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- Demographie und Wirtschaft -

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KugelJE MEHR KINDER SICH DIE MENSCHEN LEISTEN KÖNNEN, DESTO WENIGER HABEN SIE!
JE WENIGER KINDER SICH DIE MENSCHEN LEISTEN KÖNNEN, DESTO MEHR HABEN SIE!
Demographisch-ökonomisches Paradoxon oder: Ökonomisch-demographisches Paradoxon?
Bevölkerung

Will man dieses Paradoxon deuten, sollte man erst einmal wissen, ob man die Demographie als eigene Disziplin oder als Teildisziplin der Ökonomie betrachtet. „Ein Deutungsversuch aus einem speziellen Forschungsgebiet der Wirtschaftswissenschaften, das als Bevölkerungsökonomie bezeichnet wird, argumentiert folgendermaßen: Die Preise und Kosten der für die Erziehung von Kindern benötigten Dienstleistungen, insbesondere für die Betreuung und Aufsicht durch Dienstpersonal, sind stärker gestiegen als die Preise der industriell erzeugbaren materiellen Konsumgüter, so daß heute mit einem gegebenen Einkommen ein höheres Maß an Nutzen erzielt werden kann, wenn der für den Erwerb von industriell erzeugbaren Gütern verwendete Anteil am verfügbaren Einkommen ausgeweitet und der für Kinder aufgewendete entsprechend reduziert wird. Diese Erklärung ist schlüssig, aber ihre Gültigkeit hängt davon ab, ob die dabei unterstellte Regel immer anwendbar ist, daß bei einem gegebenen Einkommen von jedem Konsumgut eine um so größere Menge nachgefragt wird, je niedriger sein Preis ist. Wer diese Nachfrageregel auf den vorliegenden Fall anwendet, stellt eine Analogie zwischen Kindern und ökonomischen Konsumgütern her. In der Bevölkerungsökonomie ist dies üblich. Man spricht dort ausdrücklich und ungeniert von Kindern als «Konsumgütern» und vom «Konsumnutzen des Kindes» für die Eltern, der sich z.B. aus der emotionalen Befriedigung ergibt, die die Eltern durch ihre Kinder gewinnen, während der «Versorge- oder Investitionsnutzen des Kindes» aus den längerfristigen Vorteilen erwächst, insbesondere aus der Sicherheit, die die Eltern in Notfällen durch die Hilfe ihrer Kinder erwarten. Doch wer die Gleichsetzung von Kindern mit Konsumgütern wie Perserteppichen und Staubsaugern oder mit Investitionsgütern wie Immobilien und Aktien unpassend findet und als zu weit gehend ablehnt, dem fehlt das gedankliche Hilfsmittel, mit dem sich aus der Sicht der Bevölkerungsökonomie das demo-ökonomische Paradoxon auflösen läßt. Selbst wenn man statt der Gleichheit nur eine Ähnlichkeit zwischen Kindern und ökonomischen Gütern annimmt, muß zur Aufrechterhaltung der ökonomischen Sichtweise doch eine Übereinstimmung in wesentlichen Merkmalen unterstellt werden. Aber auch die Annahme einer weniger strengen Entsprechung wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. Denn eines der entscheidenden Merkmale des ökonomischen Begriffs des Konsumguts ist, daß das Gut vom Konsumenten «genutzt» bzw. «verbraucht» wird, und daß der Konsument in beliebiger Weise über das Gut verfügen kann, indem er es beispielsweise durch ein anderes ersetzt, verkauft oder auf Grund seiner «Konsumentensouveränität» einfach wegwirft. In unserer Kultur lassen sich Kinder jedoch nicht wie beliebige Gebrauchsgüter wieder loswerden, wenn die Eltern nicht mehr mit ihnen zufrieden sind. Ein Kind ist kein Bild, das sich einfach von der Wand nehmen läßt, wenn es nicht mehr gefällt. Ein anderer Begriff aus der Bevölkerungsökonomie stellt nicht auf die manifesten Kosten von Kindern im Sinne von tatsächlich entstandenen Ausgaben ab, sondern auf die meist nur vorgestellten, entgangenen Einkommen, mit denen zu rechnen wäre, wenn eine Frau, statt durch Erwerbsarbeit Einkommen zu erzielen, unbezahlte Familienarbeit leisten und Kinder großziehen würde. Diese als «Opportunitätskosten von Kindern» bezeichneten entgangenen Einkommen, die nur in der Vorstellung existieren und deshalb eigentlich nur dann als entgangen zu betrachten sind, wenn sie eine sichere Option gewesen wären, wachsen seit Jahrzehnten im gleichen Maße wie die Realeinkommen und der allgemeine Wohlstand. Die Folge ist, daß Kinder gemessen an den Opportunitätskosten immer unerschwinglicher werden, so daß die Geburtenrate seit Jahrzehnten abnimmt.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 42-44).

Man kann das wohl nur historisch (kulturhistorisch !) verstehen, denn: „Zu welchen Hilfskonstruktionen man auch greift - ein Rest von Paradoxie bleibt übrig, wenn man rational zu erklären versucht, warum sich Menschen um so weniger Kinder leisten, je mehr sie sich aus rein ökonomischer Sicht auf Grund des steigenden Realeinkommens eigentlich leisten könnten. Bei diesem Sachverhalt handelt es sich um einen Aspekt der geschichtlichen Realität, der sich gegen die üblichen theoretischen Erklärungsversuche der Sozialwissenschaften sperrt, und der auch von der Geschichtswissenschaft noch wenig verstanden wird. Dabei war die Wirtschaftsgeschichte als Teil des Zivilisationsprozesses im 20. Jahrhundert in der Regel so paradox mit der Bevölkerungsgeschichte verbunden, daß ökonomische Prosperität mit einer Abnahme und nicht mit einer Zunahme der Geburtenrate einherging. Es ist nachweisbar, daß ähnliche Zusammenhänge auch in früheren ... Kulturen wirksam gewesen sein müssen, insbesondere in der griechisch-römischen Antike, wie dies durch literarische Zeugnisse aus dieser Zeit belegt wird, so daß wir es hier vielleicht mit einem allgemeinen Charakteristikum geschichtlicher Entwicklungsverläufe zu tun haben.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 44-45). Richtig! Eine frühe Schilderung des Geburtenrückgangs in Griechenland stammt aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., nämlich vom griechischen Historiker Polybios: Historien (um 150 v. Chr.).

Wer die Vergangenheit - die Geschichte - stets berücksichtigt, weil man nur aus ihr die Zukunft ableiten und schließlich vorhersagen kann, darf wie Herwig Birg Prognosen wagen. „Faßt man die Befunde zusammen, so ergibt sich folgendes Fazit: Der Hauptgrund für die niedrige Geburtenzahl pro Frau ist der hohe Anteil von rd. einem Drittel zeitlebens kinderlos bleibender Frauen bei den jüngeren Jahrgängen ab 1965. Innerhalb der Gruppe der Frauen mit Kindern hat die Geburtenrate jedoch den idealen Wert von rd. 2 Kindern pro Frau. Die Polarisierung der Bevölkerung nach den beiden Gruppen mit und ohne Kinder ist ... besonders hoch. .... Der Trend zur lebenslangen Kinderlosigkeit wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit fortsetzen. Der Anteil der Frauen an einem Jahrgang, die zeitlebens ein Kind haben, wird weiter abnehmen, der Anteil der Frauen mit zwei Kindern relativ stabil bleiben und der Anteil der Frauen mit drei Kindern wird stagnieren. Dagegen wird sich der Anteil der Frauen mit vier und mehr Kindern - bedingt durch die große Zahl von Zugewanderten mit höherer Geburtenrate - leicht erhöhen. Durch die Dynamik ihrer Volkswirtschaften haben die westlichen Industrieländer eine beispiellose Steigerung des Wohlstands erfahren. Parallel dazu hat sich das biographische Universum der Individuen als Sinnbild für die Größe der biographischen Entscheidungsfreiheit stark erweitert. Die Expansion des biographischen Entscheidungsraums beruhte sowohl auf der Zunahme der Entscheidungsfreiheit durch das Auftreten neuer biographischer Alternativen und Optionen als auch auf dem Wegfall von handlungsbegrenzenden Normen und Tabus. An die Stelle der kulturellen und sozialen Überbestimmtheit der Biographien früherer Zeiten trat die Unterbestimmtheit moderner Lebensläufe. Der biographische Freiheitszuwachs bedeutete zugleich eine starke Erhöhung des Risikos langfristiger biographischer Festlegungen. Ob und gegebenenfalls wie viele Kinder jemand hat, bestimmt sich in modernen Gesellschaften nicht aus biologischen Kausalitäten und ebenso wenig durch verbindliche gesellschaftliche Verhaltensmuster, sondern durch die Rationalität und Logik biographischer Entwicklungsverläufe und deren Festlegungsrisiken im Hinblick auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes. Der Lebenslauf ist in der modernen Gesellschaft zum Projekt des Einzelnen geworden, dessen Erfolg und Mißerfolg dem Individuum und nicht der Gesellschaft oder der Herkunftsfamilie zugerechnet wird. Die hohen Anforderungen an die Flexibilität und Mobilität der Individuen in modernen Wirtschaftsgesellschaften stehen der Übernahme einer langfristigen Verantwortung für den Lebenspartner und für Kinder diametral entgegen. Der wirtschaftliche Erfolg unserer Gesellschaft wird in zunehmendem Maß durch die Instabilität der Familien, den Rückgang der Geburtenrate und die damit verbundene demographische Alterung der Gesellschaft erkauft. Die Alterung hat so gravierende Rückwirkungen auf die Funktionsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme und die von ihr abhängige internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, daß die bisher gewohnte ökonomische Prosperität durch die demographische Entwicklung langfristig gefährdet erscheint.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 80-82). Mit anderen Worten: Die Wirtschaft gräbt sich ihr eigenes Grab! Selbst Wirtschaft und Demographie sind wie „Wirt“ und „Parasit“ !

Über die Vergangenheit ein Lob aussprechen muß auch die Demographie, denn nur die Vergangenheit macht die Zukunft prognostizierbar. „Um eine hohe Treffsicherheit zu erreichen, muß bei der Festlegung der Annahmen über die Verhaltensweisen der Menschen in der Zukunft, z.B. über das Fortpflanzungsverhalten, immer die Entwicklung in der Vergangenheit berücksichtigt werden. Insofern entsteht der substantielle Gehalt jeder Prognose stets aus einer Analyse der tatsächlichen Entwicklung in der Vergangenheit. Die Prognoseaussagen beschreiben zwar etwas prinzipiell Unbekanntes in der Zukunft und scheinen sich daher von den Aussagen über die Vergangenheit grundlegend zu unterscheiden, aber dieser Unterschied ist weniger gravierend, als es den Anschein hat, weil die Prognoseaussagen, soweit sie inhaltlich bedeutsam sind, zur Gänze aus den substantiellen Prämissen abgeleitet werden, die ihrerseits stets auf Erkenntnissen über die faktische Entwicklung in der Vergangenheit beruhen. Wenn die zugrunde gelegten Annahmen zutreffen oder nahe an der Realität liegen, treffen auch die Prognosen exakt oder mit großer Genauigkeit ein. Die Qualität einer Prognose ist daher stets identisch mit der Qualität ihrer Annahmen. Ein Urteil über die künftige demographische Entwicklung sollte deshalb ein Urteil über die Annahmen einschließen, auf denen die Prognose beruht.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 85-86).

„Für die Berechnung der Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwiklung, den Arbeits- und Wohnungsmarkt, die Umwelt und andere Bereiche sind demographische Vorausberechnungen unerläßlich. Diese Berechnungen sind die Grundlage für wissenschaftliche Prognosen, die stets die Form von Wenn-Dann-Sätzen haben. Sie unterscheiden sich von den als Vorhersagen und Prophetien bezeichneten nichtwissenschaftlichen Aussagen über die Zukunft dadurch, daß die Bedingungen und Annahmen explizit angegeben werden, von denen ihr Eintreffen abhängt. Eine nichtwissenschaftliche Aussage über die Zukunft stellt lediglich fest, was der Fall sein wird, ohne daß es möglich ist, zu beurteilen, auf Grund welcher Annahmen die Aussage zustande kam und wie verläßlich sie ist. Alle Bevölkerungsvorausberechnungen enthalten Annahmen über die künftige Entwicklung der Geburtenrate (gemessen an der Zahl der Lebendgeborenen pro Frau), der Sterberate (abgestimmt mit den Annahmen über die Entwicklung der Lebenserwartung) und der Migrationsrate (Ein- und Auswanderungen bzw. Wanderungssaldo als Differenz zwischen beiden). Werden mehrere unterschiedliche Annahmen formuliert, um das Intervall der künftigen Entwicklung abzustecken, indem z.B. alternativ eine hohe, eine mittlere und eine niedrige Geburtenrate zugrunde gelegt wird, spricht man von «Bevölkerungsprojektionen». Als «Bevölkerungsprognose» wird eine Vorausberechnung bezeichnet, bei der aus der Vielzahl möglicher Annahmen diejenige ausgewählt wird, der man den höchsten Grad an Wahrscheinlichkeit beimißt. Von einer bloßen «Modellrechnung» spricht man, wenn die Annahmen beliebig gesetzt werden, ohne sie nach ihrer Wahrscheinlichkeit zu bewerten. Ein Beispiel solcher Modellrechnungen sind die ... «probabilistischen Bevölkerungsvorausberechnungen», bei denen die Auswahl der Annahmen für die Geburten-, Sterbe- und Migrationsrate gleichsam blind vorgenommen wird, indem mittels des Computers eine Zufallsstichprobe aus einem vorgegebenen Intervall für die Geburtenrate, die Sterberate und die Migrationsrate gezogen wird. Aus Tausenden solcher mit Zufallsstichproben gezogener Annahmen und den daraus abgeleiteten Bevölkerungsvorausberechnungen läßt sich das Gesamtergebnis anschließend z.B. als Durchschnitt ermitteln. Die entsprechenden Ergebnisse sind jedoch für die Politik weniger relevant und dienen meist nur analytischen Zwecken. Bevölkerungsprognosen und -projektionen haben sich in den letzten Jahrzehnten als erstaunlich genau erwiesen. Im Jahr 1958 veröffentlichte z.B. die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen eine Bevölkerungsprojektion für die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2000. Das Ergebnis war 6267 Mio. Zum Vergleich: Im Jahr 1950 betrug die Weltbevölkerung 2521 Mio.. Die Differenz zwischen der vor mehr als vier Jahrzehnten vorausberechneten und der tatsächlichen Zahl für 2000 (6,1 Mrd.) beträgt 3,5%. Der eigentliche Prognosefehler ist aber noch niedriger, denn in den 1980er und 1990er Jahren hat die Bevölkerungsabteilung der UN die Bevölkerungszahlen für die Entwicklungsländer ohne zuverlässige demographische Statistiken für die Vergangenheit zurück bis 1950 mehrmals revidiert. Dabei wurden die Geburtenraten in vielen Entwicklungsländern nach unten gesetzt. Wäre die 1958 veröffentlichte UN-Projektion schon auf der Grundlage der später nach unten revidierten Datenbasis erarbeitet worden, läge die Prognose noch näher an der tatsächlichen Zahl, die Differenz dürfte dann 2% oder weniger betragen. Auch für einzelne Länder erwiesen sich die demographischen Vorausberechnungen als relativ zuverlässig. Für die frühere Bundesrepublik beträgt z.B. die Differenz zwischen dem auf der Basis der Volkszählung von 1970 für das Jahr 1985 vorausberechneten Ergebnis und der tatsächlichen Zahl 1,2%. .... Die im Vergleich zu Wirtschaftsprognosen hohe Treffsicherheit demographischer Vorausberechnungen beruht nicht auf irgendwelchen besonderen Fähigkeiten der Demographen, mit denen sie sich z.B. von Wirtschaftswissenschaftlern unterscheiden, zumal die meisten Demographen ohnehin spezialisierte Wirtschaftswissenschaftler sind, sondern auf der hohen Trägheit der Bevölkerungsentwicklung, die wiederum dadurch zu erklären ist, daß die beiden wichtigsten demographischen Prozesse - der die Geburtenzahl bestimmende Fortpflanzungsprozeß und der die Zahl der Sterbefälle bestimmende Mortalitätsprozeß - in entscheidender Weise von der gut vorausberechenbaren Altersstruktur abhängen.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 88-90).

Kugel Erklärung des Geburtenrückgangs mit Hilfe der Gossenschen Gesetze

Grenznutzen (Ludwig Josef Brentano)
Geburtenrückgang und Gossensche Gesetze gemäß Ludwig Josef Brentano (a.a.O., 1909)
Ludwig Josef Brentano z.B. berief sich in seinem 1909 erschienen Buch auf das 2. Gossensche Gesetz, das Gesetz vom Grenznutzenausgleich, das damals in der auf der Grenznutzenanalyse aufbauenden Haushaltstheorie eine entscheidende Rolle spielte und die Gültigkeit des 1. Gossenschen Gesetzes, des Gesetzes vom abnehmenden Grenznutzen, voraussetzt, d.h.: wie in der Graphik (rechts) zu sehen, sinken bei einem bestimmten Einkommen (E0) sowohl die Grenznutzen des Bedarfs nach Kindern (GNK) als auch der damit konkurrierenden Bedürfnisse (GNB) bei steigender Kinderzahl (XK) bzw. Menge der anderen Bedürfnisse (XB). Von beiden Bedürfnissen wird jene Quantität XK0 bzw. XB0 nachgefragt, bei der ihre jeweiligen Grenznutzen gleich sind, also: GNK0 = GNB0. Bei einem höheren Einkommen (E1 > E0) steigt der Grenznutzen der mit dem „Bedürfnis nach Kindern“ konkurrierenden Bedürfnisse von GNB0 auf GNB1. Unter der Annahme, daß der Grenznutzen für das „Kinderbedürfnis“ unverändert bleibt und keine größere Menge der konkurrierenden Bedürfnisse nachgefragt wird (XB0 = XB1), kann jetzt der höhere Grenznutzen der anderen Bedürfnisse mit demjenigen nach Kindern nur ausgeglichen werden, wenn die Zahl der Kinder sich von XK0 auf XK1 vermindert.

„Mit zunehmendem Wohlstand und zunehmender Kultur wächst die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse der Menschen, und mit dem Auftreten anderer Bedürfnisse macht sich auch hinsichtlich der Befriedigung des Geschlechtstriebes das Gossensche Gesetz geltend, wonach der nach der größten Summe des Wohlgefühls strebende Mensch mit der Befriedigung eines Bedürfnisses da abbricht, wo ein Fortfahren in seiner Befriedigung ihm geringeren Genuß bereiten würde, als die Befriedigung eines anderen Bedürfnisses, auf das er sonst verzichten müßte. Der Mensch bricht mit der Kindererzeugung da ab, wo die Mehrung der Kinderzahl ihm geringere Befriedigung schafft, als andere Genüsse des Lebens, die ihm sonst unzugänglich würden, oder als die Befriedigung, die es ihm gewährt, daß seine Fr~u nicht dem Siechtum verfällt, daß er keine mit Krankheit belastete Kinder auf die Welt setzt oder seinen Kindern eine bessere Ausrüstung für den Kampf ums Dasein zu verschaffen vermag.“ (Ludwig Josef Brentano, Die Malthussche Lehre und die Bevölkerungsbewegung der letzten Dezennien, 1909, S. 606).

Kugel Erklärung des Geburtenrückgangs aus dem Investitionskalkül

Ein in der Wissenschaft wegen seiner mit methodischen Mängeln behafteten Theorien umstrittener Kollege ist Gunnar Heinsohn, der hier mit seinen Ko-Autoren Rolf Knieper und Otto Steiger trotzdem zu Wort kommen soll, weil er mit seinen schillernden Theorien immer wieder für neue Denkanstöße sorgt - trotz seiner relativen Unwissenschaftlichkeit.

„Wir machen ... in unserer Analyse die Voraussetzung von in jedem Falle vorhandenen Kindern nicht. Wir gehen davon aus, daß Kinder keinen ökonomischen Nutzen haben können, d.h. daß bereits ein erstes Kind nutzlos und statt dessen Kinderlosigkelt das ökonomisch Gebotene ist.“ (Gunnar Heinsohn / Rolf Knieper / Otto Steiger, Menschenproduktion, 1979, S. 234).

„In unserer Darstellung werden Kinder nicht wie ein beliebiges Konsumgut betrachtet, das einen - wie immer definierten - Nutzen abwirft. Fortpflanzung betrachten wir statt dessen vom ökonomischen Interesse potentieller Eltern her. Wir behaupten, daß es eine Indifferenzkurve, in welche Kinder eingehen, nicht gibt. Kinder können sehr wohl ökonomische Güter sein, fungieren dann aber nicht als Konsum, sondern als Investition. Wir haben also direkt die Rentabilität der Kinderproduktion darzustellen.“ (Gunnar Heinsohn / Rolf Knieper / Otto Steiger, Menschenproduktion, 1979, S. 234).

„Zu bestimmen ist also der Kapitalwert von Kindern für eine bestimmte ökonomische Einheit (Familie als Produktionseinheit, Lohnarbeiter, Haushalt, Kollektivproduzenten). Der Kapitalwert (V) entspricht der Differenz zwischen der Summe der abdiskontierten Erträge (E/(1+i)n), welche die Kinder in späterer Zeit für ihre Erzeuger erbringen, z. B. Kinderlohn, Altersversicherung, Mitarbeit u.s.w., und der Summe der abdiskontierten Kosten (C/(1+r)n) für die Kinderproduktion (K). Wir können für die Zusammenhänge folgende Gleichungen aufstellen:
Formeln
G0) Erklärung der Fortpflanzung aus dem Investitionskalkül
Kinder
- wobei i = Kalkulationszinssatz, r = interner Zinssatz, (der Zinssatz, der realisiert wird, wenn E = C) und n = Anzahl der ökonomisch interessanten Lebensjahre der Kinder. Es ist also solange rentabel, Kinder zu zeugen, wie E > C ist, bzw. r > i, d.h. solange V einen positiven Wert hat. Mit wachsender Kinderzahl steigen sowohl die Kosten als auch die Erträge. Die Kinderproduktion ist so lange rentabel, wie die Erträge über den Kosten liegen, d.h. K < Km (siehe Graphik G0). Die optimale Kinderzahl ist dort erreicht, wo der Abstand zwischen Erträgen und Kosten am größten ist, d.h. bei K0. Daß die Erträge ab einer bestimmten Kinderzahl sinken, hängt mit der Annahme zusammen, daß Kinder nur dann einen ökonomischen Ertrag bringen wenn sie mit anderen Investitionsgütern kombiniert werden, die selbst nicht unbegrenzt vermehrbar sind, wie z.B. Grund und Boden des bäuerlichen Produzenten. Wir sehen also auch in dieser formalen Betrachtung, daß es notwendig ist, die besonderen ökonomischen Bedingungen darzustellen. Wir können fünf idealtypische Fälle unterscheiden.
(1)
G1) Fortpflanzung selbständiger Produzenten mit vielen Expansionsmöglichkeiten
Kinder
Für den selbständigen Produzenten, wozu traditionell die Bauern ... gehören, werden ökonomische Notwendigkeit und Expansionsgrenzen zum bestimmenden Faktor für die Kinderzahl, wo dies in Graphik G1 am Beispiel der jeweiligen Kapitalwert-, Ertrags- und Kostenfunktionen eines Kleinbauern (KB) und eines Großbauern (GB) gezeigt wird. Für einen Bauern, der expandieren kann, ist sowohl die Anzahl der rentablen Kinder als auch die optimale Kinderzahl größer als für den fest begrenzten Bauern. Damit ist sogleich gesagt, daß die Bauernstelle so klein sein kann, daß sie direkte Mitarbeiter gar nicht benötigt, sondern einzig den späteren Unterhalt gewährleistenden Erben, so daß hier die Kinderzahl durchaus unter die volle Reproduktion fallen kann, d.h. nach Geburt eines männlichen Kindes die Fortpflanzung eingestellt wird. Die überwiegend kleinbäuerlichen Existenzen in Frankreich, wo Bodenteilung nicht einmal mehr die Reproduktion der Eigentümer garantiert hätte, können als historisches Beispiel für Geburtenrückgang in einer agrarischen Gesellschaft herangezogen werden. In dem Augenblick, da die Bauern nur noch eine Minderheit der Gesamtbevölkerung bilden, die sich in die Altersversicherungssysteme der Produzentenmehrheit der Lohnabhängigen einkaufen kann, wird selbst der männliche Erbe überflüssig. Dies erklärt die willentlich kinderlosen Bauern in den hochentwickelten Ländern der Gegenwart.
(2)
G2) Fortpflanzung der Lohnarbeiter bis zum Ende der Kinderarbeit
Kinder
Für Lohnarbeiter, die es als freie Bürger massenhaft erst in der Neuzeit gibt, gilt - systematisch gesprochen ebenso wie für Sklaven oder Gesinde -, daß Ertrag aus Kindern nicht gewonnen werden kann. Lediglich in der Epoche der Kinderarbeit, die etwa ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts (in Deutschland schon eher, z.B. in Preußen ab 1839 [Preußisches Regulativ]! HB) wegen der Verwahrlosung des Nachwuchses in Europa unterbunden wird, bietet sich die Möglichkeit, durch Kinderlohn Aufzuchtskosten zu kompensieren, ohne daß Kinderhaben allerdings rentabel wird, da der Betrag der Kinder zur Alterssicherung höchst unsicher ist. Zum elterlichen Kalkül der Kostensenkung wird der Kinderlohn jedoch erst dadurch, daß mit Hilfe der ... Gewaltmaßnahmen die Lohnarbeiterfamilie in der Neuzeit staatlich geschaffen wurde. Dieses Kalkülläßt sich ... graphisch darstellen (siehe Graphik G2). Die Kinderzahl liegt also stets an der Rentabilitätsgrenze; es läßt sich keine optimale Kinderzahl bestimmen. Es wird aber auch deutlich, daß durch die bekannten Gesetze nach Abschluß der Hexenverfolgungen die hohen Kinderzahlen der Arbeiterschaft leichter abgepreßt werden konnten, solange die Kinder nach dem fünften oder sechsten Jahr erwerbstätig wurden, d.h. ihre Kosten bis dahin wieder einbrachten.
(3)
G3) Fortpflanzung der Lohnarbeiter seit dem Kinderarbeitsverbot
Kinder
Nach dem Verbot der Kinderarbeit und der Beschränkung von Frauenarbeit ist die Fortpflanzung des Arbeiters nur noch mit Unkosten verbunden - die Alterssicherung muß kollektiv erspart werden, da sie von den eigenen Kindern nicht garantiert werden kann. Schon das erste Kind verursacht nun lediglich Unkosten. Graphisch läßt sich zeigen, daß der Kapitalwert von Kindern immer negativ ist. Zu den Kosten für die Kinder sind jetzt noch Kosten für entgangenes Einkommen hinzuzufügen, was zu einer Verschiebung der Kostenkurve nach oben (und einer zusätzlichen Verschiebung der Kapitalwertkurve nach unten) führen muß (siehe Graphik G3).
(4)In den entwickelten Gesellschaften mit fortgeschrittener Verallgemeinerung der Lohnarbeit existieren Angebote an die Frauen, welche die Mutterschaft selbst zur Einkommensquelle für sie machen sollen. Je höher dieses Unterhaltsangebot für Mutterschaft an dem für die einzelne Frau real zu erwartenden Einkommen in der Lohnarbeit liegt, desto interessanter wird es für sie, die Mutterschaft zur Einkommensquelle zu machen. Die Angebote kommen noch überwiegend von männlichen Privatpersonen, doch auch der Staat erprobt Mutterschaftsentlohnung und bietet ungefähr eine Summe um 1000 DM pro Monat für eine Frau mit einem Kind. Für die in diesem Nettoverdienstbereich rangierenden Frauen ergibt sich der Vorteil, nicht in die sexuelle Loyalität an einen einzigen Mann gebunden zu sein. Allerdings ist das Schicksal der Lohnarbeit so nur zeitlich begrenzt durchbrechbar. Für beide Unterhaltsangebote - also aus sexuell-emotionalen oder direkt bevölkerungspolitischen Motiven - gilt aber, daß die Wahrscheinlichkeit eines Kindes - Verhütungsfähigkeit unterstellt - um so größer wird, je näher das Angebot an die Summe aus Kinderkosten plus entgangenem Einkommen heranrückt. Gesamtgesellschaftlich betrachtet würden demzufolge die Geburtenzahlen in dem Maße steigen, wie das staatliche Unterhaltsangebot an die höchsten Frauenlöhne plus Kinderkosten heranreicht. Sollte wiederum tendenziell jede Frau sich voll reproduzieren, also mindestens zwei Kinder haben, so ließen sich dafür bei einem durchschnittlichen Geburtsabstand von drei bis vier Jahren etwa 10 Jahre entgangener Arbeitslohnbis zur Schulpflicht beider Kinder plus Kindeskosten von ca. 18 bis 27 Jahren kalkulieren - bis zu deren Mündigkeit bzw. Ausbildungsende -, so daß sich pro Kind etwa 140000 DM staatlicher Kostenerstattung ohne staatliche Erziehungskosten errechnete, für zwei Kinder also 280000 DM plus 10 Jahre entgangenes Einkommen von ca. 120000 DM, was staatliche Kosten von insgesamt 400000 DM pro Frau ergäben. Um die zuletzt ca. 600000 Neugeborenen wieder zu »ersetzen«, müßten für 300000 Frauen jährlich diese Beträge veranschlagt werden. Das bedeutete bei Versorgung voller 23 Jahrgänge jährliche Kosten von 120 Milliarden DM. Die Summe ist freilich noch höher anzusetzen, da das auszugleichende Fraueneinkommen hundertprozentig nur dann bevölkerungspolitisch wirksam würde, wenn nicht das weibliche Durchschnittseinkommen, sondern die oberen Einkommensgrenzen für Frauen die Bemessungsgrundlage bildeten. So gewaltig diese Summen auch anmuten mögen, bilden sie doch mehr als nur eine Gedankenspielerei. Da auch in Zukunft ein ausreichendes Angebot an Arbeitsplätzen für Frauen und Männer, das obendrein attraktiver als Kindererziehung ist, nicht erwartet werden kann, vielmehr die Rationalisierung die Arbeitslosen - etwa für die Bundsrepublik Deutschland - zu einem beträchtlichen Millionenheer anschwellen lassen wird und dieses dann zu unterhalten ist, könnte dem Staat durchaus einfallen, die Arbeitslosen in bezahlte Eltern zu verwandeln und so Geburtenrückgang und ihm nicht genehme soziale Unruhen mit derselben Waffe zu bekämpfen. Er könnte dies sogar in liberaler Manier besorgen, indem ein lebenslanger Versorgungsanspruch für Frauen angeboten wird, welchen diese gleichwohl abtreten können, um selbst statt eines Mannes in die Konkurrenz der Lohnarbeit zu treten. Es würde sich also nicht um gewöhnliche polizeystaatliche Maßnahmen zur Menschenproduktion handeln, sondern um das Kalkulieren auf das Interesse von Frauen, die nicht in die Lohnarbeit und nicht an einen männlichen Versorger gebunden sein wollen. Eine große Schwierigkeit besteht aber in dem vom Geldangebot ganz unabhängigen Problem der Zuwendung für die geborenen Kinder. Ihre existentielle Frage nach den Gründen, warum sie denn in der Welt sind, wie sie also der ihnen gegenüber jetzt schon vorherrschenden Gleichgültigkeit entkommen können, ist trotz aller staatlicher Bemühungen bisher ohne zureichende Ant wort geblieben.
(5)Die einzige uns bekannte ... Gesellschaft, die ebenfalls keine traditionelle Familienstruktur mehr aufweist, aber ihre Industrie und Landwirtschaft statt durch Lohnarbeit durch gleichberechtigte Genossen mit identischen Einkünften betreibt, ist der israelsiche Kibbutz. ....
Der Kapitalwert von Kindern im Kibbutz gleicht ... dem für die traditionellen Bauern (vgl. Graphik G1) .... Allerdings ... kann auch der Kibbutz nicht als allgemeine Problemlösung für die Menschenproduktion in einer technisch hochentwickelten Gesellschaft gelten.“ (Gunnar Heinsohn / Rolf Knieper / Otto Steiger, Menschenproduktion, 1979, S. 234-244). Heinsohn, Knieper und Steiger geben aber auch nicht wenig Anlaß zur Kritik bzw. Skepsis!

Kugel Notwendige demographische Vorüberlegungen zur Erforschung wirtschaftlicher Auswirkungen

b = Eltern(generation)-Unterstützung (in Geldeinheiten pro Kopf)
a
= Kinder(generation)-Unterstützung (in Geldeinheiten pro Kopf)
Die demographisch Entwicklung ist für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Politik so bedeutend, daß sie auch im übergeordneten Sinne, z.B. kulturell, also im Rahmen der gesamten Kulturgeschichte zu berücksichtigen ist. Hier auf dieser Seite betrachten wir lediglich einen der für die Wirtschaft besonders wichtigen prinzpiellen Bereiche bzw. Probleme. „Was ist das wichtigste prinzipielle Problem?  Auf diese Frage läßt sich eine klare Antwort geben. Um sie zu begründen, muß auf ein Ergebnis der theoretischen Demographie eingegangen werden, das sich mit den Mitteln der Schulmathematik ableiten läßt. Es läßt sich mathematisch beweisen, daß unter den unzähligen denkbaren demographischen Entwicklungsverläufen eine Variante mit besonderen Eigenschaften existiert, die für eine Beurteilung der Auswirkungen aus ökonomischer Sicht besonders wichtig ist. Bei dieser Variante ist die Summe aus den ökonomischen Belastungen der mittleren Generation durch die Unterstützung der noch nicht erwerbstätigen Kindergeneration und durch die Leistungen für die nicht mehr erwerbstätige, ältere Generation am geringsten. Der mathematische Beweis stützt sich auf ein Drei-Generationen-Modell, das für alle Gesellschaften relevant ist, unabhängig davon, wie sie politisch und rechtlich verfaßt sind. Die Voraussetzungen des Modells sind einfach: Die mittlere Generation leistet Unterstützungszahlungen an die Generation ihrer Kinder in Höhe von a Geldeinheiten pro Kopf der Kindergeneration sowie Unterstützungszahlungen in Höhe von b Geldeinheiten pro Kopf ihrer Elterngeneration. Umgekehrt empfängt die Generation während ihrer Jugendphase Unterstützungszahlungen von ihrer Elterngeneration und während ihrer Altersphase von ihrer Kindergeneration. Diese Drei-Generationen-Verflechtung, die sich als Drei-Generationen-Vertrag interpretieren läßt, soll für jede Generation gelten. Dann läßt sich folgendes Ergebnis ableiten: Der Quotient aus den von einer Generation geleisteten zu den von ihr empfangenen Unterstützungszahlungen, für den ich den Begriff «intergenerationaler Transferquotient» vorgeschlagen habe, ist dann am geringsten, wenn so viele Kinder geboren werden, daß die sogenannte Nettoreproduktionsrate gleich der Wurzel des Quotienten aus b und a ist. Dabei läßt sich der Begriff der Nettoreproduktionsrate in Gesellschaften mit niedriger Sterblichkeit, insbesondere in Deutschland, auf einfache Weise aus der Geburtenzahl pro Frau herleiten, er ist als Zahl der weiblichen Nachkommen pro Frau definiert, entspricht also etwa der Hälfte der Geburtenzahl pro Frau:
Für den Sonderfall, daß die Unterstützungszahlen pro Kopf der älteren und der jüngeren Generation gleich sind, hat die Nettoreproduktionsrate, die den Transferquotienten minimiert, den Wert 1, d.h die demographischen Belastungen sind in diesem Fall genau dann minimal, wenn pro Frau zwei Kinqer geboren werden. Da sich auch aus Befragungen immer wieder ergibt, daß in der Bevölkerung zwei Kinder als ideal gelten, stimmt das Ergebnis der mathematischen Analyse mit den subjektiven Vorstellungen über die ideale Kinderzahl überein. Diese Übereinstimmung hat eine große politische Bedeutung, denn sie führt zu der Frage, warum der demographische Zustand der modernen Wirtschaftsdemokratien so stark vom mathematischen Optimum und von den Idealvorstellungen der Gesellschaftsmitglieder abweicht, deren große Mehrheit eine Kinderzahl von zwei für ideal hält ?  Man sollte also erwarten, daß wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftliche Analysen über die Auswirkungen der demographischen Entwicklung nicht nur die faktische demographische Veränderung in der Vergangenheit bzw. die prognostizierte, wahrscheinliche Entwicklung in der Zukunft zum Gegenstand haben, sondern auch die Frage einbeziehen, wie weit und warum die faktische bzw. die prognostizierte Entwicklung und die oben definierte «optimale» Entwicklung voneinander abweichen, um über Maßnahmen nachzusinnen, mit denen sich die absehbare Entwicklung so weit wie möglich an die optimale annähern läßt. Daß diese Frage bisher fast vollständig aus den Auswirkungsanalysen ausgeklammert wurde, liegt an der verständlichen Scheu vor ihren weitreichenden politischen Folgen. Eine Bevölkerungspolitik, die eine Nettoreproduktionsrate von 1,0 anstrebt, wird von keiner im Deutschen Bundestag vertretenen Partei vorgeschlagen. .... Die Scheu vor dieser Thematik ist nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft verbreitet. Aber wenn die Frage nach der optimalen Entwicklung mit mehr oder weniger guten oder auch fragwürdigen Gründen aus der politischen Diskussion ausgeklammert wird, rechtfertigt das nicht, sie auch in den wissenschaftlichen Analysen zu vernachläsigen. Trotzdem wird gerade in der Wissenschaft der wachstumsdämpfende Effekt einer niedrigen Geburtenrate häufig mit dem Hinweis darauf verharmlost, daß schon eine jähriche Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts von z.B. 1,7% ausreichen würde, um das heutige Volkseinkommen bis zum Jahr 2040 real - also nach Abzug von Preissteigerungen - zu verdoppeln. Damit soll ausgedrückt werden, daß die Leistungsfähigkeit moderner Volkswirtschaften so groß ist, daß die demographisch bedingten Wachstumseinbußen nicht ins Gewicht fallen. Die Aussage, daß sich das Volkseinkommen schon bei einer mäßigen Wachstumsrate von 1,7% pro Jahr bis 2040 verdoppelt, ist zwar mathematisch richtig, aber sie bleibt unvollständig, wenn nicht mit betrachtet wird, welches Wachstum mit einer höheren Geburtenrate verbunden wäre. Hält man bei einer demographischen Entwicklung mit höherer Geburtenrate, wie sie z.B. in den USA mit rd. zwei Kindern pro Frau vorliegt, eine Wachstumsrate des Volkseinkommens von z.B. 2,5% für möglich und bei niedrigerer Geburtenrate nur eine mäßigere von z.B. 1,7%, so stehen die Niveaus der beiden Volkseinkommen nach 40 Jahren, also z.B. vom Jahr 2000 aus betrachtet im Jahr 2040, zueinander im Verhältnis von 270 zu 200, wobei das anfängliche Volkseinkommen gleich 100 gesetzt ist. Es ergibt sich also ein beträchtlicher Unterschied, der klar für eine positive demographische Entwicklung als Faktor des Wirtschaftswachstums spricht oder - vorsichtiger formuliert - zu sprechen scheint, denn die Rechnung läßt sich auch anders aufmachen und führt dann zu einem gänzlich anderen Resultat, was sich an Hand des gleichen Beispiels zeigen läßt. Das eindeutig scheinende Ergebnis des Sozialproduktvergleichs erweist sich als zweifelhaft, wenn man als Vergleichsmaßstab das Pro-Kopf-Einkommen statt des Volkseinkommens wählt. Die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens läßt sich mathematisch als Differenz aus den Wachstumsraten des Volkseinkommens und der Bevölkerungszahl berechnen (Berechnung). Wendet man diese Erkenntnis an, indem man in dem obigen Beispiel unterstellt, daß die Bevölkerung bei hoher Geburtenrate z.B. um 0,7% p.a. wächst und bei niedriger um 0,7% p.a. schrumpft, kehrt sich das Ergebnis um: Das Pro-Kopf-Einkommen nimmt dann im Fall der ungünstigen demographischen Entwicklung mit einer jährlichen Wachstumsrate von 2,4% zu (= 1,7 -(-0,7)) und im Fall der günstigen demographischen Entwicklung nur mit 1,8% (= 2,5-0,7). Die Bevölkerungsschrumpfung ist also für das Pro-Kopf-Einkommen günstiger als das Bevölkerungswachstum, d.h. das Ergebnis der vorstehenden Betrachtung verkehrt sich ins Gegenteil. Die beiden Beispiele zeigen, wie wichtig es für die Auswirkungsforschung ist, die prinzipielle Frage nach dem geeigneten Vergleichsmaßstab zu klären, bevor Empfehlungen für die Politik abgegeben werden. Diese naheliegende Einsicht wird jedoch allzu oft vernachlässigt. Dabei ist die Maximierung des Pro-Kopf-Einkommens nur aus kurzfristiger Sicht ein so plausibles Ziel, um über andere Ziele nicht weiter nachzudenken. Denn langfristig hat die Geburtenrate stets gegenläufig auf eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens reagiert: Wie oben bereits dargestellt, ist dieses Demo-ökonomische Paradoxon sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern zu beobachten, und es wird in der Zukunft ebenso wie in der Vergangenheit wirksam bleiben, weil die kausalen Ursachen des generativen Verhaltens weiterwirken, so daß mit permanenten Bevölkerungsschrumpfung zu rechnen ist, wenn man die Maximierung des Pro-Kopf-Einkommens als langfristiges Ziel verfolgt - eine in sich widersprüchliche Strategie, weil ein hohes Pro-Kopf-Einkommen ohne Köpfe sinnlos wäre.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 160-164).

„Je höher das Pro-Kopf-Einkommen in einem Land ist, desto größer ist unter sonst gleichen Umständen - diese Bedingung gilt unausgesprochen immer - das entgangene Lebenseinkommen, wenn eine Frau auf ein eigenen Einkommen durch Erwerbsarbeit verzichtet, um Kinder großzuziehen. Wir bezeichnen diese nur in der Vorstellung existierende entgangene Einkommen als ökonomische Opportunitätskosten, wobei der Begriff »Kosten« im Sinne von »unter anderen Bedingungen möglich erscheinendes Einkommen« verwendet wird, also nicht i.S. von realen Ausgaben verstanden werden darf. An diesem Punkt beziehen wir die neuere Entwicklung der bevölkerungswissenschaftlichen Theorie mit ein, die den bisher ausschließlich im ökonomischen Sinn gebrauchten Begriff der Opportunitätskosten durch die biographischen Opportunitätskosten erweitert: ... die nur in der Vorstellung der Individuen existierenden, theoretisch möglichen Lebenswege und Lebensinhalte ..., die im Spektrum der biographischen Möglichkeiten nicht mehr enthalten sind, wenn bestimmte Lebenslaufalternativen durch langfristige Festlegungen in Form von Partnerbindungen oder Kindern aus dem biographischen Universum des einzelnen ausscheiden. Die ausgeschiedenen Alternativen bilden die biographischen Opportunitätskosten.“ (Herwig Birg, Die Weltbevölkerung - Dynamik und Gefahren, 1996, S. 75-76). Die Opportunitätskosten und deren Rückkoppelung auf das Pro-Kopf-Einkommen dürfen nicht unterschätzt werden, schon gar nicht darf ihr Wechselzusammenhang nicht ausgeklammert werden (Abbildung), doch gerade das tun z.B. die Poltitiker wegen ihrer Arbeitsteilung und Aufsplitterung (angeblich: „Spezialisierung“) zwischen den „Ressorts“ und z.B. die Wissenschaftler wegen ihrer mangelnden „Kommunikation“ zwischen den „Disziplinen“. Sie wissen es einfach nicht!

„Die biographische Fertilitätstheorie besagt, daß die Vielheit biographischer Entwicklungsmöglichkeiten im langfristigen Trend zunimmt und damit die biographischen Opportunitätskosten und Festlegungsrisiken steigen. Das hat zur Folge, daß langfristige Festlegungen aufgeschoben oder ganz vermieden werden. Die durchschnittliche Geburtenzahl pro Frau sinkt, weil der Anteil lebenslang kinderlos Frauen zunimmt und die Häufigkeit der Familien mit drei oder mehr Kindern abnimmt. Dabei ist wichtig, daß die biographischen Opportunitätskosten gerade in der Anfangsphase der beruflichen Entwicklung, also in dem für die Familiengründung wichtigen Altersbereich von 20 bis 30 Jahren, größer sind als in höherem Alter und von Jahrgang zu Jahrgang weiter zunehmen, so daß sich der Konflikt zwischen der beruflichen und der familialen Entwicklung der Frauen von Jahrgang zu Jahrgang verschärft. .... Der Wandel des generativen Verhaltens ist das ungeplante, ungewollte und unvermeidliche Ergebnis des sozio-ökonomischen Entwicklungsprozesses. Je weiter ein Land in seiner Entwicklung fortgeschritten ist, desto stärker wirken sich die ... kollektiv finanzierten wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen wie die Alters- und Krankenversicherung und die Arbeitslosenversicherung (neuerdings auch die Pflegeversicherung) als zusätzlicher Faktor zu den biographisch-inndividuellen Faktoren aus. Im Ergebnis weicht dann die Geburtenrate um so mehr von dem für die Bestandserhaltung der Bevölkerung erforderlichen Niveau ab, je größer der individuelle Wohlstand und die kollektive Wohlfahrt sind.“ (Herwig Birg, Die Weltbevölkerung - Dynamik und Gefahren, 1996, S. 76-77). Merke also, daß der in Medien und Politik überbewertete „Wertewandel“ nicht die „kausale Ursache“ für den demographischen Wandel ist, sondern umgekehrt: der Wertewandel wird verursacht vom demographischen Wandel, und zwar in Abhängikeit vom Kulturwandel. Mehr

Umbau der Gesellschaft (?!). „In den Industrieländern, auf die es demographisch gesehen in Zukunft immer weniger ankommt, ist eine demographische Stabilitätspolitik noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Die Förderung der Familienbildung mit fiskalischen und anderen staatlichen Instrumenten müßte entscheidend verbessert werden, aber Erfahrungen ... zeigen, daß die Wirksamkeit der Instrumente der Familienpolitik allein nicht ausreicht, um die Geburtenrate auf rd. 2 Kinder je Frau zu erhöhen. Was nötig wäre, ist ein vollständiger Umbau der gesammten Gesellschaft. Wie aber soll diese gigantische Aufgabe je durchgeführt werden, so lange es üblich ist, Geburtendefizite einfach durch Wanderungen zu kompensieren oder sogar überzukompensieren?“  (Herwig Birg, Die Weltbevölkerung - Dynamik und Gefahren, 1996, S. 80). Birg hält es - wie übrigens alle anderen Demographen - für völlig absurd, die sich aus der Bevölkerungsschrumpfung ergebenden Probleme durch Einwanderung mildern zu wollen. Durch die Einwanderung werden diese Probleme nur noch viel größer. MehrMehrMehrMehr

„Auch die Einwanderung Jüngerer in einer integrierbaren Größenordnung reicht als Ersatzmaßname nicht aus, zumal die Eingewanderten meist keine ausreichenden Schulabschlüsse haben und häufig erwerbslos sind.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 183). Die Einwanderung bringt nur Nachteile, besonders auch z.B. für den Standort, denn die Einwanderung benachteiligt die Qualität, die Bildung. Und weil Qualität primär durch Bildung bestimmt wird, die es zu fördern oder zumindest zu halten gilt, die aber die Einwanderer nicht haben und die durch die - trotzdem (!) - erfolgende Einwanderung zusätzlich belastet wird, sinkt auch noch das (einst sehr hohe) Bildungsniveau der Einheimischen, denn sie müssen wegen ihrer Pflicht zur Solidarität Rücksicht auf das (sehr niedrige) Bildungsniveau der Einwanderer nehmen und schon allein deshalb bereit sein, ihnen auch hier zu „begegnen“ - dieses Wort für Christen, Marxisten und andere Internationalsozialisten (Internazis) mit ihrer Multi-Kulti-Propaganda -, d.h. freiwillig (Zyniker sagen: „aus Liebe“) zu verdummen, zu verblöden. Es gibt nur sehr, sehr wenige qualifizierte Einwanderer, und diese sehr, sehr wenigen qualifizierten Einwanderer gehen jedoch zumeist in die angelächsischen Länder, denn in allen Industrieländern (es gibt wirklich keine einzige Ausnahme!) herrscht der Bevölkerungsrückgang. Alle wollen Qualifizierte, Gebidete (Ausgebildete, nicht Eingebildete), und die sind eben sehr knapp. MehrMehr

Mag sein, „daß sich die Menge wissenschaftlicher Kenntnisse in der Informationsgesellschaft etwa alle 4 bis 5 Jahre verdoppelt, also bei Fortsetzung der heutigen Wachstumsraten der Wissenszunahme bis zum Jahr 2040 um den Faktor 256 (!) zunimmt, so daß es auf die Zahl der Arbeitskräfte kaum noch ankommt. Was nützt aber das Wissen, wenn es nicht in die Köpfe der Arbeitskräfte gelangt?  In Deutschland verläßt ein Fünftel bis ein Viertel der Zugewanderten und ihrer Nachkommen das Ausbildungssystem ohne jeden Abschluß!“  (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 167). Und dies betrifft auch nur diejenigen Ausländer, die eine Ausbildung machen, denn die weitaus meisten Ausländer beginnen ja noch nicht einmal mit einer Ausbildung! ZuwanderungZuwanderung

„Obwohl die Ledigen und die Ehepaare ohne Kinder über ein Vielfaches an Einkommen gegenüber den Familien mit Kindern verfügen (vgl. Tabelle), hat der zunehmende Anteil der Kinderlosen zu einer Verringerung statt zu einer Erhöhung der volkswirtschaftlichen Sparquote geführt. (Extrem kriminelle Kinderfeindlichkeit! HB*). Die durch den Geburtenrückgang verringerten Ausgaben für Kinder wurden nicht für Ersparnisse, sondern für den Konsum verwendet. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge hat diesen Effekt bei der Berechnung der gesamtwirtschaftlichen Sparquote berücksichtigt und festgestellt, daß die Sparquote seit Beginn der 1970er Jahre parallel zum Geburtenrückgang stark abnahm. »Nach Abzug (der für Kinder eingesparten Kosten; Einschub: Herwig Birg) ergibt sich für das Jahr 1998 eine ... Gesamtsparquote von nur noch 6%, während die reine Finanzsparquote einen Wert von 10% angibt ... Dieser Rückgang der gesamten Sparquote blieb über ... 30 Jahre hinweg ohne Konsequenzen, weil die positiven Rahmenbedingungen der Umlagerente den direkten Zusammenhang zwischen Kindern und individueller Altersvorsorge vernebelten und eine ständige Verscheibung der intergenerationalen Lastenverteilung erlaubten. Dies wird für eine breite Öffentlichkeit erst jetzt mit einer erheblichen zeitlichen Verzögerung spürbar.« (Deutsches Institut für Altersvorsorge [Hrsg.], Vermögensbildung unter neuen Rahmenbedingungen, 2000, S. 27). - Dem ist nichts hinzuzufügen. Man darf gespannt sein, wie lange es noch dauert, bis die Politik eingesteht, daß die von ihr genährten Illusionen haltlos sind und zugibt, daß sie der Bevölkerung etwas vorgemacht hat. Für Menschen gibt es keinen Ersatz.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 178-181). Mehr

Vorausberechnung des Jugend- und Altenquotienten von 1998 bis 2100
 Jugendquotient
(Unter-20-Jährige auf 100 20-bis-60-Jährige)
Altenquotient
(Über-60-Jährige auf 100 20-bis-60-Jährige)
Gesamtquotient*
(Unterstützungsquotient)
19980,380 <=> 38,0%0,386 <=> 38,6%0,766 <=> 76,6%
20000,381 <=> 38,1%0,428 <=> 42,8%0,809 <=> 80,9%
20100,332 <=> 33,2%0,483 <=> 48,3%0,815 <=> 81,5%
20200,313 <=> 31,3%0,599 <=> 59,9%0,912 <=> 91,2%
20300,331 <=> 33,1%0,813 <=> 81,3% 1,114 <=> 114,4%
20400,321 <=> 32,1%0,859 <=> 85,9%1,180 <=> 118,0%
20500,319 <=> 31,9%0,914 <=> 91,4%1,233 <=> 123,3%
20600,327 <=> 32,7%0,926 <=> 92,6%1,253 <=> 125,3%
20700,331 <=> 33,1%0,930 <=> 93,0%1,261 <=> 126,1%
20800,332 <=> 33,2%0,922 <=> 92,2%1,254 <=> 125,4%
20900,340 <=> 34,0%0,909 <=> 90,9%1,249 <=> 124,9%
21000,345 <=> 34,5%0,887 <=> 88,7%1,232 <=> 123,2%
* Unterstützungsquotient = Summe aus Jugendquotient und Altenquotient = Die-unter-20-und-über-60-Jährigen auf 100 20-bis-60-Jährige.
Frei verfügbares Einkommen von Haushalten mit und ohne Kinder
Einkommen / AbzügeLedig ohne KinderEhepaar ohne KinderEhepaar mit 1 KindEhepar mit 2 KindernEhepaar mit 3 Kindern
Brutto6000060000600006000060000
Lohnsteuer12255  5840  5840  5840  5840
Solidaritätszuschlag*    674     321      49        0        0
Kirchensteuer  1103    525    352    184      25
Sozialversicherung AN*1258012580125801258012580
Kindergeld        0        0  3000  6000  9600
Netto3338840734441794739651155
Offizielles Existenzminimum*
für Erwachsene (je 13067 DM)
1306726135261352613526135
Offizielles Existenzminimum*
für Kinder (je 6912 DM)
        0        0  69121382420736
Gesamt1306726135261352613526135
Frei verfügbares Einkommen20321
für 1 Person !
14599
für 2 Personen!
11132
für 3 Personen!
  7437
für 4 Personen !
  4284
für 5 Personen!
Quelle: Jürgen Borchert, Arme Kinderreiche! Nur eine Reform des Steuer- und Beitragssystems kann die Familienarmut beseitigen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 243, 19. Oktober 1999, S. 9.

„Die Konsequenz ist, daß die auf dem Umlageverfahren beruhende Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) reformiert werden muß. Um sowohl eine übermäßige Erhöhung des Beitragsatzes als auch eine untragbare Verringerung des Rentenniveaus zu vermeiden, sollte eine zusätzliche, auf Eigenvorsorge durch private Ersparnis beruhende Altersvorsorge eingeführt werden, die von der demographischen Alterung wesentlich unabhängier ist als das Umlageverfahren der Gesetzlichen Rentenversicherung.“ (Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, 2001, S. 183). Die deutsche Rentenversicherung wurde ja von Bismarck für eine damals junge Alterstruktur konzipiert. Der danach erst begonnene Rückgang der Geburtenrate in Deutschland wird, so Herwig Birg, im 21. Jahrhundert das Verhältnis der älteren Bevölkerung zur Zahl der Erwerbsbevölkerung etwa um den Faktor 2,4 erhöhen. (Vgl. ebd., S. 183). Wenn Bismarck heute noch leben würde, hätte er dieses Problem längst gelöst. Dann hätten wir längst, nämlich seit 1970/'71, die für eine alte Alterstruktur konzpierte deutsche Rentenversicherung.

Kugel Es geht auch oder vor allem „um die Erhaltung des Gesamtvolumens des Humankapitals (HumankapitalHumankapitalHumankapitalHumankapital). Wir müssen uns das jetzt wie eine Humankapitalrechnung vorstellen, das ist genauso wie beim Sachkapital. Wenn ich hier gleich eine Anmerkung machen darf: Schätzungen zeigen, daß das Humankapital für die Zukunft der Wirtschaft genauso wichtig ist wie das Sachkapital. Beides ist in der Bundesrepublik etwa gleich groß. Aber vom Humankapital spricht eben keiner. Wenn dieses Humankapital schrumpft, und es schrumpft insofern, als zunehmend weniger Kinder geboren werden, als das für die Ersetzung der erwerbstätigen Bevölkerung notwenig wäre, dann ist das wie eine Desinvestition zu behandeln. .... Ich glaube, wir müssen erst irgendeine Katastrophe erleben, bevor sich in Deutschland etwas bewegt. .... Wir müssen uns nämlich klar machen, daß es eigentlich nur zwei Formen gibt, für die Zukunft vorzusorgen: entweder man zieht Kinder groß oder man investiert wirtschaftlich. In beiderlei Hinsicht hat Deutschland in den letzten 35 Jahren weniger getan als die meisten anderen Länder. Man kann z.B. die Schätzung aufstellen, daß die Geburtenausfälle, die wir zwischen 1972 und 2000 hatten, ein Humanvermögen (HumanvermögenHumanvermögen) von ungefähr 2,5 Billionen Euro ausmachen, die nicht investiert worden sind. (Geburtenlücke = Investitionslücke). Man muß dabei sehen, daß das gesamte Sachvermögen in der Bundesrepublik irgendwo in der Gegend von 10 Billionen Euro liegen dürfte.“ (Franz-Xaver Kaufmann im Gespräch mit Eberhard Büssem, Alpha Forum, 11.04.2006).

„Der von den Familien mit der quantitativen und qualitativen Nachwuchssicherung erbrachte elementare Beitrag zur Humanvermögensbildung in unserer Gesellschaft ist schon im Fünften Familienbericht der Bundesregierung ... unter dem Titel »Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens« (1993) sehr eindrucksvoll herausgearbeitet worden, wird freilich nur allzu oft immer noch verkannt. Vor nicht allzu langer Zeit ist dieser Beitrag der Familien von der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für internationalen Dialog vorgelegten Studie (Wieviel Bildung brauchen wir?  Humankapital in Deutschland und seine Erträge. Ein Forum der Deutschen Bank. April 2000) nochmals nachdrücklich in das richtige Licht gerückt worden.
HumankapitalSachkapital
12 400 000 000 000 €7 500 000 000 000 €
Nach den Ergebnissen dieser Studie hat das in Deutschland im Jahre 2000 ansässige Humankapital mit 12,4 Bill. Euro einen deutlich höheren Wert als das installierte Sachkapital (7,5 Bill. Euro); was aber nun besonders hervorhebenswert erscheint, ist die Tatsache, daß der größte Anteil disese Humankapitals in der Volkswirtschaft mit 42% auf das Konto der Elternerziehung geht. Sie steht am Anfang und dient bis zum Lebensende als Grundstock.“  (Max Wingen, Die Geburtenkrise ist überwindbar - Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004, S. 22).

Kugel Korrelation von Intelligenz, Wohlstand, Fruchtbarkeit

Wissenschaftler behaupten eine Korrelation zwischen dem durchschnittlichen Intelligenzquotient (IQ) einer Bevölkerung (z.B. eines Landes), ihrem Wohlstand (BSP als Indikator für Wirtschaftswachstum) und ihrer zusammengefaßten Fertilitätsrate (TFR). Sie errechnteten z.B. auf Basis von Daten aus 81 Ländern „eine Korrelation von 0,82 zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen des Landes und dem durchschnittlichen IQ der Bevölkerung und eine Korrelation von 0,64 zwischen dem Wirtschaftswachstum und dem IQ. Sie äußern die Vermutung, der durchschnittliche IQ der Bevölkerung beruhe sowohl auf genetischen als auch Umweltfaktoren. So könne einerseits ein niedriger durchschnittlicher IQ ein niedriges Bruttoszialprodukt bewirken, als auch umegkehrt ein niedriges Bruttoszialprodukt einen niedrigen durchschnittlichen IQ. ....
Das demographisch-ökonomische Paradoxon behauptet einen weltweiten negativen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines Landes (seines Pro-Kopf-Einkommens) und der Fertilitätsrate.
Gleichfalls ist in vielen Ländern ein negativer Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Kinderzahl zu beobachten. Das Bildungsniveau einer Person dürfte eng mit ihrem IQ korrelieren.
Aufgrund dieser beiden Relationen läßt sich ein Zusammenhang zwischen dem durchschnittliche IQ der Bevölkerung und dem Pro-Kopf-Einkommen des Landes vermuten. Die folgende Tabelle zeigt ausgewählte Länder mit ihren durchschnittlichen IQs und Fertilitätsraten. Offenkundig besteht auch ein negativer Zusammenhang zwischen IQ und Fertilitätsrate, was ebenfalls nicht überraschend ist.“ (Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum!Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft restlos ruinieren wird, 2007, S. 64-65). Jedenfalls sollten die „vorgetragenen Ergebnisse ernst genommen werden, denn sie legen nahe, daß eine dauerhaft ausgeführte negative Selektion zu einem Abfall des durchschnittlichen IQs der Bevölkerung führen kann und damit natürlich auch zu erheblichen Wohlstandsverlusten. Es ist nicht auszuschließen, daß dabei langfristig ein Gleichgewichtszustand auf niedrigerem Niveau erreicht wird. Denn mit dem Absinken des IQs und den Qualifikationen der Bevölkerung dürfte deren Fertilitätsrate gemäß demographisch-ökonomischem Paradoxon sukzessive wieder ansteigen.“ (Ebd., S. 65).

Korrelation von Intelligenz und Fertilität (am Beispiel ausgewählter Länder; Stand: 2007)
Stand: 2007Intelligenz-
Quotient
(IQ)
Zusammengefaßte
Fruchtbarkeitsrate
(TFR)
Südkorea1061,27
Japan1051,40
Deutschland103 (108)1,39
Italien1021,28
Niederlande1021,66
Schweden1011,66
China1001,73
Großbritannien1001,66
Spanien  991,28
Australien  981,76
Frankreich  981,84
USA  982,09
Argentinien  962,16
Rußland  961,28
Israel  942,41
Irland  931,86
Stand: 2007Intelligenz-
Quotient
(IQ)
Zusammengefaßte
Fruchtbarkeitsrate
(TFR)
Thailand  911,64
Türkei  901,92
Indonesien  892,40
Brasilien  871,91
Irak  874,18
Mexiko  872,42
Philippinen  863,11
Afghanistan  836,69
Ägypten  832,83
Bangladesh  813,11
Indien  812,73
Pakistan  814,00
Sudan  724,72
Ghana  713,99
Nigeria  675,49
DR Kongo   656,54
Quelle:  Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum! Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft restlos ruinieren wird, 2007, S. 66
Intelligenz ist größtenteils genetisch bedingt - so viel ist klar. Früher nahm man an, der Anteil der vererbten Intelligenz läge bei 90-94%. Doch seit Ende des 20. Jahrhunderts ist auch gerade diesbezüglich immer mehr Bescheidenheit in Wissenschaft unf Forschung eingekehrt - nicht zuletzt deshalb, weil die linke Politik ihr immer mehr diktiert. Aber dennoch verteidigt z.B. „James J. Lee von der Harvard Universität die Position, daß die Intelligenz mittelschichtig erzogener weißer Kinder zu 75 Prozent vererbt ist (**). Diesen Befund präsentiert 1997 als Altmeister der Zwillingsforschung Thomas J. Bouchard ... (**). .... Überdies zeigt die größte Untersuchung an eineiigen (74) und zweieiigen (52) Zwillingspaaren, die ähnliche wie auch extrem unterschiedlich pädagogische Umwelten einschließt, daß die Betroffenen in g (generelle Intelligenz) zu 77 Prozent übereinstimmen, obwohl die zweieiigen Paare von vornherein unterschiedliche biologische Ausstattungen mitbringen (**).“ (Gunnar Heinsohn, Gabriel und die Gene, 13.09.2010 **).

Kugel ZUWANDERUNG IST ZU TEUER!
„Wie die vom Ifo-Institut und vom Max-Plack-Institut für ausländisches und internationales Sozialrecht im Auftrag des Bundesarbeitsministers durchgeführten Forschungsarbeiten zeigen, übersteigen die vom Staat für die Zugewanderten erbrachten fiskalischen Leistungen im Rahmen der Sozialversicherung (Gesetzliche Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung) sowie die steuerfinanzierten Transfers und die Zahlungen der Gebietskörperschaften für die Bereitstellung der öffentlichen Güter (Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Verkehrsinfrastruktur, Verwaltung etc.), die vom Staat von den Zugewanderten empfangenen Leistungen pro Kopf und Jahr um mehrere Tausend DM. (Vgl. Tabelle). Dieser Befund widerspricht den landläufigen Vorstellungen (also: der Propaganda und ihrer Wirkung; HB), daß Deutschland fiskalisch von der Zuwanderung profitiere. Nach dieser Untersuchung (und mit Sicherheit nicht nur nach ihr; HB) war und ist die Zuwanderung nach Deutschland seit langem eine »Zuwanderung in die Sozialsysteme«, die eine »Umverteilung von den Deutschen zu den Zugewanderten« bewirkt, wie es in dem Forschungsbericht heißt.“  (Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa, in: Christian Leipert, Demographie und Wohlstand, 2003, S. 51). Man darf einfach nicht übersehen, „daß die Einwanderer ... dem Staat ... zur Last fallen. Einwanderer profitieren von der Umverteilung zugunsten ärmerer Beitragszahler in der Krankenversicherung und von staatlichen Leristungen wie der Sozialhilfe, dem Arbeitslosengeld und der Arbeitslosenhilfe, die sie überdurchschnittlich in Anspruch zu nehmen pflegen. Außerdem steht ihnen, und das ist ein ganz erheblicher Effekt, die breite Palette unentgeltlich angebotener, aber kostenträchtiger staatlicher Leistungen zur Verfügung, die von der Benutzung von Straßen, Brücken, Parks und anderen Elementen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zum Schutz des Rechtsstaates durch seine Richter und Polizisten u.v.m. reichen. Dafür zahlen sie zwar Steuern, doch reichen diese nicht aus, die verursachten fiskalischen Kosten zu tragen. Zuwanderer haben ein unterdurchschnittliches Einkommen und gehören deshalb zu denjenigen Bevölkerungsgruppen, die im Sozialstaat deutscher Prägung mehr Ressourcen vom Staat erhalten, als sie an ihn in Form von Steuern und Beiträgen abgeben müssen. Nach Berechnungen, die das Ifo-Institut im Jahre 2001 auf der Basis des sozioökonomischen Panels für die bisher nach Deutschland Zugewanderten angestellt hat, lag die fiskalische Nettolast, die Zuwanderer für den Staat verursachen, pro Kopf und Jahr im Durchschnitt der ersten zehn Jahre bei 2300 Euro. Dabei sind auch die Vorteile für die Rentenversicherung barwertmäßig bereits berücksichtigt worden. So gesehen verändert sich das Bild, das ein alleiniger Blick auf die Rentenversicherung liefert, erheblich. .... Die Zuwanderung ist ... kein Beitrag zur Lösung, sondern ein Beitrag zur Vergrößerung der Probleme .... Daß die Zuwanderung keine Lösung des Rentenproblems bietet, wird auch klar, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Menschen zuwandern müßten. .... Das sind astronomisch hohe Zahlen, die so natürlich niemals realisiert werden und auch keinesfalls als Empfehlungen interpretierbar sind. Gerade die Größe der Zahlen zeigt in aller Deutlichkeit, wie gering der Beitrag zur Lösung der demographischen Problems Deutschlands ist, den man von der Zuwanderung erwarten kann. Das Thema wird in der öffentlichen Diskussion total überschätzt, und es wird mißbraucht, um heute schon aus ganz anderen Gründen billige Arbeitskräfte ins Land zu holen. Dabei braucht der Arbeitsmark selbst ... keine Einwanderungen ..., leidet Deutschland unter einer Massenarbeitslosigkeit, also einem Mangel an Stellen, und nicht einem Mangel an Menschen.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Christian Leipert, Demographie und Wohlstand, 2003, S. 79-82).

Stand: 1990-1999
Bildungsrückstand der Nicht-EU-Bürger
Bilanz pro Zuwanderer (1997)
Direkte fiskalische Auswirkungen der Zuwanderung pro Zuwanderer
EinnahmenAusgaben
GKV1817,- DMGKV2970,- DM
GRV4053,- DMGRV1362,- DM
SPV252,- DMSPV67,- DM
Arbeitslosenversicherung701,- DMArbeitslosenversicherung452,- DM
Steuern6044,- DMSteuerfinanzierte
Transfers und Leistungen
12646,- DM
Einnahmen insgesamt12867,- DMAusgaben insgesamt 17498,- DM
Gesamtbilanz pro Zuwanderer (1997)
  Ausgaben 4631,- DM
Quelle: SOEP; Ifo-Institut; Hans-Werner Sinn, EU-Erweiterung und Arbeitskräftemigration, 2001.

„Die Qualifikationsdefizite sind der entscheidende Grund dafür, daß die Arbeitslosenquote und die Quote der Sozilhilfeempfänger bei den Zugewanderten aus Nicht-EU-Ländern um den Faktor 5 und mehr höher sind als bei den Einheimischen, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in nahezu allen 15er-EU-Ländern (EU der 15). Die Qualifikationsdefizite sind dabei um so größer, je höher der Anteil der Zugewanderten an der Bevölkerung ist. Aufgrund dieser Fakten ist auch in Zukunft nicht damit zu rechnen, daß die Qualifikationsunterschiede im erhofften Umfang abgebaut werden können. Durch die Strategie einer kompensatorischen Zuwanderungspolitik würde das für die Produktivität und das Pro-Kopf-Einkommen wichtige, im Humankapital der jüngeren Erwerbspersonen enthaltene Bildungs- und Ausbildungskapital beeinträchtigt .... Bei ... Zuwanderungen verringert sich das Qualifikationsniveau der Bevölkerung, und es kommt zu Einbußen beim Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens, während gleichzeitig die Integrationskosten steigen.“ (Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa, in: Christian Leipert, Demographie und Wohlstand, 2003, S. 51-54).

Nicht vergessen:
Es kommt auf das Pro-Kopf-Einkommen an. Das Pro-Kopf-Einkommen sinkt z.B. durch Zuwanderungen. Es handelt sich also um Propaganda, wenn in der öffentlichen Debatte über die Zuwanderungen der positive Effekt der Zuwanderungen auf die Höhe des Bruttosozialprodukts erwähnt wird, denn bei dieser Lüge wird absichtlich verschwiegen, daß nicht das Bruttosozialprodukt, sondern das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt bzw. (weil Einkommensseite) Pro-Kopf-Einkommen das Maß für den Wohlstand bzw. Lebensstandard ist.
Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts Wachstumsrate der Bevölkerung =Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens
2,4 %0,8 %
=1,6 %
2,4 %– 0,8 %  =3,2 %

Die Abbildung zeigt u.a. den rückläufigen Trend des Wirtschaftswachstums, der deutlich mit der Beschäftigung korreliert.

Quelle:
Institut der
Deutschen Wirtschaft,
30. Jg., Nr. 18,
20.04.2004.

Wenn man Bruttoinlandsprodukt durch die Bevölkerungszahl teilt, erhält man das Pro-Kopf-Einkommen. Und die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens ergibt sich aus der Differenz zwischen der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts und der Wachstumsrate der Bevölkerung. Hier noch einmal als Formel:

Formel            Formel

Steigert der Bevölkerungsrückgang das Pro-Kopf-Einkommen?  Kurzfristig ja, langfristig nein! Es ist zwar im Rahmen empirischer Untersuchungen sehr schwierig, die Wirksamkeit des demographischen Faktors zu isolieren, doch wird behauptet, daß in kurzfristiger Perspektive (z.B. 2 Generationen) die ökonomischen Vorteile eines Geburtenrückgangs überwiegen, während in langfristiger Perspektive (z.B. eines „säkularen Trends“) die negativen Folgen einer Bevölkerungsstagnation oder Bevölkerungsschrämpfung dominieren. (Vgl. z.B. Bernhard Felderer und Michael Sauga, Bevölkerung und Wirtschaftsentwicklung, 1988, S. 210ff.). „Der erste Teil dieser These wurde durch die Empirie bestätigt: bekanntlich hat die Bundesrepublik seit dem Beginn des Geburtenrückgangs um 1965 bis zur Wiedervereinigung (1990) eine historisch einmalige Wohlstandssteigerung erlebt: Das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung hat erheblich zugenommen, während die volkswirtschaftlichen Wachstumsraten im Vergleich zur Nachkriegszeit zurückgingen. Vom Wirtschaftswachstum profitiert haben breite Bevölkerungskreise, und ein erheblicher Teil des Wachstums floß in öffentliche Investitionen, vor allem in den 1970er Jahren. Die außerhäusliche Erwerbsbeteiligung der Frauen nahm stark zu und ermöglichte den Frauen eine bis dahin nie dagewesene Unabhängigkeit, die sich familiensoziologisch in zunehmenden Scheidungsraten und sinkender Heiratsneigung manifestierte. Die starke Zunahme der Kinderlosigkeit, welche für Männer nicht weniger zutrifft als für Frauen, ist ebenfalls Ausdruck der gestiegenen Unabhängigkeit. Mit Felderer und Sauga steht zu befürchten, daß in den kommenden Jahrzehnten dagegen die Nachteile des andauernden Geburtenrückgangs dominieren werden.“  (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 68-69).

Kugel Relevanz von Humankapital bzw. Humanvermögen für die Produktivitätsentwicklung

„Friedrich List (1789-1846) hatte in seiner Auseinandersetzung mit Adam Smith (1723-1790) darauf hingewiesen, daß dieser zwar die Ursachen des Volkswohlstandes zu Recht in der Produktivität der Arbeit sehe, daß er aber die Produktivität der Arbeit selbst nicht zu erklären vermöge. »Die Kraft, Reichtümer zu schaffen, ist ... unendlich wichtiger als der Reichtum selbst.« (Friedrich List, Das nationale System der politischen Ökonomie, 1841, S. 173). Arbeitsproduktivität ist für List keine natürliche Gegebenheit, sondern das Zentralproblem der Entwicklung eines Landes, und er nennt in seiner »Theorie der produktiven Kräfte« hierfür im wesentlichen vier Faktoren, nämlich (1) natürliche Gegebenheiten wie Klima oder Bodenschätze, (2) institutionelle Bedingungen im Sinne der kulturellen, rechtlichen und organisatorischen Bedingungen eines Landes, (3) die Summe aller individuellen Kräfte, welche in Form von Erziehung, Bildung und Erfahrung der Bevölkerung als »Nationalproduktivkraft« ihren Begriff finden, und schließlich (4) die »Agrikulturkraft« und »Manufakturkraft«, worunter er den Entwicklungsstand von Landwirtschaft und Industrie verstand, also moderner gesprochen: den erreichten Stand an Technologie und Wissen. Anscheinend ohne Kenntnis des Werkes von List wurden die zwei letzten Sachverhalte in der neueren Humankapitaltheorie (für den Faktor 3) und in der aktuellen soziologischen Theorie der Wissensgesellschaft (für den Faktor 4) erneut entdeckt. Schon für List gehörte es zu den Einseitigkeiten der ökonomischen Theorie, daß sie sich ausschließlich mit marktvermittelten Prozessen der Produktion auseinandersetzt und den gesamten Bereich der Haushaltsproduktion aus dem ökonomischen Geschehen ausklammert: »Ein Vater, der seine Ersparnisse opfert, um seinen Kindern eine ausgezeichnete Erziehung zu geben, opfert Werte; aber er vermehrt beträchtlich die produktiven Kräfte der nächsten Generation. Dagegen ein Vater, der seine Ersparnisse auf Zinsen legt unter Vernachlässigung der Erziehung seiner Kinder, vermehrt um ebensoviel seine Tauschwerte, aber auf Kosten der produktiven Kräfte der Nation.« (Friedrich List, Das natürliche System der politischen Ökonomie, 1837, S. 193) Hier wird das Dilemma zwischen individueller und volkswirtschaftlicher Rationalität bereits klar angesprochen, das heute den Kern des Problems der Nachwuchssicherung ausmacht.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 73).

„Im vorliegenden Zusammenhang interessiert vor allem die »Humankapitaltheorie«, welche Theodore W. Schultz 1979 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften eingebracht hat (wenigstens erwähnt sei ein längst vergessener Vorläufer der Humankapitaltheorie: Rudolf Goldscheid [1870-1931]; vgl. insbesondere Rudolf Goldscheid, Entwicklungswerttheorie, Entwicklungsökonomie, Menschenökonomie - Eine Programmschrift, 1908). Das zusammenfassende Werk von Schultz trägt den sprechenden Titel: »In Menschen investieren. Die Ökonomik der Bevölkerungsqualität«. Versteht man unter Humankapital mit Friedrich List die Gesamtheit der in einer Volkswirtschaft eingesetzten Kompetenzen der Arbeitskräfte, so folgt daraus, daß Humankapital »von endlicher Lebensdauer und an Menschen gebunden« ist, so daß die Zahl der Erwerbstätigen als erster Bestimmungsfaktor für die Größe des Humankapitals einer Volkswirtschaft gelten kann. Die zweite Bestimmungsgröße betrifft die Qualifikation, Gesundheit und Motivation der Arbeitskräfte, wie sie durch familiale und außerfamiliale Sozialisation, durch Schul-, Berufs- und Weiterbildung, durch Berufserfahrung sowie die zahlreichen Maßnamhen des betrieblichen, privaten und öffentlichen Gesundheitswesen beeinflußt werden.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 73-74).

„Die Rede vom »Humankapital«, das durch »Investitionen« in die Quantität und Qualität der Bevölkerung, insbesondere des Bevölkerungsnachwuchses, entsteht, ist ein kognitiver Durchbruch im Rahmen der Wirtschaftswissenschaften, um sowohl den technischen Fortschritt zu entmystifizieren als auch der Bevölkerungsentwicklung den ihr zukommenden Platz in der Theorie zu ermöglichen. Ein entscheidender Grund, weshalb die bisher vorherrschenden wirtschaftspolitischen Auffassungen die Rolle der Familie für die Volkswirtschaft unterschätzen, ist in der Auffassung zu suchen, daß die Aufwendungen für Kinder eine Frage des privaten Konsums seien. Wenn man ... vorschlägt, die Aufwendungen der Eltern für ihrer Kinder wie auch die staatlichen Familienbeihilfen und die Aufwendungen für die Bildungspolitik nicht mehr als Konsumausgaben, sondern als Investitionen, als Bildung von Humankapital begreift, wird die enorme Investitionslücke sichtbar, die sich die Bundesrepublik durch ihre niedrige Fertilität in den letzten ... Jahrzehnten geleistet hat. .... Das Wachstum des Humankapitals ist ... gerade in fortgeschritten modernisierten Gesellschaften der Schlüsselfaktor auch für weiteren technischen Fortschritt. .... Der Zusammenhang zur Bevölkerungsentwicklung ist ... durch die Humankapitalbildung vermittelt.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 74-75).

Statt Humankapital solle man Humanvermögen sagen, so Kaufmann, „um auf die Leistungen der Familien und des Bildungswesens aufmerksam zu machen. Damit sind gegenüber dem Kapitalbegriff drei Umakzentuierungen verbunden. Erstens: In der Sprache wirtschaftlicher Bilanzen fällt »Vermögen« in den Bereich der Aktiva, »Kapital« dagegen in den Bereich der Passiva, also der Verbindlichkeiten eines Unternehmens; die Handlungskompetenzen der Mitarbeiter gehören jedoch wie die Sachinvestitionen auf die Seite der Aktiva, der Ressourcen einer Unternehmung bzw. einer Volkswirtschaft .... Zum zweiten läßt sich statt von Handlungskompetenzen auch im Sinne von »Handlungsvermögen« eines Menschen sprechen, so daß der Vermögensbegriff sich sowohl für die mikrotheoretische Bezeichnung der individuellen Kompetenzen als auch für die makrotheoretische Bezeichnung der Summe aller Kompetenzen eignet. Schließlich und vor allem soll mit dieser Umbenennung der ökonomische Reduktionismus vermeiden werden, welcher mit der Humankapitaltheorie verbunden ist. Denn der gesellschaftliche Fortschritt braucht nicht nur Arbeitskräfte, sondern ebenso kompetente Konsumenten, verantwortliche Eltern, partizipationsfähige Bürger und aktive Mitglieder einer Zivilgesellschaft. Zu berücksichtigen sind also nicht nur die Fachkompetenzen (Arbeitsvermögen) einer Bevölkerung, sondern ebenso deren Daseinskompetenzen (Vitalvermögen).“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 76).

„Wissenskapital ist ... nur durch hochqualifizierte Arbeitskräfte zu entwickeln, ja selbst seine Nutzung setzt spezifische Qualifikationen voraus.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 77). Wissen und Kapital

„Neben ihrem wachstumstheoretischen Aspekt ist die Humankapitaltheorie in unserem Zusammenhang in zweierlei Hinsicht von Belang: Sie erklärt zum einen die Tendenz zu einer immer deutlicheren Kinderarmut: Eltern interessieren sich stärker für die Qualität als für die Quantität ihrer Kinder, und zwar um so eher, je höher ihr eigenes Humankapital ist. Kulturell läßt sich dies mit der aufkommenden Norm »verantworteter Elternschaft« in Zusammenhang bringen. Zugleich steigt mit dem individuellen Humankapital der Wert der eigenen Zeit. Da das Erziehen sehr zeitintensiv ist, steigen die Opportunitätskosten des Kinderhabens, d.h. der Wert des Verzichtes auf andere Möglichkeiten. Ob und inwieweit der gesteigerte Aufwand für Erziehung und Bildung die Reduktion der Geburtenzahlen mit Bezug auf die Humankapitalbildung in Vergangenheit und Zukunft kompensiert, läßt sich mangels einschlägiger Modelle nur für einzelne Zeitpunkte schätzen.“  (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 77).

Kugel Geburtenrückgang als Investitionslücke

Geburten (1950-2000)

Die „Geburtenlücke“ (vgl. Abbildung rechts) bedeutet, daß die Geburten niedriger als das „Geburtengleichgewicht“ sind, das durch die Nettoreproduktionsziffer von 1,0 bzw. das Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Geburten pro Frau oder aber durch einen Standardwert - in der Abbildung z.B. 2,0 (TFR) - repräsentiert wird. Aus der Abbildung rechts wird ersichtlich, daß die Geburten von 1971 bis 2000 unterhalb des Geburtengleichgewichts geblieben sind. „Addiert man die Jahreswerte, so gelangt man zu einer Geburtenlücke von insgesamt 9,6 Mio. Geburten. Im Jahresdurchschnitt entspricht dies einer Geburtenlücke von 28,8%; betrachtet man dagegen nur das Jahrzehnt 1991-2000, so beträgt die Geburtenlücke 33,8%, also ein Drittel. Diese 9,6 Mio. nicht geborenen und nicht qualifizierten Menschen fehlen uns in den kommenden Jahren nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch als potentielle Mütter und Väter.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 81).

Eine Bevölkerung, der für die nächsten Jahre fast 10 Millionen Menschen als potentielle Mütter und Väter fehlen, hat zu der Zeit, als diese Menschen hätten geboren werden müssen, über ihre Verhältnisse gelebt und wird wohl auch in Zukunft über ihre Verhältnisse leben (wollen). Diese Geburtenlücke (der fast 10 Millionen Geburten) entspricht einer Investitionslücke von ungfähr 5 Billionen DM (bzw. 2,5 Billionen Euro). Und alle verfügbaren Daten weisen darauf hin, daß auch die Investitionsquote mit Bezug auf auf das Sachkapital seit Beginn der 1970er Jahre einem rückläufigen Trend folgt (erstmals war die staatliche Sachvermögensbildung im Jahre 2003 sogar negativ; vgl. FAZ, 23.06.2004), weshalb auch Kaufmann die These wagen muß, daß die deutsche Bevölkerung spätestens seit Beginn der 1970er Jahre „über ihre Verhältnisse lebt. In der deutschen Volkswirtschaft wurde zu viel konsumiert und zu wenig gespart und investiert. Die Arbeitszeiten wurden stärker gekürzt, als für eine nachhaltige Entwicklung tunlich ist. Ebenso wurde von einem erheblichen Anteil der Bevölkerung auf Zeit für das Aufbringen von Kindern verzichtet - vorzugsweise zugunsten von Freizeit. Es liegt nahe, hier philosophische oder kulturkritische Gedanken bezüglich der Neigung der menschlichen Gattung zum Luxurieren und zum Verdrängen anzuschließen, doch sei dies anderen (z.B. Meinhard Miegel, Die deformierte Gesellschaft - Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen, 2002) überlassen. Es liegt auf der Hand, daß das Stagnieren der Investitionen auch dem Wirtschaftswachstum und der Beschäftigung abträglich ist. - Man könnte einwenden, daß die Bevölkerung der Bundesrepublik im gleichen Zeitraum um ca. 4 Millionen Einwohner zu gut 40% kompensiert worden ist. Mag das in Köpfen gerechnet auch stimmen, so stimmt es nicht mehr in der Perspektive des Humankapitalansatzes. Wie Untersuchungen des Ifo-Instituts München zeigen, ist die Bilanz der bisherigen Zuwanderung sehr ambivalent, insbesondere infolge der sehr geringen Durchschnittsqualifikation und der wesentlich höheren Arbeitslosigkeit. Diese beiden Faktoren erklären, weshalb die Bilanz der Zuwanderung für die öffentlichen Haushalte ... negativ ist.“  (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 82-83). Die Zuwanderung bringt sowieso nur Negatives - in jeder Hinsicht, also auch wirtschaftlich. Was Europa und vor allem Europas Herz (Motor) - Deutschland - dabei wirtschaftlich zu befürchten haben, muß eigentlich nicht erwähnt werden. Ist z.B. die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts niedriger als die der Bevölkerung, ist die des Pro-Kopf-Einkommens negativ!

Formel          Formel

Kugel „Bevölkerungsvorausberechnungen sind wesentlich zuverlässiger als Wirtschaftsprognosen. Sie sind keine Prophezeiungen, sondern »Wenn-Dann-Aussagen« über die künftige Entwicklung, und da die Annahmen über das generative Verhalten der Menschen in der Zukunft sowie die Annahmen über die erwartete Zunahme der Lebenserwartung - das sind die »Wenn-Voraussetzungen« der Projektionsrechnungen - relativ realistisch getroffen werden können, sind die daraus abgeleiteten »Dann-Schlußfolgerungen« bezüglich der künftigen Bevölkerungsentwiscklung ebenso realistisch wie diese Annahmen, denn reine Rechenfehler beim Ableiten der Ergebnisse aus den Annahmen lassen sich trotz des immensen Umfangs der (heute von Computern erledigten) Berechnungen praktisch ausschließen. Der entscheidende Punkt ist, daß die Zuverlässigkeit einer Projektionsrechnung nicht nur und nicht einmal in erster Linie vom exakten Eintreffen der Annanhmen über das Verhalten der Bevölkerung (Fertilität und Mortalität) abhängt, sondern vor allem von der Altersstruktur, die relativ sicher vorausberechnet werden kann, weil ein Großteil der Bevölkerung, die beispielsweise in fünfzig Jahren lebt, schon geboren ist.“ (Herwig Birg, Die Weltbevölkerung - Dynamik und Gefahren, 1996, S. 82).

Ein Fazit zu Birgs Theorie: „In meiner Biographischen Theorie der Fertilität sind ökonomische, soziologische und entwicklungspsychologische Erklärungsansätze des generativen Verhaltens zu einer Theorie vereinigt. Abgesehen von ihrer Zielsetzung im Rahmen der wissenschaftlichen Grundlagenforschung hat sich die Theorie als ein brauchbares Instrument für die Erarbeitung realistischer Weltbevölkerungsprojektionen erwiesen .... Die Kernthese der biographischen Fertilitätstheorie ist, daß das Risiko irreversibler langfristiger Festlegungen im Lebenslauf unter den Bedingungen eines permanenten Wandels der ökonomischen, sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebensbedingungen zugenommen hat und weiter zunehmen muß. In einer instabilen, von einer permanenten Veränderungsdynamik geprägten Welt ist es rational, irreversible langfristige Festlegungen im Lebenslauf zu vermeiden, um die biographische Entscheidungsfreiheit nicht zu verlieren. Deshalb wurden und werden die familialen langfristigen Festlegungen im Lebenslauf wie die Bindung an einen Partner und die Geburt eines Kindes in eine spätere Lebenslaufphase aufgeschoben oder ganz vermieden. Die Vermeidung langfristiger Festlegungen im Lebenslauf dient insbesondere dazu, berufliche Optionen offen zu halten und die Anpassungsfähigkeit an die Anforderungen der Arbeitsmärkte funktionsfähig zu halten, die Arbeitslosigkeit zu minimieren und die für ein möglichst hohes Pro-Kopf-Einkommen notwendige Produktivität zu maximieren.
Kinderzahl
Die ungewollte demographische Konsequenz dieser Entwicklungstrends ist die permanente Zunahme des Anteils der Frauen an einem Jahrgang, der zeitlebens kinderlos bleibt. Die niedrige Geburtenrate ist ... in erster Linie eine Folge des Anstiegs des Anteils der lebenslang kinderlosen Frauen, nicht etwa, wie fälschlicherweise immer wieder behauptet wird, ein Anstieg der Häufigkeit der Ein-Kind-Familie. Wenn Menschen trotz der damit verbundenen biographischen Festlegungsrisiken die Entscheidung für die Gründung einer Familie treffen, dann haben sie wesentlich häufiger zwei Kinder als eins. Die Zwei-Kinder-Familie und nicht die Ein-Kind-Familie ist die typische und häufigste Familienform. Das in solchen demographischen Kennziffern zum Ausdruck kommende generative Verhalten erscheint im Hinblick auf die biographische Entscheidungslogik durchaus als rational: Die biographische Entscheidungsfreiheit wird durch das erste Kind so gravierend eingeschränkt, daß man sagen könnte, daß die Eltern fortan in einer naderen Welt leben. Diese Welt ändert sich durch ein zusätzliches zweites Kind bei weitem nicht so dramatisch wie dies beim Übergang von einem Leben ohne Kinder zum Leben in Elternschaft geschieht. Ein-Kind-Familien sind im Vergleich zu einem Leben ohne Kinder eine grundsätzliche, lebenslaufbestimmende Alternative, während sie im Vergleich zur Familie mit zwei Kindern eher als eine Vorstufe anzusehen sind, die durch das zweite Kind mehr vollendet als ein weiteres Mal entscheidend verändert wird.“ (Herwig Birg, Die Weltbevölkerung - Dynamik und Gefahren, 1996, S. 65-67).

Aber: Entscheidungen, die zwar physikalisch-chemisch bzw. physiologosch in einem einzelnen Gehirn getroffen werden (denn betroffen sind ja z.B. die Synapsen des einzelnen Menschen, das Nervensystem des einzelnen Menschen, der Körper des einzelnen Menschen, der genetische Code des einzelnen Menschen u.s.w. - eben die Einzigartigkeit), sind trotzdem keine unteilbaren, keine ungeteilten, also keine individuellen Entscheidungen (denn betroffen sind ja z.B. auch der Partner, der Chef u.s.w., eben die Mit-Entscheider), weil jeder einzelne Mensch auch in seiner Entscheidung immer schon von anderen Menschen beeinflußt ist. Dieses wichtige Faktum berücksichtigt Birgs Theorie noch zu wenig. „In Übereinstimmung mit der mikroökonomischen Theorie geht die biographische Theorie von der Sichtweise aus, daß der Mensch unaufhörlich zwischen Alternativen wählt, aber im Unterschied zur mikroökonomischen Theorie wird in der biographischen Theorie das Faktum in die Betrachtung einbezogen, daß der Mensch im allgemeinen die Alternativen nicht wählt, zwischen denen er eine Auswahl trifft. Die biographische Theorie betrachtet die Alternativen als das Ergebnis kumulativer biographieinterner Verdichtungen von Handlungen und Ereignisse sowie das Ergebnis von biographieexternen Vorgaben, die in jedem Lebenslauf eine Rolle spielen. .... Eine generatie Entscheidung ist nicht nur eine Entscheidung für bzw. gegen ein Kind, sondern für bzw. gegen einen bestimmten Lebenslauf als Ganzes. Sie ist eine langfristige Festlegung mit irreversiblen Folgen für den ganzen Lebenslauf: In entwickelten Ländern trifft jede Frau (die aber de facto nicht selbst, nicht individuell entscheidet; HB) mit der Entscheidung (die von anderen beeinflußt ist; HB) für ein Kind gleichzeitig eine Vorentscheidung über die Art und Menge der Entscheidungsalternativen im beruflichen Bereich, und umgekehrt bestimmt das Ergebnis einer beruflichen Entscheidung, welche Alternativen bei familialen bzw. generativen Entscheidungen in den Wahlmengen künftiger Entscheidungssituationen vorkommen können und welche nicht.“ (Herwig Birg, Differentielle Reproduktion aus der Sicht der biographischen Theorie der Fertilität, in: Eckart Voland, Fortpflanzung: Natur und Kultur im Wechselspiel, 1992, S. 198-199 Quelle). Die Entscheidungen über das „generative Verhalten“, wie Birg es nennt, sind zum größten Teil kulturell beeinflußt, also demzufolge kollektive Entscheidungen (z.B. des Paares, des Stammes, des Volkes u.s.w.). Und je zivilisierter eine Kultur, desto kinderfeindlicher ihre Entscheidungen. Anders gesat: je mehr eine Kultur Zivilisation ist, desto weniger entscheiden sich die zu dieser Kultur gehörenden Menschen für Kinder. Was in der Natur eine Ausnahme der Regel ist - eine Regel ist z.B. der Wille zur Weitergabe der eigenen Gene, zur Fortpflanzung -, das wird in der Kultur zu einer Regel der Ausnahme, und zwar deutlich erkennbar in der Menschen-Kultur, noch deutlicher erkennbar in deren Historienkulturen, am deutlichsten erkennbar in den Modernen (Zivilisationen) dieser Historienkulturen, denn deren zivilisierte Phasen sind nahezu der Inbegriff der Negation des Willens zur Fortpflanzung. Die Menschen dieser Phasen haben immer weniger Kinder, obwohl sie sich immer mehr Kinder leisten können. Das demo-ökonomische Paradoxon (Demo(graphisch)-ökonomisches Paradoxon) ist ohne die demo-zivilmoderne Regel (Demo(graphisch)--zivilmodernes Paradoxon) gar nicht zu verstehen. Paradoxon

Kugel Für die Anreize zum Willen auf Nachkommenschaft! Gegen die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft!

„In Deutschland beispielsweise wurde von 1974 bis 2004 das sogenannte Kindergeld real, das heißt unter Berücksichtigung der Geldentwertung, stufenweise verzehnfacht. (Vgl. Ulrich Pfeiffer & Reiner Braun, Private Lebensökonomie und staatlicher Einfluß - Neue Strategien zur Vermögensbildung, 2004, S. 45. Das Geburtenverhalten hat sich dadurch nicht verändert. Dann hätte das Kindergeld eben verzwanzig- oder verdreißigfacht werden müssen, meinen manche. Vielleicht hätte sich dadurch die Geburtenrate tatsächlich erhöht. Sicher ist das jedoch nicht. Die betroffenen Jahrgänge erklären nämlich mehrheitlich, es seien nicht vorrangig wirtschaftliche Gründe, die sie davon abhielten, mehr oder überhaupt Kinder zu haben. Auf die Frage, warum sie sich nicht vorstellen könnten, ein Kind zu bekommen, erklärten im Oktober 2004 in Deutschland 44 Prozent der Befragten: Weil ich keinen geeigneten Partner habe, und ebenfalls 44 Prozent: Weil ich auch ohne Kinder mit meinem Leben zufrieden bin. Wirtschaftliche Erwägungen folgten erst an sechster Steller. Sie waren kaum gewichtiger als Begründungen wie: Weil diese Welt immer weniger lebenswert ist, oder: Weil mir die Verantwortung für ein Kind zu groß ist. (Vgl. Britta Pohl, Mehr Kinder. Mehr Leben. Ergebnisse einer repräsentativen Forsa-Befragung im Auftrag von »Eltern« und »E.f.F.«, 2004, S. 43). Daß nicht vorrangig wirtschaftliche Gründe für das Geburtenverhalten maßgeblich sind, erhellt auch die Tatsache, daß in praktisch allen frühindustrialisierten Ländern die wirtschaftlich schwächsten Bevölkerungskreise zwar noch immer nicht viele, aber doch deutlich mehr Kinder haben als die wirtschaftlich stärkeren. Es gibt keinen positiven Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Kinderzahl, wenn von einer kleinen Gruppe sehr Reicher abgesehen wird, die eine große Familie mitunter als Statussymbol betrachten. Die Nichterfüllung des Wunsches nach Kindern beruht in den frühindustrialisierten Ländern in den seltensten Fällen auf objektiv wirtschaftlicher Bedürftigkeit. Wenn wirtschaftliche Erwägungen gegen ein Kind sprechen, sind zumeist Verschiebungen im westlichen Wertessystem ursächlich. Materielle Güter haben eine ständige Aufwertung erfahren, während der Wert von Menschen abgenommen hat. Das zeigt sich im historischen Vergleich. Hätten die jungen Menschen vor vierzig Jahren materielle Güter ähnlich hoch bewertet wie die heute Jungen - in zahlreichen frühindustrialisierten Ländern wären schon jetzt die Straßen und Plätze ziemlich menschenleer. .... Die heute Jungen mögen sich einmal die Lohnzettel ihrer Eltern und Großeltern zeigen lassen, die dort vermerkten Nettobeträge in ihren heutigen Geldwert umrechnen und dann entscheiden, ob das für eine Familie reicht. .... In keinem einzigen frühindustrialisierten Land fehlen heute die materiellen Voraussetzungen, um eine bestandserhaltende Zahl von Kindern großzuziehen - weder individuell noch kollektiv. Was fehlt, ist der Wille, das zu tun.“ (Meinhard Miegel, Epochenwende, 2005, S. 176). Vgl. Unfruchtbarkeit und Zerfall.

Obwohl besonders von den Kinderlosen aus akademischen Kreisen (ca. 40%) wohl kaum zu erwarten ist, daß sie ihr kinderloses Verhalten zukünftig ändern, ist Familienpolitik bzw. Kinderpolitik, auch z.B. eine „Politik des 3. Kindes“, eine Politik, die Anreize schafft für Familien, mehr als zwei, also drei oder gar mehr als drei Kinder zu haben, immer erfolgreich, wenn sie umfassend und langfristig betrieben wird. „Es handelt sich bei der bevölkerungsbewußten Familienpolitik ... um eine ... Sicherung der Generationenfolge, also der ... Nachwuchssicherung .... Dadurch erfährt manche Maßnahme eine besondere Akzentuierung, was in der gegebenen Situation etwa in der besonderen Berücksichtigung von sozialökonomischen Maßnahmen im Übergang zum dritten Kind seinen Ausdruck finden kann. Gerade bei Respektierung der verschiedensten Gründe, die völlig legitim zur persönlichen Entscheidung zur Kinderlosigkeit führen können, und ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz bedarf es zum Erreichen eines Geburtenniveaus, das näher am Bestandserhaltungsniveau der Bevölkerung liegt, jedenfalls zur Vermeidung der gegenwärtig programmierten, kurz- und mittelfristig schon ohnehin nicht mehr zu vermeidenden demographischen Verwerfungen einer deutlichen Schwergewichtsverlagerung der Kinderzahl in den Familien (nicht je Frau) von 1-2 Kindern auf 2-3 Kinder; bei weiterhin unverminderter, sich also nicht verringernder Quote der Kinderlosigkeit von gegenwärtig über einem Viertel der Frauen mit abgeschlossener Fruchtbarkeit (bei akademischer Ausbildung besonders besorgniserregend sogar bis zu 40%) müßte das Gewicht der Zwei- und vor allem der Drei-Kinder-Familien sogar besonders stark zunehmen. Insofern kann es z. B. hinsichtlich der Ausgestaltung des allgemeinen Familienlastenausgleichs unter dem mit zu bedenkenden demographischen Aspekt sogar etwas problematisch erscheinen, wenn in Zeiten besonders angespannter öffentlicher Haushalte - über eine einkommensteuerliche Freistellung des Existenzminimums von Kindern und die wichtige Existenzsicherung von Kindern in unteren Einkommensschichten hinaus - relativ hohe Aufwendungen für die große Gruppe derjenigen ersten Kinder getätigt werden, die Einzelkinder bleiben. In Frankreich ist es sogar zur Ausprägung einer expliziten »Politik des 3. Kindes« gekommen; sie findet ihren Ausdruck u. a. darin, daß im französischen Familiensplittingsystem (Einbeziehung der Kinder in den familienbezogenen Splittingfaktor) das 3. und die weiteren Kinder stärker gewichtet werden als das 1. und 2. Kind.     ––     Wichtig erscheint vor allem, daß eine solche Politik ernst macht mit dem Systemwissen einer modernen Familienpolitik als gesellschaftlicher Ordnungspolitik mit Querschnittscharakter, d.h. mit der Einsicht, daß nur integrativ geplante Politikansätze mit Maßnahmenbündeln, in denen die Notwendigkeit des Ineinandergreifens von Änderung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen und Bewußtseinsänderung der Einzelnen ausreichend beachtet wird, am ehesten Erfolg versprechen, - allerdings auch unterschiedliche Verantwortungsträger (im staatlichen und nichtstaatlichen Raum) gleichermaßen in die Pflicht nehmen. Von isolierten Einzelmaßnahmen (»monoinstrumentellen Politikansätzen«) kann erst recht in demographischer Hinsicht kaum ein wirklich nachhaltiger und über eventuelle kurzfristige »Pusch-« oder »Strohfeuereffekte« hinausgehender Erfolg erwartet werden. Das gilt etwa für isolierte einkommenspolitische Einzelmaßnahmen. Selbst mit dem Verweis auf verbesserte Rahmenbedingungen für eine konfliktfreiere Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und gleichzeitige Übernahme von Elternverantwortung wird zwar eine sehr wichtige, aber eben auch nur eine bedingende Voraussetzung für die Erreichung ausgeglichenerer demographischer Strukturen angesprochen, deren Erfüllung allein für eine Bewältigung des Geburtenproblems nicht ausreicht. Dies gilt erst recht für die in ihrer geburtenfördernden Bedeutung oft etwas überschätzte, gleichwohl notwendige Verbesserung der außerhäuslichen Kleinkinderbetreuung. »Das Gelingen einer nachhaltigen Familienpolitik ist um so wahrscheinlicher, je besser die familienpolitischen Maßnahmen durch andere Politikbereiche flankiert werden. Der Erfolg kann sich daher nur mit einem »Policy-Mix« einstellen, d.h. einer Kombination von Elterngeld und qualitativer und quantitativer Kinderbetreuung in Verknüpfung mit einer Flexibilisierung der starren Arbeitszeitmuster.« (Bert Rürup, Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung - Gutachten i.A. des BMFSFJ, 2003). Eine auch bevölkerungsbewußte Familienpolitik meint also eine Familienpolitik, die eine auch an (im Einzelfall mehr oder weniger deutlichen) demographischen Zielen des Gemeinwesens mit orientierte gemeinwohldienliche politische Handlungsoption darstellt, die sich ihrer demographischen Aus- und Nebenwirkungen bewußt ist. Es geht dabei um eine umfassende politische Gestaltung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen .... In unserer sozialhistorischen Situation bedeutet dies in der Zielroientirung, daß die ... generativen Entscheidungen auf der Mikroebene sich auf der Makroebene zu einem Geburtenniveau aggregieren, das ... das Bestanderhaltungsniveau der Bevölkerung ..., also ein Niveau erreicht, das als gesellschaftlich erwünscht angesehen werden kann.“  (Max Wingen, Die Geburtenkrise ist überwindbar - Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004, S. 113-116).

Solange unsere Sozial- und Wirtschaftsordnung mit einer Vielzahl von hochwirksamen Anreizen durchsetzt ist, auf Nachkommenschaft zu verzichten, kann hier kaum mit nachhaltiger Besserung der auch gesellschaftlich befriedigenden Nachwuchssicherung gerechnet werden. Dem ist mit einigen mehr oder minder kompensatorisch angelegten familienpolitischen Einzelleistungen nicht beizukommen. Aufgabe einer nachhaltigen und strukturreformerischen Gesellschafts- und Familienpolitik ist es, diese Anreize mit Stumpf und Stiel zu beseitigen.“ (Max Wingen, Die Geburtenkrise ist überwindbar - Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004, S. 92). Für Wingen müssen die zur „Aufgabe der sozialen Ordnungspolitik“ gehörenden „Grundrichtungen des Handelns“ stets „wider unzulässige »Grenzüberschreitungen«“ ausgerichtet sein. (Vgl. ebd., S. 90-96). Das bedeutet aber auch, daß „das gesellschaftliche Subsystem Wirtschaft auch die ihm gesetzten Grenzen zu wahren hat und daß die ökonomischen Zwänge und Gesetzmäßigkeiten nicht in andere gesellschaftliche Lebensbereiche eindringen dürfen, in denen sie nicht nur störend, sondern sogar zerstörend wirken. .... Wo die Grenzen des Wirtschaftlichen nämlich nicht ausreichend beachtet werden, kommt es zu unzulässigen Übertragungen von Sachzusammenhängen aus einem gesellschaftlichen Bereich in andere Bereiche, wo sie nicht hingehören. Solche »unzulässigen Grenzüberschreitungen« lägen dort vor, wo z.B. die Familie primär nach den Gesetzmäßigkeiten des wirtschaftlichen Geschehens organisiert würde, wo die ökonomische Rationalität sich über dem engeren Bereich des Wirtschaftlichen hinaus in die sozialen Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens ausweiten würde, so daß es zu einem »Überwuchern« seitens der ökonomischen Denkweise und damit zu einer Gefährdung der nichtökonomischen Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens kommt. H. Geißler faßt diesen Sachverhalt lakonisch in den Satz: »Die Sozialbeziehungen werden monetarisiert.« Für unsere Fragestellung bedeutet dies, daß es auf diese Weise nicht zuletzt durch massive Geburtenausfälle zu nachhaltigen Verwerfungen in den demographischen Strukturen (mit auf längere Sicht auch empfindlich spürbaren Rückwirkungen) kommt. Siehe dazu die aufschlußreichen Hinweise von Jospeh A. Schumpeter in seinem Buch: »Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie«, 1942.“ (Ebd., S. 95-96).   –   Diejenigen, die die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft durchsetzen, verstoßen gegen das Grundgesetz (das ist unsere Verfassung!), und das bedeutet mehr als Mindeststrafe: „Umerziehung“ und „Vergangenheitbewältigung“.

Kugel Entscheidungen für oder gegen Kinder werden nicht wirklich „frei“ getroffen!

Eine „Analyse der sozial-ökonomischen und soziokulturellen Lage insbesondere von jungen Familien in unseren westeuropäischen Industriegesellschaften mit ausgeprägten »strukturellen Rücksichtslosigkeiten« gegenüber Familien - so ein Begriff, der spätestens seit dem Fünften Familienbericht der Bundesregierung (1993) im Anschluß an F.-X. Kaufmann Karriere gemacht hat (Strukturelle Rücksichtslosigkeiten) - macht es erforderlich, diese auf weltweiten Bevölkerungskonferenzen mehrfach bestätigte grundlegende Recht der Paare im Blick auf Entscheidungen für Kinder in unserer Gesellschaft durchzubuchstabieren. So darf man fragen, wie »frei« diese (angeblich doch so) autonomen Entscheidungen tatsächlich sind. Wie der gründlich belegte familienwissenschaftliche Forschungsstand zeigt, gibt es vielfältige „Barrieren“ und Behinderungen materieller und inmaterieller Art, teils gerade auch in den Strukturen unserer Wirtschaftsgesellschaft begründete Hemnisse, die einer Realisierung von Kinderwünschen - in sozialschichtenspezifisch durchaus unterschiedlicher Weise - entgegenstehen. Dabei sind die Entscheidungen für oder gegen Kinder nachhaltig durch soziale Normen und Werthaltungen gesellschaftlich überformt - und dies in einer auch wertepluralistischen Gesellschaft. Diese Faktoren konstituieren zusammen einen Rahmen, der allzu oft als wenig kinder- und familienbezogen erfahren wird. Kann von wirklich freier Entscheidung dann gesprochen werden, wenn Eltern mit der Entscheidung zu (mehreren) Kindern sich und die (weiteren) Kinder in - wenn auch kulturspezifisch relative - Armut hinein manövrieren?  Können diese Entscheidungen als wirklich frei gelten, wenn sie unter den gegeben Bedingungen gleichbedeutend sind mit einem Selbstausschluß aus auch anderen Formen sinnvoller und attraktiver Lebensgestaltung?  .... In unserer Sozialordnung, die Würde, Freiheit und Gleichheit (und warum nicht auch Brüderlichkeit, genauer gesagt: Gemeinsamkeit, Elterlichkeit?) der Bürger in den Mittelpunkt stellt und in der die Reproduktion der Gesellschaft von der Vielzahl der autonomen individuellen Paarentscheidungen abhängig ist, ist die Freiheit, Kinder zu haben (bzw, genauer: die Freiheit, Kinder auch haben zu wollen) grundgesetzlich geschützt. Muß unter den bestehenden sozialkulturellen Bedingungen aber nicht gefragt werden dürfen, inwieweit tendenziell von einem »Systemzwang« der Wirtschaft gesprochen werden kann, der die selbstbestimmte Ausübung der reproduktiven Rechte mehr oder minder massiv beschränkt ?  Kommt es hier nicht selten sogar - überspitzt ausgedrückt - zu einer Art Geburtenverhinderungspolitik?“ (Max Wingen, Was bedeutet freie Entscheidung über die Kinderzahl?,  in: ders., Die Geburtenkrise ist überwindbar - Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004, S. 98-100).  Ja! Ja, es kommt hier zur Geburtenverhinderungspolitik, und weil das Individuelle an den Einzelwesen besonders bei uns im Abendland überschätzt wird, ist das Durchsetzen (bei den Empfängern: Akzeptanz) der Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft sogar noch leichter für die Geburtenverhinderungspolitiker!

Weil also unsere Herrschenden aus Politik und Gesellschaft - inklusive Wirtschaft - kinderfeindlich sind und (negativen!) Einfluß auf die Geburten nehmen, betreiben sie auch Bevölkerungspolitik. Ihre Behauptung des Gegenteils ist eine Lüge und dient der Propaganda zur Durchsetzung ihrer negativen Bevölkerungspolitik (negative Geburtenpolitik, negative Wanderungspolitik). Wenn die Bevölkerungspolitik kein von ihnen propagandistisch behauptetes Tabu mehr wäre, dann entstünden ihnen Konkurrenten, und die wollen sie natürlich nicht dulden. Seit 1969-1972 hätten unsere Herrschenden diesbezüglich eine ganz andere Politik - nämlich genau entgegengesetzt zu der, die sie tatsächlich betrieben haben - betreiben müssen, aber sie haben sich statt dessen immer mehr aus der Verantwortung gestohlen, sich der Wirtschaft untergeordnet und im Verbund mit ihr und den Lobbygruppen eine negative Bevölkerungspolitik betrieben mit der Lüge, sie sei keine Bevölkerungspolitik. Es gibt überhaupt keine Politik ohne Bevölkerungspolitik. In jeder Politik steckt immer auch eine große Portion Bevölkerungspolitik. Ob jemand Täter oder Opfer einer Bevölkerungspolitik ist, ob eine Bevölkerung aktiv oder passiv, ob sie von außen oder von innen beeinflußt wird, ob sie negative oder positive Auswirkungen hat, ist als Tatsache gleichgültig, daß Bevölkerungspolitik sich immer ereignet.

Kugel Unsere gewünschte Kinderzahl ist höher als unsere reale Kinderzahl

Dies ist auch ein Indiz dafür, daß unsere Herrschenden aus Politik und Gesellschaft - inklusive Wirtschaft - kinderfeindlich sind und (negativen !) Einfluß auf die Geburten nehmen. Wenn behauptet wird, daß die Wirtschaft hierfür eine größere Rolle spiele als die Politik, so mag das richtig sein, doch die Verantwortung auch dafür trägt die Politik, denn nur sie kann (mit verabschiedeten und durchgesetzten Gesetzen) die Wirtschaft beeinflussen. Ja, sie muß es sogar. Sie ist dazu verpflichtet. Statt dessen aber wurde unsere Politik immer mehr und ganz besonders seit den 1960er Jahren der Wirtschaft untergeordnet - auch im Glauben, mit Wirtschaftswachstum so gut wie alles erreichen zu können. Doch das ist ein Irrglaube. Sogar mit zweistelligen Wirtschaftswachstumsraten sind viele der allgemeinen Probleme nicht zu lösen, jedenfalls nicht langfristig - es ist eher umgekehrt: langfristig bekommt man durch hohe Wirtschaftswachstumsraten eher noch mehr Probleme. Eines der wichtigsten Probleme, wahrscheinlich sogar das größte Problem ist der Bevölkerungsschwund. Deswegen muß spätestens ab jetzt eine jede Politik eine positive Bevölkerungspolitik beinhalten, denn nur die dient letztendlich auch der Wirtschaft. Doch unsere Politiker haben seit der Zeit unseres ersten Geburtendefizits - 1971/'72 -, ihre Politik nicht verändert. Statt dessen haben sie Lippenbekenntnisse, Versprechen und Schulden in die Höhe getrieben, den Vormundschaftsstaat namens Sozialstaat ausgebaut, sich der Wirtschaft, den Lobbygruppen, dem Ausland immer mehr unterworfen und ihre negative Bevölkerungspolitik sogar noch intensiviert. Zur negativen Bevölkerungspolitik, die dazu auch noch durch viele andere Politikbereiche (Negativpolitik) negativ verstärkt, gehört vor allem die negative Wanderungspolitik, die Zuwanderungspolitik heißt und Abwanderungspolitik bedeutet, weil sie eine Politik für die Zuwanderung Unqualifizierter ist und deshalb (Standortnachteil u.s.w.) zur Abwanderung Qualifizierter führt, den Bevölkerungsrückgang noch verstärkt; außerdem ist ohnehin die Zuwanderung zu teuer (Die Zuwanderung ist zu teuer!), gefährlich, unsinnig, extrem schädlich, also: für Gesellschaft und Wirtschaft!

Verfassungswidrig ist, daß unsere Herrschenden aus Politik und Gesellschaft (inklusive Wirtschaft) zulassen, daß das Deutsche Volk, von dem Schaden abzuwenden unsere Herrschenden aus der Politik ja geschworen haben, sich statt zu 100% (Nettoreproduktionsrate = 1) nur noch zu 67% (Nettoreproduktionsrate = 0,67) ersetzt, weil - ausgerechnet (!) - die Politiker ihre Mittel, die sie ja haben, um Schaden vom Deutschen Volk abzuwenden, ignorieren und, was am bösartigsten ist, den Bevölkerungsrückgang forcieren (wollen), ja sogar noch spöttisch oder mit falschem Stolz verkünden (dürfen), ihn tatsächlich auch forciert zu haben. All das passiert hier wirklich, und das ist eindeutig verfassungswidrig. Es ist gegen unsere Verfassung, gegen unser Grundgesetz. Auch die Politiker, die sich passiv gegenüber der Bevölkerungspolitik verhalten, sind an der Bevölkerungspolitik beteiligt, und unsere Politiker, die ja eine Zuwanderungspolitik betreiben, sind an der Bevölkerungspolitik ja sogar aktiv beteiligt. Die Ausreden, die den Herrschenden aus Politik und Gesellschaft (inklusive Wirtschaft) dazu immer wieder neu einfallen und in den Medien die Runde machen (dürfen), sind lächerlich. Es hängt auch nicht von dem Wort „Bevölkerungspolitik“ ab, ob Bevölkerungspolitik betrieben wird oder nicht (sie wird betrieben !); man könnte sie auch „Demographiepolitik“ nennen, semantisch ist das egal, weil beide synonym bzw. äquivalent verwendbar sind. Politik und Medien aber öffnen immer mehr unwichtige Gerüchtekammern, um immer mehr unwichtige Verdächtigungen hochkochen, um immer mehr Dunst, Qualm und Rauch nach außen dringen, um also immer mehr Gerüchte, Verdächtigungen und Tabus im möglichst großen Raum verbreiten (lassen) zu können. Wer sich auch heute immer noch von den Nazis vorschreiben lassen will, welche Politik erlaubt und welche tabu sei, soll aufhören, politisch zu sprechen, denn die Nazis haben ja auch politisch gesprochen; konsequenterweise müßten alle aufhören, politisch zu sein, denn die Nazis sind ja auch politisch gewesen; demnach müßten Politiker verboten sein, denn die Nazis sind ja auch Politiker gewesen; um Politiker zu verbieten, müßten Gesetze beschlossen werden, doch die wären demnach ja auch verboten, weil die Nazis auch Gesetze beschlossen haben. Die in Politik und Medien erbrüteten Gerüchte, Verdächtigungen und Tabus dienen der „Scheinmoral-Industrie“, die sich auf diese Weise immer mehr Macht holt, und werden immer gefährlicher, sind auch deshalb verfassungswidrig, weil sie Volksverdummung in Einheit mit Volksverhetzung beinhalten. All diese Negativpolitik kann durchaus auch langfristige Folgen haben, also sind insbesondere die Nachkommen betroffen, und zwar so lange, bis irgendwann in der Zukunft nur noch eine Negativgesellschaft mit einer Negativwirtschaft übrig sein wird.

Kugel Einzelne haben auch Verantwortung!

„Der Bezug der eigenverantwortlichen Entscheidungen für Kinder zur sozialen Verantwortung des Einzelnen bleibt freilich einem individualistischen Denken liberalistischer Prägung weitgehend verborgen. Die soziale Verantwortung des Menschen als eines individual- und gemeinschaftsbezogenen Wesens darf indessen grundsätzlich den Bereich des generativen Verhaltens nicht ausklammern; Politik muß die Voraussetzungen schaffen und absichern, daß sich diese soziale Verantwortung entwickeln kann. Deshalb gehört andererseits aber auch dort, wo die im Raum der Eigenverantwortung ... angesiedelte Entscheidung gegen (eigene oder adoptierte) Kinder fällt, dazu auch die eigenverantwortliche Übernahme der gesellschaftlichen Folgen dieses Verhaltens, etwa für die Inpflichtnahme für die Funktionsfähigkeit des auf Generationensolidarität beruhenden sozialen Sicherungssystems. Insofern muß bei Entscheidungen gegen Kinder die in anderen Zusammenhängen viel beschworene Zumutbarkeit der auch materiellen Konsequenzen für den Einzelnen in der Verteilungspolitik bzw. in der Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme mit gesehen werden. In der sozialpolitischen Debatte sind ja immer wieder - z.B. vom Deutschen Familienverband (DFV) in den 1950er Jahren bis zu den jüngsten Voten des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung (vgl. Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, 2003) - für das stehende Rentenversicherungssystem Vorschläge vorgelegt worden, die darauf abzielen, im System der sozialen Altersversorgung gröbsten negativen Auswirkungen auf das generative Verhalten der Einzelnen dadurch zu begegenen, daß Kinderlose mit vergleichsweise höheren Beiträgen belegt werden bzw. geringere Rentenleistungen erhalten. Die Reaktionen in Politik und Öffentlichkeit lassen dabei unter dem her oberflächlichen Argument der »Bestrafung« Kinderloser erkennen, daß gar nicht erst versucht wird, grundlegende ökonomische Zusammenhänge zu erfassen.“ (Max Wingen, Die Geburtenkrise ist überwindbar - Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004, S. 104-105). Max Wingen zitiert Hans-Werner Sinn: „»Heute greift der Staat auf dem Wege über das Rentensystem ganz massiv in die Familienplanung ein, indem er die Beiträge der Kinder zur Rentenversicherung sozialisiert und so die natürlichen ökonomischen Motive für den Kinderwunsch aus den Köpfen der Menschen vertreibt.«  (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Info-Schnelldienst, Nr. 5, 2003, S. 33). Ein pragmatischer Umgang mit dem Thema Familienplanung und Fertilität sei dringend geboten: »Dazu muß auch der Staat umsteuern, denn er ist es, der durch seine sozialen Sicherungssysteme, die das Schicksal des Einzelnen von den Konsequenzen seiner Fertilitätsentscheidungen abgetrennt haben, ganz maßgeblich zur Änderung des gesellschaftlichen Wertes der Familie und zur Kinderlosigkeit der Deutschen beigetragen hat.« (Ebd., S. 35).“ (Ebd.). Was die Verantwortung für die negative Bevölkerungsentwicklung betrifft, so bestehen überhaupt keine Zweifel: Einzelne haben auch Verantwortung, doch der Staat noch viel mehr!

Wichtig ist auch, „zwischen Maßnahmen zugunsten von Eltern und von Kindern zu unterscheiden, die Rede von »Familienpolitik« verwischt hier die Bezüge. Die Lebenslage beider Gruppen ist von unterschiedlichen Maßnahmen abhängig, und es ist keineswegs zwingend, daß Maßnahmen, die den Eltern nützen, auch den Kindern zugute kommen - und umgekehrt. Bei den Maßnahmen zugunsten von Eltern ist zu unterscheiden, ob sie die direkten Kosten (monetäre Aufwendungen) für Kinder reduzieren, oder ob sie in erster Linie die Opportunitätskosten des Kinderhabens reduzieren, also den Eltern die Vereinbarkeit familiärer und außerfamiliärer Zielsetzungen erleichtern. Beide Arten von Maßnahmen dienen primär dem Familienlastenausgleich, d.h., sie wollen die Belastungen reduzieren, welche Eltern im Vergleich zu Kinderlosen auf sich nehmen. Hiervon zu unterscheiden ist der Familienleistungsausgleich; hier geht es darum, die positiven »externen Effekte«, also Leistungen der Eltern für andere Gesellschaftsbereiche, anzuerkennen. Zentral ist hier an die oben dargestellten investiven Leistungen der Humanvermögensbildung für die Volkswirtschaft zu erinnern. Die beiden Begriffe werden bisher meist alternativ und nicht trennscharf verwendet. Genaugenommen handelt es sich um unterschiedliche Begründungen für familienpolitische Maßnahmen. De facto ist bisher ein »Familienleistungsausgleich« im genannten Sinne in der deutschen Familienpolitik kaum existent. So auch Gerlach (Familienpolitik, 2004, S. 211): »Ein Leistungsausgleich könnte sich aber erst ergeben, wenn es tatsächlich zum Ausgleich der externen Effekte käme, die durch Familienarbeit für die Gesellschaft zustande kommen.« Unsere Argumentation in Abschnitt 6.7 (Eltern und Kinderlose - Zukunftsvorsorge durch Kinder oder Sparen) geht dahin, daß aus dem Fehlen dieses Ausgleichs die entscheidende Benachteiligung der Eltern gegenüber den Kinderlosen resultiert. Was die staatlichen Leistungen für Kinder betrifft, so sind sie nicht zwangsläufig mit Familienpolitik verbunden. Das Verhältnis zwischen familienunterstützenden, familienergänzenden und familienersetzenden Maßnahmen zugunsten von Kindern blieb lange Zeit umstritten. Allein schon diese Systematik ist allerdings fragwürdig, weil sie die Familie und nicht das Kind ins Zentrum der Betrachtung stellt. Aus der Sicht kindlicher Sozialisation kommt es gerade auf das Zusammenwirken von elterlicher Zuwendung und Unterstützung einerseits und außerfamilialer Förderung andererseits an.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 187-188).

„Diejenigen, welche nicht in das Humankapital der nachwachsenden Generationen investieren, müssen in äquivalenter Weise zur kollektiven Zukunftsvorsorge beitragen, nämlich durch zusätzlichen Konsumverzicht und die Bildung von Ersparnissen.
Geburten (1950-2000)
Versorgungslast
Vgl. Einkommen: Vorteile nur für Singles!!!
Jeder und jede, die aus persönlichen und wirtschaftlichen Gründen dazu in der Lage sind, vorzusorgen, haben dies entweder in der Form von Kindererziehung oder in der Form der langfristigen Ersparnisbildung zu leisten. Für dieses Gleichgewicht zu sorgen ist die zentrale sozialpolitische Aufgabe des kommenden Jahrzehnts. .... Da die Aufwendungen für die alte Generation ganz überwiegend durch politisch festgelegte Umverteilungen zu Lasten der Erwerbstätigen finanziert werden, die Aufwendungen für die nachwachsende Generation jedoch nach Schätzungen des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen (Leistungen für die nachwachsende Generation in der Bundesrepublik Deutschland, 1979) zu rund drei Vierteln von den Eltern selbst getragen werden, ist die Belastung der öffentlichen Haushalte durch das Kippen der Generationsbalance noch weit schwerwiegender. Die »Ersparnisse« durch den Geburtenrückgang kommen ganz überwiegend denjenigen Individuen zu, die auf die Erziehung von Kindern verzichten, während die zunehmenden Belastungen für die Alterssicherung auf die öffentlichen Haushalte zukommen. .... Es ist geradezu absurd, daß diejenigen, die das Humanvermögen der Zukunft aufziehen, also die wichtigste Basis für die Finanzierung der zukünftigen Renten gewährleisten, im Rahmen der Rentenanwartschaften nicht oder nur minimal anerkannt werden. .... Hans-Werner Sinn, der gegenwärtige Direktor des Ifo-lnstituts, verficht ein dem Gedanken Schreibers verwandtes (Schreiber-Plan), in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation wohl praktikableres Konzept. Er kritisiert, daß der Ausbau des Familienlastenausgleichs zur Kompensation der Nachteile des Kinderhabens in der Alterssicherung »auf eine doppelte Intervention des Staates« hinausläuft, und plädiert daher dafür, allein im Rentenrecht anzusetzen und die bis 2035 unumgänglichen Kürzungen der gesetzlichen Renten nur denjenigen aufzuerlegen, die weniger als zwei Kinder erziehen, und für ebendiese eine Vorsorge im Sinne der kapitalgedeckten Riester-Renten vorzuschreiben. Er begründet dies wie folgt:
»Im Generationenzusammenhang (gehört es) zu den normalen Pflichten einer jeden Generation ..., zwei Leistungen zu erbringen: In der leistungsfähigen Lebensphase muß man seine Eltern und seine Kinder ernähren. Die erste dieser beiden Leistungen wird in Form der Rentenbeiträge erbracht, die ja in vollem Umfang an die heutigen Rentner fließen. Doch die zweite Leistung wird von vielen Menschen nicht erbracht, weil sie sich gegen Kinder entscheiden. So gesehen ist es sehr wohl gerecht, nun auch diesen Menschen eine zweite Leistung in Form des Riester-Sparens abzuverlangen. Dadurch sichern sie sich die Renten, deren Vollfinanzierung man den wenigen zukünftigen Beitragszahlern nicht mehr zumuten kann, und es wird möglich, den Eltern einen größeren Teil der von ihren eigenen Kindern gezahlten Rentenbeiträge zu belassen. Menschen, die mehrere Kinder großziehen, an der Riesterrente zu beteiligen, hieße indes, ihnen eine dreifache Last aufzuerlegen. Als Beitragszahler ernähren sie die jetzt Alten, als Eltern finanzieren sie über die Kosten der Kindererziehung die Renten aller zukünftigen Rentenbezieher, und als Riester-Sparer müßten sie zusätzlich ihre eigenen Renten finanzieren.« (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Christian Leipert, Demographie und Wohlstand, 2003, S. 87; vgl. auch Hans-Werner Sinn, Ist Deutschland noch zu retten?,  2003, S. 389ff.).
Sinns Vorschlag läuft auf eine allgemeine Kürzung der Renten hinaus, bei gleichzeitiger Aufwertung der Ansprüche aus Erziehungsleistungen. Entsprechende durchgerechnete Vorschläge wurden von Gallon, Bank und Kreikebohm bereits 1994 vorgelegt. Sie haben jedoch niemals eine ernsthafte politische Diskussion ausgelöst. Immerhin scheint neuerdings der öffentliche Druck auf eine stärkere Anerkennung der Familienleistungen zuzunehmen, was bei den »Mandarinen des Systems« entsprechende Abwehrreaktionen auslöst.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 196, 218, 225, 226-227).

„Es kommt ... darauf an, den Generationenvertrag zwischen der Erwachsenen- und der Altengeneration so zu modifizieren, daß die volkswirtschaftliche Leistung der Kindererziehung äquivalent zu einer höheren Sparrate der Kinderlosen gilt. Unter dieser Voraussetzung könnte auf den von Wilfried Schreiber vorgesehenen »zweiten Generationenvertrag« grundsätzlich verzichtet werden. (Schreiber-Plan). Damit wäre das Problem der »Transferausbeutung«, d.h. der Familienleistungsausgleich, prinzipiell gelöst. Das macht allerdings den Familienlastenausgleich nicht entbehrlich, wie Sinn meint.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 228).

„Im Anschluß an eine vergleichende Untersuchung unterschiedlicher Entlastungsformen von Familien im Rahmen der Gesetzlichen Pflegeversicherung haben Winfried Schmähl und Heinz Rothgang (Familie und Pflegeversicherung: Verfassungsrechtlicher Handlungsbedarf, Handlungsmöglichkeiten und ein Gestaltungsvorschlag, 2004) jüngst ein umfassendes Konzept des Familienlasten- und Familienleistungsausgleichs vorgelegt. Sie machen zu Recht darauf aufmerksam, daß die bisherige Politik der Entlastung von Familien stückwerkartig und intransparent ist und daß insbesondere steuerlich finanzierte Leistungen in erheblichem Maße von den Familien mitfinanziert werden. Demzufolge schlagen sie vor, die vom Bundesverfassungsgericht geforderte Entlastung der Familien in der Pflegeversicherung nicht durch eine erneute punktuelle Maßnahme, sondern im Zuge einer umfassenden Reorganisation der Transferströme zugunsten von Familien vorzunehmen. Schmähl und Rothgang schlagen vor, den ohnehin steuerfinanzierten Familienlastenausgleich durch ebenfalls steuerfinanzierte Zuschüsse zu den Beitragszahlungen an Renten- und Pflegeversicherung von Personen mit Erziehungsverantwortung zu ergänzen. Das eigentlich Neue an ihrem Vorschlag bezieht sich jedoch auf die Finanzierungsseite: Um die bisherige intransparente Beteiligung auch einkommensschwacher Eltern an der Finanzierung der Familienleistungen zu beseitigen, sollte die Finanzierung des Familienlasten- und Familienleistungsausgleich als Zuschlag zur Einkommensteuer ausgestaltet werden (»Kinder-Soli«). Dieser Vorschlag verspricht in der Tat eine sehr effektive und das gesamte Transfersystem erheblich vereinfachende Lösung, die dem ursprünglichen Gedanken Wilfried Schreibers (Schreiber-Plan), die Transferströme zugunsten der nachwachsenden Generation in einer »Kinderkasse« zu bündeln, nahe kommt. (Vgl. Wilfried Schreiber, Existenzsicherung in der industriellen Gesellschaft, 1955, S. 32ff.). Immer bleibt es eine politische Entscheidung, in welchem Ausmaße die Bevölkerung zur kollektiven Altersvorsorge angehalten werden soll, und nur in diesem Zusammenhang kann realistischerweise von einem Familienleistungsausgleich die Rede sein. In diesem Rahmen allerdings erscheint mir die Anerkennung der Haushaltsproduktion neben der marktwirtschaftlichen Produktion und damit die Anerkennung der Humanvermögensbildung als Investition neben der Sachvermögensbildung eine wissenschaftliche und politische Voraussetzung, um Deutschland eine humanere und ökonomisch nachhaltigere Zukunftsperspektive zu geben. Um dies zu begreifen, muß man sich allerdings vom Schleier einer bloß monetären Betrachtungsweise lösen und die realen Zusammenhänge der Wohlfahrtsproduktion in den Blick nehmen.“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 230-231).

Schreibers Plan von 1955 ist auch heute noch aktuell, sein „Drei-Generationen-Modell“ war und ist richtig, doch Adenauer lehnte es ab, weshalb nur ein verkrüppeltes „Zwei-Generationen-Modell“ übrig blieb, weil der damalige Bundeskanzler Adenauer leider meinte: „Kinder kriegen die Leute sowieso“. Hauptargument für Schreibers Umlageverfahren ist die proportionale Angleichung des Rentenniveaus an die wirtschaftliche Entwicklung der Arbeitseinkommen. Schreiber forderte „radikale Unterdrückung von Staatszuschüssen zur Sozialversicherung.“ (Wilfried Schreiber, Existenzsicherung in der industriellen Gesellschaft, 1955, S. 14). „Es ist der Rentenkasse grundsätzlich untersagt, irgendwelche Vermögenswerte, seien es Zuschüsse oder Zuwendungen von juristischen oder natürlichen Personen oder Stiftungen entgegenzunehmen oder zu verwalten.“ (Ebd., S. 29). Denn: „Es ist ersichtlich sinnlos, dem Steuerzahler zunächst Einkommensteile in Form von Steuern abzunehmen und sie ihm dann mit der Geste des Wohltäters zurückzugeben. Machen wir Schluß mit diesem Gaukelspiel, das nur der falschen Optik der Staatsomnipotenz Vorschub leistet. Der Staat verlangt von uns Unternehmern mit Recht Bilanzklarheit und Wahrhaftigkeit. Wir verlangen mit demselben Recht Klarheit und Wahrhaftigkeit der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.“ (Ebd., S. 14). Wie bereits gesagt: Der Schreiber-Plan beruhte ursprünglich (das heißt: bevor Adenauer ihn amputierte!)  auf einem „Drei-Generationen-Modell“. „In der industriellen Gesellschaft stellt sich daher erstmalig das Problem der Verteilung des Lebenseinkommens auf die drei Lebensabschnitte: Kindheit und Jugend, Arbeitsalter sowie Lebensabend.“ (Ebd., S. 7).
„Kindheit und Jugend“
„Arbeitsalter“„Lebensabend“
Schreiber ging davon aus, daß ein umlagefinanziertes Rentensystem nur ungestört funktionieren kann, wenn ein ausgewogenes Verhältnis der Generationen vorausgesetzt werden kann. Die Erwerbsfähigen müßten daher nicht nur in die Rentenkassen einzahlen, sondern auch Kinder großziehen, um die Versorgung künftiger Rentner durch eine hinreichende Anzahl von Beitragszahlern zu gewährleisten. Um die familiäre Leistung der Kindererziehung zu honorieren, schlug Schreiber eine zusätzliche „Kindheits-und Jugendrente“ vor, und zwar mit Staffelung der Rückerstattungsquoten nach Familienstand als „bewußtes Element der Bevölkerungspolitik.“ (Ebd., S. 35). Die „Institutionen der Altersrente und des Kindergeldes“ gehörten mit Notwendigkeit zusammen und müßten als Einheit gesehen werden, „weil beiden der gleiche und einheitliche Tatbestand und dasselbe Problem zugrunde liegen.“ (Ebd., S. 37). Erziehungsleistungen waren für Schreiber also ebenso Vorbedingung für die Beanspruchung einer späteren Altersrente wie das Einzahlen der Beiträge: „Wer kinderlos oder kinderarm ins Rentenalter geht und, mit dem Pathos des Selbstgerechten, für gleiche Beitragsleistungen gleiche Rente verlangt und erhält, zehrt im Grunde parasitär an der Mehrleistung der Kinderreichen, die seine Minderleistung kompensiert haben. Es gibt allen Spöttern zum Trotz ein gesellschaftliches »Soll« der Kinderzahl, eben jene 2,1 Kinder, die jeder Einzelmensch haben muß, damit die Gesellschaft am Leben bleibt und auch für den Unterhalt ihrer Alten aufkommen kann.“ (Ebd., S. 37). Das Konzept der Kindheits-und Jugendrente wurde leider - man kann es gar nicht oft genug beklagen - von dem Herrn Bundeskanzler Adenauer und auch mehrheitlich von seiner Regierung abgelehnt. Offenbar verfolgte Adenauer andere Pläne zur Familienförderung. Er hatte bereits 1953 mit Franz-Josef Wuermeling einen Familienminister eingesetzt - und ab 1955 gab es Kindergeld - allerdings unabhängig von der Gesetzlichen Rentenversicherung. Schreiber forderte auch einen „doppelten Erstattungsfaktor“ für Kinderlose ab einem Alter von 35 Jahren. Kinderlose Werktätige über 35 Jahre sollten unmißverständlich mit diesem „doppelten Erstattungsfaktor“ (Faktor zur Erstattung der Kindheits-und Jugendrente, welche dann allerdings ja - wegen Adenauer - nicht eingeführt wurde) zu Kasse gebeten werden. „Dem unverheirateten 35jährigen wird die doppelte Erstattungsquote aufgebürdet (gegenüber dem Ehepaar mit zwei Kindern), nicht um ihn für seine »Ehelosigkeit« zu bestrafen - eine sittliche Wertung seines Verhaltens ist nicht Sache dieser Abhandlung, die sich an rein wirtschaftliche Gegebenheiten hält. Die Doppelung seines Erstattungsfaktors ist nur die sehr milde Kompensation dafür, daß er nichts unternimmt, um sein gesellschaftliches Nachwuchs-Soll zu erfüllen, dabei aber obendrein sein Individualeinkommen für sich allein verbrauchen kann, während der Ehemann im erstrebten Regelfall es mit seiner Gattin teilen muß. Diese Doppelung ist auch in den Fällen gerecht, in denen aus biologischen Gründen eine Verheiratung unmöglich oder unerwünscht ist. Es wird ja keine Gesinnung belohnt oder bestraft, es werden nur Folgerungen aus objektiven wirtschaftlichen Tatsachen gezogen. Ob einer ehelos bleiben will und wieviel Kinder er haben will, sei eine eigene, höchst individuelle Entscheidung, in die ihm kein Staat dreinreden soll.“ (Ebd., S. 37f.). Selbstverständlich hielt Schreiber einen in der Zukunft möglichen Bevölkerungsrückgang für problematisch: „Die Rechnungsgrundlagen für die Altersrente zeigen eindeutig, daß die Rentenversorgung der Alten und Nicht-mehr-Arbeitsfähigen immer problematischer wird, wenn sich der Baum der Bevölkerung nicht ständig von unten her ergänzt.“ (Ebd., S. 36). Schreiber selbst hatte allerdings noch keinen Grund zu allzu großer Besorgnis. Die zukünftige Rentensicherheit war seinerzeit durch einen beginnenden Geburtenüberschuß gewährleistet. Zudem konnte er zuversichtlich der bereits absehbaren Wohlstandsentwicklung des Wirtschaftswunders entgegensehen. Selbst wenn auf den Ausgleich demographischer Schwankungen verzichtet würde, stünde sich der Rentner nach der Rentenreform immer noch besser als vorher. Eine - von Schreiber vorhergesehene - Rentenverschlechterung durch „Überalterung“ unseres Volkes und durch die höhere Lebenserwartung der Rentner würde binnen kürzester Zeit durch die mit Sicherheit zu erwartenden Aufwärtsentwicklung der Arbeitseinkommen überkompensiert. (Vgl. ebd., S. 31). Schreiber hatte daher allem Grund zum Optimismus: Seine „dynamische Rente“ war schließlich auf den „Gleichlauf von Renten und Lebensstandard“ angelegt. Die Altersrenten folgten also „ohne Verzug jeder Steigerung des allgemeinen Lebenstandards“ (ebd., S. 31). „Mögen 50% des Arbeitseinkommens als Rente heute noch knapp erscheinen“, so Schreiber, „ in naher Zukunft wird dieser Satz durchaus annehmbar sein.“ (Ebd., S. 45). Die Politik begann jedoch wieder, Fehler zu machen, zu verordnen, denn entgegen Schreibers Empfehlungen setzte Bundeskanzler Adenauer ein Brutto-Rentenniveau von 60% fest - und zwar trotz aller mathematischen Bedenken, die ihm von wissenschaftlicher Seite entgegengebracht wurden. Die Erhöhung war offenkundig strategisch motiviert. Die Gewerkschaften und die SPD hatten schließlich 75% gefordert. Bei den anstehenden Bundestagswahlen von 1957 wären die von Schreiber vorgesehenen 50% also vergleichsweise unattraktiv gewesen. Auch dieses Mal wurde leider die Vernunft von der Politik amputiert.

Also: Schreibers Vorschläge zur Rentenreform sind auch heute noch außerordentlich aktuell. Schreibers Empfehlungen sind so gegenwartsnah, daß man kaum glauben mag, daß der Text des Schreiber-Planes bereits in den 1950er Jahren geschrieben wurde. Alle für die Rentenversicherung in der Zukunft möglichen Fehlentwicklungen hatte er klar vorhergesehen: „Hätte die Politik damals Schreibers umfassendes Konzept ganz übernommen, wären unsere Sozialversicherungen heute nicht in einer Krise“, so der Bund Katholischer Unternehmer in der offiziellen Stellungnahme. Mit der „dynamischen Umlagefinanzierung“ hatte Schreiber den gewählten Volksvertretern des Deutschen Bundestages ein zweifellos funktionierendes Rentensystem anvertraut, welches allerdings - ganz im Gegensatz zu wahltaktischen 4-Jahres-Strategien - auf kluge und vorausschauende Politik angewiesen ist. Den ökonomischen Weitblick der praktischen Politik hatte Schreiber dabei offenbar überschätzt. So ist die gegenwärtige Rentenversicherung - entgegen Schreibers ursprünglich selbsttragender Konstruktion - weitgehend auf staatliche Zuschüsse angewiesen.

Weitere positive Stimmen zum Schreiber-Plan: „Die 1955 von dem Kölner Privatdozenten Wilfried Schreiber (Volkswirt und Geschäftsführer des Katholischen Unternehmerverbandes) vorgeschlagene und von Konrad Adenauer in der epochemachenden Rentenreform von 1957 verwirklichte Idee einer demographischen Garantie der Alterssicherung durch das Umlageverfahren - die jeweils mittlere Generation finanziert die Renten der gleichzeitig lebenden Ruheständler - ist im Prinzip die beste Lösung, allerdings nur dann, wenn die demographische Basis langfristig trägt, und zwar über einen Zeitraum von Generationen. Ist diese Voraussetzung verletzt - Adenauer glaubte, daß die Menschen sowieso «immer» genügend Kinder haben und lehnte die von Schreiber zusätzlich zur Rentenkasse geforderte «Familienkasse» strikt ab -, treten schwierigste Bewertungsprobleme auf. Dann müssen bei der Bemessung der Rentenhöhe zwei verschiedene Arten von Lebensleistungen gerecht gegeneinander abgewogen werden: Die unbezahlten Arbeits- und Erziehungsleistungen der Eltern, insbesondere der Frauen, und die vom Markt entlohnten Arbeitsleistungen der Erwerbstätigen bzw. die daraus entrichteten monetären Rentenbeiträge.“ (Herwig Birg, Die ausgefallene Generation - Was die Demographie über unsere Zukunft sagt, 2005, S. 120). – „Durch das Verbot der Kinderarbeit und die Einführung formaler Verrentungsgrenzen hat die stattliche Sozialpolitik schon im 19. Jahrhundert die Lebensphase der Erwerbstätigkeit durch Altersgrenzen definiert. Und im 20. Jahrhundert wurde durch Hinaufsetzung des Jugendschutzalters und den Ausbau des Bildungswesens einerseits sowie durch Herabsetzung des Verrentungsalters und die Ermöglichung eines vorzeitigen Ruhestandes andererseits die Erwerbsphase weiter eingeengt, so daß heute die Erwerbstätigen im wesentlichen der Altersgruppe der 20-bis-60-Jährigen angehören. Weil die meisten sozialpolitischen Maßnahmen durch einkommensproportionale Beiträge vom Arbeitsentgelt finanziert werden, Erwerbsarbeit selbst aber in einem immer enger werdenden Altersrahmen sich konzentriert, hat sich der Sozialstaat immer unmittelbarer von der demographischen Entwicklung abhängig gemacht. .... Schreiber ... forderte ... nicht nur einen staatlich vermittelten Solidarvertrag zwischen der erwerbstätigen und der alten Generation, sondern einen zweiten Solidarvertrag zwischen der erwerbstätigen und der nachwachsenden Generation, wobei die vorgesehene Kinder- und Jugendrente von ihm als eine Art Darlehen an den Nachwuchs verstanden wurde, das von diesem ab dem 35. Lebensjahr zu einem von der eigenen Kinderzahl abhängigen Erstattungssatz in Form von Beiträgen zurückzuzahlen wäre. (Es fällt auf, daß die Ausführungen Schreibers zum »Lebensanspruch der Kinder und Jugendlichen« [Wilfried Schreiber, Existenzsicherheit in der industriellen Gesellschaft, 1955, S. 31-35] in späteren Nachdrucken des »Schreiber-Plans« weggelassen wurden!). Der Beitrag der nachwachsenden Generationen zu diesem zweiten Generationenvertrag sollte also entweder durch das Aufziehen eigner Kinder oder durch Geldleistungen erfolgen. Noch deutlicher werden die Implikationen in einem Diskussionsbeitrag von Joachim Wiesner (in: Oswald Nell-Breuning / Cornelius G. Fetsch, Drei Generationen in Solidarität - Rückbesinnung auf den echten Schreiber-Plan, 1981, S. 66) ausgedrückt: »Rentenpolitisch folgt daraus, daß analog zu den anrechnungsfähigen Zeiten im Rentenanspruchskatalog, wie z. B. Berufsbildung, Wehrdienst, Arbeitslosigkeit u.s.w. auch ein Faktor »Honorierung von menschlichen Investitionen« eingefügt werden muß, und zwar nicht etwa nur in der Almosenform von einigen wenigen zusätzlichen Baby-Jahren, Erziehungszeiten u.s.w., sondern als gleichberechtigte Komponente neben monetären Beitragsleistungen, als geldmäßiger Anspruch an die umzuverteilende (sic) Rentenkasse.«“ ... Wilfried Schreiber war durchaus klar, daß das von ihm entworfene System nur unter der Voraussetzung einer annähernden Konstanz der demographischen Proportionen zwischen den Generationen langfristig funktionieren könne ....“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 205-208).

Rentenniveau
Rentenformel
Seit dem Rentenreformjahr 1957 ist das Rentenniveau ziemlich stabil geblieben, d.h.: „nach anfänglichen Schwankungen bisher erstaunlich stabil, das Bruttorentenniveau in einer Größenordnung von 50, das Nettorentenniveau in einer solchen um 70, beide mit leicht sinkender Tendenz. Ein zweiter für die Alterssicherung wichtiger ökonomischer Indikator ist der für langfristig angelegtes Kapital erzielbare Zinssatz. Er hat ... erhebliche Veränderungen erfahren. Aber auch hier kommt es nicht auf die absolute Höhe, sondern auf das Verhältnis von Zins und Lohnsteigerungsrate an. Lange Zeit lag der Zinssatz darunter. Heute erwartet man, daß er künftig immer darüber liegen werde. Doch wer weiß das heute?“  (Heinz Grohmann, Alterssicherung im Wechsel der Generationen, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 11-12). Unter diesem Blickwinkel noch eine Bemerkung zu insbesondere langfristigen Voraus- oder Modellberechnungen: sie sind, wenn sie „über die demographische Grundkomponente hinausgehen, zwar mit einer weit größeren Unsicherheit behaftet; für Langfristanalysen zur Alterssicherung können sie jedoch hilfreich sein. Sie eigenen sich jedenfalls als Hilfsmittel zur Abschätzung der Auswirkungen sozio-ökonomischer Verhaltensänderungen und - vielleicht als wichtigster Zielsetzung - zur Abschätzung der Auswirkungen von Reformmaßnahmen.“  (Ebd., S. 12). Reformen und nicht Reförmchen, liebe Politiker, sind gemeint. Und diese Reformen betreffen nicht nur das Sicherungssystem, sondern das gesamte politische System!

„Wird die Politik bereit sein, bisher wirksame ideologische Scheuklappen abzulegen?  Unerläßlich erscheint, daß die politischen Entscheidungsträger den politischen Willen aufbringen, eine solche rational einichtig gemachte ganzheitliche, auch bevölkerungsbewußte Familienpolitik tatsächlich durchzusetzen. Ein grundlegender gesellschaftspolitischer Paradigmenwechsel ist jedenfalls überfällig. Verschiedentlich wird im politischen Raum befürwortet, die Soziale Marktwirtschaft (als Neue Soziale Marktwirtschaft) »auf eine höhere Ebene zu heben« (Angela Merkel). Wenn dies gewollt ist, dann läuft es - ob sich deren Befürworter dessen bewußt sind oder nicht - auch im Blick auf die demographische Problemlage auf nicht mehr und nicht weniger als eine Revision auch der ethischen Grundlagen unserer Sozial- und Kulturordnung mit einer grundlegenden Neu- und Höherbewertung der Elternschaft und einer Besinnung auf den Eigenwert von Kindern hinaus. Hier rückt die gesamte Wirtschafts- und Sozialordnung auf den Prüfstand i.S. einer Verträglichkeitsprüfung im Blick auf die Übernahme von Elternschaft, die unter der konkreten gesellschaftspolitischen Ausgestaltung der sozio-kulturellen und sozialökonomischen Lebensbedingungen von Familien auf Entscheidungen der einzelnen (Ehe-)Paare beruht,
ldie, stets auch risikobehaftet, als vernünftig erscheinen und als lebenssinnstiftend erlebt werden können,
ldie in personaler Freiheit und Verantwortung getroffen werden,
lderen Gemeinwohlbezug sich für die Einzelnen als evident erweist.
Diese erst in Umrissen erkennbare gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung, in der den gegenwärtig unverkennbar vorhandenen Zügen eines ausgeprägten Hedonismus ebenso verändernd zu begegnen ist wie Tendenzen zum Ausleben eines individuellen Egoismus, wird sich nicht von selbst einstellen, sondern muß durch eine vorbedachte und bewußte Sozialordnungspolitik angestrebt und gestaltet werden. Wenn es richtig ist, daß die Bejahung des gesellschaftsordnungspolitischen (und nicht nur wirtschaftsordnungspolitischen) Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft auch von dem begründeten Vertrauen abhängt, nicht nur am Erfolg des Systems teilzuhaben, sondern auch in Problemlagen durch Schutzmechaninismen aufgefangen zu werden, dann muß dies gerade für junge Eltern eine ausreichende Berücksichtigung des nicht selten auftretenden Konflikts zwischen familiären Verpflichtungen und und der damit in Übereinstimmung zu bringenden, wenngleich dann auch mehr oder weniger begrenzten Entfaltungsmöglichkeiten insbesondere im Erwerbsarbeitsleben einschließen. Nur dann können den betroffenen Familien die Erfordernisse des Wirtschaftsprozesses und die sozialen Lebensbedürfnisse »jenseits des Marktes« als im Gleichgewicht befindlich erscheinen. Indem eine familienorientierte Wirtschafts- und Erwerbsarbeitsordnung einen wirksamen Beitrag leistet zur Vergrößerung der Chancengleichheit für die Verwirklichung von Lebensentwürfen mit Kindern in der Konkurrenz zu nichtfamilialen Lebensformen, trägt sie zur Festigung des ordnungspolitischen Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft im Bewußtsein breiter Schichten bei. Hier vollzieht sich gerade für Menschen und junge Eltern, die bewußt Elternverantwortung gemeinwohldienlich übernommen haben oder zu übernehmen bereit sind, in aller Stille ein Glaubwürdigkeitstest auf die Soziale Marktwirtschaft.“ (Max Wingen, Die Geburtenkrise ist überwindbar - Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004, S. 124-126).

„F.-X. Kaufmann kritisert zu Recht einen von ihm auch früher schon nicht geteilten »demographischen Fatalismus« ... und sieht diesen Fatalismus jüngst (in: FAZ, 12.07.2004) ausdrücklich als charakteristisch für die veröffentlichte Meinung an. Die rückläufige Bevölkerungsentwicklung werde als Schicksal angesehen, das man nicht wesentlich beeinflussen könne. Nun erweist sich diese veröffentlichte Meinung ja bei den politischen Entscheidungsträgern immer wieder als sehr einflußreich. Aus dem engeren Kreis der an bevölkerungs- und familienwissenschaftlichen Fachdiskussionen Beteiligten müssen sich nicht wenige darauf hin befragen lassen, ob sie nicht diese fatalistisch anmutende Grundeinstellung durch verallgemeinernde Urteile über die Wirksamkeit von einzelen familienpolitischen Maßnahmen gefördert haben. .... Dennoch sollte sich die Politik nicht zu der These verleiten lassen, politische Anstrengungen nützten heute ohnehin nichts mehr. Es ist schon sehr spät, aber noch nicht zu spät! Damit werden freilich auch folgenreiche Probleme im Verhältnis von (Tages-)Politik und demographischem Prozeß sichtbar: Bei den demographischen Vorgängen haben wir es, wie im engeren Kreis der Fachöffentlichkeit immer wieder betont worden ist, durchweg mit Prozessen zu tun, die weit über eine Legislaturperiode hinausreichen. Mit kurzatmigem Aktionismus ist hier nichts zu bewirken. Der naheliegende Wunsch der Politiker, am Beginn einer Legislaturperiode zu säen, um an ihrem Ende das dadurch Bewirkte zu ernten, läßt sich hier nun einmal nicht erfüllen. Damit wird ein Problem in unserer »real existierenden parlamentarisch-repräsentativen Demokratie« berührt, das eine rationale Politik im Blick auf eine gemeinwohldienliche Rahmensteuerung der demographischen Entwicklung, insbesondere der Geburtenentwicklung, erschwert. Hier sind Langfristperspektiven gefragt, die keinen tagespolitischen Erfolg versprechen (können). Die verantwortliche Gestaltung der künftigen Entwicklung verlangt längst ein verstärktes Denken in Generationen - anstelle eines Denkens in Legislaturperioden. Die Politiker sollten ihre familienpolitischen Entscheidungen vielleicht auch weniger an den Demoskopen ausrichten als vielmehr an den Demographen. Im Blick auf ein wiederwahlorientiertes Kurzfristdenken von politisch Verantwortlichen haben H.-P- Klös und R. Kroker (vom Institut der Deutschen Wirtschaft) jüngst die bedeutsame Frage aufgeworfen, ob es sich bei der mangelnden Durchsetzung von »Nachhaltigkeitserwägungen« (trotz diesbezüglicher Rhetorik) nur um eine »degenerative Entwicklung oder einen grundsätzlichen und damit nur konstitutionell behebbaren Konstruktionsfehler einer parlamentarischen Demokratie« handelt. (Vgl. H.-P. Klös / R. Kroker, Perspektive 2050 - Ökonomik des demographischen Wandels, 2004, S. 395). .... Die gestellte grundsätzliche Frage ... rührt im übrigen an die weiterreichende Frage nach Strukturreformen des gesamten politischen Systems (!!!). Eine Antwort könnte möglicherweiese auch in der Richtung zu suchen sein, daß sich erst unter zusätzlichen, noch näher zu klärenden Bedingungen in unserer politischen Ordnung solche »degenerativen Erscheinungen« einstellen. Zu diesen Randbedingungen gehört sicherlich der von den Autoren genannte Medieneinfluß ....“  (Max Wingen, Die Geburtenkrise ist überwindbar - Wider die Anreize zum Verzicht auf Nachkommenschaft, 2004, S. 127-129).

Kugel

„Kinder kommen natürlich im Grundgesetz vor. Ein spezielles Grundrecht des Kindes findet sich aber nicht. Das Grundgesetz verlangt der Rechtsordnung zwar wirksame Vorkehrungen zum Schutz des Lebens ab. In der politischen und gesellschaftlichen Praxis spiegelt sich aber der Lebensschutz nicht wider. Auf etwa 40 Millionen Euro wurden z.B. für 2003 die Aufwendungen der öffentlichen Haushalte in Deutschland geschätzt, um den Schwangerschaftsabbruch medizinisch »lege artis« durchzuführen. (Vgl. FAZ, 05.06.2004, S. 8). Einsparungen an anderer Stelle gleichen den Aufwand aus. So kann der »Freistaat« Bayern sein »Landeserziehungsgeld« um 30 Millionen Euro auf Grund des Geburtenrückgangs verringern.“ (Udo Steiner, Generationenfolge und Grundgesetz, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 25-26).

Im gesamten System der Gesetzlichen Sozialversicherungen „begünstigt die Erziehungsleistung versicherter Eltern die Gruppe der Versicherten ohne Kinder. Dies wird sichtbar, wenn man die Gruppe der Eltern mit unterhaltsbedürftigen Kindern vergleicht mit der Gruppe der kinderlos bleibenden Versicherten. Beide sind bei einer Finanzierung der Sozialversicherung im Umlageverfahren darauf angewiesen, daß Kinder in genügend großer Zahl nachwachsen. (Vgl. Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 07.07.1992, BVG, E 87, S. 37: »Denn die als Generationenvertrag ausgestaltete Rentenversicherung läßt sich ohne die nachrückende Generation nicht aufrechterhalten«.). Die heutigen Beitragszahler der erwerbsfähigen Generation vertrauen im Umlageverfahren darauf, daß in der Zukunft in ausreichendem Umfang neue Beitragsschuldner dem Versicherungssystem zugeführt werden. Diese neuen Beitragsschuldner können aber nur die Kinder von heute sein, denen in der Zukunft zugunsten der dann pflegebedürftigen Alten eine kollektive Finanzierungspflicht auferlegt wird, und zwar durch Beitragslasten, die Folge der Pflichtmitgliedschaft sind. Der Senat hat formuliert: Diese Finanzierungspflicht kommt einer kollektiven Unterhaltspflicht gleich, die auf den besonderen Bedarf der Pflege bezogen ist. Pointierter: Es geht um die Absicherung eines Altersrisikos durch im öffentlich-rechtlichen Zwangssystem gesamthänderisch verbundene Unterhaltsschuldner. (Vgl. BVG, E 103, 242 [246]). Es erwächst damit den Versicherten ohne Kinder im Versicherungsfall ein Vorteil aus der Erziehungsleistung anderer beitragspflichtiger Versicherter, die wegen der Erziehung zu ihrem Nachteil auf Konsum und Vermögensbildung verzichten. Versicherte, die Kinder erziehen, sichern die Funktionsfähigkeit der Pflegeversicherung also nicht nur durch Beitragszahlung, sondern auch durch Erziehungsleistung. Im Beitragsrecht entsteht dadurch ein Gleichheitsproblem zwischen Versicherten mit und Versicherten ohne Kinder. Die Antwort auf dieses Gleichheitsproblem kann nicht allein - und dies gilt es klarzustellen - die Anerkennung von Kindererziehungszeiten sein. Solche Zeiten gleichen kinderbedingte Nachteile im Aufbau von Rentenanwartschaften aus, nicht unterschiedliche wirtschaftliche Belastungen in der Phase der Kinderziehung. Die Resonanz auf diese Entscheidung in der allgemeinen Publizistik und vor allem in den Leserbriefspalten unserer großen Tageszeitungen war und ist nicht frei von Mißverständnissen ....“ (Udo Steiner, Generationenfolge und Grundgesetz, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 30-31).

„Es mag zwar nahe liegen, im lobbyfreien Raum eines Verfassungsgerichts mehr Generationengerechtigkeit zu erwarten als im politischen Raum, in dem sich angeblich Generationenegoismus effektiver entfalten kann .... Wir brauchen in Deutschland im Augenblick nicht mehr Rechtsprechung, sondern mehr politische Gestaltung. Dies gilt auch für die Antwort auf unser demographisches Problem.“ (Udo Steiner, Generationenfolge und Grundgesetz, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 36).

„Weshalb konnte die familienpolitische Katastrophe - binnen 40 Jahren nahezu eine Halbierung der Geburtenzahlen und gleichzeitig eine Versechzehnfachung des Anteils der Kinder in der Sozialhilfe - in Deutschland geschehen?  Warum passiert nun, da sie offenbar ist und zugleich das aus ihr resultierende wirtschafts- und sozialpolitische Desaster klar zu Tage tritt, immer noch nichts, um wenigstens zu retten, was zu retten ist?  Wieso wird die ökonomische Situation der Familien trotz gegensätzlicher Beteuerungen der Politik relativ zu Kinderlosen stattdessen weiter handfest verschlechtert - sogar trotz entgegen stehender energischer Aufträge des Bundesverfassungsgerichts?  Weshalb ist nicht einmal eine rationale Debatte über die Fragen möglich, sondern enden selbst Versuche, sich auch nur über die Fakten zu verständigen, jedes Mal in hoch emotionalen Zerwürfnissen, aggressiver Konfusion?“  (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 37).

„Alles spricht dafür, daß der kardinale Fehler in unserer Sprache liegt, wenn wir jetzt »mit dem Latein am Ende sind«. Aus falschen Begriffen resultieren fehlerhafte Vorstellungen. Gesellschaftliche Verständigung wird unmöglich. Die Politik, deren Aufgabe es ist, aus Tatsachen Meinungen und daraus schließlich Gesetze zu machen, kann nicht einmal mehr die Tatsachen erkennen. Schließlich wird »die große Konfusion zur Stunde der Manipulateure« (Norbert Blüm), das Ende ist Tohuwabohu. Mittendrin, als Opfer und Täter dieser Entwicklung, finden wir dabei, an vielen Schaltstellen, die Juristen und das Bundesverfassunsgericht: »Nie haben Dichter die Natur so verändert wir Juristen die Wirklichkeit !«  (Giraudoux). Soziale Zerstörung durch Sprache. Schon die Bibel weist mit der Geschichte vom Turmbau zu Babel auf die Bedeutung der Sprache für gesellschaftliches Gelingen und Kultur hin. Wie Bewußtsein schließlich mit Vorsatz manipuliert werden kann, beweist die Werbung. Sie ist inzwischen fester Bestandteil des politischen Wettbewerbs geworden und mit Blick auf solches Politikmarketing stellte der Freiburger Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis fest, daß man »ein politisches Gemeinwesen zuerst dadurch kaputt macht, indem man seine Sprache zerstört.«“ (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 37-38).

„Der semantische »Versicherungsbetrug«: Tatsächlich kann sich die These vom verhängnissvollen Einfluß der Semantik auf die Familien- und Sozialpolitik auf niemand geringeren als Kronzeugen stüzen als Gerhard Mackenroth selbst, dessen legendärer Vortrag »Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan« vor dem Verein für Sozialpolitik am 19. April 1952 die entscheidende Debatte zur Sozialreform der 1950er Jahre einläutete. An den Anfang seiner Ausführungen stellte Mackenroth nämlich folgende Feststellung: »Die soziale Umwelt, in der wir heute Sozialpolitik treiben, hat sich gegenüber früher total verändert. Und zwar handelt es sich dabei um grundsätzliche Wandlungen in der ganzen westlichen Welt, zu denen die besonderen Ereignisse der deutschen Nachkriegszeit nur noch dazukommen. Die Wirrnis kommt nämlich nicht zuletzt daher, daß wir zum Teil noch immer die alte Sozialpolitik treiben in einer völlig veränderten Welt, daß wir die alten Konzeptionen beibehalten, die inzwischen zu reinen Fiktionen geworden sind, daß wir mit den alten Begriffen weiterarbeiten, die zur sozialen Wirklichkeit nicht mehr stimmen.« Nachfolgend richtet Mackenroth den Fokus auf die Sozialversicherung: Weil aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden müsse, gebe es volkswirtschaftlich gesehen keine Möglichkeit einer Versicherung gegen irgendwelche sozialen Risiken; das Versicherungsprinzip sei geeignet, den Einzelnen zu sichern gegen die Abweichung seines Falles von der sozialen Norm, es könne aber nicht die Volkswirtschaft sichern gegen eine Änderung der sozialen Norm, gegen eine soziale Katastrophe. Die sozialpolitische Großaufgabe des 20. Jahrhunderts sei nicht mehr der soziale Ausgleich zwischen unterschiedlichen Klassen und Schichten, sondern innerhalb jeder sozialen Klasse und Einkommensschicht der Familienlastenausgleich zwischen Eltern und Kinderlosen. Die schärfste Gegnerschaft werde dieser These aus den Reihen der Sozialversicherung erwachsen. Er sollte Recht behalten, denn bei der großen Rentenreform 1957 setzten sich die Sozialversicherer durch. Die Transformation der familiären Altenversorgung in eine soziale Veranstaltung wurde formal in genau die Versicherungsterminologie gekleidet, deren sachliche Verfehltheit Mackenroth und seine Mitstreiter Wilfried Schreiber und Oswald von Nell-Breuning so vehement betont hatten; insbesondere der letztere wurde bis zu seinem Tode am 26.08.1991 im Alter von 101½ Jahren nicht müde immer auf die Tatsachenverdrehung in dieser Terminologie hinzuweisen. (Vgl. Jürgen Borchert / Oswald von Nell-Breuning, Die Alterssicherung hängt in der Luft, 1986, S. 205ff.). Der Etikettenschwindel ist bei genauem Hinsehen ja auch ohne weiteres für jeden zu erkennen: Weil bei einer allgemeinen Lebenserwartung von über 75 Jahren im Durchschnitt heute nämlich jeder das Rentenalter erreicht, handelt es sich bei der Sicherung des »Alters« um die - prinzipiell unversicherbare!-  soziale Norm; das war für die Bismarck'sche Rente bei ... einem Renteneintrittsalter von 70 Jahren noch anders .... Wenn dem entgegen gehalten wird, daß aber doch das Risiko der unterschiedlich langen Ruhestände versicherbar sei, so wird übersehen, daß für dieses Risiko allein die Nachwuchsgeneration geradestehen muß. Neuerdings wird nun zur Rettung des Versicherungsbegriffs behauptet, die GRV sei eine Versicherung gegen Kinderlosigkeit. (So z.B. Tim Köhler-Rama, Kinderzahlabhängige Beiträge in der Gesetzlichen Rentenversicherung, DAV 11, 2002, S. 449ff.; ebenso Hans Werner-Sinn, Das demographische Defizit, 2005, S. 7 *). Dabei wird jedoch mißachtet, daß Kinderlosigkeit nur zu ca. 8 Prozent auf Unfruchtbarkeit beruht, sie überwiegend also eine Folge der gewillkürten Lebensplanung und damit ebenfalls unversicherbar ist. Wie man die Dinge alo auch dreht und wendet, der Versicherungsbegriff, der die den Alten geschuldeten und gezahlten Unterhaltsbeiträge terminologisch in Versorgungsleistungen ummünzt, stellt die Dinge auf den Kopf. Will man für den sozialen Sachverhalt, der hier zu beschreiben ist, partout am Versicherungsbegriff festhalten, dann paßt dieser allenfalls für das Risiko der Angehörigen der Kindergeneration, ohne die GRV ihre eigenen, möglicherweise langlebigen Eltern jeweils unterhaltsrechtlich länger als durchschnittlich unterhalten zu müssen. So wird das System aber gerade nicht begriffen. Daß Kinder bei der vielfach geforderten Abschaffung der renditearmen GRV dann für ihre Eltern privat haften müssen und das teuer werden kann, soweit wird hierzulande nicht mehr gedacht. Die Verwendung der Versicherungsterminologie entpuppt sich also als ein besonders schwer wiegender semantischer Betrug.“  (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 38-40).

„Tatsächlich sah der ursprüngliche »Schreiber-Plan« (Schreiber-Plan) ja nicht nur eine Sozialisierung der Altenlasten, sondern in Gestalt der spiegelbildlich ausgestalteten »Jugendrente« auch eine Sozialisierung der Kinderkosten vor (»Verträge zwischen jeweils zwei Generationen«). Die Beiträge für die Jugendrente sollten dabei nach Kinderzahl gestaffelt und so sichergestellt sein, daß Altersversorgung nur erhielt, wer sich an den Kinderlasten beteiligt hatte. Dieser zweite Teil des »Schreiber-Planes« fiel jedoch unter den Tisch (Konrad Adenauer: »Kinder kriegen die Leute immer«). Obwohl nur das »Humankapital« die Deckung der Rentenanwartschaften sichern kann und die einzige echte Vorsorge für das System deshalb in der Kindererziehung liegt, sollten im neuen System fortan ausschließlich die Erwerbsbeiträge lohnersetzende, lebensstandardsichernde Rentenanwartschaften begründen. Gleichzeitig wurden die Mütter um ihre genuin und originär erworbenen Ansprüche geprellt. Statt entlastet zu werden, mußten Eltern infolge der Sozialisierung der Altenlasten bei privatisierten Kinderlasten ab sofort zusätzlich noch die Altersvorsorge für ihre lebenslang kinderlosen Jahrgangsteilnehmer in Gestalt der Kindererziehung auf ihre Privatkosten leisten - zu Lasten ihrer eigenen Brut! Hinter der ehrwürdigen Fassade eines angeblich solidarischen Sozialversicherungssystems und als »Generationenvertrag« verkleidet wurde so tatsächlich ein System der »Transferausbeutung der Familien« installiert: »Seitdem täuschen sich viele Sozial-, Familien- und Rentenpolitiker; viele ihrer juristischen Berater sowie der Verfassungsjuristen des Sozialstaates über die wirklichen Befunde hinweg. Sie nahmen die bloße Idee des halbierten ›Generationenvertrags‹ als ganze Wirklichkeit: ›Generationenvertrag‹ klingt nach Solidarität; es scheint, als ›vertrage‹ man sich fair und freiheitsfreundlich. Wie bei ›Vertrag‹ überhaupt suggeriert man sich und anderen, Leistungen und Gegenleistungen seien auch schon sachlich wohlbalanciert. Im schroffen Gegensatz zu dieser Fiktion steht die Wirklichkeit: Zwangstransfers, Ungerechtigkeit, Ausbeutung. .... Die Idee vom ›Generationenvertrag‹ fungierte bei alledem ... als schiere Harmonisierungsoptik bei der Verschleierung von Wirklichkeit im allgemeinen sowie von Zwang und Ungerechtigkeit im besonderen. Das Wahrnehmungs-, Denk- und Beurteilungsvermögen wird durch solche fiktiven Harmoniehypothesen ideologisch verzerrt und emotional eingelullt« (Dieter Suhr, Transferrechtliche Ausbeutung und verfassungsrechtlicher Schutz von Familien, Müttern und Kindern, 1990, S. 69 ff.), und das alles macht dann die Täuschung perfekt, die bekanntlich ja »immer weiter als der Verdacht geht« (Larochefoucauld). Der Gesetzgeber hat der Gesellschaft damit ein Kuckucksei in den »Generationenvertrag« als Nest gelegt, denn Eltern werden in ihm gezwungen, auf Privatkosten und damit auch zu Lasten der eigenen Brut die Altervorsorge für ihre lebenslang kinderlosen Generationsgenossen mit zu erbringen.“ (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 40-41).

Kugel Semantik mit chrematistischen* Wurzeln

Sucht man nach den Gründen, weshalb eine derart widersinnige und den Vorstellungen der Erfinder des neuen Systems stracks zuwiderlaufende und von ihnen heftig bekämpfte Reform überhaupt möglich wurde, kommt man am Rekurs auf die große soziale Transformation des 19. Jahrhunderts nicht vorbei, die mit Stichworten wie Industrialisierung und Urbanisierung, Trennung von Haus und Arbeit, gesellschaftlicher Arbeitsteilung und zunehmender Durchdringung aller Bereiche durch eine hochentwickelte Geldwirtschaft beschrieben wird. Dabei ist die Auflösung der von lohnloser Zusammenarbeit und relativer Autarkie getragenen Wirtschaftsformen des »ganzen Hauses« und der Landwirtschaft von besonderer Bedeutung. Sie führte nämlich zur räumlichen und zeitlichen Trennung von Erwerbs- und Privatsphäre, wobei der Mann zum homo oeconomicus und die Frau zur domina privata avancierte. Gleichzeitig brachte es der Siegeszug der Markt- und Geldwirtschaft mit sich, daß diese Bereiche nicht als gleichwertige und komplementär aufeinander bezogene Aufgaben wahrgenommen, sondern diese Dichotomie von Erwerbsarbeit und Privatem hierarchisch angelegt wurde. Das der Geldwirtschaft immanente chrematistische Prinzip, welches auf die Maximierung der Tauschwertproduktion ausgerichtet ist, beinhaltet nämlich per se ein Informations- und Bewertungssystem, in welchem die reproduktiven Leistungen systematisch unterdrückt, verkannt und nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Denn die lohnabhängigen Arbeiten zählt man zum volkswirtschaftlichen Einkommen, die »stille« Arbeit der individuellen und gesellschaftlichen Reproduktion setzt man wertmäßig gleich Null, weil das »Produkt« der Erziehung schließlich nicht tauschbar ist, ja Erziehung wird sogar in »Urlaub« umgedichtet. Es ist bezeichnend für diese einseitige Wahrnehmung und Wertung der gesellschaftlichen Entwicklungen, daß der Philosophie dieser blinde Fleck des Chrematismus schon gar nicht mehr auffiel, als sie sich im Zuge der großen Transformation den Zusammenhängen von Sein und Bewußtsein und ihren Wechselwirkungen zuwandte (namentlich Hegel und Marx). Ausschließlich die formellen Gesellschaftsprozesse waren Gegenstand des philosophischen und sonstigen wissenschaftlichen Interesses. Und so wie die gesellschaftliche Arbeitsteilung seitdem aus den vormals nur wenigen Dutzend Berufen bis heute 44000 unterschiedliche Tätigkeiten von »Aalbrutzüchter« bis »Zytotechnologische Lehrassistentin« mit jeweils eigenen Arbeitswelten und Begriffszusammenhängen hat entstehen lassen, entwickelten sich auch wissenschaftlich immer neue Spezialgebiete. Für die gesellschaftlichen Prozesse wurde dabei die Abstraktion des Geldwesens immer dominanter, dessen durchschlagende (Wechsel- )Wirkungen auf Sein und Bewußtsein als erster wohl Georg Simmel klar erkannt und dabei zentrale Begriffe der modemen Gesellschaftswissenschaften geprägt hat (Individualismus-Debatte, Entfremdungsproblematik, Fremdheit und Rolle der Geschlechter). Die wachsende Verselbstständigung wichtiger Teilbereiche der Gesellschaft (z. B. der Wirtschaft, des Rechts und der Politik), welche im 20. Jahrhundert eine vorher nicht da gewesene Komplexität und Unüberschaubarkeit erzeugte, beschrieb er schon im Jahr 1900 in seinem Hauptwerk »Philosophie des Geldes«. Daß das Zusammengehörige auseinander gerissen und in isolierte Tatsachenkomplexe aufgelöst wird, präzisierte sein Schüler Georg Lukacs schließlich 23 Jahre später als generelles Charakteristikum des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs, der infolgedessen die Phänomene der Gesellschaft und zugleich ihre Begrifflichkeit als isolierte Tatsachen und eigengesetzliche Teilgebiete behandele. Wie willkürlich und abrupt die Grenzen der jeweiligen Disziplinen schon infolge der chrematistischen Blindheit gezogen wurden, beschreibt dabei das Schumpeter-Theorem von 1907: »Die Menschen sterben, neue werden geboren, und so kann man in der Tat, ohne sich besonders Gewalt anzutun, die stets vorhandene Arbeitskraft ähnlich behandeln wie das Land. Wohl muß im Gegensatz zu letzterem eine Reproduktion erfolgen, aber dieselbe fällt aus dem Rahmen ökonomischer Betrachtung heraus«. (Joseph Alois Schumpeter, Das Rentenprinzip in der Verteilungslehre, in: Aufsätze zur ökonomischen Theorie, postum, S. 213) Von hier bis zu J. M. Keynes, demzufolge die »kennzeichnenden Eigenschaften des Geldes vor allem darin liegen, daß es eine scharfsinnige Einrichtung ist, um die Gegenwart mit der Zukunft zu verbinden« (John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 248), war es dann nur noch ein kurzes Stück. Kinder als Zukunftsträger wurden immer unsichtbarer. Die Sparkassenwerbung der 1980er Jahre machte sich in einem Faltblatt ihren Reim darauf: »Geld ist wie ein Baby, man muß es anlegen, damit es wächst!«“  (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 41-43).

„Mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft wucherte also zugleich ihre Unübersichtlichkeit und vermehrten sich Begriffe wie Bedeutungsinhalte. Je spezialisierter die Einzeldisziplinen wurden, desto größer wurde zwangsläufig aber ihr Verständigungabstand und umso größer auch die Gefahr von Bedeutungsparallaxen - und dies selbst innerhalb ein und derselben Grunddisziplin. .... So produziert am Ende auch der nüchternste wissenschaftliche Verstand am laufenden Band Mystifikationen und Ideologien, und in allerstrengster Ordnung entsteht am Ende babylonische Wirrnis. Mit völlig irrationalen Ergebnissen. Denn für diese Ökonomie gibt es tatsächlich das soziale perpetuum mobile: Einen Sozialstaat, der in seiner »Ergebnisrechnung« zwar den Ertrag des Humanvermögens in Form der Arbeitsentgelte verrechnet, andererseits aber keinen Aufwand für die »Erstellung« des Humanvermögens in die Bilanz einstellt.
HumanvermögenSachkapital
15 285 000 000 000 DM6 900 000 000 000 DM
Welch kapitaler Fehler sich darin verbirgt, ist z.B. im Fünften Familienbericht der Bundesregierung nachzulesen, der diesen Aufwand für das verfürgbare Humanvermögen mit 15,285 Billionen DM bezifferte, dem 1990 ein Sachkapital von nur 6,9 Billionen DM gegenüberstand. Genauso müßte eigentlich also auch der jetzt eintretende Verlust oder - abschreibungstechnisch gesprochen - »Verzehr« an Humanvermögen in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) bilanziert werden. Würde man dies tun, wäre mit einem Blick festzustellen, daß unsere BSP/BIP-Rechnungen um rund 30 bis 40 Prozent überhöht sind. (Vgl. BIP/BSP/BNE). Und nur weil dies nicht geschieht, sind so bizarre Denkoperationen möglich, daß der Geburtenrückgang ja auch positive Seiten habe, weil so der steigenden Altenlast doch per Saldo der sinkende Jugendlastquotient gegenüberstehe ! Weitergedacht wäre es also am besten, wir hätten überhaupt keine Kinder mehr, denn dann machten wir sogar noch ein Plus! Die Schulden gegenüber den Alten werden hier mit den Investitionen gegenüber den Jungen verrechnet, als handele es sich um ein und dasselbe. Ist das nicht wie der Trost des Beinamputierten, daß das rechte Bein umso länger ist, wenn das linke zu kurz ist?  Vor 20 Jahren stellte der damalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Wolfgang Zeidler zu solchen Denkabenteuem fest, daß »unser hochzivilisiertes Gemeinwesen nicht einmal den Instinkt eines Wolfsrudels hat.« (»Die laufen ins offene Messer«, Interview mit Wolfgang Zeidler in: Der Spiegel, 50, 1984, S. 52 ff.). Obwohl Wilfried Schreiber, der das Konzept für die Sozialreform entwickelt hatte, alles daran setzte, die asymmetrische Rentenrefornl noch zu verbindem, wurde diese verkehrte Welt 1957 Gesetz. (Verbürgt ist der Ausspruch eines Parlamentariers, man lasse sich »auch vom besseren Sachverstand nicht überzeugen« [MdB. Kurt Schmücker]). Die Bedeutung von Kindern für den Einzelnen, vormals noch klar erkennbar, wurde nun zusammen mit der Versicherungsterminologie vollends unsichtbar. »Der naive ›Versicherte‹ stellt sich vor, seine Beiträge würden zwar zunächst einmal an die heutigen Rentenbezieher ausgeschüttet, nichtsdestoweniger flössen sie in seinem Alter in Gestalt der alsdann von ihm selbst bezogenen Rente an ihn wieder zurück. Daß man die gleichen Gelder nicht zweimal (konsumtiv) ausschütten kann, so weit denkt er nicht«, zog von Nell-Breuning das Fazit. (Jürgen Borchert / Oswald Nell-Breuning, Im Gespräch, 1984, S. 356ff.) Wie umfassend dieser semantische »Versicherungs«-Betrug wirkte, sollte sich rund 30 Jahre nach der Reform zeigen, als selbst das Bundesverfassungsgericht ihm zum Opfer fiel und den Irrtum des »naiven Versicherten« zum Grundrecht machte.“ (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 44-46).

„Ist ein Alterssicherungsstem, welches quasi auf einer »Enteignung« der Familien ... beruht, sozial und sogar des Schutzes der Eigentumsgarantie wert?  Weshalb bekommt der Kinderlose ... einen bevorzugten Anspruch gegen die Kinder anderer Leute - und zwar ausgerechnet zu Lasten deren Eltern?“ (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 47).

„Die neunfache Mutter Rees wollte sich nicht damit abfinden, mit einer Minirente für 14 Berufsjahre abgespeist zu werden, während ihre Kinder, allesamt Spitzenverdiener, gleichzeitig rund 8000 DM je Monat auf die Rentenkonten anderer überwiesen. Zentrale Frage des Verfahrens war die Gleichwertigkeit der Kindererziehung mit Geldbeiträgen. Die Entscheidung ist bekannt: Das Gericht wich dieser Frage aus; Kindererziehung und Geldbeiträge seien nicht »gleichartig«, weil die Kindererziehung im Unterschied zu den Geldbeiträgen nicht sogleich wieder ausgeschüttet werden könne. (Urteil v. 07.07.1992 [»Trümmerfrauen«], BVG, E 87, 1 [36ff.]). Daß die beiden Beiträge, ökonomisch gesehen, als Konsumverzicht identisch sind und die Konsequenz der Entscheidung dahin ging, ausgerechnet in dem Vorsorgesystem den quasi nach rückwärts gewandten Beiträgen zulasten der Zukunftsinvestitionen den Vorrang einzuräumen, erkannte man nicht. Dennoch brachte die Entscheidung eine Wende. Denn zum einen wurde das Gesamtsystem des FLA einmal einer Transferanalyse unterzogen und dabei das astronomische Ausmaß der Familienausbeutung festgestellt. Zum anderen wurde klar erkannt und ausgesprochen, daß eine Korrektur des durch sozialversicherungsrechtliche Transfers verursachten Unrechts sich sinnvoll nur an der Unrechtsquelle beheben läßt, bei der Rente also dort: Eine »maßvolle« Umverteilung aus den Anwartschaften Kinderloser zu Familien verletze auch Artikel 14 GG nicht. Das Gericht erteilte dem Gesetzgeber drittens einen umfassenden Auftrag, die Situation der Familien im Steuer- und Sozialrecht relativ zu Kinderlosen mit jedem Gesetzgebungsschritt zu verbessern. Wie wir heute wissen, geschah dies nicht. Im Gegenteil wurde die Transferbehandlung der Familien weiter verbösert, namentlich durch die Pflegeversicherung.“ (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 47-48).

Kugel Die semantische Verkehrung der Schlüsselbegriffe in der Sozialstaatsdebatte

„Der Gesetzgeber hat auch eine Fülle weiterer semantischer Verwirrungen gestiftet. So wurde 1996 der Kinderfreibetrag im EStG als »Familienleistungsausgleich« bezeichnet, obwohl es der Sache nach nur um die verfassungsrechtlich notwendige Freistellung des Existenzminimums geht und niemand auf die Idee kommt, dies einem Kinderlosen, der in gleicher Weise bedacht wird, etwa als Lastenausgleich anzurechnen; so werden durch das Politikmarketing dann falsche Bewußtseinsfährten gelegt. (Auf denen die Politik nicht selten selbst in die Irre geht: Beispielsweise wird in der Debatte immer darauf hingewiesen, daß das Kindergeld in Deutschland viel höher als in den Nachbarländern sei, dabei jedoch übersehen, daß es gemäß § 31 EStG hauptsächlich einFreibetragssurrogat darstellt, während es das Kindergeld in Frankreich z.B. zusätzlich zum Familiensplitting gibt; tatsächlich ist das Kindergeld als Sozialleistung in Frankreich also viel höher als hierzulande!). In jüngster Zeit wimmelt die ganze Refonndebatte nun von semantischen Fehlgriffen und Betrügereien; wirklich keiner der zentralen Begriffe erfaßt den zu regelnden Sachverhalt zutreffend. Beispiel »Nachhaltigkeit«. Der Begriff aus der Forstwirtschaft besagt, daß Pflanzen und Abholzen im Gleichgewicht stehen müssen, die Politik aber suggeriert in der Sozialreformdebatte, daß weniger Einschlag (= Leistungskürzungen) das Neuanpflanzen entbehrlich mache. Davon, daß die Beitragszahler von morgen die Kinder von heute sind und die Reformen deshalb um sie kreisen müßten, daß alle Anstrengungen in die Familien- und Bildungspolitik fließen müßten, ist in den Reformkonzepten gerade nicht die Rede. Beispiel »demographische Entwicklung«: Mit ihr werden praktisch alle harten Einschnitte begründet, die Eltern und Kinderlose gleichermaßen treffen sollen. Was nicht klargestellt wird, ist, daß die soziale Alterung zwei Komponenten hat, nämlich einerseits die Verlängerung der Lebenserwartung, andererseits den Geburtenmangel, und daß dabei der Einfluß des generativen Faktors mit einem Wirkungsanteil von zwei Dritteln dominiert. Damit ist »Kinderlosigkeit« also die Hauptursache der zu lösenden Schwierigkeiten, für die man Eltern aber gerade nicht »selbstverantwortlich« haften lassen kann, weil sie diese Eigenverantwortung längst wahrgenommen haben. Läßt man sie mithaften, dann wird die (selbstverständliche) Freiheit für einen Lebensentwurf ohne Kinder von der Verantwortung für dessen Folgen entkoppelt - das ist das genaue Gegenteil von »Eigenverantwortung«. Im Geburtsjahrgang 1935, also dem Rentenzugang 2000, waren noch weniger als 10 Prozent der Menschen lebenslang kinderlos geblieben, während es im Geburtsjahrgang 1965 fast 35 Prozent sind, mehr als eine Verdreifachung. Genau hieraus resultieren aber die »demographischen« Probleme; rechnet man die etwa 20 Prozent Ein-Kind-EIternpaare, von denen ein Partner ebenfalls durch Kinder anderer Leute versorgt werden muß, zur Hälfte (also 10 Prozent) hinzu, dann müssen rund 45 Prozent des gesamten Altersaufwands - Renten und Pensionen, Gesundheit und Pflege -, der derzeit etwa 350 Mrd. € ausmacht, im Jahre 2030 von »anderer Leute Kinder« erbracht werden. Das wären, bezogen auf das gegenwärtige Sozialbudget um die 157,5 Mrd. € - mehr als das gesamte Lohnsteueraufkommen. Was hier für die »demographische Entwicklung« gesagt wurde, gilt übrigens identisch für die »Generationengerechtigkeit«. Sie ist ebenfalls ein solches trojanisches Begriffspferd, in welchem der intragenerationelle Konflikt, sei es bei der Altersversorgung zwischen Eltern und Nicht-Eltern oder bei der Staatsverschuldung zwischen Reich und Arm, verborgen wird. Eine weitere zentrale Argumentation, insbesondere mit Blick auf den Verfassungsauftrag aus dem »Pflegeurteil«, ist die Formel: »für Familienlastenausgleich sei nicht die Sozialversicherung, sondern die »Allgemeinheit« zuständig«, Kindererziehung sei »versicherungsfremd«. Auch damit werden die Dinge auf den Kopf gestellt, denn hier geht es ja ausdrücklich um die system-konstitutive Leistung »Kindererziehung«; außerdem ist »die Allgemeinheit« nicht kinderlos, sondern zu ihr gehören auch alle Eltern mit zwei, drei, vielen Kindern, die sich gar nicht selbst »ausgleichen« können, sondern damit nur doppelt und dreifach belastet würden. Ganz nebenbei wird dabei sogar noch die Verfassungsjudikatur ignoriert, denn schon im »Trümmerfrauenurteil« ist die vollkommen richtige Einsicht nachzulesen, daß das von der Sozialversicherung verursachte Unrecht mit sozialversicherungsrechtlichen Mitteln zu beseitigen ist. Semantisch ebenso unzutreffend und irreführend ist schließlich auch der Begriff der »beitragsfreien Familienhilfe« in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Denn hier werden die Unterhaltsansprüche der Kinder ja nicht etwa von der Bemessungsgrundlage abgezogen, sondern komplett verbeitragt. Auch die Tatsache, daß viele Rechnungen (z.B. vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, der Bundesbank, dem Institut der Deutschen Wirtschaft, dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfamilienministerium) zwar die Kosten der Familienhilfe zugunsten der Familien bilanzieren, die (derzeit) ungefähr dreimal so hohen Gesundheitskosten der kinderlosen Rentner vom Eintritt in den Ruhestand bis zum Tode, die genau wie bei der Rente ebenfalls ausnahmslos von den Kindern anderer Leute erbracht werden müssen, aber nicht wahrnehmen, läßt sich als Folge dieser semantischen Manipulationen verstehen.“ (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 48-51).

„Der fehlerhafte Gebrauch der Sprache führt am Ende dazu, daß selbst Politiker daneben greifen, die zu einer Änderung der Mißstände entschlossen sind. Das zeigt das Beispiel Horst Seehofers: Er machte am 6. November 2003 in der PIenardebatte den an der Verfassungsjudikatur orientierten, im Prinzip richtigen Vorschlag, die demographisch begründeten Rentenkürzungen vornehmlich auf Kinderlose zu konzentrieren und die Eltern gleichzeitig mit einem Pauschalbetrag auf der Beitragsseite zu entlasten. Für diese geringfügige Minderung der auch danach immer noch gewaltigen Familiennachteile wählte er den Begriff des »Bonus« und handelte sich von allen Seiten den Vorwurf der »doppelten Bestrafung Kinderloser« ein. Dies hätte er vermeiden können, wenn er die Einsicht Ferdinand Lassalles’ beherzigt hätte, »das laut zu sagen, was ist.« Aber »das, was ist« überhaupt noch zu erkennen, verhindert die Sprache ebenfalls. Denn »die Realität sieht in Wirklichkeit ganz anders aus« (Graffitti in Erfurt, 1992), als die Sprache sie uns vermittelt. So gibt es aus der falschen Begriffiichkeit kaum noch ein Entrinnen. Die semantischen Igel sind des Sozialstaatshasen Tod. Denn wo auch Verantwortung gar nicht mehr wahrnehmbar ist, ist die Verletzung der »Baugesetze der Gesellschaft: Solidarität und Subsidiarität« bereits eingetreten und rieselt die Gesellschaft auseinander wie loser Sand. Dem Feuilletonisten Konrad Adam gebührt das Verdienst, dies an einem Paradebeispiel eines semantischen Betrugsversuchs dingfest gemacht zu haben. Als Minister Blüm anläßlich der Einführung der Pflegeversicherung (im Wahljahr 1994!) nämlich triumphierte, mit ihr erhalte der Sozialstaat seinen »Schlußstein«, notierte Adam mit Blick auf die familienfeindlichen Verteilungswirkungen des neuen Systems: »Das mag stimmen. Aber das Material dafür hat man dem Fundament entnommen.« Auch alle Juristenkunst im Bergauflenken der Flüsse kann und wird also nichts daran ändern, daß am Ende doch alles den Bach runter geht.“ (Jürgen Borchert, Wie Juristen Flüsse bergauf fließen lassen - Zur Semantik in der Sozial- und Familienpolitik und ihre Folgen für das Recht, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 51).

Kugel Rumpfuschen an Symptomen wider Ethik und Recht

„Die schon vorab bekannt gewordenen Vorschläge der Rürup-Kommission beinhalten wieder einmal ein Kurieren an Symptomen. Sie sind überdies weder mit dem Grundgesetz noch mit dem Europarecht vereinbar. Obwohl die Kommission vor allem demographische Gründe für die vorgeschlagenen Maßnahmen als zwingend anführt, trägt sie diesen - jedenfalls soweit vorab bekannt - in keiner Weise bei ihren Therapien Rechnung. So sollen die vorgeschlagenen Leistungskürzungen, auch in Form der Verlängerung der Lebensarbeitszeit, für Eltern wie Nicht-Eltern unterschiedslos gleich gelten, obwohl die Verantwortung für demographische Entwicklung höchst unterschiedlich ist. Ebenso sollen Eltern wie Nicht-Eltern auch für den »Nachhaltigkeitsfaktor« gleichermaßen pflichtig gemacht werden und jeweils durch verstärkte Anstrengungen mehr »Eigenverantwortung« entwickeln. Solche Moralpredigten aus dem Elfenbeinturm können Eltern, welche aus Privatmitteln bereits pro Kind über 250000 € in das zukunftsentscheidende Humanvermögen investieren und als Durchschnittsverdiener mit ab zwei Kindern nicht einmal mehr das Existenzminimum erreichen, nur als blanken Hohn empfinden. (Tabelle (Einkommen)). Die Vorschläge offenbaren eine blamable Ignoranz gegenüber dem Grundgesetz wie dem Bundesverfassungsgericht, welches zuletzt im Pflegeurteil vom 03.04.2001 erneut die Herstellung familiengerechter und verfassungskonformer Zustände vor allem in der Sozialversicherung verlangt und dafür eine Frist bis zum 31.12.2004 gesetzt hat. Klar erkannt und ausgesprochen haben die Karlsruher Richter dabei, daß die Sozialsysteme nicht »Opfer«, sondern Täter der Sozialzerstörung hierzulande sind. Daß Eltern wie Nicht-Eltern angesichts ihrer höchst unterschiedlichen Verantwortung für die demographische Entwicklung nur für deren Folgen in gleicher Weise haften sollen, ist im Lichte des Grundgesetzes betrachtet ein enormer rechts- wie sozialstaatlicher Skandal. Sollte der Gesetzgeber diese Vorschläge umsetzen, ist ihr kurzfristiges Scheitern in Karlsruhe vorprogrammiert. Notwendig ist es aus verfassungsrechtlicher Sicht statt dessen, die Freiheit der Lebensentwürfe mit der Eigenverantwortung für deren Folgen zu koppeln - und das heißt: Keine Rentenkürzungen und Lebensarbeitszeitverlängerung für Eltern, mehr Eigenvorsorge für Kinderlose. Ebenso stellt sich ökonomisch die Frage, warum verfügbare Mittel (vor allem der Nicht-Eltern) dem Finanzkapital anvertraut werden sollen, statt sie besser in das Humanvermögen selbst zu investieren. Unter den Wissenschaftlern der Demographie-Enquete-Kommission war jedenfalls unstreitig, daß die Bedeutung des Faktors »Arbeit« zunehmen und gleichzeitig die Kapitalrendite abnehmen wird. Vollkommen ausgeblendet bleibt schließlich in der deutschen Diskussion das Europarecht. Die Sozialversicherungen sind als Monopole mit dem europäischen Wettbewerbsrecht prinzipiell zunächst unvereinbar. Nach der Rechtsprechung des EuGH, der sich zunehmend mit diesen Fragen auseinandersetzen muß, sind derartige Monopole deshalb nur dann und nur so lange zu dulden, wie sie »den Grundsatz der nationalen Solidarität verwirklichen«. Die deutschen Systeme mit ihrer ausschließlichen Lohnbezogenheit, dem proportionalen Beitragstarif und den Bemessungsgrenzen tun dies nicht. Im Gegenteil: Sie führen zu einer extremen Umverteilung von unten nach oben. Die Vorschläge der Rürup-Kommission verschärfen aber diese Asymmetrien noch weiter und sind darum mit der Rechtsprechung des EuGH vollkommen inkompatibel. Im Ergebnis erscheint deshalb letztlich nur eine Bürgerversicherung mit starkem familienpolitischem Akzent als verfassungs- wie europarechtskonform.“ (Jürgen Borchert, Pressemitteilung zur Veröffentlichung der Vorschläge der Rürup-Kommission, 27.08.2003).

Kugel Die heutige deutsche Familienpolitik im Europavergleich

„Der Verweis auf europäische Vorbilder ist inzwischen fester Bestandteil der familienpolitischen Rhetorik hierzulande. Wissenschaftler wie Familienpolitiker benutzen die Vergleiche insbesondere dazu, Kürzungen des Kindergeldes und vermehrte Erwerbsanstrengungen der deutschen Mütter zu verlangen. Die Fakten tragen diese Schlußfolgerungen aber nicht: Deutsche Eltern sind mit durchschnittlich 70 Stunden Wochenarbeitszeit zum Beispiel länger beschäftigt als schwedische, bei denen »Vollzeit« eine Erwerbstätigkeit im Umfang von 32 Stunden meint. Ebenso ist das Kindergeld in Frankreich unterm Strich sehr viel höher als das deutsche, welches im wesentlichen nur eine Kompensation der verfassungswidrigen Besteuerung des Existenzminimums der Kinder ist. Es wird gezeigt, wie die Familienpolitik Desinformation und Alibidebatten betreibt und vom Kern der Probleme ablenkt.“ (Jürgen Borchert, in: 3. JAKO-O FAMILIEN-KONGRESS, 2006).

„Die sprachliche Abbildung familienpolitischer Sachverhalte im Parlament und in Gesetzen funktioniert in weiten Teilen immer noch mit Begriffen aus vollkommen anderen historischen Zeiten, die auf die neuen Sachverhalte nicht passen. So werden Verirrungen zu Recht und Gesetz, welche die Wirklichkeit förmlich auf den Kopf stellen. Wo Familien tatsächlich Leistungen für Kinderlose in astronomischem Umfang erbringen, werden sie sprachlich zu Almosenempfängern degradiert. So werden beispielsweise die für die Renten-, Kranken und Pflegeversicherung grundlegenden Erziehungsleistungen als »versicherungsfremd« bezeichnet. Diese babylonische Verwirrung ist entscheidend für die familienpolitische Misere in Deutschland verantwortlich. Der Geburtenrückgang seit 1965 schlug sich in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) als Wirtschaftswachstum wahr, weil schätzungsweise drei Millionen Frauen statt in die Mutterschaft in den Erwerbsprozeß gingen und die Verdienste in den Konsum flossen (»Reiseweltmeister«). Was hier als Zuwachs an Wohlstand ausgewiesen ist, bedeutet tatsächlich jedoch eine Unterhöhlung unseres wirtschaftlichen Fundaments. Solche Verirrungen der wirtschafts- und sozialpolitischen Urteilsfähigkeit prägen die strukturellen Rücksichtslosigkeiten des staatlichen und gesellschaftlichen Systems gegenüber Familien.“ (Jürgen Borchert, in: 3. JAKO-O FAMILIEN-KONGRESS, 2006).

Kugel

Gesetzliche Sozialversicherungen zählen also selbst zu den ökonomischen Ursachen für Kinderlosigkeit. Auch das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung z.B. „beschreibt die demographischen Fakten und analysiert die Folgen für das Rentensystem und die Dynamik unseres Landes ..., untersucht auch die ökonomischen Ursachen der Kinderlosigkeit in Deutschland, zu denen in vorderster Front das Rentensystem selbst zu zählen ist. Die Rentenversicherung hat den Menschen die Verantwortung für ihr Einkommen im Alter genommen und damit die Kinderlosigkeit ... maßgeblich mitverursacht. Zur Korrektur der Fehlentwicklung wird empfohlen, die Renten nach dem alten System deutlich zu kürzen und zusätzlich von der Kinderzahl abhängige Rentenansprüche einzuführen. Personen, die kein Geld für die Kindererziehung ausgeben, sollen ihr Geld statt dessen in die Riester-Rente investieren.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 53).

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Quelle: UNO, Population Division, 2001

„Die schönen Versprechungen der Politiker und Verbandsvertreter, die auf die Demographen nicht hören wollten, entpuppen sich als Luftblasen. Unlösbare Verteilungskämpfe zwischen den Alten und den Jungen drohen, das politische System der Bundesrepublik Deutschland zu erschüttern. .... - Die Alterung ... wird durch die Abbildung verdeutlicht, in der die Entwicklung des Medianalters ... dargestellt ist, also jenes Alters, das die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen von älteren und jüngeren Personen teilt. Man sieht, daß dieses Medianalter ... inzwischen auf 40 Jahre gestiegen ist und bis zum Jahr 2035 um weitere zehn Jahre auf über 50 Jahre ansteigen wird. .... Was ist die Ursache für das hohe und weiter zunehmende Durchschnittsalter ...?  .... Die wahre Ursache der ... Alterung ... ist die Verringerung der Zahl der Geburten.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 54-57).

„Die Erhöhung des Bundeszuschusses zur Rentenversicherung ist ein optischer Trick zur Geringrechnung der Belastung, aber keine Lösung, weil auch ein solcher Zuschuß durch Steuern finanziert werden muß, die von den Arbeitenden zu entrichten sind. Versuche, neben den Lohneinkomemn die Kapitaleinkommen zur Finanzierung der Renten (Stichwort: Wertschöpfungsabgabe) heranzuziehen, werden scheitern, weil die internationale Kapitalmobilität die wirksame Besteuerung des Kapitals verhindert. ... Die wirklichen Lösungsansätze für Deutschlands demographische Krise liegen nicht in immer neuen Einfällen zur Umverteilung von Einkommen innerhalb einer Generation, sondern bei der Kapitaldeckung und bei Maßnahmen zur Anhebung der Geburtenraten (!!!) .... Die problematischen Folgen der demographischen Krise beschränken sich nicht auf das Rentensystem. Auch die geistige und wirtschaftliche Dynamik Deutschlands wird erlahmen. Nach einer Untersuchung von Guilford aus dem Jahre 1967 erreichen Wissenschaftler im Durchschnitt aller Disziplinen im Alter von circa 35 Jahren ein Maximum ihrer Leistungskraft. (Vgl. F. E. Weinert, Wissen und Denken, 1997, S. 98; J. P. Guilford, The Nature of Human Intelligence, 1967; H. C. Lehmann, Alter und Leistung, 1953). Schon heute liegen die jüngsten geburtenstarken Jahrgänge in Deutschland ... deutlich über diesen Werten.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 63-64).

„Manchmal wird vermutet, die altersbedingte Verringerung der Erwerbstätigkeit sei ein Vorteil für den Arbeitsmarkt, weil so die Arbeitslosenquote gesenkt werden könne. Diese Vermutung ist freilich irrig. Sie entspringt einer allzu primitiven mechanischen Sichtweise des Wirtschaftsgeschehens und übersieht, daß die Alterung nicht nur Arbeitnehmer, nehmer, sondern auch Arbeitgeber aus dem Arbeitsmarkt eliminiert. Zu beachten ist nämlich, daß neue Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen, von jungen Leuten gegründet werden. Das durchschnittliche Alter der Unternehmensgründer liegt in Deutschland bei 34 bis 35 Jahren, es fällt also mit dem Alter der maximalen wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit zusammen. (Vgl. J. Brüderl / P. Preisendörfer / R. Ziegler, Der Erfolg neugegründeter Betriebe, 1996). Da die am dichtesten besetzten Altersklassen älter als 35 Jahre sind, ist als Ergebnis einer weiteren Alterung der deutschen Bevölkerung nicht eine Verminderung der Arbeitslosigkeit, sondern ganz im Gegenteil ein Verschärfung des ohnehin schon bestehenden Mangels an Unternehmern und Arbeitsplätzen zu befürchten. Daß ein Land von Greisen eine geringere Arbeitslosigkeit als ein Land von jungen, arbeitsfähigen Menschen aufweisen würde, ist eine absurde und naive Vorstellung. Die Alterung der deutschen Bevölkerung wird die Innovationskraft des Landes, von der seine internationale Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich abhängt, weiter verringern. Deutschland hat im internationalen Vergleich immer noch eine sehr gute Position bei den Patentanmeldungen, doch ist das Wachstum der Zahl der Patentanmeldungen ... schon seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ... hinter den USA zurückgeblieben (relativ [!], denn gemessen an der Einwohnerzahl liegt Deutschland auch heute immer noch vor den USA; HB), die in dieser Hinsicht eine besonders bemerkenswerte Entwicklung hatten. Während US-Amerikaner 1980 doppelt so viele Patente in ihrem Heimatland anmeldeten wie die Deutschen in dem ihren, sind es heute dreimal so viele (gemessen an der 3-bis-4-mal größeren Einwohnerzahl der USA liegt Deutschland also auch heute immer noch vor den USA; HB). Allerdings ist die Zahl der deutschen Patente angesichts der vergleichsweise geringen Größe Deutschlands immer noch hoch (höher als in den USA und weltweit am höchsten! HB). Die Investoren nehmen die demographischen Probleme vorweg und halten sich schon heute zurück. Auch die Aktienmärkte, die sehr stark von den langfristigen Gewinnerwartungen der Anleger geprägt sind, antizipieren die zu erwartende Entwicklung schon heute. Vielleicht sind der allgemeine Attentismus der Investoren und der im internationalen Vergleich starke Verfall der deutschen Aktienkurse bereits auf diesen Effekt zurückzuführen. Nur die Aktien von Altersheimen werden von dieser Entwicklung ausgenommen sein. Sie werden sich durch steigende Kurse nach obenhin vom allgemeinen Trend abheben, denn in den Altersheimen liegt die Zukunft des Landes. Deutschland verwandelt sich unter dem Einfluß der demographischen Probleme allmählich in eine Gerontokratie, in der die Alten das Sagen haben. Schon heute kann es keine Partei wagen, gegen die Interessen der Rentner zu agieren. Als die Riester-Reform durch den Bundestag gebracht wurde, wurde die SPD links von der CDU/CSU überholt und gezwungen, auf die Absenkung des Rentenniveaus und der Beiträge zu verzichten.
Dieser Trend wird sich in Zukunft verfestigen. Die Abbildung zeigt, wie sich die strategischen Mehrheiten in der wahlberechtigten deutschen Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden. Die Kurve des Medianalters der Wähler gibt jenes Lebensalter an, das die Gruppe der nach dem Alter aufgelisteten Wahlberechtigten in zwei gleich große Gruppen aufspaltet. In der Demokratie kann keine Entscheidung gegen die Interessen des Medianwählers durchgeführt werden, weil sie keine Mehrheiten fände, und die Parteien werden ungeachtet ihrer ideologischen Vorprägung stets bestrebt sein, Programme zu entwickeln, die den Präferenzen des Medianwählers möglichst nahe kommen. Heute ist der deutsche Medianwähler 47 Jahre alt, doch in 20 Jahren wird er bereits 54 Jahre alt sein. Dies wird eine signifikante Veränderung der Politik erzwingen. Die als »Indifferenzalter« bezeichnete Kurve in der Abbildung bezieht sich auf eine parallele Renten- und Beitragskürzung, etwa von der Art, wie sie mit der Riester-Reform versucht und auch partiell vorgenommen wurde. Versicherungsmathematisch gesehen benachteiligt eine solche Reform die Rentner und die älteren Erwerbstätigen, die dem Rentenalter bereits nahe sind. Sie entlastet jedoch jüngere Versicherte, weil die Senkung der Beitragssätze für sie barwertmäßig einen größeren Vorteil bedeutet als die Kürzung ihrer eigenen Renten an Nachteilen hervorruft. Das Indifferenzalter ist jenes Lebensalter, in dem Vor- und Nachteile sich bezüglich der erwarteten Barwerte rechnerisch gerade aufheben. Liegt das Indifferenzalter über dem Wahlberechtigten-Medianalter, dann profitiert die Mehrheit der Wahlberechtigten von einer Reform à la Riester. Liegt es darunter, dann profitiert eine Mehrheit von einer weiteren Ausdehnung des umlagefinanzierten Rentensystems, also vom Gegenteil der Riester-Reform. Nach dem in der Abbildung dargestellten Ergebnis ist eine strategische Mehrheit für Rentenreformen vom Riester-Typ nur noch bis etwa 2015 gesichert. Danach sind solche Reformen kaum noch durchsetzbar. Dann kippt das politische System Deutschlands um. Die demographische Krise Deutschlands ist das Ergebnis eines allgemeinen Wandels in den Einstellungen der Menschen zur Ehe, zu Kindem, zur Rolle der Frau und zu anderen Aspekten des Lebens, die ebenfalls Rückwirkungen auf die Kinderzahl haben. Der Wandel dieser Einstellungen ist freilich nicht gottgegeben und auch nicht nur auf die Zufälligkeiten kulturgeschichtlicher Entwicklungen zurückzuführen, sondem hat großenteils handfeste ökonomische Ursachen.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 64-67).

„Wie stark die Fertiltiätsentscheidung von ökonomischen Anreizen bestimmt wird, zeigt ein Blick auf die Geburtenentwicklung in der DDR nach der Einführung eines umfassenden Programms zur Erhöhung der Fertilitätsrate im Jahr 1972, das von einer Stärkung der Rechte der Mütter am Arbeitsplatz über ein breites Angebot an Betreuungseinrichtungen für Kinder ab dem Krippenalter und einer Erhöhung der finanziellen Beihilfen für junge Familien bis zur verbesserten Wohnraumversorgung für Familien mit Kindern reichte. (Vgl. H. Lampert, Priorität für die Familie - Plädoyer für eine nationale Familienpolitik, 1976, S. 200-206). Dieses Programm hatte eine durchschlagende Wirkung. Während die Fertilitätsentwicklung in West- und Ostdeutschland bis etwa 1972 sehr ähnlich verlief, zeigt sich für die DDR nach dem Beginn des Programms ein sehr deutlicher Anstieg der Geburtenrate (sie erreichte sogar fast wieder das Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Geburten pro Frau!). .... Es ist übrigens bemerkenswert, daß ... die Geburtenrate ... der neuen Bundesländer nach dem Beitritt zur Bundesrepublik zunächst sehr deutlich unter das bundesrepublikanische Niveau fiel. Das mag daran gelegen haben, daß der Regimewechsel bei den Betroffenen ein stärkeres Problembewußtsein geschaffen und insofern eine besonders starke Änderung des Reproduktionsverhaltens hervorgerufen hat.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 68-70).

„Das Beispiel Frankreich: Es ist nicht einfach, die Unterschiede zwischen den Fördersystemen Frankreichs und Deutschlands zu objektivieren. Hervorzuheben ist jedoch neben der sehr viel besseren Versorgung mit Kindergärten und Kinderkrippen sowie der Ganztagsschule ganz allgemein der Umstand, daß in Frankreich ein anderes Grundverständnis bezüglich der Leistungsfähigkeit der Familien mit Kindern vorzuliegen scheint. Dieses Grundverständnis hat zum Beispiel dazu geführt, daß die Kinder einer Familie in das Splitting-System der Einkommensteuer (»quotient familial«) einbezogen werden, ähnlich wie es in Deutschland bei Ehepartnern (ohne Kinder natürlich! HB) der Fall ist. Die in der deutschen Politik vorherrschende (falsche!) Vorstellung ist, daß die steuerliche Leistungsfähigkeit von der Kinderzahl unabhängig sei und daß der Staat die Kindererziehung mit festen, für alle gleichen Geldbeträgen bezuschussen solle. In Frankreich herrscht stattdessen die (richtige !) Meinung vor, daß Kinder die steuerliche Leistungsfähigkeit einer Familie reduzieren und deshalb durch einen Abzug von Freibeträgen und eine Absenkung der Progression des Einkommensteuertarifs Berücksichtigung finden sollten. Dort argumentiert man, das deutsche System sei ungerecht (und ist es auch!), weil es Familien mit gleicher Leistungsfähigkeit unterschiedlich stark besteuere, und zwar umso mehr, je höher die Zahl der Kinder sei. Die Unterschiede hätten zur Folge, daß sich in Deutschland die fiskalischen Anreize, Kinder in die Welt zu setzen, bei den ärmeren Familien bis hin in den Bereich der Asozialität konzentrierten, während sie in Frankreich auch bei mittleren und höheren Einkommensschichten erheblich seien. Der französische Weg sei insofern vorzuziehen, als er dazu führe, daß Kinder insbesondere auch in den sozial intakten Familien der Mittelschicht auf die Welt kommen und großgezogen werden. Das führe zu einer besseren Ausbildung der Kinder und sorge beim Erbgang sozusagen automatisch, ohne staatliche Eingriffe, für eine gleichmäßigere Vermögensverteilung. Das französische Kinder-Splitting greift insbesondere beim dritten Kind mit voller Kraft, weil erst dieses Kind mit vollem Gewicht in den entsprechenden Steuerformeln berücksichtigt wird. (Das 1. und 2. Kind werden jeweils mit dem halben Gewicht, das 3. Kind mit dem ganzen Gewicht bei der Splitting-Formel berücksichtigt). Dies könnte einer der Gründe für den meßbaren Erfolg der französischen Familienpolitik sein, denn viele Familien, die sich prinzipiell für Kinder entschieden haben, planen aus eigenem Antrieb bereits, zwei Kinder zu haben. Der finanzielle Anreiz für das dritte Kind führt zu einer signifikanten Verhaltensänderung und relativ starken Effekten auf die Geburtenziffern. Berechnungen des Ifo-Instituts zeigen, daß das erste Kind in Deutschland stärker als in Frankreich gefördert wird, daß aber in Frankreich das zweite und dritte Kind stärker gefördert werden. Die staatliche Entlastung durch das Kindergeld und durch Steuerersparnisse beim zweiten und dritten Kind ist prozentual gesehen deutlich größer als in Deutschland. (Vgl. W. Meister / W. Ochel, Steuerliche Förderung von Familien im internationalen Vergleich, 2003). Ein französisches Ehepaar mit drei Kindern und einem Einkommensbezieher, der den Durchschnittslohn eines Industriearbeiters bekommt, hat ein um 9,1% höheres Familieneinkommen als eine Familie mit zwei Kindern und dem gleichen Bruttoeinkommen. Für Deutschland beträgt der entsprechende Einkommenszuwachs nur 6,5%. Erzielt auch der zweite Ehepartner ein Arbeitseinkommen in Höhe von einem Drittel des Durchschnitts, so beträgt der Zuwachs an Nettoeinkommen für das dritte Kind in Frankreich 7,5 % und in Deutschland 5,9%. Die Wirkung des Kinder-Splitting zeigt sich insbesondere auch daran, daß, falls das Arbeitseinkommen des zweiten Ehepartners zwei Drittel des Durchschnitts beträgt, die zusätzliche Entlastung in Frankreich 7,7%, in Deutschland dagegen nur noch 4,8% ausmacht. Gerade auch dann, wenn die Ehefrauen berufstätig sind, werden die Familien in Frankreich viel stärker entlastet, wenn sie sich für das dritte Kind entscheiden, als das in Deutschland der Fall ist. Noch deutlich größer sind die Förderunterschiede bei Familien, die über überdurchschnittliche Einkommen verfügen. Im Vergleich zu Frankreich und anderen Ländern steht Deutschland auch bei den Sachleistungen zurück.
Kindergärten und Vorschulen
Die Abbildung zeigt einen internationalen Vergleich der Versorgung mit Kindergärten und Vorschuleinrichtungen. Frankreich steht unter anderem wegen seiner »ecole maternelle«, einer von praktisch allen Kindern besuchten Vorschule, ganz oben auf der Rangskala. Deutschland, das den Kindergarten erfunden und als eine Institution mitsamt ihren Namen in alle Welt exportiert hat, liegt im Mittelfeld .... Ähnlich ist die Situation bei den Ganztagsschulen. Es gibt kaum noch Länder mit Halbtagsschulen, wie sie in Deutschland üblich sind. Die Ganztagsschule ist in den meisten OECD-Ländern die Regel. Wegen der fehlenden Ganztagsschulen werden in Deutschland junge Frauen vor die schwierige Entscheidung gestellt, entweder den Beruf auszuüben oder Kinder großzuziehen. Der Übergang zu Ganztagsschulen würde diesen Konflikt deutlich entschärfen, den Einkommensverzicht, der mit der Kindererziehung verbunden ist, verringern und die Geburtenraten erhöhen. Die Wirkung von Kindergärten und Ganztagsschulen auf die Kinderhäufigkeit resultiert aus dem Umstand, daß ohne diese Einrichtungen die Frauen gezwungen sind, ihre Berufstätigkeit stark zurückzunehmen, und vor die Alternative Karriere oder Kinder gestellt werden, wobei die Entscheidung zunehmend zugunsten der Karriere ausfällt. Das Fehlen von Kindergärten und Ganztagsschulen bedeutet einen erheblichen Einkommensverzicht der Frauen, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Dieser Einkommensverzicht stellt vermutlich den größten Teil der Kosten der Kindererziehung dar und dürfte die internationalen Unterschiede in den Fertilitätsraten weitgehend erklären. Dies gilt umso mehr, als die Lohneinkommen der Frauen relativ zu den Lohneinkommen der Männer ... erheblich gestiegen sind. Die Gehälter vollzeitbeschäftigter weiblicher Angestellter, die noch im Jahre 1960 bei 55% der Gehälter ihrer männlichen Kollegen lagen, sind inzwischen auf über 70% angestiegen. Höhere Löhne für die Frauen bedeuten höhere Opportunitätskosten für die Kindererziehung, und insofern kann in ihnen ein Grund für die im Zeitlauf sinkenden Geburtenraten gesehen werden. Wie wichtig dieser Effekt für sich genommen ist, ist aber umstritten. Immerhin ist bemerkenswert, daß die Geburtenarten in Frankreich höher als in Deutschland sind, obwohl dort die Relation von Frauen- und Männerlöhnen höher als in Deutschland zu sein scheint. Eher ist zu vermuten, daß die gestiegenen Einkommen der Frauen indirekt wirken, indem sie den Effekt fehlender Kindergärten und Ganztagsschulen verstärken. Je höher die Lohneinkommen der Frauen sind, desto größer ist der Anreiz, beim Fehlen solcher Einrichtungen auf Kinder zu verzichten.“  (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 70-74).

„Auch die Rentenversicherung gehört zu den Ursachen (!): Unter den ökonomischen Ursachen der Kinderlosigkeit ... ist die Rentenversicherung besonders hervorzuheben. Die Rentenversicherung leidet nicht nur unter den Folgen der demographischen Krise, sondern hat diese Folgen selbst mit hervorgebracht. Die Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren ist eine Versicherung gegen Kinderlosigkeit und die daraus entstehende Altersarmut.* Auch wenn man selbst keine Kinder haben kann, muß man im Alter nicht darben, weil man von den Kindern anderer Leute ernährt wird. Der gegenseitige Versicherungsschutz ist ein großer Vorteil für alle Beteiligten. Problematisch ist aber, daß diese Versicherung gegen Kinderlosigkeit die ökonomischen Gründe für den Kinderwunsch aus der Familienplanung ausblendet, indem sie die Leistungen der Kinder an die vorangehende Generation fast vollständig sozialisiert. Nicht nur in den Entwicklungsländern haben Menschen Kinder, um sich vor Altersarmut zu schützen. Vor der Einführung der Rentenversicherung durch Bismarck war es auch in Deutschland üblich, Kinder zu bekommen, um den eigenen Alterskonsum sicherzustellen. Dieses Motiv entfällt heute in Deutschland. Auf eigene Kinder kommt es bei der Versorgung im Alter nicht mehr an. Es reicht, wenn andere Leute Kinder in die Welt setzen, die später die Rente zahlen. Ob man selbst Kinder hat oder nicht, die eigene materielle Versorgung im Alter wird davon kaum berührt, und deshalb ist eines der wichtigsten Motive für den Kinderwunsch erloschen. Kaum ein junges Paar verbindet den Kinderwunsch heute mehr mit der Frage, wie der eigene Lebensabend zu sichern ist. Der fehlende Zusammenhang zwischen Kinderwunsch und Rententhema in den Köpfen der Menschen zeigt in aller Deutlichkeit, auf welch dramatische Weise das staatliche Rentensystem auf die gesellschaftlichen Normen Einfluß genommen hat. Es ist kein Zufall, daß Deutschland, welches als erstes Land eine umfassende staatliche Rentenversicherung eingeführt hat, heute zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate gehört. Generationen von Deutschen haben seit 1889 die Erfahrung gemacht, daß man auch ohne eigene Kinder im Alter zurechtkommt, und so haben sich auf dem Wege der Nachahmung von Generation zu Generation neue Lebensmuster verbreitet, die an die neuen institutionellen Verhältnisse angepaßt sind. Das Single-Dasein ist zu einem attraktiven Lebensmuster geworden, und die Zahl der jungen Paare, die zumindest vorläufig keine Kinder haben wollen und auch die Heirat noch nicht einplanen, hat dramatisch zugenommen. Früher erwuchs aus der Kinderlosigkeit eine Bedrohung für das eigene Leben, die es unter allen Umständen zu vermeiden galt. Heute entsteht aus der Kinderlosigkeit ein massiver materieller Vorteil, den immer mehr Menschen für sich reklamieren. Der neue Golf und der Urlaub auf den Malediven können mit dem Geld finanziert werden, das bei der Kindererziehung eingespart wurde oder das die Frau hinzuverdienen konnte, weil sie sich statt für Kinder für eine Berufstätigkeit entschied. Gerade auch die untere Mittelschicht der Gesellschaft, die früher hohe Geburtenraten aufwies, hat in der Kinderlosigkeit einen Weg entdeckt, den materiellen Aufstieg zu schaffen. Die Bedrohung, die aus der Kinderlosigkeit erwächst, ist zwar auch heute noch vorhanden, aber sie verlagert sich diffus auf das gesamte Gemeinwesen. Deutschland vergreist, die Dynamik des Landes läßt nach, der Sozialstaat gerät in die Krise, und dennoch hat der Einzelne kaum etwas davon, wenn er seinen Beitrag zur Verhinderung dieser Entwicklung leistet. Der Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und Rentenversicherung ist unter dem Stichwort »Social Security Hypothesis« in der Literatur ausgiebig diskutiert und dokumentiert worden. So haben Ehrlich und Chong sowie Ehrlich und Kim (1998 und 2001) in Studien, die 57 Länder umfassten, nachweisen können, daß die Einführung und der Ausbau umlagefinanzierter Rentensysteme im Zeitraum von 1960 bis 1992 einen signifikanten negativen Einfluß auf Familienbildung und Geburtenziffer haben. Ähnliche Resultate finden Cigno und Rosati (1996; 1997), wobei sie in einer neueren Studie aus dem Jahr 2000 speziell auch für Deutschland zu eindeutigen, die Hypothese bestätigenden Resultaten kommen. (Vgl. Cigno, Casolaro und Rosati 2000). Wie groß die fiskalischen Fehlanreize, die über das Rentenversicherungssystem laufen, wirklich sind, läßt sich sehr deutlich ermessen, wenn man einmal fragt, welchen fiskalischen Beitrag ein neugeborenes Kind, das eine durchschnittliche Erwerbsbiographie durchläuft und selbst wieder für eigene Nachkommen sorgt, für andere Mitglieder des Rentensystems leistet. Das Kind wird erwachsen, zahlt dann bis zum eigenen Rentenalter Beiträge und bezieht anschließend eine Rente, die freilich auf dem Wege der Beitragszahlung von den eigenen Nachkommen aufgebracht wird. Wie vom Autor in einer früheren Studie ausgeführt wurde, lag der Barwert des fiskalischen Beitrags eines neugeborenen Kindes für das Rentensystem im Jahr 1997 bei knapp 90000 Euro, und selbst wenn man die staatliche Hilfen für die Kindererziehung einschließlich der freien Schulausbildung abzieht, kam man in diesem Jahr immer noch auf einen Betrag von etwa 35000 Euro. Dabei handelt es sich um eine äußerst vorsichtige Schätzung, die die wahren Verhältnisse insofern untertreibt, als von einer Konstanz des Beitragssatzes zur Rentenversicherung ausgegangen wird. Der Barwert von 90000 Euro ist eine positive fiskalische Externalität, die Eltern, die sich für ein Kind entscheiden, für andere Gruppen der Gesellschaft außerhalb ihrer eigenen Nachkommenschaft ausüben. Er ist einer Kindersteuer gleichzusetzen, die der Staat den Eltern bei der Geburt ihres Kindes auferlegt, jedoch verbunden mit dem Verlangen einer marktüblichen Verzinsung stundet, bis das Kind erwachsen ist. Würde der Staat die Wirkung dieser Steuer durch eine entsprechende Transferleistung von 90000 Euro zum Zeitpunkt der Geburt eines Kindes kompensieren, so würden, das wird jedermann auch ohne die entsprechenden ökonometrischen Untersuchungen einleuchten, sicherlich sehr viel mehr Kinder geboren.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 74-76).

„Was sind die Politikimplikationen aus diesen Erkenntnissen ?  Man kann die staatlichen Politikmaßnahmen, die als Reaktion auf die demographische Krise diskutiert werden, in passive und aktive Politikmaßnahmen unterteilen. Passive Maßnahmen versuchen, die Konsequenzen der Krise für die staatliche Rentenversicherung und den Arbeitsmarkt aufzufangen. Aktive Maßnahmen zielen auf die Erhöhung der Geburtenrate.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 76-77).

„Zu den passiven Maßnahmen gehört die Erhöhung der Altersgrenze für das Rentenalter. Statt der Frühverrentung und der Altersteilzeit, die skrupellose Politiker sich ausgedacht haben, um temporär die Arbeitsmarktstatistiken zu schönen und die nächsten Wahlen überstehen zu können, müssen die Deutschen länger arbeiten, um den fehlenden Nachwuchs an jungen Menschen zu kompensieren.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 77).

Kugel Fazit: EINWANDERUNG IST VIEL ZU TEUER! Die Zuwanderung ist zu teuer!

„Man darf nicht übersehen, daß die Einwanderer ... dem Staat ... zur Last fallen. Einwanderer profitieren von der Umverteilung zugunsten ärmerer Beitragszahler in der Krankenversicherung und von staatlichen Leristungen wie der Sozialhilfe, dem Arbeitslosengeld und der Arbeitslosenhilfe, die sie überdurchschnittlich in Anspruch zu nehmen pflegen. Außerdem steht ihnen, und das ist ein ganz erheblicher Effekt, die breite Palette unentgeltlich angebotener, aber kostenträchtiger staatlicher Leistungen zur Verfügung, die von der Benutzung von Straßen, Brücken, Parks und anderen Elementen der öffentlichen Infrastruktur bis hin zum Schutz des Rechtsstaates durch seine Richter und Polizisten u.v.m reichen. Dafür zahlen sie zwar Steuern, doch reichen diese nicht aus, die verursachten fiskalischen Kosten zu tragen. Zuwanderer haben ein unterdurchschnittliches Einkommen und gehören deshalb zu denjenigen Bevölkerungsgruppen, die im Sozialstaat deutscher Prägung mehr Ressourcen vom Staat erhalten, als sie an ihn in Form von Steuern und Beiträgen abgeben müssen. Nach Berechnungen, die das Ifo-Institut im Jahre 2001 auf der Basis des sozioökonomischen Panels für die bisher nach Deutschland Zugewanderten angestellt hat, lag die fiskalische Nettolast, die Zuwanderer für den Staat verursachen, pro Kopf und Jahr im Durchschnitt der ersten zehn Jahre bei 2300 Euro. Dabei sind auch die Vorteile für die Rentenversicherung barwertmäßig bereits berücksichtigt worden. So gesehen verändert sich das Bild, das ein alleiniger Blick auf die Rentenversicherung liefert, erheblich. .... Die Zuwanderung ist ... kein Beitrag zur Lösung, sondern ein Beitrag zur Vergrößerung der Probleme ... Daß die Zuwanderung keine Lösung des Rentenproblems bietet, wird auch klar, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Menschen zuwandern müßten. ... Das sind astronomisch hohe Zahlen, die so natürlich niemals realisiert werden und auch keinesfalls als Empfehlungen interpretierbar sind. Gerade die Größe der Zahlen zeigt in aller Deutlichkeit, wie gering der Beitrag zur Lösung der demographischen Problems Deutschlands ist, den man von der Zuwanderung erwarten kann. Das Thema wird in der öffentlichen Diskussion total überschätzt, und es wird mißbraucht, um heute schon aus ganz anderen Gründen billige Arbeitskräfte ins Land zu holen. Dabei braucht der Arbeitsmark selbst ... keine Einwanderungen ..., leidet Deutschland unter einer Massenarbeitslosigkeit, also einem Mangel an Stellen, und nicht einem Mangel an Menschen.“ (Ebd., S. 78-80).

„Zu den sinnvollen passiven Reformen zur Milderung der Konsequenzen der demographischen Krise gehört die Teilumstellung der Rentenversicherung vom Umlagesystem auf ein Kapitaldeckungssystem. Jede Generation wird einmal alt, und dann kann sie nur leben, wenn sie in ihrer Jugend selbst vorgesorgt hat. Entweder muß sie Humankapital gebildet haben, indem sie Kinder in die Welt gesetzt und großgezogen hat. Oder sie muß gespart und somit direkt oder indirekt Realkapital gebildet haben, um vom Verzehr dieses Kapitals zu leben.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 81).

„Freiwillig kommt die notwendige Ersparnis nicht zustande, wie die geringe Beteiligiungsquote bei der Riester-Rente von nicht einmal 10% im ersten Jahr nach der Einführung der Riester-Rente (2000) zeigt. Der Grund liegt nicht in der Unmündigkeit der Bürger, sondern in den Wechselwirkungen mit dem restlichen Sozialsystem. .... Deswegen muß das Riester-Sparen auch im Falle einer kindergerechten Ausgestaltung zur Pflicht gemacht werden, und so war es von Seiten der Wissenschaft ja auch empfohlen worden.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 82).

„Statt nur passiv auf die abnehmenden Geburtenraten zu reagieren und die Konsequenzen für die Sozialsysteme anderweitig abzufedern, kann man versuchen, den Ursachen des Bevölkerungsschwunds entgegenzuwirken, also eine aktive Bevölkerungspolitik zu betreiben. Dies ist seit dem Mißbrauch der Bevölkerungspolitik in der Nationalsozialismus-Zeit ein heikles Thema. Aber man kann es nicht weiter tabuisieren und die zu erwartenden Probleme sehenden Auges auf sich zu kommen lassen. Es ist Zeit, daß Deutschland sein Tabu überwindet.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S., S. 83).

„Heute greift der Staat auf dem Wege über das Rentensystem ganz massiv in die Familienplanung ein, indem er die Beiträge der Kinder zur Rentenversicherung sozialisiert und so die natürlichen ökonomischen Motive für den Kinderwunsch aus den Köpfen der Menschen vertreibt.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S. 83).

„Auf den ersten Blick spricht vieles dafür, den Kinderwunsch dadurch zu stärken, daß den jungen Familien in Zukunft mehr geholfen wird, als es in der Vergangenheit der Fall war. So ist daran zu denken, die Zahl der Kindergärten pro Kind im entsprechenden Alter wieder auf das internationale Niveau zu erhöhen, das Ehegatten-Splitting um ein Kinder-Splitting nach französischem Muster zu erweitern (besser noch: ersetzen! HB) oder den so genannten Familienlastenausgleich durch pekuniäre Ausgleichszahlungen wie zum Beispiel das von der CDU/CSU vorgeschlagene Familiengeld zu erweitern. Das alles sind sinnvolle ... Maßnahmen, bei der die Nachwuchsplanung die gewünschten Wirkungen entfalten wird.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S., S. 83).

„Statt eine ganze Generation kollektiv in die Verantwortung zu nehmen, sollten die notwendige Rentenverkürzungen und das kompensierende Riester-Sparen auf die Kinderlosen konzentriert werden. Wer keine Kinder in die Welt setzt und großzieht, dem kann eine erhebliche Rentenkürzung zugemutet werden.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S., S. 84).

„Die Betroffenen müssen angehalten werden, in dem Maße eine Riester-Rente anzusparen, wie ihnen die umlagefinanzierte Rente gekürzt wird. .... Die Staffelung von Umlagerente und Riester-Rente nach der Kinderzahl wird zu der wünschenswerten Änderung der Familienplanung führen. .... Es geht nicht darum, den Staat bei der Familienplanung mitreden zu lassen, sondern ... ihn wieder ... aus der Familienplanung herauszunehmen. .... Die Einführung einer von der Kinderzahl abhängigen Rente ist nicht nur geeignet, die Staatsintervention in die Familienplanung zurückzunehmen und die natürlichen Motive für den Kinderwunsch wieder stärker zur Geltung kommen zu lassen. Sie ist zudem auch gerecht, denn sie folgt dem Verursacherprinzip und dem Leistungsfähigkeitsprinzip. Wer keine Kinder hat und insofern zu wenig tut, um seine eigene Rente im Umlagesystem zu sichern, muß die Konsequenzen tragen und selbst auf dem Wege der Ersparnis für Ersatz sorgen. Und wer keine Kinder hat, kann sparen, weil er keine Ausgaben für die Kindererziehung leisten muß. Er ist vergleichsweise liquide und kann die bei der Kindererziehung eingesparten Geldmittel am Kapitalmarkt anlegen, um auf diese Weise seine gekürzte Umlagerente zu ergänzen. .... Man darf nicht vergessen, daß es im Generationenzusammenhang zu den normalen Pflichten einer jeden Generation gehört, zwei Leistungen zu erbringen: In der leistungsfähigen Lebensphase muß man seine Eltern und seine Kinder ernähren. Die erste dieser beiden Leistungen wird in Form der Rentenbeiträge erbracht, die ja in vollem Umfang an die heutigen Rentner fließen. Doch die zweite Leistung wird von vielen Menschen nicht erbracht, weil sie sich gegen Kinder entscheiden. So gesehen ist es sehr wohl gerecht, nun auch diesen Menschen eine zweite Leistung in Form des Riester-Sparens abzuverlangen. Dadurch sichern sie sich die Rente, deren Vollfinanzierung man den wenigen zukünftigen Beitragszahlern nicht mehr zumuten kann, und es wird möglich, den Eltern einen größeren Teil der von ihren eigenen Kindern gezahlten Rentenbeiträge zu belassen. Menschen, die mehrere Kinder großziehen, an der Riester-Rente zu beteiligen, hieße indes, ihnen eine dreifache Last aufzuerlegen. Als Beitragszahler ernähren sie die jetzt Alten, als Eltern, finanzieren sie über die Kosten der Kindererziehung die Renten aller zukünftiger Rentenbezieher, und als Riester-Sparer müßten sie zusätzlih ihre eigene Rente finanzieren.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S., S. 85-87).

„Ein pragmatischer Umgang mit dem Thema Familienplanung und Fertilität ist dringend geboten, um den Schaden der aus einer Vergreisung des Landes zu entstehen droht, zu begrenzen. Dazu muß auch der Staat umsteuern, denn er ist es, der durch seine sozialen Sicherungssystme, die das Schicksal des Einzelnen von den Konsequenzen seiner Fertilitätsentscheidungen abgetrennt haben, ganz maßgeblich zur Änderung des gesellschaftlichen Wertes der Familie und zur Kinderlosigkeit ... beigetragen hat. Richtig ist es, wenn der Staat sich stärker an den Kosten der Kindererziehung beteiligt und die Kinder auch steuerlich stärker berücksichtigt. Die verstärkte Bereitstellung von Kindergärten, der Übergang zu Ganztagsschulen und das Kinder-Splitting nach französischem Muster sind Maßnahmen, die sich aufdrängen und den gewünschten Erfolg haben werden. .... Vieles spricht dafür, daß sich der Staat zurücknimmt, indem er das Ausmaß der Sozialisierung der Rentenbeiträge, die Kinder an die Generation ihrer Eltern zahlen, reduziert. .... Wer keine Kinder hat, kann das bei der Kindererziehung eingesparte Geld am Kapitalmarkt anlegen, um sich so die Rente zu sichern, deren Zahlung er den Kindern anderer Leute in voller Höhe nicht mehr zumuten kann. Das muß die Devise für eine neue Rentenreform sein, bei der die Rente allgemein gekürzt und durch einen kinderbedingten Rentenanspruch ... ergänzt (besser noch: ersetzt! HB) wird.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S., S. 87-88).

„Die Reformen verlangen mehr Mut von den Politikern und den Vertretern der Rentenversicherungssysteme, als heute erkennbar ist. .... Die Politiker und Verbandsverterter, die sich sperren, das Thema weiter tabuisieren oder es mit kleinmütigen juristischen Argumenten beseite schieben, machen sich schuldig an der Zukunft des Deutschen Volkes.“ (Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg, Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, 2005, S., S. 88).

Kugel

„Die demographischen Auswirkungen erweisen sich als ungemein wuchtig.“ (Gunnar Heinsohn, Wie man mit viel Geld Armut vermehrt, in: Die Welt, 09.02.2010 **). Die Bedrohung für die Wirtschaft, den Sozialstaat, das Gemeinwesen insgesamt ist so groß, daß es zumindest unter den Demographen kaum einen gibt, der dem Westen noch Hoffnungen macht. Und ausgerechnet in Deutschland ist der Widerstand gegen diese Einsicht von den Herrschenden zu einem der obersten Gebote proklamiert worden. „Eine demographische Zukunft haben nur die Bildungsfernen. So besteht im Februar 2010 die Hartz-IV-Bevölkerung von 6,53 Millionen Menschen zu 26% aus Kindern unter 15 Jahren (1,7 Millionen). Im leistenden Bevölkerungsteil von 58 Millionen Bürgern unter 65 Jahren dagegen gibt es nur 16% Kinder (9,5 Millionen). Doch selbst der 26%-Kinderanteil in Hartz IV ist nur ein Anfang. Er wird weiter wachsen, weil er bei den Kleinsten schon sehr viel höher liegt. So hatte Bremerhaven vergangenes Jahr zwar »nur« 33% der Kinder von 7 bis 15 Jahren auf Hartz IV. Bei den 0- bis 3-Jährigen aber waren es 45%. Deshalb steht zu befürchten, daß in einigen Jahrzehnten weit mehr als ein Viertel der Menschen in eine Hightech-Gesellschaft mit ihren hohen Qualifikationsanforderungen nicht paßt. Weil junge Frauen während ihrer optimalen Gebärperiode heute genauso wie junge Männer mit ihrem beruflichen Fortkommen beschäftigt sind, reicht es bestenfalls noch für ein Wunschkind und oft nicht einmal für dieses. Deshalb liegen bereits 100 Nationen unterhalb der Nettoreproduktion von 2,1 Kindern. Die Regierungen haben spät auf diese Entwicklung reagiert. (Unsere »Bundesregierung« bis heute nicht! HB). Kanada wird zur ersten Nation, die bei den (oft chinesischen) Zuwandererkindern einen höheren Intelligenzquotienten (IQ) mißt als bei den Alteingesessenen. Deutschland rekrutiert seine Einwanderer vorrangig nicht aus Eliten, sondern aus den Niedrigleistern des Auslands, weshalb man eben nur etwa 5% qualifizierte Einwanderer gewinnt. Und deren Nachwuchs schleppt die Bildungsschwäche weiter. Die deutsche politische Führung scheint fest entschlossen, weiter auf dem erfolglosen, immer teurer werdenden Weg der verfehlten Einwanderungs- und Sozialpolitik zu gehen. Mehr Geld für Sozialprogramme hilft dabei nicht einmal zur Bekämpfung der Symptome, wie der Politologe und Ökonom Charles Murray in seiner Studie »Losing Ground« überzeugend dargelegt hat (**). Zwischen 1964 und 1984 erhöhten die USA ihre Ausgaben für Sozialhilfe sehr stark. Und doch stieg die Zahl der »Sozialhilfemütter« und ihrer Kleinen von 4 auf 14 Millionen. Murray faßte diese Entwicklung in die Gesamtformel »Mehr Geld vermehrt Armut«. Seine wichtigsten Schlußfolgerungen lauteten: Erstens: Die Bezahlung der Mutterschaft für arme Frauen führt zu immer mehr solchen Müttern. Zweitens: Die Kaschierung des Schulversagens ihrer Kinder durch Senkung der Anforderungen höhlt die Lernbereitschaft weiter aus. Drittens: Die Entschuldigung der Kriminalität dieser Kinder - 10 Prozent der Jungen sind auf Sozialhilfe, diese begehen aber 50 Prozent der Verbrechen - als »Versagen der Gesellschaft« treibt die Deliktzahl weiter nach oben. Viertens: Die Abschaffung der Sozialhilfe wirkt für die Betroffenen hilfreicher als ihre Belohnung mit Quasiverbeamtung für immer mehr bildungsferne Kinder. Diese unbequemen Einsichten haben in der us-amerikanischen Politik zu einem Umdenken geführt. Letztlich hat der Linksliberale Bill Clinton die entscheidende Wende eingeleitet. Ungeachtet aller »Rassismus«-Vorwürfe aus den eigenen Reihen setzte er zum 1. Januar 1997 die wichtigsten von Murrays Vorschlägen um. Clintons Reform beendete das geltende Recht auf lebenslange Sozialhilfe. An seine Stelle trat ein auf fünf Jahre begrenztes Recht auf Unterstützung bei tatkräftiger Hilfe nicht zu irgendeiner abstrakten Integration, sondern zum Übergang in Arbeit. Der Erfolg dieser Maßnahmen war durchschlagend: Bezogen vor der Reform 12,2 Millionen us-amerikanische Bürger Sozialhilfe, so waren es 2005 nur noch 4,5 Millionen. Die Frauen der Unterschicht betrieben nun Geburtenkontrolle. So sank die Zahl der »welfare mothers« drastisch, ebenso die Kriminalität der Söhne dieses Milieus. Fährt Deutschland mit seinem sozialpolitischen Kurs, der die Clintonsche Lektion ignoriert, wirklich besser? Die Zahl der ausschließlich von Sozialhilfe lebenden Kinder unter 15 Jahren sprang von rund 130000 im Jahre 1965 (nur Westdeutschland) über 630000 im Jahre 1991 auf 1,7 Millionen im Februar 2010. Nicht nur 10% aller Babys wie damals in den USA, sondern schon 20% werden mit Steuergeld finanziert. Während deutsche Frauen außerhalb von Hartz IV im Durchschnitt nur ein Kind haben ..., vermehrt sich die vom Sozialstaat unterstützte Unterschicht stärker - mit allen Folgeproblemen. So sind in der Hartz-IV-Musterkommune Bremerhaven die Jungen in Sozialhilfe mit einem Anteil von rund 40% an der männlichen Jugend für mehr als 90% der Gewaltkriminalität verantwortlich. Solange die Regierung das Recht auf Kinder als Recht auf beliebig viel öffentlich zu finanzierenden Nachwuchs auslegt, werden Frauen der Unterschicht ihre Schwangerschaften als Kapital ansehen. Allein eine Reform hin zu einer Sozialnotversicherung mit einer Begrenzung der Auszahlungen auf fünf Jahre statt lebenslanger Alimentierung würde wirken - nicht anders als in den USA. Eine solche Umwandlung des Sozialstaats würde auch die Einwanderung in die Transfersysteme beenden. Deutschland könnte dann im Wettbewerb um ausländische Talente mitspielen ....“ (Gunnar Heinsohn, Sozialhilfe auf fünf Jahre begrenzen, in: F.A.Z, 16.03.2010 **). Aber die Bundesregierung weigert sich und will vergessen (machen), daß dei bereits mehr als 95% ausmachenden integrationsunfähigen und -unwilligen Migranten uns und ganz besonders unseren Nachkommen (am meisten den weiblichen) und auch den weniger als 5% ausmachenden integrationsfähigen und -willigen Migranten extrem schaden! Der Schaden betrifft jeden Bereich - also nicht nur Sozial- und Steuersystem, Bildung, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft u.a. -, und am Ende werden alle unsere Kulturwerte vernichtet sein! Mehr

Kugel

„Ich möchte noch etwas zu den Investitionen der Familie in das Humankapital ihrer Kinder hinzufügen, also zur Erziehung, zur Ausbildung, zur Informationsvermittlung, zur gesunden Lebensweise und zu den Wertorientierungen der Kinder. All das sind Aspekte des Humankapitals, und das ist etwas, worauf Eltern einen enormen Einfluß haben. Familien spielen eine bedeutsame Rolle bei den Investitionen in das Humankapital. Das ist deswegen so wichtig, weil die heutige Wirtschaft, in der wir leben, fundamental wissensabhängig ist. Sie ist eine Wissensökonomie. Die Produktivität der modernen Wirtschaft hängt von deren Fähigkeit ab, das vorhandene Wissen und die Informationsverarbeitungskapazität der Menschen erfolgreich im Produktivitätsprozeß zu nutzen. Es geht nicht mehr um Körperkraft. Sie ist heute unwichtig. Viele von uns - mit einigen Ausnahmen - würden sich schlecht anstellen, wenn die Wirtschaft immer noch auf Körperkraft aufbauen würde. Sie gründet heute auf Wissen. Eltern und Familien sind wichtige Träger von Investitionen in den Wissenserwerb. Zweifellos sind Schulen wichtig. Gegenwärtig gibt es sowohl in Deutschland als auch in den USA eine große Diskussion über die Qualität von Schulen. Aber wir sollten nicht die Tatsache aus dem Blick verlieren, daß die Familien immer noch ganz entscheidend zu den Investitionen in Wissen und den Erwerb von Fähigkeiten beitragen. Schulen ergänzen dies. Aber Schulen haben die Familie nicht ersetzt, und dies sollte m.E. auch nicht das Ziel sein. Die Wirtschaft in Europa und den USA begann sich ... mit der industriellen Revolution zu modernisieren. (Industrielle Revolution). Die industrielle Revolution war im Kern eine Revolution, in der wissenschaftliche Erkenntnisse in der Wirtschaft angewendet wurden. Es ging primär um die Anwendung von Erkenntnissen der Ingenieurswissenschaften und der Chemie, bei der Deutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts führend war. (Deutschland war in allen Bereichen Weltmeister ! Deutschland hatte pro Jahr mehr Nobelpreisträger als der Rest der Welt zusammen! Die Wissenschaftsliteratur der Welt erschien zu über 80% in deutscher Sprache! HB WissenschaftDeutschland). Es war die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Wirtschaft, die zu einem massiven Anstieg der Produktivität führte. Gleichzeitig machte die Verwissenschaftlichung der Produktion es erforderlich, daß die Menschen über das Wissen und die Ausbildung verfügten, um mit den neuen Produktionsmethoden in effektiver Weise umgehen zu können. Und das ist auch der Grund dafür, warum ... die in der Ausbildung erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten immer wichtiger für die Produktivität der Arbeitskräfte, für ihren Arbeitsplatz und ihr Einkommen wurden. Ich bezeichne unsere Zeit als Zeitalter des Humankapitals. Für dieses gilt, daß das Humankapital zur zentralen Determinante von Wohlstand und Reichtum geworden ist.“ (Gary S. Becker, Die Bedeutung der Humanvermögensbildung in der Familie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft, in: Christian Leipert, Demographie und Wohlstand, 2003, S. 95-96).

Kugel Verhaltensweisen sind wie das Wetter!

Denn: „Bevölkerungsprognosen sind zuverlässiger als Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung, weil die künftigen Bevölkerungszahlen in erster Linie von der Größe der verschiedenen Altersgruppen in der bekannten Bevölkerungspyramide abhängen und erst in zweiter Linie vom Verhalten der Menschen, das sich ändern kann. Aber auch die sich ändernden Verhaltensweisen lassen sich analysieren und die dabei festgestellten Richtungen der Verhaltensänderungen bei den Annahmen für die Zukunft berücksichtigen. Der Unterschied zwischen den dominierenden Einfluß der Altersstruktur und dem der Verhaltensweisen läßt sich vergleichen mit dem ziemlich sicher prognostizierbaren Wechsel der Jahreszeiten und den kurzfristigen Wetterprognosen.“ (Herwig Birg, Die ausgefallene Generation - Was die Demographie über unsere Zukunft sagt, 2005, S. 48-49). Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ist die Prognose richtig, daß es auch in Zukunft Jahreszeiten und Wetter geben wird, und mit fast ebenso hoher Wahrscheinlichkeit ist die Prognose richtig, daß es auch in Zukunft Bevölkerungen und Verhaltensweisen geben wird. Darum ist mir die Demographie zunächst nur ein Teil der Kultur. Sie hat „ihre Jahreszeiten“, weil sie einer Schwankung ausgesetzt ist, die nur für sie spezifisch ist, denn für die Kultur ist die Wirtschaft nächster Trabant, Begleiter, Satellit, Wächter, Hüter (nomíã) im Haus (oikos) - also: Haushüter (= Ökonomie, vgl. Wirtschaftlichkeit) - und deshalb eine nahestehende zyklische Bindung (Verbindung = Konjunktur), die Technik sonniges Zentrum und die Kunst planetarische Wandlung, z.B. als festgelegtes Medium der Wege, Irrwege und Auswege. Mit anderen Worten: Wirtschaft, Technik, Kunst und andere Kräfte wirken auf die Kultur ähnlich wie Mond, Sonne, Planeten und andere Kräfte auf die Erde. Sie bringen sie ins Schwanken!

„Wirtschaft ist auf das Innigste verwoben mit Gesellschaft. Genau genommen sind Probleme der Wirtschaft sogar nur ein Widerschein gesellschaftlicher Probleme einschließlich der Bevölkerungsentwicklung. Zu häufig wird in der öffentlichen Debatte übersehen, daß die Wirtschaft nichts Eigenständiges ist. Sie ist eine Manifestation, also ein Offenbarwerden gesellschaftlich geleiteten individuellen und kollektiven Handelns. Nicht mehr und nicht weniger. Um die Wirtschaft zu sehen und zu verstehen, muß deshalb die Gesellschaft in den Blick genommen werden.“ (Meinhard Miegel, Epochenwende, 2005, S. 183).

Und vergessen wir nicht: Phänomene wie z.B. der Geburtenrückgang - bis hin zum Geburtendefizit, d.h. zur Bevölkerungsschrumpfung - sind weder rein wirtschaftlich noch rein biographisch erklärbar; für sie können „nur komplexe, multikausale Erklärungen Plausibilität beanspruchen .... Das spricht sowohl gegen eine rein ökonomische wie auch gegen eine nur biographietheoretische Erklärung ....“ (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 130). Darum sollten wir die Problemlösungen, die uns die Wirtschaft anbietet, erst einmal skeptisch hinterfragen und sorgfältig überprüfen, bevor wir sie akzeptieren, und da, wo es notwendig ist, müssen wie sie als falsch entlarven, denn wir haben nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht zur Falsifikation.

 

Vgl. Wissenschaft

 

Kugel Weiterführende Verweise

- Weltbevölkerung (6,6 Mrd. im April 2007) -
- Bevölkerungsreichste 15 Länder (2007) -
- Bevölkerungsdichte der Länder (2007) -
- Bevölkerungsdichteste Gebiete (2007) -
- Wachstum der Bevölkerungen (2007) -
- Bevölkerungen von 0 bis 2000 -
- Bevölkerungen von 1800 bis 2050 -
- Stadtbevölkerung von 1950 bis 2050 -
- Stadtbevölkerung (2007) -
- Deutschland (2007) -
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