenannte »subjektive Risiko« (moral hazard) wurde zum wichtigsten Merkmal der US-Großbanken.“ (Ebd., S. 372).

„Während Greenspans Amtszeit als Fed-Chef wurde diese TBTF-Doktrin auf sehr große Hedgefonds (zum Beispiel LTCM **), sehr große Börsen (die New Yorker Börse) und praktisch alle großen us-amerikanischen Finanzinstitute ausgedehnt, an denen die USA ein strategisches Interesse hatten. Die Folgen davon waren verheerend. Nur wenigen Personen außerhalb der elitären Insiderkreise der sehr großen Institutionen der Finanzwelt war überhaupt bewußt, daß diese Doktrin eingeführt worden war.“ (Ebd., S. 372-373).

„Sobald das TBTF-Prinzip einmal festgelegt war, bemühten sich US-Amerikas größte Banken, noch größer zu werden. Die traditionelle Trennung der Banken in örtliche Spar- und Darlehenskassen einerseits und große internationale Geschäftsbanken wie die Citibank, J. P. Morgan oder die Bank of America andererseits sowie das Verbot, Bankgeschäfte in mehr als einem US-Bundesstaat zu betreiben - all diese Punkte wurden einer nach dem anderen abgeschafft. Gewissermaßen wurden »gleiche Spielregeln« für alle geschaffen - aber eben nur für die größten Banken, die jetzt die kleineren Banken niederwalzen und schlucken konnten, um Finanzkartelle von schier unvorstellbarer Größe zu schaffen.“ (Ebd., S. 373).

„1996 war die Zahl der unabhängigen Banken gegenüber dem Ende der 1970er Jahre bereits um mehr als ein Drittel geschrumpft - ein Rückgang von mehr als 12000 auf weniger als 8000. Der prozentuale Anteil der Einlagen, die von den Banken gehalten wurden, die über Vermögen von mehr als 100 Milliarden Dollar verfügten, verdoppelte sich auf ein Fünftel aller Bankvermögen in den USA. Und das war erst der Anfang dieses Trends. Diese Konsolidierung der Banken war eine direkte Folge davon, daß die US-Bundesstaaten alle geographischen Einschränkungen für Bankniederlassungen und den Erwerb von Holdinggesellschaften abgeschafft hatten, die in einem 1994 erlassenen länderübergreifenden Gesetz, dem »Interstate Banking and Branch Efficiency Act«, festgeschrieben waren. Unter dem Vorwand eines »effizienteren Bankenwesens« folgte ein darwinistischer Kampf ums Uberleben der Größten, die keineswegs immer die Besten waren. Diese Konsolidierung sollte ungefahr ein Jahrzehnt später schwere Folgen haben, als die Verbriefung (**) auf eine Art und Weise explodierte, die sogar die wildesten Phantasien der Banken überstiegen.“ (Ebd., S. 373).

 

„»Verbriefungs-Revolution«“: die Errichtuung einer
Neuen Finanzwelt, in der das Risiko den Banken
abgenommen und über die ganze Welt verteilt wird,
und zwar so diffus, daß schließlich keiner mehr
erkennen konnte, wo das wirkliche Risiko lag.“

Verbriefung - der unreelle Handel

„Weil das Thema Verbriefung so ungemein komplex ist, kann niemand - noch nicht einmal ihre Initiatoren - die Verteilung der damit verbundenen Risiken voll verstehen, geschweige denn die gleichzeitige Konzentration systemischer Risiken.“ (Ebd., S. 378).

„Die Verbriefung war ein Prozeß, bei dem Aktiva durch eine »Zweck gesellschaft« erworben werden, die entweder als »Special Purpose Vehicle« (SPV) oder als »Special Investment Vehicle« (SIV) bezeichnet wird.“ (Ebd., S. 378).

„Bei diesen Zweckgesellschaften, zum Beispiel bei einer SIV, wurden die diversen Wohnungshypotheken in sogenannten Pools oder Bündeln zusammengefaßt. Ein bestimmter Pool, beispielsweise von Wohnungshypotheken-Außenständen, entstand jetzt in der neuen Form einer Anleihe, einer forderungsbesicherten Anleihe, in diesem Fall eines hypothekenbesicherten Wertpapiers. Die verbriefte Anleihe wurde durch den Bargeldfluß oder den Wert der zugrunde liegenden Aktiva gesichert.“ (Ebd., S. 378).

„Zu dem Verständnis dieses kleinen Schrittes gehörte ein komplexer Vertrauensvorschuß. Die Sache basierte auf einer illusorischen Absicherung, deren wahrer Wert, wie jetzt allen Banken auf der Welt auf geradezu dramatische Weise klar geworden ist, unbekannt und unerkennbar war. Bereits in diesem Stadium des Prozesses ist der rechtliche Besitzanspruch an der Hypothek eines bestimmten Hauses im Pool juristisch umstritten. Wer in der ganzen Kette besitzt tatsächlich die ordnungsgemäß unterzeichnete Hypothekenurkunde für Hunderte oder Tausende von besicherten Häusern? Jetzt haben die Anwälte jahrelang zu tun, um die brillanten Vernebelungsaktionen der Wall Street zu klären.“ (Ebd., S. 378).

„Die Verbriefung bezieht sich normalerweise auf Aktiva, die illiquide, also nicht so leicht zu verkaufen sind. Sie wurde bei Immobilien zu einem allgemein angewandten Mittel. Und der heutige Immobilienmarkt in den USA ist einer der illiquidesten Märkte der Welt. Jeder will dort aussteigen, und nur wenige wollen einsteigen, jedenfalls nicht zu diesen Preisen.“ (Ebd., S. 378).

„Die Verbriefung wurde bei Pools von gepachteten Immobilien angewandt, ebenso wie für Wohnungshypotheken, Eigenheimkrediten bezogen auf Höhe des Eigenkapitals, Studentenkrediten sowie Kreditkartenund sonstigen Schulden. In der Theorie konnten alle Aktiva verbrieft werden, solange ein ständiger und absehbarer Cashflow vorlag. So weit die Theorie. In der Praxis konnten die US-Banken mit dieser Verbriefung jedoch die neuen strengeren Baseler Kapitalunterlegungs-Richtlinien (»Basel II«) umgehen, die zum Teil in der Absicht aufgestellt wurden, die Schlupflöcher in Basel I schließen zu können (**). Aufgrund dieser Lücken in Basel I konnten us-amerikanische und andere Banken im großen Stil Kredite aus ihren Bilanzen herausnehmen und sie den obengenannten »Zweckgesellschaften«, den SIVs oder SPVs, zuschanzen.“ (Ebd., S. 378-379).

 

Finanz-Alchemie: Wo das Haar in die Suppe fällt

„Die Verbriefung (**) wandelte somit illiquide (unverkäufliche) Aktiva in liquide (verkäufliche) Aktiva um. Theoretisch geschah das durch die Bündelung, Zeichnung und den Verkauf von Eigentumsansprüchen auf die Zahlungsflüsse in Form besicherter Wertpapiere (»Asset-backed Securities«, ABS). Hypothekenbesicherte Wertpapiere waren eine Form dieser ABS, und zwar die bei Weitem größte seit 2001.“ (Ebd., S. 379).

„An dieser Stelle fiel das Haar in die Suppe.“ (Ebd., S. 379).

„Im Jahre 2006 erlebte der us-amerikanische Häusermarkt einen steilen Abschwung, und die Zinsen der zinsvariablen Hypotheken (ARM) stiegen in den gesamten USA stark an. Hunderttausende von Hausbesitzern konnten ihre jetzt drastisch gestiegenen Hypothekenraten einfach nicht mehr aufbringen oder wurden von der einen oder anderen Partei in der komplexen Verbriefungskette (**) zur Zwangsvollstreckung gezwungen, und das sehr häufig illegal, wie ein Richter in Ohio kürzlich entschied. Die Zwangsvollstreckungen von Eigenheimen waren 2007 um 75 Prozent höher als 2006, und der Prozeß fängt gerade erst an. Dies könnte sich zu einer Immobilienkatastrophe auswachsen, die ebenso schlimm oder noch schlimmer ist als die während der Großen Depression. In Kalifornien stieg die Zahl der Zwangsvollstreckungen um erschreckende 421 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ (Ebd., S. 379).

„Dieser wachsende Prozeß der Hypothekenausfälle hinterließ wiederum Riesenlöcher im Cashflow, der die neu in Umlauf gebrachten hypothekenbesicherten Wertpapiere stützen sollte. Da das gesamte System total undurchsichtig war, wußte niemand, am allerwenigsten die Banken, bei denen diese Wertpapiere deponiert waren, was wirklich »Sache« war: welche besicherten Wertpapiere gut und welche schlecht waren. Ebenso wie die Natur ein Vakuum verabscheut, verabscheuen Banker und Investoren, besonders globale Investoren, eine Unsicherheit in ihren finanziellen Aktiva. Also behandelten sie diese wie Giftmüll.“ (Ebd., S. 379).

 

Ausgerechnet Wirtschaftsnobelpreisträger waren an allem schuld ...

Der wichtigste Punkt bie dieser LTCM-Krise (LTCM = Long Term Capital Management), die das Fundament des globalen Finanzssystems ins Wanken brachte, war die Frage, wer an diesem Spekulationsfonds beteiligt war und welche wirtschaftlichen Annahmen zugrunde gelegt wurden - eben genau dieselben fundamentalen Annahmen, die bei der Konstruktion der grundfalschen Risikomodelle verwendet wurden und die zu dem Debakel bei der Verbriefung (**) geführt hatten.“ (Ebd., S. 398-399).

„Anfang 1998 verfügte LTCM über ein Kapital von 4,8 Milliarden Dollar und ein Portfolio von 200 Milliarden Dollar, das aus seiner Kreditkapazität bzw. den Krediten stammte, die so ziemlich alle größeren us-amerikanischen und europäischen Banken gewährt hatten, da sie auf sagenhafte Gewinne dieses erfolgreichen Fonds hofften. LTCM besaß Derivate mit einem Nennwert von 1250 Milliarden Dollar; das heißt, daß ein nicht regulierter Hedgefonds ein Portfolio an Optionen und anderen Finanzderivaten im Nennwert von eineinviertel Billionen Dollar hatte! Von einer solchen Größenordnung hätte bis dahin niemand auch nur zu träumen gewagt. Doch der Traum verwandelte sich sehr schnell in einen Albtraum.“ (Ebd., S. 399).

„Im Slang der Wall Street war LTCM ein »highly geared fund«, d.h. ein Fonds mit einem unglaublich hohen Anteil an Fremdkapital. Einer seiner Investoren war die italienische Zentralbank, so beeindruckend war der Ruf dieses Fonds.“ (Ebd., S. 399).

„Zu den größeren globalen Banken, die Geld in diesen LTCM gepumpt hatten, weil sie hofften, am Erfolg und an den unglaublichen Profiten teilzuhaben, gehörten: Bankers Trust, Barclays, Chase, Deutsche Bank, Union Bank of Switzerland, Salomon Smith Barney, J. P. Morgan, Goldman Sachs, Merrill Lynch, Crédit Suisse, First Boston, Morgan Stanley Dean Witter, Societé Générale, Crédit Agricole, Paribas und Lehman Brothers. Das waren dieselben Banken, die knapp ein Jahrzehnt später im Zentrum der Verbriefungskrise von 2007 auftauchen sollten (**).“ (Ebd., S. 399).

„Bei einer Pressekonferenz zu jener Zeit versuchte US-Finanzminister Rubin eine Krise kleinzureden, die sich als fundamentaler Makel des gesamten Risikomodells erwies. Er erklärte: »LTCM war ein isolierter Einzelfall, bei dem es nach Einschätzung der New Yorker Federal Reserve mögliche systemische Implikationen eines Versagens gab. Sie [die NY-Fed] organisierte dann ein Treffen einer Gruppe von Institutionen des privaten Sektors, die dann entschieden, was in ihrem eigenen wirtschaftlichen Interesse lag.«“ (Ebd., S. 399).

„Eine Ursache für die Ehrfurcht gegenüber dem LTCM war das »Dreamteam«, das diesen Fonds leitete. Der Vorstandsvorsitzende und Gründer des Fonds war John Meriwether, ein legendärer Händler an der Wall Street, der nach einem Skandal wegen des Kaufs von US-Schatzbriefen die Firma Salomon Brothers verließ. Doch dieser Skandal hatte sein Selbstbewußtsein nicht im Geringsten angekratzt. Als er gefragt wurde, ob er an effiziente Märkte glaube, antwortete er in aller Bescheidenheit: »Ich werde sie effizient machen.« Zu den wichtigsten Aktionären des Fonds gehörten die beiden herausragendena »Experten« (Anführungsstriche von mir [HB]) der » Wissenschaft vom Risiko«, Myron Scholes und Robert Merton, die 1997 von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften den »Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften« (Anführungsstriche von mir [HB]) erhalten hatten, und zwar für ihre Arbeit über Derivate. Außerdem verfügte der LTCM über eine beeindruckende Zahl von Finanzprofessoren, Doktoren der Mathematik und Physik sowie anderen »Raketenwissenschaftlern«, die in der Lage waren, extrem komplexe, kühne und profitable Finanzszenarien zu erstellen.“ (Ebd., S. 399-400).

 

Fundamental falsche Annahmen und Risikomodelle

„Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler. Scholes' und Mertons grundlegende Axiome des Risikos, also die Theorien, auf denen ihre Modelle aufgebaut waren, waren falsch (!!! [HB]). Sie waren auf Sand gebaut (!!! [HB]). Sie waren grundsätzlich und katastrophal falsch (!!! [HB]). In ihrem mathematischen Optionspreismodell gingen sie davon aus, daß es »perfekte Märkte« gebe, Märkte, die so extrem tief gestaffelt seien, daß die Aktionen der Händler die Preise nicht beeinträchtigen könnten. Scholes und Merton gingen davon aus, die Märkte und ihre Teilnehmer verhielten sich rational. Doch die Realität sieht ganz anders aus - Märkte sind langfristi rundsätzlich irrational (!!! [HB]). Aber aufgrund der Risikopreismodelle, die Fischer Black, Myron Scholes und andere Wirtschaftswissenschaftler in den vergangenen zwei oder mehr Jahrzehnten entwickelt haben, konnten die Banken und Kreditinstitute behaupten, die traditionelle Vorsicht bei der Vergabe von Krediten se »altmodisch« (Anführungsstriche von mir [HB]). Mit der entsprechenden Optionsversicherung sei das Risiko kein Problem mehr. Man konnte die Feste also feiern, wie sie fielen.“ (Ebd., S. 400).

„Damit ignorierte man natürlich die tatsächlichen Marktbedingungen bei jeder größeren Marktpanik seit 1975, als das »Black-Scholes-Modell« bei der Chicago Board Options Exchange - einer der weltgrößten Optionsbörsen der Welt - eingeführt wurde: Man ignorierte die fundamentale Rolle der Optionen und der »Portfolio-Versicherung« beim Börsenkrach von 1987; man ignorierte die Panik, die 1998 LTCM zu Fall brachte - an dem sowohl Scholes als auch Merton beteiligt waren. Eine auf Wolke sieben schwebende Wall Street ignorierte zusammen mit den Ökonomen und Direktoren von Greenspans Federal Reserve das offensichtliche.“ (Ebd., S. 400-401).

„Im Gegensatz zu dem fast schon religiösen Dogma, das seit Jahrzehnten an allen Wirtschaftsfakultäten gelehrt wird, handelt es sich bei Finanzmärkten nicht um einfache und problemlose Modelle, die sich nach der Gaußschen Normalverteilungskurve (**) richten, so, als ob diese ein Naturgesetz wären. Die Tatsache, daß die Hauptarchitekten der modernen Theorien der Finanzierungstechnik - die inzwischen den seriös klingenden Namen »Finanzwirtschaftswissenschaft« erhielt - allesamt mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, verlieh diesen fehlerhaften Modellen die Aura päpstlicher Unfehlbarkeit. Nur drei Jahre nach dem Crash von 1987 verlieh das Nobel-Komitee in Schweden Harry Markowitz und Merton Miller den Preis für Wirtschaftswissenschaften. Ende 1997, und zwar mitten in der Asienkrise, erhielten auch Robert Merton und Myron Scholes den Nobelpreis.“ (Ebd., S. 401).

„Das Seltsame an den fehlerhaften Risikomodellen, die seit den Ursprüngen der Finanzderivate in den 1980er Jahren bis zum explosiven Wachstum der Verbriefung (**) von Kreditforderungen im vorigen Jahrzehnt verwendet wurden, war, daß sie kaum in Frage gestellt wurden.“ (Ebd., S. 401).

„Der Hedgefonds LTCM verfügte über hochbezahlte Wall-Street-Investmentbanker sowie zwei Ökonomen, die nicht nur den Nobelpreis gewonnen, sondern auch die Theorie zur Preisbildung von Finanzderivaten vorgegeben hatten, und zwar für all deren Produkte, von Aktien bis zu Währungen. Um die Liste der LTCM-Prominenten zu vervollständigen, gab David Mullins 1994 seinen Job als stellvertretender Fed-Chef unter Alan Greenspan auf und wurde Partner bei LTCM.“ (Ebd., S. 401).

„Trotz alledem konnten sich die Händler bei LTCM sowie alle diejenigen, die ihnen im August 1998 bis an den Rand des finanziellen Abgrunds folgten, nicht davor schützen, was ihnen jetzt drohte - das systemische Risiko. Und dieses Systemrisiko trat ein, als sich das theoretisch »unmögliche Ereignis«, der russische Staatsbankrott, in der Realität als möglich herausstellte.“ (Ebd., S. 401).

„Trotz der eindeutigen Lektion aus dem katastrophalen LTCM-Debakel - daß es nämlich kein Derivat gab oder gibt, das gegen das systemische Risiko absichert - machten Greenspan, Rubin und die New Yorker Banken weiter wie bisher. Sie bastelten an ihren Risikomodellen, als ob absolut nichts geschehen wäre. Der russische Staatsbankrott wurde als ein Ereignis abgetan, »das sich höchstens einmal in 100 Jahren ereignet«. Die Banker der Wall Street blähten weiter ihre Dot.com-Blase auf und anschließend sogar die größte Finanzblase in der Geschichte der Menschheit - die Verbriefungs-Blase von 2002 bis 2007 (**).“ (Ebd., S. 401-402).

 

Das Leben ist keine Normalverteilungskurve

„Risiko und Preisbildung verhalten sich nicht gemäß einer Normalverteilungskurve, weder auf den Finanzmärkten noch bei der Erschließung von Ölfeldern. Im Jahre 1900 behauptete ein obskurer französischer Mathematiker und Finanzspekulant namens Louis Bachelier, Preisänderungen von Anleihen oder Aktien folgten der glockenförmigen Kurve, die der deutsche Mathematiker Carl Friedrich Gauß als Arbeitsmodell konzipiert hatte (Gaußsche Normalverteilungskurve bzw. Glockenkurve« **) , um statistische Wahrscheinlichkeiten für verschiedene Ereignisse darzustellen. Zur Darstellung von Preisschwankungen anhand dieser Normalverteilungskurve gehörte eine milde Form der Willkür; ähnlich wie bei dem üblichen Intelligenztest, bei dem der Wert 100 als »Durchschnitt« angenommen wird, weil er sich im Zentrum einer Normalverteilungskurve befindet. Das Ganze war eine Art »nützlicher Alchemie«, aber eben nur Alchemie.“ (Ebd., S. 402).

„Unter der Annahme, daß sich Schwankungen bei Finanzpreisen grundsätzlich wie diese Gaußsche Normalverteilungskurve (**) verhalten, konnten die »Raketenspezialisten« der Wall Street einen unendlichen Strom neuer Finanzprodukte herausbringen, von dem eines obskurer und komplexer war als das vorherige. Die Theorien wurden modifiziert. So wurde zum Beipsiel das »Gesetz der großen Zahlen« hinzugefügt, um zu beweisen, daß dann, wenn die Zahl der einzelnen Ereignisse groß genug wird -wie beim Werfen einer Münze oder beim Würfeln -, der gemessene Wert langfristig den (theoretisch) stabilen Wert erreicht. Dieses Gesetz der großen Zahlen, bei dem es sich nun wirklich nicht um ein wissenschaftliches Naturgesetz handelt, erlaubte es Banken wie der Citigroup oder Chase, viele hundert Millionen Visakarten auszustellen, ohne eine Kreditprüfung vorzunehmen, und das aufgrund von Daten, die zeigten, daß in »normalen« Zeiten bei Kreditkarten eine Zahlungsunfdhigkeit so selten auftritt, daß sie angeblich überhaupt nicht ins Gewicht fällt.“ (Ebd., S. 402).

„Die Probleme mit Wahrscheinlichkeitsmodellen, die auf Normalverteilungskurven (**) oder dem Gesetz der großen Zahlen beruhen, zeigten sich, als die Zeiten nicht normal waren - zum Beispiel bei einer starken Rezession, wie sie die US- Wirtschaft zurzeit durchmacht und die vielleicht nur mit der von 1931 bis 1939 vergleichbar ist.“ (Ebd., S. 402-403).

„Es war schon höchst bemerkenswert, daß US-Amerikas akademisch gebildete Ökonomen und Investmentbanker, die Direktoren der Federal Reserve und Finanzminister sowie Schwedens Preisrichter, die den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften vergeben, Englands Finanzminister und Banker der Londoner City sowie die Bank von England, um nur einige der wichtigsten Namen zu nennen - daß all diese Finanz- und Wirtschaftsexperten die simple Tatsache ignorierten, daß alle ökonomischen Theorien sowie die Theorien über das Marktverhalten und die Theorien zur Risikoeinschätzung bei Derivaten nicht in der Lage sind, nichtlineare Überraschungen vorauszusagen, geschweige denn, sie zu verhinden.(**).“ (Ebd., S. 403).


„Vgl. Donald MacKenzie, An Engine, Not a Camera: How financial Models Shape Markets, 2008. MacKenzie beschreibt den Prozeß, wie der Gründer der Börse in Chikago (Chicago Mercantile Exchange) den US-Ökonomen Milton Friedman von der Universität Chikago damit beauftragte, eine Rechtfertigung dafür zu liefern, daß man Anfang der 1970er Jahre den Handel mit Devisentermingeschäften und Optionen zuließ, und wie die Entwicklung der Preisbildungstheorie für Optionen von Black und Scholes nach einer Weile den Chefs an der Wall Street die Sicherheit gab, ihr Handel mit Derivaten sei »wissenschaftlich fundiert«. Das stimmte natürlich nicht, wie sich im Jahre 2007 bei dem weltweiten Kollaps der Verbriefung (**) zeigte.“ (Ebd., Anmerkung 19).

„Es war unmöglich, anhand der Theorie, auf deren Grundannahmen letztendlich viele Billionen Dollars an weltweiten Kreditverbindlichkeiten beruhten, das Platzen von Spekulationsblasen vorherzusagen, weder im Oktober 1987 noch im Februar 1994 oder im März 2002 - und mit Sicherheit nicht seit Juni 2007. Das war deshalb nicht möglich, weil vor allem das benutzte Modell selbst die Bedingungen schuf, die zu den immer größeren und destruktiveren Finanzblasen führten. Finanzökonomie war nur ein anderes Wort für ungezügelte spekulative Exzesse, also für einen Prozeß, der seit der ersten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte - dem sogenannten »Tulpenwahn« in Holland im 17. Jahrhundert - unweigerlich Finanzblasen, und damit das Platzen dieser Blasen, verursacht hatte.“ (Ebd., S. 403).

„Eine Theorie, die nicht in der Lage war, solche großen und definitionsgemäß »nichtlinearen« überraschenden Ereignisse vorauszusagen, war trotz aller Nobelpreise nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurde. Dennoch setzten sich die Direktoren der Federal Reserve - allen voran Alan Greenspan - sowie die US-Finanzminister, vor allem Robert Rubin, Lawrence Summers und Henry Paulson, durch und sorgten dafür, daß der Kongreß diesen exotischen Finanzinstrumenten, die auf der Basis einer Theorie entstanden waren, die in der Realität vollkommen irrelevant war, niemals gesetzliche Einschränkungen auferlegte bzw. sie regulierte.“ (Ebd., S. 403).

„Am 29. September 1998 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, daß »selbst nach dem Zusammenbruch - und der Rettung - von LTCM jeder Vorstoß zur Regulierung von Derivaten erfolglos geblieben war. Der CFTC (US-Regierungsbehörde, die nominell den Handel mit Derivaten überwacht - W. E.) wurde untersagt, die Regulierung von Derivaten zu verschärfen, und zwar mit einer Formulierung, die am Montagabend von den Verhandlungsführern des Repräsentantenhauses und des Senats gebilligt worden war. Anfang September hatten die republikanischen Vorsitzenden der Landwirtschaftausschüsse beider Kammern um diese Fonnulierung - die auch die Bedenken der Industrie berücksichtigte - gebeten, mit der die Aufsichtsbefugnis der CFTC über den außerbörslichen Handel mit Derivaten begrenzt werden soll, womit sie die Sorgen der Industrie zum Ausdruck brachte.« Mit dieser »Industrie« waren natürlich die Großbanken gemeint.“ (Ebd., S. 403-404).

„Weiter hieß es in dieser Meldung von Reufers: »Als die CFTC das Thema Regulierung anschnitt, verteidigten sowohl Fed-Chef Alan Greenspan als auch Finanzminister Rubin die (Finanz-)Industrie und behaupteten, daß die Industrie keine Regulierung benötige und daß die Einführung der Regulierung (us-amerikanische) Unternehmen ins Ausland treiben würde.«“ (Ebd., S. 404).

„Die Kombination dieser unerbittlichen Ablehnung, keinerlei Regulierung der explosiven neuen Finanzinstrumente - die von Credit Default Swaps (CDS) zu hypothekenbesicherten Wertpapieren reichten - sowie einer Unzahl ähnlicher exotischer »risikostreuender« finanzieller Innovationen zuzulassen, bahnte zusammen mit der 1999 erfolgten endgültigen Außerkraftsetzung des »Glass-Steagall Acts« (**), der seit 1933 strikt das Investmentgeschäft und die nonnalen Bankgeschäfte getrennt hatte, den Weg für das, was im Juni 2007 einsetzte: die zweite Große Depression in weniger als einem Jahrhundert. Damit aber begann, was künftige Historiker zweifellos als den Untergang der Vereinigten Staaten als dominierende globale Finanzmacht beschreiben werden.“ (Ebd., S. 404).

 

„Lügenkredite“ und NINA-Banken in einer Orgie des Betruges

„Die Lektionen aus dem Staatsbankrott Rußlands im August 1998 und die kurz danach einsetzende systemische LTCM-Krise verdrängte die Elite des New Yorker Finanz-Establishments in wenigen Wochen. Unterstützt durch die akademisch gebildeten »Raketenwissenschaftler«, Normalverteilungskurven und grundfalschen Risikomodellen setzten die Finanzgiganten der US-Banken eine Welle von Megafusionen in Gang und entwickelten einfallsreiche Methoden, um ihr Kreditrisiko aus den Büchern zu entfernen. Das öffnete Tür und Tor für den größten Firmen- und Finanzbetrug in der Weltgeschichte -»Asset Securitization«, die Verbriefung (**) von Kreditforderungen.“ (Ebd., S. 404-405).

„Da der »Glass-Steagall Act« Ende 1999 auf Drängen von Greenspan und Rubin endgültig außer Kraft gesetzt worden war (**), stand es den Banken jetzt frei, Rivalen aus sämtlichen Bereichen wie Versicherungen, Verbraucherkreditanstalten oder Finanzierungsgesellschaften aufzukaufen. Die Bankenlandschaft US-Amerikas veränderte sich radikal und dramatisch. Die » Verbriefungs-Revolution« (**) konnte beginnen.“ (Ebd., S. 405).

„Nach Außerkraftsetzung des »Glass-Steagall Acts« (**) überwachte die Federal Reserve direkt nur noch die Bankholdinggesellschaften und untergeordnete reine kreditgebende Banken. In der Praxis hieß das: Jetzt konnte die Citigroup ihre (staatlich regulierte) Zweigstelle in einer typischen »Subprime-Gegend« schließen und statt dessen ihre Geschäfte in dieser (ärmeren) Gegend durch eine (nicht regulierte) 100-prozentige Tochterfirma namens Citi Financial abwickeln. Der Vorteil für die Citigroup lag darin, daß diese Citi Financial, die ein Spezialist für Subprime-Kredite war, ihre Geschäfte jetzt unter ganz anderen - lascheren - Regulierungsbestimmungen abwickeln konnte.“ (Ebd., S. 405).

„Die Citi Financial stellte unabhängig von der Citigroup Hypotheken aus. Verbrauchergruppen warfen der Citi Financial vor, Spezialist für »Raubtierkredite« zu sein, deren Vergabe so vor sich ging, daß skrupellose Hypothekenmakler oder Verkäufer einer Person oder Familie einen Kredit aufdrängten, der weit über ihren Möglichkeiten lag oder deren Verständnis in bezug auf die eingegangenen Risiken überstieg. Außerdem waren diese Darlehensnehmer oft auch gar nicht in der Lage, diese Kredite zurückzuzahlen. Dabei war die Citigroup nur ein typisches Beispiel für die meisten großen US-Banken und Hypothekengeber.“ (Ebd., S. 405).

„Am 8. Januar 2008 verkündete die Citigroup mit großem Pomp die Veröffentlichung ihres Berichts über ihr konsolidiertes »US-Eigenheimhypothekengeschäft«, inklusive der Gewährung von Hypotheken, Bedienung der Zinsen und Verbriefung (**). Seltsamerweise tauchte in dieser Erklärung die Citi Financial gar nicht auf, also genau die Tochterfirma mit den meisten Risiken in ihren Büchern.“ (Ebd., S. 405).

 

Schlupflöcher in „Basel I“

„Das, was die Banken in die Verbriefung (**) und die Verbreitung bilanzunwirksamer Risiken, inklusive stark fremdfinanzierter Derivate, trieb, war der »Basler Akkord« aus dem Jahre 1987 - die Eigenkapitalvereinbarung der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), inzwischen bekannt als »Basel I«. Diese Vereinbarung der Zentralbanken der größten Industrienationen der Welt verpflichtete die Banken, acht Prozent eines normalen Geschäftskredits als Reserve für einen möglichen künftigen Kreditausfall zurückzulegen. Die damalige Innovation der Finanzderivate wurde auf Drängen der Federal Reserve bei dieser Vereinbarung Basel I nicht erwähnt.“ (Ebd., S. 406).

„Die Vereinbarung war ursprünglich auf Ersuchen der ultrakonservativen Deutschen Bundesbank und anderer europäischer Zentralbanken getroffen worden, um die eher spekulative Kreditvergabe der us-amerikanischen und japanischen Banken zu zügeln, die zu der schlimmsten Bankenkrise seit den 1930er Jahren geführt hatte. Ursprünglich verfolgte man mit Basel I die Absicht, die Banken zu zwingen, das Kreditrisiko zu reduzieren, also vorsichtiger und Konservativer zu sein. Doch auf die Arbeit der us-amerikanischen Banken hatte Basel I genau den gegenteiligen Effekt. Die US-Banken entdeckten ziemlich bald ein riesiges Schlupfloch - die bilanzunwirksamen Transaktionen, vor allem Derivate und Verbriefung (**). Da diese Produkte in Basel I nicht berücksichtigt wurden, mußten die Banken kein Kapital beiseitelegen, um potenzielle Verluste auf diesem Gebiet auszugleichen.“ (Ebd., S. 406).

„Der Vorteil der Verbriefung (**) von Kreditforderungen, zum Beispiel Wohnungsbaukrediten, für die ausstellende Bank war, daß sie den Kredit oder die Hypothek unverzüglich an einen Verbriefer oder Versicherer verkaufen konnte, der Hunderte oder Tausende solcher Kredite zu einem neuen vermögensbesicherten Wertpapier (ABS) bündelte. Diese scheinbar geniale Innovation war viel gefährlicher, als es zunächst den Anschein hatte. Die kreditgebenden Banken mußten einen Hypothekenkredit nicht mehr wie bisher 20 bis 30 Jahre in ihren Büchern führen. Vielmehr verkauften sie diesen Kredit mit einem Abschlag und verwendeten den dabei erzielten Erlös, um eine nächste Runde der Kreditgewährung einzuläuten.“ (Ebd., S. 406).

„Das bedeutete aber auch, daß sich die kreditgebende Bank keine Sorgen mehr darüber machen mußte, ob der Kredit jemals zurückgezahlt werden würde.“ (Ebd., S. 406).

 

Betrug ist „in“

„Es dauerte nicht lange, bis die kreditgebenden Banken in den ganzen USA merkten, daß sie auf einer riesigen Goldmine saßen, größer als die beim legendären Goldrausch in Kalifornien. Sie machen sich überhaupt keine Gedanken darüber, ob eine Person, die einen Eigenheimkredit aufnahm, überhaupt in der Lage war, die Schulden in den nächsten Jahrzehnten zurückzuzahlen. Die Banken machten eine Menge Geld durch das reine Kreditvolumen und den Weiterverkauf der Kredite an die Verbriefer.“ (Ebd., S. 407).

„Bald wurde es normal, daß die Banken ihre Hypothekenkreditvergabe freiberuflichen Maklern übertrugen. Anstatt die Kreditnehmer auf ihre Kreditwürdigkeit zu überprüfen, verließen sich die Makler meist ausschließlich auf verschiedene Online-Kreditfragebögen, ähnlich wie bei Anträgen für eine Visa-Karte, bei der keine Nachprüfung erfolgt. Es wurde zu einer üblichen Praxis, daß Hypothekenkreditgeber Maklern Bonusanreize gewährten, damit diese eine größere Menge von unterzeichneten Kreditverträgen abschlossen - eine weitere Möglichkeit für massiven Betrug. Die Banken machten mehr Profit mit hohen Kreditvolumina, die sie anschließend zur Verbriefung (**) an Wall-Street-Häuser verkauften. Die Welt des traditionellen Bankwesens wurde völlig auf den Kopf gestellt.“ (Ebd., S. 407).

„Da eine Bank jetzt nicht mehr den Anreiz hatte, auf die Solidität eines Kreditnehmers zu achten, zum Beispiel durch Minimal-Anzahlungen und eine gründliche Untersuchung der Kreditwürdigkeit, gewährten viele US-Banken sogenannte »Lügenkredite«, einfach um das Kreditvolumen und die Umsätze zu erhöhen. Diese Zyniker wußten, daß der Darlehensnehmer bei der Frage nach seiner Kreditwürdigkeit und seinem Einkommen log, um sein Traumhaus zu bekommen. Aber das war ihnen völlig egal. Sie verkauften das Hypothekenrisiko einfach weiter, kaum daß die Tinte auf dem Kreditvertrag trocken war.“ (Ebd., S. 407).

„Nach 2002 kam eine neue Terminologie für solche Kredite auf: »NINA«-Hypotheken - »No Income, No Assets« (kein Einkommen, kein Vermögen). » Kein Problem, Mr. Jones! Hier sind die 400000 Oollar für Ihr neues Haus. Alles Gute.«“ (Ebd., S. 407).

„Da »Glass-Steagall« (**) jetzt kein Hindernis mehr war, konnten die Banken eine Vielzahl hundertprozentiger Tochterfirmen gründen, um das boomende Geschäft mit den Wohnungsbauhypotheken in Gang zu halten. Der Gigant in diesem ganzen Prozeß war die Citigroup, die größte us-amerikanische Bankengruppe mit einem Vermögen von über 2,4 Billionen Dollar.“ (Ebd., S. 407-408).

„Zur Citigroup gehörte unter anderem die Travelers Insurance, eine bundesstaatlich regulierte Kreditbank. Außerdem die alte Citibank, eine riesige Kreditbank, sowie die Investmentbank Smith Barney. Zudem war die Citigroup auch Eigentümerin des aggressiven Subprime-Kreditgebers Citi Financial, der nach Aussagen zahlreicher Verbraucherberichte einer der skrupellosesten Raubtier-Kreditgeber war und die Subprime-Hypotheken häufig an völlig unbedarfte oder insolvente Kreditgeber, meist Schwarze oder Latinos, vergab. Darüber hinaus gehört zur Citigroup auch die Universal Financial Corporation, einer der größten Aussteller von Kreditkarten in den USA, die das sogenannte »Gesetz der großen Zahlen« anwandte, um ihren Kundenkreis bei unzuverlässigen Darlehensnehmern (und entsprechend höheren Risiken) zu vergrößern.“ (Ebd., S. 408).

„Im Oktober 2008 intervenierte die US-Regierung mit einer
Finanzspritze, um der in Schwierigkeiten steckenden Citigroup
aus der Patsche zu helfen. Citigroup ist die größte Bank der
Welt und der aggressivste Vermarkter von Subprime-Krediten.“

„Zur Citigroup gehörten auch Banamex, die zweitgrößte Bank Mexikos, und die Banco Cuscatlan, die größte Bank von EI Salvador. Banamex war eine der großen mexikanischen Banken, die wegen Geldwäscherei angeklagt wurden. Doch das war nichts Neues für die Citigroup. Im Jahre 1999 untersuchten der US-Kongreß und der US-Bundesrechnungshof (GAO) die Citigroup wegen der Wäsche von Drogengeldern in Höhe von 100 Millionen Dollar für Raúl Salinas de Gortari, den Bruder des damaligen mexikanischen Präsidenten. Bei dieser Untersuchung kam ebenfalls heraus, daß die Citibank Geld für korrupte Beamte von Pakistan über Gabun bis Nigeria gewaschen hatte.“ (Ebd., S. 408-409).

„Doch die Citigroup, der finanzielle Moloch, war nur ein typisches Beispiel dafür, was mit US-Amerikas Bankwesen nach 1999 geschah. Es war eine ganz andere Welt, vielleicht mit Ausnahme der Exzesse der » Wilden 20er Jahre« im vorigen Jahrhundert. Das Ausmaß, das der Betrug und der Mißbrauch im Kreditgeschäft in der neuen Ära der Verbriefung (**) annahmen, überstieg sämtliche Vorstellungen.“ (Ebd., S. 409).

 

Die Raubtiere hatten ihre große Zeit

„Eine us-amerikanische Verbraucherorganisation, die diese »Kredithaie« kritisch beobachtete, dokumentierte einige der üblichsten kriminellen Kreditpraktiken während des Immobilienbooms und berichtete: »In den Vereinigten Staaten gibt es im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts viele dubiose Firmen, die solche Kredite anbieten. Einige sind sehr alt - zum Beispiel Household Finance und ihre Schwesterfirma Beneficial - und andere etwas neue, wie Citi Financial. Beide bieten Kredite zu Sätzen von über 30 Prozent an. Das Geschäft boomt: Die Gewinnspannen, so die Wall Street, sind zu groß, um darauf zu verzichten. Die Citibank zahlt unter fünf Prozent Zinsen auf die erhaltenen Einlagen. Die mit ihr verbundenen Kredithaie verrechnen einen vier Mal so hohen Satz, selbst für Kredite, die durch das Eigenheim des Kreditnehmers abgesichert sind. Für einen Banker ist das ein Geschäft, das er einfach nicht ablehnen kann. Selbst wenn es mit der Wirtschaft bergab geht - sie können die hinterlegte Sicherheit behalten und weiterverkaufen.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 409).

„Das Geschäft ist global; Die Hong Kong & Shanghai Banking Corporation, jetzt HSBC, will es in mehr als 80 Länder exportieren, in denen sie bis jetzt nur schwach vertreten ist. Institutionelle Investoren lieben dieses Geschäftsmodell, und die Investmentbanken verbriefen die Kredite .... Die Wurzel jedoch, das »Futter«, auf dem diese ganze Pyramide steht, ist der einzelne Kunde am sogenannten Ort des Verkaufs .... Punkte und Gebühren können dem verliehenen Geld hinzugefügt werden. Citi Financial und Household Finance schlagen ihren Kunden vor, eine Versicherung abzuschließen. Diesen Vorschlag machen sie ihnen auf unterschiedliche Art und Weise schmackhaft - Kreditlautzeit und »Kreditanfälligkeit« sowie »Kreditarbeitslosigkeit« und Sachversicherung -, aber in fast allen Fällen werden diese Leistungen dem Kredit zugeschlagen, und es werden Zinsen dafür berechnet. Es nennt sich »einmalige Prämie« - anstatt jeden Monat für die Deckung zu zahlen, zahlen Sie im voraus mit Geld, auf das Sie Zinsen zahlen. Wenn Sie später refinanzieren wollen, dann bekommen Sie keine Rückerstattung. Das Geld ist futsch, aber am »Ort des Verkaufs« merkt man davon häufig nichts.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 409-410).

„»Nehmen wir zum Beispiel den Kauf von Möbeln. Eine Schlafzimmerausstattung könnte 2000 Dollar kosten. Auf dem Schild steht: »Easy Credit« .... Das Möbelhaus verwaltet diese Konten nicht. Dafür wendet es sich an Banken wie Citi Financial, HFC oder vielleicht Wells Fargo. Während die Federal Reserve Geld an Banken unter fünf Prozent verleiht, berechnen diese Bank-Töchter 20, 30 oder 40 Prozent. Sie haben ihre Möbel - kostenpflichtig - versichert: um Sie zu schützen, behauptet der Möbelhändler, damit die Möbel nicht wieder abtransportiert werden, wenn Sie sterben oder arbeitslos werden. Doch bevor die ganzen Schulden abgetragen sind, werden Sie, ob Sie nun tot oder noch lebendig sind, mehr als den Listenpreis eines Luxuswagens oder eine Villa samt Butler bezahlt haben.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 410).

„»Irgendwann macht man Ihnen ein toll klingendes Angebot: Wenn Sie Ihr Haus als Sicherheit bieten, kann Ihre Kreditrate gesenkt und die Laufzeit verlängert werden. Eine 20-jährige Hypothek, mit festem oder variablem Zinssatz. Der Satz wird hoch sein, und die einzelnen Bedingungen werden Ihnen nicht mitgeteilt. Wenn Sie zum Beispiel den Kredit zu schnell zurückzahlen, brummt man Ihnen ein Strafgeld wegen Zahlung vor Fälligkeit auf. Oder Sie zahlen zu langsam: Die dafür verhängte Geldstrafe ist der sogenannte ›Ballon‹, also eine Blase. Wenn Sie diese Summe nicht zahlen können, dann macht das nichts, denn das wußte die Bank ja schon vorher. Das Ziel besteht darin, Ihren Kredit zu refinanzieren und Ihnen noch mehr Strafpunkte und Gebühren aufzuerlegen. In früheren Jahrhunderten nannte man so etwas Schuldsklaverei. Heutzutage ist dies das Schicksal der sogenannten Subprime-Sklaven. Nicht weniger als 20 Prozent der us-amerikanischen Haushalte werden als Subprime eingestuft. Aber nach Angaben des (staatlichen Hypothekenfinanzierers) Fannie Mae hätte die Hälfte der Leute, die Subprime-Kredite bekommen, normale Ratenkredite abzahlen können. Draußen herrscht das Gesetz des Dschungels. Die einzige Regel ist: Käufer, Vorsicht!« (Ebd.).“ (Ebd., S. 410-411).

„In den 1980er Jahren habe ich einen führenden Wall-Street-Banker interviewt, der sich zu dieser Zeit von einer Art Burnout-Syndrom erholte. Ich befragte ihn über die Geschäfte seiner Bank in Cali (Kolumbien), während der Glanzzeit des Cali-Kokainkartells. Er vertraute mir inoffiziell an: »Ich war früher in Cali. Es war buchstäblich so, daß Männer mit Sonnenbrillen in die Bank kamen und Koffer auf den Tisch stellten, die mit Hundert-Dollar-Scheinen vollgestopft waren. Die Banken gingen sogar über Leichen, um ein Stück von diesem Kuchen abzubekommen, so lukrativ waren die Geschäfte.« Dieselben Banken stürzten sich später auf das Subprime-Kreditgeschäft, wobei sie ähnliche Ziele verfolgten. Die Gewinne waren jedenfalls so hoch wie bei der Wäsche von Drogengeldern.“ (Ebd., S. 411).

„Und wiederum war es Alan Greenspan, der energisch die Ausweitung der Kreditvergabe unterstützte - auch auf die ärmsten Getto-Bewohner. Edward M. Gramlich, ein Direktor der Federal Reserve, der im September 2007 starb, warnte bereits vor fast sieben Jahren, eine schnell wachsende, ganz neue Art von Kreditgebern verleitete viele Menschen dazu, riskante Hypotheken aufzunehmen, die sich diese Menschen überhaupt nicht leisten konnten. Als Gramlich privat Fed-Revisoren drängte, Hypotheken-Kreditgeber, die mit staatlichen Banken in Verbindung standen, zu überprüfen, erhielt er von Alan Greenspan eine Abfuhr. Nach Berichten von Fed-Insidern leitete Greenspan die Federal Reserve fast wie ein absoluter Herrscher.“ (Ebd., S. 411).

„Das FBI, das mit Sicherheit nur die Spitze eines sehr großen Eisberges von Betrug entlarvt hat, gab kürzlich bekannt, daß es derzeit gegen 14 Finanzinstitute wegen möglichen Bilanzbetrugs, Insiderhandels und anderer Vergehen im Zusammenhang mit Eigenheimkrediten an prekäre Kreditnehmer ermittelt. Laut dem Federal Bureau of Investigation betreffen diese Ermittlungen Firmen aus der gesamten Finanzdienstleistungsbranche, von Hypothekenkreditgebern bis zu Investmentbanken, die Eigenheimkredite zu Wertpapieren bündeln, die dann an Investoren verkauft werden.“ (Ebd., S. 411).

„Zur gleichen Zeit untersuchten Behörden in New York und Connecticut, ob Wall-Street-Banken wichtige Informationen über hochriskante Kredite zurückgehalten hatten, die zu Wertpapierpaketen gebündelt und dann an Investoren verkauft wurden. Der Justizminister von Connecticut, Richard Blumenthal, erklärte damals, er und der Justizminister des Staates New York, Andrew Cuomo, überprüften gerade, ob Banken ordnungsgemäß auf das hohe Ausfallrisiko der sogenannten »exception loans« (Ausnahmekredite) - die für noch riskanter gehalten werden als Subprime-Kredite - hingewiesen hätten, als sie diese Wertpapiere an Investoren verkauften. Im November 2007 erließ Cuomo gerichtliche Vorladungen an die halbstaatlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac im Zusammenhang mit seinen Ermittlungen von »Interessenkonflikten innerhalb der Hypothekenindustrie«. Er sagte, er wolle Immobilienkredite im Wert von vielen Milliarden Dollar überprüfen, die us-amerikanische Häuslebauer von US-Finanzinstituten bekommen hatten, zum Beispiel von der größten us-amerikanischen Spar- und Darlehenskasse Washington Mutual Inc. Außerdem wollte Cuomo wissen, ob und wie bei diesen Hypothekenkrediten eine Leistungsbeurteilung vorgenommen wurde.“ (Ebd., S. 411-412).

„Auch das FBI war in dieser Sache aktiv; zusätzlich zu dem oben Gesagten teilte die US-Bundespolizei zu dieser Zeit mit, daß sie die Praktiken von Subprime-Kreditgebern überprüfe und wegen potenziellen Bilanzbetrugs gegen Finanzinstitute ermittle, die derartige Kredite in ihren Büchern führten oder sie verbrieften und dann an andere Investoren weiterverkauften. Die Investmenthäuser Morgan Stanley, Goldman Sachs und Bear Stearns erklärten damals laut offizieller Aktenlage, daß sie mit verschiedenen, nicht genannten Regulierungsstellen und Regierungsbehörden kooperierten, die von ihnen Informationen über diese Geschäfte verlangten.“ (Ebd., S. 412).

„Ein ehemaliger Immobilienmakler aus dem pazifischen Nordwesten, der sein Geschäft aufgab, weil es ihn anwiderte, ungeeigneten Kreditnehmern Hypotheken aufzuschwatzen, beschrieb einige der typischen Praktiken der skrupellosen Makler in einem Memorandum über die Gewährung von Hypotheken mit variablem Zinssatz (ARMs), das er mir zur Verfügung stellte: »Das Subprime-Fiasko ist ein wahrer Albtraum. Aber die erstklassigen zinsvariablen Hypotheken (ARMs) haben das Potenzial für eine unglaubliche Katastrophe. Der erste ›Schluckauf‹ eifolgte im Juli/August 2007- das war das erste ›Subprime-Fiasko‹, aber im November 2007 war es mehr als nur ein Schluckauf. Im November 2007 wurden die erstklassigen zinsvariablen Hypotheken nach oben korrigiert.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 412).

„»Das bedeutet, daß die zinsvariablen Hypotheken am ›Jahrestag des Kredites‹ an einen höheren Satz angepaßt werden. Dies geschieht deshalb, weil diese Hypotheken zu einem Locksatz erworben wurden, der üblicherweise einen oder anderthalb Prozent beträgt. Ratenzahlungen zu diesem Zinssatz sind zwar sehr attraktiv, tragen jedoch nicht dazu bei, die Darlehenssumme zu reduzieren, und erzeugen sogar unbezahlte Zinsen, die dem Kredit zugeschlagen werden. Den Kreditnehmern wird die Möglichkeit geboten, die Zahlungen der Locksätze für das gesamte erste Jahr zu leisten, obwohl der Satz eigentlich nur für den ersten Monat gilt.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 412-413).

„»Sorgen über eine ›negative Amortisierung‹, bei der die Kreditschuld höher ist als der Marktwert des Eigentums, wurden zerstreut durch den Hinweis auf das Wachstum des Immobilienwertes aufgrund der von den Banken erzeugten Blase, die als normal bezeichnet wurde. Außerdem könne man sich darauf verlassen, so die Behauptung, daß alles so weitergehe. Das alles wurde von den Kreditgebern gefördert, die ganze Armeen von Kundenberatern, d.h. Verkäufern, zu den Hypothekenmaklern schickten, um zu erklären, wie das funktionieren würde.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 412).

„»Ihre größten Gewinnanteile - die Marge - machten die Banken mit variablen Zinssätzen bei Immobilienkrediten und einem gewissermaßen objektiven Indikator für die Kosten der geborgten Gelder - dem sogenannten Index. Diese Indizes wurden anhand unterschiedlicher Wirtschaftsaktivitäten ermittelt - zum Beispiel was die US-Banken für 90-tägige Einlagezertifikate zahlten oder welche Raten beim Londoner Interbankenhandel (LIBOR) für US-Dollars galten. Marge plus Index ergibt den wahren Zinssatzfür den Kredit. Das ist der Satz, zu dem der Kredit nach 30 Jahren komplett abbezahlt (›amortisiert‹) ist - der ›voll indizierte Satz‹.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 413).

„»Nehmen wir einen Satz von sechs Prozent als ›realen‹ oder inflationsjustierten Zinssatz an (drei Prozent Marge plus drei Prozent Inflationsindex). Bei einem Kreditbetrag von 250000 Dollar würde die monatliche Ratenzahlung bei einem Zinssatz von einem Prozent bei 804,10 Dollar liegen. Das ist das ›Lockzinsangebot‹, exklusive Steuern und Versicherung. Dieser Betrag würde sich an die Veränderungen beim Index anpassen. Aber die Marge bleibt gleich für die gesamte Kreditlaufzeit. Dieser Kredit ist so strukturiert, daß Zahlungsanpassungen nur einmal pro Jahr vorgenommen und auf 7,5 Prozent der Zahlung des vorangegangenen Jahres begrenzt werden. Das kann stufenweise für einen Zeitraum von fünf Jahren (oder im Falle eines einzigen Kreditgebers auch zehn Jahren) so weitergehen, ungeachtet dessen, was in der realen Welt so vor sich geht. Dann, am Ende der fünf Jahre, fallen die Begrenzungen weg, und alle Zahlungen werden dem »voll indizierten Satz« angepaßt.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 413).

„»Hat der Kreditnehmer die ganze Zeit nur die erforderlichen Mindestzahlungen geleistet, kann dies zu einem Zahlungsschock führen, der in die Tausende geht. Hat sich der Wert des Hauses aber um 25 Prozent verringert, dann wird der Kreditnehmer, dieses Mal jemand mit ausgezeichneter Kreditwürdigkeit, aufgefordert, sein Haus der Bank zurückzugeben, was den Wert dieses Hauses mindestens um weitere 25 Prozent herabdrückt - und das wirkt sich dann auch auf die umliegenden Häuser aus.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 414).

„Nach Aussagen eines Bankeninsiders aus Chikago wurden die Banker in den USA in den ersten Wochen des Februars 2008 ausdrücklich auf folgendes aufmerksam gemacht: »Die Chase Manhattan Bank (CMB) hat unzählige Mitteilungen über ihre Kreditvergabe an ihre Kunden gesandt. Die Bedingungen ihrer Kreditlinien (LCO), die einst sehr populär waren, haben sich so geändert, daß die Werte der Aktiva, die diese Kredite sichern, einseitig nach unten korrigiert werden, manchmal um bis zu 50 Prozent. Das bedeutet, daß Hauseigentümer jetzt Zahlungen für einen Kredit leisten, mit dem sie Eigentum erwerben, das jetzt aber offenbar nur noch die Hälfte des Darlehenskapitals wert ist, und für diese ganze Summe müssen sie auch noch Zinsen bezahlen. Die einzig vernünftige Lösung in vielen Fällen besteht darin, einfach auszusteigen und das Haus aufzugeben. Das aber führt zu einem noch größeren Wertverlust, drückt auch den Wert der umliegenden Eigenheime herab und löst eine Lawine von Zwangsvollstreckungen aus.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 414).

„»Besonders verheerend war das bei Kreditlinien mit »kreativer Finanzierung«, also den Kreditlinien, die entweder den vollen Wert des Eigenheims - oder mindestens 90 bis 100 Prozent davon - ausmachten, bevor die Blase platzte ....« (Ebd.).“ (Ebd., S. 414).

„»Die CMB hat jetzt automatisch Kreditlinien mit einem »offenen« Kredit abgeschafft. Bei diesen Krediten ließ der Kreditnehmer in der LCO einen bestimmten Geldbetrag für die Zukunft offen - ein Betrag, der über den 80 Prozent des Verhältnisses Kredit/Eigenheimwert (LTV) lag. Dies erfolgte im großen Stil und ohne die »Eigenheimbesitzer« einzubeziehen.« (Ebd.).“ (Ebd., S. 414).

„Beschränkungen beim Verhältnis Kredit/Eigenheimwert (LTV) bedeuten, daß der Geldbetrag, den der Kreditgeber bereit ist zu leihen, nicht den festgelegten Prozentsatz des Grundstückswertes überschreiten darf. Allgemein ist es üblich, daß ein Gutachter damit beauftragt wird, den Wert des Eigenheims zu schätzen. Die Schätzung wird anhand vergleichbarer Verkäufe anderer umliegenden Häuser durchgeführt, die mit wenigen Ausnahmen - nicht mehr als eine Meile von dem betreffenden Eigenheim entfernt sein dürfen. Diese Geschäfte waren jedoch nur ein winziger Teil des Hypothekenschwindels, der dem jetzt akuten Finanz-Tsunami vorausging.“ (Ebd., S. 414-415).

 

Der Tsunami fängt gerade erst an

„Der fatale Fehler aller Risikomodelle, die von der Wall Street, von Moody's, von den Monoline-Versicherern und den Ökonomen der US-Regierung und der Federal Reserve verwendet wurden, war, daß sie auf der Annahme beruhten, Rezessionen seien nicht mehr möglich, weil man das Risiko unendlich streuen und über den gesamten Globus verteilen könnte.“ (Ebd., S. 415).

„Die Preise all dieser verbrieften Aktiva, die nominell viele Billionen Dollar wert waren, wurden aufgrund dieser falschen Annahmen bewertet. All die vielen Billionen Dollar an Credit Default Swaps - die auf der Illusion beruhten, daß man sich mit Derivaten preisgünstig gegen Kreditausfälle versichern könnte - sollten sich schon bald in einer ganzen Welle katastrophaler Krisen in Luft auflösen, als der Häusermarkt in den USA kollabierte.“ (Ebd., S. 415).

„Es war eine schier endlose Spirale nach unten: Die Häuserpreise fielen in den Keller, die Eigenheimhypotheken wurden mit immer höheren Zinssätzen belastet, und die Arbeitslosigkeit stieg rasant in den ganzen USA - von Ohio bis Michigan, von Kalifornien bis Pennsylvania, von Colorado bis Arizona. Je mehr Arbeiter aber arbeitslos oder unterbeschäftigt wurden, desto dramatischer wurden die Ausfalle bei Autokredit- und Kreditkartenzahlungen. Dieser Prozeß setzte eine Abwärtsspirale bei den Preisen für Wirtschaftsgüter in Gang; zuerst in den USA, dann aber auch in vielen Teilen der ganzen Welt. In den ersten Wochen von 2008 zeigte sich allmählich, wie häßlich die ganze Sache noch werden konnte.“ (Ebd., S. 415).

„Der Kollaps im Subprime-Sektor war nur der erste Hinweis darauf, was noch folgen sollte, und es wird Jahre dauern, bis dieser Prozeß nachläßt. Die beschädigten Produkte der vermögensbesicherten Wertpapiere wurden wiederum als Sicherheiten für weitere Bankkredite benutzt sowie für fremdfinanzierte Firmenübernahmen - und zwar nicht nur durch die oft berüchtigten Beteiligungsgesellschaften, sondern auch durch andere Unternehmen, ja sogar Städte und Gemeinden. Die Schuldenpyramide, die lediglich auf dem windigen »Fundament« verbriefter Wertpapiere stand, wurde durch eine radikale Umkehrung der fremdfinanzierten Hebelwirkung drastisch reduziert, als man sich auf den globalen Märkten der Realität stellen mußte, daß niemand den wahren Wert der verbrieften Papiere kannte, die sich in den diversen Portfolios befanden.“ (Ebd., S. 415-416).

„Wenn die Folgen ihrer kriminellen Nachlässigkeit für Millionen US-Amerikaner und Menschen in der ganzen Welt nicht so tragisch wären, dann könnte man das Geständnis von Standard & Poor's als geradezu lächerlich bezeichnen. Im Oktober 2007 räumte diese Ratingagentur, damals die zweitgrößte Kreditbewertungsagentur der Welt, ein, sie habe »das Ausmaß des Betruges in der us-amerikanischen Hypothekenindustrie unterschätzt«. Alan Greenspan machte einen schwachen Versuch, sich selbst zu entlasten, indem er behauptete, nicht die Kreditvergabe an Subprime-Kreditnehmer sei falsch gewesen, sondern nur die spätere Verbriefung (**) dieser Hypothekenkredite. Die Realität sah anders aus: Das ganze System, das die Finanzelite in jahrzehntelanger Arbeit errichtet hatte, beruhte ausschließlich auf Lug und Betrug sowie Nichttransparenz. Aber man kann nicht davon ausgehen, daß die dafür Verantwortlichen wirklich so naiv sind, das nicht zu wissen.“ (Ebd., S. 416).

 

Als nächstes: die Derivatekrise mit Credit Default Swaps (Kreditausfallversicherungen)

„Inzwischen rollt bereits die nächste Welle des us-amerikanischen Finanz-Tsunamis an: der Kollaps der Monoliner, über die bereits weiter oben berichtet wurde. Angesichts des ungeheuren Ausmaßes der unbekannten Risiken dieser hoch spezialisierten us-amerikanischen Versicherungsgesellschaften war bei ihnen außer einer Verstaatlichung durch die US-Regierung keine andere Lösung denkbar.“ (Ebd., S. 416).

„Der Markt, der höchstwahrscheinlich als nächster kollabieren wird, ist der außerbörslich abgewickelte und hochspekulative Derivatehandel mit Kreditausfallversicherungen, genannt Credit Default Swaps (CDS). Dieser Markt, eine Erfindung von J. P. Morgan, umfaßt schätzungsweise 45 Billionen Dollar.“ (Ebd., S. 416).

„Alan Greenspan hatte dafür gesorgt, daß der CDS-Markt unreguliert und undurchsichtig blieb, so daß sich niemand über den Umfang der damit verbundenen Risiken in einer Wirtschaftsflaute im klaren war. Da dieser Markt nicht reguliert wird, kommt es häufig vor, daß eine Partei des abgeschlossenen Geschäfts das CDS-Papier an ein drittes Finanzinstitut weiterverkauft, ohne die andere Partei darüber zu informieren. Das bedeutet aber, daß sich in dem Fall, in dem ein Investor sein CDS-Papier zu Geld machen will, der Zahlungspflichtige dieses Anspruchs gar nicht mehr feststellen läßt und der Investor aus seinem Papier sitzen bleibt. Der CDS-Markt konzentrierte sich zum allergrößten Teil in den New Yorker Banken, die Ende 2007 auf CDS-Papieren im Nennwert von 14 Billionen Dollar saßen. Die bekanntesten dieser Finanzinstitute waren J. P. Morgan Chase mit 7,8 Billionen Dollar an CDS-Papieren sowie Citigroup und Bank of America mit jeweils 3 Billionen Dollar.“ (Ebd., S. 416-417).

„Das Problem wurde dadurch verschärft, daß von den 45 Billionen Dollar an CDS etwa 16 Prozent oder 7,2 Billionen Dollar ausgestellt wurden, um die Besitzer von besicherten Schuldtiteln ausgerechnet dort zu schützen, wo die Probleme mit den Sicherheiten für Hypotheken am größten waren. Der CDS-Markt war eine tickende Zeitbombe, wobei diese einen Kernsprengkopf hatte. Wenn sich die Kreditkrise in den kommenden Monaten ausbreitet, müssen die Banken zwangsläufig größere Ausfalle verkraften und die Zeichner von CDS- Versicherungen explodierende Forderungen und nicht transparente Bestimmungen.“ (Ebd., S. 417).

„Wenn Hunderttausende US-Amerikaner in den kommenden Monaten feststellen werden, daß ihre Hypothekenraten entsprechend den Bedingungen der zinsvariablen Hypotheken neu festgesetzt wurden, werden voraussichtlich weitere 690 Milliarden Dollar an Eigenheimhypotheken in Verzug geraten. Das wird wiederum zu einem Schneeballeffekt in bezug auf Arbeitsplatzverluste und Kreditkartenausfalle führen und eine weitere große Verbriefungskrise im riesigen Markt für verbriefte Kreditkartenschulden auslösen (**) . Das Bemerkenswerte an dieser Krise ist, daß ein derart großer Teil des gesamten us-amerikanischen Finanzsystems darin verwickelt ist. In der der ganzen us-amerikanischen Geschichte hat es neimals eine Krise dieses Ausmaßes gegeben.“ (Ebd., S. 417).

„Ende Februar 2008 enthüllte die Londoner Financial Times, daß sich US-Banken »in aller Stille« 50 Milliarden Dollar von einer speziellen neuen Kreditfazilität der Federal Reserve geliehen hatten, um ihre Liquiditätskrise zu mildern. Die Verluste aller US-Großbanken von der Citigroup bis zu J. P. Morgan Chase und den meisten anderen großen us-amerikanischen Banken wurden immer größer, während die Wirtschaft immer tiefer in einer Rezession versank, die sich in den kommenden Monaten mit Sicherheit in eine echte Depression verwandeln dürfte. Keiner der Präsidentschaftskandidaten hatte es im Wahlkampf gewagt, einen ernsthaften Vorschlag zu unterbreiten, wie man die größte Finanz- und Wirtschaftskrise in der us-amerikanischen Geschichte lösen könnte.“ (Ebd., S. 417-418).

„In den ersten Tagen des Jahres 2008 wurde allmählich klar, daß die Verbriefung (**) für die USA der letzte Tango sein würde, den sie als globale Finanz-Supermacht aufs Parkett legen konnte.“ (Ebd., S. 418).

„Inmitten einer wachsenden Panik im Weißen Haus unter George W. Bush und vor allem in Henry Paulsons (Wall-Street-)Finanzministerium traf die US-Regierung am 15. September 2008 mehrere Entscheidungen darüber, welche Finanzinstitute gerettet werden sollten und welche man bankrott gehen ließ - wie sich herausstellen sollte, war die Entscheidung über die letzte Maßnahme verhängnisvoll. Die große Versicherungsgesellschaft AIG, deren Gründer Hank Greenberg einige Jahre zuvor angeklagt worden war, die Bücher des Unternehmens grob manipuliert zu haben, rettete die Regierung mit vielen Dutzend Milliarden Dollar. Außerdem intervenierte die US-Regierung und verstaatlichte de facto die beiden riesigen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Doch mit Einwilligung von Fed-Chef Ben Bernanke und dem Präsidenten der New Yorker Federal Reserve, Tim Geithner, der später von Präsident Obama zum neuen US-Finanzminister ernannt werden sollte, wurde entschieden, die viertgrößte Investmentbank der Welt, die seit 153 Jahren existierende Bank Lehman Brothers, bankrott gehen zu lassen.“ (Ebd., S. 418).

„Innerhalb von Stunden stürzten die Märkte auf der ganzen Welt in den Keller, als sich diese Nachricht verbreitete. Was bis dahin nur eine große Krise in einem kleineren Segment des us-amerikanischen Subprime-Hypotheken-Verbriefungsmarktes gewesen war (**), der vielleicht 800 Milliarden Dollar umfaßte, wurde plötzlich zu einer globalen Systemkrise, in der die Banken jedes Papier, das sie von einer anderen Bank akzeptieren sollten, anzweifelten. Eine weltweite Vertrauenskrise hatte eingesetzt, weil mitten in einer großen Krise die Verantwortlichen mangelnde Entschlossenheit gezeigt hatten. Ihre Entscheidungen darüber, welche Banken gerettet werden mußten und warum, waren nicht nachvollziehbar. Diese Unsicherheit erschütterte auch weltweit das Vertrauen der Banken untereinander, auch auf internationaler Ebene. Es bedeutete de facto das Ende des Dollar-Systems von Bretton Woods.“ (Ebd., S. 418).

„Jetzt stellt sich die Frage: Welches neue Zentrum oder welche neuen Zentren finanzieller Macht könnten New York als globales Verbindungszentrum ersetzen?“ (Ebd., S. 418).

 

Nachwort: Die Macht des Geldes - die Folgen

„Unsere Geschichte endet mit demselben Satz, mit dem sie auch begonnen hat. Wie wir bei unserer geschichtlichen Betrachtung des Aufstiegs eines us-amerikanischen Dollar-Imperiums nach 1865 gesehen haben, beruht die Macht des Geldes nicht auf einer gesunden und stabilen Wirtschaftspolitik. Sie beruht auch nicht auf Frieden und Wohlergehen der großen Mehrheit einer Nation. Notwendigerweise beruht die Macht des Geldes auf den Institutionen, die die Mittel der Macht kontrollieren -das sind letzten Endes die Militär- und Polizeikräfte eines Staates samt allen damit zusammenhängenden Institutionen. Diese Macht lag bis zum August 2007 fest in der Hand der Finanzstrukturen, der relativ kleinen Gruppe von Banken und Finanzinstituten im Kern des Dollar-Systems.“ (Ebd., S. 421).

„Die Geldmacht nutzt ihre Überredungskunst sowie Propaganda, verlogene Appelle an den Patriotismus, Verlockungen der Gier und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, um ihre zerstörerische Macht zu festigen. Die Geldmacht schreckt vor nichts zurück, um das Geheimnis ihrer Macht zu verbergen. Sie will vor allen Dingen von der Tatsache ablenken, daß das Geld - sei es nun gestützt durch Gold, durch Öl oder durch Schwadronen von F-16-Kampfflugzeugen oder Atombomben - letztendlich ein Geschöpf des Gesetzes ist. Mayer Amschel Rothschild ... erklärte 1790: »Erlauben Sie mir, das Geld eines Landes zu kontrollieren und in Umlauf zu bringen, dann ist mir gleichgültig, wer die Gesetze macht.« Diese Kontrolle überließ ein schwacher US-Kongreß im Jahre 1913 einem Kartell privater internationaler Banken, als er den »Federal Reserve Act« verabschiedete.“ (Ebd., S. 421).

„Anfang 2009 tobte weltweit ein gigantischer Machtkampf. Nur wenige verstanden, worum es dabei ging, und die Mainstream-Medien sagten darüber kein Sterbenswort. In diesem Kampf standen auf der einen Seite diejenigen, die Arbeitsplätze retten und die Industrie, die Fabriken und Maschinen intakt halten wollten. Im Vergleich zu dieser überwältigenden Mehrheit stand auf der anderen Seite eine winzige, oligarchisch-elitäre Minderheit: die im Zentrum von Alan Greenspans »Finanzrevolution« stehenden Geldinteressen der Wall Street mit ihren engsten Verbündeten, zu denen hauptsächlich die Londoner City gehörte sowie etwa drei Dutzend weltweit agierende Banken.“ (Ebd., S. 421).

„Im Herbst 2008 war der us-amerikanische Kongreß derart unter Druck gesetzt worden, daß er dem »Public Law 110-343« zustimmte; einem Gesetz, das US-Präsident George W. Bush am 3. Oktober 2008 unterzeichnet hat. Dieses Gesetz mit einem Umfang von insgesamt 169 Seiten - die US-Amerikas Kongreßabgeordnete vor der Abstimmung kaum alle gelesen, geschweige denn sorgfältig studiert haben dürften - machte den Weg frei für ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket (Troubled Assel Relief Program, TARP). Dieses Kürzel wurde auch schon bald zum Spitznamen dieses Gesetzes auserkoren, wobei man wissen muß, daß TARP zufällig auch die englische Kurzfonn für »tarpaulin« ist, was man sowohl mit Ölzeug als auch mit Abdeckplane übersetzen kann - auf jeden Fall beschreibt der Spitzname eine dicke, völlig undurchsichtige Decke.“ (Ebd., S. 422).

„Unter dieser dicken, undurchdringlichen Decke von TARP konnte der damalige US-Finanzminister, der frühere Wall-Street-Banker Henry Paulson, ohne Prüfung oder externe Aufsicht mehrere hundert Milliarden Dollar an ausgewählte Kumpane unter den Investmentbanken an der Wall Street und an große internationale Banken, ja sogar an Versicherungen und Hypothekenfinanzierer wie Fannie Mae und Freddie Mac verteilen. Auf Anordnung Paulsons sollte die US-Regierung die Banken als Gegenleistung für diese massive Kapitalspritze nicht kontrollieren. Hier wurden also dreist Steuergelder an dieselben Männer und Finanzinstitute verteilt, die gerade die gesamte Welt an den Rand einer Katastrophe gebracht hatten.“ (Ebd., S. 422).

„Trotz, oder besser wegen der Natur des 700 Milliarden schweren TARP-Rettungspakets für die US-Banken ging die Vernichtung von Reichtum in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt weiter. Ende Februar 2009, vier Monate nach Beginn der Bankenrettung durch TARP, hatte der vielbeachtete us-amerikanische Dow Jones Industrial Index die Hälfte seines Wertes (verglichen mit seinem Höchststand vor gerade einmal einem Jahr) verloren. Ein Ende der Talfahrt war nicht absehbar. Der Wert der Immobilien, des wichtigsten Vermögenswertes von 70 Prozent aller us-amerikanischen Familien, die sich in der Zeit der Greenspan-Blase hatten überreden lassen, ihre ganze Zukunft auf eine Eigenheimhypothek zu setzen, verfiel in einem Maße, das es seit den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hatte.“ (Ebd., S. 422-423).

„Während sich der Abwärtstrend der Finanzmärkte auf der ganzen Welt fortsetzte, wurden auch Fälle von Betrug, Bestechung und Manipulation ruchbar. Einer der auffälligsten war im Dezember das Eingeständnis des ehemaligen Chefs der New Yorker NASDAQ-Börse, Bernard Madoff, er habe ein 50 Milliarden Dollar schweres Schneeballsystem entwickelt - ein finanzielles Betrugssystem, das heute allgemein als »Ponzi-Schema« bezeichnet wird. Der Betrag, um den es dabei ging, war zwar nicht gerade »Peanuts«, aber er war doch nichts im Vergleich zu den vielen Billionen Dollar, die plötzlich dahin waren, als die Verbriefungsblase platzte (**). Bemerkenswert war jedoch, daß die regierungseigene US-Börsenaufsicht SEC deutlich und wiederholt von Außenstehenden sowie von eigenen Mitarbeitern gewarnt worden war, daß Madoffs angebliche Riesengewinne purer Schwindel seien.“ (Ebd., S. 423).

„Diese Korruption hatte das gesamte internationale Finanzsystem erfaßt. Das sollte niemanden überraschen, der sich mit der Geschichte beschäftigt hat. Zum endgültigen Abstieg des Römischen Reiches in den ersten drei Jahrhunderten nach Christi Geburt kam es, weil die Patriarchen im Alten Rom die Staatsmacht den Geldstrukturen überlassen hatten - und sich selbst dabei ungeheuer bereicherten. Aufgrund dieser Korruption und Verkommenheit verfiel das Imperium von innen.“ (Ebd., S. 423).

„Die Wahl eines neuen US-Präsidenten der nominellen Oppositionspartei, der Demokraten, nach acht Jahren der Laissez-faire-Politik von Korruption und Vetternwirtschaft unter dem Republikaner Bush versprach keinen wirklich grundlegenden Wandel in den Vereinigten Staaten. Mit seinem Beliebtheitsgrad, der anfänglich buchstäblich höher war als der von Jesus Christus, bot sich für Präsident Barack Obama die einmalige Chance, das Schicksal der Nation zu wenden und die Bevölkerung für ein Programm der radikalen Reorganisation des finanziellen Machtkalküls zu gewinnen.“ (Ebd., S. 423).

„Barack Obama hatte das Mandat der Öffentlichkeit, wenn er es nur richtig anstellte, »die Geldwechsler aus dem Tempel zu jagen« und die Verstaatlichung der privaten Federal Reserve anzuordnen - sowie die von den Banken, die das Federal Reserve System stützen, gleich mit und dadurch die Kontrolle über die Geldmacht des Landes zugunsten des Gemeinwohls zu gewinnen und nicht länger der privaten Gier zu Überlassen. Obama hätte das Mandat der us-amerikanischen Öffentlichkeit dafür gehabt, die relative Macht der Finanz- und Geldstrukturen der Wall Street über die wirtschaftliche Zukunft des Landes zu verringern und im Interesse des Gemeinwohls die Banken zu verstaatlichen, die für das Debakel verantwortlich sind.“ (Ebd., S. 423-424).

„Anstatt diese Chance zu nutzen, besetzte er sein »wirtschaftspolitisches Dreamteam« mit all den schrecklichen alten Gesichtern, die selbst bis zur Halskrause in die Verbrechen und den Mißbrauch der Geldinteressen verstrickt waren, von Paul Volcker bis zu Lawrence Summers. Zum US-Finanzminister ernannte der neue Präsident Timothy Geithner, einen ehemaligen Direktor der mächtigen New Yorker Federal Reserve, der noch fünf Monate zuvor zusammen mit Henry Paulson und Ben Bernanke, dem Chef der Federal Reserve, entschieden hatte, die viertgrößte Investmentbank der Welt, das seit 153 Jahren bestehende New Yorker Bankhaus Lehman Brothers, bankrott gehen zu lassen, während kleinere Finanzinstitute gerettet wurden. Falls es sich bei der Entscheidung für einen Bankrott von Lehman Bros. um den böswilligen Versuch Paulsons und seiner Genossen gehandelt haben sollte, die Krise auf das gesamte globale Finanzsystem auszuweiten und damit die ganze Welt so in Angst und Schrecken zu versetzen, daß sie einem Rettungspaket für die Wall Street zustimmte - dann war Anfang 2009 deutlich, daß dies sicher nicht passieren würde.“ (Ebd., S. 424).

„Die Öffentlichkeit wurde durch bewußt verwirrende Argumente getäuscht, die alle darauf hinausliefen, die Fragestellung unbeantwortet zu lassen, warum die großen Banken wie die Citibank oder die Bank of America nicht verstaatlicht werden sollten. In den Finanzmedien wurde das Bild eines schleichenden Kommunismus - oder noch weit größerer Schrecken (gibt es denn noch größere Schrecken als den Kommunismus? [HB]) - gemalt. In Wirklichkeit ging es einzig und allein um die Frage, wer in den USA die Macht über das Geld kontrollieren sollte: das private Kartell der Finanzinteressen hinter den Eigentümerbanken der Federal Reserve oder die gewählten Vertreter des Volkes, deren Renten verzockt, deren Häuser von den Banken beschlagnahmt und deren Arbeitsplätze abgebaut wurden.“ (Ebd., S. 424).

„Es ging schlicht um die Zukunft des monetaristischen Putsches von 1979, bei dem die während der Großen Depression gewährten sozialen Zugeständnisse einkassiert worden waren. In Großbritannien, dem Heimatland von Thatchers Monetarismus, kämpfte eine Labour-Regierung für die Verteidigung der privaten Macht der Banken auf Kosten der Wähler. Labour verwirklichte den »bankers' socialism« (Banker-Sozialismus **): die Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste.“ (Ebd., S. 424-425).

„In Deutschland zeigte sich eine konservative Bundeskanzlerin, assistiert von einem sozialdemokratischen Finanzminister, ebenfalls unwillig, die Macht der Banken herauszufordern. Kenntnisreiche Finanzinsider in Deutschland meinten, das Problem liege in der politischen Ignoranz, die Berlin angesichts der oft verwirrenden finanziellen Verstrickungen der deutschen Banken an den Tag lege. In Wirklichkeit war die Frage hier genauso einfach zu lösen wie anderswo auch. In Deutschland hatte man in der Krise von 1931 zugelassen, daß die internationalen Banken über das Schicksal des Landes entschieden, mit den bekannten fürchterlichen Folgen. Würden die Politiker des Jahres 2009 eine Wiederholung der tragischen Sparpolitik von Reichskanzler Brüning wiederholen - und zwar diesmal mit noch schrecklicheren Folgen -, nur weil sie allein auf die Weisheit ihrer führenden Banker, nicht aber auf die ihrer eigenen Bevölkerung vertrauten?“ (Ebd., S. 425).

„Die Anfang der 1980er Jahre einsetzende neoliberale Revolution unter Thatcher und Reagan hatte, wie beabsichtigt, zu einer weltweiten Zentralisierung des Kapitals in einer neuen Dimension geführt.
Das von der Citigroup kontrollierte Vermögen,
das von der Geldwäsche „erwirtschaftete“ Vermögen
und die BIPs der 10 größten Volkswirtschaften (2008)
VolkswirtschaftBIP in US-$UnternehmenVermögen in US-$
USA13,840 Bio.  
Japan  4,384 Bio.  
Deutschland  3,667 Bio.  
China  3,251 Bio.  
Großbritannien  2,474 Bio.  
Frankreich  2,395 Bio.  
  Citigroup  2,200 Bio.
Italien   2,105 Bio.  
  Geldwäsche  2,000 Bio.
Kanada  1,432 Bio.  
Brasilien  1,314 Bio.  
Die finanziellen Aktivitäten und die damit verbundene Macht wurden in den Händen riesiger Finanzholdings wie der Citigroup konzentriert. Allein diese Bank, die ursprünglich die Bank der Rockefeller-Interessen gewesen war, bestand aus über 3000 Unternehmen in vielen Ländern, die von ihr kontrollierten Vermögenswerte beliefen sich 2008 auf insgesamt 2,2 Billionen Dollar, weit mehr als das BIP der meisten Nationen dieser Welt. 1995 hatte Rockefellers Chase Manhattan Bank mit der Chemical Bank funsioniert, die ihrerseits Manufacturers Hanover übenommen jhatte. Wenige Jahre später fusionierte die Chase mit J. P. Morgen zur J. P. Morgan Chase. Die Konzentrierung der Geldmacht war unglaublich. Die US-Regierung blieb untätig und beförderte all dies sogar noch, weil die Gesetze und Bestimmungen aus der Zeit der Großen Depression, die damals die Ausweitung dieser Geldmacht eingedämmt hatten, inzwischen außer Kraft gesetzt worden waren. Riesige neue Bank- konzerne verknüpften das traditionelle Bank- und Versicherungsgeschäft mit neuen Funktionen wie der Vermögensverwaltung, und das in unglaublichen Dimensionen. In den USA wurde der Handel mit Wertpapieren vor allem von einigen speziellen Finanzinstituten wie den Investment- und Pensionsfonds abgewickelt.“ (Ebd., S. 425-426).

„Die Geldmacht - und zwar die Macht über das Geld, das sich auf den US-Dollar stützte - machte sich auf, die ganze Welt zu kontrollieren. Das Mittel dazu sollte die finanzielle Globalisierung sein, ihr eigenes Geschöpf, bei dem sich die Vertreter der Geldmacht die von den Bankern kontrollierten Instrumente und Institutionen zunutze machen wollten, vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank bis hin zur Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Zentralbank der Zentralbanken.“ (Ebd., S. 426).

MotzerDie aktuellen Schulden der USA Motzer

„Im Jahre 1910 betrugen die Schulden der Vereinigten Staaten auf Bundesebene eine Milliarde Dollar - oder 12,40 Dollar pro Kopf. Die Verschuldung auf Landes- oder kommunaler Ebene war gering bzw. nicht existent. 1920, nur sieben Jahre nach Gründung der Federal Reserve, belief sich die Verschuldung der US-Regierung nach dem Ersten Weltkrieg, dem sogenannten »Großen Krieg«, bereits auf 24 Milliarden Dollar, das waren 228 Dollar für jeden einzelnen US-Bürger. Im Jahre 1960 betrugen die Schulden 284 Milliarden Dollar oder 1575 Dollar pro Kopf, und 1981 überschritt die Verschuldung gar die Billionengrenze. 2009 lag sie bei über elf Billionen Dollar oder 35 000 Dollar für jeden US-Amerikaner - vom Säugling bis zum Greis. Allein die Zinsen an die Banken und Gläubiger dieser Schulden beliefen sich auf über 450 Milliarden Dollar pro Jahr. Übergäbe man die gesamten Vereinigten Staaten den Bankern zur Rückzahlung der Schulden, dann betrügen die Schulden noch immer zwei, drei US-Amerikas. Thomas Jefferson, einer der Gründungsväter der USA, sagte nicht ohne Grund: »Wenn das amerikanische Volk je zuläßt, daß Privatbanken den Umlauf ihres Geldes kontrollieren, zuerst durch Inflation und dann durch Deflation, dann werden die Banken und Unternehmen, die (im Umfeld der Banken) entstehen ..., den Menschen ihren Besitz rauben, bis ihre Kinder schließlich auf dem Kontinent, den ihre Väter erobert haben, ohne ein Dach über dem Kopf aufwachen.«“ (Ebd., S. 426).

„Anfang 2009 wurde allerdings auch deutlich, daß sich die allmächtigen New Yorker Banker arg verrechnet hatten. Denn selbst in der schlimmsten Krise seit den 1930er Jahren eilte der Rest der Welt dem Dollar-System nicht zu Hilfe. Nach acht Jahren Präsidentschaft Bush, die das Vertrauen der ganzen Welt arg mißbraucht hatte, ist weltweit der Wille, die Vereinigten Staaten als wohlwollenden Gebieter über ein Weltsystem anzusehen, weitestgehend erschöpft. Von Peking bis Moskau, von Dubai bis Buenos Aires denkt man jetzt über die Beziehungen zu US-Amerika und zur Macht US-Amerikas neu nach.“ (Ebd., S. 426-427).

„Zum ersten Mal seit 1945 hat die restliche Welt jetzt die Chance, einen eigenen Weg nationaler und regionaler Stabilität einzuschlagen, der nicht mehr nennenswert vom Dollar dominiert wird. Es ist noch nicht klar, ob diese Freiheit genutzt wird. Es ist vor allem eine politische, keine finanzielle Entscheidung. Die restliche Welt steht am Scheideweg. Es ist an ihr, die Lage entweder als neue Chance zu betrachten oder mit dem Dollar-System unterzugehen.“ (Ebd., S. 427).

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