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Die Lebensphilosophie (Lebensphilosophie) fragt nach Sinn, Ziel und Wert des Lebens, besonders dann, wenn sie sich vom theoretischen Wissen abwendet und der unverfälschten Fülle des unmittelbaren Lebens zuwendet. Sie will das Leben aus ihm selber verstehen und steht auf der Seite des Schöpferischen, der Anschauung, der Mystik, des Gefühls, des Instinkts, also weniger auf der Seite des Intellekts oder des Rationalismus, aber nicht gegen sie (obwohl der Begriff des Irrationalen dies fälschlicherweise oft vermuten läßt Irrational), sondern eher mit ihnen - sozusagen als Ergänzung, als Komplement. Als Begründer der modernen Lebensphilosophie, die zum Teil auch den Arationalismus betont, gilt ein Denker, der ausging vom Rationalisten Immanuel Kant (Kant), weil er ihn, der am Ende des 18. Jahrhunderts die Moderne (das bürgerliche Zeitalter als Zivilisation, also die „moderne Welt“ Moderne) eingeläutet hatte, ergänzen und vor allem überbieten wollte: Arthur Schopenhauer. SchopenhauerSchopenhauer

 

NACH OBEN „Alte Schule“ der Lebensphilosophie

Arthur Schopenhauer (1788-1860) formulierte 1818 im Titel seines Hauptwerks programmatisch seine Philosophie: „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Seine übrigen Werke sind hierzu Kommentar und Detailergänzung. Schopenhauer ging von zwei Sätzen aus: 1.) Die Welt ist an sich Wille. 2.) Die Welt ist für mich Vorstellung. Schopenhauers Hauptwerk beginnt mit dem Satz: „Die Welt ist meine Vorstellung“. Also ist die Welt nach Schopenhauer (im Anschluß an Kant Kant) „meine“ Vorstellung oder „von mir“ abhängig, als Erscheinung bedingt durch die Anschauungsformen Raum und Zeit und durch die Kategorie der Kausalität. Alles, was Objekt ist, kann dies nur in bezug auf ein Subjekt sein. Gerade deshalb aber kann die Welt nicht nur Vorstellung sein: Das Subjekt erkennt wegen der Tatsachen dieser seiner Welt die eigene Bedingtheit als Subjekt. Der Welt als Vorstellung muß also noch etwas als „Ding an sich“ ("Ding an sich") zugrunde liegen. Jeder ist sich selbst in zweifacher Hinsicht gegeben, als „Leib“ und als „Wille“. Zwischen Wille und Leib besteht nach Schopenhauer kein Ursache-Wirkungs-Verhältnis, weil Willensakte und Leibesveränderungen ein Vollzug in zwei Bereichen sind: Der Leib (und analog die gesamte Welt) ist die Objektivation des Willens, das heißt: der Leib (und analog die gesamte Welt) ist der zur Vorstellung gewordene Wille, wobei den Entwicklungsstufen der Welt als Vorstellung Objektivationsstufen des Willens entsprechen. Alle Erscheinungen sind nichts als Objektivationen des einen Willens, der als unerkennbares „Ding an sich“ der Welt zugrundeliegt. Dieser Wille ist ein vernunftloser und blinder Drang (vgl. EvolutionstheorieEvolutionstheorie).


‹—  Arthur Schopenhauer —›
1. Stadium („Winter“)2. Stadium („Frühling“)3. Stadium („Sommer“)4. Stadium („Herbst“)
Vor-/Urdenken: Schopenhauers
„Vor-/Urphilosophie“
Frühdenken: Schopenhauers
„Frühphilosophie“
Hochdenken: Schopenhauers
„Hochphilosophie“
Spätdenken: Schopenhauers
„Spätphilosophie“
(Dauer: 21 Jahre)(Dauer: 10 Jahre)(Dauer: 22 Jahre)(Dauer: 19 Jahre)
1788 bis 18091809 bis 18191819 bis 18411841 bis 1860
Geburt
(22.02.)
„DIE WELT ALS WILLE
UND VORSTELLUNG“
Tod  
(21.09.)
Übergang
    Schule / Studium
|„Grundprobleme
der Ethik“
Frühe
Kindheit
Grund-
Schule
Lehre,
Gymnas.
1809
- 1813
1813
- 1816
1816
- 1819
1819
- 1826
1826
- 1834
1834
- 1841
1841
- 1847
1847
- 1854
1854
- 1860
ErläuterungErläuterung

„Das Wichtigste, was Schopenhauer geleistet hat, entdeckte er bereits sehr früh. Schon mit 30 Jahren veröffentlichte er sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung, von dem aber zunächst kaum jemand Notiz nahm. Doch er hatte etwas gefunden, das bei Kant, bei Hegel und auch sehr vielen anderen Philosophen unberücksichtigt geblieben war. Fast alle gingen sie davon aus, daß der Verstand oder die Vernunft dem Menschen sagt, was er zu tun hat. Und daß die ganze Aufgabe des Menschen nur darin bestehe, sich möglichst nach dem zu richten, was die Vernunft diktiert. Doch Schopenhauer mißtraute dem zutiefst. Und er stellte eine der spektakulärsten Fragen der Philosophie. Sie hieß: »Kann ich wollen, was ich will?«  Die Frage war eine große Provokation, denn es hing sehr viel daran. Wenn es so sein sollte, daß ich nicht wollen kann, was ich will, dann war eigentlich alles im Eimer! Dann war der Wille des Menschen nicht frei. Und wenn es keinen freien Willen gab, dann spielte die Vernunft eigentlich gar keine Rolle mehr. Und was war dann mit dem kategorischen Imperativ (Kategorischer Imperativ), dem »moralischen Gesetz« meines Verstandes? Er würde völlig belanglos, denn die Gesetze meines Handels bestimmte ja gar nicht die Vernunft, sondern der unvernünftige Wille! Und Schopenhauer zog seine Behauptung gnadenlos durch: Die Kommando-Zentrale im Gehirn ist nicht die Vernunft, sondern der Wille. Er ist das Unbewußte, das unser Dasein und unseren Charakter bestimmt. Der Wille ist der Herr, und der Verstand ist sein Knecht. Von den eigentlichen Entscheidungen und geheimen Beschlüssen des Willens bleibt der Verstand ausgeschlossen, er hat gar keine Ahnung von dem, was längst ohne ihn abläuft. Nur der Wille sagt mir, was zu tun ist, und der Verstand folgt ihm. Denn »was dem Herzen widerstrebt, das läßt der Kopf nicht rein« - das ist der springende Punkt. Alles andere ist Geschwätz!“  (Richard D. Precht, Wer bin ich und wenn ja, wie viele?,  2007, S. 148-149). Schopenhauer

Die dem Willen gehorchenden Stufen der Objektivation, von den allgemeinsten Kräften der Natur bis zum Tun des Menschen, setzte Schopenhauer mit den Urbildern (Ideen) der Einzeldinge im platonischen Sinne gleich. (Vgl. Platon Platon). Die Ideen selbst sind Gegenstand der Künste, die die Objektivationsstufen des Willens zur Anschauung bringen. Die Verdrängung des Willens zum Leben ist der Ursprung des Leidens. Dessen endgültige Überwindung erfordert, den Willen zum Leben durch Abtötung der Bedürfnisse in der Askese zur Ruhe zu bringen, wodurch der Eingang ins „Nirwana“, das bewußtseinslose „Nichts“ erreicht wird. Dieser vom Buddhismus (Schopenhauer ist für Sloterdijk der „1. Patriarch des Eurobuddhismus“ Sloterdijk (*1947) lobt Schopenhauer (*1788)) übernommenene und auf den Einzelnen bezogene Erlösungsgedanke ist nach Schopenhauer Ausdruck eines allgemeinen Pessimismus: Die Weltgeschichte hat keinen Sinn, da sie die Objektivation eines blinden Willens ist, dessen Freiheit Schopenhauer aber gleichwohl verteidigte.

Schopenhauer bestand darauf, die gegenwärtige erfahrbare Welt mit einem einzigen Satz erklären zu können: Die Welt ist Wille und Vorstellung. Schopenhauer begann mit der Vorstellung und einer Negation. Kant (Kant) hatte gelehrt, daß die von unseren Sinnen aufgenommene Welt nur Erscheinung ist, und daß die Erscheinung nichts aussagen kann von dem eigentlichen Seienden, dem Ding an sich ("Ding an sich"); daß dies also unerkennbar bleibt. Schopenhauer gab dies zu: die ganze Körperwelt ist ideal, d.h. unsere Wahrnehmung ist dem Denkgesetz unseres Intellekts unterworfen, ist nur innerlich dieses Gesetzes möglich. Subjekt und Objekt bedingen einander. Ohne das Subjekt kann das Objekt nicht gedacht werden. Mit dem Subjekt muß es fallen. Der Intellekt vermag nur aufzunehmen unter der Vorstellung von Zeit und Raum, und in kausalen Verbindungen, undurchbrechlichen Relationen. Zeit und Raum bedingen Nacheinander und Nebeneinander, also die Vielfalt der Erscheinungen; sie sind darum das principium individuationis, Grund des Einzelnen. Schopenhauer schrieb 1813 „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“. Unberührt von den Stürmen dieses Befreiungsjahres schrieb er im Hotel „Ritter“ in Rudolstadt diese Abhandlung als Grundlegung seiner Erkenntniskritik, ja seiner ganzen Philosophie. Der Satz vom Grunde (principium rationis sufficientis, Satz vom zureichenden Grunde Satz vom Grunde) besagt: „Nichts ist ohne Grund warum es sei“. Für alles Bestehende stellt der Satz des Grundes einen Grund fest, aus dem es rechtmäßigerweise abgeleitet oder gefolgert werden kann. In allen seinen Gestalten ist der Satz vom Grunde das alleinige Prinzip und der alleinige Träger aller und jeder Notwendigkeit. „Die Notwendigkeit kommt also nicht dem Dinge an sich zu, sondern der Vorstellung. Nur Notwendiges kann vorgestellt werden.“ Der Satz, daß nichts ist ohne zureichenden Grund seines Seins, wurzelt in folgenden 4 Bereichen: I.) den anschaulichen empirischen Vorstellungen; II.) den Begriffen, also abstrakten Vorstellungen; III.) der a priori gegebenen Anschauung von Raum und Zeit (die also für Schopenhauer nicht absolut sind); IV.) im menschlichen Willen, der, innerhalb der Erscheinungswelt, streng kausal unter der Wirkung der Motive handelt. Eine jede Handlung ist die unausbleibliche Folge des Zusammentreffens eines Motivs mit einem bestimmten Willen. Der Intellekt also baut die ganze Vorstellungswelt auf. Sie ist an die Vergänglichkeit des Subjekts gebunden. Über das eigentlich Seiende, das Unveränderliche, Ungeteilte, Unbedingte, Freie sagt sie nichts. Bis dahin glaubte Schopenhauer mit Kant einig zu sein. Nun aber machte er die Entdeckung des Dinges an sich, und zwar in seinem eigenen Wollen. Ein jeder hat die Erfahrung, die Erkenntnis seines eigenen Wollens. Sie ist unmittelbare Realität, nicht Anschauung, nicht leere Form, nicht als Gesetz der Vorstellung a priori gegeben. Der Wille ist das unmittelbar Bekannte; und von ihm ausgehend - nicht umgekehrt - ist der Weg zu suchen zum mittelbar Bekannten, der in der Vorstellung erscheinenden Körperwelt. Der Wille ist der „Schlüssel zu allem Andern“, die „enge Pforte zur Wahrheit“. Die ganze vom Intellekt aufgebaute Welt ist Objektivierung des Willens in ihm. Das ist die kühne Verknotung höchst verschiedener Erfahrungen, Schopenhauers einziger Gedanke, absurd für die Einen, genial für die Anderen, vielleicht eine geniale Absurdität. Diese Verknotung ist nicht zu erklären: er verzichtet darauf. Sie ist eben der „Weltknoten“, die Tatsache, die angenommen werden muß. Laut Schopenhauer ist der Wille das Seiende, unabhängig von Raum, Zeit, Kausalität, jeglicher Relation. Er ist das Wesen des Subjekts und der Welt, in der und mit der wir sind. Der Wille hat den Intellekt als sein Instrument geschaffen, aufnehmendes, vergängliches, dem principium individuationis (als dem Grund des Einzelnen) unterworfenes Bewußtsein - während der Wille unsterblich ist und, als Absolutum, unteilbar, das unauslöschliche Feuer, in das alle Erscheinungen zurückstürzen; aus dem neue in Ewigkeit aufsteigen werden. Die Individuen sind für den Willen nichts. Innerhalb der Erscheinungswelt zerteilt er sich in sie ohne Unterlaß, opfert er sie rücksichtslos. Tod ist ja nicht Tod, ist nur eine Phase sich fortgebärenden, unersättlichen Lebens. Vergleich

Wie bereits gesagt: Alles, was für die Erkenntnis da ist, also diese ganze Welt, ist Objekt in Beziehung auf ein Subjekt, ist Anschauung des Anschauenden, mit einem Wort: Vorstellung. Also: kein Subjekt ohne Objekt, kein Objekt ohne Subjekt. Doch diese Erkenntnis genügte Schopenhauer nicht. Wir fragen, ob diese Welt nichts weiter als Vorstellung sei, und was, wenn sie noch etwas anderes ist. Wir erkennen nun: das als Individuum erscheinende Subjekt des Erkennens findet als sein innerstes Wesen den Willen, und zwar aus der Erfahrung seines Leibes; er ist auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: als Vorstellung, als Objekt unter den Objekten, zugleich aber auch als das jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet. Also: Der Leib ist die Objektivation des Willens: der Wille ist das Ansich des Leibes. Diese Erkenntnis ist der Schlüssel zum Wesen jeder Erscheinung in der Natur; alle Objekte müssen ihrem inneren Wesen nach dasselbe sein, was wir an uns Wille nennen. Der Wille ist das „Ding an sich“ ("Ding an sich"), also ist er auch das innerste Wesen des Menschen. Der Wille als Ding an sich liegt außer aller Zeit und allem Raum, wie auch außer aller Kausalität: er ist grundlos, ursachlos, ziellos und erkenntnislos. Sobald er sich der objektiven Erkenntnis darstellt, zeigt er sich in Raum und Zeit dem principium individuationis unterworfen und wird dadurch Wille zum Leben. Die durch Raum und Zeit bestimmten Objekte (Vorstellungen) betrachtet die Wissenschaft (Wissenschaft) am Leitfaden der Kausalität. Darüber hinaus vermag allein das Genie in der Kunst durch reine Kontemplation und ungewöhnliche Kraft der Phantasie die ewigen Ideen aufzufassen und darzustellen, in der Poesie, der bildenden Kunst, der Musik. Die Musik nimmt eine besonders hohe Stellung ein, da sie nicht wie die anderen Kunstgattungen die Ideen abbildet, sondern die unmittelbare Objektivation des Weltwillens in uns ist.

Der Wille muß immer streben, weil Streben sein alleiniges Wesen ist, dem kein erreichtes Ziel ein Ende macht, das daher keiner endlichen Befriedigung. d.h. keines Glückes, fähig ist. Laut Schopenhauer ist jede Lebensgeschichte Leidensgeschichte: „Der Lebenslauf des Menschen“ besteht darin, „daß er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt.“ Die ganze Natur ist ein unbarmherziger Kampf ums Dasein. Sie ist ein „Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist“. Was alles Wirkliche kennzeichnet, ist „der endlose, aus dem Leben wesentlich entspringende Schmerz, davon die Welt übervoll ist.“ So zeigt sich: Diese ist „an allen Enden bankrott“. Sie ist, entgegen Leibniz (Leibniz), der sie für die bestmögliche hielt, die schlechteste aller möglichen Welten. In summa: Die Welt ist etwas, was nicht sein sollte. Mitleid ist nach Schopenhauer das Fundament der Moral. Das Gefühl des Mitleids bezieht sich nicht nur auf Menschen, sondern, was für Schopenhauer besonders wichtig war, ebenso auf Tiere. Aus Egoismus entspringt das Böse, aus Mitleid das Gute. Das ist das Grundprinzip der Ethik Schopenhauers. Ihr gemäß wird der das Leiden schaffende Wille durch die Tat des Mitleids verneint. Die Verneinung des Willens zum Leben kann also in letzter Konsequenz nichts anderes sein als die Aufhebung des Individuationsprinzips oder gar der Übergang ins Nichtsein, ins Nichts (Nirwana).

Diese radikale Skepsis - ein Nihilismus (Nihilismus) - ist eine Reaktion auf die Ideale bzw. auf den Idealismus (Idealismus). Der faustische Nihilist flüchtet vor den (alten) Idealen bis ins Unendliche, der apollinische Nihilist enthält sich ihnen bis zur Unerschütterlichkeit. Alle Kulturen folgen der Notwendigkeit eines Skeptizismus (radikal: eines Nihilismus). Die Richtungen des „Entgegengesetzten“ in Antike und Abendland sind jedoch ebenfalls gegensätzlich, weil auch diese beiden Kulturen gegensätzlich sind: Faustisch versus apollinisch und Unendlichkeitsraum versus Einzelkörper kommen auch in der „Selbstverneinung“ deutlich zum Ausdruck. Für Schopenhauer war der Tod der Musaget der Philosophie, ein Musenanführer, Freund, Förderer, d.h. rettende Verneinung des Willens zum Leben, die zur Aufhebung des Individuationsprinzips führt, also zum Übergang ins Nichtsein (Nirwana).

Schopenhauers Nihilismus ist durchaus buddhistisch: sein Nichts ist Erlösung. Es bedeutet schon zu Lebzeiten Klarsicht, Einsicht ins Wesen der Welt durch Kontemplation. Denn Kontemplation ist Stillegung des auf Leben und Fortzeugung drängenden Willens, welcher nach Schopenhauer der Grund der Welt ist. Auf diese Weise wußte Schopenhauer alles, ähnlich wie Hegel (). Und er insistiert mit Penetranz und Polemik auf der absoluten Wahrheit seiner Weltsicht. Kant (Kant), d.h. Kants Wahrheit - „die Welt ist meine Vorstellung“ - wurde zu Schopenhauers Ausgangspunkt. Schopenhauer fand sie in der indischen Philosophie bestätigt, in der Lehre vom Schleier der Maja, die die Welt der Vielheit, der Individuation in Raum und Zeit, zum Schein erklärt. Hinter den Schleier der Erscheinungswelt „blicken“ wir, wenn wir des Weltwillens gewahr werden, dessen Objektivation wir, wie jede andere Kreatur, sind. Dieses Gewahrwerden ist das Gefühl des Mitleids beim Leid anderer. Und Leben ist wesentlich Leiden, Verbrauch der Individuen beim Kampf ums Dasein und um Fortzeugung. Nur Mitleiden ermöglicht unegoistisches oder selbstloses und das heißt: moralisches Handeln, so Schopenhauer. Damit stellte er den eigenen, egoistischen Willen ab. Die Urbilder (oder Ideen) der Willensobjektivation erkennen wir kontemplativ, d.h. bei meditativ abgestelltem Willen, in der Kunst, besonders in der Musik.

„Philosophie und Kunst lagen für Schopenhauer auf dem halben Weg zur Erlösung,
sie verwirklichen einen Weltabstand durch Kontemplation.“ (Safranski (Nietzsche)). Seinen eigenen
Gedanken gegenüber erschien Schopenhauer, was von allen früheren Philosophen
- außer Platon, Aristoteles, Kant und vielleicht noch einigen englischen Philosophen -
gedacht worden war, als „flach“. Er war „der heimlicher Kaiser der Philosophie“.

Schopenhauers einfache übersichtliche Konzeption der „Welt als Wille und Vorstellung“ hatte erst spät, nach dem Scheitern der 1848er Revolution, ihre größte Wirkung, besonders auf Künstler und Literaten. Die berühmtesten Beispiele: Richard Wagner (1813-1883), Thomas Mann (1875-1955) und selbstverständlich Schopenhauers Schüler Friedrich Nietzsche (1844-1900), der auch in seinen Schriften von seinem Lehrer Schopenhauer als Erzieher sprach (vgl z.B.: Friedrich Nietzsche, Schopenhauer als Erzieher, in: 1874Nietzsche (Werke)) sowie dessen Schüler Sigmund Freud (1856-1939 Freud), der im „Willen“ Schopenhauers sein „Unbewußtes“ entdecken konnte. (Schopenhauer-Freud). Als nachhaltig, nämlich die heutige evolutionäre Erkenntnistheorie hervorbringend, erwies sich auch die naturalistische Wende, die Schopenhauer der Kantschen Erkenntnistheorie (Kant) gab. Die „Schopenhauersche Wende“ bestand darin, daß Schopenhauer das Kantsche Erkenntnisvermögen (das transzendentale Ich) mit dem Gehirn als Erkenntnisapparat identifizierte. Die Welt, wie wir sie sehen, die sogenannte Vorstellungswelt, ist demnach ein Gehirnerzeugnis. Dann stehen wir aber vor einem Paradox, das Schopenhauersche Gehirnparadox: die Vorstellungswelt ist ein Produkt des Gehirns und das Gehirn zugleich ein Teil der vorgestellten Welt. Man kann sich vor diesem Paradox nur in einen hypothetischen Realismus flüchten, wie es unsere heutige evolutionäre Erkenntnistheorie macht. Man nimmt dann an, es gäbe eine reale Welt, nämlich das Weltall mit seinen Galaxien, Sternen und ihren Planetensystemen sowie unserem Planeten Erde mit seiner Evolution der Lebewesen bis hin zum Menschen, in dessen Bewußtsein sich nun vermöge seines Gehirns die Welt gewissermaßen selbst abbildet. Die sinnliche Abbildung durch die Wahrnehmung ist dabei nur eine beschränkte, z.B. verschieden von der Wahrnehmungswelt eines jeden anderen Menschen, eines Elefanten oder einer Maus, eines Fisches oder einer Zecke u.s.w.; aber die Naturwissenschaft mit ihrer Erweiterung unserer Erfahrungsmöglichkeit durch Instrumente, die dann auch z.B. Ultraschall registrieren, liefert dem Menschen eine stetig wachsende Erfahrung von Realität - sie scheint immer vollständiger zu werden, aber sie ist eben (immer noch) nicht vollständig.

Schopenhauer ging es überhaupt nicht um Popularität. Der „Beifall der Menge“ hatte für ihn, wie er in seinen Werken oftmals betonte, „keinen Wert“. Irgendwelche billige Effekthascherei war ihm völlig fremd. Er legte zwar größten Wert darauf, seine Philosophie verständlich und anschaulich darzustellen, machte aber dabei, was ihren Inhalt betrifft, keine Kompromisse. Medizin, die hilft, schmeckt - das kann jeder aus eigener Erfahrung bestätigen - zumeist bitter. Süße Verlockungen hingegen sind zwar wohlschmeckend, haben aber nicht selten bittere Folgen. Der Erlösungsgedanke, der in der Tiefe der Philosophie Schopenhauers (wie übrigens auch im Buddhismus) enthalten ist, liegt nicht an der Oberfläche und verspricht daher nicht den schnellen Trost, der von manchen anderen Lehren und deren Heilspropheten angeboten wird (ob solche - mitunter fast marktschreierisch aufgedrängten - Verheißungen den Menschen auf Dauer wirklich helfen, sei doch dahingestellt). Popularität ist noch kein Beweis für den geistigen Rang einer Person und die Bedeutung ihres Werkes, die mitunter weit über ihre Zeit hinausreichen kann. Schopenhauer ist hierfür wohl das beste Beipiel: Er mag zwar nicht besonders populär sein, dennoch darf sein Einfluß auf das europäische Geistesleben nicht unterschätzt werden. So hat Arthur Hübscher (1897-1985), langjähriger Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft, hierzu in seinem Buch, das - auf Schopenhauer bezogen - den bezeichnenden Titel „Denker gegen den Strom“ trägt, auf die weitreichende Wirkung Schopenhauers hingewiesen. Schopenhauers unmittelbare und mittelbare Nachfolger bzw. Schüler sowie Theodor Fontane (1819-1898) und Wilhelm Busch (1832-1908) sind hierfür wenige unter vielen Persönlichkeiten, deren Denken und Werke von Schopenhauer erheblich beeinflußt wurden. Selbst dort, wo Schopenhauers Name nicht erwähnt, ja vielleicht sogar bewußt verschwiegen wird, sind oft deutliche Spuren Schopenhauerscher Philosophie nachzuweisen. Und nicht zufällig begründete Schopenhauer die Lebensphilosophie als eine der modernen Schule der abendländischen Philosophie.

 

NACH OBEN

Tatsächlich wurde die von Schopenhauer begründete Lebensphilosophie wie seine Willensmetaphysik nicht nur zur Modephilosophie des 19. Jahrhunderts, sondern auch ein Wegbereiter für Nachfolger und Nachahmer. Solch einer war wohl tendenziell bereits Sören Kierkegaard (1813-1855 ) mit seinem Existenz-Subjektivismus. Man darf gerade Kierkegaards Lebensphilosophie auch Existenzphilosophie nennen. (). Seine Lebensphilosophie ist Nachahmung und Seitenlinie der Schopenhauer-Philosophie; der Schopenhauer-Nachfolger Kierkegaard begründete einen „Zweiten Schopenhauer-Bildungsweg“ (eine „Abendschule der Alten Schule“ Schema (Abbildung oben)): eine „Zweite Bildungschance für besonders Traurige“! Er nahm es mit dem Pessimimus besonders ernst, denn sein Leben war ein besonders unglückliches Leben. Aufgewachsen in häuslicher Atmosphäre christlichen Schuldbewußtseins und mit einem starken Hang zur Melancholie, den er wohl von seinem Vater geerbt hatte, begann er sehr früh, diese Melancholie hinter Sarkasmus und Ironie zu verstecken. Wie später Nietzsche (), vermochte er es nicht, „ein Mädchen glücklich zu machen“. Das schrieb er 1841 an seine Braut Regine Olsen und löste damit die Verlobung. Im selben Jahr war er Hörer Schellings (); wandte sich später jedoch schroff gegen ihn und Hegel () und bekämpfte die Unangemessenheit der Philosophie als reiner Theorie des absoluten Geistes zur existierenden Wirklichkeit und zur wirklichen Existenz des Menschen. Kierkegard hatte sich gegen Hegel gewandt, weil in dessen vom Weltgeist regierten System für den Einzelnen kein Platz und kein Sinn war. Diese Wendung hatte aber auch schon der späte Schelling gemacht, dessen Vorlesungen Kierkegaard in Berlin gehört hatte. Schelling sprach auch erstmals von „Existenz“ und dem „reinen Daß“, von dem seine positive Philosophie ausgeht.
»Wenn Gott nicht selber die Wiederholung gewollt hätte, dann wäre die Welt nie entstanden ..., deshalb besteht die Welt und besteht dadurch, daß sie eine Wiederholung ist, das ist die Wirklichkeit und der Ernst des Daseins.« (Sören Kierkegaard, Die Wiederholung, 1843, S. 8 Kierkegaard).
Auf der Wiederholung ruht offenbar der „Bestand der Welt - womit gegen das Einmalige nichts gesagt ist, außer daß man es mißbraucht, wenn man nur um das Goldene Kalb »Ereignis« tanzt. Es liegt in der Natur der naturen, Wiederholungssysteme für das Bewährte zu sein, und für Kulturen gilt das in nahezu gleichem Maß. Gott selbst muß das meiste durch die Routinen der Natur tun lassen und kann nur hin und wieder von seiner ontologischen Waffe Gebrauch machen.“ (Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern, 2009, S. 505). Mit dem oben zitierten Satz spricht Kierkegaard vom Reflexionswissen der Modernen her, und dem sollte später Nietzsche () hinzuzfügen, daß der Stil der Mensch selbst ist - vorausgesetzt, man weiß, daß Stil eine Kulturgestalt der Wiederholung bezeichnet.

Kierkegaards einziger Gegenstand war sein Leben, seine Existenz. Seine Philosophie ist Autobiographie - wie bei Nietzsche auch. Kierkegaard war der Meinung, daß man auch durch eine lebenslange Beschäftigung mit Logik nicht selbst zur Logik wird, sondern man „existiert selbst in anderen Kategorien“. Kierkegaard unterschied drei Existenzweisen: die ästhetische, die ethische und die religiöse, je nachdem man nach Genuß strebe, oder unabhängig vom Äußeren nach moralischen Maßstäben lebe, oder im Glauben. - Später sollte Heidegger () in seiner Existenzphilosophie solche Kategorien des Existierens „Existenziale“ nennen und sein Denken dann bereits „Hermeneutik des Daseins“ heißen. (). Kiergegaard schrieb, daß der Denker, der vergißt, ein Existierender zu sein, den Versuch mache, mit dem Menschsein aufzuhören und selbst zu einem Buch oder einem objektiven Etwas zu werden. Das Dasein spottet dessen, der im Begriff ist, rein objektiv werden zu wollen. Die einzige Wirklichkeit, um die ein Existierender nicht bloß weiß, ist seine eigene Wirklichkeit, daß er da ist.

In Kierkegaards Schriften geht es fast immer um das Zerbrochen- und Sinnlos-Sein der Welt, auf das Angst und Verzweiflung die Antwort sein muß. (Vgl. Kierkegaard, Der Begriff der Angst, 1844). Kierkegaard war gegen jedes Sichstützen auf die Außenwelt, die er lediglich als „ästhetisch“ ansah, und mißtraute auch der selbstverantworteten Innerlichkeit, d.h. dem Ethischen. Kierkegaard war für die gänzliche Preisgabe des Selbst an Gott, denn das war für Kierkegaard Leben im „Religiösen“, freilich auch im „Paradoxen“. (Vgl. Kierkegaard, Chrisliche Reden, 1848). Dabei bekundete Kierkegaard schärfste Ablehnung des offiziellen Christentums der Christenheit, das die klare Forderung des wahren Christentums verleugne: „existentiell“ zu denken, ganz dem Absoluten zu leben, in rückhaltloser Hingabe an die christliche Wahrheit, selbst bis zum Martyrium. Deshalb knüpfte auch die dialektische Theologie an Kierkegaard an, dessen Verdienst aber eigentlich mehr darin liegt, die „Alte Schule“ (Schopenhauer-Schule Schema (Abbildung oben)) um eine weitere Komponente, die durchaus noch zu dieser „Alten Schule“ zu zählen ist (vielleicht als „B-Klasse“?), bereichert zu haben - eine Variante der Lebensphilosophie: Existenzphilosophie.

 

NACH OBEN „Mittlere Schule“ der Lebensphilosophie

Friedrich W. Nietzsche (1844-1900 Nietzsche) wollte von der Philosophie nicht mehr lassen, als ihm Schopenhauers Werk (Die Welt als Wille und Vorstellung Alte Schule) in die Hände kam. „Er hatte im Oktober 1865 in einem Leipziger Antiquariat die beiden Bände der »Welt als Wille und Vorstellung« entdeckt, gekauft und sogleich durchgelesen und war danach, wie er in einer seiner Autobiographien berichtet, einige Zeit wie im Rausch herumgetappt: die von der Vernunft, dem historischen Sinn und der Moral zurechtgemachte Welt sei nicht die eigentliche Welt, las er dort. Dahinter oder darunter braust das wirkliche Leben: der Wille.“ (Safranski (Nietzsche)). Nietzsches Philosophie ist von Schopenhauers Willensmetaphysik und vom Kampf-ums-Dasein-Prinzip seiner Zeit stark beeinflußt. Der „Kampf ums Dasein“ stammt also ursprünglich von Schopenhauer und nicht von Darwin, der Schopenhauer nur kopierte - 40 Jahre später. (Darwin). Nietzsche wollte von dieser Basis aus den neuen Menschen, den „Übermenschen“, schaffen, dessen Aufgabe es sein sollte, alles Verlogene, Krankhafte, Lebensfeindliche zu vernichten. In seiner 1874 „verfaßten Abhandlung über Schopenhauer spricht Nietzsche deutlich aus, daß ihm Schopenhauer nicht nur ein Lehrer, sondern vor allem ein Erzieher gewesen ist. Den wahrhaften Erzieher definiert er dort als Befreier (Schopenhauer als Erzieher, 1,341Nietzsche), der einer jungen Seele dabei hilft, das Grundgesetz des eigentlichen Selbst zu entdecken.“ (Safranski (Nietzsche)).


‹—  Friedrich Nietzsche —›
1. Stadium („Winter“)2. Stadium („Frühling“)3. Stadium („Sommer“)4. Stadium („Herbst“)
Vor-/Urdenken: Nietzsches
„Vor-/Urphilosophie“
Frühdenken: Nietzsches
„Frühphilosophie“
Hochdenken: Nietzsches
„Hochphilosophie“
Spätdenken: Nietzsches
„Spätphilosophie“
(Dauer: 20 Jahre)(Dauer: 12 Jahre)(Dauer: 7 Jahre)(Dauer: 17 Jahre)
1844 bis 18641864 bis 18761876 bis 18831883 bis 1900
Geburt
(15.10.)
INNERLICHER „BRUCH“
MIT RICHARD WAGNER
Tod  
(25.08.)
Übergang
    Schule / Studium
|„Also sprach
Zarathustra“
Frühe
Kindheit
Grund-
Schule
Gym-
nasium
1864
- 1868
1868
- 1872
1872
- 1876
1876
- 1878
1878
- 1880
1880
- 1883
1883
 -1885
1885
 -1889
1889
- 1900
ErläuterungErläuterung

- 3 große Denkstadien in Nietzsches Leben -
1.) Nietzsches geistiger Weg begann mit einer Verehrung all dessen, was als kulturelle Schöpfung aus der Vergangenheit
an die Gegenwart überliefert war. Diese 1. Stadium endete damit, daß der Glaube an die Kultur zerbrach.
2.) Nietzsche entdeckte die „Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles“, kurz: des Nihilismus. Nietzsche
begriff es als seine Aufgabe, den Nihilismus in sich selbst auszutragen. So, wie er sich sah, war er
„der erste vollkommene Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon zu Ende gelebt hat“.
Nietzsche wollte enthüllen, entlarven und zeigen, daß und wie die Gegenwart nihilistisch war.
Nihilismus bedeutete für Nietzsche zum ersten: Es ist nichts mit der Wahrheit. Alles ist falsch.
Nihilismus bedeutete für Nietzsche zum zweiten: Es ist nichts mit der Moral. Sie ist zweifach.
Nihilismus bedeutete für Nietzsche zum dritten: Es ist nichts mit der Religion. Gott ist tot!
Er fragte sich am Ende dieses 2. Stadiums, ob man beim Nihilismus stehen bleiben kann und
stellte fest: Nihilismus ist nichts Endgültiges. Das Positive an ihm ist, daß er ein Übergang ist.
Durch ihn „ist in Europa eine so prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen. Mit einem so
gespannten Bogen kann man nach den fernsten Zielen schießen.“ Das war die Wende zum 3. Stadium.
3.) Im 3. Stadium kam es Nietzsche darauf an, allem weiter wirkenden Nihilismus zum Trotz das Leben zu bejahen. Darum
erblickte er jetzt im Nihilismus „das hoffnungsvollste aller Schauspiele“. Neu zu schaffen war vor allem die
zerbrochene und entlarvte Moral. Der Philosoph mußte „neue Werte auf neue Tafeln schreiben“. Das heißt:
„Umwertung aller Werte“. Dies solle aber nicht aus einem Glauben an eine Transzendenz heraus geschehen,
sondern ausschließlich vom Menschen her. Das „schaffende, wollende, werdende Ich“ wurde nun das Maß
und der Wert aller Dinge; der Grundwert der neuen Wertordnung: das Leben. Die Bestimmung, über sich
hinaus zu drängen, kommt nicht nur dem menschlichen Dasein zu, denn Nietzsche verstand sie als Grundzug
des Lebens, des Seins überhaupt. Alles, was ist, hatte für Nietzsche den Charakter des „Willens zur Macht“.
„Was mir die Welt ist?  Ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, die sich nicht verbraucht, sondern
nur verwandelt - vom Nichts umschlossen ....“ Dieses Leben in Schaffen und Zerstören hat nichts, worauf es
zugeht, keinen Zweck und kein Ziel. Darum ist es im tiefsten Wesen nihilistisch. Bejahung des Lebens heißt
also zuletzt Bejahung des nihilistischen Charakters des Lebens. Das höchste Symbol dafür war für Nietzsche
der Gedanke der „ewigen Wiederkehr“: Alles, was je gewesen ist, kommt wieder. Damit ist das Äußerste des
Nihilismus erreicht: „Das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein
Finale ins Nichts: ›die ewige Wiederkehr‹. Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das Sinnlose)
ewig.“ Die Rettung aus dem Nihilismus sah Nietzsche darin, eben dieses sinnlose Dasein zu bejahen und so in der
Mitte der Sinnlosigkeit Sinn zu schaffen. „Ein frei gewordner Geist steht mit einem freudigen und vertrauenden
Fatalismus mitten im All, im Glauben, daß nur das Einzelne verwerflich ist, daß im Ganzen sich alles erlöst und
bejaht - er verneint nicht mehr.“ Darum war der tiefste Ausdruck der Haltung Nietzsches die Liebe zum Schicksal:
„ A M O R   F A T I “ .

Galt Nietzsches Buch Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) zum nicht geringen Teil als stilistisch beschwörend und zum geringen Teil als orakelhaft, so operierte er mit seinen im Februar und im März 1872 gehaltenen Vorträgen „Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ mit dem „Versuch platonisierender Dialoge. Hier trat Nietzsche erstmals als Kritiker der deutschen Kultur an die Öffentlichkeit: Das Ideal der strengen Wissenschaft mit seiner Spezialisierung verringere Bildung, vernichte sie sogar, da die Arbeitsteiligkeit das Wissen um Zusammengehörendes aufsprenge. Der Journalismus werde zur Kommunikationsform der Industriegesellschaft, die dieses Defizit aufzufangen versuche, dabei aber nur einen Zerrspiegel wahrer Bildung produziere. Der Journalist werde zum Diener des Augenblicks, er trete an die Stelle des großen Genius. Nietzsche zeichnete in diesen Vorträgen künftige Bildungsdebatten vor.“ (Bernd Kettern, in: BBKL ). Nietzsche erfaßte die Schwächen des Kulturbetriebes sehr hellsichtig. Auch Nietzsche wollte - jedenfalls während seines frühphilophischen Stadiums (NietzscheNietzsche) -, daß am deutschen Wesen und besonders am deutschen Geist die Zeit, Europa und die Welt genesen sollte. Anders als heutige Verantwortliche aus Politik, Lobby, Medien, Bildung u.ä., die nachweislich wollen, daß vom deutschen Wesen namens „Sozialamt“ aus die Welt geneseen soll, wollten Nietzsche und fast alle seiner Zeitgenossen, daß deutschen Wesen und besonders am deutschen Geist die Welt genesen soll, weil Deutschland nachweislich mit weitem Abstand führend in der Welt war (und geblieben istDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschland)!

In seinem Buch Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) sah Nietzsche die Welt an sich, also das, was Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) den „Willen“ (Alte Schule) nannte,, in Dionysos, dem griechsichen Gott des Rausches, der Auflsöung von Individuation und Irrationalem, und die Erscheinungswelt, die Schopenhauer „Vorstellung“ (Alte Schule) nannte, in Apollon, dem griechischen Gott des Traumes, der Individuation und des Rationalen, repräsentiert. Nietzsche plädierte für die Wiederkehr der dionysischen Weltsicht, der Tragödie - aus dem Geiste der Wagnerischen Musik. Zu dieser Zeit stand Nietzsche ganz im Banne der Persönlichkeit Richard Wagners, der ein Anhänger Schopenhauers war.

Nietzsches „Lehrer“ und „Erzieher“ Schopenhauer hatte den Willen zum Leben noch verneint, sein „Schüler“ und „Zögling“ Nietzsche bejahte ihn jetzt. Aber Nietzsche glaubte fest an Schopenhauer und seine 2 Grundideen: I.) die Idee, „der zufolge die Welt ihrer inneren Natur nach nicht etwas Vernunft- und Geistartiges ist, sondern Drang und dunkler Trieb, dynamisch und sinnlos, gemessen am Maßstab unserer Vernunft“ (Safranski (Nietzsche)), II.) die Idee als „die von Schopenhauer unter dem Titel der Willensverneinung beschriebene Möglichkeit einer transzendierenden Erkenntnis. Keine Transzendenz im religiösen Sinne, kein jenseitiger Gott sind hier im Spiel, aber es soll eine Gelassenheit möglich sein, die das gewöhnliche egoistische Verhalten überwindet. Ein Freiwerden von der Macht des Willens, ein ans Wunder grenzender Vorgang, der von Schopenhauer auch als eine Art Ekstase beschrieben wurde. An dieser Mystik der Verneinung fasziniert Nietzsche nicht so sehr das »Nein«, sondern die Kraft eines Willens, der sich gegen sich selbst, also gegen seine gewöhnlichen Antriebe wendet. Diese souveräne Steigerung des Willens bis zu jenem Punkt, wo er sich gegen sich selbst kehrt, wird Nietzsche später in der dritten »Unzeitgemäßen Betrachtung« über Schopenhauer ... als die Emanzipation von der Thierheit bezeichnen. Sie gelingt den Nicht-mehr-Thieren, es sind die Philosophen, Künstler und Heiligen, bei denen das Ich ganz zusammengeschmolzen ist und dessen leidendes Leben nicht oder fast nicht mehr individuell empfunden wird, sondern als tiefstes Gleich- Mit- und Eins-Gefühl in allem Lebendigen: des Heiligen, an dem jenes Wunder der Verwandlung eintritt, auf welches das Spiel des Werdens nie verfällt, jene endliche und höchste Menschwerdung, nach welcher alle Natur hindrängt und -treibt, zu ihrer Erlösung von sich selbst (in: Unzeitgemäße Betrachtungen, 1,380 und 1,382). Später wird Nietzsche diese Inversion des Willens als Askese deuten und als Triumph eines Willens, der noch lieber das Nichts will als nicht zu wollen. Dieses »Nichts«, das da gewollt wird, versteht Nietzsche als Negation der nützlichen, lebensdienlichen, auf Selbstbehauptung fixierten Einstellungen.“ (Safranski (Nietzsche)). Nietzsches Denken war aufs innigste mit seinem Leben verbunden. Darum waren die Wandlungen, die bei ihm der Gedanke durchmachte, immer auch Stadien seines Existierens. Von ihm selber gilt, was er Zarathustra sagen läßt: „Drei Wandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.“ (in: Also sprach Zarathustra, S. 25). Das Kamel meint das Stadium der Ehrfurcht, des Glaubens an Ideale, des geduldigen Tragens des Überlieferten. Der Löwe symbolisiert das Zerbrechen dieses Glaubens, die Zeit des freien Geistes, des Durchlebens des Nihilismus. (Nihilismus). Das Kind schließlich weist auf das Suchen nach der Überwindung des Nihilismus hin; es ist das Stadium des unschuldigen Jasagens zum Leben, die Zeit einer neuen Gläubigkeit.

Schopenhauers Willensverneinung war also für Nietzsche nicht Verneinung, sondern gesteigerte Bejahung, verstanden als Sieg des geistigen Willens über den naturhaften Willen. Nietzsches Philosophie sollte an die Stelle eines philosophischen Nihilismus treten, den er überall sah und durchlebte. Sein Kampf richtete sich gegen das Christentum, von dem er behauptete, es erzeuge eine „Sklavenmoral“, gegen das Bürgertum, dessen Moral er für verlogen hielt, und gegen den Pöbel, der alles Edle und Hohe bedrohe. Sklavenmoral (oder: Herdenmoral) und Herrenmoral sind nach Nietzsche zwei Grundtypen der Moral. Der Schwache und Unterdrückte bilde, als Ausgleich seines Ressentiments gegen seinen „Herrn“ eine Moral aus, in der Schwache und Unterdrückte Höchstwerte sind; z.B. sind nach Nietzsche (in: Genealogie der Moral, 1887 Nietzsche) die christlichen Werte der Demut und des Mitleids so entstanden und müßten deshalb durch entsprechende Werte einer Herrenmoral ersetzt werden, durch Distanzgefühl, Machtbewußtsein u.s.w.. Nietzsches Modell des Übermenschen ist der Herrenmensch. Nietzsches metaphysische These lautet: Alles, was ist, auch das menschliche Erkennen, ist Erscheinungsform des Willens zur Macht; es gibt kein absolutes Sein, sondern Sein ist Werden, aber kein endloses Neuwerden, sondern „ewige Wiederkehr“ dessen, was schon unendlich oft dagewesen ist - „die ewige Sanduhr wird immer wieder umgedreht“ (Nietzsche) -; das identische Ich ist eine Fiktion ebenso wie das wahre Sein. Mehr noch als in seiner Metaphysik liegt Nietzsches Bedeutung in dem Beitrag, den er für die Bekämpfung des spekulativen Denkens und vor allem für die Einbeziehung des Denkens in das Leben geleistet hat. Er lehrte einen resignierten „ A M O R   F A T I “: „Schicksal ich folge dir freiwillig, denn täte ich es nicht, müßte ich es ja doch unter Tränen tun!“  Für die spätere Existenzphilosophie sollte auch die folgende Stelle (aus: Schopenhauer als Erzieher, 1874, S. 6 Nietzsche) wichtig werden: „Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem Gewissen, welches ihm zuruft: »Sei du selbst! Das bist du alles nicht, was du jetzt tust, meinst, begehrst«. Jetzt bist du nur ein »öffentlich meinender Scheinmensch«.“ Dieser öffentlich meinende Scheinmensch, den Nietzsches „Sei-du-selbst“ überwinden sollte, läßt sich als eine Vorwegnahme des „Man“ bei Martin Heidegger (1889-1976 ) deuten. Existenzphilosophie

Nietzsches „Amor fati“ ergibt sich natürlich auch aus der „ewigen Wiederkehr“, denn sie beinhaltet auch die geforderte Anerkennung der Tatsache, daß alle höhere Kultur auf Sklaverei beruht (also: auf Entlastung der Herren zu höheren Tätigkeiten; vgl. Herrenmoral) und daß es Sieger und Verlierer gibt; hieraus ergibt sich ja das unbedingte Streben danach, zu den Siegern zu gehören (also: Wille zum Sieg; vgl. „Wille zur Macht“) und das Credo des Fatalismus (also: der Glaube an die Schicksalsmächte; vgl. „Amor fati“). Für Nietzsche war klar, daß wegen der „ewigen Wiederkehr“ auch der Fatalismus wiederkehrt. Nietzsche sah das Ende des Christentums voraus - oder er wollte es voraussehen, weil nämlich gerade das Christentum genau dieser Unterwerfung unter das Schicksal bzw. die Mächte von Glück und Unglück widersprochen und letztlich auch mit seiner Orientierung an der Erlösungsbedürftigkeit aller und am Mitleid mit den Verlierern dem Fatalismus der antiken Kultur ein Ende bereitet hatte. Die Antike begründete ihren Inegalitarismus mit der Überzeugung, daß die Götter selbst - ungerecht, wie sie sind - die Schicksalslose der Sterblichen verteilen. Für Christen jedoch ist vor dem wahren Gott der weltliche Unterschied zwischen Siegern und Verlierern bedeutungslos, denn der christliche Gott ist ein Gott der Überlegenheit über irdische Unterschiede; er unterscheidet nach Heiligkeitsaspekten, wählt die Seinen nach unweltlichen und überweltlichen Kriterien aus, und seine Urteilskraft ist ein Ausfluß der Gnade. Nietzsche aber kam zu dem Schluß, daß diese Einschränkungen und Umkehrungen immer mehr zurückgenommen worden wären und verneinte die Möglichkeit, daß die Unterschiede in der Welt durch die Unterschiede Gottes annulliert werden könnten.

„Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins. Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, Alles grüsst sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins. In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort. Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.“ (Friedrich Nietzsche, Der Genesende, in: Also sprach Zarathustra [III], 1883-1885, S. 268-269).

Nietzsches Lehre beinhaltet 3 große Lehrstücke: (1) „Übermensch“; (2) „ewige Wiederkunft des Gleichen“; (3) „Wille zur Macht“.

„An … der Verknüpfung der drei Lehrstücke vom Übermenschen, von der ewigen Wiederkehr und vom Willen zur Macht wird er weiter arbeiten mit dem Bewußtsein, das Entscheidende immer noch nicht zureichend getroffen und formuliert zu haben.“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 286).

Nicht Freud (Freud), sondern Nietzsche erfand die Psychoanalyse, die deshalb eigentlich Nietzsche-Psychologie genannt werden muß. Auch alle aus der Psychoanalyse hervorgegangenen Psychotherapie-Arten gehen somit auf Nietzsche zurück. Nietzsche lebte im 19. Jahrhundert und als Psychologe bereits im 20. Jahrhundert, denn er und sonst niemand war der Begründer der für das 20. Jahrhundert typischen Psychotherapie (ob das auch noch für spätere Jahrhunderts gelten wird, wird man erst in Zukunft beurteilen können). Die Tatsache, daß Freud von Nietzsche abgeschaut und abgeschrieben und dabei auch noch viele Fehler gemacht hat, bestätigt die Regel, daß das Original besser ist als seine Kopien. Nietzsche war Philosoph (Lebensphilosoph), Philologe, Dichter, Psychologe, Psychagoge, Psychoanalytiker, Psychotherapeut und insofern ein „Genie des Egoismus“ (Rüdiger Safranski), als mit einen Egoisten „nur“ derjenige gemeint ist, der „mit sich selbst gut befreundet sein kann“ und das „Ressentiment“, den Neid und den Haß aus einer Selbstverfeindung heraus nicht (mehr) nötig hat, und genau dieser Egoismus ist auch Ziel der Psychonalyse und jeder der aus ihr hervorgegangenen Psychotherapie-Arten. Egoismus bedeutet für die meisten Psychotherapeuten wie schon viel früher für ihren Übervater Nietzsche etwas Positives, Anzustrebendes, Gesundes.

„Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, - die ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist. - Darf ich noch einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen, der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeiten macht?  Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des Reinlichkeits-Instinkts, so daß ich die Nähe oder - was sage ich ?  - das Innerlichste, die »Eingeweide« jeder Seele physiologisch wahrnehme - rieche .... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner .... Das macht mir aus dem Verkehr mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, daß ich ihn mitfühle .... Meine Humanität ist eine beständige Selbstüberwindung. - Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen, Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden Luft .... Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit .... - Der Ekel am Menschen, am »Gesindel« war immer meine grösste Gefahr .... Will man die Worte hören, in denen Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet?  ....“ (Friedrich Nietzsche, Warum ich so weise bin, in: Ecce homo, 1889, S. 21-22).

„Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe Typus unter dem so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen!
.... Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste Einwand gegen das Dasein bisher?  Gott .... Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süssen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag .... Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne Wagnerische Musik. .... Wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. .... Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab ..., war ich Wagnerianer. Die älteren Werke Wagner's sah ich unter mir - .... Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkleit, wie der Tristan ist, - ich suche in allen Künsten vergebens. Alle Fremdheiten Lionardo da Vinci's entzaubern sich beim ersten Tone des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner's .... Ich nehme es als Glück ersten Ranges, zur rechten Zeit gelebt und gerade unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für den, der niemals krank genug für diese »Wollust der Hölle« gewesen ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine MyStoiker-Formel anzuwenden. - Ich denke, ich kenne besser als irgend Jemand das Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen, zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark genung, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den grossen Wohltäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, daß wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder zusammenbringen ....“  (Friedrich Nietzsche, Warum ich so klug bin, in: Ecce homo, 1889, S. 30, 32, 35-36).
„Dass aus meinen Schriften ein  P s y c h o l o g e  redet, der nicht seines Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter Leser gelangt - ein Leser, wie ich ihn verdiene ....“ (Friedrich Nietzsche, Warum ich so gute Bücher schreibe, in: Ecce homo, 1889, S. 51).
„Ich kenne mein Loos, es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Collision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen  g e g e n  Alles, was bis dahin geglaubt und geheiligt war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. - Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter - Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen. .... Ich  w i l l  keine »Gläubigen«, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen. .... Ich habe eine schreckliche Angst davor, dass man mich eines Tages  h e i l i g  spricht: man wird errathen, weshalb ich dies Buch  v o r h e r  herausgebe, es soll verhüten, dass man Unfug mit mir treibt. .... Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst. .... Vielleicht bin ich ein Hanswurst. … Und trotzdem oder vielmehr  n i c h t  trotzdem - denn es gab nichts Verlogeneres als Heilige - redet aus mir die Wahrheit. - Aber meine Wahrheit ist  f u r c h t b a r :  denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit.  -  U m w e r t h u n g  a l l e r  W e r t h e :  das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos will, dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiss. .... Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadruch dass ich zuerst die Lüge als Lüge empfand - roch. .... Mein Genie ist in meinen Nüstern. .... Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein  f r o h e r  B o t s c h a f t e r ,  wie es keinen gab. Ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen. Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Kampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebtes auf Erden  g r o s s e  P o l i t i k .  - Will man eine Formel für ein solches Schicksal,  d a s  M e n s c h  w i r d? - Sie steht in meinem Zarathustra.
 –   U n d   w e r   e i n   S c h ö p f e r   s e i n   w i l l   i m   G u t e n   w i e   i m   B ö s e n ,   d e r   m u s s   e i n   V e r n i c h t e r   e r s t   s e i n   u n d   W e r t h e   z e r b r e c h e n .
 A l s o  g e h ö r t  d a s  h ö c h s t e  B ö s e   z u r   h ö c h s t e n   G ü t e :   d i e s e   a b e r   i s t   d i e   s c h ö p f e r i s c h s t e .
Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; dies schliesst nicht aus, dass ich der wohltätigste sein werde. Ich kenne die Lust am   V e r n i c h t e n   in einem Grade, die meiner Kraft zum vernichten gemäss ist, - in Beidem gehorche ich neiner dionysischen Natur, welche das Neinthun und das Jasagen zu trennen weiss. Ich bin der erste   I m m o r a l i s t :   damit bin ich der erste   V e r n i c h t e r   par excellence. -“ (Friedrich Nietzsche, Ecce homo, 1889, S. 111-112).

„Die  E n t d e c k u n g  der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das nicht seines Gleichen hat, ein wirkliche Katastrophe. Wer über sie aufklärt, ist ... ein Schicksal, - er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt  v o r  ihm, man lebt  n a c h  ihm. .... Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am Höchsten stand: wer begreift,  w a s  da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher »Wahrheit« hiess, ist als die schädlichste, tückischste, unter irdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, di, Menschheit zu »verbessern« als die List, das Leben selbst  a u s z u s a u g e n ,  blutarm zu machen. Moral als  V a m p y r i s m u s .  .... Wer die Moral entdeckt, hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder geglaubt hat; er sieht in der verehrtesten, in den selbst  h e i l ig  gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die verhängnissvollste Art von Missgeburten darin, verhängnissvoll,  w e i l  s i e  f a s c i n i r t e n  .... Der Begriff »Gott« erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, - in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff »Jenseits«, »wahre Welt« erfunden, um die  e i n z i g e  Welt zu entwerthen, die es giebt, - um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff »Seele«, »Geist«, zuletzt gar noch »unsterbliche Seele«, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank - »heilig« - zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das »Heil der Seele« - will sagen eine folie circulaire zwischen Busskrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff »Sünde« erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff »freier Wille«, um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des »Selbstlosen«, des »Sich-selbst-Verleugnenden« das eigentliche decadence-Abzeichen, das  G e l o c k t-werden  vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-k ö n n e n ,  die Selbst-Zerstörung zum Werthzeichen überhaupt gemacht, zur »Pflicht«, zur »Heiligkeit«, zum »Göttlichen« im Menschen! Endlich - es ist das Furchtbarste - im Begriff des  g u t e n  Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen,  w a s  z u  G r u n d e  g e h n  s o l l  -,  das Gesetz der  S e l e k t i o n  gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht - dieser heisst nunmehr  d e r  B ö s e  .... Und das Alles wurde geglaubt als Moral!“  (Friedrich Nietzsche, Ecce homo, 1889, S. 119-120).

„—  Hat man mich verstanden? —  D i o n y s o s  g e g e n  d e n  G e k r e u z i g t e n  .…“  (Friedrich Nietzsche, Ecce homo, 1889, S. 120).

Untergangserwartung (!!!): „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. .... Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden, denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“ (Friedrich Nietzsche, Der Wille zur Macht, Hrsg.: Elisabeth Förster-Nietzsche & Peter Gast, S. 3).


Das „Moralisieren“, das sogenannte „Verbessern“ u.ä. waren und sind Lügen, wie Nietzsche meinte.

Es gibt „keine moralischen Tatsachen“ (Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 425 bzw. 979Friedrich Nietzsche). „Sowohl die Zähmung der Bestie Mensch, als die Züchtung einer bestimmten Gattung Mensch ist »Besserung« genannt worden .... Die Zähmung eines Tieres seine »Besserung« nennen ist in unsern Ohren beinahe ein Scherz. Wer weiß, was in Menagerien geschieht, zweifelt daran, daß die Bestie daselbst »verbessert« wird. Sie wird geschwächt, sie wird weniger schädlich gemacht, sie wird durch den depressiven Affekt der Furcht, durch Schmerz, durch Wunden, durch Hunger zur krankhaften Bestie. – Nicht anders steht es mit dem gezähmten Menschen, den der Priester »verbessert« hat. Im frühen Mittelalter, wo in der Tat die Kirche vor allem eine Menagerie war, machte man allerwärts auf die schönsten Exemplare der »blonden Bestie« Jagd – man »verbesserte« zum Beispiel die vornehmen Germanen. Aber wie sah hinterdrein ein solcher »verbesserter«, ins Kloster verführter Germane aus? Wie eine Karikatur des Menschen, wie eine Mißgeburt: er war zum »Sünder« geworden, er stak im Käfig, man hatte ihn zwischen lauter schreckliche Begriffe eingesperrt... Da lag er nun, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig; voller Haß gegen die Antriebe zum Leben, voller Verdacht gegen alles, was noch stark und glücklich war. Kurz, ein »Christ«... Physiologisch geredet: im Kampf mit der Bestie kann Krankmachen das einzige Mittel sein, sie schwach zu machen. Das verstand die Kirche: sie verdarb den Menschen, sie schwächte ihn – aber sie nahm in Anspruch, ihn »verbessert« zu haben.“ (Ebd., S. 425-426 bzw. 979-980Friedrich Nietzsche).

„Verbessern“ bedeutet, wenn Moralisten und andere Priester davon sprechen, stets das Gegenteil: „Verschlechtern“, „erniedrigen“, „krankmachen“ u.s.w.. Moralisch argumentieren nur Unmoralische! Unmoralisch ist, wer vorgibt, moralisch „gut“ zu sein. „Gutmemnschen“ sind also „Schlechtmenschen“, also böse Menschen!

Die Sozis (Egalitaristen, Kommunisten, Links-Sozialisten, Links-Feministen, Links-Ökos u.ä.) bemühen die Soziologie, um zu „beweisen“, daß es „moralisch »richtig«“ sei, aus der Unterschicht bzw. den Schlechtweggekommenen mittels Diktatur (des „Proletariats“) eine Ober- bzw. Herrenschicht zu machen, damit die „»klassenlose« Gesellschaft“ (das „Paradies“) geschaffen werden könne. Die Nazis (Nationalsozialisten, Faschisten, Fraternitaristen, Rechts-Sozialisten, Rechts-Feministen, Rechts-Ökos u.ä.) bemühen die Biologie, besonders die Evolutionsbiologie (den Darwinismus, Sozialdarwinismus), um zu „beweisen“, daß es „moralisch »richtig«“ sei, aus einem Volk (einer Nation), einer Volksgruppe oder Rasse eine Ober- bzw. Herrenschicht oder Herrenrasse (Herrscher der Welt) zu machen, damit sie die Welt „»verbessern«“ könne.
In der Natur gilt, daß für alle Lebewesen die Umwelt entscheidend ist für deren Evolution (Geschichte). In der Kultur gilt, daß für alle Kulturangehörigen die Welt dieser Kultur entscheidend ist für deren Geschichte (Evolution).
Alle nichtmenschlichen Lebewesen sind abhängig von ihrer Umwelt, doch der Mensch nur bedingt, weil er es geschafft hat, sich aus seiner Umwelt herauszulösen. Der Mensch hat seitdem seine Welt.
Züchtung findet immer statt - auch und gerade dann, wenn Moralisten und andere Priester (z.B. unsere Politiker) das Gegenteil behaupten, also lügen.
Ein Sozi züchtet nach unten, ein Nazi nach oben.
Ein Sozi züchtet so lange, bis alle Züchtlinge gleich arm, gleich dumm und gleich krank sind. Ein Nazi züchtet so lange, bis die Ungleichheit zementiert ist, d.h. bis seine Herrenrasse unangreifbar die Welt beherrscht.
Beide - Sozis und Nazis - züchten!
Der Sozi läßt die Intelligenten verkümmern, sie ohne (Zeit für) Kinder so lange für die Dummen mit vielen Kindern arbeiten, bis kein Intelligenter mehr übrig ist. (Sprichwort: Gleichheit macht dumm und arm!). Ähnlich wie der Sozi verfährt auch der Liberale, jedenfalls der Links-Liberale. Sie betreiben negative Bevölkerungspolitik, Negativ-Eugenik, d.h. Dysgenik, also: Verschlechterung der Menschen (obwohl sie selbstverständlich das Gegnteil behaupten, also: lügen!), eine „Survival-of-the-Unfittest“-Politik.
Der Nazi tut genau das Gegenteil.

Tiere zähmen oder züchten sich nicht oder nur bedingt selbst. Sie werden von ihrer Umwelt „selektiert“, also letztendlich gezüchtet und vielleicht auch, falls sie „Objekt“ der Menschen werden, gezähmt. Weil Menschen wegen ihrer relativen Unabhängigkeit gegenüber ihrer Umwelt darauf angewiesen sind, sich verhältnismäßig selbst zu „selektieren“, zu züchten und zu zähmen, sind sie dazu verurteilt, zwischen Umwelt und Welt, zwischen Natur und Kultur hin und her zu manövrieren. Deshalb sind sie zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedlich stark auf Umwelt und Welt spezialisiert; sind sie mehr in ihre Umwelt eingebettet, ist ihre Kultur primitiv oder nur schwach ausgeprägt; sind sie mehr in ihre Welt eingebettet, ist ihre Kultur stark ausgeprägt. In diesem Sinne gilt: schwache Kultur bedeutet starke Natur; starke Kultur bedeutet schwache Natur. Eine schwache Kultur hat sich nicht (vgl. Primitvkultur, sogenannte „Naturvölker“) oder noch nicht sehr (vgl. sehr junge Kultur) von der Natur gelöst oder sich ihr wieder angenähert (vgl. ältere, vergreisende und vergreiste Kultur: „Zivilisation“K./Z.); eine starke Kultur hat sich dagegen von der Natur weit entfernt. Der Mensch züchtet um so mehr selbst (im Rahmen seiner Kultur), je mehr er „Welt“, je mehr er Kultur hat und je weniger er sich zähmt. Umgekehrt gilt also: Der Mensch züchtet sich um so weniger selbst (im Rahmen seiner Kultur), je weniger er „Welt“, je weniger er Kultur, je mehr er (noch oder wieder) „Umwelt“je mehr er Natur hat und je mehr er sich zähmt.

Wenn ein Tier Haustier wird, hat der Mensch den Vergleich zu sich selbst, wenn er („Hausmensch“) zivilisiert wird. Das Tier wird vom Menschen zum Haustier gemacht (gezüchtet/gezähmt), der Mensch vom Menschen zum Zivilisationsangehörigen. Während also die Zucht die Kultur allgemein betrifft betrifft, betrifft die Zähmung nur die Zivilisation (= ältere, vergreisende und vergreiste Kultur). Die Zivilisation ist Teil einer Kultur (das gilt logischerweise nicht umgekehrt!K./Z.); die Zähmung ist Teil einer Züchtung (das gilt logischerweise ebenfalls nicht umgekehrt!). Das Zähmen kann nicht vor der Züchtung beginnen! Man kann nicht erst zähmen und dann züchten, sondern nur züchten und dann zähmen. Zähmung ohne Züchtung ist deshalb nicht möglich, weil ein zahm werdendes und mehr noch ein schon zahm gewordenenes Lebewesen auf seinen Züchter angewiesen ist, d.h. seiner natürlichen Umwelt beraubt worden ist. Wer mit dem Zähmen beginnt, hat immer schon zuvor gezüchtet. Eine Zivilisation kann nicht vor ihrer Kultur beginnen. Man kann nicht erst zivilisieren und dann kultivieren, sondern nur kultivieren und dann zivilisieren (nämlich im Rahmen der dafür dann alt genug gewordenen Kultur). Zivilisierung ohne Kultivierung ist deshalb nicht möglich, weil ein zivilisiert werdendenr Mensch und mehr noch ein schon zivilisiert gewordener Mensch auf seinen Kultivierer angewiesen ist, d.h. seiner noch-nicht-ziviliserten kulturellen Welt beraubt worden ist Wer mit dem Zivilisieren beginnt, hat immer schon zuvor kultiviert. Die Zivilisierten hat man genauso wie das zahme Tier „geschwächt, ... weniger schädlich gemacht, sie wird durch den depressiven Affekt der Furcht, durch Schmerz, durch Wunden, durch Hunger zur krankhaften Bestie.“ (Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 425-426 bzw. 979-980Friedrich Nietzsche). Also: „wir dürfen als obersten Satz hinstellen, daß, um Moral zu machen, man den unbedingten Willen zum Gegenteil haben muß. .... In Formel ausgedrückt dürfte man sagen: alle Mittel, wodurch bisher die Menschheit moralisch gemacht werden sollte, waren von Grund aus unmoralisch.“ (Ebd, S. 428 bzw. 982Friedrich Nietzsche).

„Nietzsche war, seit er Aphorismen schrieb, unbewußt ein Schüler Darwins .... Und so stammt die »Herrenmoral« dieses letzten Romantikers auf einem merkwürdigen, aber für den Sinn der Zeit bezeichnenden Wege aus der Quelle aller geistigen Modernität, der Atmosphäre der englischen Maschinenindustrie. Der Macchiavellismus, den Nietzsche als Renaissance-Erscheinung pries und dessen Verwandtschaft mit Darwins Begriff der mimicry man nicht übersehen sollte, war tatsächlich der im »Kapital« von Marx - dem andern berühmten Jünger von Malthus - behandelte, und die Vorstufe dieses seit 1867 erscheinenden Grundbuches des politischen (nicht des ethischen) Sozialismus, die Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, erschien gleichzeitig mit Darwins Hauptwerk. Das ist die Genealogie der Herrenmoral. Der »Wille zur Macht«, ins Reale, Politische, Nationalökonomische übersetzt, findet seinen stärksten Ausdruck in Shaws »Major Barbara« (1905). Sicherlich ist Nietzsche als Persönlichkeit der Gipfel dieser Reihe von Ethikern, aber hier reicht Shaw, der Parteipolitiker, als Denker an ihn heran. Der Wille zur Macht ist heute durch die beiden Pole des öffentlichen Lebens, die Arbeiterklasse und die großen Geld- und Gehirnmenschen, viel entschiedener vertreten als je durch einen Borgia. Der Milliardär Undershaft in dieser besten Komödie Shaws ist Übermensch. Nur hätte Nietzsche, der Romantiker, sein Ideal nicht wiedererkannt. Er sprach stets von einer Umwertung aller Werte, von einer Philosophie der Zukunft, also doch zunächst der westeuropäischen und nicht chinesischen oder afrikanischen Zukunft, aber wenn seine immer in dionysischer Ferne verschwimmenden Gedanken sich wirklich einmal zu greifbaren Gebilden verdichteten, so erschien ihm der Wille zur Macht unter dem Bilde von Dolch und Gift und nicht von Streiks und der Energie des Geldes.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 477-478Spengler). Aber (!): Nietzsche schrieb auch seinen „Anti-Darwin. – Was den berühmten »Kampf ums Leben« betrifft, so scheint er mir einstweilen mehr behauptet als bewiesen. Er kommt vor, aber als Ausnahme; der Gesamt-Aspekt des Lebens ist nicht die Notlage, die Hungerlage, vielmehr der Reichtum, die Üppigkeit, selbst die absurde Verschwendung – wo gekämpft wird, kämpft man um Macht .... Man soll nicht Malthus mit der Natur verwechseln. – Gesetzt aber, es gibt diesen Kampf – und in der Tat, er kommt vor –, so läuft er leider umgekehrt aus, als die Schule Darwins wünscht, als man vielleicht mit ihr wünschen dürfte: nämlich zu Ungunsten der Starken, der Bevorrechtigten, der glücklichen Ausnahmen. Die Gattungen wachsen nicht in der Vollkommenheit: die Schwachen werden immer wieder über die Starken Herr – das macht, sie sind die große Zahl, sie sind auch klüger .... Darwin hat den Geist vergessen (– das ist englisch!), die Schwachen haben mehr Geist .... Man muß Geist nötig haben, um Geist zu bekommen – man verliert ihn, wenn man ihn nicht mehr nötig hat. Wer die Stärke hat, entschlägt sich des Geistes (– »laß fahren dahin!« denkt man heute in Deutschland »– das Reich muß uns doch bleiben« ...). Ich verstehe unter Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die Geduld, die List, die Verstellung, die große Selbstbeherrschung und alles, was mimicry ist (zu letzterem gehört ein großer Teil der sogenannten Tugend).“ (Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 444-445 bzw. 998-999Friedrich Nietzsche). Interessant! Vgl. hierzu weitere Nietzsche-Zitate (NietzscheNietzscheNietzsche)und besonders auch z.B. meine Abhandlungen Kulturelle Evolution als Komplement zur natürlichen Evolution (Evolution) und Evolution birgt in ihrer Ziellosigkeit auch die Möglichkeit zur Zielhaftgkeit (Evolution[besonders: Anpassung und DistanzEvolution]) sowie den Beitrag von Peter Mersch: Die Prinzipien der Evolutionstheorie wirken eugenisch, moderne menschliche Gesellschaften reproduzieren sich dagegen dysgenisch (Evolution). Solche Widersprüche lassen sich nicht leugnen!

Was das Politische betrifft, so hatte Nietzsche tatsächlich ein eher romantisches Bild vor Augen, war diesbezüglich tatsächlich eher Romantiker, „der letzte Romantiker“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 477Spengler). Da die Romantiker durchweg Nationalgesinnte waren und Nietzsche dem zuletzt Gesagten zufolge auch Romantiker war, kann man ihn zwar auch deshalb Romantiker nennen, jedoch war er insbesondere seit dem Bruch mit Richard Wagner (um 1876Spengler) gegen die Neugründung des Deutschen Reiches (sie erfolgte bekanntlich in Versailles am 18.01.18712. Deutsches Reich2. Deutsches Reich), weshalb man ihn eher einen der Romantik auf widersprüchliche Weise verhafteten Neo-Romantiker nennen könnte. Nietzsche war vor allem deshalb gegen die Gründung dieses 2. Deutschen Reiches, weil er - fälschlicherweise - annahm, daß es das Freigeistige im Nationalen ersticken wolle, und davor hatte er, der Freigeist, Angst. Nietzsche war gegen das Deutsche Reich, weil er - und hier irrte er - glaubte, daß es an der Neugründung des Deutschen Reiches gelegen habe, daß die abendländische Kultur noch schneller unterginge, als sie es ohnehin schon tat, und diese Beschleunigung an einer von ihm fälschlicherweise angenommenen Unterdrückung des freien Geistes durch das Reich läge. Was Nietzsches Beziehung zu allem Deutschen angeht, so ist festzustellen, daß er seit seinem Bruch mit Wagner immer mehr zu einer völlig übertriebenen, überflüssigen, ja völlig falschen Kritik und zu einem völlig megalomanischen, ja völlig paranoiden Spott überging. Er schätzte die Sitaution Deutschlands völlig falsch ein bzw. hatte gegenüber Deutschland, das sowieso Weltmeister in Wissenschaft und Technik und nachweislich mit weitem Abstand führend in der Welt war (und geblieben istDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschland), unrealistische Erwartungen. Das Land der Dichter und Denker sollte gemäß Nietzsches Wunsch nicht national, sondern freigeistig bleiben - auch auf die Gefahr hin, daß es dadurch wirtschaftliche und also wohlstandsmäßige Einbußen hinzunehmen hätte. Auch diesbezüglich blieb er der Romantik auf widersprüchliche Weise verhaftet. Nietzsche war kein Politiker und von der zeitgenössischen Politik, Politologie und Soziologie u.s.w. nicht sehr überzeugt. Außerdem war er gegen Martin Luthers Protestantismus, die Reformationm, weil Luther die Renaissance, die Nietzsche verehrte und wörtlich nahm (er glaubte und wollte unbedingt die Wiedergeburt der Antike, weil er die Antike vergöttlichte) und - nebenbei gesagt - auch die Einigung Deutschlands verhindert hatte, denn gemäß Nietzsche: „liegt das Verhängnis der neueren deutschen Geschichte in den Tagen jener Disputation von Regensburg: der friedliche Ausgang der kirchlichen und sittlichen Dinge, ohne Religionskriege, Gegenreformation, schien gewährleistet, ebenso die Einheit der deutschen Nation ....“ (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, 1878-1880, S. 438Friedrich Nietzsche). Luther hatte auch sie verhindert, so Nietzsche vorwurfsvoll (Friedrich Nietzsche).

Für Nietzsche war das, „was groß ist im Sinn der Kultur, war unpolitisch, selbst antipolitisch“ (Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 431 bzw. 985Friedrich Nietzsche), und deshalb alles Politische ihm ein Dorn im Auge, und zwar um so mehr, je größer die Politik und je realpolitischer die Politiker (man denke nur an Bismarck, den wohl größten Realpolitiker, den Europa je hervorgebracht hatBismarck). „Dem ganzen höheren Erziehungswesen in Deutschland ist die Hauptsache abhanden gekommen: Zweck sowohl als Mittel zum Zweck. Daß Erziehung, Bildung selbst Zweck ist – und nicht »das Reich« –, daß es zu diesem Zweck der Erzieher bedarf – und nicht der Gymnasiallehrer und Universitäts-Gelehrten – man vergaß das .... Erzieher tun not, die selbst erzogen sind, überlegne, vornehme Geister, in jedem Augenblick bewiesen, durch Wort und Schweigen bewiesen, reife, süß gewordene Kulturen – nicht die gelehrten Rüpel, welche Gymnasium und Universität der Jugend heute als »höhere Ammen« entgegenbringt. Die Erzieher fehlen, die Ausnahmen der Ausnahmen abgerechnet, die erste Vorbedingung der Erziehung: daher der Niedergang der deutschen Kultur.“ (Ebd., S. 432 bzw. 986Friedrich Nietzsche). Daß eine solche Feststellung von Tatsachen viel mehr auf alle anderen abendländischen Staaten als auf Deutschland zutraf, brauche ich wohl nicht zu erwähnen - die Geschichte hat es bewiesen!

„Was die »höheren Schulen« Deutschlands tatsächlich erreichen, das ist eine brutale Abrichtung, um, mit möglichst geringem Zeitverlust, eine Unzahl junger Männer für den Staatsdienst nutzbar, ausnutzbar zu machen.“ (Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 432 bzw. 986Friedrich Nietzsche). Diese Aussage Nietzsches trifft viel mehr auf das heutige Deutschland (die sogenannte „Bundesrepublik“) zu als auf das damalige, das - wie gesagt - weltweit führend war (und geblieben istDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschland). Nietzsche erkannte einfach nicht, daß der Untergang des Abendlandes sich keineswegs in Deutschland schneller ereignete als in anderen Ländern des Abendlandes und daß die Nutzbarmachnung für den Staatsdienst in anderen abendländischen Ländern viel rücksichtsloser im Gange war als in Deutschland. Und die Tatsache, daß Nietzsche vom Staatsdienst überhaupt nichts hielt, ehrt ihn zwar sehr, zeugt aber auch wiederum davon, daß er Romantiker - „der letzte Romantiker“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 477Spengler) bzw. ein (der Romantik auf widersprüchliche Weise verhafteter) Neo-Romantiker (Nietzsche) - war, denn: wem nützt es, wenn alle Nationalstaaten mittels Staatsdienst ihre Bürger nutzbar machen und nur der deutsche Staat nicht? Antwort: Den Nationalstaaten außerhalb Deutschlands! Hier zeigt sich in Nietzsches Denken das Micheltum (Michel), das man nicht zufällig besonders den Romantikern und ganz besonders den Biedermeiern unter ihnen nachsagte und nachsagt. Das hätte er wissen können, ja müssen, und wahrscheinlich hat er es auch gewußt, aber wie schon gesagt: das Politische und insbesondere das Realpolitische, wie es Bismarck praktizierte, war ihm ein Dorn im Auge (NietzscheBismarck). „Was bedingt den Niedergang der deutschen Kultur? Daß »höhere Erziehung« kein Vorrecht mehr ist – der Demokratismus der »allgemeinen«, der gemein gewordnen »Bildung«.“ (Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 433 bzw. 987Friedrich Nietzsche). Dies ist völlig richtig, doch dieser Prozeß betraf damals nicht nur Deutschland allein, sondern den gesamten europäischen Norden und Westen. Es ist schon sehr bezeichnend, daß Nietzsche Deutschland „Demokratismus“ vorwirft - und nicht Frankreich, das doch angeblich damals so „demokratisch“ war, während Deutschland laut unserer heutigen Propaganda es nicht gewesen sein soll. Die Wahrheit ist doch, daß Deutschland als das 2. Deutsche Reich durchaus demokrat(ist)isch war, in vielerlei Hinsicht sogar mehr als diejenigen Staaten, die gemäß heutiger Propaganda mit dieser Eigenschaft bestückt gewesen sein sollen. Nietzsche wollte Deutschland - als die deutsche Kultur - durch Zurückversetzung in frühere Zeiten retten. Wieder ein Indiz mehr für sein Verhaftet(geblieben)sein in der Romantik. Für die Art von Erziehung bzw. Bildung, wie sie Nietzsche vorschwebte, mochte die Zeit vor der 2. Reichsgründung besser geeignet gewesen sein (Freizügigkeit gegenüber dem Ausland u.s.w.), aber politisch war sie nicht besser, sondern schlechter, weil die Entwicklung insgesamt so weit fortgeschritten war, daß eine einheitliche Politik gemacht werden mußte und zu dieser Zeit nur national gemacht werden konnte, und eine nationale Politik hat doch auch viele positive Seiten, z.B. den, daß durch Konkurrenz bzw. Wettbewerb die Entwicklung - auch und besonders die von Erziehung und Bildung (!) - beschleunigt wird. Doch diese Art von Entwicklung war für Nietzsche eher schädlich als nützlich - auf ähnliche Weise wie Goethe sah er in ihr das zu bekämpfende „Veloziferische“ (). Bezüglich der Freigeisterei, die Nietzsche voschwebte, war Politik nur hinderlich und lediglich in der Lage, Erziehung und Bildung mehr zu schaden als zu nützen. Daß die Politik sich in Erziehung und Bildung nicht einmischen soll, ist auch meine feste Überzeugung. So gesehen ist es auch konsequent und richtig, daß für Nietzsche der politische Gedanke hierbei nur eine eher untergeordnete Rolle spielte (ähnlich wie heute für SloterdijkSloterdijk). Nietzsche verstand schon das Politische, aber seine Träumerei, seine Michelei, seine Romantiziererei - ich meine eben: sein der Romantik auf widersprüchliche Weise Verhaftet(geblieben)sein - stieß ihn immer wieder auf die Politik und besonders die Realpolitik (siehe: BismarckBismarckBismarck) ablehnende „Ideale“, obwohl er Ideale doch eigentlich ebenfalls rigoros bekämpfte, jedenfalls: „die bisherigen Ideale, die allesamt lebensfeindliche Ideale, Weltverleumder-Ideale sind“ (ebd., Zur Genealogie der Moral, 1887, S. 282 bzw. 836Friedrich Nietzsche). „Es steht niemandem mehr frei, im jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme Erziehung zu geben: unsre »höheren« Schulen sind allesamt auf die zweideutigste Mittelmäßigkeit eingerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplänen, mit Lehrzielen. Und überall herrscht eine unanständige Hast, wie als ob etwas versäumt wäre, wenn der junge Mann mit 23 Jahren noch nicht »fertig« ist, noch nicht Antwort weiß auf die »Hauptfrage«: welchen Beruf? – Eine höhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht »Berufe«, genau deshalb, weil sie sich berufen weiß .... Sie hat Zeit, sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar nicht daran, »fertig« zu werden – mit dreißig Jahren ist man, im Sinne hoher Kultur, ein Anfänger, ein Kind. – Unsre überfüllten Gymnasien, unsre überhäuften, stupid gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese Zustände in Schutz zu nehmen, wie es jüngst die Professoren von Heidelberg getan haben, dazu hat man vielleicht Ursachen – Gründe dafür gibt es nicht.“ (Ebd., Götzen-Dämmerung, 1889, in: Werke III, S. 433 bzw. 987Friedrich Nietzsche). Man hat den unwiderstehlichen Eindruck, daß Nietzsche nicht das Deutschland des späten 19., sondern das des frühen 21. Jahrhunderts beschreibt.

Nietzsche wehrte sich gegen einen Zeitgeist, dem er selbst zumindest teil- bzw. zeitweise noch anhing und der sowieso schon zu der Zeit, als Nietzsche seine Werke schrieb, in seinen letzten Atemzügen lag: die Romantik! Die Revolte oder Revolution gegen einen Zeitgeist kommt fast immer dann, wenn er sowieso schon dabei ist, sich zu verändern oder ganz aufzugeben. Dies war Nietzsche wohl nicht ganz klar. Trotz oder wegen der Tatsache, daß er teil- bzw. zeitweise der Romantik verhaftet blieb, und wegen der Tatsache, daß er ebenfalls teil- bzw. zeitweise ein Anhänger Schopenhauers sowie ununterbrochen bis zum Schluß ein Anhänger Goethes blieb, wurde Nietzsche für die Lebensphilosophie so bedeutend, daß ich ihn den Begründer der Mittleren Schule der Lebensphilosophie nennen muß.

 

NACH OBEN
„Der Mensch ist ein Raubtier. Ich werde es immer wieder sagen.“

1917 dankte Oswald Spengler (1880-1936 ) Goethe und Nietzsche: „Von Goethe habe ich die Methode, von Nietzsche die Fragestellungen, und wenn ich mein Verhältnis zu diesem in eine Formel bringen soll, so darf ich sagen: ich habe aus seinem Augenblick einen Überblick gemacht. Goethe aber war in seiner ganzen Denkweise, ohne es zu wissen, ein Schüler von Leibniz gewesen.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S. IX Spengler).

In der „westeuropäischen Modernität von Schopenhauer an“ (Alte Schule) ist laut Spengler „der Schwerpunkt des Philosophierens aus dem Abstrakt-Systematischen ins Praktisch-Ethische“ gerückt und „an Stelle des Problems der Erkenntnis das Problem des Lebens (des Willens zum Leben, zur Macht, zur Tat)“ getreten: „Hier wird nicht mehr das ideale Abstraktum »Mensch« wie bei Kant (Kant), sondern der wirkliche Mensch, wie er in historischer Zeit, als primitiver oder als Kulturmensch völkerhaft gruppiert die Erdoberfläche bewohnt, der Betrachtung unterworfen, und es ist sinnlos, wenn auch da noch die Struktur der höchsten Begriffe durch das Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit (Spengler) und die damit verbundene örtliche Beschränkung bestimmt wird. Aber das ist der Fall.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 32 Spengler).


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1. Stadium („Winter“)2. Stadium („Frühling“)3. Stadium („Sommer“)4. Stadium („Herbst“)
Vor-/Urdenken: Spenglers
„Vor-/Urphilosophie“
Frühdenken: Spenglers
„Frühphilosophie“
Hochdenken: Spenglers
„Hochphilosophie“
Spätdenken: Spenglers
„Spätphilosophie“
(Dauer: 19 Jahre)(Dauer: 18 Jahre)(Dauer: 12 Jahre)(Dauer: 7 Jahre)
1880 bis 18991899 bis 19171917 bis 19291929 bis 1936
Geburt
(29.05.)
„DER UNTERGANG DES
ABENDLANDES“ (1. Band)
Tod  
(08.05.)
Übergang
    Schule / Studium
|Hamburger
Vortrag
Frühe
Kindheit
Grund-
Schule
Gym-
nasium
1899
- 1903
1903
- 1911
1911
- 1917
1917
- 1922
1922
- 1927
1927
- 1929
1929
- 1933
1933
- 1934
1934
- 1936
ErläuterungErläuterung

Goethes "lebendige Natur" Spenglers Weltgeschichte - (Die Welt als Geschichte) - Goethes Methode

„Betrachten wir den geschichtlichen Horizont Nietzsches. Seine Begriffe der Dekadenz, des Nihilismus (Nihilismus), der Umwertung aller Werte (Umwertung der Werte), des Willens zur Macht (Wille zur Macht), die tief im Wesen der abendländischen Zivilisation begründet liegen und für ihre Analyse schlechthin entscheidend sind - welches war die Grundlage ihrer Schöpfung?  Römer und Griechen, Renaissance und europäische Gegenwart, einen flüchtigen Seitenblick auf die indische Philosophie eingerechnet, kurz: Altertum-Mittelalter-Neuzeit. Darüber ist er, streng genommen, nie hinausgegangen und die andern Denker seiner Zeit so wenig wie er. Aber in welcher Beziehung steht denn sein Begriff des Dionysischen zum Innenleben der hochzivilisierten Chinesen aus der Zeit des Konfuzius oder eines modernen Amerikaners?  Was bedeutet der Typus des Übermenschen für die Welt des Islam?  Oder was sollen die Begriffe Natur und Geist, heidnisch und christlich, antik und modern als gestaltende Antithese im Seelentum des Inders und Russen bedeuten?  Was hat Tolstoi, der aus seiner tiefen Menschlichkeit heraus die ganze Ideenwelt des Westens als etwas Fremdes und Fernes ablehnte, mit dem »Mittelalter«, mit Dante, mit Luther, was hat ein Japaner mit dem Parsifal und dem Zarathustra, was ein Inder mit Sophokles zu schaffen ?  Und ist die Gedankenwelt Schopenhauers, Comtes, Feuerbachs, Hebbels, Strindbergs etwa weiträumiger?  Ist ihre gesamte Psychologie trotz aller Absichten auf Weltgeltung nicht von rein abendländischer Bedeutung? (Spengler). Wie komisch wirken Ibsens Frauenprobleme, die ebenfalls mit dem Anspruch auf die Aufmerksamkeit der ganzen »Menschheit« auftreten, wenn man an die Stelle der berühmten Nora, einer nordwesteuropäischen Großstadtdame, deren Gesichtskreis etwa einer Mietwohnung von 2000 bis 6000 Mark und einer protestantischen Erziehung entspricht, Cäsars Frau, Madame de Sévigné, eine Japanerin oder eine Tiroler Bäurin setzt?  Aber Ibsen selbst besitzt den Gesichtskreis der großstädtischen Mittelklasse von gestern und heute. Seine Konflikte, deren seelische Voraussetzungen etwa seit 1850 vorhanden sind und 1950 kaum überdauern werden, sind weder die der großen Welt noch die der unteren Masse, geschweige denn die von Städten mit nichteuropäischer Bevölkerung.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 32-33 Spengler).

„Alles das sind episodische und örtliche, meist sogar auf die augenblickliche Intelligenz der Großstädte von westeuropäischem Typus beschränkte, nichts weniger als welthistorische und »ewige« Werte, und wenn sie der Genereation Ibsens und Nietzsches noch so wesentlich sind, so heißt es eben doch dem Sinn des Wortes Weltgeschichte - die keine Auswahl, sondern eine Totalität darstellt - mißverstehen, wenn man die außerhalb des modernen Interesses liegenden Faktoren ihnen unterordnet, sie unterschätzt oder übersieht. Und das ist in einem ungewöhnlicheh hohem Grade der Fall. Was im Abendlande bisher über die Probleme des Raumes, der Zeit, der Bewegung, der Zahl, des Willens, der Ehe, des Eigentums, des Tragischen, der Wissenschaft gesagt und gedacht worden ist, blieb eng und zweifelhaft, weil man immer darauf aus war, die Lösung der Frage zu finden, statt einzusehen, daß zu vielen Fragenden viele Antworten gehören, daß jede philosophische Frage nur der verhüllte Wunsch ist, eine bestimmte Antwort zu erhalten, die in der Frage schon beschlossen liegt, daß man die großen Fragen einer Zeit gar nicht vergänglich genug fassen kann und daß demnach eine Gruppe historisch bedingter Lösungen angenommen werden muß, deren Übersicht erst - unter Ausschaltung aller eigenen Wertmaßstäbe - die letzten Geheimnisse aufschließt. Für den echten Menschenkenner gibt es keine absolut richtigen oder falschen Standpunkte. Es genügt nicht, angesichts so schwerer Probleme wie dem der Zeit oder der Ehe die persönliche Erfahrung, die innere Stimme, die Vernunft, die Meinung der Vorgänger oder Zeitgenossen zu befragen. So erfährt man, was für den Frager selbst und seine Zeit wahr ist, aber das ist nicht alles. Die Erscheinung andrer Kulturen redet eine andre Sprache. Für andere Menschen gibt es andere Wahrheiten. Für den Denker sind sie alle gültig oder keine.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 33-34 Spengler).Spengler

„Man begreift, welcher Erweiterung und Vertiefung die abendländische Weltkritik fähig ist und was alles über den harmlosen Relativismus Nietzsches und seiner Generation hinaus in den Kreis der Betrachtung gezogen, welche Feinheit des Formgefühls, welcher Grad von Psychologie, welche Entsagung und Unabhängigkeit von praktischen Interessen, welche Unumschränktheit des Horizonts erreicht werden muß, bevor man sagen darf, man habe die Weltgeschichte, die Welt als Geschichte, verstanden.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 34 Spengler). Spengler

„Diesem allem, den willkürlichen, engen, von außen gekommenen, von eigenen Wünschen diktierten, der Historie aufgezwungenen Formen, stelle ich die natürliche, die »kopernikanische« Gestalt des Weltgeschehens entgegen, die ihm in der Tiefe innewohnt und sich nur dem nicht voreingenommenen Blick offenbart. (Spengler). Ich erinnere an Goethe. (). Was er die lebendige Natur genannt hat, ist genau das, was hier Weltgeschichte im weitesten Umfange, die Welt als Geschichte genannt wird. (). Goethe, der als Künstler wieder und immer wieder das Leben, die Entwicklung seiner Gestalten, das Werden, nicht das Gewordne, herausbildete, wie es der »Wilhelm Meister« und »Wahrheit und Dichtung« zeigen, haßte die Mathematik. Hier stand die Welt des Mechanismus der Welt als Organismus, die tote der lebendigen Natur, das Gesetz der Gestalt gegenüber. Jede Zeile, die er schrieb, sollte die Gestalt des Werdenden, »geprägte Form, die lebend sich entwickelt«, vor Augen stellen. Nachfühlen, Anschauen, vergleichen, die unmittelbare innere Gewißheit, die exakte sinnliche Phantasie - das waren seine Mittel, dem Geheimnis der bewegten Erscheinung nahe zu kommen. Und das sind die Mittel der Geschichtsforschung überhaupt. Es gibt keine andern. Dieser göttliche Blick ließ ihn am Abend der Schlacht von Valmy (* 20. September 1792) am Lagerfeuer jenes Wort aussprechen: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.« Kein Heerführer, kein Diplomat, von Philosophen zu schweigen, hat Geschichte so unmittelbar werden gefühlt. Es ist das tiefste Urteil, das je über einen großen Akt der Geschichte in dem Augenblick ausgesprochen wurde, als er sich vollzog.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 34-35 Spengler).

„Und so wie er die Entwicklung der Pflanzenform aus dem Blatt, die Entstehung des Wirbeltiertypus, das Werden der geologischen Schichten verfolgte - das Schicksal der Natur, nicht ihre Kausalität - soll hier die Formensprache der menschlichen Geschichte, ihre periodische Struktur, ihre organische Logik aus der Fülle aller sinnfälligen Einzelheiten entwickelt werden.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 35 Spengler).

Spengler Spenglers Geschichtsphilosophie - (Philosophie der Geschichte) - historischer Skeptizismus Spenglers "Historischer Skeptizismus"

„Die systematische Philosophie war mit Ausgang des 18. Jahrhunderts vollendet. Kant (Kant) hatte ihre äußersten Möglichkeiten in eine große und - für den westeuropäischen Geist - vielfach endgültige Form gebracht. (Kant (Moderne)). Ihr folgt eine ... spezifisch großstädtische, nicht spekulative, sondern praktische, irreligiöse, ethisch-gesellschaftliche Philosophie. Sie beginnt ... im Abendlande mit Schopenhauer, der zuerst den Willen zum Leben (»schöpferische Lebenskraft« Alte Schule) in den Mittelpunkt stellte, aber, was die tiefere Tendenz seiner Lehre verschleiert hat, die veralteten Unterscheidungen von der Erscheinung und dem Ding an sich ("Ding an sich"), von Form und Inhalt der Anschauung, von Verstand und Vernunft unter dem Eindruck einer großen Tradition noch beibehielt. Es ist derselbe schöpferische Lebenswille, der im Tristan schopenhauerisch verneint, im Siegfried darwinistisch bejaht wurde, den Nietzsche im Zarathustra glänzend und theatralisch formulierte, der durch den Hegelianer Marx (Karl Marx) der Anlaß einer nationalökonomischen, durch den Malthusianer Darwin (Malthus & Darwin) der einer zoologischen Hypothese wurde, die beide gemeinsam und unvermerkt das Weltgefühl des westeuropäischen Großstädters verwandelt haben, und der von Hebbels »Judith« bis zu Ibsens Epilog eine Reihe tragischer Konzeptionen von gleichem Typus hervorrief, damit aber ebenfalls den Umkreis echter philosophischer Möglichkeiten erschöpft hat.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 63 Spengler).

„Die systematische Philosophie liegt uns heute unendlich fern; die ethische ist abgeschlossen. Es bleibt noch eine dritte, dem antiken Skeptizismus () entsprechende Möglichkeit innerhalb der abendländischen Geisteswelt, die, welche durch die bisher unbekannte Methode der vergleichenden historischen Morphologie bezeichnet wird. Eine Möglichkeit, das heißt eine Notwendigkeit. Der antike Skeptizismus ist ahistorisch: er zweifelt, indem er einfach nein sagt. Der des Abendlandes muß, wenn er innereNotwendigkeit besitzen, wenn er ein Symbol unseres dem Ende sich zuneigenden Seelentums sein soll, durch und durch historisch sein. Er hebt auf, indem er alles als relativ, als geschichtliche Erscheinung versteht. Er verfährt physiognomisch. Die skeptische Philosophie tritt im Hellenismus als Negation der Philosophie auf - man erklärt sie für zwecklos. Wir nehmen demgegenüber die Geschichte der Philosophie als letztes ernsthaftes Thema der Philosophie an. Das ist Skepsis. (Lebensphilosophie). Man verzichtet auf absolute Standpunkte, der Grieche, indem er über die Vergangenheit seines Denkens lächelt, wir, indem wir sie als Organismus begreifen.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 63-64 Spengler).

„In diesem Buche (* Der Untergang des Abendlandes - Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte Spengler) liegt der Versuch vor, diese »unphilosophische Philosophie« der Zukunft - es würde die letzte Westeuropas sein - zu skizzieren. (Zukunft der Philosophie). Der Skeptizismus ist Ausdruck einer reinen Zivilisation; er zersetzt das Weltbild der voraufgegangenen Kultur. (). Hier erfolgt die Auflösung aller älteren Probleme ins Genetische. (Kulturgenetik). Die Überzeugung, daß alles, was ist, auch geworden ist, daß allem Naturhaften und Erkennbaren ein Historisches zugrunde liegt, ... auch Ausdruck eines Lebendigen sein muß. Auch Erkenntnisse und Wertungen sind Akte lebender Menschen. Dem vergangenen Denken war die äußere Wirklichkeit Erkenntnisprodukt und Anlaß ethischer Schätzungen; dem künftigen ist sie vor allem Ausdruck und Symbol. Die Morphologie der Weltgeschichte wird notwendig zu einer universellen Symbolik. (Spengler). Damit fällt auch der Anspruch des höheren Denkens, allgemeine und ewige Wahrheiten zu besitzen. Wahrheiten gibt es nur in bezug auf ein bestimmtes Menschentum. Meine Philosophie selbst würde demnach Ausdruck und Spiegelung nur der abendländischen Seele, im Unterschiede etwa von der antiken und indischen, und zwar nur in deren heutigem zivilisierten Stadium sein, womit ihr Gehalt als Weltanschauung, ihre praktische Tragweite und ihr Geltungsbereich bestimmt sind.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 64 Spengler).

„Als Nietzsche das Wort »Umwertung aller Werte« (Umwertung aller Werte) zum ersten Male niederschrieb, hatte endlich die seelische Bewegung dieser Jahrhunderte, in deren Mitte wir leben (* Spengler schrieb dies 1911 bis 1917), ihre Formel gefunden. Umwertung aller Werte - das ist der innerste Charakter jeder Zivilisation. Sie beginnt damit, alle Formen der voraufgegangenen Kultur umzuprägen, anders zu verstehen, anders zu handhaben. Sie erzeugt nicht mehr, sie deutet nur um. Darin liegt das Negative aller Zeitalter dieser Art. Sie setzen den eigentlichen Schöpfungsakt voraus. Sie treten nur eine Erbschaft von großen Wirklichkeiten an. .... Die Kultur wird dialektisch vernichtet. Lassen wir die großen Namen des 19. Jahrhunderts vorüberziehen, an die sich für uns dies mächtige Schauspiel knüpft: Schopenhauer, Hebbel, Wagner, Nietzsche, Ibsen, Strindberg, so überblicken wir das, was Nietzsche in dem fragmentarischen Vorwort zu seinem unvollendeten Hauptwerk beim Namen nannte, die Heraufkunft des Nihilismus. (Nihilismus). Sie ist keiner der großen Kulturen fremd.“ (Oswald Spengler, 1917, S. 448-450 Spengler).

 

„Es besteht die Möglichkeit einer dritten und letzten Stufe westeuropäischer Philosophie:
die eines physiognomischen Skeptizismus. (Zukunft der Philosophie ). Das Geheimnis der Welt erscheint
nacheinander als Erkenntnisproblem, Wertproblem, Formproblem. Kant (Kant) sah die Ethik als
Erkenntnisgegenstand, das 19. Jahrhundert sah die Erkenntnis als Gegenstand der Wertung.
Der Skeptiker (Lebensphilosophie) würde beides lediglich als historischen Ausdruck einer Kultur betrachten.“
(Oswald Spengler, 1917, S. 481 Spengler)

 

NACH OBEN

„Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. ....
Nur noch ein Gott kann uns retten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und Dichten eine
Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang.“
(Martin Heidegger im Gespräch mit Rudolf Augstein, in: Der Spiegel, # 10, 1966)


Die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts kennt 3 Arten: I.) die Existenzial-Ontologie () von Martin Heidegger (1889-1976 ), deren Leitfrage die nach dem Sinn des Seins ist; II.) die Existenzerhellung von Karl Jaspers (1883-1969 ), die jene Frage als unmöglich ablehnt und sich auf die Erhellung der Seinsweise der menschlichen Existenz und ihrer Beziehungen zur Transendenz konzentriert; III.) der Existentialismus von Jean-Paul Sartre (1905-1980 ), der, von Heidegger ausgehend, einen realistischen Standpunkt im Bezug auf Sinn und Zweck des Daseins vertritt. Als Begriff wird Existenzphilosophie also unterschiedlich gebraucht; den stärksten Ausdruck verlieh ihm aber Martin Heidegger. An seiner Biographie läßt sich übrigens auch gut ablesen, daß es sinvoll sein kann, persönliche wie auch historische Entwicklungen in Analogie zu setzen mit den natürlichen Entwicklungen, vor allem mit dem Klima (das man ja natürlich und kultürlich verstehen darf ) und darum mit den Jahreszeiten: Jahreszeiten


‹—  Martin Heidegger  —›
1. Stadium („Winter“)2. Stadium („Frühling“)3. Stadium („Sommer“)4. Stadium („Herbst“)
Vor-/Urdenken: Heideggers
„Vor-/Urphilosophie“
Frühdenken: Heideggers
„Frühphilosophie“
Hochdenken: Heideggers
„Hochphilosophie“
Spätdenken: Heideggers
„Spätphilosophie“
(Dauer: 20 Jahre)(Dauer: 18 Jahre)(Dauer: 18 Jahre)(Dauer: 31 Jahre)*
1889 bis 19091909 bis 19271927 bis 19451945 bis 1976 *
Geburt
(26.09.)
„SEIN UND ZEIT“Tod  
(26.05.)
Übergang
    Schule / Studium
|Verbindung
nach Frankreich
Frühe
Kindheit
Grund-
Schule
Gym-
nasium
1909
- 1913
1913
- 1919
1919
- 1927
1927
- 1933
1933
- 1939
1939
- 1945
1945
- 1949
1949
- 1953
1953
- 1976 *
ErläuterungErläuterung
* 11 Jahre „Winter“ (1965-1976)
(5. Stadium)

Martin Heidegger wurde am 26.09.1889 in Meßkirch geboren, war als Kind auch ein Läuterbub der dortigen katholischen Kirche, besuchte das Gymnasium in Konstanz, wo er im katholischen Internat (Konradihaus) wohnte, und in Freiburg, hier im erzbischöflichen Konvikt. 1909 begann er mit dem Studium der Theologie und Philosophie in Freiburg, brach 1911 die Priesterausbildung ab, studierte weiterhin Philosophie sowie Geistes- und Naturwissenschaften in Freiburg. Heidegger promovierte 1913 mit der Dissertation Die Lehre vom Urteil im Psychologismus und habilitierte sich 1915 mit der Arbeit Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus. (). Im Wintersemester 1918-1919 erhielt er in Freiburg eine Stelle als Privatdozent und Assistent. Den endgültigen Bruch mit dem Katholizismus vollzog er 1919. Von da an begann Heidegger mit seiner eigenen „Gotik“. Und die gipfelte bekanntlich 1927 in: SEIN UND ZEIT. Tabelle

Die philosophische Situation der ersten 3 Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch ein Zurücktreten der methodologisch-erkenntnistheoretischen Problematik (Wilhelm Dilthey, 1833-1911 ), durch eine Wende zum Objekt (Edmund Husserl, 1859-1938 ), durch eine Erneuerung der Metaphysik (Nicolai Hartmann, 1882-1950 ) und durch die Idee einer „Philosophischen Anthropologie“ (Max Scheler, 1874-1928 ). - Die Einsamkeit des Menschen vor Gott, die Kierkegaard (existentiell !) erkannt hatte, wurde jetzt in der Existenzphilosophie zur Einsamkeit des Menschen vor dem Nichts, aus der sich die Grundbefindlichkeit der Angst ergibt, die jedoch allein zum Offenbarwerden des Seins, zum Selbstsein und zur Freiheit führt. Deshalb muß diese Angst bewußt übernommen und ertragen werden. Die Existenz bedeutet jenen innersten Kern im Menschen, der auch dann noch unberührt übrig bleibt, wenn alles, was der Mensch in dieser Welt besitzen und an das er zugleich sein Herz hängen kann, ihm verlorengeht oder sich als trügerisch erweist. - Die Existenzphilosophie hält den Verstand (bzw. Rationalismus) für ein untaugliches Werkzeug zur Erforschung der Wahrheit und mißt dem Erkenntnisvorgang nur dann einen Wert bei, wenn er als eine natürliche Verhaltensweise der Gesamtpersönlichkeit (z.B. als „Besorgen“ ), nicht aber als eine Funktion der Geisteskräfte allein aufgefaßt werden kann. Existentielles Denken ist ein Denken, an dem jeweils der ganze körperlich-seelisch-geistige Mensch mit seinen Erfahrungen und Hoffnungen, seinen Sorgen und Nöten beteiligt ist. Nur einem solchen „Denker“ erschließt sich die Wahrheit, das Wesentliche an den Dingen. Die Existenzphilosophie ist also der Versuch, die Weise des ursprünglichen existentiellen Denkens aufzuzeichnen und seine Ergebnisse darzustellen. Die Grundverfassung des menschlichen Daseins ist das „In-der-Welt-Sein“ ( vgl. „Existenzialien“ ).

Die Seinsfrage und die Entfaltung dieser Frage, so Heidegger, setzt ja gerade eine Interpretation des Daseins voraus, das heißt: des Wesens des Menschen. „Der Grundgedanke meines Denkens ist ja gerade der, daß das Sein beziehungsweise die Offenbarkeit des Seins den Menschen braucht und daß umgekehrt der Mensch nur Mensch ist, insofern er in der Offenbarkeit des Seins steht.“ Heidegger

Es gibt kein Sosein ohne Dasein und kein Dasein ohne Sosein. Alles Sosein von etwas „ist“ selbst auch Dasein von etwas, und alles Dasein von etwas „ist“ selbst auch Sosein von etwas. Nur das Etwas ist hierbei nicht ein und dasselbe. Beispiel: das Dasein des Baumes an seiner Stelle ist selbst ein Sosein des Waldes, denn ohne ihn wäre der Wald anders, also von anderer Beschaffenheit; das Dasein eines Astes am Baum ist ein Sosein des Baumes; das Dasein eines Zweiges am Ast ist das Sosein des Astes; das Dasein eines Blattes am Zweig ist das Sosein des Zweiges u.s.w.. Immer ist das Dasein des einen zugleich das Sosein des anderen. Diese Reihe läßt sich nach beiden Seiten verlängern und auch umkehren. In der Existenzphilosophie wird das Dasein des Menschen, da es unserer Erkenntnis am leichtesten zugängig ist, mittels einer Daseinsanalytik (Existenzialanalytik) dazu benutzt, das Wesen und den Sinn des (im menschlichen Dasein anwesenden) Seins zu erschließen. Die in Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit () 1927 niedergelegten Ergebnisse seiner Untersuchungen bilden die Grundlage und somit auch die Grundlehre vom Sein, die Fundamentalontologie heißt. (). Heideggers Untersuchungen betreffen das (menschliche) Dasein zu dem Zwecke, das Sein (als ein auch im Dasein, einer sich selbst verstehenden Seienden Anwesendes) und den Sinn von Sein zu erschließen. Die Fundamentalontologie zeigt, wie das Sein sich im Dasein kundgibt. Sie will die Grundlage für alle Erfahrungswissenschaft sein. Existenz ist Dasein in seiner einfachen Tatsächlichkeit. Das Sein ist die „Lichtung“ (), die das Seiende „entbirgt“, es erfaßbar macht. In dieser entbergenden Funktion besteht nach Heidegger der „Sinn vom Sein“. Dieser Sinn kann nur erscheinen in dem „Da“ des menschlichen Daseins, d.h. in der Erschlossenheit des Daseins durch die „Stimmungen“. „Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe“. (Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 105 ). Der Sinn des Daseins aber ist es, das Sein als Lichtung alles Seienden als Möglichkeit zu nutzen bzw. es geschehen zu lassen. In einem solchen Raum wird die Möglichkeit der „Zuhandenheit“ () gewonnen.

Das Sein entspringt aus dem „Nichten“ des „Nichts“, indem das Nichts das Seiende versinken läßt und dadurch das Sein enthüllt. Laut Heidegger ist Existenz „das Seiende desjenigen Seienden, das offen steht für die Öffentlichkeit des Seins, in der es steht, indem es sie aussteht“. (Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, 1929). Dieses Seiende ist der Mensch, und „etwas ausstehen“ hat die Bedeutung von „sich um etwas sorgen“. In der Beziehung zur Umwelt ist das Dasein „Besorgen“, in der Beziehung zu den Mitmenschen ist das Dasein „Fürsorge“. In der Sorge selbst sind die drei Strukturmomente des Daseins zusammengefaßt:   1.) das „Sich-vorweg-sein“, das „Über-sich-hinaus-sein“ des Daseins zu seinem Seinkönnen, so, wie die Angst es erschließt, 2.) die „Geworfenheit“ (Faktizität, das unentrinnbare Überantwortetsein des Daseins an sein eigenes „In-der-Welt-Sein“, d.h. an sich selbst, das „Wovor“ der Angst), 3.) das Verfallen. - Sein ist ein Vernehmen von Sein. Der Ruf der Sorge ist das Gewissen. Es ruft den Menschen aus der Verlorenheit an das „Man“ (Seinsart des Alltäglichen - wir essen, wie man ißt, wir wohnen, wie man wohnt, u.s.w. ) zurück in die Freiheit auf dem Grunde des Nichts. Und genau dieser Ruf ist es, der die Bewegung des eigentlichen Selbstwerdens ermöglicht. Das Gewissenhabenwollen konstituiert das eigentliche Seinkönnen des Daseins.

Das In-der-Welt-Sein (oder: Inderweltsein) ist die transzendentale Grundverfassung des Daseins. An ihm sind erkennbar: a) das In-Sein als solches - wobei Sein bedeutet „wohnen bei“ (Wohnen), „vertraut sein mit“ -,   b) die Welt als die Wirklichkeit des Daseins - insofern zum Sein des Daseins die Angewiesenheit auf eine begegnende Welt wesenhaft gehört -, c) das Mitsein der Anderen. Das Dasein als Existenz, dem es um sein eigenes Seinkönnen geht, hat als In-der-Welt-Sein immer schon eine Welt entdeckt. Durch den Begriff des In-der-Welt-Seins werden der Bewußtseinsbegriff und der Subjekt-Objekt-Gegensatz ausgeschaltet.

Den Begriff Physis deutete Heidegger anders als die Tradition, denn Heidegger leitete ihn nicht mehr - wie üblich - von phyein („wachsen lassen“) ab, woraus sich die Bedeutung „Natur“, Körper“ ergibt, sondern von phaeinein: ans Licht bringen“. Dann wäre Physis „das leuchtende Offene“, in diesem Sinne sprach Heidegger von der „ursprünglichen Offenheit des Seienden“. (Vgl. Lichtung ). Gegen das „Entleben“ () als den Prozeß der Zerstörung der Umwelt durch die Wissenschaft hatte schon der noch junge Heidegger das Leben gestellt: das Leben als den Prozeß des Erlebens der Welt durch das menschliche Lebe-Wesen.

Leben: Heidegger war schon in der Schule der Phänomenologie bewußt geworden, daß es mit dem Begriff Leben ein Problem gibt, das er versuchen müsse zu lösen. „Er hatte sich nämlich in gut phänomenologischer Art die Frage gestellt, welche Einstellung muß ich wählen, damit das menschliche Leben sich in seiner Eigentümlichkeit zeigen kann. Die Antwort auf diese Frage legt den Grund für die eigene Philosophie: die Kritik an der Vergegenständlichung. Das menschliche Leben entgleitet uns, so lehrt er, wenn wir es in theoretischer, objektivierender Einstellung erfassen wollen. .... Im objektivierenden Denken verschwindet der Reichtum der lebensweltlichen Bezüge. Die objektive Einstellung entlebt das Erleben und entweltet die uns begegnende Welt. (). Heideggers Philosophieren wendet sich dem Dunkel des gelebten Augenblicks zu. Es geht dabei um ... die Selbstdurchsichtigkeit der Lebensvollzüge .... In SEIN UND ZEIT arbeitet Heidegger an den philosophischen Nachweis, daß menschliches Dasein keinen anderen Halt hat als dieses da, das es zu sein hat. .... Der Sinn von Sein ist - die Zeit. .... Die Seinsfrage. Genaugenommen stellt Heidegger zwei Fragen. (A) Sinn des Seins selbst, ... die Frage nach dem Sinn von Sein, ich nenne sie die »emphatische Frage« () ... (B) Sinn des Ausdrucks Sein, die »semantsche Frage«, die lautet: Was meinen wir, wenn wir den Ausdruck seiend verwenden, in welchem »Sinn« sprechen wir vom »Sein«? Diese Frage gehört durchaus auch in den Zusammenhang der modernen Wissenschaften. Jede Wissenschaft ... bearbeitet einen bestimmten Bezirk des Seienden .... Jede methodische Besinnung darauf, wie man sich angemessen seinem Gegenstand zu nähern habe, impliziert eine regionale Ontologie, auch wenn man das nicht mehr so nennt. .... Gerade bei der Erforschung des Menschen werde deutlich, daß die Wissenschaften sich nicht darüber im klaren sind, in welchem Sinne sie den Menschen seiend sein lassen. Sie tun so, als könnte man den Menschen wie andere vorhandene Gegenstände in der Welt als Ganzes in den Blick bekommen. .... Zum Dasein gehört Möglich-sein. .... Das Intransitive am Dasein nennt Heidegger die »Geworfenheit« »Hat je ein Dasein als es selbst frei darüber entschieden ..., ob es ins Dasein kommen will oder nicht?«  (Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 228). Aber wenn wir - intransitiv - da sind, so können wir nicht anders, als das, was an uns intransitiv ist, transitiv zu leben. Was wir intransitiv geworden sind, können und müssen wir transitiv sein. Sarte wird später die Formel dafür finden: »etwas aus dem machen, wozu man gemacht worden ist«. .... Und niemals sind wir wie etwas Vorhandenes fertig ..., an jedem Punkt sind wir offen für die Zukunft. Wir müssen unser Leben - führen. .... Beide Aspekte der Zeitlichkeit () - ihr abschließender und ihr eröffnender, das Sein zum Tod und das Möglich-sein - sind eine schwere Herausforderung für das Dasein. .... Die wissenschaftliche Objektivierung des Menschen ist für Heidegger ein Ausweichen vor der beunruhigenden Zeitlichkeit des Daseins.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 170-175).

Heidegger begann beim In-Sein (), denn phänomenal wird nicht zuerst das Selbst und dann die Welt und auch nicht zuerst die Welt und dann das Selbst erfahren, sondern in der Erfahrung ist beides zugleich in unauflöslicher Verbindung da. Die Analyse des In-Seins führt zu der typischen Heidegger-Terminologie, weil jede begriffliche Aussage vermeiden muß, „in die so naheliegende Trennung von Subjekt und Objekt und in die Wahl eines entweder ›subjektiven‹ (innerlichen) oder ›objektiven‹ (äußerlichen) Standpunkts zurückzufallen (denn es gilt ja die Ausschaltung des Subjekt-Objekt-Dualismus ). So entstehen die Bindestrich-Wortungetüme, welche die Strukturen in ihrem unzerreißbaren Zusammenhang bezeichnen sollen.“ (Rüdiger Safranski, ebd., 1994, S. 179). In-Sein „meint eine Seinsverfassung des Daseins und ist ein Existenzial (). Dann kann damit aber nicht gedacht werden an das Vorhandensein eines Körperdings (Menschenleib) »in« einem vorhandenen Seienden. Das In- Sein meint so wenig ein räumliches »Ineinander« Vorhandener, als »in« ursprünglich gar nicht eine räumliche Beziehung der genannten Art bedeutet (vgl. Jacob Grimm, Kleinere Schriften, Band VII, S. 247); »in« stammt von innan-, wohnen, habitare, sich aufhalten; »an« bedeutet: ich bin gewohnt, vertraut mit, ich pflege etwas; es hat die Bedeutung von colo im Sinne habito und diligo. Dieses Seiende, dem das In-Sein in dieser Bedeutung zugehört, kennzeichneten wir als das Seiende, das ich je selbst bin. Der Ausdruck »bin« hängt zusammen mit »bei«; »ich bin« besagt wiederum: ich wohne, halte mich auf bei ... der Welt, als dem so und so Vertrauten. Sein als Infinitiv des »ich bin«, d.h. als Existenzial verstanden, bedeutet wohnen bei ..., vertraut sein mit .... In-Sein ist demnach der formale existenziale Ausdruck des Seins des Daseins, das die wesentliche Verfassung des In-der-Welt-Seins hat. Das »Sein bei« der Welt, in dem noch näher auszulegenden Sinne des Aufgehens in der Welt, ist ein im In-Sein fundiertes Existenzial.“ (Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 54).

Heideggers Existenzialien sind die Arten des menschlichen Existierens, die Kategorien des menschlichen Seins, vor allem das In-Sein, die Angst, das In-der-Welt-Sein, die Sorge, die Geworfenheit, die Gestimmtheit, die Befindlichkeit, das Verstehen, das Verfallen u.s.w.; durch die Angst wird z.B. das Nichts offenbar, denn in der Angst liegt stets ein Zurückweichen vor etwas, das in Wirklichkeit das Nichts ist. Das Wesen des Nichts ist die Nichtung, nämlich die abweisende Verweisung auf das versinkende Seiende im Ganzen, d.h. auf die Nichtigkeit alles Seienden. „In der hellen Nacht des Nichts der Angst entsteht erst die ursprüngliche Offenbarkeit des Seienden als eines solchen: daß es Seiendes ist - und nicht Nichts. Einzig weil das Nichts im Grunde des Daseins offenbar ist, kann die volle Befremdlichkeit des Seienden über uns kommen und die Grundfrage der Metaphysik: warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ (Martin Heidegger, Was ist Metaphysik ?, 1929; vgl. G. W. Leibniz ). Im Unterscheid zum Soseinsurteil: „A ist P“ ( z.B. A ist grün) bezieht sich das Daseinsurteil ja auf das nackte Dasein und heißt deswegen auch Existenzialurteil: „A ist“ (nämlich: da, seiend, existent).

Was dem Menschen am nächsten ist, was ihm in seiner Umwelt als Umgebung für das Umgehen (mit ...; vgl. Umgang) und die Umsicht da ist - all dies hatte die Philosophie vor Heidegger überhaupt nicht bemerkt! Der erste Nähe-Philosoph heißt: Martin Heidegger. Was alle Philosophen vor Heidegger überhaupt nicht beachtet hatten, sagt vielleicht folgender Heidegger-Satz aus: „Das ontisch Nächste und Bekannte ist das ontologisch Fernste, Unerkannte und ... Übersehene“ (Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 43). Bei Heidegger bezieht sich nämlich z.B. das Umgehen auf die Umwelt (natürlich, dinglich), auf die Selbstwelt (das Selbstverhältnis) und auf die Mitwelt (Gesellschaft). Umgehen bedeutet Handeln - Heideggers Ansatz ist also pragmatisch - und gilt als die grundlegende Struktur des Daseins. Der pragmatische Ökologist oder Ökosoph Martin Heidegger war also auch der erste Chirotopologe (vgl. Zuhandenheit). Pragmatisch ist auch die Verknüpfung von Handeln und Erkennen, denn: das primäre Umgehen hat seine jeweils zugehörige Umsicht. Das Erkennen ist eine Funktion des Handelns, und da das Erkennen aus dem praktischen Umgehen mit der Welt hervorgeht, muß es auch von der praktischen Lebenstätigkeit her erforscht werden. Daß dies aber trotzdem nicht der Rückgriff auf das bekannte materialistische Prinzip ist, nach dem das Sein das Bewußtsein bestimmen soll, zeigt sich an Heideggers Einwand, daß wir nicht wissen, was das Sein ist, und demzufolge auch nicht wissen, ob es bestimmt oder bestimmt wird. Danach fragen wir, so Heidegger. Man kann nur aufmerksam beobachten und muß auch diese Aufmerksamkeit aufmerksam beobachten u.s.w., und phänomenologisch beschreiben, wie die Umwelt, Selbstwelt und Mitwelt dem Dasein begegnen. (Vgl. z.B. ZeugWurf-Zeug). Wie gesagt: Heideggers Daseinsanalyse beginnt deshalb mit dem In-Sein, weil das Dasein damit beginnt.

Durch die Fundamentalontologie () sollte die in Sein und Zeit (1927) gestellte Frage nach dem Sinn von Sein vorbereitet werden: mittels einer Analyse des menschlichen Daseins, der Daseinsanalyse (oder: Existenzialanalyse), entwickelte Heidegger diese Fundamentalontologie, die auf der Seite der Person das Ganze der (wesentlich unerkennbaren) Existenz des Menschen voraussetzt, der sich zunächst aber nicht in dieser, sondern in der „Geworfenheit“ () vorfindet. Die praktischen Dinge des Lebens begegnen im Rahmen des „In-der-Welt-Seins“ () als „Zuhandenes“ (), die theoretischen und nur betrachteten als bloß „Vorhandenes“ (). Der Mensch ist ein in der Welt seiendes, in seinem Sein an Kosmos und Mitmenschen gekoppeltes, in seinem tiefsten Grunde gestimmtes, verstehendes Wesen, das sich zur Umwelt besorgend, zu den Mitmenschen fürsorgend (*man beachte die Umkehrung) verhält und durch den Tod aufgerufen wird zu seinem eigensten Seinkönnen. Heidegger vereinigte sozuagen die Existenzlehre von Martin Luther (1483-1546 ) und Sören Kierkegaard (1813-1855 ), in die reine Diesseitigkeit gesetzt, mit der Geschichtshermeneutik von Wilhelm Dilthey (1833- 1911 ) zu einer neuen Lehre vom Sinn des Seins und vom Wesen des Menschen. Die Grunderfahrung vom Nichts liegt nach Heidegger im Anschluß an Kierkegaard in der Angst (Heidegger):

Dasein ist ein
Sein als Zeit

ZEITLICHKEIT

Dasein ist Sorge
A PRIORI

Das Sichängsten ist als Befindlichkeit eine Art des In-der-Welt-Seins.
Das Wovor der Angst ist das geworfene In-der-Welt-Sein.
Das Worum der Angst ist das In-der-Welt-Sein-Können.
Das volle Phänomen der Angst zeigt demnach das Dasein
(des Menschen) als faktisch existierendes In-der-Welt-Sein.
EXISTENZ ist begreifbar als EK-SISTENZ

Angst ist nach Heidegger eine Befindlichkeit: das Sichbefinden des Menschen, die in ihm herrschende, von ihm nicht beherrschbare Stimmung. Befindlichkeit ist das Grundgeschehen unseres Daseins, „sie ist eine existierende Grundart der gleichursprünglichen Erschlossenheit von Welt.“ Die Angst ist somit eine der bedeutsamsten Stimmungen, da durch sie das Nichts und, mittelbar, das Sein des Daseins offenbar wird. Denn das Sein bedarf ja desjenigen Seienden (das Dasein heißt), um offenbar zu werden. Die Stimmung (Befindlichkeit) ist somit auch der jeweilige tiefste Ausdruck der gesamtpersönlichen Daseinsverfassung. Heideggers Denken war wie das vieler seiner Zeitgenossen stark beeinflußt von den Erfahrungen im Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg (1. Weltkrieg) und später auch mit dem 2. Weltkrieg (2. Weltkrieg). Zwischen den beiden Weltkriegen - sie waren ein „moderner 30jähriger Weltmachtskrieg“ (1. Weltkrieg) - durchlebte das Abendland bekanntlich seine tiefste Krise (Krise). Das Ergebnis des 1.Weltkriegs lieferte eine erste Bühne für die großen Schauspieler einer zweiten Bühne, denn: „als der großdeutsche Sektenführer Adolf Hitler die Toten des Ersten Weltkriegs zusammen mit den Lebenden der Krise von 1918 bis 1933 in sein hyperpositives tausendjähriges Reich entbinden wollte, da entfesselte er Ereignisse, die aus dem Stoff waren, aus dem die perinatalen Träume sind. .... Was die Weitergabegewalten zuletzt immer über den Geist der Freisprüche siegen läßt, ist die Positivierung der Versprechen und die Nationalisierung der Universalien. Eben dies ist das Prinzip der magischen Nationen (Magische Kultur), die Oswald Spengler (Spengler) entdeckt und benannt hat - und die man auch Taufnationen oder Religionsnationen nennen könnte. .... Es könnte wohl sein, daß durch positivierte Erlösungsideen und Befreiungsversprechen mehr Leid in der Welt hervorgerufen wurde, als vor dem Auftreten solcher Ideen vorhanden war.“ (Peter Sloterdijk, Zur Welt kommen, zur Sprache kommen, 1988, S. 172f.). Auch der Nationalsozialismus wollte ja in gewissem Sinne den Herrschaftszynismus eines unbesiegbaren Gottesbündnisses von den Juden übernehmen, indem das deutsche Christentum als neuer Bund zwischen Gott und Deutschen der Versuch war, eine Neu-Religion (Neu-Religion) zu stiften und gleichzeitig sich auf germanische Art rückzubinden an römische Reichs- und Staatsvorstellungen, ein ungeheurer Versuch der Geschichtsumschreibungen, jedenfalls mehr als nur gewöhnlicher Nationalismus. (Heimat). Doch Heidegger, der sich anfangs für die nationalsozialistische Revolution ausgesprochen und stark gemacht hatte, zog sich bald von ihr zurück und vollzog ... das, was er eine „Kehre“ nannte. Revolutionen sind ja meistens „etwas, was Menschen nicht aus eigenen Stücken machen können, wie die Modernen glauben möchten“, und deshalb sind Revolutionen vor allem das, was „mit den Menschen geschieht“, so Sloterdijk (*1947): „Der ontologische Revolutionär Heidegger hat das in seinem Begriff der Kehre angedeutet und sich vom Konzept der gemachten und zu machenden Revolutionen zunehmend entfernt - zumal nach seinen üblen Erfahrungen mit der »nationalen Revolution« von 1933, von der ergriffen zu sein er vorgegeben hatte. Wenn es darum geht, große Umwendungen zu deuten, nach denen sich der Sinn von Sein im ganzen neu darstellt, dann braucht man ein Konzept von Bewegung, das mächtiger ist als der konventionelle moderne Revolutionsbegriff. Ich sehe in dem Ausdruck Kehre die Modernisierung des augustinischen Konversions-Gedankens (* vgl. Augustinus Augustinus) in Verbindung mit einer Aktualisierung des platonischen Motivs der Umdrehung, das wir aus dem Höhlengleichnis kennen (* vgl. Platon Platon). ... „Ich empfinde Autoren, die erst zweitausend Jahre alt sind, noch wie Zeitgenossen - und Zeitgenosse ist jemand, der keine Zeit hatte, eine Autorität zu werden.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 24-26). Sloterdijk

„In seiner Analytik der Daseinsstimmungen wirft Heidegger die Frage auf, ob es denn unter ihnen eine gebe, in der sich dem »Enthüllungssinne nach das Nichts offenbart« - und beantwortet sie bejahend, indem er darauf hinweist, wie die Gesichtszüge des Seienden in der »tiefen Langeweile« zu nichts zerfallen. Entscheidend bleibt, was Heidegger in seiner Beschreibung der Angst ausführt.“ (Peter Sloterdijk, Der ästhetische Imperativ, 2007, S. 77).

„Zwar ist die Angst immer Angst vor ..., aber nicht vor diesem und jenem. Die Angst vor ... ist immer Angst um ..., aber nicht um dieses und jenes. .... In der Angst - sagen wir - »ist es einem unheimlich«, Was heißt das »es« und das »einem«? Wir können nicht sagen, wovor es unheimlich ist. Im Ganzen ist einem so. Alle Dinge und wir selber versinken in eine Gleichgültigkeit. Dies jedoch nicht im Sinne eines bloßen Verschwindens, sondern in ihrem Wegrücken als solchen kehren sie sich uns zu. Diese Wegrücken des Seienden im Ganzen, das uns in der Angst umdrängt, bedrängt uns. Es bleibt kein Halt. Es bleibt nur und kommt nur über uns - im Entgleiten des Seienden - dieses »kein . Die Angst offenbart das Nichts. Wir ›schweben‹ in Angst. Deutlicher: die Angst läßt uns schweben, weil sie das Seiende im Ganzen zum Entgleiten bringt. Darin liegt, daß wir - diese seienden Menschen - inmitten des Seienden uns mitentgleiten. Darum ist im Grunde nicht »dir« und »mir« unheimlich, sondern »einem« ist es so. Nur das reine Da-sein in der Durchschütterung dieses Schwebens, darin es sich an nichts halten kann, ist noch da.“ (Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?,  1929, a.a.O., S. 110).

„Gewiß ist auch Heideggers Durchschütterung kein unmittelbar musikalischer Augenblick im Sinne der Musik, die gemacht wird - so wenig wie Hegels () passiv durchzittertes Kindsein einen solchen bedeutet hat. Und doch handelt diese Theorie der Angst von einer Vor-Stimmung des Subjekts als medium percussum, durch die das Selbst seine Klangkörpereigenschaften verrät. Darüber hinaus hat das Hinausgehaltensein des Daseins ins »Nichts« eine direkte tiefenmusikologische Konsequenz: Heideggers Angst deutet auf eine Katastrophe des Hörens, die für die Entstehung von Musik mitverantwortlich ist; der ursprüngliche Hörunfall ist die Folie, auf die alles spätere Wiederhören von Musik gesetzt wird. Wenn uns nämlich während der »seltenen« Erfahrungen großer Angst die Gegenwärtigkeit des Nichts aufgeht, so ist mit dem Seienden im Ganzen auch sein Laut verschwunden und entzogen. Das Da-sein in der Welt bedeutet immer schon ein Ausgesetztsein in eine Sphäre, wo Nicht-Musik erstmals möglich ist. Wer geboren wurde, ist aus dem tiefenakustischen Kontinuum des Mutterinstruments herausgefallen. Die scharfe Durchschütterung der Angst entspringt dem Verlust jener Musik, die wir nicht mehr hören, wenn wir in der Welt sind. Eine genaue Lektüre von Heideggers dunkler Rede läßt erkennen, daß die Angst, von der die Rede ist, keine andere sein kann als die vor dem Tod der angeborenen Musik, die Angst vor der furchtbaren Stille der Welt nach der Trennung vom mütterlichen Medium. Alles, was später gemachte Musik sein wird, kommt her von einer auferstandenen und wiedergefundenen Musik, die vom Kontinuum auch nach seiner Zerstörung zeugt. (Ich deute hier. analog zu der naturphilosophischen Differenz zwischen natura naturans und natura naturata, eine tiefenmusikologische Differenz zwischen musica musicans und musica musicata an). Wiedergefundene Musik ist Anknüpfen an das Kontinuum nach seiner Katastrophe. Wenn der Herzschlag und das viszerale Rauschen des primären Musikinstruments nicht mehr zu hören sind, tritt der Ernstfall der Daseinspanik ein. Dort nämlich nur, im leeren Schweben »in der Welt«, öffnet sich eine unheimliche stille Weite, in der das akustische Kontinuum der mütterlichen Musik aufgehoben ist; nur durch einen gefährdeten akustischen Ariadnefaden bleibt das entbundene Einzelwesen noch auf die mitnehmende Kraft bezogen, die der ersten, der inneren, der gemeinsamen Klangwelt eigen war. Man versteht, wieso es Heideggers Überzeugung sein konnte, daß unter der Geräuschkulisse des betriebsamen Dahinlebens die alte Panik »schläft«: Das normalerweise Schlafende besitzt die Authentizität des Schrecklichen, das, wenn ich standhalte, zu mir als einem »Existierenden« führt. Darum kann Heidegger nicht genug betonen, daß uneigentliches Leben im Lärm und im Gerede dahingeht, während zur Vereigentlichung die Angst vor einer furchtbaren Stille gehört.“ (Peter Sloterdijk, Der ästhetische Imperativ, 2007, S. 78-79).

„»Diese ursprüngliche Angst wird im Dasein zumeist niedergehalten. Die Angst ist da. Sie schläft nur. Ihr Atem zittert ständilg durch das Dasein.« (Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?,  1929, a.a.O., S. 116). Zu ihrem Wesen rechnen eine »eigentümliche Ruhe«, eine »gebannte Ruhe« und der Drang, die »leere Stille« zu übertäuben (vgl. Martin Heidgger, ebd, S. 111, 113, 112). Man könnte das Hören der Stille, weil es ein Sichhören des Daseins in der Innigkeit des Unheimlichen einschließt, ein panisches Cogito nennen. Ich höre nichts mehr, also bin ich da. Das Dasein in der Stille der Welt ist eine Saite, die unter ihrer eigenen Spannung vibriert. Mag sein, daß die Meditierer aller Zeiten Stille und Schweigen gesucht haben, weil das Sichhören des Daseins beim Verstummen des Lärms hilft, die Saite zu spannen. Daher feiert die Musik nicht nur das Wiederanknüpfen ans Kontinuum, sondern erinnert, wenn sie mehr ist als Sedativ oder Narkose, auch immer an die kosmische Stille der Existenz.“ (Peter Sloterdijk, Der ästhetische Imperativ, 2007, S. 79-80).

Heideggers Lebensphilosophie bzw. Existenzphilosophie kann man auch verstehen als Erlebensphilosophie bzw. Ereignisphilosophie (Aktionsphilosophie), denn laut Heidegger muß die Philosophie die Befindlichkeit herbeizaubern und sich danach um deren Deutung bemühen. Geschehen kann dies beispielsweise so: dem Dasein ein Schrecken einjagen, in Angst versetzen, in eine Langeweile treiben, um dann mit der Entdeckung aufwarten zu können, daß es das Nichts ist, was in diese Stimmungen treibt. „Die Angst offenbart das Nichts. Wir ›schweben‹ in Angst. Deutlicher: die Angst läßt uns schweben, weil sie das Seiende im ganzen zum Entgleisen bringt ....“ (Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, 1929, S. 9). „Die Idee der Logik selbst löst sich auf im Wirbel eines ursprünglicheren Fragens ....“ (Martin Heidegger, ebd., 1929, S. 37). In der Transzendenz des leeren Spielraums, der sich auftut zwischen uns und der Welt, erfahren wir sozusagen die „Hineingehaltenheit in das Nichts“ (Martin Heidegger, ebd., 1929, S. 38). „Jede Warum-Frage zehrt von jener letzten Frage: Warum ist Etwas und nicht vielmehr Nichts? Wer sich selbst oder die Welt wegdenken kann, wer nein sagen kann, handelt in der Dimension des Nichtens. Er beweist, daß es das gibt: das Nichts. .... Die Transzendenz des Daseins ist also - das Nichts. .... In der Angst der Leere verliert man eine Welt und erfährt doch, wie aus dem Nichts stets wieder eine neue Welt geboren wird. Durch die Angst hindurch kann man wieder neu zur Welt kommen.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 206). „Für Heideggers Ereignisphilosophie, die dem Geheimnis der Zeit und des Augenblicks auf der Spur ist, liegt es nun nahe, sich mit dem anderen großen Ereignis der Leere zu beschäftigen: mit der Langeweile. Und was dabei herauskommt, gehört zu dem Eindrucksvollsten, was Heidegger jemals vorgetragen hat. So ist in der gesamten philosophischen Überlieferung nur ganz selten eine Stimmung beschrieben und ausgedeutet worden wie in dieser Vorlesung (Grundbegriffe der Metaphysik, 1929/30). Hier wird die Langeweile wirklich zum Ereignis. .... Vor den Abgründen dieser Langeweile packt uns in der Regel der Horror vacui. Diesen Schrecken aber muß man ausgehalten haben, denn er macht einen intim bekannt mit jenem Nichts, das die alte metaphysische Frage: Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts?  anvisiert. .... Es handelt sich hierbei - das betont Heidegger - nicht um eine gesuchte, erkünstelte Stimmung, um keine angestrengte Einstellung, sondern umgekehrt, »es gilt die Gelassenheit des alltäglich freien Blickes« (Martin Heidegger, Grundbegriffe der Metaphysik, 1929/30, S. 137). Alltäglich ist uns häufig so leer zumute, sagt Heidegger, aber wir decken diese Leere ebenso alltäglich sogleich wieder zu. Er fordert dazu auf, dieses eilige Zudecken eine Weile lang - eine Langeweile lang - zu unterlassen. .... Heidegger will die Geburt der Philosophie aus dem Nichts der Langeweile vorführen.“ (Rüdiger Safranski, ebd., 1994, S. 220f.). Wir sind zwar in der Welt, aber auch in ihr verschwunden. Unser Aufenthalt in der Welt ist zugleich ein Verfallensein an sie. Heidegger zeichnet „die Stimmung der Langeweile aus, weil in ihr - ebenso wie in der Stimmung der Angst - das »Ganze der Welt« in einen Abstand gerückt erscheint, der die metaphysische Haltung des Staunens oder Erschreckens ermöglicht - als dritter Akt eines existentiellen Dramas. Im ersten Akt geht man - alltäglich - in der Welt auf und die Welt erfüllt einen; im zweiten Akt rückt alles fern, das Ereignis der großen Leere, die dreifache Negativität (Nicht-Selbst, nichtige Welt, Bezugslosigkeit); im dritten Akt schließlich kehrt das Entrückte, das eigene Selbst und die Welt, wieder zurück. Das Selbst und die Dinge werden gewissermaßen ›seiender‹; sie gewinnen eine neue Intensität. Darauf läuft alles hinaus. Selten hat Heidegger das so klar und ungeschützt formuliert wie in dieser Vorlesung (): »Um nichts geringeres geht es, als diese ursprüngliche Dimension des Geschehens im philosophischen Dasein wieder zu gewinnen, um alle Dinge erst wieder einfacher, stärker und nachhaltiger zu ›sehen‹« (Martin Heidegger, ebd., 1929/30, S. 35). .... Im zweiten Teil dieser Vorlesung () trägt Heidegger ... eine ... Naturphilosophie vor .... Zur Welt gehört Natur. Aber hat die nichtmenschliche Natur überhaupt ›Welt‹?  Der Stein, das Tier - haben sie eine Welt oder kommen sie nur darin vor?  Darin - das heißt in einem Welthorizont, den es nur für den Menschen, dieses weltbildende Naturwesen, gibt?  .... Das Bewußtsein soll das Bewußtlose erfassen, Erkenntnis das Erkenntnislose. Dasein soll ein Seiendes verstehen, für das es dieses ›da‹ gar nicht gibt. Der naturphilosophische Teil dieser Vorlesung () ist eine einzige Meditation über dieses ›da‹ und darüber, wie wir Natur, die dieses ›da‹ nicht kennt, überhaupt verstehen können. .... Darum geht es: von der Natur her entdecken, daß sich im Menschen ein Da-sein aufgetan hat - eine Lichtung () -, dem die Dinge und Wesen, die sich selbst verborgen sind, erscheinen können. Das Dasein gibt der Natur die Bühne. Der einzige Sinn von Heideggers Naturphilosophie ist die Inszenierung der Epiphanie dieses ›Da‹. .... Der Stein ist »weltlos« ..., das Tier ist »weltarm«. .... Das Tier hat eine bestimmte Offenheit für die Welt, doch kann ihm die Welt nicht als Welt »offenbar« werden. Das geschieht erst im Menschen. Zwischen dem Menschen und seiner Welt klafft ein Spielraum auf. Die Weltgebundenheit hat sich soweit gelockert, daß der Mensch sich auf die Welt, auf sich selbst und auf sich als etwas in der Welt Vorkommendes beziehen kann. .... Diesen Spielraum nennt Heidegger »Freiheit«. ... Zum Möglichsein gehört der Gedanke, daß etwas auch nicht sein könnte. .... Nur weil wir einen Sinn für das Abwesende haben, können wir Anwesenheit als solche erfahren .... Diese Vertrautheit mit dem Möglichsein und dem Nichts - was es im Weltbezug des Tieres nicht gibt - zeigt den gelockerten Weltbezug, den Heidegger »weltbildend« nennt. So wie Max Scheler (1874-1928) in seinen anthropologischen Entwurf (Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1927Scheler) die geistige Personalität des Menschen gedeutet hatte im Anschluß an Schellings (1775-1854Schelling) Idee des in dem und durch den Menschen »werdenden Gottes«, so knüpft Heidegger am Ende seiner Vorlesung () an einen anderen großen Gedanken Schellings an: Die Natur schlägt im Menschen ihre Augen auf und bemerkt, daß sie da ist. Diesen Schellingschen »Lichtblick« nennt Heidegger die »offene Stelle«, die sich im Menschen inmitten des naturhaft verschlossenen Seienden aufgetan hat. Ohne den Menschen wäre das Sein stumm: es wäre vorhanden, aber es wäre nicht - da. Im Menschen ist die Natur zur Durchsichtbarkeit durchgebrochen.“  (Rüdiger Safranski, ebd., 1994, S. 226-229).

„Die Lichtung () ist ... nicht ohne ihre technogene Herkunft zu denken. .... Wenn »es« den Menschen »gibt«, dann nur, weil eine Technik ihn aus der Vormenschheit hervorgebracht hat. Sie ist das eigentlich Menschen-Gebende. .... Technik, hat Heidegger doziert, ist eine Weise der Entbergung. Sie holt Ergebnisse ans Licht, die von ihnen selbst her so nicht und nicht zu dieser Zeit an den Tag gekommen wären. .... Auf der Stufe des Satzes »Es gibt Information« verliert das überlieferte Bild von Technik als Heteronomie und Versklavung von Materien und Personen zunehmend seine Plausibilität. Wir werden Zeugen dessen, daß mit den intelligenten Technologien eine nicht-herrische Form von Operativität im Entstehen ist, für die wir den Namen Homöotechnik (Homöotechnik) vorschlagen.“ (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, 2001, S. 225, 227, 228). „Heidegger hat sich ohne Zweifel in die Höhenlinie der europäischen Philosophie eingetragen - vielleicht der einzige in unserem Jahrhundert, den man auf lange Sicht in einem Atemzug mit Platon, Augustinus, Thomas, Spinoza, Kant, Hegel und Nietzsche wird nennen dürfen. .... So umfassend, wie ein Religionsstifter nach einem Heilsweg fragt, fragt Heidegger nach der Wahrheit über den Menschen. Man versteht ihn besser, glaube ich, wenn man ihn mit Lehrern der zurückgezogenen Weisheit wie Lao-Tse, mit indischen Denkmeistern wie Shankara und Nagarjuna oder Religionsgründern wie Paulus, Mani oder Luther in eine Linie stellt.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 102, 116-117).

„Man kann weder unverwandt in die Sonne blicken noch in den Tod. Nach Heidegger wäre hinzuzufügen, man kann auch nicht in den Menschen oder in die Lichtung blicken. .... Heidegger regt an, daß man nicht nur das anschaut, was im Licht liegt, sondern daß man darüber nachdenkt, wie das Licht und die Dinge zusammenkommen, anders gesagt, man soll die Lichtung als solche meditieren. Die Lichtung ist gleichsam der weltgebende Blitz. .... Aber wer direkt in ihn schaut, wird geblendet. .... Die Menschen ... sollen den Blitz bedenken und sich in seinem Licht selber als die Unheimlichen fürchten lernen. (*Ist das eine „Religion der Lichtung“?). Der Mensch kennt sich selber noch gar nicht, weil er noch nie richtig nach sich selbst gefragt hat. .... Aber für Heidegger war klar, daß sich die Seinsfrage durch die Macht- und Technikfrage hindurch stellt. Und wie richtig das gesehen ist, bemerken wir erst heute daran, daß die Spitzentechnologien in den `life sciences´ sich daran machen, die Codes des Lebendigen umzuschreiben.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 113-114, 117-118).

Heidegger machte die trivialen Befindlichkeiten des Alltags zu hoher Theorie. (). Er räumte den Mythos der Objektivität ebenso ab wie die alte Metaphysik. Wie jeder Denker, der neue Perspektiven eröffnet, mußte er dazu auch eine neue Sprache und Begrifflichkeit kreieren. Er entwickelte daher einen ungeheuren Begriffsreichtum, den ihm seine Kritiker als unverständlich anlasteten. Sloterdijk, der ebenfalls sprachschöpferisch tätig ist, ist nicht nur in dieser Hinsicht Heidegger sehr ähnlich. Sloterdijk unternimmt eine Neuinterpretation der Philosophie Heideggers, entdeckt ihre kynischen Tiefenströme, sieht in ihr die Dimension des Elementaren angelegt und meint, Heidegger habe auch eine Philosophie des Raumes entwickelt - genau passend zu Sloterdijks globaler Sphärenphilosophie des Raumes! (). Sloterdijk will also auch Heidegger und nicht nur „Spengler progressiv fruchtbar machen und ihn als einen Experten in Primärraumfragen hören.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 228). Heideggers Konstruktion des „Eigentlichen“ mündet in das Theorem vom „Sein zum Tode“; Sloterdijk meint, Heidegger habe mit seinen Denkfiguren eine Sozialpsychologie der Moderne geliefert und Heideggers Todestheorie die größte Kritik an den Ideen des 19. Jahrhunderts, das semantisch verborgen unter dem anonymen Mantel des „Man“ (Existenzphilosophie) den Tod verbergen hilft und somit Hilfestellung zur Aufrüstung gibt. Man läßt den Mut zur Angst vor dem Tode gar nicht erst aufkommen - diesen Kernsatz aus Heideggers „Sein und Zeit“ (1927Mehr) ergänzt Sloterdijk, der in jeder Revolution eine Wiederholung der Geburt auf einer anderen Bühne sieht, auf geburtshelferische Weise mit seinem Apriori der „Entbindung“, so daß Sloterdijks Kernsatz lauten könnte: Man läßt den Mut zur Angst vor der Geburt gar nicht erst aufkommen. „Der Nachteil, geboren zu sein“ () bietet jedoch auch „den Mindestvorteil, sich ein Leben lang über ihn beklagen zu können. Das Minimum an Positivität ... stiftet zugleich eine elementare Voraussetzung für eine Poetik der Entbindung. .... Nicht Sprache und Kommunikation bilden die ersten Bedingungen der Möglichkeit, daß Menschen sich zu einer gemeinsamen Welt bringen, sondern die Entbindung jedes einzelnen Individuums aus der fötalen Kommunion mit der Mutter. Erst nach dieser kommunionellen »Grundlegung« und nach ihrer Sprengung kann es irgendwann einmal auch Kommunikation geben - aber nicht als erste Voraussetzung, sondern als spätes Resultat.“ (Peter Sloterdijk, Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen, 1988, S. 108f.). - Lassen wir Heidegger zur Sprache kommen:

„Zwar müssen wir zugeben, daß die Sprache im Alltag wie ein Mittel der Verständigung erscheint
und als dieses Mittel für die gewöhnlichen Verhältnisse des Lebens genutzt wird. Allein: es gibt noch
andere Verhältnisse als die gewöhnlichen. Goethe () nennt diese anderen Verhältnisse die tieferen
und sagt von der Sprache: »Im gemeinen Leben kommen wir mit der Sprache notdürftig aus, weil wir nur
oberflächliche Verhältnisse bezeichnen; sobald von tieferen Verhältnissen die Rede ist, tritt sogleich eine
andere Sprache ein, die poetische«.“ (Heidegger). Heideggers ganzes Geheimnis: Unterwegs zur Sprache.

Sloterdijks „Zur-Welt-Kommen“ () geht zurück auf Heideggers „In-der-Welt-Sein“ (), das wiederum, wie auch Spenglers „Primär-Raum“ () und Nietzsches „Ewige-Wiederkehr“ (), zurückgeht auf Schopenhauers eurobuddhistische Gelassenheit im Nirwana, verstanden als eine abendländische „Radikal-Skepsis“ (), genauer: ein abendländischer Skeptizismus, der Lebensphilosophie heißt. (Lebensphilosophie). „Skepsis ist der Habitus, das Überzogene am Gewöhnlichen auflaufen zu lassen und endgültige Ergebnisse stets als vorläufige hinzustellen. .... Anders als der Kritizismus, der an Herabsetzungen interessiert bleibt, hegt die Skepsis Sympathien für Übertreibungen aller Art, im Bewußtsein, ihnen nicht erliegen zu müssen.“ (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet - Versuche nach Heidegger, 2001, S. 263, 273).

Sloterdijks „Zur-Welt-Kommen“ soll für den Menschen als „adventisches Tier“ zuerst einmal heißen: gut ankommen und sich einwohnen in einer Welt, die nicht unbedingt zum Behälter des „Nestflüchters“ Mensch geeignet ist. (Wohnen). Rüdiger Safranski (*1945), der Freund und Geistesbruder Sloterdijks, hat einen Film gedreht, der als Video (1990) erhältlich ist und die Lebenswelt zeigt, in der Sloterdijk bei sich ankommnen und einwohnen, d.h. in gelöster und gelockerter Form zu sich finden kann und sein Weltverständnis erläutert. Als Maxime des „Zur-Welt-Kommens“ könnte nach Sloterdijk gelten: distanzierte Entbeteiligung und spielerische Einmischung. Sloterdijk empfiehlt ein skeptisches und spielerisches Verhalten, das sich dennoch nicht scheut, sich auf die Bühne zu schwingen und zu tanzen. Ihm kommt es darauf an, die Welt zu „schonen“, weil die Menschen sie schon verschieden genug verändert haben. Man sollte eine Langsamkeit entwickeln und wissen, daß hohe Glückszustände auch in meditativen und kontemplativen Lagen gefunden werden können. Der existentialistische Lebensphilosoph Sloterdijk empfiehlt sich, wie schon Schopenhauer, als ein Eurobuddhist und deshalb: abendländischer Skeptizist. Lebensphilosophie

Zu der Zeit, als Sloterdijk seine „Kritik der zynischen Vernunft“ schrieb, bei Baghwan in Poona sich auslebte und als der geistige Vater des Tu-nix-Festivals in Berlin bezeichnet wurde, besaß er alle Attribute eines Existentialisten. Seine spätere Wende zu kommunitarischen Gedanken und einer konservativen Sphäre zeigt sich schon in seinem Hauptwerk der „Kritik der zynischen Vernunft“ an, wo er durchaus manchmal auch ambivalent auf der zynischen Seite zu finden war. Sloterdijk denkt am Leitfaden Nietzsches (Nietzsche), dessen Motto „gefährlich denken“ war und der durchaus neben einer ausgeprägt individualistisch-existentialistischen Seite auch in konservativen Tönen zu denken verstand. Es ist bei Sloterdijk einfach so, daß er sich das Denken nicht verbieten läßt und damit auch nicht in Schablonen festlegbar ist.

„Die neuen Immunitätstechniken empfehlen sich als Existentialstrategien für Gesellschaften aus Einzelnen, bei denen der Lange Marsch ... zum Ziel geführt hat - zur Grundlinie des von Spengler richtig prophezeiten Endes jeder Kultur: jenem Zustand, in dem es unmöglich ist, zu entscheiden, ob die Einzelnen außergewöhnlich fit oder außergewöhnlich dekadent sind. Jenseits dieser Linie verlöre die letzte metaphysische Differenz, die von Nietzsche verteidigte Unterscheidung von Vornehmheit und Gemeinheit, ihre Kontur, und was am Projekt Mensch hoffnungsvoll und groß erschien, verschwände wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ (Peter Sloterdijk, Sphären - II -, 1999; S. 1004f.). - „Man sollte Spengler progressiv fruchtbar machen und ihn als einen Experten in Primärraumfragen hören.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001; S. 228).

 

Lebensphilosophie Die Linie in Schopenhauers Lebensphilosophie (dem „Analogon“ zu Pyrrhons Skeptizismus ) geht von Schopenhauer
über Kierkegaard, Nietzsche, Spengler bzw. Heidegger u.a. zu Safranski bzw. Sloterdijk u.a., also weiter in die Zukunft.

 

NACH OBEN „Junge Schule“ der Lebensphilosophie

Zur „Jungen Schule“ der Lebensphilosophie kann man sehr wahrscheinlich Peter Sloterdijk (*1947Peter Sloterdijk) zählen, obwohl man dies erst in Zukunft genauer beurteilen können wird. Ebenso wird sich dann zeigen, ob und wie sich sogar eine ganz neue Richtung der Lebensphilosophie, eine Neu-Lebensphilosophie ("Neu-Lebensphilosophie") gebildet haben wird. Sloterdijks Mutter, eine Deutsche, hatte einen Holländer geheiratet, doch die Ehe hielt nicht lange, und so wuchs Sloterdijk schon früh „ohne prägendes väterliches Element“ auf, wie er Kindheit und Herkunft seines Namens in Interviews selbst kommentierte. Von 1968 bis 1974 studierte Sloterdijk in München und Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. Schon 1971 stellte er seine Magisterarbeit mit dem Titel Strukturalismus als poetische Hermeneutik () fertig. 1972 folgten eine Studie mit dem Titel Die Ökonomie der Sprachspiele - Zur Kritik der linguistischen Gegenstandskonstitution () und ein Essay über Michel Foucaults strukturale Theorie der Geschichte (). Im Jahre 1975 wurde Peter Sloterdijk aufgrund seiner von Professor Klaus Briegleb betreuten Doktorarbeit zum Thema Literatur und Organisation von Lebenserfahrung - Gattungstheorie und Gattungsgeschichte der Autobiographie der Weimarer Republik 1918–1933 () durch den Fachbereich Sprachwissenschaften der Universität Hamburg promoviert. Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (später: Osho) im indischen Pune auf.


‹—  Peter Sloterdijk —›
1. Stadium („Winter“)2. Stadium („Frühling“)3. Stadium („Sommer“)4. Stadium („Herbst“)
Vor-/Urdenken: Sloterdijks
„Vor-/Urphilosophie“
Frühdenken: Sloterdijks
„Frühphilosophie“
Hochdenken: Sloterdijks
„Hochphilosophie“
Spätdenken: Sloterdijks
„Spätphilosophie“
(Dauer: 21 Jahre)(Dauer: 15 Jahre)(Dauer: 23 Jahre)(Dauer: ?  )
1947 bis 19681968 bis 19831983 bis 20062006 bis ?
Geburt
(26.06.)
„KRITIK DER
ZYNISCHNEN VERNUNFT“
Übergang
    Schule / Studium
|„Zorn
und Zeit“
Frühe
Kindheit
Grund-
Schule
Gym-
nasium
1968
- 1974
1974
- 1978
1978
- 1983
1983
- 1989
1989
- 1999
1999
- 2006
2006
- ?
  
ErläuterungErläuterung

Rüdiger Safranski schreibt vorzugsweise Biographien über Philosophen, Lebensphilosophen, zum Thema Lebensphilosophie (Safranski): „Lebensphilosophie, ... ein Kampfbegriff ..., gegen zwei Fronten gerichtet. ... Bei den Lebensphilosophen wird der Begriff   › L e b e n ‹   so geräumig und elastisch, daß alles hineinpaßt: Seele, Geist, Natur, Sein, Dynamik, Kreativität. Die Lebensphilosophie wiederholt den Protest ....   › L e b e n ‹  ist Gestaltenfülle, Erfindungsreichtum, ein Ozean der Möglichkeiten, so unantastbar, daß wir kein Jenseits mehr brauchen. Es steckt genug davon im Diesseits. Leben ist Aufbruch zu fernen Ufern und doch zugleich das ganz Nahe, die eigene gestaltfordernde Lebendigkeit. .... Die Lebensphilosophie versteht sich als eine Philosophie des Lebens im Sinne des Genitivus subiectivus: Sie philosophiert nicht über das Leben, sondern es ist das Leben selbst, das in ihr philosophiert. Als Philosophie will sie ein Organ dieses Lebens sein; sie will es steigern, ihm neue Formen und Gestalten erschließen. Sie will nicht nur herausfinden, welche Werte gelten, sie ist unbescheiden genug, neue Werte schaffen zu wollen. Lebensphilosophie ist die vitalistische Variante des Pragnatismus. Sie fragt nicht nach der Nützlichkeit einer Einsicht, sondern nach ihrer schöpferischen Potenz. Für die Lebensphilosophie ist das Leben reicher als jede Theorie; deshalb verabscheut sie den biologischen Reduktionismus: Dort wird ja der Geist auf das Niveau des Lebens heruntergezogen, in der Lebensphilosophie aber soll der Geist zum Leben emporgehoben werden.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland, 1994, S. 64-66 Safranski). Sloterdijk sieht das auch so und erinnert an die Analogie zwischen abendländischer Lebensphilosophie und antikem Skeptizismus (Skeptizismus):

„Skepsis ist der Habitus, das Überzogene am Gewöhnlichen auflaufen zu lassen und endgültige Ergebnisse
stets als vorläufige hinzustellen. .... Anders als der Kritizismus, der an Herabsetzungen interessiert bleibt,
hegt die Skepsis Sympathien für Übertreibungen aller Art, im Bewußtsein, ihnen nicht erliegen zu müssen.“
(Peter Sloterdijk, Nicht gerettet - Versuche nach Heidegger, 2001, S. 263 und 273).

„Als Schriftsteller ist Sloterdijk Schopenhauer und Spengler ebenbürtig.“
(Frankfurter Allgemeine Zeitung).

„Wenn Schopenhauer in der Einleitung zu Die Welt als Wille und Vorstellung (Schopenhauer) über den besonnenen Menschen nach der transzendentalphilosophischen Wende notierte: »Es wird ihm ... deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde, sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, und eine Hand, die eine Erde fühlt, daß die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist ....« (Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, 1. Buch, § 1) - so wäre aus der Sicht der Seefahrer und aller übrigen bei der Globalisierung Aktiven hinzuzufügen, daß es künftig eine Erde nicht allein für die fühlende Hand gibt. .... Der Erfolg der Erdsphärenmission war so durchschlagend, daß er von seinen Erben heute nicht länger als solcher empfunden wird. .... Manche »Globalisierungsgegner« machen in jüngerer Zeit keinen Hehl aus ihrer Überzeugung, es wäre besser gewesen, die Menschen hätten das gelobte Stadium nie erreicht - oder wären nach gewonnener Einsicht, unter Vermeidung der hohen See, in ihren Dörfern und Kleinstädten geblieben. Aber was ist das, wenn nicht eine verspätete Form des Unglaubens hinsichtlich der Botschaft, daß die Erde eine erfahrbare Einheit bildet - begleitet von dem Zweifel daran, daß die Menschen mit der Wahrheit über die Kugel unter ihren Füßen etwas Sinnvolles anfangen können?  Die Ungläubigen hätten es offenbar vorgezogen, Ptolemäer zu bleiben.“ (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 254-256Sloterdijk).

In Schopenhauer sieht Sloterdijk den ersten „Patriarchen des Eurobuddhismus“ und in Cioran (1911-1995) den zweiten. In seinem Buch „Eurotaoismus“ beschäftigte sich Sloterdijk 1989 mit „buddhistischer Politik“ auch insofern, als daß durch den Geist des Tao eine Asiatisierung Europas eingeleitet werden könnte, um das „Wu-Wei“ des Lao-Tse (ca. 604 -520), das Geschehenlassen, die Entdeckung der Langsamkeit, die Heidegger'sche Kehre, das Prinzip Gelassenheit zur Geltung zu bringen. Das Verschwinden des Subjekts ist im Buddhismus ein religiöses Ideal. Niklas Luhmann (1927-1998), der aus seiner Sympathie mit dem Buddhismus keinen Hehl machte, konnte sich sogar vorstellen, daß Kommunikation auch dann weiterläuft, wenn es längst schon keine Menschen mehr gibt und daß Wissen und Vernunft sich nicht in Köpfen oder Psychen, sondern in Büchern, Datenspeichern oder im Internet befinden. - „Wer sich auf die Zehen stellt, steht nicht fest. Wer die Beine spreizt, kommt nicht voran.“ (Tao Te King, 24. Spruch).

Auf Nietzsche bezieht sich Sloterdijk z.B. mit der These, daß die „ewige Wiederkehr“ auch den Fatalismus und den Willen zum Siegen bzw. zur Macht beinhaltet. (NietzscheSieg und Niederlage). Auch Sloterdijk ist der Meinung, daß sich wieder ein Weltzustand ankündigt, in dem der Unterschied zwischen weltlichen Siegern und Verlierern von neuem ein absoluter wird. Für Sloterdijk wird die zeitgenössische Welt zunehmend zur Arena; in ihr werden Kämpfe unter den Sterblichen ohne höheren Schiedsspruch entschieden; das Leben erscheint als Lotterie zur Austeilung von Schicksalslosen, bei deren Entgegennahme der Rechtsweg ausgeschlossen ist. In einem solchen Klima ändert sich vieles. Sloterdijk nennt als Beispiel die Wirtschaft, insbesondere die Werbewirtschaft, deren Voraussetzungen sich deshalb radikal ändern, weil die egalitaristischen Prämissen liberaler Konsumgüterwerbung sich zersetzen. „Die gute Nachricht vom lebenverbessernden Produkt ist immer schwieriger an den Mann zu bringen. Schon heute beobachten wir den Effekt, daß der Grenznutzen der Massenkonsumgüterwerbung sinkt - mit anderen Worten, die Güter, die sich für den Verbrauch durch alle eignen, sind heute tendenziell bereits in jedem Haushalt da, zumindest in der Reichweite der meisten Konsumenten, während man für die Objekte, die heute noch nicht jeder hat, sagen wir Yachten, Privatflugzeuge, Schlösser, auch künftig beim allgemeinen Publikum kaum wird werben können. Angesichts dieser Sachlage wird die Werbewelt, nolens volens, tendenziell immer nietzscheanischer (Nietzsche), indem sie sich immer unverhohlener an die wenigen wenden muß, die sich das Seltene leisten können, und immer offener all jene ausschließt, für die das Seltene nicht im Angebot sein kann. Auf ihre Weise bestätigt so künftig die Werbung den Unterschied zwischen Siegern und Verlierern und gibt ihre bisherigen konsumegalitaristischen Voraussetzungen preis. Unweigerlich wird aus der inklusiven Werbung mehr und mehr eine exklusive, ja sie würde schließlich, denkt man den Prozeß zuende, überhaupt aufhören, Werbung zu sein, das heißt Veröffentlichung von guten Nachrichten über zugängliche Güter vor allgemeinem Publikum: sie würde sich transformieren in ein Mailing-Verfahren, sprich die Versendung von exklusiven Briefen an die Adresse von kaufkräftigen und genußfähigen Wenigen. Die Vorboten solcher Entwicklungen sind heute überall präsent. Der Idealkunde in der voll entfalteten neuantiken Situation wäre nicht mehr Herr Jedermann und Frau Sowieso, sondern eine Persönlichkeit vom Typus des Kunstsammlers oder des wohlhabenden Besuchers von Etablissements, die auf die exklusive Bedienung von besonderen Neigungen spezialisiert sind; der typische Werber wäre nicht mehr der Sprüche- und Bildermacher für den Massenkonsum, sondern eine Art Premium-Galerist oder Luxusmakler, der einer Elite Appetit macht auf seltene Objekte und Dienste. .... Hermes steht für die Wiederholung der Antike auf der Höhe der Modernität vor allem unter dem zweiten Aspekt von Nietzsches Diktum. (Nietzsche). Die Behauptung, daß höhere Kultur nur auf der Basis von Sklaverei möglich sei, zeigt ihre Spitze, sobald man Hermes als den Gott der zeichenverarbeitende Sklaven versteht. Wenn es zur Zeit ein Produkt gibt, das eine unwiderstehliche Begehrenspanik auf den Konsumentenmärkten auszulösen imstande ist, dann ist es der Kommunikationssklave, der unter dem Namen Computer in jede Fabrik, in jedes Büro eingeführt ist und der bald auch in jeden bürgerlichen Privathaushalt aufgenommen sein wird. Die Ware aller Waren ist heute wie in der Antike der Sklave; der einzige interessante und turbulente Markt der Gegenwart ist in diesem Sinn wieder der Sklavenmarkt.“ Laut Sloterdijk kommt der wesentliche Unterschied zwischen der Antike und uns im Begriff der Technik zum Vorschein, denn antike Sklaven wurden gefangen - aus Randkulturen abgeerntet, wie Sloterdijk sagt - und werden wie Arbeitstiere als Naturmaschinen vorgefunden und dressiert; aber unsere Sklaven werden konstruiert und technisch hergestellt. Die Aufgaben des antiken Sklaven liegen vor allem im Bereich der schweren körperlichen Arbeit, die Aufgaben unseres Sklaven kiegen im Bereich der niederen Kommunikativität. „Die sogenannte Kommunikationsgesellschaft ist eine ökonomische Formation, die in erster Linie durch Kommunikationssklavenhandel bestimmt wird. Der Sklave von heute ist die informationsverarbeitende Maschine. Wollen zeitgenössische Menschen in den Genuß des Gefühls von Menschenwürde kommen, so müssen sie Maschinen kommunizieren lassen, um selber frei zu bleiben für Dinge, die jenseits der kommunikativen Fronarbeit liegen. Kommunikation ist, wie wir zunehmend begreifen, Sklavenarbeit; sie läßt sich nur in Ausnahmefällen dem Umkreis der eigentlich menschenwürdigen Tätigkeiten zurechnen. Daher ist der Kommunikationssklavenmarkt der letzte Horizont der modernen Demokratie. Ein Modell hierfür findet sich übrigens schon in der alten Welt: Die reichen Herren Roms hielten lebende Vorfahren der datenverarbeitenden Systeme in ihren Sklavenställen: es gab bekanntlich einen Typus von Intelligenzsklaven, die sich Nomenclatoren nannten, also Namensrufer .... Die Nomenclatoren des alten Rom waren lebende Notebooks, die ihre Herren bei Stadtspaziergängen zu begleiten hatten und die bei der Begegnung mit einem Jemand, den nicht namentlich zu kennen sozial schädlich gewesen wäre, laut den Namen der betreffenden Person ausrufen mußten. Diese Sklaven waren Begrüßungsarbeiter, sie fungierten als Kontaktautomaten, die den Verkehr der empfindlichen Herren auf der gewünschten hohen und höflichen Frequenz zu halten hatten.“ Wer hierzu das abendländische Gegenstück sucht, kann Sloterdijks Analogie folgen und „etwa an den Unterschriftautomaten denken, mit dem die jeweiligen Machthaber im Weißen Haus zu Washington ihre zweitrangige Post zu erledigen pflegen. Weil aber praktisch alle Post zweitrangig ist, brauchen alle Kommunikatoren in der modernen Demokratie Sklaven, die ihnen die Vernetzungsarbeit abnehmen; wer sich einen solchen Sklaven nicht leisten kann, muß tatsächlich noch selber kommunizieren und unterliegt dem kleinbürgerlichen Zwang, als freier Sklave seiner selbst auf den Markt zu gehen. In Großgesellschaften ist soziale Kohärenz nur über Kontakt oder Vernetzungsklaven herzustellen.“ Sloterdijks Analogie ist richtig. Die Geschichte der abendländischen Kultur beweist, daß Maschinen und Sklaven analog zu denken sind (vgl. hierzu u.a.: SpenglerSpengler). Weil der „Wiederholungzwang“ (die „ewige Wiederkehr“; vgl. NietzscheNietzsche) sogar so mächtig werden und das scheinbar Überwundene zur Wiederkehr zwingen kann, sollten wir auch vielerlei Unerwartetes einkalkulieren. „Künftige Gesellschaften werden mithin in mehrfachem Sinn »antike« Züge aufweisen: sie werden in religionshistorischer Sicht tendenziell neofatalistisch sein; sie werden auf der Sklaverei im bezeichneten Sinne beruhen, wahrscheinlich auch wieder auf einer Sklaverei der zu billigen Arbeitskraft; sie werden klientelistisch sein, und sie werden, wie man schon heute in Ansätzen erkennt, insbesondere im Unterhaltungsfernsehen eine Regression von der Sozialpolitik zum Pöbelmanagement im Sinne der Brot-und-Spiele-Formel aufweisen. (panem et circenses). Dies alles sind typische Züge, die wir aus der ... antiken Welt kennen.“ Neben ihnen werden sich laut Sloterdijk auch zunehmend Aspekte der mesopotamischen Kultur „in den Vordergrund schieben, weil in Zukunft die soziale Macht mehr und mehr von den Herren über die Kanäle ausgeht“, so Sloterdijk. Seiner Meinung nach leben wir „im Übergang vom Fahrzeugzeitalter zum Kanalisationszeitalter“, und können deshalb „schon heute mit freiem Auge abschätzen, wie bedeutsam künftig die Kontrolle über kanalgebundene Güter Elektrizität, Wasser, Information sein wird. Hier tut sich ein Horizont von neomesopotamischen Verhältnissen auf, in denen sich die altorientalische Hydrokratie, also die Herrschaft der Bewässerungsmonarchen, formal als Elektrokratie und Infokratie wiederholt.“ (Peter Sloterdijk, Weltmanagement im Kommunikationszeitalter; vgl. Sloterdijk). Sloterdijks Rede endet mit Kants kategorischen Imperativ (Kategorischer Imperativ), denn Sloterdijk meint, daß menschliche Gesellschaftspolitiker immerhin den Versuch unternehmen müssen, den Unterschied aller Unterschiede, den zwischen Siegern und Verlierern, zu sozial lebbaren Zuständen abzuschwächen - andernfalls, so Sloterdijk, haben sie (gerade heute und noch mehr in der nächsten Zukunft) „Aussichten auf den Bürgerkrieg, gleich ob in molekularer Form, um mit Enzensberger zu sprechen, oder unter der Gestalt von inflationierenden Terrorismen“ (vgl. Global-TerrorismusGlobal-Terrosrismus). Internationaler Terrosrismus

Abendländische Globalismus-Phase (): „Die psychopolitische Herausforderung des Globalen Zeitalters, das wir ... als ... Resultatsstufe ... verstehen, besteht darin, daß die Schwächung der Container-Immunitäten nicht einfach als Formverlust und Dekadenz, das heißt als ambivalente oder zynische Beihilfe zur Selbstzerstörung, verarbeitet werden darf. Was auf dem Spiel steht, sind erfolgreiche neue Designs von lebbaren Immunverhältnissen ....“ (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 239Sloterdijk). Für Sloterdijk „stellen sich alle Fragen der sozialen und personalen Identität unter morphologischen und immunologischen Aspekten dar, also unter dem Gesichtspunkt, wie in geschichtlich bewegten Großwelten so etwas wie lebbare Formen des »Wohnens« (Wohnen) oder des Bei-sich-und-den-Seinen-Seins eingerichtet werden können.“ (Ebd., 2005, S. 234Sloterdijk). Sloterdijk betont, daß der „europäische (abendländische) Historismus, den der junge Nietzsche (Nietzsche) aus anachronistischer heroischer Gesinnung bekämpfte“, nichts anderes sei als „eine Abendröte der terrestrischen Globalisierungsära“, die Dämmerung des abendländischen „Weltnahme- und Weltstiftungszeitalters“ ! „Unter denen, die sein Ende kommen sahen, ragt Oswald Spengler (Spengler) noch immer hervor: Seine Studien zum »Untergang des Abendlandes« sind ein geschichtsmorphologischer Abgesang auf die »faustische« Kultur als die einzige, die den Gedanken der Geschichte zu denken vermochte und die als einzige »Geschichte« im engeren Wortsinn hevorbrachte, erlebte und reflektierte“ - so Sloterdijk (ebd., 2005, S. 262Sloterdijk). „Die neuen Immunitätstechniken (in ihrem institutionellen Zentrum: die Privatversicherungen und Pensionfonds, an ihrer individuellen Peripherie: Diätetik und Biotechnik) empfehlen sich als Existentialstrategien für »Gesellschaften« aus Einzelnen, bei denen der lange Marsch in die Flexibilisierung, die Schwächung der »Objektbeziehungen« und die generelle Lizensierung von untreuen oder reversiblen Verhältnissen zwischen Menschen zum »Ziel« geführt haben - zu dem von Spengler richtig prophezeiten Endstadium jeder Kultur: jenem Zustand, in dem es unmöglich ist zu entscheiden, ob die Einzelnen tüchtig oder dekadent sind (aber tüchtig in welcher Hinsicht und dekadent in bezug auf welche Höhe?). Es ist der Zustand, in dem den Individuen die Fähigkeit zur exemplarischen Fähigkeit zur Weltbildung abhanden gekommen ist.“ (Ebd., 2005, S. 241-242Sloterdijk).

„Von dem immensen Fortschritt des Levitationsgeschehens kann man sich indirekt, im Spiegel der Theorie, einen Begriff bilden, wenn man Hegels () beiläufige Diagnose über Langeweile und Leichtsinn als Zeitsymptome der beginnenden Moderne mit den Radikalisierungen vergleicht, die Heidegger () in seiner Kulminationsphase zwischen 1926 und 1930 den Themen Zerstreuung und Langeweile abzugewinnen wußte. Daß er mit beiden Motiven an den Stimmungskern der Epoche rührte, war ihm ebenso gewiß, wie er durchdrungen war von seiner Berufung, aus dem Abstieg in den modernen Unernst verwandelt zurückzukehren. Als Erdulder der Leere wird er imstande sein - so seine Überzeugung -, den aufsteigenden Weg zu weisen; aus dem Tauchbad der Besinnung auf die unvermeidliche Zerstreutheit soll es vorwärtsgehen zu neuen Formen der Sammlung und der Ergriffenheit durch das unausweichlich zu vollbringende Werk. Die Vorlesung des Wintersemesters 1929/30 über Grundbegriffe der Metaphysik () ist vor allem durch die sensationelle Phänomenologie der Langeweile bekannt geworden, von der man nicht zu viel sagt, wenn man sie als die profundeste Gegenwartstheorie bezeichnet, die das 20. Jahrhundert hervorzubringen imstande war.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 728). Sie „gehört zu dem Eindrucksvollsten, was Heidegger jemals vorgetragen hat. So ist in der gesamten philosophischen Überlieferung nur ganz selten eine Stimmung beschrieben und ausgedeutet worden wie in dieser Vorlesung.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 220). Sloterdijk weiter: „In dessen Kern steht laut Heidegger eine levitierte Existenz, deren herausragendes Merkmal die Unmöglichkeit ausmacht, von irgend etwas ganz ergriffen zu sein. Der Mensch erfährt sich als eine hohle und leichte Form, der kein erfüllender Inhalt zugeordnet ist; weit und breit nichts in Sicht, was das Dasein zur Würde des Realen erhöbe. Hier wird die unerträgliche Leichtigkeit des Seins begrifflich exponiert: Sie heißt an dieser Stelle die »Not der Notlosigkeit«. Der Ausdruck gibt den ersten klaren philosophischen Befund von der entfalteten Konsumgesellschaft. .... Vor dem Unbehagen in der Erleichterung gibt es kein Entrinnen: Weil im abgerüsteten Dasein das innere Ernstfall-Urteil ausbleibt, fühlt sich das Subjekt einer schalen Entlastung ausgesetzt. Seine Leichtigkeit tut ihm auf merkwürdige Weise weh - oder besser, es fühlt sich von dem, was weh tun könnte, beunruhigend abgeschnitten. Es ist sich selber gleichgültig - und das zu Recht, da es ihm so, wie es gegenwärtig lebt, bei allem, was es unternimmt, um nichts Wirkliches gehen kann. Das untergriffene Leben langweilt sich. Langeweile, das heißt: man erfährt die eigene Zeit als eine innere Dehnung, die übermäßig auffällt, weil sie sich nicht in sinnvollen Handlungen erfüllt. Sie wird erlebt als quälende Dauer vor dem Eintritt des nächsten Ereignisses, das die Stauung auflöste. Paradigmatisch: stundenlanges Warten auf den Zug an einem Provinzbahnhof. Doch die Unterergriffenheit reicht viel weiter. Das Tier ohne Mission tappt durch den Nebel; vieles ist möglich, nichts überzeugt. Weil ich nicht ergriffen bin, greife ich vieles auf. Ich stürze mich in den Betrieb, ich wende mich künstlich begeistert dem Unaufschiebbaren zu, das an mich zu appellieren scheint: Erledige mich! Ich gebe den Engagierten, den Agenten des Wichtigen, den Militanten. Wenn ihr den Frontmann sucht, hier ist er! Sehe ich näher zu, muß ich gestehen: auch ». ..das sind nur Ornamente meines Dösens gewesen«. Selbst das Engagement erweist sich als eine Form der Zerstreuung. Indem es den Zeitsinn in eine fahle Weite zerdehnt, korrumpiert das Unergriffensein die Konzentration auf wesentliche Vorhaben. Es wird unmöglich, sich in einer Handlung zu sammeln. Kann man die Zeit der flachen Langeweile noch selber totschlagen, bleibt sie bei der tiefen Langeweile im Dasein stehen. Dadurch verliert dieses das Merkmal seiner Existentialität: die Fähigkeit, sich zu einem plausiblen Werk aufzuraffen. Die Verstimmung wächst, bis das Selbst jede Kontur verliert - doch denkt Heidegger nicht daran, auf halbem Wege Halt zu machen. Wo betriebsames Dasein war, muß tiefste Langeweile werden. Sie ist die mitten ins Leben einschlagende Unmöglichkeit, ein Projekt zu haben. Wenn man sich ganz als Kind der zerstreuten und erleichterten Zeit begreift und darüber hinaus bis ins Innere wie ein Verlierer empfindet, dem nichts geblieben ist - dann ist es einem so langweilig, daß gar nicht mehr angegeben werden kann, wer derjenige wäre, dem der Entzug widerfährt. Wie die große Angst den Weltentzug bewirkt - und durch Kontrast den Hinweis auf das Wunder, daß etwas ist, verstärkt -, so die tiefe Langeweile den Selbstentzug. A contrario kann sie das Entzogene zum Aufleuchten bringen: die Verdichtung der Zeit in der sinnvollen Handlung. Heidegger rührt mit diesem Abstieg in die letzte Enteignung an einen pathologischen Grenzwert der Entlastung, bei der dem Entlasteten das Gefühl für die eigene Existenz verlorengeht, so daß er sich selber wie eine intimgleichgültige Tatsache spürt. Meine Eigentlichkeit läßt sich jetzt als die völlige Abwesenheit des Seins von mir beschreiben. In der tiefsten Langeweile gibt es nur noch Umstände, denen kein Selbst einwohnt; der tief Gelangweilte ist die real existierende Inexistenz. Der Schmerz der Schmerzlosigkeit wütet in ihr. Wie ein negativer Atlas muß die inexistente Existenz die ganze Gewichtlosigkeit des Universums tragen. Unerträglich leicht ist eine Welt, aus der mein Zeitherz, mein lebendiges Jetzt-etwas-zu-tun-Haben, amputiert wurde. Gewiß hätte der Philosoph seinen Hörern diesen descensus ad inferos nicht zugemutet, wäre er nicht der Meinung gewesen, in ihnen den Funken des Wiederaufstiegs entzünden zu können. Der Sinn der Meditation war unverhohlen dialektisch, sie sollte die »positive Kraft des Negativen« freisetzen, um aus der Abgespanntheit zurückzukehren in eine wirkende Ergriffenheit durch das nun so genannte Unumgängliche. So geht auch bei Heidegger, wie später bei Sartre, ein radikales Degagement dem Engagement voraus - mit dem Unterschied, daß der Meister aus Deutschland die engagementfähige und werktaugliche Existenz auf dem Umweg über die Auferstehung aus der tiefsten Langeweile konstruiert. .... Die Wende soll vom Leerbleiben in der Entlastung zur Neubelastung durch etwas epochal Wichtiges, Notwendiges führen; sie setzt auf den therapeutischen Wert des Wichtigtuns. Aus der Offenbarung des nichtigen Nichts in der leeren Zeit steigt das Dasein auf zu einer akuten Zuspitzung der Existenz in der Zeit des Werks.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 729-732Sloterdijk).

„Ist es noch nötig zu sagen, daß Heideggers große Phänomenologie der Langeweile von 1929/1930 sich nur als Ausbruch aus dem europaweit etablierten (obgleich durch Kriegsschäden schwer ramponierten) Kristallpalast verstehen läßt, dessen moralisches und kognitives Binnenklima - die unvermeidliche Abwesenheit jeder gültigen Überzeugung und die Überflüssigkeit jeder persönlichen Entscheidung - hier klarer erfaßt wird als irgendwo sonst?  Heidegger hatte mit seiner Beschreibung der uneigentlichen Existenz in Sein und Zeit, 1927, namentlich in den berüchtigten Paragraphen über das Man, seine Untersuchung über die Grundbefindlichkeit des gelangweilten Daseins vorbereitet. Hier nahm die phänomenologische Revolte gegen die Zumutungen des Aufenthalts im technischen Gehäuse Gestalt an. Was später das Ge-stell heißt, wird an dieser Stelle zum ersten Mal ausführlich beleuchtet - vor allem hinsichtlich der unauthentischen, um sich selbst gebrachten Existenz. Wo jeder der andere ist und keiner er selbst, ist der Mensch um seine Ekstase betrogen, um seine Einsamkeit, seine eigene Entscheidung, seinen Direktbezug zum absoluten Außen, dem Tod. Massenkultur, Humanismus, Biologismus sind die munteren Masken, hinter denen sich, nach der Einsicht des Philosophen, die tiefe Langeweile des Daseins ohne Herausforderung verbirgt. Die Aufgabe der Philosophie wäre demnach, das Glasdach über dem eigenen Kopf zu sprengen, um den Einzelnen wieder unmittelbar zum Ungeheuren zu machen. Wer sich an das Phänomen Punk erinnert, das in den 1970er und 1980er in den Jugendkulturen spukte, kann sich an einem zweiten Beispiel den Zusammenhang zwischen allgegenwärtigem Langeweile-Fluidum und generalisierter Aggression vergegenwärtigen. In gewisser Weise war Heidegger der Punk-Philosoph der 1920er Jahre, ein zorniger junger Intellektueller, der an den Gitterstäben der Schulphilosophie rüttelte - aber nicht nur an diesen, sondern an den Gittern des städtischen Komforts und der sozialstaatlichen Existenzenteignungssysteme. .... Im Blick auf das große Verwöhnungstreibhaus im ganzen drängst sich die Frage auf, ob die Langeweile-Diagnosen Heideggers nicht nur philosophisch und psychologisch codierte Dekadenzprognosen darstellten. Auch Nietzsches sinnverwandte Vision vom letzten Menschen wäre dann nichts anderes als die Antizipation jenes Konsumenten gewesen, der sich abgründig langweilt und zugleich glänzend unterhält.“  (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 270-272 und 347Sloterdijk).

Welche Gefahren drohen nun aber der Philosophie?  „Ist es die Gefahr, die Kant (Kant) meint, wenn er den Menschen auffordert: »Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen«?   Ist es die Gefahr der Erkenntnis, wie sie Schopenhauer (Schopenhauer) einmal so unübertrefflich formulierte, als er den wahrhaften Philosophen mit Ödipus verglich, »der Aufklärung über sein eignes schreckliches Schicksal suchend, rastlos weiter forscht, selbst wenn er schon ahndet, daß sich aus den Antworten das Entsetzliche für ihn ergeben wird« (Schopenhauer) ?  Mit diesem »Entsetzlichen« hatte Schopenhauer den metaphysischen Abgrund gemeint, der sich vor dem nach Lebenssinn fragenden Menschen auftut.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 277). Laut Safranski ist „Schopenhauers Philosophie eine Metaphysik des ästhetischen Abstandnehmens“, später „von Nietzsche (Nietzsche) in diesem Sinne für seine eigenen Visionen in Anspruch genommen“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 41Safranski) - und auch von Heidegger (): Schopenhauers Abgründigkeit als „Verlassenheit des ... Menschen inmitten des Seienden.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 278). „Für Heidegger ist der Sinn des Seins die Zeit, also das Vergehen und Geschehen. Es gibt für ihn kein Seinsideal der Beständigkeit (für die statische Antike eine Selbstverständlichkeit!), und das Denken hat bei ihm gerade die Aufgabe, den Menschen für das Vergehen der Zeit empfindlich zu machen. .... Wahrheit ... gibt es weder auf der Subjektseite im Sinne der ›wahren‹ Aussage noch auf des Objektseite im Sinne der zutreffend Bezeichneten, sondern es ist ein Geschehen, das sich in einer doppelten Bewegung vollzieht: eine Bewegung von der Welt her, die sich zeigt, hervortritt, erscheint; und eine Bewegung vom Menschen her, der sich die Welt aneignet und erschließt. Dieses doppelte Geschehen spielt im Abstand, in den der Mensch zu sich und seiner Welt gestellt ist. Er weiß um diesen Abstand und weiß deshalb auch, daß es eine Welt gibt, die sich ihm zeigt, und eine, die sich entzieht. Er weiß dies, weil er sich selbst als ein Wesen erfährt, das sich zeigen und sich verbergen kann. Diese Abständigkeit ist der Spielraum der Freiheit. »Das Wesen der Wahrheit ist die Freiheit« (Martin Heidegger, Vom Wesen der Wahrheit, 1930, S. 13). Freiheit in diesem Sinne bedeutet: Abstand haben, Spielraum. Diese Spielraum gewährende Abständigkeit bezeichnet Heidegger auch als »Offenheit«. Erst in dieser Offenheit gibt es das Spiel von Verbergen und Enthüllen. Gäbe es diese Offenheit nicht, dann könnte der Mensch sich nicht unterscheiden von dem, was ihn umgibt. Er könnte sich noch nicht einmal von sich selbst unterscheiden, wüßte also auch gar nicht, daß er da ist. Nur da es diese Offenheit gibt, kann der Mensch auf die Idee kommen, seine Aussagen über die Wirklichkeit an dem zu messen, was sich von der Wirklichkeit her ihm zeigt. Der Mensch ... steht in einem Wahrheitsverhältnis, das jenes Spiel von Verbergen und Enthüllen, Hervortreten und Verschwinden, Da-Sein und Weg-Sein hervorbringt. (Vgl. Heideggers kürzesten Ausdruck für dieses Verständnis von Wahrheit: »Un-Verborgenheit« [»Aletheia«Aletheia]). Wahrheit ist der Verborgenheit abgerungen, entweder dadurch, daß etwas Seiendes sich zeigt, hervorkommt - oder dadurch, daß es herausgebracht, enthüllt wird. Auf jeden Fall ist es eine Art Kampf, der hier stattfindet. Diese Überlegungen müssen zu dem Schluß führen, daß es kein metahistorisches Kriterium der Wahrheit geben kann ..., es gibt nur ein Wahrheitsgeschehen, und das heißt: eine Geschichte der Seinsentwürfe. Diese aber ist identisch mit der Geschichte der leitenden Paradigmen der Kulturepochen und Zivilisationstypen.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 247-249).

„Was die Frage nach dem Sinn von Sein betrifft, so läßt sich sagen, daß es die Frage ist, die das menschliche Nachdenken von den geschichtlichen Anfängen bis heute nachhaltig in Anspruch genommen hat. Es ist die Frage nach Sinn, Ziel und Bedeutung des menschlichen Lebens und der Natur. Die Frage nach den Werten und Orientierungen für das Leben und nach dem Warum und Wozu von Welt, Kosmos, Universum. Das praktisch-moralische Leben läßt die Menschen danach fragen. In früheren Zeiten, als Physik, Metaphysik und Theologie noch zusammengehörten, hatte auch die Wissenschaft die Sinnfrage zu beantworten versucht. Seit Kant (Kant) aber herausgefunden hatte, daß wir zwar als moralische Wesen die Sinnfrage stellen müssen, aber als Wissenschaftler sie nicht beantworten können, seitdem also halten sich die strengen Wissenschaften bei dieser Frage zurück. Aber das praktisch-moralische Leben stellt sie auch weiterhin, alltäglich, in der Werbung, in Dichtung und moralischer Reflexion, in der Religion.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland - Heidegger und seine Zeit, 1994, S. 172-173). Diesbezüglich gefragter als die Wissenden und Denkenden sind also jetzt die Werbenden, die Dichtenden, die moralisch Reflektierenden, die Religiösen und darum die Gläubigen (vgl. Glaube-Religion-Theologie-[Denken/Wissen-]Neu-Theologie-Neu-Religion-Neu-GlaubeGlaube-Denken). Stimmt das?  Sogar gefragter als die Philosophen?

„Philosophie jetzt!“  heißt eine Lesebuchreihe zur abendländischen Philosophiegeschichte, die Sloterdijk in den 1990er Jahren herausgegeben hat, um, als „Gegengift gegen die fundamentalistische Versuchung“, das Buch des europäischen philosophischen Wissens von neuem aufzuschlagen und darin zu lesen - „soweit die Kürze des Lebens es uns erlaubt, solche aufwendigen Wiederholungen zu wagen“. Die moderne Welt hat es aufgegeben, Wissen und Handeln in der Idee eines höchsten Gutes zu fundieren. „Der dominierende technologische Pragmatismus der Neuzeit gewann freie Bahn erst, nachdem die Hemmungen, die einem grenzenlosen moralischen und physischen Experimentieren im Wege standen, beiseite geräumt oder zumindest entkräftet waren“, sagt Sloterdijk. Die Ermächtigung zum unbegrenzten Projektieren wurde aber bezahlt mit der Entdeckung einer innerweltlichen Bodenlosigkeit. Der Fundamentalismus nun flieht zurück zu den alten Grundlagen, ruiniert damit aber die von Haltlosigkeit befallenen Gesellschaften durch die Drogen der falschen Gewißheit. Denn er weiß ja auch nicht weiter, weiß nicht, wie man mit den Umbrüchen in den Wissens- und Kommunikationsverhältnissen in der entstehenden „telematischen Weltzivilisation“ leben kann. „Viele Anzeichen sprechen dafür“, schreibt Sloterdijk, „daß die gegenwärtigen Generationen durch einen Weltformbruch hindurchgehen ....“ Sloterdijk äußert sich fast resignierend, als hätte ihn Schopenhauer an den Pessimismus erinnert, auch zur Sprachverarmung in der Philosophie: „die Zeit der wirklichen Weisen ist vorüber, die vom Dreifuß herab reine Ergebnisse vorsangen. .... Nur wenn man diese Verarmungsgeschichte vor Augen hat, ermißt man, welche Renaissance das 19. Jahrhundert beim nicht traktatgebundenen Typus von Denken gebracht hat - es genügt an Schopenhauer, Heine, Marx, Michelet, Kierkegaard und vor allem an Nietzsche zu erinnern. Von dieser Wiederkehr der Sprache in der Philosophie hängt fast alles ab, was im 20. Jahrhundert an lesbarem und wiederlesbarem Denken entstand.“ (Peter Sloterdijk, Die Sonne und der Tod, 2001, S. 99-100).

„Angst“ war auch das Thema der ersten von Sloterdijk und Safranski geleiteten Fernsehsendung: „Im Glashaus“ („Das Philosophische Quartett“ Im Glashaus), im Januar 2002 gesendet, unterhielten sich die beiden Philosophen mit Reinhold Messner und Friedrich Schorlemmer über die Angst, besonders im Hinblick auf unsere gesellschaftliche und politische Allatagswirklichkeit und auf die Frage, warum es keine Sicherheit gibt. Wenn die Politik ernst genommen werden will, muß sie den Menschen auch sagen, daß das Leben gefährlich ist. Und: „Wer vollkommene Sicherheit will, der muß sich seine Freiheit einschränken lassen. Pointiert gesprochen, könnte man sagen, daß es so viel Angst gibt, weil wir unser Leben ausschließlich unter Sicherheitsaspekten betrachten“, meinte z.B. Safranski, der die Gabe hat, schwierige Sachverhalte wie etwa die Philosophie Heideggers, Nietzsches und Schopenhauers auch für philosophisch nicht vorgebildete Menschen verständlich, für Leser oft auch spannend, darzustellen. Der Theologe Schorlemmer vertritt eine alte Form der Angst-Verarbeitungskultur. Für ihn ist es in erster Linie die Religion, die mit ihren Jenseits-Heilsversprechen den Menschen die Sicherheit zu geben habe, weil das Leben selbst sie nicht bieten könne. Jedoch: „die moralische Folge einer Diskussion über Angst könnte womöglich sein, daß ein Denken in Generationen wieder erforderlich ist“, so Sloterdijk. Allerdings steht dies dem aktuellen Verständnis entgegen, daß wir uns als „letzte Menschen“ (vgl. Nietzsche Nietzsche) begreifen. Aber auch „die letzten Menschen kommen nicht umhin, im Anblick letzter Dinge und letzter Naturen Schlüsse auf sich selbst zu ziehen. .... Wir stehen vor der Aufgabe, aus der Masse der Letzten eine Gesellschaft von Individuen zu machen, die es auf sich nehmen, weiterhin Mittler zu werden zwischen Vorfahren und Nachkommen. Wir müssen wieder lernen, auch existentiell bis drei zu zählen; nur so gelingt es den Menschen, einen Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit (Selbstverschuldete Unmündigkeit) zu finden.“ (Sloterdijk). Reinhold Messner ist zwar kein Philosoph, verkörpert jedoch einen existentiellen Extremismus. Als Vertreter eines modernen Abenteuertums sucht er die kalkulierte Angst. Wenn überhaupt einer dieser vier Gesprächspartner von sich behaupten kann, dem Nichts jemals begegnet zu sein, dann am ehesten der Überlebenskünstler Messner. Sloterdijks „intellektuelle Tafelrunde“ soll ja nur die „Libido des Denkens anregen“ und „der Gesellschaft Beschreibungsvorschläge hinsichtlich ihrer Lage und ihren Problemen“ unterbreiten, wobei Sloterdijk von sich behauptet, er „sende auf einer Frequenz, auf der die deutsche akademische Intelligenz nicht empfängt, auch die dominierende Publizistik nur zum Teil, wohl aber das breite Publikum.“ Eine Gnade, daß er in seinem „Glashaus“ (Glashaus) ins Breite geht und die unterschiedlichsten Leute zu Wort kommen läßt.

„Leben heißt Sphären bilden, das ist die These Sloterdijks, und rechtfertigt, drei dicke Bände darüber zu schreiben, was es bedeutet. (SloterdijkSloterdijk). Leben und Denken sind verschiedene Ausdrücke für dasselbe. In die vorhandene Welt muß sich der Mensch eindenken, einfühlen und einbinden. Dies geschieht zuerst in der Dyade Mutter-Kind und eingestimmt durch Klangräume, die Sloterdijk »Sonosphäre« nennt, beginnt die Solidarisierung mit den Verwandten, den nahen Gruppen und schließlich der Kultur. (Konstante [!] - vom Uterus über Familie und Volk/Nation bis zur Kultur/ZivilisationMehrMehrMehr). Alle menschliche Verbindung, jede Liebesordnung beruht auf dem Aufbau von Solidaritäten, und das ist auch nur ein anderes Wort für Sphärenbildung. Liebesgeschichten und solidarische Gemeinschaften sind Innenraumschöpfung einer geteilten Emotionalität. Sphärenbildung ist ein räumlicher und kommunitarischer Akt der Medialität. In Sphären werden geteilte Inspirationen zum Grund für das Zusammensein von Menschen in Kommunen und Völkern. Es formt sich in ihnen jene starke Beziehung und die dazu gehörenden Beseelungsmotive. Dabei sind alle Menschen Medien, die aufeinander wirken und die größere mediale Kommunikationsverbände schaffen. Die dazu gehörige Theorie ist die Medientheorie, die mit der Sphärentheorie konvergiert. Das ist das große Theorienprojekt Sloterdijks, für das die drei Bände »Blasen«, »Globen« und »Schäume« gedacht sind und das tiefer reicht als eine ... Theorie des kommuniaktiven Handelns.“ (Holger von Dobeneck, Das Sloterdijk-Alphabet, 2002, S. 120). MehrMehr

 

„Es gibt Tage, da kommt es mir vor, als wären alle schon tot, mit denen man vernünftig hätte reden können.“
(Peter Sloterdijk, Selbstversuch, 1994, S. 66).

 

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NACH OBEN Anmerkungen:


Nach Kant (1724-1804 Kant) ist Aufklärung das Erwachen des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. (Vgl. Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1784 Kant).

Der kategorische Imperativ oder Imperativ der Sittlichkeit wurde von Kant (1724-1804Kant) folgendermaßen formuliert: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. 1785 schrieb Kant in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten: 1.) „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.“ 2.) „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (Kant). Ob ein Mensch als Persönlichkeit das prinzipiell wollen kann oder nicht auch (oder vielleicht eher) etwas Eigenes in seinem Verhalten liegt, sollten später die Kritikpunkte an Kants Imperativ sein, z.B. von N. Hartmann (1882-1950Neu-Ontologie): „Sofern das besagt, daß wirklich die jedesmalige »Maxime« der Handlung ihre Richtschnur daran hat, ob sie zugleich allgemeines Gesetz sein könnte oder nicht, so liegt darin offenkundig etwas, was der Mensch als Persönlichkeit nicht prinzipiell wollen kann. Er muß vielmehr zugleich wollen, daß über alle Allgemeingültigkeit hinaus noch etwas Eigenes in seinem Verhalten sei, was an seiner Stelle kein Anderer tun sollte oder dürfte. Verzichtet er hierauf, so ist er eine bloße Nummer in der Menge, durch jeden Anderen ersetzbar, seine persönliche Existenz ist vergeblich, sinnlos.“

Ende des 18. Jahrhunderts, als Immanuel Kant (1724-1804 Kant) sein kritisches Werk (den Kritizismus) vollendete und mit ihm der (moderne) Idealismus begann (Kant), begann auch die abendländische Zivilisation (das bürgerliche Zeitalter als moderne Welt), das „Erwachsene“ (Kant), also: unsere Moderne. (Moderne). Pünktlich zu Kants 200. Todestag schrieb z.B. eine (moderne) abendländische Zeitung: „Kant, der Vater der Moderne“. Kant, Vater der Moderne

„KANT, DER VATER DER MODERNE“, schrieb z.B. der Rheinische Merkur in Großlettern anläßlich des 200. Todestages des revolutionären Denkers. In der Zeitung äußerte sich am 12.02.2004 Professor Otfried Höffe, ausgewiesener Kant-Experte und Autor der gerade erschienenen Einführung „Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie“ (C. H. Beck, München, 2003), zur Aktualität des deutschen Meisterdenkers aus Königsberg: „Ohne Zweifel ist die Anzahl der Kantschen Elemente, die in unserem kulturellen Bewußtsein präsent ist, weitaus höher, als es zunächst den Anschein haben mag. Wichtig ist etwa Kants Vorstellung von der Kritik der reinen Vernunft. Sein Buch mit diesem Titel beinhaltet ein philosophisches Programm, das ein Stück Weltgeschichte geschrieben hat. Kant versteht Kritik nicht im Sinne einer Verurteilung, sondern eines Gerichtsprozesses, der charakteristischerweise keine externe Instanz kennt. Die Vernunft muß vielmehr über sich selbst zu Gericht sitzen. Nach dem Muster von Kopernikus, der die Stellung des Subjekts im Kosmos neu zu denken forderte, entwickelte Kant ferner eine grundlegend neue Erkenntnistheorie: Nur wenn der Mensch einen anderen Standpunkt gegenüber dem Erkennen einnimmt, kann man verstehen, was wissenschaftliche Erkenntnis ist. Man könnte noch eine Vielzahl von Elementen nennen, wie etwa den Gedanken der Unantastbarkeit der Menschenwürde: Der Mensch besitzt einen Wert, der nicht verrechnet werden darf, sondern, wie Kant sagt, über jeden Preis erhaben ist. Auch könnte man auf die heutige Mathematiktheorie, Physiktheorie oder Religionsphilosophie eingehen und träfe überall Kantsche Gedanken an. Beinahe alle Felder der Philosophie werden von Kant revolutionär neu bestellt, und die Landschaft des abendländischen Denkens erhält ihr modernes Gesicht.“ (Otfried Höffe). - Adelbert Reif (Rheinischer Merkur): „Nach einem berühmten Bonmot ist seit dem Denken der frühen Griechen keine wirklich »neue Philosophie« mehr entstanden. Erst Kant hätte eine »neue Dimension« im philosophischen Denken erschlossen. ....“ - Dazu Otfried Höffe: „Alfred North Whitehead, der Autor des Bonmots, meinte, die Geschichte der abendländischen Philosophie sei eine Geschichte von Fußnoten zu Platon. Das kann man so sehen, darf allerdings nicht vergessen, daß Platon bereits viele Generationen nach den Anfängen der Philosophie seine Gedanken entwickelte. Als Philosophen kann man die führenden kreativen Intellektuellen ihrer Zeit bezeichnen. So gesehen, gibt es immer wieder, vielleicht in Abständen von einigen Generationen, weltbewegend neue Gedanken. Innerhalb dieses kleinen Kreises der wirklich großen Philosophen gehört Kant zweifellos zu den Allergrößten. Neben Platon und Aristoteles, die in der abendländischen Philosophiegeschichte gewissermaßen den Rang von »Kirchenvätern der antiken Philosophie« einnehmen, ist Kant – eventuell mit Hobbes für das politische Denken und mit Hegel – der »Kirchenvater« der neuzeitlichen Philosophie.“ (Otfried Höffe). Erwachsen Erwachsen

Erläuterung der Schopenhauer-Tabelle () - Denk-Biographie von Arthur Schopenhauer (1788-1860 ):
1. „Stadium“ („Winter“ - 1788-1809) und seine 3 „Stufen“: Schopenhauers frühe Kindheit bis (1. Stufe); Grund-Schulzeit (2. Stufe); Reise- und Lehrjahre und Gymnasialzeit (3. Stufe), also bis zum Übergang von der Schule zur Universität (1809).
2. „Stadium“ („Frühling“ - 1809-1818) und seine 3 „Stufen“: Schopenhauers Studienzeit von 1809 bis 1813 (4. Stufe); die Zeit vom Ende des Studiums bis zur Veröffentlichung seiner eigenen Farbenlehre, also die Zeit von 1813 bis 1816 (5. Stufe); die Zeit von der Veröffentlichung seiner eigenen Farbenlehre bis zur Veröffentlichung seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung, also die Zeit von 1816 bis 1818 (6. Stufe).
3. „Stadium“ („Sommer“ - 1818-1841) und seine 3 „Stufen“: Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung und die Auswirkungen in den darauf folgenden acht Jahren, also die Zeit von 1818 bis 1826 (7. Stufe); die Zeit von 1826 bis 1834 (8. Stufe); die Zeit von 1834 bis 1841 (9. Stufe).
4. „Stadium“ („Herbst“ - 1841-1860) und seine 3 „Stufen“: Schopenhauers Werk D und die Auswirkungen und die nächsten sechs Jahre, also die Zeit von 1841 bis 1847 (10. Stufe); die Zeit von 1847 bis 1854 (11. Stufe); die Zeit von 1854 bis 1860 (12. Stufe).

Vgl. Arthur Schopenhauer (1788-1860Schopenhauer), Briefwechsel mit Goethe (), S. 15.

Zur Lebensphilosophie vgl. auch Skeptizismus in Antike (Skeptizismus seit Pyrrhon Pyrrhon) und Abendland (Skeptizismus seit Schopenhauer Schopenhauer). Ein Verteidiger des Skeptizismus war z.B. Schopenhauers Lehrer Gottlob Ernst Schulze (1761-1833Schulze), der sich selbst nach Ainesidemos (Änesidemus Ainesidemos) benannte und den skeptizistischen Standpunkt besonders in seinem Hauptwerk „Änesidemus oder ... Verteidigung des Skeptizismus gegen die Anmaßung der Vernunftkritik“ (1792) begründete. Schulze wandte sich in seiner Erkenntnislehre mit grundlegenden Argumenten gegen die alte Verwechslung des Wahrnehmens mit dem Vorstellen. Schopenhauers Lehrer Schulze wurde auch als Änesidemus-Schulze bekannt. Die abendländische Lebensphilosophie entwickelte sich also aus einem abendländischen Skeptizismus und bleibt auch ein solcher. Er ist zwar mit dem antiken Skeptizismus verwandt, ansonsten aber nur mit ihm als dessen Gegensatz vergleichbar. (Gegensatz). Der Skeptizismus ist ein notwendiges Erscheinungsmerkmal einer jeden „erwachsenen“ (zivilisierten) Kultur. (Vgl. Spengler). Typische Züge des Skeptizismus sind z.B. das Mißtrauen gegen die Sinneswahrnehmnug, die überlieferten Denkgewohnheiten sowie gegen ethische und politische Wertvorstellungen und Vorurteile. Die völlige „Enthaltung“ (epoch) des Urteils, für die Pyrrhon (Pyrrhon) sich so stark gemacht hatte, ließ natürlich nur noch aporetische Argumente zu, aber genauso ausweglos oder ratlos (aporetisch) stand man mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit da, den die mittlere, vor allem aber die neuere Akademie favorisierte. Da die Unverwirrtheit und Unerschütterlichkeit (ataraxia), die Pyrrhon als das praktisch-sittliche Ideal ansah, für die praktische Orientierung des Handelns gelten sollten, resultierte daraus, zusammen mit der theoretischen Orientierung des Denkens - der epoch - eine nur noch von den Indern zu übertreffende Gelassenheit. Während die abendländische Kultur die energischste Art einer Inhaltsdynamik ist, forderte die antike Kultur genau gegenüber dieser Art die Zurückhaltung. epoch geisterte durch alle Schriften der Antike und deshalb wahrscheinlich auch durch die gesamte Lebensart dieser statischen Kultur. Aber gerade diese Gegensätze erlauben es uns, unsere eigenen Fehler im Spiegel der Antike zu erkennen und von dieser verstorbenen Kultur zu lernen, denn ihre Geschichte ist uns ziemlich gut bekannt. Die Möglichkeit, von uns auf diese Weise zu lernen, hatte die Antike nicht. Die Analogien von Akademie und Idealismus sowie von Skeptizismus und Lebensphilosophie lehren uns z.B. die in jeder zivilisierten Kultur notwendig werdende Skepsis (Skepsis), deren Höhepunkt (verstanden als Vollendung und Überwindung eines Tiefpunktes !) wir Abendländer noch vor uns haben. (Vgl. Beispiel Beispiel). Wie die abendländische Lebensphilosophie ihren Weg von der „Verneinung des Willens“ (Schopenhauer, „Alte Schule“ Alte Schule) über die „Bejahung des Willens“ (Nietzsche u.a., „Mittlere Schule“ Mittlere Schule) weiterhin beschreiten wird, wird die Zukunft zeigen. („Junge Schule“ Junge Schule). Vielleicht wird sich ja die „Junge Schule“ sogar zu einer ganz neuen Richtung entwickeln, nämlich zu einer „Neu-Lebensphilosophie“ ("Neu-Lebensphilosophie") !

Der Nihilismius ist der Standpunkt der absoluten Negation und wurde als Terminus schon von Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819; Jacobi) in seinem Sendschreiben an Fichte (1799) eingeführt. Der theoretische Nihilismus verneint die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wahrheit (vgl. Agnostizismus - Lehre von der Unerkennbarkeit des wahren Seins, d.h. von der Transzendenz des Göttlichen -, der die Metaphysik als Wissenschaft leugnet und insoweit für den Kantschen Kritizismus [vgl. Kant Kant] und für den Positivismus [Positivismus] kennzeichnend ist); der ethische Nihilismus verneint die Werte und Normen des Handelns; der politische Nihilismus verneint jede irgendwie geartete Gesellschaftsordnung. Vielfach ist der Nihilismus nur ein dogmatisch radikaler Skeptizismus (Skeptizismus), die ressentimentvolle Reaktion gegen eine sinnlos erscheinende Weltordnung, deren Unhaltbarkeit angeblich eingesehen ist. Als Nihilismus bezeichnete Nietzsche (Nietzsche) die Erscheinung, daß die obersten Werte sich entwerten, jene Werte, die allem Tun und Leiden der Menschen erst Sinn geben, daß es nichts mehr gibt, wofür es sich zu leben oder zu sterben lohnt, daß das Bewußtsein aufkommt, es sei alles umsonst. Nihilismus bedeutete für Nietzsche zum ersten: Es ist nichts mit der Wahrheit. Alles ist falsch. Nihilismus bedeutete für Nietzsche zum zweiten: Es ist nichts mit der Moral. Mit voller Klarheit sah Nietzsche die Fragwürdigkeit der landläufigen Moral: sie verkündet sittliche Grundsätze, aber das Handeln richtet sich nicht danach. Moral ist also zweiseitig - wie eine Münze () - oder zweifach, eine Dopelmoral (!). Eben das wird im Nihilismus offenbar. Dieser ist „Glaube an die absolute Wertlosigkeit“, „Glaube an die absolute Sinnlosigkeit“. Der Grund der Notwendigkeit einer solchen nihilistischen Umstürzung der Moral liegt in dieser selbst beschlossen. Sie hat sich gegen das Leben gewendet; sie ist zur „Widernatur“ geworden. Leben und Natur rebellieren nun um der Wahrhaftigkeit willen gegen die Moral. „Der Selbstmord der Moral ist ihre letzte moralische Forderung.“ Nihilismus bedeutete für Nietzsche zum dritten: Es ist nichts mit der Religion. Nietzsche kam in der Konsequenz seiner nihilistischen Haltung zu einer unbedingten Verwerfung vor allem des Christentums. „Wer mir in seinem Verhältnis zum Christentum heute zweideutig wird, dem gebe ich nicht den letzten Finger meiner zwei Hände. Hier gibt es nur Rechenschaft; ein unbedingtes Nein.“ Aber Nietzsche sah noch tiefer: Das Christentum zerbricht an sich selber, weil es nämlich von seinem Beginn an sich vom unmittelbaren Leben abgekehrt hat und eben darin vom Grunde her nihilistisch geworden ist. Doch wiederum: Der Zusammenbruch des Christentums kommt aus ihm selber, aus dem in ihm gezüchteten Instinkt der Wahrhaftigkeit heraus. Daher sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo „die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet.“ Im Zusammenbruch der Religion enthüllt sich, was diese schon immer war: ein Gemächte des Menschen, „Menschen-Werk und -Wahnsinn.“ Daher drückt sich die tiefste Tiefe des Nihilismus in dem Satz aus: „Gott ist tot.“ „Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen. Wir haben ihn getötet, - ihr und ich! Wir alle sind Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?  Wohin bewegen wir uns? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Gott ist tot! Gott bleibt tot! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tatt - und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war.“ Aber Nietzsche wußte freilich: Das Ergebnis des Todes Gottes ist eine „lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz“; so kommt es zu einer „ungeheuren Logik von Schrecken, einer Verdüsterung und Sonnenfinsternis, derengleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat.“ (Nietzsche). Und Nietzsche war sich auch über sich sicher: „Ich kenne mein Los, es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissenskollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt und geheiligt war.“ (Friedrich Nietzsche, Ecce homo, 1889, S. 111 Nietzsche).

„Schopenhauer ist der erste Denker ersten Ranges gewesen, der aus der abendländischen Vernunftkirche ausgetreten ist. .... Er gab den griechischen und jüdisch-christlichen Theologien einen prägnanten Abschied. Das Allerwirklichste hatte für ihn aufgehört, ein göttliches vernünftig-gerechtes Geistwesen zu sein. Mit seiner Willenslehre springt die Theorie des Weltgrundes um vom frommen Rationalismus ... zu einer von Grauen und Staunen geprägten Anerkennung des Arationalen; Schopenhauer statuiert zuerst die vernunftfreie Energie- und Triebnatur des Seins. Darin ist er einer der Väter des psychoanalytischen Jahrhunderts; er könnte sich künftig noch als entfernter Schutzherr und Verwandter eines chaostheoretischen und systemischen Zeitalters erweisen. Daß er den asiatischen Weisheitslehren, dem Buddhismus zumal, mit höchstem Respekt die europäischen Türen geöffnet hat: darin könnte auf lange Sicht seine wichtigste geistesgeschichtliche Wirkung liegen. .... Von Schopenhauer könnte der Satz stammen: nur die Verzweiflung kann uns noch retten; er hatte freilich nicht von Verzweiflung, sondern von Verzicht gesprochen. Verzicht ist für die Modernen das schwierigste Wort der Welt. Schopenhauer hat es gegen die Brandung gerufen.“ (Peter Sloterdijk, Philosophische Temperamente, 2009, S. 94-95Sloterdijk). Sloterdijk

Wenn Schopenhauers Wille überhaupt mit etwas vergleichbar ist, dann vielleicht am ehesten mit einem „Schwarzen Loch“, z.B. mit dem in unserem galaktischen Zentrum (Schwarzes Loch), oder mit Mephistopheles im „Faust“. (Vgl. Goethe, 1749-1832 ). Ähnlich wie Mephistopheles im Zentrum des Faust, ist unser „Monster“ im galaktischen Zentrum „... ein Teil von jener Kraft, // Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. // .... Ich bin der Geist, der stets verneint ! // Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, // Ist wert, daß es zugrunde geht; // Drum besser wärs, daß nichts entstünde. // So ist denn alles, was ihr Sünde, // Zerstörung, kurz das Böse nennt, // Mein eigentliches Element.“(Johann Wolfgang von Goethe, Faust, 1790 [1808], S. 64-67Goethe). Wenn unsere Faustiker, die Techniker und Wissenschaftler, die natürliche Technik kopieren wollen, streben auch sie ins Zentrum.

„Irrational“ nennt man das, was mit dem Verstand nicht erfaßbar ist, was sich den Gesetzen der Logik anscheinend nicht unterwerfen läßt, was als „übervernünftig“, vernunftfremd, aber nicht als vernunftwidrig gilt. Es ist „transintelligibel“: außer Reichweite des menschlichen Verstandes. Der Irrationalismus (innerlich verwandt mit dem Agnostizismus) bezeichnet Instinkt, Intuition, Gefühl, Innerlichkeit, Liebe als die grundlegenden vorrationalen Erkenntnisquellen, deren Ergebnisse von der Ratio lediglich weiterbehandelt werden. Schelling () nannte das Irrationale „an den Dingen die unbegreifliche Basis der Realität, das, was sich mit der größten Anstrengung nicht in Verstand auflösen läßt, sondern ewig im Grunde bleibt. Aus diesem Verstandlosen ist im eigentlichen Sinne der Verstand geboren.“

Sören Kierkegarrd (1813-1855 ), dessen einziger Gegenstand sein Leben, seine Existenz, war, verstand auch sehr viel von der protestantischen Theologie. Sein Glaubensverständnis entsprach in etwa dem von Tertullian () und Luther () : „Ich glaube, weil es absurd ist. Denn glauben heißt den Verstand verlieren.“ Stark beeinflußt war Kierkegaard auch von Johann Georg Hamann (1730-1788 ).

Der „Satz vom (zureichenden) Grunde“ oder der „Satz des Grundes“ stellt für alles Bestehende einen Grund fest, aus dem er rechtmäßigerweise abgleitet werden bzw. gefolgert werden darf.

Erläuterung der Nietzsche-Tabelle () - Denk-Biographie von Friedrich Nietzsche (1844-1900 ):
1. „Stadium“ („Winter“ - 1844-1864) und seine 3 „Stufen“: Nietzsches frühe Kindheit (1. Stufe); Grund-Schulzeit (2. Stufe); Gymnasialzeit (3. Stufe), also bis zum Übergang von der Schule zur Universität (1864).
2. „Stadium“ („Frühling“ - 1864-1876) und seine 3 „Stufen“: Nietzsches Studienzeit von 1864 bis 1868 (4. Stufe); die Zeit vom Ende des Studiums bis zum Erscheinen der Geburt der Tragödie, also die Zeit von 1868 bis 1872 (5. Stufe); die Zeit vom Erscheinen der Geburt der Tragödie bis zum bis zum innerlichen „Bruch“ mit Richard Wagner, also die Zeit von 1872 bis 1876 (6. Stufe).
3. „Stadium“ („Sommer“ - 1876-1883) und seine 3 „Stufen“: Nietzsches innerlicher „Bruch“ mit Richard Wagner bis zum Erscheinen des 1. Teils von Menschliches, Allzumenschliches, also die Zeit von 1876 bis 1878 (7. Stufe); die Zeit vom Erscheinen des 1. Teils von Menschliches, Allzumenschliches bis zum Erscheinen des 2. Teils von Menschliches, Allzumenschliches, also die Zeit von 1878 bis 1880 (8. Stufe); die Zeit nach dem Erscheinen des 2. Teilsvon Menschliches, Allzumenschliches bis zum Erscheinen des 1. Teils von Also sprach Zarathustra, also die Zeit von 1880 bis 1883 (9. Stufe).
4. „Stadium“ („Herbst“ - 1883-1900) und seine 3 „Stufen“: Nietzsches 1. Teil von Also sprach Zarathustra bis zum Erscheinen des 4. Teils von Also sprach Zarathustra, also die Zeit von 1883 bis 1885 (10. Stufe); die Zeit nach dem Erscheinen des 4. Teils von Also sprach Zarathustra bis zu Nietzsches Kollaps, also die Zeit von 1885 bis 1889 (11. Stufe); die Zeit vom Kollaps bis zum Tod, also die Zeit von 1889 bis 1900 (12. Stufe)..
Fazit: Nietzsche ist zu früh zusammengebrochen und zu früh gestorben!

Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 36. Safranski

Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 38. Safranski

Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 40. Safranski

Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 41. (Vgl auch: Rüdiger Safranski, Schopenhauer, 1987 Safranski). Nach Safranski ist „Schopenhauers Philosophie eine Metaphysik des ästhetischen Abstandnehmens und wird von Nietzsche in diesem Sinne für seine eigenen Visionen in Anspruch genommen. Im Unterschied zur traditionellen Metaphysik liegt der entlastende Aspekt von Schopenhauers ästhetischer Metaphysik nicht im Gehalt dessen, was da als »Wesen« hinter der erscheinenden Welt entdeckt wird. Diese Wesenserkenntnis dringt in der traditionellen Metaphysik zum fundierenden Gutsein der Welt durch, sie entdeckt die guten Gründe. Bei Schopenhauer aber ist der Wesensgehalt der Welt kein guter Grund, sondern ein Abgrund, der dunkle Wille, das quälende Sein, das Herz der Finsternis. »Versuche nur einmal, ganz Natur zu sein -es ist nicht auszuhalten« lautet eine Notiz von Schopenhauer. Die Entlastung liegt also nicht im »Was« des entdeckten Wesens, sondern im Akt der distanznehmenden Erkenntnis, im »Wie« also. Dieser ästhetische Weltabstand meint: auf die Welt hinblicken und dabei »schlechterdings nicht tätig darin verflochten sein«. Dieses ästhetische Abstandnehmen eröffnet einen Ort der Transzendenz, der leer bleiben muß. Kein Wollen, kein Sollen, nur noch ein Sein, das ganz zum Sehen geworden ist, zum »Weltauge«. Diesen archimedischen Punkt der Schopenhauerschen Welterleichterung nennt Nietzsche die verklärte Physis (in: Schopenhauer als Erzieher, 1,362). Als Nietzsche diesen Ausdruck prägt, hat er seine Theorie über die elementaren Lebensmächte des Dionysischen und Apollinischen bereits entwickelt. .... Anders als Schopenhauer ist Nietzsche stärker angezogen von der dionysischen Natur, er wird näher an den Abgrund herantreten wollen, weil er noch lockendere Geheimnisse darin vermutet und sich selbst für schwindelfrei hält. Aber diese Differenz ändert einstweilen noch nichts an seiner Bereitschaft, sich Schopenhauer zum Vorbild zu nehmen. Worin genau besteht diese Vorbildlichkeit? Sie besteht für Nietzsche in dem vollkommen selbstsicheren, herrischen Gestus dieses Philosophen, der, dem Geist seiner Zeit entgegen, als Richter des Lebens sein Urteil und seine Verurteilung ausspricht und mit seiner Philosophie der Verneinung zugleich als Reformator des Lebens (1,362) auftritt. Schopenhauer hat also etwas unternommen, das Nietzsche später die Umwertung der Werte (Umwertung der Werte) nennen wird. Gegen welche herrschenden Werte hat er Einspruch erhoben?  Nietzsche beschreibt die eigene Gegenwart, wenn er jene Welt porträtiert, die Schopenhauer verurteilen und überwinden wollte. Diese Welt ist, so Nietzsche, von Menschen bevölkert, die mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich denken, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben, sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie grösser sein als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muss: weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist. Wir leben die Periode der Atome, des atomistischen Chaos. (in: Schopenhauer als Erzieher, I,367). Wer wird aber das Bild des Menschen wieder aufrichten in jener atomistischen Revolution, die uns ins Thierische oder in das starr Mechanische (1,368) hinabführt? Drei solcher Bilder, die den Menschen an seine besseren Möglichkeiten erinnern könnten, zieht Nietzsche in Erwägung: den Menschen Rousseaus, den Menschen Goethes und endlich den Menschen Schopenhauers. Rousseau setzt auf Versöhnung mit der Natur und auf die Naturalisierung der Zivilisation. Goethes Mensch ist beschaulich und macht in weiser Resignation und in erlesenem Stil seinen Frieden mit den Lebensverhältnissen. Der Schopenhauersche Mensch schließlich hat entdeckt, daß alle Ordnungen des Menschen so eingerichtet sind, daß der tragische und sinnlose Grundzug des Lebens nicht gespürt wird. Das gewöhnliche Leben ist Zerstreuung. Obwohl es ihn in die Verzweiflung stürzen kann, verlangt der Schopenhauersche Mensch danach, den Schleier der Maja zu lüften, er nimmt das freiwillige Leiden der Wahrhaftigkeit auf sich, und es dient ihm dazu, seinen Eigenwillen zu ertödten und jene völlige Umwälzung und Umkehrung seines Wesens vorzubereiten, zu der zu führen der eigentliche Sinn des Lebens ist (in: Schopenhauer als Erzieher, 1,371). Nietzsche nennt dies einen heroischen Lebenslauf (1,3 73). .... Tatsächlich kam sich Schopenhauer selbst so heroisch vor, wie ihn Nietzsche gesehen und geschätzt hat, als er ihn in seiner Abhandlung von 1874 einen Genius nannte. Worin besteht das Auszeichnende eines Genius?  Nietzsches Antwort lautet: ein Genius in der Philosophie ist ein Denker, der den Wert des Daseins neu festsetzt, er ist ein Gesetzgeber für Maass, Münze und Gewicht der Dinge (in: Schopenhauer als Erzieher, 1,360).“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 41-43). Safranski

„Dionysos gegen den Gekreuzigten“, so endet Ecce homo - Nietzsches „grandiose Selbstinterpretation letzter Hand“ (Rüdiger Safranski) - und so unterschrieb Nietzsche auch seine letzten Briefe, die man später die „Wahnsinnszettel“ genannt hat. „Am 3. Januar 1889 verläßt Nietzsche seine Wohnung. Auf der Piazza Carlo Alberto beobachtet er, wie ein Droschkenkutscher auf sein Pferd einschlägt. Weinend wirft Nietzsche sich dem Tier an den Hals, es zu schützen. Vom Mitleid überwältigt bricht er zusammen. Wenige Tage später holt Franz Overbeck den geistesverwirrten Freund ab. (Mehr) ... Die Geschichte seines Denkens endet im Januar 1889. Danach erst beginnt die andere Geschichte seiner Wirkungen und Auswirkungen. .... Das Finale im Wahnsinn verlieh dem Werk rückwirkend eine dunkle Wahrheit: da war offenbar jemand ins Geheimnis des Seins so tief eingedrungen, daß er darüber den Verstand verloren hatte. .... Nicht nur durch Nietzsche, aber durch ihn vor allem bekam damals das Wort »Leben« einen neuen Klang, geheimnisvoll und verführerisch. Die akademische Philosophie jedoch verhielt sich zunächst spröde. .... Jenseits der akademischen Philosophie aber, im wirklichen geistigen Leben zwischen 1890 und 1914, begann, durch die Nietzsche-Rezeption angestoßen, der Siegeszug der Lebensphilosophie. »Leben« wurde zu einem Zentralbegriff wie vormals »Sein«, »Natur«, »Gott« oder »Ich«, ein Kampfbegriff auch, gegen zwei Fronten gerichtet. Zum einen gegen den halbherzigen Idealismus, wie ihn die Neukantianer auf deutschen Lehrstühlen, aber auch die bürgerlichen Moralkonventionen pflegten. .... Zum anderen richtete sich sie Parole »Leben« gegen einen seelenlosen Materialismus .... Nun war schon der neukantianische Idealismus eine Antwort auf diesen Materialismus und Positivismus gewesen, aber eine hilflose, behauptet die Lebensphilosophie. Man erweist dem Geist, wenn man ihn dualistisch vom materiellen Leben trennt, einen schlechten Dienst. So wird man ihn nicht verteidigen können. Vielmehr muß man den Geist in das materielle Leben selbst hineinbringen. .... »Leben« ist Gestaltenfülle, Erfindungsreichtum, ein Ozean der Möglichkeiten, so unabsehbar und abenteuerlich, daß wir kein Jenseits mehr brauchen. Es steckt genug davon im Diesseits. Leben ist Aufbruch zu fernen Ufern und doch zugleich das ganz Nahe, die eigene gestaltfordernde Lebendigkeit. »Leben« wird zur Losung der Jugendbewegung, des Jugendstils, der Neuromantik, der Reformpädagogik. Zarathustras Mahnung: Bleibet der Erde treu wurde hier mit Inbrunst gehört und befolgt. Auch die Sonnenanbeter und Nudisten konnten sich als Jünger des Zarathustra fühlen. Zu Nietzsches Zeit wollte die bürgerliche Jugend noch alt aussehen. Damals war Jugend eher ein Karrierennachteil. Es wurden Mittel empfohlen, um den Bartwuchs zu beschleunigen, und die Brille galt als Statussymbol. Man ahmte die Väter nach und trug den steifen Vatermörder, die Pubertierenden steckte man in Gehröcke und brachte ihnen den gemessenen Gang bei. Vormals galt »Leben« als etwas Ernüchterndes, die Jugend sollte sich daran die Hörner abstoßen. Nun aber ist »Leben« das Ungestüme und Aufbruchhafte und somit das Jugendliche selbst. Jugend ist kein Makel mehr, der versteckt werden muß. Im Gegenteil: das Alter muß sich nun rechtfertigen, es steht unter dem Verdacht, abgestorben und erstarrt zu sein. .... Die Lebensphilosophie versteht sich als eine Philosophie des Lebens im Sinne des Genitivus subiectivus: sie philosophiert nicht über das Leben, sondern es ist das Leben selbst, das in ihr philosophiert. Als Philosophie will sie ein Organ dieses Lebens sein; sie will es steigern, ihm neue Formen und Gestalten erschließen. Sie will nicht nur herausfinden, welche Werte gelten, sie ist unbescheiden genug, neue Werte schaffen zu wollen. Lebensphilosophie ist die vitalistische Variante des Pragmatismus. Sie fragt nicht nach der Nützlichkeit einer Einsicht, sondern nach ihrer schöpferischen Potenz. Für die Lebensphilosophie ist das Leben reicher als jede Theorie, deshalb verabscheut sie den biologischen Reduktionismus: sie will das Leben als lebendigen Geist. Diese Geisteshaltungen sind wesentlich von Nietzsche beeinflußt. .... Nietzsches Lebensphilosophie reißt das »Leben« heraus aus der deterministischen Zwangsjacke des späten 19. Jahrhunderts und gibt ihm seine eigentümliche Freiheit zurück. Es ist die Freiheit des Künstlers seinem Werk gegenüber. Ich will der Dichter meines Lebens sein, hatte Nietzsche verkündet, und es ist schon beschrieben worden, welche Folgen das für den Begriff der Wahrheit hatte. Wahrheit im objektiven Sinne gibt es nicht. Wahrheit ist die Art der Illusion, die sich als lebensdienlich erweist. Das ist Nietzsches Pragmatismus, der aber anders als der angelsächsische, auf einen dionysischen Lebensbegriff bezogen ist. Im (us-)amerikanischen Pragmatismus ist »Leben« eine Angelegenheit des common sense, Nietzsche aber ist, gerade auch als Lebensphilosoph, Extremist. Er verabscheut die angelsächsische Gewöhnlichkeit ebenso wie das darwinistische Dogma von »Anpassung« und »Selektion« im Lebenzprozeß. Für ihn sind das Projektionen einer utilitaristischen Moral, die glaubt, daß auch in der Natur die Anpassung mit einer Karriere belohnt wird. Für Nietzsche ist »Natur« das spielende Weltkind des Heraklit (Heraklit). Natur formt Gestalten und zerbricht sie, ein unaufhörlicher schöpferischer Prozeß, in dem das machtvoll Vitale und nicht das Angepaßte triumphiert. Überleben ist noch kein Triumph. Leben triumphiert erst im Überfluß, wenn es sich verschwendet, wenn es sich auslebt.“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 330-336Safranski). Man kann es auch so sagen: Nietzsche besorgte den Höhepunkt der Lebensphilosophie, und seine unmittelbaren Nachfolger, besonders Freud (Freud) und Bergson (Bergson), verdankten Nietzsche, daß sie den Höhepunkt der Lebensphilosophie mehr und länger genießen konnten als Nietzsche selbst. Nietzsche hatte ihnen ihren Erfolg ermöglicht, er war ihr unmittelbarster Lehrer. Ebenso enorm war Nietzsches Einfluß auf die Kunst: Symbolismus, Jugendstil, Expressionismus, Dadaismus u.a. erhielten ihre Inspirationen von Nietzsche. Musik

Ähnliche Wirkungen in der Musik: „Harry Graf Keßler hat prägnant formuliert, wie die Angehörigen seiner Generation Nietzsche »erlebt« haben: »Er sprach nicht bloß zu Verstand und Phantasie . Seine Wirkung war umfassender, tiefer und geheimnisvoller. Sein immer stärker anschwellender Widerhall bedeutete den Einbruch einer Musik in die rationalisierte und mechanisierte Zeit. ...« (Steven E. Aschheim, Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults, S. 32). Daß mit Nietzsche der »Einbruch einer Musik« geschieht, empfanden auch manche Komponisten. Richard Strauss schuf 1896 sein sinfonisches Werk »Also sprach Zarathustra«, und Gustav Mahler wollte seine dritte Sinfonie ursprünglich »Fröhliche Wissenschaft« nennen. Architekten wie Paul Behrens und Bruno Taut, ließen sich von Nietzsche inspirieren und konstruierten Räume für freie Geister. Es ist nicht verwunderlich, daß man Nietzsche, der im »Zarathustra« geschrieben hatte: verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde, auch auf die Tanzbüne brachte. Mary Wigmann entwickelte in den 1920er und 1930er Jahren einen sogenannten dionysischen Tanzstil; es wurden dabei Trommeln geschlagen und aus dem »Zarathustra« rezitiert. Mit dem Nietzsche-Erlebnis konnte man vieles anstellen. Bei manchen war es nur eine vorübergehende Mode. Andere kamen zeitlebens nicht davon los.“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 337-338Safranski). Übrigens haben in den USA der 1920er Jahre einige Männer in Chikago nur deswegen einen Jugendlichen getötet, weil sie sich für »Übermenschen« hielten.

Januar 1889: „Overbeck schafft Nietzsche nach Basel, wo er in die Nervenklinik eingewiesen wird. Die Mutter kommt und nimmt ihn mit nach Jena, in die dortige »Irren-Heil- und Pflegeanstalt«, wo Nietzsche ein Jahr bleibt. Im Mai 1890 nimmt ihn die Mutter nach Naumburg in ihre Pflege. Nach dem Tod der Mutter 1897 wird Nietzsche von der Schwester in die »Villa Silberblick« in Weimar geschafft.“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 388-389Safranski). Nietzsches Schwester, die mit ihrem Mann Förster in Paraguay eine deutsche Kolonie wiederbeleben wollte, kehrte 1893 aus Paraguay zurück, gründete noch zu Lebzeiten ihres Bruders das »Nietzsche-Archiv« in Weimar und, so Safranski: „veranlaßte die ersten Gesamtausgaben. Sie bewies dabei Willen zur Macht, denn sie versuchte ein bestimmtes Bild ihres Bruders in der Öffentlichkeit durchzusetzen .... Sie wollte aus Nietzsche einen deutsch-nationalen Chauvinisten, Rassisten und Militaristen machen, und bei einem Teil des Publikums, besonders bei den orthodoxen Marxisten ist ihr das gelungen, bis zum heutigen Tage. Aber auch den raffinierteren Bedürfnissen des Zeitgeistes wußte sie entgegenzukommen. In der »Villa Silberblick« in Weimar, wo seit 1897 das Nietzsche-Archiv untergebracht war, hatte die Schwester ein Podium herrichten lassen, wo der vor sich hindämmernde Nietzsche einem Publikum als Märtyrer des Geistes vorgeführt wurde. Die Schwester war Wagnerianerin genug, um dem Schicksal ihres Bruders erhaben-schaudervolle Effekte abgewinnen zu können. In der »Villa Silberblick« wurde ... ein metaphysisches Endspiel gegeben. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Thomas Carlyle - der in diesen Kreisen geschätzt war, aber bei Nietzsche nicht hoch im Kurs gestanden hatte - beschrieben, worum es bei solchen Endspielen geht: »Wisse, daß dieses Universum das ist, was es zu sein vorgibt: ein Unendliches. Versuche nie im Vertrauen auf deine logische Verdauungskraft, es zu verschlingen; sei vielmehr dankbar, wenn du durch geschicktes Einrammen dieses oder jenes Pfeilers in das Chaos verhinderst, daß es dich verschlingt« (Thomas Carlyle, Helden und Heldenverehrung, S. 83). Nietzsche war also verschlungen worden, er hatte sich zu weit vorgewagt. Er hatte sich ans Ungeheure des Lebens verloren. (Mehr) ....“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, 2000, S. 331-332Safranski). Nietzsche starb am 25. August 1900.

Sloterdijks Sphärenphilosophie (des Raumes): Sphären I (Blasen), 1998; Sphären II (Globen), 1999; Sphären III (Schäume), 2004.Sloterdijk

Kein Zufall, daß im „Glaszeitalter“ (Glaszeitalter) das „Glashaus“ auch zum Titel einer TV-Sendung von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski - mit jeweils zwei Gästen - werden konnte: „Im Glashaus - Das Philosophische Quartett“. Glashaus

Spenglers Hauptwerk (Der Untergang des Abendlandes, 1917) ist auch eine Absage an die immer noch übliche Periodisierung Altertum, Mittelalter, Neuzeit mit ihrer teleologischen Grundkonzeption sowie ihrer Vernachlässigung der nicht-westlichen Kulturen. Kulturen sind überindividuelle Wesenheiten, die Spengler als „Organismen“ auffaßte; sie durchlaufen somit jeweils einen Zyklus - mit Schicksal! Spengler

Zum Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit: „Ich nenne dies dem heutigen Westeuropäer geläufige Schema, in dem die hohen Kulturen ihre Bahnen um uns als den vermeintlichen Mittelpunkt alles Weltgeschehens ziehen, das ptolemäische System der Geschichte und ich betrachte es als die kopernikanische Entdeckung im Bereich der Historie, daß in diesem Buche ein System an seine Stelle tritt (), in dem Antike und Abendland neben Indien, Babylon (Mesopotamien/Sumer), China, Ägypten, der arabischen und mexikanischen (Maya/Inka) Kultur - Einzelwelten des Werdens (), die im Gesamtbilde der Geschichte ebenso schwer wiegen, die an Großzügigkeit der seelischen Konzeption, an Gewalt des Aufstiegs die Antike vielfach übertreffen - eine in keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 24 Spengler). Spengler

Vgl. Werke von Henrik Ibsen (1828-1906 ).

Vgl. Werke von Christian Friedrich Hebbel (1813-1863 ) und Henrik Ibsen (1828-1906 ).

Vgl. Oswald Spengler (1880-1936 ), Der Mensch und die Technik, 1931, S. 14 und ff. (Spengler) und Jahre der Entscheidung, 1933, S. 14 (Spengler).

„Denn der Mensch ist ein Raubtier. Feine Denker wie Montaigne () und Nietzsche (Nietzsche) haben das immer gewußt. Die Lebensweisheit in alten Märchen und Sprichwörtern aller Bauern- und Nomadenvölker, die lächelnde Einsicht großer Menschenkenner - Staatsmänner, Feldherren, Kaufleute, Richter - auf der Höhe eines reichen Lebens, die Verzweiflung gescheiterter Weltverbesserer und das Schelten erzürnter Priester waren weit davon entfernt, das zu verschweigen oder leugnen zu wollen.“ (Oswald Spengler, Der Mensch und die Technik. - Beitrag zu einer Philosophie des Lebens, 1931, S. 14 und ff. Spengler). „Der Mensch ist ein Raubtier. Ich werde es immer wieder sagen. All die Tugendbolde und Sozialethiker, die darüber hinaus sein oder gelangen wollen, sind nur Raubtiere mit ausgebrochenen Zähnen ...  Seht sie doch an: sie sind zu schwach, um ein Buch über Kriege zu lesen, aber sie laufen auf der Straße zusammen, wenn ein Unglück geschehen ist, um ihre Nerven an dem Blut und Geschrei zu erregen, und wenn sie auch das nicht mehr wagen können, dann genießen sie es im Film und in den illustrierten Blättern. (Mehr dazu). Wenn ich den Menschen ein Raubtier nenne, wen habe ich damit beleidigt, den Menschen - oder das Tier? Denn die großen Raubtiere sind edle Geschöpfe in vollkommenster Art und ohne die Verlogenheit menschlicher Moral aus Schwäche.“ (Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, 1933, S. 14 Spengler).

„Sie schreien: Nie wieder Krieg ! - aber sie wollen den Klassenkampf. Sie sind entrüstet, wenn ein Lustmörder hingerichtet wird, aber sie genießen es heimlich, wenn sie den Mord an einem politischen Gegner erfahren. Was haben sie gegen die Schlächtereien der Bolschewisten einzuwenden gehabt?“ (Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, 1933, S. 14 Spengler).

Erläuterung der Spengler-Tabelle () - Denk-Biographie von Oswald Spengler (1880-1936 ):
1. „Stadium“ („Winter“ - 1880-1899) und seine 3 „Stufen“: Spenglers frühe Kindheit (1. Stufe); Grund-Schulzeit (2. Stufe); Gymnasialzeit (3. Stufe), also bis zum Übergang von der Schule zur Universität (1899).
2. „Stadium“ („Frühling“ - 1899-1917) und seine 3 „Stufen“: Spenglers Studienzeit von 1899 bis 1903 (4. Stufe); die Zeit von der Promotion bis zum Bruch mit dem Romantizismus, also die Zeit von 1903 bis 1911 (5. Stufe); die folgenden 6 Jahre bis zum fertigen 1. Band des Hauptwerkes Der Untergang des Abendlandes, also die Zeit von 1911 bis 1917 (6. Stufe).
3. „Stadium“ („Sommer“ - 1917-1929) und seine 3 „Stufen“: Spenglers 1. Band des Hauptwerkes Der Untergang des Abendlandes bis zum Erscheinen des 2. Bandes, also die Zeit von 1917 bis 1922 (7. Stufe); die folgenden 4 Jahre bis zum vorübergehenden Gedächtnisverlust (durch Gehirnschlag), also die Zeit von 1922 bis 1927 (8. Stufe); die Zeit der Erholung bis zum Hamburger Vortrag (Deutschland in Gefahr), also die Zeit von 1927 bis 1929 (9. Stufe).
4. „Stadium“ („Herbst“ - 1929-1936) und seine 3 „Stufen“: Spenglers Arbeit am Hamburger Vortrag (Deutschland in Gefahr) bis zum Erscheinen dieses Vortrags als Buch (Jahre der Entscheidung), also die Zeit von 1929 bis 1933 (10. Stufe); die Zeit von 1933 bis 1934 (11. Stufe); die Zeit der inneren Emigration, also die Zeit von 1934 bis 1936 (12. Stufe).
Fazit: Spengler ist zu früh gestorben!

Erläuterung der Heidegger-Tabelle () - Denk-Biographie von Martin Heidegger (1889-1976 ):
1. „Stadium“ („Winter“ - 1889-1909) und seine 3 „Stufen“: Heideggers frühe Kindheit (1. Stufe); Grund-Schulzeit (2. Stufe); Gymnasialzeit (3. Stufe), also bis zum Übergang von der Schule zur Universität (1909).
2. „Stadium“ („Frühling“ - 1909-1927) und seine 3 „Stufen“: Heideggers Studienzeit von 1909 bis 1913 (4. Stufe); die Zeit von der Promotion bis zum Bruch mit dem Katholizismus, also die Zeit von 1913 bis 1919 (5. Stufe); die folgenden 8 Jahre bis zur Veröffentlichung seines Hauptwerkes Sein und Zeit, also die Zeit von 1919 bis 1927 (6. Stufe).
3. „Stadium“ („Sommer“ - 1927-1945) und seine 3 „Stufen“: Heideggers veröffentlichtes Hauptwerk Sein und Zeit und die Folgen bis zum Beginn des Rektorats, also die Zeit von 1927 bis 1933 (7. Stufe); die Zeit vom Beginn des Rektorats bis zum Beginn des 2. Weltkriegs, also die Zeit von 1933 bis 1939 (8. Stufe); die Zeit des 2. Weltkriegs, also die Zeit von 1939 bis 1945 (9. Stufe).
4. „Stadium“ („Herbst“ - 1945-1965 [1976]) und seine 3 „Stufen“: Heideggers Lehrverbot von 1945 bis 1949 (10. Stufe); die Zeit von 1949 bis 1953 (11. Stufe); die Zeit, in der Heidegger noch einmal eine weitere große und letzte Karriere erlebte (schließlich wohl auch seine zweite Geburt, die man als seine denkerische Geburt, sein Zur-Welt-Kommen bezeichnen darf!), also von 1953 bis 1965 bzw. 1976 (12. Stufe).
5. „Stadium“ („Winter“ - 1965-1976), wenn man es berücksichtigen will, betrifft die Zeit von 1965 bis 1976 (13. Stufe) - eine Zeit, die man als die Zeit nach jener zweiten Geburt (seine Denkergeburt, sein Zur-Welt-Kommen) bezeichnen kann, die Heidegger wohl tatsächlich auch erlebt hat.

Edmund Husserl (1859-1938 ), Phänomenologie-Philosoph und seit 1916 Professor in Freiburg (Breisgau), war für Martin Heidegger (1889-1976 ) der erste Lehrer, dessen Nachfolger er wurde, von dem er sich jedoch immer mehr entfernte. Spätestens seit Heideggers (in Sein und Zeit, 1927 ) gestellter Frage nach dem Sinn von Sein gingen Husserl und Heidegger getrennte Wege.

Die von Martin Heidegger (1889-1976 ) begründete Existenzial-Ontologie heißt auch „Fundamentalontologie“, weil sie das Fundament - das Bedenken des Seins - an die Ontologie liefert. Heidegger machte aus diesem Fundament deshalb eine Fundamentalontologie, weil die Ontologie lediglich das Bedenken des Seienden als Seienden untersucht. Heidegger kritiserte an der abendländischen Metaphysik, daß sie im Verlauf ihrer Geschichte immer nur nach dem Seienden als Seienden gefragt habe; zwar habe sie diese Frage aus der Offenbarkeit des Seins gestellt, aber die Offenheit des Seins selbst sei nie ausdrücklich theamatisiert oder als solche bedacht worden. „Die entscheidende Erfahrung meines Denkens - und das heißt zugleich für die abendländische Philosophie: die Besinnung auf die Geschichte des abendländischen Denkens - hat mir gezeigt, daß im bisherigen Denken eine Frage niemals gestellt wurde, nämlich die Frage nach dem Sein. Und diese Frage ist deshalb von Bedeutung, weil wir im abendländischen Denken das Wesen des Menschen dadurch bestimmen, daß er im Bezug zum Sein steht und existiert, indem er dem Sein entspricht.“ (Heidegger, in: Walter Rüdel & Richard Wisser, Martin Heidegger - Im Denken unterwegs ... [* Film], 1975).

„Unterwegs zur Sprache. Und das ist das einzige Geheimnis Heideggers“ (), so der Heidegger-Übersetzer Jean Beaufret (in: Martin Heidegger - Im Denken unterwegs ..., ein Film von Walter Rüdel & Richard Wisser, 1975): „Übersetzen ist für Heidegger kein Transport eines Pakets aus einem Idiom zu einem anderen, sondern umgekehrt: ein Übersetzen des Denkens selber durch einen Strom an das andere Ufer, nämlich zu dem, was schon zur Sprache gekommen war.“ (). Jean Beaufret hatte übrigens - wie er selbst berichtet - ausgerechnet am 4. Juni 1944, als die Landung der Alliierten in der Normandie gemeldet wurde, sein Heidegger-Erlebnis: zum ersten Mal hatte er ihn verstanden! Und das war für ihn ein so glücklicher Moment, daß im Vergleich dazu die Freude über die sich abzeichnende Befreiung Frankreichs verblaßte. Beaufret schrieb einen Brief an Heidegger: „Ja, mit Ihnen ist es die Philosophie selbst, die sich entschlossen von jeder Platitüde befreit und das Wesentliche ihrer Würde bezieht.“ Daraufhin lud Heidegger Beaufret zu einem Besuch ein, der im September 1946 stattfand, und damit begann die intensive, lebenslange Freundschaft zwischen den beiden. Heideggers Brief Über den Humanismus () ist eine Antwort auf Beaufrets Frage: „Auf welche Weise läßt sich dem Wort Humanismus ein Sinn zurückgeben?“

Martin Heidegger () auf die Frage zur „Conditia Humana“ (im Film-Interview: Walter Rüdel & Richard Wisser, Martin Heidgger im Denken unterwegs, 1975). Sicher ist jedenfalls, daß der „Humanismus ... die Humanitas des Menschen nicht hoch genug ansetzt.“ (Martin Heidegger, Über den Humanismus, 1946, S. 327). Außerdem hatte Heidegger schon in einer seiner Freiburger Vorlesungen gesagt: „Die Wissenschaft denkt nicht“, und das bedeutet: „Die Wissenschaft bewegt sich nicht in der Dimension der Philosophie, sie ist aber, ohne daß sie es weiß, auf diese Dimension angewiesen. Zum Beispiel: Die Physik bewegt sich im Bereich von Raum, Zeit und Bewegung; was Bewegung, was Raum, was Zeit ist, kann die Wissenschaft als Wissenschaft nicht entscheiden. Man kann nicht mit physikalischen Methoden sagen, was die Physik ist. Das kann man nur philosophierend sagen.“ (Zitat laut Film-Interview, 1975). „Die Wissenschaft denkt nicht“ - dieser Satz, so Heidegger, „ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung“.  Diese ausgesprochene „Gedankenlosigkeit ist verbunden mit der Seinsvergessenheit“. (Ebd.).

Dasein ist Sorge - z.B. „Besorgen“ () in der Beziehung zur Umwelt und „Fürsorge“ in der Beziehung zu den Mitmenschen -, deren Wesen das Sich-vorweg-schon-sein in der Welt ist. Die Sorge ist a priori, d.h. sie liegt immer schon in jedem tatsächlichen Verhalten vor. Zum Dasein gehört aber auch der Tod. Den Tod übernimmt das Dasein, sobald es ist. Das Geworfensein () in den Tod enthüllt sich in dem Phänomen der Angst - womit wir wieder am Anfang, d.h. vor dem Nichts stehen. Das Dasein ist ein Sein zum Tode, aber nicht ein Sein in der Zeit, sondern ein Sein als Zeit. (Vgl. Zeitlichkeit ). Nach dem 2. Weltkrieg überholte Heidegger diesen Ansatz so, daß das Dasein als „Seinsverständnis“ nicht autonom, daß die Existenz als „Eksistenz“ (Ek-sistenz) zu begreifen sei. „Sein Wesen ist nicht Selbststand, sondern Ausstand, Eksistenz, mit der Aufgabe, dem Sein gegenüber gehorsam zu sein, um ihm eine beschränkte und ungenügende, aber geschichtlich notwendige und geforderte Stätte zu bereiten, die Ankunft des Seins geschehen zu lassen.“ (Max Müller, Existenzphilosophie im geistigen Leben der Gegenwart, 1958). Es ist nicht mehr das Dasein selbst, das sich entwirft und das Sein schafft, sondern das Sein lichtet sich im Dasein. Es schickt dieses Dasein in die „Ek-sistenz“ (das Heraus-stehen). Umgeben von Wald steht es gleichsam in einer Lichtung oder Öffnung. (). Heidegger sagte: „Das Denken bringt in seinem Sagen das ungesprochene Wort des Seins zur Sprache.“ (Zur Sprache kommen ; vgl. „Unterwegs zur Sprache“ ). Dieses „wesentliche Denken“ ist ein „Ereignis des Seins“, es hält sich fern von jeder fertigen Logik, von jeder Kunst des Denkens, von der es nur dazu verführt wurde, über sich selbst nachzudenken anstatt seiner Bestimmung zu folgen: das anwesende Sein aus seiner Verborgenheit ans Licht zu bringen. Das Denken des späten Heidegger ist Danken; ein behutsames Entbergen im Unterschied zu einem rücksichtslosen Entbergen und Gebären, wie Heidegger das im seinsvergessenen technischen, auf Machbarkeit setzenden Denken sah, für das die Natur zum „Gestell“ wird. („Ge-stell“). Für Heideggers höriges Denken ist sie ein Uterus. In seinem Buch „Das Ding“ (1954 ) ist der Prototyp des Dings ein Krug, ein himmlisch Umschließendes, also: Uterus, Höhle, gefaßte Leere, Lichtung.

„Besorgen“ ist nach Heidegger (1889-1976 ) das alltägliche und angemessene Verhalten den Dingen gegenüber, deren Sein darin besteht, daß sie zu irgend etwas dienlich sind, daß durch sie irgend etwas ausgeführt, erledigt, besorgt werden kann. Heidegger charakterisierte dieses Verhalten näher als Umsicht im Gegensatz zum bloßen Hinsehen („Begaffen“), dem sich das Sein der Dinge nicht erschließt. Die natürliche Weise, in der dem anderen begegnet wird, nannte Heidegger „Fürsorge“. Sorge () steht im Zentrum von Sein und Zeit (1927 ), doch auch schon in Heideggers Vorlesung Phänomenologische Interpretation zu Aristoteles (1921) heißt es: „Leben ist Sorgen“. Sorgen und Besorgen sind nahezu identisch mit Handeln überhaupt. Indem ich besorgend handle, bin ich mir selbst „vorweg“. Ich habe etwas „vor mir“ (räumlich und zeitlich!), um das ich mich bekümmere, das ich verwirklichen will; oder ich habe etwas „hinter mir“ (räumlich und zeitlich!) und will es darum bewahren oder loswerden. Das Besorgen ist also umgeben von Räumlichkeit und Zeitlichkeit (). Jedes Handeln ist janusköpfig: ein Blick in die Zukunft und ein Blick in die Vergangenheit. Im Besorgen ist man nicht nur sich selbst voraus, im Besorgen geht man auch sich selbst verloren. Die Welt des Besorgten deckt mich quasi zu. Ich bin mir selbst verborgen, ich „lebe mich fest“ in den zu besorgenden Bezügen. „Im Sorgen riegelt sich das Leben gegen sich selbst ab und wird sich in der Abriegelung gerade nicht los. Im ständig neuen Wegsehen sucht es sich immer ....“ (Martin Heidegger, ebd., 1921, S. 107). Für diesen Vorgang, daß das Leben „aus sich selbst hinauslebt“ und sich in dem Besorgten „festlebt“ und bei alledem sich selbst „entgeht“, wählte Heidegger den Terminus „Ruinanz“ (mit der Assoziation: „Ruine“, „ruinös“), im engeren Sinne: „Sturz“. Sturz, Absturz; doch das „faktische Leben“ merkt gar nicht, daß es stürzt. Die Philosophie erst verdeutlicht die Lage, die gar keine ist, sondern ein Fall. „Das Wohin des Sturzes ist nicht ein ihm Fremdes, es ist selbst vom Charakter des faktischen Lebens und zwar ›das Nichts des faktischen Lebens‹“ (Martin Heidegger, ebd., 1921, S. 145). Das faktische Leben ist der Fall. Das „faktische Leben“ wird zu einem Nichts, sofern es sich im „ruinanten Dasein“ verliert. Heidegger variierte mit seinem Gedanken vom „Nichtvorkommen (des faktischen Lebens) im ruinanten Dasein“ (Ebd., 1921, S. 148) den Gedanken von der Entfremdung, der schon bei Hegel (1770-1831 ) eine sehr geschichtsmächtige Rolle gespielt hatte: Selbstverwirklichung als Selbstentwirklichung bzw. Selbstverkümmerung. Heidegger wußte: Die „Grundrichtung des philosophischen Fragens ist dem befragten Gegenstand, dem faktischen Leben, nicht von außen aufgesetzt und aufgeschraubt, sondern ist zu verstehen als das explizite Ergreifen einer Grundbewegtheit (= Existenz) des faktischen Lebens, das in der Weise ist, daß es in der konkreten Zeitigung seines Seins um sein Sein besorgt ist, und das auch dort, wo es sich selbst aus dem Weg geht“ (Martin Heidegger, ebd., 1921, S. 238). Das Denken des Daseins muß sich in seinen Vollzugssinn stellen. Philosophie ist besorgtes Leben in geistesgegenwärtiger Aktion. Diese äußerste Möglichkeit der Philosophie ist „das Wachsein des Daseins für sich selbst“  (Martin Heidegger, Ontologie, 1923, S. 15), was vor allem heißt, es dabei zu ertappen, „wo es sich selbst aus dem Weg geht“  (Martin Heidegger, Phänomenologische Interpretation ..., 1921, S. 238). Die „Verfallsgeneigtheit“ durchsichtig machen!

Zuhandenheit ist nach Heidegger (1889-1976, in: Sein und Zeit, 1927 ) die Seinsart der menschlichen Beziehung zum „Zeug“ (Gegenstände, z.B. Strick-Zeug, Näh-Zeug u.s.w. für das alltägliche „Besorgen“ ). Für die Zuhandenheit ist ihre Unauffälligkeit charakteristisch, was zur Folge hat, daß sich ihr Wesen namentlich dann enthüllt, wenn ein Werk-„Zeug“ oder dergleichen nicht zuhanden ist. Die Zuhandenheit steht im Gegensatz zur bloßen Vorhandenheit jener Dinge, die uns direkt nichts angehen. (Vgl. Vorhandenheit). „In den Zeug-Analysen von Sein und Zeit hat sich Martin Heidegger als erster Chirotopologe hervorgetan: Wir verstehen darunter einen Interpreten des Sachverhalts, daß Menschen als Hand-Besitzer und nicht als Geister ohne Extremitäten existieren. Am Heidegger-Menschen ist Beobachtern aufgefallen, daß er kein Genital zu besitzen scheint und wenig Gesicht - um so besser ist sein Ohr ausgebildet, um den Ruf der Sorge () zu vernehmen. Am vorzüglichsten ist seine Ausstattung mit Händen, weil Heideggersche Hände von einem Ohr, dem durch die Sorge eingesagt wird, von Fall zu Fall erfahren, was zu tun ist: Von diesem Ganz-Ohr-ganz-Hand-Menschen wird zum ersten Mal in der Geschichte des Denkens expressis verbis ausgesprochen, daß ihm die dinglichen Mitbewohner der Welt, in der er lebt, zeugförmig zuhanden sind. In Heideggers sorge-erschlossener Welt bildet Zuhandenheit einen Grundzug dessen, was den Eksistierenden im Nähe-Bereich umgibt. Zeug ist, was in der Reichweite der klugen Hand, im Chirotop, vorkommt: das Wurf-Zeug (Wurf-Zeug), das Schneide-Zeug, das Schlag-Zeug, das Näh-Zeug, das Grab-Zeug, das Bohr-Zeug, das Eß-und-Koch-Zeug, das Schlaf-Zeug, das Ankleide-Zeug. Der Heideggersche Mensch ist hinsichtlich all dieser Dinge im Bilde, welche Aufgaben durch sie seiner Hand gestellt sind. Was wäre ein Kochlöffel, wenn er nicht den Befehl zum Umrühren gäbe; was ein Hammer, wenn er nicht das Handlungsmuster »wiederholt auf die Stelle schlagen« aufriefe?  Die helle Hand läßt sich das gegebenenfalls nicht zweimal sagen. Für den Ernstfall kommt das Töte-Zeug hinzu, für den Nicht-Ernstfall das Spiel-Zeug, für den Bündisfall das Schenk-Zeug, für den Unfall das Verbandszeug, für den Todesfall das Bestattungszeug, für den Bedeutungsfall das Zeig-Zeug, für den Liebesfall das Schönzeug.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 364-365). Wurf-Zeug

„An erster Stelle ist das Wurf-Zeug zu nennen, weil es seinem stetigen Gebrauch zu verdanken ist, wenn sich die Hominiden vom akuten Umweltdruck ein Stück weit emanzipieren konnten. Indem die werdende Menschenhand, getragen von einem für die Graslandschaft umgeformten ehemaligen Baumaffenarm, es lernt, zum Werfen geeignete Objekte, in der Regel kleinere und handgroße Steine, aufzunehmen und nach Bringern unwillkommener Begegnungen oder Berührungen zu werfen - seien es größere Tiere, seien es fremde Artgenossen -, gewährt sie den Hominiden zum ersten Mal eine Alternative zur Kontaktvermeidung durch die Flucht. Als Werfer erwerben die Menschen ihre bis heute wichtigste ontologische Kompetenz - die Fähigkeit zur actio in distans. Durch das Werfen werden sie zu Tieren, die Abstand nehmen können. Aufgrund des Abstands entsteht die Perspektive, die unsere Projekte beherbergt. Die ganze Unwahrscheinlichkeit menschlicher Wirklichkeitskontrolle ist in die Gebärde des Werfens zusammengezogen. Daher bildet das Chirotop das ursprüngliche und eigentliche Handlungsfeld, in dem Akteure gewohnheitsmäßig ihre Wurfergebnisse beobachten. Hier kommt ein Verfolger-Auge ins Spiel, das prüft, was die Hände zustande bringen; Neurobiologen wollen sogar eine angeborene Fähigkeit des Gehirns nachgewiesen haben, auf fliehende Objekte zu zielen. Das Chirotop ist eigentlich ein Video-Chirotop, eine von Blicken überwachte Sphäre von Handlungserfolgen. Was Heidegger die Sorge () nannte, bezeichnet der Sache nach zuerst die aufmerksame Ungewißheit, mit der ein Werfer prüft, ob sein Wurf ins Ziel geht. Treffer (Treffer) und Fehlwürfe sind praktischer Wahrheitsfunktionen, die beweisen, daß eine Intention in die Ferne zu Erfolg oder Mißerfolg führen kann - mit einer unklaren Mitte für einen dritten Wert. Beim gelungenen Wurf wie beim Fehlwurf gilt, daß Wahres und Falsches, die logischen Erstgeborenen des Abstands, sich selber anzeigen.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 366-367).

Vorhandenheit ist nach Heidegger (1889-1976, in: Sein und Zeit, 1927 ) ein defizienter Modus der durch Besorgen () erschlossenen Zuhandenheit () der umwelthaften Dinge. Als lediglich vorhanden (anwesend) und nicht zuhanden erscheinen Dinge, die uns nichts angehen, mit denen wir nicht umgehen, mit denen wir nichts zu tun haben (außer: bei Störungen, von außen oder explizit vom Bewußtsein her). Ihr Wesen und ihre Wirklichkeit bleiben uns verborgen, wir erfahren nicht, welche Bewandtnis es mit ihnen, was es mit ihnen auf sich hat. Wir betrachten sie darum oft als bloße Objekte der Naturwissenschaft. Die Verwandlung der Zuhandenheit in die Vorhandenheit bedeutet, daß Dinge (Zuhandenes) zu Gegenständen (Vorhandenes) werden. Die Verwandlung der Welt in bloß Vorhandenes bedeutet Seinsvergessenheit (), und die bewußte Bewahrung des Lebensraumes des Zuhandenen bedeutet Seinsverbundenheit, verstanden als Nähe oder Wohnen bei den Dingen (Wohnen) - die entsprechende Haltung: Gelassenheit. Heidegger zufolge ist die Grundstruktur des Umgehens mit der Welt die Sorge () - mit umfassender Bedeutung: Sorge ist alles, Dasein, gelebte Zeitlichkeit (), ein Grundmerkmal der Conditio humana. Heidegger

Zeitlichkeit bedeutet allgemein die Grundform jeder bewußten Existenz und Geschichte, laut Heidegger () zudem Zukunft, insofern sie die „Gewesenheit“ enthält und auch die Gegenwart ausmacht, da das Dasein nicht im Jetzt verweilt, sondern sich selbst immer schon vorweg ist. Diese Zeitlichkeit ist das Wesen der Sorge. (). Die Erfassung des Strukturganzen des Daseins erschließt sich in der Beantwortung der Frage, was die Einheit des Daseins in der Sorge erst ermöglicht. Dies ist laut Heidegger die Zeitlichkeit. Die vorlaufende Entschlossenheit, mit der sich das Dasein auf seine Möglichkeiten hin entwirft, ist nur möglich durch das Phänomen der Zukunft, wodurch das Dasein auf sich selbst zukommen kann. Nur aber indem sich das Dasein übernimmt, „wie es je schon war“, also in seinem Gewesensein, kann es zukünftig auf sich so zukommen, daß es auf sich selbst zurückkommt. Und nur in seinem Gegenwärtigsein kann ihm Umwelt begegnen und handelnd ergriffen werden. Die Zeitlichkeit als „gewesend-gegenwärtigende Zukunft“ ermöglicht das Ganzseinkönnen und ist der Sinn der Sorge. Im Modus der Eigentlichkeit ist die Zeitigung des Daseins: Vorlaufen (Zukunft), Augenblick (Gegenwart), Wiederholung (Gewesenheit). Zeitlichkeit hat durchaus Ähnlichkeit mit Tödlichkeit: „Das Dasein ... weiß um seinen Tod .... Es ist ein Vorlaufen des Daseins zu seinem Vorbei.“ Dieses „Vorbei“ bemerken wir schon jetzt und hier bei jedem Tun und Erleben. Der Lebensgang ist immer ein Vergehen des Lebens. Als dieses Vergehen erfahren wir Zeit an uns selbst. Deshalb ist dieses Vorbei nicht das Ereignis des Todes am Ende unseres Lebens, sondern die Art und Weise des Lebensvollzugs: „das Wie meines Daseins schlechthin“, so Heidegger. Laut Heidegger ist die Zeit weder im Subjekt noch im Obkjekt, weder „innen“ noch „außen“, sie „ist“ früher als jede Subjektivität und Objektivität, weil sie die Bedingung der Möglichkeit selbst für dieses „früher“ darstellt. Etwas anderes als Zeitlichkeit ist der „Zeitgeist“ - laut Hegel (1770-1831) der in der Geschichte sich entfaltende „objektive Geist“ (), der in allen einzelnen Erscheinungen eines Zeitalters wirksam ist; der Inbegriff von Ideen, die für eine Zeit charakteristisch sind. Auch das „Zeitbewußtsein“, das subjektive Erleben der Zeit, ist etwas anderes als die Zeitlichkeit, die laut Heidegger quasi Subjektivität und Objektivität aufhebt. – Die Physik lehrt, daß es ein objektive Zeit nicht gibt; was so genannt wird ist in Wirklichkeit nur eine Koordinate im vierdimensionalen Kontinuum: eine Weltlinie, die forml als Entzeitlichung der Welt verstanden wird. Im Sinne der Physik ist die Zeitlichkeit eine „Weltlinie“, d.h. die Kurve im Riemannschen Kontinuum (), die die Bewegung eines Punktes im vierdimensionalen Raum-Zeit-Koordiantensystem darstellt. Und da es im mathematischen Formalismus der Welt, wie sie der Mathematiker Hermann Minkowski (1864-1909) auffaßte, eine Zeit außerhalb des Kontinuums nicht gibt, kann in der dadurch formal „entzeitlichten“ Welt auch nichts geschehen. „Das einzige Realgeschehen ist die nacheinander erlebte Wahrnehmung durch ein das Kontinuum »längs der Weltlinie seines Leibes« abwanderndes Subjekt. Der physikalischen Welt, dem Wahrnehmungsobjekt kommt“ bei dieser Deutung „keine Zeitlichkeit mehr zu, in ihr geschieht nichts, sie ist schlechthin“ (Hermann Weyl, Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft, 1927). Vgl. hierzu auch die Relativitätstheorie (), Spenglers Thesen zum Zeitproblem (), zur Relativitätstheorie und zu imaginären Zeiteinheiten () sowie Heideggers Daseinsanalyse (Existenz[ial]analyse).

Martin Heidegger (1889-1976), Die Grundbegriffe der Metaphysik - Vorlesung im Wintersemester 1929/30.

Erläuterung der Sloterdijk-Tabelle () - Denk-Biographie von Peter Sloterdijk (*1947 ):
1. „Stadium“ („Winter“ - 1947-1968) und seine 3 „Stufen“: Sloterdijks frühe Kindheit bis (1. Stufe); Grund-Schulzeit (2. Stufe); Reise- und Lehrjahre und Gymnasialzeit (3. Stufe), also bis zum Übergang von der Schule zur Universität (1968).
2. „Stadium“ („Frühling“ - 1968-1983) und seine 3 „Stufen“: Sloterdijks Studienzeit von 1968 bis 1974 (4. Stufe); die Zeit vom Ende des Studiums bis zum Bruch mit einigen Traditionen der abendländische Kultur und Hinwendung zur indischen Kultur, also die Zeit von 1974 bis 1978 (5. Stufe); der zweijährige Aufenthalt in Indien, die Rückkehr und freie Schriftstellerei bis zur Veröffentlichung seiner Kritik der zynischen Vernunft, also die Zeit von 1978 bis 1983 (6. Stufe).
3. „Stadium“ („Sommer“ - 1983-2006) und seine 3 „Stufen“: Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft und die Auswirkungen bis zum „Fall der Mauer“, also die Zeit von 1983 bis 1989 (7. Stufe); vom „Fall der Mauer“ bis zur Elmauer Rede (Regeln für den Menschenpark) als dem Beginn der sogenannten „Slotedijk-Debatte“ () also die Zeit von 1989 bis 1999 (8. Stufe); von der sogenannten „Slotedijk-Debatte“ bis zum Erscheinen des Buches Zorn und Zeit, also die Zeit von 1999 bis 2006 (9. Stufe).
4. „Stadium“ („Herbst“ - 2006- ?  ) und seine 3 „Stufen“: Sloterdijks Buch Zorn und Zeit bis ?,  also die Zeit von 2006 bis   ?   (10. Stufe); ... die Zeit von ?   bis ?   (11. Stufe); ... die Zeit von ?   bis ?   (12. Stufe).

Gewinner und Verlierer, Sieger und Besiegte, Sieg und Niederlage: Der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ist laut Peter Sloterdik (*1947Sloterdijk) „der Unterschied, der uns am meisten fasziniert, der größte Unterschied, der überhaupt zwischen Menschen existieren kann, vielleicht ein Unterschied, der noch größer ist als der von Leben und Tod.“ (Peter Sloterdijk, Fußball als Daseinsform , in: Das Philosophische Quartett, [ZDF], 2006Sloterdijk). Menschen sind Meister - abendländische Menschen sogar Weltmeister - in der „Herstellung eines Unterschieds, der einen Unterschied macht.“ (Peter Sloterdijk, ebd., 2006Sloterdijk).

Peter Sloterdijk (*1947Sloterdijk), Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005. Dieser Komfort-und-Konsum-Kristallpalast (Komfort-und-Konsum-Kristallapalast) ist das modern gewordene „Treibhaus“ des Abendlandes (des „Westens“) - ein exklusiver Weltinnenraum für heute ungefähr 1,25 Milliarden Menschen (20% der WeltbevölkerungWeltbevölkerung). Das große Interieur, so heißt der 2. Teil des Buches, beginnt mit einem Zitat von Arthur Schopenhauer (Schopenhauer): „Wie aber auf der Erdkugel überall oben ist, so ist auch die Form alles Lebens Gegenwart ....“ (Schopenhauer).  Mehr Gegenwart, weniger Geschichte - so könnte man die Moderne aus der Sicht der Gelangweilten beschreiben, aber gerade deshalb erkennt man ja m.E. die Moderne auch am Historismus, wenn auch der Historismus manchen albern erscheint, wie Sloterdijk im Anschluß an Friedrich Nietzsche (Nietzsche) meint. Laut Sloterdijk befinden wir uns seit Ende des 20. Jahrhunderts in einem „Global Age“, und dieses Globale Zeitalter ist die Resultatsstufe - mit meinen Worten: diese Globalismus-Phase () ist die Vollendungsphase der abendländischen Kultur. „Wer könnte leugnen, daß die westliche Welt - insbesondere die Europäische Union nach ihrer relativen Vollendung im Mai und der Unterzeichnung ihrer Verfassung im Oktober 2004 - in ihren wesentlichen Eigenschaften heute genau ein solches großes Interieur verkörpert? .... Kristallisation bezeichnet das Vorhaben, die Langeweile normativ zu verallgemeinern .... Die geistige Erstarrung zu fördern und zu schützen ist künftig das Ziel aller staatlichen Gewalt. Naturgemäß wird sich die von der Verfassung garantierte Langeweile in die Projektform kleiden .... Daß aber der ewige Frieden im Kristallpalast zur psychischen Bloßstellung der Bewohner führen muß, ... (ist offenkundig; HB). Die Entspannung ... hat unvermeidlich die Freisetzung des Bösen im Menschen zur Folge. Was Erbsünde war, kommt im Klima universeller Bequemlichkeit als triviale Freiheit zum Bösen ans Licht. Mehr noch, das Böse ... kann erst in der ... Langeweile zu seiner quintessentiellen Form auskristallisieren: Von allen Ausreden gereinigt, wird nun, für die Naiven vielleicht überraschend, offenkundig, daß das Böse die Qualität der bloßen Laune besitzt. Es äußert sich als bodenlose Setzung, als willkürlicher Geschmack am Leiden und Leidenlassen, als streunende Destruktion ohne spezifischen Grund. Das moderne Böse ist die arbeitslose Negativität .... Wert oder Unwert - beides richtet sich nach dem Ergebnis des Würfelwurfs. Ohne besonderen Grund wird in der Langeweile das eine geschätzt und das andere verworfen.“  (Peter Sloterdijk, Der Kristallpalast, in: Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 268-270).Langeweile

Hermann Minkowski (1864-1909), deutscher Mathematik-Professor in Bonn, Königsberg, Zürich und Göttingen, entwickelte insbesondere die „Geometrie der Zahlen“ (1909) und beschäftigte sich mit den mathematischen Grundlagen der speziellen Relativitätstheorie (). Der Minkowski-Raum (auch: die Minkowski-Welt) ist der vierdimensionale Raum (die Raum-Zeit-Welt, das Raum-Zeit-Kontinuum; vgl. Riemann-Kontinuum), in dem sich die Gesetze der speziellen Relativitätstheorie besonders einfach darstellen lassen. Ein Punkt (Ereignis) in diesem Minkowski-Raum wird als Weltpunkt, ein Ortsvektor als Weltvektor, die Bahn eines Teilchens als Weltlinie bezeichnet. (Vgl. Zeitlichkeit ).

Thomas Malthus (1766-1834Malthus), englischer Nationalökonom und Sozialphilosoph, wurde 1789 bzw. 1798 berühmt durch seine Bevölkerungstheorie (Malthusianismus), nach der die mögliche Größe der Bevölkerung durch die Menge der verfügbaren Nahrungsmittel begrenzt und bestimmt wird. Schon vor Malthus gab es etliche Theorien über den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspielraum und Bevölkerungswachstum ! Mit seinem Bevölkerungsgesetz (Malthus) erreichte Malthus zwar großen Ruhm, doch sein größter Vorgänger, der deutsche Nationalökonom und Statistiker Johann Peter Süßmilch (1707-1767Süßmilch) lag dafür mit seiner Theorie näher an der Realität. Malthus hatte Süßmilch studiert, aber aus gut überlegten Gründen im eigenen Werk nicht erwähnt. „Das »Bevölkerungsgesetz« von Malthus hat sich schon zu dessen Lebzeiten als ebenso falsch erwiesen wie die ihr vorangegangene Bevölkerungslehre von Süßmilch als richtig.“ (Herwig Birg, 2005, S. 11Birg). Oswald Spengler sah in Charles Darwin (1809-1882) deswegen einen „Malthusianer“, weil Darwins Theorie (der Darwinismus, vgl. z:B. Darwins Werk Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, 1859) eine Anwendung der Nationalökonomie auf die Biologie sei. (Vgl. Spengler, 1917, S. 63 und S. 480 Spengler). Außerdem, so Spengler, deutete Darwin Schopenhauers Ansichten in die Tierwelt. Darwin kopierte Schopenhauer. (Vgl. Spengler, 1917, S. 475 Spengler). Die klassische Demographie entstand in Deutschland, die spätere - darauf folgende - und dazu im Gegensatz stehende rassische Demographie entstand in England, wie auch Birg betont. „Die in Deutschland entstandene Bevölkerungslehre ist von universalistischen, zutiefst humanen und christlichen Prinzipien geprägt. Der Rassismus in der Bevölkerungswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts beruht auf einem Bruch mit der klassischen deutschen Tradition, nicht auf ihrer Fortsetzung. Wer nach den bevölkerungswissenschaftlichen Ursprüngen der rassistischen Bevölkerungslehre sucht, findet ihre geistigen Wurzeln in der malthusianischen Bevölkerungsdoktrin, nicht in der Bevölkerunglehre Süßmilchs. Es war ein simples Prinzip - die gnadenlos strenge Auslese der Individuen einer Population nach ihrer Überlebenstüchtigkeit -, das nach der Bevölkerungstheorie von Malthus - und der Evolutionstheorie von Charles Darwin, der sich ausdrücklich auf Malthus’ Bevölkerungslehre berief - die biologische Evolution antrieb und über Jahrmillionen zur Entstehung der höheren Arten und schließlich des Menschen führte. Das gleiche Prinzip sollte nach Malthus und der von ihm begründeten Schule der politischen Ökonomie und des ökonomischen Liberalismus auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen regeln. Indem es die untüchtigen, weniger konkurrenzfähigen Marktteilnehmer an den Rand des wirtschaftlichen Geschehens drängte oder ganz aus den Märkten ausschloß, sorgte das Selektionsprinzip aus der Sicht der liberalen Wirtschaftstheoretiker für den Ansporn zu einem ökonomischen Umgang mit den knappen Wirtschaftsgütern, für ihre effizienteste Verteilung und Verwendung und für eine dauernde Tendenz zur Steigerung der Produktivität und des Lebensstandards. .... Die Ursache für das Trennende und den Gegensatz zwischen den Klassen lag nach Malthus nicht in erster Linie - wie später bei Karl Marx (Marx) - in den Unterschieden des Besitzes an ökonomischen Gütern, sondern in der Verschiedenheit der Menschen im Hinblick auf ihre moralischen Eigenschaften und Fähigkeiten. Nach der moralischen Klassentheorie war die Bevölkerung der »lower classes« wegen ihrer minderen moralischen Qualität, also nicht in erster Linie wegen ihrer Armut, unfähig, die Zahl ihrer Nachkommen durch die Zügelung ihres Geschlechtstriebes den Unterhaltsmitteln anzupassen. Die Unterschicht reagiert deshalb nach Malthus’ Bevölkerungsgesetz auf eine Verbesserung ihrer ökonomischen Lage stets mit einer Erhöhung ihrer Geburtenrate, nicht mit einer Verringerung. Durch diesen gleichsinnigen Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der Höhe des Lebensstandards ist die Unterschicht in einem »Zirkel der Armut« gefangen: Sozialpolitische Reformen zur Linderung der Armut oder eine Anhebung der Löhne über das Existenzminimum hinaus müssen nach Malthus zwangsläufig an der von ihnen bewirkten Zunahme der Unterschichtbevölkerung scheitern. Nach Süßmilchs Theorie besteht kein gleichsinniger Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und dem Lebensstandard der Bevölkerung, sondern ein gegenläufiger. Dieser Unterschied zu Malthus ist von größter Tragweite. Wie Süßmilchs Analyse der Geburtenrate in den Gemeinden Preußens ergab, variierte die Kinderzahl stark nach der Siedlungsgröße, mit der Folge, daß die Wachstumsrate der Bevölkerung mit zunehmender Verstädterung zurückging. Der Unterschied zu Malthus' Lehre ist keineswegs nur von akademischem Interesse, er ist für die Politik und das von ihr abhängige Überleben der Menschen entscheidend. Im Gegensatz zu Malthus trat Süßmilch für sozialpolitische Reformen zum Wohl der armen Bevölkerungsschichten ein. Er gründete Hebammenschulen und bemühte sich um die Schaffung von Gesundheitseinrichtungen, um die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit zu senken. Sein Ziel war es, Leben zu retten, und nicht durch die Bevölkerungstheorie zu begründen, warum eine Begrenzung des Bevölkerungszuwachses und eine Auslese »naturgesetzlich notwendig« waren. .... Wie die Menschen sind, wie viele es sind und wie viele auf der Erde leben können - diese Themen hängen miteinander zusammen, sie bilden den Kern von Süßmilchs Frage nach der »Tragfähigkeit der Erde«: »... im folgenden wird die Frage erörtert, ob Krieg und Pest notwendig zum öfteren vorkommen müssen, welches ich verneine. Weil aber der Beweis hiervon nicht hat können gegeben werden, ohne eine Kenntnis von dem Zustande und der Anzahl der Menschen auf der Erde zu haben: so bin ich daher genötigt worden zu untersuchen, wie viel Menschen zu gleicher Zeit auf dem Erdboden leben können und wie viele gegenwärtig wirklich leben mögen, um aus der Vergleichung der möglichen und wirklichen Anzahl zu urteilen, ob die Vermehrung notwendig müsse gehemmet werden oder nicht«. Das Ergebnis der Berechnungen lautet: » ...es ist bewiesen, daß 4000 Millionen zugleich leben können, und daß gegenwärtig höchstens nur tausend Millionen wirklich zugleich leben«. Die Analysen wurden in der unruhigen Zeit nach der Thronbesteigung Friedrich II. unmittelbar vor dem Beginn des ersten Schlesischen Krieges in großer Eile zu Ende gebracht. An diesem Krieg hatte Süßmilch als Feldprediger teilgenommen, später hatte er neben seiner Tätigkeit als Gelehrter das Amt eines Propstes der brandenburgisch-lutherischen Kirche inne. In dieser Eigenschaft hatte er Zugang zu den Kirchenbüchern der preußischen Gemeinden, deren Eintragungen er für seine bevölkerungsstatistischen Analysen auswertete. Auf dieser Grundlage revidierte er in der zweiten, wesentlich erweiterten Ausgabe von 1762 seine Berechnungen und bezifferte die »Tragfähigkeit der Erde« nicht wie in der ersten Ausgabe auf vier, sondern auf vierzehn Milliarden Menschen. Die Reaktion der Gelehrten Europas war außerordentlich positiv. Über die Grenzen der Nationen und der wissenschaftlichen Disziplinen hinaus entwickelte sich ein enges Netz an fruchtbaren Kooperationen, das der Internationalität der heutigen Forschung in nichts nachstand. Diese positive Entwicklung endete mit dem Erscheinen des »Bevölkerungsgesetzes« von Malthus. Nach dessen Lehre war die Erde der Grenze ihrer Tragfähigkeit bereits gefährlich nahe, jeder weitere Bevölkerungszuwachs mußte verhindert werden. Die Abschaffung der Armenhilfe in England diente diesem Ziel. Der krasse Widerspruch zu Süßmilch blieb in der Ära des Malthusianismus unbeachtet. Der Siegeszug der Evolutionstheorie Darwins, der sich bei der Begründung seiner Evolutionstheorie auf Malthus berief, schien das »Bevölkerungsgesetz« und dessen Grundprinzip - die Selektion der Überlebenstüchtigen - unwiderruflich zu bestätigen. Das erste, grundlegende Kapitel des »Bevölkerungsgesetzes« sowie das besonders wichtige 18. Kapitel enthalten Aussagen, die sich wie eine Vorwegnahme der Evolutionstheorie lesen. In seinen Tagebüchern hat Darwin festgehalten, daß ihn bei der Lektüre des »Bevölkerungsgesetzes« eine Art Erleuchtung überkam, durch die er die Eingebung für seine Evolutionstheorie empfing. Die beiden Theorien schienen einander zu stützen und zu bestätigen, die Evolutionstheorie übertrug ihre Faszinationskraft auf die Bevölkerungstheorie. Eine Relativierung der Bevölkerungstheorie hätte zwar der Evolutionstheorie nicht den geringsten Abbruch getan, aber die geistige Verwandtschaft zwischen beiden Theorien - die Schlüsselrolle des ihnen gemeinsamen Grundprinzips der biologischen bzw. sozialen Auslese - ließ für den Gedanken einer Revision der einen unter Beibehaltung der anderen keinen Raum. Im geistigen Klima des Malthusianismus und Darwinismus entwickelte Francis Galton in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in England die Eugenik - eine Lehre von den erbbedingten Eigenschaften der Menschen und ihrer gezielten Beeinflussung mit Maßnahmen zur Förderung der Fortpflanzung von Menschen mit erwünschten Eigenschaften (»positive Eugenik«) bzw. zur Verhinderung der Fortpflanzung von Menschen mit unerwünschten Eigenschaften (»negative Eugenik«). In Frankreich entstand in dieser Zeit die von Arthur Graf von Gobineau 1853 veröffentlichte Theorie über die »Ungleichheit der Menschenrassen« bzw. über die »Überlegenheit der arischen Rasse«. In Deutschland verbreiteten sich die Ideen der Eugenik Jahrzehnte später als in England ....“ (Birg, 2005, S. 18-19, 19-20, 20-22Birg).

In seinem Bevölkerungsgesetz (1798Malthus) ging Thomas Malthus (1766-1834Malthus) von 3 Prämissen aus: 1.) Die vom Menschen erzeugte Menge an Subsistenzmittel (Nahrungsmittel) folgt einem linearen Wachstumsgesetz; 2.) Die Bevölkerungszahl entwickelt sich im Gegensatz dazu nach einem geometrischen Wachstumsgesetz (vgl. Zinseszinsformel); 3.) Die Mehrheit der Menschen, die Arbeiter- bzw. Unterschicht („lower classes“, so Malthus), reagiert auf eine Verbesserung ihrer materiellen Lebensbedingungen mit einer Erhöhung der Fortpflanzungsrate. Malthus konnte sich in England durchsetzen: es kam dort zu einer Reform der Armengesetzgebung, die auf eine Abschaffung der staatlichen Armenhilfe hinauslief; die Ideen (besser noch: die Ideale!) des Bevölkerungsgesetzes zeitigten also die ihnen zugedachte Wirkung. Das Bevölkerungsgesetz von Malthus, der dem englischen Landadel angehörte, wurde zur Bekämpfung der revolutionären politischen Utopien geschaffen, die sich nach der französischen Revolution auch in England ausbreiteten. Doch laut Werner Sombart (1863-1941Sombart), Franz Oppenheimer (1864-1943Oppenheimer), Herwig Birg (*1939Birg) u.a. sind alle 3 Prämissen falsch! Birg

Herwig Birg (*1939Birg), Die ausgefallene Generation - Was die Demographie über unsere Zukunft sagt, 2005. Zum Thema Süßmilch (1707-1767Süßmilch) versus Malthus (1766-1834Malthus) heißt es an anderer Stelle bei Birg: „Das Potential zur Veränderung der realen Verhältnisse und nicht die Träume über eine Verbesserung der Welt und der Menschen bildet den Kern der klassischen, in ihren wichtigsten Kenntnissen heute noch gültigen Bevölkerungstheorie aus der Epoche vor (VOR!) Malthus, an die es anzuknüpfen gilt ....“ (Ebd., S. 11-12). Der Matlhusianismus sei von Anfang an falsch gewesen, so Birg: „Das »Bevölkerungsgesetz« von Malthus hat sich schon zu dessen Lebzeiten als ebenso falsch erwiesen wie die ihr vorangegangene Bevölkerungslehre von Süßmilch als richtig. .... Die malthusianische Bevölkerungstheorie wurde zwar längst durch die reale Bevölkerungsgeschichte widerlegt, während sich die von Süßmilch als richtig erwies, aber trotzdem ist Süßmilch heute außerhalb der Fachdemographie bzw. in der ausufernden Literatur der Gelegenheitsdemographie unbekannt, während Grundkenntnisse über Malthus weltweit zur Allgemeinbildung gehören. Wie ist es zu erklären, daß die Gedankenwelt von Malthus immer noch die Vorstellungen der Menschen über die demographische Entwicklung beherrscht ?  Warum stehen seine längst widerlegten Thesen immer noch im Zentrum vieler Bestseller, die sich mit der Bevöllkerungsentwicklung befassen?  ... »Das unerschütterlichste und wichtigste Naturgesetz der ganzen bisherigen Nationalökonomie« - so urteilte der Gelehrte Gustav Cohn 1882 über das von Malthus anonym publizierte »Bevölkerungsgesetz«. »Das dümmste Buch der Weltliteratur« - so lautete hingegen das Urteil von Werner Sombart in seiner »Geisteswissenschaftlichen Anthropolgie« von 1938 (Sombart). ... Malthus entstammte einem ... Elternhaus des englischen Landadels. .... Das »Bevölkerungsgesetz« ... wurde zur Bekämpfung der revolutionären politischen Utopien geschaffen, die sich nach der französischen Revolution auch in England ausbreiteten. .... Schon die 1. Prämisse (von MalthusMalthus) trifft im allgemeinen nicht zu: Die Nahrungsmittelproduktion folgt nicht der einer linearen, sondern meistens ebenso wie die Bevölkerung einer geometrischen Reihe. Überdies ist die Wachstumsrate der Nahrungsmittelmenge in der Mehrzahl der Industrie- und Entwicklungsländer bzw. im Weltdurchschnitt sogar größer als die der Bevölkerung, so daß die pro Kopf produzierte Menge ständig wächst, statt abzunehmen. Ende des 19. Jahrhunderts stellte Franz Oppenheimer (Oppenheimer) das »Bevölkerungsgesetz« folgerichtig auf den Kopf: »Die Bevölkerung hat nicht die Tendenz, über die Unterhaltsmittel hinauszuwachsen, vielmehr haben die Unterhaltsmittel die Tendenz, über die Bevölkerung hinauszuwachsen«. Weil dies nicht erst Ende des 19. Jahrhunderts, sondern schon zu Lebzeiten von Malthus so war (was er wußte oder aus Süßmilchs Bevölkerungslehre hätte wissen können), wuchs die Weltbevölkerung zum Zeitpunkt des Erscheinens des »Bevölkerungsgesetzes« bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts von einer Milliarde auf 6,5 Milliarden und sie wird sich im 21. Jahrhundert weiter in Richtung auf 9 bis 10 Milliarden bewegen (Abbildung), weil sich die Nahrungsschranke laufend verschiebt. Die Zahl der Hungernden nimmt nach Feststellung der Vereinten Nationen trotz steigender Weltbevölkerung nicht zu, sondern leicht ab. Leider ist der Nachrichtenwert guter Botschaften geringer als der von schlechten, so daß dieses Faktum weitgehend unbekannt blieb. Auch die 2. und 3. Prämisse (von MalthusMalthus) sind falsch. Mit steigendem Wohlstand nahm die Kinderzahl pro Frau nicht zu, sondern ab. Auch dies hätte Malthus wissen können, denn in dem Buch von Süßmilch, seinem deutschen Vorgänger, wird dieser Sachverhalt breit erörtert, und zwar mit Schlußfolgerungen, die denen von Malthus diametral entgegengesetzt sind. Wie Süßmilch richtig sah, gehen die Geburtenzahl pro Frau und die Wachstumsrate der Bevölkerung mit dem steigenden Entwicklungsstand, mit der Industrialisierung und Verstädterung, tendenziell zurück. In ... Industrieländern ... wurde die Wachstumsrate in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich sogar negativ .... Viele Tierarten passen ihr Fortpflanzungsverhalten den Nahrungsquellen ihres Habitats durch eine Begrenzung der Zahl ihrer Nachkommen an. Sie investieren dann mehr in die Brutpflege und die Überlebensfähigkeit als in die Aufzucht einer maximalen Zahl von Nachkommen. Das war natürlich schon zu Malthus’ Zeiten so. Warum sollte der Mensch, das am höchsten entwickelte Wesen, nicht wie die Tiere dazu in der Lage sein, seine Fortpflanzung zu regulieren?  Warum fand das »Bevölkerungsgesetz« trotz dieser wirklichkeitsfremden Prämisse so viel Zuspruch?  Es gibt Theorien, die eine Art ewiges Leben haben, obwohl ihre Falschheit offen zutage liegt. ....“ (Ebd., S. 11, 12, 13, 15-16). Mehr

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832 Goethe) könnte vielleicht sogar der eigentliche Begründer der abendländischen Lebensphilosophie (Lebensphilosophie) gewesen sein, doch war er in seiner Vielfältigkeit und in seinem Universalgelehrtentum mehr Genie und Künstler als Philosoph. Spengler meinte, Goethe sei „in seiner ganzen Denkweise, ohne es zu wissen, ein Schüler von Leibniz gewesen“. (). Leibniz (1646-1716 ) war als barock-absolutistischer „Denkmonarch“ ein „Philosophen-Sonnenkönig“ oder „Philosophen-Sonnenkaiser“ - als ein solcher „Einzelgänger“ war er selbst vielleicht die von ihm entwickelte göttliche „Ur-Monade“, jedenfalls ein „Universalgenie“.

 

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© Hubert Brune, 2001 ff. (zuletzt aktualisiert: 2014).
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