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Ernst Nolte (1923-2016)
- Selbstentfremdung und Dialektik im deutschen Idealismus und bei Marx (Dissertation; 1952) -
- Der Faschismus in seiner Epoche. Action française, italienischer Faschismus, Nationalsozialismus (1963) -
- Die faschistischen Bewegungen (1966) -
- Theorien über den Faschismus (Hrsg.; 1967) -
- Sinn und Widersinn der Demokratisierung in der Universität (1968) -
- Die Krise des liberalen Systems und die faschistischen Bewegungen (1968) -
- Deutschland und der Kalte Krieg (1974) -
- Marxismus, Faschismus, Kalter Krieg (1977) -
- Zwischen Geschichslegende und Revisionismus?  (Aufsatz, in: F.A.Z., 24.07.1980) -
- Der Weltkonflikt in Deutschland (1981) -
- Marxismus und Industrielle Revolution (1983) -
- Die Vergangenheit, die nicht vergehen will (Aufsatz, in: F.A.Z., 06.06.1986) -
- Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus (1987) -
- Das Vergehen der Vergangenheit. Antwort an meine Kritiker im sogenannten „Historikerstreit“ (1988) -
- Das Vor-Urteil als „strenge Wissenschaft“ (1989) -
- Nietzsche und der Nietzscheanismus (1990) -
- Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert (1991) -
- Martin Heidegger. Politik und Geschichte im Leben und Denken (1992) -
- Martin Heidegger und die Konservative Revolution (Aufsatz; 1992) -
- Streitpunkte. Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus (1993) -
- Die Deutschen und ihre Vergangenheiten (1995) -
- Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?  (1998) -
- Feindliche Nähe: Kommunismus und Faschismus im 20 Jahrhundert. Ein Briefwechsel (1998) -
- Die Frage nach der historischen Existenz (2001) -
- Der kausale Nexus. Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft (2002) -
- Faschismus. Von Mussolini zu Hitler (2003) -
- Die europäische Philosophie und die Zukunft Europas (Aufsatz, in: Sezession; Juli 2003) -
- Der heutige Islam - im Angriff oder in der Verteidigung? (2004)
- Carl Schmitt und der Marxismus (in: Der Staat, Band 44, Heft 2; 2005) -
- Einblick in ein Gesamtwerk (Gespräch; 2005) -
- Religion vom absoluten Bösen (Gespräch; 2006) -
- Die Weimarer Republik (2006) -
- Geschichte Europas 1848-1918. Von der Märzrevolution bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (2007) -
- Die dritte radikale Widerstandsbewegung: der Islamismus (2009)

Nolte-Zitate. Da ich Ernst Nolte für einen großartigen Geschichtsphilosophen halte, möchte ich ihm eine
separate Seite widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:      

 

- Der Faschismus in seiner Epoche (1963) -
- Die faschistischen Bewegungen (1966) -
- Die Vergangenheit, die nicht vergehen will (1986) -
- Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945 (1987) -
- Historische Existenz (1998) -
- Die Frage nach der historischen Existenz (2001) -
-Der kausale Nexus (2002) -
- Der heutige Islam (2004) -
- Einblick in ein Gesamtwerk (2005) -
- Religion vom absoluten Bösen (2006) -
- Die Weimarer Republik (2006) -

 

Der kausale Nexus. Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft (2002)

  –   VORWORT (S. 7-14)
  –   STUDIEN UND VORTRÄGE
   1. Über Geschichtswissenschaft (S. 16-33)
   2. Revolution und Gegenrevolution in Europa 1789-1989 (S. 34-47)
   3. Ideologische Konflikte und die Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert (S. 48-70)
   4. Revisionen - Revisionismen - Konzeptionen (S. 71-85)
   5. Das Vergehen der Vergangenheit. Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichte (S. 86-102)
   6. Was ist „historischer Revisionismus“?  (S. 103-115)
   7. Antwort an Israel Gutman (S. 116-125)
   8. „Holocaust vor dem Holocaust“ oder „gewöhnlicher Genozid“?  Die „Armeniergreuel“ in der Türkei 1915-1918 (S. 126-167)
   9. Selbstkritische Überlegungen zu „Deutschland und der Kalte Krieg“ (S. 116-125)
 10. Historische Tabuisierungen in Deutschland (S. 180-201)
 11. Die Erfahrungen des Bösen in der neueren Geschichte und das Scheitern der Erlösungsideologien (S. 202-216)
 12. Rückblick und Rechenschaft nach vier Jahrzehnten (S. 217-241)
 13. „Niederlage“ oder „Befreiung“?  Die Problematik des 8. Mai 1945 (S. 242-251)
 14. Europa vor der Jahrtausendwende (S. 252-271)
 15. Die europäische Geschichte: ein Prozeß der Selbstzerstörung?  (S. 272-288)
 16. Modernität und Transzendenz (S. 289-302)
 17. Die Begriffe „Autorität“ und „Macht“ in der Diskursethik (S. 303-317)
 18. Philosophie und Kunst: Heidegger und Jawlensky (S. 318-335)
  –   DANKREDEN UND ARTIKEL

   1. Nationalbewußtsein und Europabewußtsein (S. 338-348)
   2. Konrad-Adenauer-Preis 2000 für Wissenschaft (S. 349-355)
   3. Die Rechte im Zusammenhang (S. 356-360)
   4. Die Rechte und die Linke im „Liberalen System“ (S. 361-364)
   5. Erläuterungen zu einem „Spiegel-Gespräch“ (S. 365-369)
   6. Warnung vor einem Gesetz für das Außergesetzliche (S. 370-377)
  –   ANHANG
       –   Rezensionen:
             –   Karl Raimund Popper: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 7. Auflage: 1992 (S. 380-387)
             –   François Furet: „Das Ende der Illusion - Kommunismus im 20. Jahrhundert“, 1995 (S. 388-391)
             –   Eric Hobsbawm: „Das Zeitalter der Extreme - Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“, 5. Auflage: 1997 (S. 392-395)
       –   Register:
             –   Personenregister (S. 396-398)
             –   Sachregister (S. 399-400)

VORWORT
„Es ist in meinen Augen unzulässig, das antibolschewistische Entsetzen im Falle Hitlers und der anderen führenden Nationalsozialisten für einen bloßen Vorwand zu erklären, ja die These darf nicht von vornherein abgewiesen werden, daß die künftigen Massenmörder in ihren politischen Anfängen von Zorn, Haß und Erbitterung gegenüber aktuellen Massenmördern erfüllt waren und sich weiterhin von diesen Empfinden bestimmen ließen. Die Wendung von den zukünftigen und den aktuellen Massenmördern taucht daher in den Studien und Vorträgen dieses Bandes mehrere Male auf, denn sie ist die unmittelbarste Veranschaulichung jenes »kausalen Nexus«, von dem nicht wenige Autoren behaupten, es habe ihn gar nicht gegeben. In Wahrheit läuft diese Verneinung auf die Behauptung hinaus, das antikommunistische Motiv sei im Nationalsozialismus weiter nichts als grundlose Einbildung oder ein Vorwand gewesen und der »antisemitische« Impuls sei als bloße Wahnvorstellung zu kennzeichnen. Wer das tut, raubt der Geschichte des 20. Jahrhunderts ihr ideelles und reales Gewicht, ja sogar ihre umfassende Schrecklichkeit, die mit polemischer Intention auf eine der mitwirkenden Kräfte beschränkt wird. Damit aber schneiden die Betreffenden sich selbst die Möglichkeit ernsthaften Nachdenkens ab und täuschen sich über den verwirrenden und tragischen Aspekt der Weltgeschichte hinweg, der so häufig den Streit zwischen Recht und Recht oder die Verwandlung von Recht in Unrecht zum Inhalt hatte.“ (Ebd., 2002, S. 10-11).

„Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 löste bei weitem nichte in solches Entsetzen aus wie die Revolution der Bolschewiki, und sie rief außerhalb Deutschlands keinen auch nur entfernt vergleichbaren Enthusiasmus hervor. Vielen Deutschen schien sie die »nationale Befreiung« von den Fesseln des Versailler Diktats und die Sicherung Deutschlands vor der kommunistischen Bedrohung zu sein, und antikommunistische Zustimmung war auch in vielen Teilen des übrigen Europa zu verzeichnen. Den Kommunisten, welchen der erste und stärkste Schlag galt, blieb das Entstezen fremd, weil sie im Sieg Hitlers lediglich das Vorspiel ihres eigenen Triumphes wahrnehmen wollte. Nur die Juden empfanden in ihrer großen Mehrheit das Entsetzen ..., das aber über mehrere Jahre hinweg von der noch lebendigen Erinnerung an die viel härtere Verfolgung der (zum Teil jüdischen) »Bourgeois« in der Sowjetunion temperiert wurde. Erst während des deutsch-sowjetischen Krieges (1941-1945) wurden sie als Urheber und permanente Feinde Deutschlands zu Opfern einer »Gegen-Vernichtung«, die eigentlich der bolschewistischen Weltbewegung ... galt.“ (Ebd., 2002, S. 11-12).

„So kam ein tiefgreifendes und allgemeines Entsetzen erst nach 1945 auf, und über die üblichen Propagandaformeln des Krieges hinaus wurden Hitler und das nationalsozialistische Regime jetzt als »das Böse«, ja als »das absolute Böse« betrachtet, das sie selbst zuvor im Bolschewismus und auch im Judentum gesehen hatten und das heute von nicht wenigen US-Amerikanern im islamischen Terrorismus wahrgenommen wird.“ (Ebd., 2002, S. 12).

„Heute dürfte die Zeit für die Ensicht reif sein, daß Präzedenzloses, Entsetzenerregendes, »radikal Böses« auf vielfältige Weise mit dem Prozeß der »Globalisierung« verbunden ist, welcher Widerstände und konkrete Schuldzuweisungen hervorruft, obwohl das Bemühen um Verstehen auch des moralisch mit Entschiedenheit verurteilten Feindes und um das Vermeiden radikaler bzw. extremer Antworten in der Vergangenheit nicht ohne Erfolgsaussicht war und in der Gegenwart einige Erfolgsaussichten gehabt hätte.“ (Ebd., 2002, S. 12).

„Aber die radikale Antwort, welche die US-Amerikaner auf ein entsetzenerregendes Ereignis gaben, nämlich der Krieg, erwies sich nach zwei Monaten als erfolgreich ....“ (Ebd., 2002, S. 12).

STUDIEN UND VORTRÄGE

Über Geschichtswissenschaft
(Vortrag bei einer Tagung in Bormio am 16.11.1990)
„Wer von »Wissenschaft« sprechen will, muß sich zuerst über das »Wissen« Klarheit verschaffen, denn alle Wissenschaft nimmt von einem nicht-wissenschaftlichen oder vorwissenschaftlichen Wissen ihren Ausgang. Beginnen wir mit dem Einfachsten, was es im menschlichen Leben zu geben scheint: einem kleinen Dorf im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit. Es umfaßt Bauern und einige Handwerker. Alle Bauern wissen genau, wann sie den Boden pflügen müssen, wie sie die Aussaat vorzunehmen haben und weshalb sie einige Stücke Land für ein Jahr unbebaut liegen lassen. Der Schmied versteht sich auf das Eisen, das er im Feuer härtet, und er erkennt rasch, was die Ursache des Bruchs in einem Werkzeug ist, das man ihm zur Reparatur übergibt. Der größte Bauer, der häufig auf die Jagd geht, kennt alle Gewohnheiten der Waldtiere, und er weiß genau, wo er Aufstellung nehmen muß, wenn er ein Reh oder einen Hirsch erlegen will. Wissenschaft ist zunächst nichts anderes als die methodische Expansion und Systematisierung dieses Lebenswissens, die in dessen ständiger Ausweitung und Verfeinerung bereits angelegt ist, denn über eine Art von stationärem Lebenswissen verfügen auch viele Tierarten. Das Vertrautsein einer alten Frau mit den Kräutern ihres Waldes wird zur allgemeinen Botanik, welche alle Pflanzen in der ganzen Welt zu beschreiben und zu klassifizieren sucht; das Alltagswissen der Bauern wird in landwirtschaftlichen Hochschulen zu einer Wissenschaft der Bodenbestellung und der Frucht folge weitergebildet, das Eisen des Schmiedes wird in Laboratorien so sorgfältig erforscht, daß es auf sparsamere Weise hergestellt und zahlreichen Legierungen unterworfen werden kann. Grundsätzlich wird alles und jedes, was von irgendeinem Menschen irgendwo wahrgenommen werden kann, zum Gegenstand von Wissenschaft: die Sterne und das Meer, die Wüsten und die Berge, die Bodenschätze und die Pflanzen, die Kräfte und die Strukturen und auch die Handlungsweisen der Menschen - zwar in der Regel nicht in ihren jeweiligen Individualitäten, wohl aber in demjenigen, was darin von allgemeinem Charakter ist. Jedes einzelne Gebiet der Wissenschaften unterliegt vielfältigen Teilungen, damit die Masse des Wissensstoffs stets anwachsen und doch beherrschbar bleiben kann, und jedes einzelne Gebiet wird von Spezialisten betreut, die sich mit nichts anderem beschäftigen als mit dem Wissenserwerb in ihren Teilgebieten: den Kardiologen, den Festkörperphysikern, den Mikrobiologen und vielen anderen mehr. In der Regel kann kein einzelner Mensch auch nur ein einziges dieser Wissensgebiete vollständig überschauen; das Ganze des wissenschaftlichen Wissens übersteigt die Kapazität von Individuen in unvorstellbarem Ausmaß, und jenes Dorf, in dem der Jäger-Bauer doch mindestens annähernd alles kannte und verstand, was der Schmied trieb und was die Kräuterfrau einsammelte, liegt, wie es scheint, in unendlicher Ferne.“ (Ebd., 2002, S. 16-17).

„Aber wir haben bisher nur von einem Wissen gesprochen, das sich auf die Umwelt des Menschen oder als Wissenschaft auf die Natur bezieht, einschließlich dessen, was am Menschen sich wie ein Naturgegenstand untersuchen läßt und das Objekt etwa der Physiologie ... ist. Von der menschlichen Geschichte war bisher nicht die Rede. Kehren wir also zu unserem Dorf zurück und stellen wir es uns in der Weise vor, daß es keine Geschichte hätte. Es müßte dann auf einer Insel liegen, zu der nie ein Seefahrer käme, oder zwischen hohen Bergen, die keines Menschen Fuß zu betreten wagte; das Leben müßte sich in jeder Generation genau auf die gleiche Weise abspielen, die Kinder würden die Plätze der Eltern einnehmen, aber den Boden ganz ebenso bebauen, die Kräuterfrau würde dieselben Pflanzenarten sammeln wie ihre Urahne vor 100 Jahren, der Schmied würde immer wieder die gleichen Aufgaben zu erfüllen haben. Es würde in diesem Dorfe so gut wie nichts zu erzählen geben, allenfalls würde ein Enkel zu berichten wissen, daß sein Großvater ungewöhnlich kräftig gewesen sei oder vor der Zeit durch ein Unglück den Tod gefunden habe. Aber eine elementare Voraussetzung für eine solche Stabilität und eine solche in der Bahn der Tradition verlaufende Lebensweise würde schon darin bestehen, daß jede Familie nur zwei Kinder hätte (**), die an die Stelle der Eltern treten würden, denn es würden sich Spannungen ergeben, wenn einige Familien sechs Kinder hätten und andere nur ein einziges, während die Besitzgrößen unverändert blieben, und etwas Ähnliches würde resultieren, wenn es keinen Familienbesitz gäbe und wenn Teile der jüngeren Generation auswandern müßten, weil nicht mehr genügend Land für die wachsende Zahl der Hände und Münder vorhanden wäre. Dann aber würde es schon etwas zu erzählen geben: vom Kampf der Benachteiligten um Gleichstellung oder vom Auszug eines Teils der jungen Mannschaft. Und das würde auch geschehen, wenn ein großer Sturm die Häuser des Dorfes zerstörte oder wenn eine Sturmflut einen Teil der Bevölkerung dahinraffte. Ähnliches würde freilich auch für einen Vogelschwarm oder für eine Population von Füchsen zutreffen können, aber sie würden sich bloß den veränderten Umständen anpassen; Menschen aber sind Wesen, die sich erinnern und die von der Vergangenheit erzählen, d.h. sie haben eine Geschichte, weil ihnen das Geschehen nicht, wie allen Tieren, in einer übermächtigen Gegenwart verschwindet, sondern weil sie es festhalten und ebenso in die Zukunft voraus- wie in die Vergangenheit zurückdenken. Und sie denken nicht nur an Katastrophen und besondere Naturereignisse wie Sonnenfinsternisse zurück. Stellen wir uns vor, in unserem Dorf tauchte eines Tages als Schiffbrüchiger ein Fremder auf, und er wüßte viel von Städten und Reichen jenseits des Meeres zu erzählen, von Goldschätzen und Herrschern, von Sängern und Kriegszügen. Davon, von menschlichen Dingen, würden später die GroßeItern den Kindern erzählen, und vermutlich würden sie die Erzählungen des Fremden nicht einfach wiederholen, sondern sie würden sie nach den Gegebenheiten ihrer eigenen Lebenswelt anpassen. Und wenn ein Dortbewohner den Fremden begleitet hätte und nach Jahren zurückkäme, dann würde er die Gefahren schildern, denen er ausgesetzt war, und die Orte, die er gesehen hätte, und man dürfte annehmen, daß seine Phantasie in seinen Erzählungen keine geringe Rolle spielen würde.“ (Ebd., 2002, S. 17-18).

„Aber es ist nun an der Zeit, von unserem idealtypischen Dorf Abschied zu nehmen, das es in dieser Gestalt nirgendwo gegeben hat, obwohl zahllose Gruppen und Stämme existierten, die relativ abgeschlossen von der übrigen Welt lebten und die in der Hauptsache von Naturkatastrophen und von Göttern oder Dämonen zu erzählen wußten. Daher spricht man nicht ohne Grund von »Geschichtslosigkeit«; und doch zu Unrecht, wenn man das Dasein solcher Menschen mit der Geschichtslosigkeit gleichsetzt, in der alle Tiere leben. Eigentliche Geschichte aber ereignete sich, als die Heere der Griechen gegen Troja zogen, weil die Frau eines mykenischen Fürsten, des Menelaos, von dem Königssohn Paris nach Vorderasien entführt worden war; als die Stadt des Priamos nach zehn langen Jahren in Rauch und Flammen aufging, als Odysseus die Meere durchirrte und knapp den Wirbeln von Skylla und Charybdis entkam. Doch es dauerte noch sehr lange, bis diese Geschichte zum Gegenstand von Geschichtswissenschaft wurde. Zunächst berichteten jene Sänger davon, die man später unter dem Namen Homer zusammenfaßte, und sie rühmten die Stärke und Schönheit des Achilleus, sie verspotteten den aufrührerischen Thersites, und sie wußten von den Ratschlüssen des Zeus zu erzählen. Erst später wurden diese Erzählungen zu den Epen Homers zusammengefaßt und aufgezeichnet, und dann dauerte es abermals Jahrhunderte, bis der Jonier Hekataios verächtlich sagte, die Erzählungen des Hellenen seien zahlreich und lügenhaft. Aber würdigte er damit nicht das eigene Hellenenvolk herab, das doch noch Platon und Aristoteles weit über alle Barbarenvölker stellten? Geschichtliches Wissen ist offenbar von anderer Art als alles Wissen von den Eigentümlichkeiten der menschlichen Umwelt, sofern wir von Naturreligion und Naturmythologie absehen; es steht seinen Gegenständen nicht in gleichmäßigen Abständen gegenüber, sondern es rühmt und tadelt, es hebt hervor und läßt fort, es schmückt aus und es vereinfacht. Zur Wissenschaft kann es nur werden, wenn es sich gewaltig ausweitet, wenn der Geschichtsschreiber von seinen Gegenständen Distanz gewinnt und sich entfernten Zeiten zuwendet, wenn er Quellenschriften mit anderen vergleicht oder neu entdeckt, wenn er Überreste aus jenen Zeiten erforscht, etwa die unter Erdmassen versteckten Ruinen Trojas, wenn er die eigenen Präferenzen in Frage stellt, etwa die Bewunderung für Perikles, die ihm seine Eltern eingeflößt hatten.“ (Ebd., 2002, S. 18-19).

„So mag er sich der »Objektivität« nähern, die für den Naturwissenschaftler selbstverständlich ist, welcher schwerlich je in Gefahr kommt, schädliche Eigenschaften einer Pflanze nicht wahrhaben zu wollen, weil er schon als Kind die Schönheit ihrer Blüten bewundert hatte. Er muß vor allem bereit sein, die Ergebnisse seiner Mitforscher ohne Voreingenommenheit zur Kenntnis zu nehmen und sich mit der Einschränkung des Gebiets abzufinden, die durch die Anhäufung des Wissens und durch die Verfeinerung der Methoden erforderlich wird, so daß er zum Spezialisten nicht etwa bloß für das Mittelalter, sondern für das Ordenswesen im abendländischen Mittelalter, nicht zum Kenner der antiken Geschichte, sondern des Münzwesens in der römischen Kaiserzeit wird: Insofern gleicht die Entwicklung der Geschichtswissenschaft derjenigen aller anderen Wissenschaften. Aber ein wichtiger Unterschied besteht darin, daß jede neue Generation von Historikern zu dem Ergebnis kommt, ihre Vorgänger hätten jene Kennzeichen des bloßen historischen Wissens, das einseitige Hervorheben und Weglassen, das Rühmen und Tadeln, das Verwerfen und das Rechtfertigen nur in höchst unzureichendem Maße überwunden. Ist nicht Treitschkes »Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert« zwar eine bewundernswerte Leistung gelehrten Fleißes und künstlerischer Darstellung und doch im Kern nichts anderes als die Rechtfertigung und Preisung des kleindeutschen Einigungswerkes durch Preußen und Bismarck? Wollte nicht Gioberti sogar ausdrücklich vom »primato morale e civile degli italiani« handeln? Objektivität und unantastbares Wissen sind in der Geschichtswissenschaft keineswegs selbstverständliche Gegebenheiten und Tatbestände, sondern Aufgaben, denen jede neue Generation sich von neuern konfrontiert sieht, wenn man von dem Gerüst elementarer Daten und Fakten absieht, die etwa in Ploetz' »Auszug aus der Geschichte« aufgereiht sind.“ (Ebd., 2002, S. 19-20).

„Aber selbst wenn der jüngere Historiker einige Schwächen der älteren Generation aufgewiesen hat und davon überzeugt ist, Fortschritte gemacht zu haben, wird er sich schwerlich darüber täuschen, daß auch er nicht »reine Tatsachen« entdeckt hat, daß auch er eine Selektion aus der Endlosigkeit von Fakten vorgenommen hat, bei der ihn Präferenzen leiteten, daß auch er nicht zu dem teilnahmslosen »Weltauge« geworden ist, das man in den Naturwissenschaften grundsätzlich am Werk sehen mag. Und er wird sich in unserer Gegenwart sogar darüber klar sein, daß jene Schwächen seiner Vorgänger auch Vorzüge waren, weil diese sich in der Regel mit dem eigenen Nationalstaat beschäftigten, dessen unmittelbare Entstehung verhältnismäßig leicht zu schildern und zu analysieren war, weil Kriege ihre wichtigste Voraussetzung darstellten und weil die Entscheidungen, die zu diesen Kriegen führten, von sehr wenigen Menschen getroffen wurden. So mag man umfangreiche Bücher über die Agrarverhältnisse im Kirchenstaat um 1840 oder über die Höhe der Zollsätze des Deutschen Zollvereins schreiben, aber so wichtig das alles als Vorbereitung der nationalen Einigung gewesen sein mag, maßgebend für den konkreten Ablauf der Ereignisse bleibt doch der Entschluß König Wilhelms I., den Plan der Abdankung aufzugeben und Bismarck die Ministerpräsidentschaft zu übertragen; schlechthin unverzichtbar ist die Schilderung des Unternehmens der »mille«, welches das Königreich beider Sizilien zerstörte und Süditalien dem regno d'Italia anschloß.“ (Ebd., 2002, S. 20).

„Was aber geschieht, wenn wir tatsächlich in ein postnationales Zeitalter eingetreten sind, in dem Kriege von den »Vereinten Nationen« nicht mehr zugelassen werden, wenn eine demokratische Weltgesellschaft zur Existenz kommt, die das genaue Gegenteil jenes »ungeschichtlichen« Dorfes darstellt, wo jede Nachricht in Sekundenschnelle um die ganze Welt läuft, wo jedes der Billionen von Ereignissen für Milliarden von Menschen gewisse Auswirkungen hat, und wäre es nur ein mikroskopisch kleiner Anstieg der Verschmutzung der Meere, wo kein Staatsmann und keine Gruppe von Staatsmännern eine große Entscheidung im überlieferten Sinn treffen kann, weil es nur noch Resultanten unzähliger sich ineinander verschlingender Mikroprozesse gibt, die sich nicht mehr in den gewalttätigen Explosionen entladen, welche bisher als Kriege und Revolutionen die wichtigsten Gelenke für die Gliederung der Geschichte waren. ? Würde es in einer Welt universaler Kommunikation nur noch eine allerpartikularste Geschichtswissenschaft geben, wo der einzelne Historiker, oder selbst Teams von Historikern, um in der Überflutung durch Informationen und Forschungsergebnisse nicht zu versinken, zum Beispiel bloß noch über das dritte Jahr des Siebenjährigen Krieges in der preußischen Provinz Brandenburg oder über die Jugendjahre der Vittoria Colonna vollständig informiert und also zu neuen Forschungen fähig sein würden? Würden die Historiker dann die »endliche Unendlichkeit« der menschlichen Ereignisse aus der Sicherheit eines in seiner ständigen Veränderung unveränderlichen Zustandes heraus mit derselben Distanz und Objektivität untersuchen, wie die Naturwissenschaftler die »endliche Unendlichkeit« der Naturvorgänge erforschen? Oder würde die Geschichtsschreibung gerade dann vollständig zur »Kunst« werden, da doch ein Drang zum Ganzen, zum Ganzen der einzelnen Nationen, der Kulturen, der Klassen fortbestehen würde, zu jenen Ganzheiten, die infolge der Überfülle erforschter Tatsachen der »Fachwissenschaft« nicht mehr zugänglich sein würden, sondern nur noch der gestaltenden Phantasie?“  (Ebd., 2002, S. 20-21).

„Ich werde nicht versuchen, auf diese Fragen eine Antwort zu geben. Ich formuliere lediglich das Ergebnis dieser Überlegungen: daß die Geschichtswissenschaft zugleich die menschlichste und die unmöglichste aller Wissenschaften ist. Die Menschen leben als Menschen geschichtlich, und gerade deshalb konnten sie aus dem geschichtlichen Wissen, das ihnen ebenso wie das Wissen um Natursachen eigentümlich ist, nicht im gleichen Sinne eine Wissenschaft machen, wie sie aus dem Wissen über Naturvorgänge eine vieltausendfach differenzierte Wissenschaft gemacht haben. Die Feststellung kann nur für denjenigen anstößig oder niederschmetternd sein, der nicht wahrhaben will, daß die Menschen nicht nur eine Vielheit von Vernunftpartikeln sind, sondern eine Vielfalt, innerhalb deren sie einander auch als fühlende und wollende Wesen begegnen.“ (Ebd., 2002, S. 21).

„Ich will nun nicht über eine Zukunft spekulieren, in der diese Aussage nicht mehr gültig sein mag, so daß Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft im nur noch vernünftigen Diskurs der vielen Gleichen identisch geworden sein mögen, und ich will auch nichts von den Gestalten und Geschicken der Geschichtswissenschaft erzählen, wie sie von Herodot bis zu Fernand Braudel Wirklichkeit gewesen ist, denn beides würde ins Endlose führen. Ich möchte vielmehr einen Überblick über die Versuche geben, in denen Menschen Klarheit über die Geschichte und über die Geschichtswissenschaft gewinnen wollten, über die Geschichtsphilosophie und über die Geschichtstheorie.“ (Ebd., 2002, S. 22).

„Abschließend will ich das Werk von drei Denkern charakterisieren, die weder im eigentlichen Sinne Geschichtsphilosophen noch Geschichtstheoretiker noch gar Geschichtsschreiber waren und deren Einflüsse doch in der Geschichtsschreibung und in dem Geschichtsdenken der Gegenwart besonders stark spürbar sind, das Werk von Auguste Comte, Karl Marx und Friedrich Nietzsche.“ (Ebd., 2002, S. 22).

„»Geschichtsphilosophie« ist ein » Philosophieren« über Geschichte, d.h. mehr als ein allgemeines Nachdenken oder Vorstellen, wie wir es bisher im Auge hatten. Seitdem es das Philosophieren gibt, versteht es sich als Denken über »das Ganze«, und zwar nicht über das Ganze der Geschichte, sondern über das Ganze der »Welt«. In seinen Anfängen ist es eng mit der Mythologie verknüpft, d.h. mit Erzählungen vom »Anfang und vom Ende der Welt« oder von periodisch eintretenden »Weltbränden«. Aber sie will nicht in Bildern, sondern in Begriffen denken, und sie macht schon in ihrer Frühzeit jenes Ganze zum Problem, das sich der gewöhnliche Mensch als »Naturganzes« oder als Kosmos vorstellt. Wenn Parmenides sagt »Denn dasselbe sind Denken und Seim«, so ist das Sein gerade nicht die vorstellbare Gesamtheit der Naturdinge, die uns als einzelne durch die Wahrnehmung der Sinne zugänglich sind, sondern es ist ein Ganzes, das eher als »Weltgrund« zu verstehen ist und jedenfalls nicht »in« der Zeit und »im« Raume vorfindbar ist. Noch eindeutiger zutreffend ist der Begriff »Weltgrund« für das »Feuer« des Heraklit, welches das Weltall durchwaltet und immer wieder in sich zurücknimmt, und für die Urmächte »Liebe« und »Streit« des Empedokles, aus deren Ringen die verschiedenen Weltalter hervorgehen. »Jenseits des Seins« liegt für Platon die Idee des Guten, aber auch die gewöhnlichen »Ideen« befinden sich jenseits der in der Erfahrung vorfindlichen Dinge, und zwar als deren unveränderliche Wesenheiten. Von Parmenides bis hin zu Kant ist Philosophie immer ein »Weltdenken« in dem Sinne, daß sie in erster Linie die Übermacht des Nicht-Menschlichen oder der »Natur« im Auge hat, auch wenn sie vom »Weltgrund« oder von »Gott« spricht. Der denkende Mensch ist gleichsam von dem Ungeheuren gebannt, das er nicht selber ist, und deshalb wird die Geschichte nicht zum Thema, sondern nur »die Seele« oder das »Wesen des Menschen«, die diesem »Weltganzen« staunend und verehrend gegenüberstehen und denen allenfalls von den »Mystikern« gesagt wird, sie seien in ihrem tiefsten Grunde, dem »Seelenfünklein«, mit jenem Grunde der Welt im ganzen identisch. Die Geschichte als solche kann daher, wie besonders im indischen Philosophieren deutlich wird, keinerlei Interesse hervorrufen, da sie gänzlich zum Bereich der oberflächlichen Erscheinungen gehört und sich im endlosen Kreislauf vollzieht. Noch als Kant jene »kopernikanische Wendung« vornahm, welche die anschaubare Welt, wenn auch nicht das »Ding an sich«, zu einer Schöpfung des transzendentalen Bewußtseins oder des Menschengeistes machte, da ging es ihm ganz primär um die Begründung der Naturwissenschaften, d.h. um das Verhältnis der »Seele« zur »Welt«.“ (Ebd., 2002, S. 22-23).

„Aber von den Verstrickungen eben dieser Seele in der »Welt«, d.h. den endlichen und sündigen Verhältnissen der Erde, und von ihrem Weg zur Selbstfindung und Erlösung in Gott war schon bei den Neuplatonikern in der Weise die Rede gewesen, daß Stufen der befreienden Erlösung erkennbar wurden, und Augustinus hatte diese Gedanken mit der Vorstellung des Alten Testaments von den Schicksalen des »Gottesvolkes« verbunden, aber auch mit der Anwendung der Vorstellung von den Lebensaltern auf die als Einheit gefaßte Menschheit. Und obwohl bei ihm zu keinem Zeitpunkt die »civitas dei« die »civitas terrena« in sich aufhebt und verklärt, war damit doch ein wesentlicher Schritt zu der Auffassung des mittelalterlichen Abtes Joachim von Floris getan, der die Menschheit durch drei große Zeitperioden hindurchgehen sah, die Reiche des Vaters, des Sohnes und das künftige »Dritte Reich« des Heiligen Geistes, d.h. der mönchischen Spiritualen; mithin, wie man sagen könnte, von der Unterworfenheit unter ein äußeres Gebot zur Freiheit der sich selbst bestimmenden Geistigkeit. Geschichte, so gefaßt, ist nicht ein Ereignis innerhalb der Welt, der andere Ereignisse oder Bereiche an die Seite gestellt werden können, sondern sie ist selbst ein »Weltereignis«, ja sie kann sogar die einst so übermächtige Welt gewissermaßen in sich hereinnehmen, sobald das transzendentale Apriori Kants als ein geschichtliches gefaßt wird, d.h. als eine Folge von Weltenwürfen, welche überhaupt erst »Dinge« und deren Zusammenhang entstehen lassen, welche aber auch untereinander in der Weise verknüpft sind, daß die Menschen aus Zerstreuung und Verlorenheit heraus zu immer größerer Einheit und zu einem immer klareren Bewußtsein dieser Einheit gelangen. Am Ende steht dann, wenn auch zunächst noch als zukünftige, eine von der menschlichen Vernunft für die menschlichen Individuen geformte und beherrschte Welt. Dies ist der Grundansatz der »aufklärerischen« Geschichtsphilosophie, die bei Turgot um 1750 zum Vorschein kommt und mit Condorcet 1794 einen ersten Höhepunkt erreicht. Sie kann eine Entsprechung zu jenem neuplatonischen Aufstieg der Seele darstellen und muß dann zu der Idee einer vollständigen Vergeistigung und Versittlichung der Menschheit gelangen; sie mag aber den Ausgang vom naturgegebenen Individuum so sehr akzeptieren, daß das Benthamsche »größte Glück der größten Zahl« schlicht als möglichst starke und gleichmäßige Befriedigung der Naturtriebe aller Menschen verstanden wird. Dieser aufklärerischen Geschichtsbewegung vom Vereinzelten und Niedrigen zum Einheitlichen und Höheren stand schon seit Hesiod die entgegengesetzte Bewegung von dem ursprünglichen, göttergerechten und »goldenen« Zeitalter zum streiterfüllten, widernatürlichen »eisernen« Zeitalter gegenüber, die als Lehre von der Dekadenz der Menschheit freilich mehr von Dichtern als von Denkern artikuliert wurde, die jedoch auch im Buch Daniel des Alten Testaments erkennbar ist, wo der Traum des Nebukadnezar nach der Deutung des Propheten die Folge der vier Weltreiche zum Inhalt hat.“ (Ebd., 2002, S. 23-24).

„Aber kann es eine vollständige Vergeistigung oder auch Versittlichung überhaupt geben? Ist sie, im Wortsinn, »menschenmöglich«? Ist auch nur der einfache Begriff der möglichst intensiven und umfangreichen Befriedigung der Naturtriebe, etwa des »Hungers und der Liebe« nach dem Schillerschen Gedicht, »menschengerecht«? Angenommen, daß diese Triebe tatsächlich »menschenfreundlich« sind, d.h. in Individuen Erfüllung finden können, ohne daß andere Individuen Schaden erleiden - gibt es nicht auch andere Triebe im Menschen, die keine so harmlose Wendung nehmen können, etwa den Destruktionstrieb und den Todestrieb? Woher nehmen einige Menschen das Recht, die Ausrottung von Trieben zu verlangen, die vermutlich ebenso von der Natur stammen und bei anderen Menschen vielleicht besonders ausgeprägt sind? Kann man auf der anderen Seite wirklich von einer »Dekadenz der Menschheit« sprechen, da doch auf jede Dekadenz, die bisher beobachtet wurde, etwa auf den Niedergang des Römischen Reiches, ein neuer Aufstieg erfolgte, wenn auch der Aufstieg eines anderen Volkes oder eines anderen Reiches?“  (Ebd., 2002, S. 24-25).

„Wenn beide Prozeßformen nicht radikal getrennt, sondern ineinandergedacht werden, ist die Stunde der »Dialektik« gekommen, und die Dialektik ist der Grundzug der anspruchsvollsten und umfassendsten aller Geschichtsphilosophien, derjenigen Hegels. Vom Grundmuster her ist diese ganz aufklärerisch, denn die Geschichte ist für Hegel der »Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit« - von der orientalischen Welt, wo nur einer frei ist, hin zur christlich-germanisch-protestantischen Welt der Neuzeit, wo alle wissen, daß sie frei sind, weil Freiheit das Wesen des Menschen als solchen ist. Aber in diesem Fortschrittsprozeß gibt es Platz für zahlreiche Niedergänge und Verkehrungen - von den Dekadenzen und Erstarrungen der Volksgeister, die vom Weltgeist zugunsten eines höheren Volksgeistes fallengelassen werden, bis zum Umschlag von Recht in Unrecht, den jedes auf sich beharrende Einzelne erfahren muß.“ (Ebd., 2002, S. 25).

„So nimmt sich Hegels Geschichtsphilosophie über weite Strecken wie eine »philosophische Geschichtsschreibung« aus, aber sie verliert an keiner Stelle den Grundcharakter aller Geschichtsphilosophie: Sie hat die ganze Weltgeschichte im Blick und sucht deren »innere Logik« zu enthüllen, Zu dieser Logik gehört eine Gliederung nach Epochen, die einen Anfang nimmt und auf ein Ende gerichtet ist. Erst von dem Ende, dem »Telos« her, das bei Hegel die Selbsterkenntnis des göttlichen Weltgrundes im Menschengeist ist, erscheint die Geschichte als Sinnzusammenhang, als gegliederte Totalität und in theologischen Termini als »Werk der Vorsehung«. Für den Alltagsverstand ist jede Geschichtsphilosophie notwendigerweise »Metaphysik« oder unbeweisbare Konstruktion.“ (Ebd., 2002, S. 25).

„Geschichtstheorie kann sich die kritische Überprüfung der Konzeptionen der Geschichtsphilosophie vornehmen; in der Regel aber wird sie die Kategorien, die Regeln und die Hauptvoraussetzungen der Geschichtsschreibung untersuchen, und in dieser zweiten Gestalt war ihr Anfang in Deutschland zugleich ihr Höhepunkt, nämlich Johann Gustav Droysens »Historik«. Die philosophische Dimension wurde ihr nicht zuletzt von Wilhelm Dilthey gegeben, der wie Droysen ein Mann des 19. Jahrhunderts war, dessen letztes Lebensjahrzehnt indessen ins 20. Jahrhundert fällt und der erst in dieser seiner Spätzeit unter dem Titel »Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften« den »Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte« zum Abschluß zu bringen suchte, welcher 1883 unter dem Titel »Einleitung in die Geisteswissenschaften « veröffentlicht worden war. Dilthey will zeigen, daß die »metaphysische Stellung des Menschen zur Wirklichkeit« nur einer bestimmten und inzwischen abgelaufenen Periode der Geschichte angehörte, und er äußert sich sehr negativ über die Begriffe der »Geschichtsphilosophie«, über die »Weltlogik«, den »Weltgeist«, den »Plan der Vorsehung«, doch auch über das Paradigma des Organismus. Aber er polemisiert gleichzeitig gegen die positivistischen Feinde der Metaphysik, gegen Comte und John Stuart Mill, deren Antworten die geschichtliche Wirklichkeit verstümmeln. Darüber hinaus schließt er die ganze skeptizistische (bzw. transzendentale) Philosophie der Neuzeit in seine Kritik ein, denn »in den Adern des erkennenden Subjekts, das Locke, Hume und Kant konstruierten, rinnt nicht wirkliches Blut, sondern der verdünnte Saft von Vernunft als bloßer Denktätigkeit. (Vgl. Wilhelm Dilthey, Einleitung in die Geschichtswissenschaft, 1883, in: Gesammelte Schriften, Band I, S. XVIII).“ (Ebd., 2002, S. 25-26).

„Der Mensch als geschichtliches Subjekt steht in einer viel intensiveren Beziehung zur Wirklichkeit, nämlich derjenigen des »Erlebens«, und daher muß ihn die Geschichtswissenschaft in der »Totalität des Gemüts« zu erfassen suchen, von der die Naturwissenschaften und die naturwissenschaftlich orientierte Erkenntnistheorie bloß einen durch Abstraktion gewonnenen Randbezirk zu erfassen vermögen. Die Geisteswissenschaften dagegen begnügen sich nicht mit dem äußerlichen Erklären, sondern ihr Feld ist das Verstehen, in welchem sich Leben dem Leben, Freiheit der Frei heit erschließt. Ermöglicht wird dieses Verstehen, wie Dilthey besonders in dem Fragment gebliebenen zweiten Band hervorhebt, nur durch die »Selbigkeit der Menschennatur«, innerhalb deren das Individuum der Neuzeit zu den Individuen und den Verhältnissen einer fernen Vergangenheit Zugang finden kann, indem es die Enge und Subjektivität des eigenen Lebens überwindet. So glaubt er, den »metaphysischen Konstruktionen« Hegels eine »Analyse der menschlichen Existenz« entgegensetzen zu können. Diese Existenz, die sich stets ihrer Endlichkeit und Gebrechlichkeit bewußt ist, versteht als selbst geschichtliche die Geschichte, und sie ist, wie schon Fichte wußte, »nicht Substanz, Sein, Gegebenheit, sondern Leben, Tätigkeit, Energie.« (Wilhelm Dilthey, Einleitung in die Geschichtswissenschaft, 1883, in: Gesammelte Schriften, Band VII, S. 157). So setzt Dilthey als Theoretiker der Geschichte gerade eine Philosophie des Lebens und der Existenz an die Stelle der geschichtsphilosophischen »Konstruktionen«, und damit bereitet er demjenigen Denken des 20. Jahrhunderts eine Bahn, das weder Geschichtsphilosophie noch bloße Erkenntnistheorie sein will.“ (Ebd., 2002, S. 26).

„Aber auch die ausgeprägteste Erkenntnistheorie der Zeit leistete einen bedeutenden Beitrag zur Geschichtstheorie, ja sie beherrschte die Diskussion gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es handelt sich um die Unterscheidung zweier Wissenschaftstypen aufgrund des Gegensatzes ihrer Methoden, welche die südwestdeutsche Schule des Neukantianismus in Gestalt ihrer bekanntesten Vertreter vornahm, nämlich Wilhelm Windelbands und Heinrich Rickerts. Die Naturwissenschaft ist für sie auf die Erforschung von Gesetzen und Gesetzlichkeiten ausgerichtet, sie ist »nomothetisch«; die Geschichtswissenschaften dagegen wollen das Individuelle und Singuläre erfassen - das Individuelle einer Person, einer Institution, einer Epoche u.s.w. -, sie sind idiographisch. Damit wird nicht gesagt, daß die untersuchten Gegenstände als solche verschieden sind, etwa so, daß Naturdinge in ihrer Allgemeinheit aufgingen und geschichtliche Personen oder Ereignisse rein individuell wären. Es handelt sich vielmehr um einen Unterschied der Betrachtungsweisen: die generalisierende Methode begnügt sich mit der Feststellung von Gesetzen, und das Individuelle ist für sie ohne Interesse. Der fallende Apfel, an dem Newton das Gesetz der Schwere erkannte, war nur als Exemplar wichtig, nicht als Individuum. Alexander der Große und Napoleon dagegen werden von den Historikern in ihrer Individualität zum Gegenstand gemacht, und was an ihnen allgemein ist, etwa die Feldherrnbegabung, ist bloß ein untergeordnetes Moment.“ (Ebd., 2002, S. 26-27).

„Der entscheidende sachliche Unterschied ist mithin ein subjektiver: Nur mit Rücksicht auf einen Wert kann das Individuelle wesentlich werden, die generalisierende Methode dagegen ist wertfrei. Auch Geisteswissenschaf ten können generalisierend sein, so die Soziologie, und Rickert führt als Beispiel das Buch von Ferdinand Tönnies »Gemeinschaft und Gesellschaft« an. Aber hier wird schon eine Schwierigkeit deutlich, denn Tönnies nimmt offensichtlich in seinen Untersuchungen Wertungen vor, obwohl er keine einzelne Gemeinschaft und keine einzelne Gesellschaft analysiert, und auf der anderen Seite wertet auch Rickert, denn er hält ganz unverkennbar die soziologisch-generalisierende Methode der Sache nach für defizient. Noch eindeutiger kritisiert er die »neue kollektivistische Methode« von Karl Lamprecht, die sich selbst mißverstehe, weil Lamprecht sich in seiner »Deutschen Geschichte« keineswegs damit begnüge, dasjenige zu erforschen, was allen Nationen gemeinsam sei. Daher schließt die einfache Entgegensetzung »der wertbeziehenden individualisierenden geschichtlichen Methode« und der »wertfreien generalisierenden gesetzeswissenschaftlichen Methode« mancherlei Probleme in sich, und man fragt sich, ob nicht doch eine materiale Geschichtsphilosophie vorliegt, wenn Rickert die Weltgeschichte nach »Epochen der Wertverwirklichung« gliedert und als oberste Werte ganz im Sinne Hegels »Vernunft« und »Freiheit« ansetzt, auf die hin die Weltgeschichte als »Fortschritt« ausgerichtet ist.“ (Ebd., 2002, S. 27-28).

„Ich zähle nun nur noch einige Fragen auf, mit denen die Geschichtstheorie sich beschäftigt hat und weiterhin beschäftigt, ohne weiterhin Namen einzelner Denker zu nennen: Was heißt »geschichtlicher Prozeß«, und inwiefern hängt dieser Begriff von den Kategorien »Zweck«, »Wert« und »Sinn« ab? Sind geschichtliche Ereignisse grundsätzlich unprognostizierbar, oder könnte ein künftiger Computer sämtliche Daten von Gegebenheiten enthalten, so daß für ihn die Zukunft gemäß der »Laplaceschen Weltformel« ableitbar wäre und Gott in Gestalt einer Maschine zur Wirklichkeit geworden wäre? Oder sind die Bewegungsgesetze der Geschichte gerade derart, daß sie dem Neuen, dem Schöpferischen, dem Freien Raum lassen? Gehört am Ende die Subjektivität des Historikers mit in diesen Prozeß hinein, und gibt es für ihn eine Möglichkeit, seine »Standortgebundenheit« zu überwinden, um zu einer »unparteilichen« Geschichtsschreibung zu gelangen? Legt er sich nicht schon durch die Wahl seiner Begriffe unwiderruflich fest? Ist er nicht einem »Zirkel des Verstehens« unterworfen? Muß er selbst versuchen, die Selektion, ohne die er nicht arbeiten kann, zugleich in ihrer Einseitigkeit erkennbar zu machen, oder ist »Objektivität«, soweit sie menschenmöglich ist, an die Existenz einer »community of scholars« und damit an die Gesellschaftsform des »Liberalen Systems« gebunden? Darf sich der Historiker erlauben, »kontrafaktische« Überlegungen anzustellen oder gehört nur die Erzählung von faktischen Ereignissen zu seiner Aufgabe? Was ist aber überhaupt ein »historisches Faktum« - ist es vorfindbar wie ein Stein, oder entspringt es wie die »Umwelt« im ganzen der Formung einer letztlich unfaßbaren Mannigfaltigkeit durch den Geist? Müßte dann aber nicht auch das andere Individuum aus einer »Formung« hervorgehen? Leben am Ende sogar Ehepaare bloß mit Bildern des Anderen und nicht mit »diesem selbst«? Ist es indessen nicht so, daß ein Mann und zumal ein Dichter jahrelang mit dem »Bild« der fernen Geliebten leben kann, daß aber eine unübersehbare Realität dieses Bild korrigiert oder sogar zerstört, sobald die Geliebte zur ständig anwesenden Ehefrau geworden ist? Entgeht der Historiker auf vergleichbare Weise einem drohenden Solipsismus? Ist für ihn in gleicher Weise der Relativismus ein Schreckbild, oder ist Relativität - besser vielleicht Relationalität - der Grundcharakter aller menschlichen Verhältnisse und sogar des Kerns der Individualität, ja sogar der »Industrialisierung« und der »Modernisierung«?“  (Ebd., 2002, S. 28-29).

„Comte, Marx und Nietzsche haben nicht auf alle einzelnen dieser Fragen Antworten gegeben, aber sie haben Kategorien geschaffen, überzeugungen ausgesprochen und auch Emotionen artikuliert, die oft genug noch den Charakter ganz spezieller Untersuchungen bestimmen.“ (Ebd., 2002, S. 29).

„Auguste Comte, 1797 inmitten der Wirren der französischen Revolutionsepoche in Montpellier geboren, blieb seiner sehr frommen Mutter ein Leben lang zugetan, nahm aber als Student der Mathematik in Paris den Geist des napoleonischen Empire in sich auf und geriet bald unter den Einfluß des Grafen von Saint-Simon, der als »Frühsozialist« gilt, obwohl er seine Zukunftsgesellschaft von den Bankiers leiten lassen wollte, und war für einige Jahre dessen Sekretär. Glaube an die Naturwissenschaft, Zukunftsorientierung, die das »Goldene Zeitalter« an dem Ende statt am Anfang der Geschichte lokalisierte, Wille zu umfassenden sozialen Reformen und auch die Unterscheidung »kritischer« und »organischer« Epochen der Geschichte waren die Hauptimpulse des Grafen, und Comte ging wie Augustin Thierry ein gutes Stück mit ihm. Nach dem Bruch zwischen beiden tauchte das Wort »positiviste«, das später in der Gestalt des Substantivs »Positivisme« zum Kennzeichen der von Comte begründeten Schule wurde, in seiner ersten selbständigen Schrift auf, dem »Système de politique positive« von 1824. Comte macht sich hier ausdrücklich den Gedanken Saint-Simons zu eigen, daß das Zeitalter der Kritik, d.h. der Aufklärung, nur von transitorischer Art sein kann und von einer neuen und stabileren Epoche abgelöst werden muß, sobald es sein Werk der Zersetzung und Auflösung beendet hat, nämlich von einer Epoche, die viel Ähnlichkeit mit dem Mittelalter haben und alle jene anarchischen Freiheiten der Willkür nicht mehr kennen wird, deren sich der Liberalismus rühmt. Insofern bejaht Comte das Ziel der »Heiligen Allianz«, aber sein Grundkonzept bleibt gleichwohl aufklärerisch und setzt die Restaurationsperiode in einen Gegensatz zu der »marche générale de la civilisation«. Dieser Gang der Zivilisation hat mittels der kritischen Prinzipien der Aufklärung das »theologisch-militärische System« definitiv zerstört, das Metternich und die Bourbonen vergeblich wiederherzustellen suchen, und eine neue Stabilität der Gesellschaft muß auf neue Prinzipien gegründet werden. Von hier aus entwickelt Comte das berühmte Dreistadiengesetz, das der Sache nach freilich Gemeingut des optimistischen Teils der Aufklärung war: »Infolge der Natur des menschlichen Geistes muß jeder Zweig unserer Kenntnisse in seiner Bewegung hintereinander durch drei verschiedene theoretische Stadien hindurchgehen: das theologische oder fiktive Stadium, das metaphysiche oder abstrakte Stadium und schließlich das wissenschaftliche oder positive Stadium.« (Auguste Comte, Système de politique positive, 1824, Band IV, S. 77). Die Gegenwart ist dabei, den Eintritt in das dritte und »definitive« Stadium zu vollziehen, in das Stadium der wissenschaftlichen Politik. Diese ist eine »soziale Physik«, welche die soziale Organisation auf eine ebenso feste Basis stellt, wie sie die physische Physik für ihre Verfahrensweisen festgelegt hat. Diese Grundgedanken hat Comte in den sechs Bänden seines »Cours de philosophie positive« von 1830 bis 1842 ausgearbeitet, einer wahren Enzyklopädie aller Wissenschaften, innerhalb deren die Soziologie einen prominenten Platz einnimmt. Der Positivismus ist für Comte eine Lehre der Ordnung und des Fortschritts zugleich; er polemisiert aufs entschiedenste gegen die Rousseausche Utopie einer Rückkehr zum Naturzustand und einer Überwindung der Arbeitsteilung, er charakterisiert die revolutionäre Lehre als »metaphysisch«, aber er weicht kein Jota von der Überzeugung ab, daß der »industrielle Zustand« der endgültige ist, wo das Tatsächliche herrscht und nicht mehr das Schimärische, die Gewißheit gegenüber der Unentschiedenheit endloser Debatten, das Genaue im Gegensatz zum Schwankenden und überall das Relative statt des Absoluten. (Vgl. Auguste Comte, Abhandlung über den Geist des Positivismus, S. 48-52). In seiner Spätzeit hat Comte, im Ausgang von einem überaus subtilen und sonderbaren Liebeserlebnis, diesen Zustand bis in kleine Details hinein beschrieben und den Beweis geführt, daß mittels so aufklärerischer Begriffe wie Fortschritt, Verwissenschaftlichung, Säkularisierung, Frieden, Veredelung ein totalitäres System freiheitsfeindlicher Regelhaftigkeit errichtet werden kann.“ (Ebd., 2002, S. 29-30).

„Wie Comte gehört Karl Marx, 1818 in Trier geboren, in den Gesamtrahmen der Aufklärung hinein, aber auch er hat nicht wenig von der konservativen und vor allem romantischen Kritik an der Aufklärung bzw. der »Vulgäraufklärung« übernommen. Vom Vater wie von der Mutter her alten Rabbinergeschlechtern entstammend, hatte er, schon als Kind getauft, anscheinend noch weniger Beziehungen zum Judentum als Comte zum Katholizismus, aber die Erwartung eines völlig neuartigen, alles Bisherige zerstörenden, allein auf Rationalität und Wissenschaft gebauten und definitiven Zeitalters trägt bei ihm noch viel stärker die Merkmale des »Messianismus« als bei Comte, wenn er sich auch sorgfältig vor konkreten Beschreibungen hütet, welche den philosophischen Bestimmungen des kommunistischen Endzustandes als »wahrer Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung« sowie vor allem als »aufgelösten Rätsels der Geschichte« ihren Zauber genommen haben würden. Aus seinen Jugendschriften geht eindeutig hervor, daß er nicht wie Comte die Verwirklichung der Wissenschaft, sondern in kritischem Anschluß an Hegel die Verwirklichung der Philosophie als den Inhalt der Zukunft betrachtet, welche an die Stelle des halben Idealismus Hegels mit seinen unaufhebbaren Trennungen etwa zwischen Staat und »bürgerlicher Gesellschaft« den totalen Idealismus der vollständigen Einheit der Individuen und der Weltgemeinschaft setzt. Und viel stärker als Comte hebt er die neue Kraft der Zukunft hervor, das Proletariat als die zur Realität gewordene Entmenschung, die im dialektischen Umschlag das Reich der klassenlosen Menschlichkeit aus sich gebären wird.“ (Ebd., 2002, S. 30-31).

„So schreibt er 1848 unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution, auf eine Vorarbeit von Friedrich Engels gestützt, jenes »Manifest der Kommunistischen Partei«, das wohl das einzige Parteiprogramm ist, welches von dem großen Atem einer Geschichtsphilosophie beherrscht wird. Auch das Kommunistische Manifest entwickelt eine Art von Dreistadiengesetz, aber mit weit größerer Leidenschaft und viel stärkerer Polemik, als Comte sie aufgebracht hätte. »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen«, so hebt die philosophisch-politische Kampfschrift, an, und schon diese Formulierung macht klar, daß es Abschied zu nehmen gilt von allem Bisherigen und daß dieser Abschied nur möglich ist, wenn es ein Vor-Bisheriges gab, einen Abschnitt vor der »Geschichte«, der durch Gemeinschaftlichkeit statt durch gesellschaftliche Konflikte bestimmt war. Der ganze Akzent fällt freilich zunächst auf das Stadium der »Klassengesellschaft«, das sich nach der »ständischen« Periode des Mittelalters als »Epoche der Bourgeoisie« darstellt. Dieser Bourgeoisie nun und ihrer revolutionierenden, die Einheit des Weltmarkts schaffenden Rolle singt Marx ein Loblied, wie es keiner ihrer literarischen Vorkämpfer je getan hatte, aber in jedem Lobeswort ist die Verurteilung, ja Verwerfung spürbar. Die letzte und stärkste Realität nämlich, welche der Bourgeoisie die besitzlosen, ausgebeuteten, entrechteten Arbeiter entgegenstellt, gelangt in der Gegenwart zum Bewußtsein ihrer Universalität und ihrer Mission - der Herbeiführung einer Gesellschaft, wo der Plan an die Stelle des Marktes tritt, wo die »klassenlose Gesellschaft« die »alte bürgerliche Gesellschaft« mit ihren Klassen und Klassengegensätzen überwindet und wo »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.« (Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, Band 4, S. 482). Dieser Schritt bedeutet den »Untergang der Bourgeoisie«, wie für Comte der Eintritt in das positive Stadium das Ende der Metaphysik bedeutete, aber Marx spricht ausdrücklich vom »Tod« einer bestimmten Klasse. Dieses Manifest ist also eine Vernichtungsprophetie, und es ist zugleich eine höchst eigenartige Synthese von individualistischem Liberalismus, radikaler Bejahung des Weges zur Welteinheit und des konservativen Grundpostulats der Einheit des Menschen mit seiner Welt. Die ganze spätere Riesenarbeit von Marx bis hin zum Dritten Band des »Kapital« hat an dieser geschichtsphilosophischen Konzeption nichts Wesentliches geändert; sie baute das eine und das andere aus, z.B. die Vorstellung von der Urgemeinschaft, und sie suchte vor allem den Eindruck hervorzurufen, es lasse sich »wissenschaftlich« beweisen, was im »Manifest« noch so offensichtlich Entwurf und Prophetie ist.“ (Ebd., 2002, S. 31-32).

„Friedrich Nietzsche war nicht Mathematiker wie Comte oder Philosoph wie Marx, sondern klassischer Philologe, und als solchem lag ihm, der 1844 als Sohn und Enkel protestantischer Pfarrer in Mitteldeutschland geboren wurde, ein Gedanke nahe, der Comte und Marx fremd geblieben zu sein scheint, der Gedanke, daß die »Kultur« als das Sich-Bedeutung-Geben des Menschen in Kunst, Religion und Philosophie wesentlich an die bisherige Geschichte geknüpft sein könnte und durch den »Marsch der Zivilisation« gefährdet wird. Für Comte und Marx war es selbstverständlich gewesen, daß das positive Zeitalter bzw. die klassenlose Gesellschaft eine Hochblüte der Kultur in sich schließen würde, aber der junge Nietzsche sieht in der »Geburt der Tragödie« nur Öde, Ermattung und Niedergang aus dem »sokratischen« Rationalismus mit seiner Tendenz zum flachen Utilitarismus und zur Massenemanzipation hervorgehen. Das scheint weiter nichts als die Wiederaufnahme der romantischen Kulturkritik (besser: Zivilisationskritik) zu sein, und in seiner zweiten Phase hat sich Nietzsche, wenngleich nicht ohne ein unübersehbares Widerstreben, das aufklärerische Denken zu eigen gemacht. Aber in seiner Spätzeit treten die Empfindungen seiner Jugend in radikalisierter Gestalt wieder hervor, und er entwickelt, wenngleich auf fragmentarische Weise, eine Geschichtsphilosophie, in der alles negativ ist, was für Comte und für Marx positiv war: der Moralismus der Juden, »des priesterlichen Volks des ressentiment par excellence«; der Sieg des Christentums, des »Gesamtaufstandes alles Niedergetretenen, Elenden, Mißratenen, Schlechtweggekommenen«; die Bewegungen der französischen Revolution, der Demokratisierung, der »Weibs-Emanzipation«, des Sozialismus und des Anarchismus, die allesamt dem Phänomen der »Gesamt-Entartung der Menschheit« zuzurechnen sind. Um die Menschheit vor diesem Abgrund zu bewahren, macht sich Nietzsche in den letzten Monaten seines bewußten Lebens nicht nur zum Vordenker, sondern geradezu zum Propagandisten einer »Partei des Lebens«, deren Kerntruppe aus den Offizieren und den jüdischen Bankiers bestehen soll, und diese Partei soll die »Schwachen«, die »Dekadenten«, die Feinde des »Lebens«, d.h. der Vitalität und der Kultur, vernichten. (Vgl. Ernst Nolte, Nietzsche und der Nietzscheanismus, 1990, S. 190-196 [Kapitel »Das Vernichtungskonzpt und die ›Partei des Lebens‹«]). In seinem letzten Stadium läuft Nietzsches Denken also auf ein Vernichtungspostulat hinaus, welches das genaue Gegenbild zu der Marxschen Vernichtungsprophetie, aber auch zur Comteschen Vorhersage des »positiven«, d.h. wissenschaftlichen, sozialen und eudämonistischen Zeitalters ist, ein Gegenbild jedoch, das sich von dem »konservativen« Widerstreben gegen Aufklärung und Emanzipationen wesentlich unterscheidet, da es beansprucht, eine neue Ebene erreicht zu haben, die Ebene des »Übermenschen«, der »Ewigen Wiederkunft« und der »Herren der Erde«, welche dem konservativen Denken durchaus fremd gewesen war.“ (Ebd., 2002, S. 32-33).

„Geschichtswissenschaft grenzt in einzelnen ihrer Bereiche, wie etwa der Epigraphik oder der Chronologie, an die Distanziertheit und Exaktheit der beschreibenden Naturwissenschaften, und sie grenzt überall sonst an jene großen Entwürfe, in denen der Mensch denkend über sein Wesen und Geschick Klarheit zu gewinnen versucht. Sie ist, um es zu wiederholen, zugleich die menschlichste und die unmöglichste aller Wissenschaften. Eben deshalb wird sie in allen Menschen ein unvergleichliches Interesse wecken, solange diese nicht in dem erstaunlichsten ihrer Produkte, der »künstlichen Intelligenz« von Computern, ein nachahmenswertes Vorbild sehen.“ (Ebd., 2002, S. 33).

Revisionen - Revisionismen - Konzeptionen
(Vortrag bei einer Tagung in Mailand am 28.11.1997)
„In der öffentlichen Meinung wird heute der Begriff »Revisionismus« meist und mit ganz negativem Akzent als »Holocaust-Revisionismus« verstanden, der als »Negationismus« in mehreren Ländern strafrechtlich verfolgt wird, der aber offensichtlich dann einen wissenschaftlichen Charakter hat, wenn er lediglich Zeugenaussagen und Zahlenangaben kritisch überprüft und die Meinung vertritt, wie bei allen bewegenden Großereignissen der Geschichte könnten auch bei der »Endlösung der Judenfrage« überhöhende Legendenbildung und verzerrende Instrumentalisierung nicht gefehlt haben. Die wichtigste Frage sollte freilich die sein, ob von »Revisionismus« und nicht vielmehr von einer umfassenden Revision die Rede sein müßte, wenn die Überzeugung in den Vordergrund tritt, der Nationalsozialismus müsse im ganzen so interpretiert werden, daß der unwissenschaftliche Begriff des »absoluten Bösen« keine Stätte findet.“ (Ebd., 2002, S. 77-78).

„Hier würde es sich jedoch offenbar nicht mehr um eine Revision von Volksmeinungen, von Ergebnissen anderer Historiker oder auch von bloßen Legenden handeln, sondern um die Revision einer Konzeption und mithin um einen »Paradigmawechsel«, wenn man den im Blick auf die Naturwissenschaften gewonnenen Kuhnschen Begriff hier gebrauchen will. Aber in der Geschichtswissenschaft verdrängt nicht das eine und modernere Paradigma das ältere und nun überholte, sondern die grundlegenden Konzeptionen stehen nebeneinander und verlieren oder gewinnen an Bedeutung und Gewicht, büßen jedoch in der Regel selbst dann nicht ihre Existenz ein, wenn sie einer umfassenden und tiefdringenden Kritik unterzogen werden, denn jede Konzeption schließt eine Selektion in sich, welche Lücken bestehen läßt oder sogar erst aufreißt. Jede Konzeption sieht sich also einer eigenen und spezifischen Revision ausgesetzt, die von außen und ebensosehr von innen kommen kann.“ (Ebd., 2002, S. 78).

„Es hat im 20. Jahrhundert eine Konzeption gegeben, die mit großem Nachdruck und erstaunlichem Erfolg einen absoluten Anspruch erhob und innere Revisionen ebenso gnadenlos verdammte, wie sie andere Konzeptionen in ihrem Herrschaftsbereich nicht aufkommen ließ, nämlich die marxistisch-leninistische Konzeption. Aus ihrer Perspektive befindet sich der Nationalsozialismus im absoluten historischen Unrecht, da er das letzte und gewalttätige Aufbegehren des sterbenden Kapitalismus gegen den überall siegreich vordringenden Sozialismus bedeutet. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn behauptet wird, heute, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, halte selbst der überzeugteste Marxist-Leninist eine tiefgreifende Revision dieser allzu optimistischen und naiven Konzeption für erforderlich.“ (Ebd., 2002, S. 78).

„Als das nicht nur historisch, sondern auch metaphysisch »absolute Böse« muß der Nationalsozialismus in der jüdischen Konzeption erscheinen, die das jüdische Schicksal in das Zentrum des Geschehens stellt und sich weigert, eine Gleichsetzung mit dem Schicksal der anderen Opfer vorzunehmen. Sie kann das offensichtlich nur deshalb tun, weil sie die Juden ... durchweg für das »auserwählte Volk« hält .... Dennoch dürfte es nicht richtig sein, wenn »der Antisemitismus« als solcher für das Zentrum der nationalsozialistischen Anti-Ideologie erklärt wird, und insofern sollte auch diese Konzeption einer Revision nicht entzogen sein.“ (Ebd., 2002, S. 78-79).

„Neben die jüdische ist die deutsche Konzeption zu stellen, die ebenfalls einem einzelnen Volke eine überragende und singuläre Rolle in der Geschichte zuschrieb, ob sie nun als positive Lehre vom »deutschen Sonderweg« die Welt »am deutschen Wesen genesen« lassen wollte oder in einer umkehrenden Revision seit 1945 »die Deutschen« vor allem als ein singuläres »Tätervolk« betrachtete. Ausgangspunkt für diese mit der »1968er Generation« in Deutschland zur Vorherrschaft gelangte Auffassung war die Revision einer Revision, die der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1961 vornahm, als er die alliierte These von der nahezu vollständigen Kriegsschuld des kaiserlichen Deutschland wieder aufgriff. (Vgl. Fritz Fischer, a.a.O., 1961). Daß eine abermalige Revision dieser Revision einer Revision möglich sein sollte, unterliegt wohl keinem Zweifel.“ (Ebd., 2002, S. 79).

„In grob verkürzender Weise nenne ich als letzte der großen Konzeptionen die Totalitarismustheorie, für welche die zentrale Unterscheidung nicht diejenige zwischen dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus, aber auch nicht zwischen Deutschland und dem Rest der Welt ist, sondern welche dem als Norm aufgefaßten »westlichen Verfassungsstaat« die ideologischen Absolutheitsansprüche und die terroristische Praxis der Einparteiregime des 20. Jahrhunderts als moderne Erscheinungsform des uralten Despotismus gegenüberstellt. Die Revision, die dieser Theorie als einem angeblichen Kampfmittel des Kalten Krieges gegenüber vorgenommen wurde, schien bereits in den 1960er Jahren siegreich zu sein, und sie könnte als Revisionismus bezeichnet werden, da die Protagonisten sich rasch zu einer kämpferischen Schule zusammenschlossen, aber der Terminus läßt sich dennoch nicht sinnvollerweise anwenden, da diese Revision durchweg nicht von innen kam und überwiegend bloß die Kritik durch eine andere, längst vorher vorhandene Schule darstellte, nämlich durch den Marxismus-Leninismus. Wie eine von innen kommende Revision aussehen könnte, möchte ich immerhin anzudeuten versuchen, indem ich mich abschließend zur Veranschaulichung mit einigen Bemerkungen den Werken von Renzo De Felice und François Furet zuwende, die ja häufig als »Revisionisten« bezeichnet worden sind.“ (Ebd., 2002, S. 79).

Das Vergehen der Vergangenheit. Über „Revisionen“ und „Revisionismen“ in der Geschichte
(Vortrag bei einem Wochenendseminar der Hermann-Ehlers-Akademie in Kiel am 08.11.1991)
„»Revisionisten« wurden zunächst diejenigen genannt, die auch für Hitler Verständnis zeigten, sei es aus deutschfeindlichen Motiven wie im Falle von A. J. P. Taylor oder aber aus Sympathie wie bei David Hoggan und David Irving. Mehr und mehr wurde der Terminus jedoch auch auf diejenigen angewandt, die im Anschluß an Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« die Verantwortlichkeit der »alten Eliten« herausstellten. Ein Revisionismus eigener Art war derjenige von Fritz Tobias, der die Nationalsozialisten von dem Vorwurf freisprach, den Reichstagsbrand gelegt zu haben, und beide Revisionismen fanden sich in der Person von Hans Mommsen vereinigt, der später zusammen mit Martin Broszat in der Frage der »Endlösung« die Schule der »Funktionalisten« begründete und sich dem sogenannten »Intentionalismus« entgegenstellte. Später wurden im Zusammenhang des sogenannten »Historikerstreits« aber gerade einige der bekanntesten Verfechter »etablierter« Auffassungen wie Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand »Revisionisten« genannt, da sie angeblich zu einer »Verharmlosung des Nationalsozialismus« neigten. Soweit die Polemik sich in zivilisierten Bahnen hielt, wurde indessen immer eine scharfe Trennung zwischen der Minderheit im »Historikerstreit« und den us-amerikanischen und französischen Revisionisten um Arthur Butz und Robert Faurisson vorgenommen.“ (Ebd., 2002, S. 94).

„Dieser Revisionismus, der sich letzten Endes von Paul Rassinier herleitet, einem ehemaligen KZ- Häftling und dann sozianstischen Abgeordneten der französischen Nationalversammlung, also keinem »Neo-Nazi«, ist der radikalste von allen. Sein Kern ist die Leugnung der Existenz von Gaskammern zur Massentötung von Menschen; die Berichte über die Massentötungen in Auschwitz-Birkenau, Treblinka und anderen »Vernnichtungslagern« erklärt er für Legenden, die aus der alliierten Kriegspropaganda und aus der Phantasie jüdischer Deportierter hervorgegangen seien.“ (Ebd., 2002, S. 94).

„Die Radikalen behaupten, daß die »Endlösung der Judenfrage« eine Erfindung des Weltjudentums zum Zweck der Gründung Israels gewesen sei; kein Jude und auch kein Zigeuner sei jemals im großdeutschen Machtbereich bloß aufgrund seiner rasse getötet worden.“ (Ebd., 2002, S. 95).

„Eine andere Tendenz dieser revisionistischen Schule leugnet jedoch das Massensterben von Juden, Zigeunern, Polen, sowjetischen Kriegsgefangenen und anderen in »Todeslagern« nicht, aber sie bestreitet das Vorliegen eines »Führerbefehls« und die systematische Massentötung in gaskammern. Insofern berührt sie sich partiell mit der Schule der »Funktionalisten« , die in der »Endlösung« eine Kumulierung von Einzelmaßnahmen.“ (Ebd., 2002, S. 95-96).

„untergeordneter Stellen erblickt und die fast durchweg als seriöse wissenschaftliche Richtung anerkannt ist. Aber sogar was die Gaskammern angeht, läßt sich das Eingeständnis nicht umgehen, daß die Revisionisten um Faurisson einige Argumente vorgebracht haben, die sich nicht einfach fortwischen lassen, oder aber den Finger auf Tatbestände legen, die zwar bekannt waren, aber nicht genügend beachtet wurden. Ich zähle einige dieser Argumente und Tatbestände auf:
-Der Aussage des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, die unzweifelhaft sehr wesentlich zum inneren Zusammenbruch der Angeklagten im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher beitrug, gingen Folterungen voraus; sie war also nach den Regeln des westlichen Rechtsverständnisses nicht gerichtsverwertbar.
-Die sogenannten Gerstein-Dokumente weisen so viele Widersprüche auf und schließen so viele objektive Unmöglichkeiten ein, daß sie als wertlos gelten müssen.
-Die Zeugenaussagen beruhen zum weitaus größten Teil auf Hörensagen und bloßen Vermutungen; die Berichte der wenigen Augenzeugen widersprechen einander zum Teil und erwecken Zweifel hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit.
-Eine sorgfältige Untersuchung durch eine internationale Expertenkommission ist, anders als im Falle Katyn nach der Entdeckung der Massengräber durch die deutsche Wehrmacht im Jahre 1943, nach dem Ende des Krieges erfolgt. und die Verantwortung dafür kommt den sowjetischen und polnischen Kommunisten zu.
-Die Veröffentlichung von Fotografien der Krematorien und einiger Kannen mit der Aufschrift »Zyklon B - Giftgas« hat keinerlei Beweiswert, da in größeren typhusverseuchten Lagern Krematorien vorhanden sein müssen und da Zyklon B ein bekanntes »Entwesungsmittel« ist, das nirgendwo entbehrt werden kann, wo Massen von Menschen unter schlechten sanitären Bedingungen zusammenleben. (Eine informative Zusammenfassung nahezu aller »revisionistischen« Argumente ist das von Ernst Gauss [Pseud. für Germar Rudolf] herausgegebene Sammelwerk Grundlagen zur Zeitgeschichte - Ein Handbuch über strittige Fragen des 20. Jahrhunderts, 1994.).
.... Damit wird eine dritte Richtung innerhalb des radikalen Revisionismus vorstellbar, die eine vorschnelle Generalisierung vermiede und trotzdem erheblich über die »Funktionalisten« hinausgehen würde, eine Richtung, die sich die Aussage des amerikanisch-jüdischen Historikers Arno Mayer zu eigen machen würde, nämlich den Satz »Die Quellen für das Studium der Gaskammern sind zugleich selten und unverläßlich. (Vgl. ders., a.a.o, S. 362). Eine solche Aussage durch ein Gesetz verbieten zu lassen, wäre unzweifelhaft ein gravierender Verstoß gegen den Geist der Wissenschaft; eine Infragestellung der überlieferten Auffassung, daß die Massenvernichtung in Gaskammern durch zahllose Aussagen und Tatsachen zwingend bewiesen sei und außerhalb jeden Zweifels stehe, muß zulässig sein. oder Wissenschaft ist als solche in diesem Bereich überhaupt nicht zulässig und möglich.“ (Ebd., 2002, S. 96-97).

„Diese Auffassung, daß hinsichtlich des »Holocaust« ein wissenschaftliches und mithin Fragen und Zweifel zulassendes Verfahren unerlaubt und daß dessen Voraussetzung, »das Vergehen der Vergangenheit«, undenkbar sei, ist in der Tat die entschiedenste Gegenthese, die allem Revisionismus in diesem Felde entgegengestellt werden kann - genauer ausgedrückt, handelt es sich um die radikale Ausgangsthese, welcher der Revisionismus als Leugnung bestimmter Tatbestände gegenübertritt. .... Hier ist also Geschichte ganz offenbar wieder zum Mythos geworden. Freilich nicht zum heiligen, sondern zum unheiligen Geschehen, das aber ebenfalls alle Zeiten unverändert und unantastbar überdauert, als eine Vergangenheit, welche nicht vergehen kann, sondern die Gegenwart für immer bestimmen muß. (Vgl. »Die Vergangenheit, die nicht vergehen will«, in: F.A.Z., 06.06.1986).“ (Ebd., 2002, S. 97).

„Eine absolute Singularität kann dieser »Endlösung« aber nicht zugeschrieben werden, da ihr eine andere Art von »Endlösung« auf sowjetischer Seite genau entspricht.“ (Ebd., 2002, S. 98).

Was ist „historischer Revisionismus“?
(Vortrag bei der Herbsttagung der zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt am 20.11.1999)
„Und im Zweiten Weltkrieg glichen Ideologie und Kriegführung der US-Amerikaner eher denjenigen der Nationalsozialisten als denen eines humanistischen Kreuzfahrerheeres: Die Japaner wurden als »Untermenschen« betrachtet und behandelt, deren Verwundete man nicht selten zusammen mit bereits Gestorbenen begrub, die eigenen Staatsbürger japanischer Abkunft wurden ebenso in Lager deportiert, wie es den deutschen Juden widerfuhr, und Roosevelt sprach sich für die Kastrierung aller Deutschen aus. Nichts von all dem läßt sich zureichend aus der Kriegssituation erklären. Die Auffassungen über den notwendigen Kampf der Höherwertigen gegen die Minderwertigen, die Theodore Roosevelt schon vor dem Ersten eie entwickelte, waren nach Losurdo eine Präfiguration Hitlerscher Ideologeme. Die englische Propaganda sei bereits im Ersten Weltkrieg von einer Skrupellosigkeit sondergleichen gewesen, indem sie Gerüchte über die Seifenherstellung aus Leichen durch die Deutschen verbreitete und die Nachricht in die Welt setzte, 700000 Serben seinen von Österreichern und Bulgaren durch Gas getötet worden. Losurdo macht sich die Vorstellung der Kriegsgreuel auf alliierter Seite so sehr präsent, daß er sich zu einem Ausruf verleiten läßt, der nicht bloß revisionistisch, sondern geradezu negationistisch klingt: »Man muß daher Verständnis für die Argumente des historischen Revisionismus oder genauer des sogenannten Negationismus haben. Weshalb sollte nicht auch die systematische Vernichtung der Juden, die dem Dritten Reich zu geschrieben wir, ein Mythos sein?«  (Domenico Losurdo, a.a.o., S. 181). .... Wenig später wird im Ausgang von der revisionistischen These einer »jüdischen Kriegserklärung« durch Chaim Weizmann nachdrücklich behauptet, die Juden- »das sei zu ihrer Ehre gesagt« - seien keineswegs die passiven Opfer des genozidalen Angriffs gewesen, sondern sie hätten sich (man muß wohl ergänzen: schon vor dem Ausbruch des Krieges) auf der internationalen Ebene den Plänen ihrer Verfolger entgegengestellt und sie hätten dann mit den Widerstandsbewegungen zusammengearbeitet und aktiv am Kampf der Partisanen teilgenommen.“ (Ebd., 2002, S. 108-109).

„Konzeption des Zweiten Dreißigjährigen Krieges ....“ (Ebd., 2002, S. 109).

„Der »historische Revisionismus«, über den dessen Gegner so viel zu sagen wissen, ist im Grunde überhaupt kein »Revisionismus« ....“ (Ebd., 2002, S. 113-114).

„Für Hannah Arendt war es 1950 selbstverständlich, daß man keine wesentlichen Unterscheidungen zwischen »Kulaken« und »Juden« vornehmen dürfe.“ (Ebd., 2002, S. 114).

Antwort auf Israel Gutman
(Geschrieben Ende 1999 für eine in Auschwitz geplante Tagung - wegen Erkrankung nicht gehalten)
„Ich möchte Herrn Gutman nicht improvisiert antworten, und deshalb gehe ich von seinem Aufsatz »Nolte and Revisionism« aus, der 1988 in den »Yad Vashem Studies« erschienen ist.l Die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit erlaubt mir leider nicht, einiges zu den historischen Voraussetzungen meines Selbstverständnisses zu sagen, wodurch vermutlich deutlich werden würde, wie wenig angemessen der Terminus »Revisionismus« ist. Vor einem Publikum von Kennern darf ich mich indessen wohl mit einigen Thesen begnügen, die diesen Hintergrund immerhin andeuten.“ (Ebd., 2002, S. 116).

„Wer ein Buch mit dem Titel »Der Faschismus in seiner Epoche« schreibt, stellt damit eine Beziehung zu jenen Konzeptionen oder Theorien her, die das Ganze der Periode der beiden Weltkriege in den Blick fassen. Dazu zählen die beiden Versionen der marxistischen Auffassung, die »orthodoxe« und die leninistische; die um den negativ gefaßten Begriff der »Säkularisierung« zentrierte Verfallstheorie der Geschichte; die »klassische« Version der Totalitarismustheorie und auch die scheinbar partikularen Konzeptionen der jüdischen, der überwiegend deutschen negativ-nationalistischen und der psychoanalytischen Theorie. Im Bereich der westlichen Welt kam seit etwa 1950 der klassischen Totalitarismustheorie Hannah Arendts und Carl J. Friedrichs der Vorrang zu, und es ist wichtig festzustellen, daß für beide Autoren die Vernichtung der Kulaken in der Sowjetunion und die Ausrottung der Juden durch das Dritte Reich genaue Parallelen bilden. Von dieser Version der Totalitarismustheorie ist aber eine zweite zu unterscheiden, die ich die historisch-genetische nenne und die durch Autoren wie Jakob Talmon, Norman Cohn und Karl August Wittfogel begründet wurde. Die Werke dieser Autoren reichen nur bis an die Schwelle der Periode der Weltkriege, aber sie sind keineswegs bloß eine Geschichte der totalitären Demokratie oder des »Pursult of the Millennium« oder der hydraulischen Gesellschaft im Orient und im »Apparatstaat« der Sowjetunion, sondern sie zielen auf ein Verständnis des Kampfes von »linkem« und »rechtem« Totalitarismus im 20. Jahrhundert, zwischen denen nicht nur eine grundlegende Differenz, sondern auch ein kausaler Nexus besteht. So läßt sich von bestimmten Aussagen Wittfogels aus leicht die These entwickeln, Faschismus und Nationalsozialismus seien aus der Reaktion gegen den eigentlichen, den kommunistischen Totalitarismus entstanden und sie seien nicht ohne ein gewisses historisches Recht gewesen, das sich freilich in eindeutiges Unrecht verkehrt habe, da aus dem Willen zur totalen Entgegensetzung ein innerer Zwang zu Imitation und Angleichung resultiert habe.“ (Ebd., 2002, S. 116-117).

„An diesem Punkte setzte 1963 »Der Faschismus in seiner Epoche« an. Das Buch wurde damals häufig als »Überwindung der Totalitarismustheorie« oder als Wegbereitung für den Marxismus verstanden, aber es wurde von einigen Kritikern auch dem negativen Nationalismus zugerechnet, und es stand jedenfalls der jüdischen Auffassung nahe, da es »Auschwitz« ohne jede Einschränkung als singulär, als »Untat ohnegleichen« kennzeichnet und darin die innerste Konsequenz der nationalsozialistischen Ideologie erblickt. Aber die Judenvernichtung wurde doch in einen bestimmten Kontext gestellt, denn die Definition des Faschismus lautet bekanntlich, er sei »Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet ....« (Ebd., 1963, S. 51). Da der Marxismus der Zeit vor 1917 noch nie einen Gegner vernichtet hatte, ließe sich die Aussage auch so formulieren, zwischen dem Gulag und Auschwitz bestehe ein kausaler Nexus. Dies bedeutete sicherlich einen Schritt über die Parallele zwischen Kulaken und Juden hinaus, die Hannah Arendt gezogen hatte, aber es impliziert keine Leugnung der Singularität von Auschwitz, so wenig es den Begriff des Faschismus als solchen an eine Intention der physischen Vernichtung band, die ja weder im »Frühfaschismus« der Action française noch im Normalfaschismus« Mussolinis vorlag. Gleichwohl stelle ich nicht in Abrede, daß das Bekanntwerden mit der von David Shub zitierten Äußerung Grigorij Sinovjews aus dem Herbst 1918, die Bolschewiki müßten von den 100 Millionen der Einwohner Rußlands 90 für sich gewinnen; mit den restlichen 10 Millionen hätten sie nicht zu reden, sondern sie müßten sie vernichten, den Weg zu jener Formulierung bahnte, die 1986 so viel Anstoß erregte, obwohl sie der Sache nach in der angeführten Definition bereits enthalten war. Erstmals glaubten Kritiker eine Wandlung zu erkennen, als 1974 in »Deutschland und der Kalte Krieg« die Wendung zu finden war, jeder bedeutende Staat der Gegenwart, der sich ein außerordentliches Ziel setzte, habe »seine Hitlerzeit mit ihren Ungeheuerlichkeiten und ihren Opfern« gehabt. (Vgl. ebd., 1974, S. 601).“ (Ebd., 2002, S. 117-118).

„Ich glaube nicht, daß es sich um eine propagandistische Floskel hadelte, als Goebbels 1937 nach der Lektüre des Buches von Solonewitsch in sein Tagebuch schrieb: »Das ist in Rußland die Hölle auf Erde. Ausradieren! Muß weg!«  (Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hrsg. von Elke Fröhlich. München 1987 ff., Teil I, Bd. 3, S. 301 [14.0ktober 1937]. Wie wenig dieser Ausruf von Goebbels als »Hetze«, »Demagogie« oder »Selbstbetrug« abgetan werden kann, müßte sogar dem radikalsten »Antifaschisten« evident sein, wenn er in den Erinnerungen Lew Kopelews folgende Sätze über dessen aktive Teilnahme an jener »Kollektivierung« liest, die Jürgen Habermas 1986 die »Vertreibung der Kulaken« nannte: »Unser großes Ziel war der Weltkommunismus; um seinetwillen kann man und muß man lügen, rauben, Hunderttausende, ja Millionen von Menschen vernichten - alle, die diesem Ziel hinderlich im Wege stehen oder im Wege stehen könnten. .... Und in dem furchtbaren Frühling 1933, als ich die Verhungerten, die Frauen und Kinder sah - aufgedunsen, blau, kaum noch atmend, schon mit verlöschenden, tödlich gleichgültigen Augen - ... da verlor ich darüber nicht den Verstand, brachte mich nicht um, verfluchte nicht diejenigen, die Schuld hatten am Verderben »nichtbewußter« Bauern ...,« [Lew Kopelew, Aufbewahren für alle Zeit, 1976, S. 42].). Ich habe in den »Streitpunkten« eine ganze Anzahl von Äußerungen führender Nationalsozialisten zitiert, die unter Beweis stellen, wie stark sie von dieser Literatur russischer Antibolschewisten und Emigranten beeindruckt waren. Ich habe auch die Äußerung von Höß angeführt, die jedermann in der Broszatschen Ausgabe nachlesen kann und die doch meines Wissens nirgendwo in der Literatur zitiert worden ist, daß den Kommandanten der nationalsozialistischen Konzentrationslager vom RSHA umfangreiches Material über die sowjetischen Konzentrationslager zugeleitet wurde, aus dem hervorging, daß hier ganze Völkerschaften durch ein Übermaß an Arbeit und durch Hunger vernichtet wurden. (Vgl. Martin Broszat [Hrsg.], Kommandant in Auschwitz - Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, 1963, S. 139). Und ich will zwei Sätze aus dem 1982 auf deutsch erschienenen Werk von Andrzej Kaminski über »Konzentrationslager 1896 bis heute« zitieren: Die sowjetischen Äußerungen und Maßnahmen schon der 1920er Jahre hätten »den Nazis bei der Errichtung ihrer eigenen KZs und überhaupt bei der Errichtung ihrer eigenen terroristischen Diktatur als Vorbild gedient«; die deutsche Wissenschaft sei dieser Tatsache aber bisher aus dem Wege gegangen, weil jeder entsprechende Hinweis eines deutschen Forschers »von sowjetischer und pro-sowjetischer Seite einen der bekannten Stürme der Empörung« hätte hervorrufen müssen. (Vgl. Andrzej Kaminski, Konzentrationslager 1896 bis heute, 1982, S. 78, 89). Aber die Mythologisierung und irrationale Zurechnung wird umso auffälliger, wenn Goebbels im September 1941 nach einem Gespräch mit Heydrich schreibt, die Juden würden jetzt inso sowjetische KZs gebracht und das sei nur gerecht, da sie diese ja selbst ebaut hätten. (Vgl. Martin Broszat, Hitler und die Genesis der »Endlösung«, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 25, 1977, S. 739-775, S. 751). Um es zu wiederholen: Der kausale Nexus zwischen Gulag und Auschwitz war real ....“ (Ebd., 2002, S. 120).

„Herr Gutman macht es mir zum Vorwurf, Publikationen benutzt zu haben, »die den Holocaust leugnen«. Aber das Tucholsky-Zitat, auf das Herr Gutman anspielt, hat mich nicht deshalb frappiert, weil ich es in dem Buch von Wilhelm Stäglich gefunden habe, sondern weil es sich ... als richtig herausstellte. Ich muß zu meinem Bedauern sagen, daß Herr Gutman mit diesem Vorwurf nicht mehr den Mitbegründer der historisch-genetischen Version der Totalitarismustheorie angreift, sondern das Prinzip der Wissenschaft selbst. Auch in der revisionistischen Literatur kann Richtiges oder Bedenkenswertes enthalten sein, und wer darauf verzichtet, sie prüfend zur Kenntnis zu nehmen, kann nicht den Anspruch erheben, ein Wissenschaftler zu sein.“ (Ebd., 2002, S. 121).

„Was man nämlich mit nahezu apriorischer Gewißheit über ein von niemandem bestrittenes Ereignis sagen kann, ist dsa folgende: Die Deporation europäischer Juden »in den Osten« und das Verschwundenbleiben eines großen, ja des größten Teils dieser Deportierten nach dem Kriege mußte eine ungeheure Fülle von Berichten, Vermutungen und Gerüchten entstehen lassen. Nach allen Präzedentien der Weltgeschichte mußten darin zahlreiche Unrichtigkeiten, Widersprüche und Falschaussagen enthalten sein. Den Zahlenangaben Kurt Gersteins gegenüber zeigte sich Hans Rothfels schon 1953 skeptisch. »Jan Kirski« berichtete 1944 nach seinem angeblichen Besuch in Belzec, die Juden würden dort in Züge umgeladen, deren Boden mit ungelöschtem Kalk bedeckt sei. Dadurch werde auf der Fahrt ihr Tod herbeigeführt, und nach ca. 100 Kilometern würden die leichen in den Wäldern ausgeladen. (Vgl. Jan Kirski [Pseud.], a.a.O.). Andere berichte sprachen von Massentötungen durch Starkstrom auf riesigen Metallplatten oder vom Sterben in Kammern, in die heißer Dampf eingeleitet oder aus denen die Luft ausgepumpt worden sei. Natürlich könnte es mehrere Tötungsmethoden gegeben haben, aber die meisten tauchen heute in wissenschaftlichen Darstellungen nicht mehr auf. Die Augenzeugenberichte über die Vorgänge in den Gaskammern sind, wie Arno J. Mayer formuliert hat, »gering an Zahl und unverläßlich«. (Vgl. ebd, a.a.o, S. 362). Die frühen Geständnisse von Tätern sind jedenfalls zum Teil durch Folterungen zustandegekommen, und was Höß angeht, konnte jedermann seit vielen Jahren die entsprechende Aussage in der Ausgabe von Broszat nachlesen. (Vgl. ebd, a.a.o, S. 149). Daß »Vergasung« und »Entwesung« als Synonyme betrachtet wurden, daß in sämtlichen Lagern Zyklon B zu sanitären Zwecken unentbehrlich war, mußte der Ausgangspunkt von Gerüchten sein. Nichts von diesen Unklarheiten und Widersprüchen ist geeignet, grundsätzliche Zweifel an der Massenvernichtung in Auschwitz und anderswo und an der Rolle von Gaskammern zur Menschentötung zu begründen, denn es ist bekannt, daß die Massenerschießungen des zweiten Halbjahrs 1941 von Befehlshabern und Ausführenden als unerhörte Belastung empfunden wurden und daß man nach »humaneren« Methoden der Vernichtung suchte. Die Wichtigkeit dieses Gesichtspunktes und die Realität der daraus abzuleitenden Konsequenzen wird durch nichts stärker unterstrichen als durch die Formulierung Hitlers in seinem »Politischen Testament«, der eigentlich Schuldige, das Judentum, habe diesmal seine Schuld gebüßt, »wenn auch durch humanere Mittel«. Zwar ist eine Annahme, welche die Vergasung als »Einschläferung« aufzufassen scheint und in einem bekannten SS- Dokument auch wörtlich so verstanden wird, all denjenigen unerträglich, welche die Singularität von Auschwitz in exzessiver Grausamkeit sehen wollen, aber sie dürfte mehr Kraft des Wahrscheinlichmachens haben .... Eins sollte jedenfalls unbestreitbar sein: Es ist nicht nur eine legitime, sondern eine unumgängliche Aufgabe der Wissenschaft, Zeugenaussagen nicht einfach zu akzeptieren, sondern kritisch zu untersuchen, Zahlenangaben im Rahmen des Möglichen zu überprüfen, Gerüchte als Gerüchte zu enthüllen und klare Unterscheidungen zwischen Bewiesenem, Vermutetem, Unwahrscheinlichem und Erfundenem zu treffen. Ich halte es für schlechthin unzulässig, diese Aufgabe durch die Kennzeichnung schon der Fragestellung als »revisionistisch« für illegitim zu erklären und Wissenschaftlern die Benutzung eines Teils der Quellen und der Sekundärliteratur zu verbieten.“ (Ebd., 2002, S. 121-122).

„Diese Aussage ist, mutatis mutandis, auch auf die jüngste Entwicklung des Revisionismus anzuwenden, welche die frappierendste und herausforderndste von allen ist, obwohl auch sie zu einer »Leugnung des Holocaust« als intendierten millionenfachen Massensterbens nur dann führen könnte, wenn die phantastische These richtig wäre, die nach Osten deportierten Juden seien in Weißrußland angesiedelt worden, wie sich aus einer auffallenden Bevölkerungsvermehrung ergebe. (Vgl. Steffen Werner, Die zweite babylonische Gefangenschaft - Zum Schicksal der Juden im Osten seit 1941, 1990). Es handelt sich um die Behauptung, aufgrund naturwissenschaftlicher Befunde bzw. technischer Tatbestände habe es Massentötungen durch Vergasung entweder nicht gegeben oder überhaupt nicht geben können, zum mindesten nicht in dem bisher angenommenen Umfang. Ich spreche von den chemischen Untersuchungen bzw. Gutachten zu den Cyanid-Restbeständen in den Entwesungskammern einerseits und in den zunächst als »Leichenhallen« vorgesehenen Räumen der Krematorien andererseits durch Leuchter, Rudolf und Lüftl sowie nicht zuletzt von den ungemein detaillierten Studien Carlo Mattognos zu scheinbaren Detailfragen wie Verbrennungsdauer, Koksverbrauch und ähnlichem. Gegen die immer wieder vorgebrachte These, daß das naturwissenschaftlich oder technisch Unmögliche nicht stattgefunden haben könne, selbst wenn Hunderte von Geständnissen und Zeugenberichten das Gegenteil sagten, läßt sich im Prinzip nicht argumentieren; die Frage ist eben, ob wirklich eine solche Unmöglichkeit bestanden hat, so daß man nur von Opfern des Typhus und einer nach heutigen Maßstäben »normalen« Zahl von Kremierungen sprechen dürfte. Das Eingeständnis ist unumgänglich, daß Geisteswissenschaftler und Ideologiekritiker in dieser Frage nicht mitreden können. Aber da es im Augenblick so aussieht, als wäre Jean-Claude Pressacl (vgl. ebd., 1994) der wichtigste unter den naturwissenschaftlich vorgebildeten Vertretern der überlieferten Auffassung, wird man sagen müssen, daß dieser Umstand allein ein hochmütiges oder erbittertes Aburteilen über den »Revisionismus« unmöglich machen sollte, denn Wissenschaft entwickelt sich durch Widerspruch, und gerade Pressac hat von dem revisionistischen Widerspruch nicht wenig aufgenommen. Der Ideologiehistoriker hat gleichwohl keinen Grund, von seiner Überzeugung abzugehen, daß Hitler ein fanatischer Ideologe und ein auf Vernichtung ausgerichteter Judenfeind war. Er würde aber in die Irre gehen, wenn er übersähe, daß Hitler auf noch ursprünglichere Weise ein radikaler Antimarxist bzw. Antibolschewist und gerade deshalb ein innerlich vom Bolschewismus auch in seinem Vernichtungswillen abhängiger Antibolschewist bzw. Antimarxist war. Ein »Auschwitz«, das den »Gulag« nicht einbeziehen, sondern verdrängen will, ist eine Lüge. Aber eine nicht minder große Lüge wäre die Annahme, zwischen Gulag und Auschwitz bestehe ein kausaler Nexus von rationaler Art. Die Spannweite zwischen diesen beiden Aussagen gilt es auszuhalten, wenn wir Wissenschaft treiben und uns von Propaganda fernhalten wollen, sei diese Propaganda auch noch so gut gemeint und edelgesinnt. Nur durch immer umfassendere und also weniger einseitige Interpretation auch der Zeitgeschichte werden wir einem gesellschaftlichen System gerecht, das jetzt wieder allen Europäern gemeinsam ist, das einst der Nährboden sowohl der kommunistischen wie der faschistischen Ideologie war und das als es selbst den Drang nach Vollkommenheit und Konfliktlosigkeit nicht erfüllen kann, aber eben deshalb einer so fragilen Realität wie den historischen und politologischen Wissenschaften in Entwurf, Mühsal, Kritik und Selbstkritik eine sonst nirgendwo vorhandene Heimstatt bietet.“ (Ebd., 2002, S. 122-124).

„Holocaust vor dem Holocaust“ oder „gewöhnlicher Genozid“?  Die „Armeniergreuel“ in der Türkei 1915-1918?
(Originalbeitrag für die vorliegende Publikation, geschrieben Ende 2000)
„Aber die Völkermorde in Kamboscha und Ruanda ereigneten sich erheblich später als »der Holocaust«, und wenn man nicht die Konzentrationslager des spanischen Generals Weyler während der Kämpfe in Kuba um 1900 oder die etwa gelichzeitigen Konzentrationslager der Engländer im Burenkrieg einbeziehen will, dann war der Genozid an den Armeniern in der Türkei der Jahre 1915 und 1916 jedenfalls früher ....“ (Ebd., 2002, S. 127).

„Dadrian gibt die Schilderung eines armenisch-katholischen Bischofs von der Verbrennung von tausend Kindern durch den Gouverneur der Stadt Musch in Gegenwart von türkischen Notabeln wieder, und er zitiert zustimmend die Kennzeichnung der Vernichtung von anderthalb Millio~ nen Armeniern durch Bernard Lewis als »der schreckliche Holocaust von 1916« (Bernard Lewis, The Emergence of Modern Turkey, 1961, S. 350; vgl. ders., Holocaust and Genocide Studies, 1988, S. 151-169)“ (Ebd., 2002, S. 127).

„Ähnliche Vergleiche zwischen dem armenischen und dem jüdischen Fall finden sich in dem von Richard G. Hovannisian herausgegebenen Sammelband »The Armenian Genocide in Perspective« (II), aber die weitaus radikalste Infragestellung, ja die Verwerfung der »Einzigartigkeitsthese« ist in dem von Alan S. Rosenbaum herausgegebenen Sammelband »Is the Holocaust unique?«  zu lesen, und zwar aus der Feder des an der Universität von Hawaii tätigen us-amerikanischen Historikers David E. Stannard.“ (Ebd., 2002, S. 129).

„Stannard hat sich durch Untersuchungen zur Vernichtung der Indianer einen Namen gemacht, und seine Ausführungen sind von der Empörung geprägt, welche die Opfer eines großen Verbrechens oder deren Wortführer empfinden, wenn die Opfer eines anderen großen Verbrechens ihre Erfahrung herabzusetzen oder gar fortzustoßen versuchen. So isdt sein Ansatzpunkt durchaus von »linker« Art, nämlich als Polemik gegen die »euro-amerikanische Ideologie der weißen Überlegenheit«, und offensichtlich betrachtet er die »exklusivistische Idee« jüdischer Intellektueller von der Einzigartigkeit »ihres« Holocaust als einen Teil oder Aspekt dieser Ideologie. Die Juden legten einen »Ausrottungsstolz« an den Tag, der ihnen »eine Art Status als priviegierte Nation in der moralischen Ehrentafel« zukommen lasse, aber bei Licht besehen sei »die ganze Suche nach jüdischer Einzigartigkeit als Opfer eine Sache von vernebelnder Spiegelung.« In Wahrheit seien die Indianer in Amerika längst vor Hitlers Geburt als »Ungeziefer« bezeichnet worden, und sogar in Auschwitz seien nach dem jüdischen Historiker Arno Mayer mehr Menschen durch »natürliche« Ursachen wie Hunger und Seuchen als durch »unnatürliche« wie die Gaskammern umgekommen. Die Selbstgerechtigkeit des Glaubens an das Erwähltsein prangere ernste Forchung als »antisemitisch« an, sei aber selbst von rassistischen Vorstellungen erfüllt und stelle die genaue Entsprechung zu dem vielbekämpften »Negationismus« dar, welcher die Leiden der Juden leugne, aber man selbst leugne oder verharmlose die Leiden der Indianer oder der Armenier.“ (Ebd., 2002, S. 129-130).

„Es ist bewundernswert, daß eine so schroffe »antijüdische« Polemik von dem jüdischen Herausgeber Alan S. Rosenbaum in seinem Sammelband aufgenommen wurde, und es ist noch bewundernswerter, daß der Autor des Vorworts, Israel W. Charny, 1982 den türkischen Pressionen einem schließlich erfolgreichen Widerstand leistete, die sich gegen das von ihm organisierte Symposium in Tel Aviv über den Vergleich zwischen den beiden Genoziden oder Holocausts richteten, obwohl die israelische Regierung aus Gründen der politischen Opportunität das türkische Ansinnen unterstützt hatte. Natürlich werden in dem Sammelband auch entgegengesetzte Auffassungen artikuliert wie etwa von Steven Katz, aber schon daß der von Vertretern der Sinti und Roma, der Zigeuner, geprägte Terminus »Porrajmos« als Entsprechung zu »Holocaust« in einem anderen Artikel eine Rolle spielt, kann als eine »Relativierung« angesehen werden, und man darf vermuten, daß das palästinensische synonym »nakba« in einer kritischen Darstellung der Entstehung des Staates Israel nicht unerwähnt geblieben wäre, obwohl allenfalls in dem ganz weiten Sinne von »Vertreibung« ein Völkermord konstatiert werden kann.“ (Ebd., 2002, S. 130).

„Der Berliner Kongreß von 1878 machte unter dem Vorsitz Bismarcks einen großen teil der russischen Erfolge wieder zunichte, und die armensicen Gebiete wurden geräumt, ohne daß die Reformen durchgeführt und gesichert worden wären. Bis zum Ersten Weltkrieg bestand die Geschichte des osmanischen Weltreiches unter der Herrschaft des des despotischen, aber im Grunde schwachen Sultans Abdul-Hamid (Abd Al-Hamid II) aus dem periodischen Aufbegehren der unterworfenen, meist christlichen Völker, dem ständigen, durchweg »humanitär« begründeten Drängen der europäischen Großmächte nach »Reformen«, derVerhinderung oder Verschleppung der geforderten Emanzipationen durch die osmanischen Behörden und den sehr egoistischen Versuchen dieser Großmächte, Teile der Erbschaft des »kranken Mannes am Bosporus« an sich zubringen. Der spektakulärste dieser Akte war 1911 der Angriff Italiens gegen den nordafrikanischen Teil des Reiches, Libyen, der die Kette der Balkankriege und im Zusammenklang mit anderen Ursachen sogar den Weltkrieg in Gang setzte. Die Armenier hatten vergleichsweise den geringsten Anteil an diesem Aufbegehren, und sie wurden vom Sultan sogar die »treue Nation« genannt, aber sie waren durch ihre geographische Lage im zentralen Grenzgebiet des Reiches ein Gegenstand von besonders aufmerksamem Mißtrauen, und auch unter ihnen kamen »moderne Parteien« auf wie die Huntschakisten und die Daschnakisten, die mancherlei Ähnlichkeiten mit den russischen Narodniki bzw, Sozialrevolutionären aufwiesen.“ (Ebd., 2002, S. 132-133).

„Den Anfang der armenischen Greuel von 1894-1896, die in Europa ein ähnliches Aufsehen erregten wie zwei Jahrzehnte zuvor die »bulgarischen Greuel«, bildeten aber nicht Aktionen der noch recht schwachen Parteien, sondern wie zuvor in Montenegro und Bosnien, ein Auftsand der doppelt gequälten Landbevölkerung der Gegend von Sassoun: Zu den gewaltigen, durch Steuerpächter auf oftmals undurchsichtige Weise eingetriebenen Staatslasten kamen noch Zahlungen und Tribute, die von kurdischen Häuptlingen den armenischen Bauern aufgezwungen wurden, so daß deren Lage unerträglich wurde. Die Türken antworteten auf diesen Aufstand, der nicht wirklich ein Aufstand war, mit blutigen Massakern, denen Tausende zum Opfer fielen und an denen auch Kurden und die sogenannte »Hamidische Kavallerie« beteiligt waren, eine semi-legale, im Namen des Sultans aufgestellte Truppe, Aktion und Reaktion ließen sich nun in weiten Teilen der Türkei nicht mehr klar auseinanderhalten, aber die Reaktion, an der sich die türkische und die kurdische Bevölkerung in erheblichem Ausmaß beteiligte, war unvergleichlich stärker und ging an vielen Stellen über ein rationales Verhältnis von Herausforderung und selbst exzessiver Vergeltung weit hinaus, indem die Armenier als solche zum Angriffsobjekt gemacht wurden, ohne Frauen und Kinder auszunehmen.“ (Ebd., 2002, S. 133).

„Diese entsetzliche Art der Vergeltung, die jeden einzelnen erreichbaren Armenier zum Jagdwild machte, das man mit Beilen, Jacken und Stöcken umzubringen suchte, wiederholte sich in noch schlimmerer Form, als Huntschakisten im August 1896 die »Osmanische Bank« in Konstantinopel für einige Zeit in ihre Gewalt brachten.“ (Ebd., 2002, S. 134).

„Eijne besonders ergreifende und charakteristische Schilderung wird in einem 1912 in London erschienenen Buch wiedergegeben: »Zuerst kamen die türkischen Truppen in die Stadt, um Massenmord zu begehen, dann kamen die kurdischen Freischärler und Stammeskrieger, um zu plündern. Schließlich kam der Holocaust (sic!)  durch feuer und Zerstörung ....« (Zitiert nach Vahakn N. Dadrian, The History of the Armenian Genocide, 1997, S. 149).“ (Ebd., 2002, S. 135).

„Die Statistiker sind sich über die Gesamtverluste nicht einig und können sich angesichts der Unvollständigkeit der Quellen nicht einig sein, aber eine immerhin wahrscheinliche Aufstellung besagt, daß in diesen zei jahren etwa 200000 Armenier getötet wurden, daß über tausend Kirchen der Zerstörung oder der Umwandlung in Moscheen anheimfielen und daß etwa 1 Mio. zu Opfern von Raub und Plünderungen wurden. Die Ähnlichkeit mit den noch weit umfassenderen Massenmorden der Jahre 1915/1916 (etwa 1,5 Mio. Todesopfer) springt ins Auge und schon damals sagten kundige Beobachter die vollständige Vernichtung der Armenier voraus.“ (Ebd., 2002, S. 135).

„1909 ... kam es ... in Adana zu »fundamentalistischen« und überaus brutalen Ausschreitungen gegen die Armenier. .... 30000 Todesopfer ....“ (Ebd., 2002, S. 136).

„Man braucht sich in der tat nur die Ereignisse von 1894-1896 zu vergegenwärtigen, um zu erkennen, daß eine Verschärfung nichts anderes als die gezielte Vernichtung eines ganzen Volkes zur Folge haben konnte.“ (Ebd., 2002, S. 141).

„Auch Toynbee nahm klare Beweise wahr, »daß das Verbrechen gegen die armenische Rasse wohlüberlegt, sorgfältig geplant und in der Ausführung gut organisiert war.« (Arnold J. Toynbee, Armenain Atrocities - The Murder of a Nation, 1915, S. 80). .... So sei »die ganze Rasse für die Vernichtung vorgesehen.« (Ebd., S. 104).“ (Ebd., 2002, S. 142).

„Bericht des deutschen Schuldirektors Huber in Aleppo vom 15. Oktober 1915, von der deutschen Botschaft dem Auswärtigen Amt übermittelt: »dagegn sei uns erlaubt, einen kleinen Ausschnitt aus dem Massenelend dieser Volksvertilgung ((!)) zu beleuchten ....« (In: Johannes Lepsius [Hrsg.], Deutschland und Armenien 1914-1918 - Sammlung diplomatischer Aktenstücke, 1919, S. 165. Der Bericht stammt von dem Oberlehrer Dr. Niepage und wird von dem Direktor sowie zwei weiteren Lehrern mit Nachdruck bestätigt.).“ (Ebd., 2002, S. 143).

»„Es ist ersichtlich, daß die Regierung den Plan verfolgt hat, sie Hungers sterben zu lassen. .... Wie an die Pforte von Dantes Hölle kann man die Eingänge des Konzentrationslagers schreiben Die ihr hiereintretet, lasset alls Hoffnung fahren! .... Soweit das Auge reicht, sieht man Erdhügel, von denen jeder etwa zweihundert bis dreihundert Leichen enthält .... Der-es-Zor ist der Sitz des Goub´verneurs der Provinz gleichen Namens .... Aber nein, es war ein vorbedachter Plan, die armensiche Frage aus der Welt zu schaffen.« (In: Johannes Lepsius [Hrsg.], Deutschland und Armenien 1914-1918 - Sammlung diplomatischer Aktenstücke, 1919, S. 486ff.).“ (Ebd., 2002, S. 144).

„Seit dem 24. April 1915 waren noch nicht zwei Jahre vergangen, und die Vernichtung der türkischen Armenier war abgeschlossen ....“ (Ebd., 2002, S. 144).

„Aber noch lebten mehr als eine Million Armenier auf der russischen Seite, und etwa 300000 der türkischen Armenier war es gelungen, dort Zuflucht zu finden. Sie schienen nun sicher zu sein, denn russische Truppen hatten erhebliche Teile Ost-Anatoliens besetzt, drunter die Stadt Erzerum. Aber im herbst 1917 wendete sich das Kriegsglück noch einmal im erstaunlichem Maße. Seit der Machtergreifung der von Deutschland geförderten »Defätisten«, der Bolschewiki, stand der deutsche Sieg an der Ostfront fest, und damit ergab sich auch für die Türken eine andere Lage. Der Rückzug der Russen öffnete das armenische Land bis hin zum Schwarzen Meer den türkischen Truppen.“ (Ebd., 2002, S. 145).

„In einem deutschen Bericht vom April 1918 heißt es: »Den Abzug der russischen Truppen ausnützend ergossen sich die türkischen Truppen sofort über das wehrlose Land, indem sie nicht nua alle türkischen, sondern schon alle russischen Armeneier der Ausrottung unterwarfen.« Wieder gingen Schreckensmeldungen in die Welt wie etwa die, bei der Rückkehr der Türken nach Trapezunt seien Kinder in Säcke gesteckt und ins Meer geworfen, die alten Frauen und Männer seien gekreuzigt und verstümmelt, alle jungen Mädchen und Frauen seien den Soldaten ausgeliefert worden. (Vgl in: Johannes Lepsius [Hrsg.], Deutschland und Armenien 1914-1918 - Sammlung diplomatischer Aktenstücke, 1919, S. 377ff.).“ (Ebd., 2002, S. 145).

„Im Frieden von Brest-Litowsk gewannen die Deutschen ihren türkischen Bundesgenossen die 18178 verlroenen Provinzen von Kars und Ardahan zurück, doch die Türken bleiben an den neuen Grenzen nicht stehen, sondern drangen trotz aller deutschen Proteste immer weiter auf Batum und Baku vor. Aber diesmal stießen sie von seiten der Armenier auf bewaffneten Widerstand, denn um Erewan und den Ararat herum bildete sich ein armensicehr Staat, der zwar nur über wenige kampfkräftige Truppen und noch weniger an Waffen verfügte, der aber mit regulären und irregulären Formationen die vordringenden Türken an strategischen Punkten aufhielt. Jetzt fanden auch nicht ganz selten Meldungen über Greueltaten der Armenier an den islamischen und insbesondere der »tatarischen« (d.h. aserbeidschanischen) Bevölkerung ihren Weg in die Presse, und sie waren ebenso unglaubwürdig, wie es die entsprechenden Meldungen im Jahre 1915 gewesen waren. ... Doch im tiefen Schatten der bevorstehenden Niederlage eroberten die Türken Baku und richteten dort unter den Armeniern ein Blutbad an, das an die 30000 Tote forderte und unverkennbar an die in Urfa und Adana erinnerte.“ (Ebd., 2002, S. 145-146).

„Das Provozierende an den Opfern war mithin nichts anderes als ihre bloße Existenz.“ (Ebd., 2002, S. 150).

„Das wirkliche Ausmaß der Vernichtung ist von keinem statistischen Amt dokumentiert worden, und die großen Zahlen beruhen, wie die meisten großen Opferzahlen, auf unsicheren Schätzungen. Die größte Wahrscheinlichkeit dürfte der Zahl von 1200000 umgekommenen Armeniern zuzuschreiben sein, die damit nahezu 50% der ungefähr zweieinhalb Millionen Armenier ausmachen würden, welche vor 1914 in der Türkei lebten.. Dennoch darf man von »vollständiger Vernichtung« der türkischen Armenier sprechen, denn diejenigen, die heute noch in Ostanatolien leben, bilden nur eine mikroskopische Minderheit.“ (Ebd., 2002, S. 151-152).

„Ein schlimmeres Massenleiden als dasjenige der armenischen Frauen ... ist unvorstellbar.“ (Ebd., 2002, S. 152).

„Eine besondere Würdigung muß dem evangelischen Pfarrer Johahhes Lepsius aus Potsdam zuteil werden.“ (Ebd., 2002, S. 152).

„Nur in Rußland gab es eine genuine Analogie in Form der antijüdischen »Pogrome« ....“ (Ebd., 2002, S. 155).

„Meist als liberaler und auch jüdischer Kampfbegriff verwendet, stellte der »Antisemitismus« oft nichts anderes dar als die von vielen Juden akzeptierte Bestrebung, den Prozeß der dritten großen »Assimilation« voranzutreiben, der »europäischen« und vornnehmlich »deutschen« nach der »hellenistischen« und der »spanischen« Assimilation; darin stimmten die beiden bekanntesten Antagonisten des sogenannten Berliner »Antisemitismusstreites«, Heinrich von Treitschke und Theodor Mommsen, durchaus überein.“ (Ebd., 2002, S. 155).

„Es ist allgemein bekannt, daß Adolf Hitler die Juden für ein menschheitsgefährdendes Volk hielt und daß er ihre Vernichtung nicht bloß postulierte, sondern tatsächlich verwirklichte, nämlich durch den »Holocaust« der Jahre 1941-1945, der zwischen ... 50% der europäischen Juden das Leben kostete. So sehr amgesichts des Ungeheuerlichen den Nachlebenden »das Blut in den Adern erstarrt«, so sollte dennoch nicht vergessen werden, daß die Verluste der Armenier, wie erwähnt, ebenfalls 50% waren und daß die Täter einschließlich Hitlers ebensoviel Anspruch auf die Kenntnisnahme ihrer Motive und Ziele haben wie Enver, Talat und die »Spezialorgansiationen« der Ittihadisten“ (Ebd., 2002, S. 155).

„Dieses Motiv konnte nicht wie im armensichen Falle die Beseitigung eines geschlossen siedelndes Volkes als »Sperriegel« gegen die Konstituierung eines weit größeren Nationalstaates sein, denn die Juden bewohnten kein relativ geschlossenes Gebiet, aber eine gewisse Analogie läßt sich in dem selten ausdrücklich zu Wort gebrachten Tatbestand finden, daß die drei Millionen polnischen Juden als ein ernstes Hindernis für die Eroberung von deutschem »Lebensraum im Osten« angesehen werden konnten. Unter Vernachlässigung vieler Komplexitäten kann man indessen zwei Äußerungen Hitlers und eine Feststellung eines untergeordneten Beamten als den Kern der Motivation betrachten, die sich den »Holocaust« als Ziel setzte oder ihn als unvermeidlich in Kauf nahm. Schon in »Mein Kampf« hatte Hitler den mit Recht vielzitierten Satz geschrieben, wenn es dem Juden »mit Hilfe seiner marxistischen Weltanschauung« gelinge, den Sieg über die Völker dieser Welt zu erringen dnn werde seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein und am Ende werde der Planet, wie einst vor Jahrmillionen, menschenleer durch den Äther ziehen. (Vgl. Adolf Hitler, Mein Kampf, 1925, S. 69-70). Diese Aussage ... ist ... eine der frühesten Manifestationen einer heute allverbreiteten Furcht, daß die Menschheit sich selbst physisch zugrunde richten könnte. Niemand sieht heute mehr in »den Juden« die Ursache, aber jeder muß bei einiger Überlegung zugeben (und kann durchaus einen positiven Sinn mit der Feststellung verbinden), daß einzelne Juden sowohl bei der Entwicklung der Atom- und der Wasserstoffbombe wie bei der umweltgefährdenden »Globalisierung« eine weit überproportionale Rolle gespielt haben und spielen. In einer seiner spätesten Äußerungen, der »Rede auf dem Platterhof« im Juli 1944, behauptete Hitler, auf längere Sicht werde derjenige »Rassekern im deutschen Volk, »der eine kommerzielle Begabung ohne schöpferische Tätigkeit besaß«, nämlich das Judentum, zur stärksten Kraft geworden sein und dabei wäre das deutsche Volk völlig zersetzt worden. (04.07.1944; vgl. in: Bundesarchiv NS 19/1452). Damit stellte er sich in eine Tradition hinein, die auch auch für die Frühsozialisten und nicht zuletzt für Marx bestimmend gewesen war, nämlich die Vorstellung von einem kausalen Zusammenhang zwischen Judentum und »kapitalistischer« Geldwirtschaft. Die Ähnlichkeit mit jener eher marginalen Äußerung Envers liegt auf der Hand: das deutsche Kriegervolk, das »letzte Volk des Mars in Europa«, wie man es genannt hat, werde durch die Kommerzialisierung und durch die Aktivität der unkriegerischen Intellektuellen auf das ernsteste gefährdet. Aber gleich farauf bringt Hitler ein ganz andersartiges Motiv zu Wort und stellt dadurch unter Beweis, daß jener frühere Beweggrund, der antibolschewistische und im Kern antimarxistische, für ihn der stärkere war: »der Bolschewismus würde Millionen und Millionen unserer Intellektuellen abgeschlachtet haben« (Unter »unseren Intellektuellen« versteht Hitler hier zweifellos die »nationale Intelligenz«, die er von früh an positiv bewertet hatte). Offensichtlich will Hitler sagen, daß nur er die Entschlußkraft besitze, die beiden gleich verhängnisvollen Entwicklungen abzuwenden und zwar durch die Vernichtung der Juden. Diese seine Interpretation ist also durchaus »intentionalistisch«, »von oben her« gedacht, und ihr rationaler Kern ist offenbar jene »Rolle des Juden als Mitwirkender, Ärgernis, Täter, Testfall und Opfer« in der weltgeschichtlichen Auseinandersetzung, von welcher der jüdische geschichtsdenker Jacob Talmon spricht, und eben dieser Talmon erkennt unzweifelhaft auch den Begriff des »jüdischen Bolschewismus« einen rationalen Kern zu, wenn er darauf hinweist, daß »praktisch alle Unterhändler in Brest-Litowsk Juden waren« und wenn er von dem »jüdisch geführten kommunistischen Regime in Bayern« spricht.“ (Ebd., 2002, S. 156-157).

„Das Argument der Absicht »vollständiger Vernichtung« als eines Kennzeichens bloß der Judenausrottung ist nicht haltbar, denn diese Intention war auch bei den Ittihadisten gegeben, und in beiden Fällen war die zahl der Überlebenden keine »quantité négligeable«. Überdies hatten die Armenier nicht die Möglichkeit der Auswanderung, wie sie die deutschen Juden von 1933 bis 1939 besaßen. Es ist daher wahrscheinlich, daß Hitler bis zum September 1939, ja bis zu Umschlag der Kriegssituation ..., nur jene Vertreibung der Juden im Sinn hatte, die re in seiner Frühzeit 1919 »Entfernung« genannt hatte (z.B. in dem Brief an Gemlich vom September 1919; vgl. Eberhard Jäckel / Axel Kuhn, Hitler - Sämtliche Aufzeichnungen, S. 88-90).“ (Ebd., 2002, S. 158).

„Ebensowenig kann das Ausmaß der leiden ein adäquates Kriterium sein, denn als Massenleiden konnte das armensische, wie oben festgestellt wurde, nicht übertroffen werden.“ (Ebd., 2002, S. 158).

„Von einer »Singularität« der Judenvernichtung darf nur dann die Rede sein, wenn man den planetarischen und metaphysischen Charakter von Hitlers Vernichtungswillen unterstreicht und ihn nicht als »Wahnsinn« unbegreifbar macht, sondern mit der jahrtausendealten Singularität der jüdischen Existenz zusammenbringt.“ (Ebd., 2002, S. 159).

„Daher halte ich es für richtig. selbst dann den Terminus »Holocaust« auch für den armenischen Fall zu verwenden, wenn die Singularität der »Judenvernichtung« mit richtigem und nicht mit unzureichenden und/oder falschen Argumenten begründet wird.“ (Ebd., 2002, S. 159).

„In einem Ausblick ist nun festzustellen, daß der Vergleich zwischen den beiden »Holocausts« als solcher keinerlei kausalen Nexus in sich schließt.“ (Ebd., 2002, S. 159).

„Deutschland konnte die Vernichtung der Armenier nur dadurch stoppen, daß es das Bündnis mit der Türkei aufkündigte und das sei aus militärischen und vitalen Interessen schlechterdings unmöglich. (Vgl in: Johannes Lepsius [Hrsg.], Deutschland und Armenien 1914-1918 - Sammlung diplomatischer Aktenstücke [Nr. 300 vom 29.09.1916], 1919, S. 294).“ (Ebd., 2002, S. 160).

Historische Tabuisierungen in Deutschland
(Vortrag vor dem Harnack-Haus-Kreis der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft am 07.12.2000)
„»Tabu« ist ein Begriff, der ursprünglich in die Ethnographie hineingehört: Er bezeichnet - unter verschiedenen Namen wie auch »mana« - dasjenige, was in archaischen Kulturen für alle oder mindestens für die gewöhnlichen Zugehörigen dieser Kultur unzugänglich oder unberührbar ist: in positivem Sinne »das Heilige« und in negativem das Bedrohliche und Schadenstiftende. Häufig dürfen nur die Priester das Heiligtum betreten, und bloß den Zauberern wird zugetraut, daß sie sich dem Drohenden nähern, ohne Schaden zu nehmen. Aber auch in der Gegenwart findet der Begriff Verwendung, und er bedeutet nach wie vor das Unberührbare, dem man sich, wenn überhaupt, nur zaghaft und unter Inkaufnahme von Gefahren zuwendet. Doch während in archaischen Gesellschaften ein konkretes Tabu etwas Unvordenkliches ist, kann in der Moderne die Entstehung eines Tabu beobachtet und unter Umständen durch menschliches Handeln inauguriert - oder, wie postmoderne Schriftsteller gern sagen, - erfunden werden. Daher läßt sich hier der Begriff »Tabuisierung« bzw.« Tabuierung« bilden.“ (Ebd., 2002, S. 180).

„»Historische Tabuisierungen« beziehen sich auf das Gebiet der Geschichtswissenschaft ....“ (Ebd., 2002, S. 180-181).

„Historische Tabus und Tabuisierungen jedoch kann und darf es nicht geben.“ (Ebd., 2002, S. 181).

„Dieses Urteil ist indessen vorschnell. Politik und Geschichtswissenschaft lagen in der Geschichte nicht so weit auseinander, wie hier vorausgesetzt wird, und das wesentliche dürfte sich auch in der Gegenwart nicht geändert haben.“ (Ebd., 2002, S. 181).

„Als Georg Gottfried Gervinus, der als Politiker in der Revolution von 1848 eine bedeutende Rolle gespielt hatte, aber schon längst vorher und auch als einer der »Göttinger Sieben« in der Wissenschaft eine rühmliche Stellung einnahm, im Jahre 1850 seine umfangreiche »Einleitung zur Geschichte des 19. Jahrhunderts« veröffentlichte, die als ein Muster liberalen und progressistischen Denkens gelten darf, da wurde von der badischen Regierung ein Prozeß gegen ihn angestrengt, weil diese Schrift den Tatbestand «des Hochverrats und der Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung« erfülle. In der Sache handelte es sich um die militante, wenn man will, »streitbare« Verteidigung der Grundordnung der Restaurationszeit, und Gervinus wurde tatsächlich in der ersten Instanz verurteilt. Die höhere Instanz hob das Urteil jedoch auf, und die badische Regierung begnügte sich damit, Gervinus die »Venia legendi« zu entziehen.“ (Ebd., 2002, S. 181).

„Der durch seine Arbeiten zur ostfriesischen Geschichte und zur Sukzession der Dynastie Hannover in England bekannte, heute so gut wie vergessene Historiker Onno Klopp kritisierte, obwohl zunächst Protestant, die Reformation und dann Friedrich II. von Preußen aufs schärfste, und er ergriff im deutschen Bürgerkrieg von 1866 mit großer Tatkraft die Partei des blinden Königs von Hannover, Georgs V., mit dem er nach dem Triumph Bismarcks das Exil in Wien teilen mußte. Wie hätte dieser Vorkämpfer der katholisch-großdeutschen Geschichtsauffassung, für den Preußen das Prinzip des Bösen bedeutete, im preußisch-kleindeutschen Kaiserreich der Sybel und Treitschke eine Stelle finden können? Aber seine Bücher wurden publiziert und auch in Preußen gelesen, wenngleich durchweg scharf bekämpft.“ (Ebd., 2002, S. 181).

„Von eben dieser kleindeutsch-liberalen Tradition in ihrer hansestädtisch-großbürgerlichen Ausprägung kam Ludwig Quidde her, der aber wie nicht wenige seinesgleichen an der Figur Wilhelms II. Anstoß nahm und im Jahre 1894 ein Büchlein mit dem Titel »Caligula« publizierte, das innerhalb weniger Monate dreißig Auflagen erreichte, weil zahlreiche Leser in dem römischen Imperator den deutschen Kaiser erkannten und der ätzenden Kritik innerlich zustimmten. Aber Quidde hatte damit ein genuines Tabu verletzt, nämlich die geheiligte Majestät von Gottes Gnaden, und er wurde gleich vor Gericht gezogen. Seine Anwälte erwirkten jedoch einen Freispruch ..., und Quidde schied dann, von nahezu allen Fachkollegen gemieden, aus der Wissenschaft mehr oder weniger aus, um sich ganz »dem Kampf um den Frieden« zu widmen, einer Aktivität, aufgrund deren er 1927 den Friedensnobelpreis erhielt.“ (Ebd., 2002, S. 182).

„Es ließen sich noch eine ganze Anzahl von Historikern aufzählen, die den vorherrschenden Tendenzen der Geschichtsschreibung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ablehnend oder mindestens kritisch gegenüberstanden und meist Nachteile in ihrer Laufbahn zu erleiden hatten: Eckart Kehr, Johannes Ziekursch, Veit Valentin, Ludwig Bergsträsser, Arthur Rosenberg und sogar Karl Lamprecht, der freilich ein Mitglied des »Alldeutschen Verbandes« war. Aber alle fanden doch Publikationsmöglichkeiten und Fürsprecher, ja Anhänger; und erst die nationalsozialistische Machtergreifung brachte sie zum Schweigen oder trieb sie wie Valentin und Rosenberg in die Emigration.“ (Ebd., 2002, S. 182).

„Nach der Katastrophe von 1945, die außer den politisch und »rassisch« Verfolgten zunächst von niemandem als »Befreiung« empfunden werden konnte, meldeten sich diejenigen, die hatten schweigen müssen, wieder zu Wort, und ein Teil der Emigranten kehrte zurück - ich nenne nur Friedrich Meinecke und Hans Rothfels. Doch wenn der Staat Preußen von den Alliierten aufgelöst wurde, so verschwand die preußisch-deutsche Geschichtsauffassung keineswegs, wie schon an der beherrschenden Figur Gerhard Ritters deutlich wurde, aber in aller Regel übten ihre Vertreter ein beträchtliches Maß an Selbstkritik und insofern an »Vergangenheitsbewältigung«. Daraus hätten neue Fragestellungen hervorgehen können, aber was es davon gab, wurde rasch überdeckt von dem Wiederaufgreifen der alliierten Kriegsschuldthese hinsichtlich des Ersten Weltkrieges durch Fritz Fischer und durch die Radikalisierung seines Ansatzes vonseiten einer jüngeren Generation von Historikern, die den NS als eine konsequente Folge eines alten und antidemokratischen deutschen Sonderweges verstanden (in Wahrheit war Deutschland früher demokratischer als z.B. England, und die These vom deutschen Sonderweg ist sowieso falsch, sie diente und dient stets der deutschfeindlichen aus- und inländischen Propaganda; HB), welcher mit nur allzu großer Konsequenz seinen Höhepunkt in der »Endlösung der Judenfrage«, im millionenfachen Massenmord, in »Auschwitz« gefunden habe.“ (Ebd., 2002, S. 182-183).

„Von einer überwältigenden Erfahrung ausgehend und von machtvollen Tendenzen in aller Welt unterstützt, hat die Konzeption von der weltgeschichtlichen, aber in der deutschen Geschichte begründeten Einzigartigkeit von Auschwitz - die ursprünglich alles andere als populär war und nicht von einem Vertreter der neuen Sozialgeschichte zuerst entwickelt wurde - einen solchen Vorrang gewonnen, daß sich ein Tabu gebildet hat, das weitaus stärker ist als irgendeins der Tabus, die sich früher im Grenzbereich von Politik und Geschichtswissenschaft gebildet hatten. Sogar eine Frage wie etwa »Ist Auschwitz ein Problem?«  begegnet dem größten Mißtrauen und setzt sich dem Verdacht aus, eine »Verharmlosung« zu intendieren, die seit 1994 unter Androhung einer sehr schweren Strafe verboten ist (wie in einer Diktatur, denn auch dies ist eindeutig eine Einschränkung der Freiheit, insbesondere des Rechts auf freie Meinung! HB [**|**]), wenngleich eine Ausnahmeklausel für »wissenschaftliche Forschung« im Strafgesetzbuch nicht fehlt. Aber die Frage nach den »Problemen«, die sich mit einer geschichtlichen Gestalt oder einem historischen Phänomen verbinden, ist die Grundfrage der Geschichtswissenschaft überhaupt, der Geschichtswissenschaft in ihrer weitesten Bedeutung, und der Historiker sieht sich durch das praktische Verbot der Problematisierung vor das größte Problem gestellt, dem er begegnen kann. Allem zuvor ist nämlich festzustellen, daß es sehr gute Gründe für diese Tabuisierung gibt.“ (Ebd., 2002, S. 183).

„Jeder Mensch, der die Zeit des »Dritten Reiches« mit wachem Bewußtsein erlebt hat, erinnert sich nur allzu gut, welchen Angriffen und Herabsetzungen nicht etwa bloß die eingewanderten »Ostjuden«, sondern auch die jüdischen Staatsbürger einschließlich der ehemaligen und oftmals hochdekorierten Frontkämpfer unterlagen. Niemand, der Augenzeuge war, kann die Erinnerung an die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 mit ihren Inbrandsetzungen von Synagogen, Verwüstungen von Geschäften und der Verhaftung von vielen Tausenden jüdischer Mitbürger aus seinem Gedächtnis verdrängen. Aber das Ziel aller dieser Vorgänge war die Emigration, die jeder Einzelne betreiben konnte, und grundsätzlich war die Rechtssicherheit noch nicht in Frage gestellt. Einen qualitativen Umbruch bedeutete nicht so sehr der Kriegsbeginn im September 1939, der bekanntlich für die meisten der deutschen Emigranten in Frankreich und Großbritannien und wenig später für die japanischstämmigen Staatsbürger der USA die Internierung nach sich zog, sondern der Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges, dessen - höchst strittige - Kennzeichnung als »Präventivkrieg« zu den kleineren Tabus der deutschen Geschichtsschreibung gehört.“ (Ebd., 2002, S. 183-184).

„Vom 2. Juli 1941 stammt der offizielle Einsatzbefehl Heydrichs für die Einsatzgruppen und -kommandos, der ihnen die Exekution ohne Gerichtsverfahren mehrerer feindlicher Gruppen aufgibt und der so etwas wie eine Erweiterung des so genannten »Kommissarbefehls« der Wehrmacht darstellt. An der ersten Stelle werden die Funktionäre der Komintern genannt, es folgen die höheren, mittleren und radikalen unteren Funktionäre des Apparats der KPdSU, die »Volkskommissare« und am Ende die »sonstigen radikalen Elemente (Saboteure, Propagandeure, Heckenschützen, Attentäter, Hetzer u.s.w.) Hier handelt es sich durchweg um politische Funktionen oder Aktivitäten, aber vor den »Volkskommissaren« erscheint eine Gruppe, für die partiell ein ethnisches oder »rassisches« Merkmal bestimmend ist, nämlich »Juden in Partei- und Staatsstellungen«. Es ist möglich, daß schon vor Kriegsbeginn bei einer Besprechung mit den Kommandanten der Einsatzgruppen in Pretzsch an der Elbe von Heydrich ähnliche oder noch umfassendere Kategorien aufgezählt wurden; sicher ist, daß innerhalb weniger Wochen von den Einsatzgruppen eine starke Ausweitung vorgenommen wurde, partiell wohl autonom, im Kern aber auf Befehl von Himmler, und daß ab September mehr und mehr sämtliche erreichbaren Juden, soweit sie nicht zur Arbeit für die Wehrmacht unentbehrlich waren, erschossen wurden ... Die zunächst noch zahlreichen - schon in sich als Symptome einer »kollektivistischen Schuldzuschreibung fragwürdigen - Hinweise auf »Vergeltung« für die NKWD-Massenmorde an Ukrainern oder auf die Tötung und Verstümmelung gefangen genommener deutscher Soldaten sind um diese Zeit bereits so gut wie verschwunden.“ (Ebd., 2002, S. 184-185).

„Es ist nach meiner Ansicht unbestreitbar, daß ... bald nach der Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 ... eine abermalige qualitative Veränderung erfolgte und mit dem Bau jener Lager begonnen wurde, in denen nun die Juden ganz Europas »betreut« werden sollten, um den Terminus der Gruppe Arlt zu verwenden. Aber was der Oberscharführer Arlt dachte, war lange zuvor von Adolf Hitler in einer umfassenden Perspektive vorgedacht worden, als er im ersten Band von »Mein Kampf« folgendes schrieb »Siegt der Jude mithilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich der Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.« (Adolf Hitler, Mein Kampf, Band I, 1925, S. 69-70).“ (Ebd., 2002, S. 185-186).

„Darf der Historiker, der Wissenschaftler, der rationale Mensch indessen ohne ein Aufbegehren damit einverstanden sein, daß alles Nachdenken erstirbt und durch eine Haltung des Schauderns ersetzt wird, wie sie einem authentischen Tabu gegenüber tatsächlich angemessen ist? Muß der Historiker auf sich als Wissenschaftler Verzicht leisten, wenn er als Mensch in das richtige, auf unverkennbare Weise religiöse Verhältnis zu dem grundlegenden Tatbestand der Geschichte des 20. Jahrhunderts, ja möglicherweise der Geschichte im ganzen treten will? (Wenn das der Fall ist [und in Deutschland bzw. in Europa bzw. im Abendland, d.h. in der westlichen Welt scheint das der Fall zu sein], dann leben wir in einer Diktatur, in der u.a. aus Geschichte eine Religion gemacht werden soll [nämlich genau so, wie die Nazis das auch schon wollten; also sind und werden so immer mehr ausgerechnet die Antinationalsozialisten - bewußt oder unbewußt - zu den Vollendern des Nationalsozialismus]! HB).“ (Ebd., 2002, S. 186-187).

„Götz Aly kritisiert in seinem 1995 erschienenen Buch »Die Endlösung« jene zahlreichen Historiker, welche die Endlösung »vom offenkundigen Gesamtzusammenhang isolierten und sich dadurch der Möglichkeit begaben, die Himmlersche Rassen- und Umsiedlungspolitik in ihrer komplexen Gesamtheit und aus ihrer inneren Logik heraus zu analysieren.« Vor allem ist nach seiner Auffassung der Zusammenhang zwischen der Aussiedlung der volksdeutschen Minderheiten aus der Sowjetunion und der Vertreibung der Juden in der frühen Phase des Krieges nicht genügend beachtet worden. Ein solcher Zusammenhang sei von Himmler selbst zunächst nicht gesehen worden, weil eine Umsiedlung der Baltendeutschen in das Reich nicht geplant gewesen sei. Aber dann habe einer der Führer der lettischen Deutschen Himmler ausgemalt, »wie lebendig die Angst vor dem Bolschewismus in Riga sei, wie gut sich die Deutschen dort an das Massaker vom 22. Mai 1919 erinnerten.« (Ebd., S. 39) (**). Damit sei Himmler vor eine Situation gestellt worden, die ebenso unvorhersehbar gewesen sei wie der Abschluß des Stalin-Hitler-Paktes, und in der Folge sei eine Fülle von Improvisationen, ja von chaotischen Zuständen entstanden, wobei es vor allem um die Beschaffung von Wohnraum für die Umgesiedelten ging, welche die Juden in den ehemals polnischen Gebieten zwar besonders stark, aber nicht ausschließlich betroffen habe; Aly behauptet sogar, schon im Herbst 1939 seien gebrechliche Baltendeutsche von SS-Leuten abgeholt und getötet worden. Im Spätherbst 1940 hätten Hunderttausende von Menschen in Umsiedlerlagern festgesessen - Juden, Polen und Deutsche, die zwar unterschiedlich ernährt wurden, aber in ganz ähnlicher und kümmerlicher Lage waren. In dieser Lage habe die Beseitigung der Juden den einfachsten Ausweg dargestellt, und die ersten Maßnahmen hätten rasch eine spezifische Dynamik gewonnen, die schließlich zur definitiven Endlösung führte. Durch diese Auffassung werde »der Holocaust historisch faßbar« gemacht; er erscheine nicht länger als »rassistische Wahnsinnstat«, sondern als Ereignis, das »der Analyse zugänglich« sei, und zwar mit gewöhnlichen historischen Mitteln. In der Tat erhalten jetzt Zufälligkeiten, Überraschungen, Improvisationen, Ratschläge und Initiativen von untergeordneten Stellen einen Platz, den sie nicht oder nur ganz am Rande haben würden, wenn der »Holocaust« auf eine einsame Entscheidung Hitlers zurückzuführen wäre. (Dazu gehört auch die Auswirkung der Nachricht von der Deportation der Wolgadeutschen, die Anfang September 1941 bekannt wurde. Zu den Folgen der Ermordung vieler Tausender von Gefängnisinsassen durch den NKWD in Lemberg und zahlreichen anderen Orten Ostpolens wenige Tage nach dem 22. Juni 1941 vgl. Bogdan Musial, Konterrevolutionäre sind zu erschießen ..., 2000.).“ (Ebd., 2002, S. 187-188).

„In dem umfangreichen Buch von Christian Gerlach »Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944« hat ein Begriff zentrale Bedeutung, der bis dahin in der Holocaust-Literatur kaum je erwähnt wurde, nämlich der Begriff der (englischen) Blockade, die Deutschland bekanntlich von der Nahrungsmittelzufuhr weitgehend abschloß und die ja schon bei der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Daher habe es ein Ziel gegeben, das von der gesamten deutschen Führungsschicht geteilt worden sei, nämlich »›Blockadefestigkeit‹ zu erreichen, sei es auch mit den mörderischsten Mitteln«. Dieses Ziel sei der Grund für die »kalkulierten Morde« gewesen, je keineswegs allein die jüdische Bevölkerung, sondern in noch stärkerem Maße die sowjetischen Kriegsgefangenen und auch die ganze Stadtbevölkerung betroffen habe ..., und daher erscheine »mit Blick auf Weißrußland eine ausschließlich auf die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung beschränkte Darstellung zu den nationalsozialistischen Zielen nicht sinnvoll«. Wie Aly sucht Gerlach also einen rationalen, verstehbaren Grund für die Massentötungen, und er findet ihn in Erwägungen, die er »ökonomisch« nennt. Damit taucht aber eine Metapher auf, die der Verfasser nicht unterstreicht, die aber trotzdem unumgänglich ist, nämlich das Bild Deutschlands als einer von feindlicher Übermacht und von der Aushungerung bedrohten Festung wie Numantia oder Masada. In keiner Festung dieser Art kommen die Befehlshaber um die Frage herum, welche Teile der Bevölkerung zugrunde gehen müssen, wenn die Besatzung kampfkräftig bleiben und imstande sein soll, die Festung bis zum Entsatz durch verbündete Truppen oder bis zu einem heroischen Ende zu verteidigen. Unzweifelhaft würde es sich um die Alten, die Kranken, die Kinder und natürlich die etwa feindlich eingestellten Bevölkerungsteile handeln. Vielleicht würde es in den Augen des Kommandanten sogar als human gelten, diese Schwachen gleich zu töten, statt sie den Qualen des langsamen Hungertodes und die Besatzung der Gefahr von Seuchen auszusetzen. Die einzige Alternative zu dieser furchtbaren, ja tragischen Situation würde die Kapitulation sein. Beispiele für eine so humanitäre Klugheit sind jedoch in der Geschichte nicht viele zu finden; fast immer wurde der heroische Untergang vorgezogen. So ist der Verfasser zwar von einer »Rechtfertigung« oder auch nur »Verharmlosung« des großen »Judenmordes« in Weißrußland weit entfernt, den er in zahlreichen, Abscheu und Schrecken hervorrufenden Details beschreibt, aber »verstehbar« (nicht »verständlich«) wird die Massentötung in hohem Grade.“ (Ebd., 2002, S. 188-189).

„Im Warschauer Getto, schreibt Lustiger (vgl. Arno Lustiger, Zum Kampf auf Leben und Tod, 1994), hätten sich auch sowjetische Fallschirmspringer befunden und beachtliche Organisationsaktivitäten seien im Gange gewesen, bevor die Massendeportation am 22. Juli 1942 begann. Offenbar nimmt Lustiger auch eine starke Beteiligung von Juden an, wenn er ein Schreiben des Generalgouverneurs Frank an den Reichsminister Lammers vom April 1943 zitiert: »Die Morde an den Deutschen nehmen in furchtbarer Weise zu.« So kann er behaupten, »daß die jüdische Beteiligung an der polnischen Partisanenbewegung als unverhältnismäßig hoher Beitrag herausragt«, eine Beteiligung, zu der auch »11-bis 14jährige Kinder« und erst recht die Frauen einen Beitrag leisteten. Und dieser jüdische Widerstand begann nach Lustiger nicht etwa erst mit dem Kriegsausbruch: Der jüdische Anteil an den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkrieges war weit überproportional hoch, und im ganzen macht Lustigers Buch deutlich, daß die deutschen Armeen in der Sowjetunion sich in einer »Losowski-Situation« befanden, jener Situation, die der hohe sowjetische Funktionär S.A. Losowski, auch er jüdischer Abkunft, im Jahre 1936 noch voller Zuversicht den »Imperialisten« vor die Augen gehalten hatte: »Ihr wollt Krieg haben, ihr Herren? Probiert es. Und ihr werdet in euren eigenen Werken, Fabriken und Kolonien Krieg haben«. In den deutschen Industriebezirken gab es allerdings nicht einmal Ansätze zu einem solchen Krieg, und wenn Sebastian Haffner sein Kapitel über »Hitlers Erfolge« noch etwas ausgeweitet hätte, würde er auch diesen Umstand erwähnt haben, aber im russischen und polnischen Hinterland spielte sich trotz der großen anfänglichen Sympathien der ukrainischen und der baltischen Bevölkerung dieser Krieg tatsächlich ab, und bekanntlich hat das Oberkommando der sowjetischen Partisanen 1945 die Behauptung aufgestellt, nicht weniger als 500000 deutsche Soldaten seien von Partisanen getötet worden. Die exzessive Reaktion, die Künftiges und noch Unbewiesenes vorwegnahm, war nichts anderes als jenes »Auschwitz in der weitesten Bedeutung«, der präventive Partisanenkampf, welcher nach dem Kriege von den Franzosen in Algerien und von den US-Amerikanern auf den Philippinen und in Vietnam mit ähnlichen, wenngleich längst nicht so umfassenden Methoden geführt wurde.“ (Ebd., 2002, S. 190).

„Im Hinblick auf dieses »Auschwitz« gibt es meines Wissens auch in der so genannten »revisionistischen« oder negationistischen Literatur (diese »revisionistische« Literatur ist in Deutschland entweder unbekannt wie die zahlreichen Bände des us-amerikanischen »Journal of Historical Review« und der französischen »Annales d'histoire révisionniste« oder verboten wie die von »Ernst Gauss« (Germar Rudolf) herausgegebenen »Grundlagen der Zeitgeschichte - Ein Handbuch über strittige Fragen des 20. Jahrhunderts«; die vollständigste Sammlung von Studien und Stellungnahmen des wichtigsten der Vorkämpfer dieses »Revisionismus« ist: Robert Faurisson, Escrit révisionistes; 4 Bände, 1999**) keine ernsten Zweifel, obwohl hier und da Belzec und Sobibor für »Durchgangslager« erklärt wurden und sogar die Existenz von Treblinka bestritten worden ist. Alle Kritik und aller Zweifel konzentrieren sich auf das »Auschwitz in der engsten Bedeutung«, auf das Lager Auschwitz. Hier liegt also jene Differenz in der Darstellung von Ereignissen vor, eine Differenz, welche in der »etablierten« Literatur aber nicht ausgetragen wird, weil vielfach sogar besonders prononcierte Zeugenaussagen als »Tabus« betrachtet werden, wenngleich gewiß nicht durchweg.“ (Ebd., 2002, S. 190-191).

„Die frappierendste Negation war eine »offizielle«, nämlich die Ersetzung der bis dahin fast allgemein vorherrschenden Zahl der Auschwitz-Opfer von vier Millionen auf 1,1 bis 1,5 Millionen einschließlich der Seuchentoten. (Und insgesamt waren es ca. 2 Millionen ermordete Juden, doch die Propaganda spricht sogar - bedenkenlos und gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis sich wehrend - weiterhin von insgesamt 6 Millionen, und Erich Böhme brachte in seiner Fernsehsendung Talk in Berlin sogar das Kunststück fertig, während eines Gesprächs mit Jörg Haider die Zahlen der ermordeten Juden alle 2 Minuten um 2 Millionen zu erhöhen, weil er gegen den ihm intellektuell zu sehr überlegenen Jörg Haider einfach keine Argumente hatte! HB). Auswirkungen auf die jüdische Gesamtopferzahl von »sechs Millionen« hatte diese Reduzierung allerdings nicht, und das kann nur so erklärt werden, daß die polnisch-kommunistische Lagerleitung der Nachkriegszeit die Zahl so außerordentlich erhöht hatte, um ein Gleichgewicht zwischen jüdischen und polnischen Opfern wahrscheinlich zu machen. Gravierender war die Behauptung, in den »angeblich« zur Menschentötung verwendeten Gaskammern in Auschwitz-Birkenau sei nur wenig von den so gut wie unzerstörbaren Zyanid-Rückständen zu finden, während in den der Entwesung dienenden Gaskammern sogar eine Blaufärbung der Wände zu beobachten sei. Noch frappierender war die von denselben »Negationisten« um Robert Faurisson herrührende These, die Einwurflöcher in den Decken der »angeblichen« Gaskammern zur Menschentötung gebe es überhaupt nicht. In dem sumpfigen Gelände von Birkenau hätten überdies die vielfach bezeugten Massenverbrennungen in tiefen Gruben nicht stattfinden können. Die noch häufiger bezeugten meterhohen Flammen, die aus den Kaminen der Krematorien emporschossen, seien eine technische Unmöglichkeit, ganz wie die spurenlose Beseitigung von bis zu 24000 Menschen an einem Tage (wer glaubt denn das?  HB); im übrigen ließen alliierte Luftaufnahmen des Lagers keinen Rauch aus den Kaminen und keine Menschenansammlungen vor den Krematorien erkennen. Aus den ebenfalls erst seit kurzem zugänglichen »Totenbüchern von Auschwitz« gehe hervor, daß sehr wohl alte Menschen und Kinder im Lager vorhanden gewesen seien, so daß die These von der sofortigen und nicht registrierten Vernichtung aller Schwachen, Kranken und Alten nicht stimmen könne. Die »dantesken« Erzählungen von den massenhaft ins offene Feuer geworfenen Kindern oder den aus Sadismus herrührenden Begrabungen von lebenden Häftlingen ständen in einem schroffen Gegensatz zu den gültigen Vorschriften, die selbst für Prügelstrafen die Genehmigung aus Berlin und im Falle von Frauen sogar von Himmler persönlich vorsahen. Vor allem aber werde in nahezu sämtlichen Häftlingsberichten der große Anteil der »Capos« übergangen, um alle Grausamkeit den relativ wenigen im Lager tätigen SS-Leuten zuschieben zu können - aus der Empörung darüber, daß die hochprivilegierten Männer der (meist kommunistischen ) Lagerleitungen sich nach dem Kriege nicht selten zu Sprechern der von ihnen gequälten »gewöhnlichen« Häftlinge machten, ist die Arbeit des ersten Revisionisten, des französischen Häftlings und späteren Abgeordneten der Nationalversammlung Paul Rassinier, hervorgegangen.“ (Ebd., 2002, S. 191-192).

„Auf alle diese Behauptungen und Fragen gibt es Antworten, die aber kaum je in direkter Auseinandersetzung mit der »revisionistischen« Literatur artikuliert werden, und ich würde sie anführen, wenn mir mehr Zeit zur Verfügung stände. Ich begnüge mich mit der Formulierung eines Postulats: alle großen, viele Menschen hautnah berührenden Ereignisse erzeugen um sich einen Kranz von Gerüchten, ja oft genug von Mythen. Nicht ohne weiteres die Zeugenaussagen und die zugrunde liegende Realität zu identifizieren, gehört auch im Hinblick auf das Lager Auschwitz zu den unverzichtbaren Aufgaben der Wissenschaft; der Fall Wilkomirski hat ja noch jüngst gezeigt, wie leicht sich Zeugenaussagen »erfinden« lassen. Ich denke, daß es an der Zeit ist, mit der »Tabuisierung« des Lagers Auschwitz ein Ende zu machen und volle Wissenschaftsfreiheit nicht zu unterbinden. Aber selbst wenn - was in meinen Augen unmöglich ist - die allbekannten Hauptmerkmale des Lagers Auschwitz: Die Opferzahlen, die spurenlose Vernichtung von mehr als 20000 Menschen am Tag, die Gaskammern zur Menschentötung sich als Mythen erwiesen, würde jenes andere und größere »Auschwitz« der intendierten Ausrottung aller Juden bestehen bleiben, und sogar im Vergleich zu »Katyn« würde weiterhin von »Singularität« die Rede sein dürfen, denn die Tötung der 15000 polnischen Kriegsgefangenen Offiziere war ein durch und durch politisches Verbrechen und nicht eine biologische, ja metabiologische Untat.“ (Ebd., 2002, S. 192).

„Läßt sich eine umfassendere, angemessenere Sichtweise von »Auschwitz« entwickeln? Ich habe in meinem Buch über den »Europäischen Bürgerkrieg« versucht, eben das zu tun, und ich zitiere zum Schluß zunächst einige in meinen Augen überaus erhellende Sätze aus einer Ereignismeldung der Einsatzgruppe C vom September 1941. Dort heißt es: »Selbst dann, wenn eine sofortige hundertprozentige Ausschaltung des Judentums möglich wäre, wird dadurch noch nicht der politische Gefahrenherd beseitigt. Die bolschewistische Arbeit stützt sich auf Juden, Russen, Georgier, Armenier, Polen, Letten, Ukrainer; der bolschewistische Apparat ist in keiner Weise mit der jüdischen Bevölkerung identisch. Bei dieser Sachlage würde das Ziel einer politisch-polizeilichen Sicherung verfehlt werden, würde man die Hauptaufgabe der Vernichtung des kommunistischen Apparates zugunsten der arbeitsmäßig leichteren Aufgabe, die Juden auszuschalten, in die zweite oder dritte Reihe stellen.« (Vgl. auch: Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg ..., a.a.O, S. 541 bzw. 592).“ (Ebd., 2002, S. 192-193).

„Hier wird also die Judenvernichtung als eine von der Hauptaufgabe ablenkende Nebenaufgabe verstanden, denn die Hauptaufgabe ist der Kampf gegen »den Bolschewismus«, der zahllose nichtjüdische Anhänger hat und kein nationales, sondern ein internationales Phänomen ist. Die Juden sind gewiß wichtige Mitwirkende, aber keineswegs die Urheber.“ (Ebd., 2002, S. 193).

„Was der SS-Offizier hier »Arbeitserleichterung« nennt, das muß man im Blick auf Adolf Hitler »Denkerleichterung« nennen. Selbst wenn man nur »Mein Kampf« liest, sieht man gleich, daß Hitler zahlreiche, in seinen Augen negative Phänomene aufzählt, wie etwa die Anonymisierung der Wirtschaft oder die Zusammenhanglosigkeit der modernen Kultur, die in einen weltgeschichtlichen Komplex hineingehören, den zu erzeugen auch die begabteste Menschengruppe nicht fähig ist. Aber in seinem Drang, einen faßbaren Erreger und Feind wahrzunehmen, macht Hitler »den Juden« zum »Drahtzieher der Geschicke der Menschheit« und läßt die Juden damit entweder als »Teufel« oder als »Übermenschen« erscheinen. (Vgl. Adolf Hitler in Franken - Reden aus der Kampfzeit, 1939, S. 152. Selbst Hannah Arendt verwendet in ihren Kriegsschriften »Hitler« und »Teufel« als Synonyme). Ganz in der Spur Hitlers bewegt sich unter radikaler Umkehrung der Wertung die heute übliche Entgegensetzung von »Tätervolk« und »Opfervolk«, welche ebenfalls die eigentliche Initiativkraft, die revolutionäre und übernationale Partei, schlicht fortläßt.“ (Ebd., 2002, S. 193).

„Um zu versuchen, die mythologisierenden Konkretisierungen, welche zur Tabuisierung herausfordern, auf Menschenmaß zu reduzieren, will ich in großer Kürze sagen, worüber ich mich wundere:
-Ich wundere mich über alle Menschen, die den Bolschewismus nicht ernst nehmen, welcher mit der Errichtung eines ideokratischen, Welterlösung verheißenden, sich auf den uralten »Menschheitsgedanken« eines nachgeschichtlichen Zustandes der Harmonie stützenden Regimes in dem räumlich größten und an Ressourcen reichsten Staat der Erde nach meiner Auffassung das grundlegende politische Ereignis des 20. Jahrhunderts war. (Der Nationalsozialismus ist ohne die Einbeziehung des Bolschewismus nicht zu verstehen, und ohne ihn hätte Roosevelt die Fesseln der Neutralitätsgesetzgebung nicht abstreifen können. Der Aufstieg der USA zur »einzigen Weltmacht« setzt den »europäischen Bürgerkrieg« voraus.). Aber dieses Ereignis hatte zwei unterschiedliche Aspekte: den enthusiasmierenden, der den englischen Sozialisten Tom Mann 1920 sagen ließ, Sowjetrußland sei einer Riesenglocke gleich, die der ganzen Welt das Heil verkünde, und den Entsetzen erregenden, der wenige Jahre später dem Volkssozialisten Melgunov die Feder in die Hand gab, um Vernichtungsvorgänge zu beschreiben, die auch von den Ereignismeldungen der Einsatzgruppen an Schrecklichkeit nicht oder allenfalls quantitativ übertroffen werden. Rudolf Höß schrieb, nach dem Willen des RFSS sei das Lager, dessen Kommandant er war, die »größte Menschenvernichtungsanlage aller Zeiten« geworden, aber in einem noch weiter zurückreichenden Rückblick sprach ein hochachtbarer »jüdischer Bolschewist«, der die Schreckenstaten seiner Jugendzeiten nicht verleugnete, nämlich Lew Kopelew, von dem sowjetischen Lagersystem, dem »Gulag«, als von »dieser riesenhaften, vielgliedrigen und vielstöckigen, unersättlich gefräßigen Menschenvertilgungsmaschine«. (Wie sehr die deutsche Führungsspitze sich noch im Jahre 1940 in einem Abwehrkampf gegen »Verbrecher« begriffen sah und wie sogar Himmler und Heydrich an eine physische Beseitigung der Juden dachten, geht aus zwei einschlägigen Äußerungen mit großer Klarheit hervor. Himmler lehnte in einer Denkschrift vom Mai 1940 »die bolschewistische Methode« [sic!] der physischen Ausrottung eines Volkes aus innerer Überzeugung als ungermanisch und unmöglich ab [Vjh. f. Zeitgesch., Band 5, 1957, S. 197] und Heydrich begründete im Sommer 1940 das sogenannte Madagaskar-Projekt mit folgenden Worten: »Die Juden sind uns wegen unseres Rassestandpunktes feindlich gesinnt ... Wir müssen sie beseitigen. Eine biologische Vernichtung wäre aber des deutschen Volkes als einer Kulturnation unwürdig ...« [zitiert in: Götz Aly, a.a.O., S.11].). Die politisch denkenden und handelnden Menschen des 20. Jahrhunderts mußten sich fast mit Notwendigkeit für einen der beiden Aspekte entscheiden; der Historiker dieser Epoche muß versuchen, sie zusammenzusehen und zusammenzudenken.
-Ich wundere mich über die Juden, die überall nur bestrebt zu sein scheinen, sich den Status der wichtigsten Opfer zu erhalten und die anscheinend bis auf wenige Ausnahmen nicht wahrhaben wollen, daß es sehr wohl eine enge, leicht begreifliche, sowohl äußere wie innere Beziehung zwar nicht zwischen »den« Juden, wohl aber zwischen vielen Juden und dem Bolschewismus gab. Selbst Zitate von bedeutenden Juden sind in Deutschland tabuisiert, wenn sie dem erwünschten Bild nicht entsprechen, aber ich will trotzdem eine Aussage von Simon Dubnov anführen, dem jüdischen Historiker, der schließlich selbst im Holocaust zugrunde ging. Er schrieb im Herbst 1918 nach den Attentaten auf Lenin und den Tscheka-Chef von Leningrad Uritzki: »Es ist gut, daß gerade Juden diese Tat vollbracht haben. So haben sie die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Beteiligung am Bolschewismus beladen haben.« (Simon Dubnov, Mein Leben, 1937, S. 224). - Dazu wären Aussagen von deutschen bzw. deutsch-jüdischen Autoren zu vergleichen, die aus den Jahren 1919-1921 stammen. Thomas Mann 1919: »Wir sprachen auch von dem Typus des russischen Juden, des Führers der Weltbewegung, dieser sprengstofthaften Mischung aus jüdischem Intellektual-Radikalismus und slawischer Christus-Schwärmerei. Eine Welt, die noch Selbsterhaltungsinstinkt besitzt, muß mit aller autbietbaren Energie und standrechtlicher Kürze gegen diesen Menschenschlag vorgehen ....« (Tagebücher 1918-1921, postum, S. 223). Arnold Zweig 1919 über Rosa Luxemburg: »Sie war, sie ist die jüdische Revolutionäre des Ostens, die bis in jede Fiber antimilitaristische, der Gewalt feindliche, schließlich selbst der Gewalt verfallene, ein Leben lang kämpfende Trägerin der Idee. Jüdinnen dieser Art, geweiht in ihrer Besessenheit und ganz rein in ihrem Wollen, haben den Zarismus gestürzt .... Frauen, und darum der gerechten Gestaltung dieses daseins verschrieben, rastlos und von Ungeduld geschüttelt, ohne Wissen vonn den besonderen Wegen des russischen oder deutschen Volksgeistes, haben sie den Ideen der Revolution gelebt, und ihnen sind sie gestorben.« (»Grabrede auf Spartacus«, in: Die Weltbühne, Jg. 1919, 1, S. 77f.). Jakob Wassermann 1921 (unter Bezugnahme auf eine lange zurückliegende Begegnung mit einem jungen russischen Juden, dessen Schwester bei einem Pogrom ermordet worden war): »..., so fühlte ich doch mit jeder Sekunde gewisser: .... Da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der Katastrophe. .... Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen ihm und mir auf. .... Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht wurde, wo der staatliche Erneuerurigsgedanke mit frenetischem Ernst in die Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer. ... Juden sind die Jakobiner der Epoche.« (Mein Weg als Deutscher und als Jude, 1921, S. 120, 124.) Wer solche Zitate zusammenzustellen wagt, der gilt in Deutschland als »Apologet Hitlers« und wohl gar als jemand, der nicht die Mörder, sondern die Ermordeten schuldig spricht. Aber die betreffenden Publizisten und Historiker geben sich keine Rechenschaft darüber, daß sie ganz in der Tradition von »Nürnberg« stehen, jenem Prozeß der Sieger gegen die Besiegten, der nicht zuletzt dadurch charakterisiert war, daß über die »Kriegsverbrechen« der Alliierten und insbesondere der Sowjetunion nicht gesprochen werden durfte. Sie wissen anscheinend nicht einmal, daß nach deutschem Recht die Staatsanwälte nicht lediglich Anklagematerial sammeln, sondern die Umstände mitberücksichtigen sollen, welche der Entlastung der Angeklagten dienen. So weigern sie sich, den Gedanken auch bloß zu erwägen, daß nur vom Verstehbaren her die qualitative Differenz des Unverstehbaren oder doch Unverständlichen, des Singulären, faßbar wird. Daher bleibt ihnen eine allerdings kühne, nie gestellte Frage ganz fern: Sollte »Auschwitz«, d.h. die »Judenvernichtung«, gerade deshalb so extrem gewesen sein, weil Hitler angesichts der Macht der »kulturstaatlichen« Traditionen in der deutschen Gesellschaft nur hier der Radikalität eines Vernichtungswillens freie Bahn geben konnte, die Stalin oder schon Lenin und Sinovjew gegen viel größere Gruppen der eigenen Bevölkerung entfesselt hatten?  Im Sommer 1944 ließ Hitler dann nicht mehr, wie Stalin, eine Anzahl seiner Generäle erschießen, sondern das Urteil lautete auf »Erhängen«. Auch hier wird die qualitative Differenz faßbar, die niemand begreift, der sie an den Anfang und nicht an das Ende der Erörterung stellt. - Die neben Herzl bedeutendste Gründergestalt Israels, Chaim Weizmann, hat mit klaren Worten gesagt, daß die Juden die entschiedensten Feinde Hitlers gewesen seien, aber ein großer Teil der heutigen Juden wünscht offenbar, daß ihre Vorfahren nicht ein weltgeschichtliches Volk, sondern eine Gruppe von beklagenswerten Opfern waren.“ (Ebd., 2002, S. 193-194).

„Ich stimme weitgehend einem Satz von Walther Rathenau zu, der 1918 sagte, in hundert Jahren werde der Bolschewismus überall in der Welt gesiegt haben, aber er werde sich so verändert haben, daß er für die gegenwärtigen Bolschewiki nicht mehr erkennbar sein werde. Ich glaube, daß es ein großes Verfehlen war, als in Deutschland eine aus verständlichen Gründen militant antibolschewistische und allerdings »unreine«, nämlich zugleich bloß-nationalistische und biologistisch orientierte Partei zum Siege gelangte und sich das Ziel setzte, den Bolschewismus ... zu vernichten. Es wäre besser gewesen, mehr Vertrauen in die eigene Gesellschaftsordnung des »Liberalen Systems« zu setzen und jener künftigen Veränderung mit einiger Zuversicht entgegenzusehen, die dann durch den »Kalten Krieg« der USA und ihrer Verbündeten in den frühen neunziger Jahren tatsächlich zustande kam. Ob auch Teilaspekten des Nationalsozialismus eine Zukunftsbedeutung zuzuschreiben ist, lasse ich dahingestellt; der ganze und genuine Nationalsozialismus Hitlers gehört unwiderruflich der Vergangenheit an. Die Furcht vor seinem Wiedererstehen und gar vor einer Wiederholung von »Auschwitz« ist entweder töricht oder Manipulation zu durchsichtigen Zwecken. Ob die weitere Entwicklung allerdings der Menschheit Gutes oder Schlimmes bringen wird, ist in der Gegenwart noch nicht zu entscheiden.“ (Ebd., 2002, S. 195-196).

„Wenn ich nun ausdrücklich auf den Anfang dieses Vortrags zurückkommen und erklären wollte, inwiefern in der deutschen Gegenwart ein Fall von besonders akuter historischer Tabuisierung vorliegt, müßte ich einen zweiten Vortrag halten. Aber nicht ganz wenige von Ihnen werden immerhin in Umrissen wissen, was gemeint ist.“ (Ebd., 2002, S. 196).

*

„Rudolf Heß 1927 in einem Brief an eine Cousine: »Der Tscheka ihre Aufgabe war und ist die Beseitigung der einst führenden Schichten in Rußland, die Ausrottung der Intelligenz, vom Gelehrten bis zum Unternehmer von einst ... Die Beschreibungen dieser Blutorgien sind grauenhafter als alle Vorstellungen der Phantasie. Nach monatelanger Gefangenschaft der ziemlich wahllos zusammengetriebenen Opfer in kalten finsteren Kellern ... geschah die Abschlachtung auf abwechslungsreichste und unterhaltsamste Weise, z.B. durch Einblasen überhitzten Dampfes. ... Dazwischen hat man auch zum Spaß Einzelne nach allen Methoden mittelalterlicher oder chinesischer Folter umgebracht wie Därme aus dem Leib winden, Augen ausbrennen u.s.w. .... Wenn ich Dir davon schreibe, so nur aus einem Grunde: Nur wer sich Obiges lebendig vor Augen hält, darf über uns und unsere Methoden urteilen.« (Rudolf Heß, Briefe 1908-1933, postum, S. 376 f.). Das Selbstverständnis der entgegengesetzten Seite läßt sich durch die Anführung eines Abschnitts aus der Tscheka-Zeitung »Das Rote Schwert« vielleicht am besten anschaulich machen: »Die alten Systeme der Moral und der Menschlichkeit lehnen wir ab. Sie wurden von der Bourgeoisie erfunden, um die unteren Klassen unterdrücken und ausbeuten zu können. Unsere Moral ist ohne Vorbild und unsere Menschlichkeit absolut, denn sie basiert auf einem neuen Ideal: jegliche Form von Unterdrückung und Gewalt zu zerstören. Uns ist alles erlaubt, denn wir sind die ersten in der Welt, die das Schwert nicht zur Unterdrückung und Versklavung erheben, sondern um die Menschheit von ihren Ketten zu befreien. .... - Blut? Mag es in Strömen fließen! Denn nur Blut kann das schwarze Banner der Piratenbourgeoisie in eine rote Fahne verwandeln, die Fahne der Revolution. Denn nur der endgültige Tod der alten Welt kann uns auf immer vor der Rückkehr der Schakale bewahren.« (Stéphane Courtois u.a., Das Schwarzbuch des Kommunismus, 1997, S. 117 f.. Vgl. S. 40 [**]). Es springt ins Auge, daß dieser »absolute Humanismus« mörderischer sein muß als jede »Unmenschlichkeit«. Man muß vor Vorurteilen blind sein, wenn man nicht wahrnimmt, welche Art des Fanatismus die ursprüngliche und authentische ist.“ (Ebd., 2002, S. 200-201).

Die Erfahrung des Bösen in der neueren Geschichte und das Scheitern der Erlösungsideologien
(Vortrag von der Kanzel der Berger Kirche in Düsseldorf auf Einladung von Pfarrer Martin Krolzig am 06.06.1994)
„Müßte dann aber nicht die Vergangenheit unserer ganzen westlichen Kultur »böse« genannt werden, da sie doch jahrhundertelang Menschen anderer Rasse und Kultur verachtet, versklavt und bestenfalls »zivilisiert« hat. War dieses Böse indessen nicht die Voraussetzung dafür, daß die Mißachteten zu einem neuen Selbstbewußtsein gelangten und sich einen anerkannten Paltz in einer umfassenderen Zivilisation erkämpften? Von diesem Verhältnis zwischen dem Herrn und dem Knecht hat Hegel in einem großen Kapitel seiner »Phänomenologie des Geistes« gehandelt, und nach Goethes allbekannten Wort ist der Teufel ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (Ebd., 2002, S. 203).

„Immanuel Kant prägte den Begriff des »radikal Bösen« und bezeichnete damit eine besondere Form des »natürlichen Hanges des Menschen zum Bösen«. Dessen Stufen sind die menschliche »Ggebrechlichkeit« oder die »Schwäche des Herzens«, die »Unlauterkeit« als die Vermischung unmoralischer Triebfedern mit den moralischen und als höchste die »Verderbtheit« oder »Bösartigkeit«, nämlich die Annahme pflichtwidriger Maximen. (Vgl. Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft - 1. Stück - Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben den guten, oder über das radikale Böse in der menschlichen Natur, 1793). Da das höchste Gut der Pflicht die Ausrichtung des individuellen Willens auf den Gesichtspunkt der Allgemeinheit ist, gerät das bloß Individuelle in den bereich des Bösen, und Schelling erklärt ausdrücklich die Selbstheit für das Böse, sofern sie sich con dem Universalwillen losgerissen hat. .,.. Für Kant ist der hang zum Bösen auch wieder die Vorbedingung aller Moralität. So läßt sich in der Philosophie wie in der Alltagserfahrung ein Aufeinanderbezogensein des Bösen und des Guten konstatieren, das den Begriff des »radikal Bösen« weniger eindeutig macht, als er auf den ersten Blick zu sein scheint.“ (Ebd., 2002, S. 203).

„Muß man nicht mit Kant im Krieg als solchen das Urböse im Menschen sehen, und ist der Anspruch einer Opfergruppe, aus allen anderen herausgehoben zu sein und ein singuläres Schicksal erlitten zu haben, nicht sogar ein Ausfluß jener Selbstigkeit, jenes kollektiven Egoismus, in dem Schelling und Kant das Böse sahen? Muß man nicht vielmehr allgemein vom »Geschichtsbösen« sprechen?“  (Ebd., 2002, S. 203).

„Die drei Thesen lauten:
1.Ein Überschwang des Guten brachte Böses hervor.
2.Das Radikal-Böse schloß Gutes in sich.
3.Die guten Menschen waren nicht frei vom Bösen.
“ (Ebd., 2002, S. 207).

„So wird die kollektivistische Schuldzuschreibung, die als unzulässige Generalisierung einer der wichtigsten Anfänge des radikal-Bösen war, umgedreht und zu einer Waffe des Guten gemacht, und gerade dadurch bestätigt sich ihr böser Charakter.“ (Ebd., 2002, S. 213-214).

Rückblick und Rechenschaft nach vier Jahrzehnten. Vom »Faschismus in seiner Epoche« bis zur »Historischen Existenz«
(Vortrag vor dem Kuhnke-Kreis in Düsseldorf am 20.01.2001)
„Ein zufällig entstandener Zeitungsartikel mit dem nicht von mir selbst gewählten Titel »Die Vergangenheit, die nicht vergehen will« löste 1986 den so genannten »Historikerstreit« aus, von dem man sagen muß, er habe noch weit mehr an Aufmerksamkeit erregt als der »Faschismus in seiner Epoche«, doch diesmal ganz überwiegend im negativen Sinne. Der am weitesten verbreitete Vorwurf zielte auf die angebliche »Verharmlosung« oder »Relativierung« des Nationalsozialismus, und es läßt sich nicht leugnen, daß der weitaus größte Teil der Stimmen aus Wissenschaft und Publizistik sich mit Nachdruck, ja mit Leidenschaft gegen mich - und auch gegen Andreas Hillgruber - aussprachen. Bei vielen jüngeren Historikern wurde es nun rasch zur Gewohnheit, daß ich nicht mehr zitiert wurde und daß sogar »Der Faschismus in seiner Epoche« in den Literaturlisten keine Aufnahme mehr fand. Ich unterlag mithin einer Art von Ächtung, spätestens seit 1994, nachdem ich mich in der FAZ negativ zur Verschärfung des Gesetzes (vgl. §1 30 StGB; HB [**|**]) zur so genannten »Auschwitz-Lüge« ausgesprochen und mit dem »Spiegel« ein langes Gespräch geführt hatte, das in mancher Hinsicht »politisch unkorrekt« war.“ (Ebd., 2002, S. 219).

„Die Frage ist: Hatten sich meine Auffassungen zwischen 1963 und 2000 so sehr geändert, daß ich mit Recht aus einem, wie man sagen könnte, »Liebling« der öffentlichen Meinung zu deren Haßobjekt geworden war, oder war die Änderung überwiegend auf der anderen Seite zu verzeichnen?“  (Ebd., 2002, S. 219).

„Ich werde nun folgendermaßen vorgehen: Zunächst will ich in einem Rückblick die wesentlichen Fragestellungen und Gedankengänge meiner Bücher herauszustellen versuchen, wenngleich in stärkster Verkürzung. Dann werde ich, nicht ganz ohne Zuspitzung, über diejenigen »Thesen« Rechenschaft geben, die am meisten Anstoß erregt haben.“ (Ebd., 2002, S. 219).

„Der »Faschismus in seiner Epoche« läßt bereits durch seinen Untertitel erkennen, daß es sich um ein Werk der vergleichenden Geschichtsbetrachtung handelt; insofern hätte auch damals schon der Vorwurf der »Relativierung« erhoben werden können. Aber das geschah allenfalls ganz am Rande, denn der Ton lag offenbar vornehmlich auf der Unterscheidung, wenn die Action française als »Frühfaschismus«, der italienische Faschismus als »Normalfaschismus« und der deutsche Nationalsozialismus als «Radikalfaschismus« charakterisiert wurden. Wichtiger war jedoch, daß über die einzelnen faschistischen Bewegungen und Regime nicht nur unter verschiedenen Fragestellungen wie etwa »Geschichte«, «Doktrin« und »Praxis« viel an Erzählung und Analyse vorgelegt wurde, sondern daß auch »der Faschismus« als generischer, übergreifender Begriff eingegrenzt, »definiert« wurde, und zwar folgendermaßen: »Faschismus ist Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie.« (Ebd., 1963, S. 51 **).“ (Ebd., 2002, S. 219).

„Diese Definition bedeutet, daß der Faschismus nicht ohne Bezugnahme auf das ältere Phänomen des Marxismus verstanden werden kann und daß ... vom Faschismus schweigen soll, wer nicht vom Marxismus reden will. Aber der Marxismus wird nicht etwa angeklagt und verworfen, sondern er gilt offenbar als ein ungemein starkes und bedeutendes Phänomen, da er diesen faschistischen Antimarxismus und offenbar auch andere Antimarxismen zur Bezugnahme zwingen, ja sogar erzeugen kann. Und beim Marxismus bleibt diese »Faschismustheorie« nicht stehen, sondern sie nimmt ausdrücklich auf jene Gesellschaftsordnung Bezug, aus der sowohl der Marxismus wie der Faschismus hervorgegangen sind und die als die Gesellschaftsordnung des »Liberalen Systems« bezeichnet wird. Diese wird wiederum mit einem philosophischen Begriff in Beziehung gesetzt, demjenigen der »Transzendenz«, dem »Wesen des Menschen«.“ (Ebd., 2002, S. 220).

„In der Gesellschaft des Liberalen Systems, so heißt es, wird die Transzendenz, die als »Weltbezug« oder »Weltoffenheit« den Menschen von allen anderen Wesen unterscheidet, erstmals über Religion und Philosophie hinaus »praktisch«, d.h. zur konkreten Weltbemächtigung. Von hier aus erklärt sich die zweite und philosophische Definition des Faschismus, die sich auf den Nationalsozialismus als »Radikalfaschismus« beschränkt: »Der Nationalsozialismus war der Todeskampf der souveränen, kriegerischen, in sich antagonistischen Gruppe. - Er war praktischer und gewalttätiger Widerstand gegen die Transzendenz.« (Ebd., 1963, S. 507 **). “ (Ebd., 2002, S. 220).

„Gewiß war der ganze Faschismus schon durch den Ausgang von der »Action française« der europäischen konterrevolutionären Tradition zugeordnet worden, und die Kennzeichnung der Intention von Charles Maurras (Mitbegründer und führender Ideologe der Ende 1898 geründeten Action française; HB), den »autark-souveränen, kriegerischen, aristokratischen Staat des Ancien régime als Paradigma für alle französischen Zeiten« bedingungslos zu verteidigen bzw. wiederherzustellen, läßt das Verfehltsein und die Aussichtslosigkeit des Unternehmens noch anschaulicher werden als im Falle Hitlers.“ (Ebd., 2002, S. 221).

„Aber »Transzendenz« bedeutet eben nicht »Fortschritt« in der üblichen Konnotation mit positiver Unwiderstehlichkeit, sondern sie ist als »neutraler Strukturbegriff« gefaßt.“ (Ebd., 2002, S. 221).

„Und daher wird der Grundemotion von Maurras, der Angst, die er angesichts der sich abzeichnenden Weltentwicklung hin zu Barbarei und Kulturlosigkeit empfindet, viel Verständnis entgegengebracht. Und ebenso wird eine durchaus menschliche Empfindung, eben die Angst, als Ursprung der Reaktionen Adolf Hitlers wahrgenommen, so daß die Vorstellung vom »absoluten Bösen«, so entsetzlich die resultierenden Taten sind, nicht akzeptiert werden kann. Auch der Marxismus wird ja in der angeführten Definition unzweideutig als eine »Vernichtungslehre« gekennzeichnet, und bekanntlich hat er aus seinem Vernichtungswillen noch weniger ein Geheimnis gemacht als der Nationalsozialismus.“ (Ebd., 2002, S. 221).

„Was er vernichten wollte, war »der Kapitalismus« und in der Praxis »das Bürgertum« oder »das Unternehmertum«. .... Aber »das Bürgertum« war einer der am meisten charakteristischen Bestandteile der Gesellschaftsordnung des »Liberalen Systems«; es mochte mithin sein, daß der Vernichtungswille gegen »die Kapitalisten« ebenso in die Irre ging wie der Vernichtungswille gegen die Juden und daß daher sogar in der »Reaktion« von Maurras und Hitler mehr als bloße Verstehbarkeit enthalten war.“ (Ebd., 2002, S. 221).

„Ein hohes Maß an Anschaulichkeit vermittelt die Figur Mussolinis, die Hauptperson des Zweiten, dem italienischen Faschismus gewidmeten Teils. Es wird nachgewiesen, daß der junge Mussolini einer der Hauptvertreter des »revolutionären Marxismus« (und nicht etwa bloß eines romantischen Syndikalismus) in Italien war, ja seit 1912 der Hauptvertreter, welcher innerhalb des europäischen Sozialismus einen Platz neben Lenin und Rosa Luxemburg beanspruchen durfte. Als solcher macht er im Rahmen des Buches die wichtigste Ursache der »Angst« sowohl von Maurras wie von Hitler anschaulich, eben den Marxismus als das erste Phänomen der Weltgeschichte, in dem das von jeher vorhandene »Aufbegehren« der Armen und Unterdrückten, doch nun auch der chiliastisch gesinnten Intellektuellen, zu einer großen, zuversichtlich einen »Endsieg« erwartenden Organisation geworden war - bei den Reichstagswahlen von 1912 errang die deutsche Sozialdemokratie mehr als ein Drittel der Stimmen, und Mussolinis »Partito Socialista Italiano« brachte den Ministerpräsidenten Giolitti bei dessen Kolonialunternehmen gegen Libyen in schwere Bedrängnis. Aber der Ausbruch des Weltkriegs und das Verhalten der sozialistischen Massen und Parteien wurde von allen Linkssozialisten wie Lenin und Luxemburg als »Katastrophe« und als »Verrat« empfunden. Mussolini dagegen stellte sich auf die Seite der kriegswilligen Strömungen im zunächst neutralen Italien, weil er - »wie Marx und Engels« - einen engen Zusammenhang zwischen Krieg und Revolution für gegeben hielt, und er trat 1919 an die Spitze der neu gegründeten faschistischen Bewegung, die noch geraume Zeit linkssozialistisch sein wollte und dann immer entschiedener den Weg des Nationalismus und der Bekämpfung des »bolschewistischen Revolutionsversuchs« einschlug. Mussolini begnügte sich jedoch nicht damit, die »bolschewistische Trunkenheit« des italienischen Proletariats zu geißeln, sondern er setzte seinen ehemaligen Genossen ganz nüchtern und rational auseinander, sie befänden sich mit ihrer These vom bevorstehenden Ende des Kapitalismus in einem schweren Irrtum, denn diesem Kapitalismus ständen noch mehrere Jahrzehnte der Entwicklung bevor. Damit befand er sich offensichtlich im Recht, und es ist nicht möglich, den »italienischen Bürgerkrieg« zwischen Kommunisten und faschistischen Antikommunisten bloß zu verurteilen, so abstoßend die faschistischen Methoden von »Rizinusöl und Schlagstock« zweifellos waren.“ (Ebd., 2002, S. 221-222).

„Als 1974 »Deutschland und der Kalte Krieg« publiziert wurde, hatte der Antifaschismus der neomarxistischen Studentenbewegung im Zeichen seiner Lehrer, nicht zuletzt meines Marburger Kollegen Wolfgang Abendroth, große Schritte in die Richtung einer andersartigen Auslegungsmöglichkeit getan, und ich sah darin eine regionale Phase der neuen - in Wahrheit älteren - Auseinandersetzung ideologischer Mächte, des »Kalten Krieges« zwischen der bolschewistischen, sich als realisierten Marxismus verstehenden Sowjetunion und den kapitalistischen Vereinigten Staaten von Amerika. An die Stelle des »europäischen Bürgerkrieges« trat also der »Weltbürgerkrieg«, und Deutschland spielte darin eine bedeutende Rolle, aber die merkwürdige Rolle des Heraustretens aus dem Zentrum der Ereignisse. So wurde der Gegenstand sehr stark ausgeweitet, sowohl in zeitlicher wie in räumlicher Hinsicht: nicht nur von »Präfigurationen« des Kalten Krieges in der Antike war nun die Rede, sondern auch von Korea, von Vietnam und von Israel. Aber das Thema des Faschismus verschwand so wenig wie dasjenige des Marxismus oder des Liberalen Systems.“ (Ebd., 2002, S. 223).

„Nach den schweren Turbulenzen des »maoistischen« Endstadiums der Studentenrevolution ging ich für ein Jahr von Berlin nach England und leistete hier die wichtigsten Vorarbeiten zu »Marxismus und Industrielle Revolution«, dem einzigen meiner Bücher, das im engen Sinne ein »gelehrtes« heißen darf, weil es die Wurzeln des Marxismus in der seit etwa 1760 stattfindenden intellektuellen Auseinandersetzung um das neuartige Phänomen der »Industriellen Revolution« entdeckt und auf ungewohnte, auch den Toryismus und den frühesten Antikapitalismus einbeziehende Weise zum Thema macht. Abermals geht es zugleich um das »Liberale System«, das ja nirgendwo bereits so weit ausgebildet war wie in dem England einer überall sonst unbekannten »Volksfreiheit« und einer »deliberierenden Aristokratie«. Der »dialektische Denkansatz« wird so charakterisiert, daß er Marx und Engels in Stand gesetzt habe, »die beiden Hauptauslegungen der Industriellen Revolution, die toryistische und die frühsozialistische bzw. antikapitalistische auf der einen Seite und die nationalökonomische auf der anderen, zu einer Einheit zusammenzufassen, die zugleich einen schroffen Angriff gegen beide in sich schloß«. Die Vorstellung eines Endzustandes und der vorherigen Vernichtung aller entgegenstehenden Realitäten war ein notwendiger Bestandteil dieses Denkansatzes, und so konnte Friedrich Engels zu einem Zeitpunkt, wo bedeutende englische Nationalökonomen wie Robert Torrens und Richard Jones die Bedeutung des Unternehmertums für die wirtschaftliche Entwicklung mit deutlicher Kritik an Adam Smith herausgearbeitet hatten, den »gnädigen Herren vom Kapital« im Januar 1848 höhnisch zurufen: »Wir haben euch vorderhand nötig....ihr müßt den Patriarchalismus vernichten, ihr müßt zentralisieren......Zum Lohn dafür sollt ihr eine kurze Zeit herrschen......ihr sollt bankettieren im königlichen Saal und die schöne Königstochter freien, aber, vergeßt es nicht, ’Der Henker steht vor der Türe‘«. (Ebd., 1983, S. 461f.).“ (Ebd., 2002, S. 224).

„Ein Gesang von Henker, Tod und Grab ist auch der intellektuelle Marxismus von Marx und Engels immer geblieben, der auf seine Weise eine nur halb versteckte Angst in eine Anklage gegen »Urheber«, ja an einigen Stellen gegen die »bis ins innerste Herz jüdische« moderne Welt ummünzte, aber ich sage ausdrücklich, von Marx’ abstraktem und insofern scheinbarem Antisemitismus könne man nur durch ein Mißverständnis zu Hitlers konkretem und wirklichem Antisemitismus kommen, obgleich dieses Mißverständnis begreiflich sei.“ (Ebd., 2002, S. 225).

„Trotzdem bedeutet die »Transformation des Marxismus durch den Leninismus«, die als »Ausblick« das Thema des letzten Kapitels ist (vgl. ebd., 1983, S. 481f.), einen qualitativen Umbruch, da »nie zuvor ein zivilisierter Staat Geiselnahme und Sippenhaft zu seiner offiziellen Politik gemacht hatte« (ebd., 1983, S. 525) und da sich schon sehr rasch die bolschewistische Partei unter dem Zeichen eines »Klassenkampfes«, der gegen eine große Minderheit der Bevölkerung geführt werden mußte, als »die größte Kraft planmäßiger Vernichtung« erwies, die es in der modernen Geschichte der Menschheit gegeben hatte (vgl. ebd., 1983, S. 525). Und Adolf Hitler, der im Personenregister neben Michail Bakunin, Jeremy Bentham, Thomas Robert Malthus und vielen anderen kaum auftaucht, ist gleichwohl in doppelter Weise anwesend: als Widerlegter, der seinem Hauptfeind, dem Marxismus, eine ganz unzureichende Deutung zukommen ließ, der jedoch gerade deshalb das Konzept einer Gegenvernichtung entwickeln konnte, das aus Nebenbemerkungen von Marx eine ganze Geschichtsphilosophie vom Unheil des für »jüdisch« erklärten »Fortschritts« machte.“ (Ebd., 2002, S. 225).

„Ich muß es im Rückblick für ein Unglück halten, daß das Thema des »Europäischen Bürgerkrieges 1917-1945«, das im Kern schon im »Faschismus in seiner Epoche« enthalten war und dessen detaillierte Behandlung sich nach den weiteren Büchern von 1974 und 1983 sozusagen aufzwang, durch einen von zufälligen Umständen verursachten Zeitungsartikel mit ziemlich plakativen Formulierungen vorweggenommen wurde. In der Tat war das gleichnamige Buch, das dann im Herbst 1987 erschien, im Frühjahr 1986 in den Grundzügen fertig, als ich mich veranlaßt sah, einen für die Frankfurter »Römerberggespräche« vorgesehenen und mir nachträglich entzogenen Vortrag mit der vielzitierten Überschrift als Artikel in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« zu publizieren. Zwar hatte ich schon längst zuvor einige der von Zorn, Haß und Erbitterung erfüllten Äußerungen Adolf Hitlers zu den Vernichtungsvorgängen der Russischen Revolution - dem »GULag«, wie man abkürzend und vorwegnehmend sagen mag - angeführt, aber seine Aussage über den »Rattenkäfig« als singuläres Folterinstrument der Tscheka wirkte offenbar für viele Leser wie ein Schlag, so überaus erhellend für Hitlers Nichtvergessenkönnen sie war, und die zentrale Frage schien alles auf den Kopf zu stellen, was es an »Vergangenheitsbewältigung« in Deutschland gab: »Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine »asiatische« Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer »asiatischen« Tat betrachteten? War nicht der ’Archipel GULag‘ ursprünglicher als Auschwitz?« Damit schien das seit vielen Jahren - man könnte sogar sagen, seit dem »Faschismus in seiner Epoche« - so sehr Herausgestellte, »Auschwitz«, aus einem Primären zu etwas Sekundärem herabgesetzt zu sein, und während Hitler seit kurzem mehr und mehr für eine Personifizierung des »absoluten Bösen« erklärt worden war, schien ihm hier ein Maß an Verständnis entgegengebracht zu werden, das mit dem Begriff der »Verharmlosung« nicht zu erfassen war. Es fehlt mir daher nicht an Verständnis für die Explosion an Empörung, welche die Folge dieses Artikels und der Hauptinhalt des so genannten Historikerstreits war.“ (Ebd., 2002, S. 225-226).

„Aber kaum einer der Publizisten und nur wenige der Historiker nahmen die Erläuterungen, Einschränkungen und Qualifizierungen zur Kenntnis, die ein Jahr später in Gestalt des Buches greifbar wurden. Mit ihm wurde abermals ein Stück vergleichender, sowohl erzählender wie analysierender Geschichtsschreibung vorgelegt, die nun auch im Detail ebenso sehr auf die Russische Revolution und umrißhaft auf die Geschichte Sowjetrußlands wie auf die nationalsozialistische Machtergreifung und umrißhaft auf die Geschichte des Dritten Reiches einging. Die bolschewistische und bereits marxistische Vorstellung vom »bevorstehenden Untergang der Weltbourgeoisie« wurde ebenso ernst genommen und doch »relativiert« wie das nationalsozialistische Schreckbild von »dem Juden«, der die Russische Revolution »gemacht« habe und sogar der »Drahtzieher der Geschicke der Menschheit« sei. Insofern erschien das bisher als »primär« Angesehene, der Nationalsozialismus, in der Tat als sekundär, ja als eine »verzerrte Kopie«, die freilich auch ältere und eigenständige Wurzeln hatte. Aber zumal in dem umfangreichen Vierten Kapitel »Strukturen zweier Einparteistaaten« wird auch der schroffe Unterschied zwischen den beiden Vernichtungskonzeptionen herausgearbeitet, derjenigen des »absoluten Humanismus« und des radikalen Egalitarismus, welche alle geschichtlich gewordenen Differenzen zwischen Klassen, Staaten und Geschlechtern zerstören will, auf der einen Seite, und derjenigen der Beseitigung alles dessen, was in eine ursprüngliche und gesunde Welt der kriegerischen Gruppen Schwächung und Krankheit » und insofern Geschichte - hineingebracht hat, auf der anderen. Zwei im Grunde archaische Konzeptionen sind also einander konfrontiert, die aber als militanter Universalismus bzw. militanter Partikularismus in einem verschiedenartigen Verhältnis zu der erkennbaren Welttendenz stehen, die man heute meist »Globalisierung« nennt.“ (Ebd., 2002, S. 226-227).

„Von einer »Gleichsetzung« kann also keine Rede sein, wohl aber von einem »Ernstnehmen« und von der Skepsis gegenüber einer Parteinahme, die sich immer auf die Besiegten und die Opfer der Vergangenheit beruft und nicht wahrhaben will, daß die Nachfahren dieser Besiegten und dieser Opfer die Sieger und teilweise die Täter von heute sind, so daß der Moralismus der Nachgeborenen vom Opportunismus nicht leicht unterscheidbar ist.“ (Ebd., 2002, S. 227).

„Sowohl Publizisten wie Historiker hätten aber nach der Lektüre des »Europäischen Bürgerkrieges« sagen können und sagen müssen: Hier ist nach dem negativ-nationalistischen, dem marxistischen, dem progressivistischen, dem jüdischen, und dem strukturell-totalitarismustheoretischen Paradigma der Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Anknüpfung an die früheren Bücher des Autors ein weiteres Paradigma entwickelt worden, das von allen das älteste und einleuchtendste sein sollte, weil es die schroff entgegengesetzten und doch im Prinzip übereinstimmenden Interpretationen der kämpfenden Ideologiestaaten nicht von außen kritisiert, sondern aus der Distanz heraus objektiviert und ihrer Ein-Seitigkeit entkleidet. Aber nicht zufällig ist das im Ältesten Begründete dasjenige, was als wissenschaftliches Werk das Jüngste ist, nämlich die »historisch-genetische Version der Totalitarismustheorie«, welche den übrigen Versionen ihr Recht läßt, weil sie weiß, daß die geschichtliche Realität viel zu umfangreich und widerspruchsvoll ist, als daß sie mit einem Paradigma zureichend erfaßt werden könnte. Diese ganz einfache Überlegung ist allerdings bisher so gut wie nie vollzogen worden, weil sogar Historiker es in der Regel vorziehen, als »anstößig« empfundene Sätze oder Halbsätze herauszugreifen und zu kritisieren. (**).“ (Ebd., 2002, S. 227).

„Ich will nun über die Verwendung eines Begriffs und den Sinn eines Satzes Rechenschaft geben, die in einen Bereich gehören, welcher der meisttabuisierte von allen ist und der in meinen Büchern zwar auf vielfältige Weise umrissen, aber nicht als solcher thematisiert worden ist. Es handelt sich um den Begriff »jüdischer Bolschewismus« und um meinen Satz, der etwa im Briefwechsel mit François Furet zu finden ist, auch in dem Antisemitismus Hitlers habe es einen »rationalen Kern«, d.h. einen verstehbaren, nachvollziehbaren Gehalt gegeben. Kein Begriff unterliegt in Deutschland und der ganzen Welt einer einhelligeren Verurteilung, keine meiner »Thesen« ist so einmütig zurückgewiesen worden, auch von Furet. Und doch muß sich in diesem Bereich am ehesten zeigen, ob auch auf Adolf Hitler die Maximen der Geschichtswissenschaft Anwendung finden können, nämlich die Forderung, im Rahmen des irgend Möglichen auch das Unverständliche verstehbar zu machen, den Motiven aller Handelnden gerecht zu werden und Objektivität selbst dann anzustreben, wenn aufseiten des Historikers leidenschaftliche und gerechtfertigte Impulse vorliegen.“ (Ebd., 2002, S. 227-228).

„Ich richte zunächst die Hauptaufmerksamkeit auf das Substantiv »Bolschewismus« und fasse das Adjektiv »jüdisch« nur nebenher ins Auge. Dabei beschränke ich mich zunächst auf den Zeitraum von 1919 bis 1923, in dem Hitlers Ideologie sich ausbildete und jedenfalls erstmals artikuliert wurde.“ (Ebd., 2002, S. 228).

„In dem frühesten und besonders wichtigen Zeugnis von Hitlers Denken, dem im Auftrag des Hauptmanns Mayr geschriebenen Brief an Adolf Gemlich vom 16. September 1919 kommt das Wort »Bolschewismus« nicht vor. Hauptthema ist das Streben nach Geld, der »Tanz um das goldene Kalb«, die das Wesen der Juden ausmachten und die das Verlangen nach »Entfernung der Juden« zu einem elementaren Gebot der Bewahrung der eigenen Lebensform werden ließen. Erst am Schluß schreibt Hitler die Juden seien »ja auch die treibenden Kräfte der Revolution« gewesen. Der Zusammenhang von Judentum und Geldwirtschaft wird auch in den Reden, die Hitler nach seinem Eintritt in die »Deutsche Arbeiterpartei« vom Oktober 1919 an hielt, immer wieder hervorgehoben; offensichtlich handelte es sich um eine Verarbeitung der von den Linksparteien ins Zentrum gestellten Verdammungsurteile über den »Kapitalismus«. Das zweite immer wiederkehrende Hauptthema ist der Friede bzw. das Diktat von Versailles, also der aktuellste aller Gegenstände der damaligen Diskussion, dem Hitler durch den Vergleich mit dem Frieden von Brest-Litowsk einen besonders eindrucksvollen Aspekt abzugewinnen suchte. Im Dezember wird den Juden wie in dem Brief an Gemlich der Vorwurf gemacht, »durch Hetze und Aufwiegeleien den Bruderkrieg zu schüren«. Am 16. Januar 1920 wird erstmals von den Kommunisten gesprochen, die nicht erkennen, daß sie »dem Großkapital dienen«, dessen »Schützer« die Juden sind. In den Notizen zu einer Rede am 9. Februar 1920 sind folgende Stichworte verzeichnet: »Diktatur«, »Marx und Engels«, »Bestrafung gegen Wucherer (Galgen)«, und es folgen die Sätze: »Bolschewisten im Anmarsch« sowie »Die Russen stehen vor Polen«. Hitler nimmt offensichtlich auf den von Pilsudski initiierten Krieg gegen Sowjetrußland Bezug, der den Polen und Ukrainern inzwischen die ersten großen Rückschläge gebracht hatte und der nach einer für ganz Europa angstvollen Periode erst im August durch das unerwartete »Wunder an der Weichsel« entschieden werden sollte. In der folgenden Zeit häufen sich die Bezugnahmen auf den Bolschewismus und Sowjetrußland, und ich verzichte jetzt auf die Terminangaben. Am meisten und nachdrücklichsten bringt Hitler mit unverkennbarer Leidenschaft den »Massenmord an der nationalen Intelligenz« bzw. deren »Ausrottung« zur Sprache, und er nennt das Regime »die jüdische Blutdiktatur« oder »die Diktatur einer rücksichtslosen Minderheit«. An der Spitze stehe Lenin, »der Massenmörder«; nicht weniger als 300000 Hinrichtungen seien unter den scheußlichsten Umständen vorgenommen worden. Im »russischen Leichenhaus« vollziehe sich »das Abschlachten der Geistigen« und dadurch werde das Volk zu «Sklaven« gemacht, obwohl »das Jammern der Millionen dem rettungslosen Hungertod geweihten Arbeiter, Weiber und Kinder« die Massen zum Aufstand von Kronstadt getrieben habe. Der Bolschewismus sei eine »Geisteserkrankung«, die entweder im »Blutrausch des Wahnsinns« enden oder zur »Abrechnung« führen müsse. In »Räte-Rußland« ständen »Trotzki, Lenin, Sobelsohn« an der Spitze, »drei Juden«, die dem Volk 14 Stunden an täglicher Arbeit aufzwängen, nachdem sie den »Sozialismus des Klassenkampfes« gepredigt hätten, der etwas ganz anderes sei als der »wahre deutsche Sozialismus«, den die NSDAP vertrete. Im Sommer 1922 verknüpft Hitler die russische Schreckensherrschaft mit der Vergewaltigung des Rheinlands durch die Franzosen: »Chinesische Henker treiben in Petersburg ihr Handwerk, und am Rhein steht die schwarze Schmach«. Die Geschichte vom Rattenkäfig der chinesischen Tscheka wird von Hitler in seinen öffentlichen Reden nicht wiedergegeben, aber sie war im »Völkischen Beobachter« zu lesen, der sie anscheinend aus der dänischen »Berlingske Tidende« übernommen hatte, und zwanzig Jahre später sollte sich zeigen, daß sie sich Hitler tief eingeprägt hatte. Es handle sich um einen Kampf auf Leben und Tod zwischen zwei Weltanschauungen, in welchem es nur Sieger und Vernichtete geben werde, denn diese Einstellung sei dem Marxismus in Fleisch und Blut übergegangen. Die Bolschewisierung Deutschlands bedeute jedoch die Vernichtung der gesamten christlich abendländischen Kultur überhaupt. Sie schließe »Brand und Scheiterhaufen und Blutgerüste« ein; vor wenigen Jahren habe man ja in München ein kleines Beispiel erlebt. “ (Ebd., 2002, S. 228-229).

„Ich breche hier ab und weise lediglich darauf hin, daß sich die frappierendsten Außagen in »Mein Kampf« nahtlos an diese frühen Äußerungen anschließen, zumal in dem großen Sündenregister«, das »den Juden« kurz vor dem Ende des Ersten Bandes vorgehalten wird: »Nun beginnt die große, letzte Revolution. Indem der Jude die politische Macht erringt, wirft er die wenigen Hüllen, die er noch trägt, von sich. Aus dem demokratischen Volksjuden wird der Blutjude und Völkertyrann. In wenigen Jahren versucht er, die nationalen Träger der Intelligenz auszurotten und macht die Völker, indem er sie ihrer natürlichen geistigen Führer beraubt, reif zum Sklavenlos einer dauernden Unterjochung. Das furchtbarste Beispiel dieser Art bietet Rußland, wo er an dreißig Millionen Menschen in wahrhaft fanatischer Wildheit teilweise unter unmenschlichen Qualen tötete oder verhungern ließ, um einem Haufen jüdischer Literaten und Börsenbanditen die Herrschaft über ein großes Volk zu sichern. Das Ende aber ist nicht nur das Ende der Freiheit der vom Juden unterdrückten Völker, sondern auch das Ende dieses Völkerparasiten selber. Nach dem Tode des Opfers stirbt auch früher oder später der Vampir.« (Adolf Hitler, Mein Kampf, 1925, S. 358).“ (Ebd., 2002, S. 230).

„Es wird meines Erachtens zu wenig wahrgenommen, daß gerade die wichtigsten »antisemitischen« Außagen einen Bezug zum »Marxismus« aufweisen, wie etwa in der vielzitierten Prophezeiung über den möglichen Sieg des Juden über die Völker dieser Welt, der den Untergang der Menschheit implizieren würde, denn es heißt, daß der Jude diesen Sieg »mithilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses« erringen könnte. (Vgl. Adolf Hitler, Mein Kampf, 1925, S. 69-70). Und als von Versailles und Brest-Litowsk, ja vom »Kapitalismus« kaum noch die Rede ist, bleibt die anklagende Bezugnahme auf Sowjetrußland und die Verknüpfung von Bolschewismus und Judentum unverändert erhalten: der neu ernannte Reichskanzler scheut sich Anfang März 1933 nicht, der Sowjetunion die »Hunderttausende, ja Millionen« von Erschossenen vorzuhalten, und der Herr Europas sagt dem ungarischen Reichsverweser Horthy im März 1943, man solle »die Bestien« nicht schonen, »die uns den Bolschewismus bringen wollten« - nur der Kenner weiß, daß Hitler 20 Jahre zuvor in einem Interview mit einem amerikanischen Journalisten dem Sinne nach dasselbe gesagt hatte: Japaner und Juden seien alte Völker mit alten Kulturen, aber in den USA könnten die Japaner nicht zu Staatsbürgern werden, obwohl sie doch nie einen Staat zugrunde gerichtet hätten und nicht, wie die Juden, »carriers of Bolshevism« seien.“ (Ebd., 2002, S. 230).

„Es kann also kaum einen Zweifel geben, daß das Verhältnis zum Bolschewismus eine von Angst, Haß und Zorn geprägte Grundbeziehung im Leben Adolf Hitlers war. Den möglichen Einwand, es habe sich um einen bloßen Vorwand zum Zweck des Machtgewinns und der Machterhaltung gehandelt, halte ich für unbegründet.“ (Ebd., 2002, S. 230).

„Die zweite Frage, die auch in vergleichbaren Fällen zu stellen ist, nämlich ob die leidenschaftliche Erfahrung in der Realität begründet oder vielleicht eine bloße Obsession war, beantworte ich folgendermaßen: Wer die Schilderungen des »Roten Terrors« liest, die der »Volkssozialist« Melgunov in seinem 1924 auf deutsch publizierten Buch gab, dem mußte das Blut in den Adern erstarren; wer 1938 wie Joseph Goebbels das Buch von Iwan Solonewitsch »Die Verlorenen« zur Kenntnis nahm, eine der frühesten und bewegendsten Schilderungen des »Gulag«, der mußte vor Entsetzen aufschreien; als 1973 der »Archipel Gulag« von Alexander Solschenizyn erschien, da vollzog sich zwar nicht in Deutschland, wohl aber in Frankreich ein tief greifender Umschlag der Stimmung gegenüber der bis dahin vorherrschenden Sowjetfreundlichkeit, und als 15 Jahre später in Paris das »Schwarzbuch des Kommunismus« (**) veröffentlicht wurde, gab es gegenüber dem Kern der Feststellungen keine begründeten Einwände. Heute ist um die Einsicht, so bestürzend sie sein mag, nicht mehr herumzukommen: daß die späteren Massenmörder - Hitler, Goebbels, Himmler - von Schrecken und Zorn über einen früheren großen Massenmord erfüllt waren und daß sogar die exorbitant scheinenden Zahlenangaben Hitlers aus den 1920er Jahren keinesfalls erfunden oder aus der Luft gegriffen waren. Diese Männer waren von derjenigen Empfindung geprägt, welche Lenin und Sinovjew zu Unrecht der ganzen »Bourgeoisie« zuschrieben, nämlich einer »bis zum Wahnsinn reichenden Angst und Erbitterung«; und hier einen »kausalen Nexus« abzustreiten, grenzt selbst an Irrsinn. (**). “ (Ebd., 2002, S. 230-231).

„Margret Boveri druckt in ihrem Buch »Wir lügen alle« einen Artikel Paul Scheffers ab, der damals - 1927 - der Korrespondent des »Berliner Tageblatts« in Moskau war und der zu der schweren Krise Stellung nahm, die damals einen Krieg zwischen England und der Sowjetunion in den Bereich des Möglichen rückte. Scheffer schrieb, die wirklichen Machthaber im Kreml seien für Journalisten unzugänglich und nur mit ihren weltrevolutionären Projekten beschäftigt. Daher befänden sich die Engländer »dem einzigen weltumspannenden politischen Antrieb«, der heute existiere, unmittelbar gegenüber. Diese Männer aber seien »Kämpfer wie niemand sonst.« (Margret Boveru, Wir lügen alle, S. 149). Scheffer will nur den weltpolitischen Vorrang der bolschewistischen Sowjetunion herausstellen, und er spricht nicht von »Juden«. Aber es ist in der wissenschaftlichen Literatur unbestritten, daß der zahlenmäßige Anteil von Menschen »jüdischer Abstammung« auch nach der Entmachtung Trotzkis noch sehr beträchtlich war, und mit ebenso großer Selbstverständlichkeit wird von jüdischen Autoren festgestellt, daß die zahlreichen »jüdischen Bolschewisten«, keineswegs, wie die Zionisten behaupteten, »entjudete Juden« waren, sondern daß sie aufs tiefste von der »jüdischen Utopie« des »Reiches Gottes« geprägt waren, freilich eines »Reiches Gottes« ohne Gott. Einer der geistvollsten Juden der Gegenwart, George Steiner, nennt den Marxismus »that utterly Judaic secular messianism«, und Arnold Zweig charakterisierte Rosa Luxemburg im Januar 1919 mit folgenden Worten: »Sie war, sie ist die jüdische Revolutionäre des Ostens, die bis in jede Fiber antimilitaristische, der Gewalt feindliche, schließlich selbst der Gewalt verfallene, ein Leben lang kämpfende Trägerin der Idee. Jüdinnen dieser Art, geweiht in ihrer Besessenheit und ganz rein in ihrem Wollen. .... Frauen, und darum der gerechteren Gestaltung dieses Daseins verschrieben, rastlos und von Ungeduld geschüttelt, ohne Wissen von den besonderen Wegen des russischen oder deutschen Volksgeistes, haben sie den Ideen der Revolution gelebt, und ihnen sind sie gestorben.« (»Grabrede auf Spartacus«, in: Die Weltbühne, Jg. 1919, 1, S. 77f.). Und wenn hier die Bewunderung mit Distanz verbunden ist, so hat sich doch auch wieder und wieder jüdische Selbstkritik gegen dieses jüdische Engagement gerichtet - angefangen von dem großen Historiker Simon Dubnov, der im September 1918 schrieb, durch die Attentate gegen Lenin und den Petrograder Tscheka-Chef Uritzki hätten die Juden Leonid Kannegiesser und Fannija Kaplan das »furchtbare Unrecht« gesühnt, das die Juden durch ihre starke Beteiligung an der bolschewistischen Revolution auf sich geladen hätten (vgl. Simon Dubnov, Mein Leben, 1937, S. 224), bis hin zu Sonja Margolina, die sich stolz als die »Tochter eines jüdischen Bolschewisten« bezeichnete und den fast unglaublichen Mut besaß, in einem Deutschland, das unter dem Schatten der Nürnberger Prozesse steht und stehen will, wo bekanntlich nur von »deutschen Kriegsverbrechen« gesprochen werden durfte, folgendes zu schreiben: »So wurde der nicht selten gebrochen russisch sprechende jüdische Kommissar mit Lederjacke und Mauserpistole typisch für das Erscheinungsbild der revolutionären Macht .... Die Tragödie des Judentums bestand darin, daß es keine politische Option gab, um der Rache der geschichtlichen Sünde der Juden - ihre exponierte Mitwirkung am kommunistischen Regime - zu entgehen. Der Sieg des Sowjetsystems hatte sie zeitweilig gerettet, die Vergeltung stand ihnen noch bevor«. (Sonja Margolina, Das Ende der Lügen - Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert, 1992, S. 45, 67). (**).“ (Ebd., 2002, S. 232-233).

„Ich bin daher überzeugt, daß der Begriff des »jüdischen Bolschewismus« nicht bloß eine bösartige Erfindung zu politischen Zwecken darstellt, sondern daß er geschichtlich gut genug begründet ist, um nicht von der Wissenschaft ausgeschlossen zu werden, wie grauenhaft die nationalsozialistische Konsequenz auch gewesen ist. Nur wenn er nicht mehr von vornherein ausgestoßen und tabuisiert wird, kann »Auschwitz« der eigentlichen Gefahr entgehen, die ihm heute droht, daß es durch die Isolierung vom »Gulag« und von der kriegerischen Auseinandersetzung der beiden großen Ideologiestaaten des 20. Jahrhunderts zwar nicht zur Lüge, wohl aber zum wissenschaftswidrigen Mythos wird. Wenn »der Andere«, d.h. dessen abweichende, argumentativ vertretene Interpretation, verfemt oder gar verboten, statt bloß zurückgedrängt ist, fehlt der Wissenschaft der Spielraum, ohne den sie nicht existieren kann.“ (Ebd., 2002, S. 233-234).

„Ich muß indessen zum Abschluß noch in äußerster Kürze auf dasjenige Buch zu sprechen kommen, das eines fernen Tages als mein Hauptwerk gelten mag und das im Untertitel zu diesem Vortrag genannt wurde, nämlich auf die »Historische Existenz - Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?«,  das 1998, wie 35 Jahre zuvor »Der Faschismus in seiner Epoche«, im Piper Verlag erschienen ist.“ (Ebd., 2002, S. 234).

„Die drei Bücher vom Anfang der neunziger Jahre, diejenigen über Nietzsche, Heidegger und das Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert, gehören insofern eng zu den vorhergehenden, als sie zu zeigen versuchen, daß die Auseinandersetzung zwischen dem Marxismus und einem ganz überwiegend nicht-faschistischen Antimarxismus im 20. und ansatzweise bereits im 19. Jahrhundert die philosophische Parallele zu dem Ringen zwischen dem militanten Universalismus und dem militanten Partikularismus in der Politik gewesen ist. (Vgl. »Nietzsche und der Nietzscheanismus«, 1990, »Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert - Von Max Weber bis Hans Jonas«, 1991, »Martin Heidegger - Politik und Geschichte im Leben und Denken«, 1992). Daß der Nationalsozialismus im Rahmen dieser Konzeption nicht mit einer Serie von Schimpfreden abgetan werden kann, springt ins Auge, aber ebenso klar sollte sein, wie sehr für mich der Umstand der bewegendste Grund zum Nachdenken über die europäische Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte gewesen ist, daß der re-aktive Fanatismus der nationalsozialistischen »Weltanschauung« den ursprünglichen Fanatismus der bolschewistischen Ideologie ... noch übertraf und daß mithin aus der »Entsprechung« eine »Über-Entsprechung« wurde. Doch auch ohne Studium sollte für jedermann erkennbar sein, daß zwei große und überaus wichtige Menschengruppen im Zwanzigsten Jahrhundert zu Zielen eines ernsthaften und in der Geschichte tief verwurzelten Vernichtungswillens wurden, nämlich »Bourgeois«, Bürger, und Juden - zwei Gruppen, die sich zwar vielfältig überschnitten, die aber durch ihre Feinde weitgehend voneinander getrennt wurden. Gerade deren Angehörige sollten sich dem Nachdenken über die Zusammenhänge nicht verweigern.“ (Ebd., 2002, S. 234-235).

„Wer in meinem Denkversuch, demjenigen eines »bürgerlichen Intellektuellen« und selbstkritischen Angehörigen der Gesellschaft des »Liberalen Systems«, eine Bagatellisierung oder gar Propagierung des Nationalsozialismus sieht, wie Marcel Reich-Ranicki es tut, stellt damit, wie ich meine, nur den Mangel an Bereitschaft unter Beweis, sich auf wissenschaftlich notwendige Unterscheidungen einzulassen. Nicht weniger gedankenlos sind diejenigen, die mir ein »Eintreten für die radikale Rechte« zum Vorwurf machen; sie haben nicht zur Kenntnis genommen, daß es schon im »Faschismus in seiner Epoche« für das singuläre Hauptkennzeichen des Liberalen Systems erklärt wird, es lasse auch den grundsätzlichen, den »systemfeindlichen« Gegner zu Wort kommen, freilich nicht zur Tat.“ (Ebd., 2002, S. 235).

„Das Werk über die »Historische Existenz« kann dem informierten Leser als etwas ganz Neues erscheinen, und er dürfte verwundert sein, wenn er auf den ersten 500 Seiten noch nichts über Marxismus, Faschismus und Kalten Krieg, ja kaum etwas über das Liberale System gelesen hat, wohl aber ganze Kapitel über das Gilgamesch-Epos, über das Alte Testament und sogar über »Ökonomie und Sexualität«. Die auf den ersten Blick verwirrende Vielfalt wird indessen dadurch strukturiert, daß es sich um die Darlegung und Analyse der Kategorien der »Historischen Existenz«, ihrer »Existenzialien«, handelt. Eine solche Darlegung und Analyse ist jedoch erst dann möglich, wenn ein anderer, ein »nachgeschichtlicher« Zustand in den Blick getreten ist, und der informierte Leser wird sich bei der Lektüre zum »Faschismus in seiner Epoche« zurückgeführt glauben, wo gesagt wird, die Gestalt Hitlers sei als der »Abschluß eines Weltalters« anzusehen. So wird der Kampf zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus bzw. Amerikanismus nicht mehr nur als Ringen zwischen einem mit partikularen Zügen behafteten - insofern »unreinen« - Universalismus und einem wider seinen Willen von universalistischen Zügen durchdrungenen - mithin ebenfalls »unreinen« - Partikularismus gesehen, sondern als die Auseinandersetzung zwischen zwei Mächten, die sich als Vorkämpfer der Nachgeschichte verstehen, und einem ebenfalls ideologisch ausgerichteten Staat, der die Geschichte retten will und doch deren Hauptwesenszüge zerstört.“ (Ebd., 2002, S. 235).

„Und damit treten die Juden und mit ihnen der Zionismus in einer Weise hervor, zu der es in den früheren Büchern nur Ansätze gab, denn die Israeliten und deren Nachfahren, die Juden, haben sich ... als das »Volk der Nachgeschichte« verstanden, und man kann sie nicht stärker herabwürdigen als durch die Annahme, sie hätten in einer Epoche, als es um ihre eigenste Sache ging, kein stärkeres Bestreben gehabt, als ein ruhiges und unangefochtenes Leben zu führen (**). Daher ist es vorstellbar, daß jener Leser mich fragte: »Warum verkünden Sie nicht als Endergebnis Ihres Nachdenkens von vier Jahrzehnten die Einsicht, daß »die jüdische Idee« gesiegt hat? Warum beziehen Sie nicht von neuem jene eindeutige Position, die man Ihnen im Jahre 1963 zuschrieb?«“  (Ebd., 2002, S. 235-236).

„Darauf muß ich mit einem Geständnis antworten: Ich habe während meiner ganzen bewußten Existenz jene »Menschen, die glauben«, als welche Romain Rolland im Jahre 1920 die Bolschewiki bezeichnete, am höchsten geschätzt - nicht nur die Bolschewiki - und neben den großen Denkern als die einzig würdigen, wenngleich oft genug erschreckenden Gegenstände meiner Studien betrachtet, aber ich habe, vielleicht nur aus Gründen einer allzu späten Geburt, mich keiner dieser Glaubensrichtungen anzuschließen vermocht, und ich habe mich ihnen überall entgegengestellt, sei es auch auf bloß intellektuelle Weise, wo sie nach der totalen Macht zu greifen versuchten. Daher blieb mir nur der Weg des Geschichtsdenkens, der in meinem Fall mit dem der Geschichtswissenschaft mehr oder weniger eng verknüpft war. So habe ich nicht zuletzt den »Verkehrungen und Paradoxien« des realen Geschichtsverlaufs nachgespürt, und so kann ich zwar vom Sieg einer Idee sprechen, aber nicht vom Sieg bestimmter Gruppierungen, an denen sich vielmehr jene Verkehrungen auf besonders frappierende Weise vollziehen mögen. Und die Idee selbst darf letzten Endes nicht als ethnisch bestimmt gedacht werden, so daß nur der folgende Satz mir verläßlich begründet zu sein scheint: Auch wir Europäer sollten die »Nachgeschichte« oder die »Weltzivilisation«, über die Heidegger so harte Worte gesagt hat, ohne grundsätzliches Widerstreben akzeptieren, aber wir sollten uns, anders als die große Mehrzahl der Amerikaner, bewußt sein, daß diese Nachgeschichte für unabsehbare Zeit stärker von Geschichtlichem durchdrungen sein wird, als ihre Lobredner wahrhaben wollen, und wir sollten das Vertrauen haben, daß diese widerspruchsreiche Realität nicht etwas bloß Negatives ist.“ (Ebd., 2002, S. 236).

Europa vor der Jahrtausendwende
(Vortrag an der Scuola Superiore dell'Amministrazzione dell'Interno in Rom am 11.12.1997)
„Die »Erfolgsgeschichte« des Zusammenschlusses von EU-Europa erfolgte also auf der Basis einer fundamentalen Erfolgslosigkeit oder sogar eines Versagens der Unfähigkeit: der Unfähigkeit, die eigenen Angelegneheiten in die eigenen Hände zu nehmen und ohne die ständige Hilfe des »großen Bruders« auszukommen, der noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ein gefährlicher und durchaus nicht immer fairer Konkurrent war.“ (Ebd., 2002, S. 255-256).

„Es dürfte indessen viel wahrscheinlicher sein, daß gerade die Erweiterung um viele weitere Staaten mit ihren unvermeidlichen Differenzen und ganz unterschiedlichen Potenzen ökonomischer Art ein einheitliches und entschiedenes Handeln unmöglich machen wird, so daß Europa noch mehr als bisher ein ohnmächtiger Großraum aus Kleinstaaten würde.“ (Ebd., 2002, S. 256).

„Selten hat ein Zeitschriftenaufsatz so großes Aufsehen erregt wie derjenige von Francis Fukuyma, der im Sommer 1989 in der Zeitschrift »The National Interest« erschien und noch vor Ablauf des Jahres ins Deutsche und andere Sprachen übersetzt wurde. Dieses Aufsehen war eigentlich nicht recht verständlich, denn von der bevorstehenden »Nachgeschichte« war zumal in europäischen Büchern und Zeitungen oft die Rede gewesen, und der Begriff schien geradezu ein fester Bestandteil des der »Postmoderne« zu sein. ... Der Autor begründete seine Auffasung durch einen Rückgriff auf Hegel und den Hegelianer Alexandre Kojève. Mit starker Betonung verkündete Fukuyama den »Triumph des Westens, des westlichen Denkens«, der vor allem in der völligen Erschöpfung aller Alternativen zum westlichen Liberalismus bestehe - das 20. Jahrhundert kehre an seinem Ende zu den Überzeugungen sener Anfänge zurück: nicht eine Konvergenz von Kapitalismus und Sozialismus sei das letzte Wort des Zeitalters, sondern »der klare Triumph des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus.« (Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte?,  in: Europäische Rundschau, 1989, S. 3-25, hier: S. 3f.). Sogar in der Sowjetunion und in derVolksrepublik China setze sich die konsum-orientierte westliche Kultur« mehr und mehr durch, und so gelangte Fukuyama gleich zuAnfang seines Aufsatzes zu einer weitreichenden Schlußfolgerung: »Vielleicht sind wir nicht zeugen der Beendigung des Kalten Krieges oder des Abschlusses einer bestimmten Phase der Nachkriegsgeschichte, sondern des Endes der Geschichte schlechthin, das heißt, des Endes der ideologischen Entwicklung der Menschheit sowie der allgemeinen Einführung der westlichen liberalen Demokratie als finaler Regierungsform.« (Ebd., 1989, S. 6). Offenbar war man auch im Sommer 1989 von der Macht und Dauerhaftigkeit der Sowjetunion trotz aller Nachrichten über unerwartete Wirkungen von »glasnostj« und »perestroika« noch sehr überzeugt und den Wechselfällen des Kalten Krieges so nahe, daß man diese zuversichtliche Siegesmeldung eines Autors, der als der stellvertretende Leiter des Planungsstabes des us-amerikanischen Außenministeriums vorgestellt wurde, mit einer nur von leisen Zweifeln eingeschränkten Hoffnung zur Kenntnis nahm, während die These vom baldigen Ende der Geschichte im allgemeinen nicht akzeptiert wurde. Fremdartig und herausfordernd war ja auch die Bezugnahme auf Kojève, für den schon Napoleon das Zeitalter des auf den Ideen der französischen Revolution beruhenden homogenen Universalstaates heraufgeführt hatte, ein Zeitalter, das nach Kojève seine Verwirklichung in den westeuropäischen Nachkriegsstaaten fand, welche Fukuyama seinerseits als »jene festen wohlahebenden, selbstzufriedenen, nur sich selber sehenden, willensschwachen Staaten« charakterisiert, »deren größtes Vorhaben nichts Heroischeres was als die Schaffung des Gemeinsamen Marktes.« (Ebd., 1989, S. 6). Nicht Despotismus ist also nach Kojève und Fukuyama das Kennzeichende des homogenen Universalstaates, sondern gerade das Aufgehen aller Individuen in dem Bemühen um ökonomisches Wohlergehen, das für Aufschwünge, Ideen und Heroismus keinen Raum läßt. Daher ist ein resignativer Ton nicht zu überhören, wenn Fukuyama schreibt: »Wir können den Inhalt des homgenen Universalstaats definieren als eine liberale Demokratie im politischen Bereich, verbunden mit der mühelosen Beschaffung von Videorekordern und Stereoempfängern im wirtschaftlichen Bereich.« (Ebd., 1989, S. 11). Eben dieser Zustand ist aber in großen Teilen derWelt offensichtlich nicht gegeben. Fukuyama schränkt daher seine These vom »Ende der Geschichte« ein: In der »Dritten Welt« geht die Geschichte weiter und spielen sich noch für unabsehbare Zeit Kriege sowie Bürgerkriege ab, getragen von der Opferbereitschaft oder dem Fanatismus zahlreicher lndividuen, nur in der »westlichen Welt« d h. in Westeuropa und in Nordamerika, ist die Geschichte an ihr Ende gekommen. Der Rest der Welt ist lediglich nicht imstande, ideologische Ansprüche zu erheben und höhere Formen der menschlichen Gesellschaft repräsentieren zu wollen .... So werden Terrorismus und nationale Befreiungskriege nur noch in den Randbezirken der Welt einen Platz haben. Aber das Ende des Aufsatzes ist auf einen ganz pessimistischenTon gestimmt, der erkennen läßt, daß Fukuyama der Gesellschaftsordnung, deren definitiven Sieg er verkündet, keineswegs in kritikloser Bewunderung gegenübersteht. »Das Ende der Geschichte wird eine sehr traurige Zeit sein. Der Kampf um Anerkennung, die Bereitschaft, sein Leben für ein völlig abstraktes Ziel einzusetzen, der weltweite ideologische Kampf, der Wagemut, Tapferkeit und Phantasie hervorbrachte, und der ldealismus werden ersetzt durch wirtschaftliche Kalkulationen, endloses Lösen technischer und Umweltprobleme und die Befriedigung ausgefallener Konsumentenwünsche. In der posthistorischen Periode wird es weder Kunst noch Philosophie geben, sondern nur mehr bloß die ständige Pflege des Museums der Menschheitsgeschichte.« (Ebd., 1989, S. 25). Er habe äußerst ambivalente Empfindungen, »in bezug auf die Zivilisation, die ... in Europa geschaffen wurde mitsamt ihren nordatlantischen und asiatischen Ablegern«, und er schließt mit der eigenartigen Vermutung, daß vielleicht gerade die Aussicht auf kommende Jahrhunderte der Langeweile die Geschichte wieder in Gang setzen werde. Fukuyama schreibt also ... Europa ... eine sehr große Bedeutung zu und zählt die USA zu seinen bloßen »Ablegern«. Aber aus einzelnen Nebenbemerkungen, die in seinem späteren Buch weiter ausführte, geht hervor, daß für ihn die japanisch-ostasiatische Kultur mehr Zükunft hat als die europäisch-amerikanische, weil sie Tugenden aufrechterhalte, die in Nordamerika und Europa vergessen seien oder sogar verächtlich gemacht würden: Fleiß, Disziplin, Respekt vor dem Alter.“ (Ebd., 2002, S. 257-259).

„Aus all dem läßt sich ein ganz anderes Szenario der Weltentwicklung ableiten, wenn man einige Akzente anders setzt. Europa und die USA erscheinen dann nicht mehr als die siegreiche, aber dekadente Spitze der Weltentwicklung, sondern als ein zwar hochentwickelter, aber bedrängter und in einer Verteidigungsposition befindlicher Teil der Welt; denn andere Teile der Welt formieren sich auf der Basis ihrer uralten Traditionen neu und treten in ein Konkurrenzverhältnis zum »Westen«, insbesondere der Islam entwickelt einen Fundamentalismus, der die alte Idee Mohammeds vom Gegensatz zwischen dem »Kriegsgebiet« und dem islamischen Friedensgebiet wieder aufgreift, und die Welt stellt sich also als ein Konfliktgebiet verschiedener »Kulturen« dar, die in neuzeitlichem Gewande alte historische Kämpfe wiederaufnehmen. Der westlichen Welt kommt zwar ein gewisser Vorrang zu, aber sie hat längst ihre temporäre Suprematie verloren und kann nur durch Mühe und Entschlossenheit die großen Gefahren überwinden, die sogar ihre bloße Selbstbehauptung keineswegs gesichert sein lassen. Ein solches Szenario schlösse natürlich einen Aufruf zur Kampfbereitschaft in sich, und man könnte behaupten, es wandle die Feindschaft zwischen Ideologien, welche die Ära des Kalten Krieges bestimmte, in eine Feindschaft zwischen Kulturen und altüberlieferten Lebensformen um, während Fukuyamas Zukunftsbild gerade den Verlust des Feindes als den neuartigsten, aber durchaus nicht rundum positiven Tatbestand erscheinen lasse.“ (Ebd., 2002, S. 259-260).

„Vier Jahre nach dem Erscheinen von Fukuyamas Artikel hat in der Tat ein anderer Zeitschriftenaufsatz dieses entgegengesetzte Geschichtsbild entwickelt und dadurch mindestens ebensoviel Aufsehen erregt, mit dem Unterschied freilich, daß dem Autor nicht bloß viel Kritik, sondern auch ausgeprägte Feindseligkeit begegnete. Es handelt sich um den us-amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel Huntington und seinen Aufsatz »The Clash of Civilizations«, der im Sommer 1993 in den »Foreign Affairs« erschien und ebenfalls später zu einem Buch ausgearbeitet wurde. Wie Oswald Spengler und Arnold Toynbee unterscheidet Huntington eine Reihe von »Kulturen«, aber er läßt deren Entwicklung nicht wie Spengler auf einen jeweils gleichartigen Zustand, nämlich die erstarrte und seelenlose »Zivilisation« hinauslaufen (**), und er sieht sie nicht wie Toynbee auf dem Wege zu einer gemeinsamen und positiven »Weltzivilisation«, sondern er hebt die Differenzen und die Konflikte zwischen ihnen aufs nachdrücklichste hervor. Diese Kulturen sind: die westliche, d.h. westeuropäisch-nordamerikanische, die christlich-orthodoxe Rußlands und einiger Teile Osteuropas, die vom Konfuzianismus bestimmte »sinische«, die davon verschiedene japanische, die hinduistische, die islamische, die afrikanische und die lateinamerikanische. Einen Vorrang der westeuropäisch-nordamerikanischen Kultur sieht er darin, daß sie es war, die erstmals die »Modernisierung« in die Welt brachte, welcher sich heute keine der anderen Kulturen entziehen kann. Aber diese Modernisierung zerstört nicht etwa die Eigenart der anderen Kulturen, sondern bringt neuartige, zur Selbstbehauptung, ja zum Ausgreifen entschlossene Formen dieser Kulturen hervor, die man Fundamentalismen nennt. Als einen anschaulichen Beweis für den Vorrang der Kulturkonflikte führt Huntington das ehemalige Jugoslawien an, wo ... die Grenzlinien zwischen dem westlich-christlichen Abendland, der byzantinisch-orthodoxen Welt und dem Islam ihre geschichtsbestimmende Kraft an den Tag legten. Seine Aufmerksamkeit wendet Huntington vornehmlich dem Islam zu, der in seinen Augen eine besonders aggressive Form des Fundamentalismus entwickelt hat und dem gegenüber die westliche Kultur in einer Verteidigungsposition ist, nicht zuletzt deshalb, weil die islamischen Völker des Maghreb und des Nahen Ostens »junge Völker« sind, die den alternden Völkern des Westens an demographischer Vitalität weit überlegen sind. Für die Zukunft schließt Huntington daher Kriege zwischen den Kulturen nicht aus, anscheinend nicht so sehr Kriege zwischen dem Islam und dem Westen, die ja in der Gegenwart schon seit Jahrzehnten stellvertretend ... geführt wurden und werden, sondern einen Krieg zwischen China und den USA. Huntington teilt also nicht die Meinung Fukuyamas, Kriege seien nur noch in der Dritten Welt möglich und »große Kriege« seien ausgeschlossen, er sieht vielmehr ein langes und durchaus »geschichtliches« Zeitalter der Kulturkonflikte heraufziehen, welches das Zeitalter der nationalen und der ideologischen Konflikte, das 20. Jahrhundert, ablöst und doch in gewisser Weise fortsetzt.“ (Ebd., 2002, S. 260-261).

„Die Gedankengänge dieser beiden Denker zeichnen große Linien, aus denen sich ein unterschiedliches, ja gegensätzliches Selbstverständnis gerade der Europäer ergibt, die dieses Selbstverständnis nun nicht mehr, wie während der langen Jahrzehnte des »kurzen 20. Jahrhunderts« zwischen 1914 bzw. 1917 und 1989 bzw. 1991 aus dem Gegensatz von Liberalem System und Totalitarismus, von Kommunismus und Faschismus, von Sozialismus und Kapitalismus herleiten können.“ (Ebd., 2002, S. 261-262).

„Wenn ich mich nun den inneren Schwächen und Gefährdungen des Europas der (gegenwärtig noch) Fünfzehn, der »Europäischen Union« zuwende, deren innenpolitische Erfolge und außenpolitische Schwächen ich umrissen habe, übergehe ich vieles Einzelne und zweifellos Wichtige, um einige wenige zentrale Tatsachen und Probleme ins Auge zu fassen. Ich übergehe die Umweltgefährdung und den Kampf dagegen, so gewiß er in Europa größere Fortschritte gemacht hat als in anderen Teilen der Welt, und weiterhin die Nationalitätenkonflikte von der zivilisierten Unfreundlichkeit ... über den punktuellen Terror im Baskenland und Nordirland bis zu den blutigen Auseinandersetzungen von ... genozidalem Charakter im ehemaligen Jugoslawien und an den Rändern der früheren Sowjetunion. Ich spare den Regionalismus und dessen Infragestellung der Nationalstaaten »von unten« statt wie durch einen Brüsseler Eurozentralismus »von oben« aus, ferner die Problematik der Ölversorgung und der Atomenergie, das Vordringen einer linksorientierten Medienelite durch die populäre Kritik an Ungleichheit und Eliten, das Aufkommen rechter Massenparteien wie des »Front National« in Frankreich und der »Alleanza Nazionale« in Italien, das Anwachsen von Kriminalität und Drogenhandel und vieles andere. Ich konzentriere mich vielmehr auf drei Probleme, deren innerer Zusammenhang nicht auf den ersten Blick erkennbar ist:
1.Deutschland,
2.Antiokzidentalismus,
3.Migration.“ (Ebd., 2002, S. 262).

„(1.) Deutschland scheint im Rahmen der Einigung Europas viel weniger ein »Problem« zu sein als etwa Frankreich und gar Großbritannien, von denen das eine Land den Einigungsprozeß lange Zeit blockiert hat, während das andere sich nur unter vielfältigen Widerständen einigermaßen einbeziehen ließ. Die Bundesrepublik Deutschland gab vielmehr einige der wichtigsten Impulse und hat schon ganz früh in ihrer Verfassung die Möglichkeit, ja Wünschbarkeit weitgehender Souveränitätsverzichte zugunsten eines übernationalen Zusammenschlusses festgelegt. Aber beruhte der ausgepr&gte »Europäismus« der Deutschen nach 1945 nicht auf zwei Grundtatsachen, von denen die eine durch Schwächung der Erinnerung, aber auch durch »Historisierung« allmählich an Kraft verliert, während die zweite bereits durch den realen Geschichtsgang aufgehoben ist: nämlich auf dem Versuch des »Dritten Reiches«, durch Gewalt eine Einigung Europas herbeizuführen und darüber hinaus durch eine unfaßbare Untat einen anderen und angeblich besseren Weltzustand hervorzubringen sowie auf der Faktizität der Teilung des ehemaligen Reiches in zwei ideologisch tief verfeindete Staaten, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik (und einen Teil, der vom Reich auf brutalste Weise abgetrennt wurde, aus dem die Deutschen vertrieben wurden, wobei nicht wenige von ihnen auf genozidale Weise getötet wurden; HB)? Es gibt keinen natürlicheren Affekt als den, daß jüngere Menschen sich dagegen auflehnen, durch eine unablässige, von leicht erkennbaren und sicher durchaus nicht unberechtigten oder gar unverständlichen Interessen geleitete Erinnerung an Untaten einiger oder sogar zahlreicher Väter und Großväter, an denen aber in Wahrheit auch sehr viele nichtdeutsche Väter und Großväter Anteil hatten, in eine Art von Schuldhaft genommen und ihrer geistigen Bewegungsmöglichkeiten beraubt zu werden. Und seit 1990 ist der größere deutsche Teilstaat, die Bundesrepublik, nicht mehr eine »Mark des Westens« im Schatten der Befestigungen und Mauern einer Weltgrenze, sondern das durch die Kriegsfolgen allerdings erheblich verkleinerte Deutschland ist wieder ein Staat unter anderen Staaten in der Mitte Europas geworden. Ein Autor, den man nicht eines konventionellen Nationalismus bezichtigen kann, der sich vielmehr als Anhänger und Biograph Adenauers einen Namen gemacht hat, publizierte vor kurzem ein Buch mit dem Titel »Die Zentralmacht Europas. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne«. (Hans-Peter Schwarz, Die Zentralmacht Europas - Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne, 1994). Unter den Fragen, die er stellt, sind solche wie die folgenden: Werden die Deutschen nach dem Beispiel ihres Bundespräsidenten immer das Empfinden haben, durch den Vertrag von Maastricht »aus der Mittellage erlöst« zu werden, oder werden sie sich irgendwann dem Gulliver Jonathan Swifts vergleichen, der von Zwergen gefesselt wurde? Werden sie sich damit abfinden, daß eine weit höhere Zahl von deutschen Stimmen erforderlich ist, um einen Abgeordneten in das Europäische Parlament zu entsenden, als z.B. portugiesische Stimmen für einen Portugiesen? Werden sie es widerstandslos auf sich nehmen, viel größere finanzielle und sonstige Lasten (sehr viel größere als ohnehin schon, denn viel größere fiannzielle und sonstige Lasten sind es schon seit Beginn der EU! HB) zu tragen als die übrigen Europäer; werden sie nicht auf die Dauer jenen Stimmen wieder Gehör schenken, die ihnen sagen, sie seien während der Bonner Periode ein »entkernter Staat«, ein Satellit der US-Amerikaner gewesen und sie würden immer noch in diesem Zustand festgehalten? Werden sie nicht eines Tages die ihnen von der eigenen Regierung und den Brüsseler Behörden aufgezwungene Einheitswährung wieder abschütteln, falls sich herausstellen sollte, daß ihnen der »Euro« nicht, wie einst die DM, Wohlstand verschafft, sondern ihr Volksvermögen vermindert? Werden sie nicht jene wohltuende Analogie zwischen der Entwicklung des Deutschen Zollvereins und der Europäischen Gemeinschaft mit der einfachen Bemerkung zurückweisen, schon längst (1500 Jahre mindestens! HB) vor 1800 habe es ein deutsches Volk mit einheitlicher Sprache gegeben, aber im Jahre 2000 existiere kein »europäisches Volk« und es werde vermutlich niemals existieren? Werden die Deutschen es in indefinitum widerspruchslos hinnehmen, daß der Anti-Germanismus bei den Miteuropäern und zumal in den USA immer neue Blüten treibt und daß sogar jede Regung selbständigen, um Objektivität bemühten Denkens als »rechtsextremistisch« oder sogar als »neonazistisch« angeprangert wird? Könnten nicht am Ende sogar die heute noch ganz wenigen Stimmen die Oberhand gewinnen, die dazu raten, sich von der Scheinfreundschaft der US-Amerikaner abzuwenden und mit den so viel näher stehenden Russen ein Bündnis zu schließen, das Europa wieder autonom machen und die US-Amerikaner in den großen und selbst genügsamen Weltwinkel verweisen würde, den sie ... ihr eigen nennen? Die Angst vor einem erneuten Auftauchen des deutschen Nationalismus, ja sogar eines normalen deutschen Nationalbewußtseins durchherrscht ohne Worte oder auch mit Worten den Prozeß der weiteren Einigung Europas: die Furcht vor einem »Vierten Reich« ist in der politischen Klasse Bonns ebenso verbreitet wie in Paris und London. So übertrieben solche Befürchtungen auch sind, so gewichtige Gegenargumente ins Spiel gebracht werden können, richtig ist so viel: auch z.B. Frankreich, Großbritannien und Italien können den weiteren Fortgang der europäischen Einigung zwar verzögern, wenn sie ihre Interessen ernsthaft beeinträchtigt sehen, aber nur Deutschland kann diese Einheit möglicherweise sprengen. Deshalb geht die nachdrücklichste aller Forderungen dahin, es müsse alles Erdenkliche getan werden, um die Sprengkraft eines neuen deutschen Nationalismus zu entschärfen, ja zu beseitigen. Die Frage ist allerdings nicht zu umgehen, ob der richtige Weg darin besteht, auch das Wiederentstehen eines »normalen«, dabei sicherlich sehr komplizierten, von allem »Hurrapatriotismus« weit entfernten Nationalbewußtseins zu bekämpfen oder ob nicht der alternative Weg der Hinnahme und Bejahung der bessere wäre. Aber ließe sich eine solche modifizierende Wiederherstellung nicht allenfalls bei Mitgliedern der italienischen »Alleanza Nazionale« akzeptieren, die den Beweis erbracht hätten, daß sie den Expansionismus und die Minderheitenunterdrückung der faschistischen Ära in aufrichtiger Überzeugung verurteilen und lediglich darauf bestehen, die italienische Geschichte und Identität im ganzen zu bejahen und auch Mussolini nicht ohne Differenzierungen in den Abgrund der Verdammung oder des Vergessens zu stoßen! In Deutschland jedoch, so ist gerade in Deutschland zu hören, habe im Nationalsozialismus Hitlers das absolute Böse Gestalt angenommen .... Diese Verwerfung des bisherigen Deutschlands, vor 1990 oft mit der Bejahung der Zweistaatlichkeit verbunden, fand einen symptomatischen Ausdruck in der Behauptung eines der bedeutendsten deutschen Schriftsteller im Jahre 1990, die Wiedervereinigung Deutschlands sei abzulehnen .... Eine solche Selbstverwerfung, welche die ganze deutsche Geschichte von Auschwitz her interpretierte, war seit dem Beginn der Achtundsechziger-Bewegung in Deutschland weit verbreitet, und es ist leicht zu sehen, daß ihre Folge nur ein neuer deutscher Sonderweg sein kann, allerdings ein Sonderweg der Selbstlähmung und alltäglichen Zerknirschung. Dabei war der Weg zu einem gerechteren Verständnis der deutschen und europäischen Geschichte zu Anfang der 1960er Jahre offen gewesen: Man wußte damals noch, daß man den Nationalsozialismus nicht ohne seine innere Bezogenheit auf den sowjetischen und deutschen Kommunismus verstehen kann und daß auch Auschwitz kein unbegreiflicher Einbruch des Außerhistorischen in das Historische war, sondern letzten Endes auf einer zwar ungerechtfertigten, aber nicht etwa völlig grundlosen Schulderklärung beruhte, nicht anders als die negativ-nationalistischen Attacken gegen »das deutsche Volk«. Es war bereits unter Beweis gestellt, daß keine »Apologie Hitlers« die Folge sein mußte, wenn das allgemein-europäische Moment am Aufkommen von Faschismus und antibolschewistischem Antijudaismus herausgestellt wurde. Aber unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges und auch des weltweiten Verlangens nach »Entspannung« ließ sich die 68er Generation zu einem blindwütigen Kampf gegen ihre Väter hinreißen, in dem ein berechtigter Kern mit vielen Übersteigerungen verknüpft wurde. In den folgenden Jahrzehnten führte diese Generation mit großem Erfolg den angekündigten »Marsch durch die Institutionen« durch, und wenn sie sich auch beträchtlich veränderte und - selbst ganz bürgerlicher Abkunft - »verbürgerlichte«, so vermochte sie doch eine eigene Partei, die sogenannten »Grünen«, hervorzubringen und nicht nur unter den Sozialdemokraten, sondern auch in den Reihen der Christdemokraten großen Einfluß zu gewinnen. Daher ist es in hohem Maße unwahrscheinlich, daß die Wiedervereinigung Deutschlands zu den eben umrissenen »rechten« Konsequenzen führt; die viel größere Wahrscheinlichkeit besteht darin, daß der »negative Nationalismus« der Linksparteien die Direktion der deutschen Politik übernimmt. Man könnte meinen, die übrigen europäischen Staaten hätten Grund, sich dazu zu gratulieren, denn alle Befürchtungen über eine Wiederkehr deutscher Machtansprüche und deutschen Auftrumpfens würden damit definitiv hinfällig werden. Aber diese Erwartungen dürften sich als illusionär erweisen. Vermutlich würde ein Deutschland der »Achtundsechziger« rasch die Rolle des Lehrmeisters des übrigen Europas übernehmen, des Lehrmeisters im Moralisieren, in ökologischen Diktaten und in der Bekämpfung der sogenannten »Fremdenfeindlichkeit«. Auch in dieser Rolle könnte Deutschland also zu einem Sprengstoff für die Einheit Europas werden.“ (Ebd., 2002, S. 262-266).

„(2.) Immerhin könnte ein Deutschland, das die Bundeswehr abschafft, für die Auflösung der NATO plädiert und einen quasi-religiösen Erinnerungskult um den als »absolutes Böses« verstandenen Nationalsozialismus und dessen Opfer institutionalisiert, für die übrigen europäischen Partner ein wünschenswerter ... Partner sein, wenn nicht in nahezu allen Ländern Europas die Tendenz erkennbar wäre, die isolierende Verwerfung des Nationalsozialismus zu einer entschiedenen Selbstkritik Europas, d.h. zum Antiokzidentalismus hin auszuweiten. Es gibt ja gute und objektive Gründe für eine solche Selbstkritik, und man muß sogar sagen, daß Selbstkritik eine der kennzeichnendsten Eigentümlichkeiten gerade der europäischen Kultur ist. Die Europäer haben tatsächlich im Mittelalter große Angriffskriege gegen die islamische Welt geführt, die sie selbst als »Kreuzzüge« bezeichneten, sie haben am Beginn der Neuzeit Süd- und dann Nordamerika mit Methoden erobert, die als genozidal zu bezeichnen sind, sie haben den »Negerhandel« in Gang gesetzt, der im ganzen kaum weniger an Opfern forderte als die Unterwerfung der Indios und die Bekämpfung der Indianer, sie haben sich schließlich im Zeitalter des Imperialismus unter rücksichtsloser Gewaltanwendung zu Herren der Welt gemacht .... Sie waren überdies die Vorkämpfer einer patriarchalistischen Religion, die ihnen das feindselige Ausgreifen gegen die Welt und die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts als der »Pforte zur Hölle« vorschrieb; Ökologisten, welche die Naturfrömmigkeit der Indianer beschwören, und Feministinnen, die bei den Kanaanäern die Freizügigkeit eines orgiastischen Geschlechtslebens rühmen, sind zwar entschiedene Gegner des »Antisemitismus« (aber nur angeblich - wegen der Diktatur der politischen Korrektheit!HB), aber sie greifen den Fanatismus der monotheistischen Propheten mit ebenso scharfen Worten an, wie einst die Nationalsozialisten den angeblichen »Händler- und Zuhältergeist« des Alten Testaments angegriffen hatten. Auch der anti-industrielle Teil der Linken führt die Entstehung der verhängnisvollen »Megamaschine«, welche dabei ist, die Menschheit in einer Welt der Künstlichkeit zugrundezurichten, auf okzidentale Prämissen zurück, ganz wie es Max Weber mit entgegengesetzter Wertsetzung getan hatte. Als gefährliche Apologeten werden daher nicht nur diejenigen verdammt, die einen Zusammenhang zwischen »Auschwitz« und dem »Gulag« sehen, sondern auch diejenigen, welche der Meinung sind, den christlichen Kreuzzügen sei die große Offensive der islamischen Kriegerreligion vorhergegangen, die Kolonialisierung Amerikas habe auch dessen Erschließung bedeutet, der »Negerhandel« habe nicht bloß ökonomische, sondern auch humanitäre Ursachen gehabt und die imperialistische Herrschaft ... habe in Afrika und Indien weitaus weniger an Blutopfern gefordert als die »Entkolonialisierung« und deren Nachgeschichte. Ein okzidentales Kulturbewußtsein ist heute sicherlich ebensowenig ohne Selbstkritik möglich wie ein deutsches Nationalbewußtsein, aber es muß nicht notwendigerweise selbstzerstörerisch sein, denn ohne grobe Einseitigkeiten und die Verleugnung historischer Tatsachen ist eine solche Selbstzerstörung und Selbstverwerfung nicht möglich. Letzten Endes handelt es sich, um an Fukuyama anzuknüpfen, um eine Verdammung der Geschichte mit ihren Kriegen und Konflikten aus der Perspektive einer »Nachgeschichte«, in der Friedenserhaltung und ungestörter Handelsverkehr die obersten Postulate sind.“ (Ebd., 2002, S. 266-267).

„(3.) Huntington würde freilich (mit Recht! HB) einwenden, eine so wohlmeinende und humanitäre Einstellung sei leider keineswegs universal, sondern nur für den gegenwärtigen Geisteszustand der okzidentalen Kultur charakteristisch, so daß sie eine vielleicht entscheidende Schwächung in einem weltweiten Ringen bedeute, bei dem es für den Westen längst nicht mehr um Eroberungen, sondern um die bloße Selbstbehauptung gehe. Man braucht Huntingtons Befürchtungen hinsichtlich künftiger kriegerischer Zusammenstöße zwischen den Kulturen nicht zu teilen, um hier in der Tat das größte aller inneren Probleine Europas zu erkennen, das in der großen Einwanderung aus aller Welt und vornehmlich den Faktoren besteht, welche sie ermöglichen. Migration ist ein Hauptmerkmal menschlicher Existenz überhaupt, ja man kann sie in biologischen Tatsachen begründet sehen. Die Idee, daß Flüchtlingen geholfen und Verfolgten Asyl gewährt werden solle, ist eine der ältesten und edelsten in der Menschheitsgeschichte. Die Einwanderung der in Frankreich unterdrückten Hugenotten nach Preußen erwies sich als großer Gewinn, und was wäre Sizilien, wenn nicht Welle um Welle von Einwanderern dorthin gelangt wäre! Die Vereinigten Staaten würden gar nicht existieren, wenn sie nicht ein Einwandererland wären. Aber alle diese Migrationen waren entweder von dem aufnehmenden Staat gewollt und gesteuert, oder es handelte sich um gewalttätige Invasionen, die auf bewaffneten Widerstand stießen, oder es ging um die Besiedlung relativ leerer Räume .... Völlig neuartig in der Weltgeschichte aber ist der Sachverhalt, daß ein Recht von Menschen, die irgendwo unter Diskriminierung leiden, auf Aufnahme in einem Land ihrer Wahl festgelegt wird, daß diesen Flüchtlingen ein Anspruch auf Unterhalt gewährt wird und daß starke Strömungen in den Zufluchtsländern auf den Fortfall aller Beschränkungen, auf »offene Grenzen« drängen, obwohl es sich in der Regel um dichtbesiedelte Länder handelt. Auch in den USA ist dieser Sachverhalt gegeben, aber er kann sich relativ leicht in die Tradition des Einwandererlandes einfügen. In Europa dagegen kommt die ganze Paradoxie und Konfliktträchtigkeit der neuen Situation zum Vorschein. Die Maxime, daß jeder Mensch als Mensch das Recht hat, dort seinen Wohnsitz zu nehmen, wo er ein besseres Leben erwarten darf, kann eine Konsequenz der urliberalen Lehre von den Vorteilen der Freizügigkeit und von der Mobilität der Produktionsfaktoren sein, aber sie wurde von jeher durch das entgegengesetzte Postulat eingeschränkt, daß jeder Staat das Recht haben muß, Zuziehende, für die er keine Verwendung hat, zurückzuweisen. Das humanitäre Prinzip der »offenen Grenzen für alle Hilfsbedürftigen« zerbricht diese Einschränkung und ist dadurch in Gefahr, auf doppelte Weise die gute Intention in ihr praktisches Gegenteil zu verkehren: Dieses Prinzip läßt sich nicht verallgemeinern, denn es müßte, konsequent umgesetzt, dazu führen, die zuerst Anklopfenden zunächst einmal zurückzuweisen, da es sich bei ihnen in der Regel gerade um die »Bessergestellten « und Aktiveren aus den armen Ländern handle, und den wirklich Bedürftigen, den Ärmsten der Armen, Transportmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, die sie nach Europa bringen würden. Die entfernte Folge würde sein, daß auf künstliche Weise der Zustand eintreten würde, den Malthus für das schließliche Resultat einer natürlichen Entwicklung hielt: daß auf einen Menschen ein Quadratmeter Land entfallen würde. Die nächste Folge wäre aber zweifellos das rapide Anwachsen von Kriminalität und der Aufstieg von neuartigen Parteien der extremen Rechten, die mit großer Heftigkeit die »demographische Aggression « der ebenso kinderreichen wie armen Länder anklagen würden.“ (Ebd., 2002, S. 267-269).

„Wir halten einen Augenblick inne und stellen ein Gedankenexperiment an: Angenommen, im Jahre 1910 wäre ein Plan der Vereinigung Kerneuropas, insbesondere Deutschlands und Frankreichs, ernsthaft erwogen worden. Damals war die Geburtenrate in Deutschland bekanntlich erheblich höher als in Frankreich. Die Konsequenz der mit der Vereinigung eng verknüpften Freizügigkeit hätte aller Vermutung nach darin bestanden, daß die Franzosen innerhalb von drei Generationen zur Minderheit im eigenen Lande geworden wären. Es kann nicht den geringsten Zweifel geben, daß die damaligen Franzosen, die sich ihrer Eigenart gegenüber den Deutschen sehr bewußt waren, den Unionsplan einhellig und leidenschaftlich abgelehnt haben würden. Heute hat sich die positive Einschätzung nationaler Differenzen sehr verringert, und das ist im Prinzip ein begrüßenswerter Tatbestand, aber es ist gleichwohl unwahrscheinlich, daß viele Europäer derselben Meinung sind wie viele Deutsche, es mache im Grunde keinen Unterschied, ob die eigenen Nachkommen oder eine Bevölkerung ganz anderer Art im jeweiligen Teil Europas lebe; jede abweichende Auffassung sei sogar zu verdammen, da sie auf dem »Blutprinzip« beruhe und »rassistisch« sei. In der Tat dürften diese Menschen auch die Tatsache als positiv werten, daß die Fertilitätsrate der Ehen in Deutschland und ebenso in Italien (und in vielen anderen Ländern in Europa; HB) auf 1,3 Kinder abgesunken ist (und in einigen Ländern sogar darunter; HB), d.h. zur Selbsterhaltung längst nicht mehr ausreicht. Das wiederum ist die Folge eines weltgeschichtlich völlig neuartigen Tatbestandes: eines der zahllosen Lebewesen hat sich infolge seiner Ausstattung mit Vernunft und bestimmter geschichtlicher Umstände so weit von dem »Gattungscharakter« entfernt, der alles individuelle Leben beherrscht, daß für zahlreiche Einzelne die egoistische »Selbstverwirklichung« zum obersten Ziel wird. Jenes »humanistische« Konzept und diese Wirklichkeit eines neuen »Liberismus« verstärken einander wechselseitig, und das Resultat ist zwingend: in spätestens 200 Jahren wird es die Nationen der Deutschen, der Franzosen und der Italiener nicht mehr geben, und Europa wird von einer gewiß recht heterogenen »Bevölkerung« bewohnt sein, für die der Begriff der »europäischen Kultur« ein Fremdwort ist - es sei denn, die fernliegende, aber nicht völlig auszuschließende Möglichkeit habe sich verwirklicht, daß eine einflußreiche Minderheit der Nachkommen von Chinesen, Ghanaern und Indonesiern ein näheres Verhältnis zu Goethe und Hegel, zu Beethoven und Schubert, zu Dante und Manzoni entwickelt hätte als die zu bloßen Supermarktkunden herabgesunkenen »Alteinwohner.«“ (Ebd., 2002, S. 269-270).

„Einen solchen Gedankengang auch nur zu artikulieren, ohne ihn zugleich einer scharfen Kritik zu unterziehen, gilt freilich in weiten Kreisen zumal Deutschlands als »politisch inkorrekt«, als nationalistisch, partikularistisch, ja »rassistisch«. Die Konsequenz könnten nur der Aufbau einer »Festung Europa« (**) sein, die sich von der übrigen Welt abschließe, eine Haltung unmenschlicher Härte gegenüber Hilfsbedürftigen und am Ende sogar die Forderung nach positiver Diskriminierung von kinderreichen Familien und eine am Vorbild der faschistischen Regime orientierte »Bevölkerungspolitik«.“ (Ebd., 2002, S. 270).

„An all diesen Einwänden ist so viel richtig, daß es einen Rückweg vom emanzipatorischen Liberismus und Individualismus zu naturhafter Gattungsmäßigkeit nicht gibt. Aber es ist sehr wohl möglich, daß mehr und mehr junge Menschen aus Einsicht und freiem Entschluß die Opfer der Kinderzeugung und -erziehung auf sich nehmen, welche ihren Vorfahren von der Natur oder von einer naturorientierten Konvention aufgezwungen wurden. Es ist ebenfalls richtig, daß die bloß-egoistische Verteidigung regionalen Wohlstands ohne moralische Berechtigung ist. Aber sehr wohl ist der Gewinn der Einsicht möglich, daß Universalität und Unterschiedlichkeit so wenig einen genuinen Gegensatz darstellen wie Gattung und Individuen, daß aber gewisse Differenzen wie Hunger auf der einen Seite und Übersättigung auf der anderen nicht hinzunehmen sind. Daher ist eine große Anstrengung der entwickelten Teile der Welt und nicht zuletzt Europas mit Nachdruck zu fordern, um dem Übel an der Quelle entgegenzutreten, so daß sie guten Gewissens ihr Recht auf die veränderungsbereite Erhaltung ihrer jeweiligen Identitäten wahrnehmen und von den Ländern der »Dritten Welt« verlangen dürfen, ihre Bevölkerungsprobleme wie die Volksrepublik China in eigener Regie und auf jeweils eigene Weise zu lösen. Weder Fukuyamas »Ende der Geschichte« noch Huntingtons »Kampf der Kulturen« müssen, zumal für Europa, das letzte Wort sein.“ (Ebd., 2002, S. 270).

„Zum Abschluß komme ich auf die Ausgangsfrage zurück: Wenn über die Gegenwart und die Zukunft Europas nur so viel zu sagen wäre, daß sich in den neunziger Jahren aus dem »Europa der Zwölf« das »Europa der Fünfzehn« gebildet hat und daß daraus wohl innerhalb weniger Jahre das »Europa der Einundzwanzig« werden wird, dann wäre in der Tat der Titel »Europa im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts« der adäquatere. Aber ich habe, wenngleich nur im flüchtigsten Umriß, zu zeigen versucht, daß weit größere Fragen zur Entscheidung anstehen und daß viel dunklere Wolken am Horizont aufgezogen sind, als sie aus der möglichen Verwässerung des europäischen Einigungsprojekts durch die Aufnahme allzu vieler Mitglieder resultieren können, und deshalb glaube ich, daß der Titel »Europa vor der Jahrtausendwende« gerechtfertigt ist.“ (Ebd., 2002, S. 270-271).

Die europäische Geschichte: ein Prozeß der Selbstzerstörung?
(Vortrag bei der Jahrestagung des VPM in Zürich am 20.12.1997)
„Die Frage, ob die europäische Geschichte als ein Prozeß der Selbstzerstörung zu betrachten sei, muß auf den ersten Blick befremdend wirken. Einer der bemerkenswertesten und erfreulichsten Vorgänge des letzten Jahrzehnts war ja die fast einmütige Hinwendung der osteuropäischen Intellektuellen zu »Europa«, d.h. zu jener Gesamtheit von Lebensweisen und Traditionen, denen der »reale Sozialismus« der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten mit seinem engen Dogmatismus, seiner Polizeistaatlichkeit und seinem Kampf gegen alle »bürgerlich« genannten Überlieferungen schroff entgegengesetzt war.“ (Ebd., 2002, S. 272).

„Es handelte sich dabei offensichtlich um eine Entsprechung zu jener Hinwendung zum »Abendland«, die sich nach 1945 überall in jenen Teilen Europas vollzog, die nicht von sowjetischen Truppen besetzt waren. Hier lag vornehmlich die Überzeugung zugrunde, daß der Nationalsozialismus, der sich mit lauten Worten für den entschiedensten Gegner des sowjetischen Kommunismus erklärt hatte, in Wahrheit ein Regime gewesen sei, das ebenfalls gegen die bedeutendsten Traditionen Europas gerichtet war, und wenn damals die »Tischgespräche« Hitlers schon bekannt gewesen wären, würde man der Behauptung eine höchst anschauliche Bestätigung entnommen haben, wenn die Germanen Mohammedaner geworden seien, würden sie die Welt erobert haben. Aber man hätte in dieser Äußerung sicherlich einen bloß punktuellen, von einer abseitigen, wenngleich überaus mächtigen Persönlichkeit herrührenden und keinesfalls symptomatischen Verzicht auf eine Bejahung der geschichtlichen Eigenart Europas gesehen und daher solche Worte schwerlich alseine innere Selbstzerstörung Europas betrachtet.“ (Ebd., 2002, S. 272).

„Heute, an der Schwelle der Jahrtausendwende, würde es wohl niemand wagen, mit positivem Akzent vom »christlichen Abendland« als einer Realität zu sprechen. Es löst in Europa offenbar weithin Zustimmung im Sinne selbstkritischer Empörung aus, wenn die Türkei der Europäischen Union den Vorwurf macht, durch ihre Ablehnung der Aufnahme des islamischen und außereuropäischen, aber immerhin säkularen Landes gebe sie zu erknnen, daß sie sich als einen »christlichen Klub« betrachte, und in der Mitte eben dieses »christlichen Klubs« konnte der Religionsstifter als »Balkensepp« verhöhnt werden, ohne daß die Justiz einschritt.“ (Ebd., 2002, S. 272-273).

„Seit geraumer Zeit ist die Familie der Gegenstand heftiger Angriffe, und diesseits aller intellektuellen Attacken gegen Patriarchalismus und autoritäre Erziehung wird sie gerade dann am meisten geschwächt, wenn Eltern und Kinder sich zwar sehr häufig in der Wohnung aufhalten, aber als Mitglieder einer »modernen Familie«, jeweils innerlich voneinander weit entfernt, vor dem eigenen Fernsehapparat oder dem eigenen Computer sitzen. Wer anti-autoritär erzogen worden ist, hält es für unzumutbar, im Autobus oder im Zug für einen alten und gebrechlichen Menschen den Platz zu räumen, aber die Gefahr, daß er oder sie selbst zum Opfer eines Verbrechens wird, ist weit größer als zu den fernen Zeiten des autoritären und reaktionären Bildungswesens. Kaum eine Vorstellung ist heute grotesker als die, in den Universitäten seien » Tempel der Wissenschaft« zu sehen; in deren Fluren werden die riesigen Massen der Studierenden vielmehr zum Kampf gegen die »Leistungsgesellschaft« sowie die »Eliten« aufgerufen, und »Schwule und Lesben« machen mit großer Lautstärke auf ihre angebliche Diskriminierung aufmerksam, ja sie bilden wichtige Teile der organisierten Selbstregierung der Studenten. In allen Städten blüht der Drogenhandel, und die Polizei ist nicht zuletzt deshalb nahezu machtlos, weil ihre Angehörigen schon seit Jahrzehnten auf dehumanisierende Weise als »Bullen« und als »Schweine« attackiert werden. Wer Soldaten als »Mörder« beschimpft, bleibt straflos; wer denselben kollektivistischen Schuldvorwurf allerdings gegen Gruppen richten würde, die als verfolgt gelten oder ehemals verfolgt waren, hat mit schweren Strafen zu rechnen, und daran wäre gewiß kein Anstoß zu nehmen, wenn nicht so sehr gegen Gleichmäßigkeit und Gerechtigkeit verstoßen würde. Von Tugenden oder gar »Kardinaltugenden« wagt niemand mehr zu reden, sofern sie nicht den Kampf gegen alle möglichen Arten der Ungleichheit befördern, denn sie gelten als »Sekundärtugenden«, deren sich angeblich auch die Bewachungsmannschaften von Konzentrationslagern rühmen konnten, und solche Bewachungsmannschaften scheint es nur im nationalsozialistischen Deutschland gegeben zu haben (in Wirklichkeit existierten die von den Engländern zuerst gebauten Konzentrationslager und deren Bewachungsmannschaften bereits sehr lange vor der der Zeit des Nationalsozialismus - wer das immer noch nicht weiß, ist dumm und sollte deshalb zu diesem Thema schweigen; HB).“ (Ebd., 2002, S. 273).

„Der Alltag in den Ländern Europas und zumal in den USA wird allerdings ganz und gar von einer »Totalkommerzialisierung« bestimmt, und wenn Pierre de Coubertin von der Hoffnung erfüllt war, durch die Olympischen Spiele werde die »Jugend der Welt« in eine Sphäre edlen und von materiellen Interessen gelösten Wettstreits emporgehoben, so gleichen die Spitzensportler am Ende des 20. Jahrhunderts bunten Litfaßsäulen, und die Werbeeinnahmen, die daraus erwachsen, übertreffen nicht selten die »Preisgelder«, mit denen verglichen die viel bekämpften Profite kleiner Unternehmer gering sind. Wie wenig der »Kapitalismus« des 19. Jahrhunderts, den Marx im Auge hatte, wirklich ein Kapitalismus, nämlich von bedenkenlosem Gewinnstreben erfüllt war, macht ein einziger Blick auf das Verhalten der Sensationspresse und bestimmter Verlage klar: wenn nicht die staatliche Gesetzgebung immer noch gewisse, wenngleich sehr weit gezogene Grenzen setzte, würde es sicher nicht an einem Mangel von Anbietern liegen, daß das interessierte Publikum sich auch an genuinen Vergewaltigungen, ja sogar an Lustmorden ergötzen dürfte. Das »Streben nach Glück«, das die Verfassung der USA als »Menschenrecht« proklamiert, wird offenbar weithin als die Aufforderung zu bloß individueller »Selbstverwirklichung« verstanden, und die einfachste Form dieser Selbstverwirklichung ist der Gewinn von Lust, worin alle Menschen gleich sein können, sobald sie sich aus den Gefängnissen ihrer geschichtlichen Traditionen mit deren unterdrückenden Verboten und Geboten befreit haben.“ (Ebd., 2002, S. 273-274).

„Freilich können aus dieser allgemeinen Tendenz keine gemeinsamen Überzeugungen erwachsen, die sich eben nur aus dem Gegensatz zu Anderem gewinnen lassen, und schon heute denkt mancher mit Nostalgie an die Zeit zurück, da die Existenz der bedrohlichen kommunistischen Supermacht im Osten den Bewohnern der »westlichen Welt« und am meisten den eingeschlossenen Bürgern von Berlin-West das Gefühl vermittelte, im Kampf für die edle Sache der Freiheit eng miteinander verbunden zu sein. Wenn die Freiheit aber keinen Feind mehr hat, dann stehen nur noch Ansprüche gegeneinander, und alle Einzelnen machen rasch die Erfahrung, daß mit dem Fortfall des »Feindes der Freiheit« zahllose kleine Freiheiten sich miteinander konfrontiert finden und daß daraus ein allgemeines Klima der Frustration, des Verdrusses und einer meist noch dumpfen, manchmal aber auch schon akuten Feindseligkeit entsteht.“ (Ebd., 2002, S. 274).

„Es gibt also sehr viele gute Gründe für die »Kulturkritik«. Konrad Lorenz schreibt, alles, was dazu angetan scheine, menschliches Leiden zu mildern, wirke sich »in entsetzlicher und paradoxer Weise zum Verderben der Menschheit aus«, und er scheut sich nicht, die gegenwärtige Zivilisation mit einem bösartigen Tumor zu vergleichen. (Vgl. Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 1973, S. 18, 28). Die Entfesselung der Triebe zerstöre die Kultur, und man müsse von einer »fortschreitenden Infantilisierung« des Zivilisationsmenschen sprechen. Neil Postman stimmt ihm insofern zu, als er feststellen zu dürfen glaubt, daß durch das Fernsehen, insbesondere das us-amerikanische, dem Kindwerden der Erwachsenen ein »Erwachsenwerden« der Kinder und damit ein »Verschwinden der Kindheit« entspreche. Im Fernsehen werde alles zur Story, als Narkotikum ohnegleichen mache es sowohl die Vergangenheit wie die Geschichte zu Belanglosigkeiten.“ (Ebd., 2002, S. 274-275).

„Günter Anders sprach schon in dem 1950er Jahren von der »fleischlichen Tölpelhaftigkeit« des Menschen, der sich neben der Perfektion seiner Apparate »antiquiert« vorkommen müsse. Erwin Chargaff, Naturforscher und jüdischer Emigrant aus Deutschland, scheut vor der schroffen Aussage nicht zurück, die Menschen der Gegenwart lebten und stürben »auf einem gottverlassenen Misthaufen«, und der Entgottung der Natur entspreche die Verarmung der Menschenseele.“ (Ebd., 2002, S. 275).

„Aussagen wie diese kann man schwerlich als »reaktionär« oder »nostalgisch« abtun, denn Männer wie Lorenz und Chargaff sind Wissenschaftler höchsten Ranges, und sie üben mithin Selbstkritik, wenn sie, wie Chargaff, von der »unseligen Imprägnierung unseres Lebens durch die Wissenschaften« sprechen. (Vgl. Erwin Chargaff, Kritik der Zukunft, 1983, S. 11, 58, 63). Und ein Begriff, der bei ihnen eher implizit ist, hat ja in der Gestalt von Massenbewegungen, die sich selbst in betonter Weise einen modernen Charakter zuschreiben, eine machtvolle, schlechterdings unübersehbare Verkörperung erfahren, nämlich der Begriff der »Selbstvernichtung«. Daß die Menschheit am Rande der Selbstvernichtung stehe, hat die »Friedensbewegung« immer wieder hervorgehoben, aber sie sah die Gefahr ganz vornehmlich in der atomaren Rüstung der zwei feindlichen und im Kalten Krieg befindlichen Supermächte; die Umweltbewegung dagegen brauchte auf ihre Hauptthese nicht zu verzichten, als der Kalte Krieg zu Ende gegangen war, denn für sie kann auch eine in Frieden lebende Menschheit sich selbst zugrunde richten, indem sie den Boden und die Flüsse, ja die Meere durch die Abfallprodukte ihrer Industrie vergiftet, die lebenserhaltende Ozonschicht zerstört und im eigenen Müll erstickt.“ (Ebd., 2002, S. 275).

„Aber wenn die Furcht vor der Selbstvernichtung der Menschheit durch ihre eigenen Fortschritte vermutlich das neuartigste und kennzeichnendste Phänomen am Ende des 20. Jahrhunderts ist, so ist doch der Fortschritts- und Wissenschaftsglaube, der im 19. Jahrhundert die fast unbestrittene Vorherrschaft besaß, keineswegs erstorben, zumal nicht in den USA, und es wäre eine grobe Einseitigkeit, wenn wir ausschließlich auf die Stimmen der Kulturkritiker hören wollten. Autoren wie Nicholas Negroponte, Marvin Minsky, Bill Gates und Alvin Toffler unterstreichen mit größtem Nachdruck die außerordentlichen Erfolge, welche die mit der Technik verschmelzenden Naturwissenschaften gerade in den letzten Jahrzehnten errungen haben: die Überwindung aller Entfernungen im »Weltdorf« der mehr und mehr zu Einheit gelangenden Welt, in welcher grundsätzlich jedes Individuum in Sekundenschnelle mittels Telefon, Fax und vor allem »E-Mail« mit jedem anderen Individuum Kontakt aufnehmen kann, die erstaunlichen Fortschritte der Medizin, die dazu geführt haben, daß die durchschnittliche Lebensdauer in den fortgeschrittenen Teilen der Welt nahezu doppelt so hoch ist wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, und auch die ständig anwachsende Produktivität der Wirtschaft, die mit immer weniger Menschen immer größere Gütermengen erzeugt. Zwar stellen sie in der Regel nicht in Abrede, daß diese triumphalen Erfolge nicht ohne Kehrseite sind - sie verschweigen nicht die »strukturelle« Arbeitslosigkeit großer Massen von Menschen, welche gerade durch die Rationalisierung der Produktion hervorgebracht wird, und sie könnten die steigende Abstraktheit der menschlichen Beziehungen anführen, die dem Charakter der Beziehungen in einem genuinen Dorf so sehr entgegengesetzt ist -, doch sie heben mit Nachdruck hervor, daß nur bessere und umfassendere Technik die Wunden zu heilen vermag, welche die Technik geschlagen hat und daß die Empfehlungen einer Rückkehr zum »einfachen Leben«, die von radikalen Okologen wie Rudolf Bahro gegeben werden, nichts anderes als phantasievoller Unsinn sind. Aber über die Auffassungen und Empfehlungen eines so geistvollen Philosophen wie Hans Jonas können sie sich nicht ebenso leicht hinwegsetzen, und in dem Werk über das »Prinzip Verantwortung« dieses Denkers ist ein Satz zu lesen, der die schlichte, auf Beobachtungen beruhende Kulturkritik und deren Begriff der Selbstzerstörung mit der »europäischen Geschichte« in Zusammenhang bringt, indem es heißt, das Prinzip einer »Zukünftigkeitsethik« könne nicht bei dem »rücksichtslosen Anthropozentrismus« stehenbleiben, der die herkömmliche und besonders die ... Ethik des Abendlandes auszeichne. (Vgl. Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation; 1979, S. 95).“ (Ebd., 2002, S. 275-276).

„So läge denn in den ersten Anfängen der »europäischen«, d.h. der »abendländischen« ... Geschichte der Anfang jener Phänomene, die auf den ersten Blick nur wie eine von außen oder allenfalls vom Rande herkommende Zerstörung erscheinen? Dem kann man nicht zustimmen, bevor man sich nicht andere geschichtliche Beispiele vor Augen gestellt hat, in denen Zerstörung oder Klagen über Zerstörung und Niedergang noch handgreiflicher vorzufinden sind, als es heute von seiten der Kulturkritik geschieht.“ (Ebd., 2002, S. 276-277).

„Die »Kulturrevolution« in China ging vermutlich auf Machtkämpfe in der obersten Führung der KP Chinas zurück, d.h. Mao Tse-tung wollte da durch die schon verlorene Alleinherrschaft zurückgewinnen und noch fester begründen. In all dem war sie gleichwohl eine »Revolution gegen die Kultur«, nämlich gegen die spezifische Überlieferung Chinas und insofern gegen dessen Geschichte, also, wie es schien, ein Prozeß der Selbstzerstörung.“ (Ebd., 2002, S. 277).

„Ich zitiere aus den Erinnerungen einer jungen Chinesin, der Tochter eines hohen Parteifunktionärs: »Lin Biao hielt eine Rede und rief die Roten Garden auf, die Schulen zu verlassen und die »vier alten Dinge« zu zerschlagen - nämlich die »alten Ideen, die alte Kultur, die alten Gewohnheiten und die alten Sitten. Auf diese Aufforderung hin gingen die Roten Garden in ganz China auf die Straßen ..., sie brachen in die Häuser ein, zerschlugen deren alte Kunstwerke, zerrissen die Gemälde und die kalligraphischen Arbeiten. Sie zündeten Scheiterhaufen an, um Bücher zu verbrennen. Sehr bald waren nahezu alle Kostbarkeiten, die sich in privatem Besitz befanden, zerstört. .... Museen wurden geplündert. Paläste, Tempel, alte Gräber, Statuen, Pagoden, Stadtmauern: alles, was alt war, wurde attackiert. .... Im Zentrum Pekings wurden einige Theater und Kinosäle in Folterkammern verwandelt. Von ganz Peking wurden die Opfer hierhergebracht«!“  (Ebd., 2002, S. 277).

„Aber all das war nicht wirklich neu. Es war eine Fortsetzung jener großen Kampagne gegen »die Rechten«, mit der Mao ein Jahrzehnt zuvor alle Ansätze zum Wiedererwachen der überlieferten chinesischen Kultur nach dem unerwarteten Erfolg der »Hundertblumenbewegung« zerschlagen hatte, und der Korrespondent eines deutschen Magazins beschrieb im Rückblick voller Wehmut, wie im Verlauf der kommunistischen Herrschaft aus dem geheimnisvollen alten Peking, in dem es 300 Buch-Antiquariate gegeben hatte, eine »moderne« Stadt geworden war, in deren Zentrum man mehr als tausend Fabriken eröffnet hatte, nachdem die schönen alten Innenhofhäuser mit ihren Toiletten und Badezimmern als Brutstätten des »Klassenfeindes« durch slumartige Massenquartiere ersetzt worden waren.“ (Ebd., 2002, S. 277).

„Zwar könnte man einige Analogien aus der jüngsten Geschichte Europas anführen, sowohl im deutschen Jahr 1933 wie in der deutschen, italienischen und französischen »Studentenrevolution« von 1968, aber ein so offenkundiger und verbreiteter Prozeß einer Selbstzerstörung hatte doch nirgendwo stattgefunden. Handelte es sich in China indessen wirklich um eine »Selbstzerstörung«? Handelte es sich nicht vielmehr um einen Prozeß, der »von außen«, eben vom »Westen«, induziert war und der hier lediglich eine Gestalt annahm, die in hohem Maße extremistisch und doch auch wieder sehr »chinesisch« war? Ruft etwa eine tendenzielle Selbstzerstörung der europäischen Kultur im Bereich anderer Kulturen eine bloß noch viel anschaulichere Form der Selbstzerstörung hervor, die mithin so etwas wie eine zur Karikatur verzerrte Spiegelung ist?“  (Ebd., 2002, S. 278).

„Wir wollen jedoch noch einen weiteren Ansatz machen, um zu überprüfen, ob nicht ein nostalgischer Pessimismus, zu dem jeder neigen muß, welcher an der »neuen Unübersichtlichkeit« der desinformierenden und manipulierenden »Informationsgesellschaft« Anstoß nimmt, das Urteil trübt und die eigene Neuartigkeit überschätzt.“ (Ebd., 2002, S. 278).

„Die Vorstellung vom Niedergang in der Geschichte ist ja viel älter als das Fortschrittsbewußtsein, so gewiß die Idee der allmählichen Verbesserung nicht fehlt. Folgendermaßen beschrieb Hesiod, neben Homer der älteste Dichter Griechenlands, um 700 vor Christus seine Gegenwart:
»Faustrecht gilt, da der eine die Stätte des andern zertrümmert.
// Nicht wird Eidestreue gewürdigt, nicht erntet die Güte,
// Nicht die Gerechtigkeit Dank ....
// .... Nur trauriges Elend
// Bleibt den sterblichen Menschen,
// Und nirgends ist Abwehr des Unheils.«
Diesem traurigen Zustand stellt der Dichter die früheren Geschlechter der Menschen gegenüber, die allesamt besser waren, zummal das erste, das »goldene«, dem alles Erwünschte eigen war, weil der »nahrungspendende Acker unbestellt in neidloser Fülle Frucht trug«. In moderner Ausdrucksweise könnte man sagen: angesichts der in der Vorzeit verwirklichten Utopie stellt sich die Realität der Gegenwart als böse und verwerflich dar. Aber der Niedergang der Geschichte entspringt offenbar dem Willen der Götter: er ist kein Prozeß der Selbstzerstörung.“ (Ebd., 2002, S. 278).

„Anders sehen die Dinge bei Platon und Polybios aus, wo die beste Verfassungsform, die Monarchie, sich von sich aus zum Abstieg in die Aristokratie, die Demokratie und schließlich in die Tyrannis forttreibt. Aber der tiefste Punkt ist kein endgültiger, sondern gerade das Übermaß des Bösen und Negativen erzeugt den Umschlag zur Monarchie zurück, so daß ein Kreislauf, eine »anakyklosis«, eintritt, die im Prinzip unaufuebbar ist, die bei Polybios jedoch den Ausweg der »gemischten Verfassung« offenläßt, welche die Stärken der reinen Typen vereinigt und eben dadurch deren Schwächen vermeidet, so daß sie dem Prozeß der Selbstzerstörung oder Selbstüberholung nicht mehr ausgesetzt ist. (**)“ (Ebd., 2002, S. 278-279).

„Eine Vorstellung vom Niedergang, der indessen nicht unaufhebbar ist, liegt auch den Predigten der Propheten des Alten Testaments zugrunde .... Und der große islamische Historiker und Geschichtsphilosoph Ibn Chaldun alle Geschichte von der »aschabija«, dem Gemeinschaftsempfinden der ursprünglichen Sippen und Stämme ausgehen, einem Empfinden, das sich auch noch einige Zeit hält, wenn ReichsgrÜndungen und Luxus die Glanzlichter der Kultur erzeugen, das sich aber immer mehr abschwächt und schließlich eine letzte Stufe hervorbringt, die Stufe einer bloßen Zivilisation, die dem Untergang vorausgeht. Selbstzerstörung ist also der Grundcharakter jeder Kultur, und damit nimmt Ibn Chaldun wesentliche Gedankengänge von Giambattista Vico und Oswald Spengler vorweg. Die unumgängliche Konsequenz wäre, daß sich alle diejenigen täuschen, welche die negativen Phänome der Gegenwart als spezifische Eigentümlichkeit der europäischen Kultur und Geschichte charakterisieren; es würde sich vielmehr um allgemeine Phänomene handeln, deren Analogien sich in weit entfernten Zeiten aufweisen lassen. Naturwissenschaftler machen sogar darauf aufmerksam, daß Prozesse der Selbstzerstörung schon unter Tieren, ja sogar letzten Endes als kosmische Prozesse zu beobachten sind: Seefahrer setzten einst auf der Insel Fernando Póo einige Ziegen an Land, für die sie keine Verwendung hatten, und als sie nach vielen Jahren wieder an der Insel vorbeikamen, stellten sie fest, daß die Tiere, da sie auf der Insel keine Feinde vorfanden, sich sehr rasch vermehrt hatten, deshalb alle Pflanzen auffraßen und schließlich allesamt zugrunde gegangen waren; gewisse Ameisenarten halten sich Blattläuse als eine Art Sklaven und werden dadurch allmählich so träge, daß sie bald den Angriffen anderer Ameisenarten zum Opfer fallen; der Weltprozeß im ganzen ist ein Prozeß der Entropie, in dem schließlich alle Energiedifferenzen ausgeglichen werden, so daß, wenngleich nach dem Verlauf gigantischer Zeitspannen, die Erstarrung im »Kältetod« die unvermeidliche Folge ist.“ (Ebd., 2002, S. 279).

„Aber es sind schwerlich diese Thesen von allgemeiner Art, welche die »Kulturkritiker« zum Innehalten und zum erneuten Nachdenken veranlassen sollten, sondern es ist die Erinnerung an frühere Denker, die uns zeitlich noch recht nahe sind, und die etwas spezifisch Europäisches zu beobachten und zu kritisieren glaubten, einen Prozeß der Zersetzung und der Auflösung, zu dem es in anderen Kulturen kein Analogon gebe. Es sind die Vorkämpfer der »alten Kirche«, des Katholizismus, die im Protestantismus ein verhängnisvolles Prinzip bekämpfen, das andere zerstörerische Phänomene wie den Liberalismus und den Sozialismus hervorbringe.“ (Ebd., 2002, S. 280).

„Jacques-Benigne Bossuet, der große Kanzelredner der Zeit Ludwigs XIV., schreibt um 1680 seine »Histoire des Variations des Eglises protestantes«, welche die Wandelbarkeit und Vielfalt der protestantischen Lehrmeinungen, Kirchen und Sekten der Festigkeit und Dauerhaftigkeit der »katholischen Wahrheit« gegenüberstellt und daraus ein sehr negatives Urteil ableitet.“ (Ebd., 2002, S. 280).

„Joseph de Maistre nennt zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Protestantismus »den größten Feind Europas, ein verhängnisvolles Geschwür, den Vater der Anarchie«, weil er die individuelle Vernunft auf den Thron erhebt und einer »Aufklärung« den Weg bereitet, die jeden einzelnen Menschen in die Haltlosigkeit seines einsamen Urteils stürzt und damit einer radikalen Fehleinschätzung der menschlichen Natur zur Existenz verhilft, denn der Mensch habe, um sich richtig verhalten zu können, Glaubensüberzeugungen nötig und nicht Probleme. Die Wissenschaft aber könne solche bindende Überzeugungen nicht vermitteln, und deshalb kämen die Naturwissenschaften die Menschen teuer zu stehen, denn sie nährten die Illusion, daß dasjenige, was in ihrem Bereich sinnvoll sei, nämlich die Diskussion, auf die Politik und das Staatsleben übertragen werden könne.“ (Ebd., 2002, S. 280).

„Juan Donoso Cortes verknüpft die zerstörerische Tendenz zur Diskussion mit einer bestimmten sozialen Klasse, dem Bürgertum, das er geringschätzig, aber auch anklagend als die »clase discutidora« bezeichnet. Als Hauptphasen des historischen Zerstörungsprozesses nennt er die Reformation, die Renaissance, die Aufklärung und den Absolutismus, und er stellt die These auf, die Erde, »über die die philosophische (d.h. protestantisch-aufklärerische) Zivilisation hinweggeschritten« sei, werde verflucht sein, denn es werde die Erde des Verderbens und des Blutvergießens sein; schon jetzt habe sie die Wege »für einen gigantischen, universellen, unmeßbaren Tyrannen bereitet«. Als Rettungsmittel empfiehlt Donoso in seiner berühmten Rede vom Januar 1849 die Diktatur, nämlich die »Diktatur des Säbels«, d.h. des Militärs, zwecks Vermeidung der »Diktatur des Dolches«, d.h. der Machtergreifung der Verschwörer und Agitatoren, aber es besteht kaum ein Zweifel, daß er gegen Ende seines Lebens von tiefem Pessimismus erfüllt war und daß er ganz wie de Maistre hätte sagen können »Ich sterbe mit Europa«.“ (Ebd., 2002, S. 280-281).

„Handelte es sich bei diesen Denkern nicht offensichtlich um »Reaktionäre«, um Verteidiger einer verlorenen Sache! Aber klingen nicht viele Aussagen der zu Beginn zitierten Kulturkritiker der Gegenwart ganz ähnlich! Hat nicht Donoso Cortes den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts mit viel größerer Bestimmtheit vorhergesagt als etwa Herbert Spencer, obwohl dieser große Vorkämpfer von Handelsfreiheit und Pazifismus am Ende seines Lebens von bohrenden Zweifeln nicht frei war. Hat nicht auch Alexis de Tocqueville von der zukünftigen und ganz neuartigen Tyrannei gesprochen, der »Tyrannei der demokratischen Majorität«, die freilich als Konsequenz des Individualismus »sanft« und dennoch eine »pouvoir immense et tutelaire« sein würde, das den jeweils auf sich allein zurückgeworfenen Individuen schließlich »die Anstrengung des Denkens und die Mühe des Lebens abnehmen« könnte, um sie, wie sich hinzufügen ließe, in dasjenige zu verwandeln, was Nietzsche »die letzten Menschen« nannte. Und nicht einmal der Großmeister derjenigen Lehre, die von de Maistre und Donoso sicherlich als die verhängnisvollste von allen bezeichnet worden wäre, wenn sie ihnen bekannt gewesen wäre, nämlich Karl Kautsky, blieb von Sorgen und Bedenken hinsichtlich der Zukunft frei, als er den in Rußland siegreichen Bolschewismus einen »tatarischen Sozialismus« nannte.
Und nun ist nochmals die Frage zu stellen: Brach hier ein fremdes Element ein - das Barbarentum des »zurückgebliebenen« Rußland -, so daß Europa von außen mit der Zerstörung bedroht war, oder war am Ende der Sozialismus selbst, ja schon der Liberalismus und die liberale Demokratie die Selbstzerstörung Europas! Aber müßte dann nicht die unerträgliche Folgerung lauten, daß diejenigen am meisten recht hatten, die am offenkundigsten einem längst vergangenen Geschichtszustand zugehörig waren und daß nahezu alle heute noch lebenden geistigen Mächte - Protestantismus, Liberalismus, Sozialdemokratie, Sozialismus - sich wechselseitig als Faktoren der Selbstzerstörung der europäischen Geschichte und der europäischen Kultur betrachten und anklagen müßten!“  (Ebd., 2002, S. 281).

„Hier scheint ein Rückblick auf Hegel den besten Ausweg zu weisen. Was de Maistre mit negativem Akzent als »Auflösung« und »Zersetzung« versteht, wird von Hegel gerade als »Realisierung«, als »Verwirklichung« aufgefaßt, als ein Sich-Durchsetzen des Neuen, welches das Alte in der Tat aufhebt, aber nicht vernichtet, sondern auf eine höhere Stufe und zu neuen Synthesen gelangen läßt. So nimmt der Protestantismus von der mittelalterlichen Askese Abschied, und er wendet sich »der Welt« zu, aber er macht eben diese Welt »sittlich«, und das konnte er nur, weil die katholische Askese ihm vorhergegangen war und die »heidnische« Unmittelbarkeit der Weltbeziehung aufgehoben hatte. Der Protestantismus ist also eine höhere Stufe als der Katholizismus, aber er bewahrt wesentliche Merkmale dieser früheren Stufe, indem er sie verändert. Mithin ist dasjenige, was in den Augen von de Maistre eine »Selbstzerstörung Europas« war, in Wahrheit die Selbstverwirklichung der europäischen Geschichte mittels der Selbstüberwindung ihrer früheren Stufen.“ (Ebd., 2002, S. 282).

„Aber die höchste Stufe, die Selbstüberwindung des Protestantismus, ist für Hegel nichts anderes als seine eigene Philosophie, in der Gott zum Selbstbewußtsein gelangt und der auf dem politischen Gebiet die konstitutionelle Monarchie entspricht. Es gibt bei Hegel einige Andeutungen, die mit negativem Akzent auf den dogmatischen Liberalismus, das Prinzip der Atome, verweisen, und auf US-Amerika als Macht einer zukünftigen, auch den Alltag durchdringenden Vernünftigkeit. Aber im ganzen ist Hegels Dialektik eine Vollendungsdialektik, die den Anfang in einer Endstufe zu sich selbst zurückkommen läßt. Noch deutlicher ist dieser Charakter bei Marx, wo die klassenlose Gesellschaft des Sozialismus die Rückkehr auf höherer Stufe zum »Urkommunismus« ist, d.h. zur Gleichheit, Freiheit und Konfliktlosigkeit eines angeblichen Anfangszustandes, der leicht als die älteste aller Utopien der Menschheit zu erkennen ist. Ohne jeden Zweifel würde Hegel den intellektuellen Zustand der Gegenwart nicht als das »Selbstbewußtsein Gottes« anerkennen, und Marx würde die soziale Realität der Zeit vor der Jahrtausendwende einschließlich der Überreste des »realen Sozialismus« wohl seiner klassen-, staat- und konfliktlosen Gesellschaft stärker entgegensetzen als dem noch sehr begrenzten und zahmen »Kapitalismus« des 19. Jahrhunderts.“ (Ebd., 2002, S. 282).

„Ich umreiße abschließend mit freilich allzu knappen Worten einen Denkweg, der es möglich macht, die »Selbstzerstörung« der europäischen Geschichte sowohl als Realität wie als Herausforderung wahrzunehmen, d.h. als einen Prozeß, dessen Ausgang offen und nicht von menschlichen Entscheidungen unabhängig ist.“ (Ebd., 2002, S. 282-283).

„Alle Philosophen aller Zeiten und aller Länder stimmen im Grunde darin überein, daß der Mensch sich als solcher dadurch von sämtlichen anderen Lebewesen unterscheidet, daß er eine Beziehung zum Kosmos, zu Gott oder zum Weltgrund hat und daß er aus dieser Beziehung heraus lebt, ob er nun die Welt und sich selbst von übermächtigen Kräften, von Göttern, beherrscht sieht, ob er alles Seiende als Kreaturen eines allmächtigen Schöpfers betrachtet oder ob er das Universum als ein sich selbst verschlingendes Ungeheuer versteht, das von Leiden und Qualen erfüllt ist. Nur deshalb hat er zugleich eine Beziehung zu sich selbst, ist er ein »Selbst« und also eine Person. Aus diesen grundlegenden Konzeptionen leiten sich die Hauptregeln seines Verhaltens ab: ob er die Götter durch die Darbietung von Opfertieren zu besänftigen sucht, ob er sich den Geboten des allmächtigen Schöpfergottes unterwirft, ob er aus dem leiderfüllten Kreislauf der Geburten auszubrechen und im »Nirwana« Erlösung zu erlangen strebt. Dieser den Menschen als Menschen konstituierende Urbezug ist die »theoretische Transzendenz« zu nennen, das keineswegs nachträgliche, sondern vorgängige Hinausgreifen des Menschen über die Alltagsnotwendigkeiten und Alltagswelten von Nahrungserwerb und Schutz gegen physische Unbilder, die denjenigen mancher Tiere so ähnlich sind. »Theoria« heißt in diesem Zusammenhang nicht »wissenschaftliches Erklärungssystem«, sondern »Schau«, etwa in dem Sinne, wie Kant ihn zugrundelegt, wenn er den Menschen als »Kosmotheorós« bestimmt. Nichts war für Griechen und Römer selbstverständlicher als ihr Götterglaube; keine Gemeinsamkeit unter Menschen war je stärker und machtvoller als diejenige, die auf einem Glauben beruhte und sich einem anderen Glauben entgegenstellte: christliche Märtyrer überwanden das Römische Weltreich, islamische Glaubenskrieger unterwarfen innerhalb kurzer Zeit den größeren Teil der damals bekannten Welt: buddhistische Mönche und Kaufleute trugen ihre Religion über Tausende Kilometer von Wüsten und Gebirgen hinweg bis nach China.“ (Ebd., 2002, S. 283).

„Gewiß muß man sagen, daß in all dem auch Kämpfe politischer Gebilde um Macht und Einfluß, ja um den Besitz von Land und Reichtümern ausgefochten wurden, und es sticht insAuge, daß fast überall auf der Erde sich eine Entwicklung vom Einfacheren zum Komplizierteren, ein Aufbrechen von Abgeschlossenheiten, eine Verfeinerung der Lebensführung vollzogen hat, aber die These bleibt trotzdem richtig, daß alle menschlichen Gruppierungen »der Natur« nahe blieben und sich den »Geboten Gottes« unterwarfen, so oft sie dagegen verstoßen mochten, daß trotz aller Verbesserungen und Sublimierungen die Menschheit durch die »theoretische Transzendenz« oder die Religion bestimmt blieb. Noch die Heere Karls V. bewegten sich nicht wesentlich schneller als die Heere Hannibals, und die Zerstörungskraft der Kanonen Wallensteins war nur quantitativ größer als diejenige der Waffen, mit denen die Römer Numantia bestürmten.“ (Ebd., 2002, S. 283-284).

„Aber die theoretische Transzendenz kann nur praktische Transzendenz werden, wenn der Mensch nicht mehr bloß einzelne Naturkräfte wie das Wasser in seinen Dienst nimmt, sondern wenn er eine Kraft herstellt, die in der Natur nur marginal vorkommt und unbenutzbar bleibt, nämlich den Dampf, wenn er sich mit Hilfe von Maschinen von der Erde in die Luft erhebt oder in die Wasser der Ozeane hinabtaucht, und wenn er sich selbst und die Verhältnisse, in denen er lebt, systematisch zu verändern und zu verbessern bestrebt ist. Und hier kommt die europäische Geschichte ins Spiel, denn dieser Fortgang von der theoretischen zur praktischen Transzendenz hat sich nur in Europa vollzogen, obwohl die Chinesen das Pulver und den Buchdruck eher kannten, und seine Voraussetzung waren Maximen von Denkern wie Bacon und Descartes, daß die Menschen sich zu Herren und Meistern der Natur machen sollten - Maximen, die ihrerseits nicht hätten artikuliert werden können, wenn nicht die rigorose Ethik des Alten Testaments und die im Prinzip unbegrenzte »Neugier« der frühen griechischen Wissenschaft vorangegangen wären. Die Eroberung von Nord- und Südamerika durch die Europäer beruhte großenteils noch auf der Kraft eines missionarischen Glaubens, aber mit der Industriellen Revolution - besser: mit der ersten industriellen Revolution - kam von Europa aus ein Prozeß in Gang, der sich als Weltwirtschaft und Weltpolitik allmählich auf die ganze Welt ausdehnte und nur für kurze Zeit den Charakter eines machtpolitischen Imperialismus trug.“ (Ebd., 2002, S. 284).

„Aber diese »Modernisierung« war nicht bloß auf Bibelsprüche und philosophische Maximen gegründet, sondern sie hatte sehr wesentlich damit zu tun, daß seit der Reformation jene Glaubensgemeinschaften zu »Konfessionen« wurden und in einen Konflikt gerieten, in dem sie, als solche »unmodern«, sich immer weiter zur Modernität forttrieben. Nicht nur »praktische Transzendenz« kennzeichnet das neuzeitliche Europa, sondern in eins damit das »Liberale System« als relativ freie Auseinandersetzung geistig-politischer Mächte, die in ihrem Sich- Weitertreiben den Individuen sowohl im intellektuellen wie auch im wirtschaftlichen Leben einen Spielraum gewährten, wie es in keiner anderen Kultur je der Fall gewesen war. Joseph de Maistre hatte nicht einfach unrecht, als er über »Zersetzung« klagte, während seine Gegner rühmend von »Emanzipation« sprachen. Andere Kulturen, die russisch-orthodoxe, die islamische, die chinesische, sollten später ganz ähnliche Klagen über die Zersetzung ihres Gemeinschaftsgeistes erheben und dann aber nicht »den Protestantismus«, sondern »den Westen« verantwortlich machen. Dieser Individualismus, der sich in Europa allmählich vom Bürgertum auf die Volksmassen ausbreitete, ist die kennzeichnendste Blüte der europäischen Geschichte und zugleich das mächtigste Auflösungsmittel der religiösen Glaubensrichtungen, aus deren Zusammenstoß und Wettbewerb er entstand.“ (Ebd., 2002, S. 284-285).

„Aber die Individuen werden nicht bloß aus überlieferten Zusammenhängen, insbesondere aus der tief verwurzelten Bodenständigkeit gelöst, sondern sie werden auch zu neuen Kombinationen zusammengefügt, sie werden »flexibel«, und einige Zukunftsforscher entwerfen das Bild eines künftigen Kapitalismus, wo völlig fließende Konfigurationen jenseits aller Unterscheidungen nach Nationen oder Glaubensrichtungen sich zusammenschließen und wieder auflösen, ohne daß eine andere Macht lenkend wäre als »der Markt«, der auch die größten Firmen gnadenlos ausschaltet, sobald sie den Ansprüchen des in ständiger Bewegung befindlichen Ganzen nicht mehr entsprechen. Diesen Individuen würden sich sicherlich die ausgedehntesten Möglichkeiten des Genusses bieten, und eines Tages würde sich für viele von ihnen sogar die Möglichkeit einer Weltraumfahrt ergeben, die sie noch mehr der Unsterblichkeit nahebringen könnte, als es auf der Erde die Fortschritte der Medizin zu tun vermögen, welche das Genom beherrschbar gemacht hat und eine unbegrenzte Anzahl von künstlich gewonnenen Körperteilen bereithält, mit denen die Leiden kranker Menschen behoben werden können. Dies wäre der Zustand, in dem die europäische Geschichte sich selbst zerstört oder besser aufgehoben hätte, um jener Weltgesellschaft und Weltzivilisation den Platz zu räumen, die Turgot und Condorcet in ihren Werken vorweggenommen hatten. Es ist zugleich der Zustand, den - oder dessen Kehrseiten - die Kulturkritiker im Auge hatten, von denen ich im Anfang gesprochen habe.“ (Ebd., 2002, S. 285).

„Und nun komme ich in leider unumgänglicher Kürze zu einigen Thesen, die man, wenn man will, politische nennen mag.“  (Ebd., 2002, S. 285).

„Unter all den Millionen von Gattungen auf der Erde und vermutlich im Weltall gibt es eine einzige, die durch ein Sich-Übersteigen oder durch Transzendenz gekennzeichnet ist und die sich damit von der Natur so weit entfernen kann, daß heute die Forderung unüberhörbar ist, die irdische Natur vor ihr zu schützen.“ (Ebd., 2002, S. 285-286).

„Aber auch die Natur im Menschen selbst entzieht sich dem Zugriff nicht mehr. Dieser Fortgang von der theoretischen zur praktischen Transzendenz vollzog sich ursprünglich in der europäischen Geschichte. Heute scheint die einzigartige Blüte dieser Geschichte, der Liberalismus, als Liberismus die Alleinherrschaft gewonnen zu haben und die Individuen sogar von derjenigen Gattungshaftigkeit zu emanzipieren, die in den Wandlungen der Geschichte zwar verändert und geschwächt, aber nie in ihrem Kern angegriffen worden war. Die liberistische Gesellschaft ist höchst komplex, aber sie ist vor allem eine Gesellschaft ohne Kinder, d.h. ohne eine zur Selbsterhaltung ausreichende Zahl von Kindern. Es ist nicht nur das in der us-amerikanischen Verfassung als Grundrecht verankerte »Streben nach Glück«, das vielen modernen Individuen die Erzeugung und das Aufziehen von Kindern als unzumutbar erscheinen läßt, sondern es ist eine im uralten Egalitätsverlangen erst jetzt hervortretende Tendenz, die immer noch sehr ungleichmäßige Belastung von Frauen und Männern als Ungerechtigkeit zu bekämpfen und möglichst »abzuschaffen«.“ (Ebd., 2002, S. 286).

„Aber es gibt nur zwei konsequente Wege der Bekämpfung: entweder muß diese Ungleichheit, statt als ein Naturzwang für selbstverständlich gehalten oder erlitten zu werden, als bejahtes und glückbringendes Schicksal angenommen werden, oder auch die Fortpflanzung muß der Natur entrissen und in den Bereich der Kunst gerückt, d.h. mittels hochkomplizierter Maschinen vollzogen werden. “ (Ebd., 2002, S. 286).

„Aber diese Alternative existiert faktisch erst in der europäisch-amerikanischen Kultur, von wo die neue Grundtatsache ihrenAusgang genommen hat: daß die Transzendenz im Menschen so praktisch geworden ist, daß sie zahllose Individuen von ihrer Gattungshaftigkeit loslösen und also jene »Zersetzung« bis zu einem Punkt vortreiben kann, der für de Maistre und Donoso Cortes, aber auch für die Progressivisten des 19. Jahrhunderts unfaßbar gewesen wäre. Im nächsten Jahrhundert wird es sich um ein Problem Europas und des europäisch bestimmten Amerika handeln. Wenn die durchschnittliche Kinderzahl pro Ehe weiterhin wie in Deutschland und Italien (und in vielen anderen europäischen Ländern) nur 1,3 beträgt oder noch darunter absinkt, wird die europäische Geschichte in einem ganz buchstäblichen Sinne ein Prozeß der Selbstzerstörung genannt werden müssen. Europa wird dann nach einer turbulenten und schmerzhaften Übergangszeit der Masseneinwanderung aus Ländern, die der Natur und damit der Religion näher geblieben sind, allenfalls auch noch von einer kleinen Minderheit der Nachkommen der heutigen Bewohner bewohnt sein. Nicht ganz wenige Europäer begrüßen diese Möglichkeit schon heute, weil sie nicht nur die nationalen, sondern sogar die kulturellen Unterschiede als unbedeutend, ja gefährlich betrachten, und dasjenige für richtig halten, was dem von Nationalsozialisten und Faschisten realisierten Extrem am vollständigsten, mithin auf extreme Weise entgegengesetzt ist.“ (Ebd., 2002, S. 286-287).

„Aber muß man nicht auch sagen, es sei ein Menschenrecht, daß jeder Mensch auf der Erde einen Platz habe, wo er sich »zu Hause« und unter seinesgleichen, d.h. in einern abgegrenzten Sprachraum fühlen dürfe, sofern er nicht den Übergang in einen anderen Sprachraum vorziehe oder zu der gewiß nicht kleinen Anzahl von professionellen Vermittlern gehöre? Letzten Endes handelt es sich eben nicht bloß um ein Problem der europäischen Kultur und Geschichte. Was dort eingesetzt hat, nämlich die Loslösung des Menschen von Natur und Gattungshaftigkeit, kann auf die ganze Menschheit übergreifen, und eine realistische Vorstellung vom »Ende der Zeiten« wäre die einer letzten Generation von langlebigen, lustsuchenden, von ihren Apparaten längst überholten, schließlich aber doch sterbenden Individuen, die sich für »Universalisten« halten und doch bloß Egoisten sind. Was Ludwig Klages einst als den »Untergang der Erde am Geist« beschrieben hat, wäre Wirklichkeit geworden.“ (Ebd., 2002, S. 287).

„Aber müssen wir, wie Klages, eine Unabwendbarkeit annehmen? Ich bin davon überzeugt, daß der Prozeß, den de Maistre »Zersetzung« und Hegel »Realisierung« nannte und der heute meist als »Emanzipation« bezeichnet wird, nicht rückgängig gemacht werden kann. Mit den alten idealistischen Termini kann er als Prozeß der Ausweitung der individuellen Freiheit beschrieben werden, von dem die Männer des Deutschen Idealismus einschließlich ihres Nachfahren Karl Marx allerdings eine allzu idyllische Vorstellung hatten. Aber die Freiheit eröffnet auch die Möglichkeit, sich bewußt zu demjenigen zurückzuwenden, was einstmals bloßer Zwang oder fraglose Sitte war. Eine Rechristianisierung auch nur der europäischen Welt scheint mir ausgeschlossen zu sein. Eine ideologisch begründete »Bevölkerungspolitik« wäre selbst dann nicht vorstellbar, wenn sie sich von biologistischen Gedankengängen fernhielte.“ (Ebd., 2002, S. 287).

„Der Pluralismus muß als Grundgesetz anerkannt werden, so wenig er in triumphalistischer Weise verherrlicht werden sollte, und damit ist das Hauptkonzept der großen totalitären Ideologien des 20. Jahrhundert zu verwerfen, nämlich die zur Hälfte durchaus verstehbare, zur anderen Hälfte aber verdammenswerte Vorstellung, daß eine »Weltkrankheit« durch die Beseitigung einer bestimmten Gruppe, sei es der Kapitalisten als Protagonisten des »weltgeschichtlichen Sündenfalls«, nämlich des Privateigentums, sei es der Juden als Vorkämpfer eines angeblich »reinen« und deshalb verhängnisvollen Universalismus geheilt werden könne. Aber ein geschichtsbewußtes, d.h. nicht auf die soziale Komponente reduziertes und der Tendenz zur Selbstverwerfung widerstehendes Christentum, das nur noch in relativ kleinen Kirchen und Gemeinden gelebt wird, kann zur Mäßigung des schicksalsfeindlichen Überschwangs einen bedeutenden Beitrag leisten, und wenn eine größere Anzahl von jungen, akademisch ausgebildeten Paaren bewußt auf Karrierevorteile verzichtet, um den Vorfahren trotz der radikal veränderten Situation in dem entscheidenden Punkte ähnlich zu bleiben, könnten sie zum Ausgangspunkt einer tiefgreifenden Wandlung werden. In der Spur Hegels das Selbstbewußtsein Gottes zu sein, werden sich diese jungen Menschen freilich nicht vornehmen, und über die Auflösung der religiösen und gemeinschaftsorientierten Bande werden sie nicht, wie de Maistre, bloß klagen. Daß die höchste Auszeichnung des Menschen zugleich die äußerste Gefahr darstellt und zwar keineswegs bekämpft werden darf, wohl aber gemäßigt werden muß, konnte nie zuvor die Einsicht einer ganzen Generation sein, und sie ist heute nur aus einem Blick auf den Prozeß der europäischen Geschichte zu gewinnen, der die Vorstellung der Selbstzerstörung ernst nimmt und dennoch an der eigenen Freiheit nicht verzweifelt.“ (Ebd., 2002, S. 287-288).

Modernität und Transzendenz
(Vortrag bei einer Tagung in Mailand am 17.12.1996)
„Ich verstehe mein Thema nicht so, daß ich darüber referiere, auf welche Weise die Begriffe »Modernität« und »Transzendenz« am Ende des 20. Jahrhunderts von bestimmten Autoren in Beziehung zueinander gesetzt werden; ich versuche vielmehr zu bestimmen, wie ihr Verhältnis nach meiner Auffassung gekennzeichnet werden sollte.“ (Ebd., 2002, S. 289).

„Es dürfte nur wenige Termini geben, deren Anwendungsbereich sich über so lange Zeiten erstreckt wie der Terminus »modern«. In Lehrbüchern der Geologie ist zu lesen, vor 2 Milliarden Jahren habe mit dem Erreichen eines bestimmten Prozentsatzes des Sauerstoffs in der Atmosphäre »die moderne Klimageschichte« begonnen, und die Prähistoriker belehren uns darüber, daß nach dem Aussterben des Neandertalers mit dem Cro-Magnon-Menschen »der moderne Mensch« auf der Erde erschienen sei. Andererseits ist allgemein bekannt, daß ein moderner Computer schon nach zwei bis drei Jahren »veraltet« und mithin nicht mehr »modern« ist.“ (Ebd., 2002, S. 289).

„Wir wollen uns für ein paar Augenblicke einige der historischen und der heutigen Verwendungsweisen des Terminus vor Augen stellen.“ (Ebd., 2002, S. 289).

„In der griechischen Antike konnte der Begriff, der von lateinisch »modus« zuerst zu »modo« (kürzlich) abgeleitet ist, natürlich noch keine Verwendung finden, aber offensichtlich fühlten sich die Sophisten mit ihrer Herausstellung der Relativität der Wahrheit und mit ihrer Skepsis gegenüber dem überlieferten Götterglauben sowie mit ihrer Kritik an dem Gegensatz von »Hellenen« und »Barbaren« betontermaßen als die Vertreter eines »Neuen«, bisher in der Geschichte so nicht Vorhandenen, und sicherlich hätten sie Männer wie Aischylos und Pindar, die an den überkommenen Vorstellungen und Maximen festhielten, als »unmodern« oder als Gegner der Moderne bezeichnet, wenn ihnen der Terminus geläufig gewesen wäre. Andererseits gibt es heute Historiker, welche die Stätte der modernen Denkweise im Athen des 5. Jahrhunderts in den antidemokratischen Hetärien finden und also dieses »Neue« nicht in den Auffassungen sehen, die den unseren verwandt erscheinen, sondern in einer Rücksichtsund Bedenkenlosigkeit, die in den älteren Zeiten noch nicht zu finden war.“ (Ebd., 2002, S. 289-290).

„In beiden Fällen ist aber der Gegensatz zu etwas »Altem« kennzeichnend, und das Neue gilt zwar als das Bessere, aber es fehlt die Vorstellung, daß dieses Neue sich unablässig selbst erneuere und daher Teil eines Fortschrittsprozesses sei, der möglicherweise in etwas definitiv Neuern seinen Höhepunkt und sein Ende finden werde. Die Überzeugung, daß die Staatsverfassungen und die menschlichen Dinge überhaupt sich in einem Kreislauf bewegten, war zu stark, und auf den »glücklichen Inseln «, deren Bild nicht selten gezeichnet wurde, lebten Menschen, die sich gerade durch eine einfachere, wenngleich gerechtere Lebensführung von den Zeitgenossen in der zivilisierten Gegenwart unterschieden.“ (Ebd., 2002, S. 290).

„Daß das Alte und Überlieferte, nicht aber das Bloß-Einfache, ein Vorbildliches sei, war dagegen der Ausgangspunkt für jene Entgegensetzungen und Streitigkeiten, in denen am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit der Begriff »modern« als solcher Verwendung findet .... Das Neue wird hier entweder nur beschrieben, etwa als eine bisher wenig gepflegte Art der Innerlichkeit und Versenkung, oder es muß sich angesichts der Klassizität der Überlieferung rechtfertigen. Was uns als weltgeschichtliche Erneuerungsbewegung erscheint, zumal die Reformation, war, wie schon der Name zeigt, für die Zeitgenossen eine Rückkehr zur alten, zur unverfälschten Wahrheit, und es wäre weder Luther noch auch Calvin eingefallen, sich als Vertreter von etwas Neuern und Modernem gegenüber dem Alten und Überholten zu verstehen. Eher zeigen sich heute Historiker geneigt, den Täufern der Reformationszeit moderne Tendenzen zuzuschreiben, denn ein Teil von ihnen ließ das quälende Sündenbewußtsein im Gefühl des Auserwähltseins hinter sich, und sie bekämpften durchweg die »magischen« Sakramentsvorstellungen und das äußerliche Zerernonialgepränge der Kirchen - wer sich allerdings des Zungenredens und der phantastischen Visionen erinnert, die unter den Wiedertäufern zu Münster im Schwange waren, wird eher zu der Meinung neigen, diese Menschen seien sehr unmodern gewesen.“ (Ebd., 2002, S. 290).

„Die Humanisten und die anderen Vorkämpfer der Renaissance scheinen sich dagegen eindeutig einer versinkenden und dunklen Vergangenheit entgegenzustellen, aber gerade sie fanden in dem noch älteren, eben dem Antiken, das Wahre und Vorbildliche. Für Vasari ist das Moderne gerade das »Gotische«, ein Produkt mittelalterlicher Barbarei, das für ihn allerdings nicht durch einen bloßen Rückgriff auf die klassische Antike überwunden werden kann. Immer wieder ist in diesen Zeiten ein merkwürdiges Ineinander von Zügen zu konstatieren, die uns als »modern« und als »unmodern« anmuten: Was könnte moderner sein, was hat tatsächlich die moderne Zeit stärker begründet als die Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert - und dennoch glaubte Kolumbus, als er die Mündung des Orinoco erreichte, einen der vier Ströme des Paradieses zu erblicken!“  (Ebd., 2002, S. 290-291).

„Eindeutigkeit gewinnt der Terminus »modern« erst, als er mit dem Begriff des »Fortschritts« zusammengebracht wird. In Fontenelles »Digression sur les anciens et les modernes« verteidigen sich die Modernen nicht mehr, sondern sie greifen an: Die Erfahrung ist zweifellos in ständiger Vermehrung begriffen, der größeren Erfahrung entspringen alle diejenigen Instrumente, über die Aristoteles noch nicht verfügte - das Mikroskop, das Thermometer, die Luftpumpe -und deren Fortentwicklung behindert werden würde, wenn die Aristoteliker mit ihrer Abneigung gegen Experimente wieder die Oberhand gewännen. Schon für Francis Bacon war die Wahrheit bekanntlich die Tochter der Zeit und nicht der Autorität. Die moderne Zeit ist also der Erfahrung und dem Experiment zugewandt, daher erfindungsreich, kritisch gegenüber der Autorität sowohl der Kirchen wie der alten Philosophen, auf Verbesserung auch der konkreten Lebensumstände der Menschen ausgerichtet, an der Zukunft statt an der Vergangenheit orientiert, von der Perfektibilität des Menschen überzeugt, die Vernunft zum Maßstab erhebend. Modern war auch die Milderung des überkommenen und barbarisch harten Strafrechts, modern war die Bekämpfung der Kindersterblichkeit und der unhygienischen Verhältnisse in den Städten, modern war, mit einem Wort, die »Verbesserung«, die schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert zur Maxime wurde und die dann zu der eigentlichen Fortschrittsphilosophie ausgebaut wird, welche in Hegel ihre spirituellste Gestalt gewinnt.“ (Ebd., 2002, S. 291).

„Aber schon bei Hegel tritt eine Kehrseite des Modernen in den Blick, und es ist nicht zufällig, daß er auch das pejorative Wort »Aufkläricht« verwendet, obwohl er sich niemandem stärker verpflichtet weiß als den großen Denkern der Aufklärung: die Moderne kann sich sozusagen in sich selbst verfangen, selbstzufrieden und philisterhaft werden oder auch die Vergangenheit bloß abweisen, statt in ihr, wie zum Beispiel in der mittelalterlichen Askese, ein notwendiges Moment der dialektischen Bewegung zu erkennen. Marx widmet dieser Kehrseite schon ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit: der industrielle Kapitalismus der Gegenwart ist die höchste Stufe der Moderne, aber er hat die mittelalterliche und freilich noch »bornierte« Einheit des Menschen mit seiner Lebenswelt zerstört, er hat das Leben in abstrakte Momente auseinandergelegt, er schließt »Entfremdung« und »Verdinglichung« des Menschen in sich, und er würde einen Sturz in den Abgrund herbeiführen, wenn er sich nicht notwendigerweise zum Gegenteil seiner selbst forttriebe, das zugleich seine Erfüllung ist: zum Sozialismus, welcher Staaten und Klassen beseitigt und den Menschen die Konkretheit und Unmittelbarkeit ihres vorgeschichtlichen Lebens zurück gibt, allerdings »auf höherer Stufe«. Für Nietzsche ist diese große Hoffnung zu einem Faktor innerhalb der »Gesamtentartung der Menschheit« geworden, die als verächtliches Verfallsprodukt schließlich den »letzten Menschen« hervorbringt. Aber Marx' Entdeckung des Negativen in der Moderne und Nietzsches Verwerfung der Moderne fanden in der öffentlichen Meinung und im politischen Geschehen des 19. Jahrhunderts wenig an Entsprechungen: Das Thema aller Gespräche unter gebildeten Menschen der 1830er und 1840er Jahre war nach der Feststellung eines zeitgenössischen Historikers die erstaunliche Überwindung der Entfernungen durch den Bau der Eisenbahnen; die erste industrielle Weltausstellung im Jahre 1851 in London erzeugte einen nahezu ungemischten Enthusiasmus; und daß Nationalsprachen im Okzident längst die einstige Universalsprache des Lateinischen abgelöst hatten, wurde nicht als Widerspruch empfunden. Das 19. Jahrhundert verstand sich als »Zeitalter der Verbesserungen«, als das »age of improvement«, und es hatte Grund zu dieser Selbsteinschätzung. Schon der »code civil« Napoleons begründete sich aus »den wesentlichen Maximen der modernen Gesellschaft«: der persönlichen Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz, der Gewissensfreiheit, der Gewerbefreiheit und nicht zuletzt der Laizität des Staates; aber ihren Höhepunkt erreichte die uneingeschränkte Affirmation des »Modernen« wohl erst im Selbstverständnis der Dritten Französischen Republik, die sich als Fortsetzung und Verwirklichung all des Modernen verstand, das mit der Revolution von 1789 eingetreten war - nicht zuletzt als Ersetzung der »feudalen Herkunfts-Gesellschaft« durch die Leistungsgesellschaft, allerdings unter Verwerfung der jakobinischen Tradition, die nach Jules Ferry als ein beklagenswerter Rückfall in einen archaischen Fanatismus anzusehen ist.“ (Ebd., 2002, S. 291-292).

„Aber als 1914 der erste Weltkrieg ausgebrochen war, als die Revolution der Bolschewiki in Rußland stattgefunden hatte, als der Friede (das Diktat! HB) von Versailles geschlossen war, welcher sich so sehr von den Friedensschlüssen des 19. Jahrhunderts unterschied, da mochte man in der Mitte der 1930er Jahre meinen, daß fanatischer Enthusiasmus und rücksichtsloser Vernichtungswille nach dem Muster der Jakobiner die Oberhand gewonnen hätten, sowohl im bolschewistischen Rußland wie im faschistischen Italien wie im nationalsozialistischen Deutschland, den »totalitären« und insofern zweifellos modernen, aber doch anscheinend aus vormodernen, ja archaischen Impulsen erwachsenden Regimen. Und doch hatte dieser Krieg Entwicklungen gefördert, die das Moderne noch viel moderner, das Neue dem Alten weit unähnlicher machten als irgend etwas Vorhergehendes: Flugzeuge stiegen in die Luft empor, und Unterseeboote durchfuhren die Tiefe der Weltmeere; wenn es noch 1813 neun Tage gedauert hatte, bis die Nachricht vom Sieg bei Waterloo nach Berlin gelangt war, so erreichte die Nachricht vom Abschluß des Waffenstillstands in Sekundenschnelle durch den Telegraphen die USA und Japan.“ (Ebd., 2002, S. 293).

„Der Zweite Weltkrieg fand durch die modernste, bis dahin schlechterdings unvorstellbare Waffe im August 1945 sein Ende, und doch war der Abwurf der Atombombe nur der Anfang der Ausbreitung einer völlig neuen Technik, die, wie es schien, die Menschheit von allen Sorgen ob einer möglichen Erschöpfung der Energiequellen befreite. Im Zweiten Weltkrieg nahm auch der Vorstoß in den Weltraum seinen Anfang, der 1969 die ersten Menschen auf den Mond führte. Schließlich zerbrach die Grenze, die zwei politische Welten voneinander getrennt hatte, zwei Welten, die indessen beide die Bezeichnung »modern« mit Nachdruck in Anspruch genommen hatten. Heute ist die moderne Welt die im Prozeß der unwiderstehlichen »Globalisierung« begriffene Menschheit, innerhalb deren nur marginal einige partiell »vormoderne« Lebensweisen zu finden sind, sie ist die universale Kommunikationsgemeinschaft, in der im Prinzip jeder mit jedem in Sekundenschnelle Kontakt aufnehmen kann, sie ist der grenzenlose Weltmarkt, der in der unüberschaubaren Fülle zahlloser Angebote und zahlloser Nachfragen unablässig gravierende Veränderungen herbeiführt und nichts beim Alten läßt. Als der eigentlich moderne Mensch, die Verkörperung der Modernität, erscheint dann derjenige, welcher dieser universalen Bewegung am besten und bereitwilligsten entspricht, weil er alles hinter sich gelassen hat, was seine Flexibilität einschränkt. Einschränkender Art ist der Ort seiner Geburt, ist die unaufhebbare Bindung an einen anderen Menschen, ist die Kettung an Kinder, ist die Zugehörigkeit zu einem eng begrenzten »Vaterland« und zu dessen Sprache, welche die Kommunikation mit entfernten Menschen behindern: Der Mensch, der die Modernität verkörpert, ist wie ein Atom, das jederzeit bereit wäre, sich im Wandel der Bedingungen mit anderen Atomen zu neuen Molekülen zusammenzuschließen, welche sich wieder auflösen, sobald sie die jeweilige Aufgabe erfüllt haben. Dieser moderne Mensch würde vielleicht nicht einmal zögern, gegen ein gutes Angebot ein Weltraumfahrzeug zu besteigen, das ihn nicht nur für kurze Zeit die Erde umkreisen ließe, sondern das ihn über die Grenzen des Sonnensystems hinausführte, so daß er vielleicht als ein nur wenig gealterter Mensch erst zur Erde zurückkehren würde, wenn seine weniger modernen Mitmenschen längst ins Grab gesunken wären. Wir kommen mithin zu dem Ergebnis: das Moderne in allem Modernen, die Modernität selbst, ist das immer weitergehende Überschreiten vorhandener Grenzen und Schranken. Ein solches Überschreiten heißt Transzendenz. Wir gelangen mithin zu einer Gleichsetzung, die den Eindruck, daß unsere Fragestellung sich auf ein Verhältnis zwischen nicht-identischen Größen bezieht, aufzuheben scheint: Modernität ist Transzendenz. (**).“  (Ebd., 2002, S. 293-294).

„Ugo Spirito hat in seinem Beitrag von 1971 zur Auseinandersetzung mit Augusto Del Noce den planetarischen Vereinheitlichungsprozeß und die Universalisierung der Werte mit großer Kraft und Entschiedenheit herausgestellt, und er benutzt dabei auch den Terminus »trascendere«: Wir werden jeden Tag in stärkerem Maße Weltbürger; das Fernsehen, die Kernenergie, die Weltraumfahrt bedeuten eine Weltrevolution; das wissenschaftliche Wissen verdrängt als universales das bloß partikulare Wissen der verschiedenen Religionen und Metaphysiken, denn ein ökumenisches Denken erkennt »die Partikularität jedes metaphysischen Glaubens« und ist gewillt, »sie alle in einem Forschungsunternehmen überlegenen Begreifens zu überschreiten«. (Ugo Spirito / Augusto Del Noce, a.a.O., 1971, S. 23). Diesen Prozeß sieht Spirito mit erstaunlicher Ungebrochenheit als einen ganz und gar positiven: auch die politischen Ideologien schwächen sich dauernd ab, Film und Fernsehen machen allen Menschen die einst auf Wenige beschränkten Kenntnisse zugänglich, die Arbeitszeit wird immer geringer, es wird in Zukunft keinen Dualismus von Regierenden und Regierten mehr geben, für Aversions- und Haßgefühle jeglicher Art gibt es keine Berechtigung mehr; indem der Mensch zum Objekt der Wissenschaft und damit veränderbar wird, eröffnet sich die Perspektive auf den Übermenschen der Zukunft, der die ganze Geschichte als bloße Vorgeschichte betrachten darf. So sind die Werte, die zugrunde gehen (»tramontano«) diejenigen, welche auf mehr oder weniger begrenzte Bezirke beschränkt sind, während die aufsteigenden Werte (»i valori che sorgono«) einen universalen Charakter haben.“ (Ebd., 2002, S. 294-295).

„Für Spirito ist also die Modernität als die stetige Selbstüberholung des jeweils Modernen, welche sich vornehmlich in den Fortschritten des wissenschaftlichen Wissens und des technischen Vermögens artikuliert, rÜckhaltlos zu bejahen, und dadurch setzte er sich dem Vorwurf Del Noces aus, er falle selbst einem »Mythos« zum Opfer, dem Mythos vom Fortschritt, genauer gesagt: von der Eindeutigkeit und schrankenlosen Positivität des Fortschritts, und dadurch bilde sein Denken lediglich einen Höhepunkt und Abschluß der Tradition des italienischen Aktualismus und des Comteschen Szientismus.“ (Ebd., 2002, S. 295).

„In der Tat tauchten, wie eben hervorgehoben wurde und wie allgemein bekannt ist, schon bei Hegel, bei Marx und bei Nietzsche Kehrseiten des Fortschritts und damit der Modernität auf.“ (Ebd., 2002, S. 295).

„Seit etwa einem Vierteljahrhundert, also auch seit dem Erscheinen von Spiritos Buch, sind die negativen Züge der Modernität und ihres »Überschreitens« von den verschiedensten Denkern und Schriftstellern, ja von der »öffentlichen Meinung« immer wieder herausgestellt worden. Das begann auf eine noch recht simple Weise mit der Furcht vor einer Selbstvernichtung der Menschheit durch einen atomaren Krieg; es verstärkte sich durch den Glaubensverlust marxistischer Intellektueller, die kein Vertrauen in den künftigen Umschlag des gegenwärtigen Unheils in das vom Sozialismus zu bringende Heil mehr aufbrachten, aber die kapitalistische Gesellschaft nun als das Reich einer bloß instrumentellen Vernunft oder als eine »Gesellschaft des Verschwindens« weiterhin ganz negativ bestimmten; das nahm die Gestalt der Warnungen vor einer Zerstörung der Umwelt an, das gewann auch in Gestalt der Diskussion um die »Postmoderne« eine neue Erscheinungsform. Aber die größte Sorge ließ sich aus einem Höhepunkt des szientistischen Optimismus herleiten, nämlich aus der These us-amerikanischer Physiker, der Mensch werde imstande sein, das Weltall zu erobern und zu kolonisieren - freilich nicht in der Realität aus Fleisch und Blut, die man bisher allein als »Menschen« bezeichnet hat, sondern in der Form seiner in Gestalt von Computern und Raumfahrzeugen selbständig gewordenen Intelligenz, die das Erdenwesen Mensch weit hinter sich gelassen habe, so daß dessen Existenz oder Nicht-Existenz zu etwas Gleichgültigem werde.“ (Ebd., 2002, S. 295).

„Meines Wissens machen in der Diskussion um Modernität, Fortschritt und Wissenschaft, die sich gutenteils in den harmlosen Bezirken des »postmodernen« Relativismus und der »Beliebigkeit« bewegt, die Hauptbeteiligten - Jürgen Habermas, Gianni Vattimo, Jacques Derrida, Jean François Lyotard, Stefan Breuer und andere - keinen Gebrauch von dem Begriff »Transzendenz«, der ja ein philosophischer ist und durch die bloße Verwendung des Verbums »überschreiten« noch nicht erfüllt wird. Daher läßt sich die These begründen: wenn Modernität Transzendenz ist oder auch nur mit Transzendenz zu tun hat, dann muß sie als »Fortschritt« zu Bacons »regnum hominis«, aber auch als Niedergang zum »letzten Menschen« unzureichend bestimmt sein. Die Geschichte des Begriffs »Transzendenz« läßt sich ebensoweit zurückverfolgen wie diejenige des Terminus »modern«, auch wenn sich im Anwendungsbereich keine Analogie zu der »modernen Klimageschichte« aufweisen läßt. Altetabliert ist der Begriff jedoch nur in der Form der »Transzendentalien«, jener allgemeinsten Seinsbestimmungen, die der Differenzierung in Kategorien vorausliegen und jedem Seienden als solchem zukommen: ens, res, unum, verum, bonum. Aber das Philosophieren, ja das Nachdenken als solches schloß von jeher ein »Übersteigen« in sich, das seinerseits die Bildung des Begriffs »Transzendentalien« ermöglicht und erst recht die bunte Vielfalt der existierenden Dinge in die Richtung auf ein »Ganzes« überschreitet, das sich von allem Teilhaften unterscheidet. Für das altindische Denken sind »brahman« und »atman«, sind »Welt« und »Seele« identisch, und der zentrale Satz des Parmenides lautet: »Denn dasselbe sind Denken und Sein«. Das philosophische Denken ist in sich selbst ein Übersteigen aller Dinge auf einen Welthorizont hin, der als »Kosmos« verstanden werden mag, dessen Unbestimmbarkeit aber besser durch Termini wie »Deus absconditus« oder »Nichts« getroffen wird. Doch ein Bezug zu einem » Jenseits« der konkreten Umwelt liegt auch dann schon vor, wenn der Mensch sich nur einem höheren »Ding«, etwa einer numinos verstandenen Naturkraft, dem Gott des Feuers oder des Wassers, flehend oder verehrend nähert. Kein Tier hebt die Arme zur Sonne empor, um sie anzubeten, kein Tier schlägt sich reuevoll an die Brust, weil es gegen ein göttliches Gebot verstoßen hat.“ (Ebd., 2002, S. 296).

„Ein Überschreiten wird auch in der zweiten Abwandlung von »Transzendenz« gemeint, die in der Philosophie geläufig ist, nämlich im Begriff des »Transzendentalen«, wie Kant ihn ausgebildet hat. »Transzendental« ist der Komplex des Apriorischen, der reinen Anschauungsformen und der reinen Verstandesbegriffe, die alle Dingerkenntnis erst möglich machen. Dieses Überschreiten oder auch Vorwegnehmen, das zum Wesen des Menschen gehört, ja dieses Wesen überhaupt erst konstituiert, nenne ich »theoretische Transzendenz«, wobei »theoria« nicht als wissenschaftliche Theorie, sondern im ursprünglichen Wortsinne als »Schau« oder als »Blick« verstanden werden soll. Der alte Kant nannte den Menschen den »Kosmotheorós«, und die folgende Formulierung dürfte zulässig sein: der Mensch steht als solcher und von Anfang an in einem Weltbezug, selbst wenn er in archaischen Zeiten nur den Geist des nächsten Berges anbetet, er ist ein religiöses und philosophisches Wesen, auch wenn seine Religion primitiv und sein Denken unbeholfen ist. Nur weil er durch Transzendenz bestimmt, »weltoffen« ist, ernährt er sich nicht nur, wie die Tiere es tun, sondern er kann seinen Nahrungsspielraum erweitern; verendet er nicht wie alle Tiere, sondern er wird von seinesgleichen bestattet; bewegt er sich nicht bloß wie alle Lebewesen, sondern er erfindet Mittel, um sich schneller zu bewegen. Schon das tägliche, das praktische Leben der Menschen ist anders als das der Tiere, mag es auch in noch so enge Grenzen eingeschlossen sein. Daß er »Kosmotheorós«, »weltoffen« ist, wirkt sich auch in seinem praktischen Dasein aus, und zwar derart, daß sich dessen Reichweite vergrößert, wenngleich vielleicht nur im Verlauf vieler Generationen. Daher ist von der »theoretischen Transzendenz« die »praktische Transzendenz« zu unterscheiden, obwohl beide eng zusammengehören.“ (Ebd., 2002, S. 296-297).

„Aber die praktische Transzendenz bleibt hinter der theoretischen Transzendenz für lange Zeiträume weit zurück. Zwar könnte ein Wesen, das ohne Weltbezug wäre, das nicht den Göttern opferte, nicht zu den Sternen aufsähe und nicht von einem letzten Grund der Welt spräche, aus der Existenz der Sammler und Jäger nicht zur Existenzweise der seßhaften Bauern übergehen; zwar könnte ein solches Wesen sich nicht des Pferdes bedienen, um weit größere Strecken zurückzulegen, als die Vorfahren es vermochten, aber faktisch bleibt das Leben doch in enge Grenzen gebannt, so weit der verehrende, der fürchtende oder der denkende Geist sich darüber hinausschwingt. Noch Napoleon konnte seine Heere nicht wesentlich schneller bewegen als Alexander der Große, und die Nachricht vom Fall Trojas gelangte durch Feuerzeichen ebenso schnell nach Griechenland wie die Nachricht von der Niederlage des Korsen nach Berlin. Bei allem Respekt für die Fortschritte der Technik in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit kann man doch folgendes sagen: eine qualitative Differenz zu allem Vorhergehenden ergab sich erst mit der Industriellen Revolution, als etwas so schwer Begreifbares, in natürlicher Gestalt kaum Vorhandenes und jedenfalls nicht Verwendbares wie der Dampf in den Dienst des Menschen gestellt wurde, als die Eisenbahn Menschen und Güter mit einer bis dahin unerhörten Geschwindigkeit bewegte, als der Telegraph über die Weltmeere hinweg Verbindungen herstellte, als aber auch der »erste moderne Krieg«, nämlich der us-amerikanische Bürgerkrieg, eine bis dahin unvorstellbare Zerstörungskraft in Erscheinung treten ließ. Heute ist die praktische Transzendenz schlechterdings unübersehbar geworden: der Mensch hat das Element der Luft erobert, er taucht in die Tiefen des Meeres hinab, ja er hat die Grenzen der Erde überschritten und ist bis auf den Mond gelangt. Erstmals ist nun denkbar geworden, was Tausende von Menschengenerationen als ruchlose Hybris empfunden haben würden: daß der Mensch in seiner praktischen Transzendenz tatsächlich dorthin kommt, wohin alle früheren Menschen auf bloß illusionäre Weise zu gelangen glaubten, zum »Absoluten«, zur »Welt selbst«, zu ihrem Grunde, sei es auch nur durch »Forschung«, die ja eine Weise der Praxis ist.“ (Ebd., 2002, S. 297-298).

„Es gibt im Buch Genesis des Alten Testaments zwei merkwürdige Auslagen Gottes über den Menschen. Als Adam und Eva erst eben geschaffen sind, sagt Gott zu seinen Engeln - oder zu den anderen Göttern, den Elohim: »Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Daß er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt und davon ißt und ewig lebt.« (Genesis, 3, 22). Deshalb vertreibt er die Menschen aus dem Paradies. Aber als die vertriebenen Menschen den Turm von Babel zu bauen beginnen, da sagt Gott etwas ganz Ähnliches: »Seht nur, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen.« (Ebd., 11, 6 ff.). Deshalb verwirrt der Herr ihre Sprache, so daß sie einander nicht mehr verstehen und zerstreut sie in allen Teilen der Welt leben. Aber vom Text her ist nicht auszuschließen, daß ein dritter Versuch gemacht werden könnte. Der Verfasser, wohl der »Jahwist«, ahnt offenbar etwas von der »praktischen Transzendenz«, und vielleicht hätte er Gott folgendes sagen lassen können: »Das Wesen, das Gott denkt, wird einmal in der Praxis Gott gleich sein wollen. Aber ich habe seinen Geist und seinen Willen an einen Körper gekettet. Wenn er diese seine wesentlichste Begrenzung überschreiten will, dann muß er sich entweder selbst zersprengen oder eine Intelligenz in Form von ingeniösen Apparaten aus sich heraussetzen. So wird er entweder sich selbst ein physisches Ende bereiten, oder er bleibt als gleichgültige Hülse auf der Erde zurück, während seine Intelligenz verselbständigt der Welt zustrebt, der er mit seinen Gedanken schon in Urzeiten nahe war.«“ (Ebd., 2002, S. 298-299).

„Erst mit der Unterscheidung von »theoretischer« und »praktischer« Transzendenz ist, wie ich meine, die angemessene Dimension für die Bestimmung von »Modernität« erreicht. Es ist nicht richtig zu sagen: Modernität ist Transzendenz. (**). Modernität ist die bisher klarste Erscheinungsform von praktischer Transzendenz, aber Transzendenz als solche und gerade ihre früheste und beständigste Gestalt, die theoretische Transzendenz, liegt der Modernität voraus, macht Modernität überhaupt erst möglich. Mit einfachen Worten: der Mensch ist nicht weltoffen, weil er modern ist, sondern er kann nur modern sein, weil er von jeher schon weltoffen ist. Weltoffenheit, Transzendenz, ist nicht vom Menschen hervorgebracht, sondern sie ist die Bedingung der Möglichkeit allen Hervorbringens; sie ist, so könnte man sagen, das Geschenk der Welt an eins ihrer Wesen, und dieses Geschenk ist als solches nicht erforschbar, weil alles Forschen auf ihm beruht. Es ist dem Menschen übergeben, aber dadurch wird es nicht zu dessen Eigentum. Mit Wendungen wie »Entwicklung der Intelligenz« von den Blaualgen über Dinosaurier und Affen bis zum Menschen ist es bloß äußerlich beschrieben und abgeleitet.“ (Ebd., 2002, S. 299).

„Daher sind die großen Formen der theoretischen Transzendenz oder des Weltbezuges des Menschen von der Entfaltung der praktischen Transzendenz unabhängig, denn sie sind nicht nur älter, sondern sie gehören zu einem anderen Bereich. Daß die Welt im ganzen einem sich selbst verschlingenden, leiderzeugenden Ungeheuer gleicht, dem indessen keine definitive Realität zukommt, so daß für den Menschen eine Erlösung, ein Verlöschen im Nirwana möglich ist, kann vom wissenschaftlichen Denken weder bewiesen noch widerlegt werden. Das gleiche gilt vom Gedanken der Harmonie zwischen Kosmos und Mensch, wie er von den Griechen entwickelt worden ist, und nicht anders steht es um den christlichen Begriff der »Gerechtigkeit«, die in der Gegenwart fehlt, aber in Zukunft auf der Erde oder jenseits der Erde verwirklicht werden wird. Soweit in den religiösen und philosophischen Weltentwürfen Aussagen über dingliche Zusammenhänge wie etwa die Entstehung der Erde gemacht werden, sind sie durch wissenschaftliche Forschung überholbar und sogar falsifizierbar, aber solche Beschreibungen und Erklärungen gehören zur Oberfläche dieser Entwürfe, ihr Kern ist der Zusammenhang von Weltentwurf und menschlicher Lebensführung, den sie allein zu erzeugen vermögen. Wissenschaftliches Denken kann einen solchen Zusammenhang nicht herstellen, denn in der Fülle seiner Spezialisierungen informiert es den Menschen, aber es ergreift ihn nicht, auf originäre Weise bringt es nur das Ethos der Wissenschaftlichkeit selbst hervor.“ (Ebd., 2002, S. 299-300).

„Das Äußerste, was es im Hinblick auf das menschliche Zusammenleben und auf den Weltbezug schaffen kann, ist so etwas wie die Maxime »Seid nett zueinander«, d.h. »Tragt eure Konflikte maßvoll aus, gönnt jedem Individuum und jeder Gruppe das Bemühen um eine Besserung seiner bzw. ihrer Lage«. Ob diese treffliche Maxime noch haltbar ist, wenn sich als Realität erweisen sollte, daß der Denkansatz von Malthus tiefer greift als diejenigen von Adam Smith und Karl Marx, nämlich daß die natürlichen Ressourcen nicht hinreichen, das zahlenmäßige Übergewicht und die mentale Übermacht der Gattung Mensch zu tragen, ja auszuhalten, ist zweifelhaft. Modernität als Gestalt der praktischen Transzendenz könnte sich selbst den Boden unter den Füßen wegziehen, und unter welchen Erschütterungen und Kämpfen derartiges vor sich gehen würde, ist nicht vorauszusehen. Aber die aus der theoretischen Transzendenz hervorgehenden Weisen des Weltbezugs sind autonom und unüberholbar; wenn sie als »Werte« gefaßt werden, sind sie nicht »partikular«, wie Ugo Spirito meint, und durch den Universalismus der Wissenschaft ersetzbar, denn sie gehören nicht demselben Bereich an. Das buddhistische Weltverhältnis ist nicht auf Inder und Ostasiaten beschränkt und das christliche nicht auf Europäer und Amerikaner. Insofern ist Del Noce recht zu geben. Nicht ein Partikularismus der »religiösen und philosophischen Werte« ist zu überwinden oder zu verwerfen, sondern der militante Missionarismus, der sich mit Einzelinteressen und -wirklichkeiten mannigfaltiger Art verquickt und die Konflikte bis zum Untragbaren verschärft. In Zukunft muß es in weit höherem Maße Sache der Entscheidung des Einzelnen sein, welchen der Weltentwürfe er wählt, um inmitten der direktionslosen und unübersichtlichen Vielfalt des modernen, von der Wissenschaft geprägten Lebens Orientierung, Halt und Gemeinsamkeit zu gewinnen.“ (Ebd., 2002, S. 300).

„Wenn das richtig ist, wird es unumgänglich sein, von dem am meisten charakteristischen Gedanken der Moderne Abschied zu nehmen, dem Gedanken, daß die praktische Transzendenz die theoretische Transzendenz einholen, erfüllen oder mindestens verdrängen könnte. Der Mensch wird nie das Weltall »kolonisieren«, denn als solcher bleibt er an die Erde und deren nächste Umgebung gebunden, und nicht einmal seine zu Apparaten transformierte Intelligenz wird ihm aus den »Tiefen des Weltraums« Meldungen erstatten, sofern die These zutreffend bleibt, daß die Lichtgeschwindigkeit unüberholbar ist. Nicht auszuschließen ist, daß jene dem wissenschaftlichen Denken benachbarte Maxime für die Lebensführung der Menschen eines Tages Wirklichkeit wird: das bereits von den Stoikern umrissene und von der europäischen Aufklärung übernommene Leitbild einer Menschheit, der alle der theoretischen Transzendenz entspringenden Entwürfe gleichgültig geworden sind, die aber auch allen »Weltraumphantasien« abgeneigt ist und ihr Leben auf der Erde zum Vorteil aller Individuen eingerichtet hat. Dann ließe sich auch jenes »altmoderne« Zukunftsprojekt des 19. Jahrhunderts realisieren, das am Ende des 20. Jahrhunderts noch um keinen Schritt vorwärts gekommen ist: die Verwandlung der Sahara in einen blühenden Garten. Alle Gestalten der theoretischen Transzendenz wären dann nicht universalisiert, wie Spirito verlangte, sondern schlicht verdrängt, und dem Streben nach einer letzten Konsequenz der praktischen Transzendenz hätte man sich entschlagen. Aber die Frage ist, ob das durch Transzendenz bestimmte Weltwesen Mensch jemals in einer so bequemen, bloß »humanistischen« Transzendenzlosigkeit wird leben können und wollen, sofern es ihm gelingt, die ungeheuren Schwierigkeiten zu überwinden, die den Weg dahin umstellen.“ (Ebd., 2002, S. 300-301).

„Wahrscheinlicher dürfte sein, daß aus der Erfahrung der Modernität eine neue Gestalt des Weltbezuges im ganzen erwachsen und neben den älteren Entwürfen der theoretischen Transzendenz einen Platz finden kann: Die Erfahrungen der Moderne haben unter Beweis gestellt, daß der Grundgedanke der platonischen und schon der altindischen Metaphysik realer war als alle vorhandenen Realitäten, die er herabsetzte, nämlich der Grundgedanke, daß der Geist den Körper, daß das Denken die Sinnlichkeit unendlich übersteige. In der praktischen Transzendenz der Modernität haben Geist und Denken den Körper und die Sinnlichkeit so sehr überstiegen, daß der Mensch selbst überholt und zu einer obsoleten Wirklichkeit gemacht werden kann. Daraus mag die behagliche Selbstzufriedenheit des Sich-Einrichtens entstehen oder das verzweifelte Rütteln an den unzerstörbaren Gitterstäben eines kosmischen Gefängnisses, aber auch die liebevolle Zurückwendung zum Überholten und Obsoleten, zur Endlichkeit und Sinnlichkeit des menschlichen Daseins, nicht in der naiven Weise des Sensualismus oder Hedonismus, sondern einschließlich neuer Grenzziehungen und Bindungen gerade aus der Distanz einer höheren Stufe der Reflexion hinaus. Diese antimoderne Modernität würde die theoretische Transzendenz nicht mehr verdrängen, weil sie sich dem Impuls der praktischen Transzendenz nicht mehr widerstandslos und unreflektiert überließe. Das wäre nicht ein Rezept zur Heilung oder Vermeidung von Schäden, sondern es würde sich um die Wahrnehmung einer Möglichkeit handeln, die sich von dieser unserer Epoche an aus dem Verhältnis von Modernität und Transzendenz ergibt.“ (Ebd., 2002, S. 301-302).

Die Begriffe „Autorität“ und „Macht“ in der Diskursethik
(Vortrag bei einer Tagung über Augusto Del Noce in Turin am 15.03.2000)
„Ich werde folgendermaßen vorgehen: Zunächst will ich in engem Anschluß an die einschlägigen Ausführungen von Habermas und Apel des einen oder anderen ihrer Schüler oder auch Kritiker darlegen, was unter »Diskursethik« zu verstehen ist. Dann werde ich unter Rückgriffauf Horkheimer und Adorno zu zeigen versuchen, von welchen konkreten Erfahrungen und Fragestellungen die spätere »Diskursethik« ihren Ausgang genommen hat. Am Ende will ich zu einem Schlußurteil gelangen.“ (Ebd., 2002, S. 303-304).

„Lassen Sie mich aber zunächst in wenigen Worten etwas Selbstverständliches formulieren, was als Hintergrund bei allen Überlegungen über »Autorität« und »Macht« gegenwärtig sein sollte, nämlich die Konzeption der christlichen und teilweise schon der antiken Überlieferung, die für zwei Jahrtausende der europäischen Geschichte letzten Endes bestimmend war: Macht im ursprünglichsten Sinne ist für sie die Allmacht Gottes, und die dem Menschen zugewandte Seite dieser Allmacht ist die unantastbare Autorität seines Wortes, wie es in der Bibeloffenbart ist. Die christliche Auffassung von Macht und Autorität ist theozentrisch und bibliozentrisch und zugleich identitär, denn die Allmacht ist identisch mit Wahrheit, Vernunft und Güte, weil sie die Alleinheit ist. Nur im menschlichen Leben kann es Unterschiede zwischen Autorität und Vernunft oder Ratio, zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Einheit und Vielheit geben, aber unter der Leitung der Kirche und ihrer Tradition läßt sich auch in den alltäglichen Dingen des Lebens das richtige Verhältnis zwischen Autorität und Macht finden, das jedenfalls keine Trennung nach dem Muster des Satzes von Hobbes sein darf, daß die Autorität und nicht die Wahrheit das Gesetz, d.h. die legitime Macht hervorbringe.“ (Ebd., 2002, S. 304).

„»Diskurs« heißt nichts anderes als »Gespräch« und setzt mithin mehrere Partner voraus, die eine Sache von verschiedenen Gesichtspunkten aus angehen oder erhellen und insofern »durchlaufen« (discurrere); der Gegenbegriff ist »Intuition«, die einem Einzelnen möglicherweise eine Sache besser und vollständiger zu erschließen vermag als die Diskussion unter zahlreichen Gesprächspartnern. In seinen »Erläuterungen zur Diskursethik« definiert Habermas »Diskurs« nicht etwa als bloße Diskussion, sondern als »anspruchsvollere, über konkrete Lebensformen hinausgreifende Kommunikationsform, in der die Präsuppositionen verständigungsorientierten Handelns verallgemeinert, abstrahiert und entschränkt, nämlich auf eine ideale, alle sprach- und handlungsfähigen Subjekte einbeziehende Kommunikationsgemeinschaft ausgedehnt werden.« (**). Die intensiven Erörterungen, die in allen großen Staaten Europas hinsichtlich der zweckmäßigsten Strategie eines kommenden Krieges während der Jahre vor 1914 geführt wurden, wären also unter den Begriff »Diskurs« nicht zu subsumieren. Der so verstandene Diskurs ist mithin in sich schon ethisch, da er eine große Anzahl von Erörterungen von vornherein als »bloß strategisch« und damit unethisch ausschließt. Die Diskursethik stellt nach Habermas den Grundsatz »D« auf: »daß nur diejenigen Normen Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden könnten.« (**). Eine solche Norm oder Regel wäre etwa der Satz: »Salus populi suprema lex esto«. Alle Angehörigen des Volkes können dieser Norm zustimmen, wenn auch die Meinungen darüber, was der beste Weg zu dem »Heil« sei, sehr rasch auseinandergehen dürften. Eine Entscheidung darüber kann offenbar nur gefällt werden, wenn das Mehrheitsprinzip eingeführt und den Abstimmenden eine adäquate Frage vorgelegt wird. Mutatis mutandis gilt das auch für kleinere soziale Realitäten, etwa für ein Dorf, dessen Bewohner die Entscheidung darüber zu treffen haben, ob sie gegen die Gewährung eines großzügigen Ausgleichs bereit sind, die Fläche ihres Dorfes einer Gesellschaft für den Abbau von Braunkohle zu überlassen. Das Prinzip, daß keiner der Bewohner einen materiellen Schaden erleiden darf, ist zustimmungsfähig, aber die konkrete Entscheidung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Unzufriedenheit oder sogar Widerstand bei einigen der Betroffenen hervorrufen. Alle Fälle solcher Art schaltet Habermas indessen aus seinem Diskursbegriff aus, indem er folgendermaßen fortfährt: »Zugleich wird der Kategorische Imperativ zu einem Universalisierungsgrundsatz »U« herabgestuft, der in praktischen Diskursen die Rolle einer Argumentationsregel übernimmt: bei gültigen Normen müssen Ergebnisse und Nebenfolgen, die sich voraussichtlich aus einer allgemeinen Befolgung für die Befriedung der Interessen eines jeden ergeben, von allen zwanglos akzeptiert werden können.« (**). Da Kants Kategorischer Imperativ den Befehl impliziert, so zu handeln, »daß ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden« (**) und zwar ein Gesetz »für alle vernünftigen Wesen«, muß er auch in seiner »herabgestuften Form« sich mindestens an alle Menschen wenden. Alles Partikulare ist also von vornherein ohne Relevanz, es sei denn, es könne eine gesetzförmige Gestalt annehmen, wie etwa in dem Satz: »Jedes Volk hat das Recht der Selbstbestimmung«. Jedenfalls ist die Diskursethik von vornherein eine Welt-Ethik und damit anscheinend eine Ethik für Weltbürger, die allerdings möglicherweise in »multikulturellen« Formationen zusammenleben, aber so, daß die Interessen der einen Kultur niemals über die Interessen der anderen Kulturen gestellt werden dürfen. Kant setzte jedoch die »Pflicht« den »Neigungen« entgegen und konnte daher von jedem Menschen verlangen, daß er die Menschenpflicht des gesetzmäßigen Handelns über die Neigungen, ja über die Glaubensüberzeugungen der jeweils eigenen Kultur stellte, aber »die Interessen« sind im Kantschen Sinne durchweg Neigungen, und da Habermas deren Befriedigung zum Postulat macht, verwickelt er sich in Schwierigkeiten, die für Kant nicht existierten. Darauf ist später zurückzukommen.“ (Ebd., 2002, S. 304-304).

„Unbestreitbare Überzeugungskraft wohnt den Ausführungen von Habermas und Apel am ehesten dort inne, wo von wissenschaftlichen Diskursen die Rede ist. So liegt eine sehr schöne Formulierung vor, wenn Habermas schreibt: »Der in Diskursen allein zugelassene Zwang ist der des besseren Argumentes; das einzig zugelassene Motiv ist das kooperativer Wahrheitssuche.« (**). Das gleiche gilt für den Satz: »Die Basis der Aufklärung ist eine an das Prinzip herrschaftsfreier Diskussion gebundene Wissenschaft.« (**). Herrschaft und Macht sind also durch einen anderen Zwang als denjenigen des besseren Arguments zu definieren, und legitime Autorität darf nur das Prinzip der Wissenschaftlichkeit als solches beanspruchen. Aber selbst in Wissenschaft und Philosophie hat es Autorität und Macht von anderer Art immer wieder gegeben: die Autorität eines Schulhauptes, des »ipse dixit«, und die Macht von Richtungen, die andere Richtungen nicht zu Wort kommen ließen. Das Prinzip der Diskursethik ließe sich also in bezug auf Wissenschaft folgendermaßen als Imperativ formulieren: »Erkenne nur die Macht des besseren Arguments an und unterwerfe dich ausschließlich der Autorität der Wissenschaftlichkeit, niemals aber derjenigen von einzelnen und noch so berühmten Wissenschaftlern«, oder, Kantisch gesprochen: »Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«  Aber Kant traf in seiner Schrift »Was ist Aufklärung?«  eine strikte Unterscheidung zwischen (wissenschaftlichem) »Räsonieren« und (politischem) Handeln (**), und auch Habermas will seine »ideale Kommunikationsgemeinschaft« nicht auf die »scientific community«, auf die weltweite Wissenschaftlergemeinschaft, eingeschränkt sehen. So bezeichnet er es schon in einer seiner frühesten Schriften als richtige »Intention: Herrschaft inmitten einer Menschheit der Verkümmerung preiszugeben, die ihrer selbst gewiß geworden ist und darin ihre Gelassenheit gefunden hat.« (**). Es springt ins Auge, daß diese Formulierung eine Version der Marxschen Idee vom »Absterben des Staates« darstellt. Habermas' und Apels »ideale Kommunikationsgemeinschaft« ist also innerhalb einer andersartigen Realität und vorläufig bloß als Wissenschaftlergemeinschaft annähernd verwirklicht, der Ausgangspunkt eines entscheidenden Handelns, das eine fundamentale Änderung des menschlichen Lebens nach sich zieht. So gelangt Habermas zu der freilich hypothetisch formulierten Aussage: »In der Kraft der Selbstreflexion sind Erkenntnis und Interesse eins. Freilich würde sich erst in einer emanzipierten Gesellschaft, die die Mündigkeit ihrer Glieder realisiert hätte, die Kommunikation zu dem herrschaftsfreien Dialog aller mit allen entfaltet haben ....« (**). Herrschaftsfreiheit, d.h. Verschwinden aller den Individuen vorgegebenen Macht und Autorität, ist also nicht nur in der Gemeinschaft der Wissenschaftler möglich, sondern sie soll für die Weltgemeinschaft der »emanzipierten«, d.h. zu Mündigkeit und Selbstbestimmung gelangten Individuen bestimmend sein. Die Klage Kants, daß »wir« zwar zivilisiert, aber bei weitem nicht moralisiert sind, wäre also gegenstandslos geworden, und die Menschen würden, abermals in den Worten Kants, als »vernünftige Weltbürger« einen Zustand errichten, der, »einem bürgerlichen gemeinen Wesen ähnlich, so wie ein Automat sich selbst erhalten kann«, d.h. eine unabsehbare Dauer vor sich hat. (**).“ (Ebd., 2002, S. 306-307).

„Stärker als Habermas hat Karl-Otto Apel den großen Unterschied zwischen der gegenwärtigen Realität und der »idealen Kommunikationsgemeinschaft« herausgestellt, ja es sieht bei ihm manchmal so aus, als könnten die »realen Kommunikationsgemeinschaften« angesichts der Notwendigkeit ihrer Existenzerhaltung und Selbstbehauptung niemals endgültig durch den »ganz anderen Zustand« abgelöst werden. Deshalb unterscheidet er zwei Stufen der Ethik, von denen die eine der bisherigen » Verantwortungsethik« entspricht und die andere viel Ähnlichkeit mit der bekannten »Gesinnungsethik« besitzt. Da »Selbstbehauptung« sowohl von einzelnen Personen wie von Organisationen oder von Staaten legitim ist und immer von »strategischen«, d.h. auf die Gewinnung von Vorteilen oder die Vermeidung von Nachteilen ausgerichteten Gesichtspunkten bestimmt ist, kann der Kern der Diskursethik nur in der »regulativen Idee« bestehen, »stets an der langfristigen Beseitigung solcher Verhältnisse mitzuarbeiten, die eine strategiefreie Verständigung unter Menschen unmöglich machen.« (**). Nach Analogie des Kategorischen Imperativs formuliert, könnte die Maxime der Diskursethik mithin lauten: »Handle stets so, als ob du Mitglied einer idealen Kommunikationsgemeinschaft wärest.« Das Ziel ist also eindeutig die möglichst weitgehende Moralisierung und Verwissenschaftlichung der Welt im ganzen und das heißt die Beseitigung von vorhandener Autorität und Macht. Allerdings wird eine gewaltsame Durchsetzung »vernünftiger Verhältnisse« anscheinend ausgeschlossen, denn Zwang und Leiden haben keinen legitimen Platz, wenn tatsächlich »das Hauptprinzip der Diskursethik« darin besteht, »praktische Fragen in fairem Diskurs zwischen möglichst allen Beteiligten und Betroffenen einer vernünftigen konsensuellen Lösung zuzuführen«.“ (**). (Ebd., 2002, S. 307-308).

„Abkürzend läßt sich also sagen: Die Diskursethik hat als praktisches Programm die nicht-revolutionäre und vermutlich nie zur Vollendung zu bringende Herbeiführung eines an den Prinzipien der Wissenschaft orientierten Zustandes von globalem Anarchismus und Kommunismus. In ihrer Einheit würden sie das Ende aller bisherigen Autoritäten und Machtverhältnisse bedeuten. Vielleicht darf man noch einen Schritt weitergehen und folgendes behaupten: da die Diskursethik sowohl den Nihilismus wie den Relativismus als in sich widersprüchliche Einstellungen ablehnt, realisiert die in ihrem Zeichen geeinigte Menschheit die Qualitäten, die in der Frühgeschichte der Menschheit dem fremden Wesen »Gott« zugeschrieben wurden: grenzenlose Macht und unstrittige Autorität.“ (Ebd., 2002, S. 308).

„Die meisten Vertreter der Diskursethik werden diese Deutung vermutlich für überschwenglich und spekulativ erklären, aber jedenfalls kommt darin eine unverkennbare Tendenz zu Wort, eine Tendenz, die von Condorcet über Marx und Comte bis heute der »progressivistischen« Denkweise immanent ist. Es ist indessen unverkennbar, daß die Diskursethik, so negativ sie sich auch über »Gegenaufklärer« ausspricht, nicht einfach dem aufklärerischen Optimismus zugezählt werden darf, denn sie ist von den düsteren Vorstellungen eines möglichen »Endes der Menschheit« durch entfesseltes Gewinnstreben und unkontrollierte Wissenschaft nicht unberührt geblieben.“ (Ebd., 2002, S. 308).

„Es ist daher angebracht, die Frage nach ihren Anfängen und nach ihren konkreten politischen und intellektuellen Ausgangspunkten zu stellen, wenn der Versuch gemacht werden soll, zu einem abwägenden Schlußurteil zu gelangen.“ (Ebd., 2002, S. 308).

„Horkheimer und Adorno waren diejenigen »westlichen Marxisten«, welche es vorzogen, von »kritischer« und nicht von »marxistischer« Theorie zu sprechen, weil sie sich eines starken Gegensatzes zur angeblich marxistischen KPdSU bewußt waren und darüber auch öffentlich kaum einen Zweifel ließen. Gleichwohl war es nicht inkonsequent, daß Adorno sich in der us-amerikanischen Emigration nachdrücklich dem »antifaschistischen« Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland anschloß, und sein Beitrag zu dem Sammelband »Der autoritäte Charakter«, der 1950 veröffentlicht wurde, war von großer Bedeutung, da er und seine Mitarbeiter zukunftsvolle Methoden zur »Messung« dessen entwickelten, was als unmeßbar galt, nämlich der menschlichen Persönlichkeit und ihrer Charakterstruktur. So wurden einer großen Zahl von Versuchspersonen Fragen und Sätze vorgelegt, die sie zu beantworten bzw. zu beurteilen hatten, und aufgrund der Ergebnisse wurden Skalen gebildet, z.B. die F(aschismus)- und die AS (Antisemitismus)-Skala, so daß imposante und umfangreiche Zahlenreihen dargeboten werden konnten. Freilich wurde wenig darüber nachgedacht, ob nicht in den Fragen bzw. Sätzen schon Vorentscheidungen, ja möglicherweise Vorurteile enthalten waren, die das Ergebnis zu guten Teilen vorwegnahmen, etwa wenn die Bejahung des Satzes »Sittlichkeitsverbrechen wie Vergewaltigung und Notzucht an Kindern verdienen mehr als bloße Gefängnisstrafe. ..« (**) als »autoritäre Aggression« qualifiziert wurde. Aber eine Charakterisierung wie »unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten der Eigengruppe« (**) förderte die » Kritik an etablierten Autoritäten « ungemein, ja es dauerte nicht lange, bis sie unter der akademischen Jugend »modisch« wurde.“ (Ebd., 2002, S. 308-309).

„Weitaus weniger dem allverbreiteten »Antifaschismus« der frühen Nachkriegszeit einzugliedern war jedoch das gemeinsame Werk über die »Dialektik der Aufklärung«, das nun die aufklärerische »Kritik« selbst einer tiefgreifenden Kritik unterzog, in deren Licht Odysseus als ein früher »Bürger« und »der Faschismus« nicht etwa als Etappe eines deutschen Sonderweges, sondern als die Kulminierung des unbedingten Realismus der zivilisierten Menschheit erschien - eines Realismus aber, der ein »Spezialfall paranoischen Wahns« ist, welcher »die Natur entvölkert und am Ende die Völker selbst.« (**). Wenn hier ein deutlicher Anklang an die Zivilisationskritik von Ludwig Klages und anderen »bürgerlichen« Denkern vernehmbar ist, so ist Marx in der schroffen Wendung gegen die Herrschaft des »Tauschwerts« präsent und Freud in der Beschwörung der »freien Sexualität«, von deren lösender Kraft der Mensch im Gefängnis der Zivilisation ausgeschlossen ist. Die Hoffnung auf die Heraufkunft einer besseren Gesellschaft ließ sich eine Zeitlang mit der »revolutionären Partei« verknüpfen, aber diese ist heute (1942) »ihren antiautoritären Zielen« entfremdet und zu einer »Herrschaft der gerissensten Parteitaktiker« geworden. (**). So sieht Horkheimer schon 1942 mit Entsetzen eine »autoritäre Weltperiode« heraufziehen, aber es ist bemerkenswert, daß er gegen Ende seines Lebens - wie auch Augusto Del Noce unterstrichen hat - eine tiefgreifende Wandlung seines Denkens vollzogen hatte und mit unübersehbarer Nostalgie davon sprach, die Autorität des Vaters gehe zurück und vor allem habe die Liebe der Mutter nicht mehr die gleiche Bedeutung.“ (Ebd., 2002, S. 309-310).

„Es gibt einigen Grund zu der Annahme, daß Jürgen Habermas, 1929 geboren, in seiner frühen Jugend der Autorität des »Führers« nicht weniger ergeben war als irgendein anderer junger Deutscher. Eben deshalb bedeutete die Einsicht, die er durch die Nürnberger Prozesse gewann, nämlich »daß das ein politisch kriminelles System war« (**) etwas wie ein Damaskus-Erlebnis. Von nun an beschäftigte ihn »der Faschismus« unablässig, aber er nahm keine Differenzierung vor, und weit mehr als eine Interpretation erarbeitete er Gegenbilder. Dazu gehörte der Begriff der »verallgemeinerungsfähigen Interessen der Bevölkerung«, denen Hitler und der Nationalsozialismus mit besonderer Verruchtheit entgegengehandelt hätten, und auch eine unverkennbare Hochachtung vor der kommunistischen Partei, die zum ersten Mal »den Typus einer Parteilichkeit für das vernünftige Allgemeine« verkörpert, aber leider die »Selbstabschaffung« nicht verwirklicht habe. (**). Ein Gegenbild war auch das Prinzip der »herrschaftsfreien Diskussion«, das ihm auf besonders eindrucksvolle Weise in dem Marburger Seminar des marxistischen Politologen Wolfgang Abendroth entgegengetreten sei, wo aus dem Kreis der Teilnehmer ein Seminarleiter gewählt wurde, der selbst dem Professor das Wort entziehen konnte. Auf sein Denken übte ferner, neben Horkheimer und Adorno, Hannah Arendt einen beträchtlichen Einfluß aus, deren Begriff der Kommunikation für ihn der Ausgangspunkt zu einer Interpretation war, welche in den kommunikativen Diskursen einen autoritätsauflösenden und zur Herrschaftsfreiheit führenden Prozeß erblickte.“ (Ebd., 2002, S. 310).

„In seinem ersten und gleich vielbeachteten Zeitungsartikel hatte Habermas als junger Student 1953 eine für die weitaus meisten seiner akademischen Altersgenossen auch damals noch fast unantastbare Autorität kritisiert, und zwar Heidegger, indem er das allgemeinere Problem der »faschistischen Intelligenz« aufwarf. Dazu gab es guten Grund, denn sein eigener Lehrer, Erich Rothacker, hatte dem Nationalsozialismus mindestens zeitweise recht nahegestanden, und er war ohne große Schwierigkeiten wieder in sein Lehramt zurückgelangt. So konnte Habermas feststellen, die deutsche Situation nach 1945 sei »durch das konstante Ausweichen vor diesem Problem« der faschistischen Intelligenz gekennzeichnet gewesen und auch Heideggers Spätphilosophie gehöre in den Zusammenhang einer Denktendenz, die im Kern unverändert geblieben sei, obgleich die Ausdrucksformen sich geändert hätten. So begründe Heidegger heute seinen eigenen Irrtum und sogar den »Irrtum« der nationalsozialistischen Führung aus einer angeblichen »Seinsgeschichte« heraus. Aber lasse sich tatsächlich »auch der planmäßige Mord«, der heute allen bewußt sei, »als schicksalhafte Irre seinsgeschichtlich verständlich machen«? Sei es nicht »die vornehme Aufgabe der Besinnlichen, die verantwortlichen Taten der Vergangenheit zu klären und das Wissen darum wachzuhalten«? Stattdessen betreibe jedoch die Masse der Bevölkerung, »voran die Verantwortlichen von einst und jetzt«, Heidegger eingeschlossen, die fortgesetzte Rehabilitation. Doch bei aller Kritik ist Habermas in diesem Artikel von dem denunzierenden Ton und der Attitüde des Staatsanwalts, die erst um 1968 voll zum Durchbruch kamen, weit entfernt, und im Schlußsatz erhebt er eine Forderung, die in der Tat richtungweisend hätte sein können: »Es scheint an der Zeit zu sein, mit Heidegger gegen Heidegger zu denken.« (**).“ (Ebd., 2002, S. 310-311).

„Auch im Jahre 1960 machte Habermas »den Faschismus« so zum Thema, daß er ihn in einen größeren Zusammenhang hineinstellte, und zwar im Ausgang von einer Kritik an zwei eben erschienenen Büchern, deren Autoren - Reinhart Koselleck und Hanno Kesting - die gegenwärtige Weltkrise »als Ausbreitung der mit der französischen Revolution ausbrechenden Krise des europäischen Bürgerkrieges über den ganzen Erdball« zu begreifen suchten. Die welthistorischen Ereignisse seit 1917 seien als »posthumer Siegeszug« der aufklärerischen Geschichtsphilosophie zu verstehen; und seitdem seien die Positionen der mit 1789 auf den Plan gerufenen europäischen Bürgerkriegsparteien zu Positionen der großen Staaten selbst geworden. Sowohl die Bolschewiki wie die Amerikaner hätten den Anspruch erhoben, die Partei des Menschen gegen die des Unmenschen zu vertreten, und dadurch hätten sie nach dem einen der beiden Autoren die Unterscheidung von Feind und Verbrecher aufgehoben und so die Auseinandersetzung vergiftet. Allerdings wird, so Habermas, »die Gegenpartei, der Faschismus«, von Kesting ausgespart. Sie wird nur »teichoskopisch vorgeführt, dient sozusagen als die Kulisse«, vor der »die antifaschistische Front« als die eigentliche Aktion des Bürgerkriegs sich deutlich - und mit negativer Akzentuierung - abzeichne. Kesting skizziere lediglich die Vorgeschichte des Faschismus, nämlich die Reihe der »gegen-aufklärerischen« Denker von de Maistre und Donoso Cortes bis hin zu Carl Schmitt. So ergreift Habermas die Gelegenheit, sich nachdrücklich für die »antifaschistische« Position zu erklären, von der allein ein positiver Weg hin zu einer künftigen Einheit der Welt und zu einer dauerhaften Friedensordnung führen könne. Nicht der Rekurs auf angebliche anthropologische Konstanten, sondern »historisch-soziologische Argumente« machten deutlich, daß die Idee der »Machbarkeit der Geschichte« keine Utopie, sondern die einzige Praxis des Überlebens sei - eine Idee also, welche (wie man ergänzen darf) den Abschied vom Weltalter der nicht -gemachten, der »naturwüchsigen« Geschichte und damit von deren Autoritäten und Machtverhältnissen bedeutet. (**).“ (Ebd., 2002, S. 311-312).

„Von hier aus, so scheint es, hätte Habermas als Historiker den Faschismus zum Ausgangspunkt des Begreifens der Gegenwart machen können. Er hätte dann gewiß in die Fülle der historischen Details hinuntersteigen müssen, ohne darin zu versinken, und er würde vermutlich den Begriff »des« Faschismus differenziert und nicht zuletzt eine Unterscheidung zwischen Mussolini und Hitler getroffen haben, die mit deren geradezu gegensätzlichem Verhältnis zum »Marxismus« zusammenhängt. Er würde die gegenrevolutionären Denker kritisch, aber nicht ohne Verständnis untersucht und er würde den Marxismus aus dieser Perspektive heraus zum Thema gemacht haben. Wenn ihm die Gegenwart zwischen 1917 und 1945 zurecht als »europäischer Bürgerkrieg« charakterisiert zu sein schien, hätte er sich vielleicht seiner andersartigen Fortsetzung als »Weltbürgerkrieg« ... zugewandt.“ (Ebd., 2002, S. 312).

„Habermas hat einen anderen Weg eingeschlagen, den Weg der »historisch-soziologischen Argumente«, dessen Schlußetappe die Entwicklung der »Diskursethik« war. Auf diesem Wege hat er ein ungemein breites, kenntnisreiches und eindringendes Werk geschaffen, das ihm ... den Namen des »führenden Sozialphilosophen Deutschlands« eintrug und das ihn zu einer der maßgebenden Figuren einer weltweiten Diskussion gemacht hat. So hat er sich ebensosehr der Rationalisierungstheorie Max Webers wie den Handlungstheorien Meads und Durkheims wie der Systemtheorie von Talcott Parsons und Niklas Luhmann zugewandt; er hat unter Beweis gestellt, daß er mit den Werken von Foucault und Derrida ebenso vertraut ist wie mit denjenigen von Hegel, Marx und Nietzsche. Nicht ganz selten kann man den Eindruck haben, daß er sich in einer selbstgenügsamen Fachsprache bewegt, die für die transatlantischen Diskurse der Soziologen und Philosophen sehr geeignet ist, aber den Rückbezug zu den »lebensweltlichen« Problemen des »Faschismus« und der Antwort darauf vermissen läßt. Ich begnüge mich damit, als Beispiel einen einzigen Satz aus dem zweiten Band seines Hauptwerks, der » Theorie des kommunikativen HandeIns«, anzuführen: »Der Macht-Code schematisiert mögliche Stellungnahmen von Alter (dem Anderen) in der Weise binär, daß sich dieser Egos Aufforderung unterwerfen oder widersetzen kann; mit der von Ego für den Fall der Nichtausführung in Aussicht gestellten Sanktion für Alter ist in den Code eine Gehorsamspräferenz einbgebaut.« (**). “ (Ebd., 2002, S. 312-313).

„Aber in all der Fülle kluger, gelehrter und durch die Bank »aufklärerischer«, die »Gegenaufklärung« und den »Neukonservativismus« hart kritisierender Texte taucht immer wieder jener Gegner auf, von dem er mit tadelndem Ton gesagt hatte, Hanno Kesting habe ihn nur »teichoskopisch« behandelt. Manchmal wird er mit der Wendung »gefährliches Regressionsphänomen« abgetan, aber dann wird ihm auch wieder eine erstaunliche Fähigkeit zugesprochen, nämlich »die Fähigkeit fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften, in Krisensituationen auf die Gefahr einer revolutionären Veränderung mit dem Umbau des politischen Systems zu antworten und den Widerstand der organisierten Arbeiterschaft zu absorbieren.« (**). Mit dem sonst eher positiv eingeschätzten Anarchismus wird er insofern auf eine Stufe gestellt, als Tendenzen zur Ästhetisierung, d.h. zu expressiver Selbstdarstellung und Authentizität, »ebensosehr in autoritären (Faschismus) wie in antiautoritären Bewegungen (Anarchismus) überwiegen.« (**). Im Rahmen einer ziemlich freundlichen Darstellung des Denkens von Georges Bataille räumt er ein, daß von dem Sieg der faschistischen Bewegung in Italien und der Machtergreifung des Nationalsozialismus im Deutschen Reich »Wellen nicht nur der Irritation, sondern auch der faszinierenden Erregung ausgegangen sind« und daß dem damaligen Marxisten Bataille »vor dem Hintergrund der interessenorientierten Massendemokratie« Hitler und Mussolini als »das ganz Andere« erschienenen. (**).“ (Ebd., 2002, S. 313).

„Damit dürfte die These zur Genüge begründet sein, daß die »Diskursethik« nichts anderes darstellt als den Versuch, eine radikale Gegenposition zum »Faschismus« als der höchsten Aufgipfelung der die bisherige Geschichte bestimmenden Phänomene der Macht und der Autorität zu entwickeln, nachdem die bisher radikalste Gegenposition, der Marxismus, infolge seines Herabsinkens zum autoritären Staatssozialismus seine Kraft verloren hat. Was könnte in der Tat dem gewalttätigen Auftrumpfen und der Machtphilosophie der faschistischen Bewegungen und Regime stärker entgegengesetzt sein als »die Ethik der idealen Kommunikationsgemeinschaft: Konflikte nicht durch Gewalt zu lösen, sondern durch argumentative Diskurse, welche die berechtigten Interessen aller Betroffenen zur Geltung bringen - derart, daß die zu erwartenden Folgen der Konfliktregelung für alle Betroffenen konsensfähig sind.« (**). Und auch die direkten Bezüge zum konkreten Ausgangspunkt werden nicht ganz selten ausdrücklich formuliert: für die Diskursethik sei der eigentliche Gegner der »Moralskeptiker«, denn dieser könne »dem NS-Funktionär nicht objektives Unrecht zuschreiben und nicht den Widerstand grundsätzlich legitimieren.« (**).“ (Ebd., 2002, S. 313-314).

„Die Diskursethik kann also als das Sprachrohr einer machtvollen Zeittendenz angesehen werden. Zweifellos ist das Projekt der Diskursivität und der gewaltlosen Lösung von Konflikten zu einem überragenden Einfluß gelangt, und es sieht sich oft genug als Gegensatz zu der ganzen, von gewalttätiger Macht und herrschaftssichernder Autorität bestimmten Geschichte, d.h. als letzte Wegstrecke hin zur »Weltzivilisation« und vielleicht sogar zur »Nachgeschichte«. Insofern ist der Diskursethik ein historisches Recht von weitgehender Art zuzuschreiben.“ (Ebd., 2002, S. 314).

„Aber mit ihrer Qualität als realer und anwendungsbezogener Ethik ist es schlecht bestellt. Auch wenn man von den Kriegen, Bürgerkriegen und Völkermorden der Gegenwart absieht, weil es sich dabei sozusagen nur um die letzten Zuckungen der bisherigen Geschichte handle, und wenn man ohne Widerstreben zugibt, daß Verhandlungen zwischen Staaten, Staatenkomplexen und nichtstaatlichen Organisationen heute eine weitaus stärkere Rolle spielen als zu früheren Zeiten, wird man feststellen müssen, daß immer nur ein »strategisches« Reden vorliegt, welches man als die »Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln« definieren könnte und daß jene »strategiefreien«, nur der Eruierung der Wahrheit gewidmeten Diskurse sogar in einer Wissenschaft längst nicht mehr selbstverständlich sind, die mehr und mehr von kommerziellen Erwägungen oder von politisch-moralischen Zwecksetzungen bestimmt wird.“ (Ebd., 2002, S. 314).

„Und wo läßt sich zu bedrängenden Fragen des Alltagslebens in der Diskursethik eine eindeutige Antwort finden? Wer sind z.B. die »Betroffenen«, deren Interessen konsensuell gewahrt werden sollen, bei der Frage der Abtreibung? Gehört nicht in allererster Linie der Embryo dazu, dessen ... Leben durch die »diskursive« Konnivenz von zwei vielleicht höchst egoistischen Personen, nämlich seiner Eltern, vernichtet wird? Was wird das angeblich konsensuelle Resultat eines intensiven Diskurses zwischen den Insassen eines bereits überladenen Rettungsbootes sein, dem sich ein Schwimmer, mithin ein anderer Betroffener, mit der Bitte um Aufnahme nähert, die doch das Leben aller Insassen in Gefahr bringt? Zeigt die Diskursethik auf einleuchtende Weise irgendeinen gangbaren Weg, wenn ein Wissenschaftlerteam eines Tages ein Mittel entdeckt, das die Lebensdauer der gegenwärtigen Generation um das dreifache verlängert und eben dadurch eine junge Generation zum Nichtsein oder zur Überflüssigkeit verdammt, so daß einige Anhänger einer »materialen Ethik« das Tun der menschenfreundlichen Forscher als ein »Menschheitsverbrechen« singulärer Art qualifizieren würden?“  (Ebd., 2002, S. 314-315).

„Und müssen nicht gegen die Diskursethik sogar als solche schwere Einwände erhoben werden? Kann der ganze Aufwand wohlmeinender Intentionen die Tatsache überspielen, daß sich die Diskursethiker bei ihrem Kampf für eine »postkonventionelle« Moral häufig und positiv auf ua-amerikanische Wissenschaftler beziehen, welche die These aufstellen, höchstens 5% der us-amerikanischen erwachsenen Bevölkerung seien bis zu der Stufe der eigentlichen Ausbildung dieser Moral gelangt? Ist nicht die Diskursethik die Konzeption einer »wissenden Minderheit«? Und ist es zufällig, daß meines Wissens weder von Habermas noch von Apel jemals die Frage gestellt wurde, ob das Scheitern des Progressivismus in Gestalt des Marxismus-Leninismus nicht auf die »überschießende« Aktivität einer »wissenden Minderheit« zurückzuführen war, die das Überschießen der Gegenkraft, nämlich des reaktionären und dennoch auf seine Weise und in seinen verschiedenen Erscheinungsformen gleichwohl progressiven Faschismus, überhaupt erst hervorrief?“  (Ebd., 2002, S. 315).

„Wer »Interessen« als individuelle oder kollektive Neigungen versteht, wird niemals eine konsensuelle, nicht-strategische und eben dadurch ethische Übereinstimmung auch nur zwischen einer größeren Zahl von Individuen, geschweige denn zwischen »allen« erzeugen. Die einzige Möglichkeit wäre dann gegeben, wenn alle diese Individuen so sehr gleich wären, daß es zwischen ihnen keine Differenzen der Interessen, Neigungen sowie Überzeugungen und damit keine Herausbildung alter oder neuer Erscheinungsformen von Macht und Autorität gäbe. So muß vor dem Auge derjenigen, welche die Konzeption der Diskursethik zu Ende zu denken versuchen, das Schreckbild einer klonierten Menschheit auftauchen. Aber es ist den Diskursethikern zuzugestehen, daß sie immer bloß »das Beste gewollt« haben und weiterhin wollen. Sie pflegen lediglich zu übersehen, daß nicht nur die bisherige Geschichte voller Verkehrungen und Paradoxien war, sondern daß aller Vermutung nach auch die mögliche Nachgeschichte, zu deren Vorkämpfern sie sich machen, davon nicht frei sein wird.“ (Ebd., 2002, S. 315-316).

Philosophie und Kunst: Heidegger und Jawlensky
(Vortrag auf Einladung des Architekten und Malers Bruno Gutknecht im „Künstlerhof“ nahe Buch am Erlbach am 16.09.2000)
„Wer sich dem antiken Griechenland, dem klassischen Ort von Philosophie und Kunst, in der Erwartung nähert, er werde hier eine » Philosophie der Kunst« kennenlernen, welche besonders Tiefsinniges über die Kunst und die Künstler zu sagen habe, wird mindestens zunächst sehr enttäuscht sein. Er wird erfahren, daß die Männer, die den Parthenon erbauten, und sogar die großen Bildhauer wie Praxiteles in der Offentlichkeit als »Handwerker« betrachtet wurden und längst nicht die Hochschätzung erfuhren, welche den Siegern in Wettläufen und Ringkämpfen der Olympischen Spiele zuteil wurde, und er wird seinen Augen kaum trauen, wenn er Platons »Staat« aufschlägt und dort liest, was der große Philosoph über die Maler und die Dichter sagt.“ (Ebd., 2002, S. 318).

„Der Maler, so heißt es da, ahmt die Naturdinge nach, die doch ihrerseits bloß Abbilder der »Ideen« sind, jener Urbilder, die das jeweils Allgemeine jenseits all des Zufälligen, Wechselhaften, Unbeständigen und mithin der konkreten Dinge sind und die ihre menschliche Entsprechung nur in den Begriffen der Vernunft haben. Das Gemälde des Malers ist mithin ontologisch drittrangig, eine Nachahmung des Abbilds und also zwei Stufen vom eigentlich »Seienden« entfernt. Zumal die perspektivische Malerei bringt nichts anderes als »Blendwerke« hervor, die den Geist an den sinnlichen Eindruck, an das bloße Hier und Jetzt fesseln.“ (Ebd., 2002, S. 318).

„Aber auch die Dichtung ist Nachahmung, Nachahmung der menschlichen Leidenschaften und Gemütsbewegungen, und sie fördert dadurch im Hörer oder Leser ähnliche Leidenschaften oder Gemütsbewegungen, die doch von gerechten und vernünftigen Menschen niedergehalten, ja zum Absterben gebracht werden müßten. Nirgendwo ist ein Staat durch die Dichtung zu einer besseren Verfassung gelangt; Homer stellt auf verlockende Weise dar, was von der Ethik scharf verurteilt werden muß: die wilden Raubzüge seiner Heroen, die schamlose Geschichte von der Fesselung des Ares und der Aphrodite durch den betrogenen Ehemann Hephaistos,das Jammern eines Helden wie des Aias - er rührt die niederen Seelenteile im Menschen an und erzeugt bloße Stimmungen, statt die Herrschaft der Vernunft zu fördern, die allein dem Menschen die Selbstbeherrschung und damit ein gerechtes Leben sichert.“ (Ebd., 2002, S. 318-319).

„Platons Philosophie ist also ein extremes Beispiel dessen, was »postmoderne« Denker heute den abendländischen (dabei ist er antik; HB [**|**]) »Logozentrismus« nennen, welcher als Rationalismus und Ethizismus offensichtlich kunstfeindlich ist. Es ist zwar nicht richtig, wie man häufig lesen kann, daß Platon die Dichter und die Maler aus seinem Staat »vertreiben« wolle, denn in seiner »Politeia« wird ja kein realer Staat dargestellt oder auch nur entworfen, aber er läßt diese Künste für seinen »Idealstaat« nicht zu, und er verneint so zwar nicht ihre faktische Existenz, wohl aber ihre ontologische Dignität.“ (Ebd., 2002, S. 319).

„An einer anderen und wenig beachteten Stelle spricht Platon jedoch von einem Maler, der das Bild eines vollkommen schönen Menschen gemalt habe und der nicht nachzuweisen brauche, daß dieser Mensch auch wirklich existiere. Eben das versteht Platon als genaue Parallele zu seinem eigenen Unternehmen, nämlich einen vollkommenen Staat zu entwerfen, der in der Realität nirgends zu finden sei. Offensichtlich kommen also für Platon Kunst und Philosophie darin überein, daß sie sich von der alltäglichen Wirklichkeit der Abbilder und Nachahmungen lösen und einen Weg zu den Urbildern finden können, die ihren ursprünglichen Ort »im Geiste Gottes« haben.“ (Ebd., 2002, S. 319).

„Und das merkwürdigste ist vielleicht, daß Platons großes Werk nicht mit der Fortsetzung der langwierigen und häufig »dialektischen« Erörterungen zu Ende geht, sondern mit der bewegenden, höchst dichterischen Wiedergabe eines Mythos, des Mythos vom Totengericht und dessen Strafen und Belohnungen, welcher einem Mann in den Mund gelegt wird, der angeblich gestorben war und sich einige Tage im Jenseits aufgehalten hatte. Auch und gerade für Platon erschließt sich also die eigentliche Tiefe der Existenz des Menschen nicht jenem »rechnenden, messenden und wägenden« Seelenteil, den er an vielen Stellen für das Beste im Menschen erklärt - nicht dem »Logos«, sondern dem »Mythos«.“ (Ebd., 2002, S. 319).

„Die zwei »trivialen« Grundauffassungen, die Platon artikuliert oder voraussetzt, wiederholen sich während der folgenden zwei Jahrtausende des abendländischen oder europäischen (antik [**] und abendländischen [**]) Denkens ständig: die Vorstellung, daß die Künstler eine Art Handwerker seien, ist noch in Zedlers Universal-Lexikon lebendig, wo das Bildermalen zusammen mit dem Lastentragen als Beispiel für die mechanischen Künste genannt wird, und der Satz »ars imitatur naturam« ist wohl der meist verwendete bei allen Philosophen, die auch die Kunst zu ihrem Thema machen. Aber von Anfang an werden ebenfalls die, wie man sagen könnte, anspruchsvolleren Konzeptionen Platons aufgegriffen oder variiert, nämlich daß die Kunst ein spezifisches, mit der Philosophie verwandtes Verhältnis zu den Urbildern und damit zu Gott habe und daß sie dieses Verhältnis auf andere Weise als diejenige des rechnenden und zur Selbstbeherrschung führenden Verstandes zum Ausdruck bringen müsse.“ (Ebd., 2002, S. 319-320).

„So hatte ja schon Platons älterer Zeitgenosse Epicharm gesagt, die göttliche Vernunft begleite alle Künste, die ausnahmslos von Gott und nicht vom Menschen erfunden seien. Fünfhundert Jahre später schrieb Cicero, die Idee des Schönen, die der Künstler in seinem Geist erschaue, sei der Grund der Kunst, von ihr, und nicht von einem vorgegebenen Gegenstand, lasse er sich leiten. Augustinus wiederum orientiert sich stärker am Maß- und Zahlhaften der Idee: Gott habe alles nach Zahl und Maß geordnet und daher sei die göttliche Kunst das Gesetz aller Künste; das Streben nach Harmonie, so darf man ergänzen, muß also das oberste Gebot aller Künste sein. Nicht so sehr die Bedeutung der Harmonie als diejenige des Lichtes hebt Johannes Scotus Eriugena hervor: die Schönheit der Welt sei nichts anderes als das universale Durchscheinen der göttlichen Ideen, und daher ist für ihn die höchste Rationalität der Welt in der Glasmalerei künstlerisch darstellbar, weil diese hier im Medium des Lichtes erscheine. Für Thomas von Aquin bedeutet die »Nachahmung der Natur« nicht in erster Linie Nachahmung der vorhandenen Naturdinge, sondern Nachahmung des Produktionsprinzips der Natur; insofern ist der menschliche Intellekt in der Kunstproduktion ein der Natur überlegenes Derivat des göttlichen, und daher vermag er Dinge hervorzubringen, die von der Natur nicht produziert werden können. Offensichtlich ist der kunstproduzierende Intellekt aber nicht mit dem rechnenden und wägenden Verstand identisch, und Ficino lokalisiert ihn in der »Phantasie«.“ (Ebd., 2002, S. 320).

„Die moderne »Kunstphilosophie« oder »Ästhetik« zeichnet sich ab, wenn Alexander Gottlieb Baumgarten schreibt, das Vorbild der Kunst sei nicht die »natura naturata« (geschaffene Natur), sondern die »natura naturans« (schaffende Natur), d.h. in mittelalterlicher Terminologie, das »Schaffen Gottes«. So kann Baumgarten den Begriff einer eigenständigen »veritas aesthetica« bilden, die sich von der logischen Wahrheit grundsätzlich unterscheidet. Kant stellt die »freie Kunst« in einen Gegensatz zur Handwerkskunst und auch zur Wissenschaft sowie zur Natur. Friedrich Schlegel dagegen hebt wieder den Begriff der »Nachahmung« hervor, aber in einer »kosmischen« Bedeutung: »die heiligen Spiele der Kunst« seien nur »ferne Nachbildungen von dem unendlichen Spiele der Welt.«“ (Ebd., 2002, S. 320-321).

„Ein ganz neuartiger Gedankengang taucht auf, wenn erstmals die Kunst in eine Beziehung zu der Zeitsituation im ganzen gesetzt wird, d.h. wenn gefragt wird, ob die Kunst unter den Bedingungen der modernen Epoche noch dasselbe sein könne wie in früheren Zeiten. Die Gegenwart wird von Schiller als ein »künstliches Weltalter« aufgefaßt, in dem die naive Dichtung etwa Homers durch eine »sentimentalische«, von der Reflexion bestimmte Dichtung ersetzt werde, und Analoges gilt natürlich für die Malerei. Aber Schiller schließt eine »Rückkehr zur Natur« auf einer höheren, durch die Reflexion vermittelten Stufe nicht aus, und er sieht eine Parallele in der Entwicklung des Staates, der nach seinen Anfängen mehr und mehr zur Entfremdung der Menschen voneinander beigetragen habe, der aber eines Tages die Stufe des »ästhetischen Staates« erreichen und insofern zu seinem Ursprung zurückfinden könne. Schelling führt den Platonismus der Kunstphilosophie mit der These zu einem Höhepunkt, Kunst sei die »Darstellung der Urbilder«; die bildenden Künste, die Malerei sowohl wie die Musik, prägten das Unendliche ins Endliche realiter ein, so daß »die Materie zum Leib oder zum Symbol« werde, während die Poesie Ideen durch ein »an sich Allgemeines«, nämlich die Sprache, realisiert. Zwar repräsentiert sich auch für Hegel im Schönen der Kunst als »gestalteter Geistigkeit« der »absolute Geist, die Wahrheit selbst«, aber er führt den Schillerschen Ansatz zu der These fort, in der Gegenwart hätten Gedanke und Reflexion die schöne Kunst überflügelt, die Kunst könne hinfort nicht mehr die höchste Weise darstellen, »sich des Absoluten bewußt zu sein.« Damit wird die Kunst der Relevanz entkleidet, die sie bis dahin gehabt hatte, und anscheinend wird der Weg hin zu Marx eröffnet, für den nicht nur die Kunst, sondern auch die Philosophie »Widerspiegelungen« einer grundlegenden, ökonomischen und klassenhaften Realität, also Nachahmungen besonderer Art sind, sofern man die korrigierenden Thesen aus der Einleitung zur »Kritik der politischen Okonomie« fortläßt, die der Kunst in Analogie zu den menschlichen Lebensaltern so etwas wie eine relative Ewigkeit zusprechen: ebenso wie die Erfahrungen der Kindheit im Erwachsenenalter nicht spurlos verschwinden, vermag die Kunst der Griechen trotz der völlig veränderten Verhältnisse auch moderne Menschen noch anzusprechen.“ (Ebd., 2002, S. 321).

„Aber wie wenig mit dieser »Relativierung« ein letztes Wort gesprochen ist, wird schon am Beispiel Schopenhauers klar, der Friedrich Schlegels »Spiel der Welt« in der Musik unmittelbar dargestellt findet, und auch für den jungen Nietzsche öffnet diese den Zugang zum »innersten Kern der Dinge«, während in den Augen Richard Wagners die Kunst in Gestalt des »Gesamtkunstwerks« sogar imstande ist, eine neue und vollkommene Gestalt des Staates zu begründen.“ (Ebd., 2002, S. 322).

„Nach dem Ersten Weltkrieg werden aus der neuen Situation heraus alte Positionen und alte Gegensätze neu formuliert: Ernst Bloch spitzt die Hegelsche These zu und schränkt sie zugleich ein, indem er die moderne Kunst wegen ihrer Scheu vor der Utopie als »bürgerlich« charakterisiert und dem Untergang geweiht sieht; Max Horkheimer und Theodor Adorno kritisieren die »instrumentelle Vernunft« und die Kulturindustrie auf eine Weise, die den Zweifel erweckt, ob die negative Beschreibung einer Welt, die schon in Odysseus ihre Augen aufschlug, wirklich noch mit dem Terminus »bürgerlich« auskommen kann, und Ernst Cassirer ist dieser Auffassung sowohl nahe wie fern, wenn er darlegt, daß die Wissenschaft die Welt durch Begriffe und Gesetze vereinfache und damit durch Abstraktionen entleere und verarme, daß aber die Kunst den Reichtum von sinnvollen Perspektiven und Formen, die unendlichen Möglichkeiten der Welt offenbare. In den Zusammenhang dieses modernen Philosophierens über die Kunst ist offenbar auch Martin Heidegger hineinzustellen, der bekanntlich 1929 in Davos mit Ernst Cassirer ein öffentliches Gespräch führte, das als Auseinandersetzung zwischen zwei Traditionen bald einen legendären Ruf gewann.“ (Ebd., 2002, S. 322).

„In Heideggers frühem Hauptwerk »Sein und Zeit« von 1927 ist freilich von »Kunst« an keiner Stelle die Rede. Aber es befremdete viele Leser, daß er das »Vorhandensein« der theoretisch und naturwissenschaftlich erfaßbaren Welt nicht etwa nur psychologisch aus dem »Zuhandensein« ableitete, d.h. aus den im praktischen Umgang erfahrbaren Bezügen, z.B. aus der » Welt der Handwerker«, sondern daß er diesem Zuhandensein auch einen ontologischen Vorrang zuschrieb. Das wird nur dann verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß Heidegger als Philosoph von der Phänomenologie Husserls und auch von der Transzendentalphilosophie Kants herkam und also zwar nicht »den Menschen«, wohl aber das »Dasein« als das seinsverstehende Wesen zum Ausgangspunkt seines Nachdenkens machte, wie ja für Kant das »transzendentale Bewußtsein« der Ausgangspunkt gewesen war. Damit trennt er sich von vornherein etwa von der »realistischen Ontologie« Nicolai Hartmanns, welche die verschiedenen Schichten der Welt im Sinne von »Universum« beschreibt und analysiert, so daß auch der Mensch als ein durch besondere Merkmale gekennzeichnetes Wesen beschrieben und analysiert werden kann. Für eine transzendentalphilosophische Denkweise bedeutet dieses Vorgehen eine Naivität, da das beschreibende und analysierende Wesen zuerst zum Thema gemacht werden muß und das »Sein« nicht als etwas vom »Dasein« Getrenntes gedacht werden darf. Dann aber können zwei verschiedenartige Begriffe von »Welt« gebildet werden: einmal die Welt als »Lebenswelt« und einmal die Welt als erforschbare Ganzheit der Phänomene, und es wird vorstellbar, daß der im alltäglichen und nicht-alltäglichen Umgang erfahrenen Lebenswelt eines Volkes, ja eines Stammes oder einer Kultur gegenüber der abgeblaßten und eingeebneten »Theoriewelt« der Wissenschaft eine größere Ursprünglichkeit und Dignität zugeschrieben wird. Dann muß es als möglich erscheinen, daß die »Welt der Kunst« gegenüber der Welt der bloßen Betrachtung und weiterhin der Wissenschaft unverwechselbare Selbständigkeit und sogar den höheren Rang aufweist. Den Schritt hin zu einer solchen Philosophie der Kunst hat Heidegger erstmals explizit 1935 in dem Vortrag über den »Ursprung des Kunstwerks« vollzogen.“ (Ebd., 2002, S. 322-323).

„Ich zitiere zuerst eine Stelle, die den »transzendentalphilosophischen« Charakter von Heideggers Denken besonders deutlich macht, und ich wende mich dann im nächsten Schritt dem zweiten Beispiel zu, mit dessen Hilfe Heidegger erläutert, inwiefern das Kunstwerk für ihn nichts anderes bedeutet als das »Sich-ins Werk-Setzen der Wahrheit des Seienden«.“ (Ebd., 2002, S. 323).

„Auf Seite 41 des Abdrucks in den »Holzwegen« heißt es: »Inmitten des Seienden im Ganzen west eine offene Stelle. Eine Lichtung ist. Sie ist, vom Seienden her gedacht, seiender als das Seiende. Diese offene Mitte ist daher nicht vom Seienden umschlossen, sondern die lichtende Mitte selbst umkreist wie das Nichts, das wir kaum kennen, alles Seiende. Das Seiende kann als Seiendes nur sein, wenn es in das Gelichtete dieser Lichtung herein- und hinaussteht. Nur diese Lichtung schenkt und verbürgt uns Menschen einen Durchgang zum Seienden, das wir selbst nicht sind, und den Zugang zu dem Seienden, das wir selbst sind. Dank dieser Lichtung ist das Seiende in gewissen und wechselnden Maßen unverborgen ....« (Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, 1935, a.a.O., S. 41f.).“ (Ebd., 2002, S. 323).

„»Unverborgenheit«, A-letheia, ist nach Heidegger: Wahrheit. Der Prozeß des Entbergens, der doch zugleich verbirgt, ist das Geschehen der Wahrheit, das sich in verschiedenen Weisen darstellt. Wenn es den Menschen als »das Dasein« nicht gäbe, würde es auch keine Wahrheit geben, sondern alles Seiende würde in der »Seinlosigkeit« verbleiben. Das ist einer von jenen Heideggerschen Begriffen, gegen die »der gewöhnliche Menschenverstand« aufbegehrt, dessen Gehalt er sich aber am ehesten klar macht, wenn er sich Kants Begriff des »transzendentalen Bewußtseins« gegenwärtig hält, das zwar primär, aber nicht exklusiv auf die Welt der Wissenschaft ausgerichtet ist, weil aus ihm heraus auch die Ethik begründet wird. Für Heidegger ist die Kunst eine ausgezeichnete Weise dieses Wahrheitsgeschehens. Als Beispiel wählt er einen griechischen Tempelbezirk, und er schreibt: »Ein Bauwerk, ein griechischer Tempel, bildet nichts ab. .... Das Bauwerk umschließt die Gestalt des Gottes und läßt sie in dieser Verbergung durch die offene Säulenhalle hinausstehen in den heiligen Bezirk. Durch den Tempel west der Gott im Tempel an. .... Dastehend hält das Bauwerk dem über es wegrasenden Sturm stand und zeigt so erst den Sturm selbst in seiner Gewalt. Der Glanz und das Leuchten des Gesteins, anscheinend selbst nur von Gnaden der Sonne, bringt doch erst das Lichte des Tages, die Weite des Himmels, die Finsternis der Nacht zum Vorschein .... Der Baum und das Gras, der Adler und der Stier, die Schlange und die Grille gehen erst in ihre abgehobene Gestalt ein und kommen so als das zum Vorschein, was sie sind ....« Und im ganzen wird das Tempelwerk folgendermaßen charakterisiert: »Das Tempelwerk fügt erst und sammelt zugleich um sich die Einheit jener Bahnen und Bezüge, in denen Geburt und Tod, Unheil und Segen, Sieg und Schmach, Ausharren und Verfall die Gestalt und den Lauf des Menschenwesens in seinem Geschick gewinnen. Die waltende Weite dieser offenen Bezüge ist die Welt dieses geschichtlichen Volkes. ....« (Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, 1935, a.a.O., S. 31ff.). »Welt« bedeutet hier also offensichtlich nicht die Gesamtheit des Vorhandenen und Erforschbaren. Sie ist, wenn man so will, eine sowohl subjektive wie überindividuelle Welt: die »Welt der Azteken«, die »Welt der Römer«, und diese Welt gibt, anders als die Welt der Wissenschaft, dem Menschen zu erkennen, was er ist und was er soll; sie hat mit hin den höheren Rang. Kunstwerke sind für Heidegger offenbar hervorgehobene Bestandteile einer solchen Welt, und dieser »Weltcharakter« des Kunstwerks war nie zuvor in der Geschichte der Philosophie so sehr hervorgehoben worden, während die Verbindung von Kunst und Wahrheit für den Deutschen Idealismus evident war. Aber auch hier nimmt der gewöhnliche Menschenverstand Anstoß: Wieso geht die Grille erst angesichts des Tempels in ihre abgehobene Gestalt ein, spricht sich im Begriff des »geschichtlichen Volkes« nicht ein Nationalismus aus? Der zweite Vorwurf läßt sich leicht widerlegen, wenn man sich vor Augen hält, daß Heidegger in seiner Abhandlung über »Bauen, Wohnen, Denken« den Schwarzwaldhof auf eine ganz ähnliche Weise charakterisiert wie den Tempel. An dieser Stelle heißt es nämlich, hier habe die Inständigkeit des Vermögens, Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen einfältig in die Dinge einzulassen, das Haus gerichtet. Sie habe dem »Herrgottswinkel« einen Platz eingeräumt und auch den »geheiligten Plätzen für Kindbett und Totenbaum, so heißt dort der Sarg«, und so habe sie »den verschiedenen Lebensaltern unter einem Dach das Gepräge ihres Ganges durch die Zeit vorgezeichnet.« (Martin Heidegger, Bauen, Wohnen, Denken, 1951, in: Vorträge und Aufsätze, 1954, S. 161).“ (Ebd., 2002, S. 323-325).

„Offenbar ist für Heidegger eine »weltende« Welt nur diejenige, in welcher der Mensch Bedeutsames, »Existenzerhellendes« erfährt, und erlebt »weltlos«, wenn er sich vor eine schlechthin unüberschaubare Fülle von bloßen und im Grunde gleichgültigen Gegenständen gestellt sieht. Von daher resultiert der äußerst negative Klang, mit dem Heidegger wieder und wieder die moderne Welt kennzeichnet: die moderne Wissenschaft bereite einen »Angriff auf das Leben und auf das Wesen des Menschen vor«, und dieser negative Klang kommt vielleicht am erstaunlichsten in der Feststellung zum Vorschein, der kosmische Raum sei weltlos und der Mond verschwinde als Mond, wenn er von den Astronauten betreten werde, denn er gehe nicht mehr auf noch unter. Ist Heidegger mithin nicht als »Reaktionär«, als »Bauernphilosoph« zu bezeichnen und im besten aller Fälle als Verteidiger der »Menschenwelt« , die auf diese oder jene Weise immer eine »Welt der Kunst« ist, gegen die Wissenschaftswelt der modernen Grenzenlosigkeit und Flächigkeit? Oder spricht nicht doch ein Denker höchsten Ranges, wenn er 1967 in einem Athener Vortrag genau dasselbe sagt, was heute junge Informatiker und Biophysiker mit großer Lautstärke für die nahe Zukunft in Aussicht stellen: daß der Unterschied zwischen den automatischen Maschinen und den Lebewesen verschwindet. (Martin Heidegger, Denkerfahrungen 1910-1976, S. 142). Eine »Computerkunst« ist für Heidegger also der schroffste Gegensatz zu der »menschlichen Kunst« und zu den »menschlichen Welten«, in welche diese Kunst hineingehört.“ (Ebd., 2002, S. 325).

„Die innere Bezogenheit von Kunst und geschichtlichen Menschenwelten ist mithin das unterscheidende Kennzeichen von Heideggers »Philosophie der Kunst«, und sie könnte auch dann eine richtige, tiefdringende Einsicht darstellen, wenn diese geschichtlichen Welten vor dem Andrang einer nivellierenden »Weltzivilisation« zum vollständigen Untergang verurteilt wären, denn dann wäre auch die Kunst dem Untergang geweiht und Heidegger hätte nur jene Hegelsche These verschärft.“ (Ebd., 2002, S. 325-326).

„Aber ich bin über das erste Beispiel hinweggegangen, das Heidegger im Kunstwerkaufsatz anführt, und gerade dieses Beispiel bringt ihn in eine gewisse Nähe zu Jawlensky, der bisher in diesem Vortrag noch keinen Platz gefunden hat. Es handelt sich nämlich um das Gemälde van Goghs, das ein Paar Bauernschuhe darzustellen scheint. Nach Heidegger liegt hier jedoch so wenig eine bloße Abbildung vor wie bei jenem griechischen Tempel. Dieses Paar Bauernschuhe ist nämlich im Werke van Goghs ganz »welthaft«. Ich zitiere: »In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeugs ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauher Wind steht. Auf dem Leder liegt das Feuchte und Satte des Bodens. .... In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifenden Korns und ihr unerklärtes Sichversagen in der öden Brache des winterlichen Feldes. ....« Innerhalb der Fülle der Bezüge, die das Schuhzeug aufweist, ist die Bäuerin »ihrer Welt gewiß«. Aber das Zeug unterliegt der Abnützung und wird zu einem gewöhnlichen »bloßen Zeug«. Erst das Gemälde van Goghs ist »die Eröffnung dessen, was das Zeug, das Paar Bauernschuhe, in Wahrheit IST. Dieses Seiende tritt in die Unverborgenheit seines Seins heraus. .... Das Sein des Seienden kommt in das Ständige seines Scheinens.« (Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, 1935, a.a.O., S. 22ff.).“ (Ebd., 2002, S. 326).

„Und wieder meldet der gewöhnliche Menschenverstand seine Bedenken an. Wie ist dieses erste Beispiel mit jenem zweiten des Tempels in Übereinstimmung zu bringen? Van Goghs Gemälde hängt ja in einem Museum an der Seite von Gemälden anderer Maler, die ganz andere Gegenstände darstellen, wenngleich vermutlich nicht als isolierte Dinge, sondern ebenfalls in ihren Weltbezügen. Keins dieser Gemälde ist Teil der geschichtlichen Lebenswelt eines Volkes oder einer Kultur wie der griechische Tempel oder der mittelalterliche Dom, zu dem allerdings zahlreiche einzelne Statuen und Gemälde als notwendige Bestandteile gehörten. Aber ein Museum ist kein Tempel und keine Kathedrale, es vereinigt nicht Menschen vielfältiger Art in gemeinsamer Gläubigkeit und zu gemeinsamem Handeln, Nur einzelne Betrachter wenden sich den einzelnen Werken zu, und nur als Einzelne oder im Gespräch kleiner Kreise können und sollten sie sich das »Welthafte« der Gemälde oder der Skulpturen vergegenwärtigen. So wäre Heideggers Philosophie der Kunst in erster Linie auf die offenkundig welthafte Kunst der Tempel, Kathedralen und antiken oder mittelalterlichen Städte bezogen und böte im Hinblick auf die bildende Kunst der Moderne, die ihren Platz in Museen und Privatsammlungen findet, allenfalls erhellende Hinweise zur Erschließung der welthaften Bezüge, die keinem Kunstwerk fehlen.“ (Ebd., 2002, S. 326-327).

„Es mag uns einen Schritt weiterbringen, wenn wir uns fragen, welche persönlichen Beziehungen Heidegger zu Malern und Bildhauern hatte. Für seine Frühzeit und noch für seine mittlere Lebensperiode sind solche Beziehungen nicht bekannt, aber seine letzten Jahrzehnte sind davon in starkem Maße bestimmt. (**). Eine wesentliche Voraussetzung war die Entstehung eines engen Verhältnisses zu Frankreich und zumal zur Provence, das ihm hauptsächlich durch Jean Beaufret vermittelt wurde. Beaufret selbst erzählt, Heidegger habe 1958 in Aix-en-Provence gesagt: »Hier habe ich den Weg Cézannes gefunden, dem mein eigener Denkweg von Anfang bis Ende auf seine Weise entspricht.«“ (Ebd., 2002, S. 327).

„François Fédier wiederum berichtet von einem späteren Besuch Heideggers in der Provence folgendes: »Heidegger setzt sich auf einen Steinblock. Er schaut. .... Er blieb still, der Sainte-Victoire gegenüber, das Gebirge anblickend. Lange saß er so. Wie lange, könnte ich nicht sagen: Diese Zeit ist nicht zu messen. Ich liebe den Gestalteneinklang meines Vaterlandes, sagte Cézanne. Diesen Einklang nahm Heidegger wahr -was am schwersten zu vollziehen ist. Denn es verbirgt sich darin die unscheinbare Einheit der Welt, ihre Innigkeit, das Sein selbst.« (François Fédier, Andenken .... In Erinnerung an Martin Heidegger, 1977, S. 79-85, hier: S. 11 und 85). Offenbar liebte Heidegger die Gemälde Cézannes vom Bergmassiv der Sainte-Victoire besonders, aber allem Anschein nach war er weit darüber hinaus mit dem Gesamtwerk Cézannes gut bekannt. Georges Braque lernte er persönlich kennen, denn er besuchte ihn in seinem Atelier in Varengeville, und spontan ent wickelten sich, wie gegenüber dem Dichter René Char, Verständnis, Sympathie und Freundschaft. Sehr vertraut war Heidegger mit den Werken von Paul Klee, dessen »Silbermondgeläute« zu seinen liebsten Bildern zählte, und ein bekannter Klee-Spezialist äußerte sich dahingehend, niemand könne besser die Bedeutung Klees würdigen als Heidegger. Ein besonders enges und freundschaftliches Verhältnis hatte Heidegger zu dem baskischen Bildhauer Eduard Chillida, und vor einer von dessen Plastiken stellte er als Frage, was er zuvor schon manches Mal durch eine apodiktische Aussage beantwortet hatte: »Kann der physikalisch-technisch entworfene Raum, wie immer auch er sich weiterhin bestimmen mag, als der einzig wahre Raum gelten? Sind, mit ihm verglichen, alle anders gefügten Räume, der künstlerische Raum, der Raum des alltäglichen Handelns und Verkehrs, nur subjektiv bedingte Vorformen und Abwandlungen des einen objektiven kosmischen Raumes?«  Seine Antwort lautet hier, daß die Skulpturen Chillidas, Bernhard Heiligers und anderer zwar keinen Widerstand gegen »die Zerstörung der Dinge und damit des menschlichen Welt-Raums« zu leisten vermöchten, wohl aber zu einer Distanzierung gegenüber dem für absolut gesetzten Raum der Naturwissenschaft verhelfen könnten, der diesen »in seiner eigenen Relativität, in seiner eigenen Ortlosigkeit« erfahrbar werden lasse. Und gerade von hier aus kommt ein Grundmotiv Heideggers besonders klar zum Vorschein: die »gewöhnlichen Dinge« - »ein Baum, ein Berg, ein Haus, ein Vogelruf« - ihrer Gewöhnlichkeit zu entkleiden und sie als das Außerordentliche sichtbar zu machen, das sie SIND. Damit aber steht er den Künstlern weitaus näher als den Wissenschaftlern, und man ginge vielleicht nicht in die Irre, wenn man behauptete, Heideggers Philosophie sei nicht nur in einzelnen Kapiteln und Aufsätzen, sondern in ihrem Kern eine Philosophie der Kunst, d.h. eine Philosophie, die das unvergängliche Recht der Kunst begründet und verteidigt. Von der »Kunstgeschichte« freilich ist das weit entfernt, und meines Wissens hat Heidegger Schulbezeichnungen wie »Impressionismus«, »Expressionismus«, »Fauvismus« und »Kubismus« nie in den Mund genommen. Aber schon seine jahrzehntelange Freundschaft mit den Kunsthistorikern Hans Jantzen und Ernst Buschor vermag die Annahme zu stützen, daß er sich auch im Bereich der Malerei besser auskannte, als die relativ wenigen persönlichen Bekanntschaften mit Künstlern erkennen lassen. Der Name Alexej von Jawlensky taucht jedoch, so weit ich sehe, nirgendwo auf.“ (Ebd., 2002, S. 327-328).

„Aber auch Jawlensky erwähnt Heidegger meines Wissens nirgendwo, jedenfalls nicht in seinen Lebenserinnerungen. Doch ebenso, wie Heidegger enge innere und auch äußere Beziehungen zu Künstlern hatte, die für Jawlensky ebenfalls viel bedeuteten - Cézanne, Braque, Klee -, so gibt es mindestens einen Punkt, wo Jawlensky ganz in die Nähe Heideggers gelangt, und das ist seine Freundschaft mit Jan Verkade, jenem Malermönch aus der Abtei Beuron, der den Ordensnamen Willibrord trug. Verkade hatte 1905 monatelang in Jawlenskys Münchener Atelier gearbeitet, und einige der aufschlußreichsten letzten Briefe Jawlenskys aus dem Jahre 1938 sind an ihn gerichtet. Heidegger stand seinerseits in engen Beziehungen zum Kloster Beuron, das er häufig aufsuchte. So nähern sich die Kreise des Lebens von Heidegger und Jawlensky fast bis zur Berührung, aber zu einem direkten Kontakt kommt es nicht, und das Thema »Heidegger und Jawlensky« kann nicht so verstanden werden wie die Themen »Heidegger und Braque« oder »Jawlensky und Rudolf Steiner« -Jawlensky hatte Steiner ja in München kennengelernt, und er muß dessen Aussagen über die »befruchtende Kraft der ewigen Urbilder der Dinge« gekannt haben.“ (Ebd., 2002, S. 328-329).

„Man könnte indessen auf die Suche nach Übereinstimmungen anderer Art gehen, welche die Verwendung des »und« rechtfertigen würden, denn sogar eine die Jahrhunderte übergreifende Fragestellung wie »Platon und Schelling« ist ja legitim. So ließe sich ein gemeinsamer Gegensatz gegen utopistische Konzeptionen herstellen, und im Hinblick auf Jawlensky könnte man die Maler der »Brücke« nennen, mit denen er ja unter einem anderen Gesichtspunkt als ein wichtiger Vorkämpfer der »Moderne« und als Angehöriger der Neuen Künstlervereinigung München sowie des »Blauen Reiters« zusammengehört. Aber jene Vorstellung von der befreiten und harmonischen Natürlichkeit der Zukunft, welche die vielen Akte von Badenden und Tanzenden bei Heckel, Kirchner und Pechstein prägt, fehlt bei Jawlensky, und es fehlen auch die Kontrast- und Gegenbilder wie »Der Mörder« von Ernst Ludwig Kirchner und gar »Der Lustmord« von Otto Dix. Für Heidegger wiederum war die Zukunft der Menschheit nicht wie bei Marx als befreite und konfliktlose schon in der Unterdrückung und Entfremdung der Gegenwart angelegt, sondern sie resultiert aus der »Schickung des Seins« und läßt sich weder durch Entgegensetzung noch durch Verlängerung aus der Gegenwart errechnen. Beide haben ein kritisches Verhältnis zu Modernität und urbaner Zivilisation - wie übrigens auch die Maler der »Brücke« und nicht zuletzt Wassilij Kandinsky und Franz Marc -, und doch sind beide nicht nur Repräsentanten, sondern Vorkämpfer der »modernen Kunst« bzw. der »Philosophie der Gegenwart«, und wenn sie von ihren Gegnern »Reaktionäre« genannt werden, so gelten sie den Kunsthistorikern und den Geschichtsschreibern der Philosophie doch mit Recht als »Revolutionäre«. Zu den politischen Revolutionen der Epoche haben sie ein unklares und widerspruchsvolles Verhältnis, das man nicht selten »unpolitisch« genannt hat: Jawlensky verliert wie Marianne von Werefkin durch die bolschewistische Revolution sein Vermögen, und er erzählt in Randbemerkungen von einzelnen Bekannten, die »von den Bolschewisten erschossen« wurden, aber dann sieht er sich von den Nationalsozialisten als einer der »Kulturbolschewisten« angeprangert, ja der »Entarteten Kunst« zugezählt, und er versichert sich selbst voller Erstaunen, daß er doch weder im Leben noch in der Kunst ein Bolschewist sei. Heidegger wiederum ist in viel stärkerem Maße von Furcht vor dem Bolschewismus erfüllt, mit dem er 1928 bei einer Vortragsreise im Baltikum in nähere Berührung gekommen war, und er engagiert sich 1933 auf die allbekannte Weise für Hitler und den Nationalsozialismus, aber er distanziert sich schon nach kaum mehr als einem Jahr auf klar erkennbare Art.“ (Ebd., 2002, S. 329-330).

„Es gibt eine noch tiefere Entsprechung, welche die Verwendung des »und« rechtfertigt, und darauf werde ich zum Schluß zu sprechen kommen. Zunächst ist die Frage aufzuwerfen, ob Heideggers Aussagen über das Wesen der Kunst und weiterhin jene philosophischen Konzepte, die ich zu Beginn umrissen habe, für die Interpretation von Werken Jawlenskys dienlich sein können. Vorgreifend ist festzustellen, daß jene »welthafte« Deutung Heideggers, als deren Beispiel er den griechischen Tempel wählte, für die Malerei nur dann zutreffend sein kann, wenn es sich um Altarbilder und Ähnliches handelt. Aber auch seine Auslegung des Gemäldes von van Gogh war »welthaft«. Für Jawlenskys Selbstverständnis wiederum überschritt die Kunst von Anfang an und notwendigerweise die Sphäre des isolierten Gemäldes und der isolierten Skulptur. Von seinem ersten Besuch in der Tretjakov-Galerie schreibt er: »Das war für mich ein großes Erlebnis. Ich war wie in einem Tempel«, und während der Arbeit an den »mystischen Köpfen« äußerte er sich folgendermaßen: »Meiner Ansicht nach ist das Gesicht nicht bloß das Gesicht, sondern der ganze Kosmos. Im Gesicht offenbart sich das Universum.«“ (Ebd., 2002, S. 330).

„Unter kunsthistorischen Aspekten brauche ich über das Werk Jawlenskys nichts zu sagen - nichts zum Ausgangspunkt der russischen Schule der »Wanderer« um Ilja Repin, nichts über seine Beziehung zu Marianne von Weretkin oder über die Vorgeschichte des Blauen Reiters, nichts über die Entwicklung der abstrakten Malerei in den Spuren von und in Parallele zu Wassilij Kandinsky, nichts über die »Heilandsgesichter« und das Spätwerk, auf das ich im nächsten Schritt allerdings noch näher eingehen werde. All das ist in diesem Kreise offenbar im reichsten Maße geschehen, und ich würde nur Eulen nach Athen tragen. Ich wähle vielmehr einige wenige Werke Jawlenskys aus und suche die Begriffe Heideggers bzw. genereller der Philosophie der Kunst auf sie anzuwenden.“ (Ebd., 2002, S. 330).

„Das frühe Porträt »Anjuta« von 1893 kann noch als »imitatio naturae« gelten; es unterscheidet sich nicht grundsätzlich, wenngleich in der größeren Sparsamkeit des Beiwerks, von Repins Porträts des Grafen Iwan Tarxanov oder der Gräfin Natalia Golovina der Jahre 1892 bzw. 1896. »Helene im spanischen Kostüm« von 1901 betont durch den langen roten Rock und den roten Schal die Farbe in ungewöhnlichem Ausmaße, während die Gesichtszüge ein wenig verschwimmen und die großen Augen besonders hervortreten.“ (Ebd., 2002, S. 330-331).

„Das Landschaftsbild »Bei Ansbaki« von 1902 ist schon kein Abbild, keine Schilderung mehr, aber der Himmel, die große Wiese und der Rand des Kornfelds im Vordergrund weisen die natürlichen Farben Blau, Grün und Braun auf, es kommt offenbar nicht auf »diese« Landschaft an, sondern auf Landschaft überhaupt in ihrem Anderssein gegenüber allem Menschlichen und insbesondere der Stadt. Das Allgemeine wird im Konkreten wahrnehmbar, platonisch gesprochen: die Idee, das Urbild, zeigt sich mit ten im Seienden als ein Seiendes, das ganz anders ist, als die geglückteste Farbphotographie es darzustellen vermöchte.“ (Ebd., 2002, S. 331).

„Im »Gelben Klang (Murnauer Sonnenuntergang)« von 1909 sind Bäume und Dächer höchstens andeutungsweise wahrzunehmen, die Farben stimmen mit den vorstellbaren Dingen der Natur und der Architektur nur teilweise überein, es handelt sich um ein Fest der Farben, so etwa könnte die Murnauer Landschaft, ja die Erde im ganzen für ein Wesen aussehen, das die Farbigkeit der Welt viel besser wahrnehmen würde als ihre Figuration und als die Fülle ihrer Einzelheiten. Gewiß liegt eine Abstraktion vor, aber eine Abstraktion hin zum Wesentlichen, genauer: zu einem Wesentlichen, eben der Farbigkeit.“ (Ebd., 2002, S. 331).

„Völlig anders als das Porträt der »Anjuta« ist das Bild der buckligen Frau von 1911. In dem verbogenen, vollständig in Rot gehaltenen Oberkörper und in der Traurigkeit der großen Augen kommt das ganze Leid der Menschheit zum Vorschein, kein schreiendes und häßliches, sich in den Vordergrund drängendes Leid, sondern die Ergebung in den übermächtigen Lauf der Welt, der das Leid und das Unnormale ebenso hervorbringt wie die Freude und das Gesunde. Man kann dieses Bild lange betrachten, und man erschöpft es nicht, obwohl nur wenig an auffallenden Details aufzuweisen ist, etwa die großen roten Flecken auf dem Gesicht und die unnatürliche Mischung von Blau mit Schwarz in den Haaren.“ (Ebd., 2002, S. 331).

„Noch mehr stilisiert und vereinfacht ist »La Cocotte« von 1912. Nur zwei senkrechte parallele Striche deuten die Nase an, und stärker betont sind die nach unten offenen Dreiecke der Augenbrauen, die dunklen Schlitze der schräg gestellten Augen und vor allem die vollen, aber nicht eigentlich sinnlich wirkenden Lippen. Nicht das Voluptuöse der Dirnenhaftigkeit tritt hervor, sondern die zugleich überlegene und verzweifelte Distanz zu den Liebhabern, die sowohl ausgenützt wie geringgeschätzt werden. EIN Kennzeichen der runden Realität ist herausgegriffen, aber ein meist wenig beachtetes und gleichwohl wesenhaftes.“ (Ebd., 2002, S. 331-332).

„Abstraktion und Stilisierung gelangen zu einem frühen Höhepunkt in »Abstrakter Kopf: Urform« von 1918. »Urform« erinnert nicht zufällig an »Urbild«, aber dieses Urbild schließt alles aus, was leicht erkennbar ist, denn das zweite Auge ist nicht, wie das erste, kaum auch nur angedeutet; die Nase ist nichts als ein schwarzer Strich und der Mund ein gelbschwarzer. Wenn Gott nach Augustinus alles »nach Zahl und Maß« angeordnet hat, könnte ihm ein solcher Kopf vorgeschwebt haben, dem alles Schwellende und Blühende fehlt, das bei einer »imitatio naturae« wahrnehmbar sein würde. Aber darf man sagen, in diesem Kunstwerk werde, um Romano Guardini zu zitieren, »das Ganze des Daseins, das sonst nicht erkennbar ist, fühlbar«! Indessen darf man, obwohl die Farben nur sparsam verwendet sind, vielleicht einen Satz von Cézanne anführen, der einmal gesagt hat, weil die Farben »aus den Wurzeln der Welt« aufstiegen, seien sie der Ort, »wo unser Hirn und das Universum sich begegnen«. Noch unmittelbarer zutreffend scheint dieser Satz angesichts der vielfältigen und rätselhaften, dennoch weiterhin geometrisierten Farbigkeit eines Gemäldes von 1933 zu sein, das den Titel »Abstrakter Kopf: Weltherrschaft« trägt.“ (Ebd., 2002, S. 332).

„Ich schließe die Reihe zunächst mit dem »Großen Stilleben« von 1937 ab: »Erinnerung an den Sommer«. In diesen noch zu voller Kraft aufleuchtenden, nach einem Lieblingswort Jawlenskys »glühenden« Farben waltet gleichwohl keine in sich ruhende Gegenwart, sondern das bevorstehende Vergehen ist schon spürbar, und die Erinnerung an den vergangenen Sommer wird wach: die drei Dimensionen der Zeit sind also versammelt, und insofern ist die ganze Welt gegenwärtig.“ (Ebd., 2002, S. 332).

„“Das »und« in der Wendung »Heidegger und Jawlensky« kann mithin so verstanden werden, daß die Anwendung Heideggerscher Konzeptionen und Begriffe auf die Kunst Jawlenskys, d.h. ihre Kraft der Erschließung, gemeint ist. Ich glaube, daß die immanente Frage zu bejahen ist, so sehr ich mir des Unzureichenden meines eigenen Vermögens und meiner Kenntnisse bewußt bin. Aber ich glaube, daß diesem »und« noch eine andere und tiefere Bedeutung zugeschrieben werden kann, als sie in der Entsprechung gewisser Lebensumstände und Überzeugungen aufgewiesen worden ist. (Ebd., 2002, S. 332).

„In seinen Lebenserinnerungen erzählt Jawlensky von einer Kindheitserfahrung, die ihn tief ergriffen habe. Als er neun Jahre alt war, habe seine Mutter ihn in eine polnische Kirche nahe der preußischen Grenze mitgenommen, »in der sich eine berühmte Ikone einer wundertätigen Muttergottes befand .... Als wir kamen, war das Bild mit einem goldenen Vorhang verhüllt. Auf dem Boden lagen viele Bauern und Bäuerinnen wie gekreuzigt mit ausgestreckten Armen. Es war sehr still. Plötzlich zerrissen starke Posaunenklänge die Stille. Ich erschrak schrecklich und sah, wie der goldene Vorhang zurückging und die Muttergottes in goldenem Gewand erschien.« (Alexej von Jawlensky, Lebenserinnerungen, S. 105). Offenbar hat Jawlensky diese frühe Erfahrung nie vergessen und nie verleugnet; Ikonen scheinen ihm während seines ganzen Lebens vorgeschwebt zu haben, und sie waren sicher mitgemeint, als er später schrieb, er habe verstanden, daß Kunst nur mit religiösem Gefühl gemacht werden solle, und von sich selbst sagte: »Meine russische Seele war immer nahe der altrussischen Kunst«. Das großartigste Zeugnis dessen sind seine spätesten Werke, die Reihe der »Meditationen«, im Kampf gegen die voranschreitende Krankheit unter größten Anstrengungen gemalt und von einfachstem Aufbau: mit dem großen dunklen Doppelkreuz als Zentrum und mehrfarbigen Pinselstrichen, welche die Kennzeichen eines Gesichts aufs sparsamste andeuten. Diese Gemälde sind das Gegenteil aller »imitatio«, und wer vor der »Meditation« von 1934, die den Titel trägt »Ikonostase, wo das Ewige Licht leuchtet«, nicht selbst zur Meditation hingezogen wird, ist eines solchen Aktes nicht fähig. Jawlensky malte diese Bilder, wie glaubwürdig berichtet wird, mit der Inbrunst der russischen Ikonenmaler. Und dennoch sind sie keine Ikonen, denn nirgendwo ist die Gottesmutter und ist das Jesuskind auch nur in Andeutungen erkennbar. Wenn es erlaubt ist, eine bekannte Definition abzuwandeln, so könnte man sagen: Es ist altrussische Kunst, gesehen und umgestaltet durch ein modernes Temperament.“ (Ebd., 2002, S. 332-333).

„Martin Heidegger wuchs in der von Schlössern, Domen und Abteien geprägten Umwelt auf, und in der Sankt Martinskirche zu Meßkirch, wo sein Vater der Küster war, konnte er ein Kunstwerk sehen, das in einem durchsichtigen Sarg das Skelett eines vor langer Zeit verstorbenen Ritters zeigte. Noch in seiner Habilitationsschrift wollte er eine »Philosophie der verehrenden Gottinnigkeit« entwickeln. Aber gegen Ende der 1920er Jahre galt der junge und schon weitbekannte Philosophieprofessor als Verkörperung des nihilistischen Geistes der Weimarer Republik, und in »Sein und Zeit« ist in der Tat an keiner Stelle von »Gott« oder von »Religion« die Rede. Einer seiner Schüler erzählte jedoch, daß Heidegger auch in jenen Jahren bei den gemeinsamen Wanderungen jede Kapelle betrat, auf die man in der Schwarzwaldeinsamkeit traf und daß er sich dort bekreuzigte. Auf die erstaunte Frage, weshalb er das tue, da er sich doch nicht einmal einen »Christen« nenne, habe er geantwortet: in diesen Kapellen sei die jahrhundertealte Frömmigkeit des Volkes so sehr spürbar, daß er sich ihr nicht entziehen oder entgegenstellen wolle. Und in seiner Spätphilosophie (**) stachen bald jedem Leser zahlreiche Wendungen ins Auge, die einen »religiösen« Charakter zu haben schienen, welcher sich manchmal sogar zum unverständlichen »Raunen« steigerte. Freilich war der Ton nicht eigentlich christlich, sondern eher griechisch-heidnisch. Ich führe nur ein einziges Beispiel an, und zwar aus dem Aufsatz »Das Ding«. Hier heißt es: »Im Wasser der Quelle weilt die Hochzeit von Himmel und Erde. .... Im Geschenk des Gusses, der ein Trunk ist, weilen nach ihrer Weise die Sterblichen. Im Geschenk des Gusses, der ein Trank ist, weilen nach ihrer Weise die Göttlichen. .... Heute ist alles Anwesende gleich nah und gleich fern. Das Abstandlose herrscht. Alles Verkürzen und Beseitigen der Entfernungen bringt jedoch keine Nähe. .... Nähe waltet im Nähern als das Dingen des Dinges. Dingend verweilt das Ding die einigen Vier, Erde und Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen, in der Einfalt ihres aus sich her einigen Gevierts. .... Die Sterblichen sind die Menschen. Sie heißen die Sterblichen, weil sie sterben können. .... Der Tod ist als der Schrein des Nichts das Gebirg des Seins. ..Die Sterblichen. ..sind das wesende Verhältnis zum Sein als Sein.« (Martin Heidegger, Das Ding, 1954, a.a.O., S. 163-181, hier: S. 171f., 176f.).“ (Ebd., 2002, S. 333-334).

„Das ist keine christliche Philosophie der verehrenden Gottinnigkeit, und doch stehen ihr diese rätselhaften, vielleicht bloß raunenden, für viele moderne Menschen geradezu abstoßenden Sätze weitaus näher als den schwierigen, aber im Grunde wasserklaren Überlegungen der analytischen Philosophie oder den hypothetischen Erwägungen der Kosmologie.“ (Ebd., 2002, S. 334).

„Jawlensky und Heidegger waren beide Söhne »Alteuropas« (zu »Alteuropa« gehört nur Heidegger, während Jawlensky m.E. noch nicht einmal zu »Europa«, sondern zu »Rußland« gehört; HB): der griechisch-russischen Orthodoxie der eine und des römisch-lateinischen Katholizismus der andere. Beide entfernten sich von ihren Ursprüngen und galten für eine Zeitlang als bedeutende Vorkämpfer der säkularisierten Moderne. Beide näherten sich im Alter diesen Anfängen wieder, ohne zu ihnen zurückzukehren. Aus Nähe und Distanz schufen sie ein unverwechselbares Spätwerk, das für viele Menschen wie kaum etwas anderes erhellend und für viele andere bis zur Erbitterung anstößig ist. Diese ihre Ähnlichkeit schließt bedeutende Unterschiede nicht aus, etwa den Unterschied zwischen dem weltberühmten Philosophen und dem nur im Kreise der Kunstliebhaber bekannten Maler. Sie reicht nicht einmal zur Individuierung aus, denn andere Denker und andere Maler schlugen einen immerhin vergleichbaren Weg ein. Aber sie ruft die Frage hervor, ob die Welt, in der wir leben, nicht in aller Wasserklarheit viel trüber wäre, wenn nur scharfsinnig-fortschrittliche Philosophen und lediglich »gesellschaftlich nützliche« Künstler in ihr lebten oder gelebt hätten. Und sie macht das »und« legitim, das in diesem Vortrag Philosophie und Kunst, Heidegger und Jawlensky sowohl miteinander verbinden wie voneinander trennen sollte.“ (Ebd., 2002, S. 334-335).

DANKREDEN UND ARTIKEL

Nationalbewußtsein und Europabewußtsein
(Dankrede zur Verleihung des Preises des „Tosón d'oro“ in Vasto am 05.07.1997)
„Erst viel später wurde mir der Begriff des »Liberalen Systems« geläufíg, welches in seinem Ursprung das »europäische System« des Neben- und Miteinanders geschichtlicher Kräfte ist, die zunächst den Gegner vernichten wollen und sich doch damit begnügen müssen, ihn zu schwächen und zurückzudrängen, um dann an seiner Seite einen Platz einzunehmen, der den eigenen Erwartungen nicht entsprach, der aber das Ganze reicher und vielfältiger sein läßt, als der Teil es mit seinem Abolutheitsanspruch je hätte sein können. So erging es dem Protestantismus, der Aufklärung, dem Positivismus und der Lebensphilosophie, und schon in der Einheit des »mittelalterlichen« Katholizismus gab es eine Spaltung oder - besser - eine Differenzierung zwischen Staat und Kirche, zwischen Monarchie und Adel, zwischen Bürgerstädten und Landbevölkerung. Bis in die jüngste Zeit ist keiner dieser Faktoren völlig untergegangen ....“ (Ebd., 2002, S. 340-341).

„Der Okzident, so erklären Vorkämpfer der Dritten Welt oder auch des islamischen Fundamentalismus, führe seit Kolumbus, ja seit den Kreuzzügen einen Eroberungskampf gegen den Rest der Welt, die er ausgebeutet habe und heute weiterhin ausbeute; der Fanatismus jüdischer Priester, so kann man bei radikalen Feministinnen und übrigens schon bei Voltaire und den französischen Blanquisten des 19. Jahrhunderts lesen, habe einen Ausrottungskampfgegen die Kanaaniter und deren lebensfreudige, nicht-asketische Religion in Gang gesetzt, die englischen Puritaner hätten die verhängsnisvolle Idee des »auserwählen Volkes« aus dem Alten Testament übernommen und die eingeborene Bevölkerung Nordamerikas nicht minder gnadenlos vernichtet, als es die spanischen Konquistadoren in Südamerika getan hätten, am »Megaholocaust« des Sklavenhandels hätten gerade Juden einen großen Anteil gehabt und heute seien Israelis, größtenteils Osteuropäer ihrer Herkunft nach, wie einst ihre Vorväter unter Josua, die entschlossenen Verfechter von Eroberung und Vertreibung.“ (Ebd., 2002, S. 343-344).

„Es wäre keine größere Ungerechtigkeit, kein schlimmeres Unglück vorstellbar, als ... wenn überall die Weltzivilisation der »Nachgeschichte« im Hochgefühl ihres Triumphes alles fortstieße, was sie für »antimodern« oder »archaisch« erklärt.“ (Ebd., 2002, S. 344).

„Die Geschichte des europäischen Adels ist voll von Persönlichkeiten, denen gegenüber die Politiker der Gegenwart als dürftige Figuren erscheinen ....“ (Ebd., 2002, S. 344).

„Und wo wären jene Kritiker, wenn es diesen Okzident im ganzen nicht gegeben hätte, der so etwas wie Kritik und Selbstkritik, ja auch Weltgeschichte überhaupt erst ins Dasein gerufen hat?“  (Ebd., 2002, S. 345).

„Der Versuch, Grenzen zu überschreiten, war und ist ein Kennzeichen von Europa selbst. Auch der Nationalsozialismus machte einen solchen Versuch der Grenzüberschreitung zum eigenen Vorteil, und darin ist das Aufbegehren eines Teils gegen das Ganze zu sehen. Dennoch verkörperte der Nationalsozialismus insofern ein historisches Recht, als er der wohlmeinenden Wahnidee des Bolschewismus, durch eine staatliche Planwirtschaft die Welt von dem bösen Prinzip des Privateigentums zu reinigen und die »schuldigen Klassen« zu vernichten, 1933 in Deutschland eine nie verwundene Niederlage beibrachte und 1941 von der möglichkeit stand, den Menschen und Völkern eines despotischen Imperiums die Freiheit zu verschaffen, die über ein halbes Jahrhundert später immerhin im Ansatz zur Wirklichkeit wurde.“ (Ebd., 2002, S. 345).

„Die Deutschen können so wenig ein ungebrochenes, ein naives Nationalbewußtsein zurückgewinnen, wie die Europäer zu eine Europabewußtsein gelangen können, das die antiokzidentale Kritik nur negiert hätte, Aber sie dürfen und müssen sich dagegen zur Wehr setzen, daß ihr Nationalbewußtsein statt einer tiefgehenden Wandlung der vollständigen Zerstörung unterliegt. Das gleiche gilt für das Europabewußtsein der Europäer, das vielleicht erst dann wieder an Kraft gewinnen kann, wenn Europa nicht mehr im Sog einer us-amerikanischen Weltherrschaft mitschwimmt, sondern bedrängt wird und sich unter Anstrengung behaupten muß.“ (Ebd., 2002, S. 345-346).

„Die Gleichförmigkeit, die sich heute ausbreitet und die auch diejenigen zu erschrecken vermag, welche durch ihren Widerstand gegen den Bolschewismus und den Nationalsozialismus migeholfen haben, ihr den Weg zu bereiten, trägt den Namen »Globalisierung« und ist (die abendländische Geschichte selbst; HB) eine Wirklichkeit, die aus der europäischen Geschichte hervorgegangen ist und doch für Europa gefährlicher sein könnte als alle Kritik von Antiimperialisten und Feministinnen. Die Göttin dieser neuen Wirklichkeit heißt »der Weltmarkt«, und man könnte sie auch ... die »liberale Revolution« nennen. Ihre Tendenz geht dahin, aus Staatsbürgern und Angehörigen bestimmter Kulturen bloße Individuen zu machen (**), die in dem Streben nach Lust und Wohlergehen miteinander konkurrieren .... Unweigerlich gibt es in diesem Ringen »Verlierer« und »Gewinner« .... Wenn der Kommunismus sich von jener Wahnidee befreit hat, er könne die Masse der Verlierer zu Siegern machen, indem er den Markt abschaffe, wenn er also einsieht, daß ohne Markt und gegen den Markt bloß die Fortschritte einer quasi-militärischen Mobilisierung zu erzielen sind, dann kann er sich von seiner gewalttätigen Realisierung im Jahre 1917 lösen und zum Helfer und Beschützer der »Verlierer« werden, wie es der ursprünglichen Intention jeder »Linken« entspricht. Für eine solche Hilfe ist indessen der Nationalstaat unentbehrlich, und als neue Linkspartei werden die Kommunisten und ihre Verbündeten »National-Sozialisten« sein müssen, aber National-Sozialisten mit einem Bindestrich zur Unterscheidung von dem historischen Phänomen des deutschen Nationalsozialismus, der in Wahrheit ein aggressiver und antijüdischer Nationalexpansionismus und insofern ein Radikalfaschismus war. Dann wäre der National-Sozialismus zum Bestandteil des Systems geworden wie ebenfalls der Kommunismus und wie einst der Protestantismus, und nicht zum Nachteil des Systems.“ (Ebd., 2002, S. 346-347).

„Aber nicht nur die Nationen und vornehmlich die »Verlierer« innerhalb der Nationen bedürfen des Schutzes gegen die bloß formell regulierte Übermacht des Weltmarktes als des unendlich bewegten Wechselspiels höchst ungleichgewichtiger Egoismen kollektiver und individueller Natur, sondern auch die Kulturen. So gewiß sie über zähe Lebenskräfte verfügen, so gewiß ist ihre Existenz nicht ohne das Engagement von Menschen zu sichern, die von jenem Kulturbewußtsein erfüllt sind, zu dessen Erscheinungsformen auch das Europabewußtsein gehört. Es kann sich nirgendwo gegen die Globalisierung und das Bewußtsein der einen Welt und der einen Menschheit behaupten, sondern es gewinnt sein unveräußerliches Recht heute erst dann, wenn es Globalisierung und Weltbewußtsein zu einer selbstverständlichen, aber in sich selbst nicht genügenden Basis macht. Nur jene Gruppen, die jenseits dieser »Basis«, welche eigentlich ein Resultat ist, den » Überbau« einer eigenständigen Kultur aufrechtzuerhalten und fortzuentwickeln mögen, dürfen im vollen Sinne »menschlich« heißen.“ (Ebd., 2002, S. 347).

„Lassen Sie mich mit einer metaphorischen Wendung zum Schluß kommen, die, nachdem so viel an Kritik wiedergegeben worden ist, einen nun wohl erlaubten Schritt in die Gegenrichtung tun: Eine amerikanische Bekannte sagte einmal zu mir: »Ich reise jedes Jahr nach Europa; denn Europa ist das Juwel der Welt«. Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß es sich um ein Juwel besonderer Art handelt, nicht um ein leuchtendes Ding, sondern um einen vielfältigen Prozeß, zu dem auch nicht wenig an Tadelnswertem, ja Schrecklichem gehört, der aber eine ganz außerordentliche Fülle von herrlichen und zeitüberdauernden Vergegenständlichungen hervorgebracht hat. Wie sollten wir diesen einzigartigen Vorgang leugnen dürfen zugunsten eines Prozesses, der weiter nichts als ein Prozeß und möglicherweise in letzter Konsequenz todbringend ist, weil er die Natur außerhalb des Menschen und innerhalb des Menschen selbst angreift und tendenziell zerstört. Da das Goldene Vlies als das Symbol für den, wie man sagen könnte, europäischen Juwelprozeß angesehen werden darf, in den wir uns hineinstellen und den wir gegen unberechtigte Angriffe verteidigen wollen, ist es für mich eine große Freude und eine hohe Ehre, diesen Preis entgegenzunehmen.“ (Ebd., 2002, S. 347-348).

Konrad-Adenauer-Preis 2000 für Wissenschaft
(Dankrede zur Verleihung des Preises des Konrad-Adenauer-Preises für Wissenschaft der Deutschland-Stiftung in München am 04.06.2000)
„Die Deutschland-Stiftung gibt mit der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises für Wissenschaft zu erkennen, daß sie die Urteile von Marcel Reich-Ranicki und Jürgen Habermas für falsch und mindestens für einseitig hält. Sie legt mithin den außergewöhnlichen Mut an den tag, von der Hauptströmung des gegenwärtigen intellektuellen Lebens in Deutschland abzuweichen und denjenigen Historiker zu ehren, der durch das einmutige Zusammenwirken von nahezu allen Trägern dieser Strömung aus dem öffentlichen Leben Deutschlands entfernt und zu einer »Unperson« gemacht worden ist. Dafür gebührt ihr Respekt und Dank. Ich muß aber vor allem begründen, weshalb ich das Urteil der Stiftung für richtig halte, und ich muß darlegen, worin ich den Kern der Differenz sehe, die zu persönlichen Animositäten keinen Anlaß geben sollte.“ (Ebd., 2002, S. 350).

„Von meiner Familientradition her stand ich einem abweichenden Konzept ... nahe, nämlich dem katholisch-großdeutschen, wie es etwa im Bismarck-Reich von Konstantin Frantz, ... von Friedrich Wilhelm Foerster und in der Gegenwart der entstehenden Bundesrepublik von Franz Schnabel repräsentiert wurde.“ (Ebd., 2002, S. 350).

„Ich ... konnte ... mich nicht mehr ... der Einsicht verschließen, daß die KPdSU die früheste und stärkste Vernichtungsorganisation des 20. Jahrhunderts war und das die antionalsozialistische Partei eine spätere und weniger umfassende Entsprechung darstellte .... heute kann sich auch der entschiedenste »Linksintellektuelle« aus den Erinnerungen von Lew Kopelew leicht ein Bild davon machen, was die früheste »Säuberungsideologie« des 20. Jahrhunderts war und was für grauenhafte Handlungen die Akteure mit gutem Gewissen begehen mochten. Jedenfalls muß allen, die sich in die frühen Äußerungen Hitlers und seiner nächsten Gefolgsleute über den Bolschewismus vertiefen - über die »Blutdiktatur in Rußland«, die »Schlachthäuser der Tscheka«, die »Ausrottung der nationalen Intelligenz«, den »Massenmörder Lenin« - der Eindruck sich aufdrängen, daß die späteren Massenmörder von Empörung, Angst und Erbitterung im Hinblick auf frühere Massenmorde erfüllt waren ....“ (Ebd., 2002, S. 351-352).

„Gewiß war die »kollektivistische Schuldzuschreibung«, welche die Nationalsozialisten vornahmen, ganz verfehlt und die durchsichtige Umkehrung jener dialektischen Schuldzuschreibung, die der Marxismus gegenüber dem »kapitalistischen System« und »den Kapitalisten« vorgenommen hatte. Aber in meienn Augen verweigert man dem Judentum die Ehre, die ihm zusteht, wenn man nicht wenigstens darüber nachzudenken bereit ist, ob der nationalsozialistische »Antisemitismus« sich in seinem »rationalen«, nachvollziehbaren Kern nicht letzten Endes gegen dasjenige richtete, was für Ludwig Klages »der Geist als Widersacher der Seele« war und was man auch die »Intellektualisierung« als Grundzug der Geschichte nennen könnte.“ (Ebd., 2002, S. 352-353).

„... Konzeption des »europäischen Bürgerkrieges« und des ihn ablösenden »Weltbürgerkrieges« bis 1989/'91. Man könnte sie das siebente der Paradigmen zur Interpretation des 20. Jahrhunderts nennen - neben dem (1) positiven »germanozentrischen«, dem (2) negativen »germanozentrischen«, dem (3) marxistischen, dem (4) progressivistischen, dem (5) jüdischen und demjenigen der (6) strukturellen Totalitarismuskonzeption. Durch seine Mehr-Seitigkeit, die im Hinblick auf die Weltkriegsepoche vorwiegend Zwei-Seitigkeit bedeutet, steht dieses Paradigma, die (7) historisch-genetische Version des Totalitarismuskonzepts, dem negativ-»germanozentrischen« und dessen nachdrücklich bejahter Einseitigkeit am stärksten gegenüber, obwohl eine Ursprungsähnlichkeit nicht zu verkennen ist.“ (Ebd., 2002, S. 353).

„Das negativ-»germanozentrische« Paradigma (**) entwickelte sich seit etwa 1968 genau in die Gegenrichtung, und es verschmolz weitgehend mit dem jüdischen (**) ...; es tendierte immer mehr dazu, »Einzigartigkeit« als »Einzigkeit« oder als eine Art »Schwarzes Loch« zu verstehen, daß allen Begreifenwollen entzogen sei; es bildete sogar eine Quasi-Religion vom »absoluten Bösen« aus (es ist geanu das, was die Nationalsozialisten auch intendierten: der Versuch zur Etablierung einer Neu-Religion - in anderen Worten: die Vertreter des negativ-»germanozentrischen« und des jüdischen Paradigamas vollenden Hitlers Projekt [abartig!]; HB), die ... gegenwärtig dabei ist, sich zu univeralisieren und den ganzen Okzident, ja »die bisherige Geschichte« statt bloß den Nationalsozialismus zum Angriffspunkt zu machen.“ (Ebd., 2002, S. 353-354).

„Auch in diesem Angriff gibt es indessen einen »rationalen Kern«, nämlich die Erfahrung des unaufhaltsamen Übergangs zur »Weltzivilisation«, der aber um vieles komplizierter und konfliktreicher ist, als seine Ideologen es sich vorstellen, denn der Mensch ist nicht nur ein entgrenzendes, sondern auch ein Grenzen setzendes Wesen. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, daß die Menschheit sich am Ende des 21. Jahrhunderts (oder später; HB) auf eine Quasi-Religion geeinigt haben wird, in welcher der deutsche Nationalsozialismus den Teufel und sie selbst den Gott oder den Götterhimmel spielt, obwohl es sich dabei um ein (exaktes!) Gegenbild zu der Hitlerschen Quasi-Religion handeln würde.“ (Ebd., 2002, S. 354).

„Ich setze indessen genug Vertrauen in die Vernunft, um es für wahrscheinlicher zu halten, daß die historisch-genetische Version der Totalitarismustheorie (**|**) sich auf längere Sicht durchsetzen wird, da sie schon heute mit den künftigen Generationen die Distanz teilt, welche die Voraussetzung von Wissenschaft ist.“ (Ebd., 2002, S. 354).

„Ich breche ab, indem ish feststelle, daß die Entwicklung einer neuartigen, ungwohnten und als anstößig ampfundenen Interpretationsweise zweifellos in den Bereich der Wissenschaft, wenn auch nicht in denjenigen der fachhistorischen Forschung gehört und daß das gleiche für die Charakterisierung anderer Paradigmen sowie für die Richigstellung unberechtigter oder überspitzter Vorwürfe zutrifft. Aber es ist nicht unwissenschaftlich, wenn in diesem Zusammenhang auch praktische Postulate formuliert werden. Ich umreiße deren drei:
1.Die »kollektivistische Schuldzuschreibung«, welche ein Hauptkennzeichen des Nationalsozialismus war und dessen dauerhafteste - heute primnär gegen »Deutschland« gerichtete - Erbschaft ist, muß überwunden werden.
2.Wir sollten die Auffassung hinter uns lassen, daß immer das Ggenteil des vom Nationalsozialismus Erstrebten gut und richtig ist, denn auch eine im Ursprung völlig legitime Feindseligkeit kann innere Abhängigkeit zur Folge haben (des negativ-»germanozentrischen« und des jüdischen Paradigamas ja beweisen [**]; HB), und innere Abhängigkeit verschließt alle eigenen Wege.
3.Das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin bedeutet nicht nur die Monumentalisierung, sondern tendeziell auch die Äternisierung der Ein-Seitigkeit, welche der negativ-»germanozentrischen« Interpretation (**) innewohnt. Niemand hat je behauptet, daß sein Bau auf einer Mehrheitsmeinung der deutschen Nation beruht, er ist vielmehr das Werk einer selbsternannten »... Minderheit«. .... Einschränkung der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit ...
Niemand kann aber einzelne Deutsche und möglicherweise sogar eine Mehrzahl von nachdenklichen Deutschen und gleichgesinnten Ausländern daran hindern, gerade in dem Bewußtsein, daß eine »totale Erinnerung« ebenso widermenschlich ist wie ein »totales Vergessen«, die einseitige Erinnerung zu erweitern und das mahnmal ao anzusehen, als wäre es »allen Opfern ... des 20. Jahrhunderts« gewidmet und nicht zuletzt jenen Opfern, die am meisten vergessen und ohne Freunde sind.“ (Ebd., 2002, S. 353-354)

Die Rechte im Zusammenhang
(Von der FAZ erbetener und angenommener, jedoch nicht gedruckter Artikel vom Sommer 1994)
„Die Linke (aber nur als »Partei«! HB) ist also älter als die Rechte (aber nur als »Partei«! HB), und die Differenzierung der Rechten nimmt von derjenigen der Linken ihren Ausgang (das gilt selbstverständlich nur dann, wenn man beide als »Parteien« ansieht! HB [**|**]). Rousseau ist nicht bloß der Zeit nach früher als de Maistre.“ (Ebd., 2002, S. 356).

„Der sowjetische Kommunismus war dann mit seiner strikten Disziplin und klaren Hierarchie die am meisten rechte der linken Parteien, und der deutsche Nationalsozialismus stand zu einem Teil in der Nachfolge des demokratischen Radikalismus der Zeit des Vormärz, so daß er die Rechtspartei mit den meisten linken Zügen war.“ (Ebd., 2002, S. 357).

„Durch den Zusammenbruch des Kommunismus ... erhielt die Totalitarismustheorie aus der nun endlich offen hervortretenden Erfahrung von Intellektuellen und einfachen Menschen eine überwältigende Bestätigung. Ihre historisch-genetische Version (**|**) stellt den Zusammenhang heraus, der auch die deutsche Geschichte in ein neues Licht rückt, indem sie gleichsam das Schemaa der strukturanalytischen, der »klassischen« Version (**) in Bewegung bringt. Sie bedeutet keine moralische Relativierung, sondern eine historische Relationierung. Sie ist auch keineswegs revisionistisch, sondern integristisch, d.h. sie kann mit einigen Maßnahmen die »etablierte« Auffassung ... in sich aufnehmen, weil sie ein Bild von dem ideologischen Bürgerkrieg der staatlich verselbständigten Momente des Liberalen Systems zeichnet und dabei weder Unterschiede noch Verwurzelungen noch die Rolle der »westlichen Demokratien« übersieht. Sie legt allerdings die politische Folgerung nahe, daß die einst verselbständigten Extreme nach genuiner Verarbeitung der Erfahrungen des Jahrhunderts wieder in das System eingefügt werden sollen.“ (Ebd., 2002, S. 360).

Die Rechte und die Linke im »Liberalen System«
(Von der „Welt“ erbetener und angenommener, jedoch nicht gedruckter Artikel vom Sommer 2000)
„In einem ganz weiten Sinne ist schon jenes Aufbegehren eine Linke zu nennen, das in dem Aufruf des Thersistes zur Meuterei in der Ilias, in zahlreichen Wendungen der israelitischen Propheten und in der Aussage eines altägyptischen Arbeiters zum Vorschein kommt: »Der Wesir (Tjati) soll die Bretter selber tragen«. Über die Sklavenaufstände im Römischen Imperium und mittelalterliche Ketzerbewegungen geht dieses Aufbegehren (**) ....“ (Ebd., 2002, S. 361).

„Als politische Gruppierung mit fest umrissenem Programm und damit als Linke im eigentlichen Sinne tritt ein solches Aufbegehren erst mit der französischen Revolution ins Dasein, und zwar in Gestalt des radikalen Flügels der Jakobiner. Aber während bis dahin jedes Aufbegehren gegen »die Verhältnisse« von den Repräsentanten dieser Verhältnisse, nämlich »den Herrschenden«, mit großer Energie niedergeschlagen wurde, entstehen nun aus der Gesellschaft selbst Gruppierungen und Tendenzen, die den (Adels-)Staaten Schwäche bei der Bekämpfung der Jakobiner vorwerfen und sich selbst als Anti-Jakobiner oder Antirevolutionäre bezeichnen. Sie bilden die früheste »Rechte«. (**) .... Die französische Rechte macht sich schon bald den Begriff der »Nation« zu eigen, der eine Erfindung der Linken zu sein schien ....“ (Ebd., 2002, S. 361-362).

„Der ungeheure, zumal für linke Zeitgenossen niederschmetternde Eindruck, den der Nationalsozialismus machte, beruhte nicht zuletzt darauf, daß er die am meisten links stehende der rechten Parteien war, die revolutionärste Gestalt der Gegenrevolution, welche es bis dahin gegeben hatte: schroff national und doch als Rassenlehre tendenziell international, »Führerstaat« und »Volksgemeinschaft« in einem, von einem »Antisemitismus« geprägt, der fast ebenso viele linke wie rechte Züge aufwies.“ (Ebd., 2002, S. 362).

„Sein Hauptfeind wiederum, der in Rußland siegreiche Kommunismus, war offenbar die am meisten rechte der linken Parteien: internationalistisch, aber in schroff abgeschlossener Staatlichkeit (also tendenziell eher nationalistisch! HB); »demokratisch«, aber schon seit Lenin dem nahezu allmächtigen Parteiführer untergeordnet (also diktatorisch, ein »Führerstaat«, tyrrannisch! HB); marxistisch und antimarxistisch zugleich.“ (Ebd., 2002, S. 362).

„Der ideologische, nationenübergreifende Bürgerkrieg zwischen der in Deutschland zur Alleinherrschaft gelangten Rechten, die in den Augen des Fürsten Metternich eine Linkspartei gewesen wäre, und der in Rußland auf totalitäte Weise herrschenden Linken, die nach dem Urteil Bakunins eine Rechtspartei gewesen wäre, war das wichtigste Kennzeichen der Epoche.“ (Ebd., 2002, S. 362).

„Daß man heute zum »Kampf gegen rechts« aufruft und sich nicht mit der Forderung begnügt, die Schutzpflicht des Staates gegenüber allen Einbwohnern und Besuchern mit größerer Energie wahrzunehmen, ist in hohem Grade verdächtig. .... Der systemgerechte Lösungsversuch ist das gerade Gegenteil der in Vorschlag gebrachten Verbotsstrategie: das Wirken einer radikalen rechten Partei - wie das in Italien bereits der Fall ist - als einen notwendigen Bestandteil des vollständigen, des nicht-amputierten Parteienssystems anzuerkennen und sie in Darstellung und Auseinandersetzung nicht anders zu behandeln als die radikale Linkspartei.“ (Ebd., 2002, S. 364).

Warnung vor einem Gesetz für das Außergesetzliche
(Originalfassung des Artikels „Ein Gesetz für das Außergesetzliche“ in der FAZ vom 23.08.1994)
„In totalitären Staaten ... sind auch die Meinungen strikt reguliert.“ (Ebd., 2002, S. 370).

„Das Gesetz gegen die sogenannte »Auschwitz-Lüge« bedroht eine Meinung mit Strafe, sobald sie geäußert wird, obwohl Äußerung zum Begriff der Meinungsfreiheit hinzugehört. (**|**).“ (Ebd., 2002, S. 371).

„Die Revisionisten weisen darauf hin, daß das erste Geständnis des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß von der britsichen Militärpolizei durch Folterungen erzwungen worden sei. .... Die Aussage von Höß über seine Behandlung durch die Militärpolizei ist glaubwürdig, und jedermann kann die betreffende Stelle in der von Martin Broszat besorgten Ausgabe »Kommandant in Auschwitz« nachlesen.“ (Ebd., 2002, S. 372).

„Es ist wirklich ein bemerkenswerter Umstand, daß die Berichte von genuinen Augenzeugen der Vergasungen gering an Zahl und unzuverlässig sind; wie ein sehr angesehener us-amerikanisch-jüdischer Historiker geschrieben hat. Es bedeutet keine Geringschätzung der Leiden der Opfer, wenn von Brandsachverständigen die Glaubwürdigkeit der Aussagen von vielen zeugen bestritten wird, welche gesehen haben wollen, daß »meterhohe Flammen« aus den kaminen der Krematorien herausgeschossen seien, denn Derartiges stelle eine technische Unmöglichkeit dar. Es gibt einen Augenzeugenbericht, in dem begauptet wird, in Treblinka seien viele Juden durch vergiftete Bonbons getötet worden. Es wäre in der Tat wohl das erste Mal in der gesamten Weltgeschichte, daß ein so viele Menschen aufs tiefste bewegende Ereignis nicht phantasievolle Ausschmückungen, Legenden und Mythen nach sich gezogen hätte.“ (Ebd., 2002, S. 373).

„Von Legenden und Phantasien zum Kern des Wirklichen vorzudringen, ist von jeher die Aufgabe der Geschichtswissenschaft gewesen, und sie kann sich von dieser Pflicht nicht freisprechen, weil Mitleid mit den Opfern eine selbstverständliche Voraussetzung auch der wissenschaftlichen Arbeit sein muß. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn aus der legitimen Infragestellung einzelner oder sogar vieler Zeugenaussagen und Tätergeständnisse auf die Nicht-Existenz jenes Kerns von Tatsachen geschlossen oder auch nur eine allzu starke Reduzierung vorgenommen wird. Die leugnung dieses kerns ist unbegründbar, aber auch sie sollte nicht einem Verbot unterliegen, denn Wissenschaft lebt nicht zuletzt aus der freien Auseinandersetzung mit falschen Auffassungen und Theorien. Viele Experten lehnen es allerdings ausdrücklich ab, die Schriften von radikalen Revisionisten zur Kenntnis zu nehmen und wichtige Erinnerungen einer quellenkritischen Prüfung zu unterziehen, aber damit verneinen sie diesen sonst allgemein anerkannten Grundsatz. Der wesentliche Trennungsstrich muß zwischen rationaler Argumentation auf der einen Seite und kenntnisloser Agitation auf der anderen gezogenw erden. Nur die letztere sollte in das Gebiet des Strafrechts fallen.“ (Ebd., 2002, S. 373).

„Aber das Gesetz dürfte sogar so verstanden werden, daß auch die Infragestellung der Zahl von »sechs Millionen« Opfern, die überwiegend in Gaskammern getötet worden seien, unzulässig ist. Indessen kamen schon die jüdischen Verfasser von Standardwerken wie Raul Hilberg und Gerald Reitlinger zu erheblich - wenngleich nicht essentiell - abweichenden Zahlen. Bekanntlich wurde vor kurzem die Anzahl der in Auschwitz Getöteten ganz offiziell von vier Millionen auf etwas mehr als eine Million herabgesetzt, und ein Forscher der »etablieretn Schule«, Jean-Claude Pressac nannte jüngst die Zahl von 630000 unregistrierten und in Gaskammern getöteten Juden. Martin Broszat sprach von einer »symbolischen Zahl«, und ein anderer Historiker schrieb Auschwitz kürzlich eine »mythische Qualität« zu. Aber eine Wissenschaft, die sich Symbolen und Mythen unterwirft, ist keine Wissenschaft, und daß auch die Tötung einer halebn Million von schuldlosen und wehrlosen Menschen ... eine schreckliche ... Untat darstellt, sollte nicht eigens hervorgehoben werden müssen. Die Frage nach der Zahl der Opfer sollte nun endlich freigegeben und nicht von vornherein einem Verdacht ausgesetzt werden. »Einzigartigkeit« freilich ließe sich nur auf einem Denkweg aufweisen, der - wie der israelische Historiker Yehuda Bauer vor einiger Zeit sagte - die »quasireligiöse Motivation« Hitlers und seiner Leute in den Mittelpunkt stellt und den Verfasser dieser Zeilen schon vor drei Jahrzehnten beschritten hat, allerdings ohne Verwendung dieses Terminus.“ (Ebd., 2002, S. 373-374).

„Doch auch wer dem »Systematischen« der »Endlösung«, den »Massentötungen in Gaskammern« und der »Zahl von sechs Millionen« Opfern zwar nicht den Rang der »offenkundigen Wahrheit« zuschreibt, wohl aber den höchsten Grad der wahrscheinlichkeit, kann durch das Gesetz betroffen werden, zwar nicht durch den unmittelbaren Wortlaut, wohl aber durch mögöiche Auslegungen, denn »Leugnung« kann leicht mit so unklaren und ausdeutbaren Begriffen wie »Normalisierung«, »Verharmlosung« und sogar »Antisemitismus« (demnach wäre also der »Philosemitismus«, genauer: der »Philojudaismus« das »Allerheiligste«, das »Totem«, und der »Antisemitismus«, genauer: der »Antijudaismus« das »Allerböseste«, das »Tabu«! HB) zusammengebracht werden.“ (Ebd., 2002, S. 374).

„Wer der Auffassung ist, das Unheil der Geschichte des 20. jahrhunderts habe nicht im Jahre 1933 begonnen, sondern im Jahre 1917, weil zu diesem Zeitpunkt mit der russischen Oktoberrevolution die tief emotionale und legitime Einsicht, daß der moderne Krieg dabei sei, einen für die Existenz der ganzen Menschheit gefährlichen Grad der Zerstörungskraft zu erreichen, von einem großen Staat und einer internationalen Bewegung auf herausfordernde Art interpretiert und monopolisiert wurde, der sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine »Normalisierung« des Nationalsozialismus vorzunehmen. Das gleiche kann demjenigen widerfahren, der aus dem Studium der Quellen zu der Überzeugung gelangt ist, daß die Endlösung gar nicht möglich gewesen wäre, wenn die an Zahl schwachen Einsatzgruppen der SS nicht sehr viel Unterstützung von seiten großer Teile der Bevölkerung fast aller osteuropäischen Länder erhalten hätten. Dadurch könnte nämlich der Begriff des »Tätervolkes« fragwürdig werden, und möglicherweise würde den Vorkämpfern dieses Begriffs die Frage gestellt werden, ob sie, die doch so entschieden gegen »das Vergessen« kämpfen, etwa vergessen haben oder vergessen wollen, daß die Nationalsozialisten vor und nach 1933 die Juden dem Sinne nach immer wieder als »Tätervolk« anklagten. Das war eine objektiv falsche und generell unzulässige »kollektivistische Schuldzuschreibung«, aber man bleibt in der Spur des Nationalsozialismus, wenn man bloß die Richtung umkehrt.“ (Ebd., 2002, S. 374-375).

„Sobald man den Begriff des Totalitarismus für wichtiger hält als den Namen Nationalsozialismus bzw. den Begriff Faschismus, muß man von den Vernichtungsaktionen und Todeslagern beider Regime sprechen und den Gulag neben Auschwitz stellen, wenn auch nicht ohne Unterscheidungen. Für eine Autorin wie Hannah Arendt war das ganz selbstverständlich. Aber eben dies gilt den »Antifaschisten« heute vielfach als »Verharmlosung« des Nationalsozialismus, und man zeigt sich durch die Tatsache wenig bewegt, daß man das meist überaus qualvolle Sterben von Menschen (40 bis 100 Millionen in der Zeit von 1917 bis 1989; vgl. Ernst Nolte, Streitpunkte, 1993, S. 345, 353f., 358. 363ff.; HB) in der Stalinschen Sowjetunion für »harmlos« erklären muß.“ (Ebd., 2002, S. 375).

„Immer noch gilt die Auffassung als anstößig und wohl gar als »antisemitisch«, daß die riesigen Aufwendungen von us-amerikanischen Juden für Holocaust-Gedenkstätten überwiegend dem Zweck einer Sicherung der eigenen Identität dienten, die sich durch das religiöse Konzept der »Auserwähltheit durch Gott« nicht mehr begründen lasse. Immerhin wird diese Auffassung inzwischen auch von nicht ganz wenigen Juden vertreten. In der Konsequenz müßten sie für große Wachsamkeit gegenüber der allgemeineren Gefahr einer »Instrumentalisierung des Holocaust« plädieren. Sehr moralisch empfindende Menschen würden wohl noch einen Schritt weitergehen und sagen, nichts sei menschlich verständlicher und berechtigter, als nach der Erfahrung einer großen Verfolgung mit aller Kraft am Wachhalten der Erinnerung und an der Existenzsicherung eines Staates zu arbeiten, der künftige Verfolgung unmöglich mache. Aber eine Leistung von höchstem ethischen Wert liege erst dann vor, wenn die Erinnerung an die Verfolgung in der Vergangenheit in einen Kampf gegen die gegenwärtigen Verfolgungen anderer Völker und Schichten und vor allem gegen die Fortsetzung eigenen Unrechts transformiert würde. Gerade dieses Postulat einer vielleicht weltfremden Ethik kann jedoch von Leuten, die sich auf das Konzept der »Instrumentalisierung« nicht einlassen wollen, als »antisemitisch« oder mindestens als »antizionistisch« angeklagt werden.“ (Ebd., 2002, S. 375-376).

„Diejenigen, die die Singularität der Endlösung in einer Einmaligkeit der Greuel und in der vollständigen Verworfenheit der Urheber sehen wollen, kämpfen in Wahrheit für eine neue Quasi-Religion. Sie brauchen das Absolut-Böse in der Vergangenheit, um anderes Böses in der Vergangenheit und der Gegenwart nicht ernst nehmen zu müssen und doch in bestimmten Erscheinungen ein Wiederauftauchen jenes Absolut-Bösen bekämpfen zu können. Nur dadurch gewinnen sie das Empfinden, selbst die Protagonisten des Absolut-Guten zu sein. Die welthistorisch wichtigste Gestalt eines solchen absoluten Anspruchs ist vor kurzem zerbrochen. Die vornehmlich in Deutschland verbreitete Neben- und Spätform muß in einer Welt immer randständiger werden, die vom »Normalen« eines Ineinander von Gut und Böse geprägt ist. Aber noch ist ein solcher »Antifaschismus« ein gefährlicher Gegner der Wissenschaft und jenes außergesetzliochen Bereichs, dessen freie Existenz die liberaldemokratischen Staaten gegenüber den totalitären und autoritären Staaten kennzeichnet. Zu diesem Bereich gehören verkehrte Meinungen beensosehr wie falsche Theorien.“ (Ebd., 2002, S. 376-377).

„Das Gesetz gegen die »Auschwitz- Lüge« ... wird ... in seiner praktischen Auswirkung die vorhandenen antiwissenschaftlichen Tendenzen stärken und bei entsprechender Auslegung eine schwere Gefahr für die geistige Freiheit ... bedeuten.“ (Ebd., 2002, S. 377).

ANHANG

Rezension) François Furet: »Das Ende der Illusion - Kommunismus im 20. Jahrhundert« (1995)
„Furet hält an der Selbsteinschätzung des Kommunismus als der wichtigsten politischen Kraft des 20. Jahrhunderts fest und ebenso an der Kennzeichnung des Faschismus als spezifischer Reaktion; da er aber nur die historische Wirkungsmacht, nicht jedoch den Wahrheitsanspruch des Kommunismus anerkennt, kann er die vollständige Verwerfung dieser Reaktion nicht übernehmen. Weil der Kommunismus unrecht hatte, das historische Recht zu beanspruchen, muß auch der eigentümlichen Gegenbewegung ein historisches Recht zuzuschreiben sein: das begrenzte Recht »des Partikularen gegen das Universale, des Volkes gegen die Klasse, des Nationalen gegen das Internationale« (S. 43). Da aber der Glaube, daß der Kommunismus den Universalismus in seiner Reinheit verkörpere, nichts anderes als eine Illusion ist, steht der Faschismus, obwohl die zeitliche und inhaltliche »Priorität des Bolschewismus« (S. 38) unbestreitbar ist, doch auf der gleichen Stufe, nämlich als die »Pathologie des Nationalen«, die sich der »Pathologie des Universalen« (S. 43) entgegenstellt. Wer das 20. Jahrhundert begreifen will, der muß »die beiden großen Ideologien« ins Auge fassen und »die Neuartigkeit der Revolutionen« dieser Epoche herausarbeiten; sonst unterwirft er sich weiterhin trotz verbaler Vorbehalte jener Illusion, welche die ältere und stärkere Ideologie des Jahrhunderts und doch nur ein Teil seiner vollständigen Realität war - er bleibt Parteimann und wird nicht zum Historiker, schon gar nicht zum Geschichtsdenker.“ (Ebd., 2002, S. 389-390).

„Wenn Furets Buch auf seiner ersten und hervorstechendsten Ebene eine von Anteilnahme und Sympathie getragene Selbstkritik der europäischen Linken ist, so stellt es auf der zweiten und eigenartigeren Ebene nichts anders als die Entfaltung einer historisch-genetischen Version der Totalitarismustheorie dar, d.h. derjenigen Version, die sich nicht wie das »klassische« Konzept auf die Herausstellung struktureller Übereinstimmungen von »Diktaturen« oder »antiliberalen Unrechtsstaaten« konzentriert und auch nicht eine gleichmäßige Subsumtion unter den Begriff der »Sozialreligion« vornimmt, sondern die Priorität des Kommunismus und den Reaktionscharakter des Faschismus herausarbeitet. Daher erscheint die Geschichte des 20. Jahrhunderts diesem Denkversuch nicht als ein Kampf »der Guten« gegen »die Bösen«, sondern als das Ringen zweier ideologisch »überschießender« Mächte und damit als Tragödie.“ (Ebd., 2002, S. 390).

Zitate: Hubert Brune, 2007 (zuletzt aktualisiert: 2009).

 

NACH OBEN oder WEITER (zu den Anmerkungen)

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- Literaturverzeichnis -