Biologie und Sprache
- Genetischer Code -
T, C, A, G, die 4 Basen der Nukleotidbausteine, codieren als Tripletts (Triplettcode) - als 3 aufeinander folgende Basen (Nukleotide) - eine Aminosäure im Protein. Bei insgesamt 4³ (= 64) möglichen Tripletts und nur 20 korrespondierenden Aminosäuren entsprechen häufig mehrere (bis zu 6) Tripletts einer einzelnen Aminosäure. Das Schema wird von innen nach außen gelesen. Ein Buchstabe des Innenbezirks gibt das gewünschte erste Nukleotid an, ein Buchstabe des mittleren Bezirks das zweite, einer des Außenbezirks das dritte Nukleotid des Triplettcodons, das für die jeweilige Aminosäure (am Rande der Tabelle) eines Proteins codiert. 3 der 64 Tripletts entsprechen keiner der Aminosäuren, sondern steuern als Terminator-Codon den Abbruch der Proteinsynthese und das Freisetzen der fertigen Polypeptidkette vom Ribosom. 1 Codon steuert zugleich mit der Aminosäure Methionin als Iinitiator-Codon den Beginn der Proteinsynthese. Vgl. Aminosäure

Vgl. auch den Stammbaum der Gene und Sprachen




[]
ohne Grammatik
 
- Sprachlicher Code -
Texteme, Repräsenteme, Sememe, Refereme, die 4 „Basen“ der Sprachbausteine (Grammatik: Syntakteme, Logeme [Lexeme], Morpheme, Phoneme [Grapheme]), „codieren“ als „Tripletts“ (Triplettcode) eine Textstruktur (Sprechen, Schreiben nach konventionellen bzw. grammatischen Regeln) im Sprachsystem. Bei einem endlichen Inventar von Elementen und Verknüpfungsregeln wird eine prinzipiell unendliche Zahl von Äußerungen ermöglicht, d.h. diese zu verstehen und hervorzubringen sowie Urteile über die Grammattikalität der Sprachbausteine abzugeben. Nach Chomsky (*07.12.1928) ist die Sprachkompetenz ein dynamisches Konzept - ein Erzeugungsmechanismus - zur unendlichen Produktion von Sprache. Im Anschluß an die Sprachauffassung des Rationalisten Gottfried Wilhem Leibniz (1646-1716) und des Sprachforschers Wilhelm von Humboldt (1767-1835) postulierte Chomsky einen spezifisch menschlichen Spracherwerbsmechanismus zur Erklärung des Phänomens, daß Kinder, obwohl die sprachlichen Äußerungen ihrer Umwelt nur einen defizitären und unvollständigen Input darstellen, die syntaktischen Regeln ihrer Muttersprache in relativ kurzer Zeit beherrschen und eine fast unbegrenzte Menge grammatischer Ausdrücke verstehen und erzeugen können.
 Grammatik: Syntakteme (z.B. Sätze),
   Logeme/Lexeme (z.B. Wörter),
   Morpheme, Phoneme/Grapheme

 Grammatik mit relativ starken
  Individual-Formen: Syntakte,
  Loge/Lexe, Morphe, Phone/Graphe

Weil die natürlichen und kulturellen Voraussetzungen sich selbst auch bedingen, beginnen Sprachentwicklung und Spracherwerb schon mit der Befruchtung der Eizelle, obwohl der durch die Kultur bedingte, die Natalsprache zur Nationalsprache formende Spracherwerb erst später beginnt und seinen Höhepunkt erreicht, wenn das Kind 2 bis 4 Jahre alt ist. In beiden Fällen spielt der Zufall bzw. die Koinzidenz eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das Kind wächst sozusagen durch die erste in die zweite Sprache hinein. Unsere „Muttersprachen“ sind also immer „Zweitsprachen“, somit eigentlich „Fremdsprachen“. Potentiell könnte ein Kind jede Sprache erwerben oder seine „Erstsprache“ bis ins Erwachsenenalter weiterentwickeln, sie zu einer dominanten Sprache machen und gar nichts von seiner Umwelt erwerben. Aber ohne eine elterlich-pädagogische „Umwelt“ käme eine solche „Vor-/Ursprache“ über ihr Niveau erst nach sehr langer Zeit hinaus, nämlich durch eine den „Vor-/Urmenschen“ sehr ähnelnde Selbstzüchtung (Selbsterziehung). Beispiele für derartige Fälle gibt es, z.B. die der „wilden Kinder“. Und es gibt die Fälle derjenigen Kinder, die trotz iher langen Zeit der „Erstsprachigkeit“ die „Zweitprache“ (geprochenene Norm einer Kultursprache) oder auch die „Drittsprache“ (geschriebene Norm einer Kultursprache) durch gezielten Unterricht erlernten, einige mit guten, andere mit schlechten Ergebnissen: der Junge von Aveyron (*1788), Kaspar Hauser (1812-1833), Helen Keller (1880-1968) oder Genie (*1957). Einzelfälle sind schwer zu bewerten, trotzdem gilt die Regel, daß jenseits eines bestimmten Alters die Fähigkeit zum Erlernen einer Sprache nachläßt. (Diese Fähigkeit ist in der Graphik weiß dargestellt).

Nach der rationalistisch-idealistischen Theorie ist jedes Kind mit einem angeborenen Schema für zulässige Grammatiken ausgestattet (vgl. „Universalien“) und mit einem System an kognitiven Prozeduren zur Entwicklung und Überprüfung von Hypothesen über den Input. So formuliert das Kind Hypothesen über die grammatische Struktur der gehörten Sprache, leitet Voraussagen über sie ab und überprüft die Voraussagen an neuen Sprachbausteinen. Es elimiert diejenigen, die der Evidenz widersprechen und validiert diejenigen, die nicht durch Einfachheitskriterium eliminiert würden. Dieser Mechanismus wird mit dem ersten Input in Gang gesetzt. (Vgl. 1. Signal in der Graphik). Das Kind leistet somit eine Theoriebildung, die derjenigen eines Linguisten vergleichbar ist, der eine deskriptiv und explanativ adäquate Theorie einer Sprache konstruiert. Der „Nativismus“ ist also eine philosophisch-psychologische Position, die die kognitive Entwicklung des Menschen primär aus der Existenz von „angeborenen Ideen“ ableitet. Es ist tatsächlich auffallend, mit welcher Schnelligkeit ein Kind die Grammatik der Elternsprache, trotz ihrer Komplexität, beherrschen lernt. Das Mißverhältnis zwischen Input und Output und die Gleichförmigkeit der Ergebnisse in allen Sprachen lassen ebenfalls vermuten, daß hier nicht der „Drill“ (vgl. Konditionierung) am Werk war. Außerdem verläuft der Prozeß des Spracherwerbs relativ unabhängig von der individuellen Intelligenz.

NACH OBEN Grammatische Universalien sind Eigenschaften (bzw. Hypothesen über solche Eigenschaften), die allen menschlichen Sprachen gemeinsam sind. Sie existieren aus biologischer Notwendigkeit und sind das Ergebnis empirischer Generalisierungen von Beobachtungen der sogenannten „Oberflächenstruktur“ von möglichst vielen und verschiedenen Sprachen. Beispielsweise besitzt jede Sprache Vokale oder universell geltende Implikationen, die sich auf die Relation zwischen zwei Eigenschaften beziehen: wenn z.B. eine Sprache in ihrem Numerussystem über einen Dualis verfügt, dann verfügt sie mit Sicherheit auch über einen Plural (diese Regel gilt aber nicht umgekehrt!). Universalien sind in Chomskys Modell einer generativen „Transformationsgrammatik“ (1957 Chomsky) die Basis des angeborenen Spracherwerbsmechanismus, aufgrund dessen ein Kind in der Lage ist, in relativ kurzer Zeit eine komplexe Grammatik zu erlernen. (Spracherwerb und Sprachentwicklung). Chomsky unterscheidet (Aspekte der Syntaxtheorie, 1965), zwischen substantiellen Universalien, z.B. in der Phonologie das Inventar der phonetisch definierten distinktiven Merkmale, aus dem jede Sprache eine charakteristische Auswahl trifft, und formalen Universalien, d.h. Aussagen über Form und Beschränkungen von Regeln. So postuliert er für jede Grammatik Phrasenstrukturregeln und eine Transformationskomponente. Die substantiellen und formalen Universalien - beide werden auch universale Beschränkungen genannt - sind wiederum von den Universalien der Funktion zu unterscheiden, worunter Anwendungsbeschränkungen von grammatischen Regeln verstanden werden, z.B. das A-über-A-Prinzip: Wenn sich eine Transformation auf einem Knoten A bezieht, der seinerseits einen Knoten A' dominiert, dann darf die Transformation nur über dem dominierenden Knoten A operieren; sie muß sich auf die maximale Phrase beziehen. Beispielsweise kann in der Phrase „Das Ohr des Elefanten“ keine Transformation allein über dem eingebetteten Genitivattribut („des Elefanten“) operieren.

Der Strukturbaum besteht aus einer Wurzel (Ausgangsknoten) sowie mehreren verbindenden Ästen (Kanten) und mehreren Verzweigungen (Knoten). Bei der Abbildung des hierarchischen Aufbaus und der inneren Strukturierung der Konstituenten (jede Sprach-Einheit, die Teil einer größeren Sprach-Einheit ist) entsprechen die Knoten den grammatischen Kategorien (z.B. S, N, VP u.s.w.) und die Kanten der Relation des Dominierens.

Strukturbaum
S —› NP + VP
VP
—› V + NP
NP —› Det + N

Zwischen jedem Paar von Knoten herrscht eine zweifache Relation, die des Dominierens und die des Vorangehens. Das Satzsymbol S dominiert z.B. unmittelbar die Nominalphrase NP und die Verbalphrase VP, mittelbar alle anderen Knoten des Baumes, während jeder Knoten, der sich links von einem anderen Knoten befindet, diesem vorausgeht, falls keiner der beiden Knoten den anderen dominiert. Beispiel: NP geht VP voraus, Det dem N u.s.w.

Phrasenstrukturregeln (Konstituentenregeln) sind Basisregeln bzw. Ersetzungsregeln für Konstituenten der Form A —› B + C bzw. S —› NP + VP. Dieser Ausdruck ist als Anweisung zu lesen, das Satzsymbol S durch eine Nominalphrase NP und eine Verbalphrase VP zu expandieren; es ist jeweils das auf der linken Seite stehende Symbol durch die auf der rechten Seite stehenden Symbole zu ersetzen. Dabei verwendet man runde Klammern, um fakultative Elemente zu kennzeichnen und geschweifte Klammern für alternative Besetzungen. In Anlehnung an mathematische Darstellungsweisen in die Sprachwissenschaft übernommene Schreibkonvention zur Abbildung syntaktischer Strukturen ist die indizierte Klammerung:

[[[Der]Det[Professor]N]NP[[hält]V[[einen]Det[Vortrag]N]NP]VP]S

Die indizierte Klammerung ist der Darstellung durch Strukturbäume äquivalent. Phrasenstrukturregeln unterliegen einer Reihe von formalen Beschränkungen. Es wird stets ein einzelnes links stehendes Symbol durch ein oder mehrere Symbole (= Kette) auf der rechten Seite ersetzt; daraus folgt, daß weder das linke noch das rechte Symbol Null sein darf, d.h. weder kann eine Kette aus „nichts“ entstehen noch dürfen in der Ableitung Tilgungen erfolgen. Außerdem sind Umstellungen (Permutationen) ausgeschlossen. Diese Einschränkungen sind notwendig, damit gesichert wird, daß jeder Phrasenstrukturregel eine Verzweigung im Strukturbaum entspricht. Diese Abbildbarkeit der Phrasenstrukturregeln im Strukturbaum gewährleistet zugleich die Rekonstruierbarkeit des Ableitungsvorgangs. Durch Phrasenstrukturregeln wird der Basisteil der generativen Transformationsgrammatik erzeugt. Sie sind in der Regel kontextfrei, d.h. ihre Anwendung ist unabhängig von der Umgebung der Symbole. Von kontextfreien sind kontextintensive Phrasenstrukturregeln zu unterscheiden, die in der Form A —› B / X ... Y notiert werden, d.h. A wird nur dann durch B ersetzt, wenn ein X dem B vorausgeht und ihm ein Y folgt; z.B. lautet die Phrasenstrukturregel für „suchen“:

V —› Vtrans / ... NAkk
»ersetze V durch ein transitives Verb, wenn ihm eine NP im Akkusativ folgt«.

NACH OBEN Die (generative) Transformationsgrammatik ist die von Chomsky am Englischen entwickelte Theorie, deren Ziel es ist, durch ein axiomatisches System von expliziten Regeln das implizite Wissen von Sprache, das dem aktuellen Sprachgebrauch zugrunde liegt, abzubilden. Chomskys Modell bezieht sich auf vom kompetenten Sprecher bewertete Daten, auf die sprachlichen Intuitionen, die ein kompetenter Sprecher bezüglich seiner Sprache explizieren kann. Das Konzept der angeborenen Ideen steht im Gegensatz zu den behavioristischen Sprachauffassungen. Chomskys Theorie zum Spracherwerb besagt, daß die Entwicklung der Kompetenz durch einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus auf der Basis von grammatischen „Universalien“ erfolgt. Dabei hat die Theorie Vorrang vor der Datenanalyse; die Transformationsgrammatik geht also deduktiv vor: sie stellt nämlich Hypothesen über den sprachlichen Erzeugungsmechanismus auf unter besonderer Berücksichtigung des „kreativen“ Aspekts des Sprachvermögens. Eine endliche Menge von Kernsätzen, die durch Phrasenstrukturregeln erzeugt werden, bilden die Basis für die Anwendung von Transformationsregeln, die einen prinzipiell unendlichen Gebrauch von endlichen Mengen gewährleisten. Die Grammatik - im Sinne einer umfassenden Sprachtheorie - besteht aus einer generativen syntaktischen Komponente sowie den interpretativen semantischen und phonologischen Komponenten. Basis der Syntax ist die durch kontextfreie Phrasenstrukturregeln und Lexikonregeln erzeugte Tiefenstruktur, die als abstrakte, zu Grunde liegende Strukturebene alle semantisch relevanten Informationen enthält und die Ausgangsebene für die semantische Interpretation von Sätzen und anderen Sprachbausteinen ist. (Vgl. Tafel). Durch bedeutungsneutrale Transformationen wie Tilgung, Umstellung u.a. werden die entsprechenden Oberflächenstrukturen erzeugt, die die Basis für die phonologisch-phonetische Repräsentation bilden.

Die Rekurivität, ein aus der Mathematik übernommener Begriff, bezeichnet die formale Eigenschaft von Grammatiken, mit einem endlichen Inventar von Elementen und rekursiven Regeln eine unendliche Menge von Sätzen zu erzeugen. Auf diese Weise ist ein solches Grammatikmodell in der Lage, die durch Kreativität gekennzeichnete Kompetenz des Menschen abzubilden. Eine rekursive Regel ist ein Regeltyp, der formal dadurch gekennzeichnet ist, daß dasselbe Symbol sowohl links als auch rechts vom Pfeil auftritt, als Beispiel: A => B (A). Hier ist A das rekursive Element, das gewährleistet, daß die Regel auf sich selbst angewendet werden kann; denn immer, wenn das Smbol A erreicht ist, kann man an seiner Stelle wieder den ganzen Ausdruck rechts vom Pfeil einsetzen. Als einzige Quelle der Rekursivität wird die Einbettung von S (siehe: S im Strukturbaum) angenommen, da sich alle rekursiven Konstruktionen (z.B. attributive Adjektive, Genitiv- und Präpositionalattribute) auf Relativsätze zurückführen lassen.

Der schnelle Gepard => Der Gepard, der schnell ist
Das Rad des Autos => Das Rad, das zu dem Auto gehört
Der Vogel auf dem Ast => Der Vogel, der auf dem Ast sitzt
Die einzige notwendige rekursive Regel der Tiefenstruktur, aus der sich alle
oberflächenstrukturellen rekursiven Konstruktionen ableiten lassen, lautet:
NP => NP + (S)
und die runde Klammer um S bedeutet fakultative Wahl dieses Elements,
aber wenn S gewählt wird, ist die weitere Anwendung der Regel blockiert.

Einbettung ist eine syntaktische Operation im Rahmen der generativen Transformationsgrammatik (GTG), durch die abhängige Sätze der Oberflächenstruktur aus selbständigen Konstituentensätzen abgeleitet werden, die eingebettet sind in den Matrixsatz (Hauptsatz oder übergeordnete Sätze, in den oder die Teilsätze eingebettet sind; die Matrixsätze werden im Strukturbaum unmittelbar vom Ausgangsknoten S dominiert). Damit wird die in der traditionellen Grammatik übliche Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebensatz in die Unterscheidung von Matrixsatz und Konstituentensatz (bzw. eingebetteter Satz) übergeleitet. Dem Satz Der Richter, der auf Freispruch plädierte, war erfolgreich liegen z.B. zwei Sätze zugrunde: (i) Der Richter war erfolgreich und (ii) Der Richter plädierte auf Freispruch. Unter der Bedingung der Referenzidentität der Nominalphrasen Der/Der Richter lassen sich aus dieser Tiefenstruktur nicht nur der Ausgangssatz, sondern auch Paraphrasen wie z.B. Der auf Freispruch plädierende Richter war erfolgreich oder Der Richter, er plädierte auf Freispruch, war erfolgreich oder Der Richter, auf Freispruch plädierend, war erfolgreich ableiten. In Chomskys „Aspekte-Modell“ wird Einbettung als einzige Quelle des Prinzips der Rekursivität angesetzt und Relativsätze, attributive Adjektive, Präpositionnalphrasen (Das Hochhaus an der Brücke im Zentrum des Ortes), Genitivattribute (Der neue Roman des Autors der Buddenbrooks) werden aus eingebetteten Relativsätzen abgeleitet.

Das Konzept der Einbettung
liegt auch Ableitungsprozessen der
synchronen Wortbildung zugrunde
(z.B. Holzfäller, „jemand, der Holz fällt“).

NACH OBEN Tiefenstruktur, auch Basisstruktur, Mentalstruktur, Tiefengrammatik genannt, ist die zu Grunde liegende Struktur als ein im Rahmen der generativen Transformationsgrammatik von Chomsky entwickeltes Konzept einer sprachlichen Äußerungen zu Grunde liegenden Basisstruktur, die sowohl die grammatischen Relationen und Funktionen der syntaktischen Elemente spezifiziert als auch alle für die sprachliche Bedeutung einer Spracheinheit (z.B. eines Satzes) wichtigen Elemente, insbesondere die Lexeme (ich nenne sie „Logeme“ Vgl. oben) enthält sowie alle für die Durchführung von Transformationen notwendigen Informationen. Die Idee einer Unterscheidung zweier Strukturen der Sprache - Oberflächenstruktur versus Tiefenstruktur - kannten auch schon Pascal (1623-1662), Leibniz (1646-1716), Humboldt (1767-1835) oder auch Wittgenstein (1889-1951). Nach der Präzisierung im Rahmen der generativen Transformationsgrammatik lassen sich die beiden Strukturebenen durch Strukturbäume abbilden (Vgl. Strukturbaum). Bedeutungsneutrale Transformationen vermitteln z.B. zwischen dem zu Grunde liegenden Strukturbaum der Tiefenstruktur und dem abgeleiteten Strukturbaum der Oberflächenstruktur, indem sie die syntaktische Basisstruktur in eine syntaktische Oberflächenstruktur überführen (die dann noch lautlich interpretiert wird Laute (Phone und Phoneme)). Dabei entspricht nicht immer einer Oberflächenstruktur auch genau eine Tiefenstruktur; strukturell mehrdeutige Oberflächenstrukturen werden durch soviele Tiefenstrukturen repräsentiert wie sie unterschiedliche Lesarten aufweisen - z.B. entsprechen dem Ausdruck „Männer und Frauen mit langen Haaren müssen Bademützen tragen“ zwei Tiefenstrukturen: 1) „Alle Männer und Frauen (wenn sie lange lange Haare haben), müssen Bademützen tragen“ und 2) „Alle Frauen und diejenigen Männer, die lange Haare haben, müssen Bademützen tragen“ -, während verschiedene bedeutungsgleiche Oberflächenstrukturen, sofern sie Paraphrasen sind, wie „der gelungene Auftritt ist gelungen“ aus einer Tiefenstruktur abgeleitet werden. Paraphrasenbildung ist ein Verfahren zur Beschreibung semantischer Relationen (Vgl. Tabelle (SEM = Sememe)): verschiedene Oberflächenstrukturen mit identischer Bedeutung werden als Paraphrasenklassen einer gemeinsamen Tiefenstruktur angesehen, auf die unterschiedliche (bedeutungsneutrale) Transformationen angewendet werden.

Die wichtigsten semantischen Relationen
Synonymie
Antonymie
Hyperonomie
Hyponomie
Inkompatibilität
Komplementarität
Konversion
Paraphrase
u.a.

Beispiele für Paraphrasen
- Strukturelle (syntaktische) Paraphrase -
Sie erhalten dieses Wertpapier kostenlos“ vs. „Kostenlos erhalten Sie dieses Wertpapier“

- Lexikalische Paraphrase -
Junggeselle“ vs. „Unverheirateter Mann“

- Deiktische Paraphrase -
Helga lebt in Stuttgart“ vs. „Sie lebt dort“

- Pragmatiscche Paraphrase -
Schließe doch bitte die Tür“ vs. „Es zieht“


Mit Bezugnahme auf die logischen Operationen der Äquivalenz, Implikation und Negation lassen sich die semantischen Relationen einzelner Ausdrücke zu (allen) anderen Ausdrücken und damit die semantische Struktur des Wortschatzes einer Sprache beschreiben. Die entsprechenden Beschreibungsverfahren bzw. „Beschreibungssprachen“ sind allerdings abhängig von der jeweiligen Theorie.

„Der Fels denkt“ - dieser Satz berührt z.B. die syntagmatische Verträglichkeitsbeziehungen (hier: zwischen Subjekt und finitem Verb). Eine Selektionsbeschränkung oder auch Inkompatibilität ist eine semantisch-syntaktische Verträglichkeitsbeschränkung zwischen lexikalischen Elementen, die die Ableitung ungrammatischer Sätze blockiert. Verletzungen der Selektionsbeschränkung werden als künstlerische Mittel für poetischen Sprachgebrauch allerdings gern eingesetzt (z.B. als Metapher).

 

Sprechakt-Theorie (Sprach-Code):
Äußerung von
Sprachlauten
Äußerung von
Texten, Sätzen, Wörtern
in grammatischer Struktur
Aussage von
etwas über etwas
Angabe der
performativen Verwendung
der Propositionen
Intendierte Wirkung
des Sprechakts
Phonetischer
Akt
Phatischer
Akt
Rhetischer
Akt
Illokutiver
Akt
Perlokutiver
Akt
Äußerungsakt
(Lokution)
Propositionaler
Akt
(Proposition)
Illokutiver
Akt
(Illokution)
Perlokutiver
Akt
(Perlokution)
  Referenz   -----------^-----------   Prädikation                              
  (Bezugnahme                                 (Aussage                                
  auf Welt)                                     über Welt)                            

 

 

NACH OBEN Meine Theorie über Sprache, insbesondere über Sprachentwicklung und Spracherwerb (Vgl. Spracherwerb bzw. Kultursymbol- oder Kulturspracherwerb), geht übrigens über Chomskys generative Transformationsgrammatik hinaus. In Chomskys Modell werden die Inputdaten ihrerseits nicht analysiert, woraus Chomsky übrigens auch gar keinen Hehl macht, versteht er sich doch als Theoretiker und machte er sich nicht zuletzt auch deshalb in der Mathematik einen Namen („Chomsky-Hierarchien“). Als kulturhistorisch orientierter Sprachwissenschaftler muß man jedoch auch die Sprachelemente einer Gemeinschaft untersuchen, wenn man genauer herausfinden will, wie Sprachkontakte auf Sprachentwicklung und Spracherwerb Einfluß nehmen:


Vgl. Sprachentwicklung / Spracherwerb (oder auch: Kultursymbol- / Kulturspracherwerb) 4 Hauptthesen über Sprachentwicklung und Spracherwerb Vgl. Sprachentwicklung / Spracherwerb (oder auch: Kultursymbol- / Kulturspracherwerb)

I) Eine Kultur entwickelt nicht einfach eine auf Konventionen beruhende Sprache;
was sie entwickelt, sind die natürlichen Voraussetzungen für die Sprache.
II) Ein Kind entwickelt nicht einfach eine auf Konventionen beruhende Sprache;
was es entwickelt, sind die biologischen Voraussetzungen für die Sprache.
III) Beide Fälle sind Prozesse der Sprachentwicklung und des Spracherwerbs.
Natürliche Sprachregeln entwickelt schon die Vor-/Urkultur im Uterus.
Sie sind längst da, bevor die konventionelle Sprache erworben wird.

IV) Die Rolle der Eltern oder Bezugspersonen ist primär bedeutsam für den
Spracherwerb. Das Kind (die Jungkultur) erwirbt eine Elternsprache.


In der Linguistik sind heute bezüglich der Forschung zum Spracherwerb vier Postitionen entscheidend:
1.) die Hypothese des Nativismus,
2.) die Hypothese des Behaviorismus,
3.) die Hypothese des Interaktionismus,
4.) die Hypothese des Kognitivismus.
Alle vier Hypothesen stimmen mit meiner Theorie nur insofern überein, als daß sie selbst gewissen Regeln gehorchen, sich hierarchisch einordnen lassen müssen: 1.) Wenn der Spracherwerbsmechanismus Teil eines genetischen Programms (Vgl. oben) ist, dann beginnt der Spracherwerb bereits mit der Befruchtung der Eizelle (Vgl. oben). 2.) Wenn Reiz und Reaktion sich auf Lebewesen beziehen sollen, die durch Erfahrung, Imitation und selektive Verstärkung „lernen“, dann beginnt dieser Prozeß natürlich schon im pränatalen Stadium, weil bereits das Kind im Uterus Erfahrungen (welcher Art auch immer) macht und auch imitiert sowie Zufälligkeiten oder Koinzidenzen erfährt, die selektiv verstärkt werden (positiv oder negativ). 3.) Wenn unter Interaktionismus zu verstehen ist, daß zum Aufbau der Interaktion immer auch eine der wichtigsten Voraussetzungen gehört, nämlich ein „Im-Raum-Sein“ (oder: „In-Sein als solches, wobei Sein bedeutet „wohnen bei“, „vertraut sein mit“ Heidegger), dann beginnt auch dieser Prozeß im pränatalen Stadium, denn der Uterus ist ein „Raum“, ein „Ort“ ein „Haus des Seins“ (Haus des Seins) - auch als Hülle -, und hier gibt es auch ein „Wohnen“ (bei ...), ein „Vertraut-sein“ (mit ...). 4.) Wenn Kognition jede Art von Erkenntnis bedeutet, dann beginnt auch deren Entwicklung und Erwerb bereits im pränatalen Stadium. Sollten aber alle vier Positionen den Spracherwerb lediglich auf das Stadium reduzieren, in dem beim Kind die zu erwerbende Sprache bereits „objektiv wahrnehmbar“ ist, so reichen sie einfach nicht aus, um zu erklären, wie das Kind zur Sprache kommt. Solche Hypothesen würden lediglich ihre eigene, zu sehr an die Schriftsprache angelehnte Sprache zum Untersuchungsobjekt machen. Die Wissenschaftler bekämen dann wieder nur „ihre“ Daten - eigenartig!

Zu 1.): Fakt ist, daß ohne die physikalisch-chemischen, und biogenetisch-biologischen Voraussetzungen (elterliches Erbgut, genetische Materialisation, neuronale Vernetzung, Entwicklung des Kehlkopfes u.s.w.) eine Sprache nicht entwickelt, also auch nicht erworben werden kann. Nach der Nativismus-Hypothese muß ein Kind seine Kerngrammatik auch gar nicht erst erlernen oder erwerben, denn es besitzt sie ja bereits.

Zu 2.): Daß Kinder durch Erfahrung lernen, daß sie imitieren und selektive Verstärkung beim Lernen benötigen, wird niemand bestreiten, nur: in dem Stadium, in dem Kinder bereits die zu erwerbende Sprache benutzen, spielen Reiz-Reaktionsmuster und andere behavioristische Erklärungsmuster eine viel geringere Rolle als in den Stadien davor. Würde Sprache wirklich nur auf behavioristische Weise erlernt, so müßte sie am Ende ganz anderer Natur sein: nämlich aus der Wiederholung und allenfalls dem Rearrangement dessen bestehen, was das Kind gehört und allmählich immer genauer kopiert hat. Aber eines der hervorstechendsten Merkmale ist es doch gerade, daß unsrere Sprache und vor allem die kindliche Sprache ständig Aussagen bildet, die zuvor noch nie jemand hervorgebracht hat und die also auch nicht durch Imitation erworben werden konnten. Bereits Kinder in frühen Stadien des Spracherwerbs sagen bereits, was sie noch nie gehört haben. (Zimmer). Diese Formen werden im Verlauf des Spracherwerbs natürlich weniger. Und bei der Korrektur spielen auch behavioristische Momente eine Rolle, aber nicht dann, wenn es um die Sprachformen geht, die nur dem Kind eigentümlich sind. „Imitiert wird also gerade nicht, um Neues zu erfassen, zu lernen; imitiert wird in bescheidenem Umfang, um gerade Gelerntes aktiv zu üben. Noch schlagender aber wird die Imitationstheorie von der Tatsache entkräftet, daß auch taube Kinder plappern. Nie hören sie Sprache, können also auch keine je nachahmen. Ihr Gebabbel kommt sozusagen von innen.“ (Zimmer). Kinder sind kleine Sprachwissenschafler, weil sie Hypothesen über die Sprache bilden. (Vgl. GTG).

Zu 3.): Es gibt genügend historische Belege für die Tatsache, daß der Spracherwerb einen „sprachlichen Raum“ (eine sprachliche „Umwelt“) braucht: Kinder, die ohne eine „Umwelt“ der menschlichen Sprache aufwuchsen, waren z.B. der Junge von Aveyron (*1788), Kaspar Hauser (1812-1833), Helen Keller (1880-1968), Genie (*1957); sie erlernten die Sprache der Erwachsenen mit mehr oder weniger Mühe, je nach dem, im welchen Alter sie waren, als sie das erste Mal mit der zu erwerbenden Sprache in Kontakt kamen. (Zimmer). Den Interaktionismus berücksichtigen die Nativisten bei ihren Untersuchungen nur hinsichlich der „Output-Daten“ des Kindes, während die Interaktionisten nur die „Input-Daten“ der Bezugspersonen untersuchen und die „Output-Daten“ des Kindes vernachlässigen.

Zu 4.): Die Frage, ob die Sprache die Kognition oder die Kognition die Sprache dominiere, kann man sich sparen, aber die Antwort auf diese Frage, die Kognitivisten meinen, „erkannt“ zu haben, ist nicht nur bloße Anmaßung, sondern ein Indiz auch für den heutigen „Sprachweltkrieg“ oder „Kognitionswettbewerb“ (Zimmer), der tatsächlich wie ein kriegerischer Wettkampf und auch weltweit geführt wird. Ob die Sprache das Denken (bzw. Erkennen) oder das Denken (bzw. Erkennen) die Sprache dominiert - diese Frage kann nur beantwortet wedren, wenn man sie näher spezifiziert und die „Fronten“ klärt: geht man von der zu erwerbenden Sprache aus (was die meisten Wissenschaftler ja tun, erkennbar an den an der Schriftsprache orientierten Sprachformen, an denen sie dann die Kindersprachformen „messen“), dann tritt die Kognition eher auf als die Sprache; geht man aber von der Sprache aus, ohne die man die zu erwerbende Sprache gar nicht erreichen könnte, dann tritt die Sprache, nämlich als „Erstsprache“ (Vor-/Ursprache / Primärsprache), mit der Kognition gleichzeitig auf, denn zu der Zeit „ist“ sie diese Kognition. Man kann also die Kognition auch als Sprache auffassen, aber die Kognitivisten wollen lieber die Sprache als ein Produkt der Kognition auffassen. Das Problem zwischen kognitivistischen Linguisten und allgemeinen Linguisten ist ein Problem der Definition, und für Definitionen ist primär die Sprache zuständig.


Die eben erwähnten 4 Theorien, der trotz aller Erkenntnis die 4 Bindungsglieder fehlen,
spiegeln die Probleme der Wissenschaft wider, der mindestens 6 Bindungsglieder fehlen.
(Vgl. Hauptproblem der Wissenschaft).

NACH OBEN Und wenn die Sprache selber spricht?

Nach Martin Heidegger (1889-1976) ist die Sprache „Hinausgesprochenheit der Rede“ und hat deshalb wohl auch ein eigenes weltliches Dasein. „Denn eigentlich spricht die Sprache - Die Fährte Heideggers im Post-Strukturalismus“ - damit promovierte Norbert Kapferer (*1948) 1982 im Fach Psychologie. Er beschäftigte sich natürlich auch besonders mit Heideggers Sprachphilosophie in „Sein und Zeit“ (1927), z.B. mit einem Abschnitt, der laut Heidegger „Da-sein und Rede - Die Sprache“ heißt und in dem Rede als das „existenzial-ontologische Fundament der Sprache“ bestimmt ist. Rede ist demnach Artikulation der Verständlichkeit und liegt der Auslegung und Aussage zugrunde, so Kapferer, der unter anderem zu der Erkenntnis kam, daß Heidegger der Meinung gewesen sei, die Sprachwissenschaft betrachte die Sprache als „zuhandenes Zeug“, weil sie in vorhandene Wortdinge zerlegt werden kann. Und so tut es die Sprachwissenschaft ja auch. Nach Heidegger habe deshalb Sprachwissenschaft schon entschieden, welche Seinsart der Sprache zukommt, heißt es bei Kapferer: „Ob dieses aber ihre Seinsart ist, oder ob sie die Seinsart des Daseisn hat oder keines von beiden, ist für Heidegger nicht so ohne weiteres ausgemacht. Seine Äußerungen zur Sprache will Heidegger darum so verstanden wissen, daß mit ihnen lediglich der ontologische Ort für dieses Phänomen innerhalb der Seinsverfassung des Daseins aufgezeigt werden soll. In diesem Sinne wendet er sich nun der Rede zu, um deren, in der Seinsverfassung des Daseins verwurzelte, existenziale Charaktere aufzuweisen. Rede ist ein Seinsmodus des Verstehens von Bedeutung, d.h. des Verstehens im Sinne von Vernehmen und Hören; Reden und Hören sind gleichursprünglich phänomenal mit dem Verstehen gegeben. Zur Struktur der Rede führt Heidegger aus: »Reden ist das bedeutende Gliedern der Verständlichkeit des In-der-Welt-Seins, dem das Mitsein zugehört, und das sich je in einer bestimmten Weise des besorgenden Miteinanderseins hält. Dieses ist redend als zu- und absagen, auffordern, warnen, als Ausprache, Rücksprache, Fürsprache, ferner als Aussagen machen und als reden in der Weise des Redenhaltens.« (Sein und Zeit, S. 161). Rede teilt sich mit, aber eine existenzial verstandene Mitteilung ist nie so etwas wie ein Transport von Informationen und Erlebnissen. Vielmehr hat Rede den Charakter des Sichaussprechens. »Redend spricht sich Dasein aus, nicht weil es zunächst als ›Inneres‹ gegen ein Draußen abgekapselt ist, sondern weil es als In-der-Welt-Sein verstehend schon ›draußen‹ ist. Das ausgesprochene ist gerade das Draußensein, das heißt die jeweilige Weise der Befindlichkeit (der Stimmung) ...« (Sein und Zeit, S. 162). Dasein spricht sich aus und findet Gehör, d.h. Dasein hört, weil es versteht; nur weil es versteht, kann es zuhören. So wie das Hören konstitutiv ist für die Rede, ist das Schweigen eine Seinsart der Rede. Auch Schweigen ist ein bestimmtes Sichaussprechen über etwas zu Anderen. Das Schweigen im Miteinandersein kann sogar »eigentlicher« offenbaren und zu verstehen geben; um Schweigen zu können muß man etwas zu sagen haben. »Nur im echten Reden ist eigentlichliches Schweigen möglich. Um schweigen zu können, muß das Dasein etwas zu sagen haben, das heißt über eine eigentliche und reiche Erschlossenheit seiner selbst verfügen. Dann macht Verschwiegenheit offenbar und schlägt das ›Gerede‹ nieder.« (Sein und Zeit, S. 165). Was Heidegger hier deutlich machen will: Rede ist mehr als Verlautbarung und Hinausgesprochenheit. In der durchschnittlichen Alltäglichkeit sei Dasein nicht es selbst, sondern wie Heidegger es formuliert, dem »Man« überantwortet, will sagen, es versteht, hört und spricht gemäß der Seinsweise des »Man«. Dieser durchschnittlichen Alltäglichkeit gemäß versteht es die mitgeteilte Rede, ohne daß es hörend sich in ein »ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber der Rede bringt«; es versteht nicht so sehr das beredete Seiende, sondern hört auf das »Gerede«, es klammert sich an das Gerede als solches. »Das Gesagtsein, das Diktum, der Ausspruch stehen jetzt ein für die Echtheit und Sachgemäßheit der Rede und ihres Verständnisses.« (Sein und Zeit, S. 168). Heidegger will damit zum Ausdruck bringen, das das »Gerede« den primären Seinsbezug zum beredeten Seienden verloren, ja eigentlich nie gewonnen hat: das anfängliche Fehlen der »Bodenständigkeit« steigert sich zur »Bodenlosigkeit« des Geredes und des Geschriebenen (»Geschreibe«). Im Gerede liegt die Möglichkeit, alles zu verstehen, ohne vorgängige Zueignung der Sache. Das Gerede behütet schon vor der Gefahr, bei einer solchen Zueignung zu scheitern. »Das Gerede, das jeder aufraffen kann, entbindet nicht nur von der Aufgabe echten Verstehens, sondern bildet eine indifferente Verständlichkeit aus, der nichts verschlossen ist.« (Sein und Zeit, S. 169). Das »Gerede« will Heidegger nicht in einer herabziehenden Bedeutung verstanden wissen, sondern als Möglichkeit der Rede. Ausdrücklich verweist er darauf, daß sich der alltäglichen Ausgelegtheit des Geredes niemand ganz zu entziehen vermag.“ (Norbert Kapferer, Denn eigentlich spricht die Sprache. Die Fährte Heideggers im Post-Strukturalismus, 1982, S. 65-67). Lassen wir also Heidegger zur Sprache kommen:

„Zwar müssen wir zugeben, daß die Sprache im Alltag wie ein Mittel der Verständigung erscheint
und als dieses Mittel für die gewöhnlichen Verhältnisse des Lebens genutzt wird. Allein: es gibt noch
andere Verhältnisse als die gewöhnlichen. Goethe () nennt diese anderen Verhältnisse die tieferen
und sagt von der Sprache: »Im gemeinen Leben kommen wir mit der Sprache notdürftig aus, weil wir nur
oberflächliche Verhältnisse bezeichnen; sobald von tieferen Verhältnissen die Rede ist, tritt sogleich eine
andere Sprache ein, die poetische«.“ (Heidegger). Heideggers ganzes Geheimnis: Unterwegs zur Sprache.

Was bedeutet Heideggers „Bewohnen der Sprache“ auf unserem Planeten Erde (im „Geviert“) und die in der modernen „Techno-Logie“ (Techno-Logie) sich vollendende Sprache der Metaphysik?  Die „Techno-Logie“ durchdringt ja offenbar immer mehr Sprachräume. In der besonders stark instrumentalisierten Sprache des gegenwärtigen Zeitalters, so Heidegger, herrscht das Subjekt, was jedoch nicht heißt, daß der Mensch als Subjekt die Sprache beherrscht. Gerade wegen seiner Subjekthaftigkeit verkennt der Mensch, daß nicht er es ist, der die Sprache bemeistert, sondern daß das „Ge-stell“ (Ge-stell) als Schickung in der Sprache waltet. „Nun stellt aber gerade die Techno-Logie, also das, was der Mensch als seinen höchsten Triumpf feiert, vor die Erfahrung der Ohmacht, das heißt, sie stellt den Menschen vor die paradoxe Situation, das allem Anschein nach von ihm selbst Hervorgebrachte erst bemeistern zu müssen. Hierin sieht Heidegger die Chance einer »Kehre«, will sagen, die sich in der Techno-Logie vollendende Metaphysik gewährt die Möglichkeit einer Besinnung.“  (Norbert Kapferer, Denn eigentlich spricht die Sprache. Die Fährte Heideggers im Post-Strukturalismus, 1982, S. 125). Wir fragen mit Heidegger: „Ist das Sein ein bloßes Wort und seine Bedeutung ein Dunst, oder birgt das mit dem Wort »Sein« genannte das geistige Schicksal des Abendlandes?“ (Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, 1935, S. 32). Waltet das Sein in der Sprache der Metaphysik oder sogar in der Sprache überhaupt?  „Das Sein läßt jedes Seiende erst als ein solches sein, das heißt los und wegspringen, ein Seiendes und als dieses »selbst« zu sein. Das Sein ist der Ursprung.“ (Martin Heidegger, Grundbegriffe der Metaphysik, 1929-1930, S. 61-62).

„Das alles deutet darauf hin, daß das »Haus des Seins«, in dem der Mensch zu wohnen eingeladen sein wird, nicht allein und nicht einmal in erster Linie durch die lichtende Kraft der Zeichen errichtet wird. Vor der Sprache sind es umweltdistanzierende Gesten des harten (wurf-, schlag- und schneidetechnischen) Typs, die den Menschenbrutkasten erzeugen und sichern. Der spezifische Ort des werdenden Menschen besitzt also funktional die Qualitäten eines technisch eingeräumten externen Uterus, in dem die Geborenen zeitlebens Ungeborenenprivilegien genießen. Danach reproduzieren sich die Lebe-Wesen, die eines Tages Menschen sein werden, zunächst und ausschließlich in einer Schonung, die sich am passendsten als autogener Park bezeichnen läßt. Die Schonung, in der es Menschen gibt, ist ein Effekt der primitiven Technik. Was Heidegger als das »Ge-stell« (Ge-stell) benennen und als fatales Seinsgeschick verstehen wird, ist zunächst nichts anderes als das Ge-Häuse, das Menschen beherbergt und durch Beherbergung unmerklich herstellt. (Heidegger kommt dem Begriff des Ge-Häuses sachlich zur Zeit des Kunstwerk-Aufsatzes, 1935, am nächsten, als er an dem Konzept eines guten Ge-stells [»das Kunstwerk stellt eine Welt auf«] arbeitete Heidegger).“ (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, 2001, S. 188-189).

„Als Heidegger die Sprache als das »Haus des Seins« bezeichnete, bereitete er die Einsicht in die Sprache als das allgemeine Organon der Übertragung vor. Mit ihr navigieren die Menschen in den Ähnlichkeitsraum. An ihr ist nicht nur wichtig, daß sie die nahe Welt aneignet, indem sie Dingen, Personen und Qualitäten zuverlässige Namen zuordnet und sie in Geschichten, Vergleiche, Serien verstrickt. Entscheidend ist: Sie »nähert« das Fremde und Unheimliche, um es in eine bewohnbare, verstehbare, mit Einfühlung auskleidbare Sphäre einzubeziehen. Sie macht die menschliche Heraussetzung an die offene Welt lebbar, indem sie die Ekstase in Enstase übersetzt. Die »Tendenz auf Nähe« setzt sich in der menschlichen Rede vom ersten Wort an durch; Sprache ist immer schon Nähe-Dichtung. (Heideggers Lehre vom existentialen Ort: »Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe« [Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 105]). Sie assimiliert das Unähnliche dem Ähnlichen - wie bei der Bildung von Metaphern besonders deutlich wird. Man könnte umgekehrt auch sagen, daß sie die Enstase im Gewohnten »hinaus«trägt in die Ekstase beim Ungewohnten. Ihre wesentliche Leistung besteht darin, wie Heidegger bemerkt, daß sie das Seiende im Ganzen verhäuslicht (...). ... Sprache ist - oder war - das allgemeine Weltbefreundungsmedium in dem Maß, wie sie das Agens der Übertragung von Häuslichem auf Nicht-Häusliches ist - oder war.“ (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, 2001, S. 210).

 

NACH OBEN Steine - Handlungen - Sprachbausteine Trinität (im distanziert-isolierten Raum der Primär-Sprache) Raum

Heideggers Lichtung ist für Peter Sloterdijk (*1947) „ein Werk der Steine, die zu anderen Steinen, zu entstehenden Händen und zu bearbeitbaren oder treffbaren Dingen passend werden. Der erfolgreiche Schlag ist die Vorform des Satzes. Der treffende Wurf ist die erste Synthesis aus Subjekt (Stein), Kopula (Aktion) und Objekt (Tier oder Feind). (Wurf und Treffer). Der durchgehende Schnitt präfiguriert das analytische Urteil. Sätze sind Wurf-, Schlag- und Schnittmimesis im Zeichenraum, wobei Affirmationen Wurf-, Schlag- und Schnitterfolge nachvollziehen, während Negationen aus der Beobachtung von fehlgehenden Würfen, mißglückten Schlägen und gescheiterten Schnitten geboren werden. Die ältesten Steinartefakte sind Werkzeug und Zeigzeug in einem. (Zimmer). Sie sprechen von Anfang an von der Macht, die aus dem Gegenüber-Sein-Können folgt.“ (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, 2001, S. 183). Darum soll von Menschen schweigen, wer von (Satzbau-) Steinen nicht reden will. Seine

Für Sloterdijk ist „der Polylith der erste materiale Satz, in dem ein Subjekt, der Griff, mit einem Objekt, dem Stein, durch eine Kopula (das Bindemittel als Kopulativverb) zusammengesetzt wird; die primitive Syntax - als erste logische Synthesis - entstünde demzufolge aus den operativen Kategorien oder Universalien der chirotopischen Hantierungen.“ Stiel-Werkzeuge sind laut Sloterdijk „erste Beispiele des polylithischen Objekttyps, nicht nur weil mit den Stielen das Prinzip des hergestellten Griffs, das heißt der artifiziellen Handhabe an der Sache selbst, verwirklicht wird, sondern mehr noch, weil sie authentische Komposit-Werkzeuge, sogenannte »Polylithe«, darstellen, frei handhabbare Zusammensetzungen von Stein mit einer Mehrzahl andere Materialien. Ihr Prototyp ist der Steinhammer oder die Steinaxt, die als erste stoffliche Trinitäten aus einem Stein, einem Stock und einem Binde-Element zusammengefügt sind, wobei der schwere Schlag- oder Hack-Körper seinerseits durch den Einsatz eines zweiten Bearbeitungssteins vorgeformt sein kann. (Stein). Das Zusammensein von Menschen mit ihresgleichen und anderem erscheint im frühen Chirotop als die ursprüngliche (soziale) Synthesis von mindestens vier Händen und als primitive (materiale) Synthesis von mindestens dreiteiligen Objekten.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 373-374). Zuhandenes Zeug ist zuerst das Wurf-Zeug, dann das Schlag-(Werk-) und das Schneide-(Werk-)Zeug - was Sloterdijk das „Chirotop“ nennt, ist also das, was bei Heidegger die „zuhandene Welt“ ist. „In den Zeug-Analysen hat sich Martin Heidegger als erster Chirotopologe hervorgetan.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume, 2004, S. 364). Die älteste Wahrheit ist „die Wahrheit der Jäger und Schützen, für die richtig ist, was trifft. Das Geschoß, das sein Ziel findet, erfüllt den Richtigkeitstypus Treffen, der zum Schicksalhaftesten gehört, was in der Geschichte der Rationalität auftrat - man vergißt leicht, daß die Treffgenauigkeit moderner Artillerien für die Geschichte der Welt inzwischen folgenreicher ist als jedes Zutreffen von Aussagen oder Eintreffen von Vorhersagen.“  (Peter Sloterdijk, Eurotaoismus, 1989, S. 244-245). Sprache

Was Wurf-Zeug für die Sprachentwicklung ist, ist Spiel-Zeug für den Spracherwerb (Zuhandenes Zeug): Kultur-Ursymbol.

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Anmerkungen:

Schon Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835) vertraten die Idee des Nativismus (der Angeborenheit bzw. der angeborenen Ideen). An Leibniz' Rationalismus, Herders Sprachzentrierung, Humboldts Neu-Idealismus (Neuhumanismus) orientierte sich offenbar Noam Chomsky (*07.12.1928), um zu der Logistik eines angeborenen Spracherwerbsmechanismus zu kommen (Language Acqusition Device). Vgl. Noam Chomsky, Syntactic Structures (1957) und Besprechung von Skinner (1959) sowie Aspekte der Syntaxtheorie, 1965. (Vgl. auch: Sprachphilosophie).

Noam Chomsky (*07.12.1928), Sprachwissenschaftler und Begründer der „Generativen Transformationsgrammatik“ (GTG), die von einem angeborenen Spracherwerbsmechanismus (L.A.D.), d.h. vom „Nativismus“ ausgeht. Wissenschaftsgeschichtleich steht Chomsky in der Tradition des Rationalismus - z.B. von Gottfried Wilhem Leibniz (1646-1716) und René Descartes (1596-1650) - und des Neuhumanismus-Hauptvertreters im Deutschen Idealismus und Sprachforschers Wilhelm von Humboldt (1767-1835). Mit dem Ausbau des Konzepts der „angeborenen Ideen“ wendet sich Chomsky gegen die behavioristische Sprachauffassung (wie z.B. bei Skinner). Chomsky erweiterte seine Grammatiktheorie zu einer Theorie des Spracherwerbs, indem er die Entwicklung der Kompetenz durch einen angeborenen Spracherwerbsmechanismus („Language Acquisition Device“) auf der Basis von grammatischen Universalien erklärte. Eine endliche Menge von Kernsätzen, die durch kontextfreie Phrasenstrukturregeln erzeugt werden, bilden die Basis für die Anwendung von Transformationsregeln, die einen prinzipiell unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln gewährleisten. Die These der Transformationsgrammatik begründete Chomsky in seinen „Syntactic Structures“ (1957), und diese Syntaxtheorie erweiterte er später mit seinen „Aspects of the Theory of Syntax“ (1965) zu einer allgemeinen Grammatiktheorie - inklusive Phonologie und Semantik. (Vgl. ST, dann EST, dann REST).

„Aspekte-Modell“ ist die Kurz-Bezeichnung für die 1965 von Chomsky in „Aspects of the Theory of Syntax“ dokumentierte Revision seines 1957 in „Syntactic Structures“ entworfenen Modells einer „Generativen Transformationsgrammatik“ (GTG). Die wichtigsten Änderungen bzw. Erweiterungen des Aspekte-Modells gegenüber der früheren Version sind: a) Einführung bzw. Differenzierung der Begriffe Kompetenz versus Performanz, Grammatikalität versus Akzeptabilität, Oberflächer versus Tiefenstruktur, syntaktische Merkmale; b) statt generalisierender Transformationen wird Rekursivität bereits in der Basiskomponenete der Grammatik angesetzt, außerdem sind Transformationen bedeutungsneutral; c) das Lexikon wird als Subkomponente der Basis angesetzt und die Ebene der Semantik als interpretierende Komponente behandelt. - Aus dieser Standard-Theorie (ST) wurde im Laufe der späten 1960er und frühen 1970er Jahre eine „Erweiterte Standard-Theorie“ (EST), die später erneut verändert bzw. revidiert wurde, und diese neue Variante heißt seit 1974: „Revidierte Erweiterte Standard-Theorie“ (= REST).

EST ist die „Erweiterte Standard-Theorie“ („Extended Standard Theory“) zu der von Chomsky 1965 entwickelten Standard-Theorie (Standard Theory = ST). Und auf die „Erweiterte Standard-Theorie“ (EST) der späten 1960er und frühen 1970er Jahre folgte 1974 die „Revidierte Erweiterte Standard-Theorie“ (Revided Extended Standard Theory = REST)

Die seit 1974 unter der Bezeichnung „Revidierte Erweiterte Standard-Theorie“ (REST) vollzogenen Veränderungen gegenüber der „Erweiterten Standard-Theorie“ (EST; vgl. „Aspekte-Modell“ von 1965) betreffen vor allem a) die genaue Abgrenzung und Definition der einzelnen grammatischen Komponenten, insbesondere die strikte Trennung zwischen Syntax und Semantik (sowie Phonologie, Stilistik, Pragmatik); b) die Verwendung der (in der Phonologie entwickelten) Markiertheitstheorie; c) die Reduzierung der Transformationen auf Umstellungstransformationen von Nominalphrasen, bzw. auf die Anweisung »Bewege Alpha«; d) universell zu formulierende Regelbeschränkungen, die mit psychologisch interpretierbaren Universalien korrespondieren und durch einzelsprachliche Parameter spezifiziert werden; e) die Einführung von „Spuren“ als abstrakten (leeren) Kategorialknoten der Oberflächenstruktur, die die ehemalige Position umgestellter NP-Konstituenten markieren und ermöglichen, daß f) die semamantische Interpretation nur noch über einer einzigen Ebene, der durch semantische Information aus der Tiefenstruktur angereicherten sogenannten S-Struktur (= seichte Struktur) operiert. (Vgl. Transformationsgrammatik).

Referenzidentität (oder auch Koreferenz) liegt dann vor, wenn verschiedene Nominalphrasen (NP) sich auf den gleichen Sachverhalt beziehen. Formal wird die Referenzidentität durch Ziffern oder kleine lateinische Buchstaben bezeichnet. Beispiel: Max1 entdeckte seinen Freund2 und begrüßte ihn2 stürmisch. Er1 freute sich, diesen lustigen Vogel2 in seiner1 Nähe zu haben.

1.) Die nativistische Hypothese behauptet, daß Spracherwerb als mehr oder minder autonomer Reifeprozeß verstanden werden muß, der auf einem angeborenen Spracherwerbsmechanismus aufbaut. Der Schwerpunkt liegt aufgrund des Zusammenhangs zwischen dieser Hypothese und dem Modell der generativen Transformationsgrammatik (GTG) auf der Entwicklung der formalen sprachlichen Kompetenz. (Vgl. Nativismus).

2.) Die behavioristische Hypothese, besonders die von Skinner (1904-1990) vertretene empiristische Spracherwerbstheorie, begründet sprachliche Lernprozesse ausschließlich mit Erfahrung, Imitation und selektiver Verstärkung (Kondition). Sie reduziert gewissermaßen den gesamten Spracherwerb auf den kausalen Mechanismus von Reiz-Reaktionsketten.

3.) Die interaktionistische Hypothese betont die Teilnahme des Kindes an der sozialisatorischen Interaktion, den Dialog zwischen Kind und den Personen der „Umwelt“, wobei die Fähigkeiten zur Interaktion teils als angeboren (siehe: 1.), teils als im Verlauf der Interaktion mit den Bezugspersonen erworben angesehen werden. Besonders berücksichtigt wird hierbei die Interaktion im sogenannten „präverbalen“ Stadium. Die interaktionistische Hypothese, die auch sozialkonstitutive Hypothese genannt wird, geht von der Beobachtung aus, daß die Sprache, in der Erwachsene mit Kindern sprechen - sie wird „Baby-Talk genannt -, sich konsequent und systematisch von der Erwachsenensprache unterscheidet. Sie wechseln sozusagen von einem Code in einen anderen. Diesen Wechsel nennt man auch „Code-Switching“. Die Erwachsenensprache wird in ihrem Komplexitätsgrad auf das Niveau der Kindersprache abgestimmt. Forscher auf diesem Gebiet sind z.B. Max Miller und Catherine E. Snow.

4.) Die kognitivistische Hypothese geht davon aus, daß die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten weitgehend die Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten bestimmt. Die Kognitivisten, die auch „Konstruktivisten“ genannt werden, versuchen zu beschreiben, in welchen aufeinander aufbauenden Stufen sich die geistige Reifung, die Entfaltung der Intelligenz vollzieht, von den ersten Wahrnehmungen und Bewegungen bis hin zu formalen abstrakten Denken: wie sich von Stufe zu Stufe und Stein auf Stein die Vernunft konstruiert. Ein Bahnbrecher auf diesem Gebiet war z.B. Jean Piaget (1896-1980). Den Spracherwerb sehen die Kognitivisten (bzw. Konstruktivisten) nur als eine besondere Anwendung des allgemeinen Zugewinns. Für sie gibt es kein besonders genetisches Programm für die Sprache oder ein „Sprachorgan“, sondern nur einen „Allzweckgeist“, ein allgemeines „Kognitionsorgan“, das unter anderem auch Sprache erwirbt. Die allgemeinen Prinzipien menschlicher Kognition und ihre allmähliche Reifung sind nach der kognitivistischen Hypothese genetisch vorgegeben. So unterliegt der Spracherwerb also auch für die Kognitivisten (bzw. Konstruktivisten) der genetischen Kontrolle - zumindest indirekt. Nur sollen es nicht die sprachlichen Gene, sondern kognitiven Gene sein, um das „Konstruktive“ zu leisten.

Nach Heidegger (1889-1976) ist das „In-der-Welt-Sein“ die transzendentale Grundverfassung des Daseins. An ihm sind erkennbar: a) das In-Sein als solches - wobei Sein bedeutet „wohnen bei“, „vertraut sein mit“ -, b) die Welt als die Wirklichkeit des Daseins - insofern zum Sein des Daseins die Angewiesenheit auf eine begegnende Welt wesenhaft gehört -, c) das Mitsein der Anderen. Das Dasein als Existenz, dem es um sein eigenes Seinkönnen geht, hat als In-der-Welt-Sein immer schon eine Welt entdeckt. Durch den Begriff des In-der-Welt-Seins werden der Bewußtseinsbegriff und der Subjekt-Objekt-Gegensatz ausgeschaltet. (Vgl. Heidegger-Übersetzer Jean Beaufret, Unterwegs zur Sprache. Und das ist das einzige Geheimnis Heideggers [1975] sowie: Norbert Kapferer, Denn eigentlich spricht die Sprache. Die Fährte Heideggers im Post-Strukturalismus [1982]).

Zuhandenheit ist nach Heidegger (Sein und Zeit, 1927) die Seinsart der menschlichen Beziehung zum „Zeug“ (Gegenstände für das alltägliche „Besorgen“, z.B. Strick-Zeug, Näh-Zeug u.s.w.). Für die Zuhandenheit ist ihre Unauffälligkeit charakteristisch, was zur Folge hat, daß sich ihr Wesen namentlich dann enthüllt, wenn ein Werk-„Zeug“ oder dergleichen nicht zuhanden ist. Die Zuhandenheit steht im Gegensatz zur bloßen Vorhandenheit jener Dinge, die uns direkt nichts angehen. „In den Zeug-Analysen von Sein und Zeit hat sich Martin Heidegger als erster Chirotopologe hervorgetan: Wir verstehen darunter einen Interpreten des Sachverhalts, daß Menschen als Hand-Besitzer und nicht als Geister ohne Extremitäten existieren. Am Heidegger-Menschen ist Beobachtern aufgefallen, daß er kein Genital zu besitzen scheint und wenig Gesicht - um so besser ist sein Ohr ausgebildet, um den Ruf der Sorge zu vernehmen. Am vorzüglichsten ist seine Ausstattung mit Händen, weil Heideggersche Hände von einem Ohr, dem durch die Sorge eingesagt wird, von Fall zu Fall erfahren, was zu tun ist: Von diesem Ganz-Ohr-ganz-Hand-Menschen wird zum ersten Mal in der Geschichte des Denkens expressis verbis ausgesprochen, daß ihm die dinglichen Mitbewohner der Welt, in der er lebt, zeugförmig zuhanden sind. In Heideggers sorge-erschlossener Welt bildet Zuhandenheit einen Grundzug dessen, was den Eksistierenden im Nähe-Bereich umgibt. Zeug ist, was in der Reichweite der klugen Hand, im Chirotop, vorkommt: das Wurf-Zeug, das Schneide-Zeug, das Schlag-Zeug, das Näh-Zeug, das Grab-Zeug, das Bohr-Zeug, das Eß-und-Koch-Zeug, das Schlaf-Zeug, das Ankleide-Zeug. Der Heideggersche Mensch ist hinsichtlich all dieser Dinge im Bilde, welche Aufgaben durch sie seiner Hand gestellt sind. Was wäre ein Kochlöffel, wenn er nicht den Befehl zum Umrühren gäbe; was ein Hammer, wenn er nicht das Handlungsmuster »wiederholt auf die Stelle schlagen« aufriefe?  Die helle Hand läßt sich das gegebenenfalls nicht zweimal sagen. Für den Ernstfall kommt das Töte-Zeug hinzu, für den Nicht-Ernstfall das Spiel-Zeug, für den Bündisfall das Schenk-Zeug, für den Unfall das Verbandszeug, für den Todesfall das Bestattungszeug, für den Bedeutungsfall das Zeig-Zeug, für den Liebesfall das Schönzeug. Unter den Zeug-Populationen im Chirotop sind es vor allem drei Kategorien, die für die Heraushebung der Menscheninsel aus dem Umgebungselement sorgen. ([1]) An erster Stelle ist das Wurf-Zeug zu nennen, weil es seinem stetigen Gebrauch zu verdanken ist, wenn sich die Hominiden vom akuten Umweltdruck ein Stück weit emanzipieren konnten. Indem die werdende Menschenhand, getragen von einem für die Graslandschaft umgeformten ehemaligen Baumaffenarm, es lernt, zum Werfen geeignete Objekte, in der Regel kleinere und handgroße Steine, aufzunehmen und nach Bringern unwillkommener Begegnungen oder Berührungen zu werfen - seien es größere Tiere, seien es fremde Artgenossen -, gewährt sie den Hominiden zum ersten Mal eine Alternative zur Kontaktvermeidung durch die Flucht. Als Werfer erwerben die Menschen ihre bis heute wichtigste ontologische Kompetenz - die Fähigkeit zur actio in distans. Durch das Werfen werden sie zu Tieren, die Abstand nehmen können. Aufgrund des Abstands entsteht die Perspektive, die unsere Projekte beherbergt. Die ganze Unwahrscheinlichkeit menschlicher Wirklichkeitskontrolle ist in die Gebärde des Werfens zusammengezogen. Daher bildet das Chirotop das ursprüngliche und eigentliche Handlungsfeld, in dem Akteure gewohnheitsmäßig ihre Wurfergebnisse beobachten. Hier kommt ein Verfolger-Auge ins Spiel, das prüft, was die Hände zustande bringen; Neurobiologen wollen sogar eine angeborene Fähigkeit des Gehirns nachgewiesen haben, auf fliehende Objekte zu zielen. Das Chirotop ist eigentlich ein Video-Chirotop, eine von Blicken überwachte Sphäre von Handlungserfolgen. Was Heidegger die Sorge nannte, bezeichnet der Sache nach zuerst die aufmerksame Ungewißheit, mit der ein Werfer prüft, ob sein Wurf ins Ziel geht. Treffer und Fehlwürfe sind praktischer Wahrheitsfunktionen, die beweisen, daß eine Intention in die Ferne zu Erfolg oder Mißerfolg führen kann - mit einer unklaren Mitte für einen dritten Wert. Beim gelungenen Wurf wie beim Fehlwurf gilt, daß Wahres und Falsches, die logischen Erstgeborenen des Abstands, sich selber anzeigen. ... ([2]) Nach der Distanzwirkung des Wurfzeugs ist an zweiter Stelle die anthropogene Wirkung der Schlagmittel hervorzuheben - wiederum überwiegend vertreten durch handliche Steine und andere harte Mittel wie Holz und Horn. Die harten Mittel sind von Bedeutung, weil mit ihnen der Werkzeuggebrauch im engeren Sinn und eo ipso die Geschichte von Chirotopia beginnt. Wo eine Werkzeug ist, da war zuvor eine Hand, die es aufnahm. ... Die Insel Chirotopia - ... die allein Heidegger von ferne aus dem Nebel ragen sah - ist im Begriff, als die Insel des Seins aus der Umgebung aufzusteigen, weil sie der Schauplatz der ersten seinsenthüllenden Operationen, der Produktionen, ist. Produzieren heißt mit den Händen Dinge prophezeien. Wenn die Hominiden anfangen, Steine mit Steinen zu bearbeiten oder Steine an Stielen zu befestigen, dann werden ihre Augen Zeugen eines Geschehens, für das es in der alten Natur kein Vorbild gibt: Sie erleben, wie etwas ins Dasein tritt, das zuvor nicht da war, nicht vorlag, nicht gegeben war: das gelungene Werkzeug, die niederschlagende Waffe, der leuchtende Schmuck, das verständliche Zeichen. ... ([3]) Schließlich ist für das chirotopische Realitätsklima die Entdeckung der scharfen Stein- und Knochenkanten von Bedeutung. Mit ihr beginnt die Kulturgeschichte des Schneidens und der materiellen Analysis. Wo die Messerfunktion auftaucht, kommt die Vernunft als teilende, portionierende, sezierende Gewalt in Gang. ... Das Schneiden stiftet den Zusammenhang zwischen Quantität und Gewalt, der überall im Spiel ist, wo an Körpern der Aspekt der teilbaren Menge hervorgehoben wird. ... In der Praxis des Zerschneidens natürlicher Körper tritt eine erste Manifestation dessen zutage, was wir ... Explikation genannt haben - die Offenlegung von Hintergründen oder die Präsentmachung und Bloßstellung von Abwesendem, Eingefaltetem und Bedecktem. ... Die Messer-Erfahrung spiegelt sich in den frühen Lexika wider. Wenn Menschen für die vielen Wesen und Dinge, die um sie vorkommen, jeweils eigene Wörter haben, so weil sie von Messern im Mund Gebrauch machen. ... Jedes Wort serviert eine Weltportion. ... Die richtige Sprache wäre also jene, die den im Seienden angelegten Schnitten folgt und immer da durchtrennt, wo von den Sachen selbst her Einschnitte und unterschiede vorgeschlagen sind.“ (Peter Sloterdijk, Sphären III - Schäume , 2004, S. 364-366, S. 366-367, S. 370-371, S. 375-376).

Distanziert-isolierter Raum der Primär-Sprache: das ist der Raum - die Insel als Isolierung und Distanzierung (Distanzierung) -, den Menschen und damit auch ihre Sprache sich selbst „einräumen“. Ohne eine solche „Raumschöpfung“ hätte sich die Trinität Stein-Handlung-Sprachbaustein (Zeug-Hand-Werk; vgl. „zu-handenes Zeug“; „zu-stimmende Sprache“; „wahr-zu-nehmende Sprache“ u.s.w.) wohl nicht entwickeln können. Raum

Diese Trinität Stein-Handlung-Sprachbaustein überzeugt. Die 3 Bindungsglieder - z.B. Stein (Subjekt), Aktion (Kopula[tiv-Verb]) und Tier / Feind (Objekt) oder Stiel (-Griff als Subjekt), Bindemittel (Binde-Element als Kopula[tiv-Verb]) und Stein (Schlaghammer, Schneideaxt als Objekt) - können helfen, die Probleme der oben erwähnten 4 Theorien (4 Theorien ) zu lösen, die sich gegenseitig ignorieren, obwohl sie selbst die 4 Bindeglieder sein könnten, die ihr fehlen! Die Einzelwissenschaften müssen wieder bindungsfreudiger werden, um Erfolg haben zu können. (Vgl. das Hauptproblem der Wissenschaft, der bekanntlich sogar mindestens 6 Bindungsglieder fehlen!). Hauptproblem

„Unterwegs zur Sprache. Und das ist das einzige Geheimnis Heideggers“ (), so der Heidegger-Übersetzer Jean Beaufret (in: Martin Heidegger - Im Denken unterwegs ..., ein Film von Walter Rüdel & Richard Wisser, 1975): „Übersetzen ist für Heidegger kein Transport eines Pakets aus einem Idiom zu einem anderen, sondern umgekehrt: ein Übersetzen des Denkens selber durch einen Strom an das andere Ufer, nämlich zu dem, was schon zur Sprache gekommen war.“ (Ebd.).

Sprachphilosophie als Teildisziplin der Philosophie hat - vor allem heutzutage - zum Gegenstand den Ursprung und das Wesen, soziologische, kulturelle und geistige Funktion, Logik und Psychologie der Sprache sowie die Bedingungen der Möglichkeit von Philosophie und Wissenschaft und anderer sprachlich verfaßter Kulturleistungen (und das sind die meisten!). Ein wichtiges Problem bezüglich des Wesens der Sprache liegt in der Interpretation des traditionellen, heute sogenannten semantischen Dreiecks, bei dem die Gegenstände und Sprachzeichen nicht unmittelbar, sondern über ihre Universalien miteinander verknüpft sind (vgl. Universalienstreit). Daneben ist eine genetische, auf die grundsätzliche Vielfalt der Sprachen gerichtete Sprachbetrachtung heute nur im Rahmen bilologischer (und auch soziologisch-psychologischer) Untersuchungen Bestandteil der Sprachphilosophie. Die „Analytische Sprachphilosophie“ machte die Vernunftkritik von Kant (1724-1804) zur Sprachkritik. Der damit verbundene Neuansatz in der Sprachphilosophie versucht, Sprache ausdrücklich in den Lebensformen menschlicher Gemeinschaften zu verankern. Zentrale Frage der gegenwärtigen Sprachphilosophie ist der Zusammenhang zwiscehn wissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis und Form und Struktur der Sprache, wie er besonders durch die Entwicklung der „Analytischen Philosophie“ und ihr Interesse an der logischen Analyse sprachlicher Ausdrücke thematisiert wurden; vgl. z.B. Philosophie der Alltagssprache (Wittgenstein, Austin, Searle u.a.), Sprachkritik (Wittgenstein: „Alle Philosophie ist Sprachkritik“), Sprachursprungshypothesen (z.B. bei Herder, Lenneberg, Hockett, Schwidetzky u.a.). „Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache, um aber Sprache zu erfinden, mußte er schon Mensch sein“ (Herder, Gesammelte Schriften, VII, 1, 47). Vgl. auch den Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Feuer und Sprache im Paläolithikum.

Vgl. Kultur-Ursymbol („Stein“ / „Stock“) und Kultursymbol (Feuer[gebrauch]).

Eine empfehlenswerte Einführung in diese Thematik gibt Walter Alfred Koch, „Perspektiven der Linguistik“, Band I und II (1973-1974).

Vgl. Dieter E. Zimmer, „So kommt der Mensch zur Sprache. Über Spracherwerb, Sprachenstehung, Sprache und Denken“, 1986, S. 12. (Zimmer)

Dieter E. Zimmer (*1934) meint, daß jenseits eines bestimmten Alters, eine Sprache nicht mehr erworben, eine volle sprachliche Kompetenz also nicht mehr erreicht werden kann: „Taube Kinder haben eine größere Chance, noch zu einiger Sprache zu kommen, wenn sie schon in frühem Alter Hörhilfen und Sprachunterricht erhalten. Und dann gibt es die Fälle der »wilden Kinder«. Im französischen Aveyron wurde im Jahre 1800 ein etwa zwölfjähriger Junge gefunden, der wahrscheinlich viele Jahre ohne menschlichen Konttakt gelebt hatte, ein »Wilder«; trotz geduldiger und einfallsreicher Bemühungen seines Erziehers, Dr. Itard, lernte er in sechs Jahren nur ein paar geschriebene Wörter erkennen und so gut wie gar nicht sprechen. In Kalifornien wurde 1970 ein Mädchen entdeckt, das in der Wissenschaft unter dem Namen »Genie« bekannt wurde. Genie war seit ihrem zwanzigsten Lebensmonat gefesselt und von allen Menschen isoliert in einer Hinterkammer auf einem Klosettstuhl gefangen gehalten worden. Sie hatte keinerlei sprachlichen Kontakt gehabt - ihr Vater und ihr älterer Bruder hatten sie, wenn sie ihr einen Essensnapf hinstellten, höchstens angebellt, und alle ihre eigenen Lautäußerungen waren vom Vater bestraft worden. Als sie mit dreizehn Jahren befreit wurde, sprach sie keine Sprache und verstand keine. Und trotz aller Bemühungen ihrer Erzieher lernte sie sie in der Folge viel langsamer als ein Kleinkind. Soweit von ihren Fortschritten berichtet werden konnte, brachte sie es in acht Jahren nur zu »telegraphischen« Kurzsätzen, denen die Funktionswörter fehlten, lernte also nicht grammatikalisch zu sprechen (Curtiss, 1977). Ihren Fall vergleiche man mit dem der Helen Keller, die mit neunzehn Monaten durch eine Meningitis blind und taub wurde, ohne Sprache aufwuchs, nur zwei Gesten (eine für »Essen«, eine für »Trinken«) besaß und die mit sieben an eine geniale Hauslehrerin geriet, Anne Sullivan, welche sofort begann, ihr Wörter in die Hand zu schreiben. Ihr Spracherwerb war wie eine Implosion: Nach zwei Monaten beherrschte sie schon zweihundert Wörter, nach drei Monaten begann sie erste Briefe zu schreiben, und nach wenigen Jahren war ihre Sprache (die für sie gleichzeitig das Sinnesorgan wurde, mit dem sie sich ihr Wissen über die AußenweIt aneignete) reicher und differenzierter als die der meisten Gleichaltrigen. Bekanntlich wurde sie später Schriftstellerin. Natürlich könnte es sein, daß Helen Keller nur eine ganz besondere Sprachbegabmig besaß und daß die beiden »wilden Kinder« Handicaps hatten, welche ihnen auch unter normalen Bedingungen das Sprechenlernen schwer gemacht hätten - die großen Unterschiede beim Aufholen des Versäumten müssen also nicht unbedingt auf das unterschiedliche Alter zurückgehen, in dem sie erstmals mit der Sprache konfrontiert wurden. Aber daß in so verschiedenen - und in noch einigen anderen, ähnlichen - Fällen im höheren Alter auch die größeren Schwierigkeiten beim Spracherwerb auftraten, deutet doch daraufhin, daß hier eine Gesetzmäßigkeit vorliegt. Nimmt man hinzu, was jeder an sich selber beobachten kann, daß jenseits der Pubertät das Erlernen einer Zweit- oder Drittsprache die Leichtigkeit einbüßt, die es vorher hatte, so ist die Vermutung jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, daß der Sprachewerb des Menschen das hat, was die Verhaltensforschung eine senssible Phase nennt.Manchen Singvögeln ist ihr arteigener Gesang nicht angeboren ; sie müssen ihn hören, selber hervorbringen zu können. Aber sie lernen ihn nicht jederzeit. Weißkopfammerfinken lernen ihn nur in den ersten vierzig Lebenstagen; bei Buchfinken ist diese aufnahmefähige Phase zehn Monate, bei Winterammerfinken zwei Jahre lang. Jede Art hat ihre eigene sensible Phase. Was in diesen Zeiten versäumt wird, ist später nicht mehr nachzuholen. Es sieht also ganz so aus, als gebe es auch für den Menschen eine solche sensible Phase.“ (Dieter Zimmer, So kommt der Mensch zur Sprache. Über Spracherwerb, Sprachenstehung, Sprache und Denken, 1986, S. 25-27).

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© Hubert Brune, 2001 ff. (zuletzt aktualisiert: 2014).

 

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