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„KAMPF DER KULTUREN“, 1993-1996
(„Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“)
 
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„Welt aus Kulturen“
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„Die neue Ära der Weltpolitik“
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„Kulturen in Geschichte und Gegenwart“
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„Eine universale Kultur?“
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„Das Verblassen des Westens“
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„Wirtschaft, Demographie und die Herausforderer-Kulturen“
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„Die kulturelle Neugestaltung der globalen Politik“
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„Kernstaaten, konzentrische Kreise, kulturelle Ordnung“
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„Der Westen und der Rest: Interkulturelle Streitfragen“
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„Kernstaatenkonflikte und Bruchlinienkonflikte“
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„Von Transitionskriegen zu Bruchlinienkriegen“
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„Die Dynamik von Bruchlinienkriegen“
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„Die Zukunft der Kulturen“
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NACH OBEN „Welt aus Kulturen“

„Das zentrale Thema diese Buches lautet: Kultur und die Identität von Kulturen ... prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster von Kohärenz, Desintegration und Konflikt. Die fünf Teile diese Buches entwickeln diese Hauptaussage weiter. Teil Eins. Zum erstenmal in der Geschichte ist globale Politik multipolar als auch multikulturell; Verwestlichung ist etwas anderes als Modernisierung; und wirtschaftliche und soziale Modernisierung erzeugt weder eine universale Kultur irgendeiner Art noch die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften. Teil Zwei. Das Machtgleichgewicht zwischen den Kulturkreisen verschiebt sich: Der Westen verliert an relativem Einfluß; asiatische Kulturen verstärken ihre wirtschaftliche, militärische und politische Macht; der Islam erlebt eine Bevölkerungsexplosion mit destabilisierenden Folgen für muslimische Länder und ihre Nachbarn; und nichtwestliche Kulturen bekräftigen selbstbewußt den Wert ihrer eigenen Grundsätze. Teil Drei. Eine auf kulturellen Werten basierende Weltordnung ist im Entstehen begriffen: Gesellschaften, die durch kulturelle Affinitäten verbunden sind, kooperieren miteinander. Bemühungen, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben, sind erfolglos; und Länder gruppieren sich um die Führungs- oder Kernstaaten ihrer Kultur. Teil Vier. Seine universalistischen Ansprüche bringen den Westen zunehmend in Konflikt mit anderen Kulturkreisen, am gravierendsten mit dem Islam und China. Auf lokaler Ebene bewirken Bruchlinienkriege (im wesentlichen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen) den »Schulterschluß verwandter Länder«, die Gefahr einer breiteren Eskalation und damit Bemühungen von Kernstaaten um Eindämmung und Unterbindung dieser Kriege. Teil Fünf. Das Überleben des Westens hängt davon ab, daß die Amerikaner ihre westliche Identität bekräftigen und die Westler sich damit abfinden, daß ihre Kultur einzigartig, aber nicht universal ist, und sich einigen, um diese Kultur zu erneuern und vor der Herausforderung durch nichtwestliche Gesellschaften zu schützen. Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermeiden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine globale Politik akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 19-20).

 

NACH OBEN „Die neue Ära der Weltpolitik“

„Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 21).

„In der Welt nach dem Kalten Krieg sind die wichtigsten Unterscheidungen zwischen Völkern nicht mehr ideologischer, politischer oder ökonomischer Art. Sie sind kultureller Art. Völker und Nationen versuchen heute, die elementarste Frage zu beantworten, vor der Menschen stehen können: Wer sind wir? (Huntington).  Und sie beantworten diese Frage in der traditionellen Weise, in der Menschen sie immer beantwortet haben: durch Rückbezug auf die Dinge, die ihnen am meisten bedeuten. Die Menschen definieren sich über Herkunft, Religion, Sprache, Geschichte, Werte, Sitten und Gebräuche, Institutionen. Sie identifIzieren sich mit kulturellen Gruppen: Stämmen, ethnischen Gruppen, religiösen Gemeinschaften, Nationen und, auf weitester Ebene, Kulturkreisen. Menschen benutzen Politik nicht nur dazu, ihre Interessen zu fordern, sondern auch dazu, ihre Identität zu definieren. Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 21).

„Nationalstaaten bleiben die Hauptakteure des Weltgeschehens. Die wichtigsten Gruppierungen von Staaten sind jedoch nicht mehr die drei Blöcke aus der Zeit des Kalten Krieges (), sondern die sieben oder acht großen Kulturen der Welt (drei bis vier davon sind aber nicht genau zuzuordnen oder existieren gar nicht bzw. noch nicht - bleiben also vier Kulturen!). Nichtwestliche Gesellschaften, zumal in Ostasien, sind heute dabei, ihren wirtschaftlichen Wohlstand zu entwickeln und die Grundlage für eine Ausweitung ihrer militärischen Macht und ihres politischen Einflusses zu schaffen. In dem Maße, wie Macht und Selbstbewußtsein der nichtwestlichen Gesellschaften zunehmen, pochen sie verstärkt auf ihre eigenen kulturellen Werte und verwerfen jene, die ihnen der Westen »aufgezwungen« hat.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 21).

„In der Welt nach dem Kalten Krieg ist Kultur eine zugleich polarisierende und einigende Kraft. Menschen, die durch Ideologie getrennt, aber durch eine Kultur geeint waren, finden zusammen, wie die beiden Deutschlands zusammenfanden und wie die beiden Koreas und verschiedenen Chinas zusammenzufinden beginnen. Gesellschaften, die durch Ideologie oder historische Umstände geeint, aber kulturell vielfältig waren, fallen entweder auseinander, wie die Sowjetunion, Jugoslawien und Bosnien, oder sind starken Erschütterungen ausgesetzt, wie die Ukraine, Nigeria, der Sudan, Indien, Sri Lanka und viele andere. Länder mit kulturellen Affinitäten kooperieren miteinander auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet. Internationale Organisationen, die auf Staaten mit kultureller Gemeinsamkeit basieren, wie etwa die Europäische Union, sind viel erfolgreicher als solche, die kulturelle Grenzen zu überschreiten suchen (wie die Europäische Union mit ihrer Bereitschaft, die Türkei u.a. Länder fremder Kulturen aufzunehmen!Huntington). Fünfundvierzig Jahre lang war der Eiserne Vorhang die zentrale Trennungslinie in Europa. (). Diese Linie hat sich um mehrere hundert Kilometer nach Osten verschoben. (). Heute ist es die Linie, die die Völker des westlichen Christentums auf der einen Seite von muslimischen und orthodoxen Völkern auf der anderen trennt. (Huntington). Österreich, Schweden und Finnland, kulturell ein Teil des Westens, waren im Kalten Krieg zu Neutralität und Trennung vom Westen gezwungen. In der neuen Ära stoßen sie wieder zu ihrer kulturellen Verwandtschaft in der Europäischen Union, und Polen, Ungarn und die Tschechische Republik sind dabei, ihnen zu folgen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 24-25).

„Die philosophischen Voraussetzungen, Grundwerte, sozialen Beziehungen, Sitten und allgemeinen Weltanschauungen differieren von Kulturkreis zu Kulturkreis erheblich. Die Revitalisierung der Religion in weiten Teilen der Welt verstärkt diese kulturellen Unterschiede. Kulturen können sich verändern, und die Art ihrer Auswirkung auf Politik und Wirtschaft kann von Epoche zu Epoche variieren. Gleichwohl wurzeln die wesentlichen Unterschiede in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Kulturkreise eindeutig in ihren unterschiedlichen kulturellen Grundlagen. Der wirtschaftliche Erfolg Ostasiens wurzelt in der Kultur Ostasiens, so wie die Schwierigkeiten der ostasiatischen Gesellschaften bei der Etablierung eines stabilen demokratischen Systems von der ostasiatischen Kultur herrühren. Die islamische Kultur erklärt zu einem großen Teil, warum die Demokratie in weiten Teilen der muslimischen Welt nicht Fuß fassen kann. Die Entwicklungen in den postkommunistischen Gesellschaften Osteuropas und der früheren Sowjetunion werden durch deren kulturelle Identität geprägt: Solche mit westlich-christlichem Erbe machen auf dem Wege zu wirtschaftlicher Entwicklung und demokratischer Politik Fortschritte; in den orthodoxen Ländern sind die Aussichten auf wirtschaftliche und politische Entwicklung unklar; in den muslimischen Republiken sind sie düster.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 25-28).

„Der Westen ist und bleibt auf Jahre hinaus der mächtigste Kulturkreis der Erde. Gleichwohl geht seine Macht in Relation zur Macht anderer Kulturkreise zurück. In dem Maße, wie der Westen versucht, seine Werte zu behaupten und seine Interessen zu schützen, sind nichtwestliche Gesellschaften mit einer Alternative konfrontiert. Einige versuchen, den Westen nachzuahmen und sich dem Westen anzuschließen, »mitzuhalten«. Andere ... versuchen, ihre wirtschaftliche Macht auszuweiten, um dem Westen zu widerstehen, »dagegenzuhalten«.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 28).


NACH OBEN „Andere Welten“

Eine Welt: Euphorie und Harmonie. Ein vielfach artikuliertes Paradigma beruhte auf der Annahme, das Ende des Kalten Krieges bedeute das Ende signifikanter Konflikte in der globalen Politik und die Entstehung einer einzigen, relativ harmonischen Welt. Die meistdiskutierte Formulierung dieses Modells war Francis Fukuyamas These vom »Ende der Geschichte«. (...). »Was wir heute erleben«, behauptete Fukuyama, »ist vielleicht das Ende der Geschichte als solcher, das heißt der Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit und die Universalisierung der westlich-liberalen Demokratie als definitiver Regierungsform des Menschen.« Gewiß, fuhr er fort, mag es noch einige Konflikte an Orten der Dritten Welt geben, aber der globale Konflikt ist vorüber, und zwar nicht allein in Europa. »Gerade in der nichteuropäischen Welt« sind die ganz großen Veränderungen eingetreten, namentlich in China und in der Sowjetunion. Der Krieg der Ideen ist zu Ende - Gläubige Anhänger des Marxismus-Leninismus gibt es vielleicht noch »an Orten wie Managua, Pjöngjang und Cambridge (Massachusetts)«, aber im großen und ganzen hat die liberale Demokratie gesiegt. Die Zukunft wird nicht mehr großen, berauschenden Kämpfen um Ideen gewidmet sein, sondern der Lösung nüchterner ökonomischer und technischer Probleme. Und es wird alles, schlußfolgerte Fukuyama bekümmert, ziemlich langweilig werden. (Vgl. Francis Fukuyama, ebd., 1989, S. 4, 18). Die Harmonieerwartung wurde von vielen geteilt. Führende Politiker und Intellektuelle formulierten ähnliche Ansichten. Die Berliner Mauer war gefallen, kommunistische Regimes waren zusammengebrochen. Die Vereinten Nationen waren dabei, neue Bedeutung zu erlangen, die einstigen Rivalen aus der Zeit des Kalten Krieges würden eine »Partnerschaft« und einen »großen Handel« eingehen, Friedenserhaltung und Friedensstiftung würden die Parole des Tages sein. Der Präsident des führenden Landes der Welt proklamierte »die neue Weltordnung«; der Präsident der wohl führenden Universität der Welt legte gegen die Berufung eines Professors für Sicherheitsstudien sein Veto ein, weil die Notwendigkeit entfallen sei: »Halleluja! Wir studieren den Krieg nicht mehr, weil es Krieg nicht mehr gibt.« Der Augenblick der Euphorie am Ende des Kalten Krieges erzeugte eine Illusion von Hannonie, die sich bald als eben diese erweisen sollte. Die Welt wurde Anfang der neunziger Jahre anders, aber sie wurde nicht unbedingt besser. Veränderung war unvermeidhch; Fortschritt nicht. .... Die Harmonieillusion am Ende des Kalten Krieges wurde bald zerstört durch zahlreiche ethnische Konflikte und »ethnische Säuberungen«, den Zusammenbruch von Recht und Ordnung, das Auftreten neuer Bündnis- und Konfliktmuster zwischen den Staaten, das Wiedererstarken neokommunistischer und neofaschistischer Bewegungen, die Intensivierung des religiösen Fundamentalismus, das Ende der »Diplomatie des Lächelns« und der »Jasager-Politik« in den Beziehungen Rußlands zum Westen und endlich das Unvermögen der Vereinten Nationen und der USA, blutige lokale Konflikte zu unterdrücken. In den fünf Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer hat man das Wort »Genozid« weit öfter gehört als in irgendeiner Fünfjahresspanne des Kalten Krieges. Das Paradigma von der einen, harmonischen Welt ist offensichtlich von der Realität allzu weit entfernt, als daß es ein brauchbarer Leitfaden durch die Welt nach dem Kalten Krieg sein könnte.“  (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 33-36).

Zwei Welten: Wir und Die. Während Eine-Welt-Erwartungen vor allem am Ende von großen Konflikten aufzutreten pflegen, wiederholt sich die Tendenz, in Begriffen von zwei Welten zu denken, durch die menschliche Geschichte. Menschen sind immer versucht, die Menschen einzuteilen in »wir« und »die«, in die In-group und die anderen, in unsere Zivilisation hier und die Barbaren dort. Wissenschaftler haben die Welt nach Kriterien wie Orient und Okzident, Norden und Süden, Mitte und Peripherie analysiert. Muslime teilen seit jeher die Welt in dar al-Islam und da al-Harb, das Haus des Friedens und das Haus des Krieges. Diese Unterscheidung, allerdings in ihr Gegenteil verkehrt, wurde am Ende des Kalten Krieges von zwei (US-) amerikanischen Gelehrten aufgegriffen, die die Welt in »Zonen des Friedens« und »Zonen des Aufruhrs« einteilten. Zu ersteren gehören der Westen und Japan mit rund fünfzehn Prozent der Weltbevölkerung, zu letzteren alle anderen. Auch andere Wissenschaftler entwarfen nach dem Kalten Krieg derartige Bilder einer zweigeteilten Welt. (Huntington nennt hier mehrere Namen). Je nachdem, wie die Teile definiert werden, kann ein zweiteiliges Weltbild in einem gewissen Maße mit der Realität übereinstimmen. Die geläufigste Einteilung, die unter verschiedenen Namen kursiert, ist die in reiche und arme Länder. ...“  (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 36).

184 Staaten, mehr oder weniger. Eine dritte Landkarte der Welt nach dem Kalten Krieg geht von dem aus, was oft als die »realistische« Theorie der internationalen Beziehungen bezeichnet wird. .. Dieses »realistische« Bild der Welt ist ein höchst nützlicher Ausgangspunkt für die Analyse internationaler Beziehungen und erklärt vieles am Verhalten von Staaten. Staaten sind und bleiben die beherrschende Größe im Weltgeschehen. ... Alles in allem liefert dieses etatistische Paradigma in der Tat ein viel realistischeres Bild von globaler Politik und einen viel zuverlässigeren Leitfaden als das EineWelt- oder das Zwei-Welten-Paradigma. Es hat jedoch ebenfalls seine unverkennbaren Grenzen. Es setzt voraus, daß alle Staaten ihre Interessen auf dieselbe Weise begreifen und daß sie auf dieselbe Weise handeln. .... Werte, Kultur und Institutionen haben einen erheblichen Einfluß darauf, wie Staaten ihre Interessen definieren. .... Staaten definieren ihre Interessen in Begriffen der Macht, aber auch auf vielerlei andere Weise. .... In der Welt nach dem Kalten Krieg definieren Staaten ihre Interessen zunehmend in kulturellen Begriffen. .... Staatliche Regierungen haben in erheblichem Maße die Kontrolle über die Geldströme verloren, die ihr Land erreichen und verlassen, und sehen sich heute immer weniger imstande, die Ströme von Ideen, Technologie, Gütern und Menschen zu lenken.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 38-41).

Reines Chaos. Das Schwächerwerden der Staaten und das Aufkommen von »gescheiterten Staaten« führen zu einem vierten Bild, das eine Welt in Anarchie zeigt. ... Wie das Staaten-Paradigma kommt auch das Chaos-Paradigma der Realität sehr nahe. .... Das Chaos-Paradigma krankt jedoch noch mehr als das Staaten-Paradigma daran, daß es der Realität allzu nahe ist. Die Welt mag ein Chaos sein, aber sie ermangelt nicht jeglicher Ordnung. Das Bild einer weltweiten, undifferenzierten Anarchie trägt wenig dazu bei, die Welt zu verstehen, Ereignisse einzuordnen und ihre Bedeutung abzuschätzen, innerhalb der Anarchie Tendenzen vorauszusagen, Arten des Chaos und deren möglicherweise unterschiedlichen Ursachen und Folgen zu unterscheiden und für die Gestalter staatlicher Politik Orientierungshilfen zu entwickeln.“  (S. P. Huntington, ebd., S. 41-42). „Jedes dieser vier Paradigmen bietet eine andere Kombination aus Realismus und Abstraktion. Gleichwohl hat jedes seine Mängel und Grenzen. .... Diese vier Paradigmen sind im übrigen miteinander unvereinbar. .... Es gibt entweder eine Welt oder zwei Welten oder 184 Staaten oder eine potentiell fast unendliche Anzahl von Stämmen, ethnischen Gruppen und Nationalitäten. Man vermeidet viele dieser Schwierigkeiten, wenn man die Welt als bestehend aus sieben oder acht Kulturkreisen (?Problem?) begreift.“  (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 41-42).


NACH OBEN „Vergleich von Welten“

„Man opfert nicht der Abstraktion die Realität auf, wie es das Eine-Welt- und das Zwei-Welten-Paradigma tun (ParadigmaParadigma); umgekehrt opfert man nicht der Realität die Abstraktion auf, wie es das etatistische und das Chaos-Paradigma tun. (ParadigmaParadigma). Das neue Paradigma liefert einen leicht verständlichen Rahmen, um die Welt zu verstehen, angesichts der Fülle von Konflikten das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, künftige Entwicklungen vorauszusagen und Orientierungshilfen für die Politik zu geben. Es stützt sich auch auf Elemente der anderen Paradigmen. Es ist mit ihnen kompatibler, als sie selbst es miteinander sind. Ein kultureller Ansatz vertritt zum Beispiel folgende Thesen:
1. (Paradigma) Der Druck in Richtung Integration in der Welt ist real. Genau dieser Druck ist es, welcher den Gegendruck der kulturellen Selbstbehauptung und des kulturellen Bewußtseins weckt.
2. (Paradigma) Die Welt ist in mancher Hinsicht zweigeteilt, doch ist die zentrale Unterscheidung heute die zwischen dem Westen als der bisher dominierenden Kultur und allen anderen Kulturen, die allerdings wenig bis gar nichts gemeinsam haben. Die Welt zerfällt mit einem Wort in eine westliche und viele nichtwestliche.
3. (Paradigma) Nationalstaaten sind und bleiben die wichtigsten Akteure des Weltgeschehens, aber ihre Interessen, Zusammenschlüsse und Konflikte werden zunehmend von kulturellen Faktoren geprägt.
4. (Paradigma) Die Welt ist in der Tat anarchisch und voll von Stammes- und Nationalitätenkonflikten, aber die Konflikte, die die größte Gefahr für die Stabilität darstellen, sind jene zwischen Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen.
Der kulturelle Ansatz entwirft also eine relativ einfache, aber nicht zu einfache Landkarte zum Verständnis dessen, was in der Welt vor sich geht. So waren beispielsweise knapp die Hälfte der 48 ethnischen Konflikte, die es Anfang 1993 gab, Konflikte zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 43-44).

„Viele wichtige Entwicklungen nach dem Ende des Kalten Krieges waren mit dem kulturellen Paradigma vereinbar und hätten mit seiner Hilfe vorausgesagt werden können. (Vgl. die Ähnlichkeit mit den schon seit dem Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert geäußerten Voraussagen für Kulturen, z.B. von Goethe, Nietzsche, Spengler u.a. ).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 45).

„In den ersten Jahren des Kalten Krieges registrierte der kanadische Staatsmann Lester Pearson aufmerksam den Wiederaufstieg und die Vitalität nichtwestlicher Gesellschaften. »Es wäre absurd zu glauben«, mahnte er voraussehend, »daß diese neuen politischen Gesellschaften, die im Osten entstehen, eine Kopie jener Gesellschaften sein werden, die uns hier im Westen vertraut sind ...« Unter Hinweis darauf, daß internationale Beziehungen »jahrhundertelang« die Beziehungen zwischen den Staaten Europas gewesen seien, vertrat er die These: »Die folgenschweren Probleme werden sich nicht mehr zwischen Nationen einer einzigen Kultur (bzw. Zivilisation) ergeben, sondern zwischen den Kulturen (bzw. Zivilisationen) selbst.« (Lester B. Pearson, Democracy in World Politics, 1955, S. 82f.). Die Bipolarität während des Kalten Krieges verzögerte die Entwicklungen, die Pearson kommen sah. Erst das Ende des Kalten Krieges setzte die kulturellen Kräfte frei, die er in den fünfziger Jahren aufzeigte, und zahlreiche Wissenschaftler und Beobachter haben die neue Rolle dieser Faktoren in der Weltpolitik erkannt und untersucht. »So ist es für jeden«, mahnt Fernand Braudel (in: Schriften zur Geschichte [1], 1992, S. 284) mit Recht, »der sich um Einsicht ins aktuelle Geschehen bemüht, mehr noch aber für den, der tätig einzugreifen gedenkt, eine ›lohnende‹ Aufgabe, die Kulturen von heute auf der Weltkarte () zu fixieren, ihre Grenzen (Huntington), Zentren und Peripherien sowie ihre Provinzen festzulegen und die Luft, die man dort atmet, die besonderen und allgemeinen ›Formen‹, die dort leben und sich zusammenschließen, zu kennen. Andernfalls drohen ihm Fehlurteile und gröbliche Schnitzer!«“  (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 48). Huntington

 

NACH OBEN „Kulturen in Geschichte und Gegenwart“

NACH OBEN „Das Wesen von Kulturen“

„Die menschliche Geschichte ist die Geschichte von Kulturen. Es ist unmöglich, die Entwicklung der Menschheit in anderen Begriffen zu denken. .... Zu allen Zeiten waren Kulturen für die Menschen Gegenstand ihrer umfassendsten Identifikation. Infolgedessen sind Voraussetzungen, Entstehung, Aufstieg, Wechselwirkungen, Errungenschaften, Niedergang und Verfall der Kulturen von den hervorragendsten Historikern, Soziologen und Anthropologen erforscht worden (Vgl. die großen Gelehrten für Huntington) ... (»Weltgeschichte ist die Geschichte der großen Kulturen.« Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, S. 761) ...“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 49).

„Unterschiede in der Perspektive, Methodologie, Akzentsetzung und Begrifflichkeit sind in dieser Literatur selbstverständlich. (Vgl. die großen Gelehrten für Huntington). Dennoch gibt es auch breite Übereinstimmung, was gewisse zentrale Aussagen über Wesen, Identität und Dynamik von Kulturen (bzw. Zivilisationen) betrifft. .... Unterscheidung zwischen (Kultur) Zivilisation im Singular und (Kulturen) Zivilisationen im Plural. .... Gegenstand dieses Buches sind Zivilisationen im Plural. Doch behält die Unterscheidung zwischen Singular und Plural ihre Relevanz, und die Idee von Zivilisation im Singular kehrt in der These von der universalen Weltzivilisation wieder. Zwar läßt sich diese Theorie nicht halten (Huntington, a.a.O., S. 511), doch ist es nützlich, zu klären, ob eine zunehmende »Zivilisierung von Zivilisationen« zu erwarten ist oder nicht (siehe Kapitel 12).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 49-50). Huntington, a.a.O., S. 73

„Für Spengler ist die Zivilisation »das unausweichliche Schicksal einer Kultur ... Zivilisationen sind die äußersten und künstlichsten Zustände, deren eine höhere Art von Menschen fähig ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene ...« (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 43).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 52).

„Spengler unterscheidet acht hohe Kulturen (). (Vgl. Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S. 597 und ff.).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 57).

„Spengler verurteilte schon 1918 die im Westen vorherrschende, kurzsichtige Auffassung von Geschichte mit ihrer säuberlichen Einteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit, die nur für den Westen relevant ist: »Ich nenne dies dem heutigen Westeuropäer geläufige Schema (Spengler), in dem die hohen Kulturen ihre Bahnen um uns als den vermeintlichen Mittelpunkt alles Weltgeschehens ziehen, das ptolemäische System der Geschichte und ich betrachte es als die kopernikanische Entdeckung im Bereich der Historie, daß in diesem Buche ein System an seine Stelle tritt, in dem Antike und Abendland neben Indien, Babylon, China, Ägypten, der arabischen und mexikanischen Kultur - Einzelwelten des Werdens (), die im Gesamtbilde der Geschichte ebenso schwer wiegen, die an Großzügigkeit der seelischen Konzeption, an Gewalt des Aufstiegs die Antike vielfach übertreffen - eine in keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen.« (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 24). Einige Jahrzehnte später geißelte Toynbee die »Provinzialität und Impertinenz« des Westens mit seinen »egozentrischen Illusionen«, daß die Welt sich um ihn drehe, daß es einen »unwandelbaren Osten« gäbe und daß der »Fortschritt« unausweichlich sei. Wie Spengler hatte er keine Verwendung für die Annahme einer Einheit der Geschichte, die Annahme, daß es »nur einen einzigen Strom der Zivilisation, nämlich den unseren, gibt und daß alle anderen entweder Zuflüsse sind oder im Wüstensand versickern«. (Vgl. A. J. Toynbee, Study of History, 1934-1961, S, 149ff., 154, 157ff.). Fünfzig Jahre nach Toynbee hat auch Fernand Braudel die Notwendigkeit betont, zu einer umfassenderen Perspektive zu gelangen und die großen Kulturen in der Welt und die Mannigfaltigkeit ihrer »Zivilisationen« zu verstehen. (Vgl. F. Braudel, Schriften zur Geschichte [2], 1992). Doch die Illusionen und Vorurteile, vor denen diese Autoren warnten, leben fort und treiben Ende des 20. Jahrhunderts neue Blüten in der verbreiteten und provinziellen Einbildung, die europäische Kultur des Westens sei jetzt die universale Weltkultur.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 74-75).

 

NACH OBEN „Eine universale Kultur?“

NACH OBEN „Modernisierung und Verwestlichung“

„Man könnte es die »Davos-Kultur« nennen. Jedes Jahr treffen sich etwa tausend Wirtschaftsfachleite, Bankiers, Regierungsvertreter, Intellektuelle und Journalisten im schweizerischen Davos zum Weltwirtschafts-Forum. (). Fast alle diese Leute haben einen akademischen Abschluß in einem natur-, sozial-, wirtschafts- oder rechtswissenschaftlichen Fach, gehen mit Worten und/oder Zahlen um, sprechen ziemlich fließend Englisch, sind in Behörden, Unternehmen oder akademischen Einrichtungen mit ausgedehntem internationalen Engagement tätig und reisen häufig ins Ausland. Gemeinsam ist ihnen der Glaube an Individualismus, Marktwirtschaft und politische Demokratie, der auch unter Menschen der westlichen Kultur verbreitet ist. Davos-Leute kontrollieren praktisch alle internationalen Institutionen, viele Regierungen und ein gut Teil des wirtschaftlichen und militärischen Potentials der Welt. Die »Davos-Kultur« ist daher ungeheuer wichtig. Aber wieviele Menschen sind weltweit wirklich Teil dieser Kultur?  Außerhalb des Westens wird sie wahrscheinlich von kaum fünfzig Millionen Menschen oder einem Prozent der Weltbevölkerung anerkannt, vielleicht sogar nur von einem Zehntelprozent der Weltbevölkerung. Sie ist weit davon entfernt, eine universale Kultur zu sein, und die Führer, die die »Davos-Kultur« vertreten, haben nicht unbedingt einen festen Zugriff auf die Macht in ihrer jeweiligen Gesellschaft. Diese »gemeinsame intellektuelle Kultur existiert«, wie Hedley Bull hervorhebt, »nur auf der Ebene der Eliten: Ihre Wurzeln reichen in vielen Gesellschaften nicht tief. ..[und] es ist fraglich, ob sie selbst auf der diplomatischen Ebene das umfaßt, was gemeinsame moralische Kultur genannt worden ist, ein System gemeinsamer Werte im Unterschied zu einer gemeinsamen intellektuellen Kultur.« (). ... Die jetzige These, daß die Verbreitung von Pop-Kultur und Konsumgütern über die ganze Welt den Triumph der westlichen Zivilisation darstelle, trivialisiert die westliche Kultur. .. Eine etwas anspruchsvollere Version dieser These von der universalen Populärkultur zielt nicht auf Konsumgüter generell, sondern auf die Medien ab, auf Hollywood statt auf Coca-Cola. Die (US-)amerikanische Kontrole der globalen Film-, Fernseh- und Videoindustrie übertrifft sogar (US-)Amerikas Dominanz in der Luftfahrtindustrie. 88 von 100 der weltweit meistbesuchten Filme im Jahre 1993 kamen aus den USA; zwei (US-)amerikanische und zwei europäische Organisationen beherrschen weltweit die Sammlung und Verbreitung von Nachrichten. (). ... Globale Kommunikation ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Mainfestationen westlicher Macht. Diese Hegemonie des Westens ermutigt jedoch populistische Politiker in nichtwestlichen Gesellschaften dazu, den westlichen Kulturimperialismus anzuprangern und ihr Publikum zur Sicherung des Überlebens und der Integrität ihrer einheimsichen Kultur aufzurufen. Das Ausmaß, in dem die globale Kommunikation vom Westen beherrscht wird, ist daher eine wesentliche Quelle des Ressentiments und der Feindseligkeit nichtwestlicher Völker gegen den Westen. Daneben führten spätestens Anfang der neunziger Jahre Modernisierung und wirtschaftliche Entwicklung in nichtwestlichen Gesellschaften zur Entstehung lokaler und regionaler Medienindustrien, die sich am spezifischen Geschmack dieser Gesellschaften ausrichten. (). 1994 schätzte die Gesellschaft »CNN International« die Zahl ihrer potentiellen Zuschauer auf 55 Millionen oder rund ein Prozent der Weltbevölkerung (eine auffallend ähnliche Zahl wie bei den Angehörigen der »Davos-Kultur« und zweifellos weithin mit diesen identisch!).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 78-81).
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Abbildung Tabelle 1) Sprecherzahlen:
Chinesisch und West-Sprachen


Global-Phase
„Sprache. Die zentralen Elemente jeder Kultur oder Zivilisation sind Sprache und Religion. Falls eine universale Kultur im Entstehen begriffen ist, müßte es Tendenzen zur Herausbildung einer universalen Sprache und einer universalen Religion geben. Dieser Anspruch wird in bezug auf die Sprache in der Tat oft erhoben. »Die Sprache der Welt ist Englisch«, wie der Herausgeber des Wall Street Journal behauptet. (). Dies kann zweierlei bedeuten, würde aber nur in einem Fall die These einer universalen Kultur stützen. Es könnte bedeuten, daß ein wachsender Anteil der Weltbevölkerung Englisch spricht. Es gibt keine Anhaltspunkte, die diese Behauptung untermauern würden; das zuverlässigste Material, das existiert und zugegebenermaßen nicht sehr präzise sein kann, zeigt das genaue Gegenteil. Die verfügbaren Daten über die gut dreieinhalb Jahrzehnte von 1958 bis 1992 lassen darauf schließen, daß sich das Gesamtbild der verwendeten Sprachen nicht dramatisch verändert hat, daß der Prozentsatz der Menschen stark zurückgegangen ist, die Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch und Japanisch sprechen, daß in geringerem Maße der Prozentsatz der Menschen zurückgegangen ist, die Mandarin sprechen, und daß der prozentuale Anteil der Menschen gestiegen ist, die Hindi, Malaiisch-Indonesisch, Arabisch, Bengali, Spanisch, Portugiesisch und andere Sprachen sprechen. Der Anteil der Englischsprechenden fiel von 9,8 Prozent der Menschen, die 1958 eine von mindestens einer Million Menschen gesprochene Sprache sprachen, auf 7,6 Prozent im Jahre 1992. Der Anteil der Weltbevölkerung, der die fünf großen westlichen Sprachen (Englisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch) spricht, sank von 24,1 Prozent 1958 auf 20,8 Prozent 1992. 1992 sprachen knapp doppelt so viele Menschen Mandarin wie Englisch, nämlich 15,2 Prozent der Weltbevölkerung; dazu kamen 3,6 Prozent, die andere Arten von Chinesisch sprachen. (!!). In gewisser Hinsicht kann eine Sprache, die 92 Prozent der Menschen fremd ist, nicht die Weltsprache sein. In anderer Hinicht könnte man sie dennoch so nennen, sofern es die Sprache ist, die Menschen verschiedener Sprachgruppen und Kulturen benutzen, um miteinander zu kommunizieren, sofern es also die lingua franca der Welt, sprachwissenschaftlich gesprochen die wichtigste »Language of Wider Communication« (LWC) in der Welt ist. () ... In diesem Sinne ist Englisch die Art, wie die Welt interkulturell kommuniziert, so wie der christliche Kalender die Art ist, wie die Welt die Zeit berechnet ... und das metrische System fast überall die Art ist, wie die Welt mißt. Dieser Gebrauch des Englischen ist jedoch interkulturelle Kommunikation; er setzt die Existenz separater Kulturen voraus. Eine lingua franca ist eine Methode, um sprachliche und kulturelle Unterschiede zu überwinden, nicht eine Methode, um sie zu beseitigen. Sie ist ein Werkzeug zur Kommunikation, aber sie stiftet nicht Identität und Gemeinschaft. .... Die Verwendung des Englischen zur interkulturellen Kommunikation hilft .... die separaten unterschiedlichen Identitäten der Völker zu bewahren, ja stärkt diese sogar. Gerade weil die Menschen ihre eigene kulturelle Identität bewhren wollen, bedienen sie sich des Englischen, um mit Menschen anderer Kulturen zu kommunizieren. Die Menschen. die weltweit Englisch sprechen, sprechen auch zunehmend regional verschiedene Arten von Englisch. Die englische Sprache wird indigenisiert und nimmt lokale Färbungen an, die sie vom britischen und amerikanischen Englisch unterscheiden und im Extremfall diese englischen Idiome füreinander fast unverständlich machen, wie dies auch bei Varianten des Chinesischen der Fall ist. .... Pidgin-Englisch und andere Formen des Englischen ... dürften sich in Zukunft weiter ausdifferenzieren, so daß vermutlich aus ihnen verwandte, aber eigene Sprachen entstehen werden, so wie sich aaus dem Lateinischen die romanischen Sprachen entwickelt haben. .... Zu allen Zeiten hat die Sprachenverteilung in der Welt die Machtverteilung in der Welt widergespiegelt. .... In dem Maße, wie die früheren Kolonien ihre Unabhängigkeit erstrebten und selbständig wurden, war die Förderung des Gebrauchs einheimischer Sprachen und die Unterdrückung der imperialen Sprachen für nationalistische Eliten die Methode, sich von den westlichen Kolonialherren zu unterscheiden und ihre eigen Identität zu definieren. .... In dem Maße, wie Macht aufsplittert, wächst auch die babylonische Sprachenverwirrung.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 81-89).


NACH OBEN „Universale Kultur: Quellen“

„Das Konzept einer »universalen Kultur« ist ein typisches Produkt des westlichen Kulturkreises. .... Universalismus ist die Ideologie des Westens angesichts von Konfrontationen mit nichtwestlichen Kulturen. .... Die Nichtwestler betrachten als westlich, was der Westen als universal betrachtet. Was Westler als segensreiche globale Integration anpreisen, zum Beispiel die Ausdehnung weltweiter Medien, brandmarken Nichtwestler als ruchlosen westlichen Imperialismus. Insoweit Nichtwestler die Welt als eine einzige sehen, sehen sie sie als Bedrohung.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 92-93). Huntington

„Die Argumente für die These, daß eine Art von »universaler Kultur« im Entstehen begriffen sei, beruhen auf einem oder mehreren von drei Anhaltspunkten, warum dem so sein soll.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 93).

„Erstens gibt es die in Kapitel 1 (Ende der Geschichte) erörterte Annahme, daß der Zusammenbruch des Sowjetkommunismus das Ende der Geschichte (Ende der Geschichte) und den weltweiten Sieg der liberalen Demokratie bedeute. Dieses Argument beruht auf dem Trugschluß der einzigen Alternative. Es wurzelt in der Perspektive des Kalten Krieges, daß nämlich die einzige Alternative zum Kommunismus die liberale Demokratie sei und das der Untergang des ersteren die Universalität der letzteren herbeiführe. Offenkundig gibt es in der heutigen Welt viele Formen des Autoritarismus, Nationalismus, Korporatismus und der kommunistischen Marktwirtschaft (wie in China). Noch bedeutsamer ist, daß es außerhalb der von säkularen Ideologien geprägten Welt eine ganze Reihe religiöser Alternativen gibt. In der modernen Welt ist Religion eine zentrale, vielleicht sogar die zentrale Kraft, welche die Menschen motiviert und mobilisiert. Es ist reine Überheblichkeit zu glauben, daß der Westen ... die Welt für alle Zeiten erobert hat und daß Muslime, Chinesen, Inder und alle anderen nun nichts Eiligeres zu tun haben, als den westlichen Liberalismus als einzige Alternative zu übernehmen. ... Die fundamentaleren Spaltungen der Menschheit nach Ethnizität, Religionen und Kulturkreisen bleiben und erzeugen neue Konflikte.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 93). Huntington

„Zweitens gibt es die Annahme, daß die Annahme, daß die zunehmende Interaktion zwischen Menschen - Handel, Investitionen, Tourismus, Medien, die elektronische Kommunikation generell - dabei ist, eine gemeinsame Weltkultur zu erzeugen. In der Tat haben Verbesserungen der Transport- und Kommunikationstechnologie es leichter und billiger gemacht, Geld, Waren, Menschen, Wissen, Ideen und Bilder um die ganze Welt zu transportieren. An der Zunahme des diesbezüglichen internationalen Austauschs besteht kein Zweifel. Große Zweifel hingegen bestehen hinsichtlich des Einflusses dieses gesteigerten Verkehrs. Wird durch Handel die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts erhöht oder verringert?  Die Annahme, daß Handel die Wahrscheinlichkeit eines internationalen Krieges verringert, ist zumindest nicht erwiesen, und es gibt viele Hinweise, die für das Gegenteil sprechen. Der internationale Handel expandierte in den 1960er und 1970er Jahren kräftig. 1980 machte er 15 Prozent des Weltbruttosozialprodukts aus. In dem anschließenden Jahrzehnt fand der Kalte Krieg ein Ende. Aber 1913 belief sich der internationale Handel auf 33 Prozent des Weltbruttosozialprodukts, und in den folgenden paar Jahren schlachteten die Nationen einander in einem beispiellosen Ausmaß ab. (Vgl. A. G. Kenwood & A. L. Lougheed, The Growth of the International Economy 1820-1990, 3. Auflage: 1992, S. 78f.; Angus Madisons, Dynamic Forces in Capitalist Development, 1991, S. 326f.; Alan S. Blinder, zitiert in New York Times, 12.03.1995, S. 5E). Wenn der internationale Handel selbst auf dieser Ebene den Krieg nicht verhindern kann, wann dann?  Die Geschichte stützt ganz einfach nicht die liberal-internationalistische Annahme, daß Handel den Frieden fördert. Analysen aus den 1990er Jahren rücken diese Annahme weiter ins Zwielicht. Eine Studie kommt zu dem Schluß: »Handel auf steigendem Niveau kann ein stark polarisierender Faktor ... in der internationalen Politik sein«; »zunehmender Handel im internationalen System als solcher dürfte weder internationale Spannungen mildern noch eine größere internationale Stabilität fördern.« (D. M. Rowe, The Trade and Security Paradox in International Politics, 1994, S. 16). Eine andere Studie vertritt die These, daß wirtschaftliche Interdependenz auf hohem Niveau »den Frieden oder den Krieg befördern kann, je nachdem, welche Zukunftserwartungen an den Handel gerichtet werden«. Wirtschaftliche Interdependenz dient dem Frieden nur dann, »wenn Staaten erwarten, daß Handel auf hohem Niveau in absehbarer Zukunft fortdauert (oder im Falle einer gegenwärtigen Unterbrechung wiederaufgenommen wird).« Wenn Staaten nicht ein hohes Maß an Interdependenz erwarten, ist Krieg die wahrscheinliche Folge.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 94-95). Huntington

„Das Unvermögen von Handel und Kommunikation, Frieden oder Gemeinschaftsgefühl zu bewirken, wird von den Befunden der Sozialwissenschaften bestätigt. In der Sozialpsychologie behauptet die Distintivitätstheorei, daß Menschen sich über das definieren, was sie in einem bestimmten Kontext von anderen unterscheidet.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 95). Huntington

„Die globale religiöse Erneuerung, die »Wiederkehr des Sakralen«, ist eine Reaktion auf die Rezeption der Welt als eines »einzigen Ortes«.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 96). Huntington

 


NACH OBEN „Der Westen und die Modernisierung“

„Moderne Gesellschaften haben ... vieles gemeinsam. Verschmelzen sie aber deshalb zwangsläufig? Das Argumentm daß sie es tun, beruht auf der annahme, daß die moderne Gesellschaft sich einem einzigen typus, dem westlichen Typus, annähern muß, daß moderne Kultur westliche Kultur ist und und westliche Kultur moderne Kultur, das ist jedoch eine völlig verfehlte Gleichsetzung. .... der Westen war der Westen, lange bevor er modern wurde: Die zentralen merkmale des westens, jene, die ihn von den anderen Kulturkreisen unterscheiden, sind älteren datums als die Modernisierung des Westens.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 98).

„Welches waren nun diese unterscheidenden Merkmale der westlichen Gesellschaft in der Hunderten von Jahren vor ihrer Modernisierung? Verscheidene Kulturtheoretiker haben auf diese Frage Antworten gegeben, die in manchen Einzelheiten differieren, aber hinsichtlich einer Reihe von Institutionen, Praktiken und Überzeugungen übereinstimmen, deren Gesamtheit man füglich als Kern der westlichen Kultur bezeichnen darf. Diese Merkmale sind die folgenden:
Das klassische Erbe (gemeint ist das Erbe der griechisch-römischen Antike; HB) ....
Katholizismus und Protestantismus ....
Europäische Sprachen ....
Trennung von geistlicher und weltlicher Macht ....
Rechtsstaatlichkeit ....
Gesellschaftlicher Pluralismus ....
Repräsentativorgane ....
Individualismus ....
Die obige Liste ist nicht als erschöpfende Aufzählung aller kennzeichnende Charakteristika der westlichen Kultur gedacht. .... Als einzelner war fast keiner dieser Faktoren auf den Westen beschränkt. Wohl aber war es die Kombination der Faktoren, und sie war es, die dem Westen seine Eigenart gegeben hat. Diese Konzepte, Praktiken und Institutionen waren und sind einfach im Westen weiter verbreitet als in anderen Kulturkreisen. Sie bilden zumindest einen Teil des Wesenskerns des westlichen Kulturkreises- Sie sind das, was am Westen westlich, nicht aber modern ist. Es sind zum größten Teil auch jene Faktoren, die den Westen befähigten, bei der eigenen und der Modernisierung der Welt die Führung zu übernehmen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 98-105).


NACH OBEN „Reaktionen auf den Westen und die Modernisierung“

„Die Expansion des Westens hat sowohl die Modernisierung als auch die Verwestlichung nichtwestlicher Gesellschaften gefördert. Die politischen und geistigen Führer dieser Gesellschaften haben auf den Impakt des Westens auf eine oder mehrere von drei Arten reagiert: Verweigerung von Modernisierung und Verwestlichung; Annahme von beidem; Annahme der ersteren und Verweigerung der letzteren.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 103).

Kemalismus. Eine ... mögliche Reaktion auf dne Westen ist das, was Toynbee (Toynbee) »Herodianismus« nennt: die Annahme sowohl der Modernisierung als auch der Verwestlichung. Diese Reaktion geht von der Voraussetzung aus, daß Modernisierung wünschenswert und notwendig ist, daß die einheimische Kultur mit Modernisierung unvereinbar ist, daß die einheimische Kultur aufgegeben oder abgeschafft werden muß und daß die GeseIlschaft, um sich erfolgreich modernisieren zu können, sich vollkommen verwestlichen muß. Modernisierung und Verwestlichung unterstützen einander und müssen Hand in Hand gehen. Dieser Ansatz fand seine Zuspitzung in der These einiger japanischer und chinesischer Intellektueller des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie meinten, daß ihre Gesellschaften, um sich modernisieren zu können, ihre historische Sprache aufgeben und das Englische als Staatssprache einführen müßten. Diese Auffassung ist - kaum verwunderlich - unter Westlern noch beliebter gewesen als unter nichtwestlichen Eliten. Die Botschaft lautet: »Um erfolgreich zu sein, müßt ihr so sein wie wir; unser Weg ist der einzige Weg.« Das Argument heißt: »Die religiösen Werte, moralischen Voraussetzungen und Gesellschaftsstrukturen dieser [nichtwestlichen] Gesellschaften sind den Werten und Praktiken des Industrialismus günstigstenfalls fremd, mitunter sogar feind.« Wirtschaftliche Entwicklung »erfordert daher eine radikale und destruktive Neugestaltung des Lebens und der Gesellschaft, oft auch eine neue Sinngebung des Lebens selbst, wie es von Menschen dieser Kulturen verstanden worden ist.« (William Pfaff, Reflections: Economic Development, in: New Yorker, 25.12.1978, S. 47).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 105-106).

„Es bestehen also Konflikte zwischen der Verweigerungshaltung und dem Kemalismus über die Erwünschtheit von Modernisierung und Verwestlichung und zwischen dem Kemalismus und dem Reformismus über die Möglichkeit einer Modernisierung ohne Verwestlichung.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 108-109).
Abbildung Abbildung 1)
Verwestlichung
und Modernisierung:
Alternative Reaktionen
Global-Phase
„Abbildung 1 veranschaulicht diese drei Handlungsweisen. Der Verweigerer würde auf Punkt A verharren; der Kemalist würde sich auf der Diagonale zum Punkt B bewegen; der Reformer würde sich horizontal zum Punkt C bewegen. Aber welchen Weg haben Gesellschaften tatsächlich eingeschlagen?  Offenkundig hat jede nichtwestliche Gesellschaft ihren eigenen Kurs genommen, der sich von jedem dieser drei prototypischen Wege erheblich unterscheiden kann. Mazrui vertritt sogar die These, daß Ägypten und Afrika sich durch einen »schmerzlichen Prozeß der Verwestlichung ohne technische Modernisierung« zum Punkt D bewegt haben. (). Soweit die Reaktionen nichtwestlicher Gesellschaften auf den Westen überhaupt ein allgemeines Muster von Modernisierung und Verwestlichung aufweisen, dürfte es eher der Kurve A-E entsprechen. Anfänglich sind Verwestlichung und Modernisierung eng miteinander verbunden, wobei die nichtwestliche Gesellschaft wesentliche Elemente der westlichen Kultur absorbiert und langsame Fortschritte in Richtung Modernisierung macht. In dem Maße jedoch, wie sich das Tempo der Modernisierung beschleunigt, geht die Verwestlichungsrate zurück, und die einheimische Kultur erlebt eine Renaissance. Weitere Modernisierung verändert dann dieses kulturelle Machtgleichgewicht zwischen dem Westen und der nichtwestlichen Gesellschaft, stärkt Macht und Selbstvertrauen dieser Gesellschaft und festigt die Bindung an die eigene Kultur. In den Anfangsphasen des Wandels fördert also Verwestlichung die Modernisierung. In den späteren Phasen hingegen fördert Modernisierung die Entwestlichung und das Wiederaufleben der einheimischen Kultur auf zweierlei Weise.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 109).
NACH OBEN
„Auf der Ebene der Gesellschaft stützt sie die wirtschaftliche, militärische und politische Macht der Gesellschaft als ganzer und ermutigt die Mitglieder derselben, Vertrauen in ihre Kultur zu haben und kulturell selbstbewußt zu werden. Auf der Ebene des Individuums erzeugt Modernisierung Gefühle der Entfremdung und Anomie, da traditionelle Bande und soziale Beziehungen zerbrechen und zu Identitätskrisen führen, auf welche Religion eine Antwort bietet.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 109-110).
Abbildung Abbildung 2)
Modernisierung und
Wiedererstarken der
Kultur bzw. Religion
Global-Phase

„Diesen kausalen Zusammenhang veranschaulicht in vereinfachter Form Abbildung 2. Dieses hypothetische allgemeine Modell deckt sich sowohl mit der sozialwissenschaftlichen Theorie als auch mit der historischen Erfahrung. Rainer Baum kommt in seiner Analyse des verfügbaren Materials über die »Invarianzhypothese« zu dem Schluß: »Die unablässige Suche des Menschen nach sinnvoller Autorität und sinnvoller persönlicher Autonomie tritt in kulturbedingt verschiedenen Formen auf. In diesen Dingen gibt es keine Konvergenz zu einer sich kulturübergreifend vereinheitlichenden Welt. Statt dessen scheint es eine Invarianz der Muster zu geben, die sich in verschiedenen Formen in älterer frühmoderner Zeit entwickelten.« (). Unter Berufung auf Theorien unter anderem von Frobenius (Frobenius), Spengler () und Bozeman hebt Baum besonders das Ausmaß hervor, in dem Empfängerkulturen selektiv Dinge aus anderen Kulturen entlehnen und sie adaptieren, transformieren und assimilieren, um das Überleben ihre Paideuma [Kultursseele], der Kernwerte ihrer Kultur zu kräftigen und zu sichern. (Vgl. Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, besonders S. 617ff. [Spengler]; Leo Frobenius, Paideuma, S. 11ff. [Frobenius]; Adda Bozeman, Civilizations under Stress, 1975, S. 5ff.). Fast alle nichtwestlichen Kulturen auf der Welt sind seit mindestens tausend Jahren und in einigen Fällen seit mehreren Jahrtausenden vorhanden. Sie haben nachweislich Entlehnungen aus anderen Kulturen so vorgenommen, daß sie ihre eigenen Überlebenschancen verbesserten. China importierte aus Indien den Buddhismus, was jedoch nach Meinung der Forschung keine »Indisierung« Chinas bewirkte. Die Chinesen paßten vielmehr den Buddhismus chinesischen Bedürfnissen an. Die chinesische Kultur blieb chinesisch. (Vgl. Spengler, a.a.O., S. 620ff. Spengler). Die Chinesen haben bis heute konsequent die heftigsten Anstrengungen des Westens abgewehrt, sie zu christianisieren. Sofern sie irgendwann einmal doch das Christentum importieren sollten, ist zu erwarten, daß sie es auf eine Weise absorbieren und adaptieren werden, die die fortdauernde chinesische Paideuma stärkt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 110-111).

„Die Hindernisse, die nichtwestliche Kulturen einer Moderniserung entgegensetzen, sind nichts, verglichen mit jenen, die sie einer Verwestlichung entgegensetzen. Es wäre, wie Braudel bemerkt, »kindisch«, in dem »Triumph der Zivilisation im Singular ... die Ursache der Eliminierung der unterschiedlichen Kulturen zu sehen«. (F. Braudel, Schriften zur Geschichte [1], 1992, S. 286). .... Modernisierung stärkt vielmehr diese Kulturen und verringert die relative Macht des Westens. Auf mancherlei ganz elementare Weise ist die Welt insgesamt dabei, moderner und weniger westlich zu werden.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 114).

 

NACH OBEN „Das Verblassen des Westens“

Abbildung Abbildung 3a)
Niedergang
Abbildung Abbildung 3b)
Niedergang
„Der Niedergang des Westens hat drei wesentliche Merkmale. Erstens ist er ein Langsamer Vorgang. Der Aufstieg der westlichen Macht dauerte vierhundert Jahre. Der Abschwung könnte ebensolange dauern. In den achtziger Jahren vertrat der berühmte britische Gelehrte Hedley Bull die These: »Man kann sagen, daß die europäische oder westliche Dominanz der universalen internationalen Gesellschaft ihren Höhepunkt um das Jahr 1900 erreicht hat.« (). Der erste Band von Spenglers Werk erschien 1917, der »Untergang des Abendlandes« (Spengler) ist ein Hauptthema der Geschichte des 20. Jahrhunderts geblieben. Der Vorgang selbst hat sich über den größten Teil des Jahrhunderts erstreckt. Denkbar ist jedoch, daß er sich beschleunigt. Wirtschaftliches Wachstum und andere Ausweitungen des Potentials eines Landes beschreiben häufig eine S-Kurve: ein langsamer Start, dann rapide Beschleunigung, gefolgt von reduzierten Expansionsraten und Abflachen. Der Niedergang von Ländern kann auch eine umgekehrte S-Kurve beschreiben ...: maßvolles Einsetzen, dann rapide Beschleunigung bis zum Erreichen des Tiefststandes. Der Niedergang des Westens steckt noch in der ersten, langsamen Phase, könnte sich aber an irgendeinem Punkt dramatisch beschleunigen. Zweitens erfolgt der Niedergang westlicher Macht nicht geradlinig. Er verläuft unregelmäßig, mit Pausen, Erholungsphasen und neuern Auftrumpfen nach Zeichen von Schwäche. Die demokratischen, offenen Gesellschaften des Westens zeichnen sich durch ein großes Erneuerungspotential aus. Außerdem besitzt der Westen, im Unterschied zu vielen Kulturkreisen, zwei große Machtzentren. Der Niedergang, den Bull um 1900 einsetzen sah, war primär der Niedergang der europäischen Komponente der »westlichen Zivilisation«. Von 1910 bis 1945 war Europa in sich gespalten und mit seinen internen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemen beschäftigt. In den vierziger Jahren begann dann die amerikanische Phase der westlichen Vormachtstellung, und 1945 dominierten die USA für kurze Zeit fast die ganze Welt .... Die Entkolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg reduzierte den Einfluß Europas noch mehr, nicht aber den der USA, die an die Stelle des traditionellen territorialen Imperiums einen neuen, transnationalen Imperialismus setzten. .... Drittens ist Macht die Fähigkeit einer person oder Gruppe das Verhalten einer anderen Person oder Gruppe zu verhindern. Verhalten kann man verändern durch Zureden, Zwang oder Ermahnung, was von demjenigen, der Macht ausübt, wirtschaftliche. militärische, institutionelle,d emographische, politische, technologische, soziale oder sonstige Ressourcen verlangt. Die Macht eines Staates wird daher normalerweise nach Maßgabe der Ressourcen eingeschätzt, die dem Staat oder der Gruppre gegen jene anderen Staaten oder Gruppen zur Verfügung stehen, die beeinflußt werden sollen. Der Anteil des Westens an den meisten, jedoch nicht allen wichtigen Machtressourcen erreichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt und begann dann im Vergleich zu den Ressourcen anderer Kulturkreise zurückzgehen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 119-123).
Abbildung Abbildung 4a)
Niedergang
Abbildung Abbildung 4b)
Niedergang
NACH OBEN
Wirtschaftsproduktion. Der Anteil des Westens an der Weltwirtschaftsproduktion mag ebenfalls um 1920 seinen Höhepunkt erreicht haben und geht seit dem Zweiten Weltkrieg eindeutig zurück. 1750 stellte China fast ein Drittel, Indien fast ein Viertel und der Westen kaum ein Fünftel der Weltindustrieproduktion. Bis 1850 hatte der Westen China knapp überflügelt. .... 1913 betrug die Industrieerzeugung nichtwestlicher Länder rund zwei Drittel des Standes von 1800. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Anteil des Westens dramatisch zu und erreichte 1928 mit 84,2 Prozent der Welterzeugung seinen Höhepunkt. Fortan ging der Anteil des Westens zurück, da seine Wachstumsrate niedrig blieb und weniger industrialisierte Länder nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Erzeugung rapide steigerten. 1980 stellte der Westen 57,8 Prozent der Weltindustrieproduktion; das entsprach in etwa seinem Anteil 120 Jahre zuvor, um 1860. Zuverlässige Daten zum Weltbruttosozialprodukt stehen für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nicht zur Verfügung. Doch 1950 stellte der Westen rund 64 Prozent des Weltbruttosozialprodukts; bis 1980 war dieser Satz auf 49 Prozent gefallen. 1991 gehörten nach einer Schätzung vier der sieben größten Volkswirtschaften der Welt zu nichtwestlichen Nationen. .... 1992 besaßen die USA die größte Volkswirtschaft der Welt, und zu den zehn führenden Volkswirtschaften gehörten fünf westliche Länder (WTO zählt für den Welthandel 2000 / 2001 sieben westliche Länder zu den ersten zehn führenden Handelsnationen [WTO]: [1.] USA, [ 2.] Deutschland, [3.] Japan, [4.] Großbritannien, [5.] Frankreich, [6.] Kanada, [7.] China, [8.] Italien, [9.] Niederlande, [10.] Hongkong) .... Plausible Projektionen für das Jahr 2020 zeigen, daß China die größte Volkswirtschaft der Welt haben wird ... und daß zehn führenden Volkswirtschaften drei sinische Gesellschaften (China, Südkorea, Taiwan), drei westliche (USA, Deutschland, Frankreich) plus Japan, Indien, Indonesien und Thailand sein werden. Sieben der größten Volkswirtschaften der Welt werden sich in Asien befinden, davon sechs in Ostaseien. .... Im Jahre 2013 werden nach einer Schätzung der Westen 30 Prozent und asiatische Gesellschaften 40 Prozent des globalen Sozialprodukts stellen. (Economist, 15.05.1993, S. 83; Wall Street Journal, 17.05.1993, S. A12). Bruttoangaben über das Sozialprodukt verdecken teilweise den qualitativen Vorsprung des Westens. Der Westen und Japan beherrschen die fortgeschrittenen Technologie-Industrien praktisch vollständig. Technologien werden aber weitergegeben, und wenn der Westen seine Überlegenheit wahren will, wird er alles in seinen Kräften Stehende tun, um diese Weitergabe möglichst gering zu halten. Dank der vernetzten Welt, die der Westen geschaffen hat, wird jedoch das Verzögern der Verbreitung von Technologie an andere Kulturen zunehmend schwierig werden .... Es ist wahrscheinlich, daß China über weite Stecken der Geschichte die größte Volkswirtschaft der Welt besessen hat. Die Verbreitung von Technologie und die wirtschaftliche Entwicklung von nichtwestlichen Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewirken heute eine Rückkehr zu diesem historischen Muster. Dies wird ein langsamer Vorgang sein, aber spätestens um die Mitte des 21. Jahrhunderts werden die Verteilung des Sozialprodukts und der Industrieerzeugung unter den fürhrenden Kulturen wahrscheinlich wieder dem Stand von 1800 (Abbildung (4)) ähneln.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 126-130).
Abbildung Abbildung 5)
Niedergang
NACH OBEN

Miltärisches Potential. Militärische Macht hat vier Dimensionen: eine quantitative: Truppenstärke, Waffe, Gerät und Ressourcen; eine technische: Effizienz und Entwicklungsstand von Waffen und Gerät; eine organsisatorische: Zusammenhalt, Disziplin, Ausbildung und Moral der Truppen und Effizienz der Kommando- und Kontrollverhältnisse; und eine gesellschaftliche: die Fähigkeit und Bereitschaft der Gesellschaft, militärische Gewalt effizient einzusetzen. Um 1920 war der Westen dem Rest der Welt in allen diesen Dimensionen überlegen. Seither ist die militärische Macht des Westens im Verhältnis zu der anderer Zivilisationen zurückgegangen. Der Rückgang spiegelt sich in dem veränderten Gleichgewicht der militärischen Mannschaftsstärke - einem Maßstab, wiewohl natürlich nicht dem wichtigsten, für militärisches Potential. Modernisierung und wirtschaftliche Entwicklung von Staaten erzeugen die Ressourcen zum und den Wunsch nach Ausbau des militäriscehn Potentials, und die wenigsten Staaten versäumen dies. .... Mitte der neunziger Jahre war vorgesehen, die deutschen Streitkräfte von 370.000 Mann auf 340.000, wahrscheinlich sogar 320.000 Mann zu reduzieren; die französische Armee sollte ihre Stärke von 290.000 Mann im Jahre 1990 auf 225.000 Mann im Jahre 1997 zurückführen. Die britischen Mannschaften gingen von 377.100 im Jahre 1985 auf 274 im Jahre 1993 zurück. NATO-Länder auf dem Kontinent verkürzten auch die Dauer und diskutierten auch die mögliche Abschaffung der Wehrpflicht. .... Während die Verteidigungsausgaben der NATO zwischen 1985 und 1993 um ungefähr 10 Prozent sanken, von 539,6 Milliarden Dollar auf 485,0 Milliarden Dollar (in konstanten Dollar 1993), stiegen die Ausgaben in Ostasien in demselben Zeitraum um 50 Prozent, von 89,8 Milliarden Dollar auf 134,8 Milliarden Dollar. .... Kernwaffen und die Systeme zu ihrem Einsatz sowie chemische uind biologische Waffen sind das Mittel, wodurch Staaten, die den USA und dem Westen an konventioneller militärischer Stärke weit unterlegen sind, mit relativ geringen Kosten gleichziehen können. .... Alles in allem wird der Westen wohl ... (ja, bis wann?) ... der mächtigste Kulturkreis bleiben. Danach wird er wahrscheinlich weiterhin eine führende Rolle innehaben, was wissenscahftliches Talent, Forschungs- und Entwicklungspotentiale und zivile und militärische technologische Neuerungen betrifft. Die Kontrolle über die anderen Machtressourcen wird jedoch in zunehmendem Maße auf die Kernstaaten und führenden Länder nichtwestlicher Kulturkreise übergehen. Die Kontrolle des Westens über diese Ressourcen erreichte ihren Höhepunkt 1920 und ist seither zwar nicht gleichmäßig, aber signifikant zurückgegangen. Um das Jahr 2020, hundert Jahre nach jenem Höhepunkt, wird der Westen wahrscheinlich 24 Prozent des Weltterritoriums kontrollieren (nach einem Spitzenwert von 49 ProzentAbbildung (3)), 10 Prozent der Weltbevölkerung (früher 48 ProzentAbbildung (3)) und vielleicht 15 bis 20 Prozent der sozial mobilen Bevölkerung der Welt, etwa 30 Prozent des Weltbruttoszialprodukts (früher etwa 70 ProzentAbbildung (4)), vielleicht 25 Prozent der Industrieerzeugung (früher 84 ProzentAbbildung (4)) und weniger als 10 Prozent der globalen militärischen Mannschaftsstärke (früher 45 ProzentAbbildung (5)).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 130-136).


NACH OBEN „Indigenisierung: Das Wiederaufleben nichtwestlicher Kulturen“

Die Verteilung von Kulturen spiegelt die Verteilung von Macht in der Welt wider. Der Handel mag der Flagge folgen oder auch nicht - Kultur folgt fast immer der Macht. (Seie 136). In der gesamten Geschichte ist die Expansion der Macht eines Kulturkreises für gewöhnlich gleichzeitig mit der Blüte ... aufgetreten, und fast immer hat der Gebrauch jener Macht die Übertragung dieser kulturellen Werte, Praktiken und Institutionen auf andere Gesellschaften bedeutet. Eine universale Kultur bedarf universaler Macht. Die Macht Roms schuf eine fast universale Kultur in den engen Grenzen der klassischen (apollinisch-antik beherrschtenSeelenbild und Ursymbol) Welt. Die Macht des Westens in Gestalt des europäischen Kolonialismus im 19. Jahrhundert und die (us-)amerikanische Hegemonie im 20. Jahrhundert dehnten die westliche Kultur über weite Teile der zeitgenössischen Welt aus. Der europäische Kolonialismus ist vorbei; die (us-)amerikanische Hegemonie schrumpft. Die Erosion der westlichen Kultur folgt in dem Maße, wie einheimische, historisch verwurzelte Sitten und Gebräuche, Sprachen, Glaubensüberzeugungen und Institutionen sich wieder geltung verschaffen. Die wachsende Macht nichtwestlicher Gesellschaften infolge ihrer Modernisierung bewirkt in aller Welt die Erneuerung nichtwestlicher Kulturen.“  (S. P. Huntington, ebd., S. 136-137). Huntington

„Indigenisierung wird durch ein demokratisches Paradoxon begünstigt: Die Übernahme westlich-demokratischer Institutionen durch nichtwestliche Gesellschaften ermutigt nativistische und antiwestliche politische Bewegungen und verschafft ihnen Zugang zur Macht. .... Demokratisierung gerät in Konflikt mit Verwestlichung, und Demokratie ist inhärent ein provinzialisierender, kein kosmopolitischer Vorgang.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 141).

 

NACH OBEN „Wirtschaft, Demographie und die Herausforderer-Kulturen“

Abbildung Abbildung 6)
Global-Phase

„Der »Chinesische Wirtschaftsraum« war nach Einschätzung der Weltbank 1993 der »vierte Wachstumspol« der Welt neben den USA, Japan und Deutschland. .... Selbst wenn das Wirtschaftswachstum in Asien früher und abrupter abflacht als erwartet, sind die Folgen dieses Wachstums für Asien und die Welt schon jetzt enorm. () ... Die wirtschaftliche Entwicklung in Ostasien ist im Begriff, das Machtgleichgewicht zwischen Asien und dem Westen, speziell den USA, zu verschieben. Eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung erzeugt Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein bei jenen, die diese Entwicklung herbeiführen und von ihr profitieren. Wohlstand gilt, wie Macht, als Beweis von Tugend, als Demonstartion moralischer und kultureller Überlegenheit. Je mehr sie wirtschaftlich erfolgreich waren, desto weniger haben Ostasiaten gezögert, die Besonderheit ihrer Kultur zu betonen und die Überlegenheit ihrer Werte und ihrer Lebensweise ... herauszustreichen. .... Die Bedeutung dieser kulturellen Erneuerung drückt sich in der veränderten Interaktion der zwei großen ostasiatischen Gesellschaften mit der westlichen Kultur aus. Als Mitte des 19. Jahrhunderts der Westen sich China und Japan aufdrängte, befürworteten in beiden Ländern kleine intellektuelle Minderheiten die totale Verwerfung ihrer traditionellen Kultur nebst gründlicher Verwestlichung. Dieser Kurs war jedoch weder zu rechtfertigen noch zu realisieren. Infolgedessen optierten in beiden Ländern die herrschenden Eliten für eine reformistische Strategie (Reformismus).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 157-158).

„Mit der Meiji-Restauration () kam in Japan eine dynamische Gruppe von Reformern an die Macht, studierte und entlehnte westliche Techniken, Praktiken und Institutionen und setzte den Prozeß der japanischen Modernisierung in Gang. Sie taten das jedoch auf eine Weise, die die wesentlichen Gehalte der traditionellen ... Kultur nicht antastete, was in vieler Hinsicht zur Modernisierung beitrug und was es Japan ermöglichte, seinen Imperialismus der dreißiger und vierziger Jahre unter Berufung auf die Elemente jener Kultur zu legitimieren.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 158).

„Ende der siebziger Jahre bewogen das Unvermögen des Komminismus, eine wirtschaftliche Entwicklung zu erzeugen, und der Erfolg des Kapitalismus in Japan und zunehmend auch in anderen asiatischen Ländern die neue chinesische Führung, sich von dem sowjetischen Modell abzuwenden. Der Zusammenbruch der Sowjetunion zehn Jahre später unterstrich zusätzlich die Fehler dieses Imports. Die Chinesen standen also vor der Frage, ob sie sich nach Westen oder nach innen orientieren sollten. Viele Intellektuelle (und auch andere) traten für vollständige Verwestlichung ein, eine Tendenz, die ihren kulturellen und volksnahen Höhepunkt in der Fernsehserie Fluß-Elegie und der Göttin der Demokratie auf dem Platz des Himmlischen Friedens fand. Diese Orientierung nach Westen hatte jedoch die Unterstützung weder der paar hundert Leute, die in Peking zählten, noch der 800 Millionen Bauern, die auf dem Lande lebten. Totale Verwestlichung war Ende des 20. Jahrhunderts nicht weniger unrealistisch, als sie es Ende des 19. gewesen war. Die Führung entschloß sich statt dessen zu einer neuen Version des Ti-Yong: Kapitalismus und Beteiligung an der Weltwirtschaft einerseits, verbunden mit politischem Autoritarismus und neuem Engagement für die traditionelle chinesische Kultur andererseits. An die Stelle der revolutionären Legitimierung durch den Marxismus-Leninismus setzte das Regime auf Legitimitierung durch Leistung aufgrund des Aufschwungs der wirtschaftlichen Entwicklung, und nationalistische Legitimierung, indem auf die besonderen Merkmale der chinesischen Kultur gepocht wurde. »Nach der Demokratiebewegung von 1989«, meint ein Kommentator, »hat das Regime sich auf den chinesischen Nationalismus als neue Quelle der Legitimität gestürzt« und bewußt Antiamerikanismus geschürt, um seine Macht und sein Verhalten zu rechtfertigen. (Huang). Ein chinesischer Kulturnationalismus ist im Entstehen begriffen; eine Hongkonger Stimme brachte es 1994 auf den Punkt: »Wir Chinesen empfinden nationalistisch, was noch nie zuvor der Fall war. Wir sind Chinesen und stolz darauf.« In China selbst entstand Anfang der neunziger Jahre »der verbreitete Wunsch, zu allem echt Chinesischen zurückzukehren, und das heißt oft: zum Patriarchalischen, Nativistischen und Autoritären. Bei dieser historischen Rückbesinnung wird die Demokratie als ein weiteres Diktat des Auslandes diskreditiert, genau wie der Leninismus.« (CNN). Anfang des 20. Jahrhunderts erkannten chinesische Intellektuelle - analog zu Max Weber (Weber) ... - im Konfuzianismus die Quelle der chinesischen Rückständigkeit. Ende des 20. Jahrhunderts feiern politische Führer Chinas - analog zu westlichen Sozialwissenschaftlern - im Konfuzianismus die Quelle des chinesischen Fortschritts. In den achtziger Jahren begann die chinesische Regierung, das Interesse am Konfuzianismus zu fördern, und Parteiführer erklärten ihn zur »Hauptströmung« der chinesischen Kultur. (Teng-hui). Der Konfuzianismus wurde natürlich auch das Steckenpferd Lee Kuan Yews, der in ihm eine Quelle für den Erfolg Singapurs sah und der restlichen Welt konfuzianische Werte predigte. In den neunziger Jahren erklärte sich die Regierung Taiwans zum »Erben des konfuzianischen Denkens«, und Präsident Lee Tung-hui bezeichnete als die Wurzeln der Demokratisierung Taiwans sein chinesisches »kulturelles Erbe«, das bis auf Kao Yao (21. Jahrhundert v. Chr.), Konfuzius (6.-5. Jahrhundert v. Chr. ) und Meng Zi (Mencius, 4.-3. Jahrhundert v. Chr.) zurückgehe. (Teng-hui). Ob sie Autoritarismus oder Demokratie rechtfertigen wollen, chinesische Führer holen sich die Legitimation dazu in ihrer gemeinsamen chinesischen Kultur, nicht in importierten westlichen Konzepten. Der vom Regime geforderte Nationalismus ist ein Han-Nationalismus, was dazu beiträgt, die sprachlichen, regionalen und wirtschaftlichen Unterschiede von etwa neunzig Prozent der chinesischen Bevölkerung zu unterdrücken. Gleichzeitig betont er die Unterschiede zu den nichtchinesischen ethnischen Minderheiten, die weniger als zehn Prozent der chinesischen Population ausmachen, aber sechzig Prozent seines Territoriums bewohnen, und nicht zuletzt dem Regime einen Ansatzpunkt für seine Opposition gegen Christentum, christliche Organisationen und christliche Missionsarbeit bietet, die vielleicht fünf Prozent der Bevölkerung ansprechen und eine westliche Glaubensalternative zum Ausfüllen jenes Vakuums offerieren, das der Zusammenbruch des maoistischen Leninismus hinterlassen hat.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 160-162).

„Während Chinesen und Japaner einen neuen Wert in ihrer ... Kultur entdeckten, teilten beide auch die Bekräftigung des Wertes asiatischer Kultur ... und ... die Artikulation dessen, was man mit Fug und Recht »die asiatische Affirmation« nennen könnte. Diese Einstellung hat vier Hauptkomponenten. Erstens: Asiaten glauben, daß Ostasien in einer rapiden wirtschaftlichen Entwicklung begriffen ist, den Westen hinsichtlich der Produktivität bald übertroffen haben wird und daher, verglichen mit dem Westen, weltpolitisch zunehmend ein Machtfaktor sein wird. Das Wirtschaftswachstum bewirkt bei asiatischen Gesellschaften ein Gefühl der Macht und das Pochen auf ihre Fähigkeit, es mit dem Westen aufzunehmen. .... Zweitens: Asiaten sind überzeugt, daß dieser wirtschaftliche Erfolg im großen und ganzen ein Produkt asiatischer Kultur ist, die der des kulturell und sozial dekadenten Westens überlegen ist. .... Von Lee Kuan Yew abwärts verkündeten führende Persönlichkeiten Singapurs den Aufstieg Asiens in Beziehung zum Westen und rühmten die Vorzüge der asiatischen, grundsätzlich konfuzianischen Kultur, denen dieser Erfolg zu verdanken war - Ordnung, Disziplin, Familienzusammenhalt, harte Arbeit, Kollektivismus, Enthaltsamkeit -, gegenüber Hemmungslosigkeit, Faulheit, Individualismus, Kriminalität, minderwertiger Bildung, Mißachtung der Autorität und »geistiger Verknöcherung«, die für den Niedergang des Westens verantwortlich waren. .... Für Ostasiaten resultiert der ostasiatische Erfolg insbesondere aus der Priorität des Kollektiven gegenüber dem Individuellen in der ostasiatischen Kultur. »Die mehr gemeinschaftsorientierten Werte und Praktiken der Ostasiaten ... haben sich als klare Trümphe im Aufholprozeß erwiesen«, meint Lee Kuan Yew. »Die Werte, die die ostasiatische Kultur hochhält, wie z.B. der Primat von Gruppeninteressen vor Einzelinteressen, unterstützen die totale Gruppenanstrengung, die für eine rapide Entwicklung notwendig ist«. .... Drittens: Ostasiaten erkennen zwar die Unterschiede unter asiatischen Gesellschaften und Kulturen an, vertreten aber den Standpunkt, daß es auch signifikante Gemeinsamkeiten gibt. Zentral unter diesen ist nach Auskunft eines chinesischen Dissidenten »das Wertsystem des Konfuzianismus« - von der Geschichte gewürdigt und von den meisten Ländern ... geteilt, besonders seine Betonung auf Sparsamkeit, Familie, Arbeit und Disziplin. Gleichermaßen wichtig sind die gemeinsame Ablehnung des Individualismus und das Vorherrschen eines »sanften« Autoritarismus oder sehr begrenzter Formen von Demokratie. ... Viertens: Ostasiaten behaupten, daß die asiatische Entwicklung und asiatische Werte Modelle sind, welche andere nichtwestliche Gesellschaften nachahmen sollten, die mit dem Westen gleichzuziehen suchen, und welche der Westen übernehmen sollte, um sich zu erneuern.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 163-166).

„Für die Ostasiaten ist wirtschaftliche Prosperität ein Beweis moralischer Überlegenheit. Wenn Indien irgendwann einmal Ostasien als die am schnellsten wachsende Wirtschaftsregion der Welt verdrängt (???), sollte die Welt sich gefaßt machen auf ausführliche Darlegungen über die Überlegenheit der hinduistischen Kultur, die Beiträge des Kastensystems zur wirtschaftlichen Entwicklung und darüber, wie Indien durch Rückkehr zu seinen Wurzeln und Überwindung des vom britischen Imperialismus hinterlassenen, erstickenden westlichen Erbes schließlich den ihm gebührenden Rang in der vordersten Reihe der Kulturen erreicht hat.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 167-168).

Abbildung Abbildung 7)
Global-Phase
NACH OBEN

„Während der Aufstieg Ostasiens durch spektakuläre Raten des Wirtschaftswachstums angeheizt worden ist, ist die Resurgenz des Islam durch nicht minder spektakuläre Raten des Bevölkerungswachstums angeheizt worden. Die Bevölkerungsexpansion ist in islamischen Ländern, namentlich auf dem Balkan, in Nordafrika und in Zentralasien, signifikant größer gewesen als in den Nachbarländern und in der Welt generell. Zwischen 1965 und 1990 stieg die Gesamtzahl der Menschen auf der Erde Von 3,3 auf 5,3 Milliarden, was einer jährlichen Wachstumsrate Von 1,85 Prozent entspricht. Die Wachstumsraten in muslimischen Gesellschaften lagen fast immer bei über 2,0 Prozent, überstiegen oft 2,5 Prozent und betrugen manchmal über 3,0 Prozent. So wuchs zum Beispiel die Bevölkerung des Maghreb zwischen 1965 und 1990 jährlich um 2,65 Prozent, von 29,8 auf 58 Millionen, wobei die Algerier sich jährlich um 3,0 Prozent vermehrten. In demselben Zeitraum stieg die Zahl der Ägypter um jährlich 2,3 Prozent von 29,4 auf 52,4 Millionen. In Zentralasien wuchs zwischen 1970 und 1993 die Bevölkerung in Tadschikistan jährlich um 2,9 Prozent, in Usbekistan um 2,6 Prozent, in Turkmenistan um 2,5 Prozent, in Kirgisistan um 1,9 Prozent, jedoch in Kasachstan mit seiner zur Hälfte russischen Bevölkerung nur um 1,1 Prozent. Die Bevölkerung Pakistans und Bangladeschs hatte Wachstumsraten von über 2,5 Prozent jährlich, die Bevölkerung Indonesiens von 2,0 Prozent jährlich. Insgesamt stellten Muslime ... im Jahre 1980 vielleicht 18 Prozent der Weltbevölkerung; im Jahre 2000 dürften es 23 Prozent, im Jahre 2025 31 Prozent sein. (UNO). Die Raten des Bevölkerungswachstums im Maghreb und anderswo haben ihren Höhepunkt überschritten und beginnen zurückzugehen, aber das Wachstum in absoluten Zahlen wird weiter sehr hoch sein, und der Einfluß dieses Wachstums wird sich in der ganzen ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts bemerkbar machen. Auf Jahre hinaus werden muslimische Populationen unverhältnismäßig junge Populationen sein, wobei die Altersgruppe der Fünfzehn- bis Vierundzwanzigjährigen demographisch besonders auffallig ist (siehe AbbildungAbbildung (7)). Die Menschen dieser Alterskohorte werden darüber hinaus überwiegend urbanisiert sein und überwiegend zumindest Hochschulreife haben. Diese Kombination, von zahlenmäßiger Größe und sozialer Mobilisierung hat drei signifikante politische Folgen. Erstens: Junge Menschen sind die Protagonisten von Protest, Instabilität, Reform und Revolution. In der Geschichte ist die Existenz großer Massen von jungen Leuten immer wieder mit solchen Bewegungen zusammengefallen. »Die protestantische Reformation«, hat man behauptet, »ist das Beispiel einer herausragenden Jugendbewegung in der Geschichte.« Wie Jack Goldstone überzeugend dargelegt hat, war demographisches Wachstum ein zentraler Faktor bei ... Revolutionen ... (Goldstone). Eine bemerkenswerte Zunahme des prozentualen Anteils von Jugendlichen in westlichen Ländern in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts fiel mit dem »Zeitalter der demokratischen Revolution« zusammen. Im 19. Jahrhundert wurde durch erfolgreiche Industrialisierung und durch Auswanderung der politische Einfluß jugendlicher Populationen in europäischen Gesellschaften gedämpft. Der Anteil der Jugendlichen stieg jedoch nach 1920 wieder an und lieferte faschistischen und anderen extremistischen Bewegungen ihr Rekrutierungspotential. (Moeller und Feuer). Vier Jahrzehnte später machte die Generation des Baby-Booms nach dem Zweiten Weltkrieg in den Demonstrationen und Protesten der sechziger Jahre politisch von sich reden.   - Die Jugend des Islam macht in der Islamischen Resurgenz von sich reden. In dem Maße, wie diese Resurgenz in den siebziger Jahren einsetzte und in den achtziger Jahren an Rasanz gewann, stieg der Anteil von Jugendlichen (das heißt der Fünfzehn- bis VierundzwanzigjährigenAbbildung (7)) in großen muslimischen Ländern signifikant an und begann, 20 Prozent der Gesamtbevölkerung zu überschreiten. In vielen muslimischen Ländern erreichte der Jugend-Boom seinen Höhepunkt in den siebziger und achtziger Jahren; in anderen wird er seinen Höhepunkt im nächsten Jahrhundert erreichen. .... Aus diesen Jugendlichen rekrutieren sich islamistische Organisationen und politische Bewegungen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 181-184).

„Größere Populationen benötigen mehr Ressourcen, und daher tendieren Menschen aus Gesellschaften mit dichter und/oder rasch wachsender Bevölkerung dazu, sich auszubreiten, Territorium zu besetzen und Druck auf andere, demographisch weniger dynamische Völker auszuüben. Das islamische Bevölkerungswachstum ist daher ein wesentlicher, mit ausschlaggebender Faktor für Konflikte zwischen Muslimen und anderen Völkern entlang den Grenzen der islamischen Welt. Bevölkerungsdruck, verbunden mit wirtschaftlicher Stagnation, fordert die muslimische Migration in westliche und andere nichtmuslimische Gesellschaften, was die Einwanderungsfrage in diesen Gesellschaften zuspitzt. Das Nebeneinander eines rasch wachsenden Volkes der einen Kultur und eines langsam wachsenden oder stagnierenden Volkes einer anderen Kultur erzeugt in beiden Gesellschaften wirtschaftlichen und/oder politischen Anpassungsdruck.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 187).

„Keine Gesellschaft kann unbegrenzt ein zweistelliges Wirtschaftswachstum (Abbildung (6)) durchhalten, und der asiatische Wirtschaftsboom wird irgendwann Anfang des 21. Jahrhunderts abflachen. Die Raten des japanischen Wirtschaftswachstums gingen Mitte der siebziger Jahre substantiell zurück und waren danach nicht wesentlich höher als die Raten in den USA und den europäischen Ländern. Sukzessive werden andere asiatische »Wirtschaftswunder«-Staaten einen Rückgang ihrer Wachstumsraten erleben und sich dem »normalen« Niveau komplexer Gesellschaften annähern. Ebensowenig kann eine religiöse Renaissance oder kulturelle Bewegung ewig dauern, und irgendwann einmal wird die Islamische Resurgenz abklingen und in die Geschichte eingehen. Am wahrscheinlichsten wird dies geschehen, sobald der sie tragende demographische Impuls sich im zweiten und dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts abschwächt. (Abbildung (7)). Dann werden sich die Reihen der Militanten, Krieger und Migranten lichten, und die großen Konfliktpotentiale innerhalb des Islam und zwischen Muslimen und anderen dürften sich entschärfen. Die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen werden nicht innig werden, aber sie werden weniger konfliktträchtig sein .... Auf jeden Fall werden asiatisches Wirtschaftswachstum und muslimischer Bevölkerungsdruck in den kommenden Jahrzehnten zutiefst destabilisierende Auswirkungen auf die etablierte, westlich dominierte internationale Ordnung haben. Den bedeutendsten Zuwachs an Machtressourcen und weltpolitischem Einfluß werden die ostasiatischen Gesellschaften mit rapidem Wirtschaftswachstum verzeichnen. Die Entwicklung in China, sofern sie noch wenigstens ein Jahrzehnt andauert, wird eine massive Machtverschiebung unter den Kulturen bewirken. Darüber hinaus könnte Indien bis dahin in ein rapides wirtschaftliches Wachstum eingetreten sein ....“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 188-189).

„Unterdessen wird das muslimische Bevölkerungswachstum erhebliche destabilisierende Auswirkungen auf das globale Machtgleichgewicht haben. Die riesigen Zahlen von jungen Leuten mit Hochschulreife werden der Islamischen Resurgenz weiter Auftrieb geben und verstärkt muslimische Militanz, muslimischen Militarismus und muslimische Migration fördern. Infolgedessen werden die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts die anhaltende Resurgenz nichtwestlicher Macht und Kultur sowie den Zusammenprall der Völker nichtwestlicher Zivilisationen mit dem Westen und miteinander erleben.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 189).

 

NACH OBEN „Die kulturelle Neugestaltung der globalen Politik“

„Die europäischen Mächte machen deutlich, daß sie einen muslimischen Staat, die Türkei, nicht in der Europäischen Union haben wollen (leider ist es eher umgekehrt, Herr Huntington) und sind nicht glücklich (aber micheligMichel-Politik!) darüber, noch einen zweiten muslimischen Staat, Bosnien, auf dem europäischen Kontinent zu haben. (Huntington sollte lieber seinen Hintern nach Europa bewegen, und sich nur einmal die Reden europäischer und vor allem deutscher Politiker anhören, um vom Gegenteil überzeugt zu werden). ... Der Erfolg der NATO beruht zu einem großen Teil auf dem Umstand, daß sie die zentrale Sicherheitsorganisation westlicher Länder mit gemeinsamen Werten und philosophischen Voraussetzungen ist. Die Westeuropäische Union ist das Produkt einer gemeinsamen europäischen Kultur. Der Zusammenhang zwischen Kultur und Regionalismus wird am deutlichsten im Hinblick auf wirtschaftliche Integration. Die vier anerkannten Ebenen des wirtschaftlichen Zusammenschlusses von Ländern sind, in aufsteigender Integrationskraft:
1. Freihandelszone
2.Zollunion
3.Gemeinsamer Markt
4.Wirtschaftsunion
Auf wirtschaftliche Integration folgt Expansion des Handels .... In der Vergangenheit waren die Muster des Handels unter Nationen den Bündnispartnern unter Nationen analog und sind ihnen gefolgt. In der Welt, die heute entsteht, werden Handelsmuster entscheidend von Kulturmustern geprägt werden.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 194-195, 203-204, 204, 209-210).

„Der Westen hat in seiner Geschichte für gewöhnlich mehrere Kernstaaten gehabt: die Vereingten Staaten in Nordamerika und einen deutsch-französischen Kern in Europa, mit England als dazwischen treibendem weiterem Machtzentrum.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 211).

„Das Fehlen eines islamischen Kernstaates stellt muslimische wie nichtmuslimische Gesellschaften vor große Probleme, die in Kapitel 7 (Kapitel 7) weiter erörtert werden (Islam).“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 211-212).

„Ein gespaltenes Land umfaßt große Gruppen aus zwei oder mehr Zivilistionen (Kulturen), die praktisch sagen: »Wir sind verschiedene Völker und gehören zu verscheidenen Orten«. Die Kräfte der Abstoßung sprengen sie auseinander, und sie gravitieren zu zivilisationalen (kulturalistischen) Magneten in anderen Gesellschaften. Ein zerissenes Land hat demgegenüber eine einzige, herrschende Kultur, während die Führer des Landes den Wunsch haben, es einer anderen Zivilistion (Kultur) zuzuordnen. Sie sagen praktisch: »Wir sind ein Volk und gehören gemeinsam an einen Ort, aber wir wollen diesen Ort ändern«. Anders als die Menschen in einem gespaltenen Land sind die Menschen eines zerrissenen Landes sich darüber einig, wer sie sind, aber sie sind sich uneinig darüber, welche Zivilistion (Kultur) eigentlich ihre Zivilistion (Kultur) ist. In der Regel wird ein beträchtlicher Teil der Führung des Landes eine kemalistische Strategie verfolgen und zu dem Schluß kommen, daß ihre nichtwestliche Gesellschaft nichtwestliche Kultur und Institutionen ablegen, sich dem Westen anschließen und sich modernisieren und verwestlichen müsse. (Kemalismus). Rußland ist seit Peter dem Großen ein zerissenes Land (Huntington) .... Das Land Mustafa Kemals ist natürlich das klassische zerissene Land, das sich seit den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts bemüht, sich zu modernisieren, zu verwestlichen und Teil des Westens zu werden.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 216-217).

Rußland (Huntington) .... Die bolschewistische Revolution ... schuf ein politisch-wirtschaftliches System, das im Westen nicht existieren konnte, im Namen einer Ideologie, die aus dem Westen stammte. Es ... hieß nicht mehr, wie die Slawophilen behauptet hatten: »Ihr seid anders und wir wollen nicht werden wir ihr«, sondern: »Wir sind anders, und eines tages werdet ihr wie wir« - die Botschaft der kommunistischen Internationale. Doch während der Kommunismus es den sowjetischen Führern erlaubte, sich vom Westen zu unterscheiden, schuf er auch machtvolle Bande zum Westen. Marx und Engels waren Deutsche; die meisten Hauptvertreter ihrer Anschauungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren Westeuropäer; um 1910 bekannten sich viele Gewerkschaften und sozialdemokratische oder Arbeiterparteien westlicher Gesellschaften zu ihrer Ideologie und wurden zunehmend einflußreiche Akteure auf der Bühne der europäischen Politik. Nach der bolschewistischen Revolution spalteten sich Linksparteien in kommunistische und sozialistische Parteien auf, und beide waren in europäischen Ländern oft machtvolle Kräfte. In weiten Teilen des Westens setzte sich die marxistische Perspektive durch: Kommunismus und Sozialismus wurden als Welle der Zukunft betrachtet und weithin in der einen oder anderen Weise von politischen und intellektuellen Eliten angenommen. So wurde die russische Debatte zwischen Slawophilen und Westlern abgelöst durch eine europäische Debatte zwischen Linken und Rechten über die Zukunft Europas und die Frage, ob die Sowjetunion Inbegriff dieser Zukunft sei oder nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkte die Macht der Sowjetunion die Anziehungskraft des Kommunismus sowohl im Westen als auch vor allem in jenen nichtwestlichen Zivilisationen, die jetzt auf den Westen reagierten. Eliten in westlich beherrschten nichtwestlichen Ländern, die dem Westen schmeicheln wollten, sprachen von Selbstbestimmung und Demokratie; Eliten, die die Konfrontation mit dem Westen suchten, beschworen Revolution und nationale Befreiung. Durch die Übernahme einer westlichen Ideologie und deren Instrumentalisierung zur Herausforderung des Westens kamen die Russen in gewisser Weise dem Westen näher und waren enger mit ihm verbunden als zu irgendeiner früheren Zeit ihrer Geschichte. (Huntington). Obgleich sich die Ideologie der liberalen Demokratie und die des Kommunismus stark voneinander unterschieden, sprachen doch beide Seiten in gewisser Weise dieselbe Sprache. Der Zusammenbruch des Kommunismus und der Sowjetunion beendete diese politisch-ideologische Interaktion zwischen dem Westen und Rußland. Der Westen hoffte und glaubte, das Ergebnis werde der Sieg der liberalen Demokratie im ganzen früheren Sowjetimperium sein. Das war jedoch keineswegs ausgemacht. Aus heutiger Sicht (1995) ist die Zukunft der Demokratie in Rußland und den anderen orthodoxen Republiken ungewiß. Hinzu kam, daß in dem Maße, wie die Russen aufhörten, sich wie Marxisten zu verhalten, und begannen, sich wie Russen zu verhalten, die Kluft zwischen Rußland und dem Westen größer wurde. Der Konflikt zwischen liberaler Demokratie und Marxismus-Leninismus war ein Konflikt zwischen Ideologien, die trotz ihrer großen Unterschiede beide ... angeblich das Endziel von Freiheit, Gleichheit und materiellem Wohlstand verfolgten. Ein westlicher Demokrat konnte ein intellektuelles Streitgespräch mit einem sowjetischen Marxisten führen. Mit einem russisch-orthodoxen Nationalisten wäre ihm das unmöglich. Während der Sowjetjahre war der Kampf zwischen Slawophilen und Westlern suspendiert, da sowohl Solschenizyn als auch Sacharov die kommunistische Synthese in Frage stellten. Nach dem Zusammenbruch dieser Synthese entbrannte der Streit um Rußlands wahre Identität in voller Heftigkeit. .... Intellektuelle und politische Eliten sowie die allgemeine Öffentlichkeit waren in diesen Fragen zutiefst gespalten. Auf der einen Seite gab es die Westler, die »Kosmopoliten« oder »Atlantiker«, auf der anderen Seite die Nachfolger der Slawophilen, abwechselnd als »Nationalisten«, »Eurasier« oder »derschawniki« (Anhänger eines starken Staates) bezeichnet. Die hauptsächlichen Unterschiede zwischen diesen Gruppen betrafen die Außenpolitik und weniger die Wirtschaftsreform, und Staatsstruktur. Die Meinungen waren über ein Kontinuum verteilt und reichten von einem Extrem bis zum anderen. An dem einen Ende des Spektrums gruppierten sich die Befürworter des »neuen Denkens«, für das Gorbatschov eintrat und dessen Inbegriff das Ziel des »gemeinsamen europäischen Hauses« war, sowie viele Spitzenberater Jelzins, nach dessen Wünschen Rußland ein »normales Land« werden und als achtes Mitglied in den Club der führenden industrialisierten Demokratien der Welt (G-7-Länder) aufgenommen werden sollte. Die gemäßigteren Nationalisten wie Sergei Stankevich vertraten den Standpunkt, Rußland solle den »atlantischen« Kurs aufgeben und solle dem Schutz der Russen in anderen Ländern Priorität einräumen, seine türkischen und muslimischen Verbindungen stärken und »eine deutliche Umverteilung unserer Ressourcen, unserer Optionen, unserer Bindungen und unserer Interessen zugunsten Asiens oder in östlicher Richtung« vornehmen. Menschen dieser Denkart kritisierten Jelzin wegen seiner Unterordnung russischer Interessen unter westliche Interessen, seiner Reduktion der russischen Militärmacht, seiner mangelnden Unterstützung traditioneller Freunde wie der Serben und seiner Forderung der wirtschaftlichen und politischen Reform auf eine für die russischen Menschen schädliche Weise. .... Die extremeren Nationalisten zerfielen in russische Nationalisten wie Solschenizyn, die für ein Rußland aller Russen und der ihnen nahestehenden slawisch-orthodoxen Weißrussen und Ukrainer (Huntington), aber nur dieser, eintraten, und die imperialen Nationalisten wie Wladimir Schirinowsky, die das alte Sowjetimperium und die alte russische Militärmacht wiederherstellen wollten. Die Vertreter dieser Gruppe waren manchmal nicht nur Anti-Westler, sondern auch Antisemiten und wollten die russische Außenpolitik neu nach Osten und Süden orientieren, um dabei entweder den muslimischen Süden zu dominieren (wie Schirinowsky forderte) oder aber mit muslimischen Staaten und China gegen den Westen zu kooperieren. Die Nationalisten waren auch für eine stärkere Unterstützung der Serben in ihrem Krieg gegen die Muslime. Die Unterschiede zwischen Kosmopoliten und Nationalisten fanden ihren institutionellen Niederschlag in den unterschiedlichen Perspektiven des Außenministeriums und des Militärs. Sie spiegelten sich auch in den diversen Richtungswechseln, die Jelzin in seiner Außen- und seiner Sicherheitspolitik vornahm. Ebenso gespalten wie die russischen Eliten war die russische Öffentlichkeit. 1992 ergab eine Stichprobenerhebung unter 2069 europäischen Russen, daß 40 Prozent »für den Westen aufgeschlossen«, 36 Prozent »gegen den Westen verschlossen« und 24 Prozent »unentschieden« waren. Bei den Parlamentswahlen im Dezember 1993 erhielten Reformparteien 34,2 Prozent der Stimmen, reformfeindliche und nationalistische Parteien 43,3 Prozent und Parteien der Mitte 13,7 Prozent. Auch bei den Präsidentenwahlen im Juni 1996 war die russische Bevölkerung gespalten 35 Prozent unterstützten den Kandidaten des Westens, Jelzin, während knapp 32 Prozent für den kommunistischen Kandidaten Sjuganow und 15 Prozent für den nationalistischen General Lebed stimmten. In der zentralen Frage seiner Identität blieb Rußland in den neunziger Jahren ganz klar ein zerrissenes Land, wobei die Dualität zwischen Westlern und Slawophilen »ein unveräußerlicher Zug des Nationalcharakters« war.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 222-226). Huntington

Türkei (Türkei) ... Während des Golfkrieges vertrat Deutschland, traditionell der Freund der Türkei, die Auffassung, ein irakischer Raketenangriff gegen die Türkei sei nicht als Angriff gegen die NATO zu werten, was der Türkei auch bewies, daß sie gegen Angriffe aus dem Süden nicht auf die Unterstützung des Westens rechnen konnte. Konfrontationen mit der Sowjetunion im Kalten Krieg warfen nicht die Frage nach der zivilisationalen Identität der Türkei auf; die Beziehungen zu den arabischen Ländern nach dem Kalten Krieg werfen sie sehr wohl auf. Seit den achtziger Jahren ist ein primäres - oder vielleicht das primäre - außenpolitische Ziel der westlich orientierten türkischen Elite die Aufnahme des Landes in die Europäische Union. (EU). Das offizielle Beitrittsgesuch stellte die Türkei im April 1987. Im Dezember 1993 wurde der Türkei mitgeteilt, über ihr Gesuch könne frühestens 1993 beraten werden. 1994 stimmte das Europäische Parlament den Beitrittsverträgen mit Österreich, Fmnland, Schweden und Norwegen zu, und allgemein wurde für die kommenden Jahre die wohlwollende Prüfung der Beitrittsgesuche Polens, Ungarns und der Tschechischen Republik, später vielleicht auch der baltischen Republiken erwartet. Besonders enttäuscht waren die Türken darüber, daß wiederum Deutschland, das einflußreichste Mitglied der Europäischen Gemeinschaft, ihre Mitgliedschaft nicht aktiv unterstützte und statt dessen vorrangig die Einbeziehung der mitteleuropäischen Staaten in die Gemeinschaft betrieb. Auf Druck der USA verhandelte die Union zwar mit der Türkei über eine Zollunion, doch die volle Mitgliedschaft bleibt eine ferne und zweifelhafte Möglichkeit.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 229). Türkei

„Warum wurde die Türkei übergangen, und warum scheint sie immer am Schwanz der Warteschlange zu stehen?  In der Öffentlichkeit verwiesen europäische Sprecher auf den niedrigen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung in der Türkei und auf ihre nicht eben skandinavische Achtung der Menschenrechte. Privatim waren Europäer und Türken übereinstimmend der Ansicht, daß die wahren Gründe im heftigen Widerstand der Griechen und vor allem in der Tatsache zu suchen seien, daß die Türkei ein muslimisches Land ist. Europäische Länder wollten sich nicht mit der Möglichkeit konfrontiert sehen, ihre Grenzen für die Einwanderung aus einem Land mit 60 Millionen Muslimen und hoher Arbeitslosigkeit zu öffnen. Noch wichtiger war ihr Eindruck, daß die Türken kulturell nicht zu Europa gehören. Die Menschenrechtslage in der Türkei ist, wie Präsident Özal 1992 sagte, »ein vorgeschobener Grund, um der Türkei die Mitgliedschaft in der EU zu verweigern. Der wahre Grund ist, daß wir Muslime und sie Christen sind; aber«, setzte er hinzu, »das sagen sie nicht.« Offizielle europäische Stimmen wiederum waren sich einig, daß die Union ein »europäischer Club« ist, die Türkei dagegen »zu arm, zu volkreich, zu muslimisch, zu kraß, kturell zu anders, überhaupt zu alles.« Der »heimliche Alptraum« der Europäer, so ein Kommentator, ist die historische Erinnerung an »Sarazenenhorden in Westeuropa und an die Türken vor Wien«. Diese Einstellungen erzeugten ihrerseits bei den Türken den verbreiteten Eindruck: »Für eine muslimischeTürkei sieht der Westen keinen Platz in Europa.«“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 230). Türkei

„Mekka verschmähend und von Brüssel verschmäht, ergriff die Türkei die durch die Auflösung der Sowjetunion entstandene Gelegenheit, sich nach Taschkent zu wenden. Präsident Özal und andere türkische Führer verkündeten die Vision einer Gemeinschaft aller Turkvölker und unternahmen große Anstrengungen, Kontakte zu den »externen Türken« im »nahen Ausland« der Türkei herzustellen, das sich »von der Adria bis an die Grenzen Chinas« erstreckt. Besondere Aufmerksamkeit schenkte man dabei Aserbeidschan und den vier turksprachigen zentral asiatischen Republiken Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan und Kirgisistan. 1991 und 1992 entwickelte die Türkei eine Vielzahl von Aktivitäten, die ihre Beziehungen zu diesen neuen Republiken festigen und ihren Einfluß dort vertiefen sollten. Dazu gehörten langfristige, zinsgünstige Darlehen in Höhe von 1,5 Millarden Dollar, 79 Millionen Dollar Soforthilfe, Satellitenfernsehen (als Ersatz für einen russischsprachigen Kanal), Telephonnetze, Luftfahrtlinien, Tausende von Stipendien für ein Studium in der Türkei sowie die Ausbildung von zentralasiatischen und aserischen Bankiers, Geschäftsleuten, Diplomaten und Hunderten von Militärs in der Türkei. Man entsandte Türkischlehrer in die neuen Republiken und startete rund 2000 Joint-Ventures. Die kulturelle Gemeinsamkeit erleichterte diese Wirtschaftsbeziehungen. Ein türkischer Geschäftsmann meinte: »Um in Aserbeidschan oder Turkmenistan Erfolg zu haben, muß man vor allem den richtigen Partner finden. Wir Türken tun uns da leichter. Wir haben dieselbe Kultur, mehr oder weniger dieselbe Sprache und auch dieselbe Küche. Hinter der Umorientierung der Türkei auf den Kaukasus und Zentralasien stand nicht nur der Traum von einer Gemeinschaft der Turknationen unter türkischer Führung, sondern auch der Wunsch, den Iran und Saudi-Arabien an der Expansion ihres Einflusses und der Förderung des islamischen Fundamentalismus in dieser Region zu hindern. Die Türken verstanden dagegen das von ihnen angebotene »türkische Modell« oder die »Idee der Türkei« - ein säkularer, demokratischer Staat mit einer Marktwirtschaft - als Alternative. Darüber hinaus hoffte die Türkei, den wieder aufkommenden russischen Einfluß einzudämmen. Durch das Angebot einer Alternative zu Rußland und dem Islam würde die Türkei auch ihren Anspruch auf Unterstützung durch und Eintritt in die Europäische Gemeinschaft bekräftigen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 231). Türkei

„Während die Türkei beschäftigt war, ihre Verbindungen zu den früheren sowjetischen Turkrepubliken auszubauen, wurde zu Hause an ihrer eigenen kemalistisch-säkularen Identität gerüttelt. .... Herrschende Meinung und Praxis in der Türkei wurden mehr und mehr islamistisch. .... Begierig darauf, sich bei der Öffentlichkeit einzuschmeicheln und Stimmen zu gewinnen, mußten Politiker - und sogar das Militär, Bollwerk und Hüter des Laizismus - die religiösen Hoffnungen der Bevölkerung ins Kalkül ziehen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 232-234). Türkei

„Viele Jahre lang erfüllte die Türkei zwei der drei Minimalanforderungen, die ein zerissenes Land erfüllen muß .... Die Türkei, so behauptete Ministerpräsidentin Tansu Ciller 1993, ist sowohl eine »westliche Demokratie« als auch »Teil des Nahen Ostens« und »überbrückt physisch und philosophisch zwei Zivilisationen«. .... In ähnlicher Weise nannte Präsident Demirel die Türkei »eine sehr wichtige Brücke in einer Region, die vom Westen nach dem Osten reicht, das heißt von Europa nach China.« Eine Brücke ist jedoch ein künstliches Gebilde, das zwei Orte miteinander verbindet, selber aber zu keinem von beiden gehört. Wenn die Führer der Türkei ihr Land eine Brücke nennen, bestätigen sie mit diesem Euphemismus, daß die Türkei ein zerissenes Land ist.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 235-236). Türkei

Australien ... könnte ... das erste von möglicherweise vielen westlichen Ländern sein, die vom Westen abfallen und auf aufstrebende nichtwestliche Zivilivationen (Kulturen) setzen. Anfang des 22. Jahrhunderts könnten Historiker in der Keatings-Evans-Option (Asiatisierung Australiens) einen bedeutsamen Schritt auf dem Weg in den »Untergang des Abendlandes« (Spengler) erblicken. Wird jedoch diese Option gewählt, so wird sie das westliche Erbe Australiens nicht beseitigen, und »das Land im Glück« wird ein auf Dauer zerrissenes Land sein. Es wird nicht nur die »Zweigstelle es Empire« bleiben, die Paul Keating beklagte, sondern auch der neue weiße Abschaum Asiens« werden, wie Lee Kuan Yew verächtlich genannt hat. Dies war und ist für Australien kein unabwendbares Schicksal. Wenn sie schon mit Großbritannien brechen wollten, hätten die Führer Australiens, anstatt ihr Land als asiatische Macht zu definieren, es als ein pazifisches Land definieren können, wie es Keatings Amtsvorgänger Robert Hawke denn auch getan hat. .... Kulturell stehen die Werte der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 weit mehr mit australischen Werten im Einklang als jede vergleichbare Erklärung irgendeines asiatischen Landes. In wirtschaftlicher Hinsicht könnten die australischen Führer, anstatt mit Gewalt in eine Gruppe von Gesellschaften zu drängen, denen Australien kulturell fremd ist und von denen es aus diesem Grunde auch abgelehnt wird, die Erweiterung der NAFTA zu einem Nordamerikanisch-Südpazifischen (NASP) Abkommen anregen, dem die USA, Kanada, Australien und Neuseeland angehören würden. Eine solche Gruppierung würde Kultur und Wirtschaft versöhnen und eine solide, dauerhafte australische Identität stiften, die nicht aus fehlgeleiteten Bemühungen um ein asiatisches Australien entspringt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 244-245).

„Der westliche Virus und die kulturelle Schizophrenie. Während Australiens Führer sich auf die Suche nach Asien machten, unternahmen die Führer anderer zerrissener Länder den Versuch, den Westen in ihre Gesellschaft zu integrieren und ihre Gesellschaften in den Westen zu integrieren. Bis heute (1995) war keine dieser Bemühungen um eine kulturelle Neudefinition von Erfolg gekrönt. Die Geschichte demonstriert mit Nachdruck die Festigkeit, Elastizität und Geschmeidigkeit indigener Kulturen und ihre Fähigkeit, sich aus sich selbst zu erneuern und Importe aus dem Westen abzustoßen, einzudämmen und zu absorbieren. Führer, die von der Hybris besessen sind zu glauben, sie könnten ihre Gesellschaft neu machen, dürften zum Scheitern verurteilt sein. Sie können wohl Elemente der westlichen Kultur einführen, aber die Kernelemente der indigenen Kultur vermögen sie nicht dauerhaft zu unterdrücken oder zu eliminieren. Umgekehrt ist der Virus der westlichen Denkart, wenn er einmal eine andere Gesellschaft befallen hat, schwer wieder auszurotten. Der Virus setzt sich fest, ist aber nicht tödlich; der Patient überlebt, ohne doch jemals heil und ganz zu werden. Politische Führer können Geschichte machen, aber sie können der Geschichte nicht entrinnen. Sie erzeugen zerrissene Länder; sie schaffen keine westlichen Länder. Sie infizieren ihr Land mit einer kulturellen Schizophrenie, die zu seinem bleibenden und definierenden Merkmal wird.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 245).

 

NACH OBEN „Kernstaaten, konzentrische Kreise, kulturelle Ordnung“

NACH OBEN „Kulturkreise und Ordnungsfunktion“

„Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. .... Kernstaaten ... sind die Quelle der Ordnung innerhalb von Kulturkreisen und, durch Verhandlungen mit anderen kernstaaten, zwischen den Kulturen. .... Eine Welt, in der Kernstaaten eine führende oder dominierende Rolle spielen, ist eine Welt der Einflußsphären. Es ist aber auch eine Welt, in der die Ausübung von Einfluß durch einen Kernstaat gedämpft und gemäßigt wird von der gemeinsamen Kultur, die er mit den Mitgliedsstaaten seines Kreises teilt. Die kulturelle Gemeinsamkeit legitimiert die Führung und die ordnungsgsstiftende Rolle des Kernstaates sowohl für Mitgliedsstaaten als auch für die äußeren Mächte und Institutionen. 1994 erließ jedoch UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali eine Bestimmung über die »Wahrung von Einflußsphären«, wonach die dominierende Regionalmacht nicht mehr als ein Drittel einer friedenserhaltenden UNO-Truppe stellen darf. Diese Bedingung widerspricht der geopolitischen Realität, daß nämlich in jeder Region, in der es einen dominierenden Staat gibt, der Friede nur durch die Führung dieses Staates zu erreichen und zu erhalten ist. Die Vereinten Nationen sind keine Alternative zu regionaler Macht, und regionale Macht kann dann verantwortungsbewußt und legitim sein, wenn sie von Kernstaaten über andere tglieder ihres Kulturkreises ausgeübt wird.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 247-248).

„Die Fähigkeit eines Kernstaates, seine Ordnungsfunktion hnunehmen, hängt also davon ab, daß andere Staaten ihn als kulturell verwandt anerkennen. Ein Kulturkreis ist eine erweiterte Familie, und wie ältere Familienmitglieder sorgen Kernstaaten für die Unterstützung und für die Disziplin ihrer Verwandten. Ist diese Verwandtschaft nicht gegeben, schwindet die Fähigkeit des mächtigeren Staates, in seiner Region Konflikte zu lösen und Ordnung zu stiften. Weder Pakistan noch Bangladesch und nicht einmal Sri Lanka werden Indien als Ordnungsstifter in Südasien akzeptieren .... Wenn ein Kulturkreis keinen Kernstaat hat, wird das Problem, eine intrakulturelle Ordnung zu stiften bzw. eine interkulturelle Ordnung auszuhandeln, viel schwieriger. Das Fehlen eines islamischen Kernstaates, der eine ähnlich legitime und toritative Beziehung zu den Bosniern unterhalten hätte wie Rußland zu den Serben und Deutschland zu den Kroaten, nötigte die USA, sich in dieser Rolle zu versuchen. Die Unwirksamnkeit dieses Versuches lag am mangelnden strategischen Interesse der USA an der Frage, wo die zwischenstaatlichen Grenzen im früheren Jugoslawien gezogen wurden, am fehlen jeder kulturellen Verbindung zwischen den USA und Bosnien und am Widerstand der Europäer gegen die Errichtung eines muslimischen Staates in Europa.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 248).

NACH OBEN „Abgrenzung des Westens“

„Die Kernstaaten der Europäischen Union sind Deutschland und Frankreich; um sie gibt es zunächst eine innere Gruppierung aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg, die sämtlich übereingekommen sind, untereinander alle Schranken im Verkehr von Waren und Menschen abzubauen; sodann andere Mitgliedsländer wie Italien, Spanien, Portugal, Dänemark, England, Irland und Griechenland; Staaten, die 1995 Mitglied wurden (Österreich, Finnland, Schweden); und jene Länder, die zu diesem Zeitpunkt assoziierte Mitglieder waren (Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Rumänien, Bulgarien). Es war Ausdruck dieser Realität, daß im Herbst 1994 sowohl die Regierungspartei in Deutschland als auch französische Spitzenpolitiker Vorschläge zu einer Differenzierung der Union machten. Der deutsche Plan sah vor, daß der »harte Kern« der Union aus den ursprünglichen Mitgliedern minus Italien bestehen solle und daß »Deutschland und Frankreich den Kern des harten Kerns bilden« sollten. (Abbildung). Die Länder des harten Kerns sollten den Versuch unternehmen, so schnell wie möglich eine Währungsunion einzugehen und ihre Außen- und Verteidigungspolitik zu integrieren. Fast gleichzeitig schlug der französische Ministerpräsident Edouard Balladur eine dreiteilige Union vor: Die fünf pro-integrationistischen Staaten sollten den Kern bilden, die anderen derzeitigen Mitgliedsstaaten einen zweiten Ring um diesen Kern und die neuen, beitrittswilligen Staaten einen äußeren Kreis. In der Folge erläuterte der französische Außenminister Alain Juppé dieses Konzept und proponierte »einen äußeren Kreis von ›Partner‹-Staaten, einschließlich Osteuropa; einen mittleren Kreis von Mitgliedsstaaten, die auf bestimmten Gebieten (einheitlicher Markt, Zollunion u.s.w.) gemeinsame Regelungen akzeptieren müßten; und mehrere innere Kreise einer ›verstärkten Solidarität‹, bestehend aus Ländern, die willens und imstande wären, auf Gebieten wie Verteidigung, Außenpolitik, Währungsintegration und so fort ein schnelleres Tempo als die anderen einzuschlagen. Andere politische Führer schlugen andere Arten von Arrangements vor; sie alle konzipierten jedoch eine innere Gruppierung von enger assoziierten Staaten und daneben äußere Gruppierungen von Staaten, die mit dem Kernstaat immer weniger stark integriert wären, bis zu der Grenze, die Mitglieder von Nichtmitgliedern trennen würde. Die Festigung dieser Grenze in Europa ist eine der größten Herausforderungen geworden, vor denen der Westen nach dem Kalten Kriege steht. Während des Kalten Krieges hat Europa als ein Ganzes gar nicht existiert. Mit dem Zsuammenbruch des Kommunismus erwies es sich jedoch als notwendig, die Frage zu stellen und nach deren Antwort zu suchen:
NACH OBEN
Was ist Europa? 
Die Ostgrenze des „Westens“ (S. P. Huntington, 1996)
Abendland oder Europa Abbildung 8)
Ostgrenze der
westlichen Kultur
bzw. Zivilisation.
Europas Grenzen im Norden, Westen und Süden werden durch große Gewässer gezogen, von denen das südliche klar unterscheidbare Kulturen trennt. Aber wo endet Europa im Osten?  Wer soll als Europäer und damit als potentielles Mitglied der Europäischen Union, der NATO und vergleichbarer Organisationen gelten?  Die zwingendste und gründlichste Antwort auf diese Fragen liefert die große historische Scheidelinie, die ... westlich-christliche von muslimischen und orthodoxen Völkern trennt. Diese Linie geht auf die Teilung des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert und auf die Errichtung des Heiligen Römischen Reiches im 10. Jahrhundert (durch die deutschen Sachsen-KaiserKarte) zurück. Ihren gegenwärtigen Verlauf nimmt sie ... im Norden ... entlang der heutigen Grennze zwischen Finnland und Rußland und den baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) und Rußland, durch das westliche Weißrußland, durch die Ukraine, wo sie den unierten Westen vom orthodoxen Osten trennt (Huntington), durch Rumänien zwischen Transsylvanien mit seiner katholisch-ungarischen Bevölkerung und dem Rest des Landes, und durch das frühere Jugoslawien entlang der Grenze, die Slowenien und Kroatien von den anderen Republiken trennt. Auf dem Balkan fällt die Linie natürlich mit der historischen Grenze zwischen dem österreichisch-ungarischen und dem osmanischen Reich zusammen. Diese Linie ist die kulturelle Grenze Europas, und in der Welt nach dem Kalten Krieg ist sie auch die politische und wirtschaftliche Grenze Europas und des Westens. Ein kultureller Ansatz liefert eine klare und eindeutige Antwort auf die Frage, die Westeuropäer bewegt: Wo hört Europa auf?  Es hört dort auf, wo das westliche Christentum aufhört und Orthodoxie und Islam beginnen. Das ist die Antwort, die Westeuropäer hören wollen, die sie mehrheitlich, wenngleich sotto voce bestätigen und die von verschiedenen führenden Intellektuellen und Politikern ausdrücklich bekräftigt wird. Wie Michael Howard () ausführt, ist es unerläßlich, die in den Sowjetjahren verwischte Unterscheidung zwischen Mitteleuropa und dem eigentlichen Osteuropa zu berücksichtigen. Mitteleuropa umfaßt »die Länder, die einst Teil des christlichen Abendlandes waren; die alten Länder des Habsburgerreiches, Österreich, Ungarn und die Tschechoslowakei, dazu Polen und die östlichen Grenzmarken Deutschlands. Die Bezeichnung ›Osteuropa‹ sollte jenen Regionen vorbehalten bleiben, die sich unter der Ägide der orthodoxen Kirche entwickelten: die Schwarzmeer-Gemeinschaften Bulgarien und Rumänien, die erst im 19. Jahrhundert aus osmanischer Herrschaft entlassen wurden, und die ›europäischen‹ Teile der Sowjetunion.« Die erste Aufgabe Westeuropas muß es nach Howard sein, »die Völker Mitteleuropas wieder in unsere kulturelle und wirtschaftliche Gemeinschaft zu integrieren, in die sie von Rechts wegen gehören ...«. Eine »neue Bruchlinie« sieht zwei Jahre später Pierre Bahar () entstehen, »eine im wesentlichen kulturelle Scheidelinie zwischen einem Europa, das vom westlichen Christentum (römisch-katholisch oder protestantisch) geprägt ist, auf der einen Seite, und einem Europa, das vom Ostchristentum und islamischen Traditionen geprägt ist, auf der anderen Seite.« Ähnlich erblickt ein prominenter Finne () die entscheidende Teilung in Europa ... in der »alten kulturellen Bruchlinie zwischen Osten und Westen«, die »die Länder des einstigen östereichisch-ungarischen Reiches sowie Polen und die baltischen Staaten« in das Europa des Westens einbezieht und die anderen osteuropäischen und Balkan-Länder ausschließt. Dies sei, pflichtet ein prominenter Engländer () bei, »die große religiöse Scheidelinie ... zwischen der Ost- und der Westkirche; grob gesagt, zwischen den Völkern, die ihr Christentum direkt von Rom oder durch keltische oder germanische Mittler empfingen, und den Völkern im Osten und Südosten, zu denen es über Konstantinopel (Byzanz) kam. ().“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 250-254). Vgl. auch: Abendland-Europa (Abendland-Europa), Europa (Europa) und Europäismus (Europäismus).

„Was die Länder, die in der Abwendung vom Kommunismus und der Hinwendung zu demokratischer Politik und Marktwirtschaft wesentliche Fortschritte gemacht haben, von jenen trennt, in denen das nicht der Fall ist, ist die »Grenze zwischen Katholizismus bzw. Protestantismus auf der einen Seite und Orthodoxie auf der anderen Seite«. Schon vor Jahrhunderten, behauptet der litauische Präsident, hätten die Litauer zwischen »zwei Kulturen« wählen müssen: »Sie optierten für die lateinische Welt, bekehrten sich zum römischen Katholizismus und entschieden sich für eine auf dem Recht basierende Form staatlicher Organisation«. In ähnlichem Sinne sagen auch Polen, daß sie Teil des Westens sind, seit sie sich für das lateinisches Christentum und gegen Byzanz entschieden haben. In den osteuropäischen orthodoxen Ländern hingegen betrachten die Menschen das neue Argumentieren mit dieser kulturellen Bruchlinie mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits erkennen Bulgaren und Rumänen die großen Vorteile, die es mit sich bringt, Teil des Westens zu sein und in seine Institutionen einbezogen zu werden, Andererseits identifizieren sie sich mit ihrer eigenen, orthodoxen Tradition und, im falle Bulgariens, mit ihrer traditionell engen Beziehung zu Rußland.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 254).

„Die Identifikation Europas mit der westlichen Christenheit liefert ein klares Kritrium für die Zulassung neuer Mitglieder zu westlichen Organisationen. die primäre Institution des Westens in Europa ist die europäische Union .... Bei der Erweiterung der EU-Mitgliedschaft werden eindeutig jene Staaten vorgezogen, die kulturell westlich ... sind. Bei Anwendung dieses Kriteriums würden die Visegrád-Staaten (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn), die baltischen Republiken, Slowenien, Kroatien und Malta letzten Endes EU-Mitglieder werden, und die Europäische Union würde sich mit dem wesentlichen Kulturkreis decken, wie er historisch in Europa existiert hat. Ein ähnliches Ergebnis gebietet die Logik der Kulturkreise im Hinblick auf die Erweiterung der NATO. .... Die USA und westeuropäische Länder bildeten die NATO zur Abwehr und nötigenfalls zur Vereitelung einer weiteren sowjetischen Aggression. In der Welt nach dem Kalten Krieg ist die NATO die Sicherheitsorganisation des westlichen Kulturkreises. (). .... Als Sicherheitsorganisation des Westens steht die NATO ... allen westlichen Ländern offen, die ihr anzugehören wünschen und gewisse Grundvoraussetzungen in bezug auf militärische Kompetenz, politische Demokratie und zivile Kontrolle des Militärs erfüllen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 255-256).

„Rußland sträubte sich heftig gegen jede Erweiterung der NATO, wobei eher liberale und pro-westliche Russen den Standpunkt vertraten, eine Erweiterung werde nationalistischen und antiwestlichen politischen Kräften in Rußland mächtigen Auftrieb geben. Aber eine NATO-Erweiterung, die auf Länder beschränkt ist, welche historisch Teil der westlichen Christenheit sind, garantiert Rußland auch, daß der NATO nicht Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldau, Weißrußland angehören, auch nicht die Ukraine (Huntington), solange die Ukraine geeint bleibt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 257).

„Die Nützlichkeit einer Unterscheidung von Ländern nach Maßgabe ihres Kulturkreises ist am Beispiel der baltischen Republiken evident. Sie sind die einzigen früheren Sowjetrepubliken, die in bezug auf ihre Geschichte, Kultur und Religion eindeutig westlich sind, und ihr Schicksal ist immer schon ein Hauptanliegen des Westens gewesen. Die USA haben deren Einverleibung in die Sowjetunion niemals anerkannt, beim Zusammenbruch der Sowjetunion ihren Weg in die Unabhängigkeit unterstützt und darauf gedrungen, daß die Russen den ausgehandelten Zeitplan für den Abzug ihrer Truppen aus den drei Republiken einhielten. Die Botschaft an die Russen lautete, sie müßten einsehen, daß das Baltikum außerhalb jeglicher Einflußsphäre liegt, die sie mit Blick auf andere frühere Sowjetrepubliken vielleicht zu errichten wünschten. Diese Leistung der Administration Clinton war nach den Worten des schwedischen Ministerpräsidenten »einer ihrer wichtigsten Beiträge zur Sicherheit und Stabilität in Europa« und half den russischen Demokraten durch die Klarstellung; daß alle revanchistischen Ambitionen extremer russischer Nationalisten angesichts des, expliziten westlichen Engagements für die baltischen Republiken aussichtslos sind.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 257-258).

„Während die Erweiterung der Europäischen Union und der NATO viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, wirft die kulturelle Umgestaltung dieser Organisationen auch die Frage nach ihrer möglichen Verkleinerung auf. Ein nichtwestliches Land, Griechenland, gehört beiden Institutionen an, und ein anderes nichtwestliches Land, die Türkei, gehört der NATO an und bewirbt sich um Aufnahme in die Europäische Union. Diese Beziehungen waren eine Frucht des Kalten Krieges. Haben sie nach dem Kalten Krieg in der Welt der Kulturkreise überhaupt noch einen Platz?“  (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 258).

„Die Türkei ist ein zerrissenes Land (Türkei), ihre Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union ist problematisch (EU), ihre Mitgliedschaft in der NATO wird von der Wohlfahrtspartei bekämpft. Die Türkei wird jedoch wahrscheinlich in der NATO bleiben, sofern nicht die islamistische Wohlfahrtspartei einen triumphalen Wahlsieg erringt oder das Land auf andere Weise das Erbe Atatürks verwirft und sich als Führer des Islam definiert. Das ist denkbar und mag für die Türkei sogar wünschenswert sein, ist aber in naher Zukunft unwahrscheinlich. Wie immer ihre Rolle in der NATO sich gestalten wird, die Türkei wird in zunehmendem Maße ihre Sonderinteressen auf dem Balkan, in der arabischen Welt und in Zentralasien verfolgen.“  (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 258).Türkei

„Griechenland ist nicht Teil des westlichen Kulturkreises, aber es war die Wiege der klassischen (antikenAntike Kultur) Kultur, die wiederum eine wichtige Quelle der westlichen Kultur war. In ihrem Widerstand gegen die Türken haben die Griechen sich in der Geschichte immer wieder als Vorhut des Christentums verstanden. Im Unterschied zu Serben, Rumänen oder Bulgaren ist ihre Geschichte eng mit der Geschichte des Westens verflochten. Trotzdem ist Griechenland zugleich eine Anomalie, der orthodoxe Außenseiter in westlichen Organisationen. Es ist nie ein bequemes Mitglied der EU oder der NATO gewesen und hat Schwierigkeiten gehabt, sich auf die Grundsätze und Gepflogenheiten in beiden Organisationen einzustellen. Von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre wurde es von einer Militärjunta beherrscht und konnte der Europäischen Gemeinschaft erst nach seinem Übergang zur Demokratie beitreten. Griechische Spitzenpolitiker scheinen es oft bewußt darauf anzulegen, von westlichen Normen abzuweichen oder westliche Regierungen gegen sich aufzubringen. Das Land war ärmer als andere Mitglieder der EG und derNATO und verfolgte oft eine Wirtschaftspolitik, die den in Brüssel herrschenden Standards Hohn zu sprechen schien. Der Ratsvorsitz Griechenlands in der Union 1994 war für andere Mitglieder eine große Strapaze, und Stimmen in Westeuropa bezeichnen privat die Mitgliedschaft Griechenlands in der EU als Fehler. In der Welt nach dem Kalten Krieg ist die Politik Griechenlands zunehmend von der des Westens abgewichen. Seine Blockade Makedoniens wurde von westlichen Regierungen energisch abgelehnt und führte dazu, daß die Europäische Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof die Verurteilung Griechenlands betrieb. Bei den Konflikten im früheren Jugoslawien verfolgte Griechenland eine andere Politik als die wichtigsten westlichen Mächte, unterstützte aktiv die Serben und verstieß eklatant gegen die von der UNO verhängten Sanktionen gegen Serbien. Mit dem Ende der Sowjetuuion und der kommunistischen Bedrohung sieht Griechenland gemeinsame Interessen mit Rußland in der Opposition gegen den gemeinsamen Feind, die Türkei. Es hat Rußland eine bedeutende Präsenz im griechischen Teil Zyperns eingeräumt, wo Russen wie Serben mit Rücksicht auf die »gemeinsame östlich-orthodoxe Religion« willkommen sind. 1995 gab es auf Zypern etwa 2000 Unternehmen in russischem Besitz, es erschienen russische und serbokroatische Zeitungen, und die griechisch-zypriotische Regierung war dabei, große Mengen an Waffen von Rußland zu kaufen. Auch erkundete Griechenland zusammen mit Rußland die Möglichkeit, Erdöl aus dem Kaukasus über eine bulgarisch-griechische Pipeline unter Umgehung der Türkei und anderer muslimischer Staaten ans Mittelmeer zu transportieren. Insgesamt hat die griechische Außenpolitik eine stark orthodoxe Ausrichtung gewonnen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 258-260).

„Die Ukraine ist ein gespaltenens Land (Gespaltenes Land) mit zwei unterschiedlichen Kulturen. Die kulturelle Bruchlinie zwischen dem Westen und der Orthodoxie verläuft seit Jahrhunderten durch das Herz des Landes. In der Vergangenheit war die Westukraine abwechselnd ein Teil Polens, Litauens bzw. des österreichisch-ungarischen Kaiserreiches. Ein sehr großer Teil ihrer Bevölkerung bekennt sich zur Unierten Kirche, welche zwar orthodoxe Riten praktiziert, aber die Autorität des Papstes anerkennt. Seit jeher haben die Westukrainer Ukrainisch gesprochen und sind stark nationalistisch eingestellt gewesen. Das Volk der Ostukraine war dagegen stets ganz überwiegend orthodox und sprach immer schon zu einem großen Teil Russisch. Russen machen 25 Prozent (laut Harenberg: 22 Prozent), russische Muttersprachler 31 Prozent der ukrainischen Gesamtbevölkerung aus. .... Die Unterschiede zwischen der Ost- und der Westukraine manifestieren sich in der Einstellung ihrer Menschen. .... Die Ost-West-Spaltung der Ukraine zeigte sich besonders dramatisch bei den Präsidentschaftswahlen von 1994. .... Ein (us-) amerikanischer Experte sagte über die Wahl, sie spiegele geradezu exemplarisch »die Spaltung zwischen europäisierten Slawen in der Westukraine und der russisch-slawischen Vision von dem, was die Ukraine sein sollte. Das ist keine ethnische Polarisierung, das sind unterschiedliche Kulturen.«“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 264-266).

„Ein russischer General meinte: »Die Ukraine, oder vielmehr die Ostukraine wird in fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren wieder zurückkommen. Die Westukraine kann der teufel holen!«  Eine solche Rumpfukraine, uniert und westlich orientiert, wäre jedoch nur lebensfähig, wenn sie die starke und effiziente Unterstützung des Westens hätte. eine solche Unterstützung wiederum dürfte es nur dann geben, wenn die Beziehungen zwischen dem Westen und Rußland sich drastisch verschlechterten und Ähnlichkeit mit denen während des Kalten Krieges bekämen. Das dritte und wahrscheinlichste Szenario ist, daß die Ukraine geeint und zweigeteilt bleibt, unabhängig und doch generell eng mit Rußland zusammenarbeitend. Sobald einmal die Übergangsfragen bezüglich der Kernwaffen und der Streitkräfte geklärt sind, werden die gravierendsten längerfristigen Probleme die wirtschaftlichen sein, und ihre Lösung wird durch eine teilweise gemeinsame Kultur und durch enge persönliche Bande erleichtert werden. Wie John Morrison (Morrison) hervorgehoben hat, ist die russisch-ukrainische Beziehung für Osteuropa, was die deutsch-französische Beziehung für Westeuropa ist. Und so wie diese den Kern der Europäischen Union bildet, ist jene der unabdingbare Kern für den Zusammenhalt der orthodoxen Welt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 268-269).


NACH OBEN „Groß-China und seine Sphäre des gemeinsamen Wohlstandes“

„Für die chinesische Regierung sind Menschen chinesischer Abstammung, selbst wenn sie Bürger eines anderen Landes sind, Mitglied der chinesischen Gemeinschagt und unterstehen daher in einem gewissen Maße der Autorität der chinesichen Regierung.. Chinesische Identität wird also rassisch definiert. Chinesen sind alle, die, wie es ein Wissenschaftler der Volksrepublik China ausdrückte, »Rasse, Blut und Kultur« Chinas gemeinsam haben. .... Diese Identität ist immer schon auch mit unterschiedlichen Beziehungen zu den zentralen Autoritäten des chinesischen Staates vereinbar gewesen. Dieses Gefühl der kulturllen Identität erleichtert und wird verstärkt durch die Ausweitung der wirtschaftlichen Beziehungen der verschiedenen Chinas untereinander. Diese waren ihrerseits ein wesentliches Element bei der Förderung des rapiden Wirtschaftswachstums in Festlandchina und anderswo, was wiederum den materiellen und psychologischen Anstoß zur Stärkung einer chinesischen Identität gegeben hat.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 270-271). Vgl. Tabelle bzw. Abbildungen

„»Groß-China« ist also nicht einfach ein abstraktes Konzept. Es ist eine rapide wachsende kulturelle und wirtschaftliche Realität und beginnt auch politisch Realität zu werden. Chinesen waren verantwortlich für die in den 1980er und 1990er Jahren zu beobachtende dramatische wirtschaftliche Entwicklung auf dem Festland, bei den Tigern (von deren vieren drei chinesisch sind) und in den südostasiatischen Ländern, deren Volkswirtschaft von Chinesen dominiert wird. Die Wirtschaft Ostasiens ist zunehmend chinazentriert und chinesisch dominiert. Chinesen aus Hongkong, Taiwan und Singapur haben viel von dem Kapital beigesteuert, das für das Wachstum auf dem Festland in den 1990er Jahren verantwortlich war. Anderswo in Südostasien dominierten Auslandschinesen die Volkswirtschaft ihrer jeweiligen Länder. Anfang der 1990er Jahre machten Chinesen 1 Prozent der Bevölkerung der Philippinen aus, waren aber für 35 Prozent der Umsätze der einheimischen Firmen verantwortlich. In Indonesien stellten Mitte der 1980er Jahre Chinesen 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung, besaßen aber knapp 70 Prozent des privaten einheimischen Kapitals. 17 der 25 größten Unternehmen wurden von Chinesen kontrolliert, und ein einziger chinesischer Konzern war angeblich für 5 Prozent des indoneischen BIP verantwortlich. Anfang der 1990er Jahre machten Chinesen 10 Prozent der Bevölkerung Thailands aus, besaßen aber neun der zehn größten Unternehmensgruppen und waren für 50 Prozent des BIP verantwortlich. Chinesen stellen etwa ein Drittel der Bevölkerung Malaysias, dominieren aber fast vollständig die Wirtschaft. (). Außerhalb Japans und Koreas ist die ostasiatische Wirtschaft grundsätzlich eine chinesische Wirtschaft.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 271). Vgl. Tabelle bzw. Abbildungen

„Das Entstehen einer großchinesischen Sphäre des gemeinsamen Wohlstandes wurde erheblich erleichtert durch ein »Bambusgeflecht« familiärer und persönlicher Beziehungen und eine gemeinsame Kultur. Auslandschinesen sind viel besser als Westler oder Japaner gerüstet, in China Geschäfte zu tätigen. In China hängen Vertrauen und Engagement von persönlichen Beziehungen ab, nicht von Verträgen, Gesetzen oder anderen juristischen Dokumenten. Westliche Geschäftsleute finden es einfacher, in Indien Geschäfte zu machen als in China, wo die Unantastbarkeit einer Abmachung von der persönlichen Beziehung zwischen den Parteien abhängt. China, so bemerkte 1993 ein führender Japaner neidvoll, profitiere von einem grenzenlosen Netzwerk chinesischer Kaufleute in Hongkong, Taiwan nd Südostasien«. (). Ein (us-) amerikanischer Geschäftsmann pflichtet bei: »Die Auslandschinesen besitzen das unternehmerische Geschick, sie beherrschen die Sprache, und sie nützen das Bambusgeflecht ihrer familiären Beziehungen für Kontakte. Das ist ein enonner Vorsprung gegenüber jemanden, der immer erst Rücksprache mit der Firmenleitung in Akron oder Philadelphia halten muß.« (). Die Vorteile von Nicht-Festlandschinesen im Umgang mit dem Festland bringt auch Lee Kuan Yew zum Ausdruck: »Wir sind ethnische Chinesen. Wir teilen gewisse Merkmale aufgrund gemeinsamer Herkunft und Kultur. Menschen empfinden eine natürliche Verbundenheit mit jenen, die ihre physischen Eigenschaften teilen. Dieses Gefühl der Nähe verstärkt sich, wenn sie auch eine gemeinsame kulturelle und sprachliche Basis haben. Das bedeutet leichtere Kontaktaufnahme und Vertrauen, was die Grundlage jeder Geschäftsbezieung ist.« (). Ende der 1980er und in den 1990er Jahren vermochten ethnische Auslandschinesen einer skeptischen Welt zu beweisen, daß quanxi-Verbindungen durch dieselbe Sprache und Kultur mangelnde Rechtsstaatlichkeit und Transparenz von Gesetzen und Regeln wettmachen können«. Die Verwurzelung einer wirtschaftlichen Entwicklung in einer gemeinsamen Kultur rückte bei der Zweiten Weltkonferenz chinesischer Unternehmer im November 1993 in Hongkong ins Rampenlicht; die Veranstaltung wurde als »Feier des chinesischen Triumphalismus in Anwesenheit ethnisch chinesischer Geschäftsleute aus der ganzen Welt« beschrieben. In der sinischen Welt fordert, wie anderswo auch, kulturelle Gemeinsamkeit das wirtschaftliche Engagement.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 272-273). Vgl. Tabelle bzw. Abbildungen

„Der Rückgang des westlichen Wirtschaftseinsatzes in China nach den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens und im Anschluß an ein Jahrzehnt rapiden chinesischen Wirtschaftswachstums bot Auslandschinesen Gelegenheit und Anreiz, aus ihrer gemeinsamen Kultur und persönlichen Kontakten Kapital zu schlagen und in China stark zu investieren. Das Ergebnis war eine dramatische Ausweitung der wirtschaftlichen Gesamtverflechtung zwischen den einzelnen chinesischen Gemeinschaften. 1992 kamen 80 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China (11,3 Milliarden $) von Auslandschinesen, vor allem aus Hongkong (68,3 Prozent), aber auch aus Taiwan (9,3 Prozent), Singapur, Macao und anderswo. Dagegen betrug der Anteil Japans 6,6 Prozent und der der USA 4,6 Prozent. Von den akkumulierten ausländischen Gesamtinvestitionen in Höhe von 50Milliarden $ stammten 67 Prozent aus chinesischen Quellen. Genauso eindrucksvoll war das Handelswachstum. Taiwans Exporte stiegen von fast Null 1986 auf 8 Prozent von Taiwans Gesamtexporten 1992, was einer jährlichen Expansionsrate von 35 Prozent entsprach. Singapurs Exporte nach China stiegen 1992 um 22 Prozent, verglichen mit dem Gesamtwachstum seiner Exporte um kaum 2 Prozent. Murray Weidenbaum bemerkte 1993: »Trotz der gegenwärtigen Dominanz der Japaner in der Region ist die chinesisch gestützte Wirtschaft Asiens dabei, sich rapide als neues Epizentrum der Industrie, des Handels und des Geldwesens zu entwickeln. Dieses strategische Gebiet verfügt über erhebliche Mengen von Technologie und Gewerbepotential (Taiwan), hervorragendes untemehmerisches Marketing- und Service-Know-how (Hongkong), ein gutes Kommunikationsnetz (Singapur), einen riesigen Pool an Finanzkapital (alle drei) und sehr große Reserven an Land, Ressourcen und Arbeitskraft (Festlandchina). (). Darüber hinaus war Festlandchina natürlich der potentiell größte aller expandierenden Märkte, und Mitte der 1990er Jahre waren Investittionen in China zunehmend auf Verkäufe auf diesem Markt sowie Exporte aus ihm orientiert.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 273-274). Vgl. Tabelle bzw. Abbildungen

 

NACH OBEN „Der Westen und der Rest: Interkulturelle Streitfragen“

NACH OBEN „Westlicher Universalismus“

„Auf der Makrobene ist die ausschlggebende Teilung die zwischen »dem Westen« und »dem Rest«, wobei der heftigste Zusammenprall zwischen muslimischen und asiatischen Gesellschaften einerseits und dem Westen andererseits stattfindet. Die gefährlichen Konflikte der Zukunft ergeben sich wahrscheinlich aus dem Zusammenwirken von westlicher Arroganz, islamischer Unduldsamkeit und sinischen (chinesischen) Auftrumpfen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 291).

„Als einzige aller Kulturen hat der Westen einen wesentlichen und manchmal verheerenden Einfluß auf jede andere Kultur gehabt. Das durchgängie Charakteristikum der Welt der Kulturkreise ist infolgedessen das Verhältnis zwischen der Macht und Kultur des Westens und der Macht und Kultur anderer Kreise. In dem Maße, wie die relative Macht anderer Kreise zunimmt, schwindet die Anziehungskraft der westlichen Kultur, und nichtwestliche Völker wenden sich mit zunehmender Zuversicht und Engagiertheit ihrer eigenen, angestammten Kultur zu. Das zentrale Problem in den Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest ist folglich die Diskrepanz zwischen den Bemühungen des Westens, speziell Amerikas, um Beförderung einer universalen westlichen Kultur und seiner schwindenden Fähigkeit hierzu. Der Zusammenbruch des Kommunismus verschärfte diese Diskrepanz, weil er den Westen in der Auffassung bestärkte, seine Ideologie des demokratischen Liberalismus habe weltweit gesiegt und sei daher weltweit gültig. Der Westen und besonders die USA, die immer eine Nation mit Sendungsbewußtsein gewesen sind, sind überzeugt, daß die nichtwestlichen Völker sich für die westlichen Werte-Demokratie, freie Märkte, kontrollierte Regierung, Menschenrechte, Individualismus, Rechtsstaatlichkeit - entscheiden und diese Werte in ihren Institutionen zum Ausdruck bringen sollten. Minderheiten in anderen Kulturen haben diese Werte übernommen und fordern sie, aber die dominierenden Einstellungen ihnen gegenüber in nichtwestlichen Kulturen reichen von verbreiteter Skepsis bis zu heftigem Widerstand. Was für den Westen Universalismus ist, ist für den Rest der Welt Imperialismus.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 291-292).

„Der Westen versucht und wird weiter versuchen, seine Vormachtstellung zu behaupten und seine Interessen dadurch zu verteidigen, daß er diese Interessen als Interessen der »Weltgemeinschaft« definiert. Dieses Wort ist das euphemistische Kollektivum (Ersatz für »die Freie Welt«), um Handlungen, die die Interessen der USA und anderer westlicher Mächte vertreten, weltweit zu rechtfertigen. Der Westen unternimmt heute zum Beispiel den Versuch, die Volkswirtschaften nichtwestlicher Gesellschaften in ein weltweites Wirtschaftssystem zu integrieren, das er dominiert. Durch den IWF und andere internationale Wirtschaftsinstitutionen fördert der Westen seine wirtschaftlichen Interessen und zwingt anderen Nationen die Wirtschaftspolitik auf, die er für richtig hält. Dabei würde der IWF in jeder Meinungsumfrage unter nichtwestlichen Völkern zwar die Unterstützung von Finanzministern und ein paar anderen Leuten finden, aber eine überwältigend ungünstige Beurteilung durch praktisch alle anderen Menschen erfahren, die Georgi Arbatovs Beschreibung der IWF-Bürokraten zustimmen würden: »Neobolschewisten, die es lieben, anderer Leute Geld zu expropriieren, undemokratische und fremde Regeln des wirtschaftlichen und politischen Verhaltens aufstellen und die wirtschaftliche Freiheit ersticken«.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 292-293).

„Nichtwestler zögern nicht, auf die Unterschiede zwischen westlichen Prinzipien und westlicher Praxis zu verweisen. Heuchelei, Doppelmoral und ein allfälliges »aber nicht« sind der Preis universalistischer Anmaßungen. Die Demokratie wird gelobt, aber nicht, wenn sie Fundamentalisten an die Macht bringt; die Nichtweitergabe von Kernwaffen wird für den Iran und den Irak gepredigt, aber nicht für Israel; freier Handel ist das Lebenselixier des Wirtschaftswachstums, aber nicht in der Landwirtschaft; die Frage nach den Menschenrechten wird China gestellt, aber nicht Saudi-Arabien; Aggressionen gegen erdölbesitzende Kuwaitis werden massiv abgewehrt, aber nicht gegen nicht-ölbesitzende Bosnier. Doppelmoral in der Praxis ist der unvermeidliche Preis für universalistische Prinzipien. Nachdem sie ihre politische Unabhängigkeit erreicht haben, wollen nichtwestliche Gesellschaften sich auch der wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Vormachtstellung des Westens entziehen. Ostasiatische Gesellschaften sind dabei, wirtschaftlich mit dem Westen gleichzuziehen. Asiatische und islamische Länder suchen nach Rezepten, um dem Westen militärisch Paroli zu bieten. Die universalen Bestrebungen der westlichen Zivilisation, die schwindende relative Macht des Westens und das zunehmende kulturelle Selbstbewußtsein anderer Kulturkreise garantieren generell schwierige Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 293).

„Die realistische Theorie der internationalen Beziehungen lautet, die Kernstaaten nichtwestlicher Zivilisationen sollten koalieren, um der beherrschenden Macht des Westens Paroli zu bieten. In einigen Gegenden ist dies auch geschehen. Eine allgemeine antiwestliche Koalition jedoch dürfte in unmittelbarer Zukunft unwahrscheinlich sein. Die islamische und die sinische Kultur unterscheiden sich grundlegend voneinander, was Religion, Kultur, Gesellschaftsstruktur, Traditionen, Politik undAuffassungen über ihre Lebensweise betrifft. Wahrscheinlich hat jede dieser beiden Kulturen an sich weniger mit der anderen gemein, als sie mit der westlichen gemein hat. Doch erzeugt in der Politik ein gemeinsamer Feind gemeinsame Interessen. Islamische und sinische Gesellschaften, die im Westen ihren Gegenspieler sehen, haben Grund, miteinander gegen den Westen zu kooperieren, wie es sogar die Alliierten und Stalin gegen Hitler taten. Diese Kooperation zeigt sich bei einer Vielzahl von Fragen; zu ihnen gehören Menschenrechte, Wirtschaft und vor allem die Anstrengungen von Gesellschaften beider Zivilisationen, ihr militärisches Potential auszubauen, besonders Massenvernichtungswaffen und deren Trägersysteme, um so der militärischen Überlegenheit des Westens bei konventionellen Waffen zu begegnen. Anfang der 1990er Jahre bestand eine - unterschiedlich intensive - konfuzianisch-islamische Schiene zwischen China und Nordkorea auf der einen Seite und Pakistan, Iran, Irak, Syrien, Libyen und Algerien auf der anderen, um in diesen Fragen dem Westen entgegentreten zu können. Die Streitfragen, die den Westen und diese anderen Gesellschaften spalten, werden international zunehmend wichtiger werden. Drei von ihnen betreffen die Bemühungen des Westens, (1.) durch eine Politik der Nichtweitergabe bzw. der Verhinderung der Weitergabe von nuklearen, biologischen und chemischen Waffen (»ABC-Waffen«) und ihren Trägersystemen seine militärische Überlegenheit zu behaupten, (2.) durch das Dringen auf Achtung der westlich verstandenen Menschenrechte und Übernahme einer westlich geprägten Demokratie in anderen Gesellschaften westliche politische Werte und Institutionen zu fördern und (3. ) durch eine Beschränkung der Anzahl von Nichtwestlern, die als Einwohner oder Flüchtlinge zugelassen werden, die kulturelle, soziale und ethnische Integrität westlicher Gesellschaften zu schützen. Auf allen drei Gebieten hatte der Westen und hat er weiterhin Schwierigkeiten, seine Interessen gegen die Interessen nichtwestlicher Gesellschaften zu verteidigen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 294-296).

„Seit dem Zweiten Weltkrieg sind Kernwaffen auch die Waffen, mit der die Schwachen ihre konventionelle Unterlegenheit kompensieren. .... Irgendwann ... werden einige wenige Terroristen imstande sein, massive Gewalt und massive Zerstörung zu produzieren. beide für sich sind terroristen und kernwaffen die Waffen der nichtwestlichen Schwachen. Sofern und sobald sie kombiniert werden, werden die nichtwestlichen Schwachen stark sein.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 299).

„Der Westen tritt für Nichtweitergabe ein, weil diese in seinen Augen dem Interesse aller Nationen an internationaler Ordnung und Stabilität entspricht. In den Augen anderer Nationen jedoch dient Nichtweitergabe dem Interesse des Westens an seiner eigenen Hegemonie. Daß dem in der Tat so ist, zeigen die Differenzen über Waffenweitergabe zwischen dem Westen und speziell den USA auf der einen Seite und regionlen Mächten, deren Sicherheit durch Waffenweitergabe tangiert wird, auf der anderen Seite. .... Im Laufe der Zeit wird die Politik der USA übergehen von der Verhinderung der Weitergabe zur angepaßten Weitergabe und - sofern die Regierung die Geisteshaltung des Kalten Krieges überwinden kann - zur potentiellen Nutzbarmachung der Weitergabe für die Interessen der USA und des Westens. Bis heute (1995) bleiben jedoch die USA und der Westen einer Politik der Rüstungsverhinderung verhaftet, die zum Scheitern verurteilt ist.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 304 und 307).

„Asiatische Publizisten erinnerten den Westen wiederholt daran, daß die alte Zeit der Abhängigkeit und Subordination vorüber sei und daß jener Westen, welcher in den 1940er Jahren die Hälfte des Weltsozialprodukts erwirtschaftete, die Vereinten Nationen dominierte und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verfaßte, der Geschichte angehöre.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 309-310).

„Alles in allem macht ihre wachsende wirtschaftliche Stärke die asiatischen Länder zunehmend immun gegen westlichen Druck in Sachen Menschenrechte und Demokratie. Richard Nixon schrieb 1994: »Heute sind angesichts der wirtschaftlichen Macht Chinas US-amerikanische Belehrungen über Menschenrechte unklug. In zehn Jahren werden sie irrelevant sein. In zwanzig Jahren werde sie lachhaft sein.« Jedoch könnte zu jenem Zeitpunkt die wirtschaftliche Entwicklung Chinas westliche Belehrungen unnötig gemacht haben. Heute stärkt das Wirtschaftswachstum asiatische Regierungen gegenüber westlichen Regierungen. Mittelfristig wird es auch asiatische Gesellschaften gegenüber asiatischen Regierungen stärken. Falls die Demokratie sich in asiatischen Ländern ausbreitet, dann deshalb, weil das erstarkende asiatische Bürgertum und die Mittelschichten wollen, daß sie es tut.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 311).

„Im Gegensatz zu der Vereinbarung über die unbefristete Verlängerung des Atomwaffensperrvertrages haben westliche Bemühungen um die Förderung von Menschenrechten und Demokratie in UN-Organisationen generell nichts gebracht. Mit wenigen Ausnahmen wie etwa der Verurteilung des Irak wurden Menschenrechtsresolutionen in Abstimmungen der UNO fast immer abgelehnt. Abgesehen von einigen lateinamerikanischen Ländern zögerten andere Regierungen, sich Bemühungen um die Förderung von etwas anzuschließen, was vielen als »Menschenrechts-Imperialismus« erscheint.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 312).

„Die Unterschiede zwischen dem Westen und anderen Kulturen in der Frage der Menschenrechte und das begrenzte Vermögen des Westens seine diesbezüglichen Ziele zu rreichen, wurden bei der 2. Weltkonferenz für Menschenrechte in Wien im Juni 1993 ganz deutlich. Auf der einen Seite standen die europäischen und nordamerikanischen Länder; auf der anderen Seite gab es einen Block von etwa fünfzig nichtwestlichen Staaten. .... Folgende Streitfragen trennten diese Länder entlang kulturellen Fronten: Universalität oder kultureller Relativismus in bezug auf Menschenrechte; relativer Vorrang von wirtschaftlichen und sozialen Rechten einschließlich des Rechts auf Entwicklung oder von politischen und Bürgerrechten; die Verkuüpfung von Wirtschaftshilfe mit politischen Bedingungen; die Ernennung eines UN-Hochkommissars für Menschenrechte; der Umfang, in dem die nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisationen (NGOs), die gleichzeitig in Wien tagten, an der internationalen Konferenz teilnehmen durften; die besonderen Rechte, die von der Konferenz bekräftigt werden sollten, sowie die speziellere Frage, ob man dem Dalai Lama eine Rede vor der Konferenz erlauben und Menschenrechtsverletzungen in Bosnien explizit verurteilen solle. In diesen Streitfragen gingen die Ansichten zwischen den westlichen Ländern und dem asiatisch-islamischen Block weit auseinander. Zwei Monate vor der Wiener Konferenz trafen die asiatischen Länder in Bangkok zusammen und verabschiedeten eine Erklärung, in der betont wurde, daß Menschenrechte »im Kontext ... nationaler und regionaler Besonderheiten und unterschiedlicher historischer, religiöser und kultureller Hintergründe« gesehen werden müßten, daß die Überwachung von Menschenrechten die staatliche Souveränität verletze und daß eine an Menschenrechte geknüpfte Wirtschaftshilfe dem Recht auf Entwicklung widerspreche. .... Die westliche Nationen waren schlecht auf Wien vorbereitet, sie waren auf der Konferenz in der Minderheit, und sie machten im Laufe der Verhandlungen mehr Zugeständnisse als die gegenseite. .... Die Wiener Erkärung ... war ... in vieler Hinsicht schwächer als die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die die UNO 1948 beschlossen hatte. Diese Verschiebung spiegelte den Nioedergang der westlichen Macht. »Das internationale Menschenrechtsregime von 1945«, bemerkte ein amerikanischer Menschenrechtler, »existiert nicht mehr. Die amerikanische Hegemonie ist untergraben. Europa ist selbst nach den Ereignissen von 1992 kaum mehr als eine Halbinsel. Die Welt ist heute ebenso sehr arabisch, asiatisch und afrikanisch, wie sie westlich ist. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Internationalen Pakte sind für unseren Planeten heute weniger relevant als in der unmittelbaren Nachkriegszeit«. ... Der große Gewinner in Wien war nach Ansicht eines anderen Beobachters »ganz klar China, zumindest wenn Erfolg daran gemessen wird, daß man andere Leute beiseite schieben kann. Peking setzte sich auf der Konferenz ständig durch, indem es einfach massiv sein Gewicht in die Wagschale warf ...«.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 312-314).


NACH OBEN „Einwanderung“

„»In ganz Europa«, sagte Jean Marie Domenach 1991, »wächst die Angst vor einer muslimischen Gemeinschaft quer über alle europäischen Grenzen, quasi vor einer dreizehnten Nation der Europäischen Gemeinschaft«. .... Umfragen aus den 1990er Jahren zeigen übereinstimmend, daß 60 Prozent und mehr der Bevölkerung für eine Verringerung der Einwanderung sind. (). Zwar beeinflussen wirtschaftliche Belange und wirtschaftliche Gegebenheiten ihre Einstellungen zur Einwanderung, aber der stetig steigende Widerstand in guten wie in schlechten Zieten läßt darauf schließen, daß Kultur, Kriminalität und Lebensweise bei diesenm Meinungsumschwung wichtiger waren. ... Das Problem der demographischen Invasion der Muslime wird sich jedoch wahrscheinlich in dem Maße mildern, wie das Bevölkerungswachstum in nordafrikanischen und nahöstlichen Gesellschaften seinen Höhepunkt erreicht, was in einigen Ländern bereits der Fall ist, und zurückzugehen beginnt. Insofern demographischer Druck die Ursache der Einwanderung ist, könnte die muslimische Einwanderung im Jahre 2025 bedeutend geringer sein als heute. Das gilt nicht für das subsaharische Afrika. Wenn eine wirtschaftliche Entwicklung eintritt und die soziale Mobilisierung in West- und Zentralafrika fördert, werden die Anreize und Potentiale zur Migration zunehmen, und der drohenden »Islamisierung« Europas wird seine drohende »Afrikanisierung« folgen. Inwieweit diese Gefahr reale Gestalt annimmt, wird auch signifikant davon abhängen, inwieweit afrikanische Populationen durch Aids und andere Seuchen dezimiert werden und inwieweit Südafrika Einwanderer aus anderen Teilen Afrikas anlockt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 319-320, 323-324, 327).

Tabelle 2 ) Bevölkerung der USA nach Rasse und Ethnizität
 19952020*2050*
Nichthispanische Weiße 74%64%53%
Hispanics10%16%25%
Schwarze12%13%14%
Asiaten, Pazifikinsulaner3%6%8%
Indianer, Ureinwohner Alaskas< 1%< 1%1%
Gesamt (in Millionen)263323394
* = Schätzung
Quelle:
Bureau of  Census, Population Projections of the United States by Age, Sex, Race and Hispanic Origin - 1995 to 2050 (Washington, 1996, S. 12f.)
NACH OBEN

„Während Muslime das unmittelbare Problem für Europa sind, sind Mexikaner das Problem für die USA. Wenn die derzeitigen Tendenzen und Politiken anhalten, wird sich, wie Tabelle 2 zeigt, die amerikanische Bevölkerung in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts dramatisch verändern und zu rund 50 Prozent aus Weißen, zu fast 25 Prozent aus Hispanics bestehen. Wie in Europa, könnten Veränderungen in der Einwanderungspolitik und die effiziente Durchsetzung von Maßnahmen zur Verhinderung der Einwanderung diese Hochrechnungen modifizieren. Auch so wird das zentrale Thema die Frage bleiben, inwieweit Hispanics in die amerikanische Gesellschaft so assimiliert werden, wie es bei früheren Einwanderergruppen geschehen ist. Hispanics der zweiten und dritten Generation sehen sich diesbezüglich mit vielfaltigen Anreizen und Pressionen konfrontiert. Andererseits unterscheidet sich die mexikanische Einwanderung massiv von anderen Einwanderungen. Erstens haben Einwanderer aus Europa oder Asien Weltmeere zu überqueren; Mexikaner spazieren über eine Grenze oder durchwaten einen Fluß. Dies sowie die zunehmende Erleichterung von Transport und Kommunikation erlauben es ihnen, engen Kontakt zu und die Identifikation mit ihren Heimatgemeinden zu halten. Zweitens konzentrieren sich mexikanische Einwanderer im Südwesten der USA und sind Teil einer kontinuierlichen mexikanischen Gesellschaft, die sich von Yucatán bis Colorado erstreckt. Drittens spricht einiges dafür, daß der Widerstand gegen eine Assimilation unter mexikanischen Migranten stärker ist, als er es bei anderen Einwanderergruppen war, und daß Mexikaner dazu tendieren, ihre mexikanische Identität zu behalten, wie es 1994 in Kalifomien bei dem Kampf um Proposition 187 offenkundig wurde. Viertens wurde das von mexikanischen Migranten besiedelte Gebiet seinerseits von den USA annektiert, nachdem sie Mitte des 19. Jahrhunderts Mexiko besiegt hatten. (). Die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos wird mit ziemlicher Sicherheit mexikanische Revanchegelüste entstehen lassen. Irgendwann könnten also die Resultate der militärischen Expansion (US-) Amerikas im 19. Jahrhundert von der demographischen Expansion Mexikos im 21. Jahrhundert bedroht und möglicherweise umgedreht werden.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 327-328).

„Die sich verändernde Machtbalance zwischen Kulturkreisen stellt den Westen vor wachsende Schwierigkeiten, seine Ziele etwa zur Nichtweitergabe von Waffen, zu Menschenrechten und Einwanderung zu vemirklichen. Um seine Verluste in dieser Situation möglichst gering zu halten, muß der Westen seine wirtschaftlichen Ressourcen im Umgang mit anderen Gesellschaften geschickt als Zuckerbrot und Peitsche einsetzen, um seine Einheit zu stärken. Der Westen muß seine politischen Strategien koordinieren, damit es für andere Gesellschaften schwieriger wird, einen westlichen Staat gegen den anderen auszuspielen, und er muß Differenzen zwischen nichtwestlichen Staaten fördern und ausnutzen. Die Fähigkeit des Westens, diese Strategien zu verfolgen, wird zum einen abhängig sein von der Art und Intensität der Konflikte mit den Herausforderer-Kreisen, zum anderen davon, wie weit er gemeinsame Interessen mit den »Pendler«-Kulturen finden und fördern kann.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 330).

 

NACH OBEN „Weltpolitik und Kulturkreise“

NACH OBEN „Kernstaatenkonflikte und Bruchlinienkonflikte“

„Kulturen sind die ultimativen menschlichen Stämme, und der Kampf der Kulturen ist ein Stamemskonflikt im Weltmaßstab. In der sich formierenden Welt können Staaten und Gruppen aus zwei verscheidenen Kulturkreisen miteinander begrenzte, taktische ad-hoc-verbindungen und -Koalitionen eingehen, entweder, um ihre Interessen gegen Einheiten eines dritten Kulturkreises wahrzunehmen, oder zu anderen gemeinsamen Zwecken. Die Beziehungen zwischen Gruppen aus verschiedenen Kulturkreisen werden jedoch fast niemals eng, sondern für gewöhnlich kühl und häufig feindselig sein. .... Die Hoffnung auf interkulturelle »Partnerschaften« ... wird sich nicht erfüllen. Die entstehenden interkulturellen Beziehungen werden normalerweise zwischen Distanziertheit und Gewalt schwanken; die meisten werden sich irgendwo dazwischen bewegen. .... Der Begriff guerra fria wurde im 13. Jahrhundert von spanischen Autoren geprägt, um deren »heikle Koexistenz« mit den Muslimen im Mittelmeerraum zu beschreiben, und viele sahen in den 1990er Jahren einen neuen »kulturellen kalten Krieg« zwischen dem Islam und dem Westen ausbrechen. In einer Welt von Kulturkreisen wird der Begriff nicht nur diese Beziehung zutreffend beschreiben. Kalter Friede, kalter Krieg, Quasi-Krieg, heikler Friede, gestörte Beziehungen, intensive Rivalität, rivalisierende Koexistenz, Wettrüsten: diese Wendungen sind die wahrscheinlichsten Bezeichnungen für Beziehungen zwischen Ländern aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Vertrauen und Freundschaft werden selten sein.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 331-332).

„Dieser Konflikt nimmt 2 Formen an. Auf der lokalen oder Mikro-Ebene ergeben sich Bruchlinienkonflikte zwischen benachbarten Staaten aus unterschiedlichen Kulturen, zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen innerhalb ein und desselben Staates und zwischen Gruppen, die, wie in der früheren Sowjetunion und im früheren Jugoslawien, den Versuch unternehmen, neue Staaten auf den Trümmern der alten zu errichten. Bruchlinienkonflikte sind besonders häufig zwischen Muslimen und Nichtmuslimen anzutreffen. .... Auf der globalen oder Makro-Ebene ergeben sich Kernstaatenkonflikte zwischen den großen Staaten unterschiedlicher Kulturkreise. Gegenstand dieser Konflikte sind die klassischen Streitfragen internationaler Politik, nämlich:
1.relativer Einfluß bei der Gestaltung globaler Entwicklungen und die Aktionen internationaler Organisationen wie UNO, IWF und Weltbank;
2.relative militärische Macht; manifestiert sich in Kontroversen über Nichtweiterverbreitung von Waffen und Rüstungskontrolle und das Wettrüsten;
3.wirtschaftliche Macht und Wohlstand; manifestiert sich in .Streitigkeiten über Handel, Investitionen und andere verwandte Fragen;
4.Menschen; manifestiert sich in Bemühungen eines Staates der einen Kultur um Schutz seiner Angehörigen in einer anderen Kultur; um Diskriminierung von Menschen einer anderen Kultur oder um Ausschluß von Menschen einer anderen Kultur von seinem Staatsgebiet;
5.Wertvorstellungen und Kultur; hierüber kommt es zu Konflikten, wenn ein Staat den Versuch unternimmt, seine Wertvorstellungen zu propagieren oder dem Volk einer anderen Kultur aufzuzwingen;
6.gelegentliche Gebietsstreitigkeiten; bei solchen Disputen wer- den Kernstaaten, zu Frontkämpfern in Bruchlinienkonflikten.
Diese Streitfragen sind natürlich in der Geschichte der Menschheit immer Konfliktquellen gewesen. Sobald jedoch Staaten aus verschiedenen Kulturkreisen involviert sind, wird der Konflikt durch kulturelle Unterschiede verschärft.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 332-333).

„Im Zuge ihrer Konkurrenz miteinander versuchen Kernstaaten, ihre Kulturangehörigen um sich zu sammeln, sich die Unterstützung durch Staaten dritter Kulturkreise zu sichern, Zwistigkeiten und Spaltung in die Reihen des gegnerischen Kulturkreises zu tragen und die geeignete Mixtur aus diplomatischen, politischen, wirtschaftlichen und verdeckten Maßnahmen sowie propagandistische Versprechungen und Zwänge einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Kernstaaten werden jedoch militärische Gewalt nicht direkt gegeneinander einsetzen. Ausnahmen sind Situationen, wie sie im Nahen Osten und auf dem indischen Subkontinent entstanden, wo sie einander an einer kulturellen Bruchlinie gegenüberstehen. Ansonsten werden Kernstaatenkriege wohl nur unter zwei Umständen entstehen. Sie könnten sich erstens aus der Eskalation von Bruchlinienkonflikten zwischen lokalen Gruppen entwickeln, wenn verwandte Gruppen, einschließlich Kernstaaten, den lokalen Kombattanten zu Hilfe kommen. Gerade diese Möglichkeit schafft jedoch für die Kernstaaten in den entgegengesetzten Kulturkreisen einen wesentlichen Anreiz, den Bruchlinienkonflikt einzudämmen oder zu lösen. Zweitens könnte ein Kernstaatenkrieg aus Veränderungen des weltweiten Machtgleichgewichtx zwischen den kulturkreisen resultieren.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 333-334).

„Die Dynamik des Islam ist also die fortdauernde Quelle vieler relativ kleiner Bruchlinienkriege; der Aufstieg Chinas ist die potentielle Quelle eines großen interkulturellen Krieges zwischen Kernstaaten.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 334).

„Manche Westler, unter ihnen auch (US-) Präsident Clinton, haben den Standpunkt vertreten, daß der Westen Probleme nicht mit dem Islam, sondern mit gewalttätigen Fundamentalisten habe. Die Geschichte der letzten 1400 Jahre lehrt etwas anderes. (Geschichte). Die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Christentum - dem orthodoxen wie dem westlichen - sind häufig stürmisch gewesen. Sie betrachten sich gegenseitig als den Anderen. .... Die Ursachen für diese Konfliktmuster liegen nicht in ... dem christlichen Eifer ... oder dem muslimischen Fundamentalismus .... Sie entspringen vielmehr der Natur ... dieser beiden Kulturen. .... Die Ursachen für den erneuten Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen sind also in grundlegenden Fragen der Macht und Kultur zu suchen. .... Wer [beherrscht] wen ?  Diese zentrale Frage jeder Politik ... ist die Wurzel des Ringens zwischen dem Islam und dem Westen. Es gibt jedoch einen zusätzlichen Konflikt: den Konflikt zwischen zwei verschiedenen Auffassungen dessen, was richtig und was falsch ist, und infolgedessen, wer recht hat und wer nicht recht hat. Solange der Islam der Islam bleibt (und er wird es bleiben) und der Westen der Westen bleibt (was fraglicher ist), wird dieser fundamentale Konflikt zwischen zwei großen Kulturkreisen und Lebensformen ihre Beziehungen zueinander weiterhin und auch in Zukunft definieren, so wie er sie 1400 Jahre lang (Geschichte) definiert hat.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 333-334, 337, 339).

„In muslimischen Augen sind Laizismus, Irreligiosität und daher Unmoral des Westens schlimmere Übel als das westliche Christentum, das sie hervorgebracht hat.Im Kalten Krieg war für den Westen sein Widersacher »der gottlose Kommunismus«; im Kampf der Kulturen nach dem Kalten Krieg ist für Muslime ihr Widersacher »der gottlose Westen«.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 342).

„Das tiefere Problem für den Westen ist nicht der islamische Fundamentalismus. Das tiefere Problem ist der Islam, eine andere Kultur, deren Menschen von der Überlegenheit ihrer Kultur überzeugt und von der Unterlegenheit ihrer Macht besessen sind. Das Problem für den Islam sind nicht die CIA oder das us-amerikanische Verteidigungsministerium. Das Problem ist der Westen, ein anderer Kulturkreis, dessen Menschen von der Universalität ihrer Kultur überzeugt sind und glauben, daß ihre überlegene, wenngleich schwindende Macht ihnen die Verpflichtung auferlegt, diese Kultur über die ganze Erde zu verbreiten. Das sind die wesentliche Ingredienzien, die den Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen anheizen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 349-350).

„Wirtschaftliches Wachstum erzeugt politische Instabilität innerhalb eines Landes und zwischen Ländern, weil es das Gleichgewicht der Macht zwischen Ländern und Regionen verändert. Wirtschaftsverkehr bringt die Menschen in Kontakt miteinander; er bringt sie nicht in Übereinstimmung. Historisch hat er oft ein tieferes Bewußtssein für die Unterschiede zwischen Völkern geschaffen und auf beiden Seiten Ängste erzeugt. Der Handel zwischen Ländern erzeugt Profit, aber auch Konflikt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 350).

„China ist nicht bereit, eine Führungsrolle oder Hegemonie der USA in der Welt zu akzeptieren; die USA sind nicht bereit, eine Führungsrolle oder Hegemonie Chinas in Asien zu akzeptieren. Mehr als zwei Jahrhunderte lang haben die USA den Versuch unternommen, das Entstehen einer dominierenden Macht in Europa zu verhindern. Fast hundert Jahre lang, seit der Politik der »offenen Tür« gegenüber China, haben sie das gleiche in Asien versucht. Zur Erreichung dieser Ziele haben die USA zwei Weltkriege und einen kalten Krieg gegen das kaiserliche Deutschland, Nazi-Deutschland, das kaiserliche Japan, die Sowjetunion und das kommunistische China geführt. Dieses (us-)amerikanische Interesse besteht fort und wurde von den Präsidenten Reagan und Bush bekräftigt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 369).

„Seine Geschichte ..., seine Traditionen, seine Größe und wirtschaftliche Dynamik und sein Selbstverständnis treiben China dazu, eine Hegemonialstellung in Ostasien anzustreben. Diese Ziel ist das natürliche Resultat eines rapiden Wirtschaftswachstums. Alle Großmächte - Großbritannien und Frankreich, Deutschland und Japan, die USA und die Sowjetunion - haben gleichzeitig mit oder unmittelbar nach ihrer rapiden Industrialisierung und ihrem wirtschaftlichen Aufschwung Expansion nach außen, Selbstbewußtsein und Imperialismus demonstriert. Es gibt keinen Grund für die Annahme, der Erwerb wirtschaftlicher und militärischer Macht werde in China keine vergleichbaren Folgen haben. Zweitausend Jahre lang (mehr!) war China die herausragende Macht in Ostasien. Heute bekräftigen die Chinesen zunehmend ihre Absicht, diese historische Rolle wieder zu übernehmen und das überlange Jahrhundert der Demütigung und Unterordnung unter den Westen und Japan zu beenden, das mit dem ihm von Großbritannien aufgezwungenen Vertrag von Nanking 1842 (China) begann.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 371).

„Allgemein gesprochen, gibt es zwei Möglichkeiten, wie Staaten auf den Aufstieg einer neuen Macht reagieren können. Sie können, allein oder in Koalition mit anderen Staaten, ihre Sicherheit zu schützen suchen, indem sie ein Gegengewicht gegen den aufstrebenden Staat bilden, ihn eindämmen und notfalls gegen ihn Krieg führen, um ihn zu besiegen. Umgekehrt können Staaten versuchen, mit der aufstrebenden Macht mitzuhalten, sich ihr anzupassen und im Verhältnis zu ihr eine sekundäre oder untergeordnete Stellung zu erlangen, in der Erwartung, daß so ihre zentralen Interessen geschützt werden. Denkbar ist auch, daß Staaten eine Mischung dieser Politik der Anpassung und der des Gegengewichts versuchen, was freilich das Risiko in sich birgt, die aufstrebende Macht zu verprellen und gleichwohl keinen Schutz vor ihr zu haben. Nach der westlichen Theorie der internationalen Beziehungen ist die Politik des Gegengewichts für gewöhnlich die erwünschtere Option und ist in der Tat häufiger gewählt worden als die Politik der Anpassung.
»Generell sollte das Abwägen von Absichten Staaten zu einer Politik des Gegengewichts ermutigen. Sich-Anpassen ist riskant, weil es Vertrauen voraussetzt; man hilft einer dominierenden Macht in der Hoffnung, daß sie wohlwollend bleiben wird. Sicherer ist es, ein gegengewicht zu bilden, für den Fall, daß die dominierende Macht sich als aggressiv erweist. Ferner begünstigt das Bündnis mit der schwächeren Seite den eigenen Einfluß in der resultierenden Koalition, weil die schwächere Seite mehr auf Hilfe angewisen ist.« (Stephen P. Walt, Alliance Formation in SW. Asia, 1991, S. 53, 69)
Walts Analyse der Bündnisbildung in Südwestasien zeigte, daß Staaten fast immer den Versuch unternahmen, ein Gegengewicht gegen äußere Bedrohung zu finden. Es wird auch generell angenommen, daß in der ... europäischen Geschichte meistens die Politik des Gegengewichts die Norm war, wobei die verschiedenen Mächte ihre Bündnisse veränderten, um die Bedrohungen auszugleichen und einzudämmen, die sie von Philipp II., Ludwig XIV., Friedrich dem Großen, Kaiser Wilhelm II. bzw. Hitler ausgehen sahen. Walt räumt aber ein, daß Staaten »unter gewissen Bedingungen« sich auch für eine Politik der Anpassung entscheiden können, und wie Randall Schweller (Schweller) ausführt, ist besonders von revisionistischen Staaten zu erwarten, daß sie sich an eine aufsteigende Macht anhängen, weil sie mit dem Status quo unzufrieden sind und von dessen Veränderungen zu profitieren hoffen. Außerdem erfordert die Politik der Anpassung, wie Walt ausführt, ein gewisses Maß an Vertrauen in Absichten des mächtigeren Staates.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 373-375).

„Wollen die USA die Dominanz Chinas in Ostasien verhindern, müssen sie ihre Beziehungen zu Japan entsprechend verändern, enge militärische Verbindungen mit anderen asiatischen Staaten eingehen und ihre Militärpräsenz sowie die damit einhergehende militärische Einflußnahme in Asien erhöhen. Sind die USA nicht bereit, die Hegemonie Chinas zu bekämpfen, werden sie ihren universalistischen Anspruch aufgeben, sich mit dieser Hegemonie arrangieren und damit abfinden müssen, daß ihre Möglichkeiten, Ereignisse auf der anderen Seite des Pazifiks mitzugestalten, deutlich beeinträchtigt sind. Bei beiden Wegen sind enorme Kosten und Risiken zu erwarten.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 376).

„Soweit die Politik des Sich-Anpassens auf Vertrauen beruht, ergeben sich drei Folgerungen. Erstens wird die Anpassung wahrscheinlich eher zwischen Staaten vorkommen, die derselben Kultur angehören oder sonst kulturelle Gemeinsamkeiten teilen, als zwischen Staaten, die jeder kulturellen Gemeinsamkeit ermangeln. Zweitens wird der Grad des Vertrauens sich wahrscheinlich je nach Kontext verändern. Ein kleinerer Junge wird zu seinem älteren Bruder halten, wenn es Streit mit anderen Jungen gibt; er wird weniger leicht geneigt sein, seinem Bruder zu vertrauen, wenn sie allein zu Hause sind. Daher werden häufigere Interaktionen zwischen Staaten unterschiedlicher Kulturkreise die Politik der Anpassung innerhalb eines Kulturkreises zusätzlich ermutigen. Drittens kann die Neigung zu einer Politik der Anpasung bzw. des Gegengewichts zwischen Kulturkreisen verschieden sein, weil der Grad des Vertrauens unter deren Angehörigen verschieden ist.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 377-378).

„Der Kern jedes sinnvollen Versuchs, ein Gegengewicht gegen China zu bilden und es einzudämmen, wird das japanisch-(us-)amerikanische Militärbündnis sein müssen. .... In Ermangelung eines klaren (ohnehin unwahrscheinlichen) Beweises (us-)amerikanischer Entschlossenheit wird Japan sich voraussichtlich an China anpassen. Außer in den 193oer und 1940er Jahren, als es mit katastrophalen Folgen eine einseitige Eroberungspolitik in Ostasien betrieb, hat Japan historisch seine Sicherheit in einem Bündnis mit der jeweiligen als relevant und dominierend begriffenen Macht gesucht. Selbst als es sich in den 1930er Jahren den Achsenmächten anschloß, verbündete Japan sich mit den damals dynamischsten militärisch-ideologischen Kräften der Weltpolitik. .... Wie Chinesen betrachten auch Japaner die internationale Politik als hierarchisch, weil ihre Innenpolitik hierarchisch ist.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 383).

„Chinas wirtschaftliche Dynamik hat bereits Sibirien erfaßt, und nebem koreanischen und japanischen erkunden und nutzen chinesische Unternehmer die dort sich bietenden Chancen. Die Russen in Sibirien sehen ihre wirtschaftliche Zukunft zunehmend eher mit Ostasien als mit ... Rußland verknüpft. Bedrohlicher für Rußland ist die Einwanderung von Chinesen nach Sibirien.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 394).

Abbildung Abbildung 9) Huntingtons
Kulturkreise und Weltpolitik:
Potentielle Konfliktbildungen
Global-Phase
Von Huntingtons 7 - 8  Kulturen sind
3 - 4 nicht eindeutig zuzuordnen oder
existieren (noch) gar nicht () !
NACH OBEN

„Die Beziehungen zwischen Kulturkreisen und ihren Kernstaaten sind kompliziert und häufig ambivalent, und sie verändern sich. Die meisten Länder werden in der Regel dem Beispiel des Kernstaates, was die Gestaltung ihrer Beziehungen zu Ländern eines anderen Kreises betrifft. Aber das wird nicht immer der Fall sein, und offensichtlich haben nicht sämtliche Länder des einen Kulturkreises identische Beziehungen zu sämtlichen anderen Ländern eines zweiten. Gemeinsame Interessen - für gewöhnlich ein gemeinsamer Feind aus einer dritten Kultur - können zur Kooperation zwischen Ländern verschiedener Kulturkreise führen. Konflikte fallen offensichtlich auch innerhalb eines Kulturkreises vor, besonders im Islam. Darüber hinaus können sich die Beziehungen zwischen den Kernstaaten desselben Kulturkreises unterscheiden. Gleichwohl sind allgemeine Tendenzen erkennbar, und es können plausible Verallgemeinerungen über die zu erwartenden künftigen Bündnisse und Antagonismen zwischen Kulturkreisen und Kernstaaten gewagt werden. Sie sind in Abbildung 9 zusammengefaßt. Die relativ simple Bipolarität des Kalten Krieges weicht heute den viel komplexeren Beziehungen in einer multipolaren, multikulturellen Welt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 398-399).

 

NACH OBEN „Von Transitionskriegen zu Bruchlinienkriegen“

NACH OBEN „Transitionskriege“

„»Der erste Krieg zwischen Kulturen«, so nannte der bedeutende marokkanische Gelehrte Mahdi Elmandjra seinerzeit den Golfkrieg. .... Araber und andere Muslime waren sich generell einig, daß Saddam Hussein ein blutiger Tyrann sein mochte, aber, analog zur Denkweise Franklin D. Roosevelts: »Es ist unser blutiger Tyrann«. Nach ihrer Auffassung war seine Invasion eine Familienangelegenheit, die innerhalb der Familie beizulegen war, und jene Mächte, die im Namen irgendeiner großartigen Theorie der internationalen Gerechtigkeit intervenierten, taten das, um ihre eigenen, selbstsüchtigen Interessen zu wahren und die Subordination der arabischen Welt unter den Westen zu erhalten. .... Für Muslime wurde der Krieg ... rasch zu einem Krieg zwischen Kulturen, in welchem die Unverlertzbarkeit des Islam auf dem Spiel stand. .... Mit Argumenten, wonach der Krieg ein Kreuzzug sei, hinter dem eine westlich-zionistische Verschwörung stecke, wurde die Mobilisierung eines Dschihad als Antwort auf diese Verschwörung begründet, ja gefordert. .... Immer wieder wurde die Frage aufgeworfen: Warum reagieren die USA und die »internationale Staatengemeinschaft« (das heißt: der Westen) nicht in ähnlicher Weise auf das empörende Verhalten Israels und dessen Verstöße gegen UN-Resolutionen?“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 400, 404, 405, 406, 410).


NACH OBEN „Merkmale von Bruchlinienkriegen“

„Bruchlinienkonflikte sind Konflikte zwischen Gemeinschaften, die Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen angehören. Bruchlinienkriege sind Konflikte, die gewaltsam geworden sind. .... Wenn sie innerhalb eines Staates weitergehen, dauern sie im Durchschnitt sechsmal so lange wie zwischenstaatliche Kriege.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S.411, 412).

„Bruchlinienkriege finden ... fast immer zwischen Menschen unterschiedlicher Religion statt, da die Religion das Hauptunterscheidungsmerkmal von Kulturen ist. Manche Analytiker spielen die Bedeutsamkeit dieses Faktors herunter. Sie verweisen Zum Beispiel auf die gemeinsame Ethnizität und Sprache, das frühere friedliche Zusammenleben und die häufigen Mischehen zwischen Serben und Muslimen in Bosnien und tun den religiösen Faktor unter Hinweis auf Freuds »Narzißmus der kleinen Unterschiede« ab. Dieses Urteil beruht jedoch auf laizistischer Verblendung. Die Menschheitsgeschichte zeigt seit Jahrtausenden, daß Religion kein »kleiner Unterschied« ist, sondern vielmehr der wahrscheinlich tiefgreifendste Unterschied, den es zwischen Menschen geben kann.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 413-414).

Abbildung Abbildung 10) Struktur
eines Bruchlinienkrieges
Global-Phase
d = „Diaspora“

NACH OBEN

„Bruchlinienkriege sind ... per definitionem Kriege zwischen Gruppen, die Teil größerer kultureller Einheiten sind. Im üblichen Konflikt zwischen Gemeinschaften kämpft Gruppe A gegen Gruppe B, während die Gruppen C, D und E keinen Grund haben, einzugreifen, es sei denn, A oder B verletzen unmittelbare Interessen von C, D oder E. In einem Bruchlinienkrieg dagegen kämpft Gruppe A1 gegen Gruppe B1, und beide Gruppen werden versuchen, den Krieg auszuweiten und sich Unterstützung von den kulturell verwandten sogenannten Kin-Gruppen (Bluts- / Nächstverwandte) A2, A3, A4 beziehungsweise B2, B3, B4 zu sichern; diese Gruppen werden sich ihrerseits mit der kämpfenden Kin-Gruppe identifizieren. Die Erweiterung der Transport- und Kommunikationsmittel in der modernen Welt hat die Herstellung derartiger Verbindungen und damit die »Internationalisierung« von Bruchlinienkonflikten erleichtert. Die modernen Migrationsbewegungen haben Diasporen in Drittkulturen geschaffen. Die Kommunikationsmittel erleichtern es den kämpfenden Parteien, Hilfe anzufordern, und den Kin-Gruppen, sich ohne Zeitverlust über das Schicksal jener Parteien zu informieren. Das Schrumpfen der Welt ermöglicht es Kin-Gruppen, den streitenden Parteien moralische, diplomatische, finanzielle und materielle Hilfe zukommen zu lassen - und erschwert es ihnen, solches nicht zu tun. Es entstehen internationale Netzwerke, um jene Unterstützung zu beschaffen, und die Unterstützung gibt den Konfliktparteien Kraft und verlängert den Konflikt. Dieses »Kin-Länder-Syndrom« ... ist ein zentraler Aspekt von Bruchlinienkriegen ....“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 414-415).


NACH OBEN „Fallbeispiel: Die blutigen Grenzen des Islam“

Abbildung Tabelle 3)
Global-Phase

„In dem Maße, wie der Kalte Krieg zu Ende ging, wurden Konflikte zwischen Gemeinschaften besser sichtbar und wohl auch beherrschender als früher. Es gab in der Tat so etwas wie einen »Aufschwung ethnischer Konflikte«. Diese ethnischen Konflikte und Bruchlinienkriege sind nicht gleichmäßig auf die Kulturkreise der Welt verteilt. .... Die überwiegende Mehrheit der Bruchlinienkonflikte hat sich ... an der ... Grenze zwischen muslimischer und nichtmuslimischer Welt ereignet. Während auf der Makroebene der Weltpolitik der zentrale Kampf der Kulturen derjenige zwischen dem Westen und dem Rest ist, ist es auf der Mikroebene der lokalen Politik der Kampf zwischen dem Islam und den anderen. .... Muslime stellen ein Fünftel der Weltbevölkerung, waren aber in den 1990er Jahren weit mehr als die Menschen jeder anderen Kultur an gewalttätigen Konflikten zwischen Gruppen beteiligt. Die Beweise hierfür sind erdrückend. ... Drei verschiedene Kompilationen von Daten kommen ... zu demselben Ergebnis: ... Die Grenzen des Islam sind in der Tat blutig, und das Innere ist es ebenfalls. (Keine Aussage in meinem Essay für Foreign Affairs ist so häufig kritisert worden wie der Satz: »Der Islam hat blutige Grenzen.« Ich fällte dieses Urteil nach einem unsystematischen Überblick über interkulturelle Konflikte. Quantitative Belege aus jeder neutralen Quelle belegn schlüssig die Gültigkeit meiner Aussage.)“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 415-416, 418-419, 420-421).


NACH OBEN „Ursachen: Geschichte, Demographie, Politik“

Abbildung Tabelle 4)
Global-Phase

„Was war der Grund dafür, daß Ende des 20. Jahrhunderts Bruchlinienkriege um sich griffen und Muslime in diesen Konflikten eine entscheidende Rolle spielten?  (Zu den historisch-geographischen Bedingungen für die magische Kultur vgl. Oswal SpenglerSpengler). Erstens hatten diese Kriege ihre Wurzeln in der Geschichte. .... Es ist ein historisches Konflikterbe vorhanden; das von allen beschworen und instrumentalisiert werden kann, die dazu Veranlassung sehen. In diesen Beziehungen ist Geschichte lebendig, aber auf erschreckende Weise. Nun erklärt eine Geschichte des sporadischen Gemetzels an sich noch nicht, warum Gewalt ausgerechnet im ausgehenden 20. Jahrhundert wieder virulent wurde. .... Es müssen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts andere Faktoren ins Spiel gekommen sein. Ein solcher Faktor waren die Veränderungen des demographischen Gleichgewichts. (AbbildungAbbildung). Die zahlenmäßige Ausbreitung der einen Gruppe erzeugt politischen, wirtschaftlichen und sozialen Druck auf andere Gruppen und ruft Gegendruck hervor. ... Der kritische Punkt ist erreicht, wenn Jugendliche mindestens 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. (AbbildungAbbildung) ... Serbische Ängste und serbischer Nationalismus waren durch die steigende Zahl und wachsende Macht der Kososvo-Albaner (Muslime) ausgelöst worden, wurden aber noch verstärkt durch die demographischen Veränderungen in Bosnien (eben: zugunsten der Muslime). ... »Warum wir kleine Kinder töten?«, fragte ein serbischer Kämpfer 1992 und gab sich selbst die Antwort: »Weil wir sie dann nicht mehr zu töten brauchen, wenn sie irgendwann Erwachsene sind.« .... Veränderungen des demographischen Gleichgewichts und Jugend-Booms von 20 Prozent und mehr können viele interkulturelle Konflikte am Ende des 20. Jahrhunderts erklären. Sie können jedoch nicht alle erklären. .... Es bleibt die Frage, wieso Muslime Ende des 20. Jahrhunderts weit mehr in Gewalt zwischen Gruppen verwickelt waren als Menschen anderer Kulturkreise. War dies schon immer der Fall?  .... Erstens hat man das Argument gebracht, daß der Islam seit seinen Anfängen eine Religion des Schwertes gewesen ist und daß er kriegerische Tugenden verherrlicht. Der Islam entstand bei »kriegsgewohnten nomadischen Beduinenstämmen«, und »dieser gewalttätige Ursprung ist in den Grundstein des Islam eingemeißelt. Mohammed selbst lebt in der Erinnerung der Gläubigen als unermüdlicher Kämpfer und geschickter Feldherr weiter«. (Niemand würde das von Christus oder Buddha sagen.) Die Lehren des Islam, so heißt es, gebieten den Krieg gegen Ungläubige, und als die erste Expansion des Islam langsam zu Ende ging, begannen muslimische Gruppen ganz entgegen der Lehre, untereinander zu kämpfen. Das Verhältnis von inneren Konflikten (fitna) zum Dschihad verschob sich drastisch zugunsten ersterer. Der Koran und andere Formulierungen muslimischer Glaubenssätze enthalten nur wenige Gewaltverbote, und die Vorstellung der Gewaltfreiheit ist muslimischer Lehre und Praxis fremd.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 422-423, 424, 427, 429, 429-430).

„Daß der Westen auf dem Höhepunkt seiner Machtstellung gegenüber dem Islam die Errichtung einer jüdischen Heimstatt im Nahen Osten förderte, legte die Grundlage für die bis heute fortdauernde Feindseligkeit zwischen Arabern und Israelis (und auch Westlern, weil der Westen es war, der den Juden ein Gebiet gab, das 2000 Jahre lang den Arabern gehörte!). Die Expansion von Muslimen und Nichtmuslimen auf dem Festland hatte ... zur Folge, daß Muslime und Nichtmuslime in ganz Eurasien in großer Nähe zueinander lebten. Im Gegensatz hierzu expandierte der Westen über die Weltmeere. So gerieten westliche Völker für gewöhnlich nicht in territoriale Nähe zu nichtwestlichen Völkern: Diese wurden entweder seiner Herrschaft von Europa aus unterworfen, oder sie wurden - außer in Südafrika - von westlichen Siedlern praktisch ausgerottet.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 431).

„Eine dritte mögliche Quelle für den Konflikt zwischen Muslimen und Nichtmuslimen betrifft das, was ein Staatsmann mit Blick auf sein eigenes Land die »Unverträglichkeit« von Muslimen genannt hat. (Tabelle). ... Noch mehr als das Christentum ist der Islam eine absolutistische Religion. Er verschmilzt Religion und Politik und zieht einen klaren Trennungsstrich zwischen den Menschen des Dar-al-Islam und denen im Dar-al-harb.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 431).

„Ein letzter und der wichtigste Punkt: Die Bevölkerungsexplosion in muslimischen Gesellschaften und das riesige Reservoir an oft beschäftigungslosen Männern zwischen 15 und 30 sind eine natürliche Quelle der Instabiliät und der Gewalt innerhalb des Islam wie gegen Nichtmuslime. Welche anderen Gründe auch sonst noch mitspielen mögen, dieser Faktor allein erklärt zu einem großen Teil die muslimische Gewalt der 1980er und 1990er Jahre. Das natürliche Älterwerden dieser Jugend-Boom-Generation im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sowie der wirtschaftliche Aufschwung in muslimischen Gesellschaften, sofern und sobald diese eintreten, könnten demgemäß zu einer erheblichen Reduzierung muslimischer Gewaltbereitschaft und damit zu einem generellen Rückgang der Häufigkeit und Intensität von Bruchlinienkriegen führen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 433).

 

NACH OBEN „Die Dynamik von Bruchlinienkriegen“

„Einmal ausgebrochen, entwickeln sich Bruchlinienkriege wie andere Konflikte zwischen Gruppierungen ein Eigenleben und entwickeln sich nach dem Schema von Aktion und Reaktion, Druck und Gegndruck. Identitäten, die früher vielfältig und beiläufig gewesen waren, fokussieren und verfestigen sich: Konflikte zwischen Gruppierungen nennt man zutreffend »Identitätskriege«. Mit zunehmender Gewalt werden die ursprünglichen Streitfragen im Sinne eines »Wir gegen sie« umdefiniert, und Zusammenhalt und Engagement der Gruppe nehmen zu. Politische Führer erweitern und vertiefen ihre Appelle an die ethnische und religiöse Loyalität. Das Kulturbewußtsein steigert sich im Verhältnis zu anderen Identitäten. Es entsteht eine »Haßdynamik«, vergleichbar dem »Sicherheitsdilemma« in internationalen Beziehungen, bei dem Ängste, Mißtrauen und Haß beider Seiten einander verstärken. Jede Seite dramatisiert und vergrößert den Unterschied zwischen den Mächten des Guten und den Mächten des Bösen und versucht schließlich, aus diesem Unterschied den definitiven Unterschied zwischen den Lebendigen und den Toten zu machen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 434).

„Wenn Revolutionen ihren Fortgang nehmen, geraten Gemäßigte, Girondisten, Menschewiken ins Hintertreffen gegenüber Radikalen, Jakobinern, Bolschewiken. Ein ähnlicher Vorgang tritt oft in Bruchlinienkriegen auf. Genäßigte mit eher begrenzten Zielen, etwa der Erreichung der Autonomie anstelle der Unabhängigkeit, erreichen ihre Ziele nicht durch Verhandlungen, die fast immer zunächst scheitern, und werden von Radikalen verdrängt oder verstärkt, die entschlossen sind, radikalere Ziele mit Gewalt durchzusetzen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 434-435). 2-3-Ebenen

„Bruchlinienkriege sind per definitionem (Bruchlinienkriege) lokale Kriege zwischen lokalen Gruppen mit weiterreichenden Verbindungen und fördern damit die kulturelle Idendität der an ihnen Beteiligten. .... Bei Bruchlinienkriegen gibt es für jede Seite Gründe, nicht nur die eigene kulturelle Identität, sondern auch die der Gegenseite zu unterstreichen. Sie versteht ihren lokalen Krieg nicht bloß als Kampf gegen eine andere lokale ethnische Gruppe, sondern als Kampf gegen eine andere Kultur. Die Bedrohung wird daher durch die Ressourcen einer führenden Kultur vergrößert und untermauert, und eine Niederlage hat Konsequenzen nicht nur an sich, sondern für die ganze eigene Kultur. Daher die dringende Notwendigkeit, in dem Konflikt die eigene Kultur hinter sich zu vergattern. Der lokale Krieg wird umdefiniert zu einem Krieg der Religionen, einem Kampf der Kulturen, und befrachtet mit Konsequenzen für weiteste Teile der Menschheit.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 437, 441-442).

„Im früheren Jugoslawien sahen die Kroaten sich selbst als unerschrockene Grenzposten des Westens gegen den Ansturm der Orthodoxie und des Islam. .... Die Grenze Kroatiens ist letzten Endes die Grenze Europas.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 442, 443). Huntington

„Wenn ... Konflikte Gruppen aus verschiedenen Kulturen betreffen, neigen sie dazu, um sich zu greifen und zu eskalieren. In dem Maße, wie der Konflikt intensiver wird, unternimmt jede Seite den Versuch, Unterstützung aus Ländern und von Gruppen zu mobilisieren, die zur eigenen Kultur gehören. Unterstützung in der einen oder anderen Form - offiziell oder inoffiziell, offen oder verdeckt, materiell, personell, diplomatisch, finanziell, symbolisch oder militärisch - ist von einem oder mehreren Kin-Ländern oder Kin-Gruppen immer zu erwarten. (Kin) Je länger der Bruchlinienkrieg dauert, desto wahrscheinlicher ist es, daß Kin-Länder unterstützend, eindämmend und vermittelnd tätig werden. Infolge dieses »Kin-Land-Syndroms« bergen Bruchlinienkonflikte ein viel höheres Eskalationspotential in sich als intrakulturelle Konflikte und bedürfen zu ihrer Eindämmung und Beendigung für gewöhnlich interkulturelle Kooperation. .... Staaten und Gruppen sind in unterschiedlich hohem Maße in Bruchlinienkriege verwickelt. Auf einer primären Ebene gibt es diejenigen Parteien, die tatsächlich kämpfen und einander töten. Das können Staaten sein, wie zum Beispiel in den Kriegen zwischen Indien und Pakistan oder zwischen Israel und seinen Nachbarn; es können aber auch lokale Groppen sein, die keine Staaten oder bestenfalls ansatzweise Staaten sind, wie dies in Bosnien und bei den Berg-Karabach-Armeniern der Fall war. Diese Konflikte können auch Beteiligte auf einer sekundären Ebene aufweisen, für gewöhnlich Staaten, die mit den Primärparteien direkt in Verbindung stehen, wie zum Beispiel die Regierungen Serbiens und Kroatiens im früheren Jugoslawien oder diejenigen Armeniens und Aserbaidschans im Kaukasus. Mit dem Konflikt noch loser verknüpft sind Tertiärstaaten, die vom aktuellen Kampfgeschehen noch weiter entfernt sind, aber kulturelle Bindungen an die Beteiligten haben, wie etwa Deutschland, Rußland und die islamischen Staaten im Hinblick auf das flühere Jugoslawien; oder Rußland, die Türkei und der Iran im Falle des armenisch-aserbaidschanischen Streits. Diese Beteiligten der dritten Ebene sind häufig die Kernstaaten ihrer Kultur. Wo es eine Diaspora der primär Beteiligten gibt, spielt auch sie in Bruchlinienkriegen eine Rolle. (Diaspora). Angesichts der geringen Zahl von Menschen und Waffen, die für gewöhnlich auf der primären Ebene eingesetzt werden, kann eine vergleichsweise bescheidene äußere Hilfe in Form von Geld, Waffen oder Freiwilligen oft eine beträchtliche Auswirkung auf den Ausgang des Krieges haben.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 444-446).

„Schauplatz der komplexesten, verwirrendsten und umfassendsten Abfolge von Bruchlinienkriegen Anfang der 1990er Jahre war das frühere Jugoslawien. Auf der primären Ebene kämpften in Kroatien die kroatische Regierung und Kroaten gegen die kroatischen Serben und in Bosnien-Herzegowina die bosnische Regierung gegen die bosnischen Serben und bosnischen Kroaten, die sich auch gegenseitig bekämpften. Auf der sekundären Ebene trat die serbische Regierung für ein »Großserbien« ein, indem sie die bosnischen und kroatischen Serben unterstützte. Die kroatische Regierung strebte ein »Großkroatien« an und unterstützte die bosnischen Kroaten. Auf der tertiären Ebene kam es zu einer massiven kulturellen Sammlungsbewegung: Deutschland, Österreich, der Vatikan, andere katholische Länder und Gruppierungen Europas und später die USA engagierten sich zugunsten Kroatiens; Rußland, Griechenland und andere orthodoxe Länder und Gruppen stellten sich hinter die Serben; der Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, Libyen, die islamistische Internationale und islamische Länder generell begünstigten die bosnischen Muslime. Diese erhielten Unterstützung auch von den USA (!?!Zur Anomalie) - eine kulturell nicht zu erklärende Anomalie in dem ansonsten einheitlichen Bild »Kin-Gruppe stützt Kin-Gruppe«. (Zur Anomalie). Die kroatische Diaspora in Deutschland und die bosnische Diaspora in der Türkei kamen ihrer jeweiligen Heimat zu Hilfe. Auf allen drei Seiten wurden Kirchen und religiöse Gruppen aktiv. Zumindest die Aktionen der deutschen, türkischen, russischen und (us-) amerikanischen Regierung wurden erheblich von Pressure-Groups und von der öffentlichen Meinung in ihren Ländern beeinflußt. Die Unterstützung durch Sekundär- und Tertiärparteien war entscheidend für die Art der Kriegsführung, die von ihnen auferlegten Zwänge waren ausschlaggebend für die Beendigung des Krieges. Die kroatische und die serbische Regierung stellten ihrem Volk, das in anderen Republiken kämpfte, Waffen, Nachschub, Geldmittel, Zufluchtsmöglichkeiten und mitunter auch Streitkräfte zur Verfügung. Serben, Kroaten und Muslime empfingen substantielle Hilfe durch ihre kulturelle Verwandtschaft außerhalb des früheren Jugoslawiens in Form von Geld, Waffen, Nachschub, Freiwilligen, miltärischer Ausbildung sowie politischer und diplomatischer Unterstützung. Die primär und auf nichtstaatlicher Ebene beteiligten Serben und Kroaten waren generell die extremsten Nationalisten, die unerbittlichsten in ihren Forderungen und die militantesten bei der Verfolgung ihrer Ziele. Die sekundär beteiligten Regierungen Kroatiens und Serbiens unterstützen zunächst sehr nachdrücklich ihre primär beteiligte Kin-Gruppe, wurden aber später mit Rücksicht auf ihre eigenen, differenzierteren Interessen dazu gebracht, eine mehr mäßigende und eindämmende Rolle zu spielen. Parallel dazu drängten die tertiär beteiligten Regierungen Rußlands, Deutschlands und Amerikas die sekundären Regierungen, denen sie bis dahin den Rücken gestärkt hatten, zu Zurückhaltung und Kompromißbereitschaft.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 460-461).

„Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens begann 1991, als Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit erklärten und die westeuropäischen Mächte um Unterstützung baten. Die Antwort des Westens wurde durch Deutschland festgelegt; die Antwort Deutschlands wurde zum großen Teil durch die katholische Schiene festgelegt. Die deutsche Regierung wurde von der katholischen Hierarchie Deutschlands, dem bayerischen Koalitionspartner CSU sowie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anderen Medien zum Handeln gedrängt. Besonders die bayerischen Medien spielten eine ausschlaggebende Rolle dabei, in Deutschland Stimmung für die Anerkennung der beiden Länder zu machen. Flora Lewis schrieb: »Das bayerische Fernsehen, das stark unter dem Druck der sehr konservativen bayerischen Regierung und der starken, selbstbewußten katholischen Kirche mit ihren guten Verbindungen zur Kirche Kroatiens steht, lieferte die Fernsehberichte für ganz Deutschland, als der Krieg mit den Serben im Ernst begann. Die Berichterstattung war sehr einseitig.« Die Regierung zögerte mit der Anerkennung, hatte aber angesichts des Drucks von seiten der deutschen Öffentlichkeit kaum eine andere Wahl. »Die Unterstützung für die Anerkennung Kroatiens wurde in Deutschland von der öffentlichen Meinung herbeigezwungen, nicht von der Regierung angeboten.« Deutschland drängte die Europäische Union zur Anerkennung Sloweniens und Kroatiens und preschte vor, als dies sichergestellt war, um beide Länder noch vor der EU im Dezember 1991 anzuerkennen. »Während des ganzen Konflikts«, bemerkte ein deutscher Wissenschaftler 1995, »betrachtete Bonn Kroatien und dessen Führer Franjo Tudjman als eine Art Protégé der deutschen Außenpolitik, dessen erratisches Verhalten ärgerlich war, der aber trotzdem immer auf die feste Unterstützung durch Deutschland zählen konnte.« Österreich und Italien schlossen sich der Anerkennung unverzüglich an, und sehr schnell folgten die übrigen westlichen Länder einschließlich der USA. Auch der Vatikan spielte eine zentrale Rolle. Der Papst erklärte Kroatien zum »Schutzwall des [westlichen] Christentums« und beeilte sich ebenfalls, die beiden Länder noch vor der Europäischen Union anzuerkennen. Der Vatikan wurde damit Partei in dem Konflikt, was 1994 Konsequenzen hatte, als der Papst Besuche in allen drei Republiken plante. Der Widerstand der orthodoxen Kirche Serbiens verhinderte, daß er nach Belgrad kam, und die Nichtbereitschaft der Serben, Sicherheitsgarantien zu geben, führte zur Absage seines Besuches in Sarajevo. Er kam jedoch nach Zagreb, wo er Kardinal Alojzieje Septinac ehrte, der im Zweiten Weltkrieg mit dem faschistischen Regime Kroatiens in Verbindung stand, das Serben, Zigeuner und Juden verfolgt und umgebracht hatte.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 461-463).

„Die jugoslawischen Kriege bewirkten auch einen praktisch einmütigen Schulterschluß der Orthodoxen mit Serbien. Russische Nationalisten, Offiziere, Parlamentarier und Führer der orthodoxen Kirche hielten mit ihrer Unterstützung Serbiens, ihrer Geringschätzung der bosnischen »Türken« und ihrer Kritik am Imperialismus des Westens und der NATO nicht hinter dem Berg. Russische und serbische Nationalisten arbeiteten Hand in Hand und schürten in beiden Ländern den Widerstand gegen die »neue Weltordnung« im Sinne des Westens. Breite Teile der russischen Bevölkerung sympathisierten mit ihnen; so lehnten zum Beispiel 60 Prozent der Einwohner Moskaus im Sommer 1995 NATO-Luftangriffe ab. In mehreren Großstädten warben russische Nationalisten erfolgreich junge Russen für »die Sache der slawischen Brüderschaft« an. Berichten zufolge meldeten sich tausend und mehr junge Russen sowie Freiwillige aus Griechenland und Rumänien zu den serbischen Streitkräften, um gegen »katholische Faschisten« und »islamische Militante« zu kämpfen. 1992 soll Berichten zufolge eine russische Einheit »in Kosakenuniform« in Bosnien operiert haben. 1995 dienten Russen in serbischen Eliteeinheiten, und einem UNO-Bericht zufolge waren russische und griechische Kämpfer am serbischen Angriff auf die UNO-Schutzzone Zepa beteiligt.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 464-465).

„Trotz der Wirtschaftssanktionen konnte sich Serbien relativ gut versorgen dank des massiven Treibstoff- und sonstigen Schmuggels teils aus Timisoara (organisiert von rumänischen Regierungsbeamten), teils aus Albanien (organisiert von italienischen, später von griechischen Gesellschaften mit stillschweigendem Einverständnis der griechischen Regierung). Ladungen mit Lebensmitteln, Chemikalien, Computern und anderen Waren aus Griechenland gelangten über Mazedonien nach Serbien, entsprechende Mengen serbischer Exporte gelangten heraus. Die Lockungen des Dollars in Verbindung mit der Smpathie für die kulturelle Verwandtschaft machten die Wirtschaftssanktionen der UNO gegen Serbien ebenso zu einem Witz wie das Waffenembargo der UNO gegen alle früheren jugoslawischen Teilrepubliken.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 465-466).

„Der umfassendste und effizienteste kulturelle Schulterschluß war der der muslimischen Welt mit den bosnischen Muslimen. ... Die bei weitem wichtigste Hilfe, die die Umma den bosnischen Muslimen gewährte, war militärischer Beistand: Waffen, Geld zum Ankauf von Waffen, militärische Ausbildung und Freiwillige.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 468, 471).

„Der Krieg in Bosnien war ein Krieg der Kulturen. Die drei Priimärbeteiligten gehörten zu unterschiedlichen Kulturkreisen und hingen unterschiedlichen Religionen an. Mit einer partiellen Ausnahme entsprach die Beteiligung von Sekundär- und Tertiär-Akteuren genau diesem kulturellen Muster. .... Die eine partielle Ausnahme von diesem kulturellen Muster waren die USA (Zur Anomalie) .... Durch dieses Verhalten verärgerten die USA ihre Verbündeten und lösten eine ... gravierende Krise in der NATO aus. .... Die Frage ist also: Wie kommt es, daß die USA während und nach dem Krieg das einzige Land waren, das aus dem kulturellen Gleis ausscherte, um als einziges nichtmuslimisches Land die Interessen der bosnischen Muslime zu vertreten und mit muslimischen Ländern zu ihren Gunsten zusammenzuarbeiten? (Zur Anomalie). Wie erklärt sich diese ... Anomalie? (Zur Anomalie) .... Idealismus, Moralismus, humanitäre Instinkte, Naivität und Unkenntnis der Verhältnisse auf dem Balkan: dies alles bewog die USA, probosnisch ... zu sein. .... Durch ihre Weigerung, den Krieg als das zu sehen, was er war, stieß die amerikanische Regierung ihre Verbündeten vor den Kopf, verlängerte die Kämpfe und trug dazu bei, auf dem Balkan einen muslimischen Staat entstehen zu lassen .... Am Ende empfanden die Bosnier tiefe Bitterkeit gegen die USA ... und tiefe Dankbarkeit gegen ihre muslimischen Verwandten ....“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 474, 475, 477). Deshalb heißt es ja auch: Das ist dann der Dank! Zur Anomalie

„Bruchlinienkriege sind sporadische Kriege, Bruchlinienkonflikte schwelen endlos.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 479).

„Das Abkommen von Dayton gründete auf Vorschlägen, die von der »Kontaktgruppe«, das heißt den interesiierten Kernstaaten (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Rußland und USA) ausgearbeitet worden waren. Allerdings war keine der anderen tertiären Perteien an der Ausarbeitung der endgültigen Vereinbarung enger beteiligt, und zwei der der drei Primärparteien des Krieges standen bei den Verhandlungen abseits.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 483).

„Robert Putnam hat anschaulich gemacht, wie sehr Verhandlungen zwischen Staaten ein »Zwei-Ebenen-Spiel« sind: Die Diplomaten verhandeln sowohl mit Zielgruppen in ihrer eigenen Heimat als auch gleichzeitig mit ihren Kollegen aus dem anderen Land. In einer analogen Untersuchung hat Huntington (The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century, 1991, S. 121-163Huntington) gezeigt, wie Reformer in einer autoritären Regierung, die mit Gemäßigten in der Opposition über den Übergang zur Demokratie verhandeln, gleichzeitig mit den Hardlinern in der eigenen Regierung verhandeln oder fertig werden müssen, während die Gemäßigten dasselbe mit den Radikalen in der Opposition tun müssen. (Vergleich). Diese Zwei-Ebenen-Spiele erfordern ein Minimum von vier Parteien und mindestens drei, oft sogar vier Beziehungen zwischen ihnen. Ein komplexer Bruchlinienkrieg ist ein Drei-Ebenen-Krieg mit mindestens sechs Parteien und mindestens sieben Beziehungen zwischen ihnen (siehe Abbildung 10Abbildung 10). Horizontale Beziehungen über die Bruchlinie hinweg existieren zwischen den Primär-, Sekundär- und Tertiärparteien beider Seiten. Vertikale Beziehungen existieren zwischen den verschiedenen Ebenen innerhalb jeder Kultur. Um eine Einstellung der Kämpfe in einem diesem Modell entsprechenden »ausgewachsenen« Krieg zu erreichen, sind folgende Faktoren erforderlich:
aktives Engagement der Sekundär- und Tertiärparteien;
Verhandlungen zwischen den Tertiärparteien um die Rahmenbedingungen für eine Beendigung der Kämpfe;
eine Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik der Tertiärparteien, um die Sekundärparteien zur Annahme dieser Bedingungen zu bewegen und auch die Primärparteien zu deren Annahme zu drängen;
Entzug der Unterstützung der Primärparteien und letzten Endes deren Verrat durch die Sekundärparteien;
infolge dieses Druckes Annahme der Bedingungen durch die Primärparteien, die selbstverständlich gegen sie verstoßen werden, wenn dies in ihrem Interesse zu liegen scheint.
Der Friedensprozeß in Bosnien wies alle diese Elemente auf. Bemühungen einzlener Akteure, ... eine Vereinbarung zu treffen, blieben bemerkenswert erfolglos. Die westlichen Mächte zögerten, Rußland als gleichberechtigten Partner in den Prozeß einzubeziehen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 484-485).

„Deutschland und andere westliche Staaten unterstützten und stärkten zwar Kroatien, vermochten das Verhalten der Kroaten aber auch zu zügeln. Präsident Tudjman war zutiefst darauf erpicht, daß sein katholisches Land als europäisches Land anerkannt und in europäische Organisationen aufgenommen werden würde. Die westlichen Mächte nutzten sowohl die diplomatische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung, die sie Kroatien gewährten, als auch den Wunsch der Kroaten nach Zugehörigkeit zum »Club«, um Tudjman in vielen Streitfragen kompromißbereit zu stimmen. Im März 1995 wurde Tudjman vor Augen geführt, daß er dem Verbleib der UN-Schutztruppe in der Krajina zustimmen müsse, falls Kroatien Teil des Westens zu werden wünsche. Ein europäischer Diplomat sagte damals : »Der Anschluß an den Westen ist für Tudjman sehr wichtig. Er will nicht mit den Serben und den Russen allein zurückbleiben.« Man gab ihm auch zu verstehen, daß seine Truppen ethnische Säuberungen zu unterlassen hätten, als sie in der Krajina und anderswo von Serben bewohnte Gebiete eroberten, und daß er auf die Ausweitung seiner Offensive nach Ostslawonien verzichten müsse. In einer anderen Streitfrage wurde den Kroaten bedeutet, daß für sie... »das Tor zum Westen auf ewig verschlossen bleiben« werde, falls sie nicht der Föderation mit den Muslimen beiträten. Als wichtigste ausländische Quelle der Finanzhilfe für Kroatien war besonders Deutschland in einer starken Position, das Verhalten der Kroaten zu beeinflussen. Die enge Beziehung, welche die USA zu Kroatien aufbauten, trug ebenfalls dazu bei, Tudjman wenigstens noch 1995 an der Realisierung seines oft geäußerten Wunsches zu hindern, Bosnien-Herzegowina zwischen Kroatien und Serbien aufzuteilen. Im Gegensatz zu Rußland und Deutschland fehlte den USA die kulturelle Gemeinsamkeit mit ihrem bosnischen Klienten, weshalb sie in einer schwachen Position waren und die Muslime kaum durch Druck zu Kompromissen bewegen konnten.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 487).

Alein auf sich gestellt können Primärbeteiligte einen Bruchlinienkrieg nicht beenden. Die Einstellung solcher Kriege und die Verhinderun ihrer eskalation ... hängt in erster Linie von den Interessen und Handlungen der Kernstaaten der großen Kulturkreise der Welt ab. Ein Bruchlinienkrieg kocht von unten her hoch, ein Bruchlinienfrieden sickert von oben herab.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 491).

 

NACH OBEN „Die Zukunft der Kulturen“

„Der Westen ist, mit einem Wort, eine »reife« Gesellschaft an der Schwelle dessen geworden, was künftige Generationen als ein »goldenes Zeitalter« () betrachten werden, eine Periode des Friedens, die laut Quigley resultiert aus »dem Fehlen rivalisierender Einheiten im Inneren der betreffenden Zivilisation (bzw. Kultur) und aus der Entferntheit oder dem Fehlen von Kämpfen mit anderen Gesellschaften außerhalb ihrer«. Es ist auch eine Periode der Prosperität, vorbereitet durch die »Beendigung innerer kriegerischer Zerstörung, die Beseitigung innerer Handelsbarrieren, die Einführung eines gemeinsamen Maß-, Gewichts- und Münzsystems und das extensive System von Refierungsausgaben im Zusammenhang mit der Errichtung eines Weltreichs.« In früheren Kulturen endete diese Phase des seligen Goldenen Zeitalters mit ihren Unsterblichkeitsvisionen () entweder dramatisch und schnell mit dem Sieg einer fremden Gesellschaft oder langsam, aber nicht minder schmerzhaft durch inneren Zerfall.“ (Samuel Phillips Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 497-498Huntington).

„Sobald die globale Phase einer Kultur beginnt (wie heute für die Abendland-Kultur ), lassen ihre Menschen sich täuschen durch das, was Toynbee die »Fata Morgana der Unsterblichkeit« (Toynbee) nennt, und sind überzeugt, daß ihre Gesellschaftsordnung die endgültige sei. So war es im Römischen Reich, im Abbasiden-Kalifat (...). Die Bürger eines solchen Weltstaates ... neigen dazu, in ihm trotz scheinbar unübersehbarer Tatsachen nicht die Zuflucht für eine Nacht zu sehen, sondern »das Gelobte Land, das Endziel menschlichen Strebens«. .... Gesellschaften, die annehmen, daß ihre Geschichte zu Ende sei, sind jedoch für gewöhnlich Gesellschaften, deren Geschichte bald im Niedergang begriffen sein wird.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 495).

„In früheren Kulturen endete diese Phase des seligen Goldenen Zeitalters ( ! für uns hat diese Phase gerade erst begonnen!) mit ihren Unsterblichkeitsvisionen entweder dramatisch und schnell mit dem Sieg einer fremden Gesellschaft oder langsam, aber nicht minder schmerzhaft durch inneren Zerfall. (). Was im Inneren einer Kultur vorgeht, ist für ihre Widerstandsfähigkeit gegen zerstörende Einflüsse von außen ebenso entscheidend wie das Aufhalten des inneren Verfalls. Kulturen wachsen, ..., weil sie ein »Instrument der Expansion« () besitzen, das heißt eine militärische, religiöse, politische oder wirtschaftliche Organisation, die den erwirtschafteten Überschuß akkumuliert und ihn in produktive Neuerungen investiert. Kulturen erleben ihren Niedergang, wenn sie aufhören, »den Überschuß in die Aufgabe zu stecken, Dinge auf neue Weise zu tun. Modern ausgedrückt würde man sagen: die Investitionsrate sinkt.« Dies geschieht, weil die gesellschaftlichen Gruppen, die den Überschuß kontrollieren, ein persönliches Interesse daran haben, ihn »für unproduktive, aber ego-förderliche Zwecke« zu gebrauchen, »wodurch die Überschüsse in den Konsum fließen, anstatt effizientere Produktionsmethoden zu ermöglichen«. Die Menschen zehren vom Kapital, und die Kultur geht aus der Phase des Universalstaates () in die Phase des Verfalls () über. .... Der Verfall führt sodann zur Phase der Invasion (): »Die Zivilisation, zur Selbstverteidigung nicht mehr bereit, ist weit offen für ›barbarische Eindringlinge‹« ....“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 498-499).

„Die eine große Lehre aus der Geschichte der Kulturen lautet jedoch, daß vieles wahrscheinlich, aber nichts unausweichlich ist. Kulturen können sich reformieren und erneuern, und sie haben es getan. Die entscheidende Frage für den Westen lautet, ob er - von äußeren Herausforderungen einmal abgesehen - fähig ist, die inneren Verfallsprozesse aufzuhalten und umzukehren. Kann der Westen sich erneuern, oder wird anhaltende innere Fäulnis einfach sein Ende und/oder seine Unterordnung unter andere, wirtschaftlich und demographisch dynamischere Kulturen beschleunigen. Mitte der neunziger Jahre wies der Westen viele jener Merkmale auf, die Quigley als Kennzeichen einer reifen Kultur an der Schwelle zum Verfall aufzählt. Wirtschaftlich war der Westen bei weitem reicher als jede andere Kultur, aber er hatte auch, besonders im Vergleich zu den Gesellschaften Ostasiens, ein niedrigeres Wirtschaftswachstum sowie eine niedrigere Spar- und Investitionsrate. Der individuelle und kollektive Konsum hatte Vorrang vor der Bildung von Grundlagen für künftige wirtschaftliche und militärische Macht. Das natürliche Bevölkerungswachstum war niedrig, besonders im Vergleich zu dem der islamischen Länder. Freilich mußte keines dieser probleme zwangsläufig katastrophale Folgen haben. Die Volkswirtschaften des Westens wuchsen noch immer; im großen und ganzen waren die Völker des Westens immer besser dran; und auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung und technologischen Innovation behauptete der Westen noch immer seine Führungsposition. Zwar würden die niedrigen Geburtenziffern kaum durch die Regierungen beseitigt werden (deren einschlägige Bemühungen generell noch weniger erfolgreich sind als ihre Bemühungen um Reduktion des Bevölkerungswachstums). Indessen könnte die Einwanderung von Menschen aus nichtwestlichen Kulturen eine potentielle Quelle derAuffrischung undneuen menschlichen Kapitals werden, sofern sie zwei Bedingungen erfüllt: erstens müßten Priorität tüchtige, qualifizierte tatkräftige Menschen mit dem im Gastland benötigten Talent und Fachwissen haben; und zweitens müßten die neuen Migranten und ihre Kinder an die Kultur des jeweiligen Lande und des Westens assimiliert werden. Die USA hatten eher Probleme damit, die erste Bedingung zu erfüllen, europäische Länder mit der Erfüllung der zweiten. Doch liegt es durchau im Erfahrungs- und Kompetenzbereich westlicher Regierungen, politische Vorgaben über Ausbildungsniveau, Herkunft, Chakteristika und Assimilation von Einwanderem zu machen. Viel bedeutsamer als wirtschaftliche und demographisch Fragen sind Probleme des moralischen Verfalls, des kulturellen Selbstmords und der politischen Uneinigkeit des Westens. Zu den oft genannten Beispielen für moralischen Verfall gehören: (1.) die Zunahme asozialen Verhaltens wie Kriminalität, Drogenkonsum und generell Gewalt; (2.) der Verfall der Familie, damit zusammenhängend die Zunahme von Ehescheidungen, unehelichen Geburten, Mütter im Teenageralter und Alleinerziehenden; (3.) zumindest in den USA der Rückgang des »Sozialkapitals«, das heißt der freiwilligen Mitgliedschaft in Vereinen, und das Schwinden des mit solchen Mitgliedschaften einhergehenden zwischenmenschlichen Vertrauens; (4.) das generelle Nachlassen der »Arbeitsethik« und der zunehmende Kult der vorrangigen Erftüllung persönlicher Wünsche; (5.) abnehmendes Interesse für Bildung und geistige Betätigung in den USA am Absinken der akademischen Leistungen ablesbar. (Und noch mehr in Europa!). Das zukünftige Wohlergehen des Westens sowie sein Einfluß auf andere Gesellschaften hängen in erheblichem Umfang davon ab, ob und wie es ihm gelingt, mit diesen Tendenzen fertigzuwerden, in denen natürlich der moralische Überlegenheitsanspruch von Muslimen und Asiaten gründet.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 499-501).

„Die westliche Kultur wird von Gruppen innerhalb der westlichen Gesellschaft in Frage gestellt. Eine dieser Herausforderungen kommt von Einwanderern aus anderen Kulturen, die eine Assimilation ablehnen und nicht aufhören, Werte, Gebräuche und Kultur ihrer Herkunftsgesellschaften zu praktizieren und zu propagieren. .... In Europa könnte die westliche Kultur auch durch die Schwächung ihres zentralen Elements, des Christentums, unterminiert werden. Immer weniger Europäer bekennen sich zu einer religiösen Überzeugung, beachten religiöse Gebote und beteiligen sich an religiösen Aktivitäten. Diese Tendenz spiegelt weniger eine Feindschaft gegen die Religion wider als die Gleichgültigkeit gegen sie. Gleichwohl ist Europa durchdrungen von christlichen Begriffen, Werten und Praktiken. »Die Schweden sind wahrscheinlich das irreligiöseste Volk Europas«, kommentierte einer von ihnen, »aber man kann dieses Land nicht verstehen, wenn man sich nicht klarmacht, daß unsere Institutionen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Familie, Politik und Lebensweise zutiefst vom lutherischen Erbe geprägt ist«.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 501).

„Die Amerikaner sind kulturell Teil der westlichen Familie; Multikulturalisten können diese Beziehung beschädigen und sogar zerstören - ersetzen können sie sie nicht. Wenn Amerikaner ihre kulturellen Wurzeln suchen, finden sie sie in Europa.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 505).

„Wenn Nordamerika und Europa ihre moralischen Grundlagen erneuern, auf ihre kulturelle Gemeinsamkeit bauen und Formen einer engen wirtschaftlichen und politischen Integration entwickeln, die ergänzend nebem ihre Sicherheitszusammenarbeit in der NATO treten, könnten sie eine ... Phase des wirtschaftlichen Wohlstands und politischen Einflusses stiften. Eine sinnvolle politische Integration würde in einem gewissen Umfang ein Gegengewicht zum relativen Rückgang des westlichen Anteils an Bevölkerung, Sozialprodukt und militärischem Potential der Welt bilden und in den Augen von Führungspersönlichkeiten anderer Kulturen doe Macht des Westens erneuern. »Das Bündnis aus EU und NAFTA könnte mit seiner geballten Handelsmacht dem Rest der Welt die Bedingungen diktieren«, mahnte Minsiterpräsident Mahathir die Asiaten. Ob der Westen politisch und wirtschaftlich zusammenfindet, hängt jedoch überwiegend davon ab, ob die USA ihre Identität als westliche Nation bekräftigen und es als ihre globale Rolle definieren, die Führungsnation der westlichen Kultur zu sein.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 506-507).


NACH OBEN „Der Westen in der Welt“

„Eine Welt, in der kulturelle Identitäten ... von zentraler Bedeutung sind ..., hat ... umfassende Implikationen für den Westen im allgemeinen und für die USA im besonderen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 507).

„Normativ vertritt der universalistische Glaube des Westens das Postulat, daß die Menschen weltweit sich westliche Werte und Institutionen und die westliche Kultur aneignen sollten, weil diese das höchste, aufgeklärteste, liberalste, rationalste, modernste und zivilisierteste Denken der Menschheit verkörpern. Deskriptiv behauptet er, daß Völker aller Gesellschaften westliche Werte, Institutionen und Praktiken übernehmen wollen. Wenn es scheint, daß sie diesen Wunsch nicht haben und ihrer eigenen traditionellen Kultur verhaftet sind, sind sie Opfer eines »falschen Bewußtseins« von der Art, wie Marxisten es Proletariern zuschrieben, die den Kapitalismus unterstützten. “ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 510-511). Übrigens: Marx soll ja unter anderem auch gesagt haben, daß zuerst einmal die Erzieher erzogen werden müßten; also hätte auch Marx, der ja Erzieher sein wollte, erst einmal erzogen werden müssen - vielleicht sogar zu einem Marxisten!

„In der entstehenden Welt ethnischen Konflikts und kulturellen Kampfes krankt der Glaube an die Universalität der westlichen Kultur an drei Problemen: er ist falsch, er ist unmoralisch, und er ist gefährlich. (I.) Daß er falsch ist, ist die zentrale These des vorliegenden Buches (), eine These, die Michael Howard treffend so zusammenfaßt: »Die verbreitete Annahme des Westens, daß kulturelle Verschiedenheit eine historische Kuriosität ist, welcher durch das Heranwachsen einer gemeinsamen, westlich orientierten, anglophonen Weltkultur, die unsere Grundwerte prägt, bald der Boden entzogen sein wird ..., ist schlicht nicht wahr.« (Michael Howard, America and the World, 1984, S. 6Howard). Ein Leser, der immer noch nicht von der Klugheit von Sir Michaels Bemerkung überzeugt ist, lebt in einer Welt, die sehr weit von der in diesem Buch beschriebenen entfernt ist. (II.) Der Glaube, daß nichtwestliche Völker westliche Werte und Institutionen und westliche Kultur übernehmen sollten, ist unmoralisch aufgrund der Mittel, die notwendig wären, um ihn in die Tat umzusetzen. .... Kultur, haben wir behauptet, folgt der Macht. (Seie 136). Wenn nichtwestliche Gesellschaften neuerlich durch westliche Kultur geprägt werden sollen, dann kann das nur als Resultat einer gewaltsamen Expansion, Etablierung und Einflußnahme westlicher Macht geschehen. Die notwendige logische Konsequenz des Universalismus ist Imperialismus. (). Abgesehen davon verfügt der Westen als eine ausgereifte Kultur nicht mehr über die wirtschaftliche oder demographische Dynamik, die er benötigte, um anderen Gesellschaften seinen Willen aufzuzwingen. Außerdem widerspricht jede diesbezügliche Bemühung den westlichen Werten der Selbstbestimmung und Demokratie. (). In dem Maße, wie asiatische Kulturen und die muslimische mehr und mehr auf die globale Relevanz ihrer Zivilisation pochen, wird dem Westen mehr und mehr der Zusammenhang zwischen Universalismus und Imperialismus einleuchten. (III.) Gefährlich ist der westliche Universalismus, weil er zu einem großen interkulturellen Krieg zwischen Kernstaaten führen könnte, und er ist gefährlich für den Westen, weil er zur Niederlage des Westens führen könnte.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 511-512).

„Alle Kulturen machen einen ähnlichen Prozeß der Entstehung, des Aufstiegs und des Niedergangs durch. Der Westen unterscheidet sich von anderen Kulturen nicht durch die Art seiner Entwicklung, sondern durch die Eigenart (Seelenbild und Ursymbol des Abendlandes) seiner Werte und Institutionen. Zu diesen gehören vor allem Christentum, Pluralismus, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit; sie ermöglichten es dem Westen, die Modernität zu erfinden, weltweit zu expandieren und Gegenstand des Neides anderer Gesellschaften zu werden. In ihrer Gesamtheit sind diese Merkmale dem Westen eigentümlich. Europa ist nach den Worten von Arthur Schlesinger »die Quelle, die einzige Quelle ... für Ideen wie individuelle Freiheit, politische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und kulturelle Freiheit .... Dies sind europäische Ideen, nicht asiatische, ..., nicht nahöstliche, ...« (A. Schlesinger, The Disuniting of America, 1992, S. 127). Sie machen die westliche Kultur einzigartig, und die westliche Kultur ist wertvoll nicht, weil sie universal wäre, sondern weil sie wirklich einzigartig ist. Die vornehmste Aufgabe der führenden Politiker des Westens ist daher nicht, andere Kulturen nach dem Bild des Westens umformen zu wollen, was nicht in ihrer schrumpfenden Macht liegt, sondern die einzigartigen Qualitäten der westlichen Kultur zu erhalten, zu schützen und zu erneuern. Weil sie das mächtigste Land des Westens (geworden !) sind, fällt diese Aufgabe überwiegend den USA zu.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 512-513).

„Um die Kultur des Westens bei schrumpfender Macht des Westens zu bewahren, ist es im Interesse der USA und der europäischen Länder: eine stärkere politische, wirtschaftliche und militärische Integration zu erreichen und ihre Politik so abzustimmen, daß Staaten anderer Kulturen daran gehindert werden,Differenzen unter ihnen auszunutzen; ... die technologische und militärische Überlegenheit des Westens über andere Kulturen zu behaupten; und vor allem einzusehen, daß eine Intervention des Westens in Angelegenheiten anderer Kulturkreise wahrscheinlich die gefährlichste Quelle von Instabilität und potentiellem globalen Konflikt in einer multikulturellen Welt ist.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 513-514).

„Weder Internationalismus noch Isolationalismus, weder Multilateralismus noch Unilateralismus wird den Interessen der USA dienen. Diese werden am besten gefördert, indem die USA jene einander entgegengesetzte Extreme meiden und statt dessen eine atlantikorientierte Politik der engen Zusammenarbeit mit ihren europäischen Partnern verfolgen, um die Interessen und Werte der einzigartigen, ihnen gemeinsamen Kultur zu schützen und zu fördern.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 514).


NACH OBEN „Die Gemeinsamkeiten der Kulturen“

„Die menschliche Gesellschaft ist »universal, weil sie menschlich ist, partikular, weil sie Gesellschaft ist« (Michael Walzer). Manchmal marschieren wir mit anderen; meistens marschieren wir allein. Gleichwohl entspringt der gemeinsamen conditio humana doch eine »dünne« minimale Moral, und es sind in allen Kulturen »universale Dispositionen« anzutreffen. (Vgl. J. Q. Wilson, The Moral Sense, 1993, S. 225). Anstatt die vermeintlich universalen Aspekte einer Kultur zu propagieren, gilt es, im Interesse der kulturellen Koexistenz nach dem zu suchen, was den meisten Kulturen gemeinsam ist.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 525-526).

„Zumindest auf einer Basisebene »dünner« Moral existieren einige Gemeinsamkeiten zwischen Asien und dem Westen. Ferner sind ... den großen Weltreligionen ... doch gewisse zentrale Werte gemeinsam. Falls die Menschen je eine Universalkultur entwickeln, wird sie nach und nach aus der Erkundung und Ausweitung dieser Gemeinsamkeiten hervorgehen. .... Dieses Bemühen würde dazu beitragen, nicht nur den Kampf der Kulturen zu begrenzen, sondern auch Zivilisation im Singular (Huntington, a.a.O., S. 50), das heißt Zivilisiertheit zu stärken. .... Zivilisation im Singular bezieht sich vermutlich auf eine komplexe Mischung - auf hohem Niveau - von Moral, Religion, Bildung, Kunst, Philosophie, Technologie, materiellem Wohlstand und wahrscheinlich anderen Dingen. Diese Elemente verändern sich sich offenkundig nicht unbedingt gleichzeitig. Trotzdem ist die Wissenschaft ohne weiteres in der lage, in der Geschichte von Kulturen Höhepunkte und Tiefpunkte ihres Zivikisationsgrades auszumachen. Die Frage lautet also: Wie kann man das Auf und Ab in der Entwicklung der menschlichen Zivilisertheit schematisieren? ().  Gibt es eine allgemeine, säkulare Tendenz - jenseits einzelner Kulturen - zu immer höheren Zivilisationsgraden?  Falls es eine solche Tendenz gibt, ist sie dann das Ergebnis der Modernisierungsprozesse, die die Kontrolle des Menschen über seine Umwelt steigern und damit immer höhere Ebenen technischer Subtilität und materiellen Wohlstands erzeugen?  Ist also in der jetzigen Ära ein höherer Grad an Modernität Vorbedingung eines höheren Zivilisationsgrades?  Oder variiert der Zivilisationsgrad hauptsächlich innerhalb der Geschichte der einzelnen Kulturen?  Diese Frage ist ein weiteres Beispiel für die Debatte, ob Geschichte ihrem Wesen nach linear oder zyklisch ist. [Geschichte ist linear und zyklisch! (Spiraltendenz). Goethe benutzte für seine Anschauung von der „Wiederkehr des ewig Gleichen“ eine botanische Analogie: die „Spiraltendenz“! (Spiraltendenz)]. Es ist vorstellbar, daß Modernisierung im Verein mit einer moralischen Entwicklung des Menschen, die durch größere Bildung, Bewußtheit und Kenntnis der menschlichen Gesellschaft und ihrer natürlichen Umwelt herbeigeführt wird, eine stetige Bewegung zu immer höheren Zivilisationsgraden bewirkt. Andererseits mögen Zivilisationsgrade auch einfach nur Phasen in der Entwicklungsgeschichte von Kulturen widerspiegeln. Wenn eine Kultur erstmals entsteht, sind ihre Menschen für gewöhnlich kraftvoll, dynamisch, gemein, brutal, mobil und expansionistisch. Sie sind relativ unzivilisiert. In dem Maße, wie die Kultur sich weiterentwickelt, wird sie seßhafter und entwickelt die Techniken und Fertigkeiten, die sie zivilisierter machen. Sobald der Konkurrenzkampf zwischen ihren konstituierenden Elementen nachläßt und ein universaler Staat entsteht, erreicht die Kultur ihren höchsten Zivilisationsgrad, ihr »goldenes Zeitalter« mit einer Hochblüte von Moral, Kunst, Literatur, Philosophie, Technologie und kriegerischer, wirtschaftlicher und politischer Kompetenz. Sobald sie als Kultur ihren Niedergang antritt, geht auch ihre Zivilisiertheit zurück, bis sie dem Änsturm einer anderen aufstrebenden Kultur von ebenfalls geringer Zivilisiertheit erliegt. Modernisierung hat generell weltweit das materielle Niveau angehoben. Aber hat sie auch die moralische und kulturelle Dimension der Zivilisationen gefördert?“  (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 528-529).

„Im Kampf der Kulturen werden Europa und Amerika vereint marschieren müssen oder sie werden getrennt geschlagen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 531).

„»Weltgeschichte ist die Geschichte der großen Kulturen.« Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes - Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, S. 761 (). ....“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 536).

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Anmerkungen:


Samuel Phillips Huntington (1927-2008), Clash of Civilizations, in: Foreign Affairs (Zeitschrift), 1993; Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, 1996; Kampf der Kulturen, 1996. (Huntington). Huntington könnte aus Spenglers Werken direkt abgeschrieben haben; jedenfalls wurde er von Spengler inspiriert. (). So gibt es eine Linie von Goethe und Schopenhauer über Nietzsche und Spengler zu Huntington. (Linie). Die Welt fragt: „Soll er der Oswald Spengler Amerikas sein?“ (Die Welt). Eine gute Frage; zutreffend ist folgende Antwort: Huntington ist einer der (us-)amerikanischen Spenglerianer () !

Huntington: „... genannt seien unter vielen anderen Max Weber, Émile Durkheim, Oswald Spengler, Pitirim Sorokin, Arnold Toynbee, Alfred Weber, A. L. Kroeber, Philip Bagby, William Carroll Quigley, Rushton Coulborn, Christopher Dawson, S. N. Eisenstadt, Fernand Braudel, William H. McNeill, Adda Bozeman, Immanuel Wallerstein und Felipe Fernández-Arnesto. Diesen und anderen Autoren verdanken wir eine gewaltige, gelehrte und scharfsinnige Literatur zur vergleichenden Untersuchung von Kulturen.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 49). Mit einer Leitthese beginnt Huntington die Anmerkung (ebd., S. 538), indem er Oswald Spengler zitiert: „»Weltgeschichte ist die Geschichte der großen Kulturen.« Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, S. 761.“

Man kann diese Eigenart nur mit dem Seelenbild und dem Ursymbol der abendländischen Kultur beschreiben - wie es z.B. der von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich Nietzsche (1844-1900) beeinflußte Oswald Spengler (1880-1936) getan hat: „Faustisch“ (Seelenbild) und „Unendlicher Raum“ (Ursymbol). Das Abendland ist so ziemlich exakt der Gegensatz zur Antike: „Apollinisch“ (Seelenbild) und „Einzelkörper“ (Ursymbol). (Seelenbild und Ursymbol). Ganz eigentlich spricht ja auch Huntington (Huntington) davon, wenn er nämlich den Westen (eigentlich: das Abendland) in seiner Dynamik beschreibt, die z.B. in den Bereichen wie Technik, Wissenschaft, Rationalismus (Aufklärung u.s.w.) erst Industrialisierng bzw. Moderne ermöglichte (Huntington sagt: „ermöglichte, die Modernität zu erfinden“Huntington). Das ist „faustisch“! Huntington spricht auch von den „universalistischen Ansprüchen“ der westlichen Kultur, meint diese Eigenart und spricht also eigentlich von der Grenzenlosigkeit, vom Streben in die Unendlichkeit, von der Seele des Wir-kennen-keine-Grenze. Das ist der „Unendliche Raum“! Auch wenn Seelenbild und Ursymbol allgemein als unbeweisbar gelten - wie ein Dogma gegenüber aller Erfahrung -, so sei hier darauf hingewiesen, daß der Unterschied zwischen Antike und Abendland sogar am „Parallelenaxiom“ deutlich gemacht werden kann: Euklid (Euklid) hat in seinen Elementen (um 312 v. Chr.) die mathematische Entsprechung für das antike Beispiel gegeben und Gauß (Gauß) ca. 2112 Jahre später (um 1800) die für das abendländische. Sie stehen - wie unzählige andere Beispiele auch - für den jeweiligen metaphysischen Mittelpunkt, um den eine Kultur kreist, während sie von Seelenbild und Ursymbol angetrieben und angezogen wird. (Vgl. dazu das GermanentumGermanen).

Zum „magisch“ () anerzogenen Schema: „Altertum-Mittelalter-Neuzeit“ vgl. Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917-1922; besonders z.B. die Seiten: 24 (Spengler), 26 (Spengler), 32 (Spengler), 32-34 (Spengler), 617-618 (Spengler), 785-786 (Spengler). Spengler erteilt diesem Schema eine Absage (Spengler) ! Er wurde dafür von einigen getadelt, von anderen aber auch gewürdigt, z.B. fast ein Jahrhundert später von Samuel Phillips Huntington in seinem Buch Kampf der Kulturen (1996). Huntington

Die magische Kultur (Magische Kultur), Spengler nannte sie auch „Arabien“ (Arabien), hat ein dualistischem Seelenbild: „Geist und Seele“, ihr Ursymbol die „Welthöhle“. Vertreter der magischen Kultur berücksichtigen stets den „Consensus“ - die Übereinstimmung der Gelehrten als Grundlage für die religiöse (= „wahre“) Lehre. Das arabische Wort „Idschma“ ist auch in diesem Sinne zu verstehen, und es gilt immer noch als eines der vier Grundprinzipien der islamischen Rechtslehre. Der magischen Kultur haftet an, daß sie mit Schuldzuweisungen arbeitet, d.h. jedem Subjekt Schuld zuspricht, z.B. durch die Erbsünde. Die bekannten monotheistischen Religionen sind eine Schöpfung der magischen Kultur. Spengler / Sloterdijk

„Spengler unterscheidet acht hohe Kulturen ()“, weiß Huntington (ebd., S. 57) und verweist in der Anmerkung (ebd., S. 538) auf die entsprechende Stelle in Spenglers Untergang des Abendlandes, S. 597 und ff. (). Für die Gegenwart unterscheidet Huntington sieben bis acht Kulturen - drei bis vier davon sind aber entweder nicht eindeutig zuzuordnen oder existieren gar nicht (bzw. noch nicht!). Bleiben also vier Kulturen (bzw. Zivilisationen), die noch existieren - die anderen vier sind tot (vgl. Oswald Spenglers acht Kulturen).

So ist es äußerst fraglich, ob z.B. Lateinamerika, Japan oder gar Rußland mit seiner Unfähigkeit, zur Welt zu kommen (), wirklich selbständige Wege gehen (werden). Und zu Afrika sagt selbst Huntington: „Die meisten großen Kulturtheoretiker ... anerkennen keine eigene afrikanische Kultur. .... Am bedeutsamsten war, daß der europäische Imperialismus das Christentum südlich der Sahara einführte. Doch sind in ganz Afrika Stammesidentitäten ausgeprägt. Freilich entwickeln Afrikaner zunehmend auch das Gefühl einer afrikanischen Identität, und es ist vorstellbar, daß das subsaharische Afrika zu einer eigenen Kultur zusammenwächst ...“ (S. P. Huntington, ebd., S. 61). Wenn es bis dahin nicht völlig islamisiert sein wird! Bleibt also abzuwarten, ob es in Zukunft wirklich drei bis vier Kulturen mehr geben wird oder ob es bei den jetzigen vier Kulturen (modern: Zivilisationen) bleiben wird. Diese nennt Huntington (ebd., S. 57-59): 1.) „sinische Kultur“ (China bzw. Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus), 2.) „hinduistische Kultur“ (Indien bzw. Hinduismus), 3.) „islamische Kultur“ (Arabien bzw. magische Kultur oder Morgenland), 4.) „westliche Kultur“ (Abendland bzw. faustische Kultur). Vgl. auch die Tabelle zur Bevölkerung () der vier heute existierenden Kulturen (), die Karte zur Welt um 2000 () sowie ChInArAb ().

Bevor wieder einige linkslastige Interpreten ihren Fehldeutungen unterliegen, sei hier darauf hingewiesen, daß es Huntington primär darum geht, zu beschreiben, wie und warum Menschen ihre Identität definieren, und (vielleicht!) sekündar darum, was er sich wünscht, wenn er schreibt: „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“ (S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 21Huntington). Man sollte diesen Satz nicht aus dem Zusammenhang des Textes und auch des Kontextes reißen: „In der Welt nach dem Kalten Krieg sind die wichtigsten Unterscheidungen zwischen Völkern nicht mehr ideologischer, politischer oder ökonomischer Art. Sie sind kultureller Art. Völker und Nationen versuchen heute, die elementarste Frage zu beantworten, vor der Menschen stehen können: Wer sind wir? (Huntington).  Und sie beantworten diese Frage in der traditionellen Weise, in der Menschen sie immer beantwortet haben: durch Rückbezug auf die Dinge, die ihnen am meisten bedeuten. Die Menschen definieren sich über Herkunft, Religion, Sprache, Geschichte, Werte, Sitten und Gebräuche, Institutionen. Sie identifIzieren sich mit kulturellen Gruppen: Stämmen, ethnischen Gruppen, religiösen Gemeinschaften, Nationen und, auf weitester Ebene, Kulturkreisen. Menschen benutzen Politik nicht nur dazu, ihre Interessen zu fordern, sondern auch dazu, ihre Identität zu definieren. Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind. Nationalstaaten bleiben die Hauptakteure des Weltgeschehens. Die wichtigsten Gruppierungen von Staaten sind jedoch nicht mehr die drei Blöcke aus der Zeit des Kalten Krieges (), sondern die sieben oder acht großen Kulturen der Welt (drei bis vier davon sind aber nicht genau zuzuordnen oder existieren gar nicht bzw. noch nicht - bleiben also vier Kulturen!). Nichtwestliche Gesellschaften, zumal in Ostasien, sind heute dabei, ihren wirtschaftlichen Wohlstand zu entwickeln und die Grundlage für eine Ausweitung ihrer militärischen Macht und ihres politischen Einflusses zu schaffen. In dem Maße, wie Macht und Selbstbewußtsein der nichtwestlichen Gesellschaften zunehmen, pochen sie verstärkt auf ihre eigenen kulturellen Werte und verwerfen jene, die ihnen der Westen »aufgezwungen« hat.“ (S. P. Huntington, ebd., S. 21Huntington). „In der Welt nach dem Kalten Krieg ist Kultur eine zugleich polarisierende und einigende Kraft. Menschen, die durch Ideologie getrennt, aber durch eine Kultur geeint waren, finden zusammen, wie die beiden Deutschlands zusammenfanden und wie die beiden Koreas und verschiedenen Chinas zusammenzufinden beginnen. Gesellschaften, die durch Ideologie oder historische Umstände geeint, aber kulturell vielfältig waren, fallen entweder auseinander, wie die Sowjetunion, Jugoslawien und Bosnien, oder sind starken Erschütterungen ausgesetzt, wie die Ukraine, Nigeria, der Sudan, Indien, Sri Lanka und viele andere. Länder mit kulturellen Affinitäten kooperieren miteinander auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet. Internationale Organisationen, die auf Staaten mit kultureller Gemeinsamkeit basieren, wie etwa die Europäische Union, sind viel erfolgreicher als solche, die kulturelle Grenzen zu überschreiten suchen (wie die Europäische Union mit ihrer Bereitschaft, die Türkei u.a. Länder fremder Kulturen aufzunehmen!Huntington). Fünfundvierzig Jahre lang war der Eiserne Vorhang die zentrale Trennungslinie in Europa. (). Diese Linie hat sich um mehrere hundert Kilometer nach Osten verschoben. (). Heute ist es die Linie, die die Völker des westlichen Christentums auf der einen Seite von muslimischen und orthodoxen Völkern auf der anderen trennt. (Huntington). Österreich, Schweden und Finnland, kulturell ein Teil des Westens, waren im Kalten Krieg zu Neutralität und Trennung vom Westen gezwungen. In der neuen Ära stoßen sie wieder zu ihrer kulturellen Verwandtschaft in der Europäischen Union, und Polen, Ungarn und die Tschechische Republik sind dabei, ihnen zu folgen. Die philosophischen Voraussetzungen, Grundwerte, sozialen Beziehungen, Sitten und allgemeinen Weltanschauungen differieren von Kulturkreis zu Kulturkreis erheblich. Die Revitalisierung der Religion in weiten Teilen der Welt verstärkt diese kulturellen Unterschiede. Kulturen können sich verändern, und die Art ihrer Auswirkung auf Politik und Wirtschaft kann von Epoche zu Epoche variieren. Gleichwohl wurzeln die wesentlichen Unterschiede in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Kulturkreise eindeutig in ihren unterschiedlichen kulturellen Grundlagen. Der wirtschaftliche Erfolg Ostasiens wurzelt in der Kultur Ostasiens, so wie die Schwierigkeiten der ostasiatischen Gesellschaften bei der Etablierung eines stabilen demokratischen Systems von der ostasiatischen Kultur herrühren. Die islamische Kultur erklärt zu einem großen Teil, warum die Demokratie in weiten Teilen der muslimischen Welt nicht Fuß fassen kann. Die Entwicklungen in den postkommunistischen Gesellschaften Osteuropas und der früheren Sowjetunion werden durch deren kulturelle Identität geprägt: Solche mit westlich-christlichem Erbe machen auf dem Wege zu wirtschaftlicher Entwicklung und demokratischer Politik Fortschritte; in den orthodoxen Ländern sind die Aussichten auf wirtschaftliche und politische Entwicklung unklar; in den muslimischen Republiken sind sie düster. Der Westen ist und bleibt auf Jahre hinaus der mächtigste Kulturkreis der Erde. Gleichwohl geht seine Macht in Relation zur Macht anderer Kulturkreise zurück. In dem Maße, wie der Westen versucht, seine Werte zu behaupten und seine Interessen zu schützen, sind nichtwestliche Gesellschaften mit einer Alternative konfrontiert. Einige versuchen, den Westen nachzuahmen und sich dem Westen anzuschließen, »mitzuhalten«. Andere ... versuchen, ihre wirtschaftliche Macht auszuweiten, um dem Westen zu widerstehen, »dagegenzuhalten«.“ (S. P. Huntington, ebd., S. 24-28Huntington).

Zu der Frage „Wer sind wir?“  vgl. auch Huntingtons Buch „Who are we?“, 2004 (Huntington) und einige der vielen Presse-Stimmen dazu (F.A.Z.F.A.Z.).

Vgl. John Rockwell, The New Colossus, in: New York Times, 30.01.1994; und vgl. David Rieff, A Global Culture, in: World Policy Journal 10, Winter 1993/'94, S. 73-81.

Vgl. A. L. Friedberg, The Future of American Power, in: Political Science Quarterly 109 (Frühjahr 1994), S. 15.

Hedley Bull, The Anarchical Society: A Study of Order in World Politics, 1977, S. 317.

Hedley Bull, The Revolt Against the West, in: Hedley Bull & Adam Watson (Hrsg.), Expansion of International Society, 1984, S. 219.

„Eine internationale Gesellschaft existiert erst dann, wenn Staaten in einem internationalen System »gemeinsame Interessen und gemeinsame Werte« haben, »sich einem gemeinsamen System von Regeln verpflichtet wissen«, »sich in die Arbeit von gemeinsamen Institutionen teilen« und »eine gemeinsame Kultur oder Zivilisation besitzen« (Hedley Bull, The Anarchical Society, 1977, S. 9-13). Siehe auch: Adam Watson, The Evolution of International Society, 1992, und Barry Buzan, International Organization 47, 1993. Buzan unterscheidet zwischen »zivilisationalen« (also: kulturalen) und »funktionalen« Modellen der internationalen Gesellschaft und kommt zu dem Schluß, daß »zivilisationale (also: kulturale) internationale Gesellschaften die Geschichte beherrscht« haben und daß es »anscheindend keinen reinen Fall einer funktionalen internationalen Gesellschaft« gibt (S. 336).“ (S. P. Huntington, ebd., S. 73 und 542 [Anm. 34]). Meine Anmerkung deswegen, weil die Übersetzer nicht gut genug gearbeitet haben! Der deutsche Sprachgebrauch für Kultur und Zivilisation entspricht eben gerade nicht dem englischen Sprachgebrauch für culture und civilization! (HB).

Vgl. Robert L. Bartley, The Case for Optimism - The West Should Believe in Itself, in: Foreign Affairs 72, 1993, S. 16.

Vgl. J. A. Fishman, The Spread of English as a New Perspective for the Study of Language Maintenance and Language Shift, in: J. A. Fishman, R. L. Cooper & A. W. Conrad, The Spread of English, 1977, S. 108ff.

Vgl. Ali Al-Amin Mazrui, Cultural Forces in World Politics, 1990, S. 4f.

Rainer C. Baum, Authority and Identity - The Invariance Hypothesis II, in: Zeitschrift für Soziologie 6 (Oktober 1977), S. 368f.. Vgl. auch: Rainer C. Baum, Authority Codes - The Invariance Hypothesis, in: Zeitschrift für Soziologie 6 (Januar 1977), S. 5-28.

Yashen Huang, Why China Will Not Collapse, in: Foreign Policiy 95, 1995, S. 57.

Vgl. Yoichi Funabashi, The Asianization of Asia, in: Foreign Affairs (72), 1993, S. 80.

Christopher Gray, in: Washington Post, 01.12.1992, S. A30

Lee Kuan Yew, zitiert bei: Maggie Farley, The Bamboo Network, in: Boston Globe Magazine, 17.04.1994, S. 38. Zu Lee Kuan Yew vgl. auch Deutschlands Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt

„Die Gewißheit, daß China zu einer wirtschaftlichen und später auch zu einer militärischen Supermacht aufsteigen wird, führt nicht nur in Japan, sondern auch in anderen Ländern zu manchen Besorgnissen. Der Singapurer Staatsmann Lee Kuan Yew hat deshalb schon vor einem Jahrzehnt festgestellt, in Ost- und Südostasien seien die USA die am wenigsten beargwöhnte Weltmacht. In China selbst und viel mehr noch in den USA spielt die Erwartung einer späteren Konkurrenz zwischen diesen beiden Giganten allerdings eine große Rolle. In China wird die Diskussion darüber eher leise und diskret geführt, in Amerika dagegen durchaus öffentlich; ziemlich unverblümt sprechen manche strategische Denker in Washington davon, man müsse rechtzeitig eine amerikanische Kontrolle über den ganzen »eurasischen Kontinent« etablieren.“ (Helmut Schmidt, Die Mächte der Zukunft, 2004, S. 149). Vgl. auch Schmidts Äußerungen zum Zusammenprall der Kulturen

Vgl. Economist, 17.07.1993, S. 38f.; 27.11.1993, S. 33.

Vgl. Wall Street Journal, 17.05.1993, S. A7A; Economist, 16.04.1994, S. 71.

Vgl. International Herald Tribune, 29.05.1990, S. 3; Wall Street Journal, 23.09.1994, S. 6..

Cable News Network, 10.05.1994.

Vgl. Economist, 21.01.1995, S. 38f.

Lee Teng-hui, Chinese Culture and Political Renewal, in: Journal of Democracy 6, 1995, S. 6-8.

Jedenfalls laut UNO! (?). Vgl. Vereinte Nationen, Bevölkerungsabteilung, World Population Prospects: The 1992 Revision, 1993, Tabelle A18.

Vgl. Jack Goldstone, Revolution and Rebellion in the Early Modern World, 1991, passim, besonders aber S. 24-39.

John Morrison, Pereyaslav and After: The Russian and Ukrainian Relationship, in: International Affairs (69), 1993, S. 677

Vgl. Herbert Moeller, Youth as a Force in the Modern World, in: Comparative Studies in Society and History 10, April 1968, S. 237-260; Lewis Feuer, Generations and the Theory of Revolution, in: Survey 18, 1972, S. 161-168.

Randall Schweller, Bandwagoning for Profit, in : International Security (19), 1994, S. 72ff..

Diese „Anomalie“, von der Huntington spricht, ist eine der vielen Fehlleistungen, die die USA sich in ihrer Naivität immer wieder erlauben und die der abendländischen Kultur nur schaden können. Auch wenn Huntington versucht, die sich häufenden Fehler der USA als taktische Manöver zu interpretieren, läßt sich nicht leugnen, daß die USA, als sie z.B. die muslimischen Bosnier unterstützten, sowohl von den Muslimen als auch vom Westen getadelt und in eine Krise gestürzt wurden. (USA-Anomalie). Im Jugoslawien-Krieg und auch in den beiden Irak-Kriegen betrieben die USA keine „genau berechnete kulturelle Realpolitik“, jedenfalls nicht im positiven Sinne, obwohl Huntington dies für möglich hält (ebd., S. 475). Spätestens der zweite Irak-Krieg hat bewiesen, daß die USA aus ihren Fehlern immer noch nichts gelernt haben. Daß die USA auch diesen Krieg noch begannen, war sogar eine ausgesprochene Dummheit, die selbst mit der kulturgeschichtlichen Unerfahrenheit der Amerikaner nicht zu entschuldigen ist. Dieser Krieg ist nicht einmal mit Europa abgesprochen worden (wenn das die neue NATO bedeuten soll, dann ist die NATO überflüssig) und hat nicht die Ziele erreicht, die er erreichen sollte. Nur eines mag er zur Freude der Nichtwestler erreicht haben: den Untergang des Westens zu beschleunigen!

Erst durch die auf den Cäsarismus (oder Befruchtung: 22-24Cäsarismus) folgende Phase, die ich Einnistung (oder Nidation: 0-2Einnistung) nenne, wird der Synkretismus unumkehrbar und durch die diesbezügliche Passivität der betreffenden Kultur zur „offenen“ Variante des Synkretismus seitens der aktiven Überfremder oder Erneuerer.

Indonesien, zuvor unter hinduistischen und buddhistischen Einflüssen, wurde zwischen dem 13. Jh. und dem 16. Jh. islamisiert. Auch die Niederländer - seit dem 16. Jh. zog sie der Gewürzhandel nach Indonesien - verhinderten die Ausbreitung des Islam nicht, obwohl sie innerhalb von 300 Jahren ihr Einflußgebiet auf ganz Indonesien erweiterten.

Zu Carl Schmitt (1888-1985 Schmitt) merkt Norbert Bolz (*1953 Bolz) an: „Der Haß Carl Schmitts gegen den ökonomistischen Denkstil des Liberalismus war sehr hellsichtig. Denn in der Tat läßt sich die urpolitische Freund-Feind-Unterscheidung weder auf den Konkurrenten auf dem Markt noch auf den Diskussionsgegner in der Arena der bürgerlichen Öffentlichkeit anwenden. Der Kampf um Anerkennung wandelt sich unter Bedingungen des Marktsystems zur Konkurrenz um einen Dritten, nämlich den Kunden.“ (N. Bolz, Das konsumistische Manifest, 2002, S. 15). Vgl. Bolz' „Grundthese des konsumistischen Manifests“ ().

Das Abendland-Europa (EuropaKarte) hat seit seinem Ursprung, seit seinem von Kontrollgenen (Germanen Germanen) gesteuerten Keim, einen „Kern“, ein „Herz“ (Deutschland), aber auch Grenzen! „Die Grenze der abendländischen Kultur lag immer dort, wo die deutsche Kolonisation zum Stillstand gekommen war.“ (Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, 1933, S. 17). Das Abendland bzw. „Europa“ muß auch heute (als „EU“ ! EU) zu seinen Grenzen stehen, denn es kommt nicht einseitig darauf an, unsere „Nachbarn“ zu verstehen; noch mehr kommt es nämlich darauf an, daß wir wieder lernen, uns selbst zu definieren, z.B. auch um zu verhindern, daß wir uns gar nicht mehr begreifen - wie sie uns (!). „Nur ein Dummkopf kann sich heute schämen, ein »alter Europäer« (Vgl. Alt-Europa) zu sein.“ (Peter Scholl-Latour, Rumsfeld gegen das »Alte Europa«, in: Weltmacht im Treibsand, 2004, S. 14). (Rumsfeld). Und laut Hans-Ulrich Wehler „sind die russischen Gebiete nie Teil Europas gewesen. Sie haben kein europäisches Bürgertum, keine Bürgerstädte, kein europäischen Adel, keine europäischen Bauern gehabt; sie haben keine Reformation erlebt, keine Wissenschaftsrevolution, keine Aufklärung; und seit Peter dem Großen jagt nun Rußland - und die Bolschewiken haben das noch mal 70 Jahre getan - in einer atemlosen Aufholjagd hinter Europa her, um endlich sozusagen europaähnlich zu werden, aber es ist nicht Europa ! Und dasselbe gilt seit Kemal Atatürk, also seit den 1920er Jahren, für die Türkei in noch viel strengerem Maße.“ (Hans-Ulrich Wehler, im Fernsehsender ZDF: Wo endet Europa?, in: Im Glashaus - Das Philosophische Quartett, 02.05.2004). Ähnlich wie Wehler argumentiert ja auch Huntington (Huntington). EU

Das Wort „Europa“ war im Abendland anfangs selten zu hören, danach lediglich ein gelehrter Ausdruck der geographischen Wissenschaft, die sich seit der Entdeckung Amerikas (1492 1492) „am Entwerfen von Landkarten entwickelt hatte“, bevor es später allmählich immer mehr und „unvermerkt auch in das praktische politische Denken und die geschichtliche Tendenz“ eindrang. (Vgl. Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, 1933, S. 17; vgl. auch meine Definition: „EuropäismusEuropäismus). Abendland oder Europa

Je häufiger „Europa“ (Europa) zu hören war (ist), desto „moderner“ wurde (wird) die „Moderne“ (Europäismus). „Europäismus“ ist für für mich ein Synonym für die abendländische „Moderne“. Er bezieht sich auf alles, was die abendländische Kultur aus ihrem ganz eigenartigen Selbstverständnis heraus in Verbindung mit Europa brachte, bringt und bringen wird. Eines der frühen Beispiele hierfür ist Karl der Große (747-814; 754 Königssalbung, 768 König, 800 Kaiser Karl der Große), der „Vater Europas“ genannt wurde. Der Begriff „Europa“ war im Abendland zwar von Beginn an präsent, wurde aber erst später häufiger (vor allem auch im geographischen Sinne) verwendet, z.B. seit der „Neuzeit“ und eben ganz besonders seit der „Moderne“, das heißt: seit der „Industriellen Revolution“ (Industrielle Revolution) bzw. „Bürgerlich-Napoleonischen-Revolution“ (NapoleonismusNapoleon I.). Abendland oder Europa

Michael Howard (Howard), Lessons of the Cold War, in: Survival 36, 1994, S. 102f.; Pierre Bahar, Central Europe: The New Lines of Fracture, in: Géopolitique, 1992, S. 42; Max Jakobson, Collective Security in Europe Today, in: Washington Quarterly 18, 1995, S. 69; Max Beloff, Fault Lines and Steeples: The Divided Loyalties of Europe, in: National Interest 23, 1991, S. 78. (Vgl. S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, Anmerkung auf S. 559). Differenzierter als die Vorstellungen Howards und Huntingtons ist meine „Europa“-Definition („Europa“-Definition) wegen der Tatsache, daß es die Abendländer selbst waren, die „Europa“ als geographischen Begriff einführten und so ungewollt die Grenzen des Abendlandes verwischten. (Europa). Denn die Ostgrenze des Abendlandes war im 8. und 9. Jh. die Ostgrenze des Fränkischen Reiches (KarteKarte), nach der Teilung des Fränkischen Reiches im 9. Jh. die Ostgrenze des Ostfränkischen Reiches (Karte), also: des Deutschen Reiches (Karte). Erst mit der von den Deutschen betriebenen Christianisierung und Kolonisierung verschob sich die Grenze des Abendlandes nach Osten, und zwar über (das heute so genannte) Ostmitteleuropa bis nach Osteuropa, nämlich bis zu der Grenze in Osteuropa, wo die Christianisierung wegen der griechisch-byzantinischen Konkurrenz (Orthodoxie) und die Kolonisation wegen des Mangels an Menschen seit dem 14. und 15. Jh. zum Stillstand gekommen war (Ende der deutschen Ostkolonisation). Graphik („Europa“-Definition)

Francis Fukuyama (): The End of History?,  1989; Das Ende der Geschichte?,  1989; The End of History and the Last Man, 1992; Das Ende der Geschichte - Wo stehen wir?,  1992.  (??). Fukuyamas hegelianische und auch nietzscheanische These vom „Ende der Geschichte“ ewiger Kämpfe, da das westliche Modell (also: die abendländische Kultur) global gesiegt habe, bietet für Huntington (Huntington) „keine gehaltvolle Analyse“, so Hans-Ulrich Wehler (*1931Wehler): „Vielmehr sieht Huntington in den Zusammenstößen, Reibungen, Konflikten zwischen den großen Kulturkreisen auf der Basis unterschiedlicher Religionen und divergierender Weltbilder die Hauptrolle künftiger Auseinandersetzungen.“ (Hans-Ulrich Wehler, Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts, 2003, S. 61). Vgl. auch Wehlers Hinweis auf die „Friktionen“ (Friktionen) von Carl Philipp Gottfried von Clausewitz (1780-1831): Vom Kriege, 1816 (Clausewitz). Friktionen beachten! (Friktionen). Huntington bemängelt übrigens schon im 1. Überkapitel (Welt aus KulturenZitate) und dort im 1. Kapitel (Die neue Ära der WeltpolitikZitate) vier gängige Paradigmen: (1.) „Eine Welt: Euphorie und Harmonie“ (ebd., S. 33-36); (2.) „Zwei Welten: Wir und Die“ (ebd., S. 36-38); (3.) „184 Staaten, mehr oder weniger“ (ebd., S. 38-41); (4.) „Reines Chaos“ (ebd., S. 41-42),. Und: „Man vermeidet viele dieser Schwierigkeiten, wenn man die Welt als bestehend aus sieben oder acht Kulturkreisen (?Problem?) begreift.“  (Ebd., S. 43). Also: Kultureller Ansatz (Kultureller Ansatz). Huntington

„In Huntingtons Fußnote dazu heißt es: „Den Zusammenhang zwischen Macht und Kultur verkennen fast einhellig sowhl jene, die meinen, eine universale Kultur sei im Entstehen begriffen und müsse es sein, als auch jene, die behaupten, Verwestlichung sei eine Vorbedingung für Modernisierung. Sie wollen nicht erkennen, daß sie nach der Logik ihrer Argumantation auch die Expansion und Konsolidierung westlicher Weltbeherrschung unterstützen müßten und daß andere Gesellschaften, die über ihr Schicksal frei selbst bestimmen können, alte Credos, gewohnheiten und Praktiken bekräftigen, die den Universalisten zufolge fortschrittlich sind. Die Leute, die die Vorzüge einer universalen Zivilisation vertreten, vertreten jedoch für gewöhnlich nicht auch die Vorzüge eines universalen Imperiums.“  (S. P. Huntington, ebd., Anmerkung 11, S. 548).

Vgl. apollinisches Seelenbid und einzelkörperliches Ursymbol der antiken Kultur, dagegen aber faustisches Seelenbild und raumunendliches Ursymbol des Abendlandes. Huntington umschreibt solche unumgänglichen Phänomene zu ungenau oder zu undifferenziert, wenn er z.B.  immer nur  von einer „Eigenart“ spricht! (Huntington). Das, was für die abendländische Kultur hinsichtlich des seelisch-geistigen Überlebens von unersetzlicher Bedeutung war, ist und in Zukunft (auch laut Huntington) bleiben soll, nennt er einfach nur „westliche Eigenart“ ! (Seelenbild und Ursymbol). Zu den westlichen Werten und Institutionen zählt er vor allem Christentum, Pluralismus, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit. Das ist zwar aus moderner Sicht gesprochen richtig, aber nicht entscheidend für Existenz, Leben und Überleben der abendländischen Kultur. Das Christentum ist als ursprüngliches Produkt der magischen Kultur () unser Erbe und deshalb nur in abgewandelter Form unser „eigenes“ Kulturprodukt (die Abendländer haben sich mehr an dem Christentum abgearbeitet und es dabei immer mehr anders verinnerlicht - also nicht so wie noch z.B. Paulus, Augustinus und auch noch spätere „Vor-Denker“Vordenker). Pluralismus, Individualismus, Rechtsstaatlichkeit u.ä. sind zwar eine abendländische „Eigenart“, also eine „westliche Eigenart“ (Huntington), aber mit ihnen allein läßt sich die ur-/vorkulturelle, die frühkulturelle und teilweise auch noch die hochkulturelle Geschichte des Abendlandes nicht hinreichend erklären. Diese Sichtweise ist eindeutig eine spätkulturelle: sie ist modern, sie ist zivilisiert und sie ist typisch für Nationen, die nur Teil dieser spätkulturellen Entwicklung des Westens sind, z.B. Nordamerikaner ! Das, was uns zu Abendländern (zu Westlern, wie Huntington sagt) gemacht hat, ist die nur durch das kultur-kontrollgenetische Germanentum (Germanen) ermöglichte und darum erst tatsächlich zu einer Eigenart gewordene Abarbeitung unseres Erbes, das aus zwei elterlichen Komponenten besteht: was wir vom „Apollinisch-Antiken“ (z.B. von der griechischen Philosophie, vom römischen Recht, von der Idee des römischen Reiches u.s.w.) und vom „Christlich-Magischen“ (vom Gnaden-Dualismus, vom Pneuma-Consensus, von der fleischlichen Auferstehung u.s.w.) zu übernehmen versucht haben, war nie das, was es in der beiden anderen Kulturen jeweils bedeutet hat. Mit dem faustischen Seelenbild und dem raumunendlichen Ursysmbol läßt sich viel besser erklären, warum die abendländische Kultur eine zutiefst vom extrem dynamischen Drang zu Wissen und Taten beseelte Kultur ist, die in der Sprache der Raumunendlichkeit und in unendlich vielen Nationalsprachen spricht, an die Grenzenlosigkeit von Technik und Wissenschaft glaubt. Was die morgenländisch-magischen Menschen (die nicht nur Moslems sind!) als unverständlich und häufig sogar als gottlos bezeichnen, das ist unser Glaube, unsere Theologie, unsere Religion, unsere Philosophie, kurzum: unsere Kultur. Die Morgenländer wittern Unglauben und Ungeist in dem, was die Abendländer als höchste Errungenschaft ansehen. Denn die Abendland-Kultur ist vor allem da religiös, wo sie den rationalistisch-wissenschaftlichen Glauben pflegt - ganz dynamisch und grenzenlos.Seelenbild und Ursymbol

Clausewitz' Friktionen wurden offenbar auch von Huntington beachtet. Huntington sieht „in den Zusammenstößen, Reibungen, Konflikten zwischen den großen Kulturkreisen auf der Basis unterschiedlicher Religionen und divergierender Weltbilder die Hauptrolle künftiger Auseinandersetzungen.“ (Hans-Ulrich Wehler, Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts, 2003, S. 61). Also: Friktionen beachten! Friktionen

Huntington lobt z.B. die Periodiserung der Entwicklungsgeschichte historisch belegter Kulturen von Quigley () als „die wahrscheinlich brauchbarste Periodisierung“. (Vgl. William Caroll Quigley, The Evolution of Civilizations. An Introduction to Historical Analysis, 1961, S. 146ff.). Und Quigleys „These zufolge nahm die westliche Kultur zwischen 370 und 750 n. Chr. (eher meine ich: zwischen 80-150 und 750 n. Chr.; vgl. meine Einteilung in 3 ur-/vorkulturell-winterliche Phasen:(0-2)) allmählich Gestalt an“ - und zwar, wie ich behaupte, indem sie Elemente der apollinisch-antiken, der magisch-arabischen und der germanischen Kultur (Huntington: „Barbaren-Kultur“) so vermischte, um Geburt oder Stehvermögen () zu erreichen. Diese Phase dauerte von der Mitte des 8. Jahrhunderts bis zum Anfang des 11. Jahrhunderts (für Quigley bis zum Ende des 10. Jahrhunderts). Es folgte die Phase mit Trotz oder Kampf ums Selbst () und danach die Phase mit deutlich gewordenem Kultursymbol oder Kulturspracherwerb (). Die Phasen vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bezeichne ich als hochkulturell-sommerlich (vgl. meine Einteilung in 3 hochkulturell-sommerliche Phasen:(12-14)), die Phasen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 23. Jahrhunderts als spätkulturell-herbstlich (vgl. meine Einteilung in 3 spätkulturell-herbstliche Phasen:(18-20)). Laut Huntington und eben auch „nach Auffassung Quigleys und anderer Kulturhistoriker scheint der Westen gegenwärtig dabei zu sein, aus einer ... Konfliktphase herauszutreten“ (Huntington, ebd., S. 497) - nach meiner Theorie bedeutett das: aus der zweiten spätkulturell-herbstlichen Phase in die dritte spätkulturell-herbstliche Phase. Die dritte spätkulturell-herbstliche Phase ist die letzte spätkulturell-herbstliche Phase. Und was auf den Herbst folgt, ist bekannt!

Huntington (Huntington) zitiert W. C. Quigley, The Evolution of Civilizations. An Introduction to Historical Analysis, 1961 (). Die Auffassung Quigleys und anderer Kulturhistoriker berücksichtigend, notierte Huntington für die Gegenwart, das heißt für die Zeit um 1996, als er sein Buch schrieb: daß „der Westen gegenwärtig dabei zu sein“ scheint, „aus einer ... Konfliktphase (Krise) herauszutreten.“ (Vgl. Samuel Phillips Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 497). Wie Huntington schon im 2. Kapitel (Kulturen in Geschichte und Gegenwart, ebd., S. 49-75Huntington) darlegt, entwickelt der Westen heute das Äquivalent eines Weltreiches in Form eines komplexen Systems von Staatenbünden, Bundesstaaten, Regimen und anderen Arten von Institutionen der Kooperation, die auf kultureller Ebene die Bindung des Westens an eine demokratisch-pluralistische Politik verkörpern. „Der Westen ist, mit einem Wort, eine »reife« Gesellschaft an der Schwelle dessen geworden, was künftige Generationen als ein »goldenes Zeitalter« () betrachten werden, eine Periode des Friedens, die laut Quigley resultiert aus »dem Fehlen rivalisierender Einheiten im Inneren der betreffenden Zivilisation (bzw. Kultur) und aus der Entferntheit oder dem Fehlen von Kämpfen mit anderen Gesellschaften außerhalb ihrer«. Es ist auch eine Periode der Prosperität, vorbereitet durch die »Beendigung innerer kriegerischer Zerstörung, die Beseitigung innerer Handelsbarrieren, die Einführung eines gemeinsamen Maß-, Gewichts- und Münzsystems und das extensive System von Refierungsausgaben im Zusammenhang mit der Errichtung eines Weltreichs.« In früheren Kulturen endete diese Phase des seligen Goldenen Zeitalters mit ihren Unsterblichkeitsvisionen () entweder dramatisch und schnell mit dem Sieg einer fremden Gesellschaft oder langsam, aber nicht minder schmerzhaft durch inneren Zerfall.“ (Samuel Phillips Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 497-498Huntington).Huntington

Huntingtons 12. Kapitel ist zugleich das letzte Kapitel: „Der Westen, die Kulturen, »Zivilisation« (S. 495-531). Unterkapitel: 12.1) „Erneuerung des Westens?“, 12.2) „Der Westen in der Welt“, 12.3) „Krieg der Kulturen und Weltordnung“, 12.4) „Die Gemeinsamkeiten der Kulturen“. Das 12. Kapitel ist zugleich auch der 5. und letzte Teil: „Die Zukunft der Kulturen“. (Vgl. S. P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 495-531).

Auf-und-Ab-Schematisierung menschlicher Geschichte: Linear-zyklisches Schema (Schema), Konjunktu(h)r (Konjuktu(h)r), Kultu(h)r (Kultu(h)r). Geschichte verläuft nicht nur linear, sondern auch zyklisch. Sie hat also auch Ähnlichkeit mit Kreisläufen oder Periodizitäten. Die Jahreszeiten und die Wiederkehr von Tag und Nacht sind kosmologisch bedingte Ereignisse. Zwei Arten von Zeitlichkeit haben ihre Geburtsstäte im Haus der bewohnten Uhr: die eine Art der Zeit läuft auf ein Ereignis zu, die andere Art der Zeit dient der ewigen Wiederkehr des Gleichen - im Kreis drehend!

„Mediatisierung“ bedeutete zwischen 1803 und 1806 für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation Verlust bzw. Entzug einer immediaten Stellung (Reichsunmittelbarkeit); in dieser Zeit erfolgte die Aufhebung reichsunmittelbarer Stände und ihre Unterwerfung unter die Landeshoheit eines anderen weltlichen Reichsstandes. Was damals mit der „Bürgerlichen Revolution“ bzw. dem „Napoleonismus“ (18-20Napoleon I.) begann, wird seit einigen Jahren und natürlich auch in Zukunft durch die „Bürgerliche Globalmediatisierung“ bzw. den „Globalismus“ (18-20) der Vollendung zugeführt (werden) - ganz „zeusiokratisch“ - befruchtend oder cäsaristisch! (18-20). Pressefreiheit bedeutet nämlich seit einiger Zeit, daß etwa 200 reiche Menschen ihre Meinung medienmächtig verbreiten. Ansonsten ist sie die Freiheit, von der verlassensten Ecke des Universums aus ins unendliche Nichts zu sprechen. Die Zeusiokratie (Jupiterherrschaft) - jovial, wie sie ist - räumt den Menschen die großzügigste Freiheit aller Freiheiten ein, nur: gerade dadurch verlieren viele Menschen sie wieder, weil auch die wenigen Reichen mit Recht die Freiheit genießen. Nur die Zeusiokratie ist mächtiger als die Plutokratie. Weil aber die Zeusiokratie mit oder ohne Plutokratie funktioniert, ist man ihrer Doppeldeutigkeit vollends ausgeliefert (Zeus): QUOS JUPITER VULT PERDERE DEMENTAT (Wen Jupiter verderben will, dem raubt er den Verstand)!

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