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Thomas Hoof (*1948)

- Letzte Ausfaht weiter hinten: der deutsche Sonderweg (2008) -
- Der Untergang des Dollar-Imperiums (2012) -

Da ich Thomas Hoof für einen klugen Beriebs- und Volksirtschaftler halte,
möchte ich ihm diese Seite widmen und aus folgendem seiner Werke zitieren:

- Letzte Ausfaht weiter hinten: der deutsche Sonderweg (2008) -
- Der Tanz auf der Nadelpitze (2012) -

Letzte Ausfahrt weiter hinten: der deutsche Sonderweg (in: Sezession, Dezember 2008)

„Wir Zeitgenossen der Wende zum 21. Jahrhundert haben das zweifelhafte Privileg, dem Untergang gleich zweier gesellschaftlicher Ordnungssysteme beiwohnen zu können. 20 Jahre nach der staatssozialistischen Formation implodiert nach einer heißen Phase heftigster innerer und äußerer Expansion und mit voraussichtlich weit größeren Knalleffekten nun auch der angelsächsisch geprägte Wirtschaftsmodus des sogenannten »Freien Westen«.

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Was derzeit, kurz vor dem »Showdown«, von den Akteuren des Schauspiels, «Rettung der Finanzmärkte« dargeboten wird, folgt noch dem Strickmuster einer klassischen Gaunerkomödie und hat auch deren Unterhaltungswert: Da gibt der größte Bankrotteur (die schuldtilgungsunfähigen Staaten) mit nobler Geste Patronatserklärungen für die gleichfalls völlig bankrotten Banken ab und verteilt dazu Mittel, die er sich von eben diesen Banken leihen wird. Die dabei zur Sprache kommenden Summen reichen in Zahlenräume, in denen bis vor kurzem allein die Astronomen heimisch waren. In der monetären Alchimistenküche haben offenbar neben den bekannten auch besonders »innovative« Transmutationen stattgefunden: Aus Gold wurde Papiergeld, aus Papiergeld Buchgeld, das, einen nigromantischen Kunstgriff später, Schaumgeld wurde und sich wundersam vermehr te zu Derivaten und Derivaten-Derivaten.

Die Rollenverteilung in der Gaunerkomödie - mit dem Staat als tadelnder Retter, die Banken als reuige Sünder, dem Markt als entsprungene Bestie -, das ist schon eine dreiste Camouflage: Denn es waren die Staaten, die in Kumpanei mit der Finanzindustrie diesen Schneeball ins Rollen brachten, die Scheingeldmassen sauber wuschen und umlauffähig machten. Und der bestialische Markt waltet (anders als Rating-Agenturen, WP-Gesellschaften und ganze Kompanien nationaler und internationaler Aufsichtsbehörden) spät zwar, doch unbestechlich und penibel (und gegen alle Widerstände) seines Amtes, macht seine Nagelproben an den Werten und wischt das Schaumgeld aus den Büchern - und breche dabei zusammen, wen der Staatskumpan nicht rettet.

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Kontrolliert und planvoll kann dieses kreditzerrüttete System nicht mehr heruntergefahren werden. Es gibt nur die Möglichkeit, es vollständig zurückzusetzen, sei es durch eine praktisch weltweite Währungsreform oder auf dem Umweg über eine geldpolitisch von der Leine gelassene (oder von ihr sich losreißende) Hyperinflation. Ansonsten: Irgendwann ein Über-Nacht-Kollaps, der die Realwirtschaft auf einen Schlag verwüstet: stockender Zahlungsverkehr, reißende Versorgungsketten, wirtschaftliche Desintegration - und am Ende kehrt jeder vor der eigenen Tür, wobei die Frage offen bleibt, wer dabei den Besenschrank verwaltet: ein Staat, lokale Autoritäten oder mafiöse Banden.

Aber selbst das beschreibt noch nicht den Umfang des bevorstehenden Desasters, denn absehbar ist auch der nächste Stoß: eine schnelle Verknappung des Erdöls als Brenn-, Kraft- und Chemierohstoff, mit einem nachfolgend heftigen Schrecken darüber, wie grundlegend, bis in die einfachsten Lebensvollzüge hinein wir ölabhängig geworden sind.

Peak-Öl ist hier nicht das Thema. Darum nur kurz: Die internationale Energieagentur (eine Einrichtung der OECD und als solche eine amtliche Optimismus-Trompete) hat in ihrem soebven erscheinen Energie-Ausblick 2008 die Rate des jährlichen Fördermengenrückgangs (»depletion rate«) auf 5,6 bis 8,5 erhöht. Dabei kommt es gar nicht sehr darauf an, wann diese Sinkflug-Kurve den Nullpunkt schneidet, sondern darauf, ab welchem Punkt Rationierung und Zuteilung beginnen. Das grüne »weg vom Öl« münzt eine Zwangsläufigkeit in eine politische Parole um, und tut so, als stünden für das schwindende Erdöl urlaubsbunte Substitute (Sonne, Wasser, Geothermie, Wind) bereit, verschweigt aber, daß dieser Ersatz mit einer dramatischen Energieveramung einhergehen wird. Denn alle technischen Alternativen sind von einem deutlich positiven Saldo zwischen energetischem Ertrag und Aufwand (EROEI) weit entfernt.

Damit geht - so oder so oder noch katastrophischer - ein Wirtschafts- und Lebensmodus zu Bruch, der allein auf die Illusion baute, daß Leistungen der Zukunft folgenlos und auf ewig zum Gegenstand heutigen Konsums gemacht werden könnten. Am Beginn dieser letzten wirtschaftlichen Hochfieberphase der »Emanzipationsmoderne« stand die Heilsbotschaft, daß von nun an der Brunnen zum Kruge kommen und, festgemauert, auch nimmermehr zerbrechen werde. Der ökonomische Hausverstand nahm das zwar mit Skepsis, ließ sich aber mit schwindendem Widerstreben einschenken. Er wird in Kürze, unter allerdings eher ungemütlichen Umständen, die Genugtuung erfahren, daß seine Skepsis hoch berechtigt war.

Es war die Fiktion eines ewigen Plus Ultra, der eigentlich seltsame, weil völlig erfahrungsfremde Gedanke, daß es Expansion ohne Kompression, ein Auf ohne ein Ab geben könnte. Die wirkliche Welt verläuft oszillativ, und diese Erfahrung ist tief geerdet, weil sie von den physiologischen Rhythmen und allem Naturerleben täglich beglaubigt wird. Daß der gegenteilige, nämlich kumulative Prozeßtyp der ständigen Steigerung materiell wirksam werden könne, ist eine Idee, die (nach Kenneth Boulding) nur Verrückten oder Ökonomen kommen kann - und den wenigen geschichtlichen »people of plenty«, Völkern, die plötzlich einen ganzen, fruchtbaren, rohstoffreichen, fast menschenleeren Kontinent (ersatzweise ein koloniales Weltreich) zu ihrer Lebensfristung zur Verfügung haben und deshalb meinen, die lex parsimoniae sei für sie auf Dauer außer Kraft gesetzt. Aber auch denen hilft eines Tages die Wirklichkeit über diesen Irrtum hinweg.

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Ein kleiner Schritt aus dem Alltag zur Seite auf einen imaginär-externen »point of view«, ein kleiner Moment der Besinnung, in dem man die Fähigkeit gewinnt, sich von der »Normalität« befremden zu lassen - und man blickt auf eine Szene gigantischen Mißlingens.

Eine Ökonomie mit allerschwersten Stoffwechselstörungen, die nach letzter Luft und allem schnappt, was sich noch irgendwie verwerten läßt. Alle Quellen sind erschöpft, und die Senken laufen über von Müll und Schutt und Schlacken; überall Abfall, materieller Unrat, der auf der äußeren, und geistiger Unrat, der auf der inneren Epidermis Allergien provoziert. Man sehe sich in einem beliebigen 1950er-Jahre-Bildband Straßenszenen an und vergleiche die Gesichter der Passanten mit heutigen, um zu ermessen, wieviel seelische Verheerung da stattgefunden hat.

Keine gesellschaftliche Institution, die den Status eines fortgeschrittenen, zumindest beginnenden Kollapses nicht erreicht hätte. Nichts funktioniert mehr in diesem System, und an jedem Tag, den es noch wackelnd steht, ruiniert es funktionszwangsläufig weiter seine Fundamente. Nichts mehr im Rückgriff (auf Reserven), alles im Vorgriff auf die Zukunft.

Oder grundlegender: Alle Energie, die uns ab Sonnenaufgang zuströmt, baut Strukturen auf, schafft Gebilde und formt Gestalten in die Höhe. Die in unserer Verbrennungskultur technisch mobilisierte Energie wirkt nur darauf hin, Strukturen zu schleifen, Gebildeaufzulösen und alle restlichen Kohäsionskräfte zu schwächen und auf Null zu bringen.

Der Verlust an Form, sagt Sloterdijk besänftigend gegenüber dieser konservativen Dauerklage, werde immer durch einen Gewinn an »Freiheit« ausgeglichen. Wohl wahr - das ist das Wesen aller Erosions- und Korrosionsprozesse: Auf dem Weg vom Bauwerk zur Ruine befreien sich die Ziegel aus ihrem Verbund in einen Haufen, und im weiteren Zerfall der Ziegel gewinnen die Sandkörner ihre Freiheit im Wind, der sie verweht.

Angesichts der Konsequenz,mit der diese »Auflösung aller Dinge« seit 200 Jahren abläuft, fällt es tatsächlich schwer, nicht zum Verschwörungstheoretiker zu werden. Aber: Wahrscheinlich haben alle Entwicklungen, eben auch geschichtliche, einen Vektorpunkt in der Zukunft, einen Attraktor, der die Prozesse durch mehrere, auch alternative (und an verschiedenen Punkten durchaus wählbare) Rinnen, Bahnen (oder »Chreoden«: C. H. Waddington) auf sich lenkt. Einmal in einem solchen verzweigungsfreien Bahnstück läuft dann alles »wie am Schnürchen« - auch die destruktiven Prozeßschritte. Damit wären die »Drahtzieher« aber evolutionäre Kräfte und eben keine Dunkelmänner aus den Hinterzimmern der Wallstreet. Und: Der ziehende »Attraktor« ist immer gleichzeitig ein Umlenkpunkt, der dann, endlich, auch die Richtung ändert.

Also: Alles mißlungen und alles vertan. Gab es Weggabelungen?

* * *

Die Welt klaffte, Robert Musil zufolge, 1914 »in deutsch und widerdeutsch«. Woran das »Widerdeutsche« Anstoß nahm, ist uns im Nachgang zu dem dreißigjährigen Krieg zwischen Deutschland und der Welt (1914-1945) ausführlichst erläutert worden: Es war der »Reaktionäre Modernismus« des Kaiserreichs, der Empörung weckte, der skeptische Antimodernismus mit den Unterabteilungen Antikapitalismus, Demokratiekritik und Irrationalismus. Das ist zwar nicht ganz rund, denn die Engländer waren auf die Deutschen ja nicht etwa wegen eines modernitätswidrigen Müßiggangs schlecht zu sprechen, sondern eher im Gegenteil, und man tut den Angelsachsen gewiß nicht Unrecht mit der Unterstellung, daß ein unter kaiserlichem Regiment weiterhin nur »reaktionär« dichtendes und denkendes Volk ihren Abscheu weit weniger erweckt hätte als eines, das gleichzeitig das Stahlkochen vervollkommnet, Elektromotoren baut und überhaupt die englische Industrie in nur wenigen Jahrzehnten peinlich deklassiert.

Der Konflikt, der sich da aufgebaut hatte, war also tatsächlich ein wirtschaftlicher, aber er reichte auf deutscher Seite wesentlich tiefer: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts begegnet das deutsche Denken der englischen Nationalökonomie mit großer Neugier, aber steigender Skepsis und wachsender Sorge, hält sie für »ordinär«, geistvergessen (Adam Müller) und für eine banale »Naturlehre der menschlichen Selbstsucht« (Bruno Hildebrandt, 1848).
Dies waren über fast 150 Jahre die Konstanten der Kritik:
1. Die deutsche Nationalökonomie dachte von ihren Ressourcen her, von dem, was da war, an Landschaft, an Gewerben, an Institutionen und politischen Formen, an Gewohnheiten und Mentalitäten.
2.Und sie dachte auf ihre Ressourcen hin, denn wirtschaftlicher Zuwachs füllte in diesem Denken nicht Speicher oder Konten, sondern vergrößerte das »produktive Vermögen« (Hegel): »... überhaupt gar nicht mit Summen hat es die Nationalökonomie zu thun, sondern mit Quellen«. (Friedrich B. W. von Hermann: Staatswirtschaftliche Untersuchungen, 1832). Und es ist von Belang, daß das deutsche Wort »Vermögen« ans Können und Leisten angeknüpft bleibt und nicht ans Eigentum.
3.Und sie dachte in Zeiten und Räumen, denn wirtschaftliche Kräfte betätigen sich nicht im Irgendwo nach universalen Gesetzen, sondern irn Hier und Jetzt, aus einem geschichtlichen Umfeld und aus geprägten kulturellen Mentalitäten heraus.
Der Grundtenor der deutschen Opposition war also immer, daß es um die »produktiven Kräfte« gehe, die in erster Linie von Menschen betätigt werden. Nicht die Befriedigung der Bedürfnisse, sei das erste Ziel, sondern die Erhaltung und die Kräftigung der fortdauernden Möglichkeiten dazu.

Das ist das preußische Prinzip: Alle zu heben, und niemanden sacken zu lassen, eine »Ertüchtigung« aller Stände, Schichten und Menschen, Wirtschaft als ein Ineinander von materieller und ideeller Allokation, eine Gleichzeitigkeit von wirtschaftlichem und kulturellem Wachstum, und eben immer wieder Hegels Hebung des »allgemeinen Vermögens«, die Birger P. Priddat als eine »sublunare Theoriefigur in der deutsche Ökonomie« bezeichnet. Auch die später so geschichtsmächtig gewordene linke Schwester dieser Kritik, der Marxismus also, stammt aus demselben Humus, was man seiner frühen, kritischen Seite noch anmerkt, während Marx sich später revolutionsgewißheitshalber, aber mit sichtbar melancholisch eingetrübtem Temperament, hinter den »wegbereitenden« Lauf der Dinge klemmen mußte.

Das Absinken ganzer Schichten, denen jede ökonomische Reserve und schließlich auch die Fähigkeit zur »Selbstanspannung« abhanden kommt, die »Proletarisierung« also, die mögliche Ansteckung mit dem »hochgradig pathologischen Charakter der englischen Gesellschaftsstruktur« (Röpke), war ein Schreckensbild, das die deutsche Ökonomie seit dem späten 19. Jahrhundert stets begleitete und sie bis in die 1960er Jahre nicht mehr verließ.

Was auch immer über diesen »Gemeinschaftsgedanken« der Deutschen ausgeschüttet wurde, welche Dämonen in ihm gesucht und gefunden wurden, seit mindestens zehn Jahren nimmt die Faszination dieser anderen wirtschaftlichen Orientierung unübersehbar zu. (Sie ist, auch von ihren ausländischen Bewunderern, schwer ansprechbar, am unverdächtigsten noch als »stakeholder-socitey«). Und selbst der mentalitätslinke, us-amerikanische Soziologe Richard Sennet weiß in seinem Ekel vor dem neoliberalen Furor heute nicht mehr, wohin er gedanklich anders flüchten sollte als in das preußische Modell, auf das er wehmütig zurückblickt: »Es funktionierte ja. Immerhin sorgte es für soziale Integration ..., das Modell bildete einen bemerkenswerten Gegensatz zum Kapitalismus von heute, der Menschen nicht einbezieht, sondern ausschließt .... Es diente den gewöhnlichen Leuten, indem es ihnen eine Lebensgeschichte gab; sie wußten, wo sie hingehörten. Doch im ausgehenden 20. Jahrhundert zerfiel es.« (Weltwoche Nr. 31, 2005).

Es zerfiel erstens nicht ganz von selbst und zweitens auch nicht vollständig. Aber es war (siehe oben) in seinem »reaktionären« Festhalten an einem »eigenen Weg« ein Stein des Anstoßes und damit Ursache für den großen Krieg im 20. Jahrhundert, dessen erste Runde 1914 begann: Bei Max Scheler ist zu lesen, daß dieser im Kern deutsch-englische Krieg von deutscher Seite »... auf Befreiung abzielt von jenen neukapitalistischen Lebensformen überhaupt, in denen mit England zu konkurrieren und sie dabei selbst anzunehmen, die welthistorische Situation uns zwang. Nicht also siegreiche Konkurrenz mit England, sondern steigende Erlösung vom Zwang einer Konkurrenz mit England ... ist das Hauptziel (... dieses Krieges). Der Kapitalistische Geist Deutschlands - so mächtig er schließlich wurde - ist nicht aus deutschem Wesen autochthon entsprungen, sondern nur in gleichem Maße entstanden, als der Eintritt in die uns umgebende Weltwirtschaft und der damit erst gegebene Konkurrenzzwang ihn uns im Gegensatze zu unserer älteren, nach dem Gegenseitigkeitsprinzip organisierten Wirtschaft aufnötigten.« (Max Scheler, Genius des Krieges, 1914)-

Es ist diese Ausgangslage, die im Deutschland der Vorkriegszeit so etwas wie einen antikolonialistischen Affekt hervorruft mit Motivlagen und Argumentationsmustern, die Rolf Peter Sieferle (in seinem Epochenwechsel, 1994) in den antiimperialistischen und antikolonialistischen Bewegungen der 1950er bis 1970er Jahre wiederfindet. Deutschland also als »antikolonialistische Vormacht« (Johann Plenge, 1919)?  Und das führt zu einer Antwort auf die völlig tabuisierte, aber nicht dauernd stillzustellende Frage, aus welchen Quellen den damaligen Deutschen die Kraft zuwuchs, zweimal innerhalb eines halben Jahrhunderts gegen alle Großmächte zu kämpfen und jeweils nur knapp zu unterliegen.

Der Widerstand jedenfalls zog sich durch in einer nie vollständig unterbrochenen Linie von Hegel, Novalis, Friedrich List, Roscher, Schmoller, Sombart, und dann, nach dem zweiten Teil dieses 30jährigen Krieges, noch einmal durch die Freiburger Schule von Rüstow und Röpke wiederbelebt, deren Ton in ihren letzten Jahrzehnten immer schärfer wurde. Was die in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren hochkritisch gewordene Freiburger Schule um Rüstow und Röpke gegen die »Staatskrippen-Tendenzen« argumentativ aufbietet und als »Vitalpolitik« auf einen faßbaren und klingenden Begriff bringt, lohnt heute jedes Studium. Bei Manuscriptum erscheint in Kürze eine Röpke-Auswahl in diesem Sinne. Und 2003 hat Werner AbeIshauser den Faden noch einmal aufgenommen und den deutschen »Sonderweg« erstaunlich unumwunden als Gegenstand und Anlaß eines langandauernden »Kulturkampfs« bezeichnet, der (aus seiner Sicht) im 2. Weltkrieg heiß geworden sei, »... daß der 2. Weltkrieg auch als Bruderkrieg zwischen unterschiedlichen Zweigen der kapitalistischen Großfamilie ausgetragen wurde und die Beseitigung korporativistischer Besonderheiten des deutschen Wirtschaftssystems weit oben auf der Liste amerikanischer Kriegsziele stand«.

Aber auch die totale Niederlage 1945 konnten die Traditionslinien nicht kappen. Der Rheinische Kapitalismus war so wenig angelsächsisch wie der Preußische Sozialismus marxistisch war. Und noch die Deutschland-AG der 1980er Jahre war eine weitere, schon etwas schwundhafte Evolutionsform auf der langen Linie; sie wurde erst in den späten 1990er Jahren mit der ökonomischen »Modernisierung« Deutschlands und der Öffnung für die »internationalen Kapitalmärkte« gesetzgeberisch geschleift - konsequenterweise durch die »68er« im Amte, die, wie schon 30 Jahre vorher kulturell, diesmal auf ordnungspolitischem Feld Deutschland zu einer weiteren Ankunft im Westen verhalfen - also einer weiteren Ankunft in der Mitte des Bergrutsches, diesmal aber ganz kurz vor dessen längst absehbarem Aufschlag im Tale.

* * *

Wir haben es wieder und wieder gehört: Deutschland, die widerlegte Nation. Worin eigentlich widerlegt? ...  Gewiß; in seinem Beharren auf einem Recht zum »eigenen Weg« (das es im übrigen mit China und Japan teilte, die deswegen auch den angelsächsischen Knüppel zu spüren kriegten) sicher nicht oder nur militärisch. In der Gangbarkeit dieses Weges noch viel weniger. Es illustriert - wahlweise die Ironie oder die Logik der Geschichte, daß Deutschland und Japan noch über eine weitgehend intakte, vielfältige, im Notfall konversionsfähige industrielle Infrastruktur verfügen, während England und die USA in dieser Hinsicht mittlerweile reines Brachland sind.

* * *

Jeffrey Herf wollte in seinem Reactionary Modernism noch in Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung (1947) einen Übergriff sehen, weil auch darin ein deutsches Denkproblem zu einem Weltproblem gemacht werde. Nein, Deutschland hat sich tatsächlich »den Kopf zerbrochen« für die Welt - und zwar auf der Suche nach Wegen, auf denen sich vorbeikommen ließe an genau der zivilisatorischen Sackgasse, an deren Ende die Welt jetzt in völliger Rat- und Orientierungslosigkeit herumrennt.“

(Ebd., in: Sezession; Dezember 2008, S. 4-8).

 

Der Tanz auf der Nadelspitze (in: Sezession, Februar 2012)

 –  Einleitung (S. 6)
 –  Energiekrise: Bergab geht’s schneller (S. 6)
 –  Energie und Ökonomie (S. 6-7)
 –  Alles liqde - Energie und Geld (S. 7-9)
 –  Der 1. Teil der Wand: Der Nettoenergiefaktor (S. 9)
 –  Der 2. Teil der Wand: Die stets ernerurbaren Hoffnungen (S. 10)
 –  Der 3. Teil der Wand: Landwirtschaft und Nahrung (S. 10-11)
 –  Die Klemme: Kein Ausweg (S. 11)

Einleitung

„Im Verlauf der letzten 100 Jahre vervierfachte sich die Weltbevölkerungverzwanzigfachte sich die Weltwirtschaftsleistung und vervierzigfachtesich der Primärenergieverbrauch.

»Als ich einmal mit Max Weber über die Zukunftsaussichten sprach und wir die Frage
aufwarfen: wann wohl der Hexensabbat ein Ende nehmen würde, den die Menschheit in den
kapitalistischen Ländern seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts aufführt, antworte er:
›Wenn die letzte Tonne Erz mit der letzten Tonne Kohle verhüttet sein wird.‹«
(Werner Sombart, Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus, 1927, S. 1010).

Ein Blick auf die entsprechenden Funktionsgraphen belehrt jedenneutralen Betrachter darüber, daß da keine »Entwicklung«, sondern eine Explosion stattgefunden hat - und daher bei nachlassendem Expansionsdruck mit herunterkommenden Trümmerteilen zu rechnen ist. Der Scheitelpunkt ist erreicht.

Energiekrise: Bergab geht's schneller

Die These vom knapp hinter uns liegenden Ölfördermaximum wird nur noch von Politikern bestritten. Die Fördermenge vervierfachte sich seit 1960 von 20 auf 80 Millionen Barrel/Tag und stagniert seit etwa fünf Jahren auf diesem Niveau. Im Jahre 2010 hat der Verbrauch mit 87 Millionen Barrel/Tag die Förderung von 82 Millionen/Tag überschritten. Die Lager wurden angegriffen.

Die Internationale Energie Agentur (IEA) prognostizierte 2009 nach einer erstmaligen Inspektion aller wichtigen Ölfelder einen globalen Fördermengenrückgang von 6,7 Prozent jährlich. Den weiteren Verlauf zeichnet die regierungsamtliche U.S. Energy Information Administration (EIA) als eine sich öffnende Schere: Noch während dieses Jahrzehnts erleben wir einen Rückgang des Primärenergieangebots aus fossilen Vorräten um etwa 20 Prozent - bei weiterhin steigender Nachfrage. Wer entschlossen ist, amtliche Daten grundsätzlich für gefälscht zu halten, kann den Ernst der Lage ersatzweise auch an den derzeitigen geostrategischen Ränkespielen in Nordafrika und im Nahen Osten ablesen.

Energie und Ökonomie

Die Energie ist ein blinder Fleck in der an blinden Flecken ohnehin nicht armen Optik der Ökonomen: Es gibt sie eigentlich nicht. Zwischen Öl alsKraftstoff und Öl als Schmierstoff gibt es ökonomisch keinen Unterschied.

Neue Wachstumsgleichungen zeigen, daß die »Restgröße«
der neoklassischen Wachstumstheorie sich vollständig auföst,
wenn der Energieeinsatz nicht nur monetär zu Faktorkosten,
sondern mit seinem tatsächlichen Produktionsbeitrag und
damit als das bewertet wird, was er ist: Arbeitsleistung.

Nach der neoklassischen Wachstumstheorie trugen die Produktionsfaktoren zu der himmelsstürmenden Wirtschaftsentwicklung im 20. Jahrhundert exakt im Verhältnis ihrer jeweiligen Faktorkostenanteile mit 65 Prozent (Arbeit), 30 Prozent (Kapital) und fünf Prozent (Energie) bei. Leitet man unter dieser Prämisse das Wirtschaftswachstum der letzten 100 Jahre nur aus der Veränderung des Inputs dieser Produktionsfaktoren ab, dann bleibt eine Restgröße, das sogenannte »Solow-Residium«, das etwa für die Entwicklung der US-Wirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den (für eine »Restgröße« durchaus ungewöhnlichen) Wert von 87,5 Prozent annahm.

Eine Billion Barrel Öl - und damit das Äquivalent von 15 Billionen Menschenarbeitsjahren - hat die Weltwirtschaft in etwas mehr als einem Jahrhundert in sich aufgesogen, doch das Ergebnis wird von den Ökonomen als technischer Fortschritt verbucht und damit als Kompliment an die Kreativität und den Erfindungsgeist des Menschen weitergereicht. Diese Umdeutung einer gewaltigen Erbprasserei in eine gewaltige Leistung hat Folgen: Zum einen bewirkt sie, daß heute jeder Friseurlehrling mit mit so viel Herablassung auf das Postkutschenzeitalter guckt, als habe er ganz Wesentliches zu seiner Überwindung beigetragen. Und zum anderen nährt sie die fortdauernde Illusion, der »Menschheit sei noch immer etwas eingefallen - und das werde auch so bleiben«. Mit dem Einbruch in die fossilen Langzeitspeicher der Sonnenenergie ist der Menschheit weniger etwas ein- als vielmehr etwas zugefallen - alles, was danach kam (Kernenergie, Photovoltaik), waren abgeleitete Techniken, insofern sie den Rückgriff auf diesen gutgefüllten Energietank zur Voraussetzung haben.

Alles liquide. Energie und Geld

Für die 60 Jahre des voll strömenden Öls (ab 1950) war die Kernfrage der Wirtschaft und des Lebens nicht mehr »Woher die Energie nehmen?«, sondern deren glatte Umkehrung: »Wohin mit der Energie?« Die Antwort ist bekannt: eine in immer neuen Wellen anbrandende, schwindelerregende Mobilisierung, Motorisierung und Elektrifizierung des Lebens und eineErsetzung aller kurzgeschlossenen, energiearmen Kreisläufe durch technisch arrangierte und energieintensive Prozesse. Verbunden war das mitzwei menschheitsgeschichtlich überaus markanten Kehren:

–  Zum ersten wurde der Mensch von einer (produktiven) Energiequelle zu einer konsumtiven Energiesenke - ein Vorgang, der anthropologisch und seelenkundlich noch gar nicht richtig gewürdigt wurde, obwohl sich seine Folgen seit Jahrzehnten in den psychosomatischen Praxen und Kliniken deutlich bemerkbar machen.

–  Zum zweiten: Der Kapitalismus war vor seiner Petroleumflutung eine sparsamkeitsgetriebene Veranstaltung: Investitionen mußten aus Ersparnissen finanziert werden, die ihrerseits nur durch Konsumverzicht gebildet werden konnten (sei es aus eigenem Konsumverzicht oder aus dem anderer Leute, die dann als Kreditgeber fungieren konnten). Das war der »asketische« Kapitalismus Max Webers - eine in vieler Hinsicht neue Formation, aber immer noch tief verbunden mit den Knappheitserfahrungen der ... Menschheitsgeschichte.

Die Antwort auf die Frage »Wohin mit der Energie?« verlangte freilich eine andere Mentalität als Webers »protestantische Ethik«, andere Allokationsmechanismen als »Investition aus Ersparnis und Ersparnis aus Verzicht« und vor allem eine volle Mobilisierung der - unter en vorherigen Knappheitsbedingungen quantitativ noch völlig unausgeloteten - menschlichen Konsumkraft. Die Mittel zur Finanzierung der investiven und der konsumtiven Seite der ungeheuren Wirtschaftsexpansion waren nun nicht mehr dem Vergangenheits- und Gegenwartskonsum abgespart, sondern wurden der Zukunft entnommen, die gar nicht mehr anders vorgestellt werden könnte als eine um weitere »Zuwächse« jedweder Art aufgespeckte Gegenwart.

Die Industriegesellschaften gingen - in betriebswirtschaftlicher Terminologie - von einer »Innenfinanzierung« (aus thesaurierten Überschüssen) zu einer »Fremdfinanzierung« (aus zukünftigem Sozialprodukt) über. Die Mittel dazu waren:

–  Das Ende der stofflichen Deckung der Währungen mit der Kündigung von Bretton Woods im August 1971. Die Entgoldung des Geldes und seine Verwandlung in frei schöpfbares Schaumgeld. ** ** ** ** ** **

–  Die Loslösung des »Kredits« vom »Geld«, indem die Kreditvolumina sich in steiler Kurve von den Bankeinlagen »emanzipierten«. Moritz Schularick (FU Berlin) und Alan Taylor zeigen in einer vor kurzem erschienenen wirtschaftsgeschichtlichen Studie, daß die Periode von 1870 bis zum Ende der Weltkriege noch eine Periode des »Geldes« war, die in den späten 1950er Jahren von einer Epoche des Kredits abgelöst wurde. Von da an: Ölschleusen offen, Kreditschleusen offen - also volle Schußfahrt in den hedonistischen Kapitalismus, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Ausbruch kam.

Das Scharnier für diesen Umschlag waren die 1960er/1970er Jahre, in denen die Kohle- von der Olförderung abgelöst wurde, wobei die noch während des Kohlezeitalters brutal präsente Tatsache, daß die Energiegewinnung Energie erfordert, dank der Ferne der Förderstätten und automatisierter Transport- und Veredelungsprozesse gnädig verblaßte. Dies war die materielle Grundlage für das Aufkommen jener merkwürdig lebensfremden Weltanschauungen, wie sie sich in der hedonistischen Kulturrevolution der 68er durchsetzten. Die dadurch angestoßenen Veränderungen der Mentalitäten sind in der Nachfolge von Robert Ingleharts Silent Revolution (1977) in der Debatte über neue, nämlich »postmaterielleWertorientierungen« verhandelt worden.

Die »postmaterielle« Orientierung der neuen, ergrünenden Milieus kam vor allen Dingen darin zum Ausdruck, daß bei ihnen die »Sorge um etwas« (z.B. das tägliche Brot) völlig von der »Lust auf etwas« (z:B. die täglich Bruschetta) ersetzt worden war. Ansonsten pflegt das »postmaterielle« Milieu den ressourcenverschwenderischsten Lebensstil und die größte Umweltsensibilität mit der gleichen Innigkeit. Verständlich ist auch,daß es den Wechsel von den schmutzigen fossilen zu den »erneuerbaren Energien« (Anführungstriche von mir, denn »erneuerbare Energien« gibt es nicht [**]! [HB]) mit Nachdruck fordert, denn es verbindet mit lezteren in schöner Einfalt vor allem die Vorstellung von sehr viel Sonne, wenig Arbeit und schierer Unerschöpflichkeit.

Gewiß: Die ganze Formation hatte sich über mehr als ein Jahrhundert vorbereitet, ineinem Prozeß, der allerdings immer wieder krisen- und kriegsbedingt zurückgeworfen und durch hartnäckigen kulturellen Widerstand gebremst worden war. Erst jetzt, bei vollem Zustrom scheinbar unbegrenzter Energiequellen und unbegrenzten Kredits, brachen die ämme, und karnevalistische Endphase der Moderne konnte sich rein entfalten: mit ihren verblüffen-den Neuarrangements von Individuum und Gesellschaft, Ich und Es, Mann und Frau, oben und unten, Trieb, Triebverzicht und Triebverzichtverzicht, in der fieberhaften Atmosphäre eines wirtschaftlich hochgeheizten Treibhauses, in dem der letzte verbliebene Rest an gesundem Menschenverstand und an nüchternem, über Jahrtausende aufgebautem Sinn für die irdischen Realitäten verdampfen konnte.

»Und wenn die Revolution in den Metropolen stattfindet, ist alles möglich. Man kann
sich fast ausdenken, was man will, weil die Produktionskräfte es ja hergeben.«
(Bernd Rabehl, in: »Ein Gespräch über die Zukunft. H. M. Enzensberger mit
Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler, in: Kursbuch 14, 1968).

Klar ist, daß diese Atmosphäre die Ewige Linke in beträchtliche Euphorie versetzte: denn nun konnte anscheind »der materialistische Bann, der biblische Fluch der notwendigen Arbeit technologisch gebrochen werden« (Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse, 1969, S. 80). Ebenso klar ist, daß das konservative Motiv - zu leben aus dem, was immer gilt - in eine völlige, bis heute anhaltende Betäubung geraten mußte.

Der 1. Teil der Wand: Der Nettoenergiefaktor

Die Begriffe »Nettoenergiefaktor«, Erntefaktor, EROI oder EROEI, Payback- oder Amortisationszeit beschreiben
mit jeweils leichten Perspektivenverschiebungen mathematisch das grundlegende Verhältnis der aufgewendeten zur
geernteten Energiemenge oder Arbeitsleistung. Die Methodiken der Ermittlung solcher Kennzahlen sind nicht normiert,
entsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse, je nachdem, welche Energielobbygruppe gerade rechnen läßt.

Die Energiegewinnung kostet Energie, und mittlerweile immer mehr. Bei allen Rettungsszenarien - gleich ob in Richtung Atom- oder »erneuerbare Energien« (**) oder »Wasserstoffwirtschaft« - wird die folgende Grundfrage regelmäßig abgedunkelt: Wie ist der Nettoenergiefaktor als das Verhältnis von gewonnener zu aufzuwendender Energie?

Bei konventionellen Olförderung hat sich aufgrund sinkender Ergiebigkeit der Felder dieses Verhältnis schon von 100:1 auf 8:1 verschlechtert. Bei der unkonventionellen Öl- und Gasförderung (Teersande und Schiefergas) sackt es weiter ab und wird bei voller Berücksichtigung aller Energieaufwendungen zur Beseitigung von Folge- und »Ewigkeitslasten« bei entsprechend ausgedehntem Betrachtungszeitraum negativ. Die diversen Lobbygruppen der Wind- bzw. Solar- oder Atomenergie rechnen sich die Verhältnisse regelmäßig schön, und zwar dadurch, daß sie den Aufwand nur innerhalb einer sehr engen Grenze um den eigentlichen Kernprozeß der Energieumwandlung ansetzen. Der energetische Aufwand zur Gewinnung von Windstrom z.B. startet aber nicht mit der Installation der Anlage, sondern mit der Erschließung des Erzbergwerkes als Voraussetzung der Stahlproduktion für die Turbinen, und er endet nicht mit der Netzübergabe, sondern hat anteilig auch die bei Bau und Unterhalt der Netze und der Speicherkapazitäten anfallenden Energiedienstleistungen zu decken. Die Betreiber von Windkraftparks und Photovoltaikanlagen machen es sich hinsichtlich der in ihre Anlagen eingeflossenen Energievorleistungen so einfach wie der grüne Weltenbummler, der sich die Peinlichkeit, auf seinem Flug in die USA ebensoviel Energie verbrannt zu haben wie ein Sportwagen während eines ganzen Betriebsjahres, durch die Erwägung mildert: »Den Flieger gab's doch schon, und geflogen wäre der auch ohne mich.«

Die Problematik des Nettoenergiefaktors ist der entscheidende Punkt: Der Aufwand für die Gewinnung von Energiedienstleistungen und für den Unterhalt der entsprechenden Infrastruktur wird in allen Szenarien zu Lasten des konsumtiv oder investiv verwendbaren Anteils immer weiter steigen, bis es an einem logischen Endpunkt (der in Charles Halls »Cheese-Slicer-Modell« spätestens 2050 eintritt) kein disponibles Energieeinkommen mehr gibt, das für konsumtive oder investive Zwecke verfügbar wäre.

Der 2. Teil der Wand: Die stets erneuerbaren Hoffnungen

Die konventionellen fossilen Energiequellen sind im Niedergang, der bein Öl schnell, beim Erdgas etwas langsamer spürbar werden wird. Und der fossile Energieträger mit der größten Reichweite (bis 150 Jahre), die Kohle, ist durch das CO2-Dogma aus dem Spiel gebracht. Die »erneuerbaren Energien« (Anführungstriche von mir, denn »erneuerbare Energien« gibt es nicht [**]! [HB]) - also Wasser, Wind, Solarthermie, Photovoltaik - leisten derzeit einen Beitrag von 6 Prozent zum Primärenergieverbrauch und 16 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland. Dieser Beitrag ist wirtschaftlich an hohe Subventionen und Marktstützungen und energetisch und stofflich an massive Vorleistungen aus »fossilen« Quellen gebunden (vorausgesetzt, sie sind alle wirklich fossil - das wissen wir nicht in jedem Fall-, daher die Anführingsstriche von mir [HB]). Sie sind derzeit nur lebensfähig mit den »fossilen« Energieträgern als großzügigem Sponsor.

Das gilt in ähnlicher Weise für die Kernkrafttechniken, die ohne gesetzliche Haftungsfreistellungen schon allein an versicherungsmathematischen Kalkülen scheitern würden. Im übrigen ist die Energiegewinnung aus Kernspaltungsprozessen (oder gar Kernfusionsprozessen, bei denen kosmische Temperaturen zu handhaben sind) ein Unternehmen, auf das sich nur Gesellschaften einlassen, die ihre Kräfte wachsen, nicht aber solche, die sie schwinden fühlen. Das wird schon in Kürze offenbar werden, wenn bei enern großflächigen Netzausfall das immense Problem entsteht, die Kühlung der Reaktoren im dann erzwungenen Inselbetrieb sicherzustellen.

Es ist geradezu abenteuerlich, anzunehmen, daß die derzeit diskutierten Techniken der »erneuerbaren Energien« (**) den Verfall der »fossilen« Energiequellen ausgleichen, den nötigen Umbau der in mehr als hundert Jahren gewachsenen Infrastruktur tragen und dabei noch einen positiven Gesamt-EROI liefern könnten.

Um die Größenordnungen des Bedarfs noch einmal klarzumachen: Um den von der IEA prognostizierten Fördermengenrückgang aus konventionellen Feldern (von jährlich 6,7 Prozent) auszugleichen, müßte alle zwei Jahre die gesamte Leistung Saudi-Arabiens - des mit zwölf Millionen Barrel Förderkapazität zweitgrößten Erdölproduzenten der Welt - neu an den Markt kommen. Um den gleichzeitig erwarteten Nachfragezuwachs nach Primärenergie von 2,5 Prozent p.a. (auf einen gegebenen Welttagesverbrauch von 80 Millionen Barrel/Tag) zu befriedigen, müßte alle fünf Jahre ein weiteres Saudi-Arabien entdeckt, erschlossen und produktiv gemacht werden. Das wird selbstverständlich nicht passieren. Nirgendwo sind Projekte von auch nur annähernder Größenordnung geplant, geschweige denn in Arbeit.

Zudem können die »erneuerbaren Energien« (Anführungstriche von mir, denn »erneuerbare Energien« gibt es nicht [**]! [HB]) derzeit nur einen Beitrag zur Stromversorgung leisten, nicht aber die immensen stofflichen Leistungen des Erdöls in der chemischen Industrie und für die Landwirtschaft substituieren, und die Frage, auf welchem (Um-)Weg sie die Wärmekraftmaschinen des »fossilen« Zeitalters befeuern sollen, ist gleichfalls ungeklärt. Es gibt keine Idee, wie mit Wind- und Sonnenstrom Erzbergwerke, Stahlhütten und Großschmieden betrieben werden sollen, die aber allesamt Voraussetzungen für die Produktion von Wind- und Solarenergieanlagen sind. Um wenigstens die Stromversorgung sichern zu können, brauchen die stark fluktuierenden Wind- und Photovoltaik-Kraftwerke unvorstellbare Speicherkapazitäten, zu denen es bisher nur stark techno-delirische Entwürfe gibt.

Und: Wer, wie die Bundesregierung, bis zum Jahre 2050 die Hälfte unseres Primärenergiebedarfs aus »erneuerbaren Energien« (**) decken will, sollte sich zunächst mal die Frage stellen, ob die andere, die »fossile« Hälfte dann überhaupt noch zur Verfügung steht - falls nicht, kann er die zweite Hälfte nämlich auch vergessen.

Die Vorstellung jedenfalls, daß wir den derzeitigen »Wohlstand«, die derzeitige Energieintensität des Lebens erhalten könnten, indem wir die schmutzigen, aber energiedichten Energieträger Öl, Kohle und Gas durch Sonne, Wind, Wasser und andere urlaubsbunte Garnituren substituieren, ist nichts anderes als eine gutgelaunte Kritzelei auf einer hübschen Ansichtskarte aus dem grünen Utopia.

Der 3. Teil der Wand: Landwirtschaft und Nahrung

Ein politisch völlig ausgeblendetes Poblem ist das der Nahrungsmittelversorgung im Falle einer Energieverknappung. Die Steigerung der Arbeits- und Flächenproduktivität der europäischen Landwirtschaft seit 1950 ging nicht nur einher mit einem völligen Verfall ihrer Energieproduktivität, sondern war geradezu bedingt durch diesen. Jede Kalorie auf jedem Teller beinhaltet zehn bis 20 Kalorien an »fossilen« Energien.

Das heißt: Der Urproduzent Landwirtschaft ist kein Energieproduzent mehr, sondern ein Energiekonsument. Die genauesten Daten zur Energieintensität der heutigen Landwirtschaft stammen aus den USA von den Forschergruppen um Charles Hall und David John Pimentel. Danach überschüttet die US-Landwirtschaft auf dem Umweg über ihre Nahrungsmittelproduktion jeden Bürger der USA mit 1500 Litern Öl jährlich (Düngemittel, Kraft- und Treibstoffe). Das führte bei den US-Amerikanern zu der Erkenntnis: »We are eating fuels«, was sie aber bei etwas feinerem Geschmacksempfinden auch ohne aufwendige Input-Output-Analysen hätten feststellen können. Ein Liter Öl hat einen Energiegehalt von 8800 kcal, 1500 Liter repräsentieren demnach 13 200 000 kcal. Das heißt: Mit der täglichen Einverleibung von 2000 bis 3000 kcal werden energetisch etwa 36000 kcal beansprucht, wobei der Energieaufwand für die »Veredelungsleistungen« der Lebensmittelindustrie und jene 30 bis 40 Prozent des Stromkonsums, die im Privathaushalt mittlerweile fürs Tiefkühlen, Auftauen und Garen von Lebensmitteln verausgabt werden, noch gar nicht eingerechnet sind.

In Deutschland mögen die Daten etwas weniger extrem sein; aber auch wir essen Öl. Und jede Ölknappheit wird das System dieser völlig ölabhängigen Nahrungsmittelproduktion sofort kollabieren lassen. Dies ist eine völlig neue Situation: Unter den katastrophischsten Umständen - nach Kriegen und extremen Klimaereignissen - hat die landwirtschaftliche Produktion, wenn auch mit Einschränkungen und Notbehelfen, wieder anspringen können. Das kann sie diesmal, nach unserem kurzzeitigen Ausflug ins Schlaraffenland, nicht mehr. Sie steht ebenso still wie alles andere.

Die Klemme: Kein Ausweg

Das »Wachstum, das wir brauchen«, brauchen wir, damit die Zinslasten aus der öffentlichen, gewerblichen und privaten Verschuldung bedient werden können. Dieses Wachstum werden wir aber durch den kommenden Energieengpaß in der physischen Wirtschaft nicht hindurchtreiben können. Mit sich verengenden Wachstumsperspektiven verliert aber das »Zukünftige Sozialprodukt« als der letzte Großbürge für all die Schuldenmassen seine Bonität. Banken oder auch Staaten in den »verdienten« Bankrott zu schicken, ist keine Lösung, denn deren Schulden sind auf irgendeinem anderen Konto als Vermögen gebucht. Jede durch Insolvenz auf Null gestellte Verbindlichkeit nimmt einen gleich großen Vermögenstitel mit in den Orkus - und keineswegs nur die Bankguthaben der Geldeliten, sondern ebenso Spareinlagen, Lebensversicherungen und Rentenansprüche. Selbst die wölfischen Hedgefonds sind ja auch im Auftrag ganzer Dackelpopulationen unterwegs, die sich von deren Beutelust ein Zubrot im Rentenalter versprechen. Aus dem Bankrott (von Banken oder Staaten) wird also ab einem bestimmten kritischen Punkt ein mit Kettenreaktion und Dominoeffekt um den Globus rasender Gesamtbankrott. Um das zu vermeiden, nimmt gerade der deutsche Staat - ohnehin völlig ausgelaugt, seit er vom »Vater Staat« zur Mutterkuh gegendert wurde - die Schulden der halben Welt auf seine gebeugten Schultern.

Wachstum - bis wie weit?.
Quelle: Frederic Vester, Leitmotiv vernetztes Denken, 1988, S. 41.

Der Weg in eine »Steady-State«-Ökonomie, eine Nachwachstums- oder eine Nachkohlenstoffgesellschaft ist zwar durch die kommende Energieverknappung definitiv vorgezeichnet, aber es gibt keine Idee, wie er ohne ein Stück »Freien Falls« aus der Schuldenfalle hinaus zu erreichen wäre. Das System ist also, um das Mindeste zu sagen, hoch gestreßt und balanciert äußerst mühsam und mit unsicheren Schritten auf dem Grat eines nach allen Seiten steil abfallenden Gipfels. Es wird nach unten gehen - sei es im Stürzen, im Rutschen oder doch, im besten Falle, mit einer heiklen, größte Umsicht erfordernden Kletterpartie. ---

Der Weltenlauf ist offenbar auch eine regulative Veranstaltung zur Behebung von Störungen. Wo ein Zuviel sich aufbaut, da kommt die Hemmung, und wo eine Ermüdung eingetreten ist, da wird befeuert. Die Amplituden schießen manchmal ein sehr weites Stück nach außen. (Und es ist hart, wenn der eigene Lebenskreis ausgerechnet auf diesem Kurvenstück verläuft.) Doch irgendwann, weit früher, als man's merkt und hört, öffnen sich die Ventile, damit die Rückstellkräfte wirksam werden. Und dann - nach welchen Wirren auch immer - kann man wieder aus dem leben, was immer gilt. Und dazu zählt, ganz einfach, daß Bäume niemals in den Himmel wachsen.“

(Ebd., in: Sezession; Dezember 2008, S. 6-11).

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