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- Kulturenvergleich -
Antike und Abendland
Urdenker Vordenker Frühdenker Hochdenker Spätdenker Nachdenker Enddenker

Früh-Denker

Frühscholastik und Frühmystik
Hochscholastik und Hochhmystik
Patristik
Fazit
Tabelle

- Frühdenker sind Denker „kindlicher“ Art -

Wenn die ältere, die elterliche Theologie internalisiert ist, dann wird diese „eigene“ Theologie auch sogleich begleitet; sie führt zur „eigenen“ Philosophie. Bevor die Frühdenker beginnen, „sich zu denken“, müssen allerdings einige kultur-familiäre Rahmenbedingungen erfüllt sein. Was innerhalb einer Kultur auf geistig-seelischer Ebene die Frühdenker sind, das sind auf politisch-ökonomischer Ebene die Frühkämpfer. Für die frühe Antike übernahmen die Mykener, die auch schon bei den Vorkämpfern besonders wichtig gewesen waren, die Rolle der Frühkämpfer und die Rolle der Frühdenker insofern, als daß sie fähig waren, im Zusammenhang mit der nun entstehenden Zeus-Götterwelt, ihre Mythen weiterzugeben, die als Vorläufer der späteren homerischen Epen auch schon bei den Vordenkern (Vordenker) besonders wichtig gewesen waren. Sie entwickelten die Zeus-Götterwelt von einer Feudal-Theologie über eine Monopol-Theologie zu einer Adels-Theologie. Letztere wurde z.B. von Homer (8. Jh. v. Chr.) beschrieben, aber nicht nur von ihm.

Die Geschichte der antiken Philosophie hat sehr viel zu tun mit der Geschichte der Alphabetschrift, ist fast sogar identisch mit ihr, wenn man von der Alphabetschrift-mit-Vokalen (!), der griechischen Schrift ausgeht. Zwar entwickelten die Phöniker (Phönizier) die erste Alphabetschrift - vollendet war sie sie gegen Ende des 14. Jahrhunderts v. Chr.-, doch diese erste Alphabetschrift bestand nur aus Konsonanten. Vielleicht noch im 14., aber wohl eher im 13. Jahrhundert v. Chr., als auch die Dorische Wanderung begann, übernahmen die Griechen die phönikische Schrift und erweiterten sie, denn die Griechen führten erstmals Vokale in das Alphabet ein, weil für sie einige der phönikischen Konsonanten überflüssig waren. Diese Redundanz war es also, die es den Griechen ermöglichte, das konsonantischeische Alphabet um Vokale zu erweitern, indem sie die überflüssigen Konsonanten nicht einfach eliminierten, sondern zu Vokalen erklärten und dadurch ein revoltionäres Alphabet einführten. Das griechische Alphabet ermöglichte durch die eingeführten Vokale erstmals eine lautgetreue Wiedergabe der Silben, Wörter, Sätze, des Textes. Das ist die griechische Schrift! Die griechische Schrift hatte enorme Auswirkungen, denn „allein durch das Ereignis der griechischen Schrift konnte sich die ... Leser-Subjektivität entwickeln, deren starkes Merkmal in der Fähigkeit zum »Umgang mit Texten«, das heißt zum situationsunabhängigen Sinnverstehen, bestand. .... Dank aufgeschriebener Texte emanzipiert sich die Intelligenz vom Zwang des In-situ-Aufhalts (In-situ-Aufhalt) in mehr oder weniger verstehbaren Umständen. Das hat zur Konsequenz: Um eine Situation kognitiv zu bewältigen, muß ich nicht länger als ihr Teilnehmer in sie eintauchen und mit ihr in gewisser Weise verschmelzen, es reicht aus, ihre Beschreibung zu lesen - dabei steht es mir frei, zu bleiben, wo ich bin, und zu assoziieren, was ich will.“ (Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, 2005, S. 395). Die Schriftgeschichte ist in etwa identisch mit der Geschichte der Historiographie (Historiographie) und kann auch als eine Geschichte der Historienkultur beschrieben werden, doch muß berücksicht werden, daß diese eine Historienkultur aus mehreren Historienkulturen (Historienkulturen) besteht, und genau mitten in dieser Geschichte finden wir die antik-apollinische Kultur sowie das erste Alphabet und das revolutionäre Alphabet, das wir die griechische Schrift nennen. Dieser Einschnitt in die Schriftgeschichte war so gewaltig, daß man sogar sagen kann, er war für die von ihm betroffenen Menschen sogar ein Einschnitt in deren „In-der-Welt-Sein“ (In-der-Welt-Sein), denn mit und nach diesem Einschnitt spaltete sich „das In-der-Welt-Sein explizit in erlebte und in vorgestellte Situationen - besser gesagt, es gelingt den vorgestellten Situationen dank ihrer Verschriftlichung, das Monopol des Verstehens-durch-in-der-Situation-Sein zu brechen. Mit der griechischen Schrift beginnt das Abenteuer der Dekontextuierung von Sinn.“ (Peter Sloterdijk, ebd., S. 395-396). Es geht hier also um den Aufstand des Texts gegen den Kontext, das bedeutet: die Losreißung des Sinns von den gelebten Situationen. Die griechische Schrift emanzipierte mit der ständigen Einübung des dekontextuierenden Denkens - üblicherweise als Lesen bezeichnet - den Intellekt vom Zwang zur Teilhabe an realen Konstellationen. Die griechische Schrift erzeugte erstmals den „rein theoretischen Menschen“, der später Philosoph heißen sollte.

 

- Delphi ein antikes Konzil?  -

Zwei wichtige Einrichtung in der Antike, die auch schon in der Zeit der Vordenker eine wichtige Rolle gespielt hatten, waren die Mysterien und die Orakel. Das Orakel prophezeite weniger als es Rat gab und anordnete; es verkündete nicht so sehr, was geschehen wird, als was getan werden soll. Auch theoretische Belehrung bot es nur selten. Man befragte es in Kulturangelegenheiten, bei Städtegründungen, in Kriegen, bei Hungersnot, Seuchen, Erdbeben und anderen öffentlichen Unglücksfällen; aber auch die Alltagssorgen wurden ihm vorgetragen: Ehe, Adoption, Geschäfte, Landbau, Liebeskummer, Reisen u.s.w.. Auch viele törichte Fragen kamen natürlich vor: ob das erwartete Kind nicht von einem anderen Mann sei, wo man nach Schätzen graben solle, wer die Matratzen gestohlen habe, wo Homer geboren sei u.s.w.. Delphi (Delfoi, Delphoi) war Kolonialamt, indem es für die Ortswahl und Anlage der neuen Niederlassungen Anweisungen gab, meist ganz vorzügliche, auch eine Art Völkergerichtshof, ebenso parteiisch und ohnmächtig, wie alle späteren, und in religiösen Fragen vom Range eines Konzils. (Vgl. Konziliarismus). Doch es erteilte niemals Bescheide in Dogmensachen, denn dies alles war Sache eines Priesterkollegiums, die Pythia aber hat auch prophezeit: von den Ausdünstungen der dampfenden Erdspalte berauscht, verkündete sie mit „mit rasendem Munde“, was der Gott aus ihr sprach. Sonst weissagte man aus den Träumen, zumal der Tempelschläfer, aus der Tierleber, dem Vogelflug, dem Blitz, dem Schwitzen der Götterbilder, dem Wiehern der Pferde, dem Niesen, das meist ein schlechtes Omen war, dem Werfen der Lossteinchen; aber erst in der Spätzeit, von Chaldäern belehrt, aus den Sternen. Von der Rolle, die derlei Vorbedeutungen in der Ökonomie des antik-griechischen Lebens gespielt hahen, können wir uns heute kaum mehr einen Begriff machen.


In der Antike gab es keinen richtigen Klerus.
Der Priester bediente das Heiligtum, opferte für die Gläubigen,
verwaltete die Tempeleinkünfte und legte den Willen der Gottheit aus.
Er war ein gewöhnlicher Staatsbeamter oder auch ein Privatmann.


Die griechischen Dionysiker glaubten inbrünstig an die Wiederkehr der Seele, allerdings in Form einer Seelenwanderungslehre. Rauschtränke erhöhten die Ekstase, bis schließlich die Psyche aus dem Leibe trat und sich mit dem Gott vereinigte, dem thrakischen Fremdling Dionysos. Diese epidemischen Psychosen wiederholten sich mit großer Regelmäßigkeit alle zwei Jahre: an den trieterischen Dionysien, mitten im Winter. Verwandt mit der Religion der Dionysiker war die der Orphiker. Sie leitete sich von Orpheus her, der ebenfalls ein Thraker war. Von der Religion der Olympier unterschied sich die der Orphiker vor allem dadurch, daß diese eine feste Lehre entwickelt hatte, während jene im wesentlichen immer nur Kult und Mythologie blieb. Dennoch ging die olympische Religion auf eine Dogmatik zurück. Danach war die Seele zur Buße für eine früher begangene Schuld in den Kerker des Körpers gebannt, das Leben auf Erden der Tod der Seele. Vom Gläubigen wurde nicht Abkehr von diesen oder jenen irdischen Verfehlungen gefordert, sondern Absage an das irdische Dasein selbst: nur so konnte er dem tödlichen Kreislauf der Geburten entfliehen. Die Taten des abgelaufenen Lebens werden in der nächsten Reinkarnation vergolten. War die Seele völlig rein und aller Flecken ledig geworden, so würde sie eines Tages frei werden und nie mehr den Tod erleiden, in ewiger Seligkeit wie der Gott lebend, von dem sie stammte. Der Weg zur Läuterung ging durch Askese, sittlichen Wandel, Empfang der Mysterienweihen. Fleischgenuß war Brudermord. Dies alles mutet doch fast indisch an, oder? Das ganze Leben war von Zeichen und Winken förmlich umstellt und jeder Schritt hatte einen zweiten Sinn. Es gibt doch zu denken, daß so ein kluges und auch so realistisches Volk sein ganzes Leben lang im trüben Schlamm des Aberglaubens watete und auch seine erleuchtetsten Köpfe nichts dagegen vorzubringen hatten.

Wenn die Gestalten der Träume wirklich ein merkwürdiges Wissen um die Zukunft besitzen,“historisch transparent“ sind und nie etwas Falsches sagen, d.h. etwas, das nicht in ihre Psychologie paßt, dann ist das schon sehr sonderbar, da doch nicht jeder Mensch ein großer Dichter ist und selbst bei diesem gelegentlich Verzeichnungen vorkommen. Die Träume sind also allem Anschein nicht von uns. Ferner scheinen manche Personen die als „Psychoskopie“ bezeichnete Gabe zu besitzen, sowohl Menschen wie Gegenständen ihre Biographie abzulesen. Man muß wohl dabei von der Annahme ausgehen, daß alle Dinge ihre Geschichte permanent in sich tragen, sowohl ihre abgelaufene wie die erst auf sie zu rollende, da alles eine einzige ewige Gegenwart zu sein scheint, indem die Vergangenheit stehenbleibt und die Zukunft schon da ist, nur nicht für uns, und daß unsere Unfähigkeit, dies zu erblicken, nur von unserer Vergeßlichkeit kommt: in beiden Fällen, auch bei der Zukunft (!). Die antiken Menschen hielten dies für selbstverständlich (!). Daß es unter ihnen auch sehr viel krassen und kindischen Aberglauben gab, spricht ebenso wenig gegen ihre Theurgie wie die Tatsache, daß sie sehr viel rohe Tonpuppen besaßen, gegen ihre bildende Kunst. Zum Verkehr mit der Gottheit bedurfte es keines Vermittlers. Der König opferte für die Gemeinde, der Hausvater für die Familie. Das Wichtigste blieb überhaupt zu allen Zeiten der Hauskult. Die antike Religion muß man daher immer in Klammern und davor die Begriffe Mythologie und Fatalistik setzen, während man die Theologie eher als Theurgie beschreiben sollte. Am meisten verbittert wurden antike Menschen, wenn der Sterbliche sich vermaß, es den Göttern gleichzutun, und ihre weitaus stärkste Triebfeder war der Neid: man kann daraus schleißen, wie neidisch die griechisch-antiken Menschen selber waren. Das Grundverhältnis zu den Götterrn war daher das Mißtrauen, und wenn man ihren Geboten gehorchte, so tat man es nicht aus Ergebenheit, sondern aus Klugheit, um sie nicht zu reizen. Frevel war, wenn man sie beleidigte; anderes Unrecht erregte nicht ihren Unwillen. Prozesse wegen „Beleidigung der Götter“ waren ziemlich häufig. Aber man fragt sich natürlich gleich, was den an diesen Göttern zu beleidigen war. Mitleid, und oft ein sehr unangebrachtes, hatten sie nur mit ihren Lieblingen; sonst waren sie ganz erbarmungslos. Auch untereinander liebten sie sich nicht. In der Ilias (Homer) entspricht der Zustand im Himmel genau dem der menschlichen Gesellschaft: Zeus verhielt sich wie Agamemnon, die Götter wie bloße Titularvasallen, stets zur Renitenz bereit. Die Heimat der Götter, der Olymp, war eine Akropolis, und seine Bewohner Ritter und Rosse, beide gleich göttlich, gleich unvergänglich, von Nektar und Ambrosia genährt. In der homerischen „Theologie“ ist die Götterwelt eine gesteigerte Wiederholung der irdischen: verklärte Animalität und Physik. Die Olympier unterscheiden sich von den Erdenbewohnern lediglich dadurch, daß sie unsterblich sind, also in ihnen die menschliche Unvollkommenheit verewigt ist und daß kein Alter, keine Schwäche, kein Kummer, keine Krankheit sie berührt. Und die Orphik mit ihren Ansätzen zu einer wirklichen Theologie war niemals so etwas wie Nationalreligion. Die Religion war nur Kultus und nur dessen Verletzung Gottlosigkeit, „Abesie“. Man durfte denken, reden, schreiben, was man wollte, wenn man sich nur der „Kirche“ (= Polis), ihrer Macht und ihren heiligen Bräuchen unterwarf. Diese Rolle spielte eindeutig die Polis.

Schließlich war diese ganze Konzeption von finsterem, fühlosem Schicksal, wahllos würfelnder Tyche, eiteln und jähzornigen Göttern gerade wegen ihrer Irrationalität dazu da, damit irgend jemand die Schuld habe, wenn der Mensch sich nicht zu sienen Handlungen bekennen wollte, den Geburten seiner Leidenschaft und seiner Torheit. Die Gottheit war nicht das Lamm, das die Erbschuld der Menschen trägt, sondern der Bock, dem die Sünde aufgeladen wird. Unter einem sittlichen Gott wäre der antike Mensch - v.a. der Grieche - zusammengebrochen. Bei Homer war bekannlich alles göttlich. Kein Wunder, war ja das Göttliche nichts anderes als das Menschliche. Die Götter waren nur unsterblich, mehr nicht. Die Griechen waren Lehrer der Humanität, aber in einem ganz anderen Sinne, als der abendländische Humanismus und Neuhumanismus es meinten, nämlich der „Nurmenschlichkeit“, indem sie alles in rein anthropomorphen Formen und Dimensionen sahen. Deismus oder Atheismus ist zwar inhltlich nicht dasselbe wie Religion oder Theologie aber eben auch nur die andere Seite der Glaubensmedaille. Somit gab es also in der Antike, tiefenkulturell gesehen, die gleiche religiös-theologisch-philosophische Entwicklung wie später im Abendland, aber sie war inhaltlich bzw. referenzsemantisch genau die Gegenseite dazu.

Die antike Rechtsprechung lag in dieser „Frühdenkerzeit“ in den Händen der Geronten, älterer Adelspersonen, und beschränkte sich im wesentlichen auf schiedsgerichtliche Entscheidungen in Privatsachen. In allem übrigen war man auf Selbsthilfe und den Schutz der Sippe angewiesen. Die Reflexion über Recht und Unrecht spielte aber in dieser aristokratischen Welt überhaupt noch keine entscheidende Rolle. Die Helden der aristokratischen Welt waren sehr ritterlich, sehr tapfer und bisweilen auch sehr edelmütig, aber noch vollkommen jenseits von Gut und Böse. Die Zeit der Mykener hat sich Homer wohl primitiver vorgestellt, als sie in Wirklichkeit war. Doch auch der Dichter selber hielt sich ethischen Erwägungen im ganzen fern; er wollte ein großes Gemälde menschlicher Leidenschaften entrollen, nicht mehr. Aber die Welt ist nicht bloß zum Schauen da. Deshalb bildet Hesiod (um 700 v. Chr.) die notwendige Ergänzung zu Homer, und er wurde auch von den Griechen immer mit ihm zusammen genannt, obgleich er sich mit ihm als künstlerische Potenz gar nicht vergleichen läßt. Ein schwerlebiger grübler, von der dumpfen Luft Boiotiens genährt, war er das Typische Pendant zu dem amoralischen Sänger der ionischen Weltlust. Für Hesiod war Zeus das Recht, und alle Tugend lag für ihn in der Gerechtigkeit. Dies war der neue Gedanke, den er mit Inbrunst verkündete. Und das Leben des Menschen sei Arbeit, denn vor die Tüchtigkeit hätten die Götter den Schweiß gesetzt - dies lehrte er in seinem Gedicht „Werke und Tage“, zu dem ihm sein Bruder Perses den unfreiwilligen Anlaß gab, als er ein Faulenzerleben führte und ihn um das väterliche Erbe zu bringen suchte. So wurde der Gauner und Taugenichts Perses unsterblich. Hesiodos aber erwies sich darin als echter Dichter, daß seine Privatangelegenheit sich in seinem Hirn und Herzen sogleich zur Sache der Menschheit erweiterte und daß erlittene Unbill ihm zur Quelle der Weisheit wurde.

Der homerische Mensch wandelte schon hienieden in olympischem Glanz, der hesiodische diente zeitlebens den stillen und dunklen, aber nicht minder unvergänglichen Mächten der Erde. Schon hier fanden ewige (antike) Gegensätze ihre reine und starke Ausprägung: Pathos und Ethos, Heldentod und Pflichtenleben, Ritterstolz und Bürgerehre, Waffenglück und Arbeitssegen; Kunstdichtung und Volkspoesie, gestaltende Objektivität und lehrende Subjektivität. Die heiligen Schriften von Homer und Hesiod waren profane Gedichte, und dies ist sehr bezeichnend für den Charakter ihres Glaubens, im guten wie im schlechten Sinne. Die antike Religion war nicht minder ein Kunstwerk der Plastik als die griechische Sprache und das griechische Epos, und wie eine Genietat war sie plötzlich da. (Vgl. Ursymbol und Seelenbild der Antike). Aus Homer und Hesiod schöpfte die Antike seit ihrem „Übergang zur Neuzeit“ ihre theologischen Vorstellungen und das Abendland seine theologischen Vorstellungen seit seinem „Übergang zur Neuzeit“ aus Ockham und Kues. (Vgl. Ursymbol und Seelenbild des Abendlandes). Theologie

 

Frühes Frühdenken

- Das Reich ein abendländisches Delphi ?  -
Karl der Große (747-814) förderte durch starke Zentralgewalt Kunst, Wissenschaft und Recht im Reich der Franken. (Wissenschaft und Philosophie). Die Karolingische Renaissance steht auch für die Entwicklung, die aus dem asketisch-eremitischen Mönchtum eine Bildungsanstalt der Wissenschaften machte und, auf Anordnung Karls d. Gr., ein Träger klassisch-antiker und christlich-antiker Literaturtradition wurde. Die Palastschule wurde Vorbild für die im ganzen Frankenreich entstehenden Dom- und Klosterschulen. Die Bemühungen Karls d. Gr. um eine bessere Ausbildung der Geistlichen und eine Erneuerung des monastischen Lebens trugen entscheidend zum Aufschwung der Wissenschaft, der Kunstpflege und der allgemeinen Bildung bei. Die noch junge abendländische Kultur war auch in geistiger und künstlerischer Hinsicht ganz auf die elterlichen Kulturen fixiert, aber bereits eine von einem eigenen Wesen beseelte Kultur, also durchaus selbständig, d.h. steh- und verstehvermögend hinsichtlich ihrer „Eigenart“.

Die im 8. Jh. selbständige, d.h. steh und verstehvermögend gewordene abendländische Scholastik war deshalb eine Frühscholastik, weil sie sich als 2. Scholastik von der noch kirchenväterlichen 1. Scholastik (Ur-Scholastik) und durch den Franken-Papst-Pakt vom Osten (Byzanz) trennte, so daß sie schon bald auf ihre „eigenen“ Probleme stoßen konnte. Vorherrschend blieb Augustinus' neuplatonische Richtung der christlichen Philosophie (Augustinismus). Weil aber die Scholastik das von den griechischen Denkern überkommene Erbe durch Ordensgeistliche - wie z.B. die Frühscholastiker Alkuin (735-804) und Hrabanus Maurus aus Mainz (784-856) - verbreitete (später auch durch die Universitäten) und den scholastischen Gelehrten dieses Erbe nicht in seiner ursprünglichen Gestalt vorlag, war die Frühscholastik fast ganz auf die Werke des Boethius angewiesen, der von Aristoteles die Kategorien und die Schrift Peri hermeneias (Über die Fähigkeit, sich auszudrücken), von Euklid die schriftliche Stoicheia (Anfangsgründe, nämlich der Geometrie) ins Lateinische übersetzt hatte. Ein anderes Problem war, daß der irische Mönch Johannes Scotus Eriugena (800-877), eine führende Persönlichkeit in der Frühscholastik, der Kirche mißfiel, weil er sich weigerte, das Denken dem Glauben unterzuordnen. Notker der Deutsche (um 950-1022) philosophierte als erster deutscher Denker in deutscher Sprache und übersertzte u.a. einige philosophische Werke des Aristoteles, die zuvor von Boethius ins Lateinische übersetzt worden waren, sowie Boethius selbst und Martianus Capella aus dem Lateinischen ins Deutsche. (Vgl. Althochdeutsch). Notker der Deutsche verfaßte auch seine sich stark an antike und karolingische Vorbilder anlehnenden, aber eben „eigenen“ Abhandlungen - u.a. über die Rhetorik, über die Musik und über die Logik sowie über die Schlüsse - in deutscher Sprache. (Vgl. Althochdeutsch). Eine spätere führende Persönlichkeit der Frühscholastik, Anselm von Canterbury (1033-1109), forderte - im Gegensatz zum eben erwähnten Johannes Scotus Eriugena - die unbedingte Unterordnung des Denkens unter den Glauben. Die beiden zum Teil heftig umstrittenen inhaltlichen Hauptprobleme der Frühscholastik waren das Problem der Dialektik und das der Universalien. In der Frage der Dialektik, ob die Vernunft (ratio) über die Wahrheit zu entscheiden habe (z..B. Berengar von Tours, *um 1000) oder die kirchliche Autorität (z.B. Petrus Damiani, 1007-1072), fand Anselm von Canterbury mit seiner Formel Credo ut intelligam (Ich glaube, damit ich verstehe) eine vermittelnde Lösung. Im Universalienstreit, z.B. in der Frage, ob Allgemeinbegriffe nur „Laute“ (flatus vocis) oder physische Dinge seien, setzte sich schließlich ein gemäßigter Realismus durch, der den Begriffen insofern Realität zuerkannte, als sie Gottes Gedanken seien, nach denen die Dinge geschaffen seien. Jedenfalls blieb Augustinus' neuplatonische Richtung der christlichen Philosophie (Augustinismus) im Abendland vorherrschend, bis sie im 13. Jh. von Albert dem Deutschen (dem Großen). und Thomas von Aquino durch den christlichen Aristotelimus ersetzt werden sollte. (Hoch-Scholastik).

Ererbt von den Kirchenvätern, manchmal gnostisch gefärbt, wurde die Mystik auch weiterhin vor allem in den Klöstern gepflegt, wobei die Schriften des Pseudo-Dionysios aus dem 5. oder 6. Jh. besonders einflußreich blieben. Dieser Einfluß sollte sogar über die Hochmystik hinaus bis ins 14. Jh., also bis zur Spätmystik anhalten. Theologie

 

Hohes Frühdenken
Die Scholastik strebte, wie die Kirche und das Papsttum selbst, seit der salisch-staufischen Zeit, der romanischen Phase dem Höhepunkt, der Hochscholastik zu. Der kirchlich-scholastische Realismus kam mit seinem Rationalismus zuletzt zu derselben Erkenntnis wie das Papsttum: Theologie und Wissenschaft oder Philosophie sind genauso wenig eine Universaleinheit wie Kirche und Staat oder Welt. Schon Anselm von Canterbury (1033-1109) hatte ja im Universalienstreit nach rationalistischen Lösungen gesucht, und Abaelard (1079-1142), der größte französische Scholastiker, gab seiner Hauptschrift den Titel der delphischen Weisung „ERKENNE-DICH-SELBST“. Er löste das auf Aristoteles zurückgehende Problem der Universalien, indem er dem extremen Nominalismus seines Scholastik-Lehrers Roscelinus (um 1050-1125), der nur den empirisch wahrnembaren Einzeldingen Wirklichkeit zusprach, zum Konzeptualismus milderte. Abaelard wollte Glauben und Wissen versöhnen und vertrat die scholastische Methode besonders durch seine Schrift „Sic et non“ (Ja und Nein). Diese scholastische Methode war dadurch gekennzeichnet, daß bei jeder Frage zuerst die Autoritäten dafür (ja), dann dagegen (nein) und schließlich die Lösungen gegeben wurden. Die jeweiligen Antworten sollten über die Frage entscheiden, ob die Universalien (Allgemeinbegriffe, Ideen) vor den Dingen, in den Dingen, oder nach den Dingen sind. Antworten bzw. Gesinnungen sollten also darüber entscheiden, ob unsere Erkenntnis der Dinge eine Erkenntnis ihrer Urbilder oder Ideen sein kann, ob sie eine Erkenntnis der Dinge selbst (der Dinge an sich) ist, oder ob sie nur eine Erkenntnis der vernunft- und sprachabhängigen Erscheinungen der Dinge bleibt. Jedenfalls kann man den möglichen drei Antworten (vor, in, nach) die drei großen Philosophen zuordnen: Platon, Aristoteles und Kant, und der vierte große Philosoph, Hegel (für den „Alles Schluß“ war), stellte in seiner „Enzyklopädie“ und ihren drei Teilen (syllogistisch) die Dreieinigkeit von Logik, Natur und Geist dar, entsprechend der Dreieinigkeit von Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist. Die Einheit der drei ist ein Schluß. Die Logik wird der Natur entgegengesetzt und im Geist mir ihr verbunden. (Drei). Die Universalien sind im Geiste Gottes vor den Dingen, in der Realität in den Dingen und im menschlichen Geist nach den Dingen - so sah es jedenfalls auch Abaelard: die Universalien sind für Gott als Urbilder seines Geistes vor den Dingen, in der Realität sind sie in den Dingen und für den Menschengeist sind sie als durch Abstraktion gewonnene Begriffe nach den Dingen.

Die Mystik (Hochmystik) verkörperte sich vor allem in den Werken von Bernhard von Clairvaux (1090-1153) und Hugo von St. Viktor (1096-1141), der aus Blankenburg am Harz stammte, aber auch in den Werken der sogenannten Frauenmystik, zu der z.B. Hildegard von Bingen (1098-1178) und Mechthild von Magdeburg (1212-1285) zu zählen sind. Durch Bernhard von Clairvaux kam im Anschluß an das Hohelied das Moment einer religiösen Erotik, einer Beziehung der Seele zu ihrem Bräutigam Christus, in die Mystik, das mit den anderen Elementen vor allem die Frömmigkeit in den Frauenklöstern und in der deutschen Mystik, auch noch in der Spätmystik prägte, die über die Frömmigkeitsgeschichte hinaus eine allgemeine geistesgeschichtliche Bedeutung durch ihren Einfluß auf die Entwicklung der deutschen Sprache gewann. (Vgl. Früh-MHD, Klassisches MHD, Früh-NHD).

Als Geschichtsphilosophen, Staats-und Wissenschaftslehrer wirkten Otto von Freising (1114-1158) und Johann von Salisbury (1115-1180). Hatte die Frühscholastik noch auf dem Boden eines ziemlich ungegliederten Ineinanders von Wissenschaft, Philosophie und Theologie gestanden und mehr auf die scholastische Methode und den Universalienstreit geachtet, so war die Hochscholastik bereits gekennzeichnet durch die sich vollziehende Scheidung zwischen Wissenschaft und Philosophie (v.a. Naturphilosophie Wissenschaft und Philosophie) einerseits und Theologie andererseits, sowie durch die Aufnahme des freilich nur in lateinischer Übersetzung vorliegenden Aristoteles in das philosophische Denken des Abendlandes, denn Albert der Große (Albert der Deutsche, 1193-1280) und Thomas von Aquino (1225-1274) ersetzten Augustinus' neuplatonische Richtung der christlichen Philosophie (Augustinismus) durch den christlichen Aristotelismus. (Vordenker). Albert der Große verhalf dem Studium des griechischen Philosophen und für die damalige Wissenschaft so wichtigen Aristoteles zum Durchbruch, wobei er in kritischer Auseinandersetzung mit dessen arabischen Kommentatoren die Vereinbarkeit von aristotelischem Denken, besonders der Naturphilosophie, und christlichem Glauben zu beweisen suchte. Indem er Aristoteles umfassend erläuterte, dabei auch das gesamte wissenschaftliche Material der Tradition bis in seine Zeit einarbeitete und insbesondere in den naturwissenschaftlichen Büchern durch eigene Beobachtungen ergänzte, führte Albert der Große das theologische, philosophische, naturwissenschaftliche und medizinische Wissen seiner Zeit zusammen. Thoams von Aquino erweiterte das Wissen seines Lehrers Albert um eine systematische Geschlossenheit, weshalb er sich denn auch wirkungsgeschichtlich durchgesetzt hat. Es bildeten sich also die Philosophien der großen Orden, insbesondere der Franziskaner und der Dominikaner heraus. Die besten Beispiele sind die großen Systeme von Albert dem Großen, der in Köln lehrte und als der umfassendste Gelehrte des Mittelalters gilt, seinem Schüler Thomas von Aquino, der in Köln, Bologna, Rom und Neapel lehrte, und Roger Bacon (1214-1294), den man den Begründer der experimentellen Naturforschung nennen darf. Albert der Große bekam den Ehrennamen doctor universalis, Thomas von Aquino den des doctor angelicus und Roger Bacon den des doctor mirabilis. Diese drei Philosophen wirkten auch über das Mittelalter hinaus.

„Glauben ist gut, wissen ist besser“, war auch die Devise des Duns Scotus (1266-1308). Sein Grab befindet sich in der Minoritenkirche in Köln. Er wurde auch doctor subtilis geanannt und war der Begründer der (scotistischen) führenden Schule des Franziskanerordens sowie scharfsinniger Kritiker des Thomismus, d.h. der Philosophie des Thomas von Aquino. Thomismus bedeutet Vereinigung von Aristotelimus mit christlicher (katholischer) Weltanschauung; er vertritt die Herrschaft des Intellekts über den Willen und Willensfreiheit innerhalb gewisser Grenzen. Duns Scotus lehrte, daß nicht der Wille von der Vernunft, sondern diese von jenem abhängig sei, beim Menschen wie bei Gott (Lehre vom Primat des Willens). Der Wille Gottes sei absolut frei: gut ist, was Gott will, dadurch, daß er es will. In seiner Metaphysik suchte Duns Scotus im Gegensatz zu Thomas dem Individuum mehr Bedeutung zu verleihen. Der Mensch brauche Klarheit über sein Lebensziel, den Sinn seines Lebens. Die Philosophie könne das mit ihrer Neutralität und Skepsis nicht; sie müsse sich an die sinnliche Erkenntnis halten. Auf einem nicht-sinnlichen Grund, wie auf den unbewegten Beweger im 1. Gottesbeweis des Thomas, könne sie nicht schließen. Aber Duns Scotus schränkte auch die Theologie ein, nämlich auf die streng bibelorientierte.

In der Hochscholastik änderten sich Theologie-, Autoritäts- und Schulgebundenheit:
1.) Die Textgrundlage der Scholastik erweiterte sich; neben den logischen waren jetzt
auch die naturwissenschaftlichen Texte des Aristoteles und Schriften der
arabischen und jüdischen Gelehrten bekannt.
2.) Durch Gründung der Universitäten wurde der Lehrbetrieb der Gesellschaft geöffnet.
3.) Die in das wissenschaftliche Leben eingetretenen Franziskaner und Dominikaner
lehrten nicht nur in ihren Klöstern, sondern „in der Welt“.
Diese drei Faktoren stellten die Scholastik vor die ungewohnte Aufgabe, die neuen
naturwissenschaftlichen und philosophischen Ansätze mit den theologischen Dogmen
in Einklang zu bringen. Dies wurde auf drei Wegen versucht:
1.) Durch die rationalistische Harmonisierung von Glauben und Wissen.
2.) Durch Verbindung institutioneller und empiristischer Erkenntnistheorie.
3.) Durch skeptischen Verzicht auf Harmonisierung von Glauben und Wissen.
Dieser geriet jedoch durch die Annanhme einer
Doppelten Wahrheit“ in Konflikt mit der Kirche.

Der zweite Weg der Erkenntnistheorie, insbesondere eine Angelegneheit der jüngeren Franziskanerschule (Duns Scotus u.a.) und der Schule von Oxford, befreite die individuelle Willensbildung aus der Abhängigkeit einer universalen Autorität. Die Erkenntnislehre betonte die Selbsttätigkeit des Denkens, weil sie, im Gegensatz zu Thomas von Aquino, den Willen als dem Denken übergeordnet ansah. Theologie

 

Spätes Frühdenken
Ein Schüler des Duns Scotus war Wilhelm von Ockham (um 1285-1350), der in München lebte und dort auch starb. Er war der bedeutendste Vertreter des Nominalismus und wurde wegen seiner dialektischen Gewandtheit als doctor invincibilis bezeichnet. Er, als größter Logiker seiner Zeit, bestand darauf, Logik und Erkenntnislehre unabhängig von Metaphysik und Theologie studieren zu können. Verschiedene Ansichten teilte er nicht mit dem Papst; er forderte weniger weltliche Macht für die Kirche und wurde exkommuniziert. Wilhelm von Ockham gab dem Nominalismus die eigentliche metaphysisch-religiöse Begründung, die sich schon bei Duns Scotus, der selbst kein Nominalist war, anbahnte. Als Ockhamismus gewann der Nominalismus allmählich die Oberhand, bahnte der Philosophie der folgenden Jahrhunderte den Weg, war der Vorläufer des Empirismus und, neben den rationalen Systematisierungen, ein Kennzeichen der Spätscholastik. Diese Zeit war gekennzeichnet durch die endgültige Abspaltung der Mystik von der immer unduldsamer werdenden kirchlichen Theologie und durch die immer weitere Verselbständigung des naturwissenschaftlich-naturphilosophischen Denkens.

Johann Eckhart (1250-1327), auch Meister Eckhart genannt, lehrte in deutschen Schriften und Predigten die Entwerdung des Menschen, dessen Seelenfunke sich in Abgeschiedenheit einbildet in Gott. Meister Eckhart aus Hochheim (bei Gotha) war Dominikaner, von 1303 bis 1311 Ordensprovinzial in Sachsen, seit 1311 Prof. in Paris, seit 1313 in Straßburg und seit 1320 Lesemeister in Köln. Eckhart war einer der einflußreichsten deutschen Denker, starb während seines Prozesses wegen Häresie. Er praktizierte und predigte die mystische Gottesschau. Gott, Vater, Sohn und Hl. Geist, so lehrte Eckhart, leben nicht in einer anderen Sphäre als der Mensch. Es sind Zielpunkte, Sehnsüchte, Projektionen des Menschen. Die Kirche hatte ihn also wohl, von ihr aus gesehen, zu Recht angeklagt. Auf Betreiben der Franziskaner wurden nach Eckharts Tod 28 seiner Thesen durch päpstliche Bulle verurteilt. Eckharts Philosophie fußt auf Thomas von Aquino (Thomas von Aquino), Dionysios Areopagita (Dionysios Areopagita) und Johannes Scotus Eriugena (Johannes Scotus Eriugena), d.h. er war in seinem Denken Scholastiker, obwohl in seinem mystischen Fühlen mit den ihm vorhergehenden Vertretern der deutschen Mystik eng verbunden. Die höchste Kraft der Seele ist nach Eckhart die Vernunft, die er auch Funke, Burg der Seele, Synterris nannte. Die vornehmste Tätigkeit der Seele war für ihn das Erkennen, dem die Sinne das Material liefern, aus welchem der Gemeinsinn die Wahrnehmungen gestaltet. Auf Grund der Wahrnehmung bildet der Verstand die Begriffe. Die Vernunft, durch die wir Gottes Willen vernehmen, der Wille und das Gedächtnis wurden von Eckhart in Beziehung gesetzt zu Sohn, Geist und Vater. Die Tätigkeit der Vernunft sei Tun Gottes. Die Seele stehe zwischen Gott und Kreatur. Gott sei das reine Sein, das Ureine. Das Wesen Gottes bestehe aus Ideen. Gott erschaffe die Dinge aus dem Nichts nach dem Vorbild der Ideen. Zweck des Lebens sei die Erkenntnis Gottes und die Rückkehr zu Gott, die ermöglicht werde durch tugendhaftes Leben, Askese und vor allem durch liebreiches Wirken unter den Mitmenschen; bloße Kontemplation genüge nicht. Durch die Gnade Gottes könne die Unio mystica mit Gott erreicht werden. Eckharts Werk beeinflußte Johannes von Ruysbroek (1293-1381), Johannes Tauler (1300-1361) und Heinrich Seuse (1295-1366), den Lyriker der deutschen Mystik. Ruysbroek war, von Meister Eckhart beeinflußt, als Augustinerprior ein früher Reformator sowohl des kirchlichen als auch des klösterlichen Lebens. Er wandte sich gegen alle bloß gefühlsmäßiege Mystik und versenkte sich in die gegenständlich-irrationale Ordnung des Kosmos. Tauler, Dominikaner und von Eckhart entscheidend beeinflußt, war ein gewaltiger Prediger, der auf Luther und sogar noch auf Schopenhauer, besonders aber auf den Verfasser der „Deutsch Theologia“ und auf Johann Sebastian Bach wirkte. Tauler unterschied genauer als Eckhart das Anerschaffene von dem durch Gnade Gewirkten im Menschen, ferner die Theologie von der praktischen Religiosität und Seelsorge. Seuse war Schüler Eckharts, in seiner Mystik jedoch viel zarter als sein Lehrer, für dessen Lehre er mit seinem „Büchlein der Wahrheit“ eintrat. Eine besonders weite Verbreitung erfuhr sein „Büchlein von der Ewigen Weisheit“, das Predigen und Erbauungsschriften enthält. Gegen den Verdacht des Pantheismus versuchte Seuse sich mit nur halben Erfolg zu schützen, indem er zwischen der Erschaffung der Kreatur durch Gott und der Gottoffenbarung in der Kreatur unterschied. Meister Eckhart beeinflußte aber neben diesen auch viele andere, viele spätere Denker und Philosophen. Überhaupt entstanden unter mystischem Einfluß immer mehr Bewegungen zur Verinnerlichung des Lebens: die Gottesfreunde (Mönche, Bürgerliche, Adelige am Oberrhein) beabsichtigten, sich unter Leitung von Tauler und dem Kaufmann Rulman Merswin in Gelassenheit und Stille von der Welt zu entbilden. „Deutsch Theologiawar eine mystische Erbauungsschrift, die Ende des 14. Jahrhunderts in Sachsenhausen bei Frankfurt (Main) entstand und später auf Luther (1483-1546) einen großen Eindruck machte, von ihm unter dem Titel „Ein deutsch Theologia“ 1518 erstmalig veröffentlicht wurde. Am Niederrhein und im Gebiet um Deventer verbanden sich die Brüder vom Gemeinsamen Leben, Kleriker und Laien, auf Anregung von Geert Groote (1340-1384) zum Studium der Heiligen Schrift, zu Volksmission und Schularbeit. Das Hauptwerk des Kreises, De imitatione Christi, fand weite Verbreitung und war wohl verfaßt von Thomas von Kempen (1380-1471). Die Spätmystik ging nach der Reformation über in die Neumystik.

Da die Kirche schon seit Anfang des 14. Jahrhunderts den Thomismus eindeutig bevorzugte, wurde seitens der Kirche die Spätscholastik vorwiegend zur Geschichte des Thomismus. Die Spätscholastik endete in der Tat mit der Trennung von Glauben und Wissen (bzw. Naturwissenschaft). Man kann also ihre Geschichte als die Geschichte der Selbstüberwindug betrachten, wenn sie nicht dazu bestimmt gewesen wäre, nach der „Wiedergeburt“ in der Neuscholastik weiterzuleben. Hauptvertreter der Spätscholastik waren u.a. Albert von Sachsen (1316-1390), Johann Buridan (um 1320-1360), Nikolaus von Oresme (1320-1382) und Nikolaus von Kues (1401-1464). Nikolaus von Kues, zwischen Scholastik und Humanismus stehend, war beeinflußt durch die Mystik (v.a. Eckhart) und den Nominalismus (Ockhamismus). (Theologie). Er faßte alle geistigen Bewegungen seiner Zeit zusammen und war ein Denker zwischen den Zeiten, weder ganz dem Mittelalter noch der Neuzeit zuzuordnen. 1437 war er in Konstantinopel an den Verhandlungen über die Kirchenvereinigung beteiligt und hatte auf der Rückreise auf See eine Erleuchtung - die der „gelehrten Unwissenheit“ hinsichtlich des Begreifens des Unbegreiflichen, nämlich Gottes. Der Satz des Sokrates „Ich weiß, daß ich nichts weiß“ erhielt dadurch eine positive vernunftkritische Erweiterung. Von Kues erklärte: „Je besser jemand weiß, daß man dies nicht wissen kann, um so wissender wird er sein“. In Gott, so meinte er, fallen die Gegensätze zusammen. Das aristotelische Widerspruchsprinzip, auf das die Scholastik noch fixiert war, sei für die Gotteserkenntnis zu suspendieren, aber nicht zugunsten einer mystischen Schau, sondern einer Dialektik, wie sie später von Hegel ausgebaut werden sollte. Mit Vorliebe bediente sich von Kues mathematischer Denk- und Ausdrucksweisen, besonders um die Probleme des unendlich Großen und des unendlich Kleinen zu bewältigen. Mit der „Unendlichkeit“ blickte ihn das abendländische Ursymbol an, denn von Kues wollte es deutlich vor Augen sehen, wollte es als Kultursymbol erwerben. Der Kultursymbolerwerb einer Kultur ist vergleichbar mit dem Spracherwerb eines Kindes; im Abendland war dieser Erwerb durchweg gotisch und wurde demzufolge spätgotisch bzw. spätscholastisch abgeschlossen, d.h. zur vorübergehenden Vollendung gebracht, denn von nun an war die „Kulturgrammatik“ - die Basisstruktur - erlernt und brauchte nur noch ausgeweitet, verfeinert und „reformiert“ zu werden. Daß dies auch „hyperkorrektiv“ geschah, sollte die auf die Gotik folgende Zeit der humanistisch gefärbten Renaissance und Reformation auch unter Beweis stellen. (Vgl. 10-12 und 12-14). Die Spätgotik bzw. Spätscholastik war also die Trennung von Glauben und Wissen, von Theologie und Philosophie (bzw. Naturwissenschaft). Sie war eine Trennung im Sinne einer Öffnung zu der vorher noch geheim und versteckt operierenden Naturwissenschaft, zu derjenigen Technik, die später in die Moderne münden sollte. Denkgeschichtlich fiel dieses Erreichen der ausgesprochen kultureigenen Philosophie in die Zeit des Übergangs und der „Nikoläuse“ - von Nikolaus (von Kues) bis Nikolaus (Kopernikus) -, also in die Zeit, in der nicht zufällig fast gleichzeitig die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg, der Beginn der atlantischen Seefahrt durch Heinrich den Seefahrer, der Konstantinopel-Fall, die doppelte Buchführung, die Frühkapitalisten (Medici, Fugger, Welser), die Herstellung des ersten Erdglobus durch den Seefahrer und Geographen Behaim, der Frühnationalismus und Machiavelli, der endgültige Erfolg der Reconquista, die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, die erste Weltumsegelung durch Magellan, die Reforamtion durch Luther und nicht zuletzt das Genie Leonardo da Vinci die Welt revolutionierten. Und es war (auch nicht zufällig!) die Zeit des abendländischen Faust, dessen Leben Literaturstoff für alle noch folgenden Jahrhunderte bot und dessen Eigenschaft zum abendländischen Seelenbild (!) erklärt werden sollte. Diese Zeit war also tatsächlich der Beginn der „Neuzeit“. Glaubens- bzw. geistesgeschichtlich war sie jedenfalls die Vollendung der Theologie oder ihre Überwindung zugunsten der Philosophie und der mathematisch fundierten Naturwissenschaft. Sie war die Geburt der technischen (Natur-) Wissenschaft.

Der Buchdruck mit beweglichen, gegossenen Lettern, den Johannes Gutenberg (1397-1468) um 1440 erfand, beschleunigte sämtliche großen historischen Entwicklungen der Neuzeit. Die Nationalsprachen erhielten den Zusatz „Neu“ (z.B. Neu-Hochdeutsch), und mit dem abgeschlossenen „Spracherwerb“ konnte der „Schrifterwerb“ beginnen: die Verbreitung der antiken Schriften in der Zeit des Humanismus wäre ohne Gutenbergs Buchdruck ebenso unmöglich gewesen wie der rasche Erfolg der protestantischen Reformation. Nicht weniger profitierten der Schul- und Universitätsunterricht, die Politik sowie die wissenschaftliche Diskussion von den Einzelblattdrucken, Flugschriften, Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, die einen lebhaften literarischen Markt entstehen ließen. Der Druck von Werken der schönen Literatur, der bildenden Kunst und der Musik ermöglichte die ästhetische Bidung breiter Volksschichten. Schon bald war es möglich, in nur einer Bibliothek in kurzer Zeit mehr Druckwerke zu studieren, als das zuvor einem umherreisenden Gelehrten während seines ganzen Lebens möglich gewesen war. GutenbergGutenberg

Nikolaus von Kues (eigtl. Krebs, 1401-1464), Theologe, Philosopph, Bischof und Kardinal. Er stand zwischen Scholastik und Humanismus und war beeinflußt durch die Mystik und den Nominalismus. (Theologie). Alle geistigen Bewegungen seiner Zeit faßte von Kues zusammen. Er war von der Mystik (bes. Meister Eckhart) und dem Nominalismus (Wilhelm von Ockham) beeinflußt. Den Umkreis des menschlichen Wissens suchte Nikolaus von Kues philosophisch als „Wissen vom Nichtwissen“ (im Hauptwerk De docta ignorantia) zu bestimmen und seine Möglichkeiten durch das „Prinzip des Zusammenfallens der Gegensätze“ (im Werk Coincidentia oppositorum) zu erweitern, das es im eigentlichen Sinne nur in Gott geben könne. Obwohl Nikolaus von Kues schon die räumlich-zeitliche Unendlichkeit empfand, war ihm doch die geschaffene Welt „Gott im Nichts“, woran auch keine „Schöpfungslehre“ etwas ändern könne. Bindeglied zwischen Gott sei Christus als Verkörperung des Logos. Der Mensch, überhaupt jedes Ding. sei Mikrkosmos, Abbild des Universums, in dem alles in einer stetigen Stufenfolge vom Höchsten bis zum Niedrigsten geordnet sei. Mit Vorliebe bediente sich von Kues mathematischer Denk- und Ausdrucksweisen, besonders um die Probleme des unendlichen Großen und Kleinen zu bewältigen. (Vgl. abendländisches Ursymbol).

Leonardo da Vinci (1452-1519) wurde beim Bildhauer und Maler Verrocchio (1436-1488) ausgebildet, kehrte nach langjähriger Tätigkeit (1482-99) am Mailänder Hof des Herzogs Ludwig von Mailand nach Florenz zurück, ging dann (1596) jedoch auf Einladung des französischen Satthalters wieder nach Mailand. 1513 begab er sich in Erwartung päpstlicher Aufträge nach Rom und folgte 1516 einer Einladung des ihn verehrenden Königs Franz I. nach Frankreich. Von der überraschenden Vielseitigkeit Leonardos legen v.a. seine Zeichnungen (in Silberstift, Feder, Kreide, Kohle, Rötel oder Tusche) Zeugnis ab. Sie beziehen sich nicht nur auf vollendete oder geplante Werke in Malerei, Plastik und Architektur, sondern weisen Leonardo als Wegbereiter einer anschaulichen Naturforschung auf dem Gebiet der Anatomie, Botanik, Zoologie, Geologie, Hydrologie, Aerologie, Optik und Mechanik aus. Als Naturforscher und Techniker war Leonardo ein typischer Empiriker. Er wird deshalb heute noch als Universalgenie der Renaissance bewundert, zumal er nicht nur die Disziplinen, denen er sich zuwandte, beherrschte, sondern sie oft zu Höhepunkten führte und darüber hinaus gerade im Bereich der Technik einen Weg wies, an dessen Ende diese erst in späteren Jahrhunderten gelangen sollte. Berühmt sind seine „Mechanischen Flügel“, aber auch die Konstruktionsentwürfe für ein fahrradähnliches Fahrzeug. Sind Leonardos „Mona Lisa“ und das „Abendmahl“ Glanzlichter der Malerei, so waren seine Zeichnungen in ihrer Anschaulichkeit wegbereitend für die didaktische wissenschaftliche Demonstrationszeichnung und einzigartig in ihrer künstlerischen Intensität. Leonardo

Bekannt wurde der Staatsmann und Geschichtsschreiber Niccoló Machiavelli (1469-1527) durch seine Discorsi sopra la prima decade di Tito Livio und Il principe („Der Fürst“; 1513). Angeregt durch die Lektüre des Titus Livius (59 v. Chr - 19 n. Chr.), entwickelte Machiavelli eine Art Technik der Politik, dabei das Ethos und die Macht des stolzen, vorchristlichen römischen Imperiums preisend. Machiavelli bezeichnete nationale Selbständigkeit, Größe und Macht des Staates als das Ideal, das der Politiker durch die zweckentsprechendsten Mittel erstreben müsse, unbekümmert um private Moralität und bürgerliche Freiheit. Damit war die Staatsräson begründet, aber auch der Machiavellismus als skrupellose, zugleich konsequente Gewaltpolitik, die ihre Ziele auch mit moralisch verwerflichen Mitteln erstrebt und durchsezt, unter Berufung auf die Interessen und die Erhaltung des Ganzen. Etwas mehr als 200 Jahre später, im Jahre 1738, sollte eine Streitschrift gegen Machiavellis Il principe erscheinen (anonym): der Antimachiavell von Friedrich II. (1712-1786).

Der Deutsche Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Astronom und Domherr in Frauenburg (Ostpreußen), studierte neben allgemeinen Fächern auch Medizin und Jura (er schrieb in lateinischer und deutscher Sprache [vgl. Quellen]). Seine Mutter hieß Barbara Watzenrode, sein Vater hieß Nicolai Koppernick (Kopernikus), der aus Köppernig bei Neiße (Schlesien) stammte, seine Geschwister hießen Andreas, Barbara und Katharina. Die Familie Kopernikus gehörte zur Bürgerschaft der Hansestadt Thorn an der Weichsel und wohnte dort in der St.-Annen-Gasse. Der Vater war ein wohlhabender Kupferhändler und Regierungsbeamter. Nikolaus war zehn Jahre alt, als sein Vater 1483 starb. Sein Onkel Lucas Watzenrode (1447-1512), der Bruder seiner Mutter Barbara Watzenrode, sorgte für die Ausbildung der vier Waisen und wurde 1489 Fürstbischof im Ermland. Der ältere Bruder Andreas schlug den gleichen Lebensweg wie Nikolaus ein, erkrankte aber um 1508 an Aussatz, wurde später ausgeschlossen und starb vermutlich um 1518. Die ältere Schwester Barbara wurde Äbtissin im Kulmer Kloster, die jüngere Katharina heiratete Barthel Gertner. Nikolaus Kopernikus hielt stets seine Familienkontakte aufrecht. So sorgte er später für Kinder des Reinhold Feldstett, der mit der Tochter eines Onkels von Kopernikus, Tilman von Allen, verheiratet war. Im Danziger Dokument erschien als gemeinsamer Vormundt der „Frauenburger Domherr vor Burgermeister und Rathman der stadt Dantzick ... Hern Nicolai Koppernick, des wirdigen gstichts zur Frauenborck thumherrn im jare tawsent funfhundert sechs und dreysick.“ (Leopold Prowe, Nicolaus Copernicus, 1883-1884, S. 265). Nikolaus Kopernikus hatte als Administrator die Regierungsgeschäfte zu regeln. In den Verhandlungen über die Reform des preußischen Münzwesens erarbeitete er die Position der preußischen Städte. Er gab dazu ein Schreiben heraus, das noch Jahrhunderte später als wegweisend für die Geldtheorie angesehen wurde. Die Astronomie war seine private Hauptbeschäftigung. Er erkannte, daß das „geozentrische System“ für die Vorhersage der Planetenpositionen über längere Zeiträume ungeignet war. Etwa 1507 schon griff er deshalb auf die Idee des Aristarchos von Samos (ca. 310-230) zurück, statt der Erde die Sonne als ruhendes Zentrum des Planetensystems anzunehmen und erarbeitete das „heliozentrische System“, in dem er die jährliche Bewegung der Erde um die Sonne beschrieb und die tägliche Umdrehung des Fixsternhimmels als Rotation der Erde um die eigene Achse erklärte. Kopernikus veröffentlichte sein Hauptwerk („Von den Kreisbewegungen der Himmelskörper“, 1543) kurz vor seinem Tod. Ob es Zufall war, daß die Bücher von Vesal und Kopernikus im selben Jahr - 1543 - erschienen? Jedenfalls kam Kopernikus' Hauptwerk im Jahre 1616 auf den Index.

Martin Luther (1483-1546) rezipierte mit Augustinus (354-430) auch dessen Platonismus (Neuplatonismus) und stand deutlich unter dem Einfluß des Nominalismus und des Humanismus. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ ist, als Heilsegoismus gesehen, typisch für den Individualismus der Renaissance. Doch dem Humanismus machte die Reformation ein Ende oder nahm ihn religiös in sich auf. Der Beginn der Reformation war zwar eindeutig durch Martin Luther zu einem Faktum geworden, doch genau datieren kann man ihn nicht. Es hatte auch schon vor 1517, vor Luthers Veröffentlichung der 95 Ablaßthesen, Bestrebungen zu kirchlichen Reformen gegeben. Sie waren eine vorbereitende Bewegung zur Reformation, besonders seit durch das 2. Große Schisma von 1378-1417 das Abendland in zwei Lager geteilt war. ( 2. Großes Schisma). Luther überließ die Durchführung seines philosophischen Programms seinem Anhänger Melanchthon (1497-1560), der deshalb zum Begründer der protestantisch-lutherischen Neuscholastik wurde, d,.h. sie ging von Melanchthon und seinem Aristotelismus aus. Luther bekannte sich zur Lehre der Prädestination, seine Philosophie gipfelte in der Lehre vom unbekannten Willen in Gott, über den positiv nur der Glaube bzw. die Bibel auszusagen vermöge. Für Luther war nicht der Papst, sondern die Heilige Schrift höchste Autorität in Glaubensfragen. Gottes in der Bibel offenbartes Wort sollte allen Gläubigen zugänglich sein, nicht nur denen, die Latein, Griechisch oder Hebräisch beherrschten. Die bislang veröffentlichten Bibelübersetzungen waren unzulänglich und machten eine Neuübertragung erforderlich. 1522 erschien Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, 1534 war die Arbeit am Alten Testament abgeschlossen. Noch zu Luthers Lebzeiten wurden 430 Teil- und Gesamtausgaben seiner Bibel in rund 500 000 Exemplaren gedruckt, was entscheidend zum Durchbruch des neuen Glaubens beitrug. Von nun an gab es endlich eine konkrete Alternative. Ebenso bedeutend war Luthers sprachlich-literarische Leistung. Auch wenn er nicht Schöpfer der einheitlichen neuhochdeutschen Sprache war, so bündelte und beschleunigte er doch in seinen Schriften sprachliche Entwicklungen, die vor ihm bereits eingesetzt hatten. (Vgl. Früh-NHD). Luthers von Bildkraft, Rhythmik und Wohlklang geprägte Sprache verlieh der deutschen Literatur über Jahrhunderte Impulse. (Vgl. NHD).

 

 

- Kulturphilosophisches Fazit -
Obwohl die Scholastik des christlichen Abendlandes dadurch gekennzeichnet war, daß die Grundlage für Wissenschaft und Philosophie von den christlichen, in den Dogmen niedergelegten Wahrheiten gebildet wurde, wurden unter dem Schutze der Lehre von der „Doppelten Wahrheit“ vielfach nichtchristliche Gedanken geäußert. Averroismus (seit 12.-13. Jh.) und Nominalismus (seit 14. Jh.) versuchten die Aporie durch die Behauptung aufzulösen, daß etwas philosophisch wahr, theologisch aber trotzdem falsch sein könne. Der Universalienstreit, der sich in der gesamten Zeit der Scholastik abspielte, wurde allerdings bis heute nicht geklärt. Er bleibt wohl das, was er schon damals war: eine Diskussion um die Wirklichkeit und Bedeutung oder Unwirklichkeit der Allgemeinbegriffe (Universalien) in ihrem Verhältnis zum konkreten Einzelnen, aus dem sie durch Abstraktion gewonnen wurden. Es ging um die Realität, weshalb der Universalienstreit auch Realienstreit genannt wurde. In der Hauptsache wurden bei dem - bis heute nicht befriedigend gelungenen - Versuch, diese Problem zu lösen, drei Positionen vertreten:


1.) der Idealismus (radikaler Begriffsrealismus), der den Allgemeinbegriffen
eine von der des Einzeldings verschiedene Realität (Idee) zusprach
(Vertreter: „Platoniker“ sowie Johannes Scotus Eriugena u.a.).
2.) der (gemäßigte) Realismus, der den Allgemeinbegriffen eine objektive Gültigkeit
zuerkannte, da durch sie das Wesen des Seienden erfaßt werde
(Vertreter; Albert der Deutsche, Thomas von Aquino u.a.).
3.) der Nominalismus (Konzeptualismus), der in den Allgemeinbegriffen bloße Worte und Laute
(Nomina bzw. flatus vocis) sah, durch die lediglich Ähnliches zusammengefaßt werde
(Vertreter: „Via moderna“, Wilhelm von Ockham, moderne Sprachphilosophie u.a.)


Die drei Hauptauffassungen (mit vielen Abarten), die im Universalienstreit mehr oder minder kontovers vertreten wurden, spiegeln sich in gewisser Weise in den drei Perioden der Scholastik (Früh-, Hoch-, Spät-). Das Problem aber wurde bis heute nicht wirklich gelöst. Die Frage nach der Daseinsweise der Universalien blieb also unbeantwortet, obwohl man diese von Aristoteles einst ins Leben gerufenen Allgemeinbegriffe immerhin teilweise in eine ähnliche Systematik pressen konnte, wie wir sie heute z.B. auch aus der Biologie kennen. (Vgl. zoologisch-botanische Systematik). Hier einige der Begriffe: „Klasse“ (ähnlich wie Kategorie; Gesamtheit der Einzelgegenstände), „Gattung“ (umfaßt eine Reihe von weniger allgemeinen Begriffen unter sich), „Art“ (ist ein Individual- und zugleich Allgemeinbegriff; ähnlich wie im zoologsch-botanischen System), „Eigenschaft“ (wesentlich, substantiell bzw. essentiell wie z.B. der Satz: Menschen sind sterblich), „unwesentliches Merkmal“ (akzidentiell wie z.B. der Satz: Menschen sind groß).

Im 13. und 14. Jahrhundert wurden nach den Vorbildern Bologna und Paris,
die für sich beanspruchen, schon am Ende des 12. Jahrhunderts entstanden zu sein,
Universitäten förmlich gegründet, darunter mit Prag die erste deutschsprachige Universität (1348)

 

Anatomische Kenntnisse beruhten fast ausschließlich auf Tiersektionen, die schon von der antiken griechischen Medizin entwickelt worden waren. Auch die Arbeiten des im 2. Jh. n. Chr. lebenden römischen Arztes Galen gründeten im anatomischen Bereich auf dem Studium von tierischen Körpern, wobei Galen oft irrtümlich von der Beschaffenheit tierischer Organismen auf den Menschen schloß. Galens (antike) Forschungen waren für Jahrhunderte verbindlich, doch innerhalb einer von Dogmen geleiteten und auf Autoritätsglauben basierenden Wissenschaft mußte z.B. die Anatomie rückständig bleiben, und mit dem Anwachsen der kirchenpolitischen Macht wurde sie von religiösen Tabus immer mehr behindert. Deshalb war z.B. der deutsche Stauferkaiser Friedrich II. mit seinem ausgeprägten Interesse für Mathematik, Naturwissenschaften und Philosophie seiner Zeit weit voraus: 1224 gründete er in Neapel die erste „Staatsuniversität“ des Abendlandes, wenig später richetete er an der berühmten Medizinschule von Salerno den ersten Lehrstuhl für Anatomie ein, 1238 verfügte er regelmäßige Obduktionen von Leichen. Hier bahnte also ein „weltlicher“ Herrscher den Weg in die „neuzeitliche“, erfahrungsgesättigte Anatomie, die dann der deutsche Mediziner Andreas Vesal (1514-1564) mit dem ersten vollständigen Lehrbuch der menschlichen Anatomie („Vom Bau des menschlichen Körpers“, 1543) auch publik machte. Im selben Jahr erschien auch das heliozentrische Weltbild: Kopernikus (1473-1543) veröffentlichte sein Hauptwerk („Von den Kreisbewegungen der Himmelskörper“, 1543) kurz vor seinem Tod. Ob es Zufall war, daß die Bücher von Vesal und Kopernikus im selben Jahr - 1543 - erschienen? (Vgl. „Früh-HochdenkerMobilmachung).

Noch in der Gotik hatte sich, zumindest teilweise, auch die perspektivische Darstellung behauptet, um die Dreidimensionalität des Raumes in die Zweidimensionalität der Malerei zu überführen, wie z.B. bei Duccio di Buoninsegna (1255-1319) und Giotto di Bondone (1266-1337). Giotto und Duccio begannen um 1300 die mittelalterliche Bildfläche zu einem Kastenraum zu öffnen. Die gesetzmäßig konstruierte Zentralperspektive war aber eine Leistung der Frührenaissance, die durch die theoretische Begründung des künstlerischen Schaffens zum Zeugnis der seit dieser Zeit stattfindenden Verwissenschaftlichung der Weltsicht wurde. Der Überlieferung nach war es Filippo Brunelleschi (1377-1446), Bahnbrecher der italienischen Frührenaissance und Begründer ihrer Architektur, der die Gesetze der mathematisch exakten perspektivischen Darstellung für die Neuzeit (wieder) entdeckte. Schriftlich festgehalten wurde diese bahnbrechende Innovation von dem Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti (1404-1472). Geistig gesehen leuchtete der Humanismus der Renaissance voran. Man wollte antigotisch sein, war antik orientiert, aber dennoch spätgotisch. (Renaissancen). Die Begegnung von Spätgotik und Renaissance vollzog sich in Albrecht Dürer (1471-1528) besonders sinnfällig. Wie vielen seiner Zeitgenossen, kam auch dem in Nürnberg geborenen Meister zugute, daß sein Leben in die Wende von der Spätgotik zur Renaissance fiel: indem er sich mit der italienischen Kunst schöpferisch auseinandersetzte, entwickelte er seine eigene Künstlerpersönlichkeit weiter zum deutschen Maler, Zeichner, Graphiker und Kunstschriftsteller. Mobilmachung

 

In beiden Kulturen - Antike und Abendland - gab es auch hinsichtlich der denkerischen Entwicklungen ähnliche Phänomene, denn geistig-seelisch klingen geburtliche „Eigenart“, trotziges „Selbst“, symbolische „Muttersprache“ wie Früh-, Hoch-, Spät- der Scholastik und Mystik. Wenn die kulturellen Frühdenker zur Welt kommen, dann sind sie dabei, sich von der Mutterkultur abzunabeln und erhalten im Gegenzug ihr „eigenes“ Problem. Wenn sie sich ihr Selbst ertrotzen, dann sind sie dabei, im Machtstreit die eigene oder die gegnerische Sicht der Doppelwahrheit mit Nachdruck zu verteidigen. Wenn sie ihre Kultursymbolik metasprachlich erforschen, sind sie dabei, die eigene Philosophiekultur zu erkennen, primärmetasprachlich unwiderruflich festzulegen. Am Ende der Frühdenkerzeit hat jede Kultur ihre „Philosophiegrammatik“ so verinnerlicht, daß sie nicht mehr anders kann, als in dieser ihr zu „eigen“ gewordenen Philosophie zu denken und zu träumen. Statt dessen kann (und wird) es ab jetzt verstärkt darum gehen, Reformen und Gegenreformen für die einmal eingebrannte Denkart zu testen. Zunächst herrscht noch die Angst vor dem Verlust der Identität vor, so daß man mittels einer „Wiedergeburtsreform“ rückwärts nach vorne denken möchte. Auch deshalb gab es in der Antike am Ende der Frühdenkerzeit eine (orientalisierende) Renaissance und eine Reformation durch die Orphiker, die Dionysos als „letzten“ (weil „ersten“?) Gott in den Olymp brachten, sowie eine für die Welt der kleinen Bauern erstellte Theogonie von Hesiod (um 700 v. Chr.). Die Analogien im Abendland: (antikisierende) Renaissance, Reformation und Neumystik. Hierdurch wurde das „Hochdenken“ erreicht.

Tabelle
Theologie Analoge (Früh-) Philosophien Theologie
(Analoge Theologien)
antik von ca. 1400 v. Chr. bis ca. 650 v. Chr.
abendländisch von ca. 750 n. Chr. bis ca. 1500

(6-8, 8-10, 10-12)
16) . . (Vorläufer der homerischen Epen) . .  seit ca. - 15. Jh. / - 14. Jh.
17) Zeus-Götterwelt als Feudal-Religion seit ca. - 14. Jh. / - 13. Jh.
18) ................... ... .................... seit ca. - 10. Jh. / - 9. Jh.
19) Zeus-Götterwelt als Monopol-Religion seit ca. - 10. Jh. / - 9. Jh.
20) .................... ... ..................... seit ca. - 9. Jh. / - 8. Jh.
21) Zeus-Götterwelt als Adelsreligion, Homer seit ca. - 8. Jh.
22) ....... ... ..... (u.a. Olymische Spiele; 776) seit ca. - 8. Jh.
23) ....... ... ..... (u.a. Apollon-Kult in Delphi) seit ca. - 8. Jh.
24) Orientalisierende Renaissance seit - 8. / - 7. Jh.
25) Reformation (Orphiker) Renaissance seit - 7 Jh.; Neuzeit
26) Dionysos als „letzter Gott“ im Olymp; seit - 7. Jh.; Neuzeit
27) Zeus-Götterwelt; Theogonie von Hesiod seit - 7. Jh.; Neuzeit
28) Gegenreformation Zeus-Welt seit - 7. / - 6. Jh.; Neuzeit
- PURITANISMUS seit - 7. / - 6. Jh.; Neuzeit -
16) 2. Scholastik Früh-Scholastik (Universalienstreit) seit 8.Jh.
17) 1. Mystik Früh-Mystik seit 9. Jh.
18) 3. Scholastik Hoch-Scholastik (Aristotelismus) seit 13. Jh.
19) 2. Mystik Hoch-Mystik seit 13. Jh.
20) 4. Scholastik Spät-Scholastik seit 14. Jh.
21) 3. Mystik Spät-Mystik seit 14. Jh.
22) Nominalismus Früh-Naturwissenschaft seit 14. Jh.
23) Ockhamismus Früh-Empirismus seit 14. Jh.
24) Humanistische Renaissance (Petrarca u.a.) seit 14. Jh.
25) Reformation (Luther) Renaissance seit 15./16. Jh.; Neuzeit
26) Neuscholastik (5) Reformation seit 15. / 16. Jh. Neuzeit
27) Neumystik (4) Paracelsus, Franck u.a. seit 16. Jh.; Neuzeit
28) Neuscholastik (6) Gegenreformation seit 16. Jh.; Neuzeit
- PURITANISMUS seit 16. Jh.; Neuzeit -


WEITER

Philosophie
Spät-Denker
Hoch-Denker
Früh-Denker
Vor-Denker
Ur-Denker
Glaube (Religion, Theologie)

 

Nicht nur, daß die Frühdenker die „Vordenker der Hochdenker“ sind,
von ihrer „Steilvorlage“ werden die Hochdenker lange profitieren,
selbst die Spätdenker werden sich noch zerreißen an der Denkart,
die die eigene Philosophie erdachte und Naturwissenschaft meinte.
Das Abendland erwarb hier sein Kultursymbol und seine Denkseele:
den bis ins Unendliche forschenden, sich stets weiterdenkenden „Faust“.
(*)

 

Urdenker Vordenker Frühdenker Hochdenker Spätdenker Nachdenker Enddenker
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Anmerkungen:


Seelenbild der Antike und Seelenbild des Abendlandes sind gegensätzlich: apollinisch und faustisch; ihre Ursymbole ebenfalls: Einzelkörper und Unendlicher Raum. Wie ein Dogma gegenüber aller Erfahrung, gelten auch Seelenbild und Ursymbol allgemein als unbeweisbar, deshalb sei hier darauf hingewiesen, daß der Unterschied zwischen Antike und Abendland sogar am Beispiel „Parallelenaxiom“ deutlich werden kann: Euklid hat in seinen „Elementen“ (um 312 v. Chr.) die mathematische Entsprechung für das antike Beispiel gegeben und Gauß ca. 2112 Jahre später (um 1800) die für das abendländische. Sie stehen - wie unzählige andere Beispiele auch - für einen metaphysischen Mittelpunkt, um den eine Kultur kreist, während sie von Seelenbild und Ursymbol angetrieben und angezogen wird. (Vgl. Oswald Spengler, 1917, S. 155, 227ff., 234, 390). Vgl. dazu auch das Germanentum.

Das Seelenbild der magischen Kultur ist ein dualistisches: Geist und Seele, ihr Ursymbol die Welthöhle. (Vgl. Spengler, 1922, S. 847f.). Magien

Zum Kultursymbol-Erwerb vgl. auch die Vor-/Urgeschichte (Feuergebrauch, Sprachgebrauch u.s.w.): Homo erectus und das Feuer im (Alt-) Paläolithikum sowie die Geschichte der Sprache und Religion während der Hominisierung. Vgl. dazu (und zwar in der weiteren Kulturentwicklung) das jeweilige Ursymbol der „Einzel“-Kulturen. Eine besondere Bedeutung, weil stark richtumgsveränderlich, spielen dabei die Phasen, die eine ganz besondere „Wende“ bewirken: „Befruchtung“ (22-24) und „Kultursymbol oder Kulturspracherwerb“ (10-12).

Zeus (lat. Jupiter), der höchste Gott der Griechen (der Antike), Sohn des Kronos und der Rhea, Bruder und Gemahl der Hera, stürzte mit seinen Brüdern Poseidon (Neptun) und Hades (Pluto) die Herrschaft der Titanen ( 6 Söhne und 6 Töchter des Uranos und seiner Frau Gäa), zu denen sein Vater Kronos (Saturn) zählte. Er teilte nach dem Sturz der Titanen die Welt mit seinen Brüdern. Wie bei keinem olympischen Gott sonst sind bei Zeus die indogermanische Etymologie und Bedeutung und damit bereits vormediterane, aus der indogermanischen Religion stammende Ursprungs- und Wesensmerkmale zweifelsfrei. Zeus, mit diphtongischem Wurzelnomen, geht etymologisch zurück auf das indogermanische Nomen agentis * dieu-s mit der Grundbedeutung „hell Aufleuchtender“, „Glänzer“, „Wetterleuchtender“. Zeus wurde zwischen 2300-1900 v. Chr. von den einwandernden Indogermanen bzw. Protogriechen (Achäer, Ionier) importiert. Er kann aber sogar noch früher von diesen indogermanischen Gruppen in den Nordwesten Griechenlands importiert worden sein (vielleicht als * Teus). Erst im Verlauf des 2. Jt. v. Chr. trat zu dieser indogermanischen Komponente die mediterane, und erst in der Mittelmeerwelt wurde Zeus zum Kroniden. (Vgl. Tabelle und Zeus' Sohn Apollon).

Kroniden (Hades, Neptun, Zeus sowie Hestia, Demeter, Hera) sind die 3 Söhne und die 3 Töchter des Kronos und der Rhea. Kronos entmannte seinen Vater Uranos (Himmel) und bemächtigte sich der Weltherrschaft. Um nicht von seinen Nachkommen ein ähnliches Schicksal zu erfahren, verschlang er alle Kinder, die ihm seine Gemahlin und Schwester Rhea gebar. Nur im Falle des jüngsten Sohnes Zeus gelang es Rhea, Kronos zu täuschen. An Stelle des Kindes verschluckte Kronos einen Stein. Später besiegte Zeus Kronos, zwang ihn, die Geschwister wieder auszuspeien, und verbannte ihn und die anderen Titanen in den Tartaros (Unterwelt, v.a. für den Aufenthalt von Dämonem und Büßern).

Apollon, Sohn des Zeus und der Leo und Zwillingsbruder der Artemis, war der griechische Gott, v.a. der Mantik (Seher- bzw. Wahrsagerkunst) und Musik, dessen umfassende Kompetenz sich jedoch auf alle Bereiche göttlichen Waltens erstreckte. Die apotropäischen (nach Art des abwehrenden Zaubers), schützenden und heilenden Eigenschaften gehörten hingegen wohl noch vor den daraus ableitbaren mantischen und karthartischen zur älteren Wesensschicht des Apollon. Der schreckliche Bogenschütze, mit den lautlosen Pfeilen „nach Belieben treffend“, schickte zwar Tod und Verderben über Menschen und Vieh, doch wurde der Pestbringer ganz folgerichtig auch um Abwehr des Übels angegangen. Es bleibt festzuhalten, daß an der vielschichtigen Gestalt des Gottes offenbar prähellenische bzw. indogermanisch-protohellenische und (kleinasiatisch-) mediterane Komponeneten beteiligt waren. Apollon war die Verkörperung des griechischen bzw. antiken Ideals der strahlenden „apollinischen Schönheit“. (Vgl. antikes Seelenbild und Apollonkult).

Mysterien (zu griech. muein, die Augen schließen; muew, [in die Mysterien] einweihen, schulen, unterrichten),“ was verschwiegen wird“, gemeint ist der in Kultfeiern erlebte unaussprechliche Heilsgehalt. (Vgl. oben). Intellektuelle Belehrung gab es bei diesen populären Initiationen nicht. Auch wurden die heiligen Riten einer großen Menge ohne Rücksicht auf individuelles Verdienst gespendet. Deshalb wohl neigten die Philosophen dazu, die Mysterien gering zu schätzen. Diogenes meinte, es sei absurd anzunehmen, jeder Steuereintreiber könne, nur weil er eingeweiht sei, in der nächsten Welt am Lohn der Gerechten teilhaben, während Ungeweihte verdammt seien, dort im Schlamm zu liegen. Heraklit und Anaxagoras sowie Sokrates äußerten sich ähnlich negativ über die Mysterien. Auch Platon spottete über sie; aber er hielt auch seine Philosophie für eine andere und bessere Art der mystischen Inititiation. Die Philosophie, so meinte er, erreiche durch bewußtes Forschen für wenig Auserwählte dasselbe, was die Mysterien dem gemeinen Volk durch das Schüren von Emotionen vermittele: Läuterung der Seele, die freudige Begrüßung des Todes, die Kraft, mit dem Jenseits in Verbindung zu treten, die Fähigkeit, auf rechte Art zu rasen, d.h. verrückt zu sein. All diese Vorzüge, die Platon als übliche Leistungen mystischer Initiation anerkannte, sollten in seiner Philosophie durch geistige Schulung erreicht werden, durch Übung in der Kunst der Dialektik, deren Ziel es war, die Seele vom Irrtum zu reinigen. Die kultischen Initiationen und Rituale wurden von ihm durch intellektuelle oder geistige Mysterien ersetzt. Später, im Neuplatonismus, bei Plotin, wurde die Übernahme ritueller Terminologie systematisiert.

Apollon war der griechische Gott (wahrscheinlich kleinasiatischer Herkunft) und galt als Sohn des Zeus und der Leo, Zwillingsbruder der Artemis. Apollon war die Verkörperung des griechischen bzw. antiken Ideals der strahlenden „apollinischen Schönheit“ (Vgl. Apollonkult und das antike Seelenbild).

Orakel (zu lat. oraculum, eigtl. „Sprechstätte“) ist Weissagung, Aussage über Zukünftiges (z.B. als Handlungsanweisung), räumlich Entferntes, über den gebotenen Vollzug bestimmter Handlungen und herrscherliche Ansprüche, ferner auch Bezeichnung des Ortes, an dem diese „Wahrsagungen“ erteilt werden. In fast allen Kulturen und Religionen haben Orakel eine beträchtliche Rolle gespielt. Man unterscheidet zwischen einer kultischen Orakelgebung, die durch Medien und Priester erfolgt, und einer direkten Orakelerteilung durch charismatisch veranlagte Personen. Berühmte Orakelstätten waren das kanaanäische Kadesch und vor allem Delphi mit der Pythia, deren Äußerungen von Priestern gedeutet wurden. Das antike Orakel war ursprünglich ein Losorakel und beruhte erst später auf der Inspirationsmantik der Pythia. (Vgl. die mit Runen versehenen Buchenstäbe (Buchstaben) als „Lose“ bzw. Orakelform bei den Germanen).

Delphi war schon seit Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. Siedlung und Kultstätte (urspr. Verehrung der Erdmutter Gäa, seit dem 8. Jh. Apollonkult). Das Apollonheiligtum, die „Pythischen Spiele“, besonders aber das Orakel machten Delphi zu einer der bedeutendsten Kultstätten der Antike. Nach der griechischen Mythologie erschlug hier Apollon den Drachen Python. Im Apollontempel befanden sich der Omphalos (Nabel der Erde), ein Marmorblock, der als Mittelpunkt der Erde galt, und der Erdspalt, dem ein Luftstrom entstieg, der die Orakelpriesterin Pythia, auf ehernen Dreifuß über dem Erdspalt sitzend, zur Prophetie anregte. Das Orakel war ursprünglich ein Losorakel und beruhte erst später auf der Inspirationsmantik der Pythia, deren von Apollon eingegebene Äußerungen von der Priesterschaft in Form metrischer, meist mehrdeutiger Sprüche verkündet wurden.

Python (puqon) war nach der griechischen Mythologie ein erdgeborener Drache, der das Orakel seiner Mutter Gäa in Delphi behütete und von Apollon getötet wurde. Nach Python war die Apollonpriesterin Pythia am Orakel in Delphi benannt, führte der Gott den Beinamen Pythios und wurden die Spiele in Delphi „Pythischen Spiele“ (Pythien) genannt, die alle vier Jahre zu Ehren des Apollon gefeiert wurden.

Pythia (von puqon, Python) war Apollonpriesterin in Delphi, benannt nach dem erdgeborenen, das Orakel seiner Mutter Gäa behütenden, schließlich von Apollon getöteten Drachen Python.

Hippokrates (um 460-370), griechischer Arzt aus Kos, gilt als Begründer der Medizin als Erfahrungswissenschaft auf Grund unbefangener Beobachtungen und Beschreibung der Krankheitssymptome und einer kritischen, spekulationslosen Diagnostik. Die Hippokratiker verstanden Gesundheit und Krankheit als Gleichgewicht bzw. Ungleichgewicht von Körpersäften und Elementarqualitäten. (Humoralpathologie). Umweltfaktoren, Lebensweise und Ernährung wurden dabei besonders berücksichtigt. Sie beobachteten scharf die Krankheitssymptome, aber ihre Hauptanliegen waren die Prognose und die Prophylaxe, während sie sich in der Therapie zurückhielten und hauptsächlich die „Heilkraft der Natur“ wirken ließen bzw. unterstützten. Die historische Bedeutung der hippokratischen Medizin liegt einmal darin, daß sie das ärztliche Handeln einem hohen ethischen Verantwortungsbewußtsein unterstellte („Hippokratischer Eid“), zum anderen darin, daß sie bewußt von religiös-magischer Krankkheitsauffassung und Therapie abrückte und ein rational-natürliches Verständnis der Krankheit versuchte, allerdings (noch) nicht im Sinne modern-abendländischer Naturwissenschaft. Die Kanonisierung der hippokratischen Medizin durch Galen (um 129-199) machte diese zum Hauptfundament der Medizin - insbesondere auch der abendländischen (bis zum Ende des 18. Jahrhunderts).

Humoralpathologie ist die in mehreren Kulturen - v.a. in der Antike - ausgebildete Lehre von den „Körpersäften“ (Blut, Lymphe, Schleim, gelbe und schwarze Galle u.s.w.), deren rechte Mischung Gesundheit, deren Ungleichgewicht dagegen Krankheit bedeutet. (Vgl. Hippokrates und Galen).

Platon (eigtl. Aristokles, 427-347); vgl. Platons Philosophie der Weltverabschiedung und Einübung ins Sterben (Platons Philosophie), besonders seine Lehre von der Umkehr durch Ausstieg aus der Höhle („Höhlengleichnis“). Platon war zuerst Dichter, wandte sich von der Dichtung jedoch ab, weil sie seit 387 v. Chr. (Gesetz) ziemlich grausame Theaterstücke aufführen durfte (Götter-Blasphemie u.s.w.). Er gründete wahrscheinlich deshalb 385 v. Chr. eine Schule, die (dem altattischen Heros) Akademos gewidmet war. Die Ältere Akademie war stark pythagoräisch beeinflußt: das Problem von „Idee“ und „Zahl“ spielte erkenntnistheoretisch eine große Rolle. Später folgten die Mittlere Akademie (seit 315 v. Chr.) und die Neuere Akademie (seit 160 v. Chr.); vgl. die Akademien im Altplatonismus, den Mittleren Platonismus, die Auswirkungen auf die Gnosis, den Neuplatonismus, die Patristik. Alle Philosophie nach Platon scheint aus Fußnoten zu der seinigen zu bestehen. Er schrieb Dialoge, tatsächliche und fiktive Gespräche mit Sokrates (470-399), seinem Lehrer. Platon lehrte die Scheinhaftigkeit und Abkünftigkeit der Sinnenwelt von archetypischen Urbildern oder Ideen. Mit der Ideenlehre setzte er sich von Sokrates ab, obwohl er sie in den (mittleren und späteren) Dialogen seinem Dialoghelden Sokrates in den Mund legte. Für Platon waren die unveränderlichen Ideen die Urbilder der veränderlichen Dinge, ihr Programm, ihr Ziel und Zweck. Platon nahm bei seiner Ideenlehre die Mathematik (Geometrie) zum Vorbild aller anderen Wirklichkeit, wie schon vor ihm Pythagoras (580-500) und seine Schüler. (Vgl. Tabelle).

Das „Höhlengleichnis“ ist laut Platons „Staat“ (7.Buch) ein Vergleich des menschlichen Daseins mit dem Aufenthalt in einer unterirdischen Behausung. Gefesselt, mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, erblickt der Mensch nur die Schatten der Dinge, die er für die alleinige Wirklichkeit hält. Löste man seine Fesseln und führte ihn aus der Höhle in die lichte Welt mit ihren wirklichen Dingen, so würden ihm zuerst die Augen wehtun, und er würde seine Schattenwelt für wahr, die wahre Welt für unwirklich halten. Erst allmählich, Schritt für Schritt, würde er sich an die Wahrheit gewöhnen. Kehrte er aber in die Höhle zurück, um die anderen Menschen aus ihrer Haft zu befreien und von ihrem Wahn zu erlösen, so würden sie ihm nicht glauben, ihm heftig zürnen und ihn vielleicht sogar töten. Vgl. Platon (427-347).

Aristoteles (383-322); vgl. Ältere und Jüngere Aristoteliker (Peripatetiker) und Aristotelische Stoa. Dieser antike Universalgelehrte bestimmte mit seinen Klassifikationen und Begriffsprägungen die gesamte nachfolgende Philosophie, dominierte insbesondere die Scholastik. Die sich auf Aristoteles stützende Art des Philosophierens, der Aristotelismus, wurde später auch von den Arabern (z.B. Averroes, 1126-1198) und Juden (z.B. Maimonides, 1135-1204) gepflegt und beherrschte insbesondere seit dem 13. Jh. das philosophische Denken des Abendlandes, vermittelt vor allem durch Albert dem Deutschen (den Großen, 1193-1280) und Thomas von Aquino (1225-1274), allerdings mit wesentlichen, durch das Christentum bedingten Änderungen. Dieser auch „Thomismus“ genannte Aristotelismus wurde (als Neuthomismus) die Grundlage der katholischen Neuscholastik (bis heute!). In der Zeit der Renaissance wurde der Aristotelismus in unscholastisch-humanistischer Art von nach Italien gelangten byzantinischen Gelehrten neu belebt: in Deutschland fußten also sowohl die protestantische Neuscholastik (z.B. durch Melanchthon, 1497-1560) als auch die katholische Neuscholastik (z.B. durch Suarez, 1548-1617) auf dem Aristotelismus. Aristoteles, der für seinen Sohn Nikomachos die „Nikomachische Ethik“ geschrieben hatte, blieb für die Entwicklung der abendländischen philosophischen Ethik richtungsweisend bis Kant (!). (Vgl. Tabelle).

Die Stoa, um 300 v. Chr. von Zenon (354-264) aus Kition gegründet, war eine weit verbreitete Strömung der griechischen Philosophie, die eine Alte, Mittlere, Neue und eine späte Aristotelische Stoa (vgl. Stoizismus) entwickelte. In der römischen Kaiserzeit war die Stoa so etwas wie eine ethische Religion des römischen Volkes geworden. Gott und Natur waren der Stoa eins, das Menschenwesen ein Teil der Gott-Natur. Die Stoa nahm nach Art des Globaleklektizismus bzw. Synkretismus die verschiedensten Lehren in sich auf. Andererseits übernahmen später Gnosis und Neuplatonismus Elemente auch aus der Stoa.

Claudius Galenus (ca. 129-199), römischer Arzt griechischer Herkunft, war Arzt und Schriftsteller in Rom und neben Hippokrates der bedeutendste Arzt der Antike. In seinem z.T. erhaltenen Werk vereinigte er die Humoralpathologie und die diagnostisch-klinische Kunst der Hippokratiker mit der Anatomie und Physiologie des Aristoteles und der alexandrinischen Ärzte zu einem umfassenden System der Medizin, das über Jahrhunderte die Heilkunde beherrschte. Seine Schriften galten v.a. der Anatomie, Physiologie, Pharmakologie und Pathologie als Grundlagen der ärztlichen Ausbildung und Tätigkeit. Galen verfaßte neben medizinischen auch mathematische und philosophische Schriften, wobei er die Lehren der Peripatetiker mit denen der Stoiker zu verbinden suchte. (Vgl. auch: Aristotelische Stoa).

Dionysios Areopagita (1. Jh. n. Chr.), angeblich erster Bischof Athens, war Mitglied des Areopagats (Areopag = Areshügel, ältester und berühmtester Gerichtshof in Athen, auf dem Areshügel, westlich der Akropolis) und wurde von Paulus bekehrt. Unter dem Namen Dionysios Areopagita und unter Berufung auf Apg. 17, 34 veröffentlichte ein griechisch schreibender christlicher Schriftsteller im 5. oder 6. Jh., der Pseudo-Dionysios Areopagita, eine Reihe theologisch-mystischer Schriften und Briefe und erlangte damit beinahe apostolisches Ansehen mit großem Einfluß insbesondere auf die Mystik.

Das auf Vergangenheit und Zukunft bezogene Bild eines Abendländers ist das exakte Gegenstück zu dem eines Antiken, für den nur die Gegenwart zählte. Selbst das Römische Reich war nicht primär aus bewußtem Antrieb durch identitätsstiftende Geschichten, also durch eine Mythomotorik gebildet worden, sondern aus sich selbst heraus. Im Gegenteil dazu suchte das Abendland von Anfang an seinen Antrieb durch Geschichten; und gerade die Geschichte des Römischen Reiches, die doch selbst durch Gegenwart, durch ständige Präsenz gekennzeichnet war, wurde (vielleicht auch deshalb!) zur Basis jeder Übertragung. Das „Reich“ wurde zur Grundlage jedes bildenden und einbildenden Projektes, d.h. jeder Projektion.“Die maßgeblichen europäischen Mächte unternahmen immer neue Anläufe, ein Reich nachzuspielen, das ihrer politischen Phantasie als unverlierbares Paradigma vorgeordnet blieb. So könnte man geradezu sagen, daß Europäer ist, wer in eine Übertragung des Reiches verwickelt wird. Dies gilt besonders für Deutsche, Österreicher, Spanier, Engländer und Fransosen ....“ (Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht, 1994, S. 34).

Mythomotorik bedeutet Antrieb durch formierende oder identitätsstiftende Geschichten. „Den Ausdruck Mythomotorik hat m.W. Jan Assmann ... eingebracht. Vgl. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerungen und politische Identität in den frühen Hochkulturen, München, 1992.“ (Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht, 1994, S. 64).

Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht. Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence, 1994.

Plotinos (205, Lykopolis, † 270, Minturnae / Campanien) war in Alexandria Schüler des sagenhaften Ammonios Sakkas (um 175 - 242), danach, nach seiner Teilnahme an Kaiser Gordians persischen Feldzug, als Kaiser Gallienus' Schützling Vorsteher einer eigenen Schule in Rom. Plotin war sogar so sehr auf Vergeistigung bedacht, daß er sich schämte, einen Körper zu haben. (Vgl. Neuplatonismus).

Thomismus ist die Philosophie des Thomas von Aquino (1225-1274) und seiner Anhänger, der Thomisten. Er ist gegliedert in den älteren Thomismus vor der Reformation und in den neuren Thomismus (Neuthomismus) nach der Reformation, d.h. seit Beginn der Gegenreformation. Er besteht also heute noch (vgl. Tabelle). Der Thomismus bedeutet Vereinigung des Aristotelismus mit der christlichen (katholischen) Weltanschauung. Er vertritt die Herrschaft des Intellekts über den Willen und Willensfreiheit innerhalb gewisser Grenzen, den Aufbau der Welt in sinnvollen Stufen und die Erkennbarkeit Gottes nur aus seinen Wirkungen in der sichtbaren Schöpfung. Einer der ersten Gegner des Thomismus war Duns Scotus (1266-1308).

Mystik: vgl. Ur-Mystik, Früh-Mystik, Hoch-Mystik, Spät-Mystik und Neu-Mystik und ihre Mündung in Idealismus und Romantik.

„Doppelte Wahrheit“, das gleichzeitige Wahr-oder-Falsch-sein-Können einer Erkenntnis je nach der Grundlage dieser Erkenntnis, spielte im Mittelalter eine große Rolle, als die Glaubenswahrheiten rational gesichert werden sollten.

Aporie (aus griech. a „nicht“ und poros „Weg, Brücke“) ist die Weglosigkeit, die Ausweglosigkeit, d.h. die Unmöglichkeit, zur Auflösung eines Problems zu gelangen, weil in der Sache selbst oder in den verwendeten Begriffen Widersprüche enthalten sind. (Vgl. auch: „Doppelte Wahrheit“).

Bernhard von Clairvaux (1090-1153) trat 1112 in das Reformkloster Citeaux ein, gründete 1115 das Kloster Clairvaux, von dem zu seinen Lebzeiten 68 Filialgründungen ausgingen.. Der Orden der Zisterzienser wurde von ihm wesentlich mitgeprägt, seine Mystik bestimmend für das ganze Mittelalter, sein Einfluß auf Predigt und geistliches Leben nachwirkend bis weit in die Neuzeit. Von Bernhards Werken sind fast 900 Handschriften erhalten: Predigten, Abhandlungen; Hauptwerk: De consideratione (1149-1152).

Albert von Bollstädt (1193-1280), auch: Albert der Deutsche, Albert der Große (Albertus Magnus), trug den Ehrentitel „Doctor universalis“, wegen seiner Vielseitigkeit. Er war Philosoph, Naturwissenschaftler und Theologe und gehörte dem Dominikanerorden an. Als einziger Gelehrter hat er den sonst nur Staatsmännern vorbehaltenen Beinamen „Magnus“ (der Große) erhalten. Albert ist Schutzpatron der Naturwissenschaftler. (Vgl. auch: Aristoteles und Aristotelimus).

Unio mystica (lat.) bedeutet die mystische Vereinigung nit der Gottheit; sie wurde in den Mysterienkulten vollzogen. Von Platon und dem Neuplatonismus wurde die Unio mystica vergeistigt, noch mehr in der Mystik (besonders des deutschen Mittelalters), in der es um die Vereinigung des Einzelnen „Schauenden“ mit Gott ging. Vgl. z.B. Johann („Meister“) Eckhart.

„Via moderna“, seit dem 14. Jh. im Unterschied zur „Via antiqua“ (thomistischer oder gemäßigter Realismus) die Bezeichnung für die scholastische Position des Nominalismus, besonders für alle neueren Strömungen der Hoch-, vor allem aber der Spätscholastik. Es waren Wilhelm von Ockham (um 1285-1350) und die in seiner Nachfolge vertrenen philosophischen und theologischen Positionen, die dem Nominalismus zum Durchbruch verhalfen.

Konzil (lat. concilium, Zusammenkunft, Versammlung; verwandt mit der griech. Synode) ist die Versammlung von Bischöfen und anderen kirchlichen Amtsträgern zur Erörterung und Entscheidung theologischer und kirchlicher Fragen. Das ökumenische oder allgemeine Konzil, das im 1. Jt. vom Kaiser und seit Beginn des 2. Jt. vom Papst berufen wurde, repräsentiert die allgemeine Kirche und besitzt nach katholischem Verständnis in seinen Glaubensentscheidungen Unfehlbarkeit. (Vgl. Konziliarismus).

Konziliarismus ist die Bezeichnung für die Auffassung, daß das Konzil und nicht der Papst allein die höchste Instanz in der Kirche sei. Im Abendländischen Schisma erlangte der Konziliarismus praktische Bedeutung, die auf dem Konstanzer Konzil (1414-1418) bestätigt wurde, obschon die Päpste den Konziliarismus immer wieder verurteilten. Auch der Philosoph Nikolaus von Kues (1410-1464), der Cusaner, vertrat die Ansicht, daß das Konzil über dem Papst stehe. Die Gedanken des Konziliarismus wurden bis zum 1. Vatikanischen Konzil (1869/1870) permanent vertreten.

Nikokaus von Kues (eigtl. Krebs, 1401-1464), Werke u.a.:
- De concordantia catholica (worin er das Baseler Konzil (1431-37) als Überordnung über den Papst und die
  Einigung zwischen westlichem und östlichem Christentum befürwortete), 1434
- De docta ignorantia (De visione dei, Über die Schauung Gottes), (Hauptwerk), 1440
- De posset (Über Können-Ist, d.h. Gott), 1443
- Idiota de mente (Der Laie über den Geist), 1450
- De cribratione Alchoran (Über die Siebung, d.h. Sichtung des Koran), 1461
- De ludo globi (Über das Spiel, d.h. die Umdrehung der Erdkugel), 1464

So ergibt sich für das Abendland
folgende Quadratur des Denkkreises:
1) VORDENKER
(Gnostiker, Neuplatonisten, Ur-/Vorscholasten): PATRISTIK (Ergebnis: Scholastik als Theologie)
- 2) FRÜHDENKER
(Früh-, Hoch-, Spätscholasten): SCHOLASTIK (Ergebnis: Naturwissenschaft als Philosophie)
- 3) HOCHDENKER
(Reformatoren, Rationalisten, Aufklärer): RATIONALISTIK (Ergebnis: Industriemoderne als Neu-Theologie)
- 4) SPÄTDENKER
(Idealisten, Nihilisten, Globalisten): MODERNISTIK (Ergebnis: . . .? . . . als Neu-Religion)
Die Regel ist
pentagonisch“, weil der GLAUBE
immer mitspielt:
GLAUBE wird Religion (URDENKEND), Religion wird Theologie (VORDENKEND), Theologie wird Philosophie (FRÜHDENKEND),
Philosophie wird Neu-Theologie (HOCHDENKEND), Neu-Theologie wird Neu-Religion (SPÄTDENKEND), Neu-Religion wird Neu-GLAUBE.
Theoretisch
war für Menschen also schon seit der Urgeschichte die Möglichkeit zu einer Moderne gegeben. Für die Säugetiere, also auch für uns Menschen war Jupiter bzw. der Meteorit, den er uns vor 65 Mio. Jahren schickte, ein Glücksbringer (natürlich nur optimistisch gesehen!).

Die Prädestination wurde vom Calvinismus, anfangs ein antischolastischer Humanismus, zu seinem Inhalt und Mittelpunkt gemacht. Diese Prädestination, die man auch Prädetermination nennt, meint die Vorbestimmung des Menschen schon vor bzw. bei seiner Geburt durch Gottes unerforschbaren Willen, und zwar entweder als Gnadenwahl zur Seligkeit ohne Verdienst oder als Prädamnation zur Verdammnis ohne Schuld. Sie wurde schon von Augustinus (354-430) gelehrt und nach ihm von Luther (1483-1546), Zwingli (1484-1531), Calvin (1509-1564) und dem Jansenismus (nach Cornelius Jansen, 1585-1638). Auf einen engen Zusammenhang zwischen dem Calvinismus, besonders aber dem aus ihm entwickelten Puritanismus, und dem modernen Kapitalismus der abendländischen Kultur hat vor allem Max Weber (1864-1920) hingewiesen.

Die Prädestination, die man auch Prädetermination nennt, meint die Vorbestimmung des Menschen schon vor bzw. bei seiner Geburt durch Gottes unerforschbaren Willen, und zwar entweder als Gnadenwahl zur Seligkeit ohne Verdienst oder als Prädamnation zur Verdammnis ohne Schuld. Sie wurde schon von Augustinus (354-430) gelehrt und nach ihm von Luther (1483-1546), Zwingli (1484-1531), Calvin (1509-1564) und dem Jansenismus (nach Cornelius Jansen, 1585-1638). Prädestination wurde vom Calvinismus zu seinem Inhalt und Mittelpunkt gemacht. Auf einen engen Zusammenhang zwischen dem Calvinismus, besonders aber dem aus ihm entwickelten Puritanismus, und dem modernen Kapitalismus der abendländischen Kultur hat vor allem Max Weber (1864-1920) hingewiesen.

Johannes Faust (um 1480 - um 1540), deutscher Arzt, Astrologe und Schwarzkünstler, war nach seinem Theologiestudium in Heidelberg u.a. in Erfurt (1513), in Bamberg (1520), in Ingolstadt (1528) und in Nürnberg (1532). Er stand in Verbindung mit humanistischen Gelehrtenkreisen und hatte anscheinend Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturphilosophie der Renaissance (magia naturalis). Schon zu seinen Lebzeiten setzte die Sagenbildung ein, besonders durch Übertragung von Zaubersagen auf ihn, in denen er vor allem als Totenbeschwörer auftrat. Sein plötzlicher (gewaltsamer?) Tod gab Anstoß zu Legenden, der Teufel habe ihn geholt. Diese Stoffe wurden Grundlage eines Volksbuches. Das erste Faustbuch erschien 1587 bei J. Spies in Frankfurt (Main). Mit einer um 1575 niedergeschriebenen Wolfenbüttler Handschrift des Faustbuches geht diese Fassung auf eine gemeinsame, nicht erhaltene Vorlage zurück. Das Spies'sche Faustbuch wurde 1599 in Hamburg neu bearbeitet von G. Widmann, dessen Fassung später (1674) von J. N. Pfitzer gekürzt wurde. Das älteste überlieferte Faust-Drama ist The tragical history of Doctor Faustus (entstanden 1588) von C. Marlowe. Es schließt sich eng an das Spies'sche Faustbuch an. Den Anfang bildet der Faustmonolog, ein nächliches Selbstgespräch des Faust, in dem dieser die einzelnen Universitätswissenschaften, einschließlich der Theologie gegeneinander abwägt, sie alle verwirft und sich der Magie verschreibt. Dieser Faustmonolog wurde ein festes Bauelement fast aller späteren Faustdramen. Faustspiele waren bei den englischen Komödianten in Deutschland (zuerst 1608 in Graz bezeugt) und später den deutschen Wandertruppen beliebt, worauf dann das Puppenspiel vom Doktor Faust, das seit 1746 bezeugt ist, fußt. (Vgl. „Volksbuch vom Dr. Faust“ und z.B. auch Lessing und Goethe sowie Seelenbild).

Johann Wolfgang Goethe (1749-1832): „Urfaust“ (1772-1775); Faust (Teil I), 1806, S. 27, Faust (II), 1831, S.113ff.

Carl Friedrich Gauß (1777-1855) veröffentlichte seine nicht-euklidischen Geometrien nicht, weil er das Geschrei der denkfaulen, schwerfälligen und unkultivierten Menschen fürchtete. Er nannte sie Böoter, weil die Einwohner dieser antiken Landschaft (Hauptstadt: Theben) von den Einwohnern anderer Griechenstädte als denkfaul und schwerfällig beschrieben worden waren. Gauß meinte zu Recht, daß man die Menschen nicht wirklich würde überzeugen können. Die erste der nichteuklidischen Geometrien entdeckte Gauß nach Vollendung seines Hauptwerkes Disquisitiones arithmeticae (1801), durch deren in sich widerspruchslose Existenz bewiesen wurde, daß es mehrere streng mathematische Arten einer dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich a priori gewiß sind, ohne daß es möglich wäre, eine von ihnen als die eigentliche Form der Anschauung herauszuheben. (Vgl. 18-20).

Dies ist die dialektische Figur der von Fichte aufgestellten drei Grundsätze. Das System ist ein System aus Dreiecken, die sich durch selbstähnliche Abbildung, wie bei einem Fraktal, vermehren. Hegel hat das selbst in seiner Zeichnung vom „göttlichen Dreieck“ angedeutet. Hegels „Enzyklopädie“ endet und kulminiert in einem Zitat des Aristoteles. „Denn der Vernunft wirkliche Tätigkeit ist Leben, die Gottheit aber ist die Tätigkeit; ihre Tätigkeit ist ... ewiges Leben“. Hegel meinte damit, die Entgegensetzung von Glauben und Wissen endgültig überwunden und zugleich alles begriffen zu haben - alles, bis ins kleinste Detail hinein. (Hegel: „Gott ist ein Schluß, der sich mit sich zusammenschließt“).

Die abendländische Philosophie sei eine Reihe von Fußnoten zu Platon, behauptete der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead (1861-1947), einer der wichtigsten Vertreter des Neurealismus, auf den er eine kritische Naturphilosophie gründete, die er später durch eine konstruktive Metaphysik ergänzte.

Sprachphilosophie als Teildisziplin der Philosophie hat - vor allem heutzutage - zum Gegenstand den Ursprung und das Wesen, soziologische, kulturelle und geistige Funktion, Logik und Psychologie der Sprache sowie die Bedingungen der Möglichkeit von Philosophie und Wissenschaft und anderer sprachlich verfaßter Kulturleistungen (und das sind die meisten!). Ein wichtiges Problem bezüglich des Wesens der Sprache liegt in der Interpretation des traditionellen, heute sogenannten semantischen Dreiecks, bei dem die Gegenstände und Sprachzeichen nicht unmittelbar, sondern über ihre Universalien miteinander verknüpft sind (vgl. Universalienstreit). Daneben ist eine genetische, auf die grundsätzliche Vielfalt der Sprachen gerichtete Sprachbetrachtung heute nur im Rahmen bilologischer (und auch soziologisch-psychologischer) Untersuchungen Bestandteil der Sprachphilosophie. Die „Analytische Sprachphilosophie“ machte die Vernunftkritik von Kant (1724-1804) zur Sprachkritik. Der damit verbundene Neuansatz in der Sprachphilosophie versucht, Sprache ausdrücklich in den Lebensformen menschlicher Gemeinschaften zu verankern. Zentrale Frage der gegenwärtigen Sprachphilosophie ist der Zusammenhang zwiscehn wissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis und Form und Struktur der Sprache, wie er besonders durch die Entwicklung der „Analytischen Philosophie“ und ihr Interesse an der logischen Analyse sprachlicher Ausdrücke thematisiert wurden; vgl. z.B. Philosophie der Alltagssprache (Wittgenstein, Austin Searle u.a.), Sprachkritik (Wittgenstein: „Alle Philosophie ist Sprachkritik“), Sprachursprungshypothesen (z.B. bei Herder, Lenneberg, Hockett, Schwidetzky u.a.). „Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache, um aber Sprache zu erfinden, mußte er schon Mensch sein“ (Herder, Gesammelte Schriften, VII, 1, 47). Vgl. auch den Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Feuer und Sprache im Paläolithikum.

Römisch-katholische Interpretationen attestieren dem Abendland zumeist, daß in ihm die Dominanz des Christlichen überwiege. Diese Meinung teilen vor allem kirchliche und vornehmlich christlich orientierte Vertreter. Theodor Heuss (31.01.1884 - 12.12.1963) soll einmal gesagt haben, daß Europa von 3 Hügeln ausgegangen sei: von der Akropolis, von Golgatha und vom Kapitol. Diese Sichtweise würde eher, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt, auf eine Dominanz der Antike verweisen. Wenn man jedoch berücksichtigt, daß aus einem antik-apollinischen Einzelkörper und einer magisch-seelengeistigen Welthöhle ein abendländisch-faustischer Unendlichkeitsraum entstehen kann, dann muß unbedingt ein dritter Faktor hinzukommen, den ich die Kulturpersönlichkeit nenne: das Germanentum. Ohne das Germanentum versteht man die Willensdynamik eines Faust nicht, und ohne das germanische Element ist die Raumtiefe, aber auch die in jeder Hinsicht sowohl ins Mikrokosmische als auch ins Makrokosmische gehende Unendlichkeit nicht als distinktives Merkmal der abendländischen Kultur zu identifizieren. Diese Merkmale treffen auf keinen antiken Menschen zu, aber insbesondere auf die Abendländer, die germanischen Ursprungs sind. Scharfe Gegensätze, wie die zwischen Antike und Abendland, sind zwar unbedingt ein Indiz für Verwandtschaft, weil beide Kulturen so auffallend gegensätzlich sind: aktiv und reaktiv. Offenbar hat die Antike auf das Abendland aber nicht persönlichkeitsstiftend gewirkt und konnte auch erzieherisch nicht tätig werden, weil sie so früh verstarb. Die Biogenetik und Sozialisation geraten nicht selten so weit auseinander, wenn ein Elternteil früh verstirbt, d.h. nicht wirklich erlebt wird. Dem Abendland scheint es auch so ergangen zu sein. Die Auseinandersetzungen mit der magischen Mutter hat beim Kind jedoch zu einer enormen, fast schon verdächtigen Erinnerung bis hin zur Vergötterung des antiken Vaters Beitrag geleistet. Aber liegt deshalb immer auch schon ein Vaterkomplex vor?  Es bleibt zunächst festzuhalten, daß auch kulturell zwischen Genetik und Sozialisation, zwischen Anlage und Umwelt, zwischen angeboren und anerzogen ganz klar unterschieden werden muß. Dazwischen bewegt sich die Persönlichkeit. Man kann sie nicht isolieren, folglich auch nicht isoliert betrachten, aber man kann sie beschreiben, und ich beschreibe die Kulturpersönlichkeit des Abendlandes als germanisch, weil dieser Raum zwischen Anlage und Umwelt für die Kulturpersönlichkeit zwanghaft unendlich werden muß, wenn sie die verlorene Vaterkultur zurückholen will. Der unendliche Raum und Wille sind auch deshalb Ursymbol und Urwort des Abendlandes. Wenn der Mensch eine Grundlage von etwa 60 Billionen Zellen hat und einer Umwelt von praktisch unendlicher Vielfalt ausgesetzt ist, so gilt für eine Kultur, daß sie Völker, Staaten oder Nationen zur Grundlage hat und einer Umwelt von unendlichen Möglichkeiten, aber auch gähnender Leere gegenübersteht. Mit dem Germanentum fiel eine faustische Entscheidung zugunsten der unendlichen Möglichkeiten. Die Eltern des Abendlandes waren also antik-magisch, ihre gentragenden Chromosomen römisch-christlich, aber die Kontrollgene germanisch. (Vgl. 22-24).

 

 

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© Hubert Brune, 2001 ff. (zuletzt aktualisiert: 2014).