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Norbert Bolz (*1953)
- Geschichtsphilosophie des Ästhetischen (1979) -
- Goethes Wahlverwandschaften (1981) -
- Wer hat Angst vor der Philosophie? (1982) -
- Spiegel und Gleichnis (1983) -
- Auszug aus der entzauberten Welt (1989) -
- Philosophischer Extremismus zwischen den Weltkriegen (1989) -
- Theorie der neuen Medien (1990) -
- Chaos und Simulation (1992) -
- Am Ende der Gutenberg-Galaxis (1993) -
- Das kontrollierte Chaos (1994) -
- Die Sinngesellschaft (1997) -
- Die Wirtschaft des Unsichtbaren (1999) -
- Die Konformisten des Andersseins (1999) -
- Weltbürgertum und Globalisierung (2000) -
- Weltkommunikation (2001) -
- Das konsumistische Manifest (2002) -
- Produktion und Reproduktion (2003) -
- Was ist der Mensch?  (2003) -
- Blindflug mit Zuschauer (2005) -
- Die Helden der Familie (2006) -
- Mehr Steuern für Kinderlose! (2006) -
- Verstaatlichung der Kinder (2006) -
- Das ABC der Medien (2007) -
- Das Wissen der Religion (2008) -
- Geistiger Selbstmord (2008) -
- Die Angstindustrie hat eine Religion erfunde (2009) -
- Diskurs über die Ungleichheit (2009) -
- Profit für alle (2009) -
- Wer hat Angst vor der Freiheit? (2009) -
- Die ungeliebte Freiheit (2010) -
- Die politische Rechte steht für Bürgerlichkeit (2010) -
- Die neuen Jakobiner (2010) -
- Das Gestell (2012) -
- Wer hat Angst vor der Philosophie? (2012) -
- Wer nicht spielt, ist krank (2014) -
- Das richtige Leben (2014) -
- Das ABC der Medien (2015) -
- Zurück zu Luther (2016) -
Bolz-Zitate. Da ich Norbert Bolz für einen couragierten Wissenschaftler halte, möchte ich ihm eine
separate Seite widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:
- Das konsumistische Manifest (2002) -
- Produktion und Reproduktion (2003) -
- Die Helden der Familie (2006) -
- Das Wissen der Religion (2008) -
- Geistiger Selbstmord (2008) -
- Diskurs über die Ungleichheit (2009) -
- Die politische Rechte steht für Bürgerlichkeit (2010) -
- Die neuen Jakobiner (2010) -

 

 

 

Das konsumistische Manifest (2002)

„Im Antiamerikanismus konkretisiert sich natürlich der Haß gegen die Lebensform des westlichen Konsumismus. Ein faszinierende Zuspitzung bekommt diese Antithetik durch die Einsicht, daß der Konsumismus zunehmend selbst Züge einer Weltreligion angenommen hat ....“ (Ebd., S. 9).

„Und heute sehen wir, wie die Frustation des Wohlstandes mit dem Ressentiment der Ausgeschlossenen konvergiert: im Antiamerikanismus.“ (Ebd., S. 10-11)

„Vor dem Hintergrund des gerade Gesagten bekommen die im Feuilleton hoch kontroversen, aber von der Zunft meist nur belächelten, großen philosophischen Thesen der letzten Jahre dorch einen guten Sinn:
–› Francis Fukuyamas End of History, denn Hegels Geschichte im Sinne eines Fortschritts im Bewußtsein der Freiheit - und nur sie war von Kojève und Fukuyama gemeint - ist tatsächlich zu Ende (nein! Oder? HB [**|**|**|**]). Wie Zarathustra es geahnt hat, steht nun der Mensch im Mittelpunkt: als Haustier des Menschen.
„–› Samuel Huntingtons Clash of Civilizations, denn die kulturellen Differenzen werden zur Instrumentierung des Ressentiments aller Globalisierungsopfer immer wichtiger. Deshalb trifft auch die Einschätzung des Antiamerikanismus als ritueller Schematisierung interner Probleme der islamischen Welt einen entscheidenden Punkt.
–› Benjamin Barbers Antithese Dschihad vs. McWorld, die sich mit unserem Konzept eines Kampfs der Weltreligionen Antiamerikanismus und Konsumismus gut verträgt.
–› Niklas Luhmanns Supercodierung der Weltgesellschaft durch die Unterscheidung Inklusion-Exklusion, denn es gibt keine Brücke der Diskussion oder des »Dialogs der Religionen« (**), die wir betreten könnten, um jene zu befrieden, über die der Prozeß der Modernisierung hinweggegangen ist.“ (Ebd., S. 11).

„Man kann all diese Überlegungen kontrahieren zu einem Modell, das ich das Dreikörperproblem der Weltgesellschaft nennen möchte. Sehr große Teile der Weltgesellschaft leben vormodern, gemeint ist natürlich die sogenannte Dritte Welt, der wir die Dauerprobleme der Migration und des Fundamentalismus verdanken. Überall dort, wo Nationalstaaten noch versuchen, die Gesellschaft mit Steuern zu steuern, leben wir modern. Und überall dort, wo sich die Wissensgesellschaft formiert, die Global Players der Wirtschaft den Ton angeben und »smart cities« aus dem Boden schießen, zeigt sich die Welt postmodern. Es läßt sich nicht vorausberechnen, wie diese drei Körper sich wechselseitig beeinflussen werden - und das macht die Entwicklung der Weltgesellschaft in einem durchaus mathematischen Sinne unberechenbar.“ (Ebd., S. 11-12).

„Mit Relativismus hat das nichts zu tun. Ja mehr noch: Gerade an unseren Themen kann man erfahren, daß es unmöglich ist, ein Relativist zu sein. Jede Beobachtung ist nämlich immer auch eine Beobachtung erster Ordnung. Denn man kann immer nur an einem Ort sein und hat deshalb je nur eine Perspektive: »soweit ich sehe«. Gadamer hat das die »Vorurteilsstruktur des Verstehens« genannt, der konstruktiivismus spricht vom »blinden Fleck jeder Beobachtung« und der us-amerikanische Kontextualismus meint dasselbe mit seinem Begriff »Embeddeness«. Im Blick auf unser Thema heißt das, mit Mary Douglas, »culture is bias«. Und jenseits dieses Vorurteils ist nirgendwo.“ (Ebd., S. 12).

„Soziologen wie Dirk Baecker betonen zwar immer wieder zu Recht, daß, wer Kapitalismus sagt, Gefahr läuft, die Gesellschaft auf Wirtschaft zu reduzieren. Doch wir interessieren uns im folgenden gerade für den spezifischen Beitrag der kapitalistischen Wirtschaft zur Logik der Moderne. .... Im System des Kapitalismus wurden die Menschen (nicht »die Menschen«, sondern »die abendländischen Menschen« ! HB) trockener und berechenbarer - man könnte sagen: sie wurden auf Zivilisationstemperatur gebracht. Und genau das hat ihm der Sentimentalismus der Entfremdungskritiker seither zum Vorwurf gebracht. .... Besonders einschlägig sind hier natürlich die Formulierungen des »Kommunistischen Manifests«, das Marktsystem habe »die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst ... und kein anderes band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühlslose ›bare Zahlung‹.« (Karl Marx, Die Frühschriften, S. 528).“ (Ebd., S. 13).

„Bei Lichte betrachtet, entsteht die soziale Kälte aber nicht durch das Prinzip des Kapitalismus, sondern durch die für sein Funktionieren erforderliche formale Organisation, also die Notwendigkeit, soziale Kooperation in großem Maßstab zu organisieren. Formale Organisation ist in der modernen Gesellschaft genau so unvermeidlich wie unmenschlich; sie ist eins mit dem Verlust des Lebens in kleinen Gruppen.“ (Ebd., S. 13-14).

„Keine Demokratie ohne Marktsystem (?!?). Daraus folgt nicht die zynische Empfehlung, die Moral durch den Marktmechanismus zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, Moral nicht ethisch, sondern ökonomisch zu begründen - nämlich aus der Evolution der Kooperation. Es ist intelligent, nett zu sein. Wer dagegen Erfolg sucht, indem er die Dummheit der anderen ausnutzt, zerstört damit die Umwelt, in der er Erfolg haben kann. Je komplexer das Wirtschaftssystem, um so mehr hängt der eigene Erfolg vom Erfolg des anderen ab. Wer die Dinge so sieht, wird nicht mehr versuchen, den westlichen Universalismus der Menschenrechte zu exportieren, sondern die 'Risikostaaten' mit dem konsumistischen Virus zu infizieren. Deshalb ist es richtig, Wirtschaftsbeziehungen auch mit denen zu pflegen, die unseren ethischen Standards nicht entsprechen. Der pragmatische Kosmopolitismus ist konkret Konsumismus. Wir plädieren also für Händler und gegen Helden - man könnte auch sagen: für Konsumbürgerlichkeit.“ (Ebd., S. 14-15).

„Der Haß Carl Schmitts gegen den ökonomistischen Denkstil des Liberalismus war sehr hellsichtig. Denn in der Tat läßt sich die urpolitische Freund-Feind-Unterscheidung weder auf den Konkurrenten auf dem Markt noch auf den Diskussionsgegner in der Arena der bürgerlichen Öffentlichkeit anwenden. Der Kampf um Anerkennung wandelt sich unter Bedingungen des Marktsystems zur Konkurrenz um einen Dritten, nämlich den Kunden.“ (Ebd., S. 15).

„Und so lautet die Grundthese des konsumistischen Manifests: Das 21. Jahrhundert beginnt mit der Kritik der liberalen Vernunft, die von religiösen Fanatikern in der Weltsprache der Gewalt geschrieben wird. Im Terror islamischer Fundamentalisten manifestiert sich ein Antiamerikanismus, gegen den die westliche Welt keinen erfolgreichen Krieg führen kann, weil man - das war schon die Lektion von Vietnam - unter Bedingungen einer feminisierten Öffentlichkeit ohnehin keinen erklärten Krieg mehr führen kann. Doch wenn das zutrifft, bleibt dem Westen nur eine Hoffnung: der Marktfriede. Konkret besteht diese Hoffnung darin, daß sich der Virus - oder wie man im Anschluß an Richard Dawkins formulieren könnte: die Meme des kapitalistischen Wirtschaftens - auch in den heute noch vom antiamerikanischen Ressentiments besetzten Seelen reproduziert. Wirtschaftlicher Erfolg als Opium für die Fanatiker.“ (Ebd., S. 15-16).

„Der Konsumismus ist das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen. Die Apologie dieses Lebensstils, bis hinein in die Sphäre der Liebe, muß nicht die Augen verschließen vor den Folgelasten der Modernisierung, den Ausschlußmechanismen unserer westlichen Rationalität und den Schicksalen der Globalisierungsopfer. Auch die immanenten Schwächen des konsumistischen Lebensstils, der vom pursuit of hapiness nur den »happiness of pursuit« übrigläßt, liegen seit langem offen zutage. Heute wäre es aber an der Zeit, die Stärke in diesen Schwächen zu erkennen. Der Konsumismus verspricht weder das Ziel noch das Ende der Geschichte, sondern nur das immer wieder Neue. Und wo anders wäre, nachdem die Moderne den Himmel ausgeräumt hat, die Wendung von der Transzendenz zur Introszendenz möglich: die Eroberung der »dieseitigen Tiefe«.“ (Ebd., S. 16-17).

„Richard Nixon meinte einmal, den westlichen Staaten fehle a mission beyond peace. Das war natürlich im Blick auf die Nachweltkriegsordnung gemeint. Aber nach dem 11.09.2001 waren viele versucht zu sagen Hier ist sie! Und diese Mission leigt auf exakt der Ebene, die bisher Sean Connery, Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis vorbehalten war - dort, wo die große Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse tobt. Real betroffen vom Terror sind, soweit man sieht, die US-Amerikaner und die Israelis. (Und Europäer! HB). Die Sympathisanten leiden am Leiden der Betroffenen - und befriedigen damit »das seelische Komfortbedürfnis nach Legitimität des Glückes«. Gemeint ist ganz konkret das Glück, unbetroffen, geschützt, vom Ernstfall verschont zu sein. Das Schuldgefühl, das man als Nation der Unbetroffenen entwickelt, hat Deutschland in ähnlichen Situationen durch einen Ablaßhandel bewältigt, den die Neue Ernsthaftigkeit heute als Scheckbuchdiplomatie denunziert.“ (Ebd., S. 21).

„Der Fundamentalismus ist die präzise Reaktionsbildung gegen den Ausschluß der Konsum- und Kommunikationslosen.“ (Ebd., S. 25).

„Die Politik des liberalistischen Westens mißversteht sich als globale, das heißt, sie verwechselt sich mit der Weltgesellschaft - und braucht deshalb einen globalen Feind.“ (Ebd., S. 25).

„Wenn wir unser Problem nun etwas höher abstrahieren, erreichen wir die Ebene der Grundparadoxie des Liberalismus: Wie verhält sich eine aufgeklärte Kultur der Toleranz angesichts religiöser Intoleranz?  Wenn etwa das »Reich Gottes« gepredigt wird, dann kann der moderne Staat das tolerieren, solange es irgendwie metaphorisch, also spirituell und innerlich gemeint ist - nicht aber als Aufruf zur politischen Theokratie. Der säkulare Staat kann den Gläubigen also nicht in seinem Glauben ernst nehmen. Wie in anderen Lebensbereichen auch, wird die Forderung nach Gleichheit vom Staat in Form von Gleichgültigkeit erfüllt. (**).“ (Ebd., S. 25-26).

„Unter Soziologen ist seit Max Weber unstrittig, daß sich das spezifisch Moderne unserer Gesellschaft darin zeigt, daß die einzelnen »Wertsphären« (wie etwa Wirtschaft, Technik, Kunst; aber eben auch Religion! HB) »ausdifferenziert« sind, das heißt, daß sie autonom operieren und einer je eigenen Logik folgen. Das ist nicht für jedes System ein Glück. Ausdifferenzierung heißt nämlich für die Religion Säkularisierung. Säkularisierung bewirkt aber kein Erlöschen der Religion, sondern ihre Vervielfältigung. Man könnte hier von einer List der Unvernunft sprechen, die darin besteht, daß gerade die Säkularisierung theologische Gehalte im Profanen rettet. Deshalb müßte man, um die Religion zu neutralisieren, auch die Säkularisierung säkularisieren.“ (Ebd., S. 26).

„Religion ist das soziale System, das eigentlich nicht anerkennen kann, nur ein soziales System zu sein.“ (Ebd., S. 27).

„Wir (wir!) können uns den Prozeß der Modernisierung aber gar nicht anders denken denn als fortschreitende Ausdifferenzierung sozialer Systeme, die autonom operieren. Und das impliziert eben die Unabhängigkeit der Politik von der Religion. Die islamische Kultur hat das - nämlich Modernisierung qua Säkularisierung - jedoch bis heute nicht erreicht. Anders gesagt: Atatürks Projekt ist gescheitert. Nach wie vor ordnen die Muslime die Welt mit der Unterscheidung der zwei Rechtskreise »Islam« und »Ungläubige«.“ (Ebd., S. 27).

„Es ist sinnvoll, im Blick auf die gesellschaftliche Stellung der Religion Toleranz von Respekt zu unterscheiden. Toleranz nimmt die anderen nicht ernst. Stanley Fish spricht in diesem Zusammenhang von Boutique-Multikulturalismus; der reicht vom Palästinenserschal über den Urlaub in Nepal bis zu fernöstlichen Managerweisheiten.“ (Ebd., S. 27).

„Und wenn man diese eminent moderne Haltung des Boutique-Multikulturalismus auf die eigene religiöse Überlieferung anwendet, dann resultiert die sogenannte Zivilreligion. Das heißt im Klartext: Man glaubt zwar nicht an einen Gott, aber man schätzt die verhaltenssichernde Kraft der Rituale - etwa bei der Taufe, bei der Beerdigung und an Weihnachten. Oder man beschwört »christliche Werte«, wenn man politisch nicht mehr weiter weiß.“ (Ebd., S. 27).

„Mit dieser Form der Toleranz kann sich eine Religion, die sich ernst nimmt, nicht begnügen. Sie fordert Anerkennung und Respekt. Respekt kann aber gerade auch darin bestehen, die andere Auffasung zu bekämpfen - man denke etwa an zwangsverschleierte Frauen, abgehackte Diebeshände und Salman Rushdie. Wir können das Andere nur anerkennen, wenn wir unserer Toleranz eine Grenze setzen.“ (Ebd., S. 27).

„Religion, die es ernst meint, ist nicht tolerant. Deshalb kann sie von der Religion der Toleranz, also dem Liberalismus, nicht toleriert werden. Man sollte sich hier nicht von humanistischen Seminarerfahrung der Religionswissenschaftler und der »Politischen Korrektheit« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) der Politiker irreführen lassen, die uns heute unisono einreden wollen, der Islam sei eine Religion des Friedens. Eine Religion predigt Toleranz, solange und wo sie noch nicht an der Macht ist. Und umgekehrt ist Macht immer ein Maß dafür, wie weit man sich nicht anpassen muß. Ich bin immer dann tolerant, wenn meine tiefsten Überzeugnungen nicht berührt werden, und ich bin immer dann kompromißbereit, wenn ein Sieg unwahrscheinlich ist.“ (Ebd., S. 27-28).

„Für die Muslime ist der Koran das Wort Gottes. Dagegen heißt Aufklärung, die heilige Schrift als Literatur zu lesen. Der Gott der Frommen ist immer einwertig - man kann nicht mit ihm diskutieren. Gott sprach - aber erst mit dem Teufel kommt dann Dialog in den Logos. Damit ist aber der Dialog, dieses Lieblingskind der Liberalen, des Teufels. So heißt es bei Adolf von Hranack sehr schön: »Man tritt in das Schema des Gegners über, wenn man stückweise seinen Thesen andere entgegensetzt!« (Adolf von Harnack, Das Wesen des Christentums, 1900, S. 130). Wenn der Dialog beginnt, hat der Liberalismus schon gewonnen. Und dafür haben die Frommen ein untrügliches Gespür. Es ist deshalb absurd, sich irgendeinen politischen Fortschritt vom »Dialog der Religionen« (**)zu versprechen. Wenn sich die Fundamentalisten auf einen »Dialog« einlassen würden, gäbe es gar keinen Grund mehr für einen Dialog.“ (Ebd., S. 28-29).

„Gebetsmühlenartig wiederholt man bis tief in die sozialdemokratische Linke hinein die liberalen Monstranz-Begriffe Demokratie, Toleranz und Dialog - und verstellt sich damit jeden Zugang zum Problem. Es ist nämlich, erstens, eine liberale Illusion zu glauben, Demokratisierung wäre gleichbedeutend mit Verwestlichung. Gerade durch fundamentalistische Appelle gewinnt man heute Wahlen. Daß die Herrschaft des Volkes nicht in den Kosmopolitismus, sondern in den Provinzialismus führt, hat Samuel Huntington als das demokratische Paradoxon bezeichnet. Es ist, zweitens, intellektuell unredlich, wechselseitige Toleranz als Heilsformel zu propagieren, ohne vorab das liberale Urdilemma des Umgangs mit der Intoleranz zu reflektieren. Und drittens: Auch hinter dem liberalen Dialog steht nicht etwa die Vernunft selbst, sondern ein Glaube: »faith in talk«.“ (Ebd, S. 29-30).

„Wie schon für Carl Schmitt ist für Stanley Fish das ewige Gespräch der Kern des Liberalismus. Dessen Commitment, also die selbstverpflichtende Wertbindung, ist paradox: »the deferring of commitment«. Die Liberalen können den Konflikt fundamentaler Glaubensüberzeugungen nur als Meinungsstreit modellieren, denn es gibt für sie prinzipiell keinen Konflikt, den man nicht in rationaler Deliberation auflösen könnte. Was aber eine Religion von einer bloßen Meinung unterscheidet, ist der Anspruch auf privilegierten Zugang zur Wahrheit. Und deshalb gibt es keine liberale Antwort auf die heute so dringliche Frage: Wie soll man mit Leuten diskutieren, die von der Überlegenheit ihrer Kultur überzeugt sind?  Der Fundamentalismus konfrontiert den Liberalismus mit Konflikten, die nicht auf Interessenkonflikte reduzierbar sind. Wer fromm ist, hat kein Interesse am Marktplatz der Ideen: Er hat die Wahrheit - und deshalb kein Interesse an einer anderen Wahrheit. Man kann es auch so sagen: Religion, die sich ernst nimmt, ist dogmatisch. Und im Dogma haben wir den eigentlichen Gegensatz zum liberalen Dialog. Es codifiziert die Wahrheit des rechten Glaubens und kann deshalb in unseren westlichen Spitzenwerten wie »Offenheit« und »othering« nur gottlose Verirrungen sehen. Für den Frommen sind die westlichen Werte schon deshalb unattraktiv, weil sie sich, inhaltlich völlig unbestimmt wie sie sind, bei näherem Hinsehen ganz in Verfahrensfragen auflösen: Variabilität, Offenheit, Andersheit, Dialogizität. Diese Neutralität unserer Spitzenwerte ist der Preis, den wir für unsere universalistischen Ansprüche zahlen müssen.“ (Ebd, S. 30-31).

„Die neutralen Prinzipien des Liberalismus können nur operieren, wenn sie zuvor das geopfert haben, was die Leute wirklich interessiert. Vor allem der liberale Spitzenwert der Diversität entwertet alle anderen Werte. So könnte die westliche Welt im Zerrspiegel des Fundamentalismus etwas zu sehen bekommen, was sonst im blinden Fleck ihres universalistischen Selbstverständnisses verborgen bleibt. Die Lektion lautet: Es gibt keine Rationalität und Toleranz ohne Grenzen, das heißt ohne Exklusion. Und Liberalismus war bisher vor allem auch die Kunst, diese Geste unsichtbar zu machen. Die liberale Neutralität war stets eine Geste der Exklusion, die sich als Geste der Inklusion tarnte.“ (Ebd, S. 31-32).

„Max Webers berühmte These über den Geist des Kapitalismus besagt im Kern, daß eine asketische Form des Protestantismus eine alltagsbestimmende Lebensmethodik geschaffen habe, die das kapitalistische Wirtschaften nicht nur wie ein Korsett stütze, sondern zugleich auch mit Heilsprämien versehe. Kurz: Der Kapitalismus ist religiös bedingt. (Ebd., S. 63).

„Der Konsum ist heute das Medium einer Kultur des Selbst. Oder um es im Jargon der Medientheorie Fritz Heiders zu formulieren: Die Waren sind die lose gekoppelten Elemente des Mediums Konsum, in das die rigide gekoppelten Formen der Lebensstile eingeprägt werden. Hier zeigt sich, daß das Konzept des »Inszenierungswerts« nicht nur für Produkte und Dienstleistungen, sondern vor allem auch für die Konsumenten selbst gilt. Im System des Konsumismus inszeniert sich das Leben selbst und erfindet seine Identität. Der Wunsch »Verändere mich!«  führt dabei natürlich nicht zu einer wirklichen Veränderung; es geht, wie gesagt, nur darum, das Anderssein zu schmecken. Mit anderen Worten: Man kann sich zwar nicht ändern, aber umerzählen und ein neues »Make-up der Identität« auflegen. Es ist deshalb die wesentliche Aufgabe des Marketing und der Werbung, Formulierungshilfen bei der Eigenkonstruktion von Geschichten zu geben, mit denen sich dann Individuen identifizieren können. Wünsche zweiter Ordnung zielen vor allem auf den spirituellen Mehrwert der Waren, und soweit es sich dabei um Luxusgüter handelt, können wir beobachten, daß die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts einen Luxus zweiter Ordnung bietet. Um das zu verstehen, muß man sich klarmachen, daß Luxusmarken seit jeher totemistisch funktionieren. Was zählt, ist der prägnante Name, den man selbst als semantischen Markenartikel definieren könnte. Klassische, jedem vertraute Beispiele sind Rolex, Mercedes, Armani. .... Wie die Marke hat der Luxus noch eine große Zukunft vor sich, weil - so Hans Magnus Enzensberger - »das Streben nach der Differenz zum Mechanismus der Evolution gehört und die Lust an der Verschwendung in der Triebstruktur wurzelt«. Wenn wir nun im Blick auf die Märkte des 21. Jahrhunderts von einem Luxus zweiter Ordnung sprechen, so soll das besagen: Es geht nicht mehr um die naive Ostentation des Konsums und der Kaufkraft, sondern um eine spirituelle Technik der Differenz. Der Luxus der Zukunft wird ein unsichtbarer Luxus sein: Zerebralkonsum, Aufmerksamkeit, Sinn, Ruhe, Raum. Enzensberger hat dieser Entwicklung die dialektische Pointe gegeben: »Der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen.« Nirgendwo kann man die verblüffenden Wendungen, die der Konsumismus in den Registern der second order desires und des Luxus zweiter Ordnung nimmt, besser studieren als auf den Märkten der Sorge. In der Welt von Wohlstand und Fürsorge wächst der Wunsch, sich um jemanden oder etwas zu sorgen.“ (Ebd., S. 102-103).

Produktion und Reproduktion (in: F.A.Z, 22.03.2003)

„Der Arbeit der Hausfrau fehlt die vertragsmäßige Freiwilligkeit; sie ist keine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt - und wird deshalb nicht anerkannt. Statt dessen sieht sich die traditionelle Mutter und Hausfrau mit einer Fülle hochmoderner Unterscheidungen umstellt, die ihr heiliges Familiengefühl antiquiert erscheinen lassen. Vor allem ist sie ständig mit Frauen konfrontiert, die sich für Produktion, also Karriere, und gegen Reproduktion, also Kinder, entschieden haben. Hinzu kommt eine subtile Regierungspropaganda, die Frauen, die »nur« Mütter und Hausfrauen sind, ein schlechtes Gewissen verpaßt.“ (Ebd.).

„Gerade wenn man einsieht, daß der Feminismus als Kreuzzug gegen die Familie triumphal erfolgreich war, kann man auch erkennen, daß er heute in eine Sackgasse geraten ist, weil er sich überdehnt hat - frau hat sich zu Tode gesiegt. Könnte das die Chance für eine Wiederkehr des Familienlebens sein? Es ist durchaus denkbar, daß die Erfolgreichen des 21. Jahrhunderts das Familiäre als Quelle entdecken ....“ (Ebd.).

„Kinder sind, um in diesem spröden Jargon der Wirtschaftswissenschaftler zu bleiben, dauerhafte Konsumgüter, die psychische Befriedigung verschaffen. Und sie machen fähig, in die Zukunft zu blicken und sie zu gestalten.“ (Ebd.).

„Wer keine Kinder hat, hat auch kein existentielles Interesse an der Zukunft.“ (Ebd.).

Die Helden der Familie (2006)
- Klappentext
- Vorwort (S. 7)
- Wozu Kinder? (S. 9-11)
- Das Geheimnis des Begehrens (S. 11-14)
- Jenseits der Erotik (S. 14-16)
- Die Ehe - Rechnung und Gegenrechnung (S. 16-20)
- Die neuen Verteilungskämpfe (S. 20-24)
- Vorbild Methusalem (S. 24-28)
- Die Dialektik von Herr und Frau (S. 28-32)
- Das imperiale Selbst (S. 32-34)
- Arbeitende Frauen und Vater Staat (S. 35-39)
- Die Märkte der Sorge (I) (S. 39-42)
- Die Weltfamilie (S. 42-44)
- Lebensabschnittspartner (S. 44-46)
- Lernen von Pipi Langstrumpf (S. 46-48)
- Die Welt der starken Bindungen (S. 48-54)
- Die Stärke schwacher Bindungen (S. 54-56)
- Die Märkte der Sorge (II) (S. 57-59)
- Humanvermögen (S. 59-64)
- Der Mythos von der Balance (S. 64-66)
- Produktiv und unfruchtbar (S. 66-68)
- Vom Umgang mit Kinderlosen (S. 68-72)
- Die Enteignung der Lebenssorge (S. 72-73)
- Vergiftete „Brüderlichkeit“ (S. 74-77)
- Schöne neue Frauenwelt (S. 77-81)
- Wer ist attraktiv? (S. 81-85)
- Das notwendige Unglück (S. 85-87)
- Naturschutzparks der Männlichkeit (S. 87-91)
- Die ewigen Jagdgründe (S. 91-97)
- Die maskuline Ästhetik (S. 97-99)

„Bolz’ höchst engagiertes Plädoyer für die familie richtet sich gleich gegen mehrere Gegner: gegen einen Fürsorgestaat, der die Familie ersetzen will, gegen einen neuen Hedonismus unter der Marke der »Selbstverwirklichung«, gegen eine als »Political Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) getarnte Kinderfeindlichkeit der Methusalem-Apologeten und der feministischen Karrierefetischisten.“
(Ebd., Klappentext).

„Die Götter gaben uns Elend; //
Denn zu groß war das Glück, daß wir beisammen in Eintracht //
Unserer Jugend genössen und sanft dem Alter uns nahten!“
( Homer, Odyssee)

„Wir leben in einem Zeitalter kalter Kriege. Kalter Krieg herrscht zwischen Männern und Frauen, zwischen Alten und Jungen. Kalter Krieg herrscht zwischen Eltern und Kinderlosen, zwischen berufstätigen Frauen und Hausfrauen. Kalter Krieg herrscht zwischen Familien und Staat. Bekanntlich ist dies auch ein Zeitalter des radikalen, begründungsunbedürftigen, zu nichts verpflichtenden Individualismus. Man sieht im Verhältnis von Mann und Frau eine Unterscheidung als ob nicht. Man führt Ehen als ob nicht. Und man hat Kinder, als hätte man sie nicht.“ (Ebd., S. 7).

„Unser Thema eignet sich besonders schlecht für eine wissenschaftliche Behandlung. Denn man kann nicht »objektiv« sein, wenn es um eine Frage geht, die an die Wurzeln des eigenen Selbstverständnisses geht. Wer über das Verhältnis der Geschlechter schreibt, ist entweder Frau oder Mann. Wer über das Verhältnis der Generationen schreibt, ist entweder jung oder alt. Und wer über Familien schreibt, ist entweder verheiratet oder nicht; er gehört entweder zu den Eltern oder zu den Kinderlosen. Da es hier um Fragen der Identität, des Lebenssinns und des Glücks geht, kann man nicht sinnvoll erwarten, daß der Autor von seinem Geschlecht, seinem Alter und seinem Stand abstrahiert. Besser ist es wohl, die Karten auf den Tisch zu legen. Der Autor dieser Zeilen ist Jahrgang 1953, verheiratet mit einer Frau, die auf amtliches Befragen »Hausfrau« als Beruf angibt, und Vater von vier schulpflichtigen Kindern.“ (Ebd., S. 7).

Wozu Kinder?

„Jedes gut bürgerlich erzogene Kind kennt das Zauberflöten-Duett »pa-pa-pa-pa ...«, das die Liebe als Kindersegen besingt. Und jeder fleißige Abiturient kennt die Schwarzbrotszene aus Werthers Leiden: »Ich ging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen hinausgestiegen war und in die Tür trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißes Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein: Danke!« (Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, 1774, S. 21). (**). Das sind idyllische Bilder eines Familiengeistes, der aus der Bastelstube unserer Lebensstile genau so unwiederbringlich verschwunden scheint wie der Geist des Protestanismus aus dem stahlharten Gehäuse des Kapitalismus. Wie konnte es dazu kommen?“ (Ebd., S. 9).


„Das Unzeitgemäße dieser Szene hat schon Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S. 681, deutlich gespürt: »Kinderreichtum, dessen ehrwürdiges Bild Goethe im Werther noch zeichnen konnte, wird etwas Provinziales. Der kinderreiche Vater ist in Großstädten eine Karikatur« (**).“ (Ebd., Anmerkungen zu S. 9).

„Es gibt keine tiefer angelegte Analyse zu unserem Thema als die von Oswald Spengler in seinem Hauptwerk über den Untergang des Abendlandes. Der Ton dieser Analyse, vor allem in dem zentralen und für uns einschlägigen Kapitel über die Seele der Stadt (**), ist aber so überspitzt polemisch und ressentimentgeladen, daß bisher kaum jemand Lust hatte, zu fragen, ob Spengler recht behalten hat. Dabei hat seine Hauptthese über die »Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen« (**) durchaus die Qualität, unsere aktuellen Erfahrungen mit der Kinderlosigkeit von Wohlstandsbürgern zu resümieren.“ (Ebd., S. 9).


Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S. 679. **

„Spengler unterstellt dem modernen Menschen, nicht mehr leben zu wollen. Genauer: Er möchte wohl noch als Einzelner leben, und zwar möglichst lange, wie Nietzsche das vom »letzten Menschen« (**) vorausgesagt hat, aber er möchte nicht mehr als Typus leben. (**). Der Gedanke an das Aussterben seiner Familie schreckt ihn nicht mehr. Auf die Frage »Wozu Kinder?« findet er keinen Grund und hat deshalb auch keine. (**).“ (Ebd., S. 9-10).


Zum „letzten Menschen“ vgl. Werke von Friedrich Nietzsche (v.a.: Also sprach Zarathustra, 1883-1885); Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S. 679. **
Vgl. Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S. 679ff.
**

„Vor allem die Frauen rebellieren gegen das Schicksal der Biologie. Kinder zu gebären und die damit einhergehenden Sorgen und Einschränkungen in Kauf zu nehmen war früher selbstverständlich. Doch in der modernen Welt haben sich auch die Frauen daran gewöhnt, ihr Leben zu »wählen«; und seither fordern sie Gründe, warum sie diese Belastungen auf sich nehmen sollten. Da nun die Vorteile einer Schwangerschaft sehr fern liegen, ja zweifelhaft sind, die Nachteile dagegen auf der Hand liegen, kann es nicht überraschen, daß sich immer mehr Frauen gegen Kinder entscheiden.“ (Ebd., S. 10).

„Bekanntlich hat Spengler den Untergang des Abendlandes analog zum Untergang der Antike konstruiert. Und gerade im Blick auf die zivilisatorische Unfruchtbarkeit funktioniert dieser Vergleich zwischen dem römischen Imperium und dem modernen Europa besonders gut. Beide leben sie in Frieden, sind gut organisiert und hochgebildet. Trotzdem schwindet die Bevölkerung rasch dahin. Und daran können auch die verzweifelten staatlichen Maßnahmen nichts ändern, die Kinder besserstellen, unbemittelte Eltern unterstützen, Adoptionen fördern und Einwanderung erleichtern. All diese politischen Maßnahmen verpuffen, weil das Problem auf einer anderen - wie Spengler meint: metaphysischen - Ebene liegt. »Statt der Kinder haben sie seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunstgewerbliche Aufgabe und es kommt darauf an, ›sich gegenseitig zu verstehen‹. Es ist ganz gleichgültig, ob eine amerikanische Dame für ihre Kinder keinen zureichenden Grund findet, weil sie keine season versäumen will, eine Pariserin, weil sie fürchtet, daß ihr Liebhaber davongeht, oder eine Ibsenheldin, weil sie ›sich selbst gehört‹. Sie gehören alle sich selbst und sie sind alle unfruchtbar.« (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1971, S. 681 **).“  (Ebd., S. 10).

„Auch wenn wir den Niedergang der bürgerlichen Familie nicht gleich metaphysisch zum Untergang des Abendlandes steigern wollen, müssen wir doch feststellen, daß eine Fülle spezifisch moderner Entwicklungen das Spenglersche Szenario in den letzten fünfzig Jahren erheblich verschärft hat. Dazu gehören die sexuelle Freizügigkeit und die antiautoritäre Erziehung seit den 1960er Jahren, der unaufhaltsame Aufstieg des Feminismus und die Eroberung der Kulturbühnen, aber auch der Straßen der Metropolen durch die Homosexuellen. Dazu gehören aber auch die enorm erweiterten wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen - und die Erfindung der Pille.“ (Ebd., S. 10-11).

„Wir werden gleich sehen, warum und wie all das entscheidend zur Auflösung der Familie beiträgt.“ (Ebd., S. 11).

Das Geheimnis des Begehrens (S. 11-14)

„Es ist das größte Ärgernis für die menschliche Gemeinschaft, daß man die Beziehung von Männem und Frauen nicht dauerhaft auf Liebe basieren kann. Die Welt wäre in Ordnung - d.h. ihre Ordnung wäre, im Jargon der 1960er Jahre gesprochen, »repressionsfrei« -, wenn die Sexualtriebe durch ihre eigene Dynamik imstande wären, stabile Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen zu stiften. Das funktioniert aber nicht, wie zuletzt die 68er Generation erfahren mußte, und deshalb ist die Welt nach wie vor aus den Fugen. Prosaischer formuliert: Die Natur hat es versäumt, die sexuellen Rhythmen und Routinen von Männern und Frauen aufeinander abzustimmen.“ (Ebd., S. 11).

„Eros ist der antike Name der Paradoxie, daß wir das Wichtigste nur im Verlust finden können.“ (Ebd., S. 11).

„Eros steht also nicht für Erfüllung der Liebe, sondern für einen Fehlschlag und seine Folgen. Und genau in diesem Sinne erzählt Aristophanes nun den Mythos der Liebesverblendung. Seine Kurzfassung hat der Psychoanalytiker Jacques Lacan gegeben: Indem wir den Anderen überreden, genau das zu haben, was uns ganz macht, stellen wir gegenseitig sicher, daß wir auch weiterhin verkennen können, was uns fehlt. Du bist genau mein Typ! Genau das hatte Freud mit dem Ausdruck Libidobesetzung gemeint. Ein Objekt verschränkt sich mit dem Bild in uns, das uns jenes begehrenswert macht. Das Objekt gibt uns also das genaue Bild des Begehrens - und darin liebt der Verliebte im Grunde das eigene Ich.“ (Ebd., S. 12).

„Das ganze Drama der Liebe spielt auf dem Schauplatz meines eigenen Unbewußten. Und deshalb kann die erotische Beziehung den anderen nicht als anderen anerkennen, ja nicht einmal als anderen erkennen. So zerschellt jeder Liebesanspruch an der endlich gewährten Befriedigung eines Bedürfnisses. Denn die Ansprüche der Liebe fordern vom Anderen, zu geben, was er nicht hat. Gefangen ist man also nicht vom konkreten Anderen, sondern vom eigenen Anspruch an ihn. Eine Gestalt hält uns gefangen: »mein Typ«. Technisch gesprochen: Sex ist mechanisch schaltbar - nämlich durch Bilder.“ (Ebd., S. 12).

„Der Verliebte begehrt im Anderen eine Freiheit, die sich selbst seiner zuälligen Eigenart unterwerfen soll. Liebe ist, daß die Freiheit des anderen sich an meinen Körper fesselt. Um alles in der Welt will die Liebe für alles, was sie an Individuellem ins Liebesspiel einbringt, geliebt sein. Lieben ist das Begehren, geliebt zu werden. Lieben ist die Forderung, der andere möge die Zufälligkeit meiner Existenz als Grenze seiner Freiheit akzeptieren. Ich bin, wie ich bin; und genau darum liebst du mich.“ (Ebd., S. 12-13).

„Wer sich das vor Augen führt, kann nicht mehr überrascht sein, daß die sexuelle Beziehung prinzipiell fehlzuschlagen scheint. Aber gerade deshalb hält uns das Begehren auf Trab. Es läßt sich weder bestimmen noch dauerhaft erfüllen. Der berühmteste Song der Rolling Stones hat also das ganze Geheimnis des Begehrens ausgeplaudert: »I can 't get no satisfaction«. Wenn es aber keine Befriedigung des Begehrens gibt, dann ist die delphische Weisung »Erkenne dich selbst!«  eine Überforderung.“ (Ebd., S. 13).

Das Begehren ist nämlich der blinde Fleck der Selbstbeobachtung und erfordert eine wissenschaftliche Analyse - entweder philosophisch als Phänomenologie des Geistes oder psychologisch als Konstruktion des Unbewußten. Hegel und Freud haben gezeigt, daß alles Begehren im Kern ein Begehren nach Anerkennung ist. Wir diskutieren dieses Thema heute zumeist unter dem Titel Würde oder gar Menschenwürde. So schwer es ist, eine nicht-idealistische Definition der Würde zu geben, so deutlich kann ein Beobachter der modernen Gesellschaft doch feststellen, daß Würde sehr stark mit Kontrollchancen korreliert. Hinter dem Anspruch auf die Achtung der eigenen Würde steht der Wunsch, etwas erkennbar zu bewirken, eine Ursache zu sein, einen für alle sichtbaren Unterschied zu machen. Dem entspricht genau, daß es für die meisten Menschen wichtiger ist, wie sie behandelt werden, als was sie bekommen. Die Gerechtigkeit eines Verfahrens ist ihnen mindestens so wichtig wie die Resultate dieses Verfahrens. Es geht hier also um prozedurale Güter; sie sind Würde-Güter.“ (Ebd., S. 13).

„Hegel hat all das in der Dimension von Herrschaft und Arbeit überzeugend vorgeführt. Doch etwas mehr als hundert Jahre später kommt es bei Freud zu einem entscheidenden Komplexitätszuwachs des Problems. Sein Thema ist die Liebe. Bei der Freudschen Libido geht es um die Köderbarkeit der Sexualität durch Bilder, Typen, Gestalten. Wie schon gesagt, meint der Begriff der Libidobesetzung, daß ein Objekt sich mit einem Bild vermischt und dadurch begehrenswert wird - du bist genau mein Typ! Das ist der narzißtische Rahmen jeder Erotik. Eros selbst kann diese Gefangenschaft im Bild nicht sprengen.“(Ebd., S. 13).

„Im Geschlechtsgenuß verhalte ich mich gerade nicht zum anderen als solchem. Sein Selbst könnte da nur störend dazwischenkommen. Deshalb wird die Faszinationskraft einer schönen Frau durch ihre Dummheit nicht beschädigt, sondern gesteigert. Sie ist, mit der unüberbietbaren Formel von Oscar Wilde, die Sphinx ohne Rätsel. Das bestätigen übrigens auch so untadelige, politisch korrekte Philosophen wie Theodor W. Adorno. So heißt es in den Minima Moralia: »Phantasie wird entflammt von Frauen, denen Phantasie gerade abgeht. .... Ihre Attraktion rührt her vom Mangel des Bewußtseins ihrer selbst, ja eines Selbst überhaupt.« (Theodor Wiesengrund [Adorno], Minima Moralia, 1951, § 108).“ (Ebd., S. 14).

Jenseits der Erotik (S. 14-16)

„In der Erotik von Begehren und Geschlechtsgenuß lauern also nur Seelenkatastrophen. Doch gibt es noch eine andere Liebe? Um den narzißtischen Rahmen der Erotik zu sprengen, muß etwas ganz anderes hinzukommen, um schließlich das zu erreichen, was Jacques Lacan die aktive Gabe der Liebe genannt hat: das Sprechen, das Symbolische, der Vertrag, der Name des Vaters, das Heilige. Nur dem ist es zu verdanken, daß es die Geschlechtsgemeinschaft zwischen Männern und Frauen, die es eigentlich nicht geben kann, doch gibt. Und erst diese Ergänzung der sexuellen Beziehung dürfte eigentlich Liebe heißen.“ (Ebd., S. 14).

„Man könnte die Verschiebung, um die es hier jetzt geht, ikonologisch so fassen: Das christliche Abendmahl hat das antike Symposion überlagert. Eros wird christlich gesehen zum Feind, denn das Begehren wiederholt die Revolte gegen Gott. Und dagegen mobilisiert Paulus eine neue Liebe, die im Kern eine Liebe zu Gott ist. Liebe als Agape hebt die Welt des Begehrens aus den Angeln. Die christliche Agape ist nämlich keine wechselseitige Beziehung, sondern Liebe als Haltung.“ (Ebd., S. 14).

„Die große Leistung des Apostels Paulus, die Umwertung der antiken Werte, steckt im Agape-Begriff wie in einer Nußschale.“ (Ebd., S. 15).

„Im Reich der Agape hat die hellenistische Männlichkeit natürlich keinen Platz mehr; sie wird durchs Ideal der Jungfräulichkeit ersetzt. Und der Himmel, in den uns die liebevolle Sorge um den Nächsten zu führen verspricht, ist von aller Wollust unbefleckt.“ (Ebd., S. 15).

„Durch die christliche Leib-Seele-Unterscheidung hat der Körper an Bedeutsamkeit verloren.“ (Ebd., S. 15).

„Das ist zweifellos der Preis, den unsere Kultur für die Sprengung des narzißtischen Rahmens aller Erotik gezahlt hat.“ (Ebd., S. 15).

„Die Befreiung aus den Seelenkatastrophen des Narzißmus kann nur durch eine übernatürliche Instanz bewerkstelligt werden: ein Dritter, ein Gott, ein Vertrag ist dazuz nötig.“ (Ebd., S. 15-16).

„Daß die katholische Kirche aus der Ehe ein Sakrament gemacht hat, belegt nicht nur unsere These, sondern bezeugt auch die Schwierigkeit des Unterfangens. Diese Schwierigkeit ist unter modernen Lebensbedingungen derart angewachsen, daß man sagen könnte: Es ist komplizierter eine Ehe als einen Krieg zu führen. Das würde jedenfalls erklären, warum viele ihre Ehe als Krieg führen. Immerhin wird auch hier deutlich, daß es keine Harmonie zwischen der Sexualbeziehung und dem Pakt der Ja-Worte gibt.“ (Ebd., S. 16).

Die Ehe - Rechnung und Gegenrechnung (S. 16-20)

„Freud hatte ja die Erwartung oder doch die Hoffnung, einmal werde sich die Psychoanalyse in Biochemie aufheben. Und heute formuliert Jens Reich unser Thema in der Tat so: »In dem Drüsen- und Nervengewitter in uns, das wir Sexualität nennen, ist die Paradoxie zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektivem Sachverhalt auf die Spitze getrieben. Wir sind ganz zweifelsfrei Marionetten unserer Hormonchemie .... Eros ist die vom Großhirn abdestillierte Essenz, als die der auch bei uns Menschen ablaufende Chemismus wahrgenommen wird. Es wird als einmaliges, individuelles, subjektives Erlebnis konstruiert, was doch nur die Erfüllung des vom Hormonspiegel Vorgeschriebenen ist.« (Jens Reich, Sexualität und Fortpflanzung als technisches Konstrukt, 2000, S. 84).“ (Ebd., S. 16-17).

„Man weiß, was daraus folgt: Bei Freud geht die Liebe nicht auf eine Person, sondern auf ein Objekt, das Sexualobjekt. Dieses Sexualobjekt ist, wie Freuds Nachfolger Jacques Lacan betont hat, immer ein Partialobjekt. Wenn die emanzipierten Frauen heute also kein Sexualobjekt mehr sein wollen, könnte ein unbefangener Beobachter fragen: was sonst? Wenn jemand als ganzer Mensch in eine Geschlechtergemeinschaft eingehen möchte, dann muß er sich schon von Kant sagen lassen, daß das nicht geht. Berühmt geworden ist seine Definition der Ehe als Vertrag über den wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane. Im Genuß des Geschlechtsakts »macht sich ein Mensch selbst zur Sache« und widerspricht unweigerlich seinem Menschsein. (Vgl. Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, 1797, A 108; vgl. dazu kritisch: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, System der Sittlichkeit, 1802-1803, S. 37). Genau das meint auch der Begriff Sexualobjekt bei Freud. Und es gibt hier keine andere Erotik des ganzen Menschen, sondern nur die Möglichkeit, das eigentlich Unmenschliche der Sexualbeziehung »unter der Bedingung der Ehe«, also durch Vertrag, erträglich zu machen.“ (Ebd., S. 17).

„Intimität ist die stabile Illusion geglückter Selbstdarstellung: zwei Selbste versichern sich gegenseitig ihres Selbstwerts. Es ist natürlich höchst unwahrscheinlich, daß sich ein solches Verhältnis auf Dauer stellen läßt. Menschen werden durch die prinzipiell übersteigerten Liebeserwartungen prinzipiell überfordert; aber es gibt Institutionen, die damit umgehen können. Die sexuelle Beziehung muß sich zur Institution der Ehe entfremden, wenn die Partner sich nicht fremd werden wollen. (Vgl. Arnold Gehlen, Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Band XI, # 3, 1953, S. 351). Und es gehört zu den Ironien des Alltags, daß die Ehe hier stark in ihrer Schwäche ist. Die Ehe löst das Problem übersteigerter Erwartungen an die Liebe durch Monotonie oder wissenschaftlich formuliert: durch reduzierte Information. Mit anderen Worten, in der Ehe verzichten die Partner auf die Optimierung ihrer Selbstdarstellung. Und daraus folgt, daß sich eine funktionierende Ehe fortschreitend als ein Lernprozeß gestaltet, in dem jeder Partner die Enttäuschungen über die Eigenart des anderen verarbeitet.“ (Ebd., S. 17).

„Doch lohnt sich diese Anstrengung? Ehen waren ja nicht primär produktive, sondern reproduktive Einheiten. Und seit Kinder keine Altersversorgung mehr darstellen, sondern eher Sorgen bis ins hohe Alter bereiten, muß man diese Frage wörtlich, nämlich ökonomisch verstehen. Heiraten »bis daß der Tod euch scheidet«, ist die Entscheidung mit den höchsten Opportunitätskosten. Es kann deshalb nicht überraschen, daß immer mehr Leute immer später heiraten, und wenn sie dann heiraten, immer häufiger auf Kinder verzichten.“ (Ebd., S. 18).

„Empirische Untersuchungen zum sogenannten Well-being zeigen immer wieder, daß nichts für Glück und Wohlbefinden wichtiger ist, als mit anderen in enger verbindung zu stehen. Soziale Beziehungen schränken aber Freiheit und Autonomie ein. Daraus folgt, daß Glück nicht mit Unabhängigkeit korreliert ist. Eher gilt umgekehrt: Was uns glücklich macht, bindet uns.“ (Ebd., S. 19).

„Die Gegenrechnung zu dieser Gegenrechnung orientiert sich dann an den Scheidungsstatistiken. Monotonie, hohe Kosten und Streit in der Ehe haben eine hohe Sichtbarkeit. Das schreckt viele davon ab, sich auf dieses moderne Abenteuer einzulassen. Und in der Tat hat die Ehe von allen Lebensformen das größte Konfliktpotential - aber eben auch das größte Glückspotential. All jene Untersuchungen zeigen, daß Einkommen einen sehr geringen, die Ehe dagegen den größten Einfluß auf die Lebenszufriedenheit hat. Trotzdem hängt die Politik der Frauenemanzipation fast völlig an Erwerbstätigkeit, und die Folgen des Zerfalls der Familie werden bagatellisiert“ (Ebd., S. 19).

„Trotzdem hängt die Politik der Frauenemanzipation fast völlig an Erwerbstätigkeit, und die Folgen des zerfalls der Familie werden bagatellisiert.“ (Ebd., S. 19).

Die neuen Verteilungskämpfe

„Es ist zur Selbstverständlichkeit geworden, daß die großen politischen Themen der Zukunft demographische sein werden.“ (Ebd., S. 20).

„Die zukünftige Entwicklung Alteuropas ... wird durch die Dynamik der Bevölkerungsentwicklung geprägt, also durch Geburtenrückgang, steigende Lebenserwartung und Migration. .... In den Metropolen Alteuropas wächst die Parrallelgesellschaft von Migranten. Zum anderen ist der Generationenvertrag geplatzt, der das Wohlleben des Alters durch die Produktivität der Jugend garantierte und so durch stabile Rentenzahlungen den Zusammenhang der Generationen wahrte. .... Die Kluft zwischen dem Lebensstil der Eltern und der Kinderlosen wird immer größer.“(Ebd., S. 20-21).

„Hier wird auch deutlich, daß die größten Verteilungskonflikte der Zukunft nicht mehr die Sphäre der Produktion, sonder die Sphäre der Reproduktion betreffen. Uns erwartet nämlich nicht nur ein erbitterter Kulturkampf zwischen Eltern und und Kinderlosen, sondern auch ein harter ökonomischer Verteilungslampf zwischen den Generationen. Und mehr denn je scheint auch Nietzsche mit seiner Definition der Liebe recht zu behalten: »in ihren Mittel der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter.« (Friedrich Nietzsche, Ecce Homo, Warum ich so gute Bücher schreibe, 1889, § 5)“ (Ebd., S. 21).

„Um die Sorge über die demographische Entwicklung Deutschlands zu beschwichtigen, werden in der öffentlichen Diskussion zwei Placebos verabreicht. Zum einen soll Zuwanderung die Kinderlosigkeit der Deutschen kompensieren (ein fataler Fehler! HB [**]). Zum anderen werden wir älter und arbeiten länger (ein fataler Fehler! HB [**]). Herwig Birg hat die These, Migration könne die Kinderlosigkeit ausgleichen, in eine Perspektive gerückt, die sehr fraglich werden läßt, ob dies, wenn möglich, überhaupt wünschbar sei. »Mehr als 90 Prozent der Migarnten sind sehr schlecht ausgebildet, verdienen unterdurchschnittlich. Somit verringert sich rechnerisch das Pro-Kopf-Einkommen.« (Herwig Birg, Die Dritte Welt bei uns, in: Focus, 40, 2005, S. 62).“ (Ebd., S. 23).

Vorbild Methusalem

„Daß wir sterblich sind, ist heute der peinliche Skandal schlechthin.“ (Ebd., S. 25).

„Die Differenz der Lebenslater ist heute genauso tabu wie die Differenz der Geschlechter. Wer zu diesem Thema Stellung nimmt und das Scherbengericht der »Polical Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) vermeiden will, sit dsehalb gut beraten, wenn er der Maxime folgt: Über Frauen und Alte nur Positives!(Und: Frauen und Alte zuerst! HB).“ (Ebd., S. 26).

„Die Sorge für die Alten setzt voraus, daß die Jungen immer höhere Steuern zahlen; folglich können sich die Jungen immer weniger Kinder leisten; und folglich schrumpfen die künftigen Generationen noch weiter.“ (Ebd., S. 27).

Die Dialektik von Herr und Frau

„Im Ernst wird auch heute niemand bestreiten, daß Hausfrauen und Mütter Arbeiten verrichten. Aber der Arbeit der Hausfrau fehlt die vertragsmäßige Freiwilligkeit; sie ist keine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt - und deshlab wird sie nicht anerkannt. Anerkennung und Würde sind in der modernen Gesellschaft nämlich rigoros über Geld vermittelt. Hausfrauen, Kinder und Alte gelten nichts, weil ihre Zeit nicht in Geld verrechnet wird. (Man kann deshalb auch von Rassismus gegenüber Hausfrauen, Müttern, Kindern und Alten sprechen! HB). Unbezahlte Arbeit zählt nicht als »richtige« Arbeit. Und deshalb verwandelt sich unter Bedingungen von Geldwirtschaft die Hausfrau in eine Frau, die »nur Hausfrau« ist. Die Tagesmutter, die die Kinder anderer Mütter versorgt, arbeitet. Die Mutter, die ihre eigenen Kinder versorgt, geht ihrem Privatvergnügen nach. Das führt zu einer interessanten Paradoxie: Statt Mutter zu sein, arbeiten Frauen erwerbsmäßig, um sich »mütterliche« Dienstleistungen kaufen zu können - und ihre Arbeit besteht oft selbst in »mütterlichen« Dienstleistungen.“ (Ebd., S. 29-30).

„Jede Verneinung eines Unterschieds bringt offenbar, gleichsam auf ihrem Rücken, einen neuen Unterschied mit sich. (Unterscheidungen verhalten sich wie eine Hydra: wird eine verneint, werden sofort danach zwei nachgewachsene bejaht! HB).“ (Ebd., S. 31).

„Seit es die Pille gibt, ist Sex ohne Kinder selbstverständlich. Und umgekehrt konfrontiert uns die Gentechnik heute mit der Möglichkeit, Kinder ohne Sex zu haben. Da kann es nicht überraschen, daß in »kulturrevolutionären« Kreisen Schwangerschaft zunehmend als Behinderung behandelt wird.“ (Ebd., S. 31).

„Wenn sich im Verhältnis von Männern und Frauen die Dialektik von Herr und Knecht wiederholt - und wieder läuft die Emanzipation vom Herrn über Arbeit! -,  dann muß man den Hebelpunkt für diese Kräfteverschiebungen bei den Frauen suchen. Hier hatte und hat eine Erfindung soziologisch umstürzende Effekte, die uns so selbstverständlich geworden ist, daß wir ihre kulturgeschichtlich zäsurierende Wirkung gar nicht mehr spüren: die Pille. Sie erzeugt ja eine chemische Schwangerschaft. In der Geschichte des Eros ist sie das wichtigste Stück Anti-Natur. Wie das Ende des Lebens hat damit auch sein Anfang seine Natürlichkeit verloren. Deshalb skandalisieren auch andere Techniken eines Outsourcing der Fortpflanzung kaum mehr - Leihmutter, künstliche Gebärmutter, Ektogenese sind hier die einschlägigen Stichworte. Und angesichts dessen wirkt die Erinnerung daran, daß Babynahrung das Stillen überflüssig gemacht hat, fast schon sentimental.“ (Ebd., S. 31).

„Bei Kulturanthropologen und Soziologen finden die gesellschaftlichen Folgen der Pille immer stärkere Beachtung. Frauen kontrollierten schon immer die Reproduktion - erst die Pille aber hat sie zu den wahren Türhütern der Natur gemacht. Gerade deshalb verweigern Männer zunehmend die Verantwortung für die Folgen einer Beziehung. Das wiederum führt zu einer drastisch sinkenden Geburtenrate. Übrigens hatte schon Darwin vorausgesagt, daß der homo contracipiens aussterben werde.“ (Ebd., S. 31-32).

„Die moderne Gesellschaft fördert eine Designer-Erotik, d.h. eine maximale Entfernung vom biologischen Erbe der Sexualität. Und nur wer, wie einige Soziobiologen, dieses Erbe für prägender hält als alle modernen Selbstermächtigungsveranstaltungen, wird auf die urgeschichtliche Verknüpfung von Lust und Familienleben hinweisen. Aus dieser Perspektive erscheint dann die Mode der Selbstverwirklichung als die aktuelle Form frigider Unnahbarkeit und der Entschluß, keine Kinder haben zu wollen, als das soziale Äquivalent zum Zölibat.“ (Ebd., S. 32).

Das imperiale Selbst

„Selbstverwirklichung ist das Opium aller Iche. Man berauscht sich an sich selbst - das Ich nimmt sich selbst als Droge. Anders gesagt: Weil die absoluten Iche der Moderne Bindung brauchen, wird die Individualisierung zur Religion. Was Individualität heißt, ist unter modernen Lebensbedingungen allein Sache des jeweiligen Individuums. Es begründet sich zureichend in dem bloßen Anspruch, ein Individuum zu sein. Damit ist aber das humanistische Definitionsmonopol des Menschen gebrochen. Jeder kann nun nach seiner eigenen Fasson »menschlich« werden. In einer individualistischen Kultur gibt es weder ein Maß des Humanum noch ein Mehr an Menschlichkeit. Individualität kann man nämlich nicht steigern; sie ist ja immer Sache des Individuums.“ (Ebd., S. 33).

„In der modernen Gesellschaft herrscht der soziale Rollenzwang, ein Individuum zu sein. Sei unverwechselbar! So lautet die paradoxe Anweisung des Individualisierungszwangs. Und eben diese Paradoxie steckt auch in der Existenzprogrammformel »Selbstverwirklichung«. Hier hilft nur der Schein weiter. Doch das Als-ob wird rasch selbst zur stabilen Lebensform. Denn wir alle spielen Theater.“ (Ebd., S. 33).

„Wenn man keine Aufgaben hat, die einen von sich selbst ablenken, wird man sich selbst zum Problem - so entsteht die Sinnkrise und der Therapievorschlag der Selbstverwirklichung. Das eigentliche Problem der Selbstverwirklichung - das hat Hermann Lübbe genau gesehen - liegt also darin, Freiheit in Sinn zu verwandeln. Autonomie ist heute Selbstprogrammierung, also die Aufgabe, sich selbst zu verwirklichen, indem man sich selbst zu Aufgaben herausfordert, die man selbst bestimmt.“ (Ebd., S. 33-34).

„All das wäre nicht möglich, wenn es uns die Gesellschaft nicht tatsächlich erlauben würde, die eigene Biographie als Wahl zu konzipieren. Die Kaskade der Möglichkeiten des je eigenen Lebenslaufs läßt sich kaum andeuten. Und das gilt auch für die Beziehung zu anderen. Auch hier herrscht die Logik von Versuch und Irrtum. Die Ehe ist ein Beziehungstest nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft; und die Scheidung versteht sich als Selbsterlösung aus der Beziehungsfalle. Und je mehr die Menschen den Sinn einer Ehe nicht mehr im Aufziehen von Kindern, sondern in der Verwirklichung ihrer Selbste suchen, um so wahrscheinlicher ist es, daß sie sich scheiden lassen.“ (Ebd., S. 34).

„Die Grundunterscheidung der Selbstverwirklichungskultur ist die Geste, mit der das Selbst seine eigene Grenze als unantastbar markiert. Und weil es diese Unantastbarkeit zugleich allen anderen unterstellt, entsteht ein paradoxer Individualisierungszwang. Ganz generell wird einem zugemutet, unverwechselbar zu sein. .... »Individualität ist Unzufriedenheit«, heißt es lapidar bei Luhmann. (Vgl. Niklas Luhmann, Gesellschaftstruktur und Semantik, 1989, Band III, S. 243).“ (Ebd., S. 34).

Arbeitende Frauen und Vater Staat

„Die Therapeuten und Sozialarbeiter helfen dem Individuum, zu sagen, wie es an der Gesellschaft leidet. .... Zum Individuum gehört deshalb der Therapeut. der Berater der Leiderfahrung, der Trainer der Selbsterlösung. Er sorgt dafür, daß sich die Individualität als Dauertherapiebedarf, als permanente Heilungsbedürftigkeit deutet. In der therapeutischen Gemeinschaft wird jeder angeregt, über sich selbst und seine Probleme zu sprechen - unter der Voraussetzung, daß man nicht nicht verstanden werden kann. So werden wir alle immer sensibler. Sensibilisierung heißt ja, daß man mehr leidet, obwohl man weniger Grund dazu hat.“ (Ebd., S. 35).

„Wir sind hier in der Welt des Kindermangels, der destabilisierenden Ehen - und der alleinerziehenden Mütter. Nun, ganz allein sind sie nicht. Wir haben es heute nämlich mit einem neuen Dreieck zu tun: das Kind, die alleinerziehende Mutter und Vater Staat. Wenn eine Familie in ärmeren Milieus zusammenbricht, tritt der Wohlfahrtsstaat unmittelbar an die Stelle des Vaters. d.h. er verschiebt die finanziellen Lasten vom fehlenden Vater auf den Steuerzahler. Die Mutter-Kind-Beziehung braucht besonderen Schutz; die Sexualbeziehung der Eltern und die sie begleitenden Leidenschaften sind dafür nicht stabil genug. Früher hat der Ernst der Ehe die nötige Stabilität gewährleistet. Seit der Sinn für den Sinn der Ehe schwindet, schützt nur noch der Wohlfahrtsstaat. In Schweden ist der anonyme Steuerzahler schon ganz selbstverständlich an die Stelle des Ehemanns getreten. Und wie stets bei wohlfahrtsstaatlichen Leistungen muß man damit rechnen, daß der Versuch, den Opfern zu helfen, das Verhalten reproduziert, das solche Opfer produziert. Wer lange wohlfahrtsstaatliche Leistungen bezieht, läuft Gefahr, eine Wohlfahrtsstaatsmentalität zu entwickeln; von Kindesbeinen gewöhnt man sich daran, von staatlicher Unterstützung abzuhängen. Und je länger man von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen abhängig ist, desto unfähiger wird man, für sich selbst zu sorgen.“ (Ebd., S. 35-36).

„Das Familiäre wird heute zur Angelegenheit formaler Organisationen. Wohlfahrtsstaatliche Leistungen verringern die Kosten unehelicher Kinder und ermutigen die Frauen, auf einen Haushalt mit dem Vater ihrer Kinder zu verzichten. Und umgekehrt fühlen sich Väter weniger verantwortlich für ihre Kinder. Diese Entlastung von Verantwortung geht Hand in Hand mit der Sentimentalisierung der familiären Beziehung. Gerade weil die Verwaltung zunehmend den Vater ersetzt, wird Vatersein zum freischwebenden Gefühlswert.“ (Ebd., S. 36).

„Man kann die Tragödie der modernen Familie durch einen einfachen, sich selbst verstärkenden Kreislauf beschreiben. Frauen arbeiten - und wir können es hier dahingestellt sein lassen, warum. Dieses Dahingestelltseinlassen mag natürlich jenen zynisch erscheinen, die zu Recht darauf hinweisen, daß viele Frauen arbeiten, um die eigene oder die Subsistenz ihrer Familie zu sichern. Doch für unsere Analyse der Folgen, die die Erwerbsarbeit von Frauen für die Entwicklung der modernen Familie hat, sind die Fälle, in denen Frauen einem Beruf nachgehen, ohne ökonomisch dazu gezwungen zu sein, eigentlich viel interessanter.“ (Ebd., S. 36).

„Wir klammern die Frage nach dem Warum hier ein und verfahren rein beschreibend. Im übrigen ist diese Frage nach dem Warum seit Adam Smith vielfach gestellt qnd zumeist mit dem Hinweis auf Identität, Status und Würde als den eigentlichen Effekten von Erwerbsarbeit beantwortet worden. Zu deutsch: Im Sozial- und Wohlfahrtsstaat ist man häufig nicht in erster Linie deshalb erwerbstätig, weil man natürliche materielle Bedürfnisse befriedigen müßte; vielmehr geht es um Anerkennung. Wir können diese Frage, wie gesagt, dahingestellt sein lassen.“ (Ebd., S. 36).

„Frauen arbeiten. Deshalb werden Kinder teurer, denn sie kosten nun wertvolle Arbeitsszeit. Mit wachsenden Beschäftigungsmöglichkeiten wird es für Frauen immer teurer, nicht zu arbeiten. Anders gesagt, es wird immer schmerzlicher, Karrierechancen zugunsten der Familie zu opfern. Folglich werden weniger Kinder geboren - und damit schrumpft das gemeinsame Kapital der Eheleute. Daraus folgt nun, daß Scheidungen billiger werden, und deshalb haben wir immer mehr Scheidungen. Damit schließt sich aber der Kreis, denn Frauen müssen nun arbeiten, weil sie sich nicht mehr auf die Ressourcen der Männer verlassen können. Da kann es nicht überraschen, daß Scheidungen ihr naegatives Vorzeichen verloren haben. Die Scheidungsrate ist nämlich ein Maß für die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen. Und wo Frauen mehr verdienen als ihre Männer, wächst die Scheidungsrate. Frauen, die mehr als ihr Ehemann verdienen, reichen doppelt so häufig die Scheidung ein wie Frauen, deren Männer mehr als sie verdienen. Aber auch hier hat der Vater Staat seine Hände im Spiel. Frauen müssen nämlich auch deshalb arbeiten, weil die Ablösung vom Verschuldensprinzip Scheidungen erleichtert. Scheidung meint nicht mehr Schuld, sondern - seit dem Ersten Eherechtsreformgesetz von 1976 - Zerrüttung. .... Das läßt verheiratete Frauen erst recht zögern, ihren Arbeitsplatz zugunsten von Kindererziehung aufzugeben, denn sie wissen, daß sie einen guten Job brauchen, wenn ihr Partner sie fallenläßt. Je leichter es ist, sich scheiden zu lassen, um so wahrscheinlicher ist es, daß Ehefrauen berufstätig bleiben und den Zeitpunkt des Kinderkriegens hinauszögern - oft, bis es zu spät ist.“ (Ebd., S. 37).

„Die soziologischen Effekte dieses veränderten Rechtsbewußtseins kann man gar nicht hoch genug veranschlagen. Entscheidend ist nämlich, daß auch bei der Wahl des Partners das spezifisch moderne Bewußtsein wächst, alles, was ist, wäre auch anders mögöich - nichts anders meint der Begriff »Lebensabschnittspartner«. Und das heißt eben: es wächst die Zahl der Scheidungen. Auch das führt in einen sich selbst verstärkenden Kreislauf: Geschiedene heiraten Geschiedene, und eine hohe Scheidungsrate macht Scheidungen attraktiver.“ (Ebd., S. 37-38).

„Je leichter es ist, sich scheiden zu lassen, umso geringer ist für den Partner der Anreiz, die Liebe zu nähren und zu pflegen. Wenn es einfach ist, sich scheiden zu lassen, ist man streitsüchtiger und investiert weniger Energie in die Anstrengung miteinander auszukommen. Man gibt sich nicht mit einem »gut genug« zufrieden, sondern will die Partnerschaft optimieren - mit dem nächsten !“  (Ebd., S. 38).

„Modernisierung heißt nämlich immer auch: strenge Kalkulation der Kosten. Und Kosten sind nichts anderes als das Maß für das Opfer der alternativen Möglichkeiten. Insofern ist wahre Liebe immer unökonomisch. Wer clever ist, schließt aus den Scheidungsstatistiken, daß es ein zu hohes psychologisches Risiko wäre, alle Gefühle in eine Beziehung zu investieren. Deshalb steht am Anfang der heutigen Ehe - und das gilt prinzipiell schon seit der französischen Revolution - nicht der heilige, sondern der rein juristische Ehevertrag, also die gedankliche Vorwegnahme der Scheidung. Die Ehe ist dann nur noch ein »Lebensabschnitt«, der nicht mit dem Tod des Gatten, sondern nach Vereinabrung zweier ökonomisch orientierter Vertragspartner endet. »Ehe ist vielfach nur der Kontrakt, auf dessen Bruch die Unterhaltspflicht wie eine Konventionalstrafe steht.« (Karl Jaspers, die geistige Situation der Zeit, 1930, S. 54). Und in der Tat betrachten Juristen die Ehe immer mehr als eine Art Dauerrechtsverhältnis, das aus wichtigen Gründen kündbar ist.“ (Ebd., S. 38).

„Als hätte die DDR einen späten ideologischen Sieg errungen, predigen die meisten Politiker heute ganz selbstverständlich die Verstaatlichung der Kinder. Denn die Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Ganztagsschulen sind nicht als Hilfestellungen für notleidende Eltern, sondern als neue familienpolitische Norm konzipiert. Die Schule wird zum Kinderbetreuungszentrum, in dem die Kinder nicht primär lernen sollen, sondern »intergriert« werden. .... »Statt die öffentliche Erziehung als Erweiterung der häuslichen aufzufassen, wird sie zur wesentlichen, und das Endziel ist sichtbar, die Kinder den Eltern fortzunehmen, um sie zu Kindern allein des Ganzen zu machen.« (Karl Jaspers, die geistige Situation der Zeit, 1930, S. 53).“ (Ebd., S. 39).

„Kinderkrippen, Horte Ganztagsschulen und Tagesmütter bieten uweifellos verläßliche Betreuung. Aber man kann von solchen Einrichtugen natürlich nicht Liebe, Behutsamkeit und Zärtlichkeit erwarten.“(Ebd., S. 39).

Die Märkte der Sorge (I)

„Daß die Schule vor allem als Sozialagentur verstanden wird, hat natürlich einen ernstzunehmenden geschichtlichen Hintergrund - in den USA den Rassismus, in Deutschland den Nationalsozialismus. Gerade deshalb ist die Hoffnung, die Schule möge von Sozialzielen zu Lernzielen zurückfinden, nur schwer möglich. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kidner in private oder doch wenigstens in konfessionsgebundene Schulen. Und dort findet man immer häufiger die genaue Reaktionsbildung auf die Selektionsangst der Gesamtschulen, nämlich eine Art säkularisierter Prädestinationslehre, die die Schüler ständig daruafhin prüft, ob sie (nicht Zeichen des Heils, sondern) Zeichen des Talents zeigen, das man um keinen Preis verschwenden darf.“ (Ebd., S. 39).

„Gesamtschulen wollen ja Differenzierung ohne Selektion - das geht aber nicht. Und weil man der Selektion scheut, ruft man nach »Beratung«. Die Schule der zukunft ist einerseits Schmelztiegel für Immigration, andererseits Dinstleister für eine Art Outsourcing des Familiären. Die Sorge um die Kinder und die Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeit für die Kinder kann man dort gleichsam mieten.“ (Ebd., S. 39-40).

„Auch über Kinderkrippen liegt ein »positives« Tabu. .... Man darf nicht fragen, wie groß das Risiko einer langen Abwesenheit der Mutter ist. man darf nicht fragen, ob ein professionelles Als-ob der Liebe zum Kindausreicht. Hinter diesem tabu stehen massive wirtschaftliche Interessen. Fürsorge ist zur Ware geworden - bei den Ältesten genau so wie bei den Jüngsten.“ (Ebd., S. 40).

„Längst prosperieren nicht nur in den USA die markets of care, die Märkte der Fürsorge. Und wie man die Alten in Altersheime, die natürlich nicht mehr Altersheime heißen dürfen, abschiebt, so die Kinder in die Kindertagesstätten. Das zeigt deutlich, daß Kindererziehung heute einen ähnlichen Status wie sogenannte niedrige Hausarbeiten hat -man überläßt sie am liebsten jemand anderem. Dieser Sachverhalt wird im allgemeinen durch das Lob dessen verdeckt, der die Arbeit der Sorge tut, die man selbst auf keinen Fall leisten möchte. So enthusiastisch wie früher Männer ihre Ehefrauen als wunderbare Mütter gelobt haben, so loben heute berufstätige Mütter ihre Babysitter und Tagesmütter über den grünen Klee. Mit dem Lob stellt man sicher, daß die Sorge um das Kind nicht auf einen selbst zurückfällt; denn alles läuft ja bestens.“ (Ebd., S. 40).

„Eine Mutter, die erwerbsmäßig arbeitet, muß natürlich die Meinung vertreten, daß Kinder nicht durch die eigenen Eltern erzogen, betreut und geliebt werden müssen. Die »kinderpsychologische« (= falsche) Grundthese lautet dann: Es gibt einen funktionalen Ersatz für die Eltern. Daß es eine große Nachfrage nach dieser Art von »wissenschaftlicher« Beruhigung gibt, leuchtet unmittelbar ein. Denn eine Mutter, die ganztägig berufstätig ist, kann schlecht die Meinung vertreten, damit ihren Kindern zu schaden. Dagegen werden sich Eltern, die ihrer natürlichen Neigung folgen, die eigenen Kinder mehr zu lieben als alles sonst, das sehr bestimmte Gefühl nicht ausreden lassen, daß keine Serviceleistung der Sorge die emotionalen Ressourcen bereitstellen kann, die ein Kind zu seiner Reifung braucht. In diesem Gefühl können sie sich auf die Erkenntnisse von Anthropologen wie Lionel Tiger stützen, der die soziale Kompetenz reifer Erwachsener für das Produkt einer langen, behüteten, tief emotional gebundenen Kindheit hält.“ (Ebd., S. 40-41).

„Die Frage lautet also zunächst einmal, ob man heute überhaupt noch die Frage stellen darf, ob es gut für die Kinder ist, wenn der Staat ihre Mütter ermuntert, erwerbstätig zu werden. jedenfalls kann man die Debatten, die von einigen Psychologen mit der These, Kinder würden durch die lange Abwesenheit ihrer Mutter beschädigt, angestoßen wurden, nur »wütend« nennen. Um dieser Kontroverse mehr Struktur zu verleihen, wäre es sinnvoll, mit Robert Reich zwischen custodial care und attentive care zu unterscheiden. Es geht hier um den Unterschied zwischen Aufsicht und Aufmerksamkeit.“ (Ebd., S. 41).

„Kinderkrippen, Horte, Ganztagsschulen und Tagesmütter bieten zweifellos verläßliche Betreuung. Aber man kann von solchen Einrichtungen natürlich nicht Liebe, Behutsamkeit und Zärtlichkeit erwarten. Den wohlfahrtsstaatlichen Arrangements fehlt die Gefühlsbasis; die Kinder werden hier im wesentlichen wegorganisiert. Man wird deshalb in Zukunft immer häufiger bei Kindern auf ein doppeltes Aufmerksamkeitsdefizit stoßen. Es fehlt ihnen an Aufmerksamkeit - das heißt dann einmal, daß sie nicht genug Aufmerksamkeit z. B. für schulische Aufgaben aufbringen können; zum andern heißt es, daß sie an einem Mangel an persönlicher Zuwendung leiden. Es liegt nahe, zwischen beiden Formen des Aufmerksamkeitsdefizits einen Zusammenhang zu vermuten.“ (Ebd., S. 41).

„Natürlich müssen arbeitende Mütter schon aus Gründen der Selbstachtung derartige Zusammenhänge leugnen. Hierbei bedienen sie sich einer eleganten Rationalisierungsstrategie. Wer sein Kind einen großen Teil des Tages in Betreuungseinrichtungen wegorganisiert, kann sagen, daß es »Unabhängigkeit« und den Kontakt mit Kindern im gleichen Alter braucht. Man kann rhetorisch sogar noch einen Schritt weiter gehen und das Desinteresse am kleinen Kind dadurch rationalisieren, daß man seine große »Unabhängigkeit« lobt. Mit anderen Worten: Die arbeitende Frau, die nicht mehr Übermutter sein kann oder will, erfindet zur Selbstentlastung das Überkind. Und die »Polical Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) springt ihr sogleich mit einer wunderbaren Sprachschöpfung bei. So gibt es in den USA keine »Schlüsselkinder« mehr, sondern »Children in Self-Care«, sich um sich selbst sorgende Kinder. »Was Kinder brauchen« ist immer mehr das Bild von dem, was Kinder brauchen, das die Eltern brauchen, um ihren Lebensstil zu rechtfertigen.“ (Ebd., S. 40-42).

Die Weltfamilie

„Pazifismus, Feminismus, Weltmoral und die Religion der Solidarität sind nur verschieden Formen desselben Prozesses. Das Familiäre emanzipiert sich von der Familie. Deutschland ist hier deshalb führend, weil das spezifisch deutsche Tabu über die Nation zu einem Kurzschluß zwischen Familiären und »Menscheit« führt. Man könnte von einer Feminisierung der Öffentlichkeit sprechen.“ (Ebd., S. 42-43).

„Die Dynamik der menschenfreundlichen sozialen Bewegungen erklärt sich daraus, daß sich der Mutterinstinkt von der konkreten Familie amnazipiert hat und sich nun großräumig organisiert. Vor allem Intellektuelle genießen das Rousseau-Syndrom: Man sorgt sich um die Erziehung und das Wohlergehen der Kinder im allgemeinen und ignoriert die konkrten eigenen. Charles Dickens hat dieser teleskopischen Menschenfreundlichkeit mit Mrs. Jellyby ein literarisches Denkmal gesetzt. Und daß dieser Typus heute lebendiger denn je ist, macht Caroline Links sehr gelungene Verfilmung von Erich Kästners Pünktchen und Anton (**). Pünktchens Mutter sorgt sich um die notleideidenden Kinder in der Ferne und vernachlässigt das eigene. In solcher Fernethik genießen die Erben Rousseaus heute ihr gutes universalistisches Gewissen.“ (Ebd., S. 43).

„Die Welt der Familie - obwohl diese Ideologie heute weltweit zu faszinieren scheint, läßt sich doch in Deutschland besonders gut beobachten. Die Familie war ja die einzige intakte Institution nach dem 2. Weltkrieg. Hinzu kommt das spezifisch deutsche Nachkriegs-Tabu über die nation. Das führt wie gesagt zu einem Kurzschluß zwischen Familiärem und Menschheit.“ (Ebd., S. 43-44).

„Der Klan war die präfamiliare Familie; die Menschheit soll nun die postfamiliare Familie sein. .... Die Familien sind ... segmentär. Deshalb verlieren sie in unserer funktional differenzierenden Moderne an Orientierungs- und Bindungskreft. Nicht aber »das Familiare«. Und eben das ist der Grund für den heutigen Menschheitskult: Das Familiäre emanzipiert sich von der Familie. Damit ist die Kulturbühne frei für die Pathosformeln des Pazifismus, die Rhetorik der Weltmoral, die Gesten der Solidarität und die Feminisierung der Öffentlichkeit.“ (Ebd., S. 44).

Lebensabschnittspartner

„Seit den 1960er Jahren kann man hören: Emanzipierte Frauen wollen weder Hausfrau noch »Sexualobjekt« sein. Aber was sonst?“ (Ebd., S. 44).

„Die Antwort auf diese Frage fällt meist tautologisch aus: Emanzipierte Faruen wollen emanzipiert sein. Doch diese Tautologie ist gesellschaftlich höchst folgenreich. Emanzipierte Sexualität widerspricht nämlich der dauerhaften Paarbindung, Und daß Kinder genau daran leiden, ist eines der größten Tabus unserer Zeit. Mit größerem Nachdruck besteht die »Polical Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) darauf, daß die Familienstrukturen keinen wesentlichen Einfluß auf das Wohlergehen der Kinder haben. Doch diese These verträgt sich schlecht mit immer wieder bestätigten Befunden der empirischen Sozialforschung, die auf eine starke Korrelation zwischen alleinerziehenden Müttern, Armut, schlechter Schulausbildung und Drogenabhängigkeit hinweisen. Und so bemerkt Francis Fukuyama mit feiner Ironie, auch die raffinierteste Statistik wird es schwer haben, die Kausalitätsketten zu zerreißen, die diese Phänomene miteinender verknüpfen. (Vgl. Francis Fukuyama, The Great Disruption, 2000, S. 116).“ (Ebd., S. 44-45).

„Wir leben länger und lieben kürzer.“ (Ebd., S. 45).

„Und wer die Optionen Kinder oder Karriere abwägt, lernt rasch: Kinder machen mich auf dem heiratsmarkt weniger begehrenswert; karriere macht mich begehrenswerter. Je weniger Kinder man hat, um so leichter läßt sich die Ehe auflösen, und um so einfacher ist es für die Geschiedenen, neue Partner zu finden. Schon ein zweites Kind reduziert die Chance für eine zweite Ehe dramatisch. Deshalb orientiert sich der karrierebewußte Lebensabschnittspartner eher am Modell des puritanischen »Lebensgefährten« als an dem der roamntsichen Liebe.“ (Ebd., S. 45).

„Der Schwur der ewigen Liebe war und ist eine kontrafaktische, aber notwendige Behauptung.“ (Ebd., S. 46).

„Kulturkritiker meinen, daß wir aus Mangel an Liebe konsumieren. Umgekehrt wieder aber auch das Liebesleben selbst als eine Form des Konsums erkennbar - dei sexuelle Wahl ist eine Form der Marktwahl. Mit anderen Worten: die sexuelle Orientierung wird heute betrachtet wie die freie wahl des Konsumenten. Nach wie vor ist die romantische Liebe eine Option. Aber da sie zeitraubend ist und deshalb leicht unökonomisch wird, muß sie marktförmig kontrolliert werden. Deshalb hat der implizite Heiratsmarkt eine größere Bedeutung denn je. Und dort präsentieren sich nicht nur die Unverheirateten, sondern auch die Verheirateten gleichsam als permanent verfügbar. Denn die moderne Ehe hindert die Partner nicht daran, sich ständig mit Lebensalternativen zu beschäftigen. Die Eheleute bleiben ständig offen für befriedigendere Bindungen und signalisieren das dem jeweils anderen als Freiheit zur Scheidung.“ (Ebd., S. 46).

Lernen von Pipi Langstrumpf

„So transformiert sich die Ehe vom Sakrament über die Wahlverwandtschaft zum vertraglich geschützten Arrangement von Lebensabschnittspartnern.“ (Ebd., S. 47).

„Jede Emanzipation hat bekanntlich ihren Preis. Den Preis für die Emanzipation der Frauen zahlen die Kinder.“ (Ebd., S. 47).

„Daß Kinder ohne Eltern auskommen müssen, ist eine Grundfigur der Kinderliteratur; das weiß jeder, der Tom Sawyer, Pipi Langstrumpf oder Harry Potter kennengelernt hat. Aber nur im Roman ist das so abenteuerlich.“ (Ebd., S. 48).

Die Welt der starken Bindungen

„Die Familie ist die Welt der starken Bindungen. So formuliert noch Hegel ganz selbstverständlich: »die Familie ist nur eine Person« (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, 1817, § 523); das entpricht exakt der ehegüterrechtlichen Vergemeisnchaftung: quasi und persona. Dabei integriert das Familienleben zweierlei Liebe: die Liebe der Ehegatten und die Liebe der Eltern zu den Kindern. Die Familie leistet also die künstliche Einheit der natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau, Jung und Alt.“ (Ebd., S. 49).

„Die Stärke dieser Bindungen läßt sich nach J. H. S. Bossards Gesetz der Familieninteraktion sogar mathematisch angeben, nämlich mit der Formel x = (y² - y) : 2, wobei x für die Interaktionsdichte und y für die Personenzahl steht. Konkret ist die Familieninteraktion in einem Verknüpfungsfeld situiert, das sich ergibt, wenn man Männer, Frauen und Kinder kombiniert. Die Verknüpfungen zwischen Männern dienen klassisch der Produktion, die zwischen Männern und Frauen der Reproduktion. Die Verknüpfung von Frauen und Kindern leistet die Sozialisation - während Männer sich auf Kinder sei's autoritär, sei's spielerisch beziehen. Aus der Verknüpfung von Frauen mit Frauen entsteht die außerordentlich bedeutsame Welt des Gossip, also Klatsch und Tratsch .... Und schließlich verbünden sich Kinder mit Kindern zur Peer-Group.“ (Ebd., S. 49).

„Die Familie ist das System, das die gesellschaftliche Funktion hat, die personelle Umwelt der übrigen Sozialsysteme und damit das Humanvermögen zu reproduzieren und die Solidarität zwischen den Generationen zu sichern., Familie macht menschlich. Ähnlich wie Kirche und Bildungsinstitutionen fördert sie die Moral durch Wirklichkeitsentlastung. Der Soziologe René König hat deshalb von der »zweiten Geburt« (René König, Die Familie der Gegenwart, 1974, S.59) des Menschen in der Familie gesprochen; nur hier bildet sich die Persönlichkeit. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um die Dialektik von Individuen und Gesellschaft, sondern um die Geburt der Persönlichkeit aus dem Geist der Familie.“ (Ebd., S. 49-50).

„Familien bilden die Welt der akzeptalen Ungleichheit (**): es werden asymmetrische Opfer gebracht.“ (Ebd., S. 50-51).

„Ohne Rückgriff auf biologische Gründe ist kaum zu verstehen, warum Eltern in der Regel so geduldig und großzügig sind; warum sie geben, ohne zu bekommen; warum sie die maßlosen Ansprüche ihrer Kinder ertragen. Und vor allem: warum Eltern die Opfer, die sie für ihre Kinder bringen, für niemand anderen würden.“ (Ebd., S. 51).

„Die Familie hat ihre moderne Gestalt durch Schrumpfungsprozesse gewonnen; d.h., sie hat Modernisierung als Funktionsverlust erfahren. Seit jeder Einzelne in der modernen Gesellschaft Gegenstand permanenter öffentlicher Sorge geworden ist, dringt der Staat immer tiefer in die Privatsphäre vor.“ (Ebd., S. 52).

„Was auch die Verächter der familialen Lebensform neidvoll anerkennen müssen, ist die Tatsache, daß Familien verläßlich Gefühle produzieren.“ (Ebd., S. 53).

„Eltern sind die modernen Helden.“ (Ebd., S. 54).

Die Stärke schwacher Bindungen

„Die Familie als Ort der Konvergenz aller Rollen - das ist auch unter modernen Lebensbedingungen noch möglich, ja vielleicht sogar nötig.“ (Ebd., S. 54).

„Man kann die Stärke einer Bindung an Zeitaufwand, emotionaler Intensität und Wechselseitigkeit ablesen.“ (Ebd., S. 54).

„Deshalb schließen sich Intimität und Effizienz aus.“ (Ebd., S. 55).

„Die Bindung der Eltern an die Kinder lockert sich, wenn die Eltern von ihren Kindern keine Unterstützung im Alter mehr erwarten.“ (Ebd., S. 55).

„Der Klan war, nach Ferdinand Tönnies genauem Wort, »die Familie vor der Familie« (Ferdinand Tönnies, Gemeinschft und Gesellschaft, 1887, S. 31), die Menschheit wäre die Familie nach der Familie. Früher war jeder ein Knoten in einem Netz, dessen Verknüpfungen durch Elternschaft, Generation und Geschlecht definiert waren. Heute dagegen übergreifen die Familien nur noch selten den Generationenzusammenhang. .... Damit verändert sich unser Verhältnis zur Verwandtschaft radikal. Für viele ist sie nur noch ein Störgeräusch, das nur deshalb nicht allzu ärgerlich wird, weil die Verwandten knapp werden. In Zukunft haben nämlich die Bürger der westlichen Welt immer weniger kollaterale Verwandte (Brüder, Onkel u.s.w.).“ (Ebd., S. 55-56).

„Statt der Blutsverwandtschaft die Wahlverwandtschaft.“ (Ebd., S. 56).

Die Märkte der Sorge (II)

„Wir können analog zur Emanzipation des Familiären von der Familie eine Emanzipation des Kindlichen von den Kindern beobachten.“ (Ebd., S. 57).

„Moderne Menschen verhalten sich zu ihren Haustieren, als ob sie ihre Babys wären, und es bricht ihnen das Herz, wenn den Kleinen etwas Schlimmes widerfährt. ... Solche Pseudo-Eltern verhalten sich nicht anders als kleine Kinder, die ihre Kuscheltiere mit sich schleppen.“ (Ebd., S. 57).

„Cura, Sorge, Care - diese Dienstleistungswelt wird in Zukunft immer wichtiger werden. Sie verspricht den Menschen, sie aus einer spezifisch modernen Falle zu befreien. Denn einerseits sehnen sich die Menschen nach der Sorge, andererseits entwerten sie fortschreitend genau die Arbeit, die solche Sorge in der Familie ganz selbstverständlich geboten hat, nämlich die Arbeit der Arbeit der Mutter, Hausfrau und »treusorgenden Gattin«. .... Diese Märkte der Sorge kann man sich als eine Ellipse vorstellen, die um zwei Brennpunkte konstruiert ist.“ (Ebd., S. 58).

„Die Märkte der Sorge kann man sich als eine Ellipse vorstellen, die um zwei Brennpunkte konstruiert ist. Zum einen natürlich Care als wirtschaftliche Form der Agape. Da geht es darum, leibevoll zu Leuten zu sein, die man nicht liebt. Zum zweiten aber geht es um den Wunsch, sich um jemenden zu sorgen - seien es nun Haustiere, Tamagotchi oder die Natur. In der Welt von Wohlstand und Fürsorge wächst der Wunsch, sich um jemanden oder etwas zu sorgen. Traditionell sorgte man sich um die Kinder und die Alten; das grün gefärbte Bewußtsein sorgt sich um »die Natur«; das schlechte soziale Gewissen sorgt sich um »die Armen« der Welt; die Unpolitischen, denen Kinder oder Senioren zu anstrengend und soziale oder Umweltprobleme zu komplex sind, sorgen sich um Haustiere; die »Fit-for-Fun«-Generation sorgt sich um den eigenen Körper; einsame Kinder sorgen sich um ihr Tamagotchi.“ (Ebd., S. 58).

„So wächst der Markt für Symbole der Sorge. Und dieser Wunsch, sich zu sorgen, gründet in dem Wunsch, gebraucht zu werden. Hier passen zwei fundamentale Wünsche wie konkav und konvex zusammen: Was mir fehlt, ist, daß ich jemandem fehle. Und: Was mir fehlt, ist persönliche Aufmerksamkeit. Bisher durfte man die Erfüllung dieser Wünsche von der Familie erwarten. Denn nur in der bürgerlichen Familie darf ich erwarten, daß sich die anderen für alles interessieren, was mich betrifft. Nur hier werde ich als ganze Person integriert. Doch immer mehr Menschen suchen diese Wunscherfüllung heute auf den Märkten der Sorge. man weint sich nicht mehr bei der Mutter aus, sondern beim Psychotherapeuten.“ (Ebd., S. 58).

„Wir können in der modernen Gesellschaft eine Art Outsourcing des Familiären beobachten. Was Outsourcing der familienfunktionen bedeutet, kann man sich an einem einfachen beispiel klarmachen. Wir feiern Geburtstag. Mutter kaufte früher die Zutaten, also die »sieben Sachen«, die man braucht, um einen Kuchen zu backen, und amchte den Geburtstagskuchen selbst. Jahre später kaufte Mutter dann den fertigen Kuchen, den wir im Wohnzimmer essen durften, während Vater die Geburtstagsfotos schoß. Heute hat der Vater eine Party im Restaurant bestellt, das auf Kindergeburtstage spezialisiert ist; dort wartet nicht nur der Kuchen, sondern auch ein Clown - Geburtstagsfotos inklusive.“ (Ebd., S. 58-59).

Humanvermögen

„Kinder machen zukunftsfähig. In diesem Bewußtsein könnten sich klassische Familien im kalten Krieg gegen den Zeitgeist positionieren und sagen: Wer keine Kinder hat, hat auch kein existentielles Interesse an der Zukunft. Joseph A. Schumpeter hat das am Untergang des klassischen Unternehmers verdeutlicht. Der Kapitalist der bürgerlichen Gesellschaft wurde von der Behauptung seines großen Hauses und seiner Familie angetrieben, d.h., er arbeitete und sparte für seine Frau und seine Kinder. Dieses zentrale Familienmotiv ist für den neuen, individualistischen und kinderlosen homo oeconomicus nicht mehr nachvollziehbar. Damit geht er aber »der einzigen Art von Romantik und Heroismus verlustig, der in dieser unromantischen und unheroischen Zivilisation des Kapitalismus noch übriggeblieben ist - des Heroismus von navigare necesse est, vivere non necesse est. Und er geht auch der kapitalistischen Ethik verlustig, welche für die Zukunft Zu arbeiten einschärft, unabhängig davon, ob man die Ernte selbst einbringen wird oder nicht.« (Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942, S. 259).“ (Ebd., S. 59).

„Die tiefste kulturelle Kluft dieser Zukunft könnte zwischen klassischen Familien und kinderlosen Lebensstilen aufbrechen. Man spürt schon heute, daß diese Gruppen sich außer Frechheiten und Beleidigungen nichts zu sagen haben. Hier steht der Zeitgeist der Selbstverwirklichung gegen den Anachronismus einer segmentären Ordnung. Gerade die Stärke der Familie ist nämlich auch ihre Schwäche: die modernitätsuntypische Multifunktionalität. Das macht sie als gesellschaftliches Orientierungsschema ungeeignet - die Welt ist zu groß, die Familie zu klein.“ (Ebd., S. 59-60).

„In Joseph A. Schumpeters Hauptwerk über Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie von 1942 findet sich ein Kapitel »Zersetzung«, das für unser Thema nach wie vor von allergrößter Aktualität ist. Die bürgerliche Familie löst sich auf, »sobald Männer und Frauen die utilitaristische Lektion gelernt haben«, d.h. alle Handlungen und Lebensverhältnisse nach ihrem Nutzen für die persönliche Glücksmaximierung bewerten. »Sobald sie in ihrem Privatleben eine Art unausgesprochener Kostenrechnung einführen, müssen ihnen unvermeidlich die schweren persönlichen Opfer, welche Familienbindungen und namentlich Elternschaft unter modernen Bedingungen mit sich bringen, ebenso wie die Tatsache bewußt werden, daß gleichzeitig ... die Kinder nicht mehr ein wirtschaftliches Aktivum sind.« (Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942, S. 254).“ (Ebd., S. 60).

„Eltern opfern Geld, Bequemlichkeit und eine Fülle von Genußmöglichkeiten - Opfer, die im Licht der »rationalen Scheinwerfer« moderner Individualität überdeutlich sichtbar werden, während der »Beitrag, den die Elternschaft an die physische und moralische Gesundheit - an die Normalität, wie wir es auch ausdrücken könnten - leistet«, in seiner Alltäglichkeit unterbelichtet bleibt. (Vgl. Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942, S. 254f.). So zeigt die neuere Streß-Forschung, daß die schmerzliche Erfahrung der Scheidung oder Trennung die Todesrate der Herzkrankheiten extrem ansteigen läßt; diese Menschen sterben buchstäblich an gebrochenem Herzen. Und umgekehrt ist die Ehe als biologische Kooperative, in der man mit seinen Problemen auf Sympathie rechnen kahn, eine unverächtliche Quelle auch geistiger Gesundheit. “ (Ebd., S. 60).

„Wir stehen heute am Ende des von Schumpeter beschriebenen Zersetzungsprozesses und müssen nüchtern konstatieren: Kinder passen einfach nicht in die Welt der modernen Wirtschaft. Und deshalb ist die Gründung einer Familie das moderne Abenteuer schlechthin - die riskanteste Entscheidung unter Bedingungen der Ungewißheit. Noch nie war die Frage »Wozu Kinder?«  so schwer zu beantworten wie heute. Kinder aufzuziehen ist ökonomisch irrational, weil nur die Kosten für den Unterhalt der Nicht-mehr-Erwerbstätigen kollektiviert werden, während die Kosten für den Unterhalt der Nochnicht-Erwerbstätigen privatisiert werden. (Das muß endlich geändert werden und ist übrigens auch ein Verstoß gegen unsere Verfassung! HB). Im ökonomischen Gesamtkalkül des Lebens sind Kinder die größten Fixkosten. Viele Kinder zu haben ist deshalb ein Zeichen von Armut und Reichtum! Mit anderen Worten, Kinder sind der moderne Luxus, den sich immer weniger glauben leisten zu können.“ (Ebd., S. 60-61).

„Junge Frauen sehen sich heute vor der Alternative: Reproduktion, also Kinder, oder Produktion, also Karriere. Und junge Paare sehen sich ganz ähnlich vor der Alternative: Konsum oder Kinder? Diese zweite Alternativität läßt sich allerdings durch einen eleganten Gedankengang der Ökonomen auflösen. Kinder kann man nämlich als dauerhafte Konsumgüter betrachten, die psychische Befriedigung verschaffen. Mit anderen Worten, Kinder sind eine Zeitinvestition, mit der man auf eine gesteigerte Produktion von Lebensfreude spekuliert. Dieses spröde ökonomische Kalkül kann sich übrigens auf anthropologische Einsichten in die prähistorische Verknüpfung von Lust und Familienleben stützen.“ (Ebd., S. 61).

„Das Bundesfamilienministerium hat 1994 unterstrichen, daß Familientätigkeit und Elternschaft entscheidend zur Bildung und Erhaltung des Humanvermögens beitragen. Man schätzt den Beitrag der Familien zur Humanvermögensbildung auf 6 Billionen Euro. Familien produzieren also nicht nur Familiengüter wie Lebensfreude, sondern sie leisten auch eine unverzichtbare Familienarbeit für die Gesellschaft. Doch nur wenige haben den Mut, das so deutlich auszusprechen wie Franz-Xaver Kaufmann: »Menschen, die Elternverantwortung übernehmen, leisten unentgeltlich Investitionen in das zukünftige Humankapital oder Humanvermögen, Menschen ohne Elternverantwortung nicht.« (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 195 [**]). Deshalb müssen Kinderlose verpflichtet werden, durch Ersparnisse für ihr Alter vorzusorgen. (Ja ! HB). In diesem Sinne hat der Direktor des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, eine allgemeine Rentenkürzung bei gleichzeitiger Honorierung der Erziehungsleistungen gefordert. (Mit Recht! HB).“ (Ebd., S. 61).

„Die Kosten der Erziehung und Ausbildung sind Investitionen in das Humankapital. Und ein Kind großzuziehen kostet heute ca. 220000 Euro. Paradoxerweise werden gerade in der Wohlstandsgesellschaft die Kosten der Kinder prohibitiv hoch. Denn zur Wohlstandsgesellschaft gehört, daß man seinen Konsum aus Reputationsgründen sichtbar macht. Und ein ganz wesentlicher Teil des ostentativen Konsums besteht im reputable maintenance eines Kindes. Deshalb sinkt die Geburtenrate mit steigendem Wohlstand. (Vgl. Demographisch-ökonomisches Paradoxon). Gerade die Wohlhabenden sehen nämlich in Kindern die Quelle unbestimmt andauernder Kostenbelastungen. Und es geht dabei nicht nur um die direkten Kosten (**), sondern vor allem auch um die Opportunitätskosten (**) der Kinder: Man verzichtet auf andere Möglichkeiten, z.B. Freizeit, und es entgehen einem Einkünfte. Die Elternrolle hat also buchstäblich einen biographischen Preis. ([**][**][**][**]).“ (Ebd., S. 62).

„Das Problem Familie dreht sich um die Frage, ob Kinder Sache des Privatkonsums sind. Anders gefragt: Muß man die Haushaltsökonomie nicht endlich wieder in die ökonomische Theorie einbeziehen? (Ja! HB). Die klassische Ökonomie ignoriert die Haushaltsproduktion. Das hat schon Friedrich List sehr deutlich gesehen: »Ein Vater, der seine Ersparnisse opfert, um seinen Kindern eine ausgezeichnete Erziehung zu geben, opfert Werte; aber er vermehrt beträchtlich die produktiven Kräfte der nächsten Generation. Dagegen ein Vater, der seine Ersparnisse auf Zinsen legt unter Vernachlässigung der Erziehung seiner Kinder, vermehrt um ebensoviel seine Tauschwerte, aber auf Kosten der produktiven Kräfte der Nation.« (Friedrich List, Das natürliche System der politischen Ökonomie, 1837, S. 193). Und noch deutlicher: »Wer Schweine erzieht, ist ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft.« (Friedrich List, Das nationale System der politischen Ökonomie, 1841, S. 231).“ (Ebd., S. 62).

„Wer die Scheuklappen der klassischen Ökonomie ablegt, kann aber wissen, daß über die Hälfte der Bruttowertschöpfung in Deutschland unbezahlt erbracht wird - nämlich in Privathaushalten, in der Welt der »Sorge«. Jeder Haushalt kann als eine kleine Fabrik betrachtet werden, die im übrigen viel schwerer zu rationalisieren und zu technisieren ist als ein Großbetrieb. Daß wir das aber nicht sehen wollen, hat einen einfachen Grund: Was Frauen im Haushalt und für die Familie tun, zählt nicht als Beitrag zum Reichtum der Nation, weil kein Geld fließt. Und deshalb beobachten wir in der modernen GeseIlschaft eine fortschreitende Monetarisierung und Bürokratisierung der Intimität: Ich putze Deine Wohnung, koche Dein Essen, betreue Deine Kinder - gegen Geld. Du tust das gleiche, und so erhöhen wir beide das Bruttosozialprodukt. Man zahlt also für Dienste, die früher zum Familienalltag gehörten. Ob dadurch der Reichtum der Nation wächst, darf bezweifelt werden; in jedem Fall aber gibt es mehr Steuerzahler. (Und darüber freut sich der Parteienstaat! HB).“ (Ebd., S. 62-63).

„Auf das ökonomische Schicksal einer Familie können weder der Staat noch die Unternehmen nennenswerten Einfluß ausüben. Der Soziologe Niklas Luhmann hat in diesem Zusammenhang die Unbrauchbarkeit der Kapital/Arbeit-Unterscheidung so begründet: »Ob man verheiratet ist oder nicht und ob mit oder ohne Kinder, ob die Frau arbeitet oder nicht und ob man gegebenenfalls noch geschiedene Frauen zu unterhalten hat, ob man in einem ererbten Haus wohnt oder mieten muß - all das wird viel stärker zum ökonomischen Lebensschicksal als die tariflich garantierten Löhne oder gegebenenfalls Versicherungs- und Rentenleistungen.« (Niklas Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988, S. 165). Weder für die Wirtschaft noch für den Sozialstaat ist Elternschaft ein relevanter Faktor. Sozialstaatliche Leistungen kann man aufgrund von Erwerbsarbeit beanspruchen - nicht aber aufgrund von Erziehungsleistungen. (Das muß endlich geändert werden! Und das nicht zu tun, ist übrigens auch ein Verstoß gegen unsere Verfassung! HB).“ (Ebd., S. 63).

„Erwerbsarbeit ist der gesellschaftliche Attraktor, der alles andere strukturiert. Deshalb müssen Mütter ohne Zeitverzug dem Arbeitsmarkt zugeführt werden; und deshalb wird Ganztagsbetreuung zur gesellschaftspolitischen Norm im Umgang mit Kindern. »Familienfreundlich« heißt dann diejenige Politik, die Ganztagsbetreuung und Ganztagsschulen fördert. Daß Ganztagsbetreuung als Allheilmaßnahme gefordert und gefeiert wird, hat zwei ganz einfache Gründe. Erstens sollen Frauen ungestört erwerbstätig sein, um der Wirtschaft ihre Arbeitskraft zuzuführen; und zweitens sollen eben diese Frauen auch Kinder gebären, damit das Renten- und Gesundheitssystem nicht zusammenbricht. Day Care ermöglicht es den Eltern, Kinder zu haben, als hätte man sie nicht. So tanzen Wirtschaftspolitik und Frauenemanzipation gemeinsam um das goldene Kalb »Ganztagsbetreuung« - und man darf nicht fragen, wie sich das auf die Kinder auswirkt.“ (Ebd., S. 63).

„Frauen, die statt dessen ihre Kinder lieber selbst erziehen möchten, »verweigern« sich dem Arbeitsmarkt und sabotieren die Volkswirtschaft, die auf die Leistungskraft der Frauen »nicht verzichten kann«. Deshalb ist es tabu, nach der Verträglichkeit von Kinder- und Karrierewunsch zu fragen. Wie dem Puritanismus ist dem Feminismus die Arbeit heilig. Und nichts trifft die Signatur der Gegenwart genauer als Paul Lafargues Formel von der »Religion der Arbeit«. In ihrem Kultzentrum steht heute die unverheiratete, berufstätige Frau. Sie verkörpert die Identität von Emanzipation und Erwerbsarbeit. Und die Politik muß heute erkennen, daß diese Identitätsformel durch erhöhtes Kindergeld allein nicht erschüttert werden kann.“ (Ebd., S. 63-64).

Der Mythos von der Balance

„Robert B. Reich, Arbeitsminister in der ersten Clinton-Administration, hat eine spannende Geschichte erzählt. Reich liebte seinen Job so sehr, daß er es gar nicht erwarten konnte, morgens zur Arbeit zu kommen; und nachts verließ er sein Büro nur zögernd. Auch in der Zeit, die er zu Hause verbrachte, dachte er nur an seinen Job - und verlor so jede Beziehung zu seiner Familie. Der Arbeitsminister mußte erfahren, daß es keine work-life-balance, keine Harmonie zwischen Arbeit und Familie gibt. Je erfolgreicher man in seinem Job ist, um so länger und härter arbeitet man und um so weniger Zeit und Energie kann man für persönliche Beziehungen erübrigen. Deshalb hat Robert Reich, der Arbeitsminister, seine Arbeit niedergelegt - ein Bild von wunderbarer Symbolkraft.“ (Ebd., S. 64).

„Je besser ein Job in der modernen Wirtschaft ist, um so deutlicher zeigt sich sein Alles-oder-nichts-Charakter. Entweder man läßt sich von seinem Job konsumieren, oder man arbeitet nur in der zweiten Reihe und verdient erheblich weniger. Je wichtiger die Arbeit, desto weniger kann sie Teilzeitarbeit sein. Deshalb kann man gerade bei den Erfolgreichen keinerlei Neigung zu langem Urlaub, Arbeitszeitverkürzung oder Familienauszeit erkennen. Peter M. Senge hat in diesem Zusammenhang auf einen sich selbst verstärkenden Rückkopplungskreislauf hingewiesen: Je mehr Zeit man in die Arbeit investiert, um so größer ist der Erfolg; je größer der Erfolg, um so mehr Möglichkeiten eröffnen sich, die wiederum den Wunsch wecken, mehr zeit für die Arbeit zu haben.“ (Ebd., S. 64-65).

„Daß man noch einen Berg Akten durchzuarbeiten hat, ist eine bequeme Entschuldigung, wenn man es vermeiden möchte, zu Hause auf einen unglücklichen Ehepartner und nervige Kinder zu stoßen. .... Wir haben es hier also mit einer Umklehrung des traditionellen Verhältnisses von Familienleben und Arbeitswelt zu tun. .... Es ist viel leichter, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein als ein guter Ehemann und Vater. Wer sich das Heldentum des Famileinlebens nicht zutraut, flieht in die Arbeit.“ (Ebd., S. 65).

„So steht das Verhältnis von Arbeit und Familie heute auf dem Kopf: Im Büro fühlt man sich zu Hause, und zu Hause wartet die »entfremdete« Arbeit. Die Arbeit wird gesellig, das Familienleben wird taylorisert. Da es nun in einem von Zeitknappheit geprägten Familienleben immer entschiedener um effizientes Management geht, könnte man von einer Maskulinisierung des Zuhause sprechen, während wir gleichzeitig eine fortschreitende Feminiserung des Arbeitsplatzes beobachten können ....“ (Ebd., S. 65-66).

Produktiv und unfruchtbar

„Früher hat man Frauen verspottet, die keinen Mann hatten. Heute verspottet man Frauen, die keinen Beruf haben. .... Früher war es Frauen peinlich, keinen Mann zu haben, heute ist es ihnen peinlich, keinen Job zu haben. Früher wurden Mütter anerkannt und alte Jungfern belächelt, heute werden erwerbstätige Frauen anerkannt und Hausfrauen belächelt.“ (Ebd., S. 66).

„Frauen arbeiten heute nicht mehr für die Liebe, sondern für Geld. Ihre Würde suchen sie nicht mehr in der Verantwortung für die Familie, sondern in der Erwerbsarbeit. Auch ihnen gilt nun die Arbeitslosigkeit im Produktionssektor als das größte Übel. Ihre Arbeistlosigkeit im Reproduktionssektor dagegen gilt als normal.“ (Ebd., S. 66-67).

„Simone de Beauvoir meinte, Frauen sollten keine Kinder haben, wenn sie dadurch von Erwerbsarbeit abgehalten werden. .... Wie Hegels Weltgeschichtsphilosophie dem arbeitenden Sklaven die Verwandlung der Welt in ein menschliches Zuhause zugeschrieben hat, so schreibt die sozialdemokratische »Political Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) der arbeitenden Frau die Verwandlung der modernen Gesellschaft in ein menschliches Zuhause zu.“ (Ebd., S. 67).

„Je erfolgreicher die Wirtschaft und je gebildeter die Frauen, desto unfruchtbarer ist eine Nation. Frauen verdienen mehr und gebären weniger.“ (Ebd., S. 67).

„Die Emanzipation vollzieht sich als Entwertung der Mutterschaft und der Männlichkeit.“ (Ebd., S. 67).

„Karrierefrauen tendieren ... zur genetischen Impotenz.“ (Ebd., S. 67).

„Die Faustregel lautet: je produktiver, desto weniger reproduktiv.“ (Ebd., S. 67).

„Das gilt natürlich nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich.“ (Ebd., S. 67).

„Industriegesellschaften sind sehr produktiv, aber nur schwach reproduktiv.“ (Ebd., S. 67).

„So erleben wir im Westen seit Jahrzehnten eine reproduktive Depression. Und der Grund dafür sit denkbar einfach.“ (Ebd., S. 67).

„Produktion ist profitabel, Reproduktion ist kostspielig.“ (Ebd., S. 67).

„Die Welt der Reproduktion hat es mit Menschen und Verpflichtungen zu tun; die Welt der Produktion hat es mit Dingen und Dienstleistungen zu tun.“ (Ebd., S. 67).

„Heute macht sich niemand mehr Sorgen über eine Explosion der Weltbevölkerung. Die demographische Entwicklung nähert sich vielmehr einem weltweiten Gleichgewichtszustand, hinter dem sich aber eine gefährliche Dynamik der Abweichungsverstärkung verbirgt.“ (Ebd., S. 67).

„Die unproduktiven Länder haben viele Kinder, die produktiven Länder haben zu wenige.“ (Ebd., S. 67).

„Produktivität und Reproduktivität entwickeln sich offenbar umgekehrt proportional: je produktiver, desto unfruchtbarer; je unproduktiver, desto fruchtbarer.“ (Ebd., S. 67-68).

„Und in den westlichen Wohlstandsgebieten gewinnt man den Eindruck, daß die Welt der Arbeit, in der es um den Reichtum der Nationen und die Anerkennung der Erwerbstätigen geht, die Welt des Sex, in der es um die Reproduktion der Gattung und die Lust des Lebens geht, in die Irrelevanz abdrängt.“ (Ebd., S. 68).

„Je produktiver eine Nation ... ist, um so teurer wird die Zeit, die man den eigenen Kindern zuwendet.“ (Ebd., S. 68).

„Elterliche Sorge ist kostspielig. Und nur Elternliebe kann es letztendlich verhindern, daß die Kosten-Nutzen-Kalkulationen zu ihrem logischen Ende geführt werden. Liebe ist unökonomisch - man braucht viel Zeit. Das gilt für die unendliche Geduld, die man mit Kindern gegenüber aufbringen muß, genauso wie für die Erkundung der Welt des geliebten Ehepartners. Desmond Morris hatte den fabelhaften Mut, zu sagen, daß die Definition der Ehe als Partnerschaft eigentlich eine Beleidigung der Ehe und ein Mißverständnis der Liebe sei. Das Handeln und Verhandeln, das Geben und Nehmen, das für Partnerschaften so charakteristisch ist, spielt für die Liebe keine Rolle.“ (Ebd., S. 68).

Vom Umgang mit Kinderlosen

Zukunftsverweigerung ist ein schwierig zu beschreibender Sachverhalt. Wer Deutschland als Avantgarde der Unfruchtbarkeit kenntlich machen will, muß schon ein paar Zahlen bemühen. Gerontokratie und Migration sind sichtbar, Kinderlosigkeit ist fast unsichtbar. Doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 100 Frauen bekommen 67 Töchter, 44 Enkelinnen und 29 Urenkelinnen. Franz-Xaver Kaufmann nennt das »Bevölkerungsimplosion« (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 52 [**]). Die Fruchtbarkeitsrate von 1,3 bei deutschen Frauen ist vor allem des hohen Anteils von Kinderlosen geschuldet. Jede dritte nach 1965 geborene Frau wird wohl kinderlos bleiben. Die meisten Kinderlosen gibt es bei Akademikerpaaren mit einem monatlichen Einkommen von über 4000 Euro. Im Jahr 2000 waren in Westdeutschland über 40% der 35-bis-39-Jährigen kinderlos. Und so entpuppt sich Kinderlosigkeit allmählich als neues Leitbild: die Karrierefrau.“ (Ebd., S. 70).

„In Deutschland gibt es eine zunehmende Polarisierung zwischen klassischen Familien und alternativen, zumeist kinderlosen Lebensformen. Und hier gilt: je alternativer, desto kinderloser. Das geht bis zur räumlichen Segregation: Die Alternativen wohnen in der City, die Familien im Grünen. Und in den kinderlosen Milieus der Großstädte merkt man bald gar nicht mehr, daß etwas fehlt - nämlich Kinder. Franz-Xaver Kaufmann bemerkt: »Kinderlose finden hier also Bestätigung unter ihresgleichen. Sie haben sich den Umgang mit Kindern buchstäblich abgewöhnt.« (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 143 [**]). Der Anteil der Bevölkerung, der überhaupt keinen Kontakt mit Kindern mehr hat. wächst ständig. Und was Kinderlose an Kindern wahrnehmen, sind die Ärgernisse. Das Befriedigende der Elternschaft bleibt für sie weitgehend unsichtbar.“ (Ebd., S. 70).

„Früher durfte man auf die unsichtbare Hand der Liebe vertrauen: Die einzelnen suchen das Glück -und reproduzieren dabei die Menschheit. Das funktioniert bekanntlich nicht mehr, und deshalb fehlen uns heute die Kinder, die morgen den Sozialstaat finanzieren sollen. Damit werden die Kinder als öffentliches Gut erkennbar. Genauer gesagt: Wie erkennen heute die Kinderlosigkeit als neue tragedy of the commons (**), als Tragödie des öffentlichen Gutes »Kind«. An der Reproduktion, d.h. an der Produktion von Kindern, haben alle ein Interesse, aber kein Einzelner hat einen ausreichenden Anreiz, sich an dieser Produktion zu beteiligen. Kinderlose sind die Freerider, die Trittbrettfahrer in der Tragödie des öffentlichen Guts »Kinder«.“  (Ebd., S. 71).

„Früher war Kinderlosigkeit ein persönliches Unglück; heute ist sie ein kollektives Unglück.“ (Ebd., S. 71).

„Das kann aber vernünftigerweise nur eine politische Konsequenz haben: Nicht die Reichen, sondern die Kinderlosen müssen stärker besteuert werden. Es ist ein fataler Webfehler unseres sozialen Netzes, daß Kinderlose die gleichen Versorgungsansprüche erwerben wie Eltern, obwohl sie nichts zur Erziehung der künftigen Beitragszahler beitragen. Die Politik fördert halbherzig die Familien, wagt es aber nicht, mehr von den Kinderlosen zu fordern. Joachim Nawrocki hat ... klar formuliert: »Ehepaare mit Kindern leisten ja erheblich mehr für die Gesellschaft und die soziale Sicherung der folgenden Generation als kinderlose Eheleute oder Unverheiratete. Zumindest müßte garantiert sein, daß kinderreiche Familien ihren sozialen Status halten können.« (Joachim Nawrocki, Die Angst der Eltern vor dem Säugling, in: Die Zeit, 12.01.1979, S. 10).“  (Ebd., S. 71).

„Für den Kinderlosen geht mit dem eigenen Tod die Welt unter. Seine Sorge gilt deshalb auch nur der eigenen Lebensfrist. Mit anderen Worten, die Geschäfte des Kinderlosen sind auf den Zeithorizont der eigenen Lebenserwartung beschränkt - warum sollte er noch investieren, warum sparen? Viel näher liegt die Potlatch-Attitüde: Zum Teufel mit der Zukunft - was zählt ist mein Prestige hier und heute. Schumpeter hat das »Anti-Spar-Gesinnung« genannt. (Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942, S. 260). Doch wie gesagt: Man sollte Kinderlose nicht stigmatisieren, sondern besteuern.“  (Ebd., S. 71).

„Mit dieser Forderung tut man auch denen nicht unrecht, die ungewollt kinderlos bleiben. Natürlich gibt es neben der Kinderlosigkeit als neuer tragedy of the commons (**) auch nach wie vor und mehr denn je das persönliche Unglück der Unfruchtbarkeit. So berichtet der Spiegel: »Die Zahl ungewollt Kinderloser wird immer größer. Derzeit haben schon über zehn Prozent aller Paare in Deutschland Probleme, Kinder in die Welt zu setzen. Das liegt vor allem daran, daß die Gebärwilligen immer älter werden und damit immer häufiger unfruchtbar sind.« (Marion Kraske & Udo Ludwig, Die Babygrenze, in: Der Spiegel, 14.11.2005, S. 118). Auch in diser Frage ist die deutsche Politik immer noch in ihrem nachträglichen Antifaschismus befangen und umstellt die Fortpflanzungsmedizin mit Tabus, die jene unglücklichen Paare zu einem entwürdigenden Fruchtbarkeitstourismus zwingen. Skandalös ist diese Doppelmoral, nicht jene Steuer.“ (Ebd., S. 71-72).

Die Enteignung der Lebenssorge

„Die Familie ist der natürliche Feind der Propaganda des heutigen Zeitgeistes. Dessen Rhetorik präsentiert sich nicht offen familienfeindlich, sondern operiert »wortpolitisch«. Natürlich können auch hartgesottene Sozialdemokraten schlecht öffentlich leugnen, daß dort, wo Kinder sind, Familie sein sollte. Doch die sozialdemokratische Rhetorik wendet das Deontische ins Apodiktische: Wo Kinder sind, »ist« Familie. Damit wird der Familienbegriff durchaus geschickt für eine Politik der totalen staatlichen Fürsorge gerettet und zugleich der Sprengsatz entschärft, der für die Politik der »sozialen Gerechtigkeit« (**) in der bürgerlichen Form der Familie liegt. Denn die Familie erlaubt ja gerade ein extremes Ungleichgewicht der Leistungen und eine extreme Ungleichheit der Kompetenzen. (**). Genau das aber ermöglichte einmal jene konkreten persönlichen Generationenverpflichtungen, die der Wohlfahrtsstaat heute durch das Phanton der »Solidarität«, also »ein abstraktes Verhältnis der kollektiven Haftung aller für alle ersetzen« will. Der Soziologe Helmut Schelsky hat hierin den wichtigsten Grund für den kalten Krieg zwischen Staat und Familien gesehen: »Daseinsvorsorge und Daseinsfürsorge sind - schon von der Bibel her - die wesentlichen immanenten Sinngebeungen des menschlichen Daseins; indem man sie ›kollektiviert‹, d.h. dem Einzelnen und der einzelnen Familie als ihre Uraufgabe wegnimmt zugunsten von großorganisatorischer Betreuung, entmündigt man den Menschen und drängt seine Lebenspflichten und -erwartungen in den Konsum des bloß Gegenwärtigen ab.« (Vgl. Helmut Schlesky, Kritik der austeilenden Gerechtigkeit, 1981, S. 310f.).“ (Ebd., S. 72-73).

„Der Begriff der Subsidiarität besagt, daß Entscheidungen auf dem unterst möglichen Niveau getroffen werden sollten - der Staat sollte also keine Verantwortung übernehmen, wo Familien eigentlich zuständig sind. Doch der Staat neigt dazu, den Leuten die Entscheidungen zu stehlen. Hildegard Schooß hat sehr schön gezeigt, wie seit den 1970er Jahren die »Professionalisierung der Sozialarbeit den zertifizierten Ausbildungsformen und Tätigkeiten einen absoluten Vorrang vor den im Umgang mit Menschen und in der Familie erworbenen Kompetenzen einräumte.« (Hildegard Schooß, Mütterzentren als Antwort auf Überprofessionalisierung im sozialen Bereich, 1977, S. 232).“ (Ebd., S. 73).

„Es gibt heute keine allgemein anerkannten gesellschaftlichen Normen mehr, die die Mutter verpflichten würden, als Dauerpflegeperson für das eigene Kind zu sorgen; und deshalb hat Mutterschaft kein Prestige mehr. Erschwerend kommt hinzu, daß der Staat, der den Frauen »Mutterschaftshilfe« (die natürlich gerade das nicht ist; Anm HB) zukommen lassen möchte, die Mutterschaft eigentlich als Behinderung (!!! Anm HB) definieren muß - denn sonst würde die Hilfe andere Frauen und Männer diskriminieren (??? Anm HB).“ (Ebd., S. 73).

Vergiftete „Brüderlichkeit“

„Daß es keinen Frieden zwischen Staat und Familie geben kann, hat der große deutsche Philosoph Hegel auf die Formel gebracht, der Bürger gehöre nicht zur Familie. Schon Sophokles hatte ja in seiner Tragödie Antigone die Geschichte des Widerstreits von Staat und Familie erzählt - eine Geschichte, die Hegel dann mit einer brillanten Interpretation in seine Genealogie der modernen Welt eingepaßt hat. Die Antithetik von Staat und Familie zeigt sich unmittelbar - man möchte sagen: natürlich - am Gegensatz von Weiblichkeit und Männlichkeit. Männlich ist das Regierungshandeln, weiblich das Familienleben. Männlich ist das Denken des Allgemeinen, weiblich das Pathos der Individualität. Tragisch wird das Verhältnis nun dadurch, daß die Familie zugleich Element und Bedrohung des Staates ist. Die dialektische Lösung, die Hegel an dieser Stelle bietet, scheint die Politiker bis zum heutigen Tag zu überzeugen: »Die Zerstörung des Gemeinwesens« läßt sich nur durch die »Störung der Familienglückseligkeit« verhindern. (Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, 1807, S. 340f.). Doch die Folgelasten dieses Fortschritts zum Allgemeinen sind erheblich. Denn indem der Staat den Geist der Familie unterdrückt, reproduziert er »gerade durch die unterdrückende Haltung« die Weiblichkeit als »seinen innern Feind« (ebd.).“ (Ebd., S. 74). **

„Wie also schon Antigone zeigt, gibt es keine Versöhnung zwischen öffentlichen Werten und Familienwerten. Aus der Perspektive des Staates, der Kirche und anderer Hierarchien ist die Familie die subversive Organisation schlechthin. Es ist weniger das Sexualleben der Gatten, das der Kirche Sorgen bereitet, als vielmehr die Gefühlswelt der Elternschaft. Kirche und Staat können es beide nicht dulden, daß eine andere Macht in den Herzen der Menschen regiert. Der Staat kämpft gegen die Familie, weil es der selbstverständliche Wunsch der Eltern ist, das akkumulierte Kapital den eigenen Kindern zu vererben. Das unterläuft aber das Interesse des Staates an Gleichheit. (**). Wer Gleichheit, ja Gleichstellung will, muß das Öffentliche über das Private stellen. Wer die klassenlose Gesellschaft will, muß die Familie kritisieren.“ (Ebd., S. 74). **

„Alle großen religiösen und politischen Bewegungen kämpfen gegen die Familie. Gott und der Staat sind eifersüchtig auf die starken Verwandtschaftsgefühle. So sagt Jesus: »Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.« (Matthäus, 10, 35-37). Und doch sollen ja die Kindlein zu ihm kommen. Und doch braucht der Staat ja die Kinder, an die er die Schulden, die er heute macht, morgen adressieren kann. Also braucht man Frauen, die Kinder gebären. Doch könnte man das Kinderkriegen nicht von der Aufzulcht der Kinder trennen? Könnte man nicht das bearing den Frauen, das caring aber dem Staat überlassen? Das ist bekanntlich die Idee des Kibbuz, in der sich der Kampf gegen die Kernfamilie modellhaft zugespitzt hat. Bis zur Geschlechtsreife werden Kinder der gleichen Altersgruppe gemeinsam von Lehrern und Kinderfrauen erzogen. Diese Idee geht auf Platon zurück, der als Urvater einer Staatsphilosophie gelten kann, die in der Familie das Haupthindernis »sozialer Gerechtigkeit« (**) sieht. Im fünften Buch über den Staat fordert er, »daß diese Weiber alle allen diesen Männern gemein seien, keine aber irgendeinem eigentümlich beiwohne und so auch die Kinder gemein, so daß weder ein Vater sein Kind kenne, noch auch ein Kind seinen Vater.« (Platon, Polieia, V, 457, cd). Seither hat jede kommunistische Zwangsbeglückung dafür Sorge getragen, daß die Frauen von Haushalt und Kinderbetreuung befreit werden. Solange die Menschen noch »meine Eltern« oder »meine Kinder« sagen, ist das Reich der Freiheit noch nicht erreicht.“ (Ebd., S. 74-75). **

„Ferdinand Mount hat die Frage gestellt, warum die Intellektuellen die Familie so sehr hassen. In jedem Fall ist deutlich zu sehen, daß Künstler und Intellektuelle im 20. Jahrhundert die vakant gewordene Stelle der Familienkritik von den Kirchenfürsten des Christentums und des Kommunismus übernommen haben. .... In der Tat scheinen sich große Kulturleistungen nicht mit einem glüklichen Familienleben zu vertragen; die großen Dichter und Denker waren und sind oft Junggesellen oder Homosexuelle. Uns schon Nietzsche konnte sich einen verheirateten Philosophen nur noch in einer Komödie vorstellen.“ (Ebd., S. 75-76).

„Man kann aber, und zwar schon seit Platon, die Feinde der Familienwerte sehr leicht an ihrem Freundschaftskult erkennen. Er hatte stets die Pointe, daß die jeden Egoismus transzendierende Freundschaft gerade nicht auf die Mitglieder der eigenen Familie bezogen werden könne. So war auch Christus der wahre Freund, dem zu folgen gerade bedeutete, die eigene Familie im Stich zu lassen. Erst die Puritaner hatten den fabelhaften Mut, die christliche Nächstenliebe zu Hause zu lassen und die Ehe als eine Art Gottesdienst zu glorifizieren. Benjamin Nelson hat das als entscheidende Weichenstellung für den Erfolg der protestantischen Ethik in der kapitalistischen Welt erkannt: »Die Puritaner erfaßten ganz richtig, daß solange Freundschaft und Freundeskreise in höchstem Ansehehen standen, keine Möglichkeit bestand, eine Heiligung der besonderen Liebe in der Familie zu erreichen.« (Benjamin, Nelson, Der Ursprung der Moderne, 1977, S. 155).“ (Ebd., S. 76).

„Die moderne Gesellschaft hat den Menschen nicht nur Freiheit und Gleichheit, sondern auch Brüderlichkeit versprochen. (**). Daß alle Menschen Brüder werden, gilt auch heute noch als gute Utopie. (Vgl. den auch damit zusammenhängenden immer noch anhaltenden Erfolg der »Neunten« von Ludwig van Beethoven mit dem »Lied der Freude« von Friedrich Schiller; HB). Doch wenn man nach dem Schicksal der Familie in der modernen Gesellschaft fragt, wird rasch deutlich, daß diese Brüderlichkeit ein antifamilialer Kampfbegriff ist - der pathetische Inbegriff aller antifamiliären Bande. Nichts ist der Intimität der Familie feindlicher als die Brüderlichkeit der Kameraden, Kommunen, Kirchen und Staaten.“ (Ebd., S. 76).

„In intimen Beziehungen geht es um Ansprüche an eine Person, die von dieser Person anerkannt werden und von keiner anderen erfüllt werden können. Intimität heißt nämlich unersetzbar sein. In leidenschaftlicher Liebe gibt es für die Geliebte keinen Ersatz. Diese starken Bindungen werden in der Universalität der Brüderlichkeit systematisch geschwächt. Brüderlichkeit meint Brüder als Andere, gleichsam die Familie ohne Vater und Mutter. Aus konkreten Brüdern und Schwestern wird Brüderlichkeit als universal otherhood und menschheitsliebende Solidarität.“ (Ebd., S. 77).

„Das läßt sich historisch präzisieren. Seit Benjamin Nelsons großartigem Essay The Idea of Usury (1949) kann man Modernität nämlich als raffinierte Antwort auf die biblische Frage verstehen, ob ich von meinem Bruder Zins nehmen darf. Calvin bricht mit der scholastischen Auffassung, Geld sei steril. Geld vermittelt nun nicht nur die Kommunikation mit den Fremden, sondern auch mit den brüderlichen Anderen. Alle Menschen werden Brüder, weil auch die Brüder, von denen ich Zins nehme, Andere geworden sind. Damit wandelt sich Brüderlichkeit - von Calvin bis zur französischen Revolution - zum Universale, und ihr Klartext lautet: Wettbewerb auf dem Markt. Das ist der präzise Sinn des Untertitels von Nelsons Essay: From Tribal Brotherhood to Universal Otherhood.“ (Ebd., S. 77).

„Die moderne Welt entfaltet die Paradoxie der Stärke schwacher Bindungen und der Schwäche starker Bindungen. Intimität und Familiengeist vertragen sich weder mit den Kontrakten und Netzwerken der modernen Märkte noch mit dem Individualismus und Universalismus moderner Demokratien. (**). Wer unter diesen Bedingungen eine Familie gründet, tut es »trotzdem«. In einem ganz unspektakulären Sinn sind Eltern heute Helden.“ (Ebd., S. 77).

Schöne neue Frauenwelt

„Bleibt uns also nur die tragische Wahl zwischen einem anachronistischen »Zurück zur Familie« und der sozialistischen Verstaatlichung der Kinder? Oder gibt es Anzeichen für einen dritten Weg? Gegen die tradionelle Trennung von Firma und Familie hoffen viele Frauen heute auf eine neue Einheit von Beruf und Privatleben. Sie verstehen das Familiäre als Ressource, nicht als Hemmnis. Und diese Kraftquelle könnte immer wichtiger werden, seit der an der Metapher der Karriereleiter orientierte Lebensentwurf typisch scheitert.“ (Ebd., S. 77-78).

„Die moderne Welt ist vielleicht nicht männerfeindlich, aber männlichkeitsfeindlich. Es geht nicht mehr ums Zupacken, sondern ums Symbolmanagement. Der Jäger ist zum Langzeitarbeitslosen geworden.“ (Ebd., S. 80).

„Es geht nicht nur um Informationsverarbeitung, sondern auch um das zutiefst menschliche Geschwätz.“ (Ebd., S. 80).

„Unter den neuen Medienbedingungen zählt Performanz mehr als Kompetenz; das kommt den Frauen entgegen (und natürlich dem Untergang! HB). Wer mit Frauen kommuniziert, ist gleich in Geschichten verstrickt, hat es also mit weiblicher Konversation statt mit männlicher Informationsverarbeitung zu tun.“ (Ebd., S. 81).

Wer ist attraktiv?

„»Political Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) nennt man den vor allem von Intellektuellen geführten Kampf gegen die biologische Realität, also gegen unser Schicksal.“ (Ebd., S. 81).

„Obwohl sie wissen könnten, daß jede Entdifferenzierung der Gewalt den Boden bereitet, arbeiten die Intellektuellen hartnäckig am Abbau von Leistunsgunterscheidungen wie alt/jung oder männlich/weiblich. Dabei wechseln die Schauplätze der »Political Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) in rascher Folge. Die »Politisch Korrekten« kämpfen erst gegen den Rassismus - noch recht us-amerikaspezifisch. Mit der Ausweitung der Kampfzone auf den Sexismus konnte man dann auch europäische Frauen und Schwule faszinieren. Heuet polemisiert die »Political Correctness« gegen Altersdiskriminierung - und wird damit zur Massenideologie. Doch der Sensibilität für Benachteiligungen sind keine Grenzen gesetzt. Wer einen Behinderten nicht als »anders befähigt« anerkennt, macht sich des »ableism« schuldig. Und wer wie Goethe in der Schönheit ein Verdienst sieht, leidet an »lookism«.“ (Ebd., S. 81-82).

„Diese neueste Form der »Political Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) , der Kampf gegen die Privilegien der natürlichen Schönheit, ist für unser Thema von besonderem Interesse. Der »Skandal«, um den es hier geht, ist leicht zu erklären: Schönheit ist die Ungerechtigkeit der Natur. Mit anderen Worten: Schönheit ist undemokratisch verteilt - und man kann sie nicht umverteilen.“ (Ebd., S. 82).

„Der evolutionäre Sinn des sexuellen Begehrens liegt in der Fortpflanzung der Gattung.“ (Ebd., S. 83).

„Schönheit ist ein Signal für reproduktive Fitneß - daran orientieren wir uns, obwohl Sex in den meisten Fällen gar nicht mehr prokreativ sein soll. Und hier gibt es eine strikte Asymmetrie zwischen den Geschlechtern. Frauen sieht man die Fruchtbarkeit an, Männern nicht.“ (Ebd., S. 83).

„Was Frauen attraktiv macht, nimmt mit der Zeit ab: Schönheit, Jugend, Sex-Appeal. Was Männer attraktiv macht, kann mit der Zeit wachsen: Macht, Einkommen, Prestige.“ (Ebd., S. 83).

„Die Folgelasten dieser Asymmetrie tragen allein die Frauen. Ihr Fruchtbarkeits- und Reproduktionswert fällt mit fortschreitendem Alter sehr stark ab. Deshalb arbeiten Frauen am eigenen Selbst nicht mehr nur mit den Mitteln der Psychoanalyse und kosmetischer Psychopharmaka wie Prozac, sondern zunehmend mit Schönheitsoperationen.“ (Ebd., S. 83).

„Man sollte sich ... nicht beirren lasen, wenn Frauen nicht zugeben, daß sie dominante Männer begehren. Denn man kann leicht beobachten, daß Frauen Männer verachten, die sich von anderen Männern dominieren lassen und es nicht schaffen, sich in ihrer Lebenswelt Respekt zu verschaffen. Sie mögen Männer, die karriereorientiert, fleißig und ehrgeizig sind. Denn evolutionstypisch tauschen Frauen Sex gegen Ressourcen, während Männer Ressourcen gegen Sex tauschen.“ (Ebd., S. 84).

„Das funktioniert aber nur unter Bedingungen strikter Geschlechterasymmetrie - modern also: nicht. Es gibt heute keine Herren mehr - aber Prozac. Die Verknüpfung zwischen Serotonin, dem Gefühl der Dominanz und dem Medikament Prozac ist so eng und eindeutig, daß der Anthropologe Lionel Tiger mit schöner Ironie von der optimalen demokratischen Medizin sprechen konnte: Alle fühlen sich überdurchschnittlich gut!“ (Ebd., S. 84).

„Mit Ritalin und Prozac erzeugt man »Political Correctness« (**|**|**|**|**|**|**|**|**), nämlich Feministen und Softies. . Natürlich sind hier die USA führend. Prozac wird dort vor allem depressiven Frauen verschrieben, denen es an Selbstwertgefühl mangelt - eine Droge, die Frauen Alpha-Tier-Gefühle verschafft. Ritalin dagegen wird vor allem hyperaktiven Jungs verschrieben, die nicht still auf ihren Schulbänken sitzen können. Schon 1969 hat Patricia C. Sexton den feminisierten Mann identifiziert. Er ist das Produkt eines Schulsystems, das zunehmend von Frauen bestimmt wird und deutlich weibliches Verhalten belohnt (»sozialez Lernen«, »Kommunikationstraining«).“ (Ebd., S. 84).

„So werden die Jungen sozialverträglicher, die Mädchen selbstbehauptender, und alle tendieren zur androgynen Mitte, für die Figuren wie David Beckham oder Ulrike Folkerts in den Medien werben. Charles Horton Cooley hat schon vor hundert Jahren beobachtet, daß die demokratische Nivellierung der Geschlechterdifferenz in Organisationen und Wertbewerbssituationen tatsächlich zu einer Maskulinisierung der Frauen und einer Feminisierung der Männer geführt hat. Und wer das als Verlust kultureller Errungenschaften erfährt, muß lernen, daß eine künftige Differenzierung der Geschlechterrollen sich weder auf Natur noch auf Autorität berufen kann; sie könnte allenfalls das Resultat eines freien experimentellen Spiels sein.“ (Ebd., S. 84).

Das notwendige Unglück

„Es gibt zwei moderne Notwendigkeiten, die unglücklich machen: den Individualismus und die Frauenemanzipation. In aller wünschenswerten Deutlichkeit hat Shulamith Firestone die Emanzipation der Frau mit der Befreiung von der Bürde der Fortpflanzung verknüpft. Seither steht, wer sich Kinder wünscht, unter Rechtfertigungszwang. Seither steht, wer sich Kinder wünscht, unter Rechtfertigungszwang.“ (Ebd., S. 85).

„Wenn, wie Freud erkannte, die Biologie das Schicksal ist, dann versteht sich der fanatische Feminismus als Sabotage dieses Schicksals. Und hierbei spielt die Rechtfertigungsbedürftigkeit der Fortpflanzung eine Schlüsselrolle. Sobald nämlich Kinder kommen, wird die Geschlechterdifferenz unabweisbar. Die Schwangerschaft macht jedem deutlich, daß die Größe des biologischen Beitrags, den Mann und Frau zur Fortpflanzung der Gattung erbringen, höchst unterschiedlich ist. Und aus dieser Differenz der Investitionen folgt typisch die Differenz der Geschlechter: Männer sind kämpferisch, Frauen sind wählerisch.“ (Ebd., S. 85).

„Das Wissen um die sexuelle Designdifferenz zwischen Mann und Frau geht in der westlichen Welt allmählich verloren. Feminismus besagt ja, daß der Unterscheid zwischen Mann und Frau keinen Unterschied macht. Da die Differenz der Geschlechter aber ständig in die Augen springt, muß der Feminismus vor allem Wortpolitik betreiben und versuchen, Sex durch »Gender« zu verdrängen. Wenn also allerorten Gender Studies aufblühen, darf man vermuten, daß es dabei vor allem um eine Kampfansage gegen die Evolutionsbiologie geht.“ (Ebd., S. 85).

„Die feministische Sabotage des Schicksals der Biologie kämpft aber nicht nur gegen das Reproduktionsdesign der Frau, sondern auch gegen das archaische Begehren des Mannes. .... Deshalb sind die Folgen der feministischen Lustfeindlichkeit für Männer mindestens so schwerwiegend wie für Frauen.“ (Ebd., S. 85-86).

„Das verzögerte Erwachsenwerden, wie es früher nur für Studenten typisch war, ist zur Lebensnormalform geworden.“ (Ebd., S. 86).

„Im Blick auf die Zukunft heißt das konkret: Man probiert mehr Partner aus; deshalb wachsen die Ansprüche an den Partner. Und damit wird es immer unwahrscheinlicher, daß sich passende Paare finden; folglich gibt es immer mehr Scheidungen und immer mehr Singles.“ (Ebd., S. 86).

„Ein Mädchen, das sich entscheidet, bis zur Hochzeit unberührt zu bleiben, erscheint uns heute komisch. Warum eigentlich? Nach dem bisher Gesagten muß die Antwort wohl lauten: weil es die Einheit von Sexualität, Liebe und Ehe repräsentiert. Genau diese Einheit nämlich hat die moderne Intimität zersetzt. Nicht nur Sexualität und Fortpflanzung sind entkoppelt worden, sondern auch Liebe und Ehe. Die Sexualität hat sich von der Ehe emanzipiert und die Ehe von der Familie. Nicht nur Ehe und Elternschaft sind entkoppelt worden, sondern auch biologische und soziale Elternschaft.“ (Ebd., S. 87).

„Die Medizin ermöglicht heute Kinder ohne Sex. Das kommt - Ironie der Urgeschichte ! - dem archaischen Erbe des Menschen durchaus entgegen. Früher hatten die Primitiven ja Schwierigkeiten, den Zusammenhang zwischen Sex und Reproduktion zu sehen; deshalb dürfte es eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten, daß Sex und Reproduktion nun tatsächlich getrennt werden.“ (Ebd., S. 87).

Naturschutzparks der Männlichkeit

„Mädchen werden Frauen. Jungs werden zu Männern gemacht; ihre Entwicklung ist also sehr viel störanfälliger. War Männlichkeit immer schon Reaktionsbildung und Angstabwehr, so mmuß sie heute auf die Delegitimation der Männlichkeit selbst reagieren. Männlichkeit ist ständig gefährdet und muß deshalb ständig demonstriert werden. Zu den klassischen Ungewißheiten des Mannes (z.B.: Bin ich der Vater? Oder gehörnt worden? Ist sie befriedigt? Oder simuliert sie?) kommt heute modernitätspezifisch hinzu, daß Männlichkeit gesellschaftlich marginalisiert wird. Mehr denn je müßte also Männlichkeit eigens gelernt werden. Deshalb werden auch in Zukunft die Helden meistens Männer sein - weil eben Frauen nicht erst lernen müssen, Frauen zu sein.“ (Ebd., S. 88).

„Ein Sozialphilosoph könnte definieren: Männlichkeit ist die soziale Negation der antisozialen Negation. Ein Mann verweigert also die Auswege des Eskapismus und des Infantilismus. »Face it!«  Diese Ultrakurzformel aller Männlichkeit markiert genau den Gegenpol zur Bergpredigt. »Widerstehe nicht dem Übel«, die Max Weber zu Recht als »Ethik der Würdelosigkeit« bezeichnet hat. Seine Antithese konnte vor neunzig Jahre noch »Manneswürde« heißen. (Vgl. Max Weber, Wissenschaft als Beruf, 1917, S. 28).“ (Ebd., S. 88).

„Der Siegeszug der Homosexuellen in den modernen Metropolen zeigt, daß es unserer Gesellschaft heute einleuchtet, Sexualität als vollkommen formbar zu begreifen. Man entscheidet sich für seine Sexualität und akzeptiert Heterosexualität längst nicht mehr als natürlichen Standard. (Denn man will ja untergehen! HB). Der Ökonom Edward Miller hat vermutet, daß die Feminisierung der Öffentlichkeit die Entwicklung der Homosexualität fördert; er deutet Homosexualität nämlich als Nebenprodukt, das bei der Produktion femininer Züge in unserer Gesellschaft anfällt: Mitgefühl, Sensibilität, Sanftheit, Freundlichkeit. Bei einigen Männern gelingt diese Temperierung ihrer Männlichkeit - die anderen werden schwul.“ (Ebd., S. 88).

„Was verdrängt wird, kehrt wieder - aber in entstellter Form.“ (Ebd., S. 91).

Die ewigen Jagdgründe

„Männer sind Jäger, die man nicht mehr braucht. Und deshalb brauchen sie den Sport. Sport als Asyl der Männlichkeit ist eine genaue Reaktionsbildung darauf, daß die Zivilisation als Zähmung der Männer durch die Frauen voranschreitet.“ (Ebd., S. 92).

„Vormodern war die Aufgabe, ein »richtiger« Mann zu sein, vor allem eine Frage der performanz; man mußte gut darin sein, ein Mann zu sein. Heite gilt das nur noch im Sport. Er bietet den Männern einen Ersatzschauplatz für das, was Anthropolgen male bonding nennen: die Kooperation der Jäger. Nur im Sport können Männer heute noch des Wachtraum erfolgreicher gemeinschaftlicher Aggression genießen, also die Gelegenheit, körperlich aufgzutrumpfen.“ (Ebd., S. 92).

„Du triffst den Ball - oder nicht. Da hilft kein Moralisieren, Psychologisieren oder der Hinweis auf eine traurige Kindheit.“ (Ebd., S. 92).

„Nur im Sport kann der Beifall der anderen nicht die Erreichung eines Ziels ersetzen.“ (Ebd., S. 92).

„Nur im Sport gibt es deutlich sichtbare Grenzen des Schönredens.“ (Ebd., S. 92).

„Alles ist zugleich leidenschaftlich und streng geregelt. Und die Regeln gelten für alle. Auch das bestätigt die funktionale Äquivalenz von Sport und Jagd. Wer beim Sport zuschaut, wirft einen Blick in eine untergegangene Welt. Er genießt heroische Männlichkeit aus zweiter Hand.“ (Ebd., S. 92-93).

„Im Sport geht es einzig und allein um Kampf und Rivalität, Rekord und Risiko - er hat ekienen über sich selbst hinausweisenden Zweck.“ (Ebd., S. 93).

„Und weil es im Sport um Sieg, Überlegenheit und Rangordnung geht, hat unsere »Politische Korrektheit« (**|**|**|**|**|**|**|**|**) sprachliche Betäubungsmittel erfunden, um das Bewußtsein gegen diese Archaismen abzuschirmen: »Dabeisein ist alles«. Das ist natürlich Unsinn, und jeder weiß auch, daß sich niemand für den Vizemeister, den Zweitplazieren, den Olympiniken mit dem »hervorragenden vierten Platz« interessiert. »Go for gold«, nur der Sieg zählt - in Atlanta (1996) war das sogar auf den Plakaten zu lesen.“ (Ebd., S. 93).

„Als sprachliches Betäubungsmittel war wohl auch die Definition des Fußballspiels als »schönste Nebensache der Welt« gemeint. Doch in dieser Formel steckt auch ein Stück Wahrheit. Der Kampf um Anerkennung heftet sich an Kleinigkeiten. Die thymotische Selbstbehauptung, die Francis Fukuyama wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hat, gelingt vor allem im Nebensächlichen. Gerade die »Sinnlosigkeit« des Sports macht deutlich, daß es um reine Anerkennung geht. Wenn Schalke gegen Hertha antritt, geht es also um »alles« und um »nichts« - um das Nichts von drei Punkten und um das Alles der Anerkennung.“ (Ebd., S. 93-94).

„Im Sport ist deshalb so viel von Freundschaft und Kameradschaft die Rede, weil es genau um das Gegenteil geht, nämlich um Rivalität. Der unangenehmen Wahrheit, daß das Zwischenmenschliche im Kern destruktiv ist, wird im Sport Rechnung getragen - und der Etikettenschwindel sorgt dafür, daß das nicht als Skandal empfunden wird. Ein nüchterner Beobachter müßte sagen: Sport ist objektlose Rivalität - es geht um den Sieg, die triumphierende Gewalt. Sport ist insofern realistischer als jeder Humanismus. Man kann den anderen nicht »frei« anerkennen, sondern nur im Kampf. Entscheidend ist nun - und das macht das Ganze zum »kulturellen« Sachverhalt -, daß der Thymos, der agonale Ehrgeiz, in die Schranken der Spielregeln verwiesen wird. Daraus wird die Moral des Sports geboren: das Ideal der Fairneß. Im Gegensatz zu anderen, univeralistischen Prinzipien der Ethik ist das Fairneß-Ideal für alle Beteilgten evident. Auch der andere muß siegen können.“ (Ebd., S. 94).

„Die Moral des Wettkampfs ist viel plausibler und prägender als der kategorische Imperativ.“ (Ebd., S. 94).

„So naiv es klingen mag: Im Sport muß es mit rechten Dingen zugehen. Sport ist die heile Welt der Leistung. die im Wettkampf Ehrlichkeit, Echtheit und Unmittelbarkeit verspricht. Ohne Umschweife kommt der Sportler zur Sache: das Wesentliche - sonst nichts. Und das Wesentliche ist eben, den anderen zu besiegen, um dann als der Bessere anerkannt zu werden. So bietet gerade der Spitzensport - allen Millionentransfers zum Trotz - eine Popkultur der Authentizität.“ (Ebd., S. 94).

„Wenn man den Sport als eine Ellipse beschreibt, dann bildet der gerade dikutierte Agon, also der Wettbewerb um des Wettbewerbs willen, den einen Brennpunkt. Den anderen Brennpunkt bildet der Körperkult. Wie der Sex ist der Sport ein Schauplatz der aktiven Körper und der verklärten Jugendlichkeit.“ (Ebd., S. 94-95).

„Sport kompensiert die Sinnunsicherheit des Alltags, indem er den geordneten Rückzug auf ein sozial als sinnvoll definiertes Körperverhalten ermöglicht. Die Person ist hier ganz und gar durch ihre Handlung definiert. Je virtueller unsere Lebenswelt wird, desto wichtiger ist diese Funktion des Sports.“ (Ebd., S. 95).

„Man könnte den Sport als Inversion der Askese definieren ....“ (Ebd., S. 95).

„»Sport präsentiert den nirgends sonst mehr so recht in Anspruch genommenen Körper. Er legitimiert das Verhalten zum eigenen Körper durch den sinn des Körpers selbst.« (Niklas Luhmann, Soziale Systeme, 1984, S. 337).“ (Ebd., S. 95).

„Im Sport gibt es keine »Sorge«, sondern nur geistesgegenwärtige Körper.“ (Ebd., S. 96).

„Aus allen nicht-sportlichen Perspektiven ist der Sport »sinnlos« - produziert dann aber seine eigene Sinnsphäre.“ (Ebd., S. 96).

„Vor allem die Fußball-Bundsliga ist ein sich selbst regulierender Markt des Sinns. Jeden Samstag ins Stadion zu gehen oder doch zumindest um 18 Uhr die Sportschau zu sehen, ist gewiß ein Ritual.“ (Ebd., S. 96).

„Sport ist Religion - die Neubegründer der Olympischen Spiele (Ende des 19. Jahrhunderts; Anm HB) haben das ausdrücklich so formuliert. Und diese Heilsversprechen kann jeder verstehen.“ (Ebd., S. 97).

Die maskuline Ästhetik

„Das Männliche ist die Welt der erfolgreichen Aggression, der körperlichen Selbstbehauptung. Beim Boxen ist das evident, bei der Formel 1 kommt noch die kybernetisch Spitzenleistung technisch perfekter Maschinen dazu. Hier nimmt der Kampf ums Dasein Spielcharakter an.“ (Ebd., S. 97).

„Ich riskiere, also bin ich. Männlich ist der Wille zum Risiko.“ (Ebd., S. 98).

„Diese knappe Beschreibung genügt, um deutlich zu machen, daß Sport und Jagd funktional äqivalent sind. So bleibt dem Jäger, den die moderne Gesellschaft nicht mehr braucht, immerhin noch der Sport.“ (Ebd., S. 98).

Weitere Zitate =>

Zitate: Hubert Brune, 2007 (zuletzt aktualisiert: 2009).

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- Literaturverzeichnis -