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- Kulturenvergleich -
Antike und Abendland
Urdenker Vordenker Frühdenker Hochdenker Spätdenker Nachdenker Enddenker


Vor-Denker

Gnosis
Neuplatonismus
Patristik
Fazit
Tabelle

- Vordenker sind Denker „uteriner“ Art -

Wenn die „Älter’n“, die Eltern-Kulturen die kulturelle Schwangerschaft, die Pseudomorphose denken und die Gedanken auf die Kindes-Kultur übertragen, dann geschieht dies aus einem Synkretismus heraus über die religiösen Vorstellungen der Vordenker. Prokognitionen und Präkognitionen stimmen hier überein. Natürlich führen immer beide elterlichen Kulturen die kulturelle Schwangerschaft herbei. Eine Zeit der anderen Umstände erleben Kulturen auch denkerisch wie eine synkretistische Pseudomorphose. Die synkretistisch sich entwickelnde Religion der Mutterkultur wird mit dem noch hüllenlosen Kulturkeim über die missionarische Nabelschnur verbunden und gibt ihm anschließend die ersten Fruchthüllen: die neu enstandene Religion. Diese wächst bald mit der Gebärmutterschleimhaut zur Plazenta zusammen: zur Religionskultur. Danach entwickelt die Embronalkultur allmählich ihre seelenbildlich-ursymbolisch so wichtigen 2 Großhirnhemisphären und auch alle Organe, die schließlich die Fötalkultur erstmalig zur vollen Funktionalität bringt.


- Sumerisch-ägyptische Eltern und indogermanische Antike -

Die altmediteranen Religionen der sumerischen Kultur und der ägyptischen Kultur verschmolzen mit der Religion der Indogermanen, und aus diesem religiösen Synkretismus ging kultur-intrauterin die Antike hervor. Noch vor 2000 v. Chr. trafen indogermanische Stämme bei ihrer Einwanderung auf eine mit Kleinasien und den Inseln in enger Verbindung stehenden Bevölkerung. Hier entstanden Religion und Theologie der Protohellenen. (Vgl. Zeus). Von Beginn an waren in der Antike zwei Einrichtungen wichtig: die Orakel und die Mysterien. Ein Beispiel bieten die schon vor 2000 v. Chr. durchgeführten „Eleusinischen Mysterien“: ein volkstümliches Initiationsritual, in dem die Initianden (Neophyten = Neubekehrte) von der Furcht vor dem Tod gereinigt und in die Gemeinschaft der Seligen aufgenommen wurden. Dieses geheime Ritual wurde jedes Jahr, nach langen Vorbereitungen, im September durchgeführt. Die Menschenmassen zogen z.B. von Athen aus über die heilige Straße ins 22 km entfernte Eleusis, um eine Nacht („Weihnacht“) im Telesterion, einer etwa 3000 Pilger fassenden Initiationshalle, zu erleben. Die Kenntnis der griechischen Sprache war eine Bedingung für den Eintritt. Außerdem hatte man einige Gebühren für Priester und Führer zu bezahlen und ein Opferschwein mtzubringen. Mit Lärmen, Schreien und großem Gedränge scharte man sich zusammen, aber dann, wenn die heiligen Riten vollzogen und enthüllt wurden, verfielen die Menschen in ehrfürchtiges Schweigen. Was bei den Mysterien tatsächlich geschah, das durfte bei Androhung der Todesstrafe keiner verraten, der es erlebt hatte. Und zu sehen gab es etwas, denn der Pilger wurde zum Sehenden (Epoptes = Beschauer, Wächter, Augenzeuge). Diese Mysterien mit dem unaussprechlichen Heilsgehalt waren also ein geheimes Ritual. Sie beseelten den Mythos von der Erdmutter Demeter (lat. Ceres), Göttin der Fruchtbarkeit und des Getreides. Deren jungfräulich einzige Tochter Persephone war beim Blumenpflücken von ihrem Bräutigam, dem Herrn des Todes, geraubt worden. Die Amme Baubo brachte Demeter wieder zum Lachen, indem Baubo ihre Vulva zur Schau stellte. Mit Hilfe von Jackchos, dem sogenannten Vulvakind, kam Persephone dann tatsächlich ins Leben zurück. Bei der Beseelung dieses Mythos, durch die sexuelle Fruchtbarkeit, Tod und Wiedergeburt zu sinnlichen Erfahrungen wurden, spielten Rauschmittel und ekstatische Visionen erzeugende Halluzinogene eine Rolle, insbesondere das Gerstenmutterkorn. Die Blumen, die Persephone pflückte, waren Narzissen, d.h. (dem Namen nach) narkotisch wirkende Pflanzen, und Persephones Begleiterin hieß Pharmakaia, was Verwendung von Drogen bedeutet. In der Antike war Religion stets Mysterienkult. In ihrer Tiefe war diese Religion eher Mythologie und Fatalistik, die Theologie eher Theurgie. Uns heute noch bekannt sind die Mythen der Mykener, die Vorläufer der späteren homerischen Epen.

 

- Antik-magische Eltern und germanisches Abendland -

Im Vergleich zur werdenden Antike fallen die Quellen für das werdende Abendland viel deutlicher aus. Dies gilt auch für die drei Religionen, die für den Prozeß der abendländischen Kulturentwicklung entscheidend waren: die (urkulturelle) Religion der Germanen und die Religionen der abendländischen Eltern-Kulturen, d.h. die ältere erwachsene (zivilisierte) antike Kultur und die noch minderjährige magische Kultur. (Vgl. untenVgl. unten).

Solange die Antike sich seelisch aufrecht hielt, bestand die Pseudomorphose darin, daß alle Kirchen des Ostens in Kulte westlichen Stils überführt wurden. Das ist eine wesentliche Seite des Synkretismus. Seit Hadrian (117-138) verschwanden die echt antiken Stadtgötter im Hintergrund, auch wenn die östlichen Kulte noch sämtliche Merkmale des antiken Einzelkults trugen, jede Gemeinde für sich stand und örtlich begrenzt war: „alle diese Tempel, Katakomben, Mithräen, Hauskapellen sind Kultorte, an welche die Gottheit nicht ausdrücklich, aber gefühlsmäßig gebunden ist; aber trotzdem liegt magisches Empfinden in dieser Frömmigkeit. Antike Kulte übt man aus, und zwar in beliebiger Zahl, von diesen gehört man einem einzigen an. Die Mission ist dort undenkbar, hier ist sie selbstverständlich, und der Sinn religiöser Übungen verschiebt sich deutlich nach der lehrhaften Seite. Mit dem Hinschwinden der apollinischen und dem Aufblühen der magischen Seele seit dem 2. Jahrhundert kehrt sich das Verhältnis um. Das Verhängnis der Pseudomorphose bleibt, aber es sind jetzt Kulte des Westens, die zu einer neuen Kirche des Ostens werden. Aus der Summe von Einzelkulten entwickelt sich eine Gemeinschaft derer, welche an diese Gottheiten und Übungen glauben, und nach dem Vorgange des Persertums und Judentums entsteht ein neues Griechentum als magische Nation.“ (Spengler, 1922, S. 801).


Die Germanen, in Wäldern lebend, verehrten „Höhere Kräfte“ in heiligen Hainen. „Übrigens glauben die Germanen, daß es mit der Hoheit der Himmlischen unvereinbar sei, Götter in Wänden einzuschließen und sie irgendwie menschlichem Gesichtsausdruck anzunähern: sie weihen Lichtungen und Haine und geben die Namen von Göttern jener Macht, die sie allein in frommem Erschauen erleben“. (Tacitus, ca. 55-120, Germania). Diese religiöse Schlichtheit schilderte der gebildete Römer Tacitus in seiner Germania mit Erstaunen und Bewunderung, denn er selbst lebte am Vorabend des Christentums in einer Weltstadt voller Tempel und Götterstatuen, die keine wahre Frömmigkeit mehr wecken konnte. Das Pathos des Autors prägte bis auf den heutigen Tag die Vorstellungen von germanischer Religiosität, denn die Germania blieb für Jahrhunderte die einzige einigermaßen zuverlässige Quelle. Grabungsfunde und Religionsforschung der letzten Jahrzehnte haben das Bild inzwischen bestätigt und zugleich korrigiert. Tacitus berichtete nicht nur von den germanischen „Buchenstäben“ (vgl. Buchstaben und Runen), sondern auch von jenen heiligen „Rossen“, aus deren Wiehern und Schnauben die Priester die Zukunft deuteten: „Die Tiere werden auf Kosten des Stammes in den bereits erwähnten Hainen und Lichtungen gehalten, weißglänzend und durch keinerlei irdischen Dienst entweiht.“ Tatsächlich vollzogen die Germanen in heiligen Eichenhainen kultische Handlungen. Aber auch Quellen und Moore waren heilige Stätten, weshalb man Verbrecher im Moor versenkte, d.h. opferte. Unser Volksmund spricht vom Froschteich, aus dem die Kinder kommen; hier hat sich eine Ahnung aus jener Frühzeit erhalten, ebenso in den Sagen von Wasser- und Waldgeistern, Erdmännchen und Irrlichtern. Jahrtausende hat sich deren Geschichte erhalten, vor allem in Sagen und Märchen. (Vgl. auch die Rückbesinnung in der deutschen Romantik, z.B. durch die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm).

Wotan (Wodan bzw. Odin), in der späteren Sage der „unheimliche wilde Jäger“ der Lüfte mit kläffender Meute, ist der Gott des Windes, des Sturmes, des Atems und damit der Seelen, der Toten und des Jenseits („Walhalla“). Daß dieser Gott kulturell der jägerischen Frühzeit angehörte, zeigen seine schamanistischen Züge: die Erinnerung an schreckliche Prüfungen, die ein Schamane, ein Jagdzauberer, vor Ausübung seiner Macht durchstehen mußte, ist in dem Bericht der „Edda“ erhalten, der erzählt, wie Odin (Wotan) ans Stammholz der Weltesche „Yggdrasil“ geschlagen, die Runen findet. Der „Wodanstag“, von den Christen zum „mittleren Tag“ der Woche erklärt, ist der Mittwoch (ahd. Mettawech, engl. Wednesday); die Namen Godesberg (bei Bonn), aus Wodansberg entstanden, Gutmannshausen (bei Weimar), einst Wodanshusen, und Wodeneswege (bei Magdeburg), das heutige Gutenswegen, sind einige der vielen Beispiele, die auf die alten Kultstätten verweisen. Odin, wie ihn die nordgermanische Edda überliefert, und Wodan (Wotan), der im südgermanischen Raum verehrt wurde, bedeuten im Grunde die gleiche Gestalt. Wodan (Wotan) war allerdings nicht zunächst Gott, sondern der Zauberer, wie ihn auch noch der zweite Merseburger Zauberspruch (10. Jh.) überliefert, in dem Wodan (Wotan) zi holza fährt, ins Holz, in den Wald. Aus diesem Bereich dürfte die Runenfindung stammen, hier bietet die Archäologie die meisten runengeritzten Lanzenspitzen, so kommt der Mythos der Runenfindung wohl von Wodan (Wotan) auf Odin.

Donar (nordisch: Thor), den Tacitus mit Herkules gelichsetzte, war der zweitwichtigste Gott der Germanen, der den Hammer schwingt und Blitze schleudert. (Donar). Begleitet von den Böcken „Zähneknirscher“ und „Zähneknisterer“ oder auf einem Ziegenwagen fahrend, deutet er auch in Richtung der Fruchtbarkeiskulte. Er wurde schon in der Jungsteinzeit verehrt, wie Felszeichnungen beweisen. Auch sein Hammer galt noch bis ins Mittelalter als Symbol der Fruchtbarkeit. Donar (Thor) bingt Regen, vertreibt den Frost, zerschmettert die Eisriesen, ist der zuverlässige Gott der Bauern. Wenn er mit seinem Wagen über den Himmel rollte, hörte man den Donar, den Donner; er schützt mit dem Hammer die heiligen Ordnungen, weiht Ehen wie der Schmied von Gretna Green, bekräftigte Verträge: noch heute kommt Versteigerungsgut „unter den Hammer“. Mit seiner gewaltigen Kraft war Donar (Thor) der Schrecken der Gegner. Diesem Gott ist die Eiche heilig. Orte wie Donnersberg, Donnern oder Donnersdorf u.s.w. erinnern am seinen Namen. Natürlich auch der Donnerstag, der Tag des Donar bzw. des Thor (engl. Thursday).

Auch einen echten Fruchtbarkeitsgott, den altorientalischen Göttern Adonis oder Dionysos vergelichbar, gab es bei den Germanen: Baldur, der lichte Frühlingsgott, dessen Sterben und Auferstehung im Mythos verklärt wurde. Die altnordischen Sagen berichten auch von Loki, dem Blutsbruder Odins (Wodans). Loki ist Gott des Feuers und der Unruhe, des Schöpferischen und der Zerstörung. Loki hütet das Herdfeuer, das er Freya, der Göttin der Liebe, Ehe und Fruchtbarkeit gestohlen hat. Er schmiedet Schwerter, sticht als Floh die hehre Freya, gebärt als Stute Wodans achtbeinigen Hengst Sleipnir - halb Kobold, halb Prometheus, häufig in Tiergestalt, ist er der witzige, eigenwillige Helfer. Freya, die Göttin der Fruchtbarkeit, und ihr Bruder Freyr (Fro), dem der Eber geweiht war und ebenso der Schimmelhengst, sind Fruchtbarkeits- und deshalb auch Liebesgötter. Freya rief man an, wenn man Liebesglück suchte (daher: freiern = werben, heiraten wollen). Und wenn zu Ehren des Freyr das Bild seiner mythischen Gattin auf dem heiligen Wagen durch das Gebiet eines Stammes rollte, feierte man diesen Kult mit sexuellen Praktiken wie in Griechenland den Dionysos: das war zwingende Sexualmagie. (Vgl. die antiken „Mysterien“). Freya und ihrem Bruder Freyr war natürlich der Freitag (engl. Fryday) gewidmet.

Die germanischen Kultgemeinschaften - z.B. die der Mannus-Stämme oder die Kulte um die Göttin Nerthus (Hertha) - sind mit den griechischen oder römischen Kultgemeinschaften durchaus vergleichbar. Bestimmte Heiligtümer durften nur Priester berühren, z.B. den geweihten Wagen, der mit einer Decke verhüllt war und sich auf einer Insel im Ozean im heiligen Hain befand. Freudig waren da die Tage, festlich geschmückt die Stätten, die der Gott oder die Göttin mit Ankunft und Besuch würdigte. Dann zog niemand in den Krieg, griff niemand zu den Waffen. Alles Eisen war eingeschlossen. Bekannt und geliebt waren jetzt nur Friede und Ruhe, bis der Priester der Gottheit des Umgangs mit den Menschen müde wurde. Den Gottesdienst verrichteten Sklaven, die danach von der See verschlungen wurden; daher auch: „Seele“ als „zur See gehörig“. Nur Todgeweihte durften hier schauen. (Todesstrafe)

 

Frühes Vordenken
Gnosis, die griechische Bezeichnung für Erkenntnis, auch Gnostik oder Gnostizismus genannt, wurde seit dem 1. Jh. n. Chr., hauptsächlich aber erst seit dem 2. Jh. n. Chr. zu einer in der Schau Gottes erlebten Einsicht in die Welt des Übersinnlichen. Die gnostischen Philosophen und Theologen meinten, im Glauben verborgene Mysterien durch philosophische Spekulation zu erkennen. Dieser religiösen Bewegung, die sich in Ländern des Mittleren Ostens sogar schon zu Beginn unserer Zeitrechnung ausbreitete, ging es um eben jene Erkenntnis, die man auch mit Heils- oder Erlösungswissen umschreiben könnte. Erkenntnis im Sinne des Gnostizismus sollte nämlich dem Erkennenden nicht nur die Welt und sein Innerstes entschlüsseln, sondern ihm helfen, sich von der bösen Welt, in der die Mächte der Finsternis herrschten, zu befreien. Der Anfang jeder Gnosis ist das Gefühl der Fremdheit in der Welt und die Sehnsucht nach Heimkehr der Seele zu ihrem Ursprung: Gott. Er ist Licht und Geist (pneuma, Pneuma, Hauch, Atem, Wind, Klang, Feuer, Leben, Seele, Geist). Die Welt ist Finsternis und Materie (Hyle, Stoff). Nicht ein guter Gott, sondern ein böser Demiurg habe den Kosmos geschaffen. Der gute Gott aber sei die Heimat der Seele, die in dieser Welt aus ihrer Heimat verbannt wie in einem Gefängnis oder in der Fremde sei. Der böse Demiurg wolle, daß der Mensch bzw. die Seele die Heimat vergesse und ganz der Welt verfalle ohne noch zu wissen, daß er hier in der Fremde und seinem Ursprung entfremdet existiere. Dieses Gefühl der entfremdeten Existenz, so die Gnosis, sei der Anfang einer Wende zum Guten, sofern es zugleich Heimweh nach Gott oder dem Paradies sei. Das Heil müsse allerdings von außen kommen: durch den Retter, den Heilsboten oder Sohn Gottes, der vom Himmel herab zu den Menschen in der Finsternis komme, um sie aus dieser heraus und ans Licht zu führen. In der Gnosis vermischten sich christliche Vorstellungen und außerchristliche, d.h. solche aus den griechischen Mysterien, dem persischen Mithraskult, den apokalyptisch-esoterischen jüdischen Zirkeln sowie aus der ägyptischen Hermetik. Im ersten, aber insbesondere seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert wuchs die Zahl der Theologen bzw. Philosophen, die im Glauben verborgene Mysterien durch philosophische Spekulation erkannten. Die nicht-kirchlichen Gnostiker vereinigten die Gnosis mit altorientalischen, besonders persischen und syrischen Religionsvorstellungen, jüdischer Theologie, platonischer, stoischer und pythagoräischer Philosophie zu einer eklektizistischen Mystik, dagegen wollten die kirchlich-gläubigen Gnostiker nur den christlichen Glauben stützen, z.B. Clemens von Alexandria (um 150 - 215). Von Platon, der Stoa und Philon beeinflußt, war er Vordenker bzw. Vorkämpfer einer bewußt christlichen Philosophie und einer christlichen Gnosis; er sah das Wirken des göttlichen Logos überall, auch in der heidnischen Philosophie (besonders bei Platon), die als Hinlenkung zum Göttlichen unentbehrlich sei. Gott kann nach Clemens nur negativ bestimmt werden. Der gnostische Christ sei ausgezeichnet durch stoische Apathie: Freisein von Affekten und Leidenschaften, also das Ziel der seelischen Selbsterziehung. Durch Askese könne der gnostische Christ zu einem „im Fleische wandelnden Gott“ werden. Clemens' Wirken zielte auf die Schaffung einer christlichen Kultur und (letztendlich) auf die Überwindung der Gnosis. Fast allen gnostischen Systemen ist gemeinsam der Dualismus zwischen Gottheit und Materie, die Überbrückung der Kluft zwischen beiden durch eine Reihe von Mittelwesen, der Gedanke ihrer Emanation (Ausfluß, Ausströmung) in abnehmenden Seinsstufen und ihrer Rückkehr zum Ursprung auf dem Wege zur Erlösung. Ab dem 4. Jh. wurde der Gnostizismus von der römischen Kirche bekämpft und sein Schrifttum weitgehend vernichtet. Bald gab es von ihm kaum noch Spuren im Westen, d.h. im Abendland. Theologie

 

Hohes Vordenken
Urheber des Neuplatonismus war der in Alexandria lebende Ammonios Sakkas (um 175 - 242). Er hat nichts Schriftliches hinterlassen, seine Schüler um so mehr: Plotinos (205-270), der eigentliche Begründer des Neuplatonismus, und Origenes (185-254), der zuerst Lehrer an der ältesten christlichen Theologen-Bildungsanstalt (203-231) in Alexandria, dann Vorsteher der von ihm 232 gegründeten Anstalt in Caesarea (Palästina) war und von den Orthodoxen als Ketzer angegriffen wurde. Origenes vollendete die früheste christliche verteidigende (apologetische), vergleichende und systematische Theologie in Form einer Streitschrift gegen Celsus (2. Jh.), ein römisch-platonischer Philosoph, der starke Einwände gegen das Christentum hatte und meinte, Gott könne ohne Veränderung in das Schlechte gar nicht zu den Menschen gelangen; die christliche Lehre sei ohne Originalität, habe ihre Wurzeln in der orientalischen Mythologie und gefährde praktisch den Staat. Origenes benutzte die Gnosis und den Neuplatonismus, besonders seine Lehre vom Logos, zur Deutung der religiösen Urkunden. Gott sei wirkende Vorsehung, Christus nicht Erlöser, sondern Vorbild, der heilige Geist der eigentliche Mittler zwischen Christus und Welt bzw. Menschheit, der deren Rückwirkung zu Gott bewirke. Nachdem Clemens von Alexandria (150-215) noch unsystematisch zwischen Platon, Stoa und Philon, also platonisch, stoisch und gnostisch hin und her philosophiert hatte, schuf Origenes unter Verwendung griechischer Begriffe und starker Annäherung an neuplatonische Ideen ein theologisches System. Das Kernstück des Neuplatonikers Plotinos dagegen war die Ontologie als eine Art Hypostasenlehre. Die Vergegenständlichung oder Personifikation eines Begriffes und dieser selbst schienen ihm ein Ein-und-Alles zu sein. Und selbst das war ihm wahrscheinlich noch zu körperlich. Plotinos war so sehr auf Vergeistigung bedacht, daß er sich schämte, einen Leib zu haben. Er systematisierte den Neuplatonismus und ging vom All-Einen aus, welches das Ur-Gute sei, aber weder Vernunft noch Gegenstand der Vernunfterkenntnis. Das All-Eine sei die 1. Hypostase, die Grundlage, das höchste Prinzip. Es entlasse aus sich heraus durch Ausstrahlung (Emanation) den Weltgeist: Nous. Der Nous setze die Welt-Seele aus sich heraus; er fasse die Ideenwelt in sich, die wahre Welt, während die Sinnenwelt nur ein trügerisches Abbild dieser sei. Die Welt-Seele gliedere sich in Einzel-Seelen auf. Als niederste Stufe der Emanation entstehe die Materie, das Nicht-Seiende, Böse, die absolute Negation des Ein-Urwesens. Das letzte und höchste Ziel der vom All-Einen abgefallenen Seele sei ihre Wiedervereinigung mit ihm durch Ekstase, zu der die Erkenntnis nur eine Vorstufe sei. Ausstrahlung bzw. Emanation als Antwort auf die Frage, wie ein Gott aus dem Jenseits mit einer Welt im Diesseits in Verbindung treten könne, so meinte es Plotinos in seinen „Enneaden“ (Neunerreihen). Plotinos' Stufenschema der Emanation entspricht der Weltenstehungslehre in Platons Dialog „Timaios“, und Plotinos' Seelenrückkehr entspricht dem Höhlengleichnis in Platons „Staat“. Die Rückkehr der Seele zur ursprünglichen Einheit soll wie bei Platon durch Abwendung von der Sinnlichkeit erfolgen und die verschiedenen Stufen des Bewußtseins durchlaufen: die sinnliche Wahrnehmung, das diskursive Denken, die anschauende, intuitive Vernunft und schließlich die kontemplative Einsicht - letztere mit einer mystischen Ekstase verbunden, wie in Platons Symposion das Zeugen im Schönen und Guten. Diese Ekstase erlebte Plotin tatsächlich mehrfach, so berichtete es jedenfalls sein Schüler Porphyrios (233-304). Theologie

Platons Philosophie der Weltverabschiedung und Einübung ins Sterben, insbesondere seine Lehre von der Umkehr durch Ausstieg aus der Höhle weltlicher Verfallenheit ließen sich mit dem gnostischen Mythos gut zu einer philosophischen Gnosis verbinden, zu einem Seelenheilswissen: Rückkehr zum Einen, Einswerdung (henosis). Für den in Körper, Seele und Geist geteilten Menschen würde dies bedeuten: Eins werden und mit dem Einen sich vereinen. Das Eine strahlt nach neuplatonischer Vorstellung als solares Zentrum, das die Vielheit von Geist, Seele und Körperwelt nacheinander entstehen läßt. Rückkehr zum Einen aus der Körperwelt oder Finsternis ist daher Befreiung der Seele aus dem Leib und Befreiung des Geistes aus der Seele, bedeutet den individuellen und kosmischen Tod. Henosis als Einswerdung oder Rückkehr zum Einen kann auch mitten im Leben als mystisches Erlebnis der Heimkehr, die den Tod antizipiert, auftreten. Neuplatonismus bei Augustinus

 

Spätes Vordenken
Die christliche Philosophie, die die Kirchenväter (Patristen) immer mehr durchsetzten, war zunächst eine alexandrinische, d,h, eine mehr und mehr von spätgriechischen, jüdischen und christlichen Elementen bestehende Philosophie gewesen. In dieser Alexandrinischen Schulewurde der Versuch gemacht, aus der spätgriechischen Philosophie eine christliche zu machen. Wenn die Patristik die Nabelschnur für das Abendland im Uterus bedeutet, dann repräsentiert die christliche Religion die versorgenden Fruchthüllen, die zusammen mit der Gebärmutterschleimhaut zur Plazenta werden. Das Christentum wurde tatsächlich so etwas wie ein Mutterkuchen für das werdende Abendland, weil dieses ja auch mit magischen Kulturgenen ausgestattet ist. Die magische Kultur stellte die weiblichen, die antike Kultur die männlichen Gene zur Verfügung. Aus dem Gengemisch entwickelten sich kulturhistorische Faktoren, die man als kirchenväterlich bezeichnen kann. Man bezog sich auf Jesus, auf seine Gesandten, die Apostel, auf das Reich - auch auf das römische (!) - und vor allem auf den missionarischen „Boten“ Paulus, um das Kirchenväterliche durchzusetzen. Die Patristik als Philosophie und Theologie der Kirchenväter, d.h. der geistig-religiösen Führer des Christentums vom 1. / 2. Jh. bis ins 8. Jh., pflegt man wie folgt zu gliedern („Patrologie“):

        (1) Apostoliker
(an die Apostel und Paulus unmittelbar anschließende Väter seit 1. / 2. Jh.). „Früh-Urpatristik“.
        (2) Apologetiker
(griechisch-philosophisch das Christentum verteidigende Väter seit 2. Jh). „Hoch-Urpatristik“.
        (3) Systematiker
(erstmals theologisch systematisierende Väter seit 3. / 4. Jh.). „Spät-Urpatristik“.
        (4) Dogmatiker
(sich erstmalig geschichtlich betrachtende Väter seit 4. Jh.). „Früh-Patristik“.
        (5) Kirchenpolitiker
(praktisch-theologisch orientierte Väter seit 4. / 5. Jh.). „Hoch-Patristik“.
        (6) Scholastiker
(theologisch-philosophisch-wissenschaftsschulische Väter seit 5. / 6. Jh.). „Spät-Patristik“.


Apostolische Väter waren laut altchristlicher Literatur die nachapostolischen Schriftsteller (bis etwa 150) und dennoch nur teilweise unmittelbare Schüler der Apostel. Die Apologetischen Väter suchten besonders die Vereinbarkeit der Lehre des Christentums mit der griechischen Philosophie zu beweisen, wobei sie mitunter eine neue Philosophie einführten (z.B. Justinus, 100-167). Hierbei kam es im 2. Jh. zu Konflikten mit der Gnosis, zu der z.B. Tatian (2. Hälfte 2. Jh.) überging. Der scharfsinnige Tertullian (ca. 150-220) steht für das Ende dieses Abschnitts und Origenes (185-254) für den Übergang in den nächsten Abschnitt der Patristik. Im 3. und beginnenden 4. Jh. standen die Systematiker, d.h. ihre ersten theologischen Systematisierungen und die in den mannigfachsten Lösungsversuchen beantwortete Christusfrage im Vordergrund, deren Gegensätze die Göttlichkeitsthese des Athanasios (295-373) und die die Göttlichkeit leugnende These des Arius (ca. 250-336) hinsichtlich Christus verkörpern. Schon zuvor hatte ja Origenes unter Verwendeung griechischer Begriffe und starker Annäherung an neuplatonische Ideen ein theologisches System des Christentums geschaffen. (Vgl. Neuplatonismus). Dies wurde allerdings später verworfen. Im 4. und beginnenden 5. Jh. fing das Christentum an, und zwar über seine Dogmatiker, sich erstmalig geschichtlich zu betrachten. Das Trinitätsdogma näherte sich seiner endgültigen Festlegung. Eusebius von Cäsarea (260-340), dem Arianismus zuneigend, verfaßte die erste Kirchen- und Dogmengeschichte; er lehrte eine Beeinflußung Platons, überhaupt der griechischen Philosophie, durch das Alte Testament. Mit der weitgehenden Vollendung der Dogmenbildung und der Erstarkung der Kirche, besonders seit der staatlichen Anerkennung 313 durch Kaiser Konstantin d. Gr., traten noch im 4. Jh. die Kirchenpolitiker und mit ihnen der kirchenpolitische Charakter der Patristik auffällig hervor. Nach Hilarius von Poitiers (310-367), dem „Athanasius des Abendlandes“, und dem unter Philons Einfluß stehenden, aus Trier stammenden Ambrosius von Mailand (340-397), dem „Philon des Abendlandes“, stellte Augustinus (354-430) mit seiner praktischen Theologie die Kirche und ihre Ansprüche auf Seelenwirkung und Heilsvermittlung in den Vordergrund, geschichtsmetaphysisch unterbaut durch die von ihm vollendete Lehre vom Gottesstaat. Die Opposition dagegen unterlag, z.B. die durch Pelagius († um 420) und Julian von Aeclanum († 454). Auch Hieronymus (um 345-420), der nach dem Studium in Rom von 375 bis 378 als Einsiedler in der Wüste lebte und seit 385 in Bethlehem Klöster leitete, war einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit. Er bearbeitete die lateinische Bibel neu (Vulgata), verfaßte viele wichtige theologische und historische Werke und übersetzte zahlreiche griechische Werke ins Lateinische. Schon eindeutig geographisch zu unterscheiden, sozusagen in zwei Kultursphären zu trennen sind die Scholastiker. Im Osten zählten zur Scholastik z.B. die nicht sehr christlichen, dem Neuplatonismus stark zuneigenden Synesios von Kyrene (370-450) und Nemesios von Emesa (1. Hälfte 5. Jh.). Bedeutsam im 5. und 6. Jh. wurde die nun wirklich christliche Gelehrtenschule von Gaza. Leontios von Byzanz (485-543), der „erste Scholastiker“, sowie Maximus Confessor (580-662) und Johannes Damascenus (700-750) leiteten endgültig über in die (byzantinische) Scholastik. Im Westen trat bei Boethius (480-524) und dem Historiker Cassiodorus (490-538) das Christliche zurück. Stark hervor trat es, besonders auch kirchenpolitisch, bei Isidor von Sevilla (560-636). Martin von Bracar († 580) und Beda Venerabilis (674-735), der „letzte Kirchenvater“, waren bereits ausgesprochene Vertreter der (abendländischen) Scholastik. Theologie


Unsere Vordenker nach elterlicher Art denken vor allem
antik-griechisch, magisch-christlich und abendländisch-scholastisch


Was die platonisierende Patristik betrifft, diese oft „mittelalterlich“ genannte Zeit seit dem 2. Jh., so war das Motiv für das Festhalten an der Philosophie das Interesse am Hauptgegenstand der platonischen Philosophie: an der Seele und ihrem Verhältnis zum Ewigen und Göttlichen. In der Religion geht es ja auch um das Verhältnis der Seele zu Gott, um Seelenerlösung, Seelenrettung durch Heimkehr zu Gott. Was also ist die Seele, wie ist sie beschaffen? Das war die Frage bei Platon und in der christlichen Religion. Das griechische „ERKENNE-DICH-SELBST“ kann also für eine christliche Philosophie übernommen und weiterverfolgt werden. Eine von Religion freie Seelenphilosophie - eher muß man sie „Neu-Theologie“ oder „Neu-Religion“ nennen - sollte sich erst viel später ankündigen. (PhilosophieFreud). Seit Clemens von Alexandria, der mit der Harmonisierung von Vernunft und Glauben begann, gibt es für das christliche Denken „2 Alte Testamente“: das biblische Alte Testament und die griechische Philosophie. Diese 2 Alten Testamente stellen die alte Erbschaft dar, und das Neue Testament wurde zur neuen Erbschaft, zur neuen Botschaft:

Die Philosophie des jungen Abendlandes war Vor-Philosophie und religiöse Philosophie, insbesondere christliche gemäß der ab 313 anerkannten und 345 alleinigen Staatsreligion des römischen Reiches, das zu dieser Zeit, obwohl letzter antiker Bestandteil, schon längst kein Reich der antiken Kultur mehr war (!). Hier war aus einer alten Religion längst eine neue Religion, eine Neu-Religion, entstanden. Der Glaube versetzt Berge, sagt man; in Wirklichkeit entstehen durch ihn per Mission und Botschaft erst Religionen, die per Rechtfertigung und Verteidigung zur Theologie systematisch, dogmatisch, kirchenpolitisch, scholastisch ausgebaut und über die Philosophie und Neu-Theologie am Ende des Zyklus sterben oder erneuert, d.h. zu Neu-Religionen werden. (Philosophie). Anders als in der Philosophie geht es in der Religion nicht um Wissen oder Weisheit, sondern grundsätzlich um Glauben, nicht um prinzipiell beweisbare Wahrheit, sondern um Dogmen oder Offenbarungswahrheit, die keinerlei Wert auf Beweise legt, wohl aber auf Politik und Schulung. Deshalb folgten in der christlichen Religionsgeschichte auf die ersten Gesandten (Apostel), auf den missionarischen Boten (Paulus) und auf die weiteren Gesandten (1) deren Rechtfertigung oder Verteidigung (2), eine theologische Systematik (3), eine kirchengeschichtliche Dogmatik (4), eine staatliche Kirchenpolitik (5) und eine Scholastik (6), d.h. eine interne Schulung mit Aussicht auch auf einen erweiterbaren Schulbetrieb. Theologie

Was an der noch-nicht-scholastischen Patristik philosophisch für das Abendland am bedeutsamsten wurde, stammt von Augustinus (354-430). Er stand Platon näher als der für die spätere Scholastik maßgebliche Aristoteles. Über Manichäismus und Skeptizismus sowie Neuplatonismus kam Augustinus zum Christentum. Bevor er den Manichäismus heftig bekämpfte, war er also ein Anhänger dieser zur Konkurrentin der alten Zarathustra-Religion gewordenen Lehre gewesen. Seine Skepsis bezog sich auch auf den Verfall der Sitten im Römischen Reich, das für ihn offenbar zum Inbegriff des Gegenreiches zum Gottesreich geworden war. An der christlichen Religion beeindruckte ihn besonders stark die Sünden- und Gnadenlehre. In diesem Sinne vertrat er insbesondere die Lehre von der Prädestination: daß der Mensch zur Seligkeit oder zur Verdamnis von Gott vorausbestimmt sei. Gegen Augustinus konnte sich auch der Pelagianismus letztendlich nicht durchsetzen. Augustinus war der wohl einflußreichste Kirchenvater und Kirchenpolitiker der katholischen Kirche. Seine neuplatonische Richtung der christlichen Philosophie (Augustinismus) sollte im Abendland vorherrschend und erst im 13. Jh. von Albert dem Deutschen (dem Großen) und Thomas von Aquino durch den christlichen Aristotelismus ersetzt werden. (Hoch-Scholastik). Augustinus sah in der Menschengeschichte den Krieg zweier Reiche, die sich bekämpfen: das Reich der irdisch gesinnten Gottesfeinde (Weltreich = civitas terrena oder diaboli) und das Gottesreich (civitas dei). Augustinus lehrte die Selbstgewißheit des menschlichen Bewußtseins - letzter Gewißheitsgrund sei Gott - und die Erkenntniskraft der Liebe. Sein Thema ist rein religiös: Gott und die Seele, Gotteserkenntnis und Gotteserlebnis. Es handelt sich hierbei auch um einen Rückgriff auf die griechische Philosophie, sofern sie unter dem delphischen Programm des „ERKENNE-DICH-SELBST“ steht und in Platons Lehre von der Rückkehr der Seele zum Göttlichen kulminiert. Allerdings war Augustinus in seiner Hemmungslosigkeit seiner Selbstbeschauung und Selbstrkritik völlig ungriechisch. Augustinus war ja auch kein Vertreter der antiken oder magischen Kultur, sondern eines aus beiden sich ergebenden Synkretismus, einer der vielen Arten der Pseudomorphose. (Vgl. unten). Augustinus und die anderen Kirchenpolitiker bahnten den Weg von den Fruchthüllen zur Plazenta für die noch embryonale Kultur des Abendlandes. (Vgl. oben). Augustinus' Bekenntnisse(Confessiones) gaben z.B. diesem jungen Abendland bereits einen Vorgeschmack auf Freuds spätere Psychoanalyse. (Freud). War es in Platons Höhlengleichnis die Vernunft, welche die Seele aufs Unsterbliche hin ausrichtete, und der Philosoph, der die Heimführung leitete, so wurde es bei Augustinus die reuige Zerknirschung, welche die Seele auf Gott hin ausrichten solle, und die nie sündige Kirche, welche die Heimführung zu besorgen habe. Der Kirche galt das eine Hauptwerk des Augustinus (De civitate dei), der Seele galt das andere (Confessiones). Nach Augustinus bereitet die Kirche den Gottestaat vor, indem sie die nach Gottes Willen zum Heil Berufenen sammelt. Außerhalb der Kirche gab es für Augustinus kein Heil. Die Geschichte sah er als Heilsgeschichte: Ringen des Gottesstaates mit dem Erdenstaat, zwei Reiche der Liebe, der bis zur Selbstverachtung reichenden Gottesliebe und der bis zur Gottesverachtung reichenden Selbstliebe. Zwar trennte Augustinus zwischen Kirche und Staat, aber nach seinen Worten kann der Staat am Gottestaat nur teilhaben, wenn er sich der Kirche in allen religiösen Angelegenheiten unterordnet. Die Idee einer linearen Geschichtszeit beinflußte alle spätere Geschichtsphilosophie. ZyklusKult-Uhr

 

 

- Kulturphilosophisches Fazit -
Besondere Bedeutung für die Philosophie der ersten nachchristlichen Jahrhunderte erlangte Philon durch seine allegorische, platonisch-stoizistische Bibelauslegung. Er begründete die von Clemens von Alexandria und Origenes weitergeführte Alexandrinische Schule - die Keimzelle einer christlichen Philosophie -, die allmählich die abendländische Philosophie mehr und mehr bestimmte. In der Alexandrinischen Schule wurde der Versuch gemacht, an die Stelle der spätgriechischen Philosophie eine christliche Philosophie treten zu lassen. Die Eltern, die Älter’n, d.h. die noch-nicht-scholastischen Patristen gaben dem noch hüllenlosen abendländischen „Keim“, mit dem sie über die Nabelschnur (Patristik) verbunden waren, die ersten Fruchthüllen, die bald mit der Gebärmutterschleimhaut zur Plazenta zusammenwachsen konnten; danach entwickelten sich im abendländischen „Embryo“ nach und nach die nötigen 2 Hemisphären des Großhirns und alle Organe (Mönch- und Klostertum), die schließlich beim abendländischen „Fötus“ zur vollen Funktionalität (Klosterregeln) gelangen sollten. Theologie


Aus der pseudomorphen Nichtverbundenheit entstand die synkretistische Patristik (Nabelschnur),
aus einer Christenreligion (Fruchthülle) das Christentum (Mutterkuchen / Plazenta),
aus einem christlichen Organ (Mönch- und Klostertum),
während die zwei Hemisphären des Großhirns (Ursymbol und Seelenbild) mitwuchsen,
die Organ-Funktionalität (verbindliche Klosterregel): „ORA ET LABORA
im Unendlichkeitsraum der faustischen Forschung und Mission. (Vgl. unten).


Die religiösen Wahrheiten sind Machtworte Gottes: „Gott hat gesprochen, damit ist die Sache erledigt“. Religiöse Wahrheiten gelten mehr als die Wahrheiten der natürlichen Vernunft. Denn sie allein bringen das Heil, die Erlösung, den Lebenssinn, den neuen Menschen. Durch den Glauben wird die Seele so verändert, daß sie durch Gottes Gnade in den Himmel kommen kann. Warum dann überhaupt Philosophie? Mit Aristoteles geantwortet: weil der Mensch von Natur aus nach Wissen strebt. Und nicht nach Erlösung, so könnte man ergänzen. Vielleicht wurden ja die religiösen Wahrheiten als irrationale geoffenbart, um rational zu werden? Dann wäre Philosophie der Versuch, die religiösen Wahrheiten nachträglich zu rationalisieren, d.h. zu begründen und als mit der natürlichen Vernunft vereinbar erscheinen zu lassen. Aber wie sollte man z.B. Wunder, also die Durchbrechung der Naturgesetze vernünftigerweise für möglich halten? Die christlichen Philosophen - besonders solche Kirchenväter wie Augustinus - waren geschickt genug, gewisse rationalisierbare Lehrstücke der Bibel auszuwählen und bei anderen die Bibel allegorisch auszulegen. Und für das christliche Denken gibt es ja seit Clemens von Alexandria „2 Alte Testamente“: das biblische Alte Testament und die griechische Philosophie. Wie ging es aber weiter mit den zwei Alten Testamenten und dem einen Neuen Testament, der neuen Erbschaft, der neuen Botschaft? Wie ging es weiter mit dem mütterlichen und väterlichen, wie ging es weiter mit dem kindlichen Erbe? (Vgl. unten). Wie wurden aus Vordenkern Frühdenker? (Frühdenker). Bald sollten unter dem Schutz der Lehre von der „Doppelten Wahrheit“ vielfach nichtchristliche Gedanken geäußert werden, obwohl die Scholastik des christlichen Abendlandes dadurch gekennzeichnet war, daß die Grundlage für Wissenschaft und Philosophie von den christlichen, in den Dogmen niedergelegten Wahrheiten gebildet wurde. TheologieWissenschaft und Philosophie

Die Vordenker entwickelten auch eine christliche Ur-Mystik - z.B. im Neuen Testament (u.a. bei Paulus und Johannes) als Christusmystik -, deren Ziel die unmittelbare Einheit mit Christus als dem göttlichen Logos oder dem Menschen Jesus war. (Vgl. auch: Neuplatonismus). Sie sollte später abgewandelt werden, oft zu einer Form der Passionsmystik als Mitleiden mit Jesus Christus. Die von den Kirchenvätern aufgegriffene (manchmal gnostisch gefärbte) Mystik wurde weiterhin vor allem in den Klöstern gepflegt, wobei sich besonders der Einfluß der Schriften des Pseudo-Dionysios (vgl. Dionysios Areopagita) aus dem 5. oder 6. Jh. bemerkbar machte, der dann für fast ein Jahrtausend, bestimmend werden sollte. (Vgl. Früh-Mystik).

 

Tabelle
Theologie Analoge (Vor-) Philosophien Theologie
(Analoge Theologien)
antik von ca. 2100 v. Chr. bis ca. 1400 v. Chr.
abendländisch von ca. 50 n. Chr. bis ca. 750

(0-2, 2-4, 4-6)
1) .... Indogermanische ... seit ca. - 2100
2) ............. ZEUS - .........  seit ca. - 2100 / - 2050
3) ........... Religion .......... seit ca. - 2100 / - 2050
4) .............. und .............. seit ca. - 2100 / - 2050
5) ....... altmediterane ...... seit ca. - 2000
6) ........... Religion .......... seit ca. - 2000
7) ....... verschmelzen ...... seit ca. - 1990 / - 1970
8) .... (Antike Religion) ... seit ca. - 1950 / - 1900
9) .... (Zeus-Theologie) .... seit ca. - 1930 / - 1900
10) ..... Protohellenen ..... seit ca. - 20. Jh. / - 17. Jh.
11) .......... Mythen .......... seit ca. - 20. Jh. / - 17. Jh.
12) .............. der ............. seit ca. - 19. Jh. / - 17. Jh.
13) ......... Mykener ......... seit ca. - 19. Jh. / - 17. Jh.
14) . . . (Atriden, Perseus, Ödipus) . . . seit ca. - 18. Jh. / - 16. Jh.
15) (7 gegen Theben, Helena, Menelaos) . .  seit ca. - 18. Jh. / - 16. Jh.
16) . . (Vorläufer der homerischen Epen) . .  seit ca. - 15. Jh. / - 14. Jh.
1) 1. Gnostizismus Alexandrinische Schule seit 20 (50)
2) 1. Patristik Apostolische Kirchenväter seit 70
3) 5. Kyniker seit 70 (80)
4) Mittlerer Platonismus (Plutarch u.a.) seit 70 (80)
5) 2. Gnostizismus Alexandrinische Schule seit 150
6) 2. Patristik Apologetische Kirchenväter seit 150
7) Aristotelischer Stoizismus seit 160 (180)
8) 3. Skeptizismus Letzte Skeptiker seit 200 (250)
9) Neu-Platonismus (Plotinos u.a.) seit 220 (250)
10) Arianismus (Arius, Wulfila u.a.) seit 3. / 4. Jh.
11) 3. Patristik Systematisierende Kirchenväter seit 3. / 4. Jh.
12) 4. Patristik Dogmatisierende Kirchenväter seit 4. Jh.
13) 5. Patristik Kirchenpolitische Kirchenväter seit 4. / 5. Jh.
14) 6. Patristik Ur-Scholastische Kirchenväter seit 5. / 6. Jh.
15) 1. Scholastik Ur-Scholastik (z.T. 6. Patristik) seit 5. / 6. Jh.
16) 2. Scholastik Früh-Scholastik (Universalienstreit) seit 8.Jh.


WEITER

Philosophie
Spät-Denker
Hoch-Denker
Früh-Denker
Vor-Denker
Ur-Denker
Glaube (Religion, Theologie)

 

Heute noch in den Genuß der abendländischen Vordenker zu kommen, heißt, sich in
die antik-griechischen, magisch-christlichen und abendländisch-scholastischen Denkweisen
zu versetzen. Die wichtigsten Denkweisen und denkenden Weisen verlangen
die Berührung mit dem Göttlichen über die Begriffe,
das Heil durch Gott über die christliche Kirche,
das Bildungsgut durch Geschichte über die Chronistik.
(*)

 

Urdenker Vordenker Frühdenker Hochdenker Spätdenker Nachdenker Enddenker
WWW.HUBERT-BRUNE.DE

 

Anmerkungen:


Zeus (lat. Jupiter), der höchste Gott der Griechen (der Antike), Sohn des Kronos und der Rhea, Bruder und Gemahl der Hera, stürzte mit seinen Brüdern Poseidon (Neptun) und Hades (Pluto) die Herrschaft der Titanen (6 Söhne und 6 Töchter des Uranos und seiner Frau Gäa), zu denen sein Vater Kronos (Saturn) zählte. Er teilte nach dem Sturz der Titanen die Welt mit seinen Brüdern. Wie bei keinem olympischen Gott sonst sind bei Zeus die indogermanische Etymologie und Bedeutung und damit bereits vormediterane, aus der indogermanischen Religion stammende Ursprungs- und Wesensmerkmale zweifelsfrei. Zeus, mit diphtongischem Wurzelnomen, geht etymologisch zurück auf das indogermanische Nomen agentis * dieu-s mit der Grundbedeutung „hell Aufleuchtender“, „Glänzer“, „Wetterleuchtender“. Zeus wurde zwischen 2300-1900 v. Chr. von den einwandernden Indogermanen bzw. Protogriechen (Achäer, Ionier) importiert. Er kann aber sogar noch früher von diesen indogermanischen Gruppen in den Nordwesten Griechenlands importiert worden sein (vielleicht als * Teus). Erst im Verlauf des 2. Jt. v. Chr. trat zu dieser indogermanischen Komponente die mediterane, und erst in der Mittelmeerwelt wurde Zeus zum Kroniden. (Vgl. Tabelle und Abbildung). ZeusZeus

Kroniden (Zeus [ZeusZeus], Poseidon, Hades, Hera, Hestia, Demeter) sind die 3 Söhne und die 3 Töchter des Kronos und der Rhea. Kronos entmannte seinen Vater Uranos (Himmel) und bemächtigte sich der Weltherrschaft. Um nicht von seinen Nachkommen ein ähnliches Schicksal zu erfahren, verschlang er alle Kinder, die ihm seine Gemahlin und Schwester Rhea gebar. Nur im Falle des jüngsten Sohnes Zeus gelang es Rhea, Kronos zu täuschen. An Stelle des Kindes verschluckte Kronos einen Stein. Später besiegte Zeus Kronos, zwang ihn, die Geschwister wieder auszuspeien, und verbannte ihn und die anderen Titanen in den Tartaros (Unterwelt, v.a. für den Aufenthalt von Dämonem und Büßern). Mehr

Apollon, Sohn des Zeus und der Leo und Zwillingsbruder der Artemis, war der griechische Gott, v.a. der Mantik (Seher- bzw. Wahrsagerkunst) und Musik, dessen umfassende Kompetenz sich jedoch auf alle Bereiche göttlichen Waltens erstreckte. Die apotropäischen (nach Art des abwehrenden Zaubers), schützenden und heilenden Eigenschaften gehörten hingegen wohl noch vor den daraus ableitbaren mantischen und karthartischen zur älteren Wesensschicht des Apollon. Der schreckliche Bogenschütze, mit den lautlosen Pfeilen „nach Belieben treffend“, schickte zwar Tod und Verderben über Menschen und Vieh, doch wurde der Pestbringer ganz folgerichtig auch um Abwehr des Übels angegangen. Es bleibt festzuhalten, daß an der vielschichtigen Gestalt des Gottes offenbar prähellenische bzw. indogermanisch-protohellenische und (kleinasiatisch-) mediterane Komponeneten beteiligt waren. Apollon war die Verkörperung des griechischen bzw. antiken Ideals der strahlenden „apollinischen Schönheit“. (Vgl. antikes Seelenbild und Apollonkult).

Mysterien (zu griech. muein, die Augen schließen; muew, [in die Mysterien] einweihen, schulen, unterrichten),“ was verschwiegen wird“, gemeint ist der in Kultfeiern erlebte unaussprechliche Heilsgehalt. (Vgl. oben). Intellektuelle Belehrung gab es bei diesen populären Initiationen nicht. Auch wurden die heiligen Riten einer großen Menge ohne Rücksicht auf individuelles Verdienst gespendet. Deshalb wohl neigten die Philosophen dazu, die Mysterien gering zu schätzen. Diogenes meinte, es sei absurd anzunehmen, jeder Steuereintreiber könne, nur weil er eingeweiht sei, in der nächsten Welt am Lohn der Gerechten teilhaben, während Ungeweihte verdammt seien, dort im Schlamm zu liegen. Heraklit und Anaxagoras sowie Sokrates äußerten sich ähnlich negativ über die Mysterien. Auch Platon spottete über sie; aber er hielt auch seine Philosophie für eine andere und bessere Art der mystischen Inititiation. Die Philosophie, so meinte er, erreiche durch bewußtes Forschen für wenig Auserwählte dasselbe, was die Mysterien dem gemeinen Volk durch das Schüren von Emotionen vermittele: Läuterung der Seele, die freudige Begrüßung des Todes, die Kraft, mit dem Jenseits in Verbindung zu treten, die Fähigkeit, auf rechte Art zu rasen, d.h. verrückt zu sein. All diese Vorzüge, die Platon als übliche Leistungen mystischer Initiation anerkannte, sollten in seiner Philosophie durch geistige Schulung erreicht werden, durch Übung in der Kunst der Dialektik, deren Ziel es war, die Seele vom Irrtum zu reinigen. Die kultischen Initiationen und Rituale wurden von ihm durch intellektuelle oder geistige Mysterien ersetzt. Später, im Neuplatonismus, bei Plotin, wurde die Übernahme ritueller Terminologie systematisiert.

Orakel (zu lat. oraculum, eigtl. „Sprechstätte“) ist Weissagung, Aussage über Zukünftiges (z.B. als Handlungsanweisung), räumlich Entferntes, über den gebotenen Vollzug bestimmter Handlungen und herrscherliche Ansprüche, ferner auch Bezeichnung des Ortes, an dem diese „Wahrsagungen“ erteilt werden. In fast allen Kulturen und Religionen haben Orakel eine beträchtliche Rolle gespielt. Man unterscheidet zwischen einer kultischen Orakelgebung, die durch Medien und Priester erfolgt, und einer direkten Orakelerteilung durch charismatisch veranlagte Personen. Berühmte Orakelstätten waren das kanaanäische Kadesch und vor allem Delphi mit der Pythia, deren Äußerungen von Priestern gedeutet wurden. Das antike Orakel war ursprünglich ein Losorakel und beruhte erst später auf der Inspirationsmantik der Pythia. (Vgl. die mit Runen versehenen Buchenstäbe (Buchstaben) als „Lose“ bzw. Orakelform bei den Germanen).

Delphi war schon seit Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. Siedlung und Kultstätte (urspr. Verehrung der Erdmutter Gäa, seit dem 8. Jh. Apollonkult). Das Apollonheiligtum, die „Pythischen Spiele“, besonders aber das Orakel machten Delphi zu einer der bedeutendsten Kultstätten der Antike. Nach der griechischen Mythologie erschlug hier Apollon den Drachen Python. Im Apollontempel befanden sich der Omphalos (Nabel der Erde), ein Marmorblock, der als Mittelpunkt der Erde galt, und der Erdspalt, dem ein Luftstrom entstieg, der die Orakelpriesterin Pythia, auf ehernen Dreifuß über dem Erdspalt sitzend, zur Prophetie anregte. Das Orakel war ursprünglich ein Losorakel und beruhte erst später auf der Inspirationsmantik der Pythia, deren von Apollon eingegebene Äußerungen von der Priesterschaft in Form metrischer, meist mehrdeutiger Sprüche verkündet wurden.

Python (puqon) war nach der griechischen Mythologie ein erdgeborener Drache, der das Orakel seiner Mutter Gäa in Delphi behütete und von Apollon getötet wurde. Nach Python war die Apollonpriesterin Pythia am Orakel in Delphi benannt, führte der Gott den Beinamen Pythios und wurden die Spiele in Delphi „Pythischen Spiele“ (Pythien) genannt, die alle vier Jahre zu Ehren des Apollon gefeiert wurden.

Pythia (von puqon, Python) war Apollonpriesterin in Delphi, benannt nach dem erdgeborenen, das Orakel seiner Mutter Gäa behütenden, schließlich von Apollon getöteten Drachen Python.

„Und aus der Gottheit des Ortes wird, ohne daß jemand sich der Schwere dieser Wendung bewußt wäre, die am Orte gegenwärtige Gottheit.“ Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Bd. II, 1922, S. 801.

Seelenbild der Antike und Seelenbild des Abendlandes sind gegensätzlich: apollinisch und faustisch; ihre Ursymbole ebenfalls: Einzelkörper und Unendlicher Raum. Wie ein Dogma gegenüber aller Erfahrung, gelten auch Seelenbild und Ursymbol allgemein als unbeweisbar, deshalb sei hier darauf hingewiesen, daß der Unterschied zwischen Antike und Abendland sogar am Beispiel „Parallelenaxiom“ deutlich werden kann: Euklid hat in seinen „Elementen“ (um 312 v. Chr.) die mathematische Entsprechung für das antike Beispiel gegeben und Gauß ca. 2112 Jahre später (um 1800) die für das abendländische. Sie stehen - wie unzählige andere Beispiele auch - für einen metaphysischen Mittelpunkt, um den eine Kultur kreist, während sie von Seelenbild und Ursymbol angetrieben und angezogen wird. (Vgl. Oswald Spengler, 1917, S. 155, 227ff., 234, 390). Vgl. dazu auch das Germanentum.

Das Seelenbild der magischen Kultur ist ein dualistisches: Geist und Seele, ihr Ursymbol die Welthöhle. (Vgl. Spengler, 1917-1922, S. 847f.). Magien

„Historische Pseudomorphosen nenne ich Fälle, in welchen eine fremde Kultur so mächtig über dem Lande liegt, daß eine junge, die hier zu Hause ist, nicht zu Atem kommt und nicht nur zu keiner Bildung reiner, eigener Ausdrucksformen, sondern nicht einmal zur vollen Entfaltung ihres Selbstbewußtseins gelangt.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes (2. Band), 1922, S. 784). Auch eine junge Kultur kann so mächtig sein, daß sie eine alte dort, wo sie zu Hause ist, überlagert. Das Beispiel zwischen der (alten) apollinischen Kultur, auch kurz „Antike“ genannt, und der (jungen) magischen Kultur, auch „Persien/Arabien“ genannt, macht es deutlich: „Solange die Antike sich seelisch aufrecht hielt, bestand die Pseudomorphose darin, daß alle östlichen Kirchen zu Kulten westlichen Stils wurden. Dies ist eine wesentliche Seite des Synkretismus. ... Mit dem Hinschwinden der apollinischen und dem Aufblühen der magischen Seele seit dem zweiten Jahrhundert kehrt sich das Verhältnis um. Das Verhängnis der Pseudomorphose bleibt, aber es sind jetzt Kulte des Westens, die zu einer neuen Kirche des Ostens werden. Aus der Summe von Einzelkulten entwickelt sich eine Gemeinschaft derer, welche an diese Gottheiten und Übungen glauben, und nach dem Vorgange des Persertums und Judentums entsteht ein neues Griechentum als magische Nation.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917-1922, S. 800-801).

Der Synkretismus kristallisierte sich als eine der vielen Arten der Pseudomorphose heraus, als die Kirchen des Ostens in Kulte des Westens verwandelt wurden und in umgekehrter Richtung die Kultkirche entstand. Die Formenbildung ging also erst von West nach Ost und dann von Ost nach West. Das 2. Jahrhundert war die Zeit der Umkehrung: die Kulte des Westens wurden zu einer neuen Kirche des Ostens. Es entstand ein neues Griechentum als magische Nation.

Platon (eigtl. Aristokles, 427-347); vgl. Platons Philosophie der Weltverabschiedung und Einübung ins Sterben (Platons Philosophie), besonders seine Lehre von der Umkehr durch Ausstieg aus der Höhle („Höhlengleichnis“). Platon war zuerst Dichter, wandte sich von der Dichtung jedoch ab, weil sie seit 387 v. Chr. (Gesetz) ziemlich grausame Theaterstücke aufführen durfte (Götter-Blasphemie u.s.w.). Er gründete wahrscheinlich deshalb 385 v. Chr. eine Schule, die (dem altattischen Heros) Akademos gewidmet war. Die Ältere Akademie war stark pythagoräisch beeinflußt: das Problem von „Idee“ und „Zahl“ spielte erkenntnistheoretisch eine große Rolle. Später folgten die Mittlere Akademie (seit 315 v. Chr.) und die Neuere Akademie (seit 160 v. Chr.); vgl. die Akademien im Altplatonismus, den Mittleren Platonismus, die Auswirkungen auf die Gnosis, den Neuplatonismus, die Patristik. Alle Philosophie nach Platon scheint aus Fußnoten zu der seinigen zu bestehen. Er schrieb Dialoge, tatsächliche und fiktive Gespräche mit Sokrates (469-399), seinem Lehrer. Platon lehrte die Scheinhaftigkeit und Abkünftigkeit der Sinnenwelt von archetypischen Urbildern oder Ideen. Mit der Ideenlehre setzte er sich von Sokrates ab, obwohl er sie in den (mittleren und späteren) Dialogen seinem Dialoghelden Sokrates in den Mund legte. Für Platon waren die unveränderlichen Ideen die Urbilder der veränderlichen Dinge, ihr Programm, ihr Ziel und Zweck. Platon nahm bei seiner Ideenlehre die Mathematik (Geometrie) zum Vorbild aller anderen Wirklichkeit, wie schon vor ihm Pythagoras (580-500) und seine Schüler. (Vgl. Tabelle).

Das „Höhlengleichnis“ ist laut Platons „Staat“ (7.Buch) ein Vergleich des menschlichen Daseins mit dem Aufenthalt in einer unterirdischen Behausung. Gefesselt, mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, erblickt der Mensch nur die Schatten der Dinge, die er für die alleinige Wirklichkeit hält. Löste man seine Fesseln und führte ihn aus der Höhle in die lichte Welt mit ihren wirklichen Dingen, so würden ihm zuerst die Augen wehtun, und er würde seine Schattenwelt für wahr, die wahre Welt für unwirklich halten. Erst allmählich, Schritt für Schritt, würde er sich an die Wahrheit gewöhnen. Kehrte er aber in die Höhle zurück, um die anderen Menschen aus ihrer Haft zu befreien und von ihrem Wahn zu erlösen, so würden sie ihm nicht glauben, ihm heftig zürnen und ihn vielleicht sogar töten. Vgl. Platon (427-347).

Aristoteles (383-322); vgl. Ältere und Jüngere Aristoteliker (Peripatetiker) und Aristotelische Stoa. Dieser antike Universalgelehrte bestimmte mit seinen Klassifikationen und Begriffsprägungen die gesamte nachfolgende Philosophie, dominierte insbesondere die Scholastik. (Vgl. auch: Früh-Denker). Die sich auf Aristiteles stützende Art des Philosophierens, der Aristotelismus, wurde später auch von den Arabern (z.B. Averroes, 1126-1198) und Juden (z.B. Maimonides, 1135-1204) gepflegt und beherrschte insbesondere seit dem 13. Jh. das philosophische Denken des Abendlandes, vermittelt vor allem durch Albert dem Deutschen (den Großen, 1193-1280) und Thomas von Aquino (1225-1274), allerdings mit wesentlichen, durch das Christentum bedingten Änderungen. Dieser oft auch „Thomismus“ genannte Aristotelismus wurde (als Neuthomismus) die Grundlage der katholischen Neuscholastik (bis heute!). In der Zeit der Renaissance wurde der Aristotelismus in unscholastisch-humanistischer Art von nach Italien gelangten byzantinischen Gelehrten neu belebt: in Deutschland fußten also sowohl die protestantische Neuscholastik (z.B. durch Melanchthon, 1497-1560) als auch die katholische Neuscholastik (z.B. durch Suarez, 1548-1617) auf dem Aristotelismus. Aristoteles, der für seinen Sohn Nikomachos die „Nikomachische Ethik“ geschrieben hatte, blieb für die Entwicklung der abendländischen philosophischen Ethik richtungsweisend bis Kant (!). (Vgl. Tabelle).

Die Stoa, um 300 v. Chr. von Zenon (354-264) aus Kition gegründet, war eine weit verbreitete Strömung der griechischen Philosophie, die eine Alte, Mittlere, Neue und eine späte Aristotelische Stoa (vgl. Stoizismus) entwickelte. In der römischen Kaiserzeit war die Stoa so etwas wie eine ethische Religion des römischen Volkes geworden. Gott und Natur waren der Stoa eins, das Menschenwesen ein Teil der Gott-Natur. Die Stoa nahm nach Art des Globaleklektizismus bzw. Synkretismus die verschiedensten Lehren in sich auf. Andererseits übernahmen später Gnosis und Neuplatonismus Elemente auch aus der Stoa. (Vgl. Tabelle).

Jesus (7 / 4 v. Chr. - 26 / 30 n. Chr.) ist Urheber und zentrale Gestalt des Christentums. Das Christentum umfaßt die Auswirkungen des Glaubens an Person und Wirken Jesu Christi, wie er von den christlichen Kirchen und Gemeinschaften in der Auseinandersetzung mit fremden Religionen, den geistigen und weltanschaulichen Strömungen der verschiedenen Zeiten sowie mit den politischen Mächten entwickelt worden ist. In Rom galt die christliche Gemeinde zunächst als jüdische Sekte. Der römische Staat entzog dieser schnell wachsenden Gemeinschaft bald die religiösen und rechtlichen Privilegien, die er dem Judentum gerade eingeräumt hatte. Die Auseinandersetzung mit dem Römischen Reich wurde intensiv seit der Mitte des 3. Jahrhunderts geführt. Auf das Toleranzedikt des Galerius und Licinius, 311, folgte die Bekehrung Konstantins und mit dem Toleranzedikt von Mailand (313) die Einstellung der Christenverfolgungen. Konstantin der Große machte das Christentum zu der mit allen zeitgenössischen Kulten gleichberechtigten und schließlich zur allein berechtigten Religion im Reich (Konzil von Nicaea, 325). Damit hatte er eine Entwicklung eingeleitet, die zur Entstehung der Reichskirche als einer vom Reich letztlich abhängigen Einrichtung führte. Durch den oströmischen Kaiser Theodosius I. wurde 380 mit dem Edikt von Thessalonike der Athanasianismus (Katholizismus) begründet, im 1. Konzil (= 2. Ökumenisches Konzil, 381) von Konstantinopel das (konstantinopolitanische) Glaubensbekenntnis formuliert und das Nizänum bestätigt, 391 das Christentum überhaupt Staatsreligion, damit alle heidnischen Kulte verboten. 395 teilte sich das Reich in West- und Ostrom, 455 eroberten die Wandalen Rom und 476 erlosch das Weströmische Reich endgültig mit der Absetzung des Romulus Augustus durch den Germanen Odowaker (Odoaker), aber die römische Kultur wurde von den Eroberern nicht zerstört, die arianische Christen waren und mit der unterworfenen Bevölkerung, die römisch-katholisch war, die erste und für die Christen-Geschichte wichtigste Verschmelzung eingingen. Für die geschichtliche Erkenntnis Jesu ist man nahezu ausschließlich auf die Evangelien des Neuen Testaments angewiesen. Derjenige, der das Christentum erst zur Weltreligion machte, war Paulus. (Vgl. 22-24 und für die weitere kulturgeschichtliche Entwicklung 0-2 und 2-4 sowie 4-6).

Paulus († 29.06.66 oder 67; enthauptet), christlicher Heidenapostel, machte das Christentum durch Überwindung der nationalen und traditionellen Bedingtheiten seitens des Judenchristentums zur Weltreligion, indem er den übernationalen Charakter der durch den Glauben an Christus begründeten Heilsgemeinschaft betonte. Im Jahre 36 wurde der Christenverfolger Saulus wird durch eine Christusvision vor Damaskus zum Apostel Paulus, im Jahre 45 begann er mit seinen Missionsreisen. Er war Verfasser zahlreicher neutestamentlicher Schriften. Als Quellen zur Rekonstruktion seines Lebens dienen vor allem die wirklich von ihm verfaßten Briefe an die Gemeinden in Rom, Korinth, Galatien, Philippi, Thessalonike und an Philemon, die alle aus der Zeit zwischen 50 und 56 stammen. Bei der spekulativen Durchdringung des Christentums verwendete er Elemente der stoischen und jüdisch-hellenistischen Philosophie. Seine vielen Missionsreisen führten am Ende zur Verhaftung in Jerusalem, zur Überführung nach Rom und dort zur Enthauptung (Märtyrertod). (Vgl. Mission und Apostelkonzil). Paulus gilt als der bedeutendste Missionar des Urchristentums. In seiner mehrjährigen Missionstätigkeit auf Zypern, in Kleinasien, Syrien, Griechenland, Makedonien u.a. Regionen verkündete er kompromißlos das Evangelium frei von Gesetzesbindungen und trat dadurch natürlich in Gegensatz zum Judenchristentum der Urgemeinde. Er knüpfte besonders an die nachösterliche Verkündigung des gekreuzigten und auferstandenen Herrn und seine Bedeutung für das Heil der Menschheit an. Die durch den Tod und die Auferstehung Christi eingetretene Wende der Heilsgeschichte zeigt sich nach Paulus vor allem darin, daß der jüdische Heilsweg, der in der Erfüllung der Gesetzgebung als der Verpflichtung gegenüber dem Bund mit Jahwe steht, aufgehoben ist (!), die Rechtfertigung* ausschließlich aus dem Glauben erlangt werden kann (!). (*Rechtfertigung ist ein Begriff der christlichen Theologie, mit dem der Vorgang reflektiert wird, daß das durch die Sünde gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Gott in einen als „heil“ geglaubten Zustand überführt wird). Der Glaube kann auch nicht als Werk des Menschen aus sich selbst verstanden werden, sondern als Gabe und als Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Der Mensch ist in allen seinen Aspekten („Geist“, „Seele“, „Leib“) aufgerufen, das in Christus geschenkte neue Leben zu verwirklichen. In seinem Verhalten ist der Mensch jedoch nicht auf sich allein gestellt, sondern ist Mitglied der Gemeinde des auferstandenen Herrn. Diese ist schon gegenwärtig der Leib Christi, wird aber gleichzeitig von der Hoffnung auf die endgültige Wiederkunft (Parusie) des Herrn geleitet und ist in dieser Spannung von „schon“ und „noch nicht“ Träger seines Geistes.

48 fand das Apostelkonzil in Jerusalem statt, an dem auch Petrus und Paulus teilnahmen. Anlaß des Apostelkonzils war die Frage, ob „Heiden“, die zum Christentum übertreten, sich der Beschneidung und dem jüdischen Gesetz unterwerfen müssen. Das Apostedekret ist der vom Apostelkonzil (Apg. 15; Gal. 2, 1-10) den Christen Antiochias, Syriens und Kilikiens (heute: Südanatolien) mitgeteilte Beschluß, daß sie zur Beobachtung (Befolgung) des mosaischen (israelitisch-jüdischen) Gesetzes nicht verpflichtet seien (!). Also war das Apostelkonzil ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Universalkirche.

Hadrian (Publius Aelius Hadrianus, 24.01.76 - 10.07.138 ), Verwandter Trajans, zweiter adoptierter Kaiser (117-138), war seit 116 Statthalter in Syrien und schloß unter Verzicht auf die eroberten Gebiete mit den Parthern einen Frieden. 117 wurde er nach umstrittener Adoption zum Kaiser ausgerufen. Seine Politik des Verzichts auf kostspielige Reichsexpansion und verstärkter Grenzsicherung entspricht dem Bemühen im Innern, v.a. Straßen-, Städte- Wasserleitungsbau im ganzen Reich zu betreiben. Die Euphratgrenze wurde wieder hergestellt, der Ausbau des germanischen Limes an Rhein und Donau intensiviert, wie auch andere Befestigungsanlagen, z.B. in Britannien und am Euphrat. Hadrian verbesserte und verstärkte den Verwaltungsapparat durch Ausbau der Kanzleibürokratie und machte ausgedehnte Reisen zur Überwachung der Reichsverwaltung (Reisekaiser). Unter ihm gab es Neueinrichtungen von Provinzen und eine Heeresreform. Hadrian war Griechenfreund und Philosoph und im Osten göttlich verehrt. Er war erfüllt vom Ziel der Verwirklichung der Pax Augusta im ganzen Imperium. Der Wiederaufbau Jerusalems als Kolonie Aelia Capitolina entfachte den Aufstand der Juden unter Bar Kochba (132-135), der mit der Eroberung Jerusalems durch Hadrian endete. Hadrian adoptierte 137 den späteren Kaiser Antonius Pius, verfaßte eine Biographie und ließ u.a. das Mausoleum (Engelsburg) in Rom, die Villa Adriana bei Tivoli und in Athen die Stoa - mit Bibliothek - bauen. Hadrian wurde in dem monumentalen Rundgrab, dem Mausoleum Hadriani (Engelsburg) beigesetzt. (Vgl. Tabelle ).

Clemens von Alexandria; eigtl. Titus Flavius Clemens Alexandrinus (um 150, Athen, † 215, Alexandria), griechischer Philosoph, Kirchenschriftsteller und Lehrer in Alexandria. Als Vordenker war er, von Platon, der Stoa und Philon beeinflußt, Vorkämpfer einer bewußt christlichen Philosophie und einer christlichen Gnosis; er sah das Wirken des göttlichen Logos überall, auch in der heidnischen Philosophie (besonders bei Platon), die als Hinlenkung zum Göttlichen unentbehrlich sei. Gott kann nach Clemens nur negativ bestimmt werden. Der gnostische Christ sei ausgezeichnet durch stoische Apathie: Freisein von Affekten und Leidenschaften, also das Ziel der seelischen Selbsterziehung. Durch Askese könne der gnostische Christ zu einem „im Fleische wandelnden Gott“ werden. Clemens' Wirken zielte auf die Schaffung einer christlichen Kultur und (letztendlich) auf die Überwindung der Gnosis. (Vgl. Tabelle).

Tertullian (Quintus Septimus Florens Tertullianus; ca. 150, Karthago, † ca. 220, Karthago) war zunächst Rhetor in Rom, bevor er um 195 zum Christentum übertrat und nach Karthago zurückkehrte. „Wie hart die Eschatologie der Väterzeit die verdammungswürdigen Nichtchristen anfaßte, ist unter anderem den polemischen Schriften des kathagischen Kirchenvaters Tertullian zu entnehmen, namentlich seiner Abhandlung Über die Schauspiele (De spectaculis). Als ein für Dogmenhistoriker eher peinliches Zeugnis folgerichtigen christlichen Denkens ist sie für die externe Deutung metaphysischer Zornverarbeitungsstrategien von hohem Zeugniswert. In De spectaculis liegt der Nexus zwischen irdischem Verzicht und jenseitiger Satisfaktion geradezu obszön offen - nicht ohne Grund haben Nietzsche und Scheler in ihren Analysen des Ressentiments auf diese Schrift expressis verbis hingewiesen. Nachdem Tertullian noch einmal die Gründe aufgezählt hat, derentwegen Christen bei den heidnischen Darbietungen nichts zu suchen haben (vor allem weil Theater Tummelplätze für Dämonen sind), kommt er unverblümt auf die himmlischen Kompensationen für irdische Abstinenz zu sprechen. Er weiß, daß es römische Christen eine gewisse Entwöhnung kostet, auf die »Spiele« zu verzichten. Viel zu sehr sind die Wagenrennen im Circus, die Obszönitäten auf dem Theater, die schwachsinnigen Übungen der gemästeten Athleten im Stadion, vor allem aber die faszinierenden Grausamkeiten in der Arena Teil des spaßgesellschaftlichen Alltags geworden, als daß sich der Nichtbesuch solcher Darbietungen ganz von selbst verstehen könnte. Tertullian hat jedoch eine Entschädigung für das Fernbleiben von den römischen Schauspielen parat. Den irdischen Darbietungen wird eine göttliche Komödie gegenübergestellt, die nicht nur der Schaulust Genüge tut, sondern auch dem performativen Charakter der Herrlichkeit Gottes mittels expliziter Rachedemonstrationen Rechnung trägt. Was nämlich wird den erlösten Seelen im Himmel die höchste Genugtuung gewähren?  Sie können sich dem Anblick eines exquisiten Strafvollzugs widmen:
»Was für ein Schauspiel aber steht uns demnächst bevor - die Wiederkehr des nunmehr nicht mehr in Frage gestellten, des nunmehr stolzen, nunmehr triumphierenden Herrn! ... es kommen gewiß noch andere Schauspiele, jener letzte und endgültige Tag des Gerichts ... Was soll ich da bestaunen?  Worüber soll ich lachen ?  Worauf soll sich meine Freude, soll sich mein Jubel richten, wenn ich dabei zuschaue, wenn so viele Könige. ..in tiefster Finsternis laut aufstöhnen ?  ... Wen sehe ich außerdem?  Jene weisen Philosophen, wie sie rot werden in Gegenwart ihrer Schüler, die gemeinsam mit ihnen brennen. ... Dann werden die Tragödien noch vernehmlicher zu hören sein, weil sie (die Dichter) natürlich bei ihrem eigenen Unglück noch stimmgewaltiger sind; dann wird man die Schauspieler gut erkennen können - sie werden durch das Feuer noch viel lockerer sein; dann wird der Wagenlenker zu sehen sein, wie er am ganzen Körper rot auf seinem lodernden Wagen steht ... es sei denn, ich will diese Leute nicht einmal dann sehen, weil es mir lieber ist, meinen Blick unersättlich auf diejenigen zu richten, die gegen den Herrn gewütet haben ... Welcher Praetor oder Consul ... wird dir das mit seiner Freigiebigkeit bieten können?  Und doch haben wir das alles schon in gewisser Weise bildlich vor Augen, da es sich der Geist dank des Glaubens vorzustellen vermag« (Tertullian, De Spectaculis [Über die Schauspiele], S. 83-87).
Tertullians Aussage wiegt schwer, weil sich in ihr der Prozeß der Zornverarbeitung nachapokalyptischen Stils in einem Frühstadium zeigt, bei dem noch nicht die innere Zensur gegen offen gezeigte Befriedigung durch vorgestellte Greuel eingegriffen hat. ... - Die Überlegungen zur Herkunft, Bestimmung und Wirkungsweise des göttlichen Zorns haben uns auf einen eher selten beachteten Sachverhalt aufmerksam gemacht: Es gibt eine fieberhafte Heiterkeit, wie sie allein die apokalyptische Theorie gewährt. Sie entzündet sich an der Erwartung, alles werde letztlich völlig anders kommen, als die zur Zeit Erfolgreichen meinen. Der Blick des Apokalyptikers verwandelt die Zustände und Geschehnisse in unverkennbare Hinweise auf das nahende Ende der unhaltbaren alten Welt. Da aber dieses Ende intensiv ersehnt wird, tragen noch die dunkelsten Zeichen der Zeit eine evangelische Ladung. Während die griechische Theorie sich durch die Vorstellung erheitert, am zeitlosen Weltbild der Götter teilzuhaben, berauscht sich die apokalyptische Theorie an der Idee, daß dies alles von jetzt an nur noch Teil einer letzten Vorstellung sei. - Wenn Tertullian nach seiner Polemik gegen die römischen Schauspiele auf die Unterhaltungen der Erlösten zu sprechen kommt und sich fragt: »Worüber soll ich lachen?  Worauf soll sich meine Freude, soll sich mein Jubel richten, wenn ich dabei zuschaue, wenn so viele Könige ... in tiefster Finsternis laut aufstöhnen? ...« (Tertullian, ebd., S. 83), so zeigt sich in dieser Verbindung von Bild und Affekt das wahre psychopolitische Gesicht jener Positionsumkehrungen (oder eines ihres wahren Gesichter), die man später als Revolutionen beschreiben wird. Die unter religiösem Vorzeichen geforderte Totalumwälzung greift über die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits hinaus und klagt eine strikt symmetrische Vertauschung zwischen den aktuellen und den künftigen Lagen ein. Wer den Begriff Revolution in einer geometrischen Bedeutung ausgelegt sehen möchte, kann sein Interesse bei diesem metaphysischen Manöver befriedigen - und nur bei diesem. Tertullian läßt keinen Zweifel daran, daß die von Gottes Allmacht bewirkte finale Wende die Affektbilanzen der menschlichen Existenz auf den Kopf stellt: »Laßt uns also traurig sein (lugeamus), solange sich die Heiden freuen, damit wir uns freuen können (gaudeamus), wenn sie begonnen haben, traurig zu sein ...« (Tertullian, ebd., S. 81). Die Symmetrie der Umkehrung wird garantiert durch die bei Gott akkumulierten Zornguthaben, mit deren Fälligwerden am Tag des Gerichts der kosmische Leidensausgleich zum Vollzug kommt. Leide in der Zeit, genieße in der Ewigkeit; genieße in der Zeit, leide für ewig. Die Satisfaktion des Ressentiments wird hier noch ausschließlich durch die Vorwegnahme der künftigen Positionsvertauschung gesichert.“ (Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 164-165, 170-171).

Origenes (185, Alexandria, † 254, Tyrus) war zunächst Lehrer (203-231) an der ältesten Theologenbildungsanstalt zu Alexandria, die von Philon im 1. Jh. gegründet worden war (Alexandrinische Schule). Danach war Origenes Vorsteher der von ihm 232 gegründeten Anstalt in Caesarea (Palästina). Er wurde von den Orthodoxen als Ketzer angegriffen. Noch auch vergleichend und verteidigend (apologetisch), vollendete er die früheste christliche systematische Theologie in Form einer Streitschrift gegen Celsus (2. Jh.), durch Bibelforschung und indem er die Gnosis und den Neuplatonismus, besonders seine Lehre vom Logos, zur Deutung der religiösen Urkunden benutzte. Gott sei wirkende Vorsehung, Christus nicht Erlöser, sondern Vorbild, der heilige Geist der eigentliche Mittler zwischen Christus und Welt bzw. Menschheit, der deren Rückführung zu Gott bewirke. (Vgl. Patristen)

Plotinos (205, Lykopolis, † 270, Minturnae / Campanien) war in Alexandria Schüler des sagenhaften Ammonios Sakkas (um 175 - 242), danach, nach seiner Teilnahme an Kaiser Gordians persischen Feldzug, als Kaiser Gallienus' Schützling Vorsteher einer eigenen Schule in Rom. Plotin war sogar so sehr auf Vergeistigung bedacht, daß er sich schämte, einen Körper zu haben. (Magische Geistesdominanz; vgl. Seelenbild).

Spätestens jetzt müßte man hier erkennen, wie weit auch die römische Antike sich bereits von ihrem körperlichen Seelenbild gelöst hatte. Plotinos hatte das magische Seelenbild, das ich Seelengeist nenne, offenbar längst verinnerlicht. So gesehen hatte der Neuplatonismus tatsächlich nicht mehr viel mit dem alten und mittleren Platonismus zu tun. Für Platon selbst spielten Körper, Formen und Substanzen eine sehr große Rolle. Auch das antike Bild des Körpers ist hier bereits, zur Zeit des Plotinos (205-270), durch das magische Bild der Welthöhle absorbiert worden. (Vgl. 22-24).

Manichäismus bedeutet die Lehre des Persers Mani (216, Mardinu [Babylonien], † 273, gesteinigt in Gandeschapur [Babylonien] auf Betreiben der Zarathustra-Priester). Der Manichäismus entwickelte sich aus iranischen (zarathustrischen), gnostischen, babylonisch-chaldäischen, jüdischen und christlichen Vorstellungen. Zarathustrisch ist Manis Lehre vom Kampf des Lichtes und der Finsternis, des Guten und des Bösen. Die durch die Gnosis beeinflußte Sittenlehre des Manichäismus gebot strengste Enthaltsamkeit, besonders hinsichtlich Ernährung, Geschlechtsleben, Handarbeit. Da Mani als „Gesandter des wahren Gottes“ die bisherige Zarathustra-Religion verdrängen wollte, fiel er deren Priesterschaft zum Opfer. Der Manichäismus gewann trotzdem über das Sassanidenreich und später das Abbasidenreich hinaus östlich bis nach China, westlich bis nach Spanien und Gallien Einfluß. Augustinus (354-430), der den Manichäismus später heftig bekämpfte, war eine Zeitlang sein Anhänger gewesen.

Arianismus ist die Christologie des alexandrinischen Priesters Arius (ca. 250 - 336). Nach ihr ist Christus mit Gott nicht wesensgleich, sondern nur dessen vornehmstes Geschöpf. Arius wurde von seinem Bischof Alexander exkommuniziert, seine Lehre, die der griechische Kirchenlehrer Athanasios (295-373) aufs heftigste bestritt, wurde 325 unter Einfluß des Kaisers Konstantin d. Gr. auf dem Konzil von Nizäa verurteilt. Bei Goten (vgl. Wulfila), Wandalen und Langobarden lebte sie jedoch bis zum 6. Jh. fort. Der Arianiismus war auch deshalb von sehr großer Bedeutung für das werdende Abendland, weil er mit dem römischen Katholizismus die erste und wichtigste Verschmelzung einging.

Athanasios (hl., Athanasius, Alexandria um 295, † 2. Mai 373) war griechischer Kirchenlehrer und Patriarch von Alexandria, seit 328 Bischof von Alexandria. Die Machtposition dieser kirchlichen Stellung nutzte er geschickt in seinen theologischen Kämpfen gegen den Arianismus aus. Mit seinen Schriften erklärte und verteidigte Athanasios hauptsächlich das Konzil von Nizäa (325). In seinem „Leben des Heiligen Antonius“ entwarf er ein Programm christlichen Mönchslebens. Fest: 2. Mai.

Wulfila (Ulfila, Ulfilas, Gulfilas, um 310 - um 383 in Konstantinopel), westgotischer Bischof, 341 für die Goten zum Bischof geweiht. Wulfila mußte sich 348 hinter die Reichsgrenze zurückziehen wegen der Verfolgung durch Athanarich , den damaligen Führer der Westgoten, der mehere Christenverfolgungen, z.B. in den Jahren 348, 369 aus Römerhaß (!), unternahm und durch Kaiser Valens nach mehrjährigem Krieg 369 zum Vertragsverhältnis mit Rom gezwungen und gegen Lebensende von Kaiser Theodosius ehrenvoll aufgenommen wurde. Wulfila wirkte trotzdem weiter als Missionsbischof und weltlicher Führer (Primas). Theologisch gehörte er zu den gemäßigten Arianern. Seine bedeutendste Leistung war die Bibelübersetzung ins Gotische. War er also ein Luther am Übergang Spätantike/Mittelalter oder war Luther ein Wulfila am Übergang Mittelalter/Neuzeit?

Hilarius von Poitiers (hl., 310-367, Kirchenlehrer und Bischof von Poitiers (seit etwa 350), war ein entschiedener Verteidiger des Glaubensbekenntnisses von Nizäa und trat mutig gegen den arianischen Kaiser Konstantius auf. Sein theologisches Hauptwerk sind die 12 Bücher „Über die Dreifaltigkeit“. Hilarius wurde auch bedeutsam für das Bekanntwerden der Hymnodie in der abendländischen Kirche.

Ambrosius von Mailand (hl., Trier um 339, † 4. April 397, Mailand), Bischof von Mailand, war einer der vier großen abendländischen Kirchenväter. Er wurde 374 zum Bischof gewählt und trat für die Rechtgläubigkeit und die Einheit der Kirche ein. In der Kirchenpolitik strebte er eine enge Verbindung von Kirche und Staat an. Ambrosius griff als Prediger und Interpretet der Heiligen Schrift auf die allegorische Schriftdeutung zurück. Die Reden und Predigen wurden zur Grundlage seiner Werke (Genesis-Kommentar,Lukas-Kommentar und die 5 Bücher „De fide ad Gratianum“). Ambrosius führte den aus dem Osten (wohl Syrien) stammenden hymnischen Chorgesang in der abendländischen Kirche ein und dichtete selbst mehrere heute noch im Brevier gebrauchte Hymnen. Unter seinem Einfluß wurde 387 Augustinus bekehrt und von ihm getauft. Fest: 7. Dezember.

Pelagius (* in Britannien oder Irland, vor 380, † 418 oder 422), Mönch und Kirchenschriftsteller, führte ab etwa 400 ein Leben als Asket und Laienmönch in Rom und gelangte 410 auf der Flucht vor dem Westgoten-Führer Alarich († 410), der sich zum oströmischen Magister ernannt hatte, nach Karthago und Palästina, wo es wegen seiner Lehren (Pelagianismus) zu Rivalitäten mit Hieronymus (um 345-420) kam. Auf Betreiben Augustinus' (354-430) verurteilten ihn die Synoden von Mileve (416) und Karthago (418). Papst Zosimus folgte dem Urteil, Pelagius wurde von Kaiser Honorius verbannt. - Der Pelagianismus bezieht sich auf die von Pelagius und Julian von Aeclanum († 454) gegen Augustinus vertretenen Anschaungen über Freiheit und Gnade, Erbsünde und Sünde: Der Mensch hat die sittliche Freiheit zum Guten wie zum Bösen, die Sünde ist immer eine einzelne Tat, daher wird die Erbsünde abgelehnt; der Mensch kann, kraft der Gnade, durch eigene Bemühungen zum Heil gelangen. Nach der Verurteilung und Verbannung des Pelagius trat seit etwa 420 Julian von Aeclanum als Haupt des Pelagianismus hervor. Das Konzil von Ephesus (431) verurteilte den Pelagianismus; der Osten verharrte bei der Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens; im Abendland entzündete sich sich nach der Verurteilung des Pelagianismus die Auseinandersetzung erneut im Semi-Pelagianismus, der seitdem den Widerspruch gegen die Gnaden- und Prädestinationslehre des Augustinus führte. Zwar hielt der Semi-Pelagianismus an der Lehre von der Erbsünde fest, aber der Fall Adams habe den menschlichen Willen zum Guten nur geschwächt, nicht getötet; Wille und Gnade wirken zusammen. 529 verurteilte die Synode von Orange unter dem Einfluß des Cäsarius von Arles den Semi-Pelagianismus. - Mit dem Pelagianismus beschäftigt sich auch Sloterdijk, der meint, „daß man eine Kultur der Erbsünde im direkten Vergleich mit einer Kultur der diskreten Verteilung von Schuld und Unschuld hätte beobachten können“, wenn schon zu dieser Zeit durch ein „Schisma neben dem augustinischen ein pelagianisches Europa entstanden wäre.“ Dank der „US-amerikanischen Sezession von Europa“, so Sloterdijk, sei der Kontrast zwischen einer eher augustinischen und einer eher pelagianischen „Evolution“ zumindestens indirekt beobachtbar. „Während in der Alten Welt sich am Ende des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch die Erfahrungen der Totalitarismen, eine von Skepsis und Normenpluralismus mitbestimmte Kulturgroßwetterlage eingespielt hat, haben die USA ... in breiten Schichten an einem von puritanischen Prämissen geprägten Klima festgehalten, in dem kulpabilistische, viktimologische (Viktimologie), inquisitorische Mechanismen in voraufklärerischer Naivität und psychologischer Raffiniertheit ineinandergreifen. Es kann kein Zufall sein, daß das Strafvollzugssystem der USA das intensiv und extensiv umfassendste der Welt ist und proportional zu den Bevölkerungszahlen nahezu zehnmal soviel Delinquenten in amerikanischen Gefängnissen einsitzen wie in europäischen, bei weiter steigender Tendenz“. Sloterdijk ist sich sicher, daß sich die Individuen im neueuropäischen Denk- und Verhaltensraum mit ihren „helleren Intuitionen“ auf eine neupelagianische Ausgangssituation einstellen werden, „in der es nicht mehr zu Überbeschuldigungen a priori gegen Personen und Umstände kommt, ohne daß deswegen ein rousseauistischer Rückfall größeren Umfangs zu befürchten wäre“. Und was ihre „dunkleren Intuitionen“ angeht, so „werden sie sich eher als Katastrophenbürger präsentieren, die Großrisiken oder Gesamtverhängnisse überblicken, die nicht auf Täterbosheiten zurückzuführen sind. Dieses Schwanken zwischen einem Neo-Pelagianismus im Hinblick auf den Menschen und einem Rechnen mit systembedingten Katastrophen, die man um so weniger ihren Verursachern wird zurechnen können, je globaler sie ausfallen, bestimmt heute schon das Bild in den Subkulturen anspruchsvollerer Zeitgenossenschaft“.(Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, 2001; S. 120-123).

Die Prädestination wurde anfangs am wirksamsten von Augustinus (354-430), später auch von Luther (1483-1546), Zwingli (1484-1531), Calvin (1509-1564) und dem Jansenismus (nach Cornelius Jansen, 1585-1638) gelehrt. Vor allem aber der Calvinismus, anfangs ein antischolastischer Humanismus, machte die Prädestination, die man auch Prädetermination nennt, zu seinem Inhalt und Mittelpunkt. Sie bedeutet die Vorbestimmung des Menschen schon vor bzw. bei seiner Geburt durch Gottes unerforschbaren Willen. und zwar entweder als Gnadenwahl zur Seligkeit ohne Verdienst oder als Prädamnation zur Verdammnis ohne Schuld. Auf einen engen Zusammenhang zwischen dem Calvinismus, besonders aber dem aus ihm entwickelten Puritanismus, und dem modernen Kapitalismus der westlichen Demokratien hat vor allem Max Weber (1864-1920) hingewiesen. (Vgl. Religionssoziologie).

A. M. T. Severinus Boethius (480-524) verfaßte vor seiner Hinrichtung, aber nach der Verurteilung durch den Ostgoten-König Theoderich d. Gr. aus politischen Gründen, sein Hauptwerk Trost der Philosophie, eine der meistgelesenen philosophischen Schriften bis ins 17. Jh.. Obwohl Christ, machte Boethius hier vom Christentum keinen Gebrauch. Die Philosophie tritt in seinem Buch als Person auf, als Psychotherapeutin sozusagen, die Boethius zum Einverständins mit seinem Schicksal führte - gemäß der stoischen Weisheit des Kleanthes von Assos: „Das Schicksal führt den mit ihm Einverstandenen; den nicht Einverstandenen schleppt es mit“. Vgl. Patristen (6): Scholastiker im Westen).

Beda Venerabilis (hl., 674-735), der „Ehrwürdige“ (lat.), gilt als Begründer der englischen Philosophie. Er war Lehrer an der Klosterschule in Jarrow (bei Newcastle upon Tyne) und übermittelte das griechisch-lateinische Bildungsgut an die Angelsachsen. Er schrieb für den Schulgebrauch Abhandlungen über Metrik, Rhetorik, Orthographie und Naturlehre. Zwei Handbücher über Chronologie, denen eine Chronik angehängt ist, waren grundlegend für die mittelalterliche Zeitrechnung. Auf ihm basiert die gesamte englische Chronistik im Mittelalter. Seine theologischen Werke - Bibelkommentare - beruhen auf der allegorisch-moralisierenden Methode. Beda, zu den geistigen Vätern der Karolingischen Renaissance gehörig, wurde 1899 zum Kirchenlehrer erklärt. Mit seiner „Historia ecclesastica gentis Anglorum“ begann sich die germanische Chronistik endgültig durchzusetzen. (Beda). Fest: 27. Mai.

Innerhalb der Gliederung ist die Aufteilung in eine (Früh-,Hoch-,Spät-) „Urpatristik“ und eine eigentliche (Früh-,Hoch-,Spät-) „Patristik“ sinnvoll, denn die Patristik stellt nicht einfach nur eine chronologische Aneinanderreihung der Kirchenväter dar, sondern folgt einer inneren Logik der Kulturgeschichte - hier der Pseudomorphose und des Synkretismus. Gemäß der Kulturgeschichte ist deshalb eine Patrologie nötig, die auch die politischen Rahmenbedingungen berücksichtigt, denn in den für unser Thema (Abendland) relevanten Gebieten des Westens war bis ins 4. Jh. überhaupt noch nicht sicher, ob sich das Christentum hier behaupten könnte. Erst durch Konstantin d. Gr. (280-337), der seit 306 römischer Kaiser (seit 324 auch einziger) änderten sich die Bedingungen, z.B. durch ein erstes Edikt (311), durch die staatliche Anerkennung der Christen im Toleranzedikt von Mailand (313) und der damit endgültigen Einstellung der Christenverfolgungen. (Vgl. auch: 1. Konzil von Nizäa, 325). Frühestens seit dieser Zeit wurde es für Christen politisch und damit auch juristisch möglich, sich auch im Westen langfristig zu etablieren. Die Gebiete im Osten, wo sich die Christen zu dieser Zeit schon etabliert hatten und seit dem Ende der Reichseinheit (395) das Oströmisches Reich (Byzanz) eigene Wege ging, gehören der magischen und nicht der abendländischen Kultur an. Die Vordenker der abendländischen Kultur, auch wenn sie sich auf die Patristen des Ostens bezogen, konnten erst Dogmatiker und Kirchenpolitiker, dann Scholastiker werden, nachdem die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen für die christliche Religion auch im Westen geschaffen worden waren. Erst dadurch konnte das Abendland auch zu seiner Form finden, d.h. eine Kultur werden: eine faustisch und vom Bild der Vergangenheit und Zukunft angetriebene, im Unendlichkeitsraum forschende und im Sinne einer eigenen „Mythomotorik“ nach dem „Reich“ suchende Kultur. Die gesamte Patristik (Ur-Patristik und Patristik i.e.S.) war maßgebend, aber ihr „zweiter Teil“ für das Abendland unerläßlich. Ein wirkliches Zurück, eine zweite „Einnistung“ war nach dem Beginn der Kirchenpolitik nicht mehr möglich! (Vgl. 0-2). Die Ergebnisse der germanischen Völkerwanderung, die Germanenreiche sollten es beweisen! (Vgl. 2-4).

Patrologie ist hier kulturhistorisch gemeint. Im katholischen Bereich ist die Patrologie die Bezeichnung für die Patristik bzw. für die Lehrbücher der Patristik.

Das auf Vergangenheit und Zukunft bezogene Bild eines Abendländers ist das exakte Gegenstück zu dem eines Antiken, für den nur die Gegenwart zählte. Selbst das Römische Reich war nicht primär aus bewußtem Antrieb durch identitätsstiftende Geschichten, also durch eine Mythomotorik gebildet worden, sondern aus sich selbst heraus. Im Gegenteil dazu suchte das Abendland von Anfang an seinen Antrieb durch Geschichten; und gerade die Geschichte des Römischen Reiches, die doch selbst durch Gegenwart, durch ständige Präsenz gekennzeichnet war, wurde (vielleicht auch deshalb!) zur Basis jeder Übertragung. Das „Reich“ wurde zur Grundlage jedes bildenden und einbildenden Projektes, d.h. jeder Projektion.“Die maßgeblichen europäischen Mächte unternahmen immer neue Anläufe, ein Reich nachzuspielen, das ihrer politischen Phantasie als unverlierbares Paradigma vorgeordnet blieb. So könnte man geradezu sagen, daß Europäer ist, wer in eine Übertragung des Reiches verwickelt wird. Dies gilt besonders für Deutsche, Österreicher, Spanier, Engländer und Fransosen ....“ (Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht, 1994, S. 34).

Mythomotorik bedeutet Antrieb durch formierende oder identitätsstiftende Geschichten. „Den Ausdruck Mythomotorik hat m.W. Jan Assmann ... eingebracht. Vgl. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerungen und politische Identität in den frühen Hochkulturen, München, 1992.“ (Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht, 1994, S. 64).

Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht - Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence, 1994.

Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, 2001 (S. 120f. und 122f.).

Mystik: vgl. Ur-Mystik, Früh-Mystik, Hoch-Mystik, Spät-Mystik und Neu-Mystik und ihre Mündung in Idealismus und Romantik.

Dionysios Areopagita (1. Jh.), angeblich erster Bischof von Athen, war Mitglied des Areopagats (Areopag = Areshügel, ältester und berühmtester Gerichtshof in Athen, auf dem Areshügel, westlich der Akropolis) und wurde von Paulus bekehrt. Unter dem Namen Dionysios Areopagita und unter Berufung auf Apg. 17, 34 veröffentlichte ein griechisch schreibender christlicher Schriftsteller im 5. oder 6. Jh., der Pseudo-Dionysios Areopagita, eine Reihe theologisch-mystischer Schriften und Briefe und erlangte damit beinahe apostolisches Ansehen mit großem Einfluß insbesondere auf die Mystik.

„Doppelte Wahrheit“, das gleichzeitige Wahr-oder-Falsch-sein-Können einer Erkenntnis je nach der Grundlage dieser Erkenntnis, spielte im Mittelalter eine große Rolle, als die Glaubenswahrheiten rational gesichert werden sollten. (Vgl. Frühdenker).

Carl Friedrich Gauß (1777-1855) veröffentlichte seine nicht-euklidischen Geometrien nicht, weil er das Geschrei der denkfaulen, schwerfälligen und unkultivierten Menschen fürchtete. Er nannte sie Böoter, weil die Einwohner dieser antiken Landschaft (Hauptstadt: Theben) von den Einwohnern anderer Griechenstädte als denkfaul und schwerfällig beschrieben worden waren. Gauß meinte zu Recht, daß man die Menschen nicht wirklich würde überzeugen können. Die erste der nichteuklidischen Geometrien entdeckte Gauß nach Vollendung seines Hauptwerkes Disquisitiones arithmeticae (1801), durch deren in sich widerspruchslose Existenz bewiesen wurde, daß es mehrere streng mathematische Arten einer dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich a priori gewiß sind, ohne daß es möglich wäre, eine von ihnen als die eigentliche Form der Anschauung herauszuheben. (Vgl. 18-20).

Die abendländische Philosophie sei eine Reihe von Fußnoten zu Platon, behauptete der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead (1861-1947), einer der wichtigsten Vertreter des Neurealismus, auf den er eine kritische Naturphilosophie gründete, die er später durch eine konstruktive Metaphysik ergänzte.

Etienne Gilson (Paris, 13.06.1884 - 19.09.1978, Gravant [Yonne]), L'esprit de la philosophie médiéviale, 1932. Gilson war 1913 Prof. in Lille, 1919 in Straßburg, 1921-32 an der Sarbonne, seit 1932 am Collège de France; Mitglied der Académie française. Er war einer der wichtigsten Vertreter des Neuthomismus. Der Neuthomismus ist schon seit Beginn der Gegenreformation der Kern der Neuscholastik. (Vgl. Tabellen: „Hoch-Denker“ und „Spät-Denker“).

Römisch-katholische Interpretationen attestieren dem Abendland zumeist, daß in ihm die Dominanz des Christlichen überwiege. Diese Meinung teilen vor allem kirchliche und vornehmlich christlich orientierte Vertreter. Theodor Heuss (31.01.1884 - 12.12.1963) soll einmal gesagt haben, daß Europa von 3 Hügeln ausgegangen sei: von der Akropolis, von Golgatha und vom Kapitol. Diese Sichtweise würde eher, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt, auf eine Dominanz der Antike verweisen. Wenn man jedoch berücksichtigt, daß aus einem antik-apollinischen Einzelkörper und einer magisch-seelengeistigen Welthöhle ein abendländisch-faustischer Unendlichkeitsraum entstehen kann, dann muß unbedingt ein dritter Faktor hinzukommen, den ich die Kulturpersönlichkeit nenne: das Germanentum. Ohne das Germanentum versteht man die Willensdynamik eines Faust nicht, und ohne das germanische Element ist die Raumtiefe, aber auch die in jeder Hinsicht sowohl ins Mikrokosmische als auch ins Makrokosmische gehende Unendlichkeit nicht als distinktives Merkmal der abendländischen Kultur zu identifizieren. Diese Merkmale treffen auf keinen antiken Menschen zu, aber insbesondere auf die Abendländer, die germanischen Ursprungs sind. Scharfe Gegensätze, wie die zwischen Antike und Abendland, sind zwar unbedingt ein Indiz für Verwandtschaft, weil beide Kulturen so auffallend gegensätzlich sind: aktiv und reaktiv. Offenbar hat die Antike auf das Abendland aber nicht persönlichkeitsstiftend gewirkt und konnte auch erzieherisch nicht tätig werden, weil sie so früh verstarb. Die Biogenetik und Sozialisation geraten nicht selten so weit auseinander, wenn ein Elternteil früh verstirbt, d.h. nicht wirklich erlebt wird. Dem Abendland scheint es auch so ergangen zu sein. Die Auseinandersetzungen mit der magischen Mutter hat beim Kind jedoch zu einer enormen, fast schon verdächtigen Erinnerung bis hin zur Vergötterung des antiken Vaters Beitrag geleistet. Aber liegt deshalb immer auch schon ein Vaterkomplex vor?  Es bleibt zunächst festzuhalten, daß auch kulturell zwischen Genetik und Sozialisation, zwischen Anlage und Umwelt, zwischen angeboren und anerzogen ganz klar unterschieden werden muß. Dazwischen bewegt sich die Persönlichkeit. Man kann sie nicht isolieren, folglich auch nicht isoliert betrachten, aber man kann sie beschreiben, und ich beschreibe die Kulturpersönlichkeit des Abendlandes als germanisch, weil dieser Raum zwischen Anlage und Umwelt für die Kulturpersönlichkeit zwanghaft unendlich werden muß, wenn sie die verlorene Vaterkultur zurückholen will. Der unendliche Raum und Wille sind auch deshalb Ursymbol und Urwort des Abendlandes. Wenn der Mensch eine Grundlage von etwa 60 Billionen Zellen hat und einer Umwelt von praktisch unendlicher Vielfalt ausgesetzt ist, so gilt für eine Kultur, daß sie Völker, Staaten oder Nationen zur Grundlage hat und einer Umwelt von unendlichen Möglichkeiten, aber auch gähnender Leere gegenübersteht. Mit dem Germanentum fiel eine faustische Entscheidung zugunsten der unendlichen Möglichkeiten. Die Eltern des Abendlandes waren also antik-magisch, ihre gentragenden Chromosomen römisch-christlich, aber die Kontrollgene germanisch. (Vgl. 22-24).

 

 

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© Hubert Brune, 2001 ff. (zuletzt aktualisiert: 2014).