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Antike und Abendland
Urdenker Vordenker Frühdenker Hochdenker Spätdenker Nachdenker Enddenker

Hoch-Denker

Früh-Rationalistik
Hoch-Rationalistik
Spät-Rationalistik
Fazit
Ausblick
Tabelle
Tabelle

 

- Hochdenker sind Denker „jugendlicher“ Art -

Die Hochdenker verdanken den Frühdenkern (Frühdenker) die in den Raum gespielte „Steilvorlage“, durch die dem Denken ein stark offensiver Charakter aufgezwungen wird. Der von den Frühdenkern hoch in den Raum gespielte „Denkball“ verlangt von den Philosophen einen „Höhenflug“, den sie zu dieser Zeit aber auch sehr gut beherrschen. Wenn die „Wissenskugel“ jedoch in den tiefen Raum gespielt wird, wird offenbar, daß hier noch die Erfahrung fehlt und der „Denkgegner“ leichtes Spiel zu haben scheint. Weil aber der von den Elternkulturen vorgedachte eigene „Strafraum“ mittlerweile so gut bekannt und für den Gegner zur „Abseitsfalle“ geworden ist, kann auch im „Mittelfeld“ sicher aufgespielt, d.h. hochgedacht werden. Der gegnerische „Strafraum“ scheint jedoch immer noch ein relativ fremder Raum zu sein, in dem man sich erst einmal orientiern muß, bevor die Wende vom primären Defensivdenken zum primären Offensivdenken, die Umstellung von „Verteidigung auf Angriff“, vollzogen werden kann. Erst wenn dies klappt, ist die Wende endgültig und das Spiel zur hochdramatischen Denkbühne geworden. Das Denken wird ab jetzt immer mehr zu einem jugendlichen Abenteuer, manchmal an Jugendwahn grenzend. Auf einem scheinbaren Höhepunkt angekommen, denkt man sich sogar als absolutes Zentrum aller Geschehnisse. Als zentriertes Denksubjekt gestaltet man das Spiel aus dem „Mittelfeld“ heraus und versteht sich als „Regisseur“. Dieser Mittelfeldregisseur kann nicht nur „das Spiel an sich reißen“, sondern auch und gerade durch seinen überragenden Individualismus „das Spiel gestalten“. Er wähnt sich, beim Selbstdenken für alle anderen Mitspieler mitzudenken. Weil aber auch er Fehler macht und niemand da zu sein scheint, der die Patzer völlig ausgleichen kann, wird erste Kritik nicht nur an ihm, sondern am gesamten „eigenen Spielsystem“ laut. Der Kritizismus verlangt nach Auswechslung. Ab jetzt wird assoziiert und bei Eigenverantwortlichkeit auch an Selbstverschuldung und Unmündigkeit gedacht. Ob eine solche „aufgeklärte Spielethik“ zu mehr Erfolg führen kann oder ob sie den Denkern eher Anlaß gibt, nach dem „Denkhebel“ zu verlangen, mit dem man das Spiel ideenreich noch einmal herumreißen kann, ist bereits eine Frage an den Idealismus der Spätdenker (Spätdenker).  –  Zur Rationalistik:

 

Frühes Hochdenken

Das Prinzip Wasser als Beginn exakten Wissens in der antiken Philosophie?
Das Prinzip Sonnensystem als Beginn exakter Wissenschaft in der abendländischen Philosophie?

Die Philosophie - als eine nicht mit Mythos und Religion verschmolzene, sondern mit ihnen sich auseinander setzende „vernünftige“ Selbst- und Welterklärung -, kam im 7. Jh. v. Chr. in Griechenland, d.h. in den griechischen Kolonialstädten, auf. Die ersten Philosophen waren Naturwissenschaftler. (Wissenschaft und Philosophie). Sie versuchten, die Welt aus einem Prinzip oder auch mehreren Prinzipien und Urstoffen zu verstehen. Für Thales von Milet (650-570) schien klar zu sein, daß dies nicht mehrere, sondern lediglich ein Prinzip, und zwar mit Bewegung, sein müßte: das Wasser. Thales war der Begründer der Ionischen Naturphilosophie und frühester Vertreter des Hylozoismus. Er gilt als der erste griechische Philosoph und war in Griechenland einer der Sieben Weisen. Sie waren die sieben Herrscher und Staatsmänner im 7. und 6. Jh. v. Chr., deren Lebensweisheit in Form kurzer Aussprüche in ganz Hellas bekannt war, wie z.B. die Prägung des Spruches „ERKENNE-DICH-SELBST“ von Thales (vielleicht auch von Cheilon, einem anderen der Sieben Weisen). Thales nahm als Seinsgrund des Kosmos nicht mythische Kräfte, sondern das Wasser an. Der nach ihm benannte geometrische Lehrsatz (Satz des Thales) war bereits den Babyloniern bekannt: alle Winkel, deren Scheitel auf einem Halbkreis, dem sogenannten Thales-Kreis, liegen und deren Schenkel durch die Endpunkte eines Durchmessers gehen, sind rechte Winkel. Natürlich wußte Thales, daß der Durchmesser den Kreis halbiert, daß im gleichschenkligen Dreieck die Basiswinkel gleich sind und daß zwei Dreiecke kongruent sind, wenn eine Seite und zwei korrespondierende Winkel gleich sind. Als Staatsmann unternahm Thales viele Reisen und erwarb sich auch dadurch viele Kenntnisse. Auf Grund des in Ägypten erworbenen Wissens sagte Thales z.B. die Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 v. Chr. voraus. Er gab für die Nilüberschwemmungen nicht den Göttern die Schuld, wie es üblich war, sondern natürliche Ursachen an, wenn auch nicht ganz die richtigen. Die Abhandlung „Über die Natur“, die Anaximander (um 611-545), ein Schüler des Thales, schrieb, ist die erste aus der antiken Kultur schriftlich überlieferte philosophische Abhandlung. Anaximander fragte nach dem „Anfang“ von allem, und bezeichnete ihn als ein Prinzip, das er „Apeiron“ (Unerfahrbares) nannte. Es sei der Urstoff, das Unendliche der Natur, das Göttliche, das allein Ungewordene und Unvergängliche. Aus ihm entstünden sie Stoffe durch Ausscheidung. Ebenfalls zu den ionischen Naturphilosophen zählend, wußte auch Anaximenes (um 585-525) schon, daß der Mond sein Licht von der Sonne empfängt, und erkannte in der Verdeckung des Vollmonds durch den Erdschatten die Ursache der Mondfinsternisse. Anaximenes bezeichnete als den Urstoff die „Luft“, aus der durch Verdünnung Feuer, durch Verdichtung Wind, Wolken, Wasser, Erde und Steine entstanden seien: „Wie die Luft als unsere Seele uns zusammenhält, so umfaßt Hauch und Luft die ganze Welt“. Der Urstoff hatte hier sein Element gewechselt, vom Wasser (Thales) zur Luft (Anaximenes). Thales' Wasser als Ursprung und Erklärungsgrund der Welt und ihrer Phänomene erinnerte spätere Philosophen an den die Welt umfließenden mythischen Urstrom und an den Totenfluß Styx. (Beispiel). So sehr rational war diese Naturerklärung des Philosophen und Mathematikers Thales also nicht. Er war wohl der Meinung, daß das Wasser der Ursprung von allem, alles aber von den Göttern sei. Sie müßten dann, wie alle Wesen, auch aus Wasser bestehen, oder die Natur selbst ist göttlich. Wahrscheinlich erlosch mit dem Wasser der ionischen Naturphilosophie der Glaube an die im Kosmos herrschenden Götter - es erlosch die alte Astrotheologie. Durch die sogenannte mesopotamische Renaissance (orientalisierende Renaissance) wurden die Griechen Schüler babylonischer Weisheit. Sowohl die Antike als auch das spätere Abendland erinnerten sich mittels ihrer Renaissance also an einen Teil ihrer Kultureltern: Sumer einerseits, Antike andererseits. Als liturgische und wissenschaftliche Sprachen wurden tote Sprachen wiederentdeckt und konserviert: Sumerisch in der Antike, Latein und Griechisch im Abendland. Auch die Kolonisation begann hier (750/700) wie dort (1400/1450) durch Bildung von Stützpunkten an den entfernt liegenden Küsten - hier mit der Mutterpolis Milet, dort mit dem Mutterland Portugal verbunden. Die Kolonisation brachte auch ein neuartiges, elementar hervorbrechendes Lebensgefühl, ausgelöst durch den Aufschwung des Handwerks, die Ausweitung des Seehandels und des Bevölkerungsüberschusses. Hesiod (um 700 v. Chr.) soll geraten haben, sich auf ein Kind zu beschränken, was zur Folge gehabt haben soll, daß immer mehr Neugeborene ausgesetzt wurden. Weitere Gründe waren die Verschuldung der Bauern, die politische Emigration und die sozialen Gegensätze. Diese Gründe lassen sich auch für das Abendland anführen, wenn auch in einem anderen Maßstab, der sich aber durch das Ursymbol und das faustische Seelenbild erklären läßt. Ein auf Abenteuer und Wissen abzielender Abendländer emigrierte damals nicht über das Mittelmeer, sondern über den Atlantik. In beiden Kulturen sollte die erste große Auswanderungswelle aber erst in der nächsten Phase erfolgen. So wanderten z. B. die Ionier, unter ihnen auch die ionischen Naturphilosophen, wegen der 546 v. Chr. beginnenden persischen Herrschaft in Ionien nach Unteritalien und die puritanischen Pilgerväter mit der Mayflower 1620 nach Nordamerika aus. (Vgl. 14-16). Diese Phase der Rückschau und Reformen brachte in der Antike tatsächlich so etwas wie einen kulturellen Schrifterwerb hervor, wenn man darunter versteht, daß der antiken (griechischen) Kultur der Vorteil bewußt wurde, schriftlich Wertvolles zu hinterlassen, wie die ersten griechischen Philosophen beweisen: Thales, weil er der Lehrer Anaximanders war, und Anaximander, weil seine Abhandlungen schriftlich überliefert werden konnten. Sie waren die ersten antiken Philosophen und, als ionische Naturphilosophen auf der Suche nach dem Urstoff, wegweisend für den weitern philosophischen Verlauf der Antike. Die Antike war mit dieser schriftlichen Überlieferung schulreif geworden. Wer auf Konevention beruhende Kulturschriften sicher überliefern (lesen und schreiben) kann, der ist für die nächste Phase, die Wissensschulung und Rationalisierung, gerüstet. (Vgl. Hoch-Rationalistik).


In beiden Kulturen - Antike und Abendland - war der Beginn einer eigenen Philosophie eine Wende,
die Renaissance, Reformation und Gegenreformation nur sein und Rationalistik nur fördern konnte.

Ab jetzt sollte die gerade entstandene kultureigene Philosophie in Richtung Neutheologie steuern,
weil das Hochdenken so erfolgreich wurde, daß viele Systeme sich von der Philosophie abspalteten.


Denkgeschichtlich fiel ja der Übergang vom Erwerb der ausgesprochen kultureigenen Philosophie zum Beginn der Rationalistik in die Zeit der „Nikoläuse“, von Nikolaus (von Kues) bis Nikolaus (Kopernikus), also in die Zeit, in der nicht zufällig fast gleichzeitig die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg, der Beginn der atlantischen Seefahrt durch Heinrich den Seefahrer, der Konstantinopel-Fall, die doppelte Buchführung, die Frühkapitalisten (Medici, Fugger, Welser), die Herstellung des ersten Erdglobus durch den Seefahrer und Geographen Behaim, der Frühnationalismus und Machiavelli, der endgültige Erfolg der Reconquista, die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, die erste Weltumsegelung durch Magellan, die Reforamtion durch Luther und nicht zuletzt das Genie Leonardo da Vinci die Welt revolutionierten. Und es war (auch nicht zufällig!) die Zeit des abendländischen Faust, dessen Leben Literaturstoff für alle noch folgenden Jahrhunderte bot und dessen Eigenschaft zum abendländischen Seelenbild (!) erklärt werden sollte. Diese Zeit war also tatsächlich der Beginn der „Neuzeit“. Glaubens- bzw. geistesgeschichtlich war sie jedenfalls die Vollendung der Theologie oder ihre Überwindung zugunsten der Philosophie und der mathematisch fundierten Naturwissenschaft. Sie war so etwas wie die Geburt der technischen (Natur-) Wissenschaft. Vgl. Wissenschaft

Der Buchdruck mit beweglichen, gegossenen Lettern, den Johannes Gutenberg (1397-1468) um 1440 erfand, beschleunigte sämtliche großen historischen Entwicklungen der Neuzeit. (Gutenberg). Die Nationalsprachen erhielten den Zusatz „Neu“ (z.B. Neu-Hochdeutsch), und mit dem abgeschlossenen „Spracherwerb“ konnte der „Schrifterwerb“ beginnen: die Verbreitung der antiken Schriften in der Zeit des Humanismus wäre ohne Gutenbergs Buchdruck ebenso unmöglich gewesen wie der rasche Erfolg der protestantischen Reformation. Nicht weniger profitierten der Schul- und Universitätsunterricht, die Politik sowie die wissenschaftliche Diskussion von den Einzelblattdrucken, Flugschriften, Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, die einen lebhaften literarischen Markt entstehen ließen. Der Druck von Werken der schönen Literatur, der bildenden Kunst und der Musik ermöglichte die ästhetische Bidung breiter Volksschichten. Schon bald war es möglich, in nur einer Bibliothek in kurzer Zeit mehr Druckwerke zu studieren, als das zuvor einem umherreisenden Gelehrten während seines ganzen Lebens möglich gewesen war. GutenbergGutenberg

Leonardo da Vinci (1452-1519) wurde beim Bildhauer und Maler Verrocchio (1436-1488) ausgebildet, kehrte nach langjähriger Tätigkeit (1482-99) am Mailänder Hof des Herzogs Ludwig von Mailand nach Florenz zurück, ging dann (1596) jedoch auf Einladung des französischen Satthalters wieder nach Mailand. 1513 begab er sich in Erwartung päpstlicher Aufträge nach Rom und folgte 1516 einer Einladung des ihn verehrenden Königs Franz I. nach Frankreich. Von der überraschenden Vielseitigkeit Leonardos legen v.a. seine Zeichnungen (in Silberstift, Feder, Kreide, Kohle, Rötel oder Tusche) Zeugnis ab. Sie beziehen sich nicht nur auf vollendete oder geplante Werke in Malerei, Plastik und Architektur, sondern weisen Leonardo als Wegbereiter einer anschaulichen Naturforschung auf dem Gebiet der Anatomie, Botanik, Zoologie, Geologie, Hydrologie, Aerologie, Optik und Mechanik aus. Als Naturforscher und Techniker war Leonardo ein typischer Empiriker. Er wird deshalb heute noch als Universalgenie der Renaissance bewundert, zumal er nicht nur die Disziplinen, denen er sich zuwandte, beherrschte, sondern sie oft zu Höhepunkten führte und darüber hinaus gerade im Bereich der Technik einen Weg wies, an dessen Ende diese erst in späteren Jahrhunderten gelangen sollte. Berühmt sind seine „Mechanischen Flügel“, aber auch die Konstruktionsentwürfe für ein fahrradähnliches Fahrzeug. Sind Leonardos „Mona Lisa“ und das „Abendmahl“ Glanzlichter der Malerei, so waren seine Zeichnungen in ihrer Anschaulichkeit wegbereitend für die didaktische wissenschaftliche Demonstrationszeichnung und einzigartig in ihrer künstlerischen Intensität. Leonardo

Bekannt wurde der Staatsmann und Geschichtsschreiber Niccoló Machiavelli (1469-1527) durch seine Discorsi sopra la prima decade di Tito Livio und Il principe („Der Fürst“; 1513). Angeregt durch die Lektüre des Titus Livius (59 v. Chr - 19 n. Chr.), entwickelte Machiavelli eine Art Technik der Politik, dabei das Ethos und die Macht des stolzen, vorchristlichen römischen Imperiums preisend. Machiavelli bezeichnete nationale Selbständigkeit, Größe und Macht des Staates als das Ideal, das der Politiker durch die zweckentsprechendsten Mittel erstreben müsse, unbekümmert um private Moralität und bürgerliche Freiheit. Damit war die Staatsräson begründet, aber auch der Machiavellismus als skrupellose, zugleich konsequente Gewaltpolitik, die ihre Ziele auch mit moralisch verwerflichen Mitteln erstrebt und durchsezt, unter Berufung auf die Interessen und die Erhaltung des Ganzen. Etwas mehr als 200 Jahre später, im Jahre 1738, sollte eine Streitschrift gegen Machiavellis Il principe erscheinen (anonym): der Antimachiavell von Friedrich II. (1712-1786).

Das heliozentrische Weltbild wurde aus Gründen mathematischer Erkenntnis herangezogen, weil es sich besser eigente als das geozentrische Weltbild, aber das heliozentrische Weltbild galt der Kirche natürlich als ketzerisch und war nicht geduldet. Das neue Weltbild war primär ein Verdienst der naturwissenschaftlich orientierten Vertreter dieser reformistischen Phase, in der beispielsweise Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Paracelsus (1493-1541), Andreas Vesal (1515-1564), Tycho Brahe (1546-1601), Giordano Bruno (1548-1600), Galileo Galilei (1564-1642) und Johannes Kepler (1571-1630) wirkten. Hierbei spielte auch eine große Rolle, was sich schon im Nominalismus entwickelt hatte: der Empirismus, dessen methodologische Variante Francis Bacon (1561-1626) begründete und die später durch eine erkenntnistheoretische Variante von John Locke (1632-1704) erweitert werden sollte. (Vgl. 14-16).

Der Deutsche Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Astronom und Domherr in Frauenburg (Ostpreußen), studierte neben allgemeinen Fächern auch Medizin und Jura (er schrieb in lateinischer und deutscher Sprache [vgl. Quellen]). Seine Mutter hieß Barbara Watzenrode, sein Vater hieß Nicolai Koppernick (Kopernikus), der aus Köppernig bei Neiße (Schlesien) stammte, seine Geschwister hießen Andreas, Barbara und Katharina. Die Familie Kopernikus gehörte zur Bürgerschaft der Hansestadt Thorn an der Weichsel und wohnte dort in der St.-Annen-Gasse. Der Vater war ein wohlhabender Kupferhändler und Regierungsbeamter. Nikolaus war zehn Jahre alt, als sein Vater 1483 starb. Sein Onkel Lucas Watzenrode (1447-1512), der Bruder seiner Mutter Barbara Watzenrode, sorgte für die Ausbildung der vier Waisen und wurde 1489 Fürstbischof im Ermland. Der ältere Bruder Andreas schlug den gleichen Lebensweg wie Nikolaus ein, erkrankte aber um 1508 an Aussatz, wurde später ausgeschlossen und starb vermutlich um 1518. Die ältere Schwester Barbara wurde Äbtissin im Kulmer Kloster, die jüngere Katharina heiratete Barthel Gertner. Nikolaus Kopernikus hielt stets seine Familienkontakte aufrecht. So sorgte er später für Kinder des Reinhold Feldstett, der mit der Tochter eines Onkels von Kopernikus, Tilman von Allen, verheiratet war. Im Danziger Dokument erschien als gemeinsamer Vormundt der „Frauenburger Domherr vor Burgermeister und Rathman der stadt Dantzick ... Hern Nicolai Koppernick, des wirdigen gstichts zur Frauenborck thumherrn im jare tawsent funfhundert sechs und dreysick.“ (Leopold Prowe, Nicolaus Copernicus, 1883-1884, S. 265). Nikolaus Kopernikus hatte als Administrator die Regierungsgeschäfte zu regeln. In den Verhandlungen über die Reform des preußischen Münzwesens erarbeitete er die Position der preußischen Städte. Er gab dazu ein Schreiben heraus, das noch Jahrhunderte später als wegweisend für die Geldtheorie angesehen wurde. Die Astronomie war seine private Hauptbeschäftigung. Er erkannte, daß das „geozentrische System“ für die Vorhersage der Planetenpositionen über längere Zeiträume ungeignet war. Etwa 1507 schon griff er deshalb auf die Idee des Aristarchos von Samos (ca. 310-230) zurück, statt der Erde die Sonne als ruhendes Zentrum des Planetensystems anzunehmen und erarbeitete das „heliozentrische System“, in dem er die jährliche Bewegung der Erde um die Sonne beschrieb und die tägliche Umdrehung des Fixsternhimmels als Rotation der Erde um die eigene Achse erklärte. Kopernikus veröffentlichte sein Hauptwerk („Von den Kreisbewegungen der Himmelskörper“, 1543) kurz vor seinem Tod. Ob es Zufall war, daß die Bücher von Vesal und Kopernikus im selben Jahr - 1543 - erschienen? Jedenfalls kam Kopernikus' Hauptwerk im Jahre 1616 auf den Index.

Martin Luther (1483-1546) rezipierte mit Augustinus (354-430) auch dessen Platonismus (Neuplatonismus) und stand deutlich unter dem Einfluß des Nominalismus und des Humanismus. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ ist, als Heilsegoismus gesehen, typisch für den Individualismus der Renaissance. Doch dem Humanismus machte die Reformation ein Ende oder nahm ihn religiös in sich auf. Der Beginn der Reformation war zwar eindeutig durch Martin Luther zu einem Faktum geworden, doch genau datieren kann man ihn nicht. Es hatte auch schon vor 1517, vor Luthers Veröffentlichung der 95 Ablaßthesen, Bestrebungen zu kirchlichen Reformen gegeben. Sie waren eine vorbereitende Bewegung zur Reformation, besonders seit durch das 2. Große Schisma von 1378-1417 das Abendland in zwei Lager geteilt war. ( 2. Großes Schisma). Weil Luther die Durchführung seines philosophischen Programms seinem Anhänger Melanchthon (1497-1560) überließ, wurde dieser und nicht jener selbst zum Begründer der protestantisch-lutherischen Neuscholastik. Luther bekannte sich zur Lehre der Prädestination, seine Philosophie gipfelte in der Lehre vom unbekannten Willen in Gott, über den positiv nur der Glaube bzw. die Bibel auszusagen vermöge. Für Luther war nicht der Papst, sondern die Heilige Schrift höchste Autorität in Glaubensfragen. Gottes in der Bibel offenbartes Wort sollte allen Gläubigen zugänglich sein, nicht nur denen, die Latein, Griechisch oder Hebräisch beherrschten. Die bislang veröffentlichten Bibelübersetzungen waren unzulänglich und machten eine Neuübertragung erforderlich. 1522 erschien Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, 1534 war die Arbeit am Alten Testament abgeschlossen. Noch zu Luthers Lebzeiten wurden 430 Teil- und Gesamtausgaben seiner Bibel in rund 500 000 Exemplaren gedruckt, was entscheidend zum Durchbruch des neuen Glaubens beitrug. Von nun an gab es endlich eine konkrete Alternative. Ebenso bedeutend war Luthers sprachlich-literarische Leistung. Auch wenn er nicht Schöpfer der einheitlichen neuhochdeutschen Sprache war, so bündelte und beschleunigte er doch in seinen Schriften sprachliche Entwicklungen, die vor ihm bereits eingesetzt hatten. (Vgl. Früh-NHD). Luthers von Bildkraft, Rhythmik und Wohlklang geprägte Sprache verlieh der deutschen Literatur über Jahrhunderte Impulse. (Vgl. NHD).

„Luther der Medizin“ wurde Paracelsus (1493-1541), der eigentlich Bombast von Hohenheim hieß, schon zu seinen Lebzeiten genannt. Für Paracelsus war Medizin die allumfassende Gesamtwissenschaft, fußend auf Physik, Chemie Physiologie, mündend in Philosophie und Theologie. Er lehrte: All unser Wissen ist Selbstoffenbarung, all unser Können ist Mitwirkung mit der aus Gott stammenden Natur. Alle Wesen bestehen aus einem elementaren, irdischen, sichtbaren Leib und einem himmlischen, astralen, unsichtbaren Lebensgeist (Archeus bzw. Archaeus). Beim Menschen, dem Mikrokosmos, kommt dazu noch die dualische (göttliche) Seele, die Quelle des Erkennens, der Sittlichkeit, der Seligkeit. Demgemäß ist ein kranker Mensch stets dreifach: leiblich, seelisch, geistig erkrankt und muß dreifach kuriert werden. Der Mensch (Mikrokosmos) ist Abbild des Makrokosmos.

Andreas Vesal (1515-1564) war Professor der Chirurgie und Anatomie. Zusammen mit dem Maler J. S. van Kalkar, der die anatomischen Tafeln anfertigte, schuf er das erste vollständige Lehrbuch der menschlichen Anatomie (Vom Bau des menschlichen Körpers, 1543 Mobilmachung). Später war er u.a. auch Leibarzt des deutschen Kaisers Karl V.. (Renaissancen). Vesal

Vom dänischen König Friedrich II. wurde Tycho Brahe (1546-1601) der Aufbau eines Observatoriums auf der Insel Ven ermöglicht. Seit 1599 war Brahe Astronom des deutschen Kaisers Rudolf II. in Prag. (Rudolf II.). Er steigerte durch Verbesserung der Beobachtungsverfahren die Meßgenauigkeit. Er hinterließ Kepler (1571-1630) Aufzeichnungen über genaue Positionen des Mars, aus denen dieser die Gesetze der Planetenbewegungen ableitete. Brahe selbst blieb jedoch Anhänger eines von ihm modifizierten geozentrischen Weltsystems.

Giordano Bruno (1548-1600) wurde 1563 Dominikanermönch und entfloh 1576 aus dem Kloster. Er lehrte an vielen Universitäten und war 16 Jahre lang auf Wanderschaft, vor allem durch Deutschland, Frankreich und England. In Venedig wurde er schließlich verhaftet, acht Jahre eingekerkert und wegen Ketzerei zum Tode verurteilt. Er vertrat, von Kues, Kopernikus und Paracelsus beeinflußt, das heliozentrische Weltbild und den Gedanken eines unendlichen Weltalls mit einer sich selbst enthaltenden Materie (im Sinne der „aristotelischen Linken“). In Bruno zuerst verbanden sich die naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit mit epikuräischen, stoischen und neuplatonischen Elementen zu einer genialen pantheistischen Weltschau, die er mit dichterischer Kraft und Begeisterung verkündete: Das All ist Gott, es ist unendlich, und zahllose Sonnen mit ihren Planeten folgen in ihm ihrer Bahn. Dieses unendliche Universum ist das einzig Seiende und Lebendige, von inneren Kräften bewegt, das seiner Substanz nach ewig und unveränderlich ist; die Einzeldinge haben am ewigen Geiste und Leben je nach der Höhe ihrer Organisation teil, sind jedoch dem steten Wechsel unterworfen. Die elementaren Teile alles Existierenden, die nicht entstehen und nicht vergehen, sondern sich nur mannigfach verbinden und trennen, sind die Minima, die materiell und psychisch zugleich sind. Nichts in der Welt ist also leblos, alles ist beseelt. Gott kann von uns nicht würdiger verehrt werden, als indem wir die Gesetze, welche das Universum erhalten und umgestalten, erforschen und ihnen nachleben. Jede Erkenntnis eines Naturgesetzes ist eine sittliche Tat. Wie Bruno von den großen deutschen Denkern stark beeindruckt und von der Weltmission des deutschen Geistes überzeugt war (Rede in Wittenberg, 1588), so sollte er umgekehrt auf Leibniz, Herder, Goethe, Schelling wirken. Die Inqusition aber verurteilte seine pantheistische Naturreligion und verbrannte ihn 1600 bei lebendigem Leibe auf dem Campo dei Fiori in Rom.

Die Phase der Renaissance und Reformation brachte durch seine Rückwärts-Vorwärts-Gerichtetheit gewissermaßen eine neue Kulturschriftart, die einerseits durch die Kultursprechart der Gotik ermöglicht worden war und andererseits durch die Loslösung von althergebrachten Mutterkulturbindungen zu neuen Bindungen führen konnte. Schon in der Gotik hatte sich, zumindest teilweise, die perspektivische Darstellung behauptet, um die Dreidimensionalität des Raumes in die Zweidimensionalität der Malerei zu überführen, z.B. bei Duccio di Buoninsegna (1255-1319) und Giotto di Bondone (1266-1337). Giotto und Duccio begannen um 1300 die mittelalterliche Bildfläche zu einem Kastenraum zu öffnen. Die gesetzmäßig konstruierte Zentralperspektive war aber eine Leistung der Frührenaissance, die durch die theoretische Begründung des künstlerischen Schaffens zum Zeugnis der ab jetzt stattfindenden Verwissenschaftlichung der Weltsicht wurde. Der Überlieferung nach war es Filippo Brunelleschi (1377-1446), Bahnbrecher der italienischen Frührenaissance und Begründer ihrer Architektur, der die Gesetze der mathematisch exakten perspektivischen Darstellung für die Neuzeit (wieder) entdeckte. Schriftlich festgehalten wurde diese bahnbrechende Innovation von dem Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti (1404-1472). Geistig gesehen leuchtete der Humanismus der Renaissance voran. Man wollte antigotisch sein, war antik orientiert, aber dennoch spätgotisch. (Renaissancen). Die Begegnung von Spätgotik und Renaissance vollzog sich in Albrecht Dürer (1471-1528) besonders sinnfällig. Wie vielen seiner Zeitgenossen, kam auch dem in Nürnberg geborenen Meister zugute, daß sein Leben in die Wende von der Spätgotik zur Renaissance fiel: indem er sich mit der italienischen Kunst schöpferisch auseinandersetzte, entwickelte er seine eigene Künstlerpersönlichkeit weiter zum deutschen Maler, Zeichner, Graphiker und Kunstschriftsteller. Mobilmachung

Schon während der Reformation setzte die Neuscholastik ein, die sich als Fortsetzung der Scholastik verstand - teils protestantisch, teils katholisch (gegenreformatorisch). Martin Luther (1483-1546) überließ die Durchführung seines philosophischen Programms seinem Anhänger Melanchthon (1497-1560), der deshalb zum Begründer der protestantisch-lutherischen Neuscholastik wurde, während Clemens Timpler (1540-1604) die protestantisch-reformierte Neuscholastik begründete. Die protestantische Neuscholastik ging in ihrem lutherischen Zweig von Melanchthon und seinem Aristotelismus aus. Luther bekannte sich zur Lehre der Prädestination, seine Philosophie gipfelte in der Lehre vom unbekannten Willen in Gott, über den positiv nur der Glaube bzw. die Bibel auszusagen vermöge. Die gesamte protestantische Neuscholastik jedoch wurde schließlich durch die Leibniz-Wollf-Schule, die manches aus jener übernahm, abgelöst. Ein solches Schicksal widerfuhr der gegenreformatorischen Neuscholastik freilich nicht (und natürlich gibt es sie noch heute! Neuscholastik): Luthers Augsburger Disputationsgegner Thomas Cajetan (1469-1534) war einer der ersten Vertreter der katholischen Neuscholastik. Sie wurde besonders in Spanien und durch den neugegründeten Jesuitenorden organisiert und stützte sich von Anfang an auf Aristoteles und Thomas von Aquino, weshalb der Neuthomismus zum Kern der Neuscholastik wurde. Das erste System der katholischen Neuscholastik wurde um 1600 durch den Jesuiten Franciscus Suárez (1548-1617) vollendet. Suárez wirkte nicht bloß auf Katholiken, sondern auch auf Protestanten. In Deutschland wirkte besonders der Jesuit Gregor von Valencia (1549-1603). Metaphysik der katholischen Neuscholastik: Erkenntnislehre, Leib-Seele-Problem, Naturphilosophie (Hylemorphismus), Akt-Potenz-Problem sowie Gott, Geist, Ethik. (Neuscholastik). Die katholische Neuscholastik drang bis nach Polen und Südamerika vor.

Die Reformation sah, weil sie eine Protestbewegung gegen die religiös-politischen Umstände der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit war, in der reinen Urform des Christentums und den Evangelien eine Möglichkeit zur Erneuerung der Kirche. Sie rief dadurch aber auch die Gegenreformation auf den Plan, die spätestens 1534 mit der Gründung des Jesuitenordens durch den Spanier Ignatius von Loyola gegeben war. Begleiterscheinungen der Reformation waren Verfolgungen, Hexenwahn und überstiegene Inquisitionsprozesse. All diese Erscheinungen und Prozesse gab es aber auch in sozialrevolutionären Formen, z. B. durch die Bewegung der Wiedertäufer, die in Münster von 1534 bis 1535 ein Reich errichten und erst nach einem blutigen Kampf besiegt werden konnten. Soziale Unruhen führten aber auch zu Bauernkriegen, und zwar sowohl im Abendland als auch in der Antike. Der Einfluß des Volkes wuchs in dieser Phase in beiden Kulturen. Aufgrund ihrer gewachsenen wirtschaftlichen Macht wurden Großhandelsfamilien und andere Bürgerliche auch politisch immer mehr zu Konkurrenten der Alleinherrscher und zu Fürsprechern des Volkes. In der Antike geschah dies unter Führung von Tyrannen, im Abendland nicht selten unter mehr oder minder tyrannische Führung von Reformatoren und Gegenreformatoren, die einen politischen Ausgleich erzwingen oder abwehren konnten. In Spanien führte dies z. B. zu einem Frühabsolutismus und in England zu einer frühen konstitutionellen Monarchie, zu einer Oligarchie.

Einige Reformatoren standen auch der Mystik nahe, und Luther selbst veröffentlichte 1518 die mystische Erbauungsschrift Theolgia Deutsch. (Vgl. 8-10 und 10-12). Sie wurde nach der Reformation weitergeführt von Sebastian Franck (1499-1542) und Bombast von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus (1493-1541). Auf ihn berief sich auch der nachreformatorische Mystiker Valentin Weigel (1533-1588). Dieser verstand Gott als den unbegreiflichen Gegenwurf des Menschen und die Welt als den begreiflichen. Nach ihm trägt der Mensch in sich das Gute aus Gott, das Böse aus sich selbst, bleibt aber in seinem Wesen immer gut, da nur sein Wille böse werden kann. Aus Weigels Schriften lernte der Mystiker und dialektische Philosoph Jakob Böhme (1575-1624) den Gehalt der bisherigen Mystik kennen. Durch Jakob Böhme erfuhr die Mystik einen weiteren, vielleicht den Höhepunkt überhaupt, weil dieser Philosophus Teutonicus, nicht zuletzt durch seine Sprachgewalt, gleichermaßen auf einfache Gemüter wie auf differenzierteste Geister wirkte. Was Francis Bacon (1561-1626) für den methodologischen Empirismus, Galileo Galilei (1564-1642) für die Naturwissenschaft und Johannes Kepler (1571-1630) für die Astronomie bewirkten, das bewirkte Jakob Böhme für die mystisch orientierte deutsche Philosophie. Nicht nur durch seine barocke Sprache, sondern auch durch den Tiefeninhalt seiner Werke bereitete er den geistigen Boden der nächsten Phase vor. Böhme war also, wie Galilei und Kepler, bereits ein Vertreter des Barock, und sein Denken beeinflußte mindestens 3 ganze Phasen, also nach dem Barock auch noch Rokoko und Idealismus (hier insbesondere die deutschen Romantiker). Tabelle

 

Hohes Hochdenken

Das Prinzip der Elemente und Atome als exaktes Wissen in der antiken Philosophie?
Das Prinzip der Subjekte und Monaden als exakte Wissenschaft in der abendländischen Philosophie?

Nachdem die Ionischen Naturphilosophen nach Unteritalien ausgewandert waren, gründeten sie dort die beiden ersten Philosophenschulen der Antike: Xenophanes (ca. 580-485) in Elea (Eleaten) und Pythagoras (ca. 580-500) in Kroton (Pythagoräer). Die Eleaten, deren Schule sich bis ca. 430 v. Chr. hielt, sowie Pythagoras und seine Pythagoräer, die bis ins 4. Jh. v. Chr. aktiv blieben, aber auch die Einzelgänger-Philosophen - z.B. Heraklit (544-483), Anaxagoras (500-428), Empedokles (483-424) und Leukipp (5. Jh. v. Chr.) sind in etwa zu vergleichen mit den barocken Philosophen und Naturforschern des Abendlandes, von denen die meisten auch großartige Mathematiker und Naturwissenschaftler waren. (Vergleich).

Die fünf pythagoräisch-platonischen Urkörper (aus Keplers Harmonices Mundi libri V, 1619) sind regelmäßige Vielflächler, ihre Ecken liegen auf einer Kugel. (vgl. sfaira = Kugel, Sphäre). Sie entsprechen dem Weltganzen und den vier Elementen (Feuer, Erde, Luft, Wasser). (4 Elemente4 Elemente). Nicht nur bei Pythagoras, sondern auch bei Johannes Kepler hatten Zahlen und geometrische Figuren sinnbildlichen Charkater. Keplers Lehre von den Planetenschalen verdankt sich noch der mathematischen Mystik: er griff auf die fünf platonischen Urkörper zurück. Ein Brief Keplers aus dem Jahre 1608 definiert dann aber, wohl zum ersten Male in der abendländischen Kulturgeschichte, die Grenze zwischen dem Symbolischen und Rationalen:

„Auch ich spiele ja mit Symbolen, ich habe ein kleines Werk angelegt, 'geometrische Kabbala'; es handelt von den Ideen der Naturdinge in der Geometrie. Allein ich spiele so, daß ich dabei nie vergesse, daß ich spiele. Denn mit Symbolen wird nichts bewiesen“. (Kepler).

Was aber wird nicht alles im Spiel gewonnen? Das Spiel ermöglicht psychische Ganzheit, Integration und Zentrierung durch Projektion. Nach Carl Gustav Jung (Psychologie und Alchemie, 1944) projiziert z.B. der Alchemist seinen Individuationsprozeß durch die Symbolisierung von Zerstörung, Auflösung und Neugestaltung in die chemnischen Wandlungsvorgänge.

Alles ist Zahl - das war die Devise des Pythagoras, der in Kroton (Unteritalien) einen Bund für sittlich-religiöse Lebensform gründete und wegen seiner exklusiv aristokratisch-konservativen Einstellung verfolgt wurde. Er suchte das Geheimnis der Welt nicht in einem Urstoff, wie alle seine Vorgänger, sondern in einem Urgesetz, dem Urgesetz der zahlenmäßigen Beziehungen der Weltbestandteile. Für Pythagoras war die Welt ein harmonisches Ganzes, ein ewiges, lebendiges göttliches Wesen: der Kosmos. Die Weltharmonie war für ihn musikalisch. Pythagoras hatte erkannt, daß Zahlenverhältnisse für den harmonischen Zusammenhang der Töne sorgen. Bei dem Monochord, einem altgriechischen Instrument mit einer Saite über einem Resonanzkörper mit beweglichem Steg, ergibt sich bei der Halbierung der Saitenlänge ein um eine Oktave höherer Ton. Für die Oktave ist also das Verhältnis der Saitenlängen 1:2, für die Quinte 3:2 und die Quarte 4:3. Pythagoras gründete auch die soziale Harmonie auf Zahlenverhältnisse und identifizierte sogar Tugenden mit bestimmten Zahlen. Er stellte sich die Zahlen als geometrische Figuren vor, die die Welt erst zur Welt, zu einer Ordnung machten. Er erforschte die Geometrie der vollkommenen festen Körper, der fünf Urkörper, die wir heute als die fünf platonischen Urkörper kennen. Es handelt sich hierbei um konvexe Polyeder, die von regelmäßigen, untereinander kongruenten Vielecken begrenzt werden und in deren Ecken jeweils gleich viele Kanten zusammenstoßen.

Pythagoras und nach ihm Platon (427-347) meinten, die mathematisch-geometrischen Körperformen entsprächen der Form der Seele, so daß Wahrnehmung und Erkenntnis durch Passung zustande kämen. Die Mathematik würde dann zugleich die Prinzipein im Aufbau der Seele und der Objektwelt erfassen. Erkennen hieße dann, wie der für seine Unschärferelation und seinen Versuch einer Weltformel berühmte Physiker Werner Heisenberg (05.12.1901 - 01.02.1976) erklärte: das sinnlich Wahrnehmbare außen mit den Urbildern innen vergleichen und es damit als übereinstimmend zu beurteilen. Heisenberg stellte 1925-1927 fest, daß sich die Elementarteilchen durch weitere Teilungen nicht mehr in weitere (z.B. kleinere) Teilchen, also Körperformen zerlegen lassen, sondern lediglich und für kurze Zeit in mathematisch-geometrische Formen, die nicht lokalisierbar sind und dann wieder in ihre ursprüngliche Teilchenform übergehen. Sein Fazit war, daß man keine exakten Vorhersagen mehr machen könne und statt dessen auf Wahrscheinlichkeiten der Wahrscheinlichkeit angewiesen sei. Heisenberg beeinflußte mit seinen fundamentalen Beiträgen zur Atom- und Kernphysik die Entwicklung der modernen Physik sehr. (Heisenberg).

Pythagoras steht heute noch Pate bei der String-Theorie, die behauptet, die Bauelemente des Kosmos seien winzige Fädchen aus Energie - wie Saiten (strings) unaufhörlich vibrierend. Aus ihren Schwingungen bestünden dann alle Elementarteilchen und physikalischen Kräfte. Die Strings brächten das Universum wie eine riesige Äolsharfe zum Klingen. Auch Pythagoras meinte, die bewegten Himmelskörper tönten in Intervallen (Sphärenharmonie); diese Harmonie sei aber nicht wahrnehmbar, weil sie unaufhörlich auf uns einwirke.

Über die wissenschaftliche Tätigkeit des Pythagoras sagte Heraklit (544-483), Pythagoras habe am meisten von allen Menschen sich mit Forschung befaßt; er fügte allerdings hinzu, Pythagoras habe sich daraus eine Vielwisserei und Afterkunst zurecht gemacht, denn Heraklit ließ außer sich niemand gelten. Die Unterrichtsgegenstände der Pythagoräer waren hauptsächlich Gymnastik, Heilkunde und Mathematik, zu der sie die Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik rechneten: diese Einteilung blieb die ganze antike Geschichte hindurch kanonisch. Ihre große Geistestat bestand eben darin, daß sie die Astronomie und Musik als eine Art angewandte Mathematik erkannten. Sie entdeckten, daß die Tonabstände Quart, Quint und Oktave durch die einfachen Zahlenverhältnisse 3:4, 2:3, 1:2 ausdrückbar sind, und von da an gelangten sie zu der tiefen, schon in der späteren Antike nicht mehrverstandenen Erkenntnis, daß alles Musik, Harmonie und Zahl sei. (Vgl. oben). Nach dem Prinzip des Geraden und Ungeraden stellten sie eine Art Tafel der Weltkategorien auf, wobei die „1“ als die gerad-ungerade Urzahl galt, die die beiden Reihen aus sich heraus erzeugt. Das Ungerade ist das Begrenzte, das Gerade ist das Unbegrenzte (weil es ins Unendliche teilbar ist), wobei nach echt griechischer Auffassung das Begrenzte als das Vollkommenere gilt, und diesem Dualismus entsprechen nun sämtliche Gegensätze im Weltall: Eines und Vieles, rechts und links, Männliches und Weibliches, Licht und Dunkelheit, Gutes und Böses und alle übrigen. Ferner ist der Punkt das Prinzip der Einheit, die Linie (da sie von zwei Punkten bestimmt wird) das der Zweiheit, die Fläche der Dreiheit, der Körper die Vierheit: aus 1,2,3,4 besteht die ganze Körperwelt. Aber auch die ganze Zahlenwelt, denn 1+2+3+4 sind 10, alle folgenden Zahlen nur Wiederholungen der ersten Zahlenreihe. Die ungeraden Zahlen erweisen sich auch darin als die vollkommeneren, daß sie alle aus Differenzen von Quadraten zusammengesetzt sind: 3=2²-1², 5=3²-2², 7=4²-3², 9=5²-4² u.s.w., und daß die Summen der aufeinander folgenden Ungeraden immer wieder Quadrate ergeben: 1+3=2², 1+3+5=3², 1+3+5+7=4², 1+3+5+7+9=5² u.s.w.. Nach diesen wenigen Proben wird man sich vielleicht schon ungefähr vorstellen können, worauf der Pythagoräismus hinaus wollte. Im Grunde war sein Kardinalprinzip kein anderes als das Galileische: „Das Buch des Universums ist in mathematischen Lettern geschrieben“ und überhaupt das der ganzen modernen Naturwissenschaft, die z.B. die völlige Verschiedenheit so vieler aus denselben Bestandteilen zusammengesetzter Stoffe auf die Ungleichheit der Atomzahlen zurückführt und die Vielfältigkeit der Farben auf bloße Unterschiede der Schwingungszahlen. Nur daß der Pythagoräismus noch viel weiter ging, indem er die Mathematik einen Bund mit der Mystik schließen ließ. Auch dies erscheint nur auf den ersten Blick paradox; denn bloß die niedere Mathematik ist rational, die höhere eine Art Zauber und ein Pfad zum Absoluten. Vielleicht sollte deshalb später einer der größten deutschen Neumystik-Frühromantik-Vereiniger, der Dichter Novalis (1772-1801), sagen: „Echte Mathematik ist das eigentliche Werkzeug des Magiers; das höchste Leben ist Mathematik; das Leben der Götter ist Mathematik; reine Mathematik ist Religion“. Und in der Tat war der Pythagoräismus eine Religion, die sich sehr nahe mit der Orphik berührte: auch die Pythagoräer lehrten die Seelenwanderung; daher wohl auch die bedeutende Rolle, die die Frauen spielten - ein ungriechischer Zug! Einer seiner sonderbarsten Glaubenssätze aber war die Lehre von der paliggenesia, der ewigen Wiederkunft, die aber einer mathematischen Weltanschauung nicht allzu fern lag.

Die Pythagoräer waren also nicht nur Mathematiker, sondern auch religiös motivierte Politiker. Die Anhänger der Philosophie des Pythagoras waren nämlich im engeren Sinne Mitglieder der von diesem gegründeten religiös-politischen Gemeinschaft in Kroton. Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurden die der Aristokratie nahestehenden Pythagoräer aus Unteritalien mit Ausnahme von Tarent vertrieben, und bald nach 350 v. Chr. gab es in Unteritalien keinen Bund der Pythagoräer mehr. (Vgl. 18-20). Pythagoras kann man aufgrund der politischen Motive durchaus mit Oliver Cromwell (1599-1658) vergleichen, vom geistigen Standpunkt her gesehen mit Francis Bacon (1561-1626) und Thomas Hobbes (1588-1679). Wenn er aber auch mit Leibniz (1646-1716) zu vergleichen ist, dann hätte er Philosoph, Mathematiker, Physiker, Diplomat, Historiker, Erfinder, also Universalgenie sein müssen, denn Leibniz war wohl der universalste und schöpferischste Gelehrte des Abendlandes. Irgendwie hatte er doch auch etwas Einzelgängerisches, ja „Monadisches“.

Auch Heraklit (544-483) war einzelgängerischer Philosoph und Politiker, für den es nur einen Urgrund gab: das Feuer als die Weltvernunft schlechthin. Das Feuer war für ihn der Urstoff, der Logos als das Urfeuer, das sogar über den Göttern thront. Heraklit war ein Verächter der Masse: von Volkssängern lasse sie sich leiten, sie wisse nicht, daß die Mehrheit schlecht und nur die Minderheit gut sei, „die meisten liegen da, vollgefressen wie das liebe Vieh“. Aber auch die über die Menge Emporragenden konnten es ihm nicht recht machen: „Vielwisserei bildet den Geist nicht, sonst hätte sie den Hesiod belehren müssen und den Pythagoras, den Xenophanes und den Hekataios“ (den Vater der Geographie, der auch als der erste Geschichtsschreiber gilt). Homer und Archilochos hätten verdient, ausgepeitscht zu werden, meinte Heraklit. Für seine eigene Philosophie, die er mit dem tiefen Satz charakterisierte: „Ich habe mich selbst gesucht“, rechnete er auf kein Verständnis: „Die Hunde bellen jeden an, den sie nicht kennen, und der Pöbel greift alles an, was ihm neu ist“, „für den Logos, obgleich er immer da ist, haben die Menschen keinen Sinn, weder bevor sie von ihm gehört haben noch nachdem sie von ihm gehört haben“, „wie Taube sind sie, anwesend sind sie abwesend“. Zweifellos war die gedankenschwere, überkomprimierte Aphosristik Heraklits eine bewußt gewählte Stilform und ihre Rätselhaftigkeit beabsichtigt; von ihr gilt, was er vom Delphischen Orakel sagte: „Es spricht nicht und verbirgt nicht, sondern deutet an“. Heraklits Sentenzen sind von schärfstem Schliff, reinstem Glanz und wuchtiger Fassung, messerhart und tausendstrahlig wie Diamanten: „Die Zeit ist ein spielendes Kind, das Brettsteine hin und her schiebt“, Der Seele Wissen kannst Du nicht ausfinden, auch wenn du jeglichen Weg abschrittest, so tief ist ihr Wesen“ (Seele), „Dem Menschen ist sein Ethos sein Dämon“,“Der Mischtrank zersezt sich, wenn er nicht geschüttelt wird“. Der berühmte Ausspruch Heraklits: „In dieselben Flüsse steigen wir hinab und nicht hinab, wir sind es und sind es nicht, denn in denselben Strom vermag man nicht zweimal zu steigen“, will besagen, daß alles Irdische einem ewigen Wandel unterworfen, daß das ganze Dasein ein solcher Fluß ist. Noch weiter ging der Herakliteer Kratylos (5. Jh.), der später Platons Lehrer wurde. Kratylos erklärte, in denselben Fluß zu steigen vermöge man nicht einmal einmal, und später redete er überhaupt nicht mehr, sondern beschränkte sich darauf, mit dem Finger den Kreislauf des ewigen Fließens anzudeuten, womit er wahrscheinlich meinte, daß das Werden so flüchtig und unfaßbar sei, daß die Fixierung durch das Wort es bereits fälschte. Heraklit klagte die Dinge des entgegengesetzten Betrugs an wie der Eleate Parmenides (540-480): daß sie uns ein beharrendes Sein vorspiegeln. Für Heraklit entsteht der Schein des Beharrens, wenn zwei gegensätzliche Kräfte sich das Gleichgewicht halten. Ein jegliches Ereignis ist das Ergebnis einer Selbstentzweiung und Wiederversöhnung, der Krieg der Vater der Dinge, der Streit (Kampf) der Pulsschlag der Welt. Bekanntlich beruht auf dem Grundgedanken, daß das Treibende in der Weltentwicklung der Widerspruch und dessen Auflösung sei, auch Hegels Philosophie. (Vgl. Dialektik). Ganz wie bei Hegel trug schon bei Heraklit jeder Zustand seinen Übergang in den entgegengesetzten, somit diesen selbst in sich: „Die Menge“, sagt er höhnisch, „sucht Belehrung bei Hesiod, er, meint sie, wisse am meisten, der nicht einmal Tag und Nacht kennt, denn er weiß nicht, daß beide eins sind“. Die Nacht gebiert den Tag, der Tag die Nacht, also ist die Nacht latenter Tag, der Tag potentielle Nacht. Aus Totem wird Lebendiges, aus Lebendigem Totes, aus Wachen Schlaf, aus Schlaf Wachen, und ebenso verhält es sich mit den Jahreszeiten, mit Hunger und Sättigung, Gesundheit und Krankheit, Anstrengung und Erholung, jung und alt. Aus dem Gegensatzpaar des Männlichen und Weiblichen entsteht das Leben, aus dem ebenfalls antipodischen Vokalen und Konsonanten die Sprache, aus den hohen und tiefen Tönen die Harmonie. Diese Harmonie durchwaltet alles, und gegen die, welche einwenden, daß sie nicht wahrnehmbar sei, setzte Heraklit das Orakelwort: „die unsichtbare Harmonie ist gewaltiger als die geoffenbarte“. In dieselbe Richtung zielt auch sein tiefsinniges Gleichnis, das Platon im „Symposion“ überlieferte: „Die Einheit entzweit sich und söhnt sich wieder mit sich aus, wie die Harmonie des Bogens und der Leier“. Der scharfsinnige Heraklit (der wegen seines Tiefsinns auch „der Dunkle“ genannt wurde) meinte wohl ganz einfach das Phänomen der Spannung, eine von ihm genial erahnte Weltrealität. Aus alledem folgt aber, daß vor der Gottheit alles gleich schön, gut und gerecht ist, „nur die Menschen halten das eine für unrecht, das andere für recht“. Diese Welt, die von jeher war und immerdar sein wird, ist „ein ewiglebendes Feuer, das nach Maßen sich entzündet und nach Maßen wieder verlischt“. Feuer ist die alles durchwaltende und durchwärmende Weltseele, die alles erleuchtende Weltvernunft. (Vgl. Feuer und Sprache). Wenn Heraklit sagte, daß alles Feuer ist, so meinte er damit, daß alles belebt ist. Die exakte, nicht etwa bloß symbolische Analogie zwischen dem Leben und einer Flamme hat die moderne Naturwissenschaft enthüllt. Die kohlenstoffhaltige Nahrung gelangt im Organismus zur Verbrennung, indem sie mit dem eingeatmeten Sauerstoff oxydiert wird, und das Endprodukt ist Kohlensäure. Ferner herrscht in einer Flamme ein ununterbrochener sehr rascher Stoffwechsel, und auch dies empfahl sie zum Weltprinzip des Heraklitismus. Und mit seiner Lehre vom ewigen Kreislauf antizipierte dieser ebenfalls eine der Grundideen der heutigen Naturwissenschaft. Heraklits Vernunft, den Logos (das Feuer bzw. Urfeuer als Welt- oder Urvernunft), zu erkennen als Feuer, das in allem waltet, alles durch alles steuert, ist weise; weise ist es, sich dieser Vernunft zu beugen und zu fügen. Nur durch Unterwerfung unter die Gesetze der Vernunft, die in der Ordnung der Natur zum Ausdruck kommen, kann der Mensch die Heiterkeit der Seele gewinnen, die sein höchstes Glück ausmacht. Heraklit wirkte weit über seine Zeit hinaus und war in etwa das für die Antike, was Descartes (1596-1650) für das Abendland war: ein von der Souveränität der Vernunft Überzeugter. Descartes begründete bekanntlich den von der philosophischen Souveränität der Vernunft überzeugten Rationalismus. Der Cartesianismus steht ja nicht nur für ihn selbst, sondern vor allem für die Philosophie seiner Anhänger und Fortbildner in Frankreich, Deutschland, Holland und Italien, die sich in vier verschiedene Richtungen entwickelten; eine davon ist der Okkasionalismus. Der Cartesianismus ist gekennzeichnet durch den Ausgang von der Selbstgewißheit des Bewußtseins ([Ego] cogito, ergo sum), durch den strengen Dualismus von Leib und Seele (Leib-Seele) und durch die rationalistische mathematische Methode. Descartes erreichte so eine außerordentliche Wirkung. Wo Methode und Evidenz die Oberhand gewonnen hätten, dort müßten bewaffneter Glaubenseifer und Positionsanmaßung das Feld räumen, folgerte er in seiner Abhandlung über die Methode (Discours de la méthode, 1637). Seit Descartes konnte sich das Denken viel vorbehaltloser als zuvor öffnen für die Epochenaufgabe: Maschinenbau. (Epoche). Für Descartes waren Tiere Maschinen (Automaten) ohne Seele. Seine Metaphysik des Maschinenbaus stellt den Versuch dar, alles Seiende in kleinste Teile zu zerlegen und die Regeln für deren Zusammensetzung bekanntzumachen. Descartes verpflichtete das Denken auf das Hin und Her von Analysis und Synthesis und machte so die Vernunft selbst ingenieursförmig. Descartes war deshalb ein Ingenium (Scharfsinniger, Erfinder) wie der ingeniöse Heraklit, für den Vernuft Feuer war:

„Das Weltall hat weder der Götter noch der Menschen einer gemacht, sondern es war immer und ist und wird immer sein ein ewig lebendiges Feuer;
gesetzesmäßig sich entzündend und wieder löschend.“ (Heraklit, Fr. 30 Heraklit).

Aus dem einen allwaltenden göttlichen Urfeuer (Logos) geht durch Zwiespalt und Kampf die Vielheit der Dinge hervor („Weg hinab“); Eintracht und Friede bringt Erstarrung, bis das Erstarrte wieder zur Einheit des Urfeuers zurückkehrt („Weg hinauf“). In diesem ewigen „Auf-und-Ab“ wird aus „Einem“ „Alles“ und aus „Allem“ „Eines“. Alles fließt, aber in diesem Fließen waltet der Logos als Gesetz, das nur wenige erkennen. So ist Gott Tag und Nacht, Sommer und Winter, krieg und Frieden, Sättigung und Hunger; gut ist schlecht, schlecht ist gut - in allem ist Gegensätzliches vereint und doch verborgene Harmonie, und diese unsichtbare Harmonie ist besser als die sichtbare Gegensätzlichkeit. Krieg ist der Vater aller Dinge, und die einen erweist er als Götter, die anderen als Menschen, die einen als Freie, die anderen als Sklaven. Heraklit war echt weise!

Die Lehre des Heraklit hatte ganz erhebliche Auswirkungen.
Sie hatte Einfluß auf Platon, also auch auf den Platonismus,
sie wurde insbesondere von der Stoa wieder aufgenommen,
verbreitete sich von dort aus über die christliche, ja die
ganze abendländische Philosophie, wobei hier auch die
heraklitischen Feuer-Analogien von der exakten
(Natur-) Wissenschaft bestätigt wurden.

Xenophanes (ca. 580-485 Xenophanes (ca. 580-485)), wahrscheinlich der Begründer der Eleaten-Schule, polemisierte gegen das herrschende Weltbild des Polytheismus und meinte: „alles haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was bei den Menschen Schimpf und Schande ist: stehlen und huren und einander betrügen“. (Projektionen). Xenophanes gelangte bereits zu dem Satz Feuerbachs „homo homini deus“: seine Götter denke sich der Äthiopier schwarz und plattnasig, der Thraker blond und blauäugig, und der Ochse vermutlich als Ochsen, das Pferd als Pferd; aber was bei Feuerbach ein lederner Treppenwitz war, das war bei Xenophanes, dem bitteren Grübler, eine Geistestat von höchster Neuheit und Kühnheit. Für ihn gab es nur einen Gott, „weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Denken“, „ganz Auge, ganz Ohr, ganz Verstand“, und diese Gottheit war für ihn identisch mit dem Weltganzen, en kai pan (hen kai pan, eins und alles). Xenophanes war der erste hellenische Pantheist. Zugleich aber war er, wie alle großen Dichter, Agnostiker: volle Gewißheit über Gott und Natur habe noch keiner erlangt und werde auch keiner erlangen, denn Schein ist über alles gebreitet. Dieser Gedanke, daß unsere Welt eine Scheinwelt sei, bei Xenophanes eine geistreiche Bemerkung, wurde von dem Eleaten Parmenides (ca. 540-470), dem Großen, wie Platon ihn nannte, zum Grundstein seines tiefsinnigen Lehrgebäudes gemacht. Er schrieb über die Wahrheit (alhqeia) und von der Meinung (doxa), man könnte auch sagen: von der wahren und der Sinnenwelt, und das Ganze etwa nach Schopenhauer betiteln: Die Welt als Sein und Vorstellung. (Schopenhauer). In der Einleitung wird geschildert, wie ihn ein Wagen, von Sonnenjungfrauen gelenkt, aus dem Reich der Nacht zum Licht emporführte, und diese phantastische Einkleidung ist nicht unberechtigt, denn er mußte in der Tat den Blitz, der ihm mit einem Schlag die Phänomenalität der Welt erhellte, wie eine göttliche Erleuchtung und Berufung zu übermenschlichem Wissen empfunden haben. Ein Grundgedanke, der immer wiederkehrt, ist die Einheit, Unvergänglichkeit und Wandelbarkeit des Seineden: „Es ist mir einerlei, von wo ich ausgehe, da ich ja doch immer wieder auf dasselbe zurückkomme“. Das Seiende war für Parmenides einzig, ohne Anfang und Ende, ein Kontinuum (souneceç), alles mit einem Mal: „Man kann nicht sagen: es war oder es wird sein, sondern es ist jetzt“. (Gegenwart). Aber die Natur bestätigt diese Aussage nicht: sie zeigt uns im Gegenteil nichts als Vielheit, Entstehen und Vergehen, Wechsel. Also ist die Natur im Unrecht, und was wir Werden nennen, eine Täuschung, für den, der ihn zuerst zog, ein Schluß von einer abgrundtiefen Verwegenheit. Aber Parmenides versuchte ihn auch dialektisch zu begünden: das Seiende kann nicht entstanden sein, weder aus dem Seienden, weil es dieses ja schon selber ist, noch aus dem Nichtseienden, weil dieses überhaupt nichts ist; es kann auch nicht vergehen, weil es dann zu seinem Gegenteil, einem Nichtseienden, werden müßte; es kann auch nicht unendlich sein, weil es dann niemals vollendet, also unvollkommen wäre. Das ist ebenso typisch griechisch empfunden wie die Minderwertigkeit des Geraden im Zahlenwerk des Pythagoräismus, und noch griechischer ist ein Gedanke, der uns ziemlich paradox anmutet: das Sein ist eine Kugel (!). (sfaira = Kugel, Sphäre). Nach allen Seiten gleich ausgedehnt, völlig ebenmäßig gebaut, rund und in sich geschlossen: nur dies verbürgt ihm die Ewigkeit. Dieses absolute Sein läßt sich im reinen Denken erfassen, denn, so Parmenides, „das Denken und der Gegenstand des Denkens sind identisch“. Hier kündigte sich bereits die Ideenlehre Platons an. Parmenides' Begriff einer ungewordenen, unvergänglichen Substanz des Seienden bedeutet, daß alle Veränderung nur subjektiver Schein und Trug ist, durch die Sinneswahrnehmung hervorgerufen. (Vgl. Subjektivismus). Das Wahre, Seiende wird nur durch das Denken enthüllt, ja ist dieses Denken, wie dieses das Sein, während die Sinneswahrnehmung nur Meinung (doxa) erzeugt. Nach Parmenides zerfällt die Welt in zwei Urstoffe, aus deren Mischung sie entsteht: in das helle und tätige Feuer und in die dunkle und passive Masse. Parmenides erinnert auch an Gautama Buddha (ca. 560-480), der im fernen Indien lehrte, daß die Vielheit nur für den Nichtwissenden bestehe und wer sie als Täuschung durchschaue, sei erlöst. Parmenides' Lehre von der Unwirklichkeit der Sinnenwelt wurden von seinem Schüler, dem Eleaten Zenon (490-430) ausgebaut. Berühmt waren seine Aporien, Spitzfindigkeiten, aus denen man sich nicht heraushelfen kann. So behauptete er z.B., jeder Körper sei sowohl unendlich klein wie unendlich groß: unendlich klein, denn er bestehe, da er unbegrenzt teilbar sei, aus einer Summe von zahllosen Teilen, die zusammen wieder nur ein unendliches Kleines ergeben können; unendlich groß, denn bei jener unbegrenzten Teilung erhalte man unendlich viele Teile, aus denen man den Körper zusammensetzen und, da zahllose übrig bleiben, ins Unendliche anwachsen lassen kann. Hier wird das Nicht-Abendländische an der Antike, d.h. ihr Gegenstück, geanz deutlich, denn dieser typisch antike Gedankengang des Zenon beruht auf einem Mißbrauch des Begriffs der Unendlichkeit , der - bewußt oder unbewußt - unklar gefaßt wurde: in wie viele Teile der Körper auch zerlegt wird, immer wird deren Summe (1/x)x oder, wenn es unendlich viele sind, (1/n)n sein und immer 1 ergeben, d.h. den Körper selber, den „Einzelkörper“. Eine andere Aporie war der Pfeil: der fliegende Pfeil ruht, denn er befindet sich in jedem kleinszen Zeitteilchen, dem „Jetzt“, nur an einem einzigen Ort, also im ruhenden Zustand; da aber die ganze Zeit, die er fliegt, aus solchen „Einzelmomenten“ zusammengesetzt ist, so bewegt er sich überhaupt nicht vorwärts. (Vgl. „Statik“). Hier liegt der (typisch antike) Trugschluß darin, daß das „Differential“ gleich 0 gesetzt wurde: zu dem „Jetzt“, der unendlich kleinen Zeit dt (Differential von t), gehört nämlich der unendlich kleine Weg ds, und nach der Formel v = ds/dt ist daher die Pfeilgeschwindigkeit im kleinsten Zeitteil ds/dt aber nicht 0/0. Eine andere Aporie, das Beispiel Kornhaufen(Medimnos), weist auf den Widerspruch hin, daß ein Scheffel Getreide beim Umfallen ein Geräusch hervorbringe, das einzelne Korn aber nicht, somit sei entweder das Gesamtgeräusch oder die Geräuschlosigkeit der Einzelkörner eine Sinnestäuschung. Dieses Paradoxon fand seine Erklärung durch das Gesetz vom Schwellenwert der Empfindung, das erst um 1840 bis 1860 von Fechner (1801-1887) entdeckt wurde: jeder Reiz wird erst bewußt, wenn er eine gewisse Stärke besitzt, durch die er die Empfindungsschwelle zu überschreiten vermag; Gehörsempfindungen entstehen durch jedes einzelne Korn, aber erst ihre Summation erlangt den Schwellenwert, und wieviel Körner dazu nötig sind, läßt sich nur durch das Experiment feststellen. Aber noch verzwickter ist die Frage des „phalakros“: Wieviel verlorene Haare machen einen Kahlkopf?  Offenbar ist es ein einziges Haar, das den Übergang macht. Hier stößt man, das Problem verallgemeinernd, in der Tat auf einen schwer lösbaren Knoten: die Willkürlichkeit unserer Sprache, unserer Begriffsbildungen, was aber weniger ein Einwand gegen unsere Sinneseindrücke bedeutet als gerade gegen unsere Ideenwelt, die Parmenides als die einzig wahre erblickte. Die antike Aporien waren Vorläufer der Kantschen „Antinomien der reinen Vernunft“, so nannte Kant Lehrsätze, deren Bejahung ebenso richtig und beweisbar ist wie deren Verneinung. Zum Beispiel: die Welt ist eine zeitlich unbegrenzte Größe. Aber hätte sie keinen Anfang in der Zeit, so müßte im gegenwärtigen Zeitpunkt bereits eine Ewigkeit abgelaufen sein, eine abgelaufene Ewigkeit ist aber ein Unding. Also ist die Welt eine zeitlich begrenze Größe. Aber hätte sie einen Anfang in der Zeit, so hätte diesem eine Zeit vorausgehen müssen, in der keine Welt, also nichts war, eine leere Zeit, also wiederum ein Unding. Die Lösung liegt darin, daß das Weltganze keine gegebene Größe, kein Gegenstand unserer Erkenntnis, kein Objekt unserer Vernunfttätigkeit ist. Es ist für uns ein „Ding an sich“, d.h. daß es jenseits der Grenzen unseres Vorstellungsvermögens liegt. Wir können daher weder sagen, daß es zeitlich begrenzt noch daß es zeitlich unbegrenzt ist, denn die Zeit ist eine subjektiv menschliche Anschauungsform, die auf das Ding an sich keine Anwendung findet.

Anaxagoras (500-428) war Mathematiker und Astronom aus Klazomenai (Kleinasien) und lehrte in Athen. Er wurde 431 aber von dort wegen Gottlosigkeit vertrieben, weil er behauptet hatte, die Sonne sei eine glühende Steinmasse. Er lebte danach im Lampsakos. Die Verschiedenheit der Naturkörper führte er auf verschiedenartige, unveränderliche, unendlich kleine Elemente des Wirklichen („Samen der Dinge“, griech.: Homoimerien) zurück, die anfangs, bunt durcheinandergemischt, ein Chaos bildeten. Der „Nous“ (in etwa: „Weltvernunft“), „das feinste und reinste aller Dinge“, setze sie in Bewegung und ordne sie: „es trennen sich die ungleichartigen, es verbinden sich die gleichartigen Elemente; die Dinge entstehen“. Dabei sei der „Nous“ in der Materie, in der er wirke; doch mische er sich nicht mit ihr; er sei unvermischbar. „Kein Ding entsteht, noch auch vergeht es, sondern aus vorhandenen Dingen setzt es sich zusammen, und durch Trennung dieser Dinge vergeht, zerfällt es“. Nur Ungleiches und Gegensätzliches könne erkannt werden. Anaxagoras gehörte keiner bestimmten Richtung oder Schule an, er zählte zu den großen „Einzelgängern“, wie u.a. auch Heraklit (544-483), für den das Feuer als der Urstoff (Logos als Weltvernunft) galt, oder Empedokles (483-424), der für das Verbinden und Trennen des Unveränderlichen, Unentstandenen und Unvergänglichen erstmalig die 4 Elemente bestimmte (Feuer, Erde, Luft, Wasser). (4 Elemente4 Elemente). Sie waren Einzelgänger, aber nicht allein deswegen auch Subjektivisten bzw. Elementekinetiker. (Vgl. Tabelle).

Empedokles (483-424) schrieb sich selbst magische Kräfte zu, und wurde, als Arzt, Priester und Wundertäter umherziehend, von seinen Anhängern als Gott verehrt. Er lehrte im Anschluß an die mystische Orphik, daß es Entstehen und Vergehen im eigentlichen Sinn nicht gibt, sondern nur Mischung und Entmischung, Verbindung und Trennung von unveränderlichen, unentstandenen und unvergänglichen Elementen, deren Empedokles vier aufzählt: Feuer, Erde, Luft, Wasser. (Theologie). Aus einem Urzustand der absoluten Mischung, in dem keine Einzeldinge existieren, entwickelt sich allmählich ein Zustand der absoluten Trennung der Elemente, aus diesem wieder der Zustand der Mischung und so fort ins Unendliche. Die bewirkenden Kräfte dieser Entwicklung nannte Empedokles „Liebe und Haß“ (Freundschaft und Zwist, Anziehung und Abstoßung), die abwechselnd zur Alleinherrschaft kommen. Von den Lebewesen waren zuerst die Pflanzen aus der Erde hervorgekeimt, danach tierische Wesen, und zwar zuerst nur als Teilwesen, die sich später vereinigten, wobei jedoch nur lebensfähige Gebilde sich fortpflanzten (Gedanke des Überlebens des Tauglichsten; Darwin). Auch der Mensch sei so entstanden, der das ihm seinsmäßig Nahestehende allein erkenne; denn Gleiches werde stets durch Gleiches erkannt, die Sonne z.B. durch das sonnenhafte Auge (Goethe). (Vgl. auch Hölderlin, „Der Tod des Empedokles“, 1798/99).


In der Antike bewgten sich die Hochrationalisten allmählich auf die 4 Elemente zu,
im Abendland bewegten sich die Hochrationalisten allmählich von den 4 Elementen weg,
aber auch auf etwas zu, was erst die Hochmodernisten wissenschaftlich bestätigen sollten
und was sich auf die alle Vorgänge in der Natur zurückführen läßt: die 4 Naturkräfte. (4 Naturkräfte).


Was für Heraklit die Geschichte des Logos (Feuer) war, das war für die Eleaten Xenophanes und Parmenides das All-Eine. Die Eleaten Zenon und Melissos versuchten, das All-Eine zu beweisen, und der Einzelgänger Empedokles versuchte, das All-Eine zu sein. Was Galilei für die Geschichte der naturwissenschaftlichen Methodik war, war Descartes für deren theoretische Grundlagen, weil die moderne Technik auch nur dadurch entstehen konnte, daß Descartes die Menschen in eine Position gegenüber der Natur brachte, von wo aus eine durchgreifende Naturbeherrschung überhaupt erst möglich wurde. Er hat die Menschen so denken gelehrt, daß sie die Technik erschaffen konnten. Kepler erfand das astronomische Fernrohr (1600), während er mit der Begründung der Planetengesetze (1605-1609) beschäftigt war. Pascal (1623-1662) begründete die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Leibniz und Newton begründeten unabhängig voneinander die Infinitesimalrechnung (1665/1672). Leibniz erfand eine Multipliziermaschine (1673), Newton das Spiegelteleskop (1669). Außerdem begründete Newton die Gravitationsgesetze (1666).

Grundsätzlich waren die Eleaten Vertreter des Rationalismus und des Agnostizismus, aber im Gegensatz zum faustischen Abendland fehlte der apollinischen Antike dieser gesamte Zug zur wissenschaftlichen Praxis, zur Trennung von Geist und Natur, zur Bejahung der Zeit und des unendlichen Raums. Der unendliche Raum wurde und wird im Abendland nicht denkerisch übersprungen, sondern willentlich erforscht und untersucht, selbst auf die Gefahr hin, daß man sich in ihm verliert, wie es die gotischen Dome symbolisch verraten und wie die Seefahrer anfangs auch ohne Kenntnis der Ozeanwinde darauf hofften, daß es dort einen Wind geben könne, der sie wieder zurück nach Portugal bringen würde. (Vgl. 10-12). Der Mensch ist das Maß aller Dinge, behauptete der Sophist Protagoras (480-410), der sich auch zuerst als Sophist und Menschenkenner bezeichnete. (Sophistik). Die Technik ist das Maß aller Dinge, könnte man dagegen die Devise der rational-empirisch ausgerichteten Meister des Abendlandes nennen. Die Antike war in philosophischen Angelegenheiten von grandioser Eigenart, aber sie sah in allen kulturellen Elementen nichtzeitliche Körper, ahistorische Halbgötter (Halbmenschen), zeitlose Urstoffe und raumlose Gesellschaftskörper. Für letztere ist die Polis das beste Beispiel. Ursymbol und Seelenbild müssen um 180 Grad gedreht werden, wenn man Antike und Abendland vergleichen will. Wahrscheinlich beschäftigen wir uns deshalb so gern mit der Antike. Es scheint dies eine solche Vater-Sohn-Beziehung zu sein, die typischerweise symbiotisch ausfällt.

 

Leukipp (5. Jh. v. Chr.), Begründer der Atomistik, war
Lehrer und älterer Zeitgenosse des Demokrit (460-371).

 

Was in der Antike als Ein-und-Alles(hen kai pan) galt und mit Xenophanes zum ersten Mal auch naturphilosophisch und mit der Forderung nach freier Weisheit fundiert worden war, das war im Abendland die auf Experiment und Rationalismus beruhende mechanische Naturerkenntnis, die freie Wissenschaft nur sein konnte und von Galileo Galilei (1564-1642), dem Begründer der neueren mechanistischen Naturphilosophie, vehement gefordert wurde. „Er starb in dem Jahr, da Newton geboren wurde. Hier liegt das Weihnachtsfest unserer neuen Zeit“ (Goethe). „In ihm folgte auf mehr als 2 Jahrtausende von Beschreibung und Formbetrachtung der Natur das Studium einer wirklichen Analysis der Natur“ (Wilhelm Dilthey).

Galileis Entdeckung der Fallgesetze war für die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Methode von so überragender Bedeutung, weil sie sich auf reine Erfahrung beschränkte, d.h. nicht auszudrücken versuchte, „warum“ der Stein falle, sondern „wie“ er es tut. Das wahre Buch der Philosophie war für Galilei das Buch der Natur, das nur in anderen Buchstaben geschrieben sei als in denen des Alphabets, nämlich in Dreiecken, Quadraten, Kreisen, Kugeln u.s.w. (vgl. Polyeder). Zum Lesen desselben könne nicht Spekulation dienen, sei vielmehr Mathematik nötig. Für die wissenschaftliche Forschung forderte Galilei: Verwerfung der Autorität in Fragen der Wissenschaft, Zweifel, Gründung der allgemeinen Sätze auf Beobachtung und Experiment, induktives Schlußverfahren. Galilei huldigte einem Rationalismus, der glaubt, die Welt rein auf mechanistische Weise, mit Hilfe von Mathematik, Mechanik und Vernunft, begreifen zu können. Wie wegweisend er für viele Nachfolger und damit für einen wichtigen Kulturteil des Abendlandes wurde, sollte sich durch einen seiner Erben herausstellen, denn die von Newton (1643-1727) aufgestellte Mechanik gilt mit wenigen Einschränkungen noch heute. Newton betonte die Notwendigkeit einer streng mechanischen, kausalen und mathematischen Naturerklärung, zu der er selbst durch die Entdeckung des Gesetzes der Gravitation beitrug, und die sich aller unnötigen Hypothesen enthält. Hierbei spielte auch die sich schon im Nominalismus angedeutete Entwicklung des Empirismus eine Rolle, dessen methodologische Variante Francis Bacon (1561-1626) begründete, die dann später durch eine erkenntnistheoretische Variante von John Locke (1632- 1704) erweitert werden sollte. Newton sah, vielleicht unter dem Einfluß Jakob Böhmes (1575-1624), die absolute Zeit und den absoluten Raum, innerhalb derer die physikalischen Vorgänge streng ablaufen, gleichzeitig als Sinnesorgan Gottes an, dessen geheimnisvolle Wirklichkeit er für unerklärbar hielt. Newton stellte auch mystische Betrachtungen über die Offenbarung des Johannes an. Die Mystik erfuhr nach der Reformation mit Jakob Böhme einen weiteren Höhepunkt, weil dieser Philosophus Teutonicus, nicht zuletzt durch seine Sprachgewalt, gleichermaßen auf einfache Gemüter wie auf differenzierteste Geister wirkte. Was Galileo Galilei für die Naturwissenschaft und Johannes Kepler (1571-1630) für die Astronomie bewirkten, das bewirkte Jakob Böhme für die mystisch orientierte deutsche Philosophie. Nicht nur durch seine barocke Sprache, sondern auch durch den Tiefeninhalt seiner Werke bereitete er den geistigen Boden dieser Phase vor. Böhme war ein Vertreter des Barock, und sein Denken beeinflußte mindestens 3 ganze Phasen, also nach dem Barock auch noch Rokoko und Klassizismus, hier insbesondere die deutschen Romantiker.

Johannes Kepler (1571-1630) war nach dem Studium der evangelischen Theologie in Tübingen war Kepler ab 1594 als Mathematiker in Graz tätig und bis 1612 Assistent des Astronomen Tycho Brahe in Prag. 1604 kam Kepler zu der bedeutsamen Erkenntnis, daß die Marsbahn kein Kreis (wie Kopernikus annahm), sondern eine Ellipse ist. Aus einer mystischen Naturphilosophie und einer pantheistischen Stimmung entwickelte Kepler den Gedanken einer Weltharmonie und fand in dem Bemühen, diesen Gedanken induktiv zu begründen, u.a. die drei nach ihm benannten Gesetze der Planetenbewegung, die ersten Naturgesetze in mathematischer Form; sie drückten für ihn eine gottgewollte Harmonie aus; er veröffentlichte sie in seinen beiden Hauptwerken „Astronomia nova“ (1609) und „Harmonices mundi“ (1619). Die Zahl der Planeten konnte nach Kepler keine andere als fünf sein, weil es nur fünf regelmäßige Polyeder gibt. (Vgl. auch Galilei). Keplers Lehren waren für die Gestaltung des modernen Weltbildes von größter Bedeutung. Auch in der Optik leistete Kepler Bahnbrechendes (1604 „Astronomiae pars optica“, 1611 „Dioptrice“). Er entwickelte darin die Theorie der Linsen und des Fernrohrs (mit zwie Konvexlinsen). Nach dem Tod des deutschen Kaisers (Rudolf II.) erarbeitete Kepler als Mathematiker in Linz einen umfassenden „Abriß der kopernikanischen Astronomie“ (1618-22) und veröffentlichte 1627 die Rudolphinischen Tafeln. Um Obligationszinsen einzutreiben, begab sich Kepler, der ab 1628 in Wallensteins Diensten in Sagan stand, 1630 auf die Reise nach Linz. Er erkrankte in Regensburg, wo er kurz nach seiner Ankunft verstarb.

Keplersche Gesetze

1.)
Die Bahnen der Planeten sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.

2.)
Der Radiusvektor (Verbindungslinie Planet - Sonne; d.h. der Fahrstrahl von der Sonne zum Planeten) überstreicht in gleichen Zeiten gleiche Flächen. Dieser sogenannte Flächensatz bedeutet, daß ein Planet sich am schnellsten im sonnennächsten Punkt (Perihel), am langsamsten im sonnenfernsten Punkt (Aphel) seiner Bahn bewegt.

3.)
Die dritten Potenzen (Kuben) der großen Halbachsen der Planetenbahnen verhalten sich wie die Quadrate der Umlaufzeiten. Anders gesagt: Die Quadrate der Umlaufzeiten der Planeten verhalten sich wie die Kuben ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne. Die Umlaufzeiten und mittleren Entfernungen werden dabei auf die betreffenden Werte der Erde (= 1) bezogen. (Vgl. die folgende Tabelle).

Kepler-Gesetze
Planet
Mittlere Entfernung von der Sonne in AE
Umlaufzeit
in Jahren
Quadratzahl der Umlaufzeit
Kubus der mittleren Entfernung
Merkur
Venus
Erde
Mars
Jupiter
Saturn
0,387
0,723
1,000
1,524
5,203
9,539
  0,241
  0,615
  1,000
  1,881
11,868
29,461
    0,058
    0,378
    1,000
    3,538
140,849
867,978
    0,058
    0,378
    1,000
    3,540
140,852
867,951

Die Keplersche Gleichung ist die mathematische Verknüpfung der mittleren mit der exzentrischen Anomalie (bezogen auf das 1. Keplersche Gesetz: Planetenbahn als Ellipse um sein Zentralgestirn in einem der beiden Brennpunkte). Sie lautet: E-e • sin E = M .  Dabei ist E die exzentrische, M die mittlere Anomalie und e die numerische Exzentrizität der Bahn. Die Keplersche Gleichung stellt eine sehr wichtige Funktion für die Bahnberechnung von Himmelskörpern dar.

Die 3 Keplerschen Gesetze, die auch aus dem fast 70 Jahre später von Newton erstellten Gravitationsgesetze abgeleitet werden können, gelten nur näherungsweise. Sie wären nur dann exakt gültig, wenn die Massen der Planeten gegenüber der Sonnenmasse als vernachlässigbar klein betrachtet und die Anziehungskräfte der Planeten untereinander vernachlässigt werden könnten.


Der deutsche Astronom Simon Mair (1573-1625), auch Marius Simon genannt und ab 1605 in Ansbach am Hof der fränkischen Hohenzollern als Hofastronom tätig, entdeckte den Andromedanebel und - gleichzeitig, aber unabhängig von Galileo Galilei (1564-1642) - 1610 die vier hellsten und gößten Jupitermonde sowie die Venusphasen und die Sonnenflecken. Der Mathematiker und Naturforscher Thomas Harriot (1560-1621), der ebenfalls - unabhängig von Simon Mair (Marius Simon) und Gaileo Galilei - die hellsten und gößten Jupitermonde 1610 entdeckte und Forschungen an ihnen betrieb, verbesserte Winkelmeßgeräte, bewies die Winkeltreue der stereographischen Projektion und berechnete die ballistische Kurve - noch vor Galileo Galilei - als schiefe Parabel. Schon 1601 hatte er das Brechungsgesetz entdeckt - von Willebrord van Snel (Snellius; 1580-1626) mußte es neu entdeckt werden - und 1603 die Inhaltsformel für das sphärische Dreieck gefunden. Harris verbesserte die Gleichungslehre des Franciscus Vieta (François Viète; 1540-1603) und leitete Interpolationsformeln ab. Er zeichnete nach Fernrohrbeobachtungen eine erste Mondkarte, zählte die Sonnenflecken und berechnete danach die Rotationsdauer der Sonne.


- Der Koordinator -

René Descartes (1596-1650) erfaßte die Ebenen und den Raum durch Koordinatensysteme und ermöglichte die Grundlegung der analytischen Geometrie, in der die Zuordnung von rein mathematischen Gebilden (etwa algebraischen Gleichungen) und geometrischen Formen (Geraden, Kurven, Flächen u.s.w.) ihren exakten Ausdruck gefunden hat. Diese methodische Leistung Descartes', die Erfassung der Mannigfaltigkeit von Raumformen durch abstrakte Symbole des algebraisch-analytischen Denkens, kann in ihrer ontologischen Tragweite kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Koordinaten (die „Zugeordneten“) sind die grundlegenden Bestimmungstücke einer Gegebenheit, in der Mathematik Zahlen, die die Lage eines Punktes bestimmen. Sie werden oft durch Strecken veranschaulicht. So wird z. B. die Lage eines Punktes P im Inneren eines Würfels mathematisch bestimmt durch seinen Abstand von der linken, der unteren und der hinteren Würfelfläche. Fällt man Lote vom Punkt P auf diese 3 Flächen und nennt man die Fußpunkte A, B und C, so entsteht in der linken hinteren Ecke des Würfels ein Quader mit den folgenden Eckpunkten: A-C1-C-P-A1-0-B1-B. Die Strecken 0-A1, 0-B1, 0-C1 sind dann die Koordinaten des Punktes P  (vgl. Bild). Die vom Punkt 0 (Nullpunkt) ausgehenden Geraden x, y, z sind die Koordinaten-Achsen (die man sich über die Würfelkanten hinaus verlängert zu denken hat). Sie stehen in diesem Falle senkrecht aufeinander und bilden daher ein orthogonales oder kartesisches Koordinatensystem.

Zur Definition der kartesischen Koordinaten eines (n-dimensionalen) Raumes muß zuerst von einem beliebigen Punkt 0 dieses Raumes aus ein Satz von n zueinander senkrechten Einheitsvektoren abgetragen werden; dadurch wird in ihm ein rechtwinkliges oder kartesisches Koordinatenssystem festgelegt. Der Punkt 0 ist der Ursprung (Nullpunkt, Koordinatenanfangspunkt), und wie gesagt: die durch 0 gehenden Geraden sind die zueinander senkrechten Koordinaten-Achsen. Die Zuhilfenahme von Koordinaten zur Beschreibung geometrischer Sachverhalte in der Ebene (n = 2) und im gewöhnlichen „euklidischen Raum“ (n = 3) ist das Hauptkennzeichen der analytischen Geometrie. Es wird dabei unterschieden zwischen rechtwinkligen oder kartesischen und krummlinigen oder (seit Gauß, 1777-1855) Gaußschen Koordinaten (Gaußsche Koordinaten).


- Magdeburger Halbkugeln -

Der Naturforscher und Staatsmann Otto von Guericke (auch: Gericke; 1602-1686) wurde weithin berühmt durch seine öffentlichen physikalischen Demonstrationsversuche. Mit der von ihm noch vor 1650 erfundenen Luftpumpe führte er Versuche mit luftleer gepumpten Kesseln durch und zeigte, daß sich im Vakuum der Schall nicht ausbreiten und eine Kerze nicht brennen kann. 1656 konstruierte er zur Veranschaulichung der Größe des Luftdruckes die „Magdeburger Halbkugeln“, mit denen er 1663 am Hof Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten, einen Schauversuch durchführte. Er erfand außerdem ein Manometer (vor 1661) und baute ein über 10 m langes, mit Wasser gefülltes Heberbarometer, an dem er neben der Höhenabhängigkeit auch die wetterabhängigen Schwankungen des Luftdruckes erkannte, was ihm Wettervorhersagen ermöglichte.


- Herzenslogik -

Blaise Pascal (1623-1662) war Philosoph, Mystiker und Mathematiker, einer der namhaften Vertreter des Geistes von Port Royal und Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er griff als Jansenist in seinen Lettres provinciales (1657) die Jesuiten wegen ihres Probabilismus an. Pascal sah die Grenze der Mathematik, an deren Entwicklung er selbst hervorragend beteiligt war, und des Rationalismus überhaupt besonders darin, daß sie nicht zu antworten vermögen auf die Fragen: welches ist unsere Stellung in der Welt und welches der Weg zum Seelenfrieden? Deshalb kehren nach Pascal die großen Seelen, auch wenn sie alles nur irgend mögliche Wissen erworben haben, zur Unwissenheit zurück, zur Hingabe an die Offenbarung und die Gnade, die selbst ein Mysterium ist. Die Wahrheit gründet sich auf eine Herzenslogik und auf das subjektive Erlebnis mystischer Gottesbezeugung.

       1       
      1 1      
     1 2 1     
    1 3 3 1    
   1 4 6 4 1   
  1 5 10 10 5 1  
 1 6 15 20 15 6 1 
. . . . . . . .

In dem „Pascalschen Dreieck“ sind die Binominalkoeffizienten in Form eines gleichschenkligen Dreiecks angeordnet. Jede Zahl dieser Anordnung ist die Summe der unmittelbar rechts und links darüber stehenden Zahlen; in der n-ten Zeile stehen die Koeffizienten des Polynoms (a + b)n - 1Der „binomische Lehrsatz“ ist eine Regel zur Entwicklung einer beliebigen Potenz eines Binoms (Beispiel: a +b) in eine Reihe (deshalb: Binominalreihe); die auftretenden Koeffizienten bezeichnet man als Binominalkoeffizienten.

 

- Deus sive natura -

In Amsterdam geboren, von aus Portugal ausgewanderten Juden abstammend und mit dem sakralen Namen Baruch versehen, wurde Benedictus de Spinoza (1632-1677) im Jahre 1656 wegen „schrecklicher Irrlehren“ aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen . Spinoza wendete bei der Abfassung seines Hauptwerks, der „Ethik“ (1677), in rigoroser Weise die von Descartes (1596-1650) geschaffene Methode an und behauptete: Nur die mathematische Denkweise führt zur Wahrheit. Je mehr der Mensch weiß, desto besser erkennt er seine Kräfte und die Ordnung der Natur, desto leichter kann er sich selbst leiten, sich Regeln geben und sich von nutzlosen Dingen zurückhalten. Die Seele ist selbst nur ein Teil der Natur, der Substanz, die sich uns in zwei Attributen offenbart: Ausdehnung und Denken, Materie und Geist; alle Dinge, alle Ideen sind Modi, Daseinsweisen dieser einzigen, ewigen, unendlichen Substanz, außer der es kein Selbst gibt und keinen Gott: Deus sive natura, (Gott oder Natur), die Natur selbst ist Gott. Je mehr wir die Einzeldinge erkennen, um so mehr erkennen wir Gott. Je mehr und je besser wir Gott kennen, um so mehr lieben wir ihn, und diese intellektuelle Liebe zu Gott ist ein Teil der unendlichen Liebe, womit Gott sich selbst liebt. In dieser Erkenntnis und Liebe Gottes besteht unser Heil. Spinoza vertrat einen strengen Determinismus. Die Menschen, so meinte er, hielten sich für frei, weil sie sich ihrer Determiniertheit nicht bewußt seien. Die Lehre Spinozas fand zunächst wenig Anklang. Doch später, nämlich durch den Streit von F. H. Jacobi (1743-1819) mit Moses Mendelsohn (1729-1786) über den Spinozismus, sollte das Interesse an Spinoza allgemeiner und durch J.G. Herder (1744-1803) und J. W. Goethe (1749-1832) sogar zu hohem Ansehen gelangen.


- Huygenssches Prinzip -

Der Physiker, Mathematiker und Astronom Christiaan Huygens (1629-1695) beschäftigte sich in seinen ersten Untersuchungen, seit 1656, mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung (Pascal) und dem Differential- und Integralkalkül (Leibniz und Newton). Im Zusammenhang mit seiner 1657 erfundenen Pendeluhr (Pendeluhr) entwickelte er u.a. die Theorie des physikalischen Pendels. Seine Konstruktion einer Uhr mit mit Spiralfeder und Unruh (1675) führte zu einem Prioritätsstreit mit Robert Hooke (1635-1703), der 1678 ein Gesetz formulierte, durch das der Zusammenhang zwischen der elastischen Verformung eines Körpers und der dazu erforderlichen Kraft bzw. der dabei auftretenden rücktreibenden Kraft dargestellt wird („Hookesches Gesetz“). Bei seiner Auffindung des Gesetzes vom Stoß erkannte Huygens als Konsequenz des Trägheitsgesetzes die Relativität von Ruhe und Bewegung. Am bekanntesten sind seine Leistungen in der Optik (Kepler), insbesondere das „Huygenssche Prinzip“ (Huygenssches Prinzip), mit dessen Hilfe er 1676 Reflexion, Brechung und geradlinige Ausbreitung des Lichtes erklärte. Bereits seit 1663 hatte Huygens sich auch mit der Anfertigung von optischen Instrumenten (Linsen, Fernrohre, Mikroskope) befaßt und 1655 den ersten Saturnmond, 1656 den Satrurnring und den Orionnebel entdeckt.


- Fast Lichtgeschwindigkeit -

Olaf Römer (1644-1710), ebenfalls Mathematiker und Astronom, bestimmte 1675 aus der Verfinsterung der Jupitermonde zum ersten Male die Lichtgeschwindigkeit, wenn auch noch nicht so exakt (der moderne Wert für die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum beträgt 299792,458 km/s). Römer hatte also schon fast die exakte Lichtgeschwindigkeit errechnet, und zwar lediglich mit Hilfe der Verfinsterungen einiger Jupitersatelliten: je nach der Entfernung Jupiter-Erde ergaben sich nämlich zeitliche Verzögerungen dieser Verfinsterungen. Römer erfand auch den Meridiankreis, ein astronomisches Winkelmeßgerät, d.h. jenes astronomische Fernrohr, das nur in der Meridianebene frei drehbar ist. Es wird also so aufgestellt, daß es im Meridian (Meridian) schwenkbar ist.


1 N = 1 kg m / s2

Isaac Newton (1643-1727) kam zu seinem Ruhm, weil er die klassische theoretische Physik begründete und damit (wie schon vor ihm Galilei und Kepler) die exakte Naturwissenschaft zum Triumph verhalf, vor allem durch sein 1687 erschienenes Hauptwerk „Philosophiae naturalis principa mathematica“, in dem er u.a. nicht nur sein 1666 gefundenes Gravitationsgesetz formulierte, sondern auch die Grundgesetze der Mechanik: die 3 Axiome der Mechanik (Newtonsche Axiome): 1.) Ursache der Beschleunigung eines Körpers ist eine auf ihn einwirkende Kraft, d.h. jeder Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen, geradlinigen Bewegung, solange keine Kräfte auf ihn einwirken (Trägheitsgesetz). 2.) Die Bewegungsänderung (Beschleunigung) eines Körpers ist der einwirkenden Kraft proportional und ihr gleichgerichtet (Dynamisches Grundgesetz). 3.) Die Wirkung ist stets gleich der Gegenwirkung (actio = reactio), d.h. übt ein Körper A auf einen Körper B eine Kraft F1 aus, so übt stets auch der Körper B auf den Körper A eine Kraft F2 aus, die von gleichem Betrage, aber entgegengesetzter Richtung ist:   F1 = - F2 (Reaktions-, Gegenwirkungs- oder Wechselwirkungsprinzip, Newtonsches Wechselwirkungsgesetz).


- Englische Philosophie als Sonderfall -

Innerhalb der abendländischen Philosophie muß die englische Philosophie immer gesondert berücksichtigt werden, weil auch sie „Inselcharakter“ hat. Nicht selten war sie dem Kontinent dabei abdriftend voraus. Der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon (1561-1626) begründete den (neuzeitlichen) englischen Empirismus und brach die Herrschaft des naturwissenschaftlichen Denkens Bahn, obwohl er zum Teil noch der Metaphysik des Mittelalters verhaftet war. In seinem Buch Große Erneuerung der Wissenschaften (1605) trat er dafür ein, daß die experimentelle, wissenschaftliche Erfahrung zur Quelle der Wahrheit werden soll. Und wie das Glück der Menschen aus dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt hervorgehen könnte, zeigte er in seiner Utopie Neu-Atlantis. Francis Bacon erklärte als höchste Aufgabe der Wissenschaft die Naturbeherrschung und die zweckmäßige Gestaltung der Kultur durch Naturerkenntnis. Dazu sei nötig, daß der Mensch sich der Vorurteile und falschen Vorstellungen (Idole) entledige. Die einzige verläßliche Quelle der Erkenntnis ist nach Francis Bacon die Erfahrung (Beobachtung und Experiment), die einzig richtige Methode die Induktion, die zur Erkenntnis der Gesetze fortschreitet; von da aus läßt sich dann wieder herabsteigen und zu Erfindungen gelangen, welche die Macht des Menschen über die Natur erhöhen. Denn der Mensch vermag so viel, als er weiß: tantum possumus quantum scimus. Bacon stellte auch fest, daß Kulturen altern wie Menschen und Phasen bzw. Auf-und-Ab-Stufen durchleben: „In der Jugend der Völker und Staaten blühen die Waffen und die Künste des Krieges; im reifen männlichen Alter der Völker und Staaten Künste und Wissenschaften; dann eine Zeit lang beide zusammen, Waffenkunst und Musenkünste; endlich im Greisenalter der Völker und Staaten Handel und Industrie, Luxus und Mode.“ (Francis Bacon, De dignitate et augmentis scientiarum, 1605; IV, 2, 114). Genial! Ein weiterer englischer Staatsmann und Philosoph, Thomas Hobbes (1588-1679), lehnte die spekulative Metaphysik ab und definierte die Philosophie als die Erkenntnis der Wirkungen oder der Phänomene aus den Ursachen und andererseits der Ursachen aus den beobachteten Wirkungen mittels richtiger Schlüsse; ihr Zweck liegt nach Hobbes darin, daß wir die Wirkungen voraussehen und für unser Leben nutzbar zu machen lernen. Alle Erkenntnis, behauptete er, erwächst aus den Empfindungen teils unmittelbar, teils aus ihren Rückständen, den Erinnerungen. Diese werden unterstützt durch konventionelle Zeichen, Namen, Worte. (Vgl. Sprache). Alles Denken ist ein Verbinden und Trennen, Addieren und Subtrahieren von Namen: Denken ist Rechnen. Da alles ursächlich bestimmt ist, so ist auch das Wollen streng determiniert. Nicht der Wille, sondern das Handeln ist so weit frei, wie es der Natur des Menschen entspringt. Die menschliche Natur wird ursprünglich nur von der Selbstsucht getrieben, sich zu erhalten und Genuß zu verschaffen. Daher war der Naturzustand des Menschen der allen nachteilige Krieg aller gegen alle (Bellum omnium contra omnes). Deshalb vereinigen sich durch einen Vertrag die Menschen im Staat und unterwerfen sich einem Herrscher, dem alle Gehorsam leisten, um dadurch Schutz und die Möglichkeit eines humanen Lebens zu erhalten. Was er sanktioniert, ist gut, das Gegenteil verwerflich. Das öffentliche Gesetz ist das Gewissen des Bürgers. Die Furcht vor denjenigen unsichtbaren Mächten, welche der Staat anerkennt, ist Religion, die Furcht vor solchen, welche er nicht anerkennt, Aberglaube. Obwohl von Hobbes' Wirkungen beiendruckt, meinte Pufendorf (1632-1694), daß der nur fiktive Naturzustand zwar kein Krieg aller gegen alle wäre, aber ein Zustand der Unsicherheit, zu dessen Vermeidung die Menschen den sie stützenden Staat gründeten (Vertragstheorie). Beide - Hobbes und Pufendorf - unterbauten den staatlichen Absolutismus ihrer Zeit. Hobbes beschrieb in seinem „Leviathan“ (1651) die Gesellschaft als ein Monster, das nur durch eine unteilbare Regierungsmacht gezähmt werden könne, denn ohne die Zentralgesellschaft zerfiele die Gesellschaft in einem Kampf aller gegen alle, wie er ihn im englischen Bürgerkrieg (1642-1648) gerade erlebt hatte und den er als das Natürliche darstellte. Seine Geseelschaftstheorie beweist, wie man bestehende Gesellschaftsformen hinterfragen und ändern kann. John Locke (1632-1704), Philosoph, Psychologe, Pädagoge und Hauptvertreter des Empirismus, unterbaute erkenntnistheoretische Untersuchungen durch eine psychologische Theorie des Bewußtseins (wodurch er Psychologie im modernen Sinne als Analyse des empirischen Bewußtseins anbahnte) und schuf damit ein System einer Pädagogik der individuellen Persönlichkeit. Psychologisch-erkenntnistheoretisch stellte er sich die Aufgabe, den Ursprung, die Sicherheit und den Umfang des menschlichen Wissens zu untersuchen, sowie die Gründe und Grade des Glaubens, der Meinung und der Zustimmung. In seiner Staatslehre schränkte Locke die Bedeutung des Staates auf das Notwendigste ein und forderte auf Grund der Volkssouveränität eine konstitutionelle Regierung, die Freiheit und gleiches Recht für alle verbürgen solle, sowie Teilung der Gewalten. In seiner Ethik bezeichnete er als gut, was Lust erweckt oder steigert, und das Gegenteil als Übel. Das höchste Gesetz war für ihn das allgemeine Wohl. Religionsphilosophisch lehrte Locke: was Gott geoffenbart hat, ist zwar unbedingt wahr; was aber göttliche Offenbarung sein kann, was nicht, kann nur die Vernunft beurteilen, nicht aber das kirchliche Dogma.


- Universalgenie -
NACH OBEN Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war mit Sicherheit der schöpferischste Gelehrte und das Universalgenie des 17. Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar der gesamten abendländischen Philosophie. Zunächst wurde Leibniz durch seine Lehrer Jacob Thomasius (1622-1684) in Leipzig und Erhard Weigel (1625-1699) in Jena beeinflußt, später durch den kurmainzischen Kanzler Johann Christian von Boineburg (Konvertit); unter ihm war Leibniz von 1667 bis 1674 in kurmainzischen Diensten, woher seine Bemühungen stammten, einen Ausgleich zwischen katholischer und protestantischer Kirche herbeizuführen.. Von 1672 bis 1676 war er in Paris, 1673 in London und nahm auch dort gelehrte Beziehungen auf. Von 1676 bis 1716 stand Leibniz in hannoverschen Diensten, verfaßte eine Kampfschrift gegen Ludwig XIV. von Frankreich (Mars christianissimus = Allerchristlichster Kriegsgott), war seit 1696 außenpolitischer Berater und Geschichtsschreiber des Welfenhauses, das aber seine über vierzigjährigen, oft in den vertraulichsten Missionen bewährten Dienste nicht gebührend anerkannte. Bis etwa 1680 bewegte Leibniz sich vorzugsweise auf politischem, theologischem und mathematisch-naturwissenschaftlichem Gebiet, dann vollzog sich in ihm die Loslösung von der Neuscholastik. (Theologie). Erst nach 1680 traten auch seine philosophischen Arbeiten und Gedanken hervor, die leider nur in Gestalt von Briefen und Zeitschriftenabhandlungen vorliegen. Leibniz' Denkentwicklung ist sehr wandlungsreich, kreist jedoch stets um das Problem einer geschlossenen, Widersprüche ausgleichenden, jeder Einzelheit der Wirklichkeit gerecht sein wollenden sowohl anschaulichen wie gedanklichen Systematik.

Von der scholastischen Lehre der metaphysischen allgemeinen Wesenheiten (formae substantiales) ausgehend, gelangte Leibniz zum Prinzip des schöpferischen Denkens hinsichtlich individueller Wirklichkeiten. Die mathematische Methode erschien ihm hier angemessen, bis er sich über deren unverrückbare Grenzen klar wurde. Im Anschluß an Descartes' Lehre vom klaren und deutlichen Erkennen bzw. Denken, mit deren ungelösten Problemen er sich eingehend beschäftigte, entwickelte er sodann eine analytische Theorie des denkenden bzw. erkennenden Bewußtseins. Zugleich kam er naturwissenschaftlich von der Mechanik nahe an die Energetik heran. Er führte u.a. Beobachtungen der Lebensvorgänge durch das Mikroskop durch, das bereits seit 1590 bekannt war. (Vgl. Tabelle). Andererseits gelangte Leibniz zur Unterscheidung zwischen gedanklichen Wahrheiten und Tatsachenwahrheiten.

Leibniz' bekanntestes Werk ist seine Monadenlehre (Monadologie). Monaden waren für ihn die einfachen, körperlichen, geistigen, mehr oder weniger bewußten Substanzen; ihre tätigen Kräfte bestehen in Vorstellungen. Die Verschiedenheit der Monaden besteht in der Verschiedenheit ihrer Vorstellungen. Gott ist die Urmonade, alle anderen Monaden sind ihre Ausstrahlungen. Was uns als Körper erscheint, ist nach Leibniz ein Aggregat von vielen Monaden mit unbewußten Vorstellungen. Tierseelen haben Empfindung und Gedächtnis; die Menschenseelen sind klarer und deutlicher Vorstellungen fähig; Gott hat lauter adäquate, d.h. vollbewußte und vollsachliche Vorstellungen. Der Vorstellungsverlauf jeder Monade schließlich kreist in sich, es kommt nichts aus ihr heraus und nichts in sie hinein. Leibniz ergänzte seine Monadenlehre durch seine Lehre der Prästabilisierten Harmonie. Danach hat Gott alle Substanzen so geschaffen, daß, indem jede dem Gesetz ihrer inneren Entwicklung mit voller Selbständigkeit folgt, sie zugleich mit allen anderen in jedem Augenblick in genauer Übereinstimmung steht. Sowohl die Monadenlehre als auch die Lehre von der Prästabilisierten Harmonie gelten nach Leibniz für alle Wesen leiblicher, seelischer, geistiger Art sowohl in sich wie zwischeneinander, so insbesondere für das Verhältnis von Leib, Seele, Geist innerhalb der menschlichen Persönlichkeit. Der Philosoph und Mathematiker Christian Wolff (1679-1754), der führend in der deutschen Aufklärung wurde und das System des deutschen Rationalismus unter Verwendung aristotelischer, stoischer und auch scholastischer Gedanken zur höchsten Entfaltung brachte, machte dadurch die von ihm umgestaltete Leibnizsche Philosophie zur herrschenden Philosophie seiner Zeit. Seine Schüler, die Wolffianer, hatten an fast allen deutschen Universitäten die philosophischen Lehrstühle inne. Zu seinen Schülern zählte auch Kant, der Wolff den gewaltigsten Vertreter des rationalen Dogmatismus nannte: des Standpunktes des reinen ungebrochenen Vertrauens in die Macht der Vernunft. Die Titel der Schriften Wolffs beginnen fast alle mit „Vernünftige Gedanken ... „. Gewachsen waren sie in Leibniz, der außer auf die Leibniz-Wolffsche Schule u.a. auf Herder, Goethe, Schiller und den Deutschen Idealismus wirkte, später u.a. auf Herbart und Lotze, sogar noch auf die analytische Philosophie des 20. Jahrhunderts, auf die Logistik der Sprachphilosophie, wie überhaupt auf die Linguistische Wende und den linguistisch orientierten Nativismus. (u.a. Chomsky) sowie auf den Konstruktivismus (Maturana, Luhmann u.a.).

Das Ganze wird von Gott zusammengehalten. Er hat das Zusammenwirken der Monaden, die als geistige Wesensheiten
ewig und unvergänglich sind, prästabilisiert, d.h. ihre Harmonie im voraus angelegt. Und eben alles so gemacht wie es ist:

„Die beste aller Welten“.
(Philosophie G. Wilhelm Leibniz Hochdenker)

„Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“
(Philosophie G. Wilhelm Leibniz Hochdenker)

Diese Frage sollte z.B. im 20. Jh. auch Martin Heidegger wiederholen und sie die Grundfrage der Metaphysik nennen. (Philosophie)

„Bei Leibniz nahm der kognitive Optimismus gedämpftere Formen an, weil der Verfasser der Monadologie einen präzisen Begriff besaß von der Unauslotbarkeit der Implikationen, die ins Unendliche reichen. Wenn die Fältelung des von der Seele implicite oder dunkel Mitgewußten ins Unendliche geht, besteht keine Aussicht darauf, zu einem völlig expliziten Wissen zu gelangen; dieses ist dem Gott vorbehalten, für den menschlichen Intellekt ist der Fortschritt im Bewußtsein zunehmender, doch immer unzulänglicher Explizitheit reserviert.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 78). Leibniz setzte wieder Gott an die Stelle des Ich und meinte, daß es außer dieser Supermonade noch viele andere Monaden gäbe, die alle in sich abgeschlossene Bewußtseinssphären wären, ohne Kontakt miteinander, und doch wäre eine jede dieser „fensterlosen Monaden“ ein Spiegel des Ganzen. Das Ganze wird von Gott zusammengehalten. Gott hat das Zusammenwirken der Monaden, die als geistige Wesenheiten ewig und unvergänglich sind, prästabilisiert, also ihre Harmonie im voraus angelegt, und eben alles so gemacht, wie es ist: „Die beste aller Welten“. Hieran sollte z.B. am Ende des 20. Jahrhunderts auch der Konstruktivismus, u.a. Luhmann und Maturana, anschließen, ebenso Sloterdijk mit seinen Sphären: Blasen, Globen, Schäume. (Sloterdijk). „Die Schaumtheorie ist unverhohlen neo-monadologisch orientiert: Ihre Monaden jedoch haben die Grundform von Dyaden oder komplexeren seelenräumlichen, gemeindlichen und mannschaftlichen Gebilden. Es gehört zu den Tugenden des neo-monadologischen Ansatzes in der Gesellschaftstheorie, daß er durch seine Aufmerksamkeit für die Assoziationen der kleinen Einheiten die Raumblindheit verhindert, die den gängigen Soziologien anhaftet. »Gesellschaften« sind aus dieser Sicht raumfordernde Größen und können nur durch eine angemessene Ausdehnungsanalyse, eine Topologie, eine Dimensionentheorie und eine »Netzwerk«analyse (falls man die Netzmetapher der des Schaums vorzieht) beschrieben werden.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 61 und 298). Zwar sollten z.B. bei den Konstruktivisten Leibniz' Monaden autopoietische Systeme (sich selbst erzeugende Funktionssysteme) heißen, sollten bei ihnen Leibniz' Kognitionen auf physikalischer Basis beruhen, sollte bei ihnen Gott Evolution heißen, sollte bei ihnen Leibniz' prästabilisierte Harmonie eine strukturelle Kopplung sein; doch in Wahrheit bedeutet all dies dasselbe wie bei Leibniz.

Leibniz - der mächtigste Geist der abendländischen Philosophie, der Begründer der Differentialrechnung und der analysis situs, Monadenlehrer und Erfinder der Multipliziermaschine sowie eines Programms für eine Idealsprache (Leibnizsche Charakteristik oder „characteristica universalis“) - hat neben einer ganzen Reihe von hochpolitischen Plänen, an denen er mitwirkte, in einer zum Zweck der politischen Entlastung Deutschlands entworfenen Denkschrift an Ludwig XIV. die Bedeutung Ägyptens für die französische Weltpolitik dargelegt. Seine Gedanken waren der Zeit (1672) so weit vorausgeschritten, daß man später überzeugt war, Napoleon habe sie bei seiner Expedition im Orient benützt. Leibniz stellte schon damals fest, was Napoleon seit Wagram (1809) immer deutlicher begriff, daß Erwerbungen am Rhein und in Belgien die Stellung Frankreichs nicht dauernd verbessern könnten und daß die Landenge von Suez eines Tages der Schlüssel zur Weltherrschaft sein werde. (Vgl. 18-20). Ohne Zweifel war der König den tiefen politischen und strategischen Ausführungen des Philosophen nicht gewachsen.

 

Eine Hochkonjunktur der Ethik, die von der Hochrationalistik zur Spätrationalistik überleitet, macht auch philosophisch deutlich, daß für jede auf ihren Höhepunkt stehende Kultur dasselbe gilt wie für die uralte Bauernkultur seit der Seßhaftwerdung, denn nicht zufällig fällt die Haupternte in die Zeit der sogenannten Hundstage (23.07. bis 23.08.), aber ob die hochsommerlichen Klimaverhältnisse eine zufriedenstellende Ernte bedeuten, weiß man erst, wenn das Wetter bereits dabei ist, vollendete Tatsachen zu schaffen. Das Resultat ist kaum beeinflußbar, aber man kann aus ihm lernen und im Hinblick auf das nächste Jahr nur mittels verbesserter Technik höhere Erfolge erzielen oder erneut auf den klimatischen Zufall setzen. Eine erste Zwischenbilanz kann also erst am Ende dieser Phase gezogen werden, und sobald die der Natur abgerungene Ernte ins Haus geholt worden ist, muß sie verteidigt, ihr Schutz überprüft und eventuell verbessert werden. Überträgt man die Regeln einer Bauernkultur, die sich seit der Neolithischen Revolution mehr oder weniger stark entwickelten, auf die Regeln einer Hochkultur, die sich seit der Vor- und Frühkultur entwickelten, dann stößt man zwangsläufig auf die aufklärerischen Figuren, die der kulturellen Weiterentwicklung dienen können und wollen oder am Markt Versicherungen anbieten, die dem Selbstzweck dienen, aber ethisch anspruchsvoll sein sollen. Sie sollen „vernünftige“, „weltliche“, „natürliche“ Ethiken, sie sollen Natur-Theologie sein. In der Selbstgenügsamkeit und Zurückhaltung sich auferlegenden Antike lösten die Sophisten und Sokrates (470-399) mit ihren anthropologisch-ethischen Alternativlösungen die kosmologische Naturphilosophie genauso ab wie im Abendland die unendlichen Raum sich verschaffenden Aufklärer und Extrem-Subjektivisten die universalistische Naturphilosophie, während in beiden Kulturen die Naturphilosophie atomistischer wurde. (Vgl. Tabelle). Aber Selbstgenügsamkeit und Zurückhaltung sind nicht dasselbe wie Unendlichkeit und Raumschaffung, sondern deren Gegensätze. Deshalb gab es für eine Naturwissenschaft in der Antike keinen Raum, im Abendland dagegen jeden unendlichen. In der Antike blieben die Naturerscheinungen eine Sache der Philosophie, im Abendland blieben sie eine Sache der Wissenschaften. Diese abendländische Institution hatte sich in der jetzigen Phase der absolutistischen Hochrationalistik endgültig etabliert und muß als eine der großartigsten und in den Konsequenzen weitreichendsten Leistungen des Abendlandes angesehen werden. (Vgl. Ursymbol). Tabelle

 

Spätes Hochdenken

Das Prinzip der Sophistik und Maieutik als Ende exakten Wissens in der antike Philosophie ?
Das Prinzip der Aufklärung und Naturtheologie als Ende exakter Wissenschaft in der abendländischen Philosophie?

Philosophisch bekämpfte die Aufklärung jede echte Metaphysik. Sie beförderte jede Art des Rationalismus, also auch die Naturwissenschaft. Mit dem Rationalismus zusammen teilt die Aufklärung den Glauben an eine unbegrenzte Erkenntniskraft und ihre über kurz oder lang sich vollziehende Bemächtigung alles Seienden. Der alte Glaube wurde hier abgelöst vom Glauben an Wissenschaft und Fortschritt. Für Rationalismus und Aufklärung gab es nur vorläufige Probleme, nicht aber grundsätzlich unlösbare Probleme. Sie vertraten ethisch-pädagogisch humanitäre Ideale, ein jugendgemäßes Erziehungswesen, politisch-juristisch und gesellschaftlich-wirtschaftlich die Freiheit des Menschen aus ungerechten Bindungen (Individualismus), die Gleichheit aller Bürger desselben Staates vor dem Gesetz und schließlich die Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trägt.


„Von den Göttern weiß ich nichts,
weder ob es welche gibt,
noch auch ob es keine gibt.“
...
„Der  (einzelne!)  Mensch ist das Maß aller Dinge“,
der seienden , daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.“
So behauptete es jedenfalls der Sophist Protagoras (480-410),
der sich auch zuerst als Sophist und Menschenkenner bezeichnete.


Antike Aufklärer nannten sich Sophisten: Protagoras (485-410), Gorgias (ca. 480-380) Hippias (um 400), Prodikos (um 400) und die anderen Sophisten galten zunächst als die Denker und Weisen, dann als Lehrer der gewandten Rede- und Unterredungskunst, schließlich jedoch als Vertreter der geschwätzigen und spitzfindigen Scheinweisheit, weil sie eine Tendenz entwickelt hatten, in Diskussionen um jeden Preis zu obsiegen. Trotzdem waren sie bedeutend, besonders im Hinblick auf ihre aufklärerische Verbreitung des philosophischen Gedankenguts und auf die praktische Pädagogik. Sophistisch im positiven Sinne war auch die Tatsache, daß die praktische Beschäftgung mit philosophischer Argumentation durch die Sophistik zu einem größeren Interesse am Philosophieren und am kritischen Denken führte. Die Sophisten trugen die Lehren der Vorsokratiker (Ionier, Eleaten, Atomisten u.a.) in die Öffentlichkeit und wirkten dadurch aufklärerisch.

Mit Sokrates (470-399) war, wie der Name schon verrät, die Zeit der Vorsokratiker vorbei. Einer seiner Schüler (Sokratiker) war z..B. Xenophon (450-354). Die kosmologische Naturphilosophie der Griechen wurde durch Sokrates und seine anthropologische Ethik abgelöst, zugleich aber der ethische Relativismus der Sophisten widerlegt. Menschenbildung, Jugendbildung und Seelenführung war der Zweck seines Philosophierens; geistige Maieutik und Ironie der Weg dazu. Sokrates' Philosophie beruhte auf seiner Grundüberzeugung, daß das Sittliche erkennbar und lehrbar sei und aus dem Wissen um Sittlichkeit stets das Handeln gemäß der Sittlichkeit folge. In diesem Sinne versuchte Sokrates zunächst jedesmal vom Einzelfall aus die Menschen zu einer klaren Begriffsbildung hinsichtlich des sittlich Richtigen hinzuführen. Für ihn war dasjenige Handeln richtig, das den wahren Nutzen des Menschen und damit seine Glückseligkeit bewirkt. Nach Sokrates ist deshalb die Selbsterkenntnis die Bedingung der praktischen Tüchtigkeit: weiß ich, was ich bin, so weiß ich auch, was ich soll. In sich selbst fand Sokrates aber auch ein göttliches Daimonion, das ihm als innere Stimme zur Verfügung stand und ihm mitteilte, was er tun oder unterlassen sollte. Die höchste Tugend war für Sokrates die Genügsamkeit: wer am wenigsten bedarf, ist der Gottheit am nächsten; nur wer sich selbst zu beherrschen gelernt hat und in allen Dingen ausschließlich der richtigen Einsicht folgt, ist imstande, andere zu beherrschen, und berechtigt, als Staatsmann zu wirken. Sokrates gilt mit Platon und Aristoteles zusammen als bedeutendster Philosoph der Antike, blieb aber vielumstritten. Von einigen wurde er als erster großer Ethiker gepriesen, von anderen als Aufklärer und Auflöser verworfen. Auch die Aufklärung hatte ihre zwei Seiten, und ihre Schattenseite war die eben erwähnte negative Sophistik. (Sophistik).

Lehrer und älterer Zeitgenosse des Demokrit (460-371) war Leukipp (5. Jh. v. Chr.), aber beide gelten als Begründer der Atomistik. Wegen der mangelnden Quellen über Leukipp kann man jedoch eher dazu neigen, Demokrit als den eigentlichen Begründer des Atomismus zu bezeichnen. Die Atomistik ist die naturphilosophische Lehre, die besagt, daß alle Dinge aus selbständigen Elementen bestehen und alles Geschehen auf Umlagerung, Vereinigung und Trennung dieser Elemente beruhe. Auch diese Lehre gehört zu den das antike Ursymbol körperlicher Abgegrenztheit immer wieder neu bestätigenden Bildern, die zusammen das antike Seelenbild ergeben und rechtfertigen (sollen). Mit Daniel Sennert (1572-1637) lebte der Atomismus im Abendland wieder auf. Er entwickelte anschaulich-gestalthaft ein umfassendes System der Atomistik. Nach ihm erneuerte auch Pierre Gassendi (1592-1655) die atomistisch-mechanistische Physik Demokrits. Überhaupt sollte gerade der antike Atomismus eine solch starke, erbschaftliche Wirkung erzielen, daß er noch heute in den abendländischen kausal-mechanischen Natur- und Weltauffassungen mitregiert und erst durch Heisenberg und die moderne ganzheitliche Betrachtungsweise erschüttert worden ist. Demokrit lehrte, daß alles Geschehen Mechanik der Atome sei, die, verschieden an Gestalt und Größe, Lage und Anordnung, sich im leeren Raum in ewiger Bewegung befänden und durch ihre Verbindung und Trennung die Dinge und Welten entstehen und vergehen ließen. Die Seele, identisch mit dem Element Feuer, besteht nach ihm aus kleinsten, glatten und runden Atomen, die im ganzen Leib verbreitet sind. Organ des Denkens ist für ihn allein das Gehirn. Die Empfindungen sollen dadurch zustande kommen, daß von den Dingen ausgehende Ausflüsse, sich loslösende Abbilder in die Sinnensorgane eindringen und die Seelenatome in Bewegung setzen. Das höchste Gut sei die Glückseligkeit, so Demokrit, und sie bestehe wesentlich in der Ruhe und Heiterkeit der Seele, die am sichersten durch Mäßigung der Begierden zu erreichen sei. Demokrit selbst hieß schon in antiken Zeiten wegen der Befolgung dieser Lehre der lachende Philosoph. Leukipp und Demokrit vollbrachten auf typisch antike Weise das, was Leibniz und Newton auf typisch abendländische Weise vollbrachten. Auf ihre Art waren die Atomisten Nachfolger der ionischen und eleatischen Naturphilosophen weiter, die abendländischen Naturwissenschaftler und Mathematiker Nachfolger der sie fordernden Naturphilosophen. (Vgl. Tabelle).

Antisthenes (ca. 444-368), Stifter der Philosophenschule der Kyniker, war Schüler des Sophisten Gorgias (ca. 480-380), wurde dann Schüler des Sokrates, weil er die Möglichkeit jeglichen Widerspruchs geleugnet hatte. Er verbreitete die Lehren des Sokrates und war Gegner der Ideenlehre Platons. Vorwiegend praktisch orientiert, predigte er Bedürfnislosigkeit (Autarkie) und Charakterstärke und forderte Rückkehr zur Einfachheit des Naturzustandes. Er lehnte die herkömmliche Religion ebenso ab wie den herkömmlichen Staat. Der Weise solle nicht Bürger eines bestimmten Staates sein, sondern Weltbürger. Diogenes von Sinope (412-323) steigerte den Begriff der sokratischen Selbstgenügsamkeit zur inneren Askese, die, jeder verfeinerten Lebensart abhold, äußerste Bedürfnislosigkeit zur Pflicht machte. Er forderte Gemeinsamkeit der Frauen und Kinder und erkannte die geltenden Sittengesetze nicht an. Diogenes wurde zum Urbild der kynischen Schamlosigkeit (daher unser Ausdruck für „Zynismus“) und des Sichgehenlassens. Auf ihn beziehen sich die Anekdoten vom Philosophen, der in einer Tonne wohnte, der Alexander den Großen, als dieser ihn besuchte und eine Bitte zu erfüllen versprach, bat, aus der Sonne zu gehen, und der mittags auf dem Markt von Athen mit der Laterne nach „Menschen“ suchte. Man nannte Diogenes auch den „übergeschnappten Sokrates“, was aber den Tatsachen nicht so ganz entsprach, denn er hatte in seiner lachenden Menschendurchleuchtung und Verachtung aller Konvention viel echt Sokratisches und, vom Philisterstandpunkt aus betrachtet, war auch schon Sokrates übergeschnappt. Als man ihn fragte, was das Schönste auf der Welt sei, antwortete er: „die freimütige Rede“, und als er, durch Seeräuber in die Sklaverei geraten, zum Verkauf ausgestellt wurde, erklärte er auf die Frage, zu welcher Arbeit er zu brauchen sei, er verstehe sich darauf, Menschen zu beherrschen. (Beides hätte auch Sokrates sagen können).

Die Megariker waren die Anhänger des Euklid von Megara (450-380), eines ehemaligen Sokrates-Schülers. Sie befaßten sich besonders mit der Logik, mit der Kunst des Worstreites, der Eristik. Die Megariker verbanden die sokratische Ethik mit der Eleaten-Lehre von dem ewigen steten „Einen“. Auch Eubulides, der im 4. Jh. v. Chr. wirkte, gehörte der megarischen Schule an. Er wurde durch die Erfindung einiger Fangschlüsse (Fangschluß) bekannt. (z.B. vom sogenannten „Lügner“).

Eine andere Philosophenschule bildeten die Kyrenäiker, die Schüler des Aristippos von Kyrene (435-355). Aristippos war, bevor er die kyrenäische (hedonistische) Schule gründete, Schüler und Freund des Sokrates gewesen, mit sophistischen Einschlag. (Sophistik). Für Aristippos beruht Erkenntnis allein auf Empfindungen, deren Ursachen allerdings unerkennbar sind. Auch die Empfindungen anderer sind uns unzugänglich, wir können uns nur an ihre Äußerungen halten. Die Eudämonie (Glückseligkeit) war für Aristippos nicht, wie bei Sokrates, Begleiterscheinung der Tüchtigkeit (Arete), sondern das Bewußtsein der Selbstbeherrschung in der Lust: der Weise genießt die Lust, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen. Über Vergangenes soll man nicht klagen, vor Zukünftigem nicht bangen. Man richte seinen Sinn im Denken wie im Tun auf die Gegenwart, sie allein steht uns zur freien Verfügung, so Aristippos der Genießer (Hedoniker von „hedone“, Lust).

Platon (eigtl. Aristokles, 427-347) Sohn des Ariston und der Periktione, stammte mütterlicherseits aus reicher und vornehmer Familie Athens. Nach dem Tod des Sokrates (399), dessen Schüler Platon 8 Jahre lang war und dessen Prozeß er erlebte, hielt er sich eine Zeitlang bei dem Eleaten Eukleides von Megara auf, der ebenfalls ehemaliger Schüler des Sokrates war. Eukleides' megarische Schule war eine der an Sokrates orientierten Philosophenschulen, die eine Synthese zwischen dem sokratischen Begriff des Guten und dem unbeweglichen, unveränderlichen Sein der eleatischen Philosophie zum Ziel hatte. Auf Reisen nach Unteritalien und Sizilien lernte Platon auch die Denkweise der Pythagoräer kennen. Platon war zu Beginn seiner Karriere Dichter, wandte sich von der Dichtung jedoch ab, weil sie seit 387 v. Chr. laut Gesetz ziemlich grausame Theaterstücke aufführen durfte und deshalb u.a. zu einer Götter-Blasphemie herabsank. Platon gründete wahrscheinlich deshalb 385 v. Chr. eine Schule, die (dem altattischen Heros) Akademos gewidmet war. Die Ältere Akademie war stark pythagoräisch beeinflußt: das Problem von „Idee“ und „Zahl“ spielte erkenntnistheoretisch eine große Rolle. (Später sollten noch die Mittlere Akademie, seit 270 v. Chr., und die Neuere Akademie, seit 160 v. Chr., folgen: vgl. die Akademien im Altplatonismus, den Mittleren Platonismus, die Auswirkungen auf die Gnosis, den Neuplatonismus, die Patristik). Platon setzte sich mit der Ideenlehre von Sokrates ab, obwohl er sie in den (mittleren und späteren) Dialogen seinem Dialoghelden Sokrates in den Mund legte. Für ihn waren die unveränderlichen Ideen die Urbilder der veränderlichen Dinge, ihr Programm, ihr Ziel und Zweck. Er nahm bei seiner Ideenlehre die Mathematik (Geometrie) zum Vorbild aller anderen Wirklichkeit, wie schon vor ihm Pythagoras (580-500) und seine Schüler. (Vgl. Tabelle). Er schrieb Dialoge, tatsächliche und fiktive Gespräche mit Sokrates (470-399), seinem Lehrer. Platon lehrte die Scheinhaftigkeit und Abkünftigkeit der Sinnenwelt von archetypischen Urbildern oder Ideen. Ein nicht sinnlich erfahrbares geometrisches Gebilde, z.B. ein gleichseitiges Dreieck, wird hinter dem sinnlich erfahrbaren Dreieck, dessen Darstellung es ist, „gedacht“ oder in nicht sinnlicher, formaler Anschauung vorgestellt. Die gerade Linie, der Punkt, eine Fläche: das sind alles mathematische Gegenstände. Es gibt sie nicht in Wirklichkeit. Aber die Wirklichkeit ist durch sie erkennbar, rekonstruierbar. Über dem Eingang der Akademie Platons soll deshalb der Satz gestanden haben:


Alternative „KEIN DER GEOMETRIE UNKUNDIGER SOLL DIESEN ORT BETRETEN“ Alternative


Das platonische Denken entwickelte sich vor dem Horizont einer doppelten Krisensituation: zunehmender Zerfall des Gemeinwesens und Verlust der Verbindlichkeit mythischer Weltbilder. Der Mythos bot keine lebendige Orientierung mehr. Er war zum formelhaften Ritual erstarrt und zum Spielball inhaltloser und nur noch auf Überredung angelegter Rhetorik (der Sophisten) geworden. Das Schlimmste daran war für Platon, daß kein Bewußtsein darüber vorhanden war. Hier, bei der Bewußtseinsbildung, wollte Platon eingreifen. Die Methode seines Helden Sokrates besteht darin, zunächst einmal ein Bewußtsein für das Gute bzw. für das Schlechte bei seinen Gesprächsteilnehmern zu wecken, indem er ihnen z.B. zeigt, daß sie nicht wissen, wovon sie reden, wenn sie Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit u.s.w. im Munde führen. Die Verbindlichkeit ihrer Rede zerfällt in dem Maße, in dem Sokrates als ihren Grund private Interessen und Willkür erweist. Ihrer schützenden ideologischen Haut entledigt, muß die Gewalt letztlich ihr wahres Gesicht zeigen: sie muß den Sokrates vernichten. Insofern gehörte der Tod des Sokrates (399) mit zu seiner Beweisführung. Sein Tod war geradezu der letzte Beweis dafür, daß er Recht hatte.

Platon bestimmte die Philosophie als Einüben ins Sterben. Für ihn war Philosophie die Erkenntnis des Seienden oder des Ewigen und Unvergänglichen. Er definierte: Philosophen sind die, welche mit dem, was sich für ewig als dasselbe unwandelbar verhält, in Berührung kommen wollen. Es gelingt ihnen durchs Denken, d.h. durch die Begriffe. (Vgl. Ideenlehre und Meta-Sprache) - (Vor- und Früh-PhilosophieHoch- und Spät-PhilosophieInnere Analogien). Wir sind gewiß weiter als Hippokrates (460-370), der griechische Arzt; wir dürfen kaum sagen, daß wir weiter seien als Platon (427-347). Nur im Material wissenschaftlicher Erkenntnisse, die er benutzt, sind wir weiter. Im Philosophieren selbst sind wir vielleicht noch kaum wieder bei ihm angelangt. (Vergleich).

Aber auch Mythos und Religion standen Pate bei Platons Ideenlehre. Die Idee, so Platon, im „Timaios“, ist gewissermaßen der Vater oder das Original eines Dings, das, wie das Kind, mit dem Namen des Vaters benannt wird. Die Mutter ist der abstrakte Raum, in dem die Zeugung der Dinge, d.h. der Kinder des Vaters, stattfindet und in dem sich die Dinge dann auch bewegen. Jede Art oder Rasse besitzt nur eine Form oder Idee. Im „Staat“ (Politeia) heißt es: „Gott hat also nur jenes eine wesentliche Bett hergestellt. Zwei dieser Art oder noch mehr wurden weder von Gott erschaffen, noch werden sie je von ihm erzeugt werden; auch wenn er zwei einzelne schüfe und nicht mehr, dann würde doch ein weiteres zutage treten, nämlich die eine gemeinsame Form, die sich in beiden darstellt. Sie, und nicht jene beiden, wäre dann das wesentliche Bett“. Die Ähnlichkeit der Dinge ist ihrer Idee verdankt, ihrem Ursprung, wie die Ähnlichkeit der Kinder ihrem Vater. Harte Dinge haben an der Idee der Härte teil, weiße an der Idee des Weißen. Sie haben an jenen Ideen teil im gleichen Sinne, in dem die Kinder an den Besitztümern und Gaben der Väter Anteil haben. Platons Ideenlehre ermöglicht Wissen, das sich auf die veränderlichen Dinge anwenden läßt, von denen sich, weil sie sich ständig verändern, eigentlich nichts Bestimmtes aussagen läßt. Platon nahm an, daß es innere Kräfte, unwandelbare Wesenheiten der wahrnehmbaren Dinge gibt, und von denen ist wahres Wissen möglich. (Vgl. dagegen: Kant). Die Ideenlehre ermöglicht eine Theorie der Veränderung und des Verfalls. Die Ideen sind Urbilder, die selbst durch Verfall (Degeneration) der höchsten Idee entstehen. Entsprechend ist die historische Tendenz der Gesellschaft die des Zerfalls und der Degeneration. Außerdem bietet die Ideenlehre den Weg zu einer Sozialtechnik, zur Herstellung des besten, idealen Staates, der sich nicht verändert und nicht zugrunde gehen kann, und zwar durch Anhalten der politischen Veränderung und Rückkehr zum idealeren Anfang, der alten Stammesfrom des sozialen Lebens (Stammesaristokratien). Platons Philosophie, die er selbst auch Weltverabschiedung und Einübung ins Sterben nannte, lehrt die Notwendigkeit einer „zweiten Geburt“, insbesondere seine Lehre von der Umkehr durch Ausstieg aus der Höhle („Höhlengleichnis“). Durch die natürliche, die physische Geburt gelangen wir aus einer Höhle (der Uterus-Höhle der Mutter) ans Licht der (sichtbaren) Welt. Aber diese Welt ist nach Platons Meinung nur Schein, nur vituell. Wir bedürfen einer zweiten metaphysischen Geburt, um aus der Scheimwelt in die wirkliche (unsichtbare) Welt der Ideen zu gelangen. Für diese „zweite Geburt“ ist der Philosoph der „Geburtshelfer“.

Platons Schriftwerke:


„Protagoras“

Kritik der Sophistik bezüglich der Einheit und Lehrbarkeit der Tugend.

„Apologie“
Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht.

„Euthyphron“
Über die Frömmigkeit.

„Gorgias“
Gegen die Sophistik, für das absolute sittliche Gute, über die Seele im Jenseits.

„Kratylos“
Über die Sprache.

„Menon“
Erkenntnis als Wiedererinnerung.

„Phaidon“
Über die Unsterblichkeit der Seele und die Philosophie als Einüben ins Sterben.

„Symposion“
Über den homoerotischen Eros und seine Sublimierung in der Philosophie.

„Politeia“
Über den Idealstat und die Seele.

„Phaidros“
Über die Seele und die Ideen.

„Theaitetos“
Über das Wissen.

„Parmenides“
Über die Einheit und Vielheit, Sein und Nichtsein.

„Sophistes“
Über das Wesen des Sophisten.

„Nomoi“
Über den Staat und die Erziehung der Bürger.

„Timaios“
Naturphilosophie.


Das „Höhlengleichnis“ ist laut Platons „Staat“ (7.Buch) ein Vergleich des menschlichen Daseins mit dem Aufenthalt in einer unterirdischen Behausung. Gefesselt, mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, erblickt der Mensch nur die Schatten der Dinge, die er für die alleinige Wirklichkeit hält. Löste man seine Fesseln und führte ihn aus der Höhle in die lichte Welt mit ihren wirklichen Dingen, so würden ihm zuerst die Augen wehtun, und er würde seine Schattenwelt für wahr, die wahre Welt für unwirklich halten. Erst allmählich, Schritt für Schritt, würde er sich an die Wahrheit gewöhnen. Kehrte er aber in die Höhle zurück, um die anderen Menschen aus ihrer Haft zu befreien und von ihrem Wahn zu erlösen, so würden sie ihm nicht glauben, ihm heftig zürnen und ihn vielleicht sogar töten.

In seinem „Liniengleichnis“ unterschied Platon den Bereich des Sichtbaren von dem des Unsichtbaren. Er veranschaulichte das durch die Teilung der Strecke im Verhältnis a:b. Er wiederholte diese Teilung in den beiden Bereichen a und b und veranschaulichte damit die vier Wissensbereiche bzw. Wissensarten: Gerücht (eikasia), Meinung (doxa), Wissenschaft und Philosophie. Im Sonnengleichnis sah Platon die Analogie zwischen der Sonne und der Idee (des Guten) einerseits und zwischen Auge und Seele andererseits: So wie die Sonne durch ihr Licht dem Auge ermöglicht, etwas zu sehen und den Gegenständen ihre Sichtbarkeit verleiht, so ermöglicht die Idee des Guten durch das Licht der Ideen der Seele die Erkenntnis und den Dingen ihre Erkennbarkeit und Wahrheit. Dabei ist die Sonne selbst „Sprößling des Guten“.

Der Mensch gehört beiden Welten an: der Welt der Ideen und der Welt der wandelbaren Dinge, deren Vorbilder die Ideen sind. Er gehört der Ideenwelt an durch seine Seele mit ihrer Vernunft. Der Körperwelt gehört er an durch den Leib. Mit dem Tode trennt sich die Seele vom Leib. Entscheidend ist, in welchem Zustand sie dann ist. Philosophie hat ihr Motiv in der Sorge um die Seele oder im Tod. Die Sorge um den Staat ist darin eingeschlossen. Der ideale Staat ist nämlich beschaffen wie die Seele, dreiteilig. Lehrstand, Wehrstand und Nährstand im Staate entsprechen den drei Seelenteilen: dem vernünftigen, dem mutigen und dem begehrenden Teil. Hier wie da kommt es auf die Harmonie der drei Teile an - durch Hierarchie. Die Vernunft soll herrschen in der Seele, so wie im idealen Staate die Philosophen die Könige sein sollten. Sinn des Staates ist, die Seelen der Bürger zu retten, ihre Heimführung bzw. Rückführung ins Ideenreich zwecks Reinkarnation zu ermöglichen.


Erwachsen Durch Platon wurde die antike Philosophie erwachsen. Erwachsen
Platon bildete den geistigen Übergang von jugendlicher zu erwachsener Kultur.
Dieser Denkarchitekt baute die Brücke zwischen Hochdenkern und Spätdenkern.
Der jüngere Platon war ein Hochdenker, der ältere Platon war ein Spätdenker.
Nach ihm wurde die Philosophie zu einer Denkgeschichte der Fußnoten zu ihm.

 

Während der Aufklärung lebte auch die Mystik fort: Friedrich Oetinger (1702-1782) suchte die Narturmystik Jakob Böhmes mit der Gravitationstheorie Newtons zu verbinden. (Böhme und Newton). Johann Georg Hamann (1730-1788) war ein Gegner der Aufklärung und wies gegenüber Kants rein verstandesmäßiger Erkenntnis auf die Schöpferkraft des Gefühls und des Gemüts hin, die er besonders in der Sprache am Werk sah und die sich in der Dichtung der Muttersprachedes Menschengeschlechts offenbare. Hamann wirkte über die Sturm-und-Drang-Zeit und den Klassizismus bis weit in die Romantik und die moderne Sprachphilosophie hinein. (Vgl. 18-20). Aber Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) war ein Gegner des Geniekults und des Mystizismus der Philosophie seiner Zeit. Er war ein geistvoller Vertreter der Aufklärung, in dessen Denken sich schon Züge des Deutschen Idealismus abzeichneten. (Vgl. 18-20). Als Kritiker Kants zog er aus dessen Philosophie besonders ethisch und pädagogisch weitgehende, auch praktische Folgerungen. Lichtenberg bekämpfte geistige Zuchtlosigkeit (Relativismus) und Pedanterie (Rationalismus), ebenso die konfessionelle Orthodoxie. Vermischte Schriften und Aphorismen, die viele satirische, ironische, geistvoll formulierte Aussprüche über alle Lebensgebiete enthalten, kann man ohne weiteres als geniale Qualität Lichtenbergs bezeichnen. Die Zeit des Sturm und Dranggalt damals als Geniezeit - wahrscheinlich weil deren Vertreter auf die später noch mehr zu beneidende Deutsche Klassik zu wirken vermochten. Der Sturm und Drang erhielt Anregungen durch die Kulturkritik des Genfers Jean-Jacques Rousseau (Zurück zur Natur!), durch das Genieverständnis E. Youngs sowie durch die pietistische und empfindsame Tradition. Unmittelbarer Wegbereiter der antirationalen und religiösen Komponente war der eben erwähnte Hamann, die eigentlichen Grundideen entwickelte aber Herder. Der literarische Sturm und Drang begann mit Begegnung zwischen Herder und Goethe 1770 in Straßburg. Von Herders ästhetischen Ideen beeinflußt, verfaßte Goethe im lyrischen, dramatischen und epischen Bereich die initiierenden Werke Sesenheimer Lieder (1771), Götz von Berlichingen (1773), Die Leiden des jungen Werther (1774) u.a.. Goethe, Schiller, F. M. Klinger, J. A. Leisewitz, H. L. Wagner, J. M. R. Lenz und andere Dichter des Sturm und Drang verfolgten folgende Themen und Motive: Selbstverwirklichung des genialen Menschen, den tragischen Zusammenstoß des einzelnen mit der Geschichte, den notwendigen Gang des Ganzen, Bruderzwist bis zum Brudermord, Konflikte zwischen Moralkodex und Leidenschaft, soziale Anklage gegen die Korruption der herrschenden Stände und gegen Standesschranken überhaupt. Guter Stoff war für die Dichter natürlich auch das Drama um Faust, das es spätestens seit 1746 auch als Puppenspiel gab. G. E. Lessing konzipierte ein Faustdrama in ganz neuem Verständnis. Dem Dichter der Aufklärung bedeutete Fausts Streben nach Wissen nicht Vermessenheit und Aufbegehren gegen Gott. Nach ihm wurde der Stoff von Dichtern des Sturm und Drang aufgegriffen: Faust als titanische Persönlichkeit aufgefaßt, so bei Friedrich Müller (genannt Maler Müller), bei F. M. Klinger und auch bei Goethe im sogenannten Urfaust, der 1772-1775 entstand und als Abschrift des Fräuleins von Göchhausen erhalten ist. In einer stark veränderten und von Goethe 1790 veröffentlichten Fassung war die Goethesche Konzeption, in der das Faustdrama zum Menschheitsdrama wird, bereits so angelegt, wie in der Endfassung des Werkes verwirklicht (Teil I, 1806; Teil II, 1831). Den Rahmen bildet eine doppelte Wette des Mephistopheles mit dem Herrn und mit Faust, in der es um das Streben des Menschen nach Selbstverwirklichung geht, das für den Nihilisten Mephistopheles nur Selbsttäuschung ist und daher in dumpfem Genuß enden muß. Goethes philosophischer Werdegang führte ihn von der Abneigung gegen die Schulphilosophie (das Collegium logicum) in der Leipziger Zeit (1765-1768), wo seine erste Lyrik im Stil des Rokoko entstanden. Zur Erweckung eigenen philosophischen Denkens kam es in der Straßburger Zeit (1770-1771), wo Goethe in der Freundschaft mit Herder seinen Durchbruch zum Sturm und Drang fand. Goethes naturphilosophische Studien der ersten Weimarer Zeit (1775-1786) gründeten insbesondere auf Auseinandersetzung mit Platon, Neuplatonismus, Giordano Bruno und Spinoza. Nach seiner italienischen Reise (1786-1788) begann nicht nur die Weimarer Klassik, sondern auch Goethes Sachinteresse an der Farbenlehre und an der vergleichenden Gestaltlehre, der Morphologie (niedergelegt in der Metamorphose der Pflanzen, 1790; vgl. Metamorphose).

Die Literatur des deutschen Rokoko (1740-1780) übernahm die Grundtendenzen der Aufklärung und Züge der Empfindsamkeit. Oberstes Prinzip war für ihre Vertreter die Grazie als das moralisch Schöne. Neues Lebensgefühl, heitere, weltimmanente Lebensfreude wurden ebenso propagiert wie ein verfeinerter Sinnengenuß, der in ästhetischem Spiel und graziöser Form Leben und Kunst harmonisch vereinen sollte. Man bevorzugte Kurzformen wie Lyrik, Verserzählung, Dramolett, Singspiel und Idylle. Während des deutschen Rokoko wirkten hauptsächlich C. M. Wieland (1733-1813), der junge J. W. Goethe (1749-1832), der junge G. E. Lessing (1729-1781), F. von Hagedorn (1708-1754), J. W. L. Gleim (1719-1803), H. W. von Gerstenberg (1737-1823), C. F. Gellert (1715-1769), S. Geßner (1730-1788), J. P. Uz (1720-1796), F. G. Klopstock (1724-1803), E. C. von Kleist (1715-1759) J. C. Gottsched (1700-1766). (Vgl. 18-20). Einen Vorgriff auf die nächste Phase unternahmen die gelehrten Vertreter der klassizistischen Bewegung in Deutschland, und zwar J. J. Winckelmann (1717-1768) und G. E. Lessing sowie die zu Beginn dieser Zeit noch jungen J. W. Goethe und F. Schiller. (Vgl. 18-20).

Johann Gottfried Herder (1744-1803) stand von 1762 bis 1764, als er in Königsberg Theologie studierte, unter Einfluß Kants und Hamanns. 1764 bis 1769 war er Lehrer in Riga, 1771 Hofprediger in Bückeburg. Die Philosophie Herders ist vor allem von Giordano Bruno, Spinoza, Leibniz und Hamann, mit dem er befreundet war, geprägt. Den späteren Kant lehnte er schroff ab, seine Untersuchungen nannte er öde Wüsten voll leerer Hirngeburten und im anmaßenden Wortnebel. Gegen den Aphorismus Kants führte er den Entwicklungsgang der Sprache ins Feld. Erst mit dem Sprechen entsteht Vernunft, war seine Antwort. Herders Sprachphilosophie und seine Volksliedersammlung lenkten seine Aufmerksamkeit besonders auf jene Völker, die ihre urtypischen Sitten und Bräuche und ihre urwüchsige Sprachkraft noch nicht verloren hatten. So wurde Herder zum Bewunderer der Lieder der Slawen, von deren Volkstum West-Europa bis dahin so gut wie nichts wußte. Herder ist der Vater der europäischen Slawistik. Er bahnte den slawischen Völkern den Weg zu den eigenen, von ihnen selbst vernachlässigten Volksgütern. Sie haben es Herder zu verdanken, daß sie in den Bereich der europäischen Kulturinteressen treten konnten. Nach Herder ist Geschichte fortschreitende Entwicklung zur Humanität: Kritik der Vernunft bedarf es nicht, sondern einer Physiologie der menschlichen Erkenntniskräfte. In der Geschichte wie in der Natur entwickelt sich alles aus gewissen natürlichen Bedingungen nach festen Gesetzen. Das Fortschrittsgesetz der Geschichte beruht auf einem Fortschrittsgesetz der Natur, das schon in den Wirkungen der anorganischen Naturkräften verborgen tätig ist, in der aufsteigenden Reihe der organischen Wesen vom Naturforscher bereits erkannt wird und sich für den Geschichtsforscher in den geistigen Bestrebungen des Menschengeschlechts zeigt.

Weil in einer Zeit der Aufklärung die Staatsdinge auch für einen Herrscher nicht wie im Handumdrehen zu erledigen sind, der Anspruch auf Perfektionismus aber aufrechterhalten bleiben soll, gibt es viel Dienst und mühsame Arbeit für die pflichtbewußten Staatsdiener. Das gilt auch z.B. für Staatstheoretiker und Historiker. Thukydides (460-396) und Xenophon (430-354) hatten also wie Charles de Montesquieu (1689-1755) und Justus Möser (1720-1794) viel Material zu bearbeiten.

Die ganze Universalgeschichte des Rechtes und die Ethnologie vorausgeahnt haben soll Giovanni Battista Vico (1668-1744). Er führte die vergleichende Methode in die abendländische Geschichtswissenschaft bzw. Geschichtsphilosophie ein und nahm an, daß alle Völker sich „parallel“ entwickeln, daß der „corso“ (Lauf, Kurs als Aufstieg) der Völker drei Zeitalter durchläuft: das der Götter, das der Heroen, das der Menschen; die Aufeinanderfolge eines göttlichen, eines heroischen und eines menschlichen Zeitalters kann man also als ein Drei-Stadien-Gesetz auffassen. Später sollten jedenfalls nicht wenige ein ähnliches Drei-Stadien-Gesetz und/oder eine ähnliche Parallelität zwischen Völkern oder sogar Kulturen annehmen. (Beispiele). Vico war seiner Zeit sehr weit voraus und lehnte den Cartesianismus ab, genauer: er setzte gegen Descartes' an Mathematik und Physik orientierten naturalistischen Rationalismus in De antiquissima Italorum sapienta ... (1710) den erkenntnistheoretischen Grundsatz: „Nur das kann erkannt werden, was einer selbst hervorgebracht hat“. Deshalb ist eine universale Erkenntnis nur Gott möglich, der in seiner Schöpfung alles geschaffen hat; weil die Geschichte aber andererseits das ist, was der Mensch in der Welt geschaffen hat, ist die Geschichte sein vornehmliches Erkenntnisobjekt. Ausgehend von diesem Grundsatz entdeckte Vico in seinem Werk Von dem einen Ursprung und Ziel allen Rechtes (1720) die Geschichtlichkeit des Rechts und entwickelte das für die gesamte Menschheitsgeschichte als gültig erachtete geschichtsphilosophische Modell der gesetzmäßigen Wiederkehr je eines theokratischen, heroischen und menschlichen Zeitalters in einem Zyklus von Aufstieg, Verfall und ständiger Wiederkehr. (Beispiele). Wie gesagt: Vico erklärte die Geschichte zum eigentlichen Feld der menschlichen Erkenntnis, weil der menschliche Geist am besten das verstehen könne, was er selbst gemacht habe: „Tat-Sachen“. Daß Vico seiner Zeit weit voraus war, läßt sich schon allein daran erkennen, daß er als Wegbereiter des Historismus und als Systematiker der Geschichtswissenschaften gilt. Und das sind gerade nicht die „positiv“ erkennbaren physikalischen Phänomene, denn sie können nur von außen erklärt werden und nicht, wie in der Geschichtswissenschaft, von innen verstanden werden. Das ist im wesentlichen schon die These der Hermeneutik, denn die Gegenüberstellung von Erklären und Verstehen ist typisch für diese Denkrichtung, und zu Vicos Zeiten gab es die Hermeneutik als wissenschaftliche Disziplin noch gar nicht: Vico war eben seiner Zeit weit voraus. Was jedoch die Kulturzyklen-Theorie angeht, so hatte schon lange vor Vico Francis Bacon (1561-1626) festgestellt, daß Kulturen altern wie Menschen und Phasen bzw. Auf-und-Ab-Stufen durchleben: „In der Jugend der Völker und Staaten blühen die Waffen und die Künste des Krieges; im reifen männlichen Alter der Völker und Staaten Künste und Wissenschaften; dann eine Zeit lang beide zusammen, Waffenkunst und Musenkünste; endlich im Greisenalter der Völker und Staaten Handel und Industrie, Luxus und Mode.“ (Francis Bacon, De dignitate et augmentis scientiarum, 1605; IV, 2, 114).

Der Philosoph und Mathematiker Christian Wolff (1679-1754), führend in der deutschen Aufklärung geworden, hatte das System des deutschen Rationalismus unter Verwendung aristotelischer, stoischer und auch scholastischer Gedanken zur höchsten Entfaltung gebracht und dadurch die von ihm umgestaltete Leibnizsche Philosophie zur herrschenden Philosophie seiner Zeit gemacht. Seine Schüler, die Wolffianer, hatten an fast allen deutschen Universitäten die philosophischen Lehrstühle inne. Zu Wolffs Schülern zählte in seinen jungen Jahren auch Kant. Später nannte er Wolff den gewaltigsten Vertreter des rationalen Dogmatismus: des Standpunktes des reinen ungebrochenen Vertrauens in die Macht der Vernunft. Die Titel der Schriften Wolffs beginnen fast alle mit „Vernünftige Gedanken ... „, gewachsen waren sie in Leibniz. Beide wirkten außer auf die Leibniz-Wolffsche Schule u.a. auf Herder, Goethe, Schiller und den Deutschen Idealismus, später u.a. auf Herbart und Lotze, ja sogar noch auf die analytische Philosophie des 20. Jahrhunderts, auf die Logistik der Sprachphilosophie, wie überhaupt auf die Linguistische Wende und den Nativismus. (u.a. Chomsky), sodann auf den Konstruktivismus (Maturana, Luhmann u.a.).

Immanuel Kant (1724-1804) stammte aus einer Handwerkerfamilie mit 12 Kindern, studierte in Königsberg Mathematik und Naturwissenschaften, Philosophie bei dem Wolff-Schüler Martin Knutzen. Kant verbrachte sein ganzes Leben in Königsberg, wirkte ab 1756 als Privatdozent, ab 1770 als ordentlicher Professor der Logik und Metaphysik mit großem Lehrerfolg, und er lehrte auch Naturwissenschaften, insbesondere Geographie. 1794 wurde der Begründer des Kritizismus bzw. der Transzendentalphilosophie durch eine königliche Kabinettorder verwarnt: wegen Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums. Kant hat den Begriff der Metaphysik geändert, den der Erkenntnistheorie neu geschaffen, beides in der Kritik der reinen Vernunft (1781). Er sah in der Metaphysik nicht mehr die Wissenschaft vom Absoluten, wie noch die dogmatischen Philosophen, besonders die Wolff-Schule, sondern die Grenzen der menschlichen Vernunft. Die Erkenntnistheorie sollte die Grenzpolizei gegen alle Anmaßungen und Grenzüberschreitungen über das Erfahrbare hinaus sein. Erkenntnisse beruhen nach Kant einzig und allein auf Erfahrung, auf Sinneswahrnehmung. Die Sinne allein geben Kunde von einer realen Außenwelt. Kant begründet das in etwa so: Erkenntnis entspringt nicht vollständig aus der Erfahrung, vielmehr wird sie geformt durch die apriori bereitliegenden Anschauungsformen des Raumes und der Zeit und die Denk- bzw. Verstandesformen der Kategorien. Die Kategorien sind einerseits die allgemeinsten Wirklichkeits-, Aussage- und Begriffsformen, also die Stammbegriffe, von denen die übrigen Begriffe ableitbar sind (Erkenntniskategorien), andererseits die Ur- und Grundformen des Seins der Erkenntnisgegenstände (Seins- oder Realkategorien). Die Erforschung der Kategorien nannte Kant transzendental. Die Erkenntnistheorie als spezialisierte Untersuchung der Erkenntnis gliedert sich in Erkenntniskritik, die von einem vorher bestehenden Erkenntnistypus ausgeht, an dem sie die vorhandenen Kenntnisse kritisch mißt, so Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781), und die Erkenntnismetaphysik, die das Wesen der Erkenntnis erforscht. Kant erschütterte aber eine Art von Metaphysik, die wahrnehmungslos und bloß spekulativ-konstruktiv vorgeht, indem er ihr die Fähigkeit zu irgendeiner Wirklichkeitserkenntnis absprach. Freilich räumte er ein, daß auch die durch Erfahrung gegründete Erkenntnis nicht auf die Dinge an sich, sondern nur auf deren Erscheinungen (Phänomene) zurückgeht. Reine Gedankenkonstruktionen hinsichtlich der Dinge an sich aber sind nach Kant erst recht keine Erkenntnisse. Dies versuchte er zu beweisen an der psychologischen, kosmologischen und theologischen Idee der bisherigen scholastischen, ontologischen, rationalistischen, damit als dogmatische Scheinwissenschaft entlarvten Metaphysik und natürlichen Theologie: der Unsterblichkeit der Seele, der Entstehung der Welt, der Existenz Gottes. (Vgl. unten).

Kritizismus heißt nach Kant das Verfahren, Möglichkeit, Ursprung, Gültigkeit, Gesetzmäßigkeit und Grenzen des menschlichen Erkennens festzustellen. Kant parallelisierte geistig das „Kindesalter“ mit dem „Dogmatismus“, das „Jünglingsalter“ mit dem „Skeptizismus“, das „reife Mannesalter“ mit dem „Kritizismus“. Systematisch hält der Kritizismus die Mitte zwischen Rationalismus und Sensualismus. Kants Kritizismus wendet sich


1.) gegen die Mißachtung der Wahrnehmung beim Erkennen,
2.) gegen die Behauptung, man könne aus bloßen Begriffen (Kategorien)
ohne Grundlegung durch wahrnehmung Erkenntnisse bilden,
3.) gegen die Behauptung, Gott, Seele, Welt seien erkennbare Gegenstände,
während sie in Wirklichkeit (systembildende) Ideen sind.

Der Hauptsatz des Kritizismus:
Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen leer.


Der transzendentale Idealismus Kants besagt, daß nicht die Dinge an sich, sondern die Dinge nur als Erscheinungen erfaßbar sind. Transzendent bedeutet demzufolge, daß Erfahrungen bzw. Erkenntnisse überstiegen werden, wenn sie jenseits des Bewußtseins liegen, dieses also überschreiten. Transzendental dagegen bedeutet nicht etwas, was über alle Erfahrung hinübersteigt (= transzendent), sondern was vor ihr (a priori) zwar hervorgeht, aber doch zu nichts weiterem bestimmt ist, als lediglich Erfahrungserkenntnis möglich zu machen. Der Begriff des Transzendentalen bezeichnet somit offenbar das Problem der Erkenntnislehre, aber auch die Erkenntnislehre selbst und ihrer Methoden. Die transzendentale Idee ist nach Kant ein Vernunftbegriff, ein Begriff, der nur in der Sehnsucht des Verstandes, das ihm Gegebene zu überschreiten, seinen Ursprung hat und die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, aber für die formale Anordnung der Begriffe und Erkenntnisse in einer vollständigen Wissenschaft unentbehrlich ist. Die 3 Ideen der Metaphysik sind nach Kant: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. Platons Begriff der Ideen ist dagegen ein urtypischer (urkultureller), weil er methodisch in genau die andere Richtung zeigt: Ideen sind aufgrund vorgeburtlicher Erinnerung erfaßbare, Realität besitzende Urbilder der Dinge. Nach Platon sind sie nicht sinnlich, sondern nur geistig erfaßbar, und zwar mit eben jener Anamnese: der vorgeburtlichen Erinnerung. Anamnese sei, so Platon, eine Wiedererinnerung als Erkenntnis, weil jede Erkenntnis ein Sicherinnern der Seele an die Ideen sei, in deren Nähe sie vor ihrer Verbindung mit dem Körper weilte. Ideen sind nach Platon ewige und unveränderliche Urbilder. Das Ding bilde die Ideen ab und hat an der Idee teil. Somit ist die Idee in ihm gegenwärtig und demzufolge das Eigentlich-Seiende. Das Abendland hatte sich mit der platonischen Ideenlehre seit ihrem Bekanntwerden immer schon auseinandergesetzt, und mit Fichte, Schelling und Hegel erhielt sie jetzt erneut Bedeutung, aber an die eigentliche platonisch-antike Bedeutung kamen selbst diese 3 Hauptvertreter des Deutschen Idealismus und auch Goethes Urphänomene nicht heran. Keinem Menschen ist es möglich, kulturell gegensätzliche Seelenbilder und Ursymbole zu überwinden. Auch eine Synthese muß aufheben, wenn auch auf erhöhter Ebene. (Vgl. Aufheben und Dialektik). Tabelle

Antinomie nennt man den Widerstreit zwischen mehreren Sätzen, deren jeder für sich Gültigkeit hat. Kant stellte 1781 in seiner Kritik der reinen Vernunft eine besondere Antinomienlehre auf, in der er 4 Antinomien - 2 mathematische und 2 dynamische - unterschied, die jeweils aus Thesis (Behauptung) und Antithesis (Gegenbehauptung) bestehen. Kant erblickte die Hauptleistung des Verstandes in der „Synthesis der transzendentalen Apperzeption“, wodurch empirische Anschauungen zur Einheit einer Erkenntnis werden.

Rationalismus und Empirismus zusammengebracht zu haben, ist das Verdienst der Kritik der reinen Vernunft (1781): Kants Buch wurde damit zum Buch der Bücher der neueren Philosophie (Spätdenker Spätdenker). Kant definierte einerseits, was die Vernunft von sich her an Erkenntnis mitbringt (was a priori ist) - im Rationalismus schien das nahezu alles zu sein -, und andererseits, was die Vernunft sich durch die sinnliche Erfahrung geben lassen muß (was später als die Vernunft ist, oder a posteriori) - das schien dem Empirismus fast alles zu sein. Objektive Erkenntnis sei nämlich immer ein Zusammengesetztes aus beiden. Damit geht es allerdings der Metaphysik an den Kragen, denn ihre Gegenstände gehen ja nicht selten über alle sinnliche Erfahrung hinaus. Wenn es stimmt, daß von der Metaphysik seit Kant nichts anderes übrig geblieben ist als die theoretische Basis sicherer Naturwissenschaft und das Gewissen, dann hätten ja die metaphysischen Ideen - z.B. Gott, Freiheit, Unsterblichkeit - nichts Antinomisches, Widersprüchliches, die Vernunft Zerbrechendes mehr an sich. (Beispiel). Hier findet man Kants zündende Idee, die stark an Platon erinnert: er unterscheidet nämlich die Welt, wie sie unabhängig von unserer Anschauung und unserem Verstand ist (die Dinge an sich), von der Welt, die uns als räumlich-zeitlicher Geschehenszusammenhang erscheint (die Dinge als Erscheinungen). Dann ist jedes Ding zweierlei:

1) Gedankending oder Ding an sich selbst (noumenon)
2) Erscheinung oder Ding als Gegenstand der Erfahrung (phainomenon)

Kant konnte, anders als der skeptische Hume, der Naturwissenschaft Sicherheit verschaffen: die Realität ist Meßbares, Empfindbares, kausal Erfolgendes in Raum und Zeit, aber das Ganze, diese Realität, ist nur Erscheinungswelt, Vorstellungswelt des Ich. Sie richtet sich in ihrer Erkennbarkeit nach dem Ich. Das nennt man die kopernikanische Wende in der Philosophie durch Kant. Die Dinge an sich, die Welt ohne das vorstellende Ich mit seinen Kategorien (Quantität, Qualität und Kausalität) und Anschauungsformen (Raum und Zeit), sind unerkennbar, aber eben denkbar. Und nun kommt das Entscheidende: zu dieser Welt der Dinge an sich gehört auch das Ich, sofern es sich selbst nicht sinnlicher oder „intelligibler Gegenstand“ sein kann. Und das geschieht, wenn er spürt, daß er soll. Sollen kommt in der ganzen Welt nicht vor, so Kant, nur im Menschen. Hier also, in der Freiheit, im Sollen, in der Moral, ist der Punkt, wo sich das Ich hinein ins Jenseits rettet, in eine intelligible Welt. Unsterblichkeit ist Verdienst der sittlichen Anstrengung:


Wir sind und jetzt durch die Vernunft schon als in einem intelligiblen Reiche befindlich bewußt,
nach dem Tode werden wir das anschauen und erkennen und dann sind wir in einer ganz anderen Welt,
die aber nur der Form nach verändert ist, wo wir nämlich die Dinge erkennen, wie sie an sich selbst sind.“
Kant, 1781

Kant äußerte sich natürlich auch, und zwar pflichtgemäß, zur Ethik, einem in dieser spätrationalistischen Phase zur Höchstform auflaufenden Charakteristikum (antik wie abendländisch). Pflicht ist die verbindliche Pflege, für etwas zu sorgen. Diese als inneres Erlebnis auftretende Nötigung muß er vor Augen gehabt haben, um den von ethischen Werten ausgehenden Forderungen entsprechen und das eigene Dasein diesen Forderungen gemäß gestalten zu können. Kant kam in seiner Kritik der praktischen Vernunft (1788) zu einer autonomen Pflicht-Ethik, die als eine bedeutende philosophische Leistung gelten kann. Kants Gedankengang ist in etwa folgender: Der Vernunft ist es zwar unmöglich, Gegenstände rein apriori, d.h. ohne Erfahrung theoretisch zu erkennen, wohl aber den Willen des Menschen und sein praktisches Verhalten zu bestimmen. Seinem empirischen Charakter nach, d.h. als Person, steht der Mensch unter dem Naturgesetz, folgt er den Einflüssen der Außenwelt, ist er unfrei. Seinem intelligiblen Charakter gemäß, d.h. als Persönlichkeit, ist er frei und nur nach seiner (praktischen) Vernunft ausgerichtet. Das Sittengesetz, dem er dabei folgt, ist ein „Kategorischer Imperativ“. Nicht auf äußere Güter gerichtetes Streben nach Glück, nicht Liebe oder Neigung machen ein Tun moralisch, sondern allein die Achtung vor dem Sittengesetz und die Befolgung der Pflicht. Getragen ist diese Ethik der Pflicht von der nicht theoretischen, sondern praktischen Überzeugung von der Freiheit des sittlichen Tuns, von der Unsterblichkeit des sittlich Handelnden, da dieser in diesem Leben den Lohn seiner Sittlichkeit zu ernten nicht befugt ist, von Gott als dem Bürgen der Sittlichkeit und ihres Lohnes. Diese 3 Überzeugungen sind nach Kant die praktischen Postulate von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Von religiöser Heteronomie - Fremdbestimmung u.s.w. - ist nach Kant die Sittlichkeit frei, weil sie autonom ist. In diesem Zusammenhang sah Kant seine Auffassungen über Recht, Staat, Politik und Geschichte, deren Wirklichkeit er sehr skeptisch gegenüberstand, besonders der des von ihm als ethisch-politisches Ideal anerkannten Ewigen Friedens.

Mit der Kritik der Urteilskraft (1790) schloß Kant seine Darlegungen zu seinem System des Kritizismus ab. Nach Kant ist Urteilskraft

1) das Vermögen, unter Regeln zu subsumieren, d.h. zu unterscheiden, ob etwas
unter einer gegebenen Regel stehe oder nicht (subsumierende Urteile).
2) das Vermögen (die Fähigkeit), das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen
(Regel, Prinzip, Gesetz) zu denken (reflektierende Urteile).

Synthetisch heißt nach Kant ein Urteil, dessen Prädikats-Inhalt noch nicht im Subjekt-Inhalt enthalten ist, vielmehr durch den Urteilsvollzug erst neu hinzukommt. Synthetische Urteile, von Kant in synthetische Urteile a posteriori und synthetische Urteile a priori (z.B. mathematisch) eingeteilt, bringen also zu dem Begriff des Subjekts ein Prädiakt hinzu, welches in jenem noch gar nicht gedacht war (alle Körper sind schwer). Kant machte sie zu seinem sachlichen Ausgangspunkt für seine kritische Untersuchung der Erkenntnis. Daß sie möglich sind, ja vorhanden sind, wird dabei vorausgesetzt. Analytische Urteile dagegen sind nach Kant solche Urteile, deren Prädikat im Subjekt bereits enthalten ist (alle Körper sind augedehnt).

Kants Philosophie, in Fachkreisen seine theoretische, in weiteren Kreisen, z.B. bei Goethe und Schiller, seine praktische, rief schon zu seinen Lebzeiten eine starke Bewegung hervor. Auf Schiller wirkte Kant vor allem durch seine Sittenlehre, wenn auch Schiller die Härte der Kantschen Pflichtethik bekämpfte. Goethes anschauender Natur war zwar Kants Kritik der reinen Vernunft in ihrer Abstraktheit fremd, doch beeindruckte ihn Kants Kritik der praktischen Vernunft mit ihrer strengen Pflichtethik, und Kants Kritik der Urteilskraft habe ihm sogar die philosophische Grundlage für sein „Schaffen, Tun und Denken“ gegeben. Hamann, Herder und Jacobi traten als Gegner Kants auf. Fichte, Hegel, Schelling knüpften mit ihrer (aber nicht mehr kritizistischen!) spekulativ-idealistischen Metaphysik an Kant an. (Vgl. Idealismus).

Das Ganze der „Drei Kritiken“ - die Transzendentalphilosophie - besteht also aus den Bedingungen der Möglichkeit allgemeingültiger Naturerkenntnis (Wissenschaft), allgemeingültiger Willensbestimmung (Moral) und allgemeingültigen Geschmacks (Ästhetik). Neben dieser Durchführung seiner Philosophie betrieb Kant auch noch „Philosophie in weltbürgerlicher Bedeutung“. Darunter verstand er praktische Menschenkenntnis. Er publizierte sie 1798 unter dem Titel Anthropologie in pragmatischer Hinsicht und in zahlreichen kleineren Schriften über die Menschheitsgeschichte, über Politik und Moral. Auf Kants Vernunftidee einer friedlichen Völkergemeinschaft (in der Schrift Zum ewigen Frieden, 1795) sollten sich später der Völkerbund (1919) und die UNO (1945) berufen.


Erwachsen Durch Kant wurde die abendländische Philosophie erwachsen. Erwachsen
Kant bildete den geistigen Übergang von jugendlicher zu erwachsener Kultur.
Dieser Denkpolizist fand den Grenzraum zwischen Hochdenkern und Spätdenkern.
Als jüngerer Vorkritiker war er Hochdenker, als älterer Nachkritiker war er Spätdenker.
Durch Kant erhielt auch das Abendland seine eigenen denkgeschichtlichen Fußnoten.

 

 

- Kulturphilosophisches Fazit -
Die Zeit der Hochdenker, der rationalistischen Philosophen, legte auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften den Grund für eine Neu-Theologie, namentlich: Naturwissenschaft (und Technik). Hatte sich die Philosophie gerade von der Theologie getrennt, so bahnte sich schon die nächste Trennung an. Im Abendland war aus der gerade gekrönten Philosophie Wissenschaft geworden, aus dem „Siegerpokal“ ein „Wanderpokal“. In der Antike, wo sich die Philosophie gerade von der Theologie, dem theurgisch-mythologischen Mysterienkult, gelöst hatte, blieben Philosophie und Wissenschaft als Synonyme ein Einzelkörper, z.B. als die nach der Natur Forschenden. (Heraklit). In einer die Statik bevorzugenden Kultur ist eine (abendländisch verstandene) Wissenschaft im Nachteil, aber die Antike war (und ist! Antike Philosophie) in der Philosophie, im statischen Hochdenken, unschlagbar. Im Abendland, wo sich die Philosophie gerade von der Theologie, dem päpstlich-christologischen Bevormundungskult, gelöst hatte, blieben Philosophie und Wissenschaft in ihrem hyperonom-hyponomen Beziehungsraum, z.B. als die nach der Sprache zur technischen Naturbeherrschung Forschenden. (Hoch-Rationalistik). In einer die Dynamik bevorzugenden Kultur ist eine (antik verstandene) Philosophie im Nachteil, aber das Abendland war (und ist! Antike Philosophie) in der Wissenschaft, im dynamischen Hochdenken, unschlagbar. (Vergleich). Hier wurden viele Philosophen und andere Forscher zu Wissenschaftlern, und auch nachdem sich die ersten wissenschaftlichen Disziplinen von der Philosophie getrennt hatten, blieben die Verbindungen größtenteils bis in die Spätdenkerzeit bestehen. (Spätdenker). Allerdings ist zu berücksichtigen, daß die Wissenschaft selbst immer mehr zu einer Philosophie bzw. Neu-Theologie wurde (man glaubte fest an die Wissenschaft), während die Philosophie, die ja die abtrünnigen Wissenschafler zuvor selbst gestellt hatte, sich neue Aufgaben suchen mußte. Die neuen Aufgabenfelder entpuppten sich am Vorabend der Spätdenker als solche der Ethik und als solche der Suche nach endlich abschließenden Systemen im Unendlichen, d.h. nach dem (abendländisch) Unmöglichen im scheinbar Möglichen. Gleiches geschah in der Antike, nur suchte man hier lieber nach dem (antik) Möglichen im scheinbar Unmöglichen.


Der abendländische Denker kann nicht ein- und abgrenzen,
weil er immer wieder neue Unendlichkeiten entdeckt.
Der antike Denker will ein- und abgrenzen,
weil er den Kosmos liebt, aber das Chaos nicht erträgt
und alles Böse sogar auf die Unsterblichen projiziert. (Unsterbliche).


Da die Philosophie in dieser rationalistischen Hochdenkerzeit so großartige Erfolge verbuchen konnte, brauchte sie den ehemaligen Konkurrenten auf der Denkbühne nicht mehr zu fürchten. Auf der machtpolitischen Bühne sah sie sich natürlich immer noch den Repressalien der herrschaftlichen Institutionen ausgesetzt. Die antike Polis verteidigte den mythologischen Polytheismus genauso vehement wie später die abendländische Kirche den christlichen Monotheismus. Die meisten Denker fanden gegen die Druckmittel auch die geeigneten Sprachmittel. Die Mächtigen mußten umdenken, wollte sie ihre Macht nicht ganz verlieren, und nicht wenige gingen diesen Weg auch, trotz der zu erwartenden Probleme aus dem eigenen Lager. Die Philosophie bzw. die Wissenschaft war in dieser Zeit einfach zu erfolgreich. Dazu kam im Abendland noch die Umlaufgeschwindigkeit des Wissens, die, seit Gutenberg im 15. Jh. die beweglichen Druckbuchstaben in Umlauf gebracht hatte, enorm anwuchs. Diese stark dynamisierten Druckmittel sorgten nicht nur für die Alphabetisierung (Schrifterwerb), diese stark dynamisierten Sprachmittel sorgten überhaupt für ein dynamischeres Klima, besonders beim Umdenken: beim Umschalten von Frühdenken auf Hochdenken. Ganz genau an diesem Punkt wird nämlich Philosophie frei und das trainiert, was man Langzeitgedächtnis oder Kulturgeschichtsgedächtnis nennen kann. Im Abendland schienen die ab jetzt sich häufenden Erfindungen und das durch die geographischen Entdeckungen enorm anwachsende Wissen unaufhörlich zu werden; sie ließen keinen Zweifel an Wissenschaft und Technik mehr zu, mochten noch so viele Starrsinnige gegen sie ankämpfen. Die Wissensschulung schien ins Unermeßliche zu wachsen, die Rationalisierung ins Unendliche zu steigen. Das Streben der rationalistischen Philosophie in Richtung auf eine Neu-Theologie war auch durch die Versuche gekennzeichnet, eine „weltliche“ oder „natürliche“ Religion zu begründen, die die tradierte Offenbarungsreligion ablösen sollte. Diese etaws übertreibene Kritik richtete sich auch gegen jede echte Metaphysik. Spätestens seit der Aufklärung glaubten also nicht wenige Menschen tatsächlich an eine Art Natur-Theologie, die für sie allerdings (und leider übertrieben) eher Natur-Religion oder Vernunft-Glaube hätte sein sollen. Diese aus der selbstverschuldten Unmündigkeit Erwachenden (Kant) verpflichteten sich dem Ziel, die auf religiöser oder politischer Autorität beruhenden Anschauungen durch solche zu ersetzen, die sich aus der Betätigung der menschlichen Vernunft ergeben und die der vernünftigen Kritik jedes einzelnen standhalten. Es mußte ja so kommen: als das Hochdenken langsam nachließ, mußte fatalerweise die Konkurrenz zur Theolgie wieder stärker und offener in den Blickpunkt rücken.

Kann der „Kategorische Imperativ“ einer erwachsen werdenden Kultur das ersetzen,
was sie einst als „Kleinkindkultur“ in der behüteten Kulturfamilie schon erworben hatte?
Konnte das „Höhlengleichnis“ einer erwachsen werdenden Kultur das ersetzen,
was sie einst als „Kleinkindkultur in der behüteten Kulturfamilie schon erworben hatte?
Auch Kulturen sind genetischen (intaruterinen) und familiären Prägungen ausgesetzt,
aber jugendliche und erwachsene Prägungen sind als Neu-Prägungen zu bewerten,
weil der Anteil der eigenen aktiven Beteiligung an solchen Prägungen überwiegt.
Kant und Platon, zwei Beispiele starker Nachwirkungen, waren neu-prägend,
prägend konnte der Platonismus nur werden, weil seine Kultur Vater wurde,
prägend kann der Kantianismus nur werden, wenn seine Kultur Vater wird.

Die kommenden Spätdenker sollten es also in vierfacher Hinsicht schwer haben: Technologie, Wissenschaft, Philosophie und Theologie - im Zusammenspiel: der Glaube an die - sollten die konkurrierenden Spätdenker dazu veranlassen, die durch die Hochdenker (vor allem die forschenden Philosophen und Wissenschaftler) dynamisch angestrebte Neu-Theologie zu einer Neu-Religion zu machen. Die Spätdenker sollten also als Neu-Theologen das Spätdenken starten und die als christliche Maxime ausgegebene Reihenfolge Theologie-Philosophie-Wissenschaft-Technologie umkehren, die die kirchlichen Vertreter einst festgelegt hatten (Kirche im Abendland) - in der Zeit der Frühdenker, als sich Scholastik und Mystik noch auf dem Weg von der Theologie zur Philosophie befanden. (Frühdenker). Jetzt, in der rationalistischen Hochdenkerzeit, blieb die protestantische Neuscholastik zwar auf der Strecke, aber die katholische Neuscholastik konnte sich behaupten. (Neuscholastik). Auch die Neumystik behauptete sich in der gesamten Zeit der Rationalistik. (Neumystik). Erst im großen Strom des Deutschen Idealismus und der deutschen Romantik sollte auch die Neumystik untergehen. Ihr Ende war auch das Ende der Rationalistik, das Ende der Hochdenker- und damit der Beginn der Spätdenkerzeit. (Spätdenker).

 

Tabelle
 Philosophie Analoge (Hoch-) Philosophien Philosophie 
antik von ca. 700 v. Chr. bis ca. 350 v. Chr.
abendländisch von ca. 1450 bis ca. 1800

(12-14, 14-16, 16-18)
1) Ionische Naturphilosophen Urstoff seit -650/-600
2) Eleaten Seinsphilosophie/Rationalismus seit -550
3) Pythagoräer Rel.-pol.-arist. Rationalismus seit -550
4) Subjektivisten Elemenekinetik; Heraklit u.a. seit -520
5) Atomisten Naturph.; Leukipp/Demokrit, .. seit -490/-460
6) Sophisten Anthropologie/Aufklärung seit -475/-450
7) Sokratiker Sokrates, Maieutiker seit -440
8) Megariker Eristiker (Streiter) Euklid v. Megara seit -430
9) Kyrenäiker Aristippos von Kyrene, Hedoniker seit -400
10) Kyniker (Autarkisten) Antisthenes, Diogenes seit -400
11) Platoniker Platon, Alte Akademiker seit -385
1) Naturwissenschaft/Heliozentrik seit 1500/1550
2) Empirismus/Rationalismus Mechanik seit 1600
3) Pol.-rel. Empirismus Polit. Rationalismus seit 1600
4) Subjektivismus Rationalismus; Descartes u.a. seit 1630
5) Atomismus Monaden/Infinitesimal., Leibniz seit 1660-90
6) Aufklärung seit 1685 (1700)
7) Naturalismus-Subjektivismus seit 1710
8) Naturalismus/Deismus Freidenker seit 1720
9) Sensualismus Positivisten/Materialisten seit 1750
10) Früh-Romantik Sturm-und-Drang seit 1760
11) Kantianer Transzendental-Idealismus, Kant seit 1770

Theologie Analoge Theologien Philosophie
- PURITANISMUS -
24) Orientalistische Renaissance seit - 8. / - 7. Jh.; Wende
25) Reformation (Orphiker) Renaissance seit - 7 Jh.; Wende
26) Dionysos als „letzter Gott“ im Olymp; seit - 7. Jh.; Wende
27) Zeus-Götterwelt; Theogonie von Hesiod; seit - 7. Jh.; Wende
28) Gegenreformation (6) Zeus-Götterwelt seit - 7. / - 6. Jh.
24) Humanistische Renaissance seit 14. / 15. Jh.; Wende
25) Reformation (Luther) Renaissance seit 15. / 16. Jh.; Wende
26) Neuscholastik (5) Reformation seit 15. / 16.Jh.; Wende
27) Neumystik (4) Paracelsus, Franck u.a. seit 16. Jh.; Wende
28) Neuscholastik (6) Gegenreformation seit 16. Jh.


WEITER


Philosophie
Spät-Denker
Hoch-Denker
Früh-Denker
Vor-Denker
Ur-Denker
Glaube (Religion, Theologie)

Hochdenker sind die denkenden „Hochöfen“ der absoluten „Kulturfabrik“,
„verdribbeln“ sich jedoch nicht selten im subjektiven „Zentralmittelfeld“.
Verabsolutierter Rationalismus ist Zentralgewalt der Denktyrannen.
Trotzdem ist die Rationalistik wie eine erste selbst eingeholte „Ernte“,
weshalb die Hochdenker auch schon mit dem „Erntedenkfest“ rechnen.
Diese Vorarbeit macht sie quasi zu den „Vordenkern der Spätdenker“.
Von allen Denkern haben sie am wenigsten mit dem „Abseits“ zu tun,
aber ihr „Paß“ vor das „Denkertor“ kann die Spätdenker veranlassen,
ins „Abseits“ zu laufen, weil Spätdenker es oft zu spät bedenken.
(*)

 

Urdenker Vordenker Frühdenker Hochdenker Spätdenker Nachdenker Enddenker
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Anmerkungen:


Hylozoismus (von griech. 'ule, Holz, Wald, Stoff, Material, Vorrat und zwh, Leben), auch Hylopsychimus, ist diejenige philosophische Richtung, welche alle Materie von Haus aus als belebt (besseelt) betrachtet; die Anschauung, „daß die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiert und wirksam sein kann“ (Goethe). Hylozoisten waren bereits die ionischen Naturphilosophen (Thales, Anaximander, Anaximenes, Diogenes von Apollonia u.a.). (Vgl. dazu: Hylemorphismus).

Hylemorphismus (von griech. 'ule, Holz, Wald, Stoff, Material, Vorrat und morfh, Gestalt, Form) ist die neuscholastische Bezeichnung der von Aristoteles begründeten Lehre, daß alle körperlichen Substanzen aus dem Stoff (der an sich nur Möglichkeit ist) und der Wirklichkeit verleihenden Form bestehen. Hyle war für Aristoteles der noch nicht zu realen Dingen geformte „Urstoff“, der als bloße, noch nicht verwirklichte „Möglichkeit“ die einzige Eigenschaft der Formbarkeit besitzt. (Vgl. Hylozoismus).

Seelenbild der Antike und Seelenbild des Abendlandes sind gegensätzlich: apollinisch und faustisch; ihre Ursymbole ebenfalls: Einzelkörper und Unendlicher Raum. Wie ein Dogma gegenüber aller Erfahrung, gelten auch Seelenbild und Ursymbol allgemein als unbeweisbar, deshalb sei hier darauf hingewiesen, daß der Unterschied zwischen Antike und Abendland sogar am Beispiel „Parallelenaxiom“ deutlich werden kann: Euklid hat in seinen „Elementen“ (um 312 v. Chr.) die mathematische Entsprechung für das antike Beispiel gegeben und Gauß ca. 2112 Jahre später (um 1800) die für das abendländische. Sie stehen - wie unzählige andere Beispiele auch - für einen metaphysischen Mittelpunkt, um den eine Kultur kreist, während sie von Seelenbild und Ursymbol angetrieben und angezogen wird. (Vgl. Oswald Spengler, 1917, S. 155, 227ff., 234, 390). Vgl. dazu auch das Germanentum.

Das Seelenbild der magischen Kultur ist ein dualistisches: Geist und Seele, ihr Ursymbol die Welthöhle. (Vgl. Spengler, 1922, S. 847f.). Magien

Sfaira (griech: Kugel), Sphäre. Zu diesem Thema eine Literauturempfehlung: Peter Sloterdijk; „Sphären“, I) Blasen (1998), II) Globen (1999), III) Schäume (2004).

Die Zahl 1 als mathematischer Einzelkörper - ganz antik, ganz apollinisch! (Vgl. Ursymbol).

Maieutik (Geburtshilfe) ist die Hebammenkunst des Sokrates, durch geschicktes Fragen und Antworten die in einem Menschen liegende richtige Erkenntnis herauszuholen.

Eine abendländische Alternativ könnte lauten: KEIN DER NUMISMATIK UNKUNDIGER SOLL DIESEN ORT BETRETEN. (Es möge sich fernhalten, wer unwillig ist, die Geschichte wie eine Goldmünzezu hüten ). Eine Braunsche Röhre ist in meinem Bruneschen Sinne ein Gleichrichtereffekt und eine Erweiterung des kleinsten Zwanges mit bahnbrechender Entwicklung auf dem Gebiet der Funktechnik.

Zum Beispiel Aristoteles (383-322), der darauf hinwies, daß der das Wasser des Thales als Ursprung und Erklärungsgrund der Welt und ihrer Phänomene an den die Welt umfließenden mythischen Urstrom und an den Totenfluß Styx erinnere. Jedenfalls erlosch spätestens mit dem „Prinzip Wasser“ der alte, der vorige Glaube an die im Kosmos herrschenden Götter (heidnische Astrotheologie). Dazu leistete sicherlich auch die „orientalisierende (mesopotamische) Renaissance“ ihren Beitrag - und natürlich die vielen Reisen des Thales von Milet (650-570), der dadurch vielfältige Kenntnisse erwarb.

Aristoteles (383-322); vgl. Ältere und Jüngere Aristoteliker (Peripatetiker) und Aristotelische Stoa. Dieser antike Universalgelehrte bestimmte mit seinen Klassifikationen und Begriffsprägungen die gesamte nachfolgende Philosophie, dominierte insbesondere die Scholastik. (Vgl. auch: Früh-Denker). Die sich auf Aristiteles stützende Art des Philosophierens, der Aristotelismus, wurde später auch von den Arabern (z.B. Averroes, 1126-1198) und Juden (z.B. Maimonides, 1135-1204) gepflegt und beherrschte insbesondere seit dem 13. Jh. das philosophische Denken des Abendlandes, vermittelt vor allem durch Albert dem Deutschen (den Großen, 1193-1280) und Thomas von Aquino (1225-1274), allerdings mit wesentlichen, durch das Christentum bedingten Änderungen. Dieser oft auch „Thomismus“ genannte Aristotelismus wurde (als Neuthomismus) die Grundlage der katholischen Neuscholastik (bis heute!). In der Zeit der Renaissance wurde der Aristotelismus in unscholastisch-humanistischer Art von nach Italien gelangten byzantinischen Gelehrten neu belebt: in Deutschland fußten also sowohl die protestantische Neuscholastik (z.B. durch Melanchthon, 1497-1560) als auch die katholische Neuscholastik (z.B. durch Suárez, 1548-1617) auf dem Aristotelismus. Aristoteles, der für seinen Sohn Nikomachos die „Nikomachische Ethik“ geschrieben hatte, blieb für die Entwicklung der abendländischen philosophischen Ethik richtungsweisend bis Kant (!). (Vgl. Tabelle).

Johannes Faust (um 1480 - um 1540), deutscher Arzt, Astrologe und Schwarzkünstler, war nach seinem Theologiestudium in Heidelberg u.a. in Erfurt (1513), in Bamberg (1520), in Ingolstadt (1528) und in Nürnberg (1532). Er stand in Verbindung mit humanistischen Gelehrtenkreisen und hatte anscheinend Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturphilosophie der Renaissance (magia naturalis). Schon zu seinen Lebzeiten setzte die Sagenbildung ein, besonders durch Übertragung von Zaubersagen auf ihn, in denen er vor allem als Totenbeschwörer auftrat. Sein plötzlicher (gewaltsamer?) Tod gab Anstoß zu Legenden, der Teufel habe ihn geholt. Diese Stoffe wurden Grundlage eines Volksbuches. Das erste Faustbuch erschien 1587 bei J. Spies in Frankfurt (Main). Mit einer um 1575 niedergeschriebenen Wolfenbüttler Handschrift des Faustbuches geht diese Fassung auf eine gemeinsame, nicht erhaltene Vorlage zurück. Das Spies'sche Faustbuch wurde 1599 in Hamburg neu bearbeitet von G. Widmann, dessen Fassung später (1674) von J. N. Pfitzer gekürzt wurde. Das älteste überlieferte Faust-Drama ist The tragical history of Doctor Faustus (entstanden 1588) von C. Marlowe. Es schließt sich eng an das Spies'sche Faustbuch an. Den Anfang bildet der Faustmonolog, ein nächliches Selbstgespräch des Faust, in dem dieser die einzelnen Universitätswissenschaften, einschließlich der Theologie gegeneinander abwägt, sie alle verwirft und sich der Magie verschreibt. Dieser Faustmonolog wurde ein festes Bauelement fast aller späteren Faustdramen. Faustspiele waren bei den englischen Komödianten in Deutschland (zuerst 1608 in Graz bezeugt) und später den deutschen Wandertruppen beliebt, worauf dann das Puppenspiel vom Doktor Faust, das seit 1746 bezeugt ist, fußt. (Vgl. „Volksbuch vom Dr. Faust“ und z.B. auch Lessing und Goethe sowie Seelenbild).

Auf die Hominiden folgte der Homo sapiens sapiens, auf den Humanismus folgt der Hominismus. Damit schließt sich vorerst der Kreis. Schon im 13. Jahrhundert sollen Alchimisten erste Experimente unternommen haben, um einen künstlichen Menschen im Reagenzglas zu erzeugen. Goethe ließt im 2. Teil des Faust den Famulus Wagner einen Homunkulus nach Anleitung des Paracelsus erzeugen. Heute scheinen sich die Möglichkeiten zur Erschaffung des Menschen nach eigenen Wünschen konkretisiert zu haben. (Vgl. hierzu: 22-24).

Die Prädestination wurde vom Calvinismus, anfangs ein antischolastischer Humanismus, zu seinem Inhalt und Mittelpunkt gemacht. Diese Prädestination, die man auch Prädetermination nennt, meint die Vorbestimmung des Menschen schon vor bzw. bei seiner Geburt durch Gottes unerforschbaren Willen, und zwar entweder als Gnadenwahl zur Seligkeit ohne Verdienst oder als Prädamnation zur Verdammnis ohne Schuld. Sie wurde schon von Augustinus (354-430) gelehrt und nach ihm von Luther (1483-1546), Zwingli (1484-1531), Calvin (1509-1564) und dem Jansenismus (nach Cornelius Jansen, 1585-1638). Auf einen engen Zusammenhang zwischen dem Calvinismus, besonders aber dem aus ihm entwickelten Puritanismus, und dem modernen Kapitalismus der abendländischen Kultur hat vor allem Max Weber (1864-1920) hingewiesen.

Die Prädestination, die man auch Prädetermination nennt, meint die Vorbestimmung des Menschen schon vor bzw. bei seiner Geburt durch Gottes unerforschbaren Willen, und zwar entweder als Gnadenwahl zur Seligkeit ohne Verdienst oder als Prädamnation zur Verdammnis ohne Schuld. Sie wurde schon von Augustinus (354-430) gelehrt und nach ihm von Luther (1483-1546), Zwingli (1484-1531), Calvin (1509-1564) und dem Jansenismus (nach Cornelius Jansen, 1585-1638). Prädestination wurde vom Calvinismus zu seinem Inhalt und Mittelpunkt gemacht. Auf einen engen Zusammenhang zwischen dem Calvinismus, besonders aber dem aus ihm entwickelten Puritanismus, und dem modernen Kapitalismus der abendländischen Kultur hat vor allem Max Weber (1864-1920) hingewiesen.

Der Puritanismus ging aus der Reformation, insbesondere aus dem Calvinismus hervor. Der Calvinismus, anfangs ein antischolastischer Humanismus, machte die Prädestination zu seinem Inhalt und Mittelpunkt. Diese Prädestination, die man auch Prädetermination nennt, meint die Vorbestimmung des Menschen schon vor bzw. bei seiner Geburt durch Gottes unerforschbaren Willen, und zwar entweder als Gnadenwahl zur Seligkeit ohne Verdienst oder als Prädamnation zur Verdammnis ohne Schuld. Sie wurde schon von Augustinus (354-430) gelehrt und nach ihm von Luther (1483-1546), Zwingli (1484-1531), Calvin (1509-1564) und dem Jansenismus (nach Cornelius Jansen, 1585-1638). Auf einen engen Zusammenhang zwischen dem Calvinismus, besonders aber dem aus ihm entwickelten Puritanismus, und dem modernen Kapitalismus der abendländischen Kultur hat vor allem Max Weber (1864-1920) hingewiesen. (Max Weber und seine Religionssoziologie). Die Puritaner (die „Reinen“) sind die Vertreter einer Reformbewegung, die besonders in England seit etwa 1570 die Reinigung der englischen Kirche von katholisierenden Elementen in Verfassung, Kultus und Lehre betrieben. Strenger Biblizismus, eine Gewissenstheologie und die konsequente Sonntagsheiligung beeinflußten das englische Geistesleben bis in die Gegenwart. Die Puritaner brachten eine ausgedehnte Erbauungs- und Predigtliteratur hervor. 1604 wurden sie durch die Ablehnung ihrer „Millenary Petition“ enttäuscht, wandten sich der politischen Opposition zu oder emigrierten in großer Zahl nach Nord-Amerika. Mit dem Sieg Oliver Cromwells (1599-1658) 1648 zur Herrschaft gelangt, beseitigten die Puritaner das „Common Prayer Book“ und das Bischofsamt, vertrieben anglikanische Pfarrer, entfernten die Orgeln aus den Kirchen u.a.. Nach der Restauration der Stuarts wurden die Puritaner ihrerseits rigoros aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt - bis zur Toleranzakte von 1689. Die englischen Puritaner waren und sind also Vertreter eines speziellen Puritanismus. Diesen „Insel-Puritanismus“ der Engländer kann man auch „Angelsachsen-Puritanismus“ nennen. Für den Puritaner ist das genaue Gegenteil der „Weltfreude“ charakteristisch. Die „Weltfremdheit“ gehört zu den wichtigsten Charakterzügen des Puritanismus. Max Webers Beispiele „zeigen alle das eine: »der Geist der Arbeit«, des »Fortschritts« oder wie er sonst bezeichnet wird, dessen Weckung man dem Protestantismus zuzuschreiben neigt, darf nicht, wie es heute zu geschehen pflegt, als »Weltfreude« oder irgendwie sonst im »aufklärerischen« Sinn verstanden werden. Der alte Protestantismus der Luther, Calvin, Knox, Voët hatte mit dem, was man heute »Fortschritt« nennt, herzlich wenig zu schaffen. Zu ganzen Seiten des modernen Lebens, die heute der extremste Konfessionelle nicht mehr entbehren möchte, stand er direkt feindlich. Soll also überhaupt eine innere Verwandtschaft bestimmter Ausprägungen des altprotestantischen Geistes und moderner kapitalistischer Kultur gefunden werden, so müssen wir wohl oder übel versuchen, sie ... in seinen rein religiösen Zügen zu suchen.“ (Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1904, S. 37-38). Laut Weber ist im Abendland nämlich vor allem die Frömmigkeit (der Pietismus) das „rein religiöse“ Glied - als Berufung (Beruf) - zwischen dem alten Protestantismus bzw. Puritanismus und dem modernen Kapitalismus: Abendländischer Kapitalismus ist laut Weber nämlich eigentümlich, hat ein eigentümliches Ethos. Allgemein ist Kapitalismus kein Charakteristikum einzelner (Historien-)Kulturen, sondern der Menschen-Kultur überhaupt: „Aber eben jenes eigentümliche Ethos fehlte ihm ... In der Tat: jener eigentümliche, uns heute so geläufige und in Wahrheit doch so wenig selbstverständliche Gedanke der Berufspflicht: einer Verpflichtung, die der Einzelne empfinden soll und empfindet gegenüber dem Inhalt seiner »beruflichen« Tätigkeit, gleichviel, worin sie besteht, gleichviel insbesondere, ob sie dem unbefangenen Empfinden als reine Verwertung seiner Arbeitskraft oder gar nur seines Sachgüterbesitzes (als »Kapital«) erscheinen muß: - dieser Gedanke ist es, welcher der »Sozialethik« der kapitalistischen Kultur charakteristisch, ja in gewissem Sinne für sie von konstitutiver Bedeutung ist. - ... - Arbeit als Selbstzweck, als »Beruf«, wie sie der Kapitalismus fordert ... Die kapitalistische Wirtschaftsordnung braucht diese Hingabe an den »Beruf« des Geldverdienens: sie ist eine Art des Sichverhaltens zu den äußeren Gütern, welche jener Struktur so sehr ädaquat, so sehr mit den Bedingungen des Sieges im ökonomischen Daseinskampfe verknüpft ist ....“ (Max Weber, ebd., 1904, S. 43, 45, 53, 61). Innerweltliche Askese bedeutet bei Max Weber die Verwendung der durch Ablehnung der religiösen Askese frei gewordenen Energie in der Berufsarbeit, wie eben besonders gefordert und gefördert durch den Puritanismus.  Puritanismus

„Beruf“ (NHD; aus MHD: „beruof“, „Leumund“) - die neuhochdeutsche Bedeutung hat Martin Luther (1483-1546) geprägt! In der Bibel benutzte er es zunächst als „Berufung“ durch Gott für klesis (griech.) bzw. vocatio (lat.), dann auch für Stand und Amt des Menschen in der Welt, die schon Meister Eckhart (1250-1327) als göttlichen Auftrag erkannt hatte. Dieser ethische Zusammenhang von Berufung und Beruf ist bis heute wirksam geblieben, wenn das Wort jetzt auch gewöhnlich nur die bloße Erwerbstätigkeit meint. „Nun ist unverkennbar, daß schon in dem deutschen Worte »Beruf«, ebenso wie in vielleicht noch deutlichere Weise in dem englischen »calling«, eine religiöse Vorstellung: - die einer von Gott gestellten Aufgabe - wenigstens mitklingt und, je nachdrücklicher wir auf das Wort im konkreten Fall den Ton legen, desto fühlbarer wird. Und verfolgen wir nun das Wort geschichtlich und durch die Kultursprachen hindurch, so zeigt sich zunächst, daß die vorwiegend katholischen Völker für das, was wir »Beruf« (im Sinne von Lebensstellung, umgrenztes Arbeitsgebiet) nennen, einen Ausdruck ähnlicher Färbung ebenso wenig kennen wie das klassische Altertum, während es bei allen vorwiegend protestantischen Völkern existiert. Es zeigt sich ferner, daß nicht irgendeine ethnisch bedingte Eigenart der betreffenden Sprachen, etwa der Ausdruck eines »germanischen Volksgeistes« dabei beteiligt ist, sondern daß das Wort in seinem heutigen Sinn aus den Bibelübersetzungen stammt, und zwar aus dem Geist der Übersetzer, nicht aus dem Geist des Originals. Es erscheint in der lutherische Bibelübersetzung zuerst an einer Stelle des Jesus Sirach (11,20,21) ganz in unserem heutigen Sinn verwendet zu sein.“ (Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1904, S. 66). Seit Luther also gibt es das Wort „Beruf“ in der noch heute gültigen Bedeutung: die hauptsächliche Erwerbstätigkeit des Einzelnen, die auf dem Zusammenwirken von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten beruht (also auf Bildung bzw. Ausbildung) und durch die er sich in die Volkswirtschaft eingliedert. Der Beruf dient meist der Existenzbasis. Es war vor allem der Protetestantismus mit seiner Askese (vgl. Puritanismus), der die sittliche Leistung der Arbeit stark betonte und den Beruf zum Gebot der Pflichterfüllung steigerte. Diese Haltung hat sich als Berufsethos, als innere, enge Verbundenheit des abendländischen Menschen mit seinem Beruf erhalten. Moderne Antriebe zur Verweltlichung gingen vom Deutschen Idealismus aus, der im Beruf das Postulat der Persönlichkeitsentfaltung entdeckte.

„Es ist bewunderungswürdig, mit welcher Sicherheit der englische Instinkt aus der ... ganz doktrinären und kahlen Lehre Kalvins sein eignes religiöses Bewußtsein formte. Das Volk als Gemeinschaft der Heiligen, das englische insbesondere als das auserwählte Volk, jede Tat schon dadurch gerechtfertigt, daß man sie überhaupt tun konnte, jede Schuld, jede Brutalität, selbst das Verbrechen auf dem Wege zum Erfolg ein von Gott verhängtes und von ihm zu verantwortendes Schicksal - so nahm sich die Prädestination im Geiste Cromwells und seiner Soldaten aus. Mit dieser unbedingten Selbstsicherheit und Gewissenlosigkeit des Handelns ist das englische Volk emporgestiegen.“ (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 41 Spengler). Wenn in England die Tat oder die Arbeit „für sich“ und daher der persönliche Erfolg als göttliches Zeichen der Erlösung heilig ist, so in Preußen die Tat oder die Arbeit „für andere“. So formuliert es Ehrhardt Bödecker. „Die Bezeichnung Pietismus, ursprünglich ein akademischer Spitzname für Streber und Pedanten, haben die Calvinisten in Halle von den orthodoxen Lutheranern in Leipzig erhalten.“ (Ehrhardt Bödecker, Preußen und die Wurzeln des Erfolgs, 2004, S. 113). Halle fiel 1680 an Brandenburg-Preußen (Preußen), August Hermann Francke (1663-1727) wurde zum Hauptvertreter des Pietismus in Halle und dadurch auch in Brandenburg-Preußen - seit der Königskrönung (1701) hieß es nur Preußen. Nicht der englische Kapitalismus, sondern der preußische Pietismus - der soziale Gemeingeist - führte zur modernen Sozialversicherung. Nicht England mit seinem eigenbrötlerischen Parlamentarismus, sondern Deutschland mit seinem sozialen Gemeingeist hatte die weltweit erste soziale Versicherungsgesetzgebung. Was wir heute als Soziale Marktwirtschaft oder etwas ungenau als Rheinischen Kapitalismus bezeichnen, ist nur sekundär rheinisch und primär preußisch (Preußen), also insgesamt als deutsch zu bezeichnen: Deutscher Kapitalismus ist Deutsche Marktwirtschaft, weil sozial! Gerechtigkeit ohne Gemeingeist gibt es nicht.

Johann Wolfgang Goethe (1749-1832): „Urfaust“ (1772-1775); Faust (Teil I), 1806, S. 27, Faust (II), 1831, S.113ff.

„Explikationsbedingte Neueinführungen rufen tatsächlich oft den Eindruck hervor, als seien aggressive neue Mitbewohner ins »Haus des Seins« eingezogen, für die kein angemessener Raum zur Verfügung stand, woraufhin sie sich gleichsam mit Gewalt einquartierten. Kein Wunder, wenn dies zuweilen als »revolutionäre« Turbulenz beschrieben wurde. Es besteht, um an eines der grellsten Einführungsdramen zu erinnern, kein Zweifel daran, daß die Explikation der Schrift durch den Druck mit beweglichen Lettern die gesamte Ökologie der europäischen Zivilisation nach 1500 durcheinandergeworfen hat. Man kann so weit gehen zu sagen, die nach-Gutenbergsche Welt stelle den Versuch dar, die für den ersten Blick harmlosen Neuankömmlinge, die in den Setzereien unter der Gestalt kleiner Bleistücke auftraten, in eine erträgliche Kohabitation mit den übrigen Kulturtatsachen, insbesondere den religiösen Überzeugungen der Menschen, einzubeziehen - Beweis durch Gelingen: die neuzeitliche Literatur und das Schulwesen der Nationalstaaten; Beweis durch Mißlingen: die verhängnisvolle Rolle der Druckerpressen als Träger der nationalistischen Bewußtseinsdeformation, als Alliierte sämtlicher ideologischen Perversionen und als Verbreiter und Beschleuniger der kollektiven Hysterien. Gabriel Tarde bezeichnete die Wirkungen des Buchdrucks zu Recht als eine »erstaunliche Invasion«, die der Illusion Vorschub leistete, »Bücher seien die Quelle der Wahrheit«.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 212-213; vgl. Sloterdijks Deutung der „Vesal-Revolution“).

„Was eine »Revolution« wirklich bedeutet, läßt sich am ehesten im Blick auf die Durchbrüche der Anatomen im 16. Jahrhundert erläutern, die sich vorgenommen hatten, das menschliche Körperinnere durch Schnitte zu öffnen und mittels deskriptiv adäquater Abbildungen zu publizieren. Mag sein, daß die vesalische »Revolution« für die Selbstverhältnisse westlicher Menschen viel folgenreicher war als die seit langem überzitierte und mißdeutete kopernikanische Wende.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S.70; vgl. Sloterdijks Deutung der „Gutenberg-Revolution“).

Den eigenen Leib-Innenraum von der Möglichkeit seiner anatomischen Veräußerlichung her verstehen: dies ist das primäre kognitive »Revolutions«resultat der Neuzeit - vergleichbar nur mit der weltbildverändernden Gewalt der ersten Erdumsegelung durch Magellan und del Cano.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 72; vgl. Sloterdijks Deutung der „Gutenberg-Revolution“).

Mystik (zu Myste, zu [griech.] myein, sich schließen [Lippen und Augen schließen]) war ursprünglich ein in die kultischen Geheimnisse der antiken Mysterien Eingeweihter und durch Weihen Aufgenommener. Ansonsten bedeutet Mystik eine weitverbreitete Sonderform religiösen Verhaltens, die einen bestimmten Frömmigkeitstypus hervorbrachte. Vgl. Ur-Mystik, Früh-Mystik, Hoch-Mystik, Spät-Mystik und Neu-Mystik und ihre Mündung in Idealismus und Romantik.

Der Neuthomismus, der Kern der Neuscholastik seit Beginn der Gegenreformation bis heute, entwickelte sich aus dem Thomismus. Er gehört zu den bedeutendsten philosophischen Bewegungen der Gegenwart (Spätdenker), ist am stärksten in Frankreich und Belgien entwickelt, aber in fast allen Ländern vertreten. Das heute wichtigste Studienzentrum ist das von Kardinal D. Mercier (1851-1926) begründete Institut superiéur de philosophie an der UniversitäLöwen. Der Neuthomismus beschäftigt sich auch heute noch hauptsächlich nit Metaphysik (Neuthomismus), Naturphilosophie (Neuthomismus), Geist (Neuthomismus), Erkenntnis (Neuthomismus), Gott (Neuthomismus), Ethik (Neuthomismus).

Neuthomistische Metaphysik beinhaltet z.B. die „Akt-Potenz-Lehre“: passive Potenz besagt reale Begrenzung des Aktes. Das Dasein ist der Akt des Soseins. Fas Werden ist ein Übergang von Potenz zu Akt. (Vgl. Neuthomismus).

Neuthomistische Naturphilosophie beinhaltet z.B. den „Hylemorphismus“: die Hyle (Urstoff) verhält sich zur Form wie die Potenz zu Akt (Neuthomismus); Ordnung des Seienden nach der Seinsfülle (tote Körper, Pflanze, Tier, Mensch). (Vgl. Neuthomismus).

Neuthomistisches Thema „Geist“, z.B. mit den beiden Grundfunktionen Erkennen und und Wollen. (Vgl. Neuthomismus).

Neuthomistisches Thema „Erkenntnis“: grundlegende Unterscheidung zwischen sinnlicher und geistiger Erkenntnis. (Vgl. Neuthomismus).

Neuthomistisches Thema „Gott“: das Dasein aller Dinge hängt vom freien Willen Gottes ab; endliches Sein ist auf Gott als Seinsfülle ausgerichtet. (Vgl. Neuthomismus).

Neuthomistisches Thema „Ethik“:: Glückseligkeit des Menschen ist nur durch letzte Hinordnung auf das reine und vollkommene Sein erreichbar. (Vgl. Neuthomismus).

Rationalismus ist der Verstandes- bzw. Vernunftsstandpunkt, die Gesamtheit der philosophischen Richtungen, die irgendwie die Vernunft (lat. ratio), das Denken, den Verstand subjektiv, die Vernünftigkeit, die logische Ordnung der Dinge objektiv in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen. Sowohl die Antike als auch das Abendland durchliefen eine Phase der Rationalisierung, des Rationalismus und der ihm völlig dienenden Aufklärung. Eine Systematisierung erfuhr der abendländische Rationalismus im 17. und 18. Jahrhundert durch Descartes (1596-1650), Spinoza (1632-1677), Leibniz (1646-1716) und Wolff (1679-1754). Für Rationalismus und Aufklärung gab es nur vorläufige Probleme, nicht aber grundsätzlich unlösbare Probleme. In der abendländischen Phase des Rationalismus entstand der neue Begriff der Wissenschaft, der gleichbedeutend wurde mit dem der Mathematik und der Naturwissenschaften. Wissenschaftlich heißt seither: in mathematisch-naturwissenschaftlicher Sprache darstellbar. Ferner entstand der Begriff der wertfreien Wissenschaft, die besagt, daß die Wissenschaft sich nicht darum zu kümmern habe, ob die Gegensätze und namentlich auch die Ergebnisse ihres Forschens ethisch wertvoll oder wertwidrig sind, ob sie Heil oder Unheil in sich tragen. Der Platz für die Metaphysik wurde durch den Rationalismus immer enger.

Subjektivismus (im abendländischen Sinne), die durch Descartes (1596-1650) eingeleitete „Wendung zum Subjekt“, bedeutet, daß das Bewußtsein das primär Gegebene sei und alles andere Inhalt, Form oder Schöpfung des Bewußtseins. Den Höhepunkt dieses Subjektivismus bewirkte George Berkeley (1684-1753). Als gemäßigter Subjektivismus kann der Kantianismus betrachtet werden. Im eigentlichen Sinn ist Subjektivismus die Lehre von der durchgängigen Subjektivität der intellektuellen Wahrheit sowie der sittlichen und ästhetischen Werte, die Leugnung absoluter Geltungen. Beispiel: Homo-mensura-Satz - Mensch-Maß-Satz - wird der Satz des Protagoras (480-410) genannt: Der Mensch, und zwar jeder einzelne, ist das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind oder nicht sind und wie sie sind. Im Extrem führt der Subjektivismus theoretisch zum Solipsismus, ethisch (praktisch) zum Egoismus.

Cartesianismus ist eine philosophische Richtung, die sich zwar an Descartes (latinisiert: Cartesius) orientierte, aber weniger seine Philosophie als die seiner Anhänger und Fortbildner (v.a. in Frankreich, Deutschland, Holland, Italien) bedeutet. Sie entwickelten sich in evrschiedene Richtungen, z.B. auch in den Okkasionalismus. Der Cartesianismus ist gekennzeichnet durch den Ausgang von der Selbstgewißheit des Bewußtseins([Ego] cogito, ergo sum), durch den strengen Dualismus von Leib und Seele und durch die rationalistische mathematische Methode.

Okkasionalismus ist die Lehre von den gelegentlichen Ursachen und geht aus von der Zweiheit zwischen Leib und Seele, weshalb Leib und Seele nicht wechselseitig aufeinander wirken können (wie Descartes annahm), sondern von Gott erzeugt werden, un zwar „bei Gelegenheit“ von leiblichen Bewegungen die seelischen Empfindungen, „bei Gelegenheit“ von Willensakten die Muskelbewegungen. (Leib-Seele). Leibniz löste das Problem durch seine prästabilisierte Harmonie. (Vgl. auch: Psychophysischer Parallelismus).

Die Eleaten - z.B. Xenophanes (ca. 580-485), Parmenides (ca. 540-470), Zenon (ca. 490-430), Melissos (5. Jh.) u.a. -, sowie Pythagoras (ca. 580-500) und seine Pythagoräer - z.B. Alkmaion (6. Jh.), Philolaos (5. Jh.) u.a. -, aber auch die Einzelgänger-Philosophen, z.B. Heraklit (544-483), Anaxagoras (500-428), Empedokles (483-424) und Leukipp (5. Jh. v. Chr.), sind in etwa zu vergleichen mit den barocken Philosophen und Naturforschern des Abendlandes, z.B. Francis Bacon (1561-1626), Galileo Galilei (1564-1642), Johannes Kepler (1571-1630), Jakob Böhme (1575-1624), Thomas Hobbes (1588-1679), Renè Descartes (1596-1650), Otto von Guericke (1602-1686), Jacob Thomasius (1622-1684), Blaise Pascal (1623-1662), Christiaan Huygens (1629-1695), John Locke (1632-1704), Benedictus Spinoza (1632-1677), Isaac Newton (1643-1727), Gottfried Wihelm Leibniz (1646-1716), Christian Thomasius (1655-1728), Edmond Halley (1656-1742), Christian Wolff (1679-1754) u.a.. Von ihnen allen waren die meisten auch großartige Mathematiker und Naturwissenschaftler.

Das „Huygenssche Prinzip“ ist eine von Christiaan Huygens (1629-1695) 1690 formulierte, auf mechanischer Grundlage beruhende Theorie der Lichtausbreitung in einem von unvorstellbar kleinen Kügelchen erfüllten Äther. Das Licht breitet sich in Form einer räumlichen (Stoß-) Welle aus, die im Äther durch mechanische Stöße übertragen wird. Mit Hilfe des Hugensschen Prinzips lassen sich Brechung und Reflexion von Wellen anschaulich deuten. Unter Einbeziehung der Interferenz wurde später das Huygensche Prinzip so modifiziert, daß auch die Huygens noch unbekannten Beugungserscheinungen gedeutet werden konnten („Huygens-Fresnelsches Prinzip“). Mit dem von Thomas Young (1773-1829) aufgestellten „Youngschen Interferenzprinzip“ gelang es, verschiedene Beugungserscheinungen, die Farben dünner Plättchen sowie die Newtonschen Ringe zu deuten und damit die Wellentheorie des Lichtes zu erhärten. 1817 schlug Young die Transversalität der Lichtwellen zur Erklärung der Polarisation vor. Im 19. Jahrhundert schienen die Experimente zur Interferenz, Beugung und Polarisation des Lichtes und die von James Clerk Maxwell (1831-1879) und Ludwig Boltzmann (1844-1906) formulierte elektromagnetische Lichttheorie eindeutig die Wellenvorstellungen zu bestätigen. Boltzmann begründete 1884 zusätzlich das von seinem Lehrer Josef Stefan (1835-1893) auf empirischem Wege gefundene Gesetz über die Gesamtstrahlung des schwarzen Körpers („Stefan-Boltzmannsches Gesetz“). 1887 gelang Heinrich Hertz (1857-1894) die Erzeugung und damit der Nachweis der elektromagnetischen Wellen sowie deren Übertragung von einem Schwingkreis auf einen anderen. Weitere experimentelle Untersuchungen führten Hertz zu einer weiteren Entdeckung: den Photoeffekt. Die Situation zweier konkurrierender Vorstellungen über das Wesen des Lichtes entstand erneut zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die 1900 eingeführte Lichtquanten- oder Photonenhypothese von Max Planck (1858-1947) und (1905) Albert Einstein (1879-1955), mit der dem Licht wieder korpuskulare Eigenschaften zugesprochen wurden. Im Rahmen der Quantentheorie von Max Planck interpretierte Niels Bohr (1885-1962) 1927 beide Vorstellungen als komplementäre Seiten derselben physikalischen Realität. (Vgl. Chronik: Huygens bis Planck).

Ein Meridian ist (in der Astronomie) der Großkreis, der durch den Zenit, den Nordpunkt am Horizont, den Nadir, den Südpunkt am Horizont und wieder zurück zum Zenit verläuft. Ein Meridian geht durch den nördlichen und südlichen Himmelspol. Alle Gestirne erreichen im Meridian ihre größte Höhe (obere Kulmination) und niedrigste Höhe bzw. Tiefe unter dem Horizont (untere Kulmination). Durch Feststellung des genauen Zeitpunktes des Meridiandurchgangs eines Gestirns wird seine Rektaszension (auf dem Himmelsäquator gemessener Bogen zwischen dem Frühlingspunkt und dem durch ein Gestirn gehenden Deklinationskreis; allgemein von Westen nach Osten im Zeitmaß 0 h - 24 h, seltener von 0°-360°, gezählt) als die eine Koordinate im Äquatorsystem bestimmt. Die Deklination eines Gestirns, d.h. der Winkelabstand eines Gestirns vom Himmelsäquator, kann aus einer Winkelmessung der Höhe des Gestirns über dem Horizont bei bekannter Polhöhe des Beobachtungsorts abgeleitet werden. Für einen nördlich des Äquators gelegenen Himmelskörper wird die Deklination (d) positiv angegeben.

F = Betrag der Anziehungskraft, m1 und m2 = Masse der beiden Körper, r = Abstand der Massenmittelpunkte beider Körper, G = Gravitationskonstante 6,672 • 10 -11 m3 / kg s2 .   In Worten bedeutet das Gravitationsgesetz: Zwei Körper ziehen sich mit einer dem Produkt ihrer Massen proportionalen Kraft und dem Quadrat ihres Abstandes umgekehrt proportionalen Kraft an. Das Newtonsche Gravitationsgesetz ist die Grundlage der Himmelmechanik. Streng gilt das Gesetz nur für Massenpunkte. In der Praxis können aber auch ausgedehnte Himmelskörper, wie Sterne und Planeten, mit diesem Gesetz erfaßt werden. Abweichungen ergeben sich in unmittelbarer Nähe dieser Himmelskörper, besonders bei einer deutlichen Abweichung von der Kugelgestalt. So muß für die Berechnung der Bahn eines Erdsatelliten z.B. auch die Abplattung der Erde berücksichtigt werden. Unsere Erde hat ja die Form oder Gestalt einer „Birne“. Gravitation (Schwerkraft) ist die universelle Eigenschaft aller materiellen Objekte, sich gegenseitig anzuziehen. Das oben erwähnte, von Isaac Newton (1643-1727) 1666 gefundene Gravitationsgesetz beschreibt die Kraft, mit der sich zwei Massen anziehen. Newton formulierte sein Gravitationsgesetz, wie auch seine 3 Axiome der Mechanik („Newtonsche Axiome“), in dem 1687 erschienenen Hauptwerk „Philosophiae naturalis principa mathematica“. Die Anwendung seiner theoretischen Mechanik und der allgemeinen Massenanziehung auf die Bewegung machten ihn zum Begründer der Himmelsmechanik. Die von Newton geschaffene Grundlage der Mechanik wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Quantentheorie (1900) vom Max Planck (1858-1947) - z.B läßt sich das „Plancksche Strahlungsgesetz“ nicht aus der klassischen Physik herleiten, sondern erfordert die Annahme quantenhafter Emission und Absorption elektromagnetischer Strahlungsenergie durch den „Schwarzen Strahler“ in Energiequanten der Größe hv - und durch die Relativitätstheorie (1905 bzw. 1916) von Albert Einstein (1879-1955) modifiziert. Einsteins Relativitätstheorie ist also, weil sie aus der Quantentheorie, d.h. aus der fundamentalen Innovation der Physik hervorging, primär Plancks Verdienst, denn Planck war es, der mit revolutionärer Kühnheit für den endgültigen Abschied der Physik von der Absolutheit des Wissens sorgte. (Vgl. Grenzdenken und Relativitätsprinzip).

Edmond Halley (1656-1742) beobachtete 1676 bis 1678 erstmals den Südhimmel und einen vollständigen Merkurdurchgang (woraus er die auf Venusdruchgänge ausgedehnte Methode zur Bestimmung der Sonnenparallaxe entwickelte). 1688 schuf er eine erste meteorologische Generalkarte, 1701 eine Karte der magnetischen Deklination. Halley war ein enger Freund von Isaac Newton (1643-1727), den er zur Ausarbeitung der „Principia“ anregte, die Newtons Hauptwerk wurde („Philosophiae naturalis principia mathematica“) und 1687 erschien (u.a. mit den 3 Axiomen der Mechanik, die auch „Newtonsche Axiome“ heißen). Auf deren Grundlage bestimmte Halley die Bahnelemente von 24 Kometen und entdeckte die Identität der Kometen von 1531, 1607 und 1682 („Halleyscher Komet“).

Epoche (Anhalten; Haltepunkt in der Geschichte) ist: 1.) ein bedeutender Abschnitt des hostorischen Entwicklungsablaufes. 2.) Teilperiode = Teil anthropiner Perioden (Prähominisierung, Hominisierung, Sapientisierung, Historisierung), die wiederum zu einer Periodik namens „Menschheitsperiodik“ (= Menschwerdung, Menschen-Kultur o.ä. Bezeichnungen) gehören. Vgl. dazu: Tafel und Text.

Otto von Guericke (Gericke; 30.11.1602 - 21.05.1686), Naturforscher und Staatsmann, wurde nach juristischen und mathematisch-technischen Studien 1626 Ratsherr und 1630 Bauherr der Stadt Magdeburg, trat 1631 nach ihrer Zerstörung als Ingenieur in schwedische, dann in kursächsische Dienste und war nach seiner Rückkehr 1646-78 einer der vier Bürgermeister von Magdeburg, dessen Interessen er zwischen 1642 und 1666 als Gesandter vertrat, z.B. bei den Friedensverhandlungen in Osnabrück (Westfälischer Friede) und auf dem Reichstag in Regensburg (1656). Seine öffentlichen physikalischen Demonstartionsversuche machten ihn weithin berühmt.

Spinozismus ist die Lehre und die philosophiesche Weiterbildung der Lehre Spinozas (1632-1677). In Deutschland entwickelten besonders im 18. Jahrhundert Lessing (1729-1781), Herder (1744-1803), Goethe (1749-1832), Jacobi (1743-1819), Schleiermacher (1768-1834) u.a. einen Spinozismus, dessen „Gott-Natur“-Symbol viel weniger rationalistisch gestaltet war, als Spinozas Deus-sive natura. Ähnliche Witerbildungen in emotional-voluntaristischer Richtung erfuhr der Spinozismus bei Fichte (1762-1814), Schelling (1775-1854), Schopenhauer (1788-1860), Fechner (1801-1887), Wundt (1879-1963) u.a.. Der Spinozismus war eine der wirkungsvollsten Strömungen in der Zeit der Deutschen Bewegung. Lichtenberg (1742-1799) sagte damals: „Wenn die Welt noch eine unzählbare Zahl von Jahren steht, so wird die Universal-Religion geläuterter Spinozismus sein“, womit er vornehmlich Spinozas Pantheismus meinte. Der Pantheismus war z.B. für Schleiermacher „die heimliche Religion der Deutschen.“

Schon Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), nach ihm Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835) vertraten die Idee des Angeboren (Nativismus). An Leibniz' Rationalismus, Herders Sprachzentrierung, Humboldts Neu-Idealismus (Neuhumanismus) orientierte sich offenbar Noam Chomsky (*07.12.1928), um zu der Logistik eines angeborenen Spracherwerbsmechanismus zu kommen (Language Acqusition Device). Vgl. Noam Chomsky, Syntactic Structures, 1957, Besprechung von Skinner, 1959, Aspekte der Syntaxtheorie, 1965. (Vgl. 22-24 und Sprachphilosophie).

Sprachliche Arbitrarität oder Willkürlichkeit (auch: Beliebigkeit, Konventionalität, Unmotiviertheit) ist eine grundlegende Eigenschaft der sprachlichen Zeichen, die besagt, daß zwischen dem Bezeichnenden (Lautbild, Zeichengestalt) und dem Bezeichneten eine beliebige, nicht notwendigerweise, d.h. abbildende Beziehung besteht. Je nach sprachtheoretischen Ausgangspunkt bezieht sich diese Willkürlichkeit entweder auf das Verhältnis von sprachlichen Zeichen und außersprachlicher Realität oder auf das Verhältnis von sprachlichem Zeichen und seiner Bedeutung. Der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (26.11.1857 - 22.02.1913) bezog 1916 Arbitrarität auf das Verhältnis von Lautbild (image acoustique) und Vorstellung (concept) und belegte die Beliebigkeit dieser Verbindung durch die Tatsache, daß dasselbe Objekt der Realität von Sprache zu Sprache verschieden benannt wird. Arbitrarität bedeutet nicht, daß der einzelne Sprecher nach freier Wahl bei der Konstruktion sprachlicher Ausdrücke verfahren kann: unter dem Aspekt des Spracherwerbs und der Kommunikation erfährt der Sprecher den Zusammenhang zwischen Zeichen und Bedeutung als eine gewohnheitsmäßige, obligate Verbindung. Der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens entspricht seine prinzipielle „Nichtmotiviertheit“, die allerdings in der Wortbildung, z.B. in Zusammsetzungen wie Schreibtisch, dreizehn sowie in onomatopoetischen Ausdrücken wie kikeriki und bums relativiert ist. Man spricht in diesem Zusammenhang von „sekundärer Motiviertheit“. (Vgl. Nativismus).

Der Geniekult und die Geniezeit waren ein typischer Ausdruck dieser Phase, des Perfektionismus und der Pedanterie, und zwar in dem schon oben beschriebenen Sinne, daß eine spätjugendliche Kultur endlich erwachsen sein will, aber, um es zu sein, noch ein wenig warten muß. (Vgl. 18-20).

Urphänomen ist nach Goethe das empirische Phänomen, das jeder Mensch in der Natur erkennen kann und das durch Versuche zum wissenschaftlichen Phänomen erhoben wird, indem man es unter anderen Umständen und Bedingungen und in einer mehr oder weniger glücklichen Folge darstellt, so daß zuletzt das reine Phänomen als Resultat aller Erfahrungen und Versuche dasteht. Es ist ideal als das letzte Erkennbare, real als erkannt, symbolisch identisch mit allen Fällen, weil es alle Fälle begreift. (Vgl. Urpflanze).

Urpflanze ist ein Begriff aus der Naturbetrachtung Goethes für das Urbild (Idee, begriffliche Urgestalt), nach dem alle anderen Pflanzenarten durch Abwandlungen entstanden sein sollen. Goethe suchte die Urpflanze in der Natur als eine noch unbekannte Art, oder auch etwa in der Grundgestalt eines Blattes oder eines Stammes zu finden, während Schiller in einem Gespräch mit ihm darüber auf den platonischen Ideencharakter der Urpflanze hinwies. (Vgl. Urphänomen).

Giovanni Battista Vico (1668-1744), Geschichts- und Rechtsphilosoph, war ab 1697 Professor der Rhetorik in Neapel und ab 1734 Historiograph des Königs Karl von Neapel. Vicos Werke u.a.: De antiquissima Italorum sapienta ... (1710); Von dem einen Ursprung und Ziel allen Rechtes (1720); Grundzüge einer Neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker, original (ital.): Principi di una scienza nuova intorno alla commune natura delle nazioni, 1725 (Prima Scienza Nuova) und 1744 (Seconda Scienza Nuova). Das von Vico entworfene „Drei-Stadien-Gesetz“, die Aufeinanderfolge der drei Zeitalter - der Götter, der Heroen, der Menschen -, hat Ähnlichkeit mit vielen später entwickelten Modellen oder Theorien, z.B. mit den von Auguste Comte (1798-1857) behaupteten drei Stadien: der Theologie, der Metaphysik, des Positiven (Positivistischen, Erfahrungswissenschaftlichen). Die von Vico behauptete „Parallele“ zwischen Völkern spiegelt sich auch in der später von Comte angenommenen „Parallele“ zwischen den „Gesellschaften“ und den „Erkenntnissen“ wider, noch mehr jedoch in der von Oswald Spengler (1880-1936) behaupteten „Parallele“ zwischen den Kulturen. (Kulturen). Man könnte auch ein „Drei-Stadien-Gesetz“ annehmen (wie ich es vorschlage), das die Entwicklung zum Leben meint und etwa aus den folgenden drei Zeitaltern besteht: Universum ohne Leben (meinetwegen auch Zeitalter der Götter genannt), Leben ohne Menschen (meinetwegen auch Zeitalter der Heroen genannt) und Leben mit Menschen (das einem „Vier-Stadien-Gesetz“ folgt: Prähominisierung bzw. Vor-/Urmenschen; Hominisierung bzw. Frühmenschen; Sapientisierung bzw. Altmenschen; Historisierung bzw. Jetztmenschen). Was die Zukunft bringen wird, ist nicht gewiß, aber es wird in Zusammenhang stehen mit der Frage, ob die Menschwerdung, die ja noch nicht beendet ist, auch zukünftig in verschiedenen Kulturen (ich nenne sie „Historienkulturen“) gespalten sein wird oder nicht. (Zukunft). Was Vico wohl dazu gesagt hätte?  Vier Vorbilder bestimmten sein Denken: „Mit Plato erkennt er in der Idee den Maßstab. Mit Tacitus schildert er in den beschränkten Zwecken des menschlichen Eigennutzes die Wirklichkeit. Mit Bacon besinnt er sich auf die Einheit der wissenschaftlichen Welt. Mit Grotius faßt er die gesamte Philosophie und Theologie in das System eines allgemeinen Rechtes, in eine Überphilosophie, in die »Neue Wissenschaft«: d.h. Bestand der reinen Idee und geschichtlicher Wandel verbunden im Ziel der Wahrheit und begriffen in einem System.“ (R. Wisser). Vico beeinflußte auch Herder, seinen Entdecker, Goethe und überhaupt die weitere Geschichtsphilosophie. Schon um 1600, also lange vor Vico, hatte schon Bacon festgestellt, daß Kulturen altern wie Menschen und Phasen bzw. Auf-und-Ab-Stufen durchleben: „In der Jugend der Völker und Staaten blühen die Waffen und die Künste des Krieges; im reifen männlichen Alter der Völker und Staaten Künste und Wissenschaften; dann eine Zeit lang beide zusammen, Waffenkunst und Musenkünste; endlich im Greisenalter der Völker und Staaten Handel und Industrie, Luxus und Mode.“ (Francis Bacon, De dignitate et augmentis scientiarum, 1605; IV, 2, 114).

Zum Zyklus von Aufstieg und Verfall sowie ewiger Wiederkehr vgl. darum auch: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Karl Vollgraff (1792-1863), Ernst von Lasaulx (1805-1861), Heinrich Rückert (1823-1875), Friedrich Nietzsche (1844-1900), Oswald Spengler (1880-1936) und die „Spenglerianer“ - z.B. Arnold Joseph Toynbee (1889-1975), August Winnig (1878-1956), Fritz Schachermeyr (1895-1987), Henry Kissinger (*1923), Samuel Phillips Huntington (1927-2008), Patrick Buchanan (*1938) - sowie Peter Sloterdijk (*1947).

Begriff wird in der Logik verstanden als einbfachster Denkakt im Gegensatz zu Urteil und Schluß. Urteil meint einen Akt der Bejahung oder Verneinung, in dem 2 Begriffe (Subjekt und Prädikat) in Beziehung zueinander gesetzt werden. Im Urteil bezieht das Denken einen Begriff auf einen Gegenstand und setzt diesen zugleich mitsamt seinen Prädikaten, und zwar durch die Kopula „ist“, die stets auf absolute Geltung des behaupteten Sachverhalts abzielt. Der Schluß (conclusio) ist das formale logische Verfahren, aus mehreren Urteilen (als Voraussetzungen oder Prämissen) ein einziges Urteil, die Schlußfolgerung, begrifflich abzuleiten. (Vgl. Syllogismus bei Aristoteles).

Ding an sich ist das Ding, wie es unabhängig von einem erkennenden Subjekt für sich selbst besteht, das wahre Sein, dessen Erscheinungen die empirischen Dinge sind, auf welches eben die Erscheinungen hinweisen. Wir erkennen ein Ding als Gegenstand unserer Wahrnehmung nur so, wie es uns - eingekleidet in den Ausbauungsformen von Raum und Zeit, in den Kategorien und Verstandesgesetzen - so erscheint. Wie es an sich beschaffen ist, werden wir niemals erfahren. (Frei nach: Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781).

Beispiel „Freiheit“: der menschliche Wille als Ding, das in den Handlungen erscheint, ist nicht frei. Was erscheint, ist immer notwendige Wirkung von vorlaufenden Ursachen im Sinne von Naturkausalität. (Vgl. „Phainomenon“). Aber als Ding an sich könnte der Wille frei, d.h. nicht der Naturkausalität unterworfen sein. (Vgl. „Noumenon“).

Ethik meint hier die Sittenlehre als praktische Philosophie, die nach einer Antwort sucht auf die Frage: was sollen wir tun? Beide Kulturen - Antike und Abendland - suchten die Antwort zunächst im Selbst bzw. in der Selbsterkenntnis. Aber dieser Subjektivismus hatte in der Antike wegen des Seelenbildes (und Ursymbols) eine andere, entgegengesetzte, Richtung als im Abendland. Die Antike suchte auch ethisch die Antwort am Außen des Körpers (in der begrenzten Äußerung), weil es für sie kein Geheimnis im Innen geben durfte; das Abendland suchte im Innen des faustischen Willens und kategorischen Imperativs (im Raum der unendlichen Verinnerlichung), weil es hier nur Geheimnisse gab. In beiden Fällen stelle man sich in den Dienst einer sozialanthropologischen Ethik. Ein Angebot, das man auch Hilfe zur Selbsthilfe (Selbsterkenntnis) nennen könnte. Wie kann ich dienen? ist eine typische Frage der dienerischen Phase (16-18). (Vgl. auch: Kant).

Der kategorische Imperativ oder Imperativ der Sittlichkeit wurde von Kant folgendermaßen formuliert: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. 785 schrieb Kant in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten: 1.) „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.“ 2.) „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (Kant). Ob ein Mensch als Persönlichkeit das prinzipiell wollen kann oder nicht auch (oder vielleicht eher) etwas Eigenes in seinem Verhalten liegt, sollten später die Kritikpunkte an Kants Imperativ sein, z.B. von Nicolai Hartmann (1882-1950; vgl. 20-22): „Sofern das besagt, daß wirklich die jedesmalige »Maxime« der Handlung ihre Richtschnur daran hat, ob sie zugleich allgemeines Gesetz sein könnte oder nicht, so liegt darin offenkundig etwas, was der Mensch als Persönlichkeit nicht prinzipiell wollen kann. Er muß vielmehr zugleich wollen, daß über alle Allgemeingültigkeit hinaus noch etwas Eigenes in seinem Verhalten sei, was an seiner Stelle kein Anderer tun sollte oder dürfte. Verzichtet er hierauf, so ist er eine bloße Nummer in der Menge, durch jeden Anderen ersetzbar, seine persönliche Existenz ist vergeblich, sinnlos.“

Immanuel Kant (1724-1804), Werke ():
1) 1747-1758: Dominanz der Naturwissenschaften:
- Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte (1747)
- Untersuchung der Frage, ob die Erde in ihrer Umdrehung um die Achse einige
Veränderungen seit den ersten Zeiten ihres Ursprungs erlitten habe
(1754)
- Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels
(1755)
- Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens (1756)
- Von den Ursachen der Erderschütterungen (1756)
- Entwurf und Ankündigung eines Collegii über die physische Geographie
nebst ... Betrachtung über die Frage, ob die Westwinde in unseren Gegenden
darum feucht sind, weil sie über ein großes Meer streichen
(1757)
- Neuer Lehrbegriff der Bewegung und Ruhe (1758)
2) 1758-1781: Von der Wollfschen zur kritischen Metaphysik:
- Versuch einiger Betrachtungen über den Optimismus (1759)
- Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren (1762)
- Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes
(1763)
- Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen
(1763)
- Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen
(1764)
- Versuch über die Krankheiten des Kopfes
(1764)
- Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral
(1764)
- Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik
(1766)
- Von dem ersten Grunde des Unterschieds der Gegenden im Raume
(1768)
- Über Form und Grundlagen der Wahrnehmungs- und der Vernunftwelt
(1770)
- De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis (1770)
- Rezension der Schrift von Moscati über den Unterschied der Struktur der Tiere und Menschen (1771)
- Von den verschiedenen Rassen der Menschen (1775)
3) 1781-1793: Kants kritische Philosophie:
- Kritik der reinen Vernunft (1781)
- Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik (1783)
- Über Schulz' Versuch einer Anleitung zur Sittenlehre (1783)
- Ideen zur einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784)
- Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)
- Rezension von Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
(1785)
- Über die Bestimmung des Begriffes einer Menschenrasse (1785)
- Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785)
- Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786)
- Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte (1786)
- Über Hufelands Grundsatz des Naturrechts (1786)
- Was heißt: sich im Denken orientieren?  (1786)
- Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie (1788)
- Kritik der praktischen Vernunft (1788)
- Kritik der Urteilskraft
(1790)
- Über Schwärmerei und die Mittel dagegen
(1790)
- Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche der Theodizee (1791)
- Über die von der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin für das Jahr 1791 ausgesetzte Preisaufgabe:
Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibniz' und Wolffs Zeiten gemacht hat?
(1791)
- Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
(1793)
- Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis (1793)
4) 1793-1804: Kants nachkritische Phase (Bindeglied zwischen Kants Kritizismus [] und Deutschem Idealismus)
- Über Philosophie überhaupt (1794)
- Etwas über den Einfluß des Mondes auf die Witterung
(1794)
- Das Ende aller Dinge
(1794)
- Zum ewigen Frieden
(1795)
- Zu Sömmering über das Organ der Seele (1796)
- Ausgleichung eines auf Mißverstand beruhenden mathematischen Streits (1796)
- Metaphysik der Sitten
(1797):
I) Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre
II) Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre
- Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen
(1797)
- Der Streit der Fakultäten (1798)
- Anthropologie in pragmatischer Hinsicht
(1798)
- Erklärung in Beziehung auf Fichtes Wissenschaftslehre (1799)
u.a.

Kants 3 Kritiken: Kritik der reinen Vernunft (1781), Kritik der praktischen Vernunft (1788), Kritik der Urteilskraft (1790).

Deutscher Idealismus meint - fußend auf Leibniz und vorbereitet u.a. durch Lessing und Herder - die Entwicklung der deutschen Philosophie von Kant (um 1780) bis Hegel (um 1830), aber auch die philosophische Grundhaltung der deutschen Romantik (Jenaer Frühromantik-Kreis um die Brüder Schlegel und Heidelberger Romantik um Brentano, Görres, Grimm u.a.). Bei Schiller strahlte z.B. der Menschenbildungs-Idealismus ganz besonders - wie ein Stern. Schelling z.B. stand auf dem Boden des Deutschen Idealismus, war mit Fichte und Hegel zusammen dessen Hauptvertreter und bildete den Übergang des Idealismus zur Romantik. Er wurde wegen seiner steten Wandlung auch der Proteus der Philosophie genannt. Im Anschluß an Kant und Fichte entwarf Schelling eine spekulative Naturphilosophie der Hierarchie der Naturkräfte (Potenzen), die schließlich in eine Identitätsphilosophie mündete: Die Gegensätze von Subjekt und Objekt, von Realem und Idealem, Natur und Geist lösen sich für ihn im Absoluten auf als Identität von Idealem und Realem. Nach Schelling ist dieses Absolute unmittelbar erfaßbar durch die intellektuelle Anschauung und in der Kunst. (Vgl. Tabelle [Idealismus]).

Aufheben bedeutet in der Dialektik Hegels, der Mehrdeutigkeit des Wortes entsprechend, sowohl emporheben als auch bewahren, als auch vernichten (negieren). Das in der Thesis Gesetzte wird in der Antithesis aufgehoben, d.h. negiert, und dann durch Negation der Negation von neuem gesetzt, jetzt aber auf einem erhöhten, über den Ausgangspunkt der dialektischen Bewegung emporgehobenen Niveau. Daraus ergibt sich die Synthesis, die die Thesis in erhöhter Form in sich bewahrt, d.h. aufhebt. (Vgl. Dialektik).

Carl Friedrich Gauß (1777-1855) veröffentlichte seine nicht-euklidischen Geometrien nicht, weil er das Geschrei der denkfaulen, schwerfälligen und unkultivierten Menschen fürchtete. Er nannte sie Böoter, weil die Einwohner dieser antiken Landschaft (Hauptstadt: Theben) von den Einwohnern anderer Griechenstädte als denkfaul und schwerfällig beschrieben worden waren. Gauß meinte zu Recht, daß man die Menschen nicht wirklich würde überzeugen können. Die erste der nichteuklidischen Geometrien entdeckte Gauß nach Vollendung seines Hauptwerkes Disquisitiones arithmeticae (1801), durch deren in sich widerspruchslose Existenz bewiesen wurde, daß es mehrere streng mathematische Arten einer dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich a priori gewiß sind, ohne daß es möglich wäre, eine von ihnen als die eigentliche Form der Anschauung herauszuheben. (Vgl. 18-20).

Die abendländische Philosophie sei eine Reihe von Fußnoten zu Platon, behauptete der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead (1861-1947), einer der wichtigsten Vertreter des Neurealismus, auf den er eine kritische Naturphilosophie gründete, die er später durch eine konstruktive Metaphysik ergänzte.

Kant und Platon (vgl. Fußnoten) sind, wie Abendland und Antike, Gegensätze und nur auf analoge Weise zu vergleichen, denn auch antike abendländische Philosophie sind Gegensätze. Antike Philosophie ähnelte immer auch einem geschlossenen Einzelkörper (z.B. einer Kugel = sfaira, Sphäre), aber abendländische Philosophie eher einem offenen Unendlichkeitsraum. In der Antike schloß man sich einem philosophischen System auch mit dem ganzen Körper an; im Abendland schließt man sich einem philosophischen System allenfalls geistig an, ansonsten schließt man sich lieber von ihm aus: jeder verliert sich mit seiner eigenen Philosophie im Philosophie-Universum. Antike Philosophie war „Wissenschaft“ im Sinne einer eher statischen Liebe zur Weisheit oder Epistemologie (antike Wissenschaftslehre). Eine Wissenschaft, wie sie das Abendland kennt, spielte in der Antike kaum eine Rolle. Abendländische Wissenschaft ist „Philosophie“ im Sinne einer eher dynamischen Empiriologie oder Historiotechnik (abendländische Wissenskunst). Eine Philosophie, wie sie die Antike kannte, spielt im Abendland kaum eine Rolle. (Vergleich). Aus diesen Gründen kann man Platon und Kant nicht gegeneinander aufrechnen. Die Philosophie ist eine antike Größe (wie der Name schon verrät) und deshalb von anderen Kulturen so kaum erreichbar. Die technologische Wissenschaft ist eine abendländische Größe und deshalb von anderen Kulturen so kaum erreichbar. Für das Abendland scheint folgender Satz Gültigkeit zu haben: „Was aus zwingenden Gründen von jedermann anerkannt wird, das ist damit eine wissenschaftliche Erkenntnis geworden, ist nicht mehr Philosophie, sondern bezieht sich auf ein besonderes Gebiet des Erkennens.“ (Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie, 1950).

Zynismus (heute): Vgl. Sloterdijk, „Kritik der zynischen Vernunft“, 1983. Sloterdijk behandelt 6 Kardinalzynismen - militärisch, staatlich (vormachtlich), sexuell, medizinisch, religiös, wissenschaftlich - und 2 Sekundärzynismen - informativ (sensationsjournalistisch), tauschartig (kapitalgesellschaftlich). Für alle 8 Zynismen gibt es nach Sloterdijk auch korrespondierende „Kynismen“. Die Religion könne z.B. zynisch als Herrschaftsinstrument mißbraucht werden und zugleich kynisches Medium der Emanzipation sein.

Römisch-katholische Interpretationen attestieren dem Abendland zumeist, daß in ihm die Dominanz des Christlichen überwiege. Diese Meinung teilen vor allem kirchliche und vornehmlich christlich orientierte Vertreter. Theodor Heuss (31.01.1884 - 12.12.1963) soll einmal gesagt haben, daß Europa von 3 Hügeln ausgegangen sei: von der Akropolis, von Golgatha und vom Kapitol. Diese Sichtweise würde eher, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt, auf eine Dominanz der Antike verweisen. Wenn man jedoch berücksichtigt, daß aus einem antik-apollinischen Einzelkörper und einer magisch-seelengeistigen Welthöhle ein abendländisch-faustischer Unendlichkeitsraum entstehen kann, dann muß unbedingt ein dritter Faktor hinzukommen, den ich die Kulturpersönlichkeit nenne: das Germanentum. Ohne das Germanentum versteht man die Willensdynamik eines Faust nicht, und ohne das germanische Element ist die Raumtiefe, aber auch die in jeder Hinsicht sowohl ins Mikrokosmische als auch ins Makrokosmische gehende Unendlichkeit nicht als distinktives Merkmal der abendländischen Kultur zu identifizieren. Diese Merkmale treffen auf keinen antiken Menschen zu, aber insbesondere auf die Abendländer, die germanischen Ursprungs sind. Scharfe Gegensätze, wie die zwischen Antike und Abendland, sind zwar unbedingt ein Indiz für Verwandtschaft, weil beide Kulturen so auffallend gegensätzlich sind: aktiv und reaktiv. Offenbar hat die Antike auf das Abendland aber nicht persönlichkeitsstiftend gewirkt und konnte auch erzieherisch nicht tätig werden, weil sie so früh verstarb. Die Biogenetik und Sozialisation geraten nicht selten so weit auseinander, wenn ein Elternteil früh verstirbt, d.h. nicht wirklich erlebt wird. Dem Abendland scheint es auch so ergangen zu sein. Die Auseinandersetzungen mit der magischen Mutter hat beim Kind jedoch zu einer enormen, fast schon verdächtigen Erinnerung bis hin zur Vergötterung des antiken Vaters Beitrag geleistet. Aber liegt deshalb immer auch schon ein Vaterkomplex vor?  Es bleibt zunächst festzuhalten, daß auch kulturell zwischen Genetik und Sozialisation, zwischen Anlage und Umwelt, zwischen angeboren und anerzogen ganz klar unterschieden werden muß. Dazwischen bewegt sich die Persönlichkeit. Man kann sie nicht isolieren, folglich auch nicht isoliert betrachten, aber man kann sie beschreiben, und ich beschreibe die Kulturpersönlichkeit des Abendlandes als germanisch, weil dieser Raum zwischen Anlage und Umwelt für die Kulturpersönlichkeit zwanghaft unendlich werden muß, wenn sie die verlorene Vaterkultur zurückholen will. Der unendliche Raum und Wille sind auch deshalb Ursymbol und Urwort des Abendlandes. Wenn der Mensch eine Grundlage von etwa 60 Billionen Zellen hat und einer Umwelt von praktisch unendlicher Vielfalt ausgesetzt ist, so gilt für eine Kultur, daß sie Völker, Staaten oder Nationen zur Grundlage hat und einer Umwelt von unendlichen Möglichkeiten, aber auch gähnender Leere gegenübersteht. Mit dem Germanentum fiel eine faustische Entscheidung zugunsten der unendlichen Möglichkeiten. Die Eltern des Abendlandes waren also antik-magisch, ihre gentragenden Chromosomen römisch-christlich, aber die Kontrollgene germanisch. (Vgl. 22-24).

 

 

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© Hubert Brune, 2001 ff. (zuletzt aktualisiert: 2014).