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Polybios
(um 200 – um 120)
B e i t r äg e
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Polybios wurde nicht nur bedeutend als der Historiker, der eine Fülle geschichtlichen Stoffes übermittelte, sondern vielleicht noch mehr als Geschichtsphilosoph. Er vertrat die Vorstellung von einem Kreislauf der Verfassungen und betrachtete die römische Mischverfassung als die beste. Polybios hatte stärkste Wirkung auf die gesamte spätere Geschichtsschreibung - griechische und römische. Besonders stark beeinflußte er Poseidonios (um 135 - 51), der zum einflußreichsten Denker der mittleren Stoa wurde (**), und Strabon (um 63 v. Chr. - um 19 n. Chr.) sowie Titus Livius (59 v. Chr. - 19 n. Chr.). Polybios’ Hauptwerk Historien (40 Bücher zur [römischen] „Weltgeschichte“ von 264 bis 144) wurde von Poseidonios und von Strabon fortgesetzt. Auch Oswald Spengler (1880-1936) war von Polybios beeindruckt.

Polybios unterschied 3 Gattungen der Geschichtsschreibung. Die von ihm gepflegte nannte er pragmatikh istoria, die Tatsachen-Geschichte für ernste Leser, die lesen, um zu lernen. Wichtig waren ihm 3 Teile bzw. Forderungen, die der pragmatische Historiker zu erfüllen hat: Studium der Quellen, der Schauplätze der Geschichte und politisch-militärische Erfahrung. Timaios und andere Schreibtischhistoriker wurden von Polybios abgekanzelt. Neben den in den Zielsetzungen der führenden Männer liegenden aitai (Ursache, Grund) des historischen Geschehens gibt es noch eine andere gewaltige verursachende Macht, das Unberechenbare, das Irrationale, von Polybios gelegentlich mit Ausdrücken um automaton umschrieben, meist aber Tyche (Schicksal, Zufall) genannt. Außer den politisch-militärischen Betrachtungen streute der leidgeprüfte, philosophisch veranlagte Historiker auch häufig allgemein-moralische Reflexionen in sein Werk ein, darunter manche sehr feine Bemerkung.

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In Polybios’ Historien findet sich auch eine aus der Zeit um 150 v. Chr. stammende Schilderung des Geburtenrückgangs in Griechenland. Bei Oswald Spengler heißt es in seinem Buch Der Untergang des Abendlandes zu diesem Thema:

„Die Natur kennt keine Gründe. Überall, wo es wirkliches Leben gibt, herrscht eine innere organische Logik, ein »es«, ein Trieb, die vom Wachsein und dessen kausalen Verkettungen durchaus unabhängig sind und von ihm gar nicht bemerkt werden. Der Geburtenreichtum ursprünglicher Bevölkerungen ist eine Naturerscheinung, über deren Vorhandensein niemand nachdenkt, geschweige denn über ihren Nutzen oder Schaden. Wo Gründe für Lebensfragen überhaupt ins Bewußtsein treten, da ist das Leben schon fragwürdig geworden. Da beginnt eine weise Beschränkung der Geburtenzahl - die bereits Polybios als das Verhängnis Griechenlands beklagt, die aber schon lange vor ihm in den großen Städten üblich war und in römischer Zeit einen erschreckenden Umfang angenommen hat -, die zuerst mit der materiellen Not und sehr bald überhaupt nicht mehr begründet wird. Da beginnt denn auch ... die Wahl der »Lebensgefährtin« - der Bauer und jeder ursprüngliche Mensch wählt die Mutter seiner Kinder - ein geistiges Problem zu werden. Die Ibsenehe, die »höhere geistige Gemeinschaft« erscheint, in welcher beide »frei« sind, frei nämlich als Intelligenzen, und zwar vom pflanzenhaften Drange des Blutes, das sich fortpflanzen will; und Shaw darf den Satz aussprechen, »daß die Frau sich nicht emanzipieren kann, wenn sie nicht ihre Weiblichkeit, ihre Pflicht gegen ihren Mann, gegen ihre Kinder, gegen die Gesellschaft, gegen das Gesetz und gegen jeden, außer gegen sich selbst, von sich wirft«. (George Bernard Shaw, Ein Ibsenbrevier, 1891, S. 57). Das Urweib, das Bauernweib ist Mutter. Seine ganze von Kindheit an ersehnte Bestimmung liegt in diesem Worte beschlossen. Jetzt aber taucht das Ibsenweib auf, die Kameradin, die Heldin einer ganz weltstädtischen Literatur vom nordischen Drama bis zum Pariser Roman. Statt der Kinder haben sie seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunstgewerbliche Aufgabe und es kommt darauf an, sich »gegenseitig zu verstehen«. Es ist ganz gleichgültig, ob eine amerikanische Dame für ihre Kinder keinen zureichenden Grund findet, weil sie keine season versäumen will, eine Pariserin, weil sie fürchtet, daß ihr Liebhaber davongeht, oder eine Ibsenheldin, weil sie »sich selbst gehört«. Sie gehören alle sich selbst und sie sind alle unfruchtbar. Dieselbe Tatsache in Verbindung mit denselben »Gründen« findet sich in der alexandrinischen und römischen und selbstverständlich in jeder anderen zivilisierten Gesellschaft, ... und es gibt überall ... eine Ethik für kinderarme Intelligenzen und eine Literatur über die inneren Konflikte von Nora und Nana.“ (Oswald Spengler, ebd., 1917-1922, S. 680-681 **).

Kinderreichtum, dessen ehrwürdiges Bild Goethe im Werther noch zeichnen konnte, wird etwas Provinziales. Der kinderreiche Vater ist in Großstädten eine Karikatur - Ibsen hat sie nicht vergessen; sie steht in seiner »Komödie der Liebe«.“ (Oswald Spengler, ebd., 1917-1922, S. 681 **).

„Auf dieser Stufe beginnt in allen Zivilisationen das mehrhundertjährige Stadium einer entsetzlichen Entvölkerung. Die ganze Pyramide des kulturfähigen Menschentums verschwindet. Sie wird von der Spitze herab abgebaut, zuerst die Weltstädte, dann die Provinzstädte, endlich das Land, das durch die über alles Maß anwachsende Landflucht seiner besten Bevölkerung eine Zeitlang das Leerwerden der Städte verzögert. Nur das primitive Blut bleibt zuletzt übrig, aber seiner starken und zukunftreichen Elemente beraubt. Es entsteht der Typus des Fellachen.“ (Oswald Spengler, ebd., 1917-1922, S. 681 **).

„Wenn irgend etwas, so beweist der allbekannte »Untergang der Antike«, der sich lange vor dem Einbruch der germanischen Wandervölker vollendete, daß Kausalität mit Geschichte nichts zu tun hat. (Zum Folgenden vgl. Eduard Meyer, Kleine Schriften, 1910, S. 145ff.). Das Imperium genießt den vollkommensten Frieden; es ist reich; es ist hochgebildet; es ist gut organisiert; es besaß von Nerva (reg. 96-98) bis Marc Aurel (reg. 161-180) eine Herrscherreihe, wie sie der Cäsarismus keiner zweiten Zivilisation aufzuweisen hat. Und trotzdem schwindet die Bevölkerung rasch und in Masse hin, trotz der verzweifelten Ehe- und Kindesgesetzgebung des Augustus (reg. 27 v. Chr. - 14 n. Chr.), dessen lex de maritandis ordinibus (**) auf die römische Gesellschaft bestürzender wirkte als die Niederlage des Varus (9 n. Chr.), trotz der massenhaften Adoptionen, der ununterbrochenen Ansiedlung von Soldaten barbarischer Herkunft, um Menschen in die verödende Landschaft zu bringen, trotz der ungeheuren Alimentationsstiftungen des Nerva (reg. 96-98) und Trajan (reg. 98-117), um die Kinder unbemittelter Eltern aufzuziehen. Italien, dann Nordafrika und Gallien, endlich Spanien, das unter den ersten Kaisern am dichtesten von allen Teilen des Reiches bevölkert war, sind menschenleer und verödet. Das berühmte und bezeichnenderweise in der modernen Volkswirtschaft immer wiederholte Wort des Plinius: latifundia perdidere Italiam, jam vero et provincias (die Latifundien haben Italien [bzw. das Römische Reich] zugrunde gerichtet; vgl. Plinius, Naturgeschichte, Buch XVIII: 35), verwechselt Anfang und Ende des Prozesses: der Großgrundbesitz hätte nie diese Ausdehnung gewonnen, wenn das Bauerntum nicht vorher von den Städten aufgesogen worden wäre und das Land zum mindesten innerlich bereits preisgegeben hätte. (**). Das Edikt des Pertinax von 193 enthüllt endlich den erschreckenden Stand der Dinge: In Italien und den Provinzen wird jedem gestattet, verödetes Land in Besitz zu nehmen. Wenn er es bebaut, soll er Eigentumsrecht darüber erhalten. Die Geschichtsschreiber brauchten sich den übrigen Zivilisationen nur ernsthaft zuzuwenden, um die gleiche Erscheinung überall festzustellen. Im Hintergrund der Ereignisse des Neuen Reiches, vor allem von der 19. Dynastie an (seit 1345 v. Chr.), ist eine gewaltige Abnahme der Bevölkerung deutlich zu verspüren. Ein Stadtbau, wie ihn Amenophis IV. (reg. 1377-1358) in Tell el Amarna ausführte, mit Straßenzügen bis zu 45 m Breite, wäre bei der früheren Bevölkerungsdichte undenkbar gewesen, und ebenso die notdürftige Abwehr der »Seevölker«, deren Aussichten auf Besitznahme des Reiches damals sicherlich nicht schlechter waren als die der Germanen vom 4. Jahrhundert an, und endlich die unaufhörliche Einwanderung der Libyer in das Delta, wo um 945 v. Chr. einer ihrer Führer (Scheschonk) - genau wie 476 n. Chr. Odoaker - die Herrschaft über das Reich an sich nahm. Aber dasselbe fühlt man aus der Geschichte des politischen Buddhismus seit dem »Cäsar« Asoka (reg. 272-231 in Indien) heraus. (Wir kennen in China im 3. Jh. v. Chr. - also in der chinesischen Augustuszeit!-  Maßnahmen zur Hebung der Bevölkerungsziffer). Wenn die Mayabevölkerung in ganz kurzer Zeit nach der spanischen Eroberung geradezu verschwand und die großen menschenleeren Städte dem Urwald anheimfielen, so beweist das nicht allein die Brutalität der Eroberer, die in diesem Punkte einer jungen und fruchtbaren Kulturmenschheit gegenüber wirkungslos gewesen wäre, sondern ein Erlöschen von innen heraus, das ohne Zweifel schon längst begonnen hatte. Und wenn wir uns der eigenen Zivilisation zuwenden, so sind die alten Familien des französischen Adels zum weitaus größten Teil nicht durch die französische Revolution ausgerottet worden, sondern seit 1815 ausgestorben; die Unfruchtbarkeit breitete sich von ihm auf das Bürgertum und seit 1870 auf die gerade durch die Revolution fast neu geschaffene Bauernschaft aus. In England und noch weit mehr in den Vereinigten Staaten, und zwar gerade in deren wertvollster, alteingewanderter Bevölkerung im Osten, hat der »Rasseselbstmord«, gegen den Roosevelt sein bekanntes Buch geschrieben hat, längst im großen Stile eingesetzt.“ (Oswald Spengler, ebd., 1917-1922, S. 681-683 **).

„Deshalb finden wir auch in diesen Zivilisationen schon früh die verödeten Provinzstädte und am Ausgang der Entwicklung die leerstehenden Riesenstädte, in deren Steinmassen eine kleine Fellachenbevölkerung nicht anders haust als die Menschen der Steinzeit in Höhlen und Pfahlbauten. Samarra wurde schon im 10. Jahrhundert verlassen; die Residenz Asokas, Pataliputra, war, als der chinesische Reisende Hsiuen-tsiang sie um 635 besuchte, eine ungeheure, völlig unbewohnte Häuserwüste, und viele der großen Mayastädte müssen schon zur Zeit des Cortez leer gestanden haben. Wir besitzen eine Reihe antiker Schilderungen von Polybios an (vgl. Polybios, Strabo, Pausanias, Dio Chrysostomus, Avien u.a., vgl. dazu: Eduard Meyer, Kleine Schriften, 1910, S. 164ff.): die altberühmten Städte, deren leerstehende Häuserreihen langsam zusammenstürzen, während auf dem Forum und im Gymnasium Viehherden weiden und im Amphitheater Getreide gebaut wird, aus dem noch die Statuen und Hermen hervorragen. Rom hatte im 5. Jahrhundert die Einwohnerzahl eines Dorfes, aber die Kaiserpaläste waren noch bewohnbar.“ (Oswald Spengler, ebd., 1917-1922, S. 683-684 **).

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Die Menschen, so klagte Polybios, frönen lieber ihrer Habgier und Prunksucht, anstatt Kinder großzuziehen. Um 100 v. Chr. ist die Entvölkerung griechischer Städte so weit fortgeschritten, daß in großer Zahl Fremde zur Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen aufgenommen werden müssen. Trotzdem verlischt Griechenlands Macht. Rom füllt das entstandene Vakuum.“  (Meinhard Miegel, Das Ende des Individualismus, 1993, S. 17-19 **).

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Historische Konstanten - Oberbegriff für Dauer und Wiederkehr - sind zyklisch zu verstehen, nicht im Sinne einer Endzeiterwartung, die einen Anfang (Sündenfall, Privateigentum u.ä.) annimmt und ein Ende (Paradies, klassenlose Gesellschaft u.ä.) anstrebt, sondern im Sinne einer Konstanz, unter der relative Konstanten der Dauer und Wiederkehr subsumiert werden können. Dafür müßte jedoch ein „älteres Modell der Geschichtsbetrachtung erneut an Interesse gewinnen. Es handelt sich um die Vorstellung vom zyklischen Ablauf der Geschichte, die der linearen Betrachtungsweise strikt zuwiderläuft, da sie von einem ständigen Kreislauf des historischen Geschehens ausgeht. Als Beispiel sei die antike Auffassung von der Abfolge der Staatsformen angeführt, wie sie - anknüpfend an Aristoteles (383-322) - der griechisch-römische Historiker Polybios besonders anschaulich-schlüssig formuliert hat.
Staatsformen
Grau = Entartete Formen
Hiernach steht am Anfang der Verfassungsentwicklung die Staatsform der Monarchie als gleichsam naturgegebene Ordnung, wie sie etwa auch in der Stellung des pater familias zum Ausdruck kommt. Im Laufe der Zeit erliegt der zunächst gütig-gerecht regierende Herrscher den Verlockungen der Machtfülle; die Monarchie entwickelt sich zur Tyrannis. Sobald Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeit des Tyrannen unerträglich werden, schließen sich die führenden Familien des Gemeinwesens zusammen, stürzen ihn und begründen als neue Staatsform die Aristokratie, die Herrschaft der Besten. Auch sie trägt jedoch den Keim der Fehlentwicklung in sich. Irgendwann wird auch der Adel, der seine Regierung zunächst als Dienst an der Gemeinschaft versteht, von der Macht korrumpiert - die Aristokratie pervertiert nach und nach zur Oligarchie, zur Cliquenherrschaft. Wenn diese Entwicklung, die durch Vettern- und Pöstchenwirtschaft, Willkür und Egoismus der Herrschenden gekennzeichnet ist, sich nicht mehr rechtfertigen läßt, nimmt das Volk selbst seine Geschichte in die Hand. Die neue Staatsform, die Demokratie, funktioniert aber nur so lange, wie Recht und Gesetz respektiert werden. Wenn jedoch nach einer gewissen Zeit anstelle des Volkes und seiner Organe die Masse, der Pöbel, die Straße das politische Geschehen bestimmen, entartet die Demokratie zur Ochlokratie, zur Pöbelherrschaft. Sobald die Zustände so chaotisch geworden sind, daß man sich seines Lebens nicht mehr sicher sein kann, erschallt der Ruf nach dem starken Mann, der wieder Ordnung schaffen soll. Es kommt daraufhin erneut zur Errichtung einer Monarchie, und der Kreislauf der Staatsformen beginnt aufs neue. Dieses verfassungsgeschichtliche Modell ist typisch für das zyklische Geschichtsdenken der Antike. Hiernach vollzieht sich das, was wir Geschichte nennen, in ständig kreisender Bewegung. Geschichte ist - wie beim linearen Modell - bis zu einem gewissen Grad bestimmbar, aber nicht machbar. Der Mensch ist vielmehr dem Geschehen um ihn herum unterworfen, sein Freiheitsspielraum äußerst begrenzt. Es gibt nichts eigentlich Neues (Nil novi sub sole); vielmehr ist alles schon einmal dagewesen, und alles kehrt wieder. Die geometrische Figur, die diesem Denken entspricht, ist der Kreis.“ (Ulrich March, Dauer und Wiederkehr - Historisch-politische Konstanten, 2005, S. 12-13 **).

„Die zyklische Betrachtung des Weltgeschehens wirkt bis in die Neuzeit nach und ist beispielsweise in der Renaissance oder im Zeitalter der Klassik greifbar, insbesondere bei Hölderlin, der die antike Vorstellung in reinster Form zum Ausdruck bringt:
»Geh, fürchte nichts, es kehret wieder,
und was geschehen soll, ist schon vollendet.«
Auch Nietzsches Vision von der »Ewigen Wiederkehr« und Spenglers Grundvorstellung vom Wachstum und Reife, Blüte und Niedergang der Kulturen (**) sind vo zyklischem Denken geprägt.“ (Ulrich March, Dauer und Wiederkehr - Historisch-politische Konstanten, 2005, S. 12-13 **).

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Was lernen wir aus den Verfassungen der Griechen und Römer?  Bei „all den griechischen Staaten, die oft erstarkt sind, oft aber auch in vollem Umfang die Wende zum Gegenteil zu spüren bekamen, ist die Schilderung der Vergangenheit und die Aussage über die Zukunft leicht. Denn Bekanntes darzustellen ist leicht, ebenso einfach ist es auch, unter Berücksichtigung der Vergangenheit über die Zukunft Voraussagen zu machen. Bei den Römern aber ist es ganz und gar nicht leicht, weder über die Gegenwart Aussagen zu machen, weil die Verfassung vielfältige Aspekte hat, noch für die Zukunft Vorhersagen zu treffen, weil man die Besonderheiten der Römer im öffentlichen und privaten Leben in der Vergangenheit nicht kennt. Deshalb bedarf es einer eingehenden und gründlichen Untersuchung, wenn man die Besonderheiten im römischen Staat klar erkennen will. Die meisten, die uns über dieses Thema auf methodische Weise eine Beschreibung geben wollen, nennen drei Verfassungsformen: das Königtum (Monarchie; als schlechte Kehrseite: Tyrannis), die Aristokratie (Adelsherrschaft; als schlechte Kehrseite: Oligarchie), und als dritte die Demokratie (Volksherrschaft; als schlechte Kehrseite: Ochlokratie [Pöbelherrschaft]). Meiner Meinung nach könnte aber jemand ganz mit Recht die Frage an sie richten. ob sie uns diese als die einzigen oder als die besten Verfassungen vorführen. Im einen wie im anderen Fall nämlich scheinen sie mir nicht Bescheid zu wissen. Denn es ist klar, daß man als die beste Verfassung die ansehen muß, die aus all den eben genannten Einzelverfassungen besteht.“ (Polybios, Historien, 6. Buch, 3 [1-7] **). Ist eine „aus all den eben genannten Einzelverfassungen“ bestehende Verfassung wirklich die beste, und wie sollte man sie nennen?  Gesamtverfassung ?  Jede einzelne Verfassung versteht sich doch als eine Gesamtverfassung, oder?  Laut Polybios vollzieht sich die Entwicklung - „das Wachstum, die Blüte, die Wende und das Ende“ - der Verfassungsform „naturgemäß“, und „wer Einblick in das natürliche Entstehen jeder einzelnen Verfassungsform gewinnen könnte, nur der könnte auch Einblick gewinnen in das Wachstum, die Blüte, die Wende und das Ende jeder einzelnen Verfassungsform - wann, wie und wo es wiederkehrt.“ (Polybios, Historien, 3 [7], 4 [11, 12] **).

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„Polybios, geboren um 200 v. Chr., war ein hochgebildeter Grieche aus Arkadien, der im Dritten Makedonischen Krieg als Reiterführer des achäischen Bundes gegen Rom gekämpft hatte und nach der Schlacht von Pydna als eine von tausend achaiischen Geiseln nach Rom gebracht wurde. Dort fand er Eingang in das Haus des Siegers von Pydna, des Aemilius Paullus, und wurde zum Erzieher und Freund von dessen Adoptivsohn Scipio Aemilianus, an dessen Seite er bei der endgültigen Zerstörung Karthagos anwesend war. Er ist mithin als früher Repräsentant jener intellektuellen Begegnung zwischen Römern und Griechen zu betrachten, an deren Anfang die Unterwerfung Makedoniens und Griechenlands durch die Römer steht und deren Ende die mentale Hellenisierung Roms bildet. Als Geschichtsschreiber erlangte er Ruhm durch seine 40 Bücher Historien, welche die Zeit von 264 bis 144 umfassen und nur unvollständig erhalten sind.“ (Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998., 1998, S. 438 **).

„Sein Motiv gibt er gleich zu Beginn des ersten Buches zu erkennen, und zwar in der Form einer Frage:
»Denn wer wäre so gleichgültig, so oberflächlich, daß er nicht zu erfahren wünschte, wie und durch was für eine Art von Einrichtung und Verfassung ihres Staates beinahe der ganze Erdkreis in nicht ganz 53 Jahren unter die alleinige Herrschaft der Römer gefallen ist?«  (Polybios, Historien, I, 1).
Er will also nach den Ursachen des Übergangs der Weltherrschaft von den hellenistischen Staaten der Nachfolger Alexanders des Großen auf die Römer fragen, aber er läßt von Anfang an keinen Zweifel daran, daß für ihn die Hauptursache jedenfalls in der Verfassung des Staates zu suchen ist, und es wird sehr schnell deutlich, daß er in der römischen Verfassung die beste aller Verfassungen sieht. Die Frage nach den Ursachen ist also zugleich eine Aussage über das politisch Gute, und daraus resultiert mit Notwendigkeit die innere Zustimmung des Besiegten zu dem weltgeschichtlichen Triumph der Sieger, d.h. ein Geschichtsbewußtsein von durchaus affirmativer Art, das aber als »eigenes« nur dann zu bezeichnen wäre, wenn Polybios den eigentlichen Sieg jener römisch-hellenischen Synthese zuschriebe, deren Anfänge er selbst verkörperte.“ (Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998., 1998, S. 438 **).

„Der Grundgedanke, der erst im sechsten Buch entwickelt wird, ist einfach. Im Anschluß an Platon unterscheidet Polybios drei reine Staatsformen: die Monarchie als den Anfang der Staatlichkeit, die Aristokratie und die Demokratie. Jede trägt die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit der Entartung in sich: Wenn das Königtum zur Tyrannis geworden ist, wird es von tüchtigen Männern gestürzt, die eine Aristokratie errichten. Die aber entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer Oligarchie und erregt ebensoviel Haß, wie ihn die Tyrannis erweckt hatte, und so wird sie vom Volk gestürzt, das nun die Herrschaft als Demokratie in die eigenen Hände nimmt; aber auch die entartet unter den Enkeln der Gründergeneration, nämlich zur Pöbelherrschaft, so daß der Ruf nach dem starken Mann, der endlich Ordnung schafft, übermächtig wird und am Ende wieder eine Monarchie entstanden ist.“ (Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998., 1998, S. 438-439 **).

„Dieser Kreislauf - die »anakyklosis« - der Verfassungen würde immer so weitergehen, wenn sich nicht weise Verfassungsgeber gefunden hätten, die eine gemischte Verfassung einführten, welche die Vorzüge der reinen Verfassungen vereinigt und ihre Nachteile vermeidet. Als erstes Beispiel führt Polybios die Verfassung des Lykurgos an, also diejenige der Spartaner. Hier sind die einzelnen Machtfaktoren - das Königtum, das Volk und der Rat der Alten - »so gegeneinander ausgewogen, daß keiner das Übergewicht erhält« und infolgedessen der Staat auf lange hin erhalten bleibt. Das großartigste Beispiel einer solchen Verfassung ist aber die römische: Die Römer »besitzen die beste Verfassung, die es heute gibt«. (Polybios, Historien, VI, 10).“ (Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998., 1998, S. 439 **).

„Aber nach Polybios ist auch die Weltherrschaft der Römer, so gut begründet und so berechtigt sie ist, zum schließlichen Untergang bestimmt. (Vgl. Polybios, Historien, VI, 51; mit unzweideutigen, aber wegen des direkten Anschlusses an die Erörterung der reinen Verfassungen nicht ganz einleuchtenden Worten so bereits in VI, 9 formuliert). In gewisser Hinsicht identifiziert sich Polybios also mit dem Geschichtsbewußtsein der Römer, in anderer Hinsicht jedoch bleibt er dazu in Distanz.“ (Ernst Nolte, Historische Existenz, 1998., 1998, S. 439 **).

„Die Vorstellung vom Niedergang in der Geschichte ist ja viel älter als das Fortschrittsbewußtsein, so gewiß die Idee der allmählichen Verbesserung nicht fehlt. Folgendermaßen beschrieb Hesiod, neben Homer der älteste Dichter Griechenlands, um 700 vor Christus seine Gegenwart:
»Faustrecht gilt, da der eine die Stätte des andern zertrümmert.
// Nicht wird Eidestreue gewürdigt, nicht erntet die Güte,
// Nicht die Gerechtigkeit Dank ....
// .... Nur trauriges Elend
// Bleibt den sterblichen Menschen,
// Und nirgends ist Abwehr des Unheils.«
Diesem traurigen Zustand stellt der Dichter die früheren Geschlechter der Menschen gegenüber, die allesamt besser waren, zummal das erste, das »goldene«, dem alles Erwünschte eigen war, weil der »nahrungspendende Acker unbestellt in neidloser Fülle Frucht trug«. In moderner Ausdrucksweise könnte man sagen: angesichts der in der Vorzeit verwirklichten Utopie stellt sich die Realität der Gegenwart als böse und verwerflich dar. Aber der Niedergang der Geschichte entspringt offenbar dem Willen der Götter: er ist kein Prozeß der Selbstzerstörung. - Anders sehen die Dinge bei Platon und Polybios aus, wo die beste Verfassungsform, die Monarchie, sich von sich aus zum Abstieg in die Aristokratie, die Demokratie und schließlich in die Tyrannis forttreibt. Aber der tiefste Punkt ist kein endgültiger, sondern gerade das Übermaß des Bösen und Negativen erzeugt den Umschlag zur Monarchie zurück, so daß ein Kreislauf, eine »anakyklosis«, eintritt, die im Prinzip unaufuebbar ist, die bei Polybios jedoch den Ausweg der »gemischten Verfassung« offenläßt, welche die Stärken der reinen Typen vereinigt und eben dadurch deren Schwächen vermeidet, so daß sie dem Prozeß der Selbstzerstörung oder Selbstüberholung nicht mehr ausgesetzt ist.“ (Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 278-279 **|**).

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Im Nachwort zu Polybios’ Hystorien (Auswahl) von Karl Friedrich Eisen heißt es zu Polybios:

„Polybios wurde um 200 v. Chr. in Megalopolis im südlichen Arkadien geboren. Sein Vater Lykortas war mehrere Male »Präsident« (strategoV) des Achaiischen Bundes, der in dieser Zeit den Süden Griechenlands beherrschte. Dem Ansehen, das seine Familie genoß, verdankte es wohl der junge Polybios, daß er im Jahre 182 dazu ausersehen wurde, die Urne des großen achaiischen Staatsmannes Philopoimen (Philopömen), der in Messene hingerichtet worden war, in der feierlichen Prozession nach Megalopolis zu tragen. Bald darauf begann er seine literarische Tätigkeit mit einer Biographie dieses von ihm verehrten und bewunderten Mannes. Das Werk ist nicht mehr erhalten; wir kennen nur noch die Biographie Plutarchs (um 50 bis 120 n. Chr.), die auf diese Biographie des Polybios zurückgeht. Einige Jahre später folgten die ebenfalls verlorenen Taktika, ein Werk über die Technik der Kriegführung. Als der Achaiische Bund im Jahre 182 eine Dankgesandschaft zu dem ägyptischen Herrscher Ptolemaios V. Epiphanes plante, wurden drei Gesandte bestimmt. Zum Führer der Gesandtschaft wurde Lykortas, der Vater des Polybios, ernannt. Der eine seiner Begleiter war sein Sohn Polybios, »obgleich er das gesetzlich vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht hatte« (so Polybios, XXIV, 6, 5). Polybios nennt auch den Grund dafür, daß er trotz seines jugendlichen Alters an einer solchen Mission teilnehmen sollte: die bedeutende Rolle, die sein Vater bei der Gestaltung der Beziehungen zwischen Ägypten und Achaia spielte. Die Reise fand jedoch nicht statt, da noch vor der Abfahrt die Nachricht vom Tode des Ptolemaios eintraf. In seiner weiteren politischen Laufbahn gelangte Polybios im Jahre 169 zu einem der höchsten politischen und militärischen Ämter des Bundes, zum Amt des Hipparchos. Damit hatte er das Kommando über die Reiterei des Bundes, zugleich aber auch einen großen politischen Einfluß. Der politische Spielraum, der dem Achaiischen Bund damals zur Verfügung stand, war begrenzt durch den Konflikt zwismen Makedonien unter seinem König Perseus und Rom. Polybios versumte in diesem Krieg, der schon 171 begonnen hatte, zuerst eine Politik der strengen Neutralität zu verfolgen. Dom schon nach kurzer Amtszeit sahen sich Polybios und seine Anhänger durch das erfolgversprechende militärische Vorgehen der Römer in Griechenland dazu veranlaßt, Rom gegenüber eine wohlwollende Haltung einzunehmen. Zu einem offenen Anschluß an Rom kam es aber nicht. Als die Römer nach der Niederlage des Perseus bei Pydna (168) unter den Griechen eine Säuberung vornahmen, um die promakedonische Partei zu vernichten, wurde auch Polybios von der römerfreundlimen Gruppe in Achaia als Makedonenfreund denunziert und zur Aburteilung nach Rom geschickt. Dieses Schicksal traf aber nicht allein Polybios, sondern fast die ganze achaiische Führerschicht. Tausend Achaier wurden damals nach Italien gebracht.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 119-120).

„In Italien trennte sich jedoch der Weg des Polybios von dem seiner Landsleute. Polybios war mit dem 18jährigen P. Cornelius Scipio Aemilianus, dem späteren jüngeren Africanus, einem Sohn des Pydna-Siegers L. Aemilius Paulus , durch das Ausleihen von Büchern und das Gespräch über diese Bücher« (XXXI, 23, 4) bekannt geworden. Es handelte sich wahrscheinlich um griechische Bücher aus der Bibliothek des Makedonenkönigs Perseus, die den Römern in die Hände gefallen war und die der griechenfreundliche Aemilius Paulus hatte nach Rom bringen lassen. Im Verein mit seinem Bruder Q. Fabius Maximus konnte Scipio für Polybios die Erlaubnis erwirken, in Rom zu bleiben, während die übrigen Achaier auf die Landstäche Italiens verteilt wurden. Zwischen Scipio und Polybios entwichelte sich eine enge Freundschaft. Im Hause der Scipionen, in deren Familie Scipio Aemilianus durch Adoption gekommen war, bildete sich ein Kreis - »Scipionis grex« nennt ihn Cicero (Lael., 69) -, in dem sich Griechisches und Römisches berührten. Neben Polybios war es vor allem der Philosoph Panaitios aus Rhodos, der die Begegnung zwischen Griechentum und Römertum, die in diesem Kreis stattfand, förderte. Für die Bedeutung des Scipionenkreises ist es unwichtig, ob Polybios schon vor dem Ende seiner Internierungszeit in Rom mit Panaitios zusammengetroffen ist oder nicht. Die Grundhaltung dieses Kreises, der Austausch zwischen der griechischen und römischen Gedankenwelt, war sicher schon in der Zeit der Verbannung des Polybios vorhanden. Aus der Fülle der Themen, die in diesem Kreis diskutiert wurden, gibt uns Cicero ein Beispiel. In seinem Werk De re publica (1,21,34) läßt er Laelius, einen der Teilnehmer des Gesprächs, das er wiedergibt, begründen, warum Scipio der geeignete Redner ist, um am Beispiel des römischen Staates von der res publica zu sprechen. Dieser sagt: » ... weil im mich erinnerte, daß du sehr oft mit Panaitios in Gegenwart von Polybios - das waren wohl die beiden staatskundigsten Griechen - zu diskutieren und vieles zu sammeln und zu erläutern pflegtest, daß bei weitem der beste Zustand des Staates der sei, den unsere Vorfahren uns hinterlassen hätten.« Aber nicht nur Raum für geistige Betätigung bot Rom seinem Gefangenen, sondern auch in bestimmten Grenzen für politisches Handeln. Polybios konnte mit den hellenistischen Fürstensöhnen und Gesandten verkehren, die sich in Rom aufhielten. Dem Seleukidenprinz Demetrios, der als Geisel in Rom festgehalten wurde, konnte er sogar - sicher im Einverständnis mit seinen Gönnern - zur Flucht verhelfen. Das herzliche Einvernehmen mit den Männern aus dem Scipionenkreis hat es ihm vielleicht auch ermöglicht, den Westen, vor allem Nordafrika, Spanien, Hannibals Alpenroute und Gallien noch in der Zeit seiner Internierung kennenzulernen. Von den tausend internierten Achaiern waren im Jahre 150 nur noch etwa dreihundert am Leben, da vor allem ältere Männer aus der achaiischen Führungsschicht verschleppt worden waren. Scipio versuchte ihre Freilassung zu erreichen. Sein Bemühen hatte Erfolg, als er den alten Cato, den Verächter alles Griechischen, für seine Sache gewonnen hatte. Während der entscheidenden Diskussion im Senat stand Cato auf und sagte: »Als ob wir nichts zu tun hätten, sitzen wir den ganzen Tag und beratschlagen, ob ein paar griechische Wackelgreise von unseren oder von den Totengräbern in Achaia hinausgetragen werden sollen.« (Plutrach, Cat. mai., 9). Daraufhin konnte auch Polybios nach 17-jähriger Verbannung in seine Heimat zurückkehren, ohne daß ein Prozeß gegen ihn und seine Landsleute stattgefunden hatte.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 120-122).

Kaum war er jedoch zu Hause, als ein Schreiben des Konsuls des Jahres 149, M. Manilius, bei den Achaiern eintraf, in dem darum gebeten wurde, Polybios nach Lilybaion in Sizilien zu schicken, »da man ihn ich öffentlichen Interesse brauche« (XXXVI, 11,1). Er sollte offenbar als militärischer Berater in dem bevorstehenden Kampf gegen die Karthager mitwirken. Polybios trat die Reise an, aber in Korfu erreichte ihn die Nachricht, daß die Karthager die römischen Bedingungen angenommen hätten, so daß er wieder umkehren konnte. Als der Krieg wenig später doch noch ausbrach, war Polybios mit Scipio vor Karthago und erlebte mit, wie diese Stadt zerstört wurde. Wahrscheinlich unmittelbar nach dem Fall Karthagos (April 146) unternahm Polybios eine Forschungsexpedition in den Atlantik, entlang der afrikanischen und spanischen Küste. Auch dieses Unternehmen wurde von Scipio gefördert, der ihm eine Flotte zur Verfügung stellte. Doch gleich danach mußte er nach Griechenland zurückkehren. Romfeindliche Politiker hatten nämlich den Achaiischen Bund in einen Krieg mit Rom verwickelt, der mit der Zerstörung Korinths (September 146) endete. In Griechenland mußte Polybios mitansehen, in welche Katastrophe die Politik des Achaiischen Bundes geführt hatte. Durch seine Beziehungen zu Rom konnte er bei der Regelung der Verhältnisse im südlichen Griechenland vermitteln und das Los seiner Landsleute mildern (146-145). Gegen Ende dieser Tätigkeit kam er wieder nach Rom, um abschließend zu berichten und um einige weitere Forderungen durchzusetzen. In die folgende Zeit fallen noch Reisen in die Gebiete des östlichen Mittelmeeres (Alexandria, Sardes und Rhodos) und vielleicht auch noch einmal nach Spanien, wo sein Freund Scipio im Jahre 133 Numantia eroberte. Über diesen Numantinischen Krieg hat Polybios auch eine heute allerdings verlorene Monographie verfaßt. Um 120 starb er im 82. Lebensjahr infolge eines Sturzes vom Pferd, also noch im vollen Besitz seiner körperlichen Kraft. Seine Heimat hat ihn für seine Dienste nach der Katastrophe von 146 mit mehreren Bildnissen und Inschriften geehrt. Sogar ein Relief von ihm ist uns erhalten.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 122-123).

Das Hauptwerk des Polybios sind seine Historien. In diesem Werk will er darstellen, wie in noch nicht ganz 53 Jahren, in der Zeit vom Beginn des Zweiten Punischen Kriegs bis zum Jahr nach der Schlacht von Pydna (168), die damals bekannte Welt unter die Herrschaft der Römer geriet (VI, 1, 3). Sein Programm ist also an der römischen Geschichte orientiert. Er will aber nicht nur die römische Geschichte darstellen, wie er an vielen Stellen erklärt, sondern Universalgeschichte schreiben. Damit spricht er die Erkenntnis aus, daß die römische Geschichte mit der Universalgeschichte identisch geworden ist. Polybios stellt die Ereignisse, die sich in den verschiedenen Gebieten der damaligen Welt gleichzeitig während einer Olympiade abspielten, zusammen. Da er den Beginn seines Werkes auf die 140. Olympiade (220-216) setzt, rechnet er auch dort, wo er den Beginn des Zweiten Punischen Krieges (218) als Ausgangspunkt seines Werkes nennt, mit dem Jahr 220. So kommt er zu der Zeitspanne von 53 Jahren. Der Eindruck, den die Zerstörung Karthagos und Korinths (146) auf ihn machten, und eine Wandlung seiner Auffassung von den die Geschichte tragenden Kräften veranlaßten ihn, sein Werk bis 145 oder 144 fortzusetzen. Die erste Konzeption umfaßte mit den beiden einleitenden Büchern 30 Bücher. Die Fortsetzung hatte einen Umfang von 10 Büchern. Die Gesamtzahl der Bücher betrug als 40. Uns sind davon die ersten fünf Bücher vollständig erhalten, vom sechsten Buch an besitzen wir nur noch Exzerpte und Fragmente, die in den letzten Büchern immer spärlicher werden.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 123-124).

„Er versucht an vielen Stellen seinen Stoff mit der Frage nach dem Wie, Wann und Warum anzugehen. Man hat diese Fragen mit einem gewissen Recht im Zusammenhang mit der aristotelischen Kategorienlehre gesehen, obgleich die Analogie nicht sehr weitgehend ist.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 125).

Die Dynamik der politischen Entwicklung versucht er mit dem Naturgesetz des Kreislaufs der Verfassungen, mit der Anakyklosis (vgl. z.B. VI, 4 [**] und z.B. VI, 5 [**]) zu begreifen. In seiner historischen Erklärung greift Polybios zum Naturgesetz des Wachstums, der Blüte und des Vergehens (vgl. z.B. VI, 51 [**]), das im biologischen Verlauf jeden Lebens zu beobachten ist.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 126).

y

„3 (1) Denn bei all den griechischen Staaten, die oft erstarkt sind, oft aber auch in vollem Umfang die Wende zum Gegenteil zu spüren bekamen, ist die Schilderung der Vergangenheit und die Aussage über die Zukunft leicht. (2) Denn Bekanntes darzustellen ist leicht, ebenso einfach ist es auch, unter Berücksichtigung der Vergangenheit über die Zukunft Voraussagen zu machen. (3) Bei den Römern aber ist es ganz und gar nicht leicht, weder über die Gegenwart Aussagen zu machen, weil die Verfassung vielfältige Aspekte hat, noch für die Zukunft Vorhersagen zu treffen, weil man die Besonderheiten der Römer im öffentlichen und privaten Leben in der Vergangenheit nicht kennt. (4) Deshalb bedarf es einer eingehenden und gründlichen Untersuchung, wenn man die Besonderheiten im römischen Staat klar erkennen will. (5) Die meisten, die uns über dieses Thema auf methodische Weise eine Beschreibung geben wollen, nennen drei Verfassungsformen: das Königtum (Monarchie; als schlechte Kehrseite: Tyrannis), die Aristokratie (Adelsherrschaft; als schlechte Kehrseite: Oligarchie), und als dritte die Demokratie (Volksherrschaft; als schlechte Kehrseite: Ochlokratie [Pöbelherrschaft]). (6) Meiner Meinung nach könnte aber jemand ganz mit Recht die Frage an sie richten, ob sie uns diese als die einzigen oder als die besten Verfassungen vorführen. (7) Im einen wie im anderen Fall nämlich scheinen sie mir nicht Bescheid zu wissen. Denn es ist klar, daß man als die beste Verfassung die ansehen muß, die aus all den eben genannten Einzelverfassungen besteht. (8) Denn dafür haben wir nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis einen Beweis, da Lykurg als erster auf diese Weise das Staatswesen der Lakedämonier eingerichtet hat. (9) Doch darf man diese Formen auch nicht als die einzigen ansehen. Denn wir kennen auch noch Staatsformen, die durch die Herrschaft eines Einzelnen, und solche, die durch die Herrschaft eines Tyrannen gekennzeichnet sind. Diese Formen scheinen trotz ihres sehr großen Unterschieds zum Königtum doch eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem zu haben. (10) Deshalb benutzen auch alle Tyrannen, soweit möglich, den Namen Königtum fälschlich und auf schmarotzerische Weise. (11) Doch auch Oligarchien hat es mehrere gegeben, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Aristokratien zu haben scheinen, obgleich sich diese beiden Staatsformen am meisten voneinander unterscheiden. (12) Dasselbe gilt auch von der Demokratie.“ (Polybios, Historien, 6. Buch, 3 [1-12]).

„4 (1) Daß das Gesagte richtig ist, wird aus folgendem klar. (2) Nicht jegliche Alleinherrschaft nämlich darf gleich Königtum genannt werden, sondern nur die, welche aufgrund freiwilliger Übereinkunft der Regierten zustande kam und die mehr durch Einsicht als durch Furcht und Gewalt gelenkt wird. (3) Doch auch nicht jede Oligarchie darf man für eine Aristokratie halten, sondern nur die, die von einer ausgewählten Gruppe der gerechtesten und klügsten Männer geleitet wird. (4) Ebenso darf man auch den Zustand nicht Demokratie nennen, in dem jede Masse berechtigt ist, zu tun, was sie gerade will und vorhat. (5) Sobald aber in solchen Staaten, wo von alters her die Gewohnheit besteht, die Götter zu verehren, die Eltern zu achten, die Älteren zu respektieren und den Gesetzen zu gehorchen, der Mehrheitsbeschluß sich durchsetzt, muß man von Demokratie sprechen. (6) Deshalb muß man auch sechs Verfassungsformen ansetzen, einmal drei, die alle Leute im Munde führen und die ich eben als erste genannt habe, zum anderen drei, die mit diesen ersten drei von Natur aus eng verbunden sind, ich meine Tyrannis, Oligarchie und Ochlokratie (Pöbelherrschaft). (7) Zuerst bildet sich ohne besonderes Zutun und von Natur aus eine erste, urtümliche Form der Alleinherrschaft; dieser folgt und aus ihr entsteht durch planvollen Aufbau und durch Verbesserung das Königtum. (8) Wenn das Königtum sich zu der von Natur aus in ihm angelegten Entartungsform hin verändert hat, d.h. zur Tyrannis geworden ist, dann entsteht aus dem Sturz dieser Entartungsform die Aristokratie. (9) Doch wenn diese Form gemäß ihrer Natur zur Oligarchie entartet und die Menge im Zorn die Ungerechtigkeiten der Männer, die an der Spitze stehen, verfolgt, entsteht die Demokratie. (10) Aus dem anmaßenden und gesetzwidrigen Handeln des Volkes wiederum kommt es mit der Zeit zur Ochlokratie. (11) Am klarsten könnte man die Richtigkeit dessen, was ich eben darlegte, erkennen, wenn man sich mit den Anfängen, dem Entstehen und den Wenden der einzelnen Formen - all das vollzieht sich naturgemäß - beschäftigen würde. (12) Denn wer Einblick in das natürliche Entstehen jeder einzelnen Verfassungsform gewinnen könnte, nur der könnte auch Einblick gewinnen in das Wachstum, die Blüte, die Wende und das Ende jeder einzelnen Verfassungsform - wann, wie und wo es wiederkehrt. (13) Am meisten aber paßt nach meiner Überzeugung diese Art der Darstellung auf die römische Verfassung, weil sie von Anfang an gemäß der Natur sich geformt hat und gewachsen ist.“ (Polybios, Historien, 6. Buch, 4 [1-13]).

5 (1) Genauer wird vielleicht die Lehre vom naturgemäßen Übergang der einzelnen Verfassungsformen ineinander bei Platon (**) und einigen anderen Philosophen entwickelt. Da sie aber verwickelt ist und in ziemlicher Breite dargestellt wird, ist sie nur wenigen zugänglich. (2) Deshalb werde ich in großen Zügen diese Lehre noch einmal durchgehen, soweit sie mir meine Art der Geschichtsschreibung zu betreffen scheint, welche die politischen Ereignisse unserer Zeit berichten will, und soweit sie dem Allgemeinverstand zugänglich ist. (3) Denn wenn in der (oben gegebenen) summarischen Ausführung etwas zu fehlen scheint, wird die anschließende Darstellung der Details die jetzt noch verbliebenen Unklarheiten genügend ausgleichen. (4) Welches sind nun die Anfänge, und woher nehmen die Staaten zuerst ihren natürlichen Ursprung? (5) Wenn durch Überschwemmungen, durch Seuchen, durch Mißernten oder auch durch andere ähnliche Ursachen das Menschengeschlecht vernichtet wird - solches ist schon eingetreten, wie wir wissen, und es wird oft wieder eintreten, wie die Vernunft lehrt -, (6) dann müssen, wenn angesichts der gleichzeitigen Vernichtung aller geistigen und technischen Errungenschaften aus den übriggebliebenen wie aus Samen mit der Zeit die Menschen sich wieder vermehren, dann also muß wie bei den übrigen Lebewesen auch bei den Menschen, (7) wenn sie sich sammeln - denn es ist natürlich, daß auch sie sich zu ihrer Art gesellen aus natürlicher Schwäche -, derjenige, der durch Körperkraft und Kühnheit hervorragt, führen und herrschen. (8) Diese Erscheinung muß man ja auch bei den anderen, nicht von der Vernunft geleiteten Lebewesen als eigenstes Werk der Natur ansehen, bei denen, wie wir sehen, allgemein die Stärksten führen, wie Stiere, Eber, Hähne und ähnliche Tiere. (9) Anfangs nun ist wahrscheinlich auch das Leben der Menschen so, die sich ja wie Tiere zusammentun und den Stärksten und Kräftigsten folgen. Der Umfang der Herrschaft dieser Führer wird durch ihre Stärke bestimmt. Als Name dürfte wohl Alleinherrschaft (**) passen. (10) Wenn aber im Laufe der Zeit bei diesen Gebilden sich ein Zusammenleben und eine gegenseitige Gewöhnung ergibt, kommt es von Natur zum Anfang des Königtums, und dann zum ersten Mal entsteht für die Menschen eine Vorstellung vom Schönen und Rechten und ihrem Gegenteil.“ (Polybios, Historien, 6. Buch, 5 [1-10]).

51 (1) Das Staatswesen der Karthager scheint mir anfangs, wenigstens seinen Hauptmerkmalen nach, gut angelegt gewesen zu sein. (2) Denn es gab bei ihnen Könige, der Rat der Alten übte eine aristokratische Gewalt aus, und das Volk hatte seine eigenen Befugnisse. Überhaupt glich die Anlage des Ganzen der römischen und der spartanischen Verfassung. (3) Zu der Zeit allerdings, als Karthago in den Hannibalschen Krieg eintrat, war die karthagische Verfassung schlechter, die römische aber besser. (4) Da es nämlich überall bei einem Körper, bei einer Verfassung und beim Handeln, von Natur aus ein Wachstum, dann eine Blüte und schließlich ein Vergehen gibt, und alles aber in der Blütezeit am besten ist, so unterscheiden sich die beiden Staatswesen darin, daß sie sich an einem anderen Punkt ihrer Entwicklung befanden. (5) Denn da Karthagos Verfassung früher stark war und früher als die römische Verfassung ihre Blütezeit hatte, hatte es damals schon seine Blütezeit hinter sich, während Rom gerade damals, wenigstens hinsichtlich seiner Verfassungsform, in seiner Blüte stand. (6) Deshalb hatte auch bei den Karthagern das Volk schon den größten Einfluß in den Beratungen gewonnen, bei den Römern hatte ihn noch der Senat. (7) Da also bei den einen die Menge die Entscheidungen traf, bei den anderen die Besten, waren die Entscheidungen der Römer in Staatsangelegenheiten besser. Deshalb besiegten sie auch, obgleich sie vollständig im Unglück waren, durch gute Entscheidungen schließlich die Karthager im Krieg.“ (Polybios, Historien, 6. Buch, 51 [4]).

 

Anmerkungen:

„Es kommen vor allem folgende Werke Platons in Frage: »Der Staat« (544 c ff. [dazu die Kritik des Aristoteles an dieser Stelle Platons; in »Politik«, VII (V), 12, 1316a, 1 ff.], 449a), »Gesetze« (677a ff., 709a ff.), »Siebenter Brief« (326 b ff.) und »Politikos« (291 d, e). Eine ausführliche Darstellung von Polybios’ möglichen Quellen findet sich im ersten Band des Kommentars von F. W. Walbank, Ein historischer Kommentar zu Polybios, 1957, S. 643-648.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 109, Anmerkung 7a).

„Monarchie; gemeint ist dieselbe Entwicklungsstufe, wie in VI, 4, 7 (**), wo der umschreibende Übersetzungsversuch lautete »eine erste, urtümliche Form der Alleinherrschaft«.“ (Karl Friedrich Eisen, Polybios: Historien, 1973, S. 109, Anmerkung 9).

„Mit der LEX JULIA DE MARITANDIS aus dem Jahr 18 v. Chr. und der LEX PAPIA POPPAEA aus em Jahr 9 v. Chr. werden unter der Herrschaft Kaiser Augustus’ Kinderlosen hohe Ämter verwehrt. Außerdem werden Kinderreiche durch das Erbrecht bevorzugt.“ (Meinhard Miegel, Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, 1993, S. 163). „Die LEX JULIA des Kaisers Augustus aus dem Jahre 14 v.u.Z. bedroht Nachwuchsverweigerer damit, daß sie ihr eigenes Erbe nicht antreten dürfen. Ausnahmen aber müssen gemacht werden - damals für Prostituierte. Daraufhin lassen sich die feinen Damen Roms in die Hurenregister eintragen. Das Imperium geht weiter unter: »Bis man zu den Zeiten kam, in denen wir weder unsere Krankheiten noch ihre Heilmittel ertragen könne«, kommentiert das Livius (63 v.u.Z. - 17 u.Z.) in der Einleitung zu seiner Römischen Geschichte. ... – Damals im Römischen Reich verschwindet mit der Bankrottierung der Bauern die kleine ökonomischen Einheit, auf der das römische Familienleben beruht. Nach der Vollstreckung in ihr verpfändetes Land bleiben diesen Bauern nur noch ihre proles (Kinder), nach dem Wegsterben dieser Proletarier wächst dann nichts mehr nach. Am Ende soll das Imperium ... 2000 Familien gehört haben. Auf immer größer werdenden Latifundien der erfolgreichen Konkurrenten hat gerade noch der Aufseher der Sklavenkaserne eine eigene Familie. Sklavenzuchtversuche scheitern an den langwierigen Preiserwartungen, weil nach Investitionen in zehn oder mehr Lebensjahre plötzlich ein einziger großer Sieg in Parthien Zehntausende billigst auf die Sklavenmärkte des Imperiums spülen und die Aufzuchtkosten zum Verlust machen konnte. Am Ende erfüllt sich des älteren Plinius (23-79) Diagnose latifundia Italiam perdidere (die Latifundien haben Italien [bzw. das Römische Reich] zugrunde gerichtet; Naturgeschichte, Buch XVIII: 35).“ (Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht - Terror im Aufstieg und Fall der Nationen, 2003, S. 47-48). **

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- Literaturverzeichnis -