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Bisamrck
Napoleon(e) B(u)onaparte
(15.08.1769 - 05.05.1821
)
Napoleon oder:
Wie die
Katastrophe
begann!
- 1779-1784) Miltärschule in Brienne
-   seit 1785) Leutnant der Artillerie
-   seit 1793) Anschluß an die Bergpartei
-   seit 1794) Brigadegeneral
-   seit 1795) Befehlshaer der Armme im Innern
-   seit 1796) Oberbefehlshaber der Italienarmee
- 1796-1809) Ehe mit Joséphine de Beauharnais
- 1804-1814/15) Kaiser der Franzosen
Napoleon Bonaparte, nein: Napoleone Buonaparte fühlte sich nicht als Franzose, sondern träumte von der Befreiung Kosikas von der französischen Herrschaft, die 1768 begonnen hatte - also nur ein Jahr vor seiner Geburt -, weil Genua von den Franzosen gezwungen worden war, die Insel abzutreten. Napoleon unterstütze die Unabhängigkeitsbewegung unter Pasquale Paoli (1725-1807). 1793 schloß sich Napoleon der Bergpartei (Montagnards) an - sie war während der französischen Revolution die radikalste Gruppe in der „Ansemblée législative“ und im Konvent, wo ihre Mitglieder auf den höher gelegenen Sitzreihen Platz zu nehmen pflegten. Die Bergpartei war eine geschlossene Front gegen die gemäßigten Girondisten und wurde 1795 unterdrückt. Mehr

Zum modernen Krieg der Nationen führte, was Napoleon durch das Revolutionsheer der Levée en masse in seiner neuartigen Gliederung ermöglicht wurde: die Durchführung schneller Märsche und überraschendew Truppenkonzentrationen an strategisch entscheidender Stelle. Die zumeist widersprüchlichen Beurteilungen entprechen scheinbar der komplexen Persönlichkeit Napoleons und seiner Stellung zwischen (französischer) Revolution, aufgeklärter Reform und Reaktion. Vgl. Metternich

Mit dem Überfall auf Italien - dem sogenannten „Italienfeldzug“ (1796-1797) - innerhalb der 1. Koaltitionskrieges (1792-1797 errang Napoleon nicht nur militärischen Rum, sondern bewies mit der territorialen und republikanischen Umgestaltung Italiens, seinem eigenmächtigen Friedensschluß mit dem Papst (Pius VI.Pius VI.) und mit den Habsburgern seine politische und administrative Begabung und Selbständigkeit. Im Dezember 1797 übertrug ihm das Direktorium den Oberbefehl über die Englandarmee und gestand ihm die die Durchführung der ägyptischen Expedition (1798) zu, es war natürlich ein Ägyptenfeldzug (1798-1799). Militärische Rückschläge in Deutschland und Italien zu Beginn des 2. Koaltionskrieges (1799-1802), der wachsende Mißkredit des Direktoriums und die von Mitverschwörern um Emmanuel Joseph Sieyès (1748-1836) schließlich unterschätzte Beliebtheit Napoleons ermöglichten den Staatsstreich vom 18. Brumaire des Jahre VIII - also:  9. November 1799.

„18. Brumaire ... 9. November. Sein historischer Inhalt ist der Staatsstreich Napoleon Bonapartes, der im Jahr VIII der neuen Zeitrechnung, an ebenjenem Nebelmonat-Tag, von seiner gescheiterten ägyptischen Expedition über Fréjus nach Paris zurückkehrend, in Frankreich als alleinregierender Erster Konsul die Macht ergriff und in der zivilen Maske des römischen Princeps inter pares damit begann, sein Land in die politische, also die nationalimperialistische Modernität zu führen, die sich nach innen hin als Demokratie vorstellt und nach außen als imperiale Großmacht agiert. In diesem Sinne ist der französische 9. November 1799 ... das Schlüsseldatum der jüngeren europäischen politischen Geschichte“ (Peter Sloterdijk, Der starke Grund, zusammen zu sein, 1998, S. 13-14Peter Sloterdijk):

„Wir haben den Roman der Revolution beendet.
Wir müssen mit ihrer Historie beginnen,
unser Augenmerk nur auf das richten, was bei der
Anwendung unserer Prinzipien real und möglich ist,
und nicht auf das Spekulative und Hypothetische.
Heute einen anderen Weg einzuschlagen hieße
zu philosophieren und nicht zu regieren.“
(Napoleon Bonaparte, 9. November 1799).

„Wir haben den Roman der Revolution beendet! Man kann diesen Satz nicht oft genug wiederholen, und es wäre auch nur, um ganz zu ermessen, worin seine Verheißung und sein Dkandal bestehen. Wer diesen Satz nicht immerzu im Ohr behält, wird das Geheimnis europäischer Brumaire-Politiken und November-Krisen nie so recht verstehen. Denn was der große Korse mit seinem Diktum in die Welt gesetzt hat, ist nichts anderes als die weltgeschichtliche Formel nach-revolutionärer bürgerlicher Realpolitik - die sich hierdurch als ein Konzept erweist, an dem Bonaparte, nicht Bismarck (Bismarck) das Urheberecht besitzt. Realpolitik bedeutet, von der revolutionären Romaneske der Freiheit auf die Prosa der nationalen Wirtschaftsimperialismen umzustellen.“ (Peter Sloterdijk, Der starke Grund, zusammen zu sein, 1998, S. 14-15Peter Sloterdijk).

Karl Marx (1818-1883Marx) „hat in einem bekannten Passus seiner Studie Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte ( Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte) von 1852 die politisch-Ökonomische Grundlage der napoleonischen Herrschaft herausgestellt, indem er betonte, daß Bonaparte mit seiner populären Diktatur eine Klasse und deren noch unzureichend artikulierten Bedürfnisse vertrat, »und zwar die zahlreichste Klasse der französischen Gesellschaft, die Parzellenbauern«. (Karl Marx, ebd., S. 198Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte). Was Marx an dieser »ungeheuren Masse, deren Glieder in gleicher Situation leben, aber ohne in mannigfache Beziehung zueinander zu treten« (Karl Marx, ebd., S. 198Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte), hervorhebt, ist insbesondere ihre Zersplitterung und ihre Unfähigkeit, aus der Ähnlichkeit ihrer Lage auf ein gemeinsames Interesse zu schließen: »Ihre Produktionsweise isoliert sie voneinander, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen. Die Isolierung wird gefördert durch die schlechten französischen Kommunikationsmittel und die Armut der Bauern. Jede einzelne Bauernfamilie genügt beinahe sich selbst ... Die Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andre Parzelle, ein andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf, und ein Schock von Dörfern macht ein Departement. So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kartoffeln einen Kartoffelsack bildet.« (Karl Marx, ebd., S. 198Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte). Der Kontext macht klar, daß Marx hier als Schaum-Phänomenologe ante litteram argumentiert, indem er die gleichförmigen Einheiten der parzellenbäuerlichen Vielheiten in einem additiv gebildeten Kollektiv zusammengefaßt sieht - die Ausdrücke Dorf, Departement und Kartoffelsack liefern unverkennbar aphrologische Metaphern für strukturschwache ZeIlen-Agglomerationen. Sie sollen verdeutlichen, daß und warum ein Gebilde dieser Art tel quel außerstande ist, Parteilichkeit oder Klassensubjektivität an den Tag zu legen - wobei nach der Ansicht von Marx nur eine »revolutionäre« und vom Willen zur Macht erfüllte Klasse in der Lage wäre, ihren eigenen politischen und immunitären Interessen Genüge zu tun. In diesen Überlegungen sind unverkennbar Nachklänge Hegelscher (Hegel) Strukturgedanken zu vernehmen, so sehr sich der Referent der Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821Hegel) über die Vorstellung mokiert hatte, ein »bloßer atomistischer Haufen von Individuen« (§ 273) könne sich aus eigenen Kräften zu einer rechtlich geordneten Existenz oder gar zu einer Verfassung aufschwingen. Ein von Klassenbewußtsein durchdrungener »Haufen« hätte gleichwohl mindestens die Hälfte des Weges zu einer vernünftigen Verfassung zurückgelegt. Über die Länge der Strecke macht sich der Autor des Achtzehnten Brumaire kaum Illusionen; er wirft einen harten Blick auf die Verhältnisse, die im Innern jeder einzelnen Einheit des Parzellen- Universums für Verdunkelung und Isolierung sorgen: »Das Parzelleneigentum ... hat die Masse der französischen Nation in Troglodyten verwandelt. Sechzehn Millionen Bauern (Frauen und Kinder eingerechnet) hausen in Höhlen, wovon ein großer Teil nur eine Öffnung, der andre nur zwei, und der bevorzugteste nur drei Öffnungen hat. Die Fenster sind an einem Haus, was die fünf Sinne für den Kopf sind.« (Karl Marx, ebd., 1852, S. 201Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte). Wenn es einen Anlaß gab, die »Idiotie des Landlebens« zu konstatieren, dann materialiter aufgrund der (durch die französische Fenstersteuer mitbedingten) geringen Zahl von Öffnungen in den Wohnverschlägen der Bauern - formaliter aufgrund der Isolierungen, die verhindern, daß die Bewohner der Parzellen den Übergang von der Seinsweise einer Klasse an sich zu der einer Klasse für sich vollzögen. Fensterlosigkeit steht für Mangel an Kommunikation, Aufklärung und Solidarität. Unter diesem Gesichtspunkt bilden die Parzellenbauern ein Para-Proletariat; sie sehen sich, wie das Industrieproletariat, der Aufgabe gegenüber, aus der isolierten und unpolitischen in die organisierte, politisch virulente Existenzweise überzugehen. Dies kommt dem Programm gleich, den »Kartoffelsack« in die Partei zu transformieren - oder, um urbanistisch zu reden, der Forderung, die Agglomeration der in sich verschlossenen Höhlen in eine kommunikativ beatmete nationale Arbeitersiedlung, ja in eine klassenumspannende internationale Kommunalwohnung umzuwandeln. Wo isolierte Höhlen waren, sollen politische Bewegungen, militante Gewerkschaften, interessenbewußte Klassenkampfverbände entstehen - wir würden sagen solidarische Schäume, und zwar um auszudrücken, daß die vielzitierten Werktätigen in systemischer Sicht weder ein Geschichtssubjekt sind noch eine »Masse«, sondern eine immunitäre Allianz. Der Marxsche Diskurs beruht auf der Annahme, daß mit dem Ausdruck »Klasse« das wahre und wirkliche Kollektivformat der Parzellenbauernschaft beschrieben sei und daß daher mit der Entstehung von »Klassenbewußtsein« und einer entsprechenden offensiven oder »revolutionären« Interessenpolitik der entscheidende Immunitätsvorteil für die Angehörigen dieser »Klasse« erobert werden könnte. Hier zeigt sich, wie die sozialistische Theorie des 19. Jahrhunderts das Epochenthema entdeckte, das festzuhalten ihr jedoch infolge von falschen begrifflichen Vorentscheidungen nicht gelang - jene Verschränkung von Immunität und Kommunität, in der sich seit jeher die »Dialektik« oder kreiskausale Wechselwirkung von Eigenem und Fremdem, Gemeinsamem und Nicht-Gerneinsamem vollzieht. In dem besudelten und irrekuperablen Begriff des Klassenbewußtseins verbirgt sich weiterhin der nicht zu Ende gedachte Hinweis darauf, daß gerade im Zeitalter zunehmender Individualisierung, Parzellierung und Isolierungschancen den Einzelzellen daran gelegen sein kann, sich mit einer größeren Einheit von Gleichsituierten zu solidarisieren, um ihre Interessenvertretung zu optimieren. Merken wir an, daß sich im Ausdruck »Volksgemeinschaft« eine analoge Problematik verbirgt - ein Wort, das ähnlich entstellt und von künftiger affirmativer Verwendung ausgeschlossen ist. Könnte es nicht sein, daß der Begriff Interesse als solcher (zumal in Zusammensetzungen wie nationales Interesse, Klasseninteresse, Unternehmensinteresse, Einwohnerinteresse) immer schon eine verdeckte Metapher für nur kommunitär erzielbare Immunvorteile war?“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 578-581). Vgl. „Zelle und Weltblase“ Sloterdijk

9. November (Beispiele)
701799191819231938193919691989
Römer zerstören
Jerusalem
(Judenpogrom)
Napoleons
Staatsstreich
(der „18.
Brumaire“)
Ende des
1. Weltkriegs
Hitler-Putsch
Reichs-
Kristallnacht
(Judenpogrom)
Attentat auf Hitler
(Attentäter:
Georg Elser)
Linksextreme
bombardieren jüdische
Gemeinde in Berlin
„Fall der
Mauer“

 


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Das „französische Problem“ war eine Gefahr, weil durch die Revolution, die Revolutionskriege und die damit verbundene „2. Tyrannis“ (vgl. Napoleonismus Napoleonismus) die abendländisch-europäische Ordnung bzw. das (besonders für England wichtige) Gleichgewicht (Pentarchie) der europäischen Großmächte umgeworfern bzw. auch tatsächlich aus dem Gleichgewicht gebracht worden war und deshalb die Befürchtung davor auch nach Napoleons Niederlage (Wiener Kongreß) stets vorhanden blieb. Das mit diesem Etikett versehene Frankreich erhielt erst durch das „Versailler Diktat“ (Versailles (1919)Versailler Diktat) die Möglichkeit, seine „negative Rolle“ auf Deutschland zu übertragen.

Der Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein (1757-1831) wurde von Preußen zum leitenden Minister berufen und führte ab 1807 umfangreiche liberale Reformen durch, die nach seiner Entlassung 1808 von Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822) in einem etwas anderen Geist fortgesetzt wurden. Und dieses gesamte Reformwerk, die Stein-Hardenberg-Reformen also, wirkte mehr oder weniger auf das gesamte Deutschland und bedeutet mehr als in den meisten Geschichtsbüchern steht. Stein war ein Gegenspieler Napoleons, hat ihm getrotzt, aber auch dem preußischen König Friedrich-Wilhelm III., der ihn mehrmals entlassen wollte und einmal auch ließ. „Der Freiherr vom Stein ... war einer von denen, die zwischen dem Gestern und dem Morgen standen, er hatte gleichzeitig die große Vergangenheit und die große Zukunft in Blick. Er hat die französischen mit den englischen Reformideen vereint, die Bauern befreit, die städtische Selbstverwaltung vorangetrieben, Napoleon wie auch seinem König die Stirn geboten. Er war Praktiker und Visionär - was für eine Gestalt!“ (Hagen Schulze auf die Frage, welche geschichtliche Figur für ihn exemplarisch verkörpere, was deutsch sei, in: Matthias Matussek, Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können, 2006, S. 163). Derartige moderne Reformen für Bauern, Städte und Verwaltung sind eine Voraussetzung für einen (oft „fortschrittlich“ genannten) modernen Staat mit rasch wachsendem Wohlstand. Und am unblutigsten erreicht man sie über Verträge und Reformen, wie die Beispiele England und Deutschland zeigen. In Frankreich, wo die Leibeigenschaft auf den königlichen Domänen 1779 beseitigt worden war, wurden die persönlichen Lasten im Zuge der Bürgerlichen Revolution von 1789 ohne Ablösung aufgehoben. In Frankreich wurde eben nicht unblutig reformiert, sonder blutig revolutioniert.

Klemens Wenzel von Metternich (1773-1859), in Koblenz geboren, war Graf und Fürst (seit 1813) von Metternich-Winneburg sowie Herzog von Portella (seit 1818). Er studierte Rechts- und Staatswissenschaft sowie Geschichte in Straßburg und Mainz, später Naturwissenschaft und Medizin in Wien. Als Gesandter der westfälischen Grafenbank nahm er 1797-99 am Kongreß von Rastatt teil. 1801-03 war er Gesandter in Dresden, 1803-06 in Berlin, 1806-09 Botschafter in Paris. Nach der österreichischen Niederlage gegen Frankreich (1809) zum österreichischen Außenminister ernannt, verschaffte er seinem Land durch Anlehnung an Napoleon I., dessen Heirat mit der österreichischen Kaisertochter Marie Louise er unterstützte, eine Ruhepause. Nachdem Metternich mit Napoleon für dessen Rußlandfeldzug 1812 österreichische Hilfe vereinbart hatte, vollzog er, mit Rußland laufend in Kontakt geblieben, den Anschluß Österreichs an die Koalition gegen Frankreich; seitdem unterstützte er also (insgeheim) die Befreiungskriege, die bis dahin hauptsächlich von Preußen und Spanien betrieben worden war. Im Sinne der europäischen Gleichgewichtspolitik (Pentarchie) wirkte Metternich im 1. Pariser Frieden (1814) auf die Schonung Frankreichs hin. Auf dem unter Metternichs Vorsitz tagenden Wiener Kongreß (1814-15) betrieb er erfolgreich die Wiederherstellung der politischen und sozialen Ordnung in Europa nach den Grundsätzen der Legitimität. (Vgl. Politik der „Restauration“Restauration). Der Wiener Kongreß, die von Ende September 1814 bis Juni 1815 erfolgte Zusammenkunft der europäischen Monarchen und Staatsmänner zum Zweck der politischen Neuordnung Europas nach dem Sturz Napoleons I., erarbeitete - ein verhandlungstechnisches Novum - seine Ergebnisse in Kommissionen und trat formell erst durch seinen Schlußakt ins Leben. Eine herausragende Rolle spielte vor allem der österreichsiche Staatskanzler Klemens W. von Metternich (1773-1859), aber auch der britische Außenminister R. S. Viscount Castlereagh (1769-1822), der preußische Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822), der russische Zar Alexander I. (1777-1825) und (wie erstaunlich!) der französische Vertreter C. M. de Talleyrand (1754-1838), dessen diplomatisches Geschick seinem Land eine nahezu gleichberechtigte Position zurückgewann (!). Der Wiener Kongreß war besonders gekennzeichnet durch das Spannungsverhältnis zwischen der grundlegenden Zielvorstellung des Gleichgewichts europäischer Mächte, das auf einer Restauration (Restauration) vorrevolutionärer Zustände und dem Grundsatz dynastischer Legitimität beruhen sollte, und den Großmachtrivalitäten sowie den faktischen Beharrungskräften der politischen Veränderungen im Gefolge der Napoleon(ist)ischen Herrschaft. Im 1. Pariser Frieden (1814) wirkte Metternich im Sinne der europäischen Gleichgewichtspolitik (also im Interesse der Engländer !) auf die Schonung Frankreichs hin. Auf dem unter Metternichs Vorsitz tagenden Wiener Kongreß betrieb er erfolgreich die Wiederherstellung der politischen und sozialen Ordnung in Europa nach den Grundsätzen der Legitimität. Die „Heilige Allianz“ (Österreich-Preußen-Rußland) formte Metternich zu einem Bund der Fürsten gegen die nationalen und liberalen Regungen der Völker. Als führender europäischer Staatsmann trat Metternich auch auf den Kongressen der Jahre 1820-22 auf, die er zum Instrument legitimistischer Interventionspolitik machte. Im Deutschen Bund (1815-1866Deutscher Bund) setzte er in Zusammenarbeit mit Preußen die rücksichtslose Unterdrückung der freiheitlichen und nationalen Bewegung - vor allem durch die Karlsbader Beschlüsse ( 1819Karlsbader Beschlüsse) - sowie die Festschreibung des monarchischen Prinzips (1820) durch. Als Verfechter dieses Prinzips war Metternich zu keinem Zugeständnis bereit. Das „System Metternich“ war ausgerichtet auf die Erhaltung der politischen und sozialen Ordnung, die auf dem Wiener Kongreß im vorrevolutionären Sinne restauriert worden war. Die Stabilität dieser auf monarchischer Legitimität gegründeten Friedensordnung sah Metternich am besten im Gleichgewicht der 5 Großmächte gesichert, wobei er der Zusammenarbeit der 3 konservativen Großmächte (Österreich, Preußen, Rußland) einen besonderen Wert beimaß. Metternichs politisches Denken war geprägt von kompromißloser Ablehnung der „französischen Revolution“. Die Mittel seiner Politik waren vor allem Kongreßdiplomatie (Kongreßdiplomatie) und militärische Interventionen, Polizeimaßnahmen und Zensur! Zensur

„Auf dem Wiener Kongreß siegte noch einmal das 18. Jahrhundert über die neue Zeit. Das hieß seitdem »konservativ«. Es war nur ein scheinbarer Sieg, dessen Erfolge das ganze Jahrhundert hindurch beständig in Frage gestellt war. Metternich, dessen politischer Blick - was man auch gegen seine Person sagen mag - tiefer in die Zukunft drang als der irgendeines Staatsmannes nach Bismarck, sah das mit unerbitterlicher Klarheit:
»Mein geheimster Gedanke ist, daß das alte Europa am Anfang seines Endes ist.
Ich werde, entschlossen mit ihm unterzugehen, meine Pflicht zu tun wissen.
Das neue Europa ist anderseits noch im Werden;
zwischen Ende und Anfang wird es ein Chaos geben.«
Nur um dieses Chaos zu verhindern, entstand das System des Gleichgewichts der großen Mächte, beginnend mit der Heiligen Allianz zwischen Österreich, Preußen und Rußland. Verträge wurden geschlossen, Bündnisse gesucht, Kongresse abgehalten, um nach Möglichkeit jede Erschütterung des politischen »Europa« zu verhindern ... Was Metternich unter dem Chaos verstand, das er durch seine entsagungsvolle, unschöpferische, nur auf die Erhaltung des Bestehenden gerichtete Tätigkeit solange als möglich von Europa fernhalten wollte, war aber weniger der Verfall dieses Staatensystems mit seinem Gleichgewicht der Mächte als der daneben hergehende Verfall der Staatshoheit selbst in den einzelnen Ländern, die uns seitdem selbst als Begriff so gut wie verlorengegangen ist. Was wir heute als »Ordnung« anerkennen und in »liberalen« Verfassungen festlegen, ist nichts als eine zur Gewohnheit gewordene Anarchie. Wir nennen das Demokratie, Parlamentarismus, Selbstregierung des Volkes, aber es ist tatsächlich das bloße Nichtvorhandensein einer ihrer Verantwortung bewußten Autorität, einer Regierung und damit eines wirklichen Staates.“ (Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung - Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung, 1933, S. 19-24Spengler).

 

„Nach Hegel (Hegel) heißt philosophisch denken
die Ernte des Seienden nach Hause bringen; ...
der Wein der Wahrheit wird aus Spätlesen gewonnen.
Hegels typische Zeiten sind darum Herbst und Abend;
seine bevorzugte Denkfigur ist der Schluß,
seine innerste Farbe das nachtnahe Grau. ...
Bedeutet das Werden eine Schule,
muß diese doch zu einem Abschluß führen;
ist es Prozeß, so kann in ihm
der Moment des Urteils nicht ausbleiben.
In diesem Sinne ist Hegel der Denker der Reife ...
Hegel hätte, im Traum wie in Wirklichkeit,
Napoleon gegenübertreten können mit dem Satz:
Ich bin der Gedanke zu deiner Tat.
...
Durchbruch zum vollbrachten Verfassungsstaat.“
(Peter SloterdijkPeter Sloterdijk)

 

 

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Anmerkungen:


Nach dem Sturz Robespieres 1794 wurde Napoleon aus der Armee entlassen und verhaftet - für kurze Zeit. Er unterstützte das Direktorium bei der Niederschlagung des royalistischen Aufstandes in Paris am 13. Vendémaire des Jahres IV - das heißt also: am 5. Oktober 1795 - und wurde zum Befehlshaber der Armee im Innern und später sogar, nämlich am 2. März 1796, zum Oberbefehlshaber der Italienarmee ernannt. Am 9. März 1796 heiratete Napoleon Joséphine de Beauharnais (Scheidung 1809, weil die Ehe kinderlos geblieben war). - Mit dem Italienfeldzug 1796-1797 innerhalb des 1. Koalitionskrieges errang Napoleon militärischen Ruhm, ja Ruhm überhaupt, denn er bewies seine politische und administrative Begabung und Selbständigkeit mit mit der territorialen und republikanischen Umgestaltung Italiens, seinem eigenmächtigen Friedensschluß mit dem Papst (Pius VI.Pius VI.) und mit Österreich. Im Dezember 1797 übertrug ihm das Direktorium den Oberbefehl über die Englandarmee und gewährte ihm die Durchführung der ägyptischen Expedition (1798). Militärische Rückschläge in Deutschland und Italien zu Beginn des 2. Koalitionskrieges (1799-1802), der wachsende Mißkredit des Direktoriums und die von den Mitverschwörern um Emmanuel Joseph Sieyès schließlich unterschätzte Popularität Napoleons ermöglichten den Staatstreich vom 18. Brumaire des Jahres VIII (9. November 179909.11.1799). Napoleon diktierte die 1800 von einem Plebiszit gebilligte Konsulatsverfassung vom 22. Frimaire VIII (13. Dezember 1799). Als 1. Konsul besaß er die exekutive Gewalt und die Gesetzesinitiative, das Plebiszit sicherte ihm den Vorrang vor den legislativen Versammlungen; die Herrschaftsformen des Bonapartismus zeichneten sich damit ab. In der Zeit von 1800 bis 1804 sicherte Napoleon innenpolitisch eine stabile Ordnung und schuf die rechtlichen, administrativen und sonstigen Grundlagen für die Herrschaft des Bürgertums. Er ersetzte die miteinander konkurrierenden revolutionären Gremien durch ein straff zentralistisches Verwaltungssystem, schuf ein einheitliches Unterichtswesen und machte 1801 mit dem Abschluß des Konkordats mit Papst Pius VII. (Pius VII.) den Klerus durch staatliche Besoldung vom Staat abhängig. Napoleons einheitlicher Code civil von 1804 und seine folgenden Gesetzeswerke sicherten dem Gleichheitsgrundsatz eine Bedeutung über Frankreich hinaus. Napoleon machte sich 1802 zum Konsul auf Lebenszeit, krönte sich selbst am 2. Dezember 1804 zum erblichen Kaiser der Franzosen und am 26. Mai 1805 in Mailand mit der Eisernen Krone der Langobarden zum König von (Ober-) Italien. - Deutschland half Frankreich durch „Verrat“ bzw. „Leugnung“ (genau wie heute), denn: Die Errichtung des Rheinbundes 1806, der die schon drei Jahre zuvor durch den Reichsdeputaionshauptschluß (1803) eingeleitete Neuordnung Deutschlands fortsetzte, die Dekretierung der Kontinentalsperre (1806) und das Bündnis mit Alexander I. von Rußland (1807) bedeuteten für Napoleon den Höhepunkt seiner Macht und für Deutschland ein für alle und jeden Ausländer erbrachtes Opfer: Napoleons Soldaten waren zu einem großen Teil Deutsche, sie kämpften und starben für Frankreich und in Wirklichkeit für England, während ihre Gegner, auch zumeist Deutsche, direkt für England kämpften und starben. - 1810 heiratete Napoleon die österreichische Kaisertochter Marie Louise, die ihm Napoléon, den späteren Herzog von Reichsstadt gebar. Der verlustreiche Rußlandfeldzug 1812-1813 (auch an ihm waren - logisch - zumeist Deutsche beteiligt) brachte den endgültigen Wendepunkt der Napoleonischen Herrschaft; in den Befreiungskriegen 1813-1815 (klar: zumeist waren daran Deutsche beteiligt) wurde seine Herrschaft über Europa beseitigt. Am 31. März 1814 besetzten die Verbündeten Paris; sie zwangen Napoleon zur Abdankung (6. April 1814) und wiesen ihm als Souveraän mit Kaisertitel (!?!) die Insel Elba als Wohnsitz zu. Überschätzte Differenzen der Alliierten auf dem Wiener Kongreß (Wiener Kongreß) und die mangelnde Begeisterung der Franzosen für die auf diesem Kongreß beschlossene Restauration (Restauration) der Bourbonen veranlaßten Napoleon, noch einmal nach der Macht zu greifen. Dieses 1815 erfolgte Intermezzo der 100 Tage endete mit Napoleons Niederlage bei Waterloo (18. Juni 1815). Mehr

Die Restauration (Restauration), die von 1814/15 (Wiener Kongreß Wiener Kongreß) bis etwa 1848/52 andauerte, wollte zu vorrevolutionären Verhältnissen zurückkehren, aber ohne die sozialen, rechtlichen und territorialen Veränderungen, die die französische Revolution und die Napoleonische Neuordnung Europas hinterlassen hatten, in vollem Umfang rückgängig zu machen. Hinter der Restaurationspolitik stand die Gleichgewichtspolitik - als Ablenkungspolitik eine Politik der Engländer! Metternich (1773-1859 Metternich) wollte mit seiner Politik nicht einfach nur die Gegenwart durch die Vergangenheit sichern, sondern die Zukunft möglichst weit aufschieben, weil er deren Schrecken voraussah,: „Mein geheimster Gedanke ist, daß das alte Europa am Anfang seines Endes ist. Ich werde, entschlossen mit ihm unterzugehen, meine Pflicht zu tun wissen. Das neue Europa ist anderseits noch im Werden; zwischen Ende und Anfang wird es ein Chaos geben.“ Spengler

Zu Napoleons Ruhm heißt es z.B. bei Karlheinz Weißmann (Weißmann): „Ein großer Teil von Napoleons politischem Erfolg geht darauf zurück, daß er diese neue Form des französischen Nationalismus benutzte und daß es ihm gelang, einen gewissen Ausgleich zwischen dem jakobinischen - er hatte zu den Parteigängern Robespieres gehört - und dem traditionellen Frankreich herzustellen. Der Kompromiß kam sinnfällig im Konkordat mit dem Heiligen Stuhl und der Teilnahme des Papstes an seiner (Selbst-)Krönung zum Ausdruck. Dabei kann gar kein Zweifel bestehen, daß Napoleon die Religion lediglich für ein wirkungsvolles Mittel sozialer Kontrolle hielt und keinesfalls daran dachte, die geistliche Überlieferung Frankreichs wiederzubeleben. Er hatte zu dogmatischen Fragen ein ähnlich instrumentelles, um nicht zu sagen: zynisches, Verhältnis wie zur Nation selbst. Aber er betrachtete beide als nützlich, mehr noch: als notwendig, um Menschen über ihre Grenzen hinauszutreiben. Der neue Cäsar hielt sich wie Robespiere für die Verkörperung der volonté générale (nach: J. J. Rousseau), aber er wußte auch um die Lebenskraft des traditionellen Frankreich, das ihm das »Kanonenfutter« für seine hochfliegenden Pläne lieferte. Die Existenz der Individuen zählte für ihn nicht, sie schuldeten ihr Leben ganz dem Vaterland. - Der Ruhm Napoleons auch nach Niederlage, Verbannung und Tod speiste sich aus der Tatsache, daß er die französische grandeur zu einer nie gekannten Höhe geführt hatte. In seinem Imperialismus mischten sich untrennbar das Sendungsbewußtsein der Revolution ... und neue Herrschaftsansprüche, die er vor allem aus dem römischen Modell ableitete.“ (Karlheinz Weißmann, Nation?, 2001, S. 64-65Weißmann).

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1832Hegel), Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1821, § 273

Karl Marx (1818-1883Marx), Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1852

Genau wie der heutige „Bund“.

 

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© Hubert Brune, 2001 ff. (zuletzt aktualisiert: 2014).