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Peter Mersch (*1949)
- Land ohne Kinder. Wege aus der demographischen Krise (2005) -
- Die Familienmanagerin. Kindererziehung und Bevölkerungspolitik in Wissensgesellschaften (2006) -
- Migräne. Heilung ist möglich (2006) -
- Irrweg Bürgergeld. Eine Kritik aus Sicht der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft  restlos ruinieren wird (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2009) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (in: Kulturelle Vererbung; 2010) -
- Eva Herman, der BGH und die deutsche Sprache (2011) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie. Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? Das Königsproblem der Evolutionsbiologie (2012) -
- Bevölkerungsplanung (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Familienarbeit in gleichberechtigten Gesellschaften (2012) -
- Wie Übergewicht entsteht ..., und wie man es wieder los wird (2012) -
- Gesund abnehmen ohne Jojo-Effekt (2012) -
- Klüger werden und Demenz vermeiden (2012) -
Mersch-Zitate. Da ich Peter Mersch für einen der informativsten Wissenschaftler halte, möchte ich ihm einige
separate Seiten widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:   

- Land ohne Kinder (2005) -
- Die Familienmanagerin (2006) -
- Irrweg Bürgergeld (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (2010) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Zitat vom 25.12.2012, 07:22:59 -

Evolution, Zivilisation und Verschwendung. Über den Ursprung von Allem. (2008) **


„Seit den bahnbrechenden Arbeiten Charles Darwins wird allgemein angenommen, es sei das Prinzip der natürlichen Auslese, welches die Evolution des Lebens und die Vielfalt der Arten bewirke: Besser an ihren Lebensraum angepaßte Individuen hinterlassen durchschnittlich mehr Nachkommen als weniger gut angepaßte.
Peter Mersch weist dagegen nach, daß es sich bei der natürlichen Selektion um das Ergebnis der Wirkungen grundlegenderer, auf den Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen von Individuen beruhender Prinzipien handelt, die er unter dem Namen »Systemische Evolutionstheorie« zusammenfaßt. Damit kann er nicht nur die biologisch »Central Theoretical Problem of Human Sociobiology« lösen.
Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie können nur selbsterhaltende, selbstreproduktive Systeme eigendynamisch evolvieren. Daraus folgt aber, daß - anders als von Richard Dawkins vermutet - weder »egoistische« Gene noch Meme Gegenstand der Selektion sein können. Auch widerspricht die Theorie wesentlichen Grundannahmen der Luhmannschen Systemtheorie.
Mit der sexuellen Selektion gelang der Natur eine ganz entscheidende Innovation, nämlich die Einführung der marktmäßigen »Gefallen-wollen-Kommunikation«, die ihr die Möglichkeit gab, vielfältige, den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie genügende evolutive Infrastrukturen zu schaffen. Dieser Durchbruch dürfte maßgeblich verantwortlich gewesen sein für die Herausbildung unserer großen Gehirne und unserer Zivilisation, aber auch für eine ungeheure Verschwendung.
Das Zusammenspiel von Systemischer Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation kann erklären, wie aus der auf die Erde einströmenden Sonnenenergie und ersten Lebensformen zunächst Pflanzen, Dinosaurier und Löwen, dann Menschen, Autos, Mobiltelefone, Banken, Technologiekonzerne und schließlich eine enorme Umweltzerstörung entstehen konnten.“
(Ebd., Klappentext).

 –  Vorwort (S. i-x)
 1) Leben (S. 1-20)
 2) Selektionen (S. 21-32)
 3) Systeme (S. 33-73)
 4) Evolution (S. 75-296)
 5) Demographischer Wandel (S. 297-326)
 6) Zivilisation (S. 327-378)
 7) Verschwendung (S. 379-396)

Vorwort (S. i-x)

„Ausgangspunkt des vorliegenden Buches waren Fragen wie: Was treibt die technische Evolution an? Wie entsteht eigentlich Fortschritt? (Auslöser war das Buch »Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik« von Jacques Neirynck, 1994).“ (Ebd., S. i).

„In der Biologie nimmt man allgemein an, vergleichbare Fragestellungen für den eigenen Wissenschaftsbereich längst geklärt zu haben: Es sei das Prinzip der natürlichen Auslese, welches die Evolution des Lebens und die Vielfalt der Arten bewirke: Besser an ihren Lebensraum angepaßte Individuen hinterlassen durchschnittlich mehr Nachkommen als weniger gut angepaßte.“ (Ebd., S. i).

„Doch selbst Charles Darwin kamen bereits erste Zweifel: Wie konnten unter den Bedingungen der natürlichen Selektion etwa Pfauenmännchen entstehen, deren riesige gefiederte Schweife einer optimalen Adaption an ihren Lebensraum eher im Wege stehen? Seine Antwort war verblüffend: Es sei die sexuelle Selektion, die Auswahl der geeignetsten oder vielleicht auch nur »genehmsten« Männchen durch die Weibchen, die all dies bewirke.“ (Ebd., S. i).

„Mit der sexuellen Selektion gelang der Natur eine ganz entscheidende Innovation, die die Grundlage vieler späterer Entwicklungen war: die Einführung der marktmäßigen und herrschaftsfreien Gefallen-wollen-Kommunikation (**). Sie dürfte maßgeblich verantwortlich sein für eine beschleunigte Evolution, für die Entstehung unserer großen Gehirne und unserer Zivilisation, aber eben auch für eine ungeheure Verschwendung. Und sie stand Modell für unsere modernen Märkte, die so ungeheuerliche Dinge wie Mobiltelefone mit integrierten Videokameras, Rundfunkempfängern und MP3-Playern hervorgebracht haben.“ (Ebd., S. i).


„Es handelt sich hierbei um eine eigene Wortschöpfung, die im Kapitel Selektionen neu eingeführt wird.“ (Ebd.).


„Doch all das erklärt noch nicht, warum sich etwas in die eine oder andere Richtung oder überhaupt entwickelt. Ist es vielleicht doch die »unsichtbare Hand«, die Adam Smith hinter all dem sah (**)?“  (Ebd., S. ii).


„Adam Smith behauptete in seinem Werk »Der Wohlstand der Nationen«, das Zusammenwirken der Menschen (in Märkten) werde »von einer unsichtbaren Hand geleitet«, so daß jeder von ihnen »einen Zweck fordert, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat«. Dieser Zweck sei das Gemeinwohl im Sinne einer gesamtwirtschaftlichen Effizienz der Güterallokation. Kein einzelner Marktteilnehmer verfolge die Absicht, daß insgesamt die effiziente Marktmenge gehandelt werde; jeder wolle nur seinen Güterbedarf decken. Und doch führe der Marktmechanismus durch seine unsichtbare Hand zur Bereitstellung dieser effizienten Menge.“ (Ebd.).


„Das vorliegende Buch zeigt, daß dessen Vorstellung so falsch nicht war. Es erklärt nämlich die biologische, kulturelle, soziale, wissenschaftliche und technische Evolution einheitlich aus einigen wenigen, unter dem Namen Systemische Evolutionstheorie zusammengefaßten Prinzipien heraus, die in erster Linie auf Systemeigenschaften, namentlich den Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen von Individuen, beruhen. Damit trennt es sich gleichzeitig auch von der in der Biologie aktuell vorherrschenden Vorstellung, Individuen handelten vorrangig im Eigeninteresse ihrer Gene, die möglichst lange fortbestehen wollten. Stattdessen stellt es das grundlegende Bestreben von Individuen, sich selbsterhalten und reproduzieren zu wollen, in den Vordergrund (**).“ (Ebd., S. ii).


„Die Argumentation ist strikt systemtheoretisch. Demgemäß geht es etwa Unternehmen - als Systemen - primär um den eigenen Selbsterhalt, während die Interessen von Mitarbeitern und anderen Akteuren demgegenüber nachgelagert sind. Entsprechend ist zwar durchaus vorstellbar, daß Gene eigene Interessen besitzen und auch verfolgen, auf der Ebene des Individuums sind aber in erster Linie dessen eigene Interessen von Belang.“ (Ebd.).


„Ein Selbsterhalt hat unter anderem auch immer die Erhaltung von Kompetenzen im Umgang mit der primären selektiven Umwelt (**) zum Gegenstand. Solche Kompetenzen beziehungsweise Adaptionen sind aber zu jedem Zeitpunkt stets nur relativ in Bezug auf die Fertigkeiten und Fähigkeiten aller anderen Individuen der gleichen Population, weswegen sie permanent erneuert und gegebenenfalls sogar verbessert werden müssen, wollen sie sich nicht sukzessive selbst entwerten.“ (Ebd., S. ii).


„Die Begriffe »primare selektive Umwelt«, »Lebensraum«, «Milieu«, »Umgebung«, »Außenwelt« oder auch einfach nur »Umwelt« werden im Laufe des Buches weitestgehend synonym verwendet.“ (Ebd.).


„Daraus ergeben sich einige überraschende Konsequenzen:
Beim Prinzip der natürlichen Auslese handelt es sich um kein Basisprinzip des Lebens, sondern um das Ergebnis der Wirkungen grundlegenderer Evolutionsprinzipien, die auf Interessen beruhen. Anders gesagt: Biologische Populationen evolvieren nicht, weil besser an den Lebensraum angepaßte Individuen im Mittel mehr Nachkommen hinterlassen als andere, sondern weil Lebewesen leben und überleben wollen. Evolution wird somit nicht durch den Kampf ums Dasein oder das Überleben der Tauglichsten, sondern durch die jeweiligen Eigeninteressen von Individuen vorangetrieben.
Die Natur selektiert nicht.
Nur selbsterhaltende, selbstreproduktive Systeme können eigendynamisch evolvieren beziehungsweise »Gegenstand der Selektion« sein. Gene, Meme, Entscheidungen, Handlungen, Praktiken u.s.w. scheiden dafür aus. Die biologische Evolution wird folglich auch nicht durch egoistische Gene (vgl. Dawkins, a.a.O.) vorangetrieben.
Bei Unternehmen handelt es sich um Organisationssysteme, die sich fortlaufend um ihren Selbsterhalt bemühen und deshalb auf kompetitiven Märkten dazu gezwungen sind, ihre Adaptionen beziehungsweise Kompetenzen - Produkte und Dienstleistungen -ständig zu aktualisieren, sich also selbst zu reproduzieren. Dies bewirkt dann die »Evolution« der Technik. Anders gesagt: Nicht die Technik evolviert, sondern die Organisationen, die sie herstellen. Die Evolution der Technik ist nur ein Aspekt der ihr unterliegenden Evolution der Organisationssysteme.
Soziale Systeme wie Gesellschaften oder Organisationssysteme beinhalten stets auch selbsterhaltende Systeme (Menschen und andere Akteure), die sich mit eigenen Intentionen (Interessen) und Kompetenzen in das Gesamtsystem einbringen. Sie bestehen folglich nicht nur aus Kommunikation. Wesentliche Grundannahmen der Luhmannschen Systemtheorie dürften deshalb nicht zu halten sein.
In modernen menschlichen Gesellschaften, deren Mitglieder allgemein , über leistungsfähige und sichere Methoden der Familienplanung verfügen, entwickelt sich das Reproduktionsinteresse von Individuen zu einer ökonomisch abschätzbaren Größe: es ist dann nicht länger nur »natürlich« vorhanden. Unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter ist es im Mittel sogar umso niedriger, je höher die Kompetenzen und beruflichen Beanspruchungen der betroffenen Personen sind. Dies gilt in zunehmendem Maße für Frauen wie Männer, da in solchen Gesellschaften üblicherweise eine Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter - bei gleichzeitiger paritätischer Aufteilung eventueller Familienarbeiten - angestrebt wird. Es bildet sich dann aber ein für Menschen unlösbarer Konflikt heraus: Mit zunehmender Kinderzahl steigen die Ausgaben für die Familie, während gleichzeitig ihre Einkünfte sinken (**). Die Konsequenz daraus ist: Modeme menschliche Gesellschaften reproduzieren sich nicht mehr gemäß den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie. Damit erklärt sich dann auch das Central Theoretical Problem of Human Sociobiology.
Wie im Laufe der weiteren Ausführungen gezeigt wird, beruht der Prozeß der Zivilisation maßgeblich auf einer zunehmenden Durchsetzung der Gefallen-wollen-Kommunikation gegenüber eher dominanten Kommunikationsweisen. Diese Entwicklung ging Hand in Hand einher mit Ausdifferenzierungs- und Individualisierungsprozessen, aber auch mit einer Wandlung des Trieb- und Affekthaushaltes auf Seiten der Individuen. Gleichzeitig war sie Voraussetzung für das Entstehen großer Organisationen (Organisationssysteme), deren plötzliches massenhaftes Auftreten ein entscheidendes Merkmal der Modeme sein dürfte.“ (Ebd., S. ii-iv).


„Familien gelten in unserer Gesellschaft als ökonomisch autarke Einheiten, die sich im wesentlichen selbst zu finanzieren haben.“ (Ebd.).


„Bei Organisationssystemen (**|**|**|**) handelt es sich um neuartige biologische Phänomene einer bislang unbekannten Größenordnung, die sowohl eigene Identitäten als auch eigenständige Selbsterhaltungsinteressen besitzen. Während die biologische Evolution die Ein- und Mehrzeller (Organismen) hervorgebracht hat, sind die kulturelle, soziale, wissenschaftliche und technische Evolution primär das Ergebnis evolutiver Entwicklungen auf der nächst höheren Systemebene, den Organisationssystemen. Im Prinzip könnten diese als eine neue Form des Lebens aufgefaßt werden (**). “ (Ebd., S. iv).


„Im Gegensatz zu einigen anderen Autoren wird hier behauptet, daß es sich bei menschlichen Organisationssystemen (zum Beispiel Unternehmen) um Superorganismen handelt. Die Menschheit selbst dürfte dagegen diesen Status zur Zeit noch nicht besitzen.“ (Ebd.). **


„Ihr Energie- und Kapitalbedarf übertrifft alles bislang Dagewesene. Konnten sie anfangs noch auf Territorialstaaten eingegrenzt und damit zum Teil auch kontrolliert werden, so haben sie diese Beschränkungen längst hinter sich gelassen und sich teilweise über die ganze Welt ausgebreitet. Wenn man fragen würde, was Globalisierung eigentlich genau ist, dann müßte man wohl sagen: Es ist der Prozeß des Anwachsens von Organisationssystemen zu globaler Größe, bei dem die Nationalstaaten gleichzeitig zu Lieferanten degradiert werden. Oft erhalten die betroffenen Länder noch nicht einmal mehr ausreichende Gelegenheit, ihr Humanvermögen zu bewahren. Wenn dieses dann schließlich erschöpft ist, was für Europa in den nächsten 30 bis 50 Jahren zu erwarten ist, dann werden die Organisationen zur nächsten Lokation weiterwandern, denn anders als Territorialstaaten sind sie nicht an Regionen und Bevölkerungen gebunden.“ (Ebd., S. iv-v).

„Die primäre selektive Umwelt solcher Organisationssysteme sind vor allem die Märkte, die aber allesamt auf der verschwenderischen Gefallen-wollen-Kommunikation basieren. Die Ursache der globalen Erwärmung dürfte folglich auch eher hier zu suchen sein, denn gegenüber diesen Giganten sind Menschen praktisch ohne Bedeutung, auch und gerade was den Ressourcenverbrauch angeht. Es stellt sich die Frage, ob es der Menschheit jemals noch gelingen wird, diese Superorganismen, in denen einzelne Menschen nur noch vertraglich temporär gebundene, jederzeit austauschbare Zellen sind, in ihre Schranken zu weisen.“ (Ebd., S. v).

„Wenn man so will, dann erklärt das vorliegende Buch die Welt, nämlich wie einige wenige gemeinsame Evolutionsprinzipien aus der auf die Erde einströmenden Sonnenenergie und ersten Lebensformen zunächst Pflanzen, fleischfressende Dinosaurier und Löwen, dann zivilisierte Menschen, Autos, das Internet, Mobiltelefone, Organisationen wie die Deutsche Bank, General Electric oder Microsoft und schließlich eine gewaltige Verschwendung und Umweltzerstörung entstehen ließen.“ (Ebd., S. v).

„Im Grunde liegt in den dargelegten Resultaten eine weitere »Kränkung« der Menschheit. Obwohl man seit Darwin weiß, daß der Mensch evolutionär aus dem Tierreich hervorgegangen ist, wird ihm noch immer eine absolute Sonderstellung unter den Lebewesen eingeräumt. So meint man denn etwa, es gäbe auf der einen Seite die Natur, und daneben all das, was der Mensch aus sich selbst heraus geschaffen hat. Dem ist aber wohl nicht so. Stattdessen scheint der gleiche Evolutionsmechanismus, der aus Bakterien irgendwann hat Menschen werden lassen, nun die moderne Welt und damit auch das vorliegende Buch hervorgebracht zu haben.“ (Ebd., S. v).

Frankfurt, im April 2008
Peter Mersch

*

„Die Darwinsche Evolutionstheorie gilt allgemein als eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Leistungen aller Zeiten. Allerdings bestehen in ihrem Zusammenhang einige Ungereimtheiten, die sich bislang nicht ausräumen ließen, zum Beispiel:
Obwohl sich Charles Darwin bei der Formulierung des Prinzips der natürlichen Selektion von der Bevölkerungslehre Thomas Robert Malthus' - und damit von gesellschaftspolitischen Konzepten - leiten ließ, wird die Anwendung der Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften in aller Regel als Sozialdarwinismus, Biologismus oder naturalistischer Fehlschluß diskreditiert (Sozialdarwinismus-Problem).
Gemäß dem Prinzip der natürlichen Auslese hinterlassen besser an den Lebensraum angepaßte Individuen mehr Nachkommen als weniger gut angepaßte. In modernen menschlichen Gesellschaften sind die Verhältnisse jedoch genau umgekehrt, denn dort besteht in aller Regel ein negativer Zusammenhang zwischen sozialem Erfolg und Kinderzahl (Central Theoretical Problem of Human Sociobiology).
Bislang konnte keine einzige nichtbiologische Evolution (Technik, Kultur, Wissen u.s.w.) schlüssig auf das Prinzip der natürlichen Auslese zurückgeführt werden.
Im Grunde gilt dies sogar für die sexuelle Evolution, für die Charles Darwin mit der sexuellen Selektion ein von der natürlichen Auslese deutlich abweichendes Evolutionsprinzip formulierte, so daß nun zur Erklärung der Entstehung und Weiterentwicklung der Arten mehrere konkurrierende Evolutionsmechanismen existieren.
In »Evolution, Zivilisation und Verschwendung« wird eine ganz einfache Theorie vorgestellt (**), die die genannten Ungereimtheiten allesamt auflösen kann. Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie besteht die Welt nämlich aus einer Vielzahl an evolutionsfähigen Systemen, die vor allem eins im Sinn haben: leben und überleben wollen. Kommen sie sich dabei in die Quere, werden sie zu Feinden, Konkurrenten oder Partnern. Ist ihre Kooperation besonders intensiv, kann eine neue Systemebene entstehen, für die nun wieder das Gleiche gilt: leben und überleben wollen. Etwas Entsprechendes ist seit Beginn des Lebens auf der Erde mindestens zweimal passiert, einmal im Rahmen der Organismenbildung vor ca. 500 Millionen Jahren, ein anderes Mal erst unlängst mit dem Aufkommen der Organisationssysteme (**|**|**|**).“ (Ebd., S. vii-viii).


„Der Grundgedanke des dahinterliegenden »Weltbildes« ist: Wenn sich schon angeblich die gesamte biologische Artenvielfalt aus einfachsten Prinzipien (Variation, Selektion, Vererbung) heraus erklären läßt, dann sollte dies für alle anderen Phänomene des Lebendigen (einschließlich des Menschen) ebenfalls gelten. Die im vorliegenden Buch vorgestellte Systemische Evolutionstheorie vereint dabei sowohl reduktionistische als auch ernergenztheoretische Ansätze: Alle Evolutionen werden auf einige wenige »atomare« emergente Eigenschaften des Lebendigen zurückgeführt.“ (Ebd.).


„Mit der Sexualität erfand die Natur eine neue Interaktionsweise - die Gefallen-wollen-Kommunikation -, die ihr die Möglichkeit gab, beliebige eigenständige Evolutionsumgebungen entstehen zu lassen. Damit war der Weg frei für die heutige Artenvielfalt, aber auch die Evolution der Technik, der Kultur und des Wissens.“ (Ebd., S. viii).

„Fundamente der Systemischen Evolutionstheorie sind also letztlich das Leben selbst und die Sexualität. Unter den Neuerungen der vierten Auflage von »Evolution, Zivilisation und Verschwendung« stehen deshalb zwei zentrale biologische Fragestellungen im Vordergrund:
Was ist Leben?  Anders gefragt: Worin unterscheiden sich Lebewesen von unbelebter Materie beziehungsweise von anderen biologischen Phänomenen (wie etwa Ameisennestern)?
Wozu gibt es Sexualität?
Um es gleich vorweg zu sagen: Das vorliegende Buch bemüht sich zwar um eine Beantwortung der ersten Frage, doch scheint mir die Problemstellung damit keineswegs abschließend gelöst zu sein. Dennoch glaube ich, daß man sich dem Wesen des Lebens nur ungefähr so wie vorgeschlagen wird nähern können, nämlich über die in den Lebewesen verankerte emergente Subjektfunktion und den daraus resultierenden Eigeninteressen (Selbsterhalt, Selbstreproduktion) in Relation zu einer ansonsten objekthaften Umwelt. Möglicherweise wird eine reduktionistische Vorgehensweise dagegen niemals befriedigende Antworten liefern können.“ (Ebd., S. viii).

„Ganz anders sieht die Situation beim Thema Sexualität aus. Hier kann man die grundsätzlichen Vorteile der sexuellen Fortpflanzung in getrenntgeschlechtlichen Populationen recht genau benennen. Auf eine Kurzformel gebracht: Die meisten Vorteile der sexuellen Reproduktion erwachsen aus dem Unterschied in der potentiellen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich (vgl auch: Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 49). Die daraus resultierende Aufgabenspezialisierung des männlichen Geschlechts stellt den eigentlichen evolutionären Vorteil getrenntgeschlechtlicher Spezies gegenüber Hermaphroditen oder sich asexuell reproduzierenden Arten dar.“ (Ebd., S. viii-ix).

„Allerdings ist eine solche Erkenntnis relativ neu, denn Mitte des 20. Jahrhunderts schrieb etwa Simone de Beauvoir in ihrem Hauptwerk »Das andere Geschlecht« noch, der eigentliche Sinn der Unterteilung der Arten in zwei Geschlechter sei den Biologen überhaupt nicht klar und es gebe möglicherweise auch keinen (vgl. Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, S. 28), weswegen sie dann folgerte: »Vielleicht wird die Mitwirkung des Mannes in der Fortpflanzung eines Tages überflüssig: das ist anscheinend der Wunsch zahlreicher Frauen.« (Ebd., S, 33). Alice Schwarzer ergänzt, der Mensch habe ursprünglich eine »polymorphe Sexualität«, die nicht festgelegt sei, und die vorherrschende Heterosexualität sei ein Resultat der kulturellen Priorität (vgl. Alice Schwarzer, Die Antwort, S. 41). Entsprechend fordert sie einen »neuen Menschen«: Ja, es stimmt, die schlimmsten Albträume der Fundamentalisten und Biologisten müßten wahr werden: Das werden nicht mehr die gewohnten »Frauen undMänner« sein ..., sondern herauskommen wird ein »neuer Mensch«. Ein Mensch, bei dem die individuellen Unterschiede größer sein werden als der Geschlechtsunterschied.« (Ebd., s. 168). Die Soziologin Judith Butler geht noch einen Schritt weiter, indem sie behauptet, Geschlecht stelle ausschließlich eine soziale Kategorie dar, wobei sie gleichzeitig die biologische, binäre Konstruktion der Getrenntgeschlechtlichkeit radikal in Frage stellt.“ (Ebd., S. ix).

„Das vorliegende Buch zeigt dagegen auf: Kultur, Altruismus, Zivilisation, Höflichkeit, Demokratie, Marktwirtschaft, Kunst, Wissenschaft und Technologie beruhen allesamt maßgeblich auf einer ganz entscheidenden Errungenschaft der sexuellen Fortpflanzung, nämlich der Gefallen-wollen-Kommunikation. Sexualität ist vor allem Kommunikation. Ohne Sexualität und Getrenntgeschlechtlichkeit basierte die Welt wohl noch immer ausschließlich auf dem Prinzip Fressen und Gefressen werden.“ (Ebd., S. ix).

„Ich bin seit der Veröffentlichung der ersten Auflage von »Evolution, Zivilisation und Verschwendung« mehrfach gefragt worden, ob die Systemische Evolutionstheorie nun eine Verallgemeinerung der Darwinschen Lehre sei oder gar deren Widerlegung.“ (Ebd., S. ix-x).

„Sie ist im Grunde beides. Einerseits handelt es sich bei ihr um eine Verallgemeinerung, weil aus ihr die Prinzipien der Darwinschen Evolutionstheorie - inklusive der natürlichen Auslese - unmittelbar ableitbar sind, und weil sie zusätzlich eine ganze Reihe an nichtbiologischen Evolutionen erklären kann, was mit der Darwinschen Theorie nicht möglich ist.“ (Ebd., S. x).

„Andererseits relativiert sie aber auch das Prinzip der natürlichen Auslese, welches die Evolution des Lebens bekanntlich mit dem durchschnittlich höheren Fortpflanzungserfolg der fitteren Individuen erklärt.“ (Ebd., S. x).

„Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang Fitneß? Setzt man Fitneß mit sozialem Erfolg, Bildung oder Wohlstand gleich, dann besteht in modernen menschlichen Gesellschaften gemäß dem empirisch sehr gut belegten Central Theoretical Problem of Human Sociobiology sogar eine zur natürlichen Selektion genau umkehrte Relation. Der höhere Fortpflanzungserfolg der Fitteren scheint sich also - anders als es die Darwinsche Lehre behauptet - nicht in allen Fällen zu realisieren.“ (Ebd., S. x).

„Die Biologen behalfen sich damit, indem sie Fitneß kurzerhand mit relativem Lebenszeit-Fortpflanzungserfolg gleichsetzten, und zwar gemäß der Devise: »Die Fitneß eines Individuums läßt sich nur im Nachhinein beurteilen. So gesehen sind die Fittesten diejenigen, die in ihrem Leben - in Relation zu den anderen Mitgliedern einer Population - die meisten Nachkommen hinterlassen.«“ (Ebd., S. x).

„Allerdings würde die natürliche Selektion auf diese Weise zu einer Tautologie verkommen, es sei denn, man forderte zusätzlich noch, daß sich fittere Individuen mindestens genauso oft fortpflanzen »wollen » wie weniger fitte. Damit wäre dann wieder ein echter Bezug zwischen Leben (Fitneß) und Überleben (Survival) hergestellt. Und genau dies tut die Systemische Evolutionstheorie: sie ersetzt den Begriff des Fortpflanzungserfolges weitestgehend durch den des Fortpflanzungswunsches, wodurch es ihr gelingt, eine konzeptionelle Lücke in der Darwinschen Lehre zu schließen, die für viele Mißverständnisse bei deren Anwendung verantwortlich gewesen sein dürfte.“ (Ebd., S. x).

Frankfurt, im August 2008
Peter Mersch

1) Leben (S. 1-20)

1.1)   Leben und Energie (S. 1-9)
1.2)   Leben als dissipative Struktur (S. 9-15)
1.3)   Leben und Fortpflanzung (S. 16-20)

1.1) Leben und Energie

„Grundlage jeglichen Lebens auf der Erde ist. die die Erdoberfläche erreichende Sonnenenergie, denn Lebewesen benötigen vor allem Energie.“ (Ebd., S. 1).

„Damit sich das Leben auf der Erde evolutiv entwickeln konnte, mußte die Zufuhr an Sonnenenergie über einen sehr langen Zeitraum ausreichend konstant erfolgen, denn selbst kurzfristige größere Energieschwankungen (zum Beispiel nach sehr schweren Vulkanausbrüchen oder Meteoriteneinschlägen) hatten jedes Mal ein Massenaussterben von biologischen Arten zur Folge.“ (Ebd., S. 1).

„Interessanterweise scheint selbst die Dreidimensionalität unseres Universums eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Leben zu sein:
»Planeten sind eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Entstehung von Bewßtsein. Einem solchen Planeten muß mäßige Wärme zugeführt werden, damit die Fließfähigkeit seiner Umwelt erhalten bleibt. Nur so sind die Moleküle beweglich genug, die Entwicklungslinien der Evolution zu erkunden. Die Wärme könnte aus dem Inneren des Planeten stammen - es ist denkbar, daß sich Leben auf der Oberfläche eines warmen Sterns entwickelt. Doch Wärme allein reicht nicht aus. Das Leben lebt von Qualität .... Es hätte keinen Zweck, mit Wärme, einer Energieform minderer Qualität, zu beginnen und zu hoffen, sie könnte die Evolution von Komplexität speisen. Wir müssen mit hochgradiger Qualität beginnen und dann von ihrem Velfall leben. Kurz, zum Leben brauchen wir Licht.
Ein Planet, der heiß genug wäre, um als Lichtquelle - und damit auch als potentielle Lebensquelle - dienen zu können, wäre zugleich ein globales Krematorium: Kein komplexes Molekül könnte überleben, ganz zu schweigen von Molekülverbänden, die sich als Organismen verhielten. Natürlich lassen sich auf einem abgekühlten Planeten Lichtquellen konstruieren, doch dazu bedalf es gewöhnlich einer Intelligenz. Folglich sind sie eine Konsequenz des Lebens, nicht seine Voraussetzung. Von Zivilisationen und eingegrenzten Örtlichkeiten abgesehen, muß ein Planet sein Licht von außerhalb beziehen: Das Leben auf Planeten ist auf Sonnen angewiesen.
Soll ein Planet die Voraussetzungen für die Entstehung von Leben bieten, muß er die zentrale Sonne in einer Bahn umkreisen, die sich weder so weit nähert, daß die entstehenden Lebensformen verschmoren, noch so weit entfernt, daß sie erfrieren. Die Umlaufbahn darf keine Schwankungen aufweisen, wenn das Leben eine Chance haben soll und wenn die empfindlichen Moleküle ihre stets gefährdete Komplexität auf Dauer bewahren sollen. Diese förderlichen Bedingungen, die von gleichbleibenden Umlaufbahnen geschaffen werden, müssen über Äonen erhalten bleiben. Die Suche nach Kriterien für die Evolution von Bewußtsein reduziert sich damit auf die Suche nach Kriterien für die Stabilität von Planetenumlaufbahnen. ....
In zwei Dimensionen ebenso in Universen mit vier und mehr Dimensionen wären Planeten schon durch geringfügige Störungen aus ihren Umlaufbahnen zu bringen. .... Hingegen sind die Erde und ihresgleichen in der Nähe dieser und anderer Sonnen in der Lage, auf Kometen, Planeten und Begegnungen anderer Art zu reagieren und zu überleben. Die durch die drei Dimensionen unseres Raumes ermöglichte Bewegungsfreiheit ist gerade groß genug, um Umlaufbahnen flexibel korrigieren und Katastrophen vermeiden zu können. .... Die Vermeidung solcher Katastrophen ist die Voraussetzung für die Entwicklung von Menschen ....« (Peter W. Atkins, Schöpfung ohne Schöpfer, 1984, S. 105ff.):
Sind die genannten günstigen Bedingungen vorhanden, scheint das Leben praktisch sofort zu entstehen:
»Man vermutet, daß [das Leben] vor 4,2 bis 4,4 Milliarden Jahren begonnen habe. Das ist schon einmal eine sehr interessante Sache, weil sie uns folgendes zeigt: Kaum war die Erdoberfläche aufunter 100 Grad Celsius abgekühlt, entstand schon das erste Leben. Früher hatte man sich nämlich vorgestellt, daß nach der Entstehung der Erde (vor rund 4, 6 Milliarden Jahren) erst einmal lange Zeit gar nichts geschah, bis dann kurz vor der Gegenwart alles Leben explosionsartig hervorgekommen sein soll. Wir sehen aber wiederum: die physikalischen und chemischen Bedingungen waren offenbar so, daß bei der ersten ›Gelegenheit‹ schon Leben entstanden ist.« (Robert Kaspar, Wie kam der Apfel auf den Baum?,  1984, S. 25):
Ganz anders sieht dies bezüglich der Entstehung von komplexem Leben (Organismen, Mehrzellern) aus, denn mit dessen Entwicklung ließ sich die Evolution mehr als drei Milliarden Jahre Zeit. Doch nicht nur das: Nahezu alle heute noch gültigen Hauptentwürfe vielzelligen Lebens sind im Kambrium in einem Zeitraum von nur etwa fünf Millionenn Jahren entstanden.“ (Ebd., S. 1-3).

„Die Sonne liefert pro Jahr eine Energiemenge von etwa 3,9 Yottajoule auf die Erdoberfläche, das sind 3,9 Millionen Exajoule, wobei ein Exajoule wiederum einer Milliarde Gigajoule entspricht, und bei einem Gigajoule selbst handelt es sich um eine Milliarde Joule. Um ein Gefühl für die Größenordnungen zu bekommen: Ein Mensch benötigt pro Tag ca. 2000 Kcal an Nahrungsenergie. (**). Umgerechnet in Joule (1 cal = 4,18 Joule) und Jahr entspricht dies einem Energiebedarf von ca. 3 Gigajoule pro Jahr. Die gesamte Menschheit von zur Zeit etwa 6,7 Milliarden Menschen hat demzufolge einen jährlichen Nahrungsenergiebedarf von ca. 20 Exajoule. Gemäß den folgenden Ausführungen handelt es sich bei Nahrungsenergie letztendlich um Sonnenenergie.“ (Ebd., S. 3).


„Allerdings stehen heute hinter jeder Kalorie, die wir als Lebensmittel zu uns nehmen. bis zu zehn Kalorien fossiler Energie, die für Kunstdünger, Landwirtschaftsmaschinen, Kühlung, Verarbeitung, Transport u.s.w. aufgebracht werden müssen. (Vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert, 2007, S. 64).“ (Ebd.). Zusatz-Info: Kcal = Kilokalorie; 1 cal = 4,187 J bzw. 1 J = 0,239 cal; J ist die SI-Einheit der Energie, benannt nach dem englischen Physiker James Prescott Joule (1818-1889).

„Die Evolution des Lebens auf der Erde könnte auch als eine Evolution der Nutzung von Energie verstanden werden. Pflanzen nehmen Sonnenenergie über die Photosynthese direkt auf, und speichern sie für sonnenarme Zeiten in Form von Stärke beziehungsweise teilweise auch als Fett ab. Sie kommen deshalb ohne Fortbewegung aus. Die Photosynthese der Pflanzen ist die auf der Erde am weitesten verbreitete Nutzung von Sonnenenergie. Daneben gewinnen auch einige Bakterien ihre Energie direkt aus dem Sonnenlicht.“ (Ebd., S. 3).

„Tiere nutzen Sonnenenergie indirekt, zum Beispiel durch Verzehr der in Pflanzen gespeicherten Energie. Man nennt sie dann Pflanzenfresser (Herbivoren). Dafür müssen sie sich allerdings von Pflanze zu Pflanze fortbewegen. Über den Verzehr von Pflanzen kann mehr Energie pro Zeiteinheit aufgenommen werden als über eine direkte Nutzung von Sonnenergie. Die Evolution der Tiere ging folglich mit einer Steigerung der Energieeffizienz einher. Tiere speichern den größten Teil ihrer Energiereserven als Fett ab. Ein Grund dafür ist die hohe Energiedichte von Fett (900 Kcal pro 100 g). Ein Tier kann dann im Vergleich zu anderen Energieträgern mehr Energie pro kg zusätzlichem Körpergewicht mit sich herumtragen. Viele Pflanzenfresser sind den ganzen Tag mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Elefanten nehmen beispielsweise täglich etwa 200 Kilogramm Nahrung beziehungsweise 250000 Kcal zu sich, wofür sie allein 17 Stunden benötigen. Sie fressen vor allem Gras, aber auch Früchte, Wurzeln, Zweige und Rinde. Daneben trinken sie 70 bis 150 Liter Wasser am Tag.“ (Ebd., S. 3-4).

„Tierisches Gewebe besitzt in der Regel eine höhere Energiedichte als pflanzliches. Die Evolution der Fleischfresser (Carnivoren) bedeutete deshalb eine weitere Steigerung der Energieeffizienz. Anders als viele Pflanzenfresser können sich Fleischfresser bei der Nahrungsaufnahme meist auf wenige Stunden pro Tag beschränken. Allerdings ist ihre Nahrungsbeschaffung im Gegenzug mit einem höheren Energieaufwand verbunden. Deshalb können Fleischfresser nicht die maximale Größe von Pflanzenfressern erreichen und diese wiederum nicht die maximale Größe von Pflanzen. (Verdoppelt man den Durchmesser einer Kugel, so verachtfacht sich ihr Volumen. Ein nach allen Seiten doppelt so großer Löwe wäre also 8-mal so schwer. Er müßte dann nicht nur überall wesentlich stabiler konstruiert sein, sondern wüde bei Beschleunigungen auch viel mehr Energie verbrauchen.).“ (Ebd., S. 4).

„Der moderne Mensch ist wie die meisten anderen Primaten ein Allesfresser (Omnivore), er kann also sowohl Pflanzen als auch tierische Produkte verdauen. Allerdings ist die Vergrößerung des menschlichen Gehirnvolumens in der Altsteinzeit ohne den enormen Fleischkonsum unserer Vorfahren nicht erklärbar. (Vgl. Josef H. Reichholf, Das Rätsel der Menschwerdung - Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel mit der Natur, 1990, S. 115ff.; Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 40ff.).“ (Ebd., S. 4).

„In der Natur geht es also in erster Linie um Energie. Da nicht nur die Sonnenenergie, sondern auch Lebewesen selbst Energie darstellen, heißt das Prinzip »fressen oder gefressen werden«, wobei die relative Position in der Nahrungskette (Energiekette) von entscheidender Bedeutung ist. Lebewesen, die gezielt auf die Jagd nach Energie in anderen Lebewesen gehen, nennt man deren natürliche Feinde, sie nehmen somit in der Nahrungskette einen höheren Rang ein als ihre Nahrung.“ (Ebd., S. 4).

„Innerhalb der Nahrungskette existieren noch so genannte Destruenten, die abgestorbene Pflanzen und tote Tiere zersetzen und Böden wieder mit zusätzlichen Mineralstoffen anreichern.“ (Ebd., S. 4).

„Der Mensch hat die Energieeffizienz nochmals und auf vielfältige Weise gesteigert. Zunächst trat er aufgrund seiner intelligenten Jagdstrategien und der Erfindung von Waffen und des Feuers als das gefährlichste Raubtier aller Zeiten auf. Dabei konzentrierte er sich über weite Strecken sogar darauf, die größten Pflanzenfresser (zum Beispiel Mammuts) zu jagen, die davor noch keine natürlichen Feinde besaßen. Auf diese Weise konnte er den Zeitaufwand für die Nahrungssuche und -aufnahme drastisch reduzieren. Die freigewordene Zeit stand nun für die Weiterentwicklung von Waffen, die Verfeinerung der Kommunikation, aber insbesondere auch die Verbesserung der Brutpflege zur Verfügung. Dies erlaubte es dem Menschen, sich sukzessive auf der Erde auszubreiten.“ (Ebd., S. 5).

„Mit der Beherrschung des Feuers und dem Erfinden des Kochens gelang dem Menschen eine weitere Steigerung der Energieeffizienz, da nun die Nahrung zum Teil bereits außerhalb der eigenen Verdauungsorgane aufgeschlüsselt werden konnte. Dazu war allerdings eine separate Energiequelle (Holz) erforderlich, eine Innovation von geradezu historischer Tragweite, gelang es doch damit einem Lebewesen zum ersten Mal, eine zusätzliche Energiequelle gezielt für die eigenen Zwecke einzusetzen. Heute verbraucht der durchschnittliche US-Amerikaner mehr als 100-mal soviel Energie für andere Belange, wie für die Versorgung des eigenen Körpers.“ (Ebd., S. 5).

„Als die Bevölkerungszahlen stiegen, die Nahrungsversorgung aufgrund der begrenzten Ressourcen aber immer schwieriger wurde, erfand der Mensch vor ca. 10 000 Jahren Ackerbau und Viehzucht. Mit dieser, als neolithische Revolution bezeichneten Innovation, begann der Mensch, sich quasi aus der Natur herauszulösen und sich seine eigene Natur zu schaffen .... Sich seine eigene Natur zu schaffen, hat einige offenkundige Nachteile: Man muß unter anderem durch eigene Arbeit für all das sorgen, wofür die Natur normalerweise ganz automatisch sorgt. Die paradiesischen Verhältnisse der Altsteinzeit, als der Mensch nur nach den Früchten der Natur zu greifen brauchte, waren also vorbei.“ (Ebd., S. 5).

„Doch gleichzeitig gab es einige entscheidende Vorteile, die die Nachteile des harten Arbeitens mehr als aufwogen. Dazu zählten die stärkere Unabhängigkeit gegenüber den Launen der Natur und die Erhöhung der Erträge pro Quadratkilometer Boden. Allerdings erfolgte der Wandel vom Jagen und Sammeln hin zu Ackerbau und Viehzucht weniger aus strategischen Überlegungen heraus, sondern in erster Linie aus reiner Not.
»Als das Zeitalter des Paläolithikums (Altsteinzeit) sich seinem Ende näherte, in der mesolithischen Periode (mittlere Steinzeit: vor 20000 bis 10000 Jahren), kam es in Europa. Nordamerika und Asien auf breiter Front zu einem Aussterben der großen Säugetiere. Das fiel zusammen mit einer grundlegend veränderten Nutzung der Umwelt sowie anderer Nahrungsquellen durch die Jäger und Sammler. Überall auf der Welt begannen die Menschen ausgedehnter zu jagen und zu sammeln; so wurden alle Nischen ihrer Umwelt besser genutzt. ....
Zum ersten Mal tauchen vor 15000 Jahren im Nahen Osten Mahlsteine und grobe Mörser unter den archäologischen Funden auf sie weisen auf den Beginn der Nutzung von Getreide durch den Menschen hin. ....
Als ... vor 10000 Jahren die Bevölkerungszahlen zunahmen und große Pflanzenfresser entweder ausgerottet oder sehr selten geworden waren, mußte die Menschheit zunehmend häufiger auf kleine Säugetiere, Fisch, Geflügel und gesammeltes Pflanzenmaterial zurückgreifen, um ihren Kalorienbedarf zu decken. Schrittweise, je mehr sich auch diese Ressourcen zu erschöpfen drohten, wurde angesichts wachsender Bevölkerungszahlen der Ackerbau zum vorherrschenden Lebensstil und das Getreide zum bestimmenden Kalorien- und Proteinlieferanten in vielen, wenn auch nicht in allen prähistorischen Kulturen.« (Loren Cordain, 2004, S. 5f.).
Die Revolution bei der Nahrungsbeschaffung hatte einige unmittelbare Konsequenzen (vgl. Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 107ff.; Jared Diamond, Der dritte Schimpanse, 2006, S. 232ff.; Loren Cordain, 2004):
Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung: Gab es vorher im wesentlichen eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtem (Männer: Sicherstellen des Überlebens auf täglicher Basis, Frauen: Sicherstellen des Überlebens in der Zukunft), so erfolgten nun weitere Spezialisierungen im Rahmen der Nahrungsproduktion (Bauer, Hirte) und bei anderen, gegebenenfalls sogar rein geistigen Tätigkeiten.
Verstädterung: Die außerhalb der Städte produzierte Nahrung konnte eine große Zahl an Menschen auf gesicherte Weise versorgen. Die Menschen wurden seßhaft, und es bildeten sich die ersten Städte heraus.
Kulturelle und wissenschaftliche Weiterentwicklung: Verstädterung und Arbeitsteilung führten zu einer verbesserten Kommunikation, einer Vertiefung des Wissens und einem schnelleren Wissenszuwachs. Es entstanden die ersten Hochkulturen (ich nenne sie: Historienkulturen! HB).
Bevölkerungsexplosion: Die eigene Nahrungsproduktion machte den Menschen unabhängig von der Natur und schützte ihn gleichzeitig vor natürlichen Feinden. In Verbindung mit der veränderten Nahrungszusammensetzung kam es zu einem deutlichen Bevölkerungszuwachs.
Ungehinderte Ausbreitung über die ganze Erde: Die Umstellung von Jagen/Sammeln auf Ackerbau/Viehzucht erlaubte es dem Menschen, bislang unbewohnte Gebiete zu besiedeln. Dazu mußte lediglich die Nahrungsmittelproduktion gemäß den erlernten und beherrschten Methoden in die neue Lokation exportiert werden. Immer mehr Land wurde der Natur entrissen.
Die mit der veränderten Nahrungsbeschaffung einhergehende Veränderung in der Nahrungszusammensetzung hatte aber auch erhebliche gesundheitliche Konsequenzen:
»Als die vorwiegend auf Fleisch aufbauende Kost der Jäger und Sammler durch eine auf Getreide beruhende Ernährung ersetzt wurde, waren die Folgen in allen Erdteilen gleich: Das Höhenwachstum entwickelte sich rückläufig (die Menschen wurden kleiner), die Kindersterblichkeit nahm zu, die Lebenserwartung sank (die Menschen starben früher), Infektionserkrankungen traten häufiger auf, Eisenmangelkrankheiten (Blutarmut) nahmen zu, ebenso wie Knochenerweichung, Deformationen des Schädels und andere auf Mineralstoffmängel zurückzuführende Knochenerkrankungen, und es kam vermehrt zu Dentalkaries sowie anderen krankhaften Veränderungen des Zahnschmelzes.« (Loren Cordain, 2004, S. 6f.).
Als weitere negative Effekte der neolithischen Revolution sind zu nennen: Soziale Ungleichheiten, Sklaverei, Gewaltherrschaft.“ (Ebd., S. 5-8).

„Der entscheidende Grund für den Durchbruch und den langfristigen Erfolg von Ackerbau und Viehzucht war aber wohl die weitere Steigerung der Energieeffizienz, denn nun konnte pro Quadratkilometer Land mehr Energie gewonnen werden als dies Jäger/Sammler-Kulturen möglich war.“ (Ebd., S. 8).

„Weitere Steigerungen des Energieertrags setzten eine verstärkte Arbeitsteilung und den Einsatz zusätzlicher Arbeitskräfte voraus, sei es als Mensch (zum Teil als Sklave) oder Tier (Pferd, Ochse, Esel u.s.w.). Natürlich mußten die Arbeitskräfte genährt werden, das heißt sie benötigten Energie.“ (Ebd., S. 8).

„Später erschloß der Mensch dann weitere Energiequellen, insbesondere die fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Gas, bei denen es sich um Ablagerungen früherer Lebewesen und damit um Sonnenenergie handelt. Der Mensch nutzt also heute ganz gezielt die Energie, die vor Jahrmillionen von der Sonne auf die Erde eingeflossen ist. Die fossilen Brennstoffe haben das Zeitalter der Technik erst möglich gemacht. Seitdem werden Arbeitsleistungen in erster Linie durch Maschinen erbracht. Auf menschliche und tierische Arbeitskräfte konnte zunehmend verzichtet werden. Ein günstiger Nebeneffekt war die Beendigung der Sklaverei.“ (Ebd., S. 8).

„Die von der Menschheit neben der Nahrung pro Jahr verbrauchte Primärenergie (fossile Brennstoffe, Atomenergie, erneuerbare Energiequellen) wird auf ca. 430 Exajoule geschätzt. Zusammen mit den für die Nahrung verbrauchten 20 Exajoule ergibt sich ein jährlicher Gesamtenergieverbrauch der Menschheit von ca. 450 Exajoule, soviel wie etwa 150 Milliarden Naturmenschen verbrauchen würden. Zum Vergleich: Die gesamte von der Sonne auf der Erdoberfläche eintreffende Energie entspricht ungefähr dem 9000-fachen des aktuellen menschlichen Energiebedarfs. Die Menschheit nutzt aktuell bereits rund die Hälfte der weltweiten Netto-Photosynthesekapazität, also des Überschusses, der aus der Fähigkeit der Pflanzen resultiert, Sonnenenergie zu speichern. (Vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert, 2007, S. 64). Der Primärenergieverbrauch pro Kopf und Land ist weltweit sehr unterschiedlich, in Deutschland sind es ca. 172 Gigajoule, in den USA 325, in Norwegen 392 und in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gar fast 700. Überspitzt könnte man sagen: Jeder Deutsche beschäftigt noch zusätzliche 60 Sklaven, jeder US-Amerikaner sogar 110. Würden alle Menschen auf der Erde den gleichen Energiebedarf wie die US-Amerikaner haben, dann hätte die Menschheit einen jährlichen Energieverbrauch von ca. 2200 Exajoule. Die gesamte auf der Erde nutzbare Sonnenenergieleistung wäre dann nur noch 1800-mal so groß, nähme man die VAE als Maßstab, dann sogar nur noch das 870-fache. (**).“ (Ebd., S. 8-9).

„Da der Vorrat an fossilen Brennstoffen sich in den nächsten 50 Jahren dem Ende zuneigen dürfte und der bisherige Energieverbrauch bereits klimatische Veränderungen zur Folge hat, sind für die Zukunft neue Energiekonzepte erforderlich. Entweder der Menschheit gelingt es, neue leistungsfähige Energiequellen (zum Beispiel Kernfusion) zu erschließen - wobei einige Kritiker darin einen Widerspruch zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik erkennen wollen (vgl. Entropie; und vgl. z.B. Jeremy Rifkin, Entropie - Ein neues Weltbild, 1985; Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik, 1994) und vor möglichen klimatischen Folgen warnen -, oder sie muß ihren Energieverbrauch reduzieren und den Energiebedarf hauptsächlich aus erneuerbaren Energiequellen decken. Letzteres hätte vermutlich erhebliche gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. Beispielsweise basieren die momentanen Wirtschafts- und Globalisierungsprozesse ganz erheblich auf der freien Verfügbarkeit nahezu unbegrenzter Mengen an kostengünstiger Energie.“ (Ebd., S. 9).

„Die Ausführungen in diesem Abschnitt sollten in erster Linie deutlich machen, daß es sich bei biologischen und sozialen Evolutionen ganz wesentlich um Evolutionen bei der Nutzung von Energie handelt.“ (Ebd., S. 29).

„Grundsätzlich kennt der Energiehunger biologischer Phänomene praktisch keine Grenzen. Wenn sich eine Möglichkeit zur Verwendung zusätzlicher, ständig verfügbarer Energie ergibt, dann dürfte es auch schon bald zu einr entsprechenden Nutzung kommen.“ (Ebd., S. 9).

„Im Laufe dieses Buches wird ein neuartiger Typ von biologischen Phänomenen (die Organisationssysteme, Superorganismen) vorgestellt, der einen geradezu gigantischen Energiebedarf besitzen kann.“ (Ebd., S. 9).

1.2) Leben als dissipative Struktur **

„Unter einer dissipativen Struktur versteht man eine stabile, geordnete Struktur in einem System fern vom thermodynamischen Gleichgewicht, also einem System wie unserer Erde etwa, dem ständig Energie von außen zugeführt wird. Dissipative Strukturen benötigen äußere Energieflüsse, um ihre Organisation und selbstorganisatorischen Prozesse erhalten zu können. Dabei gleichen sie vorhandene Energiedifferenzen (Energiegradienten) im Gesamtsystem aus.“ (Ebd., S. 9-10).

„Typische Beispiele dissipativer Strukturen sind Hurrikans. Ganz häufig wird behauptet, auch lebende Systeme seien dissipative Strukturen:
»Leben kann als eine dissipative Struktur angesehen werden, die ihren lokalen Organisationsgrad um den Preis der Entropieerzeugung in der Umgebung erhält.« (Eric Schneider / James Kay, Ordnung aus Unordnung, 1997, S. 190).
Ich werde auf den nächsten Seiten jedoch einige Einwände gegenüber einer solchen Auffassung vorbringen.“ (Ebd., S. 10).

„Ein Standardbeispiel fur die Ausbildung von dissipativen Strukturen in offenen Systemen fern vom thermodynamischen Gleichgewicht ist das sogenannte (Rayleigh-)Bénard-Experiment. Dabei wird ein Gefäß, in dem sich eine dünne, homogene Flüssigkeit befindet, auf der Unterseite erhitzt, während seine Oberseite auf einer niedrigen Temperatur gehalten wird. Die Flüssigkeit dehnt sich an der warmen Unterseite aus und kann aufgrund der geringeren Dichte nach oben aufsteigen, während die kältere, dichtere Flüssigkeit im oberen Bereich nach unten sinkt. Die Viskosität (Zähflüssigkeit) der Flüssigkeit wirkt diesem Vorgang entgegen. Ist die Temperaturdifferenz zwischen Boden und Oberseite gering, überwiegt die Viskosität der Flüssigkeit, und die Wärme wird ohne gleichzeitigen Stofftransport durch homogene Wärmeleitung (durch Molekül-Molekül-Wechselwirkungen) von unten nach oben befördert. Anders gesagt: Die Teilchen der Flüssigkeit bleiben dort, wo sie sind. Oberhalb eines kritischen Temperaturunterschiedes wird dieser Zustand jedoch instabil, und der Wärmetransport findet durch Wärnlekonvektion statt. Konkret heißt das: Die Teilchen der Flüssigkeit werden dann von unten nach oben transportiert, so daß die gesamte Flüssigkeit aufgrund der Dichteunterschiede zwischen Ober- und Unterseite in Bewegung gerät. Dabei treten regelmäßig geformte Konvektionszellen - meist in Sechseck- oder Rollenmustern -auf, die sogenannten Bénard-Zellen. Das System ist nun nicht länger eine planlose Ansammlung von sich zufällig bewegenden Molekülen, sondern Milliarden von Molekülen kooperieren, um makroskopische Muster - die sogenannten dissipativen Strukturen - zu schaffen, die sich in Raum und Zeit entwickeln. Steigt die Temperaturdifferenz zwischen der Ober- und Unterseite des Gefäßes weiter an, gelangt das System ab einem zweiten kritischen Wert schließlich ins Chaos und es entwickeln sich Turbulenzen.“ (Ebd., S. 10-11).

„Gemäß dem 1. Hauptsatz der Thermodynamik kann Energie in geschlossenen Systemen weder geschaffen noch vernichtet werden. Allerdings kann die in einem System vorhandene Energie in ihrer Beschaffenheit beziehungsweise in der Fähigkeit, nutzbare Arbeit zu verrichten, stark variieren. Exergie stellt in diesem Zusammenhang ein Maß für die maximale Fähigkeit eines energiehaltigen Systems dar, nützliche Arbeit zu verrichten, während es sich zum Gleichgewicht mit seiner Umgebung hin bewegt. Das Gegenteil, nämlich nicht mehr arbeitsfähige Energie, wird Anergie genannt.“ (Ebd., S. 11).

„Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik besagt nun, daß die Qualität der Energie (die Exergie) in einem (energetisch und materiell) abgeschlossenen, energiehaltigen System fortlaufend abnimmt, wenn irgendwelche Vorgänge im System ablaufen. Anders gesagt: Exergie wird dann fortlaufend in Anergie umgewandelt. Auf diese Weise geht das System zunehmend von einem geordneten in einen ungeordneten Zustand über, das heißt, die Entropie des Systems nimmt immer weiter zu. Es handelt sich hierbei um einen irreversiblen Prozeß. Die Kernaussage des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik ist: Jeder reale Prozeß kann in einem abgeschlossenen, energiehaltigen System nur in einer Richtung fortschreiten, bei der sich die Entropie des Systems erhöht.“ (Ebd., S. 11).

„Nun liegt aber bei dem weiter oben beschriebenen Bénard-Experiment kein abgeschlossenes System vor, sondern die Versuchsanordnung bestand ja gerade darin, dem Gefaß von unten Wärme zuzuführen und gleichzeitig seine Oberseite abzukühlen. Wir haben es hier also mit einem Problem der Nichtgleichgewichtsthermodynamik zu tun. Die Energiedifferenz zwischen den beiden Gefäßhälften wird in diesem Zusammenhang als Wärme- beziehungsweise allgemeiner als Energiegradient bezeichnet.“ (Ebd., S. 11).

„Besteht etwa an einem auf Meereshöhe liegenden Ort ein Luftdruck von 1030 Hektopascal. (mbar) und an einem anderen, gleichfalls auf Meereshöhe befindlichen Ort zur seIben Zeit ein Luftdruck von 970 Hektopascal, dann bezeichnet man die Druckdifferenz (60 Hektopascal), dividiert durch die Distanz zwischen beiden Orten, als den Druckgradienten. Unter den genannten Verhältnissen wird dann ein Wind, dessen Stärke von der Höhe des Druckgradienten abhängt, vom Hochdruckgebiet zum Tiefdruckgebiet fließen, um auf diese Weise einen Luftdruckausgleich zwischen beiden Orten zu bewirken.“ (Ebd., S. 11-12).

„Zur Erklärung des Bénard-Effektes und generell der Entstehung dissipativer Strukturen wurde die folgende Verallgemeinerung des 2. Hauptsatz der Thermodynamikk vorgeschlagen, die auch für Nichtgleichgewichtssysteme gelten würde:
»Sobald man Systeme aus dem Gleichgewicht bringt, benutzen sie alle verfügbaren Wege, um den angelegten Gradienten entgegenzuwirken. Wenn diese zunehmen, nimmt auch die Fähigkeit des Systems zu, sich einer weiteren Entfernung vom Gleichgewichtszustand zu widersetzen.« (Eric Schneider / James Kay, Ordnung aus Unordnung, 1997, S. 188).
Der Grundgedanke dabei ist, daß ein System gegen die Entfernung aus dem Gleichgewicht Widerstand leistet. Das Maß, in dem ein System vom Gleichgewichtszustand entfernt wurde, wird anhand der Gradienten (siehe das obige Beispiel aus der Meteorologie) abgeschätzt, die an das System angelegt wurden.“ (Ebd., S. 12).

„Gemäß dieser Vorstellung soll sich der Widerstand des Systems, aus dem thermodynamischen Gleichgewicht gebracht zu werden, insbesondere in der Fähigkeit zur Herausbildung selbstorganisierender Vorgänge (und damit dissipativer Strukturen) ausdrücken:
»Thermodynamische Systeme im Temperatur-, Druck- und chemischen Gleichgewicht leisten einer Entfernung vom Gleichgewichtszustand Widerstand. Wenn die Systeme aus ihrem Gleichgewichtszustand entfernt werden, verändern sie ihren Zustand auf eine Weise, daß sie sich dem angelegten Gradienten entgegenstellen und versuchen, sich zum Gleichgewicht als Anziehungspunkt zurückzubewegen. Je stärker der angelegte Gradient, desto größer ist die Anziehungskraft des Gleichgewichtszustandes auf das System. Je weiter ein System vom Gleichgewicht entfernt wurde, desto ausgefeilter sind seine Mechanismen, um der Entfernung aus dem Gleichgewicht Widerstand zu leisten. Wenn es die dynamischen und/oder kinetischen Bedingungen zulassen, treten selbstorganisierende Vorgänge auf, die den Gradientenausgleich begünstigen. .... So ist das Auftreten kohärenter selbstorganisierender Strukturen nicht länger eine Überraschung, sondern vielmehr eine zu erwartende Antwort eines Systems, denn es versucht, von außen angelegten Gradienten, die das System aus den Gleichgewicht entfernen würden, Widerstand entgegenzusetzen und sie auszugleichen. Folglich haben wir es bei der Bildung dissipativer Strukturen mit Ordnung, die aus Unordnung entsteht, zu tun.« (Eric Schneider / James Kay, Ordnung aus Unordnung, 1997, S. 188).
Der Grundgedanke dabei ist, daß ein System gegen die Entfernung aus dem Gleichgewicht Widerstand leistet. Das Maß, in dem ein System vom Gleichgewichtszustand entfernt wurde, wird anhand der Gradienten (siehe das obige Beispiel aus der Meteorologie) abgeschätzt, die an das System angelegt wurden.“ (Ebd., S. 12-13).

„Um das Problem der Bildung von Ordnung aus Unordnung bei der Entstehung und Evolution des Lebens ging es aber auch schon Ernst Schrödinger in dessen Buch Was ist Leben?.  Einige Wissenschaftler sind nun der Auffassung, die sich unter bestimmten Verhältnissen im thermodynamischen Ungleichgewicht herausbildenden dissipativen Strukturen lieferten die Antwort auf das genannte Ordnungsproblem, immerhin führt ja die Sonne der Erde beständig Energie von außen zu, ganz ähnlich wie dies im Bénard-Experiment durch das Erhitzen der Unterseite eines energiehaltigen Behälters geschieht. Entsprechend folgern sie:
»Leben existiert auf der Erde als ein weiteres Mittel, um den sonneninduzierten Gradienten auszugleichen .... Lebende Systeme als dissipative Systeme fernab vom Gleichgewicht haben ein großes Potenzlal, Strahlungsgradienten auf der Erde zu vermindern ....
Der Ursprung des Lebens ist die Entwicklung einer weiteren Route für den Ausgleich induzierter Energiegradienten. Leben leistet Gewähr dafür, daß diese Ausgleichsvorgänge weiter bestehen. Es hat Strategien entwickelt, diese dissipativen Strukturen trotz einer sich ständig ändernden physikalischen Umgebung aufrechtzuerhalten.
Biologisches Wachstum findet statt, wenn im System noch mehr gleichartige Wege hinzugefügt werden, angelegte Gradienten abzuflachen. Biologische Entwicklung findet dagegen statt, wenn neue Wege im System auftauchen. Dieses Prinzip stellt ein Kriterium für die Bewertung von Wachstum und Entwicklung lebender Systeme dar.
Je mehr Exergie zur Verteilung unter den Spezies zur Verfügung steht, desto mehr Wege gibt es, um die Energie zu nutzen. Die Stufen der Nahrungsketten (›Trophieebenen‹) und die Nahrungsketten selbst bauen auf Stoffen auf, die durch die Photosynthese fixiert wurden. In den Nahrungsketten werden diese Gradienten weiter ausgeglichen, indem Strukturen höherer Ordnung gebildet werden. .... Die Artenvielfalt und die Zahl der Trophieebenen sind am Äquator besonders hoch, wo fünf Sechstel der Sonneneinstrahlung auf der Erde eintreffen. Hier ist ein größerer Gradient zu vermindern.« (Eric Schneider / James Kay, Ordnung aus Unordnung, 1997, S. 190f.).
Ein Beleg für die Richtigkeit der These soll sich aus den Oberflächentemperaturen von Ökosystemen ergeben:
»Wenn mehrere Ökosysteme jeweils derselben Menge Energie ausgesetzt sind; so erwarten wir, daß das ausgereifteste Ökosystem seine Energie mit dem niedrigsten Exergiegehalt zurückstrahlt.« (Eric Schneider / James Kay, Ordnung aus Unordnung, 1997, S. 192).
Untersuchungen an verschiedenen Ökosystemen konnten die Prognose bestätigen. Auf dieser Grundlage wird dann das folgende Fazit gezogen:
»Man versteht heute das Auftreten organisierten Verhaltens - das Wesen des Lebens - durchaus so, daß es von der Thermodynamik vorhergesagt wird. Sobald Energie höherer Qualität in ein Ökosystem hineingepumpt wird, entsteht eine stärkere Organisation, um die Energie zu nutzen. Demnach haben wir Ordnung, die aus Unordnung entsteht, allerdings im Dienst der Erzeugung von noch mehr Unordnung.« (Eric Schneider / James Kay, Ordnung aus Unordnung, 1997, S. 193).
Ganz ähnlich äußern sich diesbezüglich auch andere Autoren. Allerdings lassen sich gegen die Vorstellung, beim Leben handele es sich um dissipative Strukturen, die sich ausbilden, um energetischen Ungleichgewichten innerhalb von Systemen außerhalb des thermodynamischen Gleichgewichts entgegenzuwirken, einige Einwände vorbringen:
Der im Bénard-Experiment beobachtete ordnende Materietransport ist zwar auch für Wirbelstürme charakteristisch, findet aber bei Lebewesen eben gerade nicht statt.
Auch in den Weltmeeren existiert eine umfangreicbe Artenvielfalt. Mehrheitlich wird heute sogar angenommen, das erste Leben sei im Meer entstanden. Dies dürfte sich aber kaum über den genannten Wirkmechanismus begründen lassen.
Die Theorie kann nicht erklären, warum Menschen fossile Brennstoffe verwenden und Atomkraftwerke besitzen, und warum sie sich etwa zusätzlich darum bemühen, mit den Fusionsreaktoren auch noch das Feuer der Sonne auf die Erde zu holen, beziehungsweise, warum sie generell danach streben, den Energiezustrom zur Erde nicht einfach nur zu nutzen (beziehungsweise den Energiegradienten abzuflachen), sondern sogar noch deutlich zu steigern.
Von einem sehr allgemeinen, theoretischen Standpunkt aus betrachtet, könne man auch menschliche Städte als entwickelte Ökosysteme betrachten. Deren Oberflächentemperatur ist aber meist sogar deutlich höher als die sie umgebende unbelebte Natur.
Der Mensch scheint mit seinem Tun mittlerweile einen globalen Temperaturanstieg bewirkt zu haben. Dies dürfte sich aber kaum mit der thermodynamischen Theorie der dissipativen Strukturen in Einklang bringen lassen.
Ferner:
Die Theorie trägt wenig zur Klärung der Frage bei, worin sich ein lebendes System von unbelebter Materie unterscheidet. Aus der Sicht der Thermodynamik ließe sich vermutlich kein signifikanter Unterschied zwischen Wirbelstürmen, Ameisennestern und einzelnen Ameisen ausmachen. Im allgemeinen würde man aber nur letztere als Lebewesen bezeichnen.
Um nicht mißverstanden zu werden: Ich möchte mit dem Gesagten keinesfalls infrage stellen, daß ein selbstorganisatorischer Prozeß wie der des Lebens nur unter den Bedingungen des thermodynamischen Nichtgleichgewichts entstehen kann.“ (Ebd., S. 13-15).

„Wir können insgesamt festhalten: Die Theorie, Leben sei eine dissipative Struktur, bestätigt wesentliche Ergebnisse des vorherigen Abschnittes (**), nämlich daß die Evolution des Lebens mit einer zunehmenden Nutzung von Energie und einer generellen Steigerung der Energieeffizienz einhergegangen ist und vermutlich auch weiter einhergehen wird:
»Biologische Systeme entwickeln sich, damit sie ihre Energiedegrationsrate erhöhen; biologisches Wachstum, die Ausbildung von Ökosystemen und die Evolution stellen die Entwicklung neuer Ausgleichswege dar. Mit anderen Worten: Ökosysteme entwickeln sich so, daß die Menge an Exergie, die sie erlangen und degradieren, sich beständig erhöht. Folglich verringert sich die Exergie der abgegebenen Energie, während sich Ökosysteme entwickeln. Mit der Formulierung ›Ökosysteme entwickeln sehr viel Leistung‹ ist also gemeint, daß sie die Exergie in der eintreffenden Energie möglichst effektiv nutzen, während sie gleichzeitig die gewonnene Energiemenge erhöhen.« (Eric Schneider / James Kay, Ordnung aus Unordnung, 1997, S. 191f.).
Das Leben selbst dürfte sich dagegen mittels einer solch eingeschränkten thermodynamischen Sicht kaum erklären lassen.“ (Ebd., S. 15).

1.3) Leben und Fortpflanzung

„Eine allgemeinverbindliche Definition des Begriffes Leben existiert nicht. Was Leben ist, was sein Wesen ausmacht, ist letztendlich auch für die Wissenschaften eine offene und vieldiskutierte Frage. (Vgl. Abschnitt Was ist Leben?). Üblicherweise wird aber angenommen, daß eine Entität mindestens die folgenden Eigenschaften besitzen muß, um ein Lebewesen zu sein:
Selbstregulierung (Homöostase).
Selbstregulierung bezeichnet die Fähigkeit, sich mittels Rückkopplung selbst innerhalb gewisser Grenzen in einem stabilen Zustand zu halten.
Stoffwechsel (Metabolismus).
Lebewesen sind entropiearme Systeme hoher Ordnung. Mit anderen Worten: Sie halten Energie konzentriert vor. (Was sie für natürliche Feinde so interessant macht). Damit dieser unwahrscheinliche Zustand aufrechterhalten werden kann, ist eine ständige Zufuhr von Energie (Erwin Schrödinger spricht in diesem Zusammenhang von einer Zufuhr von »negativer Entropie«; vgl. ebd, Was ist Leben ?,  1948, S. 124f.) bei gleichzeitiger Abgabe (Export) von Entropie (Entropie ist ein Maß für die energetische Unordnung eines Systems) erforderlich. Dies geschieht über den Stoffwechsel.
Tiere nehmen energiereiche Nährstoffe wie Fett oder Glukose auf und bauen sie in energiearme Verbindungen wie Wasser und Kohlendioxid ab. Dabei wird sehr viel Energie freigesetzt, welche zur Aufrechterhaltung des entropiearmen Zustandes im Inneren des Lebewesens eingesetzt werden kann.
Übersteigt die innere Entropie des Lebewesens einen bestimmten Maximalwert, stirbt es. Sofort nach dem Tod zerfällt es, und die Entropie strebt einem Maximum zu.
Vereinfacht könnte man sagen: Lebewesen erhalten ihre innere Ordnung auf Kosten einer zunehmenden Unordnung in ihrer Umgebung. Je mehr Energie ein Lebewesen verbraucht, desto mehr Unordnung schafft es. In Deutschland benötigt jeder Bürger im Durchschnitt die 60-fache Energiemenge eines steinzeitlich lebenden Jägers.
Eine Sonderstellung nehmen in ieser Hinsicht die Viren ein: »Die einfachsten biologischen Objekte, die wir kennen, sind Viren. Diese erfüllen, da sie keinen autonomen Stoffwechsel besitzen, die Kriterien eines lebenden Systems nur innerhalb ihrer Wirtszelle. Außerhalb ihrer Wirtszelle verhalten sie sich dagegen ganz wie unbelebte Kristallstrukturen. Die Viren nehmen damit eine typische zwitterstellung unter belebten und unbelebten Systemen ein, so daß die Vermutung nahe liegt, daß der Übergang vom Unbelebten zum Belebten fließend ist.« (Bernd-Olaf Küppers, Der Ursprung biologischer Information, 1990, S. 199).
In dem im Abschnitt Was ist Leben?  vorgestellten Ansatz zur Charakterisierung lebender Systeme wird das Kriterium Metabolismus durch das allgemeinere Kriterium Selbsterhaltungsinteresse ersetzt: Lebewesen »wollen« sich selbsterhalten. Ob sie dies mithilfe eines autonomen Stoffwechsels tun oder auf ganz andere Weise, spielt dabei keine Rolle.
Fähigkeit zur Selbstreproduktion (Fortpflanzung beziehungsweise Selbstreplikation).
Präziser müßte es heißen: Ein Lebewesen ist durch Selbstreproduktion aus anderen Lebewesen hervorgegangen. Beschränkte man sich bei der Lebewesendefinition stattdessen auf die Fortpflnazungsfähigkeit, wäre etwa ein biologisch unfruchtbares Individuum kein Lebewesen. Dies entspräche jedoch nicht den üblichen Vorstellungen von Leben.
In dem im Abschnitt Was ist Leben?  vorgestellten Ansatz zur Charakterisierung lebender Systeme wird das Kriterium Fähigkeit zur Selbstproduktion durch das allgemeinere Kriterium Reproduktionsinteresse ersetzt: Lebewesen »wollen« sich fortpflanzen (gegebenenfalls indirekt, zum Beispiel im Rahmen der Verwandtenselekion). Ein Reproduktionsinteresse besitzen aber sowohl Männchen wie Weibchen. Bei den Männchen ist dies oftmals sogar deutlich stärker ausgeprägt als beim anderen Geschlecht.
Ein Hurrikan ist also kein Lebewesen, denn ihm fehlt allein schon die Fortpflanzung.“ (Ebd., S. 16-18).

„Die meisten Lebewesen pflanzen sich geschlechtlich fort. Konkret heißt das: Es gibt zwei Geschlechter - Männchen und Weibchen -, die gelegentlich Sex miteinander haben. Wenn sie dabei erfolgreich waren, wird (üblicherweise) das Weibchen schwanger, und es trägt dann nach einer mehr oder weniger langen Zeit (und zwischen den verschiedenen Arten auf sehr unterschiedliche Weise) Nachwuchs aus. In der Soziobiologie bezeichnet man den Nachwuchs auch als Reproduktionserfolg. Seit der Erfindung der Pille und anderer sicherer Kontrazeptiva haben Menschen jedoch in erster Linie Sex, um Spaß miteinander zu haben, nicht aber um Kinder zu zeugen. Paarungserfolg und Reproduktionserfolg sind deshalb zu unterscheiden. Hatte ein Mann in seinem Leben viele Sexualpartnerinnen und häufigen Sex, dann war sein Paarungserfolg entsprechend groß. Entstanden aus diesen sexuellen Vereinigungen aber keine oder nur sehr wenige Kinder, dann hatte er nur einen geringen Reproduktionserfolg. Die Unterscheidung zwischen Paarungs- und Reproduktionserfolg wird in der weiteren Diskussion noch eine wesentliche Rolle spielen.“ (Ebd., S. 18).

„Die Biologie teilt Lebewesen unter anderem in Arten beziehungsweise Spezies ein; unsere Art ist der Mensch. Eine Population stellt demgegenüber eine Gruppe von Individuen (Phänotypen) der gleichen Art dar, die eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden und in einem einheitlichen Verbreitungsgebiet leben. Auch wenn es beim Menschen praktisch keine abgeschlossenen Populationen mehr gibt, könnte man in diesem Sinne dennoch grob vereinfacht sagen: Der Mensch ist eine biologische Art, die deutsche Bevölkerung dagegen eine menschliche Population, der einzelne Deutsche ein Individuum. Während ein einzelnes Individuum im Glücksfall vielleicht hundert oder auch etwas mehr Jahre alt werden kann, können Arten und Populationen viele Millionen oder im Extremfall gar einige Milliarden Jahre existieren. Damit das geschehen kann, sind allerdings zwei Dinge erforderlich: Die Population muß sich stets
ausreichend fortpflanzen und
an die sich ständig verändernde Umwelt rechtzeitig und angemessen anpassen.
Doch was ist nun eine ausreichende Fortpflanzung? Demographen verwenden dazu den Begriff der Fertilitätsrate; dies ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau. Damit die deutsche Bevölkerung auf Dauer ungefähr gleich groß bleibt, müßte sie eine Fertilitätsrate von 2,1 haben (einige Kinder sterben vor dem Erwachsenenalter oder sind unfruchtbar, deshalb benötigt man etwas mehr als zwei). Seit vielen Jahren hat Deutschland aber nur eine Fertilitätsrate von weniger als 1,4. Würde diese Zahl die nächsten 1000 Jahre unverändert bleiben und würden stets etwa genauso viele Menschen zu- wie auswandern, dann lebten im Jahr 3000 in Deutschland nur noch 128 Menschen. Würde die deutsche Fertilitätsrate dagegen die nächsten 1000 Jahre konstant bei 2,3 liegen, dann gäbe es im Jahr 3000 fast 1,7 Milliarden Deutsche. Sich ausreichend fortzupflanzen scheint also gar nicht so einfach zu sein (**).“ (Ebd., S. 19).


„Offenbar besitzen Populationen nur eine sehr rudimentäre Fortpflanzungshomöostase. So weist Dawkins etwa auf eine fehlende Gruppenselektion hin (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976). Für moderne, menschliche Gesellschaften läßt sich aber eine leistungsfähige Fortpflanzungshomöostase implementeiren (vgl. Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 135ff.; Peter Mersch, Hurra, wir werden Unterschicht!,  2007, S. 207ff. **).“ (Ebd.).


„Gemäß der zweiten Bedingung müssen sich Populationen stets an ihre Umgebung anpassen, wenn sie auf Dauer existieren wollen. Sollte zum Beispiel eine Löwenpopulation im Laufe der Zeit immer schneller werden, dann werden die Antilopen aus dem gleichen Lebensarum mit Gegenmaßnahmen (Anpassungen) reagieren müssen, wollen sie nicht rsetlos ausgerottet werden.“ (Ebd., S. 19-20).

„Die Frage ist nun: Wie gelingt diese Anpassung an eine sich verändernde Umgebung? Wie schaffen es Populationen, sich über Millionen von Jahren an sich gleichfalls verändernde Umweltbedingungen anzupassen? Die Antwort darauf gibt die Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 20).

2) Selektionen (S. 21-32)

2.1)   Systemtheorethischer Ansatz (S. 21-24)
2.2)   Dominante Kommunikation (S. 24-26)
2.3)   Gefallen-wollen-Kommunikation (S. 26-32)

2.1) Systemtheoretischer Ansatz

„Das vorliegende Buch argumentiert im wesentlichen systemtheoretisch. Im Kapitel Evolution werde ich sogar die biologische Evolution - und die kulturelle, soziale, wissenschaftliche und technische gleich mit dazu - aus Systemeigenschaften der beteiligten Individuen heraus erklären. Dabei werde ich unter anderem zeigen, daß Evolution nicht etwa deswegem stattfindet, weil die jeweils Tauglichsten überleben, sondern sich Individuen selbsterhalten und gegebenenfalls auch fortpflanzen (im Falle der biologischen Evolution) wollen, das heißt, weil sie leben und überleben wollen.“ (Ebd., S. 21).

„Evolution ist folglich eine Eigenschaft des Lebens selbst. Im Grunde könnte man sagen: Das Leben muß evolvieren, damit es überleben kann.“ (Ebd., S. 21).

„Charles Darwin lehnte sich bei seiner Formulierung des Prinzips der »natürlichen Selektion« vorstellungsmäßig sehr stark an die künstliche Zuchtwahl an. So wie Züchter einzelne Tiere nach bestimmten Kriterien «selektieren«, so würde dies auch die Natur im Laufe der Evolution tun. Das Kapitel Evolution wird jedoch zeigen, daß dem nicht so ist. Der Begriff der Selektion wird im vorliegenden Buch wieder vorrangig so verwendet, wie er auch dem üblichen Sprachgebrauch entspricht. Selektion ist dementsprechend ein aktiver Vorgang (**), bei dem aus verschiedenen Optionen eine oder mehrere ausgewählt werden. Ein Selektionsinteresse steht dagegen für etwas Passives, nämlich dem Wunsch, als eine von verschiedenen Alternativen gewählt (selektiert) zu werden.“ (Ebd., S. 23).


Dies allein zeigt schon die Problematik des Begriffs der »natürlichen Auslese«. Die Natur an sich agiert niemals aktiv.“ (Ebd.).


„In den folgenden Kapiteln wird noch von weiteren Interessen gesprochen, und zwar insbesondere von Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen. Die Lebewesen und Organisationssystemen geht es stets zunächst um den eigenen Selbsterhalt (Selbsterhaltungsinteresse). Ist dieser dann ausreichend gesichert, kann an die Reproduktion (bei Lebewesen: Fortpflanzung) gedacht werden (Reproduktionsinteresse). In beiden Fällen spielen auch die Begriffe Selektion und Selektionsinteresse eine Rolle. Nähert sich etwa ein Löwe einer Herde Gnus, dann wird er zunächst ein Tier für seine Jagd selektieren. Der Löwe hat Hunger, und als Folge seines Selbsterhaltungsinteresses sucht er nach geeigneter Nahrung. Das ausgewählte Gnu wird dem Löwen gegenüber ein negatives Selektionsinteresse besitzen, das heißt, es möchte aufkeinen Fall vom Löwen selektiert und in der Folge dann auch erlegt und verspeist werden, denn es hat ja ein eigenes natürliches Selbsterhaltungsinteresse.“ (Ebd., S. 23).

„Etwas komplexer wird die Situation, wenn es um Reproduktionsinteressen geht. Beispielsweise könnte ein Löwenmännchen ein Weibchen selektieren, und es - jeglichen Widerstand ignorierend - dann auch schwängern. Das Selektionsinteresse des Weibchens kann in solchen Situationen negativ, neutral oder auch positiv sein.“ (Ebd., S. 24).

„Daneben hat sich in der Natur die sogenannte sexuelle Selektion durchgesetzt, auf deren enorme Bedeutung bereits Charles Darwin hinwies. In diesem Fall entspricht der Begriff Selektion tatsächlich dem allgemeinen Sprachgebrauch. Bei der sexuellen Selektion zeigen die Männchen ein Selektionsinteresse an (sie wollen von einem oder mehreren Weibchen erhört werden). Die eigentliche Selektion erfolgt dann auf Seiten der Weibchen.“ (Ebd., S. 24).

„Kommunikation wird im Rahmen des vorliegenden Buches stets als eine Interaktion verstanden, die vor allem dem Eigennutz dient, wobei es insbesondere um die Erfüllung von Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen geht. Die beiden auf den nächsten Seiten erläuterten Kommunikationsarten unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht, sehr wohl aber in der Methode, das angestrebte Ziel zu erreichen.“ (Ebd., S. 24).

2.2) Dominante Kommunikation

„Im folgenden soll eine Kommunikation, die keine Rücksicht auf die Selektionsinteressen der Kommunikationspartner nimmt, als dominant bezeichnet werden.
Beispiel 1:
Ein Löwe erblickt ein Rudel Gnus und selektiert daraus ein Jungtier als seine mögliche nächste Mahlzeit. Das Gnu hat gegenüber dem Löwen ein negatives Selektionsinteresse (es möchte nicht selektiert werden). Dies interessiert den Löwen aber nicht. Er entscheidet ausschließlich gemäß, seinen eigenen Selbsterhaltungsinteressen.
Beispiel 2:
Ein Gorillamännchen übernimmt nach einer kämpferischen Auseinandersetzung den Harem eines Rivalen. Die Selektionsinteressen der Weibchen des Harems (egal ob positiv, negativ oder indifferent) sind für ihn ohne Belang.
Beispiel 3:
Ein Steinzeitmann hat seit einiger Zeit ein Auge auf eine Steinzeitfrau geworfen. Bald erblickt er sie Pilze sammelnd im Wald. Er wirft sie über seine Schulter, trägt sie in seine Höhle, und in den nächsten 20 Jahren ist sie ihm eine treusorgende Frau und gebiert ihm 6 Kinder.
Wie schrecklich, werden Sie vielleicht sagen. Oder auch: wie romantisch! Denn immerhin wäre es ja möglich, daß auch unsere Steinzeitfrau längst ein Auge auf unseren Steinzeitmann geworfen hatte. Dies spielt aber für unsere Überlegungen keine Rolle, denn seine Selektion erfolgte ohne Rücksicht auf ihre Selektionsinteressen, und das ist letztlich entscheidend.
Beispiel 4:
Eine junge Frau passiert in recht knapper Kleidung eine Baustelle, woraufhin ihr einige Bauarbeiter nachpfeifen und schmutzige Dinge zurufen.
Das beschriebene Verhalten der Männer gilt in unserer Gesellschaft allgemein als unzivilisiert. Wie noch gezeigt wird, liegt das unter anderem an deren fehlender Rücksichtnahme auf die Selektionsinteressen der jungen Frau. Allerdings würden die Bauarbeiter vermutlich genau andersherum argumentieren: In ihren Augen signalisiert die knappe Kleidung der Frau deren generelle Bereitschaft für die Entgegennahme von Selektionsinteressen. Oder anders gesagt: Sie wollte es ja so.
Das letzte Beispiel macht deutlich, daß in unserer Gesellschaft auch schon das Anzeigen von Selektionsinteressen als dominantes Verhalten eingestuft werden kann, und zwar insbesondere dann, wenn nicht davon auszugehen ist, daß der Empfänger aktuell an solchen Mitteilungen interessiert ist.
Niklas Luhmann hätte an dieser Stelle vermutlich darauf hingewiesen, beide Seiten befänden sich zum gegebenen Zeitpunkt in unterschiedlichen Systemen mit ihren jeweils eigenen Sinnzusammenhängen. Beispielsweise könnte sich die junge Frau gerade auf dem Weg zu einer Party befinden. Dort möchte sie einige jüngere Männer von sich beeindrucken und hat sich entsprechend zurechtgemacht. Während der Party ist sie folglich für männliche Selektionsinteressen aufnahmebereit, auf dem Weg dorthin jedoch nicht.
Dies erklärt für sich allein jedoch noch nicht, wodurch verschiedene Kommunikationsarten in den jeweiligen Systemen als angemessen erscheinen oder nicht.
Beispiel 5:
Sie öffnen auf Ihrem PC Ihren Postkorb. Neben drei E-Mails von Geschäftspartnern und Freunden finden sie 200 weitere Nachrichten, die Ihnen den Erwerb von Aktien, Potenzmitteln, hübschen Bildern, Schlankheitspillen, Krediten oder Umschuldungspaketen nahelegen.
Im Vergleich zur dominanten Selektion des Löwen ist dies sicherlich eine ganz harmlose Geschichte, denn auf diese Weise signalisieren ihnen andere lediglich ein Selektionsinteresse: »Bitte wählen Sie unsere Dienstleistungen!«.  Solche Anbieter wollen Sie nicht verspeisen, sondern Ihnen etwas verkaufen. Und dennoch: Sie rauben Ihnen einen Teil Ihrer Aufmerksamkeit und damit auch Zeit und Energie, und zwar ganz ohne Ihr Einverständnis. Schon das Signalisieren von Selektionsinteressen kann also durchaus problematisch sein.
Das ist in der Natur keineswegs anders. Bereits das sichtbare Auftreten eines Löwenrudels dürfte eine friedlich an einer Wasserstelle weilende Herde, Gnus oder Zebras in helle Aufregung versetzen.“ (Ebd., S. 24-26).

2.3) Gefallen-wollen-Kommunikation

„Wie im Kapitel Evolution noch gezeigt wird, gelang der Natur mit der Einführung der sexuellen Selektion eine ganz entscheidende Neuerung: Sie erfand den Markt, und damit die sogenannte Gefallen-wollen-Kommunikation. (Dem entspricht in der Informationstechnologie die Service-orientierte Architektur (SOA), bei der sich Kompetenzen sichtbar machen, um von denen genutzt werden zu können, die an ihnen interessiert sind).“ (Ebd., S. 27).

„Denn aufgrund der bei der sexuellen Fortpflanzung üblicherweise sehr unterschiedlichen potentiellen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich und der damit verbundenen unterschiedlichen Aufteilung der Elterninvestments zwischen den Geschlechtern, kam es auf Seiten der Männchen zu einer künstlichen Ressourcenverknappung bei den Fortpflanzungspartnern. Die Männchen gerieten hierdurch unter einen erheblichen zusätzlichen Selektionsdruck, und zwar selbst dann, wenn sich der Lebensraum regelrecht als Schlaraffenland erwies.“ (Ebd., S. 27).

„In der Folge konkurrierten die Männchen um die »Ressource« Fortpflanzungspartner, während die Weibchen die Wahl hatten. Bei vielen Arten etablierte sich daraufhin ein Paarungsverhalten, was vorrangig darin besteht, daß die Männchen den Weibchen zu imponieren versuchen, und letztere dann bevorzugt jene Exemplare wählen, die ganz besonders ihren Gefallen finden. Mit anderen Worten, es kristallisierte sich ziemlich genau das auf modemen Marktplätzen vorherrschende Verhältnis zwischen Verkäufern (Männchen) und Käufern (Weibchen) heraus.“ (Ebd., S. 27).

„Wer anderen etwas anzubieten hat, muß zunächst um deren Aufmerksamkeit buhlen, wozu oft ausgesprochen verschwenderische Signale zur Bekundung von Selektionsinteressen ausgesendet werden.“ (Ebd., S. 27).

„Betritt etwa ein potentieller Käufer ein auf Unterhaltungselektronik spezialisiertes Geschäft, dann wird er zunächst auf meist recht prachtvolle Weise mit den Angeboten des Händlers konfrontiert. In allen diesen Fällen handelt. es sich um verbindliche Selektionsinteressen, die allerdings an Bedingungen (insbesondere Preise) geknüpft sind. Der Interessent kann sich nun über die Spezifikationen oder andere Details der Ware informieren und sie sich gegebenenfalls sogar vorführen lassen. Wenn er sich nicht entscheiden kann, wird er möglicherweise noch weitere Geschäfte aufsuchen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Mit dem Betreten des Geschäftes signalisiert der Käufer seine grundsätzliche Bereitschaft ftir die Entgegennahme von Selektionsinteressen. Mit der Bekanntgabe seiner Post- oder Emailadresse tut er dies dagegen noch nicht.“ (Ebd., S. 27-28).

„Ganz ähnlich verhält es sich bei einer jungen Frau auf einer Party oder in der Diskothek: Erscheint sie ohne feste männliche Begleitung, gibt sie indirekt ihr Einverständnis zu verstehen, angesprochen oder zum Tanzen aufgefordert zu werden. Allerdings ist es ihr überlassen, entsprechende Angebote anzunehmen oder abzulehnen, ungefähr so wie bei unserem Käufer . Verläßt sie den Kontext Diskothek, erlischt ihre Bereitschaft fur die Entgegennahme von Selektionsinteressen. Eine direkte »Anmache« auf der Straße dürfte dann in der Regel genauso unwillkommen sein, wie etwa ein ungebetener Telefonanruf eines Staubsaugervertreters nach Feierabend.“ (Ebd., S. 28).

„Mit der sexuellen Selektion setzte sich in der Natur - und später erst recht in menschlichen Gesellschaften - das sogenannte Hollywood-Prinzip durch: »Don't call us, we'll call you!« Oder anders gesagt: »Bitte stören Sie uns nicht ungefragt mit Ihren Selektionsinteressen. Wenn wir etwas von Ihnen wollen, dann werden wir uns bei Ihnen schon melden. Oder auch nicht.« Der Ablauf einer auf diesem Prinzip basierenden Kommunikation kann wie folgt beschrieben werden:
Der Empfänger (Ego, Kunde, Weibchen) signalisiert seine Bereitschaft für die Entgegennahme von Selektionsinteressen.
Verschiedene Sender (Alter, Anbieter, Männchen) übermitteln ihre Selektionsinteressen an Ego.
Ego entscheidet sich für einen Anbieter.
Im ersten Schritt betritt der Empfänger (Ego, Kunde, Weibchen) also zunächst einen bestimmten Kontext, der in der Folge dann eine sinnhafte Gefallen-wollen-Kommunikation ermöglicht. Der Kontext kann durch diverse Parameter festgelegt sein, zum Beispiel:
Wer darf ein Selektionsinteresse äußern?
Jeder, oder nur Personen mit bestimmten Eigenschaften, Zulassungen (zum Beispiel Börsenhändler) u.s.w..
Wo darf ein Selektionsinteresse geäußert werden?
Werbung, Börse, Einkaufsstraße, Geschäft, u.s.w.
Wie ist ein Selektionsinteresse zu äußern?
Mit verbindlicher Preisangabe, schriftlich u.s.w..
Wann darf ein Selektionsinteresse geäußert werden?
Zu den Ladenöffnungszeiten, Börsenzeiten u.s.w..
Wem gegenüber darf ein Selektionsinteresse geäußert werden?
Kunden, Börsenhändlern u.s.w..
Für was darf ein Selektionsinteresse geäußert werden (Sinnzusammenhang)? Aktien, Angebot von Waren und Dienstleistungen, Sex u.s.w..
Im Grunde geht es hier um Fragen, die in der Luhmannschen Systemtheorie in Bezug auf den Sinnzusammenhang oder in der Diskurs- Theorie Michel Foucaults gestellt werden:
Wer darf in wessen Namen und mit welchen Folgen was wie zu wem sagen? So schlicht und so konkret lautet die Leiifrage der Diskurstheorie Michel Foucaults (1926-1984).« (Jochen Hörisch, Theorie-Apotheke, 2005, S. 83).
Der obige Kommunikations-Ablauf kann nun auf Basis unserer Ausführungen zum Kommunikations-Kontext wie folgt vereinfacht dargestellt werden:
Betreten des Kontextes.
Äußerung von Selektionsinteressen.
Selektion.
Der in diesem Abschnitt beschriebene Kommunikationsstil ist primär auf die individualistischen Interessen von «Ego« (des Kunden) ausgelegt. Weil »Alter« dabei »Ego« überzeugen und gefallen will, soll dieser Stil im folgenden Gefallen-wollen-Kommunikation genannt werden. Im Laufe des vorliegenden Buches wird gezeigt, daß die sukzessive Durchsetzung dieser Kornmunikationsweise in der sozialen Interaktion maßgeblich für Prozesse wie technische Evolution, Zivilisation, Individualisierung, aber eben auch Umweltverschmutzung und Verschwendung verantwortlich sein dürfte.“ (Ebd., S. 29).

„Es läßt sich durchaus argumentieren, daß sich bei hohen Bevölkerungsdichten ein genereller Trend zur Gefallen-wollen-Kommunikation im Vergleich zur dominanten Kommunikationsweise herauskristallisieren wird, denn erstere dürfte mit viel geringeren gesellschaftlichen Reibungsverlusten verbunden sein.“ (Ebd., S. 29-30).

„Im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie und Selektionen wird noch auf eine weitere wesentliche Funktion der Gefallen-wollen-Kommunikation hingewiesen, der auch im Rahmen des vorliegenden Buches eine herausragende Bedeutung zukommt: Sie erzeugt evolutive Infrastrukturen, das heißt, Populationen und ihre dazugehörigen selektiven primären Umwelten. Einmal auf den Weg gebracht, entwickelt sich dann in ihnen alles gemäß den Prinzipien der noch darzustellenden Systemischen Evolutionstheorie (siehe Abschnitt Systemische Evolutionstheorie).“ (Ebd., S. 30).

„Im Grunde genommen hat sich die Natur mit der Erfindung der sexuellen Selektion beziehungsweise der Gefallen-wollen-Kommunikation ein wenig aus sich selbst herausgelöst. Ging es bei der Evolution des Lebens zunächst noch vorrangig um die optimale Anpassung an ein Milieu und den möglichst effizienten dominanten Zugriff auf die Ressourcen beziehungsweise das Überleben der Tauglichsten innerhalb einer wilden Natur, so steht nun die Adaption an den Geschmack und die Bedürfnisse einer Schar an Abnehmern (Selektierern) im Vordergrund (**). Und deren Bedürfnisse sind alles andere als statisch: Mit viel Geschick können sie geweckt oder vielleicht sogar ganz neu erzeugt werden. Die Gefallen-wollen-Kommunikation war folglich die Voraussetzung dafür, daß sich der Mensch die Erde untertan machen und seine eigene Welt schaffen konnte.“ (Ebd., S. 30).


„In diesem Zusammenhang wird dann auch von einer »intraspezifischen Selektion« gesprochen, da nun vorrangig um den Wettbewerb innerhalb einer Population (allgemein: zwischen verschiede Anbietern, in der Natur meist: unter den Männchen) geht.“ (Ebd.).

„Und damit bin ich bei einem ganz entscheidenden Punkt: Die Evolution läßt nicht nur Arten entstehen, sondern auch (artenübergreifende) Kommunikationsweisen (**), Selektionsmechanismen und Verhaltensmuster (zum Beispiel Egoismus, Kooperation, Altruismus). So dürfte beispielsweise die Sexualität und hierbei insbesondere das der sexuellen Selektion innewohnende Interaktionsmuster der Gefallen-wollen-Kommunikation maßgeblich verantwortlich gewesen sein für viele spätere evolutionäre Entwicklungen. Anders gesagt: Ohne Sexualität, Getrenntgeschlechtlichkeit und Gefallen-wollen-Kommunikation hätten Kultur, Altruismus, Zivilisation, Höflichkeit, Demokratie, Marktwirtschaft, Werbung, Kunst, Wissenschaft und Technologie nicht entstehen können. Die Welt wäre dann beim Fressen und Gefressen werden geblieben (**).“ (Ebd., S. 30-31).


„Es ist durchaus denkbar, daß in der Natur längst weitere Kommunikationsweisen existieren, die aber weder wahrnehmen noch uns mit unseren Gehirnen vorstellen können. Auch könnten sich che Interaktionsmuster erst noch in einer viel späteren erdgeschichtlichen Ära herausbilden.“ (Ebd.).

„Simone de Beauvoir behauptete, »daß der eigentliche Sinn der Unterteilung der Arten in zwei Geschlechter nicht klar« sei. (Vgl. ebd., Das andere Geschlecht, S. 28). Der Sinn der Getrenntgeschlechtlichkeit ergibt sich aber erst, wenn man Sexualität unter kommunikativen Gesichtspunkten betrachtet.“ (Ebd.).

„Konrad Lorenz stuft die durch die Gefallen-wollen-Kommunikation (intraspezifische Selektion) bewirkten Selbstläufer- und Rückkopplungsprozesse dagegen als ausgesprochen schädlich ein:
»Ein spezieller Fall positiver Rückkopplung tritt dann ein, wenn Individuen derselben Art miteinander in einen Wettbewerb treten, der durch Selektion einen Einfluß auf ihre Entwicklung ausübt. Im Gegensatz zu der von außerartlichen Umweltfaktoren verursachten, bewirkt die intraspezifische Selektion Veränderungen im Erbgut der betreffenden Art, die ihre Überlebensaussichten nicht nur nicht vermehren, sondern ihnen in den meisten Fällen deutlich abträglich sind.
Der Wettbewerb des Menschen mit dem Menschen wirkt, wie kein biologischer Faktor es vor ihm je getan hat, ›der ewig regen, der heilsam schaffenden Gewalt‹ direkt entgegen und zerstört so ziemlich alle Werte, die sie schuf: mit kalter Teufelsfaust, deren Tun ausschließlich von wertblinden, kommerziellen Erwägungen bestimmt ist.
Was für die Menschheit als Ganzes, ja selbst, was für den Einzelmenschen gut und nützlich ist, wurde unter dem Druck zwischenmenschlichen Wettbewerbs bereits völlig vergessen. Als Wert wird von der erdrückenden Mehrzahl der heute lebenden Menschen nur mehr das empfunden, was in der mitleidslosen Konkurrenz erfolgreich und geeignet ist, den Mitmenschen zu überflügeln.« (Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 1973, S. 32f.).
Dazu ist jedoch das Folgende anzumerken:
Wie im Kapitel Evolution noch gezeigt wird, ist die intraspezifische Selektion - die Konkurrenz zwischen den Individuen innerhalb einer Art - eine zwangsläufige Begleiterscheinung der sexuellen Fortpflanzung im Tierreich (**). Sie mag - wie Konrad Lorenz behauptet - die Überlebensaussichten einzelner Individuen mindern, für den Fortbestand einer biologischen Art dürfte sie aber eher günstig sein, sonst könnte sie sich nicht auf solch dominante Weise in der Natur durchgesetzt haben.
In vielen Populationen wird Evolution ganz entscheidend durch das Interesse von Individuen, sich selbst und die eigenen Kompetenzen beziehungsweise Adaptionen in Relation zur restlichen Population zu erhalten, bewirkt. Die jeweiligen Eigeninteressen der Individuen führen dann ganz automatisch zu einem intraspezifischen Wettbewerb.
Die Evolutionsbiologie nimmt heute mehrheitlich an, daß die natürliche Auslese das Resultat der Konkurrenz zwischen den Individuen einer Population um begrenzte Ressourcen ist, daß sie also das Resultat einerintraspezifischen Selektion ist.
In modernen Gesellschaften konkurrieren weniger die Menschen untereinander, um sich gegenseitig zu überflügeln, sondern in erster Linie die Organisationssysteme (Unternehmen, Konzerne u.s.w.), bei denen es sich um neuartige biologische Phänomene und Systeme einer bislang unbekannten Größenordnung handelt, und in denen Menschen praktisch nur noch die Rolle einzelner Zellen wahrnehmen. Wie ich noch zeigen werde, hat der Mensch auf den intraspezifischen Wettbewerb der Organisationen nur einen sehr begrenzten Einfluß. Konrad Lorenz verkennt, daß für viele ungünstige Entwicklungen auf diesem Planeten längst nicht mehr der Mensch an sich verantwortlich ist, sondern die Organisationssysteme, die sich seiner bedienen.
In den folgenden Kapiteln sollen nun die Grundlagen dieser Aussagen erarbeitet werden. Dabei stehen zunächst Konzepte der Systemtheorie im Vordergrund. Darauf aufbauend wird dann ein »Systemische Evolutionstheorie« genannter Mechanismus beschrieben, der die Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen von Individuen zur eigentlichen Triebfeder evolutiver Prozesse erklärt, und der vollständig ohne die bekannten Darwinschen Konzepte des Kampfs ums Dasein, des Überlebens der Tauglichsten und der natürlichen Auslese (Survival of the Fittest) auskommt. Eine Kernaussage wird sein: Evolution findet statt, weil biologische Phänomene existieren, die sich selbsterhalten und reproduzieren »wollen«.“ (Ebd., S. 32-32).


Strenggenommen ist sie sogar eine direkte Folge der Ausbildung von Intelligenzfunktionen in der Natur, denn damit werden Individuen lernfähig und könnten dann gegebenenfalls - im Wettbewerb um die Fortpflanzung - eine bisherige Unterlegenheit anderen gegentiber in eine Überlegenheit wandeln.“ (Ebd.).

3) Systeme (S. 33-73)

3.1)   Systemdefinition (S. 34)
3.2)   Leben als Prozeß des Erkennens (S. 34-36)
3.3)   Autopoietische Systeme (S. 37-40)
3.4)   Luhmannsche Systemtheorie (S. 41-45)
3.5)   Selbsterhaltende Systeme (S. 45-54)
3.6)   Soziale Systeme (S. 54-64)
3.7)   Ausdifferenzierung (S. 64-65)
3.8)   Systembindungen (S. 65-66)
3.9)   Systemflexibilität (S. 67-70)
3.10) Emergenz (S. 70-73)

„Im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie wird dargelegt, daß nur Populationen, deren Individuen autonome Systeme mit eigenständigen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen sind, aus sich selbst heraus evolvieren können, das heißt, nur solche Populationen können sich fortlaufend weiterentwickeln, ohne auf den Eingriff eines externen Schöpfers angewiesen zu sein. Im Klartext heißt das: Äpfel, Nasen, Ohren, Gene, Meme, wissenschaftliche Theorien, Hypothesen, Entscheidungen, Computersysteme, Software, Mobiltelefone u.s.w. können nicht eigendynamisch evolvieren. Apfelbäume, Menschen, Gesellschaften und Unternehmen dagegen sehr wohl. Dies ist vermutlich der entscheidende Paradigmenwechsel des vorliegenden Buches. Denken Sie an Dinge, die Sie für selbständig halten, die eine eigen Identität besitzen und sich selbsterhalten und erneuern wollen. Nur um solche Objekte geht es im folgenden.“ (Ebd., S. 33).

„Systemtheorien verfolgen meist einen strukturfunktionalen Ansatz. Dabei wird ein System als eine sich in Elemente untergliedernde und eine bestimmte Struktur anweisende Einheit verstanden. Die Funktionen sind der Struktur nachgelagert, da sie primär deren Bestand sichern sollen.“ (Ebd., S. 33).

„Niklas Luhmann definiert Systeme dagegen über deren Operationen. Für ihn ist nicht die Systemstruktur entscheidend, sondern das Verhältnis zwischen einzelnen Systemen und deren Funktionen. In seiner Systemtheorie ist folglich die Struktur der Funktion nachgelagert, weswegen er den Begriff der funktional-strukturellen Systemtheorie prägte. Während also in strukturfunktionalen Ansätzen Systeme bereits Strukturen besitzen, geht Luhmann von der Annahme aus, das sich soziale Systeme erst durch menschliche Kommunikation bilden.“ (Ebd., S. 33-34).

„Im Grunde handelt es sich bei dieser Auseinandersetzung jedoch um eine Henne-Ei-Problematik, die für die weiteren Ausführungen des vorliegenden Buches ohne Relevanz sind. “ (Ebd., S. 33).

3.2) Leben als Prozeß des Erkennens

„Was hat ein Tier, was ein Sonnensystem nicht hat?“ (Ebd., S. 34).

„Vor etwa 65 Millionen Jahren schlug ein Meteor auf die Erde ein, der die Lebensgrundlage vieler biologischer Arten - darunter auch die Dinosaurier - zerstörte. Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen: Die Erde ließ das Ereignis passiv über sich ergehen (**). Wäre der Meteor knapp an ihr vorbeigeflogen, dann hätte sie das genauso unbeteiligt hingenommen wie den damaligen Einschlag (**). “ (Ebd., S. 34-35).


„Wie im Abschnitt Was ist Leben?  noch dargelegt wird, unterliegt jede Materie dem Impulserhaltungssatz: Unbelebte Materie kann ihre Geschwindigkeit und Richtung nur ändern, wenn sie von außen einen Impuls erhält. Lebewesen scheinen dies aber aus sich heraus tun zu können. Man könnte regelrecht meinen, sie würden dabei durch einen inneren »Lebensimpuls« angestoßen.“ (Ebd.).

„Sollten sich die technischen Kompetenzen der Menschheit noch deutlich verbessern, dann könnte sie irgendwann einmal in der Lage sein, einen ähnlichen Aufschlag eines Meteors noch rechtzeitig zu verhindern, zum Beispiel, indem sie ihn vorher aus seiner Bahn drängt. In diesem Fall könnte man die Erde als Gesamtsystem schon fast als ein lebendes System auffassen.“ (Ebd.).

„Doch nun werfen Sie einmal einen Stein in Richtung eines etwa zehn Meter vor Ihnen hockendes Kaninchen und schauen Sie, was passiert.: Das Kaninchen wird versuchen, Ihrem Stein aktiv auszuweichen.“ (Ebd., S. 35).

„Leben scheint also vor allem etwas mit der Fähigkeit zu tun zu haben, sich selbst als Subjekt gegenüber einer sich davon abgrenzenden Umwelt (Objekt) zu erleben. Wir haben es in diesem Falle nicht einfach “nur mit einer System-Umwelt-Differenz zu tun, sonder mit einem System, welches die Differenz erkennen beziehungsweise definieren kann und hierdurch in die Lage versetzt wird, sich als Subjekt aktiv selbstzuerhalten. Zum Leben kann insbesondere auch die Fähigkeit gehören, sich selkbst zu beobachten, das heißt, zu operieren und zu beobachten, dasß man operiert (vgl. Margot Berghaus, Luhmann leicht gemacht, 2003).“ (Ebd., S. 35).

„Adolf Heschl faßt den Sachverhalt wie folgt zusammen:
»Sowohl die Erhaltung wie auch die Weitergabe der eigenen physischen Struktur - gemeit ist damit die Summe aller Lebensprozesse eines Lebewesens - setzt ... eine Eigenschaft voraus, die sich als tatsächlich neuartig in der Geschichte des Kosmos erweist: das Entstehen von Information oder, anders formuliert, das aktive Wissen um das Wie der Erhaltung der eigenen Existenz. Allein diese Eigenschaft kann mit guten Gründen als das ganz besondere Novum des Phänomens Leben angegeben werden, da sie in integrativer Weise alle anderen, klar untergeordneten Eigenschaften mit umfaßt. Dies bedeutet, daß erst so etwas wie ein materialistisches Wissen um die eigene Existenz und deren Beziehungen zu einer ebenfalls erst entstehenden Umwelt das Wesen von Leben ausmacht. Mit der Entstehung eines lebenden Systems als erstes erkennendes ›Subjekt‹ wird also gleichzeitig auch das ›Objekt‹, das heißt also eine bestimmte Umwelt, geschaffen und damit eine der vielleicht erstaunlichsten Beziehungenl im Rahmen der gesamten kosmischen Entwicklung. War zuvor nur ein identitätsloses und vollkommen passives Miterleiden physikalische, Ausgleichsprozesse möglich, so zum Beispiel wenn ein Stein einen Abhang hinunterkollerte, so ergibt sich nun plötzlich die vollkommen neuartige Befähigung zum aktiven Sein vor dem Hintergrund einer ebenso plötzlich wie durch ein Wunder aus dem Nichts entstehenden Außenwelt.« (Adolf Heschl, Das intelligente Genom, 1998, S. 55f.).
Darauf aufbauend schließt Adolf Heschl, daß der Prozess, sich als Subjekt zu erleben, aktiv zu erhalten und gegenüber einer objekthaften Umwelt abzugrenzen, generell mit dem Prozeß der Erkenntnis gleichgesetzt werden kann:
»Der Prozeß des Lebens kann nur als identisch mit dem Prozeß der Erkenntnis richtig verstanden werden oder für den, der es kurz und bündig liebt: L = E.« (Adolf Heschl, Das intelligente Genom, 1998, S. 61).
Zusammenfassend können wir festhalten:
Lebewesen sind Systeme, die sich gegenüber ihrer Umwelt als Subjekt wahrnehmen und abgrenzen und in diesem Sinne eine Identität besitzen.
Lebewesen wollen sich aktiv selbsterhalten.
Systeme mit diesen Eigenschaften werden im Laufe des Buches selbsterhaltende Systeme genannt (siehe Abschnitt Selbsterhaltende Systeme). Allerdings dürften die aufgeführten Eigenschaften für sich allein noch nicht hinreichend sein, um Systeme tatsächlich als Lebewesen zu charakter sieren, denn selbst Unternehmen können mit den gleichen Merkmale aufwarten. Beispielsweise besitzt Nokia ebenfalls eine eigene ldentität, grenzt sich gegenüber seiner Umwelt und insbesondere seinen Konkurrente ab und versucht sich aktiv auf den Märkten zu behaupten. Dennoch würde die meisten Menschen Unternehmen nicht als Lebewesen bezeichnen. Im Sinne der Definitionen von Maturana und Varela können sie aber als biologische Phänomene aufgefaßt werden. Mit einer präzisen Abgrenzung von Lebewesen gegenüber sonstigen biologischen Phänomenen wie etwa Unternehmen beschäftigt sich der Abschnitt Was ist Leben?.“ (Ebd., S. 35-36).

3.5) Selbsterhaltende Systeme

„Unter Ontogenese versteht man die Geschichte des strukturellen Wandels einer Einheit ohne Verlust ihrer Organisation. Beispielsweise entsteht ein neues Lebewesen zunächst aus einer einzigen Zelle, um sich dann durch Zellteilung und -erneuerung schließlich zu einem erwachsenen Individuum zu entwickeln. Hierbei handelt es sich also um die Ontogenese eines einzelnen Lebewesens.“ (Ebd., S. 45).

„Die Phylogenese bezeichnet dagegen die stammesgeschichtliche Entwicklung (biologische Evolution) der Lebewesen im Verlauf der Erdgeschichte. Gemäß der biologischen Evolutionstheorie (siehe Abschnitt Biologische Evolutionstheorie) wird sie entscheidend durch den Fortpflanzungsprozeß vorangetrieben.“ (Ebd., S. 45).

„Interessanterweise handelt es sich hierbei nun aber genau um den gleichen Prozeß, der die Ontogenese von Populationen bewirkt (vgl. Gerhard Vollmer, a.a.O., S. 63). Denn während Lebewesen (Organismen) letztlich Aggregationen von Zellen sind (autopoietische Systeme zweiter Ordnung), setzen sich Populationen aus Lebewesen der gleichen biologischen Art zusammen (autopoietische Systeme dritter Ordnung). Lebewesen reproduzieren ihre eigene Struktur (Strukturerhaltung) im wesentlichen durch Zellteilung und -erneuerung, Populationen dagegen mittels der Fortpflanzung (Reproduktion) ihrer Mitglieder.“ (Ebd., S. 45).

„Und damit komme ich auf den wesentlichen Unterschied zwischen Organismen und Populationen (ebenso: Gesellschaften, Organisationen) zu sprechen: Während es Lebewesen primär um Selbsterhalt und Fortpflanzung geht, steht bei Populationen nur noch der Selbsterhalt im Vordergrund, denn die Fortpflanzung ihrer Individuen ist Teil der eigenen inneren Reproduktion (Strukturerhaltung). Populationen könnten deshalb auch - anders als ihre Mitglieder - nahezu unbegrenzt lange fortbestehen, denn sie sind ja in der Lage, sich innerlich permanent selbst zu reproduzieren.“ (Ebd., S. 46).

„Gleiches gilt für soziale Systeme (siehe Abschnitt Soziale Systeme) und Populationen, die ihre Mitglieder nicht allesamt selbst »produzieren«, sondern sie auf andere Weise »erneuern« (zum Beispiel durch Neueinstellungen, [Früh-]Verrentungen, Mitarbeiterfluktuation, Zu- und Abwanderung u.s.w.). Diese Systeme können zwar im strengen Sinne nicht mehr autopoietisch genannt werden, trotzdem sind sie in der Lage, sich fortlaufend innerlich zu reproduzieren und auf diese Weise ihren Selbsterhalt sicherzustellen.“ (Ebd., S. 46).

„Selbsterhalt bedeutet aber auch die ständige Erneuerung der Kompetenzen in Relation zum Lebensraum, das heißt, der Anpassung (Adaption) an die primäre selekive Umwelt. Bei einem einzelnen Menschen gehören dazu etwa Erziehung, Imitation, Training oder Bildung. Gemäß der Darwinschen Evolutionstheorie wird die Kompetenzerneuerung von Populationen dur4 das Prinzip der natürlichen Selektion (siehe Abschnitt Biologische Evolutionstheorie) sichergestellt. Ich werde im Laufe des Kapitels Evolution jedoch zeigen, daß dies so nicht ganz stimmt, und in der Folge dann auch einen alternativen Mechanismus vorschlagen, der diesen Teil des permanenten Selbsterhaltes nicht nur für Population, sondern auch für soziale Systeme erklären kann.“ (Ebd., S. 46).

„Die klare Trennung von innerer und äußerer Reproduktion (Selbsterhalt versus Fortpflanzung) bei Lebewesen ist gewissermaßen ein Sonderfall, aus der kurzen Lebensdauer der einzelnen Individuen resultiert (vgl. Gerhard Vollmer, a.a.O., S. 63). In den meisten Fällen können wir jedoch die beiden Lebensfunktionen Selbsterhalt und Reproduktion als eine Einheit betrachten und dann auch zusammenfallen lassen (**|**).“ (Ebd., S. 46-47).


„Man könnte das in der Unternehmenswelt etablierte »Franchising« in manchen Aspekten mit der Fortpflanzung von Lebewesen vergleichen. Auch können Unternehmen spontan »Tochterunternehmen« bilden.“ (Ebd.).

„Durch eine künstliche Generationenbildung könnten Systeme mit innerer Reproduktion annähenmgsweise in solche mit kurzer Lebensdauer und äußerer Reproduktion überführt werden. Der erwähnte Unterschied zwischen den beiden Systemtypen wäre dann aufgehoben. Dazu müßte lediglich die Zeit in einzelne Zeitintervalle t (zum Beispiel einer Dauer von 30 Jahren) eingeteilt werden. Sodann definierte man S(t) als das System S während des Zeitintervalls t. S(t + 1) wäre folglich die Fortpflanzungskopie von S(t).“ (Ebd.).

„Ich werde im Laufe des Buches für das Interesse von Systemen, sich selbstzuerhalten beziehungsweise zu reproduzieren, je nach Kontext die beiden folgenden Begriffe verwenden (**):
Selbsterhaltungsinteresse: Das Interesse eines Systems oder Individuums, sich selbstzuerhalten und innerlich zu reproduzieren.
Bei sozialen Systemen und Populationen wird der Begriff meist synonym mit dem Begriff Reproduktionsinteresse verwendet. Zum Selbsterhalt gehört auch der Erhalt der Adaptionen an den Lebensraum.
Reproduktionsinteresse: Das Interesse eines Systems oder Individuums, sich zu reproduzieren.
Bei Lebewesen ist dann meist ganz explizit die Fortpflanzung gemeint. Geht es dagegen vorwiegend um die innere Reproduktion von Individu en, wird der Begriff Selbsterhaltungsinteresse vorgezogen. Anders gesagt: Steht die Reproduktion der inneren Struktur und von Kompetenzen in Relation zur Umwelt bei einem einzelnen Individuum im Vordergrund, wird der Begriff Selbsterhaltungsinteresse verwendet, geht es um die Fortpflanzung von Individuen, das heißt, die Reproduktion von Kompetenzen an die nachfolgende Generation, wird der Begriff Reproduktionsinteresse vorgezogen. Das Selbsterhaltungsinteresse eines Lebewesens hat also primär mit dessen Fähigkeit zu leben zu tun, das Reproduktionsinteresse dagegen mit dessen (genetischem) Überleben.
Systeme, die ihre Elemente zwar nicht allesamt selbst produzieren, trotzdem aber eine eigene Identität und ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse besitzen, sollen im folgenden einfachheitshalber selbsterhaltend genannt werden.“ (Ebd., S. 47-48).


„Allgemeiner könnte von »Eigennutz« beziehungsweise »Eigeninteressen« gesprochen werden. Verschiedene theoretische Gründe lassen es aber als ratsam erscheinen, sich auf die beiden ausgewählten Interessenarten zu beschränken und alle anderen unspezifischen Interessen auszublenden.“ (Ebd.).

„Erinnern wir uns noch einmal an die von Fritz B. Simon gegebene Beschreibung autopoietischer Systeme.
Beschreibung autopoietischer Systeme:
Autopoietische Systeme organisieren nicht nur ihre eigenen, internen Strukturen, sondern sie produzieren auch die Elemente, aus denen die Strukturen gebildet werden« Die kritische Variable, die sie konstant erhalten, ist ihre Organisationsform. Die Elemente sterben ab und werden neu gebildet; die Strukturen, bestehend aus Elementen und ihren Relationen zueinander, können sich wandeln; was konstant bleibt, ist das (abstrakte) Muster der Prozesse, die dafür sorgen, daß die Elemente reproduziert und in eine bestimmte Relation zueinander gebracht werden, das heißt ihre Organisation.
Diese Definition werde ich für die weiteren Überlegungen an einigen ganz entscheidenden Stellen abändern:
Beschreibung selbsterhaltender Systeme:
Selbsterhaltende Systeme organisieren ihre eigenen, internen Strukturen, aber sie produzieren nicht zwingend auch die Elemente, aus denen sie bestehen. Die kritische Variable, die sie konstant erhalten, ist ihre Organisationsform. Elemente, von denen stets einige autopoietische (lebende) Systeme sind, können hinzugefügt, ausgetauscht oder entfernt und diese Weise reproduziert werden; die Strukturen, bestehend aus Elementen und ihren Relationen zueinander, können sich wandeln, was konstant bleibt, ist das (abstrakte) Muster der Prozesse, die dafür sorgen, daß die Elemente reproduziert und in eine bestimmte Relation zueinander gebracht werden, das heißt ihre Organisation.
Die beiden Definitionen mögen kompliziert klingen, besagen aber im Grunde etwas sehr Einfaches: Ein menschlicher Organismus ist ein autopoietisches System, welches nicht nur seine Organisation selbst erzeugen, sondern dazu auch noch alle seine Elemente (Zellen). Ein Unternehmen, dagegen nur ein selbsterhaltendes System, welches zwar ebenfalls seiOrganisation selbst kreiert, seine Elemente (Mitarbeiter) dagegen nicht. Diese werden lediglich vertraglich an sich gebunden. Beide Systemtypen sind autonom (sie operieren selbstbestimmt), haben eine Identität und besitzen ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse (sie wollen fortbestehen). Ein autopoietisches System ist folglich immer auch ein selbsterhaltendes System.“ (Ebd., S. 48-49).

„Einige Subelemente eines selbsterhaltenden Systems müssen gemäß der obigen Definition lebende (autopoietische) Systeme sein, denn die Autonomie und das daraus resultierende Selbsterhaltungsinteresse des Systems bedürfen ja eines Fundaments. Beispielsweise müssen in einem Unternehmen irgendwo noch immer Menschen sein, die ihre Intentionen einbringen und sich für ihre Interessen stark machen, sonst wird das System stets ein lebloser Maschinenpark bleiben.“ (Ebd., S. 49).

„Gemäß Maturana und Varela handelt es sich bei selbsterhaltenden Systemen um biologische Phänomene
»Wenn dem so ist, daß die autopoietische Organisation die biologische Phänomenologie als Verwirklichung des Lebewesens als autonome Einheiten determiniert, dann ist jedes Phänomen ein biologisches Phänomen, welches die Autopoiese mindestens eines Lebewesens einbezieht.« (Humberto Maturana / Francisco Varela, Der Bann der Erkenntnis, 1990, S. 60).
Dies hat recht interessante Konsequenzen. Denn im weiteren Verlauf des vorliegenden Buches werden Organisationssysteme und Gesellschaften als selbsterhaltende Systeme und darauf aufbauend die technische Evolution als ein begleitender Aspekt der Evolution von Organisationssystemen beschrieben. Mit anderen Worten: Auch Unternehmen, Technologien und Gesellschaften lassen sich letztlich als biologische Erscheinungen interpretieren. Demzufolge würde es sich bei der Soziologie um eine naturwissenschaftliche Disziplin handeln. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll: Alles andere würde mich auch überraschen, denn selbstverständlich haben sich menschliche Gesellschaften und Technologien evolutionär aus der Natur heraus entwickelt, sind also im strengen Sinne Teil der Natur. (»Naturwissenschaft« wird aber anders definiert! HB).“ (Ebd., S. 49).

„In vielen der noch folgenden Betrachtungen wird es sich als günstiger erweisen, selbsterhaltende Systeme über bestimmte charakteristische Eigenschaften zu beschreiben, anstatt darüber, wie sie innerlich operieren und sich konstruieren. lm Vordergrund werden dabei die folgenden Merkmale stehen:
Eigenschaften selbsterhaltender Systeme:
Ein selbsterhaltendes System besitzt eine eigene Identität und damit ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse.
Ein selbsterhaltendes System grenzt sich gegenüber seiner Umwelt ab (System/Umwelt-Differenz und besitzt ihr gegenüber eigenständige Kompetenzen (das heißt, es ist gegenüber seinem Milieu in einer bestimmten Weise angepaßt. Aufgrund seines Selbsterhaltungsinteresses ist es bestrebt, seine Kompetenzen mindestens zu erhalten. Das Gleiche gilt für seine inneren Strukturen.
Abschließend möchte ich noch auf einen Punkt zu sprechen kommen, der leicht übersehen werden kann. Es geht hierbei um die Frage, wie in Populationen aus lauter selbsterhaltenden Systemen neue Variation entstehen kann. Dazu muß ich allerdings im Text ein wenig vorgreifen, da Sie möglicherweise sonst bereits die Fragestellung nicht verstehen.“ (Ebd., S. 49-50).

„Ich werde im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie eine Evolutionstheorie vorstellen, die ohne das Prinzip der natürlichen Auslese auskommt, und mit der sich biologische, kulturelle, soziale, wissenschaftliche und technische Evolutionen einheitlich beschreiben lassen. Allerdings wird diese Theorie Evolutionen auf Populationen, deren Individuen allesamt selbsterhaltende Systeme sind, beschränken. Eine ihrer Kernaussagen wird nämlich sein: Nur Populationen mit solchen Eigenschaften können eigendynamisch evolvieren.“ (Ebd., S. 50).

„Nun haben wir aber gerade eben von selbsterhaltenden Systemen gesprochen, die sich fortlaufend intern erneuern, und somit den üblichen Zyklus des Lebens aus Wachstum, Fortpflanzung und Tod nicht kennen. Rein theoretisch könnten sie fast ewig fortbestehen. Warum sollte es etwa den FC Bayern München in 5000 Jahren nicht mehr geben? Wenn sich der Verein stets rechtzeitig erneuert (Trainer, Spieler u.s.w.) und sich die Menschen dann noch immer flir Fußball begeistern, könnte so etwas durchaus sein.“ (Ebd., S. 50).

„Doch woher soll ein Verein die Spieler nehmen, die er zu seiner regelmäßigen Erneuerung benötigt? In der Vergangenheit haben sich hier im wesentlichen zwei unterschiedliche Strategien durchgesetzt, die auch in Kombination miteinander angewendet werden können:
Ausbildung eigener Nachwuchsspieler (Amateurmannschaften u.s.w.).
Einkauf von Profis und Talenten.
Im Profifußball präferiert man heute in der Regel die zweite Strategie. Man nimmt also indirekt an, die erforderlichen Talente würden schon irgendwo von selbst heranreifen, zum Beispiel auf südamerikanischen oder afrikanischen Straßen und Bolzplätzen. Im Unternehmensbereich sieht das nicht viel anders aus. Zwar bilden viele Unternehmen ihre Mitarbeiter auch regelmäßig selbst aus, grundsätzlich gehen sie aber davon aus, daß die Gesellschaft schon von ganz alleine für ausreichend qualifiziertes Humankapital sorgen wird, das auch spätere unternehmerische Anforderungen abdecken kann.“ (Ebd., S. 50-51).

„Im Abschnitt Evolution im Sport wird gezeigt, daß es sich bei der Fußballbundesliga um eine Population aus 18 selbsterhaltenden Systemen - den Bundesligavereinen - handelt, die sich gemäß den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie weiterentwickeln.“ (Ebd., S. 51).

„Die Frage nach der Entstehung neuer Variation ist in diesem Falle recht einfach zu beantworten: Drei Mannschaften steigen am Saisonende aus der 1. Liga ab, werden also sozusagen aus der Population entfernt, und dafür steigen entsprechend viele Mannschaften aus der 2. Liga auf, so daß es am Ende wieder genau 18 verschiedene Mannschaften (Individuen, selbsterhaltende Systeme) sind.“ (Ebd., S. 51).

„Allerdings ist damit das Variationsproblem noch nicht abschließend gelöst, denn immerhin verschwinden die Vereine ja nicht wirklich oder entstehen wie durch ein Wunder aus dem Nichts neu, sondern sie wechseln lediglich die Ligen, bleiben also als Systeme erhalten.“ (Ebd., S. 51).

„Doch es sind auch andere Fälle vorstellbar. Beispielsweise könnte ein Verein in unüberwindbare wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten oder gegen sportliche Statuten verstoßen und in der Folge dann tatsächlich den Spielbetrieb einstellen. In diesem Fall dürften Sonderregelungen zum Einsatz kommen, wie etwa die Zahl der Aufsteiger von drei auf vier zu erhöhen. Natürlich würde sich dies dann auch in allen unteren Ligen bemerkbar machen. Irgendeine Liga müßte schließlich mit einer Mannschaft weniger auskommen, weswegen erneut die Frage zu stellen ist: Wie kann in solchen Populationen neue Variation entstehen? Die Antwort lautet: Durch Gründung eines neuen Vereins.“ (Ebd., S. 51).

„Dies muß nicht notwendigerweise in der untersten Liga geschehen. Beispielsweise könnten sich Eintracht Frankfurt, der FSV Mainz 05 und die Offenbacher Kickers zu einem neuen Fußballverein mit dem Namen I. FC Rhein-Main zusammenschließen (**). Ein solcher Großverein würde dann natürlich sofort in der Liga starten, in der der bislang höchstplatzierteste Fusionspartner spielt. Aber auch bei diesem Vorgang würden mehrere »Systeme« verschwinden, die durch neue Vereine in den jeweiligen Ligen zu ersetzen wären.“ (Ebd., S. 51-52).


„Sicherheitshalber möchte ich an dieser Stelle anmerken, daß es sich hierbei um ein reines Gedankenexperiment handelt.“ (Ebd.).

„Neue Mannschaften bilden sich üblicherweise in der untersten Liga, was zeigt, daß die Entstehung neuer Variation voraussetzungslos sein kann. Es ist zwar auch dann noch immer vorstellbar, daß ein etwa in diesem Jahr neu entstandener Kreisklassenverein »1. FC Champion« zehn Jahre später Deutscher Fußballmeister wird, doch so etwas dürfte die absolute Ausnahme sein. In den meisten etablierten evolutiven Populationen werden es Neuein. steiger ausgesprochen schwer haben.“ (Ebd., S. 52).

„In vielen Umgebungen hat man deshalb ganz bewußt variationsfördernde Maßnahmen implementiert, die neuen Individuen reelle Chancen einräumen sollen. Im Unternehmensbereich gehören dazu etwa diverse Finanzierungsmöglichkeiten über Banken und Börsen oder die Bereitstellung von Venture Capital. Auch stehen meist zahlreiche Berater unterstützend zur Verfügung.“ (Ebd., S. 52).

„Grundsätzlich können wir gemäß den bisherigen Ausführungen die beiden folgenden Situationen unterscheiden:
Lebewesen haben nur eine begrenzte Lebenszeit. Sie müssen sich deshalb regelmäßig fortpflanzen, um ihre Strukturen und Kompetenzen weiterzugeben und für die Population zu erhalten. Im Rahmen der Fortpflanzung entstehen Kopien ihrer Person (Nachwuchs), die sich aber aufgrund von Mutationen und genetischen Rekombinationen auch von ihnen unterscheiden. Im Sinne der Systemischen Evolutionstheorie (siehe Abschnitt Systemische Evolutionstheorie) besitzen Populationen aus lauter Lebewesen folglich einen variationserhaltenden Reproduktionsprozeß, nämlich die Fortpflanzung ihrer Individuen.
Alternativ dazu können solche Populationen auch Individuen mit anderen Populationen tauschen, was in der Literatur unter den Begriff der Zu- und Abwanderung fällt.
Insgesamt kann man festhalten: In Populationen aus lauter Lebewesen entsteht neue Variation durch Fortpflanzung und Zuwanderung.
Populationen aus lauter selbsterhaltenden Systemen, die sich im Grunde über einen beliebig langen Zeitraum intern selbst erneuern können (zum Beispiel Populationen aus Sportvereinen oder Unternehmen), kennen in der Regel so etwas wie die Fortpflanzung (Replikation) nicht. Stattdessen erhalten sie ihre Variation meist durch Erzeugung gänzlich neuer Individuen. Im Sinne der Systemischen Evolutionstheorie (siehe Abschnitt Systemische Evolutionstheorie) besitzen sie folglich einen variationserhaltenden Reproduktionsprozeß, nämlich die interne Erneuerung ihrer Individuen und die Erzeugung neuer Populationsmitglieder.
Alternativ dazu können solche Populationen auch Individuen mit anderen Populationen tauschen. Beispielsweise könnte ein ausländisches Unternehmen nun auch seine Produkte auf dem deutschen Markt, auf dem es bislang noch nicht tätig war, anbieten.
Insgesamt kann man festhalten: In Populationen aus lauter selbsterhaltenden Systemen, die sich über einen beliebig langen Zeitraum intern selbst erneuern können, entsteht neue Variation durch Erzeugung neuer Individuen und »Zuwanderung«.
Möglicherweise werden Sie sich jetzt fragen, warum sich Organismen nicht wie Populationen oder soziale Systeme (praktisch) zeitlich unbegrenzt innerlich reproduzieren können, schließlich verfügen Sie ja über das Mittel der Zellerneuerung. Der Grund dafür ist ein ganz einfacher: In Organismen haben alle Zellen den gleichen Chromosomensatz, das heißt, sie basieren auf den gleichen Genen. Eine zelluläre Funktionsverbesserung - im Sinne einer besseren Adaption an den Lebensraum - ist im Grunde nur über die Fortpflanzung möglich, bei der jeder Nachkomme einen vollständig neuen Chromosomensatz erhält, der dann für alle Zellen gilt. Ein Unternehmen kann dagegen bei Bedarf neue Mitarbeiter (mit neuen Chromosomensätzen) einstellen, deren Qualifikationen und Berufserfahrungen den sich wandelnden Anforderungen der Märkte in optimaler Weise genügen. Das setzt allerdings voraus, daß auch stets eine ausreichende Zahl an Menschen mit den benötigten Qualifikationen nachkommt, was zwar Unternehmen (und Fußballbundesligavereine) üblicherweise implizit annehmen, wovon jedoch in modernen Gesellschaften zur Zeit nicht mehr unbedingt ausgegangen werden kann. All das unterstreicht die enorme Bedeutung der Humanressourcen für Unternehmen und des Humanvermögens für Gesellschaften.“ (Ebd., S. 52-53).

„Wir halten fest: Organismen müssen sterben und sich fortpflanzen, um sich genetisch erneuern zu können, bei Organisationssystemen (**|**|**|**) reicht dafür bereits die regelmäßige Erneuerung der Humanressourcen.“ (Ebd., S. 53).

3.6) Soziale Systeme

Moderne soziale Systeme wie Unternehmen (Organisationssysteme) sind das Ergebnis der enormen menschlichen Kooperationsfähigkeit, des Aufkommens von Märkten mit Tauschäquivalenten als deren primäre selektive Umwelt, des Zugriffs auf große Mengen an Energie und der allgemeinen rtechnologischen Entwicklung. Bei Organisationssystemen handelt es sich um neuartige biologische Phänomene von zum Teil geradezu ungeheuerlicher Potenz. Sie stellen mit ihrem Ressourcenreichtum, ihren Kompetenzen und ihrer schieren Macht alles in den Schatten, was an biologischen Phänomenen je auf der Erde existiert hat. Möglicherweise sind sie dem Menschen längst entwachsen.“ (Ebd., S. 54).

„Dabei handelt es sich bei ihnen um eine recht neue Entwicklung. Im Prinzip sind sie das Charakteristikum der Moderne schlechthin. Sie sollen deshalb in diesem Abschnitt etwas eingehender untersucht werden.“ (Ebd., S. 47).

„Gemäß den Ausführungen im Abschnitt Leben und Fortpflanzung sind Lebewesen entropiearme Systeme, die danach streben, den unwahrscheinlichen Zustand hoher Ordnung in ihrem Inneren aufrecht zu erhalten. Ferner wollen sie sich in der Regel reproduzieren - sie sind ja auch durch Fortpflanzung entstanden. Anders gesagt: Lebewesen geht es primär um Selbsterhalt und Fortpflanzung:
»Genau so sind wir alle entstanden, ohne einem anderen Gesetz zu folgen, als dem der Erhaltung einer Identität und der Fähigkeit zur Fortpflanzung.« (Humberto Maturana / Francisco Varela, Der Bann der Erkenntnis, 1990, S. 17).
Oder noch etwas präziser formuliert (**):
»›Leben‹ läßt sich definieren als ein auf dem ›Prinzip Eigennutz‹ basierender Prozeß der Selbstorganisation. Alle Organismen ... verdanken ihre Existenz dem eigennützigen Streben ihrer Vorfahren nach Vorteilen im Kampf um Ressourcen und ... Fortpflanzungserfolg.« (Michael Schmidt-Salomon, Auf dem Weg zur Einheit des Wissens, 2007, S. 17).
Nun besitzt aber selbst das Sonnensystem eine spezifische innere Ordnung, das heißt, es stellt gleichfalls - in Relation zu seiner Umgebung - einen entropiearmen Zustand dar. Wie bereits im Abschnitt Leben als Prozeß des Erkennens erläutert wurde, beruht die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung in diesem Falle jedoch - anders als bei Lebewesen - nicht auf einem eigenen Subjektempfinden (Identität) und einem wie auch immer gearteten Selbsterhaltungsinteresse (**), sondern auf physikalischen Gesetzen, in deren Rahmen Störungen von außen passiv ertragen werden, während Lebewesen auf Perturbationen üblicherweise mit aktiven Gegensteuerungsmaßnahmen reagieren. Über vergleichbare, aktive und intelligente Reaktionsmöglichkeiten verfügen Planetensysteme nicht.“ (Ebd., S. 54-55).


„Esoteriker mögen das etwas anders sehen.“ (Ebd.).

„Im letzten Abschnitt (**) wurde gezeigt, daß bei Populationen - und sozialen Systemen generell - Selbsterhalt und Reproduktion im wesentlichen das Gleiche meinen und somit funktional zusammenfallen. Solchen Systemen geht es also nicht mehr um die Fortpflanzung, sondern nur noch um den Selbsterhalt, das heißt um die fortlaufende Erhaltung der eigenen Identität, Struktur und Kompetenzen. Alle anderen Zwecke sind demgegenüber von untergeordneter Bedeutung. Dies gilt insbesondere auch für Organisationen, zum Beispiel Unternehmen:
»›Überträgt man dieses Bild auf Organisationen, so zeigt sich, daß irgendwelche sachlichen Ziele gegenüber dem reinen Selbsterhalt des Systems sekundär sind. Das macht die Organisation als Typus des sozialen Systems in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen so vielfältig verwendbar. .... Hinzu kommt, daß an ihrem Zustandekommen und Erhalt eine größere Zahl an Akteuren beteiligt ist, die dies aufgrund ihrer eigenen, spezifischen Zwecke tun. Daher ist die Idee eines gemeinsamen, alle Beteiligten vereinigenden Ziels illusorisch.« (FRitz B. Simon, Einführung in die systemische Organisationstheorie, 2007, S. 29f.).
Wir können somit festhalten:
Organisationssysteme besitzen eine eigene Identität (und haben einen Namen).
Organisationssystemen geht es primär um den eigenen Selbsterhalt.
Organisationssysteme setzen sich aus irgendwelchen Akteuren zusammen, denen es wiederum vor allem um den eigenen Selbsterhalt geht.
Stellt etwa ein Unternehmen einen neuen Mitarbeiter ein, so interessiert es sich in aller Regel primär für dessen Kompetenzen (Humankapital). Dementsprechend hat es an ihn bestimmte Erwartungen. Umgekehrt bringt sich der Mitarbeiter in das Unternehmen mit seinen Kompetenzen und zum Teil auch seinen (zeitlichen) Ressourcen ein. Daneben hat er bestimmte Interessen (zum Beispiel viel Geld zu verdienen), die sich zu erheblichen Anteilen auf sein Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse zurückfuhren lassen. “ (Ebd., S. 55-56).

„Die meisten Unternehmen haben gleich mehrere Selektionsmechanismen implementiert, um Mitarbeiterinteressen zu genügen, und in der Regel sind diese den Mitarbeitern auch mehr oder weniger bekannt. Zu nennen wären etwa:
Gehaltserhöhungen (und sonstige geldwerte Vorteile/Vergünstigungen.
Beförderungen (innerhalb der Unternehmenshierarchie).
Eigenes Budget.
Übernahme von Projektleitungen.
Wie entsprechende Selektionen erfolgen, kann von Fall zu Fall sehr unterschiedlich geregelt sein. So könnte in einem Unternehmen die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Netzwerk (zum Beispiel einem »Männerbündnis«) eine wesentliche Rolle spielen, während in einem anderen Fall grundsätzlich erst einmal eine Quotenregelung zur Anwendung kommt.“ (Ebd., S. 56).

„In den meisten Unternehmen wird ein nennenswerter Anteil der Mitarbeiter darum bemüht sein, immer wieder »selektiert« zu werden, das heißt, mehr Geld zu verdienen, in der Hierarchie aufzusteigen, die Position zu festigen, mit herausfordernden Aufgaben betraut zu werden, mehr Stimmen zu erhalten oder mehr Verantwortung zu bekommen. Auf diese Weise entfalten die Mitarbeiter ihren Ehrgeiz und ihre Kreativität im Dienste des Unternehmens. In reinen Computersystemen gibt es so etwas dagegen nicht.“ (Ebd., S. 56).

„Möglicherweise wird ein Mitarbeiter erst in einem bestimmten Alter erkennen, daß er im Unternehmen nun nicht mehr weiter aufsteigen kann und sich folglich auf eine Absicherung der bislang erreichten Position konzentrieren. Ein anderer Mitarbeiter wird dagegen sein Gehalt oder seine Position als nicht seiner Leistung entsprechend empfinden und sich dann nach alternativen Tätigkeiten innerhalb und außerhalb des Unternehmens umschauen. Dabei stehen in der Regel die jeweils eigenen Interessen im Vordergrund, das heißt, die ganz privaten Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen, nämlich viel Geld zu verdienen und sich damit seine Bedürfnisse befriedigen und sich eventuell fortpflanzen zu können. Auch können Macht und Einfluß selbst zu den wesentlichen persönlichen Zielen zählen. In den allermeisten Fällen aber sind selbst solche Bedürfnisse keineswegs an das jeweilige Unternehmen gebunden, denn gerade in leitenden Positionen ist die Mitarbeiterfluktuation in der Regel recht groß. “ (Ebd., S. 56-57).

„Wissensarbeiter wiederum sind häufig weniger an Managementpositionen, sondern primär an fachlich herausfordernden Aufgaben interessiert, denn hierdurch qualifizieren sie sich weiter. Dies macht sie innerhalb und außerhalb des Unternehmens für ähnlich komplexe Problemstellungen interessant. Auch diese Strategie dient also in erster Linie dem persönlichen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse.“ (Ebd., S. 57).

„ Eliminierte man in einem Unternehmen alle Möglichkeiten zur Entfaltung persönlicher Interessen, entfernte man damit letztlich auch den eigentlichen Antrieb des Unternehmens, denn dessen Selbsterhaltungsinteresse entwickelt sichja erst auf Basis der Interessen seiner Akteure.“ (Ebd., S. 57).

„Im Abschnitt Tragik der Allmende wird ein solcher negativer Fall beschrieben. Bewirtschaftet etwa eine größere Gruppe gemeinsam ein Feld (eine sogenannte Allmende), und vereinbart sie, daß allen Individuen der gleiche Anteil am Gesamtertrag zusteht, so dürfte es dabei auf lange Sicht zur sogenannten Tragik der Allmende kommen, da nun besonders »faule« Ackerbauern den größten Nutzen aus dem von allen erwirtschafteten Ertrag haben: Faulheit generiert zum wirtschaftlichen Vorteil und setzt sich folglich immer stärker durch. Man könnte es auch so sagen: Aus Sicht eines egoistischen Selbsterhaltungsinteresses ist im sozialen System der Allmende die Faulheit die beste Strategie.“ (Ebd., S. 57).

„Wie bereits erwähnt wurde, fallen Selbsterhalt und Reproduktion in sozialen Systemen zusammen. Aber auch für ganz normale Lebewesen gilt: Zunächst muß die eigene Seinsentwicklung (?!  HB) abgeschlossen sein und der Lebensraum ausreichend beherrscht werden, dann kann an das Abenteuer der Fortpflanzung gedacht werden. Erst die erfolgreiche Ontogenese ermöglicht einen eigenen Beitrag zur Phylogenese, und damit zur fortlaufenden Ontogenese der Population.“ (Ebd., S. 57).

„Einem Mitarbeiter eines Unternehmens geht es aber bei der Realisierung von persönlichen Selektionsinteressen stets noch um den ersten Schritt des gerade erwähnten Prozesses. Und wenn eine solche Person dann den ganzen Tag darum bemüht ist, ihre Position zu sichern oder gar zu verbessern, ihren Beitrag zum Erhalt des Unternehmens zu leisten, dann kann sie nicht gleichzeitig noch in aufwendige Fortpflanzungsaktivitäten verwickelt sein. Ein modernes Unternehmen belohnt nämlich Einsatz, Fleiß und Kreativität und nicht Faulheit, wie im Falle der Allmende. Ich werde auf dieses Dilemma moderner Gesellschaften, die sich um eine Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter bemühen, noch mehrfach zurückkommen.“ (Ebd., S. 57-58).

„Nun könnte man die bisherigen Ausführungen als unzulässige Vereinfachungen kritisieren, wie dies ja auch anderen theoretischen Ansätzen der Soziologie vorgeworfen wird. Allerdings sind solche Abstraktionen auch in den Naturwissenschaften üblich. Ich werde mich deshalb dieser Tradition anschließen und die Definition der sozialen Systeme zunächst einmal von allen unnötigen Details befreien (**).“ (Ebd., S. 58).


„So hätte etwa angeführt werden können, daß sich Akteure mil Ressourcen in das soziale System einbringen können, beispielsweise durch einen Kredit oder eine Kapitalbeleiligung, oder daß sie bestimmte Rechte und Pflichten besitzen. Allerdings könnte man die bereitgestellten Ressourcen stark vereinfachend ebenfalls eingebrachle Kompetenzen verstehen. Von solchen Delails soll hier jedoch abslrahiert werden. Infolgedessen beschränkt sich die Definition auf Systeme, die sich 1. gegenüber ihrer Umwelt abgrenzen (System/Umwell-Differenz), 2. an diese Umwelt in irgendeiner Weise angepaßt sind (das ihr gegen heißt, ihr gegenüber Kompetenzen besitzen), 3, eine Identität besitzen und sich 4. selbsterhalten wollrn. Wie sich solche Systeme im Detail organisieren, islt nicht Gegensland der Definition.“ (Ebd.).

„Definition (selbsterhaltendes) soziales System:
Eigenschaften selbsterhaltender Systeme:
Ein (selbsterhaltendes) soziales System ist ein (selbsterhatendes) System.
Die Elemente eines sozialen Systems sind soziale Systeme oder Menschen(** [sogenannte Akteure]), die sich in das soziale Systeme mit eine Teil ihrer Kompetenzen, Selbsterhaltungsinteressen und Reproduktionsinteressen einbringen.
Anders als Lebewesen können sich soziale Systeme spontan wandeln, in mehrere Teile auseinander brechen oder wieder zusammenfügen. Die Biologie erklärt die Entstehung der Arten auf ganz entsprechende Weise. Beispielsweise sind die sogenannten Darwin-Finken aus einer gemeinsamen Population hervorgegangen, haben sich dann aber in getrennten Lebensräumen unabhängig voneinander zu separaten Arten weiterentwickelt.“ (Ebd., S. 58-59).


„In vielen Kontexten können verallgemeinemd auch einzelne Menschen als soziale Systeme aufgefaßt werden. Günter Grass wäre dann als Künstler genauso ein soziales Syslem wie etwa die Pop-Gruppe »Take That«, und der Mathematiker ... wäre als Wissenschaftler ein soziales Systeme ähnlich einem Team aus mathematikern oder gar einem ganzen mathematischen Institut. Auf diese Weise kann dann nicht nur manche Darstellung zur Evolution sozialer Systeme gestrafft werden, sondern es dürfte dabei auch deutlicher werden, worum es etwa Wissenschaftlern beim Selbsterhalt geht, nämlich vor allem um Prestige innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft und nur indirekt um die Erlangung lebensnotwendiger Ressourcen beziehungsweise ihre Fortpflanzung.“ (Ebd.).

„Da soziale Systeme eine innere Ordnung besitzen, sind sie automatisch entropiearm. Selbsterhaltende soziale Systeme werden stets darum bemüht sein, den entropiearmen Zustand in ihrem Inneren möglichst lange aufrechtzuerhalten. “ (Ebd., S. 59).

„Menschen können aufgrund ihrer Gehirnleistung und ihrer enonnen Kooperationsfähigkeit an nahezu unbegrenzt vielen sozialen Systemen teilnehmen, wobei ein einzelner Mensch gleichzeitig Mitglied in sehr vielen unterschiedlichen Organisationen sein kann. Eine Person könnte beispielsweise tagsüber einem Unternehmen angehören, zweimal in der Woche abends in einer Bluesband spielen, an zwei weiteren Abenden für eine politische Partei tätig werden und am Wochenende den Vorsitz des lokalen Kaninchenzüchtervereins inne haben. Die Zugehörigkeit zu einer Organisation ist dann quasi dauerhaft und doch nur zeitweise. In der Regel erfolgt die konkrete Einbringung mittels Zeitallokation (im Zeitscheiben-Verfahren).“ (Ebd., S. 59).

„Zum Schluß dieses Abschnitts möchte ich noch der Frage nachgehen, ob und wie sich Populationen beziehungsweise Gesellschaften von sonstigen sozialen Systemen wie Unternehmen (Organisationen, Organisatio:nssystemen) unterscheiden und davon abgrenzen lassen.“ (Ebd., S. 59).

„Gemäß Franz-Xaver Kaufmann ist eine zentrale Aufgabe eines Sozialstaates die Reproduktion des Humanvermögens, das heißt, den Nachwuchs oder die Rekrutierungspotentiale für die verschiedenen Gesellschaftsbereiche sicherzustellen (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 30 [**]). In der Sprache des vorliegenden Kapitels hieße das: Eine zentrale Aufgabe einer Gesellschaft ist es, den Nachwuchs für die verschiedenen sozialen systeme bereitzustellen.“ (Ebd., S. 59-60).

„Wir können zusammenfassend feststellen:
Organisationssysteme (zum Beispiel Unternehmen) besitzen eine Identität und ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse. Sie müssen und wollen sich fortlaufend erneuern. Die Reproduktion gliedert sich in eine innere Erneuerung (Verjüngung der Mitarbeiter, Verbesserung der Abläufe, Modernisierung, analog der Zellerneuerung bei Lebewesen: Strukturerhaltung) und die Erhaltung beziehungsweise Verbesserung der Kompetenzen (Adaption). Wie im Abschnitt Technische Evolution noch gezeigt wird, setzen sich die Kompetenzen von Organisationen ganz entscheidend aus deren Produkten und Dienstleistungen zussammen. Leistungsfähige Organisationssysteme achten meist sehr genau auf deren regelmäßige und langfristige Erneuerung. Die Reproduktion (insbesondere Forschung & Entwicklung) gehört in solchen Fällen zu den entscheidenden Kernprozessen der Organisation.
Mitarbeiter rekrutiert die Organisation aus der Gesellschaft. Auch wirdälteres oder nicht mehr benötigtes Personal wieder an die Gesellschaft »zur weiteren Verwendung« zurückgegeben. Organisationen »produzieren« die von ihnen benötigten Mitarbeiter (Humanressourcen) also nicht selbst, sondern sie nutzen dafür die Potentiale und Dienstleistungen der Gesellschaft.
Menschliche Gesellschaften besitzen ebenfalls eine Identität und auch ein rudimentäres eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse. Im Prinzip müssen sie sich fortlaufend erneuern, wenn sie auch in Zukunft Bestand haben wollen. Bei ihren Kompetenzen handelt es sich in erster Linie um die Kompetenzen ihrer Bürger, die regelmäßig reproduziert werden müssen. Dazu dienen vor allem die Fortpflanzungs- und Sozialisationsfunktion der Familie und die verschiedenen Bildungsprozesse. Alternativ und additiv können auch Zuwanderer in die Gesellschaft hineingeholt und dann integriert werden. Anders als bei den anderen sozialen Systemen gehört zur Gesellschaft folglich auch die biologische Reproduktionsfunktion. Diese stellt sogar regelrecht eine Kernfunktion der Gesellschaft dar. Da diese aber zur Zeit nicht als solche wahrgenommen und ausgeübt wird (siehe dazu die Ausführungen im Kapitel Demographischer Wandel), können menschliche Gesellschaften üblicherweise noch nicht wirklich als langfristig selbsterhaltend bezeichnet werden.
Man könnte deshalb auch sagen: Gesellschaften unterscheiden sich von anderen sozialen Systemen im Grad ihrer Autopoiesis und Selbsterhaltung. Organisationen sind meist stärker auf ihren langfristigen Selbsterhalt ausgerichtet, Gesellschaften dagegen mehr auf die Autopoiesis.“ (Ebd., S. 62-63).

„In der folgenden Tabelle wird die gesellschaftliche Reproduktion der Bundesrepublik Deutschland mit dem Reproduktionsprozeß (Forschung & Entwicklung) eines Pharmakonzerns verglichen. Dabei offenbaren sich gravierende Unterschiede, und zwar insbesondere bei der Organisation, Finanzierung und beim Systemtyp. Die zeitliche Ausrichtung beider Prozesse ist zwar durchaus vergleichbar, allerdings ist die Forschung & Entwicklung im Pharmakonzern auf die ]angfristige Selbsterhaltung des Unternehmens ausgelegt, die gesellschaftliche Reproduktion Deutschlands dagegen nicht, da bereits die dafür erforderliche übergeordnete Systemkoordination fehlt. Anders gesagt: Der Pharmakonzern plant, steuert und finanziert seine Produkterneuerung als zentralen unternehmerischen Kernprozeß für die nächsten zwanzig Jahre, während die Gesellschaft diese Aufgabe weitestgehend der privaten Initiative ihrer Bürger überläßt.“ (Ebd., S. 63).

 PharmakonzernBundesrepublik Deutschland
NameForschung & EntwicklungFamilie & Schule
OrgansiationMarktwirtschaftlichSozialistisch
FinanzierungDurch Produktion Privat
ProdukteMedikamenteHumankapital
Zeitspanne12-20 Jahre 18-25 Jahre
SystemtypLangfristig selbsterhaltend Kurzfristig selbsterhaltend

3.7) Ausdifferenzierung

„Im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie wird gezeigt, daß evolutionäre Prozesse maßgeblich durch die Reproduktionsinteressen der Beteiligten angetrieben werden. Bei sozialen Systemen (zum Beispiel Unternehmen) können aber die Begriffe Reproduktionsinteresse und Selbsterhaltungsinteresse synonym verwendet werden: sie meinen im wesentlichen das Gleiche (siehe Abschnitt Selbsterhaltende Systeme). Soziale Systeme entwickeln sich folglich aufgrund ihrer Selbsterhaltungsinteressen weiter. Beim Selbsterhaltungsinteresse wiederum geht es maßgeblich um den Erhalt oder gar die Verbesserung der eigenen Kompetenzen in Relation zur Außenwelt (Adaptionen). Auch zählen alle Maßnahmen zur Effizienzsteigerung, die es erlauben, die eigenen Produkte preiswerter anzubieten (= Kompetenzverbesserung), dazu.“ (Ebd., S. 64).

„Besteht in der Außenwelt noch keine zu sehr einengende Ressourcenverknappung, kann eine weitere Effizienzsteigerung oft allein schon durch Wachstum realisiert werden, weil dann sogenannte Skaleneffekte entstehen. Dies gilt insbesondere im Unternehmensbereich, wo steigende Stückzahlen üblicherweise mit sinkenden Stückkosten einhergehen. (**). Viele evolutorische Systeme (auch biologische) tendieren deshalb zu Größenzuwachs (siehe Abschnitt Wachstum). Zunehmende Größe dürfte dann aber irgendwann auch eine stärkere Ausdiffezierung des Systems zur Folge haben. Bei einer Zunahme der Zahl an Elementen steigt nämlich der systemische Koordinierungsaufwand beträchtlich. Durch die Gliederung in Subsysteme mit dedizierten Aufgaben kann die Gesamtkomplexität des Systems entscheidend reduziert werden, da nun für die einzelnen Subsysteme selbst weite Teile des Gesamtsystems zur Außenwelt gehören. Mit anderen Worten: Eine zunehmende Ausdifferenzierung des Systems reduziert die Systemkomplexität.“ (Ebd., S. 64-65).

„Im Rahmen der Gefallen-wollen-Kornmunikation hat die Ausdifferenzierung meist auch eine Eingrenzung des Kontextes (das heißt, des Sinnzusammenhangs) für die Äußerung von Selektionsinteressen zur Folge (siehe dazu auch den Abschnitt Gefallen-wollen-Kommunikation). “ (Ebd., S. 65).

„Auf der anderen Seite geht die Ausdifferenzierung mit einer verstärkten Arbeitsteilung einher, in deren Rahmen es gemäß Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile und aufgrund von Veränderungen in der Arbeitsorganisation (**) zu einer weiteren Effizienzsteigerung des Gesamtsystems kornmen kann. Auch hierbei handelt es sich letztlich um einen Beitrag zum Erhalt oder gar zur Verbesserung von Kompetenzen.“ (Ebd., S. 65).


„In seinem Hauptwerk »Der Wohlsland der Nationen« rechnete Adam Smith vor, daß ein Nagelmacher, der alles selbst ausführt, pro Tag höchstens ein paar hundert Nägel herstellen kann, während er in einer Nagelfabrik, in der die Arbeiten gemäß dem Prinzip der Arbeitsteilung in kleine Einzelschritte zerlegt sind, umgerechnet mehr als 4800 Nägel pro Tag produzieren kann.“ (Ebd.).

„Und schließlich erzeugt die Gefallen-wollen-Kommunikation aus sich heraus ständig neue Produkte, Dienstleistungen und damit auch Bedürfnisse auf der Abnehmerseite, wodurch sich die Märkte und Gesellschaften weiter ausdifferenzieren (siehe dazu die Ausführungen im Kapitel Verschwendung). Auch ein Großteil der Artenvielfalt in der Natur dürfte auf die Wirkungen der sexuellen Selektion beziehungsweise der natürlichen Gefallen-wollen-Kornmunikation zurückzuführen sein. Anders gesagt: Die Gefallen-wollen-Kommunikation differenziert Systeme aus.“ (Ebd., S. 65).

3.8) Systembindungen

„Systeme binden ihre Elemente auf sehr unterschiedliche Weise aneinander. Im Sonnensystem geschieht dies beispielsweise durch die Gravitation.“ (Ebd., S. 65).

„Bei Organismen (Mehrzellern) handelt es sich um Aggregationen aus Zellen, die sehr eng aneinander gekoppelt sind. In Tieren dient als maßgebliches Bindeglied dafür die sogenannte extrazelluläre Matrix, die die Gesamtheit der Makromoleküle, die sich außerhalb der Plasmamembran von Gewebe- oder Organzellen befinden, darstellt. Eine ihrer Hauptaufgaben ist die Fixierung der in ihr eingebetteten Zellen. Eine Zelle kann die ihr einmal zugewiesene Lokation nicht mehr verlassen.“ (Ebd., S. 66).

„Wie bereits erwähnt wurde, bezeichnen Maturana und Varela Organismen als autopoietische Systeme zweiter Ordnung (Zellen = autopoeitische Systeme 1. Ordnung; Organismen = autopoeitische Systeme 2. Ordnung; Organisationen i.S.v Populationen, Gesellschaften u.ä. = autopoeitische Systeme 3. Ordnung; HB), wobei sie gleichzeitig anmerken, daß die Komponenten dieser Systeme - die Zellen - nur über eine sehr geringe Autonomie verfügen.“ (Ebd., S. 66).

„Mit den Organisationssystemen (**|**|**|**) ist in der Natur ein neuer Systemtyp entstanden, den man auch als Superorganismus bezeichnen könnte. Anders als Mehrzeller binden moderne Superorganismen einen Großteil ihrer Elemente - Akteure wie Menschen und soziale Systeme (zum Beispiel weitere Organisationssysteme) - jedoch nicht fest und unveränderlich an sich, sondern in aller Regel recht locker über Verträge (Kontrakte). Die Fähigkeit, Verträge einzugehen und einzuhalten, ist Teil der menschlichen Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, die man - ähnlich der extrazellulären Matrix in Organismen - als den Kitt für den Zusammenhalt von Organisationssystemen bezeichnen könnte. Die Autonomie der Elemente ist in diesem Falle natürlich vergleichsweise hoch.“ (Ebd., S. 66).

„Ein Vertrag koordiniert und regelt das soziale Verhalten durch eine gegenseitige Selbstverpflichtung. Er wird freiwillig zwischen zwei oder mehr Parteien geschlossen. Im Vertrag verspricht jede Partei der anderen, etwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen und damit eine von der anderen Partei gewünschte Leistung zu erbringen. Auf diese Weise wird die Zukunft für die beteiligten Parteien berechenbarer. Die Vertragsfreiheit gehört zu den Grundelementen der Marktwirtschaft.“ (Ebd., S. 66).

„Gemäß Niklas Luhmann entstehen soziale Systeme durch Kommunikation. Das vorliegende Buch vertritt in dieser Hinsicht jedoch eine andere Auffassung, beispielsweise daß sich Organisationssysteme aus Akteuren (den Elementen) zusammensetzen, die an das System durch Kontrakte gebunden sind.“ (Ebd., S. 66).

3.9) Systemflexibilität

„In der Praxis kann sich die konkrete Ausgestaltung der Organisationssystem-Elemente-Bindung jedoch recht unterschiedlich darstellen. Dies wird umso deutlicher, wenn auch noch die historische Perspektive in die Betrachtung mit einbezogen wird. So war bis etwa Ende des 18. Jahrhunderts der Haushalt noch das Zentrum des Wirtschaftsgeschehens, in dem abhängig Beschäftigte nicht nur arbeiteten, sondern auch schliefen und ihre Mahlzeiten einnahmen.“ (Ebd., S. 67).

„Dies änderte sich schlagartig mit der Industrialisierung und dem Aufkommen größerer Fabriken, die in aller Regel keine Unterkunft mehr auf dem eigenen Fabrikgelände boten. Gleichzeitig rekrutierten sie ihre Arbeiter in einem so weiten Radius, daß diese nicht selten mit dem Pferd statt zu Fuß zur Arbeit kommen mußten.“ (Ebd., S. 67).

„In der Folge entstanden immer größere Fabriken und Unternehmen, denn Größe war gleichbedeutend mit Kosteneffizienz. Wie wir im Abschnitt Ausdifferenzierung gesehen haben, differenzieren sich solche Systeme dann nach innen aus, und zwar aus Gründen der Komplexitätsreduzierung. Vielfach entstanden auf diese Weise gigantische Unternehmen mit zahlreichen Hierarchieebenen und einer fast militärischen Ordnung.“ (Ebd., S. 67).

„Heute spricht man ... von Flexibilität, Reengineering, Reorganisation, Teamarbeit, Projekten, Arbeitsfeldern, Netzwerken und flachen Hierarchien, wodurch sich unmittelbar die Frage stellt, was sich in modernen Unternehmen organisatorisch gegenüber der ... industriellen Produktionsweise verändert hat.“ (Ebd., S. 67).

„Ein wesentlicher Unterschied dürfte darin bestehen, daß sich klassische Industrieunternehmen in Hierarchien und kleinere innere Einheiten - zum Beispiel Abteilungen - untergliedern, die aber selbst noch keine selbsterhaltenden Systeme und folglich auch nicht eigenständig lebensfähig sind, während sich moderne Unternehmen zunehmend in autonome Systeme mit eigenständigen Selbsterhaltungsinteressen (selbsterhaltende Systeme) ausdifferenzieren. Auf diese Weise entstehen dann heute Netzwerke aus weitestgehend unabhängigen Geschäftsbereichen, Gruppenunternehmen und Zulieferern, die seitens der übergeordneten Systeme (Gesamtorganisationen) zwar durch Gewinn-, Produktions- und Kostenvorgaben gesteuert werden, es den Subsystemen aber dennoch relativ freisteht, wie sie ihre jeweiligen Vorgaben verwirklichen wollen. Eine klassische Befehlsstruktur kann dann praktisch entfallen, und es kommt zu einer Abflachung von Hierarchien.“ (Ebd., S. 67-68).

„Moderne, netzwerkartig operierende Unternehmen sind durch flexibleschwache Bindungen zwischen ihren einzelnen Elementen gekennzeichnet: »›Netzwerkartige Gliederungen sind weniger schwerfällig‹ als Befehlspyramiden, sagt der Soziologe Walter Powell, ›sie lassen sich einfacher auflösen oder umorganisieren als starre Hierarchien‹. Flexible Institutionen sind leichter zu verändern oder abzuschaffen ....« (Richard Sennet, Der flexible Mensch, 2007, S. 71).“ (Ebd., S. 68).

„Eine solche Organisationsweise macht es relativ leicht, einen wenig profitablen Unternehmensbereich abzustoßen, ein neues Geschäftsfeld hinzuzufügen oder einen internen Lieferanten durch einen kostengünstigeren externen Anbieter zu ersetzen, und zwar ohne dabei das Gesamtunternehmen in seinem Bestand zu gefährden. Auf diese Weise ist eine wesentlich schnellere Anpassung an neue Markterfordernisse möglich. Anders gesagt: Ein netzwerkartig operierendes Unternehmen besitzt eine größere Systemflexibilität.“ (Ebd., S. 68).

„Im Grunde verbessert ein solches Unternehmen vor allem den eigenen Selbsterhalt, allerdings vielfach auch auf Kosten der Interessen seiner Mitarbeiter. Beispielsweise haben moderne Unternehmen zahlreiche Aufgaben, die sie früher selbst erledigten, an kleine Firmen oder Einzelpersonen mit kurzfristigen Verträgen ausgelagert. Gleichzeitig wurden viele Stellen durch Projekte oder Arbeitsfelder ersetzt, bei denen sich Teams mit wechselnder Zusammensetzung von Aufgabe zu Aufgabe bewegen.“ (Ebd., S. 68).

„Joseph Schumpeter stellte die These auf, jede ökonomische Entwicklung baue auf dem Prozeß der schöpferischen beziehungsweise kreativen Zerstörung auf. Durch die Zerstörung von alten Strukturen würden die Produktionsfaktoren immer wieder neu geordnet. Sie sei folglich notwendig, damit eine Neuordnung entstehen könne. Auslöser für die schöpferische Zerstörung seien Innovationen, die von den Unternehmen im Interesse des eigenen Selbsterhalts (ihre Durchsetzung auf den Märkten) vorangetrieben werden (vgl. Joseph Alois Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942).“ (Ebd., S. 68-69).

„Joseph Schumpeters Vorstellung ähnelt also sehr der später von Thomas S. Kuhn formulierten Auffassung, daß die wissenschaftliche Entwicklung vor allem eine Abfolge von »Revolutionen« - gefolgt von Phasen verhältnismäßiger Ruhe - ist (siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt Evolution des Wissens).“ (Ebd., S. 69).

„Betrachtet man die Sache evolutionstheoretisch (siehe Kapitel Evolution), dann sind beide Auffassung durchaus einleuchtend: Evolution findet keineswegs nur langsam und geradlinig statt, sondern sie wird immer wieder von plötzlichen Einbrüchen und Innovationen unterbrochen. Das ist auch in der Natur nicht anders, immerhin hat sich ja sogar der Mensch binnen einer für Evolutionsprozesse extrem kurzen Zeit ... über die gesamte Erde ausbreiten können.“ (Ebd., S. 69).

„Die Thesen Schumpeters haben nun aber leider auch dazu geführt, daß die gezielte Zerstörung vorhandener Unternehmensstrukturen durch das Management gelegentlich mit einem natürlichen Innovationsprozeß verwechselt wurde. Hierarchien flachen in Unternehmen aber üblicherweise nur deshalb ab, weil die Technik dies nun auch ermöglicht. Reine Managemententscheidungen ohne begleitende technologische Unterstützung dürften dagegen eher zu einer Effizienzverschlechterung des Unternehmens führen.“ (Ebd., S. 69).

„Wie bereits gesagt wurde, handelt es sich bei modernen Organisationssystemen (**|**|**|**) im wesentlichen um Netzwerke aus relativ schwach gebundenen Organisations- und Interaktionssystemen, denen die jeweils erforderlichen Humankapitalressourcen (menschliche Kompetenzen) je nach Bedarf zugewiesen werden. Solche Unternehmen binden ihre internen und externen Mitarbeiter zwar noch immer vertraglich an sich, ordnen ihnen dann aber häufig wechselnde Aufgaben in unterschiedlichen Interaktions- und Suborganisationssystemen und nicht selten auch an variierenden Orten zu, ganz anders als dies Organismen bei ihren Zellen tun, welche in ihren Wirten stets die gleichen Aufgaben am gleichen Ort zu erledigen haben. “ (Ebd., S. 69).

„Moderne Organisationssysteme erwarten von ihren Mitarbeitern ein Höchstmaß an Flexibilität, und zwar - wie wir gesehen haben - aus egoistischen Motiven. Es geht dabei primär um den eigenen Selbsterhalt. (**). Das Problem dabei ist, daß solche unternehmerischen Interessen insbesondere mit den natürlichen Reproduktionsinteressen ihrer Mitarbeiter kollidieren: Das Aufziehen von eigenen Kindern setzt nämlich vor allem Verläßlichkeit voraus, und diese ist in einer Welt der Flexibilität nur sehr schwer in der dafür erforderlichen Weise zu gewährleisten. Nicht umsonst nannte die Bundesregierung ihren siebten Familienbericht dann auch: »Familie zwischen Flexibilität und Verläßlichkeit«.“ (Ebd., S. 69-70).


„Häufig wird gesagt, dies alles geschehe in erster Linie aus Gründen der Profitmaximierung. Eine solche Vorstellung dürfte jedoch zu kurz greifen, zumal sie ganz wesentlich auf mooralischen Kategorien wie Gut und Böse basiert“ (Ebd.).

3.10) Emergenz

„Unter Emergenz versteht man die spontane Herausbildung von Phänomenen oder Strukturen auf der Makrobeene eines Systems auf der Grundlage des Zusammenspiels seiner Elemente. Wesentlich dabei ist, daß sich die emergenten Eigenschaften des Gesamtsystems nicht auf Eigenschaften seiner Systemelemente zurückführen beziehungsweise aus diesen vorhersagen lassen.“ (Ebd., S. 70).

„Einige Theoretiker halten die Nichterklärbarkeit emergenter Eigenschaften komplexer Systeme auf der Grundlage der Beschreibung ihrer Elemente für lediglich vorläufig (schwache Emergenzthese), andere sind dagegen der Auffassung, daß Systeme echte emergente Eiegnschaften besitzen können die prinzipiell nicht auf die Eiegenschaften ihrer Systemkomponenten zurückgeführt werden können (starke Emergenzthese).“ (Ebd., S. 70).

„In unmittelbarem Gegensatz zur Emergenz steht der Begriff der Reduktion. Lange Zeit galt der Reduktionismus - speziell in den Naturwissenschaften - als die allein akzeptierte wissenschaftliche Methode.“ (Ebd., S. 70).

„Im vorliegenden Buch wird die These aufgestellt, daß es sich bei den Selbsterhaltungs- und Rreproduktionsinteressen von Lebewesen um emergente te Systemeigenschaften handelt (siehe Abschnitt Was ist Leben?). Entsprechendes wird auch für andere evolutionsfähige Individuentypen (zum Beispiel Superorganismen, Organisationssysteme [**|**|**|**]) angenommen.“ (Ebd., S. 72-73).

„Damit soll nun aber nicht gesagt werden, daß die genannten Eigenschaften in keiner Weise mit irgendwelchen Teilkomponenten des Systems in Verbindung gebracht werden können, denn dies wäre unzutreffend. Auch soll nicht behauptet werden, daß ein Reproduktionsinteresse grundsätzlich und selbst bei einfachsten Lebensformen als emergente Eigenschaft implementiert sein muß. Beispielsweise kann man sich durchaus lebende Systeme vorstellen, die sich, wenn sie intern über genügende Ressourcen verfügen, ganz automatisch replizieren. In diesem Falle dürfte es sogar schwerfallen, von einem echten »Reproduktionsinteresse« zu sprechen. Dennoch soll dies im Rahmen der vorliegenden Arbeit so gehandhabt werden.“ (Ebd., S. 73).

„ Allerdings würde ich vermuten, daß es sich bei den Reproduktionsinteressen von höheren Tierarten (zum Beispiel Säugetieren) grundsätzlich um ernergente Systemeigenschaften handelt, zumal sich solche Spezies in der Regel getrenntgeschlechtlich fortpflanzen, was bedeutet, daß sie vor der Reproduktion zunächst noch einen Fortpflanzungspartner suchen und auch für sich gewinnen -sich also fortpflanzen »wollen« - müssen.“ (Ebd., S. 73).

„Beispielsweise kann man über die konkrete Ausprägung des Selbsterhaltungs- oder Reproduktionsinteresses eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt keine präzisen Vorhersagen machen. Ob jemand abends noch für das Studium lernt, mit Freunden essen geht, früh zu Bett geht, etwas Sport treibt oder in einer Diskothek auf Partnersuche geht, kann man aufgrund der Komplexität des Gesamtsystems Mensch im Vorfeld nicht sicher wissen und auch nicht auf Eigenschaften und Verhaltensweisen von Subsystemen zurückführen.“ (Ebd., S. 73).

„Gleichfalls wird an dieser Stelle nicht behauptet, daß die genannten emergenten Eigenschaften vollständig quantifizierbar sind. Das ist die Intelligenz eines Menschen auch nicht, obwohl IQ-Messungen immer wieder etwas anderes suggerieren möchten. In beiden Fällen wird man quantitative Indikatoren finden oder entwickeln können, mehr aber auch nicht.“ (Ebd., S. 73).

4) Evolution (S. 75-296)

4.1)   Biologische Evolutionstheorie (S. 74-80)
4.2)   Fitneß (S. 80-86)
4.3)   Sozialdarwinismus (S. 87-90)
4.4)   Meme (S. 90-91)
4.5)   Systemische Evolutionstheorie (S. 92-117)
4.6)   Alternative Fassungen der Darwinschen Theorie (S. 117-124)
4.7)   Wachstum (S. 125-127)
4.8)   Vererbungssysteme und Replikatoren (S. 127-135)
4.9)   Gültigkeit der Darwinschen Evolutionsprinzipien (S. 135-138)
4.10) Entschärfung des Sozialdarwinismus-Problems(S. 138-140)
4.11) Sexualität (S. 141-143)
4.12) Sexuelle Selektion (S. 143-144)
4.13) Fitneßindikatoren (S. 144-150)
4.14) Paarungssysteme (S. 150-152)
4.15) Menschliche Paarungssysteme (S. 152-154)
4.16) Muller’s Ratchet (S. 154-155)
4.17) Paarungsverhalten als evolutionärer Vorteil (S. 155-158)
4.18) Handicap-Prinzip in menschlichen Gesellschaften (S. 158-160)
4.19) Dominanzhierarchien (S. 161-163)
4.20) Nichtbiologische Evolution (S. 163-164)
4.21) Kulturelle Evolution (S. 165-172)
4.22) Technische Evolution (S. 172-179)
4.23) Evolution des Wissens (S. 179-193)
4.24) Evolution im Sport (S. 193-195)
4.25) Soziale Evolution (Sozialer Wandel) (S. 195-203)
4.26) Lamarckismus (S. 203-206)
4.27) Kooperation und Altruismus (S. 206-220)
4.28) Arterhaltung versus Eigennutz (S. 220-224)
4.29) Central Theoretical Problem of Human Sociobiology (S. 224-242)
4.30) Wozu gibt es Sexualität?  (S. 242-262)
4.31) Systemische Evolutionstheorie und Selektionen (S. 262-264)
4.32) Evolution und Systembildung (S. 264-267)
4.33) Einwände gegen die Evolutionstheorie (S. 267-275)
4.34) Was ist Leben?  (S. 275-296)

„In diesem Kapitel wird ... versucht, die Gesamtheit der Entwicklungsprozesse durch eine gemeinsame Evolutionstheorie (siehe Abschnitt Systemische Evolutionstheorie) zu beschreiben. Dies hat dann allerdings zur Konsequenz, daß die biologische Evolutionstheorie zunächst in entscheidenden Punkten - und zwar insbesondere beim Selektionsprinzip - modifiziert beziehungsweise anders interpretiert werden muß. (**).“ (Ebd., S. 75).


„Bezüglich der Anwendbarkeit der Darwinschen Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften argumentiere ich in »Evolution, Zivilisation und Verschwendung« - als Folge eines normalen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns - nun zum Teil ganz anders als in meinen früheren Büchern (vgl. z.B. Hurra, wir werden Unterschicht!  und Die Emanzipation - ein Irrtum!).“ (Ebd.).

4.1) Biologische Evolutionstheorie

„Die von Charles Darwin entwickelte biologische Evolutionstheorie (im folgenden einfachheitshalber »Evolutionstheorie« genannt) erklärt die Entwicklung des Lebens auf der Erde und die fortlaufende Anpassung von Populationen an ihren Lebensraum. In ihr spielt der Fortpflanzungsmechanismus eine entscheidende Rolle. Die Kernhypothesen der Evolutionstheorie sind:
.... Variation ....
.... Selektion ....
.... Vererbung ....
Die Kernaussage der Evolutionstheorie ist nun: Wenn die drei Voraussetzungen Variation, Selektion und Vererbung gegeben sind, ist Evolution unvermeidlich die Folge.“ (Ebd., S. 77-78).

„Für die ursprüngliche Darwinsche Evolutionstheorie spielt es keine Rolle, ob die Vererbung über Gene oder etwa durch Erziehung (beziehungsweise auch Imitation) oder einen sonstigen Mechanismus erfolgt. Auch akzeptierte Darwin noch die als Lamarckismus bezeichnete Vererbung erworbene Eigenschaften.“ (Ebd., S. 78).

„Für die moderne synthetische Evolutionstheorie steht aber die Genetik im Vordergrund. Ihre Hauptaussagen sind: Die Individuen einer Population unterscheiden sich durch erbliche Zufallsveränderungen in ihrem genetischen Code (Variation), die durch Mutation und genetische Rekombination (bei sexueller Reproduktion) im Rahmen der Fortpflanzung entstehen. Durch die natürliche Selektion werden diejenigen Veränderungen, die ihren Träger besser an eine gegebene Umwelt anpassen, häufiger an die nächste Generation weitergegeben (Vererbung). Eine Vererbung erworbener Eigenschaften ist dabei ausgeschlossen. Kleinere Veränderungen (Mikroevolution) können sich über Jahrmillionen so sehr akkumulieren, daß sie dei Entstehung neuer Baupläne des lebens (Gattungen, Ordnungen, Klassen von Organismen) bewirken. Die Makroevolution läßt sich folglich auf mikroevolutive Transformationen zurückführen.“ (Ebd., S. 78).

„Die Darwinsche Evolutionstheorie ohne die Annahme einer Vererbbarkeit erworbener Eiegenschaften, doch zuzüglich einiger einfacher genetischer Zusammenhänge, wird Neodarwinismus genannt. “ (Ebd., S. 78).

„Man könnte das Evolutionsprinzip auch als Optimierungsalgorithmus verstehen, der die fortlaufende Anpassung von Populationen an sich gleichfalls verändernde Umgebungen sicherstellt, ein von jeder Absichtlichkeit oder höherer Zweckmäßigkeit freies Verfahren. (Vgl. Franz M. Wuketits, Evolution - Die Entwicklung des Lebens, 2005, S. 25). Erst die natürliche Selektion verleiht der Evolution so etwas wie eine Richtung. (Vgl. Franz M. Wuketits, ebd., 2005, S. 25).“ (Ebd., S. 78-79).

„Die Natur implementiert über die Prinzipien der Evolutionstheorie so etwas wie Generationengerechtigkeit. Generationengerechtigkeit bedeutet, daß die heutige Generation der nächsten Generation die Möglichkeit gibt, sich ihre Bedürfnisse mindestens im gleichen Ausmaß wie die heutige Generation zu erfüllen (Jög Tremmel, Bevölkerungspolitik im Kontext ökologischer Generationenegerechtigkeit, 2005,S. 98). Oder anders ausgedrückt: Wenn Individuen gemäß der natürlichen Selektion all das an ihre Nachkommen weiterreichen, was ihnen beim Überleben behilflich war, dann müssen diese Nachkommen im Schnitt gleich gut oder besser als ihre Eltern an diejenige Umwelt angepaßt sein, in der die Selektion stattfand. Hat sich diese Umwelt in der Zwischenzeit kaum verändert, dann kann sich die Folgegeneration ihre Bedürfnisse gleich gut oder besser erfüllen als die vorangegangene. Das Prinzip der Generationengerechtigkeit ist also gewahrt.“ (Ebd., S. 79).

„Strenggenommen ist die natürliche Selektion kein Auswahlverfahren, sondern ein Eliminierungsverfahren in Hinblick auf die Fortpflanzung. (Vgl. Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 150), denn es scheiden die am wenigsten gut angepaßten Individuen aus, während besser angepaßte (tauglichere) Individuen eine größere reproduktive Überlebenschance besitzen.“ (Ebd., S. 80).

4.2) Fitneß

„In der heutigen Evolutionsbiologie (Erweiterte Synthetische Thoeire der biologischen Evolution) wird ein Begriff der Fitneß verwendet, der leicht zu Mißverständnissen führen kann. So wird als »Darwin-Fitneß«, relative Fitneß oder auch einfach nur Fitneß eines Individuums der relative Lebenszeit-Fortpflanzungserfolg (Lebenszeit-Fortpflanzung = Anzahl der fortpflanzungsfähigen Nachkommen im Laufe des Lebesn eines Individuums) bezogen auf die Konkurrenten derselben Population verstanden. .... Berücksichtigt man auch den Lebenszeit-Fortpflanzungserfolg der nahen verwandten eines Individuums, deren gene folglich zu einem erheblichen Teil mit denen des Individuums identisch sind, dann kommt man zum Begriff der Gesamtfitneß.“ (Ebd., S. 80).

„Daneben existiert auch noch der Begriff der Anpassung beziehungsweise des Grads der Angepaßtheit an den Lebensraum (Umwelt, Milieu, Umweltfaktoren) des Individuums.“ (Ebd., S. 80).

„Die heutige Evolutionsbiologie verwendet allerdings in ihren Formulierungen des Selektionsprinzips ausschließlich den obigen Begriff der Fitneß.“ (Ebd., S. 80).

„Es überleben diejenigen, die den höchsten Lebenszeit-Fortpflanzungserfolg haben.“ (Ebd., S. 81).

„Allerdings degenerierte das Selktionsprinzip auf diese Weise zur bloßen Tatologie ....“ (Ebd., S. 81).

„Das Problem des Fitneßbegriffs im Sinne eines relativen Lebenszeit-Fortpflanzungserfolges ist, daß er etwas voraussetzt, was Teil des Ergebnisses ist.“ (Ebd., S. 81).

„Das Problem ... ist - und ich werde im Laufe des Buches noch mehrfach darauf zurückkommen -, daß Biologen stets etwas implizit annehmen, was aber nicht gegeben sein muß, nämlich das sich lebewesen möglichst oft fortpflanzen wollen. Nur unter einem kompetanzneutralen Fortpflanzungsinteresse von Individuen kann von wirklicher Evolution, die mit einer zunehmenden Anpassung der Lebewesen and en Lebensraum einhergeht, gesprochen werden. Höhere Fortpflanzungserfolge allein treiben die Evolution jedenfalls noch nicht an. Ich werde deshalb den Begriff Fitneß in den weitern Ausführungen des Buches wieder - wie Darwin - ausschließlich im Sinne von Anpassung verwenden.“ (Ebd., S. 84).

„Das vorliegende Buch ... vertritt die These, die entscheidende Triebkraft der Evolution sei weniger die natürliche Selektion, sondern die den Individuen innewohnenden Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen, bei denen es sich um Systemeigenschaften des Lebens handelt.“ (Ebd., S. 86).

4.3) Sozialdarwinismus

„Die Anwendung der Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften wird häufig als Sozialdarwinismus bezeichnet und diskreditiert. Meist steckt hinter einer solchen Kritik ein unzutreffendes Verständnis der Evolutionstheorie. Eine Diskussion des Verhältnisses von Evolutionstheorie und Sozialdarwinismus findet sich zum Beispiel in: Christian Vogel, Anthropologische Spuren - Zur Natur des Menschen [Hrsg.: Volker Sommer], 2000, S. 179ff.. Der Brockhaus definiert Sozialdarwinismus wie folgt: Sammelbegriff für alle sozialwissenschaftlichen Theorien, die Charles Darwins Lehre von der natürlichen Auslese (Selektionstheorie) auf die Entwicklung von menschlichen Gesellschaften übertragen. So wurde die wirtschaftliche und soziale Entwicklung als vom Kampf der Individuen und Gruppen ums Dasein verursacht gedacht und als Grundgesetz der Geschichte aufgefaßt (L. F. Ward, W G. Summer). Der Sozialdarwinismus diente zeitweise als Rechtfertigung für bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten sowie rassistische Theorien. (Vgl. Brockhaus in 18 Bänden, 2002, Band 13, S. 153).“ (Ebd., S. 87).

„Sozialdarwinismus steht für die Anwendung des Darwinismus (bzw. der biologischen Evolutionstheorie allgemein) auf menschliche Gesellschaften. Für den umgekehrten Fall, nämlich die Anwendung von Evolutionstheorien, die ihren Ursprung in der Beschreibung technologischer oder sozialer Entwicklungen haben, auf die Biologie, fehlt zur Zeit noch ein passender »Ismus«-Begriff. “ (Ebd., S. 90).

4.4) Meme

„Auch die menschliche Kultur scheint sich evolutionär weiterzuentwickeln. Ein vielversprechender Versuch, die dahinterstehenden Prozesse mittels der Darwinschen Evolutionstheorie zu beschreiben, erfolgte mit der Mem-Theorie von Richard Dawkins, die im folgenden grob und unkommentiert widergegeben werden soll. Allerdings werde ich im Laufe des Buches noch zeigen, daß die Mem-Theorie nicht haltbar ist.“ (Ebd., S. 90).

„Kernbestandteil der Mem-Theorie ist die Behauptung einer neben der Evolution der Gene existierenden zweiten, schnelleren und unabhängig von den Genen verlaufenden Evolution: die kulturelle Evolution, deren Einheiten die Meme sind. (Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976; Susan Blackmore, Evolution und Meme, in: Alexander Becker et al., Gene, Meme und Gehirne, 2003).“ (Ebd., S. 90-91).

„Gemäß der Theorie der egoistischen Gene sind Lebewesen lediglich Überlebensmaschinen ihrer Gene (vgl. Richard Dawkins, ebd., S. 52ff.; Matt Ridley, Eros und Evolution, 1995, S. 20). Die Fortpflanzung erfolgte dementsprechend weniger im Interesse der Individuen selbst, sondern in erster Linie im Dienste der sie konstruierenden »egoistische Gene« (Richard Dawkins). Allerdings erklärt sich damit noch nicht die Rolle der menschlichen Kultur, weswegen für Dawkins das Konstrukt eines Kulturreplikators mit dem Namen Mem erforderlich wurde (vgl. Richard Dawkins, ebd., S. 316ff.).“ (Ebd., S. 91-92).

„Meme sind also etwas grundsätzlich anderes als Gene, sollen sich aber nach einem ähnlichen Schema als Überlebensmechanismus deuten lassen. Auch für die Meme gilt der evolutionstheoretische Dreiklang von Variation, Selektion und Vererbung (Replikation).“ (Ebd., S. 92).

„Meme vermehren sich, anders als Gene, nicht über die biologische Vererbung, sondern durch Imitation. Wann immer jemand etwas per Nachahmung von jemand anderem übernimmt - zum Beispiel Wörter und Wendungen, Theorien, Techniken, Moden und Melodien -, wird ein Mem repliziert (Vererbung). Der genetischen Mutation entsprechen dabei die Abwandlungen oder Neukombinationen von Memen, wie sie im Prozeß der Imitation unweigerlich geschehen (Variation). Und schließlich findet sich auch so etwas wie eine Selektion von Memen. Meme stehen nämlich in Konkurrenz zueinander. Sie brauchen gemäß Mem-Theorie zur Replikation den menschlichen Geist als Ressource. Es kommt dann zum Survival of the Fittest, denn nur wenige Theorien, Geschichten oder Melodien werden sich über einen längeren Zeitraum in viele Gehirne einnisten.“ (Ebd., S. 91).

„Was die Gene für die Lebewesen sind, sind die Meme für die Kultur. Die Akteure sind letztendlich die Meme, die Menschen als deren vermeintliche Autoren dagegen bloß deren Transportvehikel. Bei Memen handelt es sich also um Einheiten, die ähnlich wie Gene danach »streben«, sich zu verbreiten und zu vermehren.
»Wenn jemand ein fruchtbares Mem in meinen Geist einpflanzt, so setzt er mir im wahrsten Sinne des Wortes einen Parasiten ins Gehirn und macht es auf genau die gleiche Weisde zu einem Vehikel für die Verbreitung des Mems, wie ein Virus dies mit dem genetischen Mechanismus einer Wirtszelle tut ....« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 321)
Meme wetteifern darum, in so viele Gehirne wie möglich zu gelangen und sich dort zu behaupten. Diese Konkurrenz der Meme hat letztendlich unseren Geist und unsere Kultur geformt. In diesem Sinne sind Menschen allesamt Mem-Maschinen.“ (Ebd., S. 91).

4.5) Systemische Evolutionstheorie **

„Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Computerhardware entspricht der biologischen Evolution, die der Software der kulturellen Evolution .... Moderne Software ist nur deshalb so leistungsfähig an Funktionen, weil es die dazu passende, sie unterstützende Hardware gibt. Und die menschlice Kultur ist nur deshalb so weit entwickelt, weil sie von intelligenten Menschen getragen wird, deren IQ möglicherweise durch Bildung und Schulung angehoben wurde, ganz wesentlich aber auch auf genetischen Faktoren beruht (vgl. Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum!, 2007, S. 57-66 [Kapitel Intelligenz]).“ (Ebd., S. 92-93).

„In der Biologie wird häufig der Ausdruck Vererbung statt Reproduktion verwendet. Dies könnte suggerieren, die Weitergabe von Merkmalen und Kompetenzen an die nächste Generation erfolge ausschließlich über Gene. Beim Menschen ist das aber keineswegs der Fall, denn hier spielen sowohl genetisch vermittelte Kompetenzen, als auch solche, die über Imitation, Erziehung und Bildung vermittelt werden, eine tragende Rolle. Gemäß der in der Biologie allgemein akzeptierten Weismann-Barriere fließen Erfahrungen, die ein Individuum mit der Umwelt macht, nicht in den Erbgang ein. Damit wären über die Fortpflanzung nur begrenzte Adaptionen an den jeweiligen Lebensraum möglich. Beim Menschen (schon bei Vögeln und Säugetieren [besonders bei den Primaten]!  HB) setzt nun aber zusätzlich eine zweite Reproduktion (Replikation) ein, die in der Lage ist, auch alle erworbenen Kompetenzen der vorangegangenen Generationen an die nächste weiterzugeben (siehe dazu auch die Abschnitte Kulturelle Evolution und Vererbungssysteme und Replikatoren). Während die Gene ausschließlich von den leiblichen Eltern stammen, beruht ein Großteil der erworbenen Kompetenzen auch auf dem Lebenserfolg anderer (gegebenenfalls aller bisherigen Menschen).“ (Ebd., S. 93-94).

„Bei der biologischen und kulturellen Evolution handelt es sich folglich nicht um unabhängige und auf getrennten Mechanismen (Gene versus Meme) beruhende Entwicklungen, sondern um einen gemeinsamen Prozeß zur Erhaltung oder gar Verbesserung der Adaption von Individuen und Populationen an ihren jeweiligen Lebensraum. Erlernbare Kompetenzen werden durch Imitation und Vermittlung weitergegeben, andere Kompetenzen dagegen ausschließlich über die Fortpflanzung (Gene).“ (Ebd., S. 94).

„Dies gilt umso mehr, als sich moderne Menschen - anders als etwa Tiere - vorwiegend in einer von ihnen selbst geschaffenen künstlichen Umgebung bewegen. Tierische Populationen verändern ihre Umwelt zwar auch, doch nicht in dem Ausmaße, wie dies menschliche Gesellschaften tun, die ihr eigenes Milieu weitestgehend selbst gestalten, was zu beschleunigten Selbstläuferprozessen führen kann. Auch sind dann viele, vormals besonders wichtige Kompetenzen nicht länger von Bedeutung (**). Beispielsweise muß in modernen menschlichen Gesellschaften niemand mehr schnell und ausdauernd rennen können, da alle längeren Strecken viel effizienter mit dem Auto zurückgelegt werden können. Folglich sind schwächliche Beine auch kein Ausschlußgrund für sozialen und reproduktiven Erfolg mehr (**).“ (Ebd., S. 94).


„Steve Jones fonnuliert dies wie folgt: »Alle Eigenschaften degenerieren, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben. Hört die Selektion auf, macht sich das Chaos der Natur breit, und die Evolution verliert ihre Richtung.« (Steve Jones, Wie der Wal zur Flosse kam, 2002, S. 415).“ (Ebd.).

„Eine ähnliche Entwicklung hat auch im Rahmen der Technik stattgefunden. So sind heutige CD-Player bezüglich der Wiedergabequalität viel leistungsfähiger, als es die aufwendigsten Laufwerke für die herkömmliche Schallplatte waren, trotzdem sind sie mechanisch simpler konstruiert nnd dementsprechend auch deutlich preiswerter.“ (Ebd.).

„Eine begrenzte Evolution in der Informationstechnologie wäre selbst dann möglich, wenn die Hardwareentwicklung eingefroren und nur noch die Softwareseite voranschreiten würde. Die Softwareentwickler müßten dann eben versuchen, die nun immer gleiche Hardware besser zu nutzen. In ähnlicher Weise könnte sich die Menschheit im begrenzten Umfang selbst dann an sich verändernde Rahmenbedingungen anpassen, wenn sie sich zwar genetisch nicht mehr entwickelte, dafür aber das gesammelte Wissen immer weiter zunähme (**).Wenn weite Teile der Sozialwissenschaften behaupten, alle Menschen würden sich von Natur aus genetisch so sehr ähneln, daß alle noch eventuell vorhandenen genetischen Unterschiede durch Bildungsmaßnahmen wieder ausgeglichen werden könnten, dann spekulieren sie insgeheim auf einen solchen Mechanismus (**). Leider ist dieser so nicht existent, was allein schon der hohe genetische Anteil an dem in modernen Gesellschaften so wichtigen »Merkmal« IQ (Intelligenzquotient) zeigt (vgl. Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum!, 2007, S. 57-66 [Kapitel Intelligenz]). Und auch in anderer Hinsicht entstehen hierbei Widersprüche. Beispielsweise behauptet eine Mehrheit der Neurologen, bei Migräne handele es sich in erster Linie um eine genetisch bedingte Erkrankung, die aus diesem Grunde dann auch unheilbar sei, so daß Betroffene gegebenenfalls ihr Leben lang verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen müssen (vgl. Peter Mersch, Migräne, 2006). Kurz: Geht es um menschliche Kompetenzen, so sind diese angeblich in keinem Fall einzigartig, sondern können allesamt erlernt und damit erworben werden, geht es dagegen um Krankheiten, so sind die Menschen wiederum alle verschieden und müssen in der Folge dann auch individuell behandelt werden. Ein »Verlernen« einer Erkrankung wie Migräne wäre aufgrund der angeblichen genetischen Einzigartigkeit der Menschen somit prinzipiell nicht möglich. Diese doch sehr unterschiedliche Bewertung der gleichen Sachverhalte legt den Schluß nahe, die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen legten diese gerade so aus, wie sie ihnen optimal ins (ökonomische) Konzept passen.“ (Ebd., S. 94-95).


„Es ist der Evolution egal, ob ein Individuum im Vorteil ist, weil es die »besseren« Gene besitzt oder nur mehr nutzbares Wissen akkumuliert hat und deshalb etwa technologisch überlegen ist. Entscheidend ist die bessere Adaption. Auf welche Weise diese zustande gekommen ist, spielt dabei keine Rolle. Eine genzentrische Sicht allein wird die Evolution deshalb nicht schlüssig erklären können (siehe dazu auch den Abschnitt Vererbungssysteme und Replikatoren).“ (Ebd.).

„In einigen Wissenschaftsdisziplinen wird mehrheitlich die Auffassung vertreten, das menschliche Gehirn komme als unbeschriebenes Blatt zur Welt, und alle wesentlichen nutzbaren Kompetenzen , könnten erworben werden, würden also durch eine kulturelle Replikation entstehen. Genetisch vermittelte Merkmale und Kompetenzen spielten dagegen kaum mehr eine Rolle. Ich persönlich halte diese Theorie für ähnlich bedenklich wie die schlimmsten Formen des Sozialdarwinismus, negiert sie doch das natürliche Recht von Menschen auf Einzigartigkeit. Im Prinzip ist die Aussage die folgende: »Hat ein Individuum besondere Fähigkeiten, dann beruhen diese auf einer zufälligen Privilegierung. Würden andere Menschen unter vergleichbaren Bedingungen aufwachsen, verfügten sie allesamt über die gleichen Kompetenzen.« Die Theorie geht direkt oder indirekt von der Annahme aus, die biologische Evolution habe mit dem menschlichen Gehirn ein Organ hervorgebracht, was nicht länger ihrer Kontrolle und Weiterentwicklung unterliegt, sondern ausschließlich der kulturellen Evolution dient. Eine solche Vorstellung ist jedoch unhaltbar, wie Steven Pinker überzeugend darlegen konnte (vgl. Steven Pinker, Das unbeschriebene Blatt, 2003).“ (Ebd.).

„Wir halten also fest: In der Natur findet - ähnlich wie in der Informationstechnologie - eine doppelte Evolution statt (vgl. Gerhard Vollmer, a.a.O., S. 84): Einerseits eine biologische auf Basis der Gene, bei der die Erfahrungen der Individuen mit ihrem Lebensraum keinen Eingang finden, und andererseits eine kulturelle, die durch Imitation und Wissensvermittlung vorangetrieben wird, und die gegebenenfalls - wie beim Menschen - das gesamte Wissen aller bisherigen Individuen nutzt. Als Statuserhaltungssysteme dienen bei letzterer die Gehirne der einzelnen Individuen, beziehungsweise in menschlichen Gesellschaften auch alle sonstigen Speichermedien, wie zum Beispiel Bibliotheken, Datenbanken oder das Internet. Keine der beiden Evolutionen kann isoliert für sich betrachtet werden. Zwischen biologischen und kulturellen Vorgängen besteht stets eine Rückkopplung.“ (Ebd., S. 95-96).

„In diesem Zusammenhang sind auch die Begriffe Phänotyp und Genotyp von Bedeutung:
Phänotyp: Die Gesamtheit aller erworbenen und ererbten Merkmale eines Individuums (sein äußeres Erscheinungsbild). Zum Phänotyp eines Menschen gehören auch dessen IQ und Bildung. Die erworbenen Eigenschaften werden nicht weitervererbt, der Genotyp wird dadurch also nicht beeinflußt.
Genotyp: Der vollständige Satz von Genen, den ein Individuum geerbt hat. Im Grunde handelt es sich dabei um das Genom des Individuums.
Gegenstand einer »Selektion« im Sinne der klassischen Evolutionstheorie kann eigentlich nur der Phänotyp sein, denn es ist ja dieser, der mehr oder weniger an sein Milieu angepaßt ist. Seine Gene spielen möglicherweise eine tragende Rolle, aber vielleicht nicht die alles Entscheidende (**). Man handelt sich folglich eine ganze Menge theoretischer Probleme ein, wenn man Evolution vor allem aus Sicht der Replikatoren beschreiben möchte. Auf diesen wesentlichen Punkt soll noch einmal gesondert im Abschnitt Vererbungssysteme und Replikatoren eingegangen werden.“ (Ebd., S. 96).


„Beispielsweise nahm Francisco Pizarro mit nur 184 Gefährten den Inka-König Atahualpa gefang wobei er fast 5000 unbewaffnete Gefolgsleute des Königs niedermetzeln ließ. Dies läßt sich sicherlich nicht mit einer besseren genetischen Anpassung der spanischen Eroberer an den damalige südamerikanischen Lebensraum erklären, sondern eher mit der Tatsache, daß die Spanier Schußwaffen besaßen und die anderen eben nicht.“ (Ebd.).

„Wie ich bereits erwähnte, gehen weite Teile der Sozialwissenschaften (fälschlicherweise!HB) davon aus, daß der Einfluß der Gene in modernen menschlichen Gesellschaften so gut wie vernachlässigbar ist (er ist es eindeutig nicht!HB), und daß alle diesbezüglichen Unterschiede durch geeignete staatliche Bildungsmaßnahmen wieder wettgemacht werden können (sie können es nicht!HB).“ (Ebd., S. 96).

„Interessanterweise dürfte nun aber in modernen, arbeitsteiligen und individualistischen Gesellschaften dem genetischen Anteil an den Kompetenzen eines Menschen in aller Regel eine ganz besonders starke Bedeutung zukommen.“ (Ebd., S. 97).

„Gemäß Émile Durkheim basierte die gesellschaftliche Kooperation in Urgesellschaften noch ganz wesentlich auf der Ähnlichkeit von Individuen, in modernen Gesellschaften stützt sie sich dagegen auf deren Differenzierung. Differenzierung bedeutet aber auch berufliche Spezialisierung. Und da ist nun einfach zu erwarten, daß sich Menschen dann vor allem für solche Tätigkeiten entscheiden werden, die ihnen besonders leicht fallen, und für die sie die entsprechenden genetischen Voraussetzungen mitbringen. Niemand würde beispielsweise ernsthaft Pianist oder Mathematikprofessor werden wollen, wenn er sich mit der angestrebten Tätigkeit bereits in der Frühphase seiner Ausbildung sehr schwer täte.“ (Ebd., S. 97).

„Eventuell werden Sie sich aufgrund meines vorangegangenen kleinen Abstechers in die Hard- und Softwarebranche noch fragen, wie sich denn entsprechend den bisherigen Ausführungen die technologische Weiterentwicklung erklären läßt. Konkret: Was hat die offenkundige Evolution der Hard- und Software innerhalb der Informationstechnologie bewirkt? Oder noch konkreter: Was hat aus einem Intel Pentium Prozessor einen Intel Core 2 Duo werden lassen?“  (Ebd., S. 94).

„Ich werde im Rahmen des Buches zeigen (siehe insbesondere Abschnitt Technische Evolution), daß es sich bei Produkten (etwa Intel Prozessoren) und Dienstleistungen um Kompetenzen (Adaptionen, Merkmalen) von Organisationssystemen (Unternehmen) handelt, mit denen diese in ihren speziellen Umwelten - den Märkten - um die Erlangung von Ressourcen (etwa durch Produktverkäufe) konkurrieren. Da sich solche Organisationen fortlaufend selbsterhalten wollen, sind sie (normalerweise) stets darum bemüht, ihre Kompetenzen und Adaptionen zu erhalten beziehungsweise zu verbessern. Im Sinne der noch darzustellenden Systemischen Evolutionstheorie evolvieren folglich nicht Mikroprozessoren oder Softwaremodule, sondern Unternehmen beziehungsweise Organisationssysteme wie Intel oder Microsoft. Der relevante Replikator dürfte dann dabei das jeweilige gesammelte und in den Mitarbeiterköpfen und Firmen-Datenbanken vorhandene Untemehmens-Know-how sein. “ (Ebd., S. 97).

„Nach diesen vorbereitenden Bemerkungen möchte ich nun zu einer Verallgemeinerung der Evolutionstheorie - im folgenden Systemische Evolutionstheorie genannt (**) - kommen. Dabei soll mit einer Erläuterung der Motivationen bei der Festlegung der verschiedenen Evoltionsprinzipien begonnen werden.“ (Ebd., S. 97-98).


„Die Systemische Evolutionstheorie sollte nicht mit der »Systemtheorie der Evolution« (vgl. Rupert Riedl, Die Ordnung des Lebendigen - Systembedingungen der Evolution, 1975) verwechselt werden. Bei letzterer handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Synthetischen Evolutionstheorie, also um eine biologische Evolutionstheorie. Die Systemische Evolutionstheorie erklärt dagegen Evolution direkt aus bestimmten, recht allgemeinen Systemeigenschaften heraus und kann deshalb auch nichtbiologische Evolutionen beschreiben. Allerdings bestehen einige Übereinstimmungen in der systemtheoretischen Argumentation. Gleiches gilt für die Evolutionäre Erkenntnistheorie (vgl. Rupert Riedl / Delpos, Manuela [Hrsg.], Die Evolutionäre Erkenntnistheorie im Spiegel der Wissenschaften, 1996; Gerhard Vollmer, Evolutionäre Erkenntnistheorie, 1975).“ (Ebd.).

„In der Softwareindustrie hat in den letzten Jahrzehnten ein Wandel hin zur sogenannten objektorientierten Programmierung stattgefunden. Stand vorher stets die reine Programmlogik im Vordergrund, so sind es nun die Objekte, die über ihre Eigenschaften und die auf ihnen anwendbaren Methoden (Operationen) definiert werden. Wird beispielsweise bei einem Objekt »Girokonto« festgelegt, daß es nur zweistellige Zahlen beinhalten kann und auf seine Inhalte nur die Operationen Addition und Subtraktion angewendet werden können, dann kann das Programm darauf nicht unmittelbar multiplizieren oder exponenzieren oder ihm den Wert »Grün« zuweisen. So etwas wäre dann ein Programmfehler, der bereits bei der Entwicklung auffallen würde.“ (Ebd., S. 98).

„Evolutionstheorien beschäftigen sich mit Evolutionen, die aus sich selbst heraus entstehen, ohne dabei so etwas wie einen externen Schöpfer zu benötigen. Charles Darwin lieferte mit der biologischen Evolutionstheorie ein erstes überzeugendes Modell, welches die Entwicklung des Lebens auf der Erde ohne den Eingriff einer externen höheren Intelligenz erklären konnte. Im Zentrum stand dabei das Prinzip der natürlichen Auslese: Besser an ihre Umwelt angepaßte Individuen einer Population hinterlassen mehr Nachkommen als weniger gut angepaßte. “ (Ebd., S. 98).

„Doch was sind in diesem Zusammenhang eigentlich »Individuen«?  Für Charles Darwin wäre so etwas eine törichte Frage gewesen, denn seine Evolutionstheorie beschäftigte sich ausschließlich mit dem Leben. Folglich mußte es sich bei den Individuen um Lebewesen handeln. Für ihn standen also die »Objekte« des Wandels von vornherein fest.“ (Ebd., S. 98).

„Dabei ist es jedoch nicht geblieben. Und so wird mittlerweile fleißig über Gene, Meme, Entscheidungen, Theorien, Hypothesen, Mobiltelefone, Gesellschaften, Kunstwerke, Augen, Ohren u.s.w. gesprochen, und alle sollen angeblich evolvieren können. Womit wir wieder bei der Frage nach den Objekten wären: Welche Klassen an Objekten können eigendynamisch (ohne externen Schöpfer) evolvieren?“  (Ebd., S. 98-99).

„Schauen wir uns dazu noch einmal die ursprüngliche Darwinsche Evolutionstheorie etwas genauer an. Entfernt man aus dieser die Grundannahme, daß die darin vorkommenden Individuen Lebewesen sind, wird sie plötzlich inhaltsleer. Warum sollte man ein Individuum nicht etwa auch durch zwei dividieren oder mit ihm ins Internet gehen können? Was hindert mich eigentlich daran?“  (Ebd., S. 99).

„Wir werden deshalb nicht umhin kommen, zunächst einmal die Objekteigenschaften evolvierender Individuen zu beschreiben. Glücklicherweise gibt die Darwinsche Evolutionstheorie dazu eine ganze Reihe an Hilfestellungen:
Individuen unterscheiden sich von ihrer Umwelt und sind an diese mehr oder weniger gut angepaßt. Es existiert folglich eine System-Umwelt-Differenz. Anders gesagt: Individuen sind Systeme.
Individuen benötigen eine Umwelt (den Lebensraum), und zwar insbesondere zur Erlangung lebensnotwendiger Ressourcen. Verfügt der Lebensraum über weniger Ressourcen als die gesamte Population zum Leben benötigt, kommt es unter den Individuen zum »Kampf ums Dasein«.Mit anderen Worten: Individuen »wollen« sich selbsterhalten.
Individuen produzieren mehr Nachkommen, als die Umwelt ernähren kann. (**). Etwas abgeschwächt bedeutet dies: Individuen »wollen« sich reproduzieren.
Dieses sich selbsterhalten und reproduzieren »wollen« kann in der Stärke und Ausrichtung von Individuum zu Individuum und natürlich auch im Laufe des Lebens eines Individuums variieren. In der noch folgenden Theorie werden deshalb den Individuen (den Objekten) die Eigenschaften Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse zugewiesen. Dies sind Größen, die unterschiedliche Werte (und Richtungen) annehmen können (insbesondere also auch Null), so ähnlich wie die Kontostände von Bankkonten. Menschen sind beispielsweise unterschiedlich ehrgeizig (Selbsterhaltungsinteresse) oder wollen mehr oder weniger viele Kinder haben (Reproduktionsinteresse). Allerdings lassen sich die Größen - ähnlich wie bei der Intelligenz eines Menschen (der Intelligenzquotient eines Menschen stellt lediglich einen quantitativen Indikator für dessen Intelligenz dar) - nicht wirklich quantifizieren. Es handelt sich also hier - wie bei vielen anderen emergenten Eigenschaften auch - um komplexe Größen.“ (Ebd., S. 99-100).


„So nennt etwa Ulrich Kutschera unter der Überschrift »Evolution als Merkmal des Lebens« fünf wesentliche Merkmale von Lebewesen ....: »Innerhalb der Population erfolgt bei ausreichendem Nährstoffangebot eine kontinuierliche Fortpflanzung bei drastischer Zunahme der Individuenzahlen (Vermehrung).« (Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologie, 2008, S. 79). Anders gesagt: Lebewesen besitzen ein Fortpflanzungsinteresse, wollen sich also reproduzieren. Da es sich bei der Fortpflanzung aber um eine aus Sicht des Lebewesens altruistische Tätigkeit handelt (vgl. ebd., S. 59), ist das Reproduktionsinteresse von Individuen im Rahmen einer Evolutionstheorie explizit (und nicht nur implizit als ohnehin gegeben) anzunehmen. Dies gilt umso mehr, als es dem Menschen in der Zwischenzeit gelungen ist, das eigene Reproduktionsinteresse zu beherrschen.“ (Ebd.).

„Im Rahmen der Fortpflanzung kommt es zu einer Duplizierung von Individuen. Die auf Individuen anwendbare Operation (»Methode«) ist deshalb die Reproduktion. Allerdings sind je nach Evolutionsumgebung dann ganz unterschiedliche Reproduktionsprozesse möglich. Wir werden im Laufe des vorliegenden Buches noch Reproduktionsprozesse kennenlernen, die nur auf den Erhalt der inneren Strukturen und von Adaptionen abzielen, und die die in der Natur üblichen Kopiervorgänge (aus den Eltern entstehen durch eine wie auch immer geartete Replikation neue Individuen) überhaupt nicht kennen.“ (Ebd., S. 100).

„Auf die gerade beschriebene Weise habe ich nun also die in der Darwinschen Evolutionstheorie versteckte Logik in die eigentlichen Objekte der Evolution transferiert. Die ursprüngliche Ablauflogik wurde folglich in eine objektorientierte Beschreibung umgewandelt.“ (Ebd., S. 100).

„Die Kernaussage ist dann: Eigendynamisch evolvieren können nur Systeme, die über einen Reproduktionsvorgang verfügen, und die eigenständige Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen besitzen. Da Gene, Meme, Entscheidungen, Hypothesen, Mobiltelefone, Kunstwerke, Augen, Ohren u.s.w. entsprechende Eigenschaften nicht besitzen, scheiden sie als Gegenstand der Evolution von vornherein aus, ganz im Gegensatz zu den Lebewesen oder den Organisationssystemen wie etwa Unternehmen. Eine Diskussion über die Evolution wissenschaftlicher Hypothesen erübrigt sich folglich von selbst. Bei der versuchten Zuweisung einer »wissenschaftlichen Hypothese« zum Evolutionsobjekt »Individuum« handelt es sich dann nämlich - softwaretechnisch gesprochen - um einen Programmierfehler.“ (Ebd., S. 100).

„Im Grunde handelt es sich hierbei um den entscheidenden Paradigmenwechsel gegenüber anderen Evolutionstheorien, aber auch manchen Vorstellungen von dem, was das Leben ausmacht: Lebewesen besitzen Intentionen. Sie verfolgen Eigeninteressen, und dabei geht es ihnen in erster Linie um den eigenen Selbsterhalt und die Fortpflanzung. Nicht ihre Gene sind egoistisch, sondern sie selbst, und das vor allem zeichnet sie gegenüber unbelebter Materie aus (siehe dazu auch den Abschnitt Was ist Leben?).“ (Ebd., S. 100-101).

„Und damit komme ich nun wirklich zur schon lange angekündigten Formulierung der Systemischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 100).

„Die Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie sind:

Eine Population besteht aus lauter selbsterhaltenden Systemen (Individuen), die sich allesamt voneinander unterscheiden, und die unterschiedlich gut an den Lebensraum (**) angepaßt sind beziehungsweise die unterschiedliche Kompetenzen in bezug auf ihren Lebensraum besitzen (**).
Dieses Prinzip heißt Variation.

Die reproduktionsfähigen Individuen der Population besitzen (eventuell unterschiedlich starke) Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen. Die Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen korrelieren nicht negativ mit der relativen Fitneß in bezug auf den Lebensraum. Anders gesagt: Die Individuen wollen »überleben« (**), und zwar die fitteren im Durchschnitt mindestens genauso stark wie die weniger fitten (**). Der Begriff der Fitneß bezieht sich dabei auf den jeweiligen Lebensraum.
Dieses Prinzip heißt Reproduktionsinteresse (genauer: Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse [**]; HB) oder auch natürliches Reproduktionsinteresse (**|**). **

Es existieren variationserhaltende Reproduktionsprozesse, die die Systemstrukturen von Individuen (Strukturerhaltung) und deren Kompetenzen in Bezug auf den Lebensraum (Adaption) neu erzeugen, modifizieren oder kopieren (replizieren) können, wobei das Ergebnis von Modifikation und Kopie gegenüber dem Ausgangszustand zwar irgendwie verändert ist, in der Regel aber auch erkennbare Ähnlichkeiten (**) aufweist. Im allgemeinen gilt: Individuen, die relativ gesehen mehr in ihre Reproduktion investieren, werden ihre Strukturen und Kompetenzen im Mittel eher erhalten oder gar verbessern als Individuen, die weniger investieren.
Dieses Prinzip heißt Reproduktion.

Die Kernaussage der Systemischen Evolutionstheorie ist nun: Wenn die drei Prinzipien Variation, Reproduktionsinteresse (genauer: Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse [**]; HB) und Reproduktion gegeben sind, dann ist Evolution zwangsläufig die Folge.“ (Ebd., S. 100).


„Im strengen systemischen Sinne kann nicht von einer gemeinsamen Umwelt gesprochen werden, da aus Sicht eines Individuums alle anderen der Umwelt zugerechnet werden müssen. Jedes Individuum besitzt folglich seinen eigenen Lebensraum. Von solchen Feinheiten soll aber im vorliegenden Zusammenhang abstrahiert werden: Wir haben es hier mit einer Population zu tun, die den gleichen Lebensraum zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse (zur Erlangung von Ressourcen) nutzt.“ (Ebd.).

„Es spielt für die weiteren Überlegungen keine Rolle, welche Faktoren (Gene, Ausbildung u.s.w.) für die Anpassung an den Lebensraum entscheidend waren. Der Begriff der Anpassung bezieht sich immer auf den Phänotyp, nicht nur auf den Gelnotyp. “ (Ebd.).

„Diese Bedingung wird von Evolutionsbiologen im Sinne des »egoistischen Gens« (Richard Dawkins) meist implizit angenommen. Tatsächlich muß sie aber nicht zwingend erfüllt sein, und in modernen menschlichen Gesellschaften wird sie sogar in der Regel verletzt.“ (Ebd.).

„Allerdings sollte sich das Reproduktionsinteresse grundsätzlich im normalen Rahmen bewegen und auch bei den fittesten Individuen nicht zu hoch sein, damit weder die Reproduktionsergebnisse noch der eigene Selbsterhalt gefährdet werden. Anders gesagt: Das Individuum muß die Reproduktion auch finanzieren können. Siehe dazu aber auch die Ausführungen im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?,  in welchem für getrenntgeschlechtliche Populationen auf einen diesbezüglichen entscheidenden Unterschied zwischen den Geschlechtern hingewiesen wird.“ (Ebd.).

„»Natürlich« heißt hier: Die Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen korrelieren nicht negativ mit der relativen Fitneß in Bezug auf den Lebensraum.“ (Ebd.).

„Simulationen der Darwinschen Selektion setzen nicht selten auf der sogenannten »differentiellen Reproduktion« von Individuen, das heißt, auf deren unterschiedlichen Reproduktionsgeschwindigkeiten (Reproduktionsinteressen) auf, während die jeweiligen Anpassungsgrade der Individuen ignoriertwerden. Ganz entsprechend sind etwa die Selektionsspiele in konzipiert. Es darf deshalb vermutet werden, daß sich Evolutionsprozesse mittels der Systemischen Evolutionstheorie leichter simulieren lassen als unter Zugrundelegung der Darwinschen Lehre.“ (Ebd.).

„Hier wäre noch zu klären, wie groß die Ähnlichkeit zwischen Ausgangszustand (Eltern) und Ergebnis (Kindern) im Mittel sein muß (beziehungsweise wie groß die Mutagenität sein darf). damit Evolution tatsächlich stattfinden kann. Auch bedarf der Begriff der Ähnlichkeit einer Präzisierung. Eine mögliche erste Annäherung könnte sein: Kinder sind ihren Eltern im Mittel »ähnlicher« als jedem anderen Individuum der Population.“ (Ebd.).

„Anmerkungen:
Die Systemische Evolutionstheorie kommt ohne die Begriffe natürliche Selektion (natürliche Auslese) und Kampf ums Dasein (struggle for life) aus. Im Vordergrund steht das jeweilige Reproduktionsinteresse (und nicht der Reproduktionserfolg wie bei Darwin), also der Wille des Individuums, zu überleben. Evolution ist folglich kein Ergebnis des Überlebens der Tauglichsten, sondern sie wird durch Interessen vorangetrieben. Damit wird dann auch ein stärkerer Bezug zu Systemeigenschaften des Lebens hergestellt. Denn dem Begriff der natürlichen Selektion haftet zunächst etwas Mechanisches an, zummal er nicht hinreichend deutlich macht, warum sich eine Selektion auf Lebendes beschränken sollte.
Einen Selbsterhaltungs- und Überlebenswillen (ein Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse) besitzen aber nur lebende Organismen und die durch sie gebildeten sozialen Systeme (**). Die Kriterien Variation und Reproduktionsinteresse grenzen selbstständige Evolutionsprozesse folglich auf biologische Phänomene ein. Daraus ergibt sich unmittelbar: Weder Gene, Meme, Entscheidungen, Handlungen, Praktiken, Theorien, Hypothesen, Augen, Ohren, Mobiltelefone noch sonstige nichtbiologische Phänomene können Gegenstand der Selektion sein.

„Irenäus Eibl-Eibesfeldt formuliert dies so: »Und Emotionen und Strebungen wie ›Selbstsucht‹ sind natürlich nur Organismen eigen und nicht den Genen.« (Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Die Biologie des menschlichen Verhaltens, 1984, S. 138).“ (Ebd.).

Wie noch gezeigt wird, kann es in einem präzisen Sinne auch keine Evolution der Technik geben (vgl. Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik, 1994). Was in diesem Zusammenhang evolviert, sind nicht wirklich Technologien, sondern die sie konstruierenden und nutzenden Lebewesen beziehungsweise sozialen Systeme. Denn technologien sind Kompetenzen (Adaptationen) sozialer Systeme, die sich mit ihnen zusammen ausbilden.
Für die Systemische Evolutionstheorie ist Evolution ein aktiver Vorgang, der unmittelbar aus Systemeigenschaften der an ihr beteiligten Individuen entspringt. Die Individuen erschaffen die Evolution folglich aus sich selbst heraus.Die natürliche Selektion wendet Evolution dagegen in etwas Passives. Überspitzt könnte man sagen: Bei der natürlichen Auslese wählt die Natur (oder gar ein göttliches Wesen) die geeignetsten Individuen aus.
Selbsterhaltende Systeme wollen sich selbsterhalten (Selbsterhaltungsinteresse). Damit ist aber insbesondere auch immer die Anpassung (Adaption) an ihren Lebensraum gemeint (**), ferner umgekehrt die aktive Veränderung und Erweiterung des Lebensraums (**). Anders gesagt: Selbsterlhaltende Systeme sind bestrebt, ihre Kompetenzen im Umgang mit ihrer primären selektiven Umwelt zu erhalten, und sei es durch Veränderung oder Erweiterung des Milieus. In diesem Sinne ist Evolution ein aktiver, maßgeblich von den Individuen selbst angetriebener Vorgang. Auf Dauer werden auf diese Weise immer mehr ökologische (beziehungsweise ökonomische) Nischen besetzt.
Zum Erhalt ihrer Kompetenzen müssen die Individuen jedoch stets etwas tun, denn sie konkurrieren ja um Ressourcen mit anderen Individuen innerhalb und gegebenenfalls auch außerhalb ihrer Population. Stellen wir uns dazu eine Population aus 10 Individuen 1(1) bis 1(10) vor. Nehmen wir an, Individuum 1(1) sei etwas besser an den Lebensraum angepaßt als 1(2) bis 1(10). Wenn nun 1(2) bis 1(10) mehr in ihren Selbsterhalt investieren als 1(1) (zum Beispiel durch Muskeltraining, Bildungsmaßnahmen, Karatekurse, Investitionen in die Forschung u.s.w.) und auf diese Weise ihre Kompetenzen im Vergleich zu 1(1) deutlich verbessern, dann könnte 1( 1) am Ende das am schlechtesten angepaßte Individuum der Population sein. Möglicherweise hätte es nun größte Schwierigkeiten, eine ausreichende Menge an Ressourcen zu erlangen. Es würde auf diese Weise seinen Selbsterhalt gefährden.
Vorhandene Kompetenzen sind deshalb auch immer in Relation zu anderen Individuen zu sehen. Hohe Kompetenzen im Umgang mit der primären selektiven Umwelt können - ohne permanente Emeuerung und Verbesserung - morgen schon entwertet beziehungsweise veraltet sein, denn die Konkurrenz schläft ja nicht (**). Es ist dieser gegenseitige Zwang zur permanenten Erneuerung und zum Hochrüsten in der Gruppe, der letztlich maßgeblich für Fortschritt und Evolution sorgt. Evolution bedarf also nicht unbedingt der ständigen Veränderung der primären selektiven Umwelt aller Individuen. Es reicht bereits, wenn sich die individuelle Umwelt der Individuen, zu der auch alle anderen Mitglieder der Population zählen, ändert.
Manchmal wird angemerkt, Individuen wollten sich schon von ganz allein verbessern. Dagegen spricht, daß Monopolmärkte in der Regel wenig innovativ sind, Wettbewerbsmärkte dagegen sehr wohl. Allerdings sind durchaus auch Szenarien vorstellbar, in denen selbst ein Monopolist durch eine Wettbewerbssituation in seinem Inneren (zum Beispiel unter seinen Mitarbeitem) zu innovativen Leistungen gebracht werden kann. Eine gewisse »Evolution« ist deshalb unter bestimmten Voraussetzungen auch bei Populationen mit genau einem Individuum (das heißt, ohne Variation) denkbar, allerdings wohl kaum bei biologischen Populationen, die sich »blind« durch genetische Mutationen und Rekombinationen an ihre jeweilige primäre selektive Umwelt anzupassen versuchen, denn diese benötigen zwingend eine genetische Vielfalt beziehungsweise eine Variation unter ihren Individuen, um sich an ihrer Umwelt ausrichten zu können.
In der Regel dürften sich die Entwicklungsprozesse von Ein-Individuum-Populationen aber auf die fortlaufende Adaption an ihren Lebensraum beschränken. Evolution wäre dann nur noch gleichzusetzen mit Stillstand, und das entspräche nicht ganz dem Evolutionsgedanken.
Auf der anderen Seite dürfen aber die durch den permanenten Wandel des Lebensraums entstehenden gegenseitigen Anpassungszwänge in ihrer Bedeutung für die Evolution auch nicht unterschätzt werden. Beispielsweise könnte eine Population mit der Zeit gegen bestimmte ökologische Grenzen und Hindernisse laufen, die eventuell durch neue Innovationen und damit evolutiv noch einmal überwunden werden können. Denn die Umwelt kann sich verändern, und Ressourcen können sich erschöpfen, woraus sich weitere Gründe für den Zwang zur fortlaufenden Erneuerung eigener Kompetenzen beziehungsweise Adaptionen ergeben.
Es soll an dieser Stelle aber noch einmal betont werden, daß Evolution bereits maßgeblich durch die Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen der Individuen und dem sich daraus ergebenden Zwang zur permanenten Erneuerung von sich im Wettbewerb mit anderen immer wieder entwertenden Lebensraum-Kompetenzen entsteht. Bei einfacheren Lebewesen mag ein solcher Kompetenzerhalt ausschließlich durch Fortpflanzung und Vererbung, beim Menschen dagegen durch die Weitergabe von Genen, Wissen und Kultur und sonstige Lernprozesse und bei Untemehmen vielleicht vor allem durch Forschung & Entwicklung erfolgen. Gemeinsam ist allen diesen Fällen der in den Individuen verankerte Wille zu leben und zu überleben, nicht aber ein Survival of the Fittest und schon gar nicht Mord und Totschlag. Evolution findet statt, weil sich Individuen selbsterhalten und reproduzieren wollen.

„Talcott Parsons unterscheidet die beiden Erhaltungsfunktionen Adaption (A) und Strukturerhaltung ([Latent] Pattern Maintenance: L). .... Andere Autoren sprechen beim Selbsterhalt auch von einer »Akkumulation von Reproduktionspotential«, wofür ein »somatischer Aufwand« zu erbringen ist.“ (Ebd.).

„Es ist beispielsweise keineswegs so, daß sich Unternehmen in erster Linie an die Wünsche ihrer Kunden anpassen, denn oftmals werden die Kundenwünsche erst durch neue Produkte geweckt.“ (Ebd.).

„Auch in diesem Punkt unterscheidet sich die Systemische Evolutionstheorie ganz erheblich von der Lehre Darwins, die Adaptionen und Kompetenzen im wesentlichen auf den Lebensraum bezieht. Die Systemische Evolutionstheorie berücksichtigt dagegen viel stärker, daß Individuen auch in Relation zu ihrer eigenen Gruppe lernfähig (adaptionsfithig) sein können.“ (Ebd.).

Das Kriterium Reproduktionsinteresse hätte eigentlich präziser Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse heißen müssen, denn die Selbsterhaltungsinteressen sollten ja gleichfalls nicht negativ mit der relativen Fitneß der Individuen in Bezug auf ihren Lebensraum korrelieren.
Ein moderner Mensch könnte beispielsweise eine sehr hohe Intelligenz besitzen, dann aber nichts in seine Aus- und Weiterbildung investieren. Anders gesagt: Er würde seine Kompetenzen nicht erneuern und sein Potential verkümmern lassen. In der Folge könnte er vielleicht nicht so viele Ressourcen erlangen, wie er für sein Überleben benötigt. Sein Selbsterhalt wäre dann gefährdet. Vorhandene Kompetenzen bedürfen folglich der ständigen Erneuerung, sonst sind sie irgendwann nichts mehr wert (**).
Bei Populationen, die etwa aus lauter sozialen Systemen bestehen, kennen die Individuen aber - anders als bei den Lebewesen - keinen separaten Fortpflanzungsvorgang. Wie bereits gezeigt wurde, fallen in solchen Fällen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse zusammen. Ich habe aus diesem Grunde auf eine eigenständige Benennung und Hervorhebung eines Prinzips Selbsterhaltungsinteresse verzichtet Auch vermute ich, daß sich in Populationen im Mittel immer ein kompetenzneutrales Selbsterhaltungsinteresse durchsetzen wird (**|**). Beim Reproduktionsinteresse von Lebewesen scheint das aber keineswegs der Fall zu sein, wie moderne menschliche Gesellschaften zeigen. Denn offenbar hat die Natur den Individuen ein Reproduktionsinteresse mitgegeben, welches sich unter bestimmten Gegebenheiten auch wieder abschalten beziehungsweise deutlich mindern läßt. Dies macht Sinn, denn der Selbsterhalt dient vor allem dem Individuum selbst, die Reproduktion dagegen anderen (eventuell sogar in erster Linie der Population insgesamt). Selbsterhalt ist vom Wesen her egoistisch, Fortpflanzung dagegen altruistisch.
Im Grunde hätte man zu den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie auch noch ein Kriterium der kompetenzneutralen Mutagenität aufnehmen können, denn auch die unterschiedliche Mutagenität der Individuen kann einen erheblichen Einfluß auf die spätere evolutionäre Entwicklung nehmen. Allerdings dürfte die Mutagenität in biologischen Populationen zwar durchaus artspezifisch und oftmals auch geschlechtsspezifisch sein (siehe dazu den Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?,dennoch ist nicht davon auszugehen, daß sie innerhalb der gleichen Population (der gleichen Spezies) systematisch positiv oder negativ mit der jeweiligen Adaption an den Lebensraum korreliert. In Populationen aus lauter Organisationssystemen (siehe zum Beispiel den Abschnitt Technische Evolution) oder sonstigen Systemen, die sich innerlich reproduzieren (siehe den folgenden Punkt [**]), mag das aber ganz anders aussehen. Hier ist durchaus vorstellbar, daß es zu einem regelmäßigen Aufstieg und Fall von Individuen kommt, da einige Individuen so komplex und unbeweglich geworden sind, daß sie sich selbst kaum mehr verändern können. Dies könnte in der Unternehmenswelt auch gerade die Unternehmen betreffen, die aktuell eine dominante Marktposition innehaben, und von daher eigentlich besonders gut an die Marktverhältnisse adaptiert sind.

„In »Alice hinter den Spiegeln« (Lewis Carroll, Alices Abenteuer - Alice im Wunderland) meint die Rote Königin zu Alice: »Hierzulande mußt du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.« Entsprechend schreitet Evolution bereits dann fort, wenn sich Individuen lediglich nicht verschlechtern wollen. In der Evolutionsbiologie ist dieser Zusammenhang als Red-Queen-Hypothese bekannt (cgl. Matt Ridley, Eros und Evolution, 1995).“ (Ebd.).

„Das Selbsterhaltungsinteresse eines Individuums könnte - anders als das Reproduktionsinteresse - auch der jeweiligen Adaption an den Lebensraum zugerechnet werden. Das Reproduktionsinteres eines Individuums kann aber definitiv nicht auf dessen Fitneß reduziert werden.“ (Ebd.).

„Robert Ardrey macht darauf aufmerksam, daß sich das Selbsterhaltungsinteresse je nach Situation recht unterschiedlich ausprägen kann. Beispielsweise manifestiert es sich im Allgemeinen bei den Verteidigern eines Territoriums stilrker als bei den Angreifern. (Vgl. Robert Ardrey, Der Gesellschaftsvertrag, 1970, S, 33).“ (Ebd.).

Der Begriff Reproduktionsprozeß ist bewußt sehr weit gefaßt und bedarf möglicherweise einer zusätzlichen Erläuterung (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Selbsterhaltende Systeme) und Spezifizierung.
In den einzelnen Lebewesen findet eine ständige interne Reproduktion als Teil der Ontogenese statt, zum Beispiel in Form der regelmäßigen Zellerneuerung (**). Beim Menschen können auch Weiterbildungsmaßnahmen, regelmäßiges Muskeltraining, Entspannungsübungen etc. dazu gezählt werden (**). Ebenfalls läßt sich der Schlaf darunter einordnen.
Alle diese Maßnahmen dienen in erster Linie dem Selbst- und Kompetenzerhalt von Individuen. Da einzelne Lebewesen bestenfalls wenige hundert Jahre alt werden, in geologischen Zeiträumen betrachtet also nur für einen kurzen Augenblick leben, ist durch eine solche individuuminterne Reproduktion noch nicht der langfristige Wandel und Selbsterhalt von Populationen erklärbar. Hier kommt nun die Fortpflanzung ins Spiel. Wenn Individuen altern und sterben, gehen mit ihnen ihre Strukturen und ihre unmittelbaren Kompetenzen verloren (**).
In biologischen Populationen bedeutet reproduktive Strukturerhaltung zunächst einmal: Jedes alternde beziehungsweise sterbende Lebewesen ist durch mindestens ein neues (des gleichen Geschlechts) zu ersetzen.
Da Lebewesen nur eine begrenzte Lebensdauer besitzen, verfällt ihre Struktur nach einer gewissen Zeit. Sie benötigen dann einen Nachfolger. Strukturerhaltung setzt deshalb im Wesentlichen eine mengenmäßig bestandserhaltende Reproduktion voraus. In modernen menschlichen Gesellschaften ist dafür eine Fertilitätsrate von 2,1 erforderlich.
Bei der Fortpflanzung handelt es sich um eine Möglichkeit, die Strukturen und Kompetenzen in vergleichbarer Qualität zu erneuern, so daß die Ressourcen des Lebensraumes wieder ähnlich gut verwertet werden können. Die Effizienz (Adaption) der Population bleibt dann erhalten, und die Generationengerechtigkeit wird gewahrt. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß sich die Individuen auch anteilsmäßig entsprechend vermehren, und sich nicht etwa eine Teilgruppe mit sehr ausgeprägten Kompetenzen überwiegend oder ganz aus der Nachwuchsarbeit heraushält, denn das würde sogar das Prinzip der Generationengerechtigkeit (vgl. Jörg Tremmel, Die Bevölkerungspolitik im Kontext ökologischer Generationengerechtigkeit, 2005, S. 98) verletzen. Die Bedingung eines nicht negativ mit der Fitneß der Individuen korrelierenden Reproduktionsinteresses bei der überwiegenden Zahl der Individuen einer Population dient also indirekt auch der Sicherstellung des Prinzips der Generationengerechtigkeit.
Beim Menschen erfolgt die Erneuerung der Kompetenzen nicht nur mittels Fortpflanzung, sondern ganz entscheidend auch durch die sich daran anschließenden langjährigen Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen. Die Kompetenzen des Nachwuchses basieren deshalb sowohl auf genetischen als auch kulturellen Faktoren, wobei letztere nicht allein durch staatliche Erziehungs- und Bildungseinrichtungen vermittelt werden« sondern wesentlich auch durch den Sozialisationsprozeß in der Familie. Beim Menschen umfaßt der Reproduktionsprozeß folglich sowohl die Fortpflanzung als auch Sozialisation, Erziehung und Bildung.
Auch bei Organisationssystemen (zum Beispiel Unternehmen) steht der eigene Selbsterhalt im Vordergrund, der sich in Strukturerhalt und Kornpetenzerhalt untergliedert. Beispielsweise wird ein erfolgreicher Pharmakonzern auch in Zukunft mit einem konkurrenzfähigen Angebot aufwarten wollen. Dazu ist aber die regelmäßige Erneuerung der eigenen Kompetenzen, das heißt der Produktpalette (= Medikamente), erforderlich. Dies geschieht in der Forschung & Entwicklung, bei der es sich um die konzerninterne Reproduktion handelt.
Erfolgreichere und besser an die Märkte (Milieu) angepaßte Unternehmen (= höhere Umsätze und Gewinne = mehr Ressourcen) können mehr in ihre Reproduktion (Forschung & Entwicklung); Investitionen in Humanressourcen und Anlagen) investieren als etwa ihre unmittelbaren Konkurrenten (**). Es ist dann nicht unwahrscheinlich, daß sie ihren Marktvorsprung beziehungsweise ihre relativen Kompetenzen bewahren. Eine Garantie dafür gibt es allerdings nicht. Beispielsweise könnte einem Konkurrenten zufällig eine entscheidende Innovation gelingen, so daß er den bisherigen Marktführer überflügeln kann. Dies ist bei der biologischen Evolution jedoch nicht anders, denn auch dort spielt der Zufall eine ganz entscheidende Rolle.
Leistungsfähige Marktwirtschaften erleichtern meist ganz gezielt den Markteintritt neuer Anbieter, zum Beispiel durch Regelwerke oder Finanzierungsmöglichkeiten. Im Prinzip sind solche Maßnahmen dem Reproduktionsprozeß zuzurechnen, da sie variationsfordernde Eigenschaften besitzen (siehe Abschnitt Selbsterhaltende Systeme).
Wie die Beispiele zeigen, können Reproduktionsprozesse und die sie tragenden »Replikatoren« auf ganz unterschiedliche Weise realisiert werden, in Lebewesen etwa als Zellerneuerung, in Populationen durch Fortpflanzung und Elterninvestments und in Unternehmen durch Forschung & Entwicklung. Gemeinsam ist aber allen diesen Fällen der Überlebenswille der Beteiligten, der in erster Linie darauf zielt, vorhandene Strukturen und Kompetenzen zu erhalten, zu erneuern oder gar zu verbessern. Damit Evolution tatsächlich geschehen kann, darf aber der Überlebenswille mit zunehmender Anpassung an den aktuellen Lebensraum nicht zurückgehen (wie dies in modemen menschlichen Gesellschaften leider der Fall ist).

„Strukturerhaltung I [Latent] Pattern Maintenance (L) im Sinne Talcott Parsons.“ (Ebd.).

„Adaption (A) im Sinne Talcott Parsons“ (Ebd.).

„Allerdings tragen Menschen häufig auch einiges zur Verbesserung der Kompetenzen der gesamten Menschheit bei, so daß Ihre Kompetenzen auch nach Ihrem Tod nicht gänzlich verloren sind.“ (Ebd.).

„Sie werden das aber nur dann tun, wenn sie ein entsprechend hohes Reproduktionsinteresse besitzen, was nicht zwingend gegeben sein muß. Beispielsweise könnte ein Unternehmen erst unängst von Spekulanten übernommen worden sein, denen es in erster Linie um kurzfristige Gewinnmitnahmen geht.“ (Ebd.).

Der im Prinzip Reproduktion formulierte Struktur- und Kompetenzerhalt ist nur dann gegeben, wenn Lebewesen im Mittel so viele Nachkommen haben möchten, daß diese sie nach Ablauf ihres Lebens vollständig - das heißt strukturell und adaptiv - »ersetzen« können. Dafür müssen sie aber ein entsprechend hohes Reproduktionsinteresse besitzen, und zwar bei der sexuellen Fortpflanzung für durchschnittlich mindestens zwei Nachkommen pro Paar. Da stets einige Kinder/Jungen vor Erreichen des Fortpflanzungsalters sterben oder aus sonstigen Gründen keine eigenen Nachkommen hinterlassen werden, ist eine Sicherheitsreserve aus zusätzlichen Nachkommen erforderlich, wodurch sich eine natürliche Tendenz zum Populationswachstum ergibt. Alles in der Natur ist folglich auf Wachstum programmiert (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Wachstum).
Unter optimalen ökologischen Bedingungen sollte ein natürliches Reproduktionsinteresse also mindestens auf eine Ersetzung der vorhandenen Individuen und ihrer Gene hinwirken (Struktur- und Kompetenzerhalt). Der Mensch ist nun als erste biologische Spezies in der Lage, die Entwicklung von Populationsstärken in ganz engen Grenzen vorzugeben und damit regelrecht zu planen (vgl. Peter Mersch, Hurra, wir werden Unterschicht!, 2007). Dann wären - im Kontrast zur restlichen Natur - sogar kontrollierte Bevölkerungsschrumpfungen beziehungsweise geplante Strukturveränderungen vorstellbar.
Individuen müssen nicht notwendigerweise die gleichen Reproduktionsinteressen besitzen wie die in ihnen wirkenden Gene. Aus Sicht eines Individuums ist die Erbringung der aufwendigen und kräftezehrenden Nachwuchsarbeit alles andere als selbstverständlich; schließlich stirbt es irgendwann, und dann hat es von seinen Kindern nichts mehr. Es könnte sich also stattdessen für ein Leben ohne eigenen Nachwuchs entscheiden und seine zusätzlichen Freiheiten genießen. Die in ihm operierenden Gene hätten dann das Nachsehen. Nüchtern betrachtet haben also vor allem Gene und Populationen ein Interesse an der Reproduktion der Individuen (Reproduktionsinteresse). Damit sich die Individuen als »Überlebensmaschinen« der Gene oder als »Säulen« von Populationen trotzdem auf diese für sie kostenintensive Aufgabe einlassen, muß ihr Reproduktionsinteresse ein biologisches Fundament besitzen, welches für eine optimale Vertretung der Interessen von Genen und Populationen sorgt.
Offenbar erfolgt dies zu erheblichen Anteilen über die sexuelle Lust, denn seitdem es moderne Verhütungsmittel gibt, lassen sich Paarungs- und Reproduktionserfolg präzise voneinander trennen: Das Reproduktionsinteresse wird dann zu einer ökonomisch abschätzbaren Größe, die sich der Konkurrenz anderer Interessen des Individuums stellen muß. Auch dieser Zusammenhang macht deutlich, daß die Annahme eines populationsweiten einheitlichen Reproduktionsinteresses keineswegs selbstverständlich ist und im Rahmen einer Systemischen Evolutionstheorie explizit getroffen werden muß (**).

„So schreibt etwa Karl Gürs: »Wir gehen davon aus, daß der Wunsch nach dem Weiterleben in unseren Kindern in den verschiedenen Menschen ungleich stark angelegt ist. Bei schwacher Ausprägung werden die Leute entsprechend früher aussterben. Übrig bleiben die Menschen mit einer größeren Reproduktionsneigung, mit mehr Liebe zu Kindern.«(Karl Gürs, Evolution und Zivilisation, 2005, S. 278).“ (Ebd.).

Lebewesen (entsprechendes gilt für soziale Systeme wie Gesellschaften, Unternehmen oder Organisationen) geht es zunächst um den reinen Selbsterhalt. Irgendwelche sachlichen Ziele sind demgegenüber sekundär.
Individuen (Systeme) befinden sich dabei mit ihren jeweiligen Umwelten in einer ständigen Interaktion, wodurch sich auf beiden Seiten Strukturveränderungen ergeben können. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer strukturellen Kopplung zwischen System und Umwelt.
Beispielsweise lebte der Mensch über die längste Zeit seiner Geschichte als Jäger und Sammler. Als es in einigen Regionen der Erde zu einer bedrohlichen Nahrungsverknappung kam (Klimaveränderungen, Überjagung), erfanden die Menschen Ackerbau und Viehzucht (Neolithische Revolution). Der dadurch bedingte Wechsel zu einer vergleichsweise vitalstoffarmen Ernährung hatte zunächst erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen und die Entstehung eines Großteils der heute bekannten Zivilisationserkrankungen zur Folge (siehe Abschnitt Leben und Energie). Entscheidend aber war, daß die Menschheit auf diese Weise weiter existieren konnte (Selbsterhaltung). Allerdings waren nun ganz andere Kompetenzen als bei den Jägern und Sammlern gefragt. Diese Fähigkeiten bildeten sich jedoch sukzessive von ganz alleine heraus, und zwar als Folge des Überlebenswillens und Reproduktionsinteresses der Individuen. Anders gesagt: Eine Population paßt sich nicht einseitig an eine ihr vorgegebene Umgebung an, sondern sie konstruiert ihre Adaption im Zusammenspiel mit ihrer Umwelt, in die sie gegebenenfalls massiv verändernd eingreift, selbst.
Das jeweilige Reproduktionsinteresse kann an Bedingungen geknüpft sein. Im Falle der biologischen Fortpflanzung beginnt es meist erst ab einem bestimmten Alter und läßt mit den Jahren wieder nach (**). Eventull ist es nur unter bestimmten Gegebenheiten (zum Beispiel Jahreszeiten) vorhanden, während es unter anderen Umständen reduziert ist oder dann sogar ganz zurücktritt (beispielsweise bei der Verwandtenselektion oder bei Nichterlangung eines bestimmten Rangs innerhalb der Population). Auch könnten die Individuen über unterschiedliche Reproduktionskapazitäten (die Zahl der von ihnen pro Zeiteinheit abwickelbaren Reproduktionen) verfügen. Schließlich könnten die einzelnen Individuen generell unterschiedlich starke Reproduktionsinteressen besitzen.
Individuen mit einem ungewöhnlich niedrigen Reproduktionsinteresse (zum Beispiel Vogelexemplare mit einer besonders kleinen Gelegegröße) würden sich im Vergleich zum Rest der Population nicht ausreichend vermehren. Das gleiche gilt für Lebewesen, die mehr Nachwuchs in die Welt setzen als sie dann ernähren können (= zu hohes Reproduktionssinteresse). (Vgl. Thomas P. Weber, Darwin und die neuen Biowissenschaften, 2005, S. 183). In beiden Fällen dürften solche Interessenabweichungen aber innerhalb der Population langfristig an Bedeutung verlieren, so daß sich - sofern keine systematische Ursache vorliegt - ein Gleichgewichtszustand einstellen würde.

„In modernen Gesellschaften werden Menschen im allgemeinen umso später Eltern, je höher ihr Bildungsniveau ist. Ihr Reproduktionsinteresse ist dann bereits aus biologischen Gründen reduziert, zumal ja mit zunehmendem Alter auch die innere Reproduktionsfähigkeit (Regenerationsfähigkeit) des Körpers nachläßt.“ (Ebd.).

Ist der Lebensraum begrenzt, dürfte es auf Dauer zu einer Konkurrenz unter den Individuen um den Zugriff auf die Ressourcen kommen (**).
Lebewesen können sich nur dann fortpflanzen, wenn sie den entropiearmen Zustand in ihrem Inneren permanent aufrechterhalten und zusätzlich noch die für den Reproduktionsprozeß erforderlichen Ressourcen (Raum, Energie, Wasser u.s.w..) beschaffen. Können die Individuen einer Population im vorhandenen Lebensraum nicht allesamt die für eine vollständige Befriedigung ihrer Reproduktionsinteressen benötigten Ressourcen erlangen, liegt eine Begrenzung des Lebensraums vor. Die Population steht dann unter einem Selektionsdruck.
Wie bereits im Abschnitt Sozialdarwinismus ausgeführt wurde, ließ sich Charles Darwin bei seiner ursprünglichen Formulierung des Prinzips der natürlichen Auslese sehr stark von den Gedanken Thomas Robert Malthus' leiten. Charles Darwin kam zu dem Schluß, daß es in der Natur für beliebige Populationen immer zu einer Begrenzung des Lebensraums kommen müsse. Dies ist jedoch nicht zwingend der Fall.
Wie später noch gezeigt wird, hat die Natur mit der Einführung der sexuellen Fortpflanzung und dem damit üblicherweise einhergehenden ungleichen Reproduktionsinteresse der beiden Geschlechter für eine künstliche Ressourcenverknappung (in bezug auf die Erfüllung von Reproduktionsinteressen) und damit eine Erhöhung des Selektionsdrucks gesorgt. Nun könnten die Lebewesen selbst wie im Schlaraffenland leben und ihre Populationsgröße unverändert lassen, trotzdem würde es durch die ungleiche Verteilung der Reproduktionsinteressen zu einem Selektionsdruck kommen.
Die Darwinsche Evolutionstheorie macht eine klare Unterscheidung zwischen natürlicher Selektion (siehe Abschnitt Biologische Evolutionstheorie) und sexueller Selektion (siehe Abschnitt Sexuelle Selektion). Für beide Evolutionsmechanismen geht sie sogar von unterschiedlichen Prämissen aus, zum Beispiel bei der natürlichen Selektion von dem »in der Natur zu beobachtenden Phänomen der Überproduktion« von Nachkommen (vgl. Bernd-Olaf Küppers, Der Ursprung biologischer Information - Zur Naturphilosophie der Lebensentstehung, 1990, S. 28), welches aber für die sexuelle Selektion keine Rolle spielt. Die Systemische Evolutionstheorie kennt demgegenüber keine uneinheitlichen Evolutionsmechanismen, höchstens unterschiedliche Evolutionsumgebungen mit eigenständigen Kommunikationsmechanismen (Dominanz versus Gefallen-wollen) und Anpassungszielen (Erlangung von natürlichen Ressourcen wie Nahrung und Raum versus Erlangung von Fortpflanzungspartnern). Die Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie sind - anders als bei der Darwinschen Evolutionstheorie - für alle Evolutionen stets gleich: Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion. Eine tiefergehende Diskussion des Themas findet sich im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie und Selektionen.

„Bei der sexuellen Fortpflanzung schließt dies auch die Gewinnung von Sexualpartnern mit ein.“ (Ebd.).

Die bisherigen Überlegungen sollen durch einige Beispiele weiter veranschaulicht werden:“ (Ebd., S. 102-113).

„Beispiel 1:
In einer fiktiven Vogelpopulation selektieren die Weibchen die Männchen ausschließlich über die Farbe ihres Kopfschmuckes, wobei sie ganz eindeutig Rot bevorzugen. Nach einigen Generationen besitzt die überwiegende Zahl der Männchen einen roten Kopfschmuck.
Irgendwann fliegt ein Männchen einer benachbarten Population mit einem tiefblauen Kopfschmuck zu. Die Weibchen sind begeistert und wechseln ihre Präferenz umgehend in Blau. Einige Generationen später besitzt die überwiegende Zahl der Männchen einen blauen Kopfschmuck.“ (Ebd., S. 113).

„Dieses Beispiel zeigt: Haben alle Männchen ein ähnlich gelagertes Reproduktionsinteresse, dann werden sich evolutionär stets die Eigenschaften durchsetzen, die einer hohen Fitneß in bezug auf ihren Lebensraum (in diesem Fall: die weiblichen Partnerwahlpräferenzen) entsprechen. Zunächst war dies ein roter Kopfschmuck, wenig später, als Folge eines spontanen weiblichen Stimmungswandels (einer Laune der Natur sozusagen), dann eben ein blauer (**). Während sich das Anpassungsziel für die Männchen irgendwann spontan änderte, blieb ihr Reproduktionsinteresse stets konstant.“ (Ebd., S. 113-114).


„Die nächsten Abschnitte werden zeigen, daß Weibchen ihre Fortpflanzungspartner üblicherweise gemäß Fitneßindikatoren selektieren, die Aufschluß über die »wirkliche« Fitneß (in bezug auf den Lebensraum) des Männchens geben. Die Wahl fällt dann beispielsweise vorzugsweise auf Pfauenmännchen, die über einen besonders beeindruckenden Schweif verfügen. Biologisch macht dies aber nur dann Sinn, wenn der Schweif gleichzeitig auch Ausdruck einer sehr guten Anpassung des Männchens an sein Milieu ist, weil die Anpassung der Population an ihren Lebensraum auf diese Weise möglichst lange aufrechterhalten werden kann. Ganz ähnlich sieht es bei Konsumentscheidungen aus. Technische Geräte werden von Kunden meist nicht nur nach Form und Farbe gewählt (selektiert), sondern ganz entscheidend auch nach technischen Kriterien (Fitneßindikatoren). Sie müssen dabei nicht notwendigerweise anderen Geräten« überlegen sein, doch sollten sie die wesentlichen funktionalen Kundenanfordernngen souverän erfüllen können, das heißt funktional »fit« sein.“ (Ebd.).

„Würden Männchen mit rotem Kopfschmuck ein ausgesprochen hohes Reproduktionsinteresse besitzen, solche mit blauem dagegen ein sehr niedriges, würden sich in der Population weiterhin die Rotköpfler durchsetzen, obwohl sie aktuell schlechter an die weiblichen Partnerwahlpräferenzen (und damit den Lebensraum) angepaßt sind. Es ist folglich das Reproduktionsinteresse, was die Evolution bewirkt.“ (Ebd., S. 114).

„Beispiel 2:
Eine auf einer Insel lebende fiktive Landechsenpopulation ernährt sich fast ausschließlich von einer bestimmten Käfersorte. Nach einem schweren Vulkanausbruch bricht die Insel in zwei Teile auseinander. Die auf dem kleineren Inselteil verbleibenden Echsen müssen sich nach einer neuen Nahrungsquelle umsehen, denn dort sind alle Käfer ausgestorben. Einigen Exemplaren gelingt es, Fische zu fangen und auf diese Weise zu überleben. Mit der Zeit fällt ihnen die Nahrungssuche immer leichter. Im Rahmen der weiteren Adaption bilden sich bei ihnen Schwimmhäute aus, womit ihnen dann sogar die Rückkehr zum anderen Inselteil gelingt.
Nach einem erneuten Vulkanausbruch sterben auch auf diesem Inselteil alle Käfer aus. Die noch auf Käfer fixierte Echsenart muß sich nun ebenfalls nach einer neuen Nahrungsquelle umsehen. Fische kommen nicht in Betracht, denn gegen die bereits auf den Fischfang spezialisierten ehemaligen Artgenossen haben sie in dieser Hinsicht keine Chance. Binnen weniger Generationen sterben sie am Ende eines verzweifelten Überlebenskampfes endgültig aus. “ (Ebd., S. 113-114).

„Oberflächlich betrachtet könnte man sagen: Die bereits an den Fischfang adaptierte Echsenart überlebte, die Käfer-Echsenart dagegen nicht, denn sie war nicht ausreichend an den Lebensraum angepaßt: Survival of the Fittest.“ (Ebd., S. 115).

„Dies ist richtig, aber lediglich vom Ergebnis her. Tatsächlich trieb das ungebrochene Reproduktionsinteresse der Individuen zu jedem Zeitpunkt die Entwicklung voran. Für die Käfer-Echsen wurden die Lebensbedingungen dann aber am Ende so schwierig, daß auch ihr Selbsterhaltungs- und Überlebenswille nicht mehr reichte, woraufhin sie von der Erde verschwanden.“ (Ebd., S. 115).

„Beispiel 3:
Zehn fiktive Unternehmen teilen sich einen innovativen Markt. Sie alle haben ungefähr die gleichen Marktanteile und erzielen ähnliche Gewinne und Umsätze.
Neun Unternehmen investieren mehr als 50 Prozent ihrer Gewinne in die Produkterneuerung, das heißt, in Forschung und Entwicklung. Ein Unternehmen schüttet dagegen mehr als 90 Prozent seiner Gewinne als Bonuszahlungen an seine Topmanager aus.“ (Ebd., S. 115).

„Ein Unternehmen besitzt also im Vergleich zu den restlichen neun ein deutlich reduziertes Reproduktionsinteresse. Denn wenn es sicherstellen möchte, daß auch in Zukunft seine Produkte (Kompetenzen) »selektiert« werden, dann sollte ihm vor allem die zukünftige Konkurrenzfähigkeit seiner Produkte am Herzen liegen. Dies ist bei seinen Konkurrenten der Fall, bei ihm jedoch nicht.“ (Ebd., S. 115).

„Das vermutliche Ergebnis: Das Unternehmen wird Marktanteile verlieren und eventuell sogar ganz vom Markt verschwinden. Man sagt dann: Es war nicht mehr ausreichend an die Marktverhältnisse (an sein Milieu) angepaßt.“ (Ebd., S. 115).

„Beispiel 4:
Giraffen erlangen umso mehr Nahrung, je länger ihr Hals ist. Anders gesagt: Ihre Fitneß korreliert mit ihrer Halslänge.
Nehmen wir nun an, eine Giraffenpopulation habe sich für eine »moderne« Reproduktionsstrategie entschieden: Die Giraffen mit den längsten Hälsen fressen das hohe Laub nur zum Teil selbst. Einen größeren Teil (»Laub-Steuer«) lassen sie für ihre kurzhalsigen Artgenossen einfach zu Boden fallen. Als Gegenleistung übernehmen diese dafür die Nachwuchsarbeit. Das Reproduktionsinteresse der kurzhalsigen Giraffen ist also hoch, das der langhalsigen dafür niedrig.
Mit der Zeit wird die gesamte Giraffenpopulation auf diese Weise immer kurzhalsiger. Der lange Hals stellt zwar prinzipiell einen Vorteil dar, allerdings führt er aufgrund der Reproduktionsstrategie der Giraffenpopulation sehr bald zur evolutionären Elimination.
Daraus ergeben sich für die Zukunft zwei Alternativen:
Die Giraffenpopulation stirbt aus (Fehlanpassung aufgrund einer törichten Reproduktionsstrategie).
Die Giraffenpopulation ändert ihr Verhalten gegenüber ihrem Lebensraum und konzentriert sich auf eine Nahrungssuche in Bodennähe. Irgendwann dürfte das Reproduktionsinteresse wieder mit der Lebensraum-Fitneß der Individuen im Einklang stehen und die Population könnte - nun allerdings körperlich sehr stark verändert - weiter fortbestehen.“ (Ebd., S. 115-116).

„Das Beispiel zeigt: Temporäre evolutionäre Fehlsteuerungen müssen nicht notwendigerweise zum Aussterben einer Art führen. Solange das Reproduktionsinteresse in weiten Teilen einer Population ungebrochen ist, ist eine Rückkehr zu langfristig stabilen Adaptionsprozessen noch möglich. Bei dauerhaft beschädigten Reproduktionsinteressen kann Evolution dagegen nicht mehr stattfinden.“ (Ebd., S. 116).

„Fazit:
Die obigen Beispiele konnten deutlich machen, daß das Reproduktionsinteresse für das Nachwuchsverhalten und die Evolution von Populationen von entscheidender Bedeutung ist.
Im Rahmen der Diskussion um den demographischen Wandel wird sich zeigen, daß in modernen Gesellschaften zwar noch ein ungebrochenes Paarungsinteresse, aber nur noch ein sehr stark vermindertes Reproduktionsinteresse besteht, und zwar um so ausgeprägter, je qualifizierter eine Person ist. In Gesellschaften mit Gleichberechtigung der Geschlechter und leistungsfahigen Methoden zur Familienplanung lassen sich Entscheidungen für oder gegen Nachwuchs für das einzelne Individuum regelrecht ökonomisch abwägen. Dieser Umstand sollte bei allen familien- und bevölkerungspolitischen Maßnahmen eingehend berücksichtigt werden.
Auch dürfte sich bei generell niedrigen Reproduktionsinteressen jeglicher Selektionsdruck schon sehr bald verflüchtigen. Besteht wie in modemen Gesellschaften dann zusätzlich noch ein negativer Zusammenhang zwischen gesellschaftlich nutzbaren Kompetenzen und Reproduktionsinteressen, dann dürfte die langfristige Sicherstellung der Anpassungsfähigkeit der Population an sich wandelnde Anforderungen mehr als fraglich sein.“ (Ebd., S. 116-117).

4.6) Alternative Fassungen der Darwinschen Theorie

„Die Systemische Evolutionstheorie umgeht die gerade dargestellte Problematik (vgl. a.a.O.; HB), da sie im Kriterium Reproduktion einen struktur- und kompetenzerhaltenden Reproduktionsprozeß fordert. Für biologische Populationen heißt dies nichts anderes als: Nachkommen müssen ihren Vorfahren ähneln.“ (Ebd., S. 119).

„Beachten wir ... einmal die folgende Erläuterung der Darwinschen Motivationen bei der Formulierung seines Prinzips der natürlichen Auslese:
»Die Lektüre von Malthus brachte ihn auf die Idee, die seine später veröffentlichte Theorie ausmacht: Pflanzen und Tiere produzieren mehr Nachkommen, als die Umwelt ernähren kann. Folglich werden sie zu Konkurrenten, von denen nur einige überleben können. Welche überleben, hängt von den Eigenschaften der Individuen ab. Diejenigen, die aufgrund ihrer Ausstattung besser mit ihrer Umwelt zurechtkommen (besser angepaßt sind), werden überleben, die anderen zugrunde gehen. Dieser Prozeß bewirkt, daß sich die Lebewesen an ihre Umwelt anpassen. Verändert sich die Umwelt, werden sich dementsprechend auch die Arten verändern.« (Manuela Lenzen, Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften, 2003, S. 49).“ (Ebd., S. 120).

„In dieser Zusammenfassung taucht ein ganz entscheidender Satz auf, der aber sehr leicht überlesen werden kann: »Folglich werden sie zu Konkurrenen« (**).“ (Ebd., S. 120).


„Anders als es die Darstellung von Manuela Lenzen suggerieren könnte, werden die Individuen aber nicht nur zu Konkurrenten um den Selbsterhalt, sondern vor allem auch um die Fortpflanzung (Reproduktion). Denn sonst könnte sich ein sehr gut angepaßtes Individuum ja auf den eigenen Selbsterhalt beschränken und die Fortpflanzungsarbeit den anderen überlassen. Dann würden seine spezifischen Kompetenzen aber gleichfalls aus dem Spiel der Evolution ausscheiden. Konkurrenz beinhaltet somit immer beides, nämlich 1. den Wettbewerb um Nahrung (beziehungsweise generell um Ressourcen) und 2. den um die Fortpflanzung.“ (Ebd.).

„Übersetzt heißt dies nichts anderes als: Evolution findet statt, weil die verschiedenen Individuen einer Population im Wettbewerb miteinander stehen und ihr zukünftiges Fortbestehen unter sich »ausfechten«. Sie schaffen den Prozeß aus sich heraus (eigendynamisch) und sind dabei nicht auf externe Eingriffe von Züchtern oder gar Schöpfern angewiesen.“ (Ebd., S. 121).

„Wie wir gesehen haben, basiert Evolution »aus sich heraus« zwar maßgeblich auf den konkurrierenden Eigeninteressen von Individuen, trotzdem wird dieses wesentliche Kriterium in zahlreichen Fassungen der Evolutionstheorie nicht einmal erwähnt. Doch wie könnte es formuliert werden? Etwa so, wie es Darwin nach der Lektüre von Malthus’ Schriften tat?“  (Ebd., S. 122).

„Die Systemische Evolutionstheorie hat diese Fragen beantwortet (siehe dazu die Begründungen zur Objektorientierung im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie): Es sind die den Individuen innewohnenden - aber nicht notwendigerweise einheitlich vorhandenen - Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen, die den Evolutionsprozeß in Gang bringen und auch am Leben erhalten. Sie sind es, die den Evolutionsprinzipien ihr Leben einhauchen. Man könnte sie auch als eine Übersetzung oder gar Formalisierung der Konkurrenzbedingung im Darwinschen Prinzip der natürlichen Auslese auffassen (**), zum Beispiel in der folgenden Art und Weise:
Pflanzen und Tiere produzieren mehr Nachkommen, als die Umwelt ernähren kann.
Übersetzung: Lebewesen besitzen ein Fortpflanzungsinteresse: Sie wollen sich reproduzieren, und zwar die besser an den Lebensraum angepaßten Individuen mindestens genauso stark wie die weniger gut angepaßten (**).
Folglich werden sie zu Konkurrenten, von denen nur einige überleben können.
Übersetzung: Lebewesen werden in Mangelsituationen zu Konkurrenten, weil sie sich selbsterhalten wollen; weil sie ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse besitzen.(Ebd., S. 122).


„Es könnte nun eingewendet werden, daß auch die Systemische Evolutionstheorie künstliche Zuchtwahlen keineswegs ausschließt, denn ein Züchter könnte ja die vorhandenen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen der Individuen ignorieren und nach eigenen Kriterien selektieren. Letztlich spielt das für unsere Überlegungen jedoch keine Rolle. Entscheidend ist, daß die Systemische Evolutionstheorie die Prinzipien beschreibt, mittels denen Evolution eigendynamisch stattfinden kann ....“ (Ebd.).

„Manfred Eigen nennt das entsprechend eine »inhärent autokatalytische Selbstvermehrung«.“ (Ebd.).

„Und damit komme ich zu einem grundsätzlichen Problem der Darwinschen Evolutionstheorie: Die Theorie mag zwar - wie Dawkins behauptet - erstaunlich einfach sein, dennoch gibt es für sie bis heute keine allgemein akzeptierte Formulierung (**).“ (Ebd., S. 124).


„Diese Tatsache spricht eher für einen äußerst komplexen Sachverhalt als für eine kindische Einfachheit«.“ (Ebd.).

4.7) Wachstum

„Es wurde bereits im Abschnitt Ausdifferenzierung darauf hingewiesen, daß Lebewesen und Unternehmen - selbsterhaltende Systeme also - im allgemeinen zu Wachstum tendieren, da sie hierdurch ihre Energieeffizienz - und damit ihren Selbsterhalt - oftmals signifikant verbessern können. Beispielsweise sinken in der Produktion von Waren bei steigenden Stückzahlen üblicherweise die Stückkosten, wodurch Unternehmen produktiver werden, und sie ihre Produkte und Dienstleistungen günstiger beziehungsweise gewinnreicher anbieten können. (**).“ (Ebd., S. 125).

„Bei Lebewesen spielt in diesem Zusammenhang das sogenannte Maßstabsgesetz - das sich mit der Größe verändernde Verhältnis von Oberfläche zu Volumen beziehungsweise Gewicht - eine entscheidende Rolle (vgl. Chris Lavers, Warum haben Elefanten so große Ohren?,  2003, S. 16f.): Die Oberfläche eines Lebewesens nimmt nämlich mit der Größe nicht genauso schnell zu wie das Volumen oder das Gewicht, was zur Folge hat, daß sein relativer Wärmeverlust mit zunehmender Größe zurückgeht. Speziell für Warmblüter wie Säugetiere oder Vögel dürfte dieser Umstand von großer Bedeutung sein.“ (Ebd., S. 125).

„Tiere haben deshalb im Laufe der Evolution hin zu größerer Gestalt ihre Stoffwechselrate reduziert: Je größer das Tier, desto geringer der Umsatz pro Zelle. Man könnte deshalb auch sagen: Größere Tiere wirtschaften relativ gesehen energieeffizienter als kleinere Tiere.“ (Ebd., S. 125).

„Allerdings werden solche Vorteile mit den Nachteilen einer verringerten Beweglichkeit und Flexibilität erkauft: »Wenn das Körpergewicht sinkt, wird das Skelett nicht nur absolut, sondern auch relativ leichter - die Tiere werden lebhafter und beweglicher.« (Chris Lavers, Warum haben Elefanten so große Ohren?,  2003, S. 37).“ (Ebd., S. 125).

„Wie schon im Abschnitt Leben und Energie erwähnt wurde, können jagende Fleischfresser aus diesem Grund nicht die gleiche maximale Größe erreichen wie Pflanzenfresser (vgl. GEOLino.de 2006; Chris Lavers, Warum haben Elefanten so große Ohren?,  2003, S 15ff.). Mit zunehmender Größe dürfte aber auch die Anpassungsfähigkeit eines Systems an sich rasch verändernde Rahmenbedingungen zurückgehenein Zusammenhang, der auch aus der Unternehmenswelt her bekannt ist.“ (Ebd., S. 125).

„Mit dem bisher Gesagten erklärt sich jedoch noch nicht, warum auch biologische Populationen eine Tendenz zum zahlenmäßigen Wachstum besitzen. Wir erinnern uns: Für Charles Darwin war die ständige Überproduktion von Nachkommen eine unabdingbare Voraussetzung für Evolution. Einen systemischen Grund dafür haben wir bereits im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie kennengelernt: Der Struktur- und Kompetenzerhalt evolutionsfähiger Systeme. Das folgende Beispiel soll dies noch etwas präzisieren.
Beispiel:
Stellen wir uns zwei sich asexuell fortpflanzende biologische Arten (Populationen) vor, die in einem gemeinsamen Lebensraum um die gleichen Ressourcen konkurrieren. Beide Populationen bestehen zu Beginn aus genau 3000 Individuen, wobei jeweils 1000 Individuen über eine gute, mittlere oder ausreichende Adaption an die Umwelt verfügen. Mengenmäßige Bestandserhaltung wird bei beiden Spezies bei einer durchschnittlichen F ertilitätsrate von 1,0 erreicht.
Es sei einfachheitshalber angenommen, daß alle Nachkommen die gleichen Lebensraumadaptionen (gut, mittel, ausreichend) wie ihre EItern besitzen.
Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Spezies besteht in ihrer , sozialen Organisation: Während bei der ersten Spezies Individuen mit guter Adaption noch zusätzliche soziale Aufgaben übernehmen (zum Beispiel Schutz - wodurch sich ihr Reproduktionsinteresse reduziert), kennt die zweite Spezies etwas Vergleichbares nicht. In der Folge haben bei der ersten Spezies Individuen mit guter Anpassung durchschnittlich lediglich 1,0 Nachkommen, mit mittlerer 1,1 und mit ausreichender Adaption 1,0. Bei der zweiten Spezies haben dagegen Individuen mit guter Adaption durchschnittlich 1,2 Nachkommen, während sich die restlichen Individuen mengenmäßig entsprechend der ersten Spezies fortpflanzen.
Liegen im Lebensraum keinerlei Ressourcenbeschränkungen vor, dann würde die erste Population nach 50 Generationen auf ca. 120000 Individuen anwachsen, die zweite Population sogar auf mehr als 9 Millionen. Über 98 Prozent der Summe aller Individuen aus beiden Populationen gehörten dann der zweiten Spezies an.
Noch bedenklicher sähe die Situation für die erste Spezies aus, wenn der Lebensraum beschränkt wäre und beispielsweise nur Resourcen für maximal 6000 Individuen böte. Denn dann würde die Population der ersten Spezies nach 50 Generationen auf 77 Individuen schrumpfen, während die zweite Population gleichzeitig auf 5923 Individuen und damit auf fast 99 Prozent der Summe aller Individuen aus beiden Populationen angewachsen wäre. Anders als bei einer fehlenden Beschränkung des Lebensraums stünde die erste Spezies in diesem Szenario unmittelbar vor dem Aussterben.
Eine zurückhaltende Reproduktionsweise kann deshalb langfristig keine evoalutionär stabile Strategie sein, weil die Population nämlich sonst schon bald von sich anders verhaltenden Konkurrenten verdrängt werden dürfte.“ (Ebd., S. 125-127).

„Allerdings könnte sich die erste Spezies für eine der beiden folgenden Alternativen entscheiden:
Sie könnte einen Krieg gegen die zweite Spezies anzetteln, mit dem Ziel, deren Populationszahlen zu reduzieren. Dies dürfte jedoch im obigen Beispiel wenig erfolgversprechend sein, da die zweite Spezies schon nach wenigen Generationen sowohl von den Kopfzahlen her als auch anteilsmäßig über sehr viel mehr Individuen mit einer guten Anpassung an den Lebensraum verfügte. Es ist deshalb wenig wahrscheinlich, daß die erste Spezies einen solchen Krieg für sich entscheiden wird.
Sie könnte in ihrer Reproduktionsstrategie bewußt auf Qualität statt Quantität setzen. Entsprechende »Ziele« verfolgen getrenntgeschlechtliche Populationen (siehe Abschnitt Paarungsverhalten als evolutionärer Vorteil und Unterabschnitt Die Vorteile der Sexualität). Am Ende verfügte die erste Spezies dann zwar vielleicht über weniger Individuen als die zweite Spezies, allerdings wären diese durchschnittlich besser an den Lebensraum angepaßt, so daß sie von der zweiten Population nicht einfach verdrängt werden könnten. Jedoch würde auch hier gelten: Das Reproduktionspotential der Spezies muß ausgenutzt werden, sonst werden dies konkurrierende Arten mit ähnlichen Fortpflanzungsweisen tun. Eine denkbare Ausnahme stellt hier der Mensch dar, der unter den biologischen Spezies mittlerweile keinen direkten Konkurrenten mehr besitzt, so daß er sich selbst bei gewollt schrumpfenden Bevölkerungszahlen fortlaufend an sich verändernde Rahmenbedingungen anpassen könnte (siehe Kapitel Demographischer Wandel und Unterabschnitt Die Vorteile der Sexualität).“ (Ebd., S. 127).

4.8) Vererbungssysteme und Replikatoren

„In vielen populären Abhandlungen zur Evolutionstheorie stehen sogenannte Replikataren im Zentrum der Betrachtungen, und zwar insbesondere dann, wenn es nicht nur um die biologische Evolution, sondern auch um nichtbiologische Entwicklungsprozesse geht. Im Abschnitt Meme auf wurde bereits dargelegt, daß für Richard Dawkins das Gen der für die biologische Evolution verantwortliche Replikator ist, für die kulturelle Evolution dagegen das Mem. Ich hatte an dieser Stelle bereits angemerkt, daß ein solches theoretisches Konzept dazu veranlassen könnte, die Analyse von Evolutionsprozessen stets mit einer Suche nach geeigneten Replikatoren zu beginnen, was aber in den meisten Fällen nicht zielführend sein dürfte.“ (Ebd., S. 127-128).

„Andere Autoren präferieren dagegen den Begriff des Vererbungssystems, der in vieler Hinsicht allgemeiner gefaßt ist als der des Replikators. Ich werde darauf noch zurückkommen.“ (Ebd., S. 128).

„Richard Dawkins erläutert die Hintergründe des Replikatorendenkens wie folgt:
»Was ist im Grunde so besonderes an den Genen? Die Antwort lautet: die Tatsache, daß sie Replikatoren sind. Von den Gesetzen der Physik nimmt man an, daß sie im gesamten bekannten Universum gelten. Gibt es irgendwelche Grundsätze der Biologie, bei denen die Wahrscheinlichkeit besteht, daß sie eine ähnlich universelle Gültigkeit besitzen? Wenn Astronauten auf der Suche nach Leben zu fernen Planeten reisen, so können sie erwarten, Lebewesen vorzufinden, die zu fremd und zu unirdisch sind, als daß wir sie uns vorstellen könnten. Aber gibt es nicht irgendetwas, das für alles Leben gelten muß, wo immer es auch gefunden werden mag und was auch immer seine chemischen Grundbausteine sein mögen ? Wenn Lebensformen bestehen, deren chemische Struktur auf Silikon aufbaut und nicht auf Kohlenstoff, oder auf Ammoniak und nicht auf Wasser, wenn Geschöpfe entdeckt werden, die bei minus 100 Grad Celsius zu Tode sieden, wenn eine Form von Leben gefunden wird, die überhaupt nicht auf Chemie beruht, sondern auf elektronischen Schwingkreisen, wird es dann immer noch irgendein allgemeines Prinzip geben, das auf alles Leben zutrifft? Es ist offensichtlich, daß ich das nicht wissen kann, doch wenn ich mich für etwas entscheiden müßte, dann gibt es ein Grundprinzip, auf das ich setzen würde. Nämlich auf das Gesetz, daß alles Leben sich durch den unterschiedlichen Überlebenserfolg sich replizierender Einheiten entwickelt. Das Gen, das Stückchen DNA, ist zufällig die Replikationseinheit, die auf unserem eigenen Planeten überwiegt. Es mag andere geben. Wenn es andere gibt, so werden sie - vorausgesetzt bestimmte zusätzliche Bedingungen sind erfüllt - fast unweigerlich zur Grundlage für einen evolutionären Prozeß werden.
Doch müssen wir uns infremde Welten begeben, um andere Replikatortypen und andere, daraus resultierende Arten von Evolutionen zu finden? Ich meine, daß auf diesem unserem Planeten kürzlich eine neue Art von Replikator aufgetreten ist. Zwar ist er noch jung, treibt noch unbeholfen in seiner Ursuppe herum, aber er ruft bereits evolutionären Wandel hervor, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die das gute alte Gen weit in den Schatten stellt.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 319f.).
Wenn ich mich für ein Grundprinzip, das auf alles Leben zutrifft, entscheiden müßte, dann würde ich auf den Willen von Lebewesen, sich selbstzuerhalten und zu reproduzieren, setzen. Die Kernaussage Richard Dawkins ist dagegen: Replikatoren und deren unterschiedlicher Fortpflanzungserfolg sind die Grundlage des Lebens und der damit verbundenen evolutiven Prozesse (**). Für ihn begann mit dem Aufkommen von Replikatoren die Evolution des Lebens:
»Irgendwann bildete sich zufällig ein besonders bemerkenswertes Molekül. Wir nennen es  R e p l i k a t o r .  Es war vielleicht nicht unbedingt das größte und komplizierteste Molekül ringsumher, aber es besaß die außergewöhnliche Eigenschaft, Kopien seiner selbst herstellen zu können.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 56).
Lebewesen stellen für Dawkins dagegen nur eine vergleichsweise sekundäre Erscheinung dar:
»Die Replikatoren fingen an, nicht mehr einfach zu existieren, sondern für sich selbst Behälter zu konstruieren, Vehikel für ihr Fortbestehen. Es überlebten diejenigen Replikatoren, die um sich herum  Ü b e r l e b e n s m a s c h i n e n  bauten.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 63).
Bei der biologischen Evolution sollen gemäß Dawkins die Replikatoren die Gene sein, bei der kulturellen die Meme (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Meme). Konkurrenz entsteht demgemäß vor allem auf der Ebene der »egoistischen« Replikatoren, während sich das Verhalten von Individuen beziehungsweise von Gen-Überlebensmaschinen sehr weit über die darin zum Ausdruck kommenden Eigeninteressen der in ihnen wirkenden Replikatoren erklären läßt:
»So wie es sich als brauchbar erwiesen hat, daß wir uns die Gene als aktive Handlungsträger vorstellten, die zielbewußt auf ihr eigenes Überleben hinarbeiten, könnte es vielleicht nützlich sein, sich die Meme ebenfalls so vorzustellen. .... Wir haben Bezeichnungen wie »eigennützig« und »rücksichtslos » auf die Gene angewandt und waren uns dabei völlig im klaren darüber, daß es sich lediglich um eine Sprachfigur handelt (**). Können wir, in genau dem gleichen Sinne, nach eigennützigen oder rücksichtslosen Memen Ausschau halten?
Hier stellt sich nun ein Problem, das die Natur der Konkurrenz betrifft. Wo es geschlechtliche Fortpflanzung gibt, konkurriert jedes Gen vor allem mit seinen eigenen Allelen-Rivalen für dieselbe Stelle auf dem Chromosom. Bei den Memen scheint es nichts den Chromosomen Entsprechendes zu geben und nichts, was den Allelen entspricht. .... Sollen wir annehmen, daß sie »eigennützig« oder daß sie » rücksichtslos « sind, wenn sie keine Allele haben? Tatsächlich können wir dies erwarten, denn in gewissem Sinne müssen Meme sich auf eine Art Konkurrenz miteinander einlassen.
Jeder, der einmal einen Großrechner benutzt hat, weiß, wie kostbar Rechenzeit und Speicherkapazität sind. In vielen großen Rechenzentren muß man dafür tatsächlich Geld bezahlen, oder man bekommt eine Laufzeit zugeteilt, die in Sekunden gemessen wird. Die Computer, in denen die Meme leben, sind die Gehirne der Menschen. Bei diesen ist die Zeit möglicherweise ein wichtigerer Faktor als der Speicherplatz, und sie ist Gegenstand heftiger Konkurrenz. Das menschliche Gehirn und der Körper, den es steuert, können nicht mehr als eins oder einige wenige Dinge gleichzeitig tun. Wenn ein Mem die Aufmerksamkeit eines menschlichen Gehirns in Anspruch nehmen will, so muß es dies auf Kosten ›rivalisierender‹ Meme tun.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 327).
Mit anderen Worten: Gene konkurrieren um den Platz auf Chromosomen, Meme um die Aufmerksamkeit menschlicher Gehirne.“ (Ebd., S. 128-130).


„Dies ist eine äußerst problematische Aussage. Denn wenig später erklärt Richard Dawkins, daß Meme genau die gleichen Eigenschaften besitzen, folglich könnten auch sie dem Leben zugerechnet werden.“ (Ebd.).

„Nun sind aber Phänomene wie Konkurrenz, Eigennutz und Rücksichtslosigkeit in menscl1lich Gesellschaften und in der Natur nicht einfach nur Sprachfiguren, sondern in höchstem Maße real.“ (Ebd.).

„Ich muß gestehen, dies scheint mir sehr weit hergeholt bis fast absurd zu sein. Auch ergeben sich aus einer solchen Vorstellung einige unmittelbare logische Probleme, zum Beispiel bezüglich des Zusammenspiels von Phänotyp und Genotyp.“ (Ebd., S. 130).

„Gemäß Richard Dawkins ist nämlich in biologischen Populationen »die fundamentale Einheit für die Selektion und damit für das Eigeninteresse nicht die Art, nicht die Gruppe und - streng genommen - nicht einmal das Individuum .... Es ist das Gen, die Erbeinheit.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 50f.).“ (Ebd., S. 130-131).

„Folgt man dieser Argumentation, dann läge das Reproduktionsinteresse also beim Replikator- Gen und nicht beim Individuum, was recht problematische Folgerungen hat, denn schließlich kann ein Gen ein eventuelles Reproduktionsinteresse nur über seine »Überlebensmaschine« Individuum ausdrücken und realisieren. Hinzu kommt, daß Dawkins im Rahmen seiner weiteren Ausführungen nicht hinreichend präzise erklären kann, was Gene nun eigentlich sind, denn ganz egal wie klein er seine DNA-Sequenzen dafur auch wählen mag, die Natur wird diese Einheiten während des Fortpflanzungsvorgangs immer mal wieder auseinander schneiden (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 64ff.). Das führt zu dem Dilemma, daß die von ihm definierte Einheit der Selektion letztlich gar keine invariante Einheit ist:
»Ein Gen ist definiert als jedes beliebige Stück Chromosomenmaterial, welches potentiell so viele Generationen überdauert, daß es als eine Einheit der natürlichen Auslese dienen kann.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 75).
Und weiter:
»Wollte man genau sein, so dürfte dieses Buch weder ›Das egoistische Cistron‹ noch ›Das egoistische Chromosom‹ heißen, sondern eher ›Das etwas egoistische große Stückchen Chromosom und das sogar noch egoistischere kleine Stückchen Chromosom‹. Doch das ist ein -gelinde gesagt -nicht gerade spannender Titel, daher definiere ich ein Gen als ein kleines Stückchen Chromosom, das potentiell viele Generationen überdauert, und nenne das Buch ›Das egoistische Gen‹.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 82).
Die meisten anderen Autoren betonen dagegen, daß nur der Phänotyp Gegenstand der Selektion sein kann:
»Die Selektion setzt immer bei den Phänotypen an, bei den Individuen oder auch Gruppen. Ausgelesen werden aber letztlich die Gene als die eigentlichen Replikatoren.« (Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Die Biologie des menschlichen Verhaltens, 1984, S. 547).
Oder noch etwas ausführlicher ausgedrückt - und bereits mit einigen Fragezeichen versehen :
»In der Evolution wirkt die Selektion stets auf die Variation des Phänotyps, der sämtliche beobachtbaren Eigenschaften und Funktionsmerkmale des Organismus enthält. Das ist ein Lieblingsbegriff der Evolutionsbiologen, der auch in Begriffskombinationen wie ›phänotypische Variation‹ oder›phänotypische Veränderung‹ auftritt. Die Selektion wirkt nicht direkt auf die DNA-Sequenz (die auch als Genotyp bezeichnet wird). Auf den Genotyp wirkt sie nur indirekt durch den Phänotyp, dessen Merkmale weitgehend vom Genotyp abhängen. .... Da es der Phänotyp ist, der der Selektion unterliegt, aber der Genotyp vererbt wird um den Phänotyp zu produzieren, ist es entscheidend, die Prozesse zu verstehen, die beide miteinander verknüpfen.« (Marc W. Kirschner / John C. Gerhart, Die Lösung von Darwins Dilemma, 2007, S. 27f.).
Gemäß der Dawkinschen Theorien der egoistischen Gene und Meme entwickelt sich die »Überlebensmaschine« Mensch zunächst aus dessen Genen. Anschließend würde dieses noch unfertige Individuum erzogen und ausgebildet und sein Gehirn dabei mit einer ganzen Reihe unterschiedlichster Meme beladen. Erst jetzt hätte sich sein Phänotyp voll entfaltet.
Beispiel:
Ein eineiiges Zwillingspaar (beides Jungen) wird bei der Geburt getrennt, so daß die beiden Brüder in unterschiedlichen Bauernfamilien aufwachsen. Die erste Familie unterrichtet ihr Kind intensiv in Lesen, Schreiben und Rechnen, während sein Zwillingsbruder alle möglichen Feld- und Hausarbeiten verrichten muß. Er bleibt Analphabet.
Wenige Jahre später verschlechtern sich die Verhältnisse auf dem Land und beide Brüder müssen sich unabhängig voneinander um eine Arbeitsstelle in der benachbarten Stadt bemühen. Der des Lesens mächtige Bruder findet prompt eine geeignete Stelle bei einem einflußreichen Würdenträger und macht schon bald Karriere. Er heiratet eine Tochter des Bürgermeisters und hat mit ihr zusammen 9 Kinder. Sein Bruder findet dagegen keine Arbeit und stirbt während eines sehr kalten Winters an Hunger und Unterkühlung.
Das Beispiel macht deutlich, daß eine »Selektion« zwangsläufig am Phänotyp ansetzen muß. Der Genotyp mag zwar in vielen Fällen - insbesondere im Tierreich - eine ganz entscheidende Rolle spielen, er ist aber sicherlich nicht der einzige Faktor, der bei einer Selektion zur Geltung kommt. Zumindest in menschlichen Gesellschaften muß er dafür sogar nicht einmal ausschlaggebend sein.“ (Ebd., S. 131-132).

„Ein Selektionsprinzip, welches am Phänotyp ansetzt, dann aber nur den Genotyp ausliest, der für die Selektion möglicherweise aber nicht einmal entscheidend war, dürfte Evolution nicht wirklich plausibel erklären können.“ (Ebd., S. 132).

„Unabhängig davon mehren sich die Hinweise, daß in der Natur neben der Vererbung genetischer Merkmale auch die Vererbung erworbener, epigenetischer Eigenschaften eine wesentliche Rolle spielen könnte. Einige Autoren sprechen deshalb bereits von unabhängigen Vererbungssystemen, die im Rahmen der Evolution alle zu berücksichtigen seien, und in denen zum Teil auch der Status der Umwelt oder die Erfahrungen der Eltern eine Rolle spielen könnten.“ (Ebd., S. 133).

„Jablonka und Lamb unterscheiden in gleich vier verschiedene solcher Systeme, und zwar ein genetisches, epigenetisches, verhaltensspezifisches und zeichenbasiertes Vererbungssystem, wobei das letzte der genannten Systeme ausschließlich dem Menschen zugesprochen wird (vgl. Eva Jablonka / Marion J. Lamb, Evolution in 4 Dimensionen, 2006). Gemäß ihrer Auffassung wäre sogar eine Evolution mit stark veränderten Phänotypen möglich, wenn alle Individuen über den gleichen genetischen Code verfügten, wenn sich also nur auf epigenetischer, verhaltensspezifischer und zeichenbasierter Ebene etwas ändern würde. Sie behaupten, daß Individuen über alle drei genannten Vererbungssysteme auch gewisse Erfahrungen mit ihrem Lebensraum an ihre Nachkommen weitergeben könnten. Beispielsweise entwickelt sich Flachs verzweigter und hat auch breitere Blätter, wenn er regeImäßig gedüngt wird. Diese Merkmale können aber offenkundig auch über den Samen epigenetisch an die nächste Generation weitergeben werden (vgl. Manuela Lenzen, Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften, 2003, S. 82).“ (Ebd., S. 133).

„Wie ich bereits erläutert habe, ist in analoger Weise auch eine gewisse Evolution der Computertechnik selbst dann noch vorstellbar, wenn sich nur die Softwareseite weiterentwickelt, die Hardware dagegen immer gleich bleibt (siehe Abschnitt Systemische Evolutionstheorie [**]).“ (Ebd., S. 133).

„Ähnliche Ideen wie Jablonka und Lamb verfolgen Sterelny und Griffiths mit ihrer Theorie der Entwicklungssysteme, bei der der Phänotyp eines Organismus gesamthaft als ein sich entwickelndes System betrachtet wird, in deren Rahmen die Gene nicht mehr die ausschließliche Rolle spielen, sondern nur ein Faktor unter vielen sind. Den Vertretern dieses Ansatzes zufolge kennt die Evolution keine privilegierten Replikatoren, die allein für die stammesgeschichtliche Weiterentwicklung von Organismen verantwortlich wären. So gäbe es insbesondere auch keinen in den Genen verankerten Plan, der präzise festlegt, wie sich ein Individuum im Detail zu entwickeln hat (vgl. Manuela Lenzen, Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften, 2003, 83f.).“ (Ebd., S. 133).

„lm Gegensatz zur Theorie der Entwicklungssysteme gemäß Sterelny und Griffiths scheinen mir die davor genannten Ansätze, und zwar ganz gleich ob nun eher Replikatoren oder Vererbungssysteme im Vordergrund stehen, für die Analyse und Beschreibung evolutiver Prozesse nicht wirklich zielführend zu sein. Replikatoren und Vererbungssysteme sind sicherlich wichtig und unverzichtbar, wenn es um eine Erklärung der präzisen technischen Abläufe evolutiver Prozesse geht, zum Beispiel um die Vererbung eines Merkmals wie etwa die Augenfarbe.“ (Ebd., S. 133-134).

„Bei einer Erstanalyse evolutiver Prozesse lenken sie jedoch das Augenmerk zu sehr auf die technischen Aspekte und weniger auf den eigentlichen Gegenstand der Evolution.“ (Ebd., S. 134).

„Richard Dawkins empfiehlt, die Analyse evolutiver Prozesse zunächst mit der Suche nach geeigneten Replikatoren zu beginnen (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 85). Von diesen erwartet er insbesondere, daß sie die Eigenschaften Langlebigkeit, Fruchtbarkeit (Vermehrungsfähigkeit) und Kopiergenauigkeit besitzen (vgl. ebd., S. 85). Ferner sollten sie untereinander um den Zugang zu einer knappen Ressource konkurrieren, zum Beispiel dem Speicherplatz auf Chromosomen im Falle der Gene oder der menschlichen Aufmerksamkeit bei den Memen.“ (Ebd., S. 134).

„Doch wie will man auf diese Weise die Evolution von Mobiltelefonen oder generell des menschlichen Wissens erklären? Mobiltelefone etwa lassen sich in der Produktion sehr leicht vervielfältigen. Aber evolvieren sie auch bereits durch diesen Reproduktionsvorgang?“ (Ebd., S. 134).

„Im vorliegenden Buch wird ein systemtheoretischer Ansatz (Systemische Evolutionstheorie) zur Beschreibung von Evolutionen vorgeschlagen, der den auf Replikatoren oder Vererbungssystem gestützten Ansätzen in vieler Hinsicht überlegen ist. Denn dabei stehen nicht länger Populationen aus nicht näher spezifizierten Individuen (wie in der Darwinschen Evolutionstheorie) oder gar Replikatoren (wie bei Dawkins) im Vordergrund der Analyse, sondern Populationen aus lauter autonomen Systemen mit eigenständigen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen, in denen es dann auf ganz natürliche Weise zu einem Wettbewerb unter den Individuen und damit auch zu Evolution kommt.“ (Ebd., S. 134).

„Die Systemische Evolutionstheorie interessiert sich folglich in erster Linie für die autonomen Systeme, die sich selbsterhalten und reproduzieren wollen, denn nur die können Gegenstand der Evolution sein. Sie fragt nicht nach Replikatoren, sondern nach evolvierenden selbsterhaltenden Systemen. Dieser Auffassungsunterschied hat weitreichende Konsequenzen.“ (Ebd., S. 134).

„Beispielsweise kann es im Sinne der Systemischen Evolutionstheorie keine selbstständige Evolution von Augen, Ohren oder Nasen geben. Evolvieren können immer nur autonome Systeme mit eigenständigen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen, also zum Beispiel die Lebewesen einer Population. Indirekt können sich im Laufe der Zeit auch deren Augen weiterentwickeln, aber dies wäre dann nur ein Aspekt eines größeren Evolutionsprozesses, nämlich der Evolution der betroffenen Spezies. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Evolution der Technik: Mobiltelefone können nicht selbstständig evolvieren, lediglich deren Hersteller. Die Evolution der Mobiltelefone wäre somit nur ein Aspekt der Evolution der Mobilfunk-Branche.“ (Ebd., S. 134-135).

„In dieser Weise könnte man nun fortschreiten: Bei der wissenschaftlichen Evolution evolvieren Wissenschaftler und Forschungsinstitute, bei der Kunst Künstler und beim Sport Sportler und deren Mannschaften. Ich werde auf diese Punkte im Abschnitt Nichtbiologische Evolution auf und den darauffolgenden Abschnitten noch im Detail eingehen. “ (Ebd., S. 135).

„Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie können stets nur Lebewesen oder auf sie aufbauende biologische Phänomene (zum Beispiel Organisatipnssysteme) evolvieren, denn nur diese sind im Besitz der für evolutive Prozesse erforderlichen Systemeigenschaften.“ (Ebd., S. 135).

„Ohne eine solche theoretische Fundierung dürfte man aber schon bei der Bestimmung des Gegenstands der Evolution in Schwierigkeiten geraten. Merkmale, Kompetenzen, Gene, Meme, Kunstwerke, Gedichte, Opern, Wissenschaften, Sportarten, Autos, Banken, Mobiltelefone: was genau evolviert denn eigentlich?“ (Ebd., S. 135).

„Solange in einem Sachgebiet noch überhaupt keine Klarheit über den Gegenstand der Evolution herrscht, solange können darauf auch keine Evolutionsprinzipien angewendet beziehungsweise dahin übertragen werden. Eine Beschreibung nichtbiologischer Evolutionen ist dann nicht möglich.“ (Ebd., S. 135).

„Die Systemische Evolutionstheorie leistet in diesem Zusammenhang nun vor allem eins: Sie erleichtert die Suche nach dem Gegenstand der Evolution. Und sie präzisiert: Zunächst muss der Gegenstand der Evolution festliegen; erst dann kann über Replikatoren nachgedacht werden.“ (Ebd., S. 135).

4.9) Gültigkeit der Darwinschen Evolutionsprinzipien

4.9.1)   Variation (S. 136)
4.9.2)   Vererbung (S. 136-137)
4.9.3)   Selektion (S. 137-138)

„Man kann zeigen - und das möchte ich auf den nächsten Seiten tun -, daß sich für biologische Populationen die Prinzipien der Darwinschen Evolutionstheorie aus den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie ableiten lassen. Mit anderen Worten: Sind in einer Population die Grundpinzipien der Systemischen Evolutionstheorie erfüllt, dann evolviert diese auch im Darwinschen Sinne. Die Kriterien der Systemischen Evolutionstheorie sind folglich hinreichend für die Anwendbarkeit der Darwinschen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 135-136).

4.9.1) Variation

„Gemäß Maturana und Varela handelt es sich bei Lebewesen um autopoietische Systeme, die dann natürlich auch selbsterhaltend sind. Für biologische Populationen sind die Formulierungen des Variationsprinzips der Systemischen und Darwinschen Evolutionstheorie folglich deckungsgleich.“ (Ebd., S. 136).

„Hieraus ergibt sich unmittelbar:
Genügt eine biologische Population den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie, dann genügt sie auch dem Variations-Prinzip der Darwinschen Evolutionstheorie.
“ (Ebd., S. 136).

4.9.2) Vererbung

„Der Reproduktionsprozeß biologischer Populationen ist die »Fortpflanzung«, wozu beim Menschen allerdings auch der aufwendige Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsprozeß zählt. Die Fortpflanzung ist in der Lage, sowohl die Systemstrukturen der Eltern (Strukturerhaltung) als auch deren Kompetenzen in Bezug auf den Lebensraum (Adaption) zu erneuern (**). Die dabei aus den Eltern erzeugten Replikate (Kopien, Nachkommen) sind zwar einerseits gegenüber ihren Originalen verändert, weisen in der Regel aber auch erhebliche Ähnlichkeiten auf. Ein Teil der Unterschiede betrifft bereits den Genotyp, und zwar aufgrund von Mutationen und genetischen Rekornbinationen. Andere Abweichungen beziehen sich dagegen ausschließlich auf den Phänotyp.“ (Ebd., S. 136).


„In der Natur besitzen die verschiedenen Spezies meist recht unterschiedliche Reproduktionsstrategien. Allerdings können sie auch die Reproduktionsprozesse innerhalb einer Population unterscheiden (siehe dazu auch die Ausführungen in den folgenden Abschnitten). Eva Jablonka und Marion J. Lamb vermuten, daß sich diese ebenfalls evolutionär herausbilden (vgl. Eva Jablonka / Marion J. Lamb, Evolution in 4 Dimensionen, 2006, S. 101).“ (Ebd.).

„Für biologische Populationen sind folglich die Formulierungen des Prinzips Reproduktion der Systemischen und des Prinzips Vererbung der Darwinschen Evolutionstheorie deckungsgleich.“ (Ebd., S. 137).

„Wir können somit festhalten:
Genügt eine biologische Population den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie, dann genügt sie auch dem Vererbungs-Prinzip der Darwinschen Evolutionstheorie.
“ (Ebd., S. 137)

4.9.3) Selektion

„Damit sich ein Lebewesen fortpflanzen kann (Darwin: damit ein Lebewesen selektiert werden kann), muß es sich zunächst im Leben bewähren, ein reproduktionsfähiges Alter erreichen und stets eine ausreichende Menge an Ressourcen zum Erhalt des eigenen Lebens erlangen. Es muß also ausreichend an den Lebensraum angepaßt sein.“ (Ebd., S. 137).

„Bei der sexuellen Fortpflanzung benötigt es aber zusätzlich noch einen Fortpflanzungspartner. Für die Gewinnung von Sexualpartnern haben sich in den verschiedenen Spezies zum Teil ganz unterschiedliche Strategien durchgesetzt, die ansatzweise in den nächsten Abschnitten diskutiert werden sollen. Dominiert in einer Spezies beim Paarungsverhalten etwa die weibliche Selektion (Gefallen-wollen-Kommunikation), dann muß ein Männchen wenigstens ein Weibchen von sich überzeugen können. Anders gesagt: Es muß ausreichend an die Präferenzen des anderen Geschlechts angepaßt sein.“ (Ebd., S. 137).

„Nun ist aber durchaus vorstellbar, daß ein relativ schlecht an den Lebensraum angepaßtes Männchen dennoch sehr viele Weibchen für sich gewinnen kann, während ein besonders gut adaptiertes Männchen diesbezüglich leer ausgeht. Bezogen auf die Darwinsche Evolutionstheorie könnte man sagen: Im ersten Fall genügt das Individuum besonders gut den Bedingungen der sexuellen Selektion und im zweiten Fall denjenigen der natürlichen Selektion. Bei der sexuellen Fortpflanzung könnten also schlechter an den Lebensraum angepaßte Männchen trotzdem besonders viele Nachkommen haben.“ (Ebd., S. 137).

„Um genau das zu verhindern, selektieren die Weibchen bei vielen sich sexuell reproduzierenden Arten ihre Fortpflanzungspartner anhand sogenannter Fitneßindikatoren, die ihnen Aufschluß über den Grad der Anpassung eines Männchens an den Lebensraum geben (siehe Abschnitt Fitneßindikatoren). Die beiden Darwinschen Selektionen synchronisieren sich dann von ihrer Zielrichtung her (**), weswegen wir uns bei der weiteren Analyse einfachheitshalber auf den Grad der Anpassung an den Lebensraum beschränken können.“ (Ebd., S. 137-138).


„So läßt sich praktisch in allen menschlichen Kulturen nachweisen: Nichts steigert die Attraktivitäl eines Mannes gegenüber dem anderen Geschlecht so sehr wie der soziale Erfolg (Thomas P. Weber, Soziobiologie, 2003, S. 77) und das hat ganz entscheidend etwas mit dem erhofften späteren Lebenserfolg des eigenen Nacbwuchses zu tun, und nicht nur mit einer Versorgungsmentalität auf Seiten der Frauen, wie man vorschnell annehmen könnte.“ (Ebd.).

„Dies hat zur Folge: Korreliert das Reproduktionsinteresse in einer Population nicht negativ mit der relativen Fitneß der Individuen in bezug auf den Lebensraum, dann werden Individuen, die besser an ihre Umgebung angepaßt sind, im Mittel einen größeren Reproduktionserfolg haben (häufiger selektiert werden) als andere, und zwar unabhängig davon, ob sich die Spezies asexuell oder sexuell fortpflanzt. Mit anderen Worten: Das Prinzip der natürlichen Selektion setzt sich dann von ganz alleine durch.“ (Ebd., S. 138).

„Wir können folglich festhalten:
Genügt eine biologische Population den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie, dann genügt sie auch dem Prinzip der natürlichen Selektion der Darwinschen Evolutionstheorie.
Die Triebfeder der Evolution ist also offenkundig nicht das Prinzip der natürlichen Selektion, sondern das in den Individuen (gegebenenfalls unterschiedlich stark) vorhandene Reproduktionsinteresse: Ohne Reproduktionsinteressen kann Evolution nicht stattfinden.“ (Ebd., S. 138).

Anders gesagt: Beim Prinzip der natürlichen Selektion handelt es sich um kein Basisprinzip der Evolution, sondern um eine zwangsläufige Konsequenz aus dem grundsätzlicheren Prinzip der kompetenzneutralen Reproduktionsinteressen (**).“ (Ebd., S. 138).


„Auf diese Weise lassen sich dann auch die im Abschnitt Fitneß beschriebenen problematischen Zirkelschlüsse restlos vermeiden.“ (Ebd.).


4.11) Sexualität

„Der Sinn der sexuellen Fortpflanzung und damit der Sexualität insgesamt galt in der Biologie lange Zeit als rätselhaft (siehe dazu auch die ausführliche Diskussion des Themas im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?). Biologen weisen heute meist auf die sehr große genetische Vielfalt hin, die auf diese Weise entstehen kann:
»Der Vorteil der sexuellen Reproduktion besteht höchstwahrscheinlich darin, daß das genetische Material durch die zufällige Verteilung väterlicher beziehungsweise mütterlicher Chromosomen auf die Nachkommen sowie durch den genetischen Austausch zwischen (homologen) Chromosomen (crossing-over) durchmischt wird. Dadurch haben die Nachkommen jeweils neue, einzigartige Mischungen von Genen. Sexualität ist wie eine genetische Lotterie, die in jeder Generation Gewinner und Verlierer produziert, da durch die Rekombination gute von schlechten Genen getrennt werden. Manche Individuen haben deshalb geringere Überlebens- und Reproduktionschancen, wodurch schädliche Mutationen entfernt werden. Andere Gen-Kombinationen weisen eine höhere Fitneß auf und verbreiten sich. Und schließlich bringt die Durchmischung eine höhere Flexibilität mit sich, wodurch die Anpassung an neue Umweltbedingungen, Krankheitserreger und Parasiten erleichtert wird. Bei asexueller Reproduktion erben die Nachkommen dagegen alle - gute wie schlechte - Gene und zu Veränderungen kommt es nur durch Mutationen.« (Reinhard Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 67).
Manfred Eigen betont, die Vielfalt des Lebens sei überhaupt erst durch die genetische Rekombination möglich geworden:
»Doch so effizient die molekulare Maschinerie der (Mikro-)Organismen inzwischen geworden war, so unflexibel erwies sie sich in bezug auf ihre weitere Evolution. Zum einen nahm die hohe Reproduktionsgenauigkeit dem einzelnen Gen jegliche Flexibilität, zum anderen wurden eingetretene Veränderungen ausschließlich vertikal, das heißt, an die unmittelbare Nachkommenschaft weitervererbt. Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, daß die Evolution für mehr als zwei Milliarden Jahre auf der Stufe der Einzeller verharrte, obwohl diese innerhalb von weniger als einer Milliarde Jahren voll entwickelt waren. Die reiche Vielfalt des Lebens, die sich in unserer Zeit in Millionen verschiedener Spezies ausdrückt, ist indes das Ergebnis einer Evolution, die ›nur‹ (oder weniger als) fünfhundert bis tausend Millionen Jahre in Anspruch nahm. Der Weg aus der Sackgasse bedurfte eines neuen Organisationsprinzips, eines Prinzips, das einen horizontalen Genaustausch möglich machte: genetische Rekombination und Transposition von Genen. Genetische Rekombination ist die Grundlage der sexuellen Vererbung.« (Manfred Eigen, Stufen zum Leben, 1987, S. 241).
Allerdings kam mit der genetischen Rekombination und der sexuellen Fortpflanzung auch der Tod:
»Die wichtigste Konsequenz dieser neuen Art von Fortpflanzung ist - abgesehen von der großen Variabilität - die Verlagerung der Angriffsfläche der Evolution von der einzelnen Zellinie auf die gesamte Population, deren Gen-Fundus auf diese Weise jede Veränderung unmittelbar aufnimmt. Die Gene sind damit de facto wieder von ihrer Zentralherrschaft des Genoms befreit. Ein selektiver Vorteil kann sich zum einen rasch horizontal über die gesamte Population ausbreiten, und zum anderen wird die Angriffsfläche für jede Mutation, die jetzt nur in einem beliebigen der vielen miteinander kommunizierenden Individuen einer Population zu erfolgen braucht, stark vergrößert. Indes dieser Fortschritt hatte seinen Preis. Die Einprogrammierung des Todes wurde unumgänglich, oder treffender formuliert: Das Altern und Sterben des Individuums stellte sich als derart vorteilhaft für die Entwicklung der Art heraus, daß sie im evolutiven Prozeß unausweichlich war. Bei Organismen mit vegetativer Zellteilung gibt es kein Altern des Individuums. Es ist nicht zu entscheiden, welche der beiden Zellen nach der Teilung die Tochterzelle und welche die Mutterzelle ist. So gibt es auf dieser Ebene bloß den Unfalltod. Das heißt, die vegetativ sich fortpflanzende Zelle ist im Prinzip unsterblich. Bei Organismen mit geschlechtlicher Vermehrung hingegen sind die Nachkommen eindeutig definiert. Hier ist es vorteilhaft, daß das Individuum, das seinen Beitrag für die Evolution geleistet hat, stirbt. Tod bedeutet neues Leben für die Art.« (Manfred Eigen, Stufen zum Leben, 1987, S. 112f.).
Die Begründung der Vorteilhaftigkeit der sexuellen Fortpflanzung über die genetische Rekombination erklärt für sich allein aber noch nicht, warum sich bei höheren Tierarten keine Hermaphroditenpopulationen - das heißt, Populationen aus zweigeschlechtlichen Lebewesen (Zwittern), bei denen sich jedes Individuum mit jedem anderen aus der gleichen Population paaren kann - durchgesetzt haben. Ein nicht gebärfähiges Männchen stellt ja zunächst einen enormen Kostenfaktor dar, da stets doppelt so viele Individuen »produziert« werden müssen, wie eigentlich erforderlich wären, und diese Männchen den Weibchen dann auch noch Nahrung und Lebensraum streitig machen. Einhundert Hermaphroditen könnten genauso viele Nachkommen erzeugen, wie eine aus jeweils 100 Männchen und Weibchen bestehende Population. Auch würde sich in diesem Fall die Partnersuche deutlich vereinfachen, denn die Männchen müßten ja nicht länger exklusiv nach passenden Weibchen Ausschau halten, sondern jedes beliebige andere fortpflanzungsfahlge Individuum täte es auch.“ (Ebd., S. 141-143).

„Ein entscheidender Vorteil der sexuellen Fortpflanzung scheint in der sogenannten sexuellen Selektion zu bestehen, die zunächst erläutert werden soll (siehe Abschnitt Sexuelle Selektion). Denn auf diese Weise implementiert die Natur so etwas wie einen Markt mit künstlicher Verknappung der Nachfrageseite (Angebotsmarkt), wodurch selbst bei eher niedrigem Selektionsdruck erheblich beschleunigte Evolutionsprozesse entstehen können.“ (Ebd., S. 143).

„Viele der in diesem und den nächsten Abschnitten herausgearbeiteten Vorund Nachteile der sexuellen Fortpflanzung werden im späteren Abschnitt Wozu gibt es Sexualität? noch einmal zusammengefaßt.“ (Ebd., S. 143).

4.12) Sexuelle Selektion

„Mit Elterninvestment wird in der Soziobiologie die Gesamtheit der Maßnamhen bezeichnet, die Lebewesen ergreifen, um Nachkommen zu zeugen und sie für das Leben und ohne spätere eigene Fortpflanzung vorzubereiten und fit zu machen. Dabei werden Brutpflege (= Gesamtheit der Verhaltensweisen, die Lebewesen bei der Aufzucht ihrer Jungen entwickeln) und Brutfürsorge (= alle Verhaltensweisen von Eltern, die ihrem Nachwuchs im voraus günstige Entwicklungsmöglichkeiten bieten) unterscheiden. (Vgl. Franz M. Wuketits, Was ist Soziobiologie?,  2002, S. 42f.)“ (Ebd., S. 143).

„Sexualpartner, die den höheren elterlichen Aufwand treiben, stellen im allgemeinen für das andere Geschlecht die knappere Ressource dar. Das Konzept des Elterninvestments ist deshalb in der Lage, die Geschlechterrolle und die Intensität des Paarungswettbewerbs vorherzusagen:
Das Geschlecht, welches die geringeren Elterninvestments erbringt, konkurriert untereinander um die Fortpflanzugspartner.
Das Geschlecht mit dem höheren elterlichen Aufwand wählt (selektiert) die Fortpflanzungspartner unter den konkurrierenden Individuen nach bestimmten Kriterien aus.
Bei vielen Tierarten und auch dem Menschen belastet die Fortpflanzung die Weibchen ungleich stärker als die Männchen. (Vgl. Franz M. Wuketits, Was ist Soziobiologie?,  2002, S. 45). Erstere sind dann bei der Wahl der Sexualpartner selektiver, während letztere um die Weibchen konkurrieren. Darwin entwickelte das Konzept der sexuellen Selektion und versuchte damit zu verdeutlichen, daß die Auswahl der Männchen seitens der Weibchen und die damit einhergehende Konkurrenz unter den Männchen eine große Bedeutung in der Evolution hat. (Vgl. Franz M. Wuketits, ebd., S. 39).“ (Ebd., S. 143-144).

4.13) Fitneßindikatoren

„Besonders ausgeprägte Imponierorgane sind zwar häufig mit einem größeren Reproduktionserfolg verbunden, nicht selten aber auch mit einer niedrigeren Lebenserwartung, denn schließlich stellen sie eine zusätzliche Last (ein sogenanntes Handicap) dar.“ (Ebd., S. 144-145).

„Je auffäliger ein Männchen ist, umso mehr setzt es sich der Gefahr durch Freßfeinde und Nahrungskonkurrenten aus. Ein Männchen, das sich solche Auffälligkeiten beziehungsweise ein solches Imponiergehabe leisten kann, muß also in den Augen eines Weibchens besonders leistungsfähig sein. Ein stark ausgeprägtes Imponierorgan deutet dem Weibchen somit die genetische Stärke des Männchens an. Für die Weibchen handelt es sich dabei um Fitneßindikatoren.“ (Ebd., S. 145).

„In der Regel wird sich ein Weibchen nicht einfach nur mit schönem Schein oder »billigem Gerede« zufriedengeben, sondern vom Männchen einen Beweis für dessen vermeintliche Fitneß verlangen. Und der beste Beweis ist nun üblicherweise der, ein Signal hervorzubringen, welches auch tatsächlich eine hohe Fitneß erfordert. In der Natur handelt es sich dabei meist um irgendeine Art von Verschwendung:
»Große Verschwendung ist dem Handicap-Prinzip zufolge eine notwendige Eigenschaft sexueller Werbung. .... In der Natur bietet nur protzige Verschwendung eine Garantie auf ehrliche Information.« (Geoffrey F. Miller, Die sexuelle Evolution, 2001, S. 147).
So ähnlich sieht es auch in menschlichen Gesellschaften aus:
»Wo niemand den tatsächlichen Reichtum des anderen wirklich kennt, ist demonstrativer Konsum das einzig zuverlässige Signal von Wohlstand.« (Geoffrey F. Miller, Die sexuelle Evolution, 2001, S. 145).
Die Form des Aufwands spielt dabei keine große Rolle, allein die ungeheure Verschwendung zählt. Als besonders überzeugend und romantisch gelten meist gerade solche Taten, die für den Gebenden sehr kostspielig sind, für den Empfänger aber kaum materielle Vorteile bringen.“ (Ebd., S. 145).

„Nüchtern betrachtet haben wir es bei der sexuellen Selektion mit einer Käufer-Verkäufer-Interaktion zu tun, bei der den Männchen die Rolle des Verkäufers und den Weibchen die des Käufers zukommt (»Der Kunde ist König«).“ (Ebd., S. 146).

„Männchen wollen möglichst oft an möglichst viele Weibchen verkaufen, während Weibchen nur hin und wieder an einem Kauf interessiert sind und dann natürlich auf die Qualität achten. Entsprechend investieren die beiden Geschlechter in Partnerwerbung und Elternschaft.“ (Ebd., S. 146).

„Bei der sexuellen Selektion handelt es sich um eine direkte Rückkopplung zwischen den geschlechtern: Weibchen wählen bevorzugt Männchen mit bestimmten Eigenschaften, woraufhin besonders viele Nachkommen gezeugt werden, bei denen die Männchen ebenfalls diese Eiegenschaften besitzen und die Weibchen die gleichen Partnerwahl-Präferenzen haben. Dies ermöglicht beschleunigte Selbstläuferprozesse, obwohl vielleicht gar kein hoher Selektionsdruck seitens des Lebensraums besteht. Die sexuelle Selektion erlaubt also deutlich schnellere Anpassungsprozesse, in deren Rahmen die Männchen eine herausragende Rolle spielen. Es sollte an dieser Stelle aber noch einmal betont werden, daß all dies nur bei asymmetrischer Verteilung der Elterninvestments funktioniert.“ (Ebd., S. 146).

„Die auf der asymmetrischen Vertelung der Elterninvestments beruhende sexuelle Selektion (siehe Abschnitt Sexuelle Selektion) kann ... ganz erstaunliche Dinge vollbringen. Teilte man dagegen die Elternivestments paritätisch zwischen den Geschlechtern auf, dann entledigte man sich damit auch der sexuellen Selektion und vielen Vorteieln der sexuellen Fortpflanzung insgesamt (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?).“ (Ebd., S. 148).

„An dieser Stelle möchte ich ... noch einmal drei Dinge verdeutlichen:
Die natürliche Selektion ist eine unmittelbare Folge des Fortpflanzungsinteresses.
Die getrenntgeschlechtliche Fortpflanzun in Verbindung mit der unterschiedlichen Aufteilung der Elterninvestments zwischen den Geschlechtern kann für eine beschleunigte Evolution sorgen, und zwar selbst dann, wenn die Populationsgröße stets unverändert bleibt oder sogar zurückgeht. Die sexuelle Fortpflanzung erlaubt also Evolution, ohne daß ständig mehr Nachkommen in die Welt gesetzt werden müssen, als der Lebensraum insgesamt ernähren kann (wie es von darwin ursprünglich einmal für die natürliche Selektion postuliert worden war).
Auf Dauer dürfte dies aber nur dann funktionieren, wenn die Partnerwahlpräferenzen der wirklichen Fitneß der Fortpflanzungspartner entsprechen. (Dies ist auch bei der technischen Evolution nicht anders. Eine technische Weiterentwicklung im Sinne eines wirklichen Fortschritts wird nur dann stattfinden, wenn sich die Käufer nicht nur von optischen Spielereien, sondern auch von technischen Funktionen [der technischen Fitneß] leiten lassen.).“ (Ebd., S. 148).

4.15) Menschliche Paarungssysteme

„Der Mensch hebt sich in der Natur durch besonders ausgeprägte Elterninvestments hervor (vgl. Thoams P. Weber, Soziobiologie, 2003, S. 80), was eine direkte Folge der Entwicklung des menschlichen Gehirns sein dürfte. Damit die Passage des im Laufe der Menschwerdung immer größer werdenden Kopfes von Säuglingen während der Geburt durch den Muttermund und die Beckenknochen der Frau noch möglich war, bedurfte es seitens der Natur einer Doppelstrategie: Menschliche Säuglinge kommen als hilflose Frühgeburten zur Welt, damit ihr Kopf nach der Geburt noch weiter wachsen kann (vgl. Paul B. Hill / Johannes Kopp, Familiensoziologie, 2002, S. 27). Ein Kind muß deshalb unbedingt durch Erwachsene aufgezogen, beschützt und über eine längere Zeit sogar getragen werden (vgl. Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik, 1994, S. 88; Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 303ff.).“ (Ebd., S. 153).

„Damit verbunden waren eine ganze Reihe weiterer Veränderungen (vgl. Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 74ff.):
Herausbildung der menschlichen Familienstruktur und die damit einhergehende Arbeitsteilung der Geschlechter: Der Mann sorgt für Fleisch und Schutz, die Frau zieht die Kinder auf. Diese grundlegende Familienorganisation entwickelte sich beim Menschen vermutlich bereits vor zwei Millionen Jahren (vgl. Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 75). Unter Primaten kommen dauerhafte Kernfamilien nur beim Menschen vor (vgl. Thoams P. Weber, Soziobiologie, 2003, S. 74).
Angleichung des Körpergewichts zwischen den Geschlechtern als Ausdruck relativer Monogamie.
Ständige sexuelle Empfänglichkeit der Frauen, möglicherweise um das Interesse und die Loyalität des zugehörigen monogamen Mannes auf rechtzuerhalten.
Körperliche Verdeckung des Eisprungzeitpunktes bei den Frauen.
Einige Anthropologen sind der Ansicht, die spezifische menschliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern habe einen entscheidenden evolutionären Vorteil dargestellt, da es dem Homo Sapiens (Homo Sapiens Sapiens; HB) auf diese Weise gelungen sei, mehr Nachwuchs durchzubringen. Bei den Neandertalern soll eine ähnlich strikte sexuelle Arbeitsteilung nicht bestanden haben, was entscheidend zu deren Aussterben beigetragen habe (Steven L. Kuhn / Mary C. Stiner, What's a Mother to Do? The Division of Labor among Neandertals and Modern Humans in Eurasia, in: Current Anthropology, 2006).“ (Ebd., S. 153).

„In diesem Zusammenhang sind auch die folgenden Fakten zu bedenken:
Der enorme Größenzuwachs des menschlichen Gehirns während der Altsteinzeit läßt sich nur mit einer fleischbetonten Ernährung erklären (Vgl. Josef H. Reichholf, Das Rätsel der Menschwerdung - Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel mit der Natur, 1990, S. 115ff.; L. C. Aiello / P. Wheeler, The Expensive-Tissue Hypothesis, 1995; Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 40ff.).
Die spezifische menschliche Nahrung in Verbindung mit der Hilflosigkeit menschlicher Säuglinge machte die Frauen in der Altsteinzeit von der regelmäßigen Nahrungsversorgung durch männliche Jäger abhängig. Auf sich allein gestellte Frauen konnten als Sammlerinnen nur eine Notnahrung beschaffen. Dies erklärt den reziproken Altruismus des menschlichen Familienmodells.
Ohne die Errungenschaften der Medizin und Hygiene und der damit verbundenen verringerten Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit mußten Frauen für eine bestandserhaltende Reproduktion stets eher durchschnittlich 5-6 Kinder in die Welt setzen und aufziehen und nicht wie heute durchschnittlich 2,1. (Eine Voraussetzung für die Gleichberechtigung der Geschlechter und insbesondere die freie Berufswahl der Frauen war folglich der medizinische Fortschritt). Gleichzeitig war ihre Lebenserwartung während der größten Zeit der Menschheit deutlich geringer als heute. Frauen waren deshalb über weite Strecken ihres Lebens mit dem Gebären und Aufziehen von Kindern beschäftigt und dabei auf die männlichen Versorgungsleistungen angewiesen.“ (Ebd., S. 153-154).

4.17) Paarungsverhalten als evolutionärer Vorteil

„Ein Paarungssystem einer Spezies hat - grob gesprochen - zwei Aufgaben:
Für eine ausreichende Zahl an Nachkommen zu sorgen.
Erfolgsmerkmale der vorangegangenen Generation möglichst optimal an die nächste weiterzugeben, oder anders ausgedrückt: vorhandene Kompetenzen zu erhalten.
Sind beide Bedingunegn erfüllt, dann wahrt das Fortpflanzungsverhalten der Population das Prinzip der Generationengerechtigkeit. Auf diese Weise wird die Anpassungsfähigkeit an den Lebensraum möglichst lange erhalten, so daß die Population eventuell sogar über viele Millionen Jahre fortbestehen kann.“ (Ebd., S. 155-156).

„Die Soziobiologie unterscheidet zwei grundsätzlich unterschiedliche Wege, wie biologische Arten das genetische Überleben sichern:
Die Produktion möglichts vieler Nachkommen, gleichsam nach der Devise: »Die Menge soll es machen«. Dabei wird in jeden einzelnen Nachkommen wenig oder nichts investiert. Aufgrund einer statistischen Wahrscheinlichkeit bleibt der eine oder andere Nachkomme so lange am Leben, bis er sich selbst fortpflanzt. Bei dieser Strategie steht also die Quantität der Nachkommen im Vordergrund.
Diesen Weg bezeichnet man in der Soziobiologie als R-Strategie, wobei »R« für die Rate des Wachstums (Wachstumsrate) einer Population steht.
R-Strategen sind gewissermaßen Glückspieler, die nicht wissen, wo sich die Ressourcen befinden, von denen sich die nächste Generation einmal ernähren soll. (Vgl. Matthias Uhl / Eckart Voland, Angeber haben mehr vom Leben, 2002, S. 32)
Gelegentlich wird in diesem Zusammenhang auch vom Expanisonswettbewerb gesprochen, und zwar insbesondere dann, wenn hohe Wachstumsraten für eine schnelle Expansion der Population sorgen, zum Beispiel, weil im Lebensraum noch keine Knappheit zu spüren ist. (Vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S.76f.). Es dominieren dann quantitative Fortpflanzungsstrategien.
Die Zeugung sehr weniger Nachkommen, die aber optimal betreut werden, sozusagen nach dem Motto: »Jeder ist ein kostbares Gut, das es zu schützen gilt«. Die Wahrscheinlichkeit, daß wenige sehr gut betreute Nachkommen das Fortpflanzungsalter erreichen, ist relativ hoch. Bei dieser Strategie steht also die Qualität der Nachkommen im Vordergrund.
Diesen Weg bezeichnet man in der Soziobiologie als K-Strategie. »K« steht für die Kapazität des Tragens (Tragekapazität) eines Lebensraums.
K-Strategen leben in der Regel in einem stabilen Ökosystem und können durch entsprechende Betreuung sicherstellen, daß ihr Nachwuchs bis zur Geschlechtsreife heranwächst, konkurrenzfähig wird und seinen Lebenmsraum zu beherrschen lernt. (Vgl. Matthias Uhl / Eckart Voland, Angeber haben mehr vom Leben, 2002, S. 32)
Manchmal wird in diesem Zusammengang auch vom Verdrängungswettbewerb gesprochen, und zwar insbesondere dann, wenn im Lebensraum die Grenzen des Wachstums erreicht sind und ein weiteres Bevölkerungswachstum nicht mehr möglich ist, weil im Lebensraum noch keine Knappheit zu spüren ist. (Vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 76f.). Es dominieren dann qualitative Fortpflanzungsstrategien.
.... Grundsätzlich gilt: Höhere, komplexe Lebensformen bevorzugen K-Strategien.“ (Ebd., S. 156-157). **

4.20) Nichtbiologische Evolution

„Die bisherigen Ausführungen konnten zeigen, daß die Schhwierigkeiten zum großen Teil in der Darwinschen Evolutionstheorie selbst begründet sind:
Während es sich bei den Kriterien Variation und Vererbung um Systemeigenschaften von Individuen handelt, stellt die natürliche Selektiojn vor allem ein Produkt der Evolution dar. Die Darwinsche Evolutionstheorie ist folglich bereits von der Konzeption her uneinheitlich formuliert.
Kernbestandteil der Darwinschen Lehre sind Vererbung und Fortpflanzung. vergleichbare Vorgänge gibt es aber bei anderen Evolutionen nicht.
Die Darwinsche Theorie macht keine Aussagen über den Typus der Objekte der Evolution.
In den folgenden Abschnitten soll gezeigt werden, daß die Systemische Evolutionstheorie auch nichtbiologische Entwicklungsprozesse erklären kann. (**) .“ (Ebd., S. 164).


„In einem strengen Sinne ist diese Aussage nicht korrekt, denn das vorliegende Buch behauptet ja ganz im Gegensatz dazu, daß ausschließlich biologische Phänomene evolvieren können, und daß es sich bei der kulturellen, sozialen, wissenschaftlichen und technischen Evolution letztlich um Begleiterscheinungen (Symptome) der Evolution sozialer Systeme handelt.“ (Ebd.).

4.21) Kulturelle Evolution

„Wie wir gesehen haben, ist Innovation weniger das Resultat fortlaufender Immitaionen beziehunsgweise Replikationen in Verbindung mit kleinere Mutationen, sondern des unbedingten Willens, gefallen zu wollen, das heißt, selektiert zu werden. Evolution ist vor allem das Ergebnis konkurrierennder Selektionsinteressen und der sich dahinter verbergenden Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen. Natürlich findet gleichzeitig auch eine Weiterentwicklung auf der Empfängerseite beziehungsweise der »primären selektiven Umwelt« (Milieu) statt, weil sich dort nun möglicherweise die Präferenzen ändern. Aber diese Entwicklung dürfte vergleichsweie nachgelagert sein.“ (Ebd., S. 167).

„Eine kulturelle Weiterentwicklung findet weniger durch Imitationen mit darauffolgenden leichten Modifikationen auf der Empfängerseite statt, sondern in erster Linie durch konkurrierende Selektionsinteressen (und den dahinter stehenden Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen) auf der Erzeugerseite. (**).“ (Ebd., S. 168).


„Entsprechend dürfte die Mikroevolution getrenntgeschlechtlicher Populationen vor allem das Ergebnis einer männlichen Konkurrenz um die knappen weiblichen Ressourcen und deren Selektionen sein. Männchen können sich nicht selbst fortpflanzen und stellen biologisch betrachtet einen erheblichen Kostenfaktor dar. Dennoch machen sie Sinn, und zwar als Motor der Evolution. Es ist ihr Selektionsinteresse(Reproduktionsinteresse), welches die ständige Weitzerentwicklung in Gang hält.“ (Ebd.).

„Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie können nur biologische Phänomene evolvieren, das heißt, Systeme, bei denen wenigstens einige Elemente autopoietisch (lebende Systeme) sind. Letztlich sind es deren , die den Prozeß in Gang setzen und dann auch am Leben erhalten. Gene und Meme scheiden somit als Motoren der Evolution aus, denn beiden mangelt es an entsprechenden Eigenschaften. Gene und Meme sind einfach nicht autonom und selbsterhaltend genug, um die egoistischen Interessen entwickeln zu können, die ihnen nachgesagt werden (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976). Für Evolutionsprozesse sind solche soliden Interessen jedoch unerläßlich.“ (Ebd., S. 169).

„Unter Qualia versteht man den subjekiven Erlebnisgehalt mentaler Zustände, das heißt, die besondere Qualität der subjektiven Wahrnehmung und des Empfindens (vgl. Franz Josef Radermacher, Bewußtsein, Ressourcenknappheit, Sprache - Überlegungen zur Evolution einiger leistungsfähiger Systeme in Superorganismen, 2007, S. 136).“ (Ebd., S. 171).

„Bei der Gefallen-wollen-Kommunikation kommt es vor allem darauf an, mit eigenen Sektionsinteressen in fremde Gehirne zu gelangen und dort positive Selektionsentscheidungen auszulösen, das heißt Qualia zu erzeugen, die den dortigen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen entsprechen. Geht es bei der Dominanten Kommunikation vor allem um die »Eroberung« der Natur, so steht bei der Gefallen-wollen-Kommunikation die Überzeugung /eroberung) fremder gehiren im Vordergrund.“ (Ebd., S. 171-172).

„Die gelingt nämlich umso einfacher, je mehr die eigenen Selektionsinteressen gleichzeitig mit weiteren Botschaften verknüpft sind, die auf der Empfängerseite schon für sich allein für positive Qualia sorgen.“ (Ebd., S. 172).

4.22) Technische Evolution

„Nicht die Technik evolviert, sondern die sie konstruierenden Unternehmen, bei denen es sich um Organisationssysteme (**|**|**|**) und damit um selbsterhaltende Systeme handelt (siehe Abschnitt Selbsterhaltende Systeme). Wer nämlich ein Handy erwirbt, entscheidet sich für einen Teil der Kompetenzen des Herstellers. Kein einzelner Mensch kann ein solch komplexes und innovatives Gerät entwickeln, ein Unternehmen kann das aber sehr wohl.“ (Ebd., S. 173).

„Ist der Selektionsdruck auf einem Markt sehr groß (das heißt, die verschiedenen Anbieter stehen im scharfen Wettbewerb miteinander und könnten zusammen ein Vielfaches von dem absetzen, was der Markt aufzunehmen in der Lage ist), dürfte es in der Regel zu einer schnellen technischen Weiterentwicklung kommen, ganz anders als auf Märkten, die fast vollständig von einem Anbieter dominiert werden.“ (Ebd., S. 176).

„Festzuhalten ist, daß für ein Unternehmen in erster Linie sein Überleben (ausgedrückt im Selbsterhaltungsinteresse), das heißt sein Selbsterhalt, von Bedeutung ist. Irgendwelche sachlichen Ziele sind demgegenüber sekundär. Allerdings stellt sich die Frage, wie dieser Selbsterhaltungsmechanismus innerhalb einer Organisation (eines Systems) implementiert ist. Fritz B. Simon führt dazu aus:
»Nicht das gemeinsame Ziel der unterschiedlichen Interessengruppen ist es, was ihr Überleben sichert, sondern die Tatsache, daß die Organisation in der Lage ist, als gemeinsames Mittel für unterschiedliche Ziele zu dienen.« (Fritz B. Simon, Einführung in die systemische Organisationstheorie, 2007, S. 31f.).
Anders gesagt: Die Organisation hat ein Selbsterhaltungsinteresse, dessen Erfüllung indierekt auch den Selbsterhaltungsinteressen seiner Akteure dient.“ (Ebd., S. 177).

4.23) Evolution des Wissens

„Ein höheres Prestige innerhalb der Wissensgemeinschaft kann der Erschließung zusätzlicher Einnahmequellen, etwa in Form von externen Beratungs- oder Forschungsaufträgen, förderlich sein. In besonders gelagerten Fällen könnte sich hierdurch die gesamte Wissenschaftsdisziplin an fachfremden Interessen ausrichten, so daß entweder nur noch das erforscht wird, was den Interessen der Auftraggeber dient, oder nur noch Ergebnisse erzielt werden, die mit den Interessen der Geldgeber vereienbar sind.“ (Ebd., S. 181).

„Es ist ... davon auszugehen, daß viele Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft einer Durchsetzung eines neuen Pradigmas ausgesprochen ablehnend gegenüberstehen werden, denn es geht ja letztlich um ihr Prestige und damit ihren Selbsterhalt.“ (Ebd., S. 183).

„Im Rahmen von Selbstläuferprozessen setzen sich ... zuweilen Theorien durch, die erkennbar falsch sind, die aber von starken Interessengruppen am Leben erhalten werden. Beispielhaft können hier die Fetthypothese der Ernährungswissenschaft (**), die Vereinbarkeitshypothese der Soziologie (**) und die Leere-Blatt-Hypothese der Psychologie (**) genannt werden. In vergangenen Epochen gerieten viele wissenschaftliche Erkenntnisse mit widersprechenden religiösen Vorgaben in Konflikt.“ (Ebd., S. 191-192).


„Die Fetthypothese lautet: Die Menschen werden vor allem deshalb zu dick, weil sie zu viel Fett zu sich nehmen und sich zu wenig bewegen.
Die Fetthypothese ist nachweislich falsch, wird aber nach wie vor von der Mehrheit der Ernährungswissenschaftler vertreten.“ (Ebd.).

„Die Vereinbarkeitshypothese besagt: In der Bundesrepublik werden deshalb so wenige Kinder in die Welt gesetzt, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch immer nicht gegeben ist. Auch würden sich die Männer noch nicht ausreichend an der Familienarbeit beteiligen. Die Frauen wären deshalb praktisch in einen Gebärstreik getreten (wer glaubt denn so einen Quatsch?  HB).
Die Vereinbarkeitspothese ist nachweislich falsch, wird aber dennch immer wieder behauptet.“ (Ebd.).

„Die Leere-Blatt-Hypothese lautet: Jeder Mensch kommt als unbeschriebenes Blatt zur Welt und kann durch Ausbildungsmaßnahmen und Erziehung beliebig geformt werden. Dementsprechend ist es egal, wer die Kinder in die Welt setzt. Durch geeignete Fördermaßnahmen könnten alle eventuellen Benachteiligungen wieder ausgeglichen werden (wer glaubt denn so einen Quatsch?  HB).
Die Leere-Blatt-Hypothese ist nachweislich falsch, erfreut sich aber ... großer Beliebtheit.“ (Ebd.).

„In nichtentscheidbaren Wissenschaftsdisziplinen entstehen oft ganze Schulen, die ihre jeweils präferierten Theorien durch immer neue Resultate reproduzieren und verfestigen (Selbsterhaltungsinteresse), und dadurch alternativen - und möglicherweise zutreffenderen - Ansätzen von vornherein keine Chance geben. Oft etablieren sich auf diese Weise gleich mehrere konkurrierende und sich gegenseitig widersprechende Theorien und Schulen nebeneinander. “ (Ebd., S. 192).

„Auf ein vergleichbares Problem wurde bereits im Rahmen der Ausführungen zur sexuellen Selektion hingewiesen. Auch hier könnten temporäre Selbstläuferprozesse in Gang gesetzt werden, bei denen eher weniger gut an den aktuellen Lebensraum angepaßte Fortpflanzungspartner im Vorteil sind. Auf lange Sicht würden sich solche Fehlentwicklungen jedoch nicht halten können. Dies ist in den Wissenschaften zumindest im Falle der Vereinbarkeitshypothese schon sehr bald zu erwarten, denn deren gesellschaftliche Folgerungen sind dermaßen desaströs, daß sich schon in naher Zukunft keine ausreichend starken, sie unterstützenden Interessengruppen mehr finden dürften.“ (Ebd., S. 192).

„Wie wir gesehen haben, können in sich sexuell fortpflanzenden Populationen ungünstige Selbstläuferprozesse dann weitestgehend vermieden werden, wenn sich die Individuen bei der sexuellen Selektion auf sogenannte teure Signale - zum Beispiel Handicaps - verständigen. Denn in diesem Fall dürfte die von einem Individuum angezeigte Fitneß auch dessen tatsächlicher Fitneß entsprechen, da das Hervorbringen des geforderten Signals eine entsprechend hohe Leistungsfähigkeit verlangt. Täuschungen sind dann praktisch ausgeschlossen. Auf diese Weise wird ein Bezug zur Wirklichkeit hergestellt.“ (Ebd., S. 192).

„Im Wissenschaftsprozeß steht dafür nonnalerweise die Empirie. So wird beispielsweise in den Naturwissenschaften erwartet, daß aus einer guten Hypothese möglichst viele empirisch überprüfbare Prognosen ableitbar sind und sie somit auf vielfältige Weise falsifizierbar ist. Ein Wissenschaftler muß sich folglich mit seiner Theorie (Hypothese, Paradigma) der Wirklichkeit stellen. Je besser und vielfaltiger das möglich ist, desto größer ist auch der empirische Gehalt seiner Theorie. Man könnte auch sagen: Je umfassender sich eine Hypothese falsifizieren läßt, desto größer ist ihr Handicap (beziehungsweise das des Wissenschaftlers). Bei einer umfassenden Falsifizierbarkeit einer Theorie handelt es sich folglich um ein teures Signal.“ (Ebd., S. 192).

„Allerdings gelten diese einfachen Prinzipien nicht für alle Wissenschaftsdisziplinen. So werden etwa gelegentlich Evidenzen mit Eminenzen verwechselt: Es kommt dann weniger darauf an, was gesagt wird, sondern vor allen Dingen, wer es sagt. Dies gilt insbesondere für alle Gemeinschaften, die ihre Resultate überwiegend im Diskurs verhandeln. Aber auch in sogenannten echten empirischen Wissenschaften ist der Bezug zur Wirklichkeit nicht immer zweifelsfrei herstellbar. Es kann dann vorkommen, daß das gleiche empirische Resultat für eine Gruppe eine Bestätigung ihrer Theorie darstellt, für eine andere Gruppe aber deren Falsifikation.“ (Ebd., S. 193).

„Berücksichtigt man zusätzlich noch, daß wissenschaftliche Communities üblicherweise keine externen Kontrollinstanzen zur Ergebnisüberwachung besitzen und sich ausschließlich selbst organisieren, dann kann man erahnen, daß sich Forschungsprozesse auch schon einmal weitestgehend verselbstständigen können.“ (Ebd., S. 193).

4.24) Evolution im Sport

„Auch die Entwicklung des Leistungssports folgt den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 193).

„Dies soll am Beispiel des Profifußballs verdeutlicht werden. Betrachten wir dazu einmal die Fußball-Bundesliga als eine Population, die sich zu jedem Zeitpunkt aus 18 Individuen zusammensetzt, und zwar den verschiedenen Bundesligamannschaften (Variation).“ (Ebd., S. 193).

„Am Ende einer Fußballsaison bleiben die erfolgreicheren Mannschaften der Fußball-Bundesliga erhalten, während die drei Mannschaften mit den schwächsten Ergebnissen absteigen müssen, was in der Regel mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden ist. Die besten Mannschaften können zusätzlich noch am UEFA-Pokal-Wettbewerb teilnehmen oder gar in der Champions League mitspielen. In beiden Fällen dürfen sie dann mit erhebliehen zusätzlichen Einnahmen rechnen.“ (Ebd., S. 193).

„Die zusätzlichen Anreize für das Erreichen von Top-Positionen am Ende einer Saison, die Gefahren eines Abstiegs, das ständige Bemühen um hohe Zuschauerzahlen und Fernsehquoten und die Glücksgefühle nach den Siegen (»für Ehre, Selbstbewußtsein und Geld«) sorgen nun dafür, daß sich die einzelnen Mannschaften in ihrem Status (Tabellenrang) nicht verschlechtern wollen. Mehr noch: Die meisten werden bemüht sein, sich in der nächsten Saison um einige Plätze zu verbessern, wenn nicht sogar den Meistertitel zu erringen.“ (Ebd., S. 193-194).

„Im Normalfall werden die verschiedenen Mannschaften ein ähnlich starkes und damit nicht negativ mit ihrern aktuellen Tabellenplatz korrelierendes Selbsterhaltungs- beziehungsweise Reproduktionsinteresse besitzen. Das Kriterium Reproduktionsinteresse der Systemischen Evolutionstheorie wäre somit erfüllt.“ (Ebd., S. 194).

„Dies hat unter anderern die folgenden Konsequenzen: Besonders erfolgreiche Mannschaften erzielen meist besonders hohe Einnahmen, können deshalb teurere und bessere Spieler beziehungsweise Trainer verpflichten und aufwendigere Trainingsprogramme durchführen als ihre direkten Widersacher und damit eventuell ihren Vorsprung gegenüber ihrer Konkurrenz sichern oder sogar ausbauen (Prinzip Reproduktion). Natürlich könnte eine andere Mannschaft mehr Glück haben und sich ein außergewöhnliches, aber bislang noch nicht entdecktes Talent sichern. Auch könnten sich einzelne neue Spieler in der Praxis als Fehleinkäufe erweisen. Eine Garantie für die Richtigkeit von Investitionsentscheidungen gibt es jedenfalls weder in der Unternehmenswelt noch im Profisport. Um entsprechende Risiken zu minimieren, werden deshalb häufig die qualifiziertesten und erfahrensten Personen mit den kritischen reproduktiven Aufgaben betraut (**):
»Beckenbauer muß - sagen wir es ruhig: wie eine ›Heuschrecke‹ - die ganze Welt bereisen, ›abgrasen‹, um Bayern-München zu Bayern-München zu machen (**).« (Ulrich Beck, Was zur Wahl steht, 2005, S. 109).
Alle drei Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie - Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion - sind also erfüllt. Evolution ist dann unvermeidlich die Folge.“ (Ebd., S. 194).


In der Pharmaindustrie etwa findet man den höchsten Anteil an Wissensarbeitern in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen (Reproduktion). Dies dürfte in den meisten Branchen recht ähnlich aussehen. Lediglich Gesellschaften haben sich in dieser Hinsicht für eine ganz andere Vorgehensweise entschieden (vgl. Peter Mersch, Hurra, wir werden Unterschicht!,  2007).“ (Ebd.).

„Man beachte die auf die Autopoiesis (»sich selbst machen«) Bayern Münchens hinweisende Wortwahl Ulrich Becks.“ (Ebd.).

„Bei den Prinzipien Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion handelt es sich um die zentralen Mechanismen, die für die Spielentwicklung im Fußball verantwortlich zeichnen. Beispielsweise hat sich das Fußballspiel im Laufe der Zeit sowohl in Bezug auf Tempo, Taktik als auch Professionalität deutlich verändert. Diese Veränderungen geschahen aber nicht absichtsvoll oder waren gar von langer Hand geplant, sondern sind Ergebnis einer fortlaufenden Optimierung auf Basis der Evolutionsprinzipien im Zusammenwirken mit gleichzeitigen Änderungen der äußeren Rahmenbedingungen. Es muß sich dabei auch nicht zwingend um »Verbesserungen« handeln, die das Fußballspiel »schöner« oder »attraktiver« als noch vor 50 Jahren machen, allerdings um Optimierungen in Bezug auf die jeweils aktuellen Rahmenbedingungen inklusive der Leistungsfähigkeit der Konkurrenten.“ (Ebd., S. 194-195).

4.25) Soziale Evolution (Sozialer Wandel)

„Soziale Systeme sind mit ihren jeweiligen Umwelten strukturell gekoppelt. Auf der einen Seite greifen sie verändernd in ihren Lebensraum ein, auf der anderen Seite streben sie danach, sich selbst und damit ihre Kompetenzen (Adaptionen) in bezug auf ihr sich gegebenenfalls unabhängig von ihnen veränderndes Milieu zu erhalten, das heißt, sie unterliegen dem Wandel ihrer Umwelt.“ (Ebd., S. 195).

„Im Abschnitt Technische Evolution konnte gezeigt werden, daß im gleichen Lebensraum (Markt) um die gleichen Ressourcen (Geld) konkurrierende und mit ähnlichen Kompetenzen (technische Produkte) ausgestattete soziale Systeme (Unternehmen) sogar so etwas Erstaunliches wie die technische Evolution als Folge ihrer eigenen Evolution hervorbringen können.“ (Ebd., S. 195).

„Im Rahmen der Globalisierung kommt es nun zu einer verstärkten Standortkonkurrenz unter Territorialstaaten, und dabei ganz besonders um die so wichtige Kompetenz Humankapital, so daß sich viele der bisherigen Überlegungen in bezug auf Unternehmen auch unmittelbar auf ganze Gesellschaften übertragen (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Globalisierung).“ (Ebd., S. 195).

„Allerdings standen bislang immer Anpassungsprozesse an sich gleichfalls verändernde äußere Rahmenbedingungen im Vordergrund der Analysen. Daneben stellt sich die Frage, wie sich soziale Systeme in ihrem Inneren wandeln, das heißt, wie sozialer Wandel vonstatten geht. Auch diese Entwicklung wurde bereits im Abschnitt Technische Evolution am Beispiel von Entscheidungsprozessen in Unternehmen skizziert. Eine Gesellschaft besitzt als soziales System eine eigene Identität und damit ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse. Gleichzeitig vereint sie eine Vielfalt an Akteuren mitjeweils eigenen Interessen:
»Eine Gesellschaft ist eine Gruppe ungleicher Lebewesen, die sich zum Zwecke der Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse zusammenfindet.« (Robert Ardrey, Der Gesellschaftsvertrag, 1970, S. 1).
Als System grenzt sich eine Gesellschaft gegenüber ihrer Umwelt ab. Dazu muß sie ihre Grenzen definieren und in der Folge auch verteidigen (**).“ (Ebd., S. 195-196).


„Die dahinter stehende Kraft wird gelegentlichauch Territorialität genannt »Heute wissen wir, daß auch viele andere Spezies ihr Territorium - jenes Stückchen Welt, das ihnen gehört - gegen jeden Eindringling verteidigen und daß sie damit wahrscheinlich auch dann Erfolg haben, wenn der Eindringling wesentlich stärker ist. .... Ich habe behauptet, auch der Mensch sei eine territoriale Spezies. Wir verteidigen unseren Besitz, oder unsere Heimat aus biologischen artinden - nicht weil wir wollen, sondern weil wir müssen.« (Robert Ardrey, Der Gesellschaftsvertrag, 1970, S. 33).“ (Ebd.).

„Aber auch in ihrem Inneren muß für Schutz gesorgt werden, und zwar nicht nur für die Bürger, sondern auch und gerade für den Lebensraum insgesamt (Ökologie), denn die Mitglieder einer Gesellschaft besitzen ja eigenständige und sich häufig recht widerstrebende Interessen. Desweiteren könnten unerwünschte Eindringlinge danach trachten, der Gesellschaft, deren Bürgern oder den ökologischen Grundlagen Schaden zuzufügen.“ (Ebd., S. 196).

„Mit anderen Worten: Eine komplexe Gesellschaft muß regiert werden, und zwar in einer Weise, daß
»die äußere und innere Sicherheit (inklusive einer lebensfähigen UmweIt) gewährleistet sind (Sicherheitsziel);
ein symbolisches Bezugssystem geschaffen wird, in dem sich eine zivile kollektive Identität entwickeln kann (Identitätsziel);
die politischen Entscheidungen als zustimmungsfähig anerkannt werden (Legitimationsziel);
das wirtschaftliche Wachstum so befördert wird und die sozialen Ungleichheiten so eingedämmt werden, daß ein breiter materieller Wohlstand erreicht wird (Wohlfahrtsziel).« (Michael Zürn, Regieren jenseits des Nationalstaates, 1970, S. 41).
Unter all diesen Zielen kommt der Gewährleistung der Sicherheit eine herausragende Bedeutung zu:
»Unter den vier allgemeinen Zielen des Regierens, die sich im demokratischen Wohlfahrtsstaat herausgebildet haben, nimmt Sicherheit zweifellos eine herausragende Stelung ein. Bereits der Ursprung des Territorialstaates ist ganz wesentlich daraufzurückzuführen. .... Wird Sicherheit durch den Staat nicht mehr hinreichend gewährleistet, so erübrigt sich selbst gemäß des Staatstheoretikers des Absolutismus, Thomas Hobbes, für die Bevölkerung die Gehorsamspflicht: ›Die Verpflichtung des Untertanen gegenüber dem Souverän dauert nur so lange, wie er sie aufgrund seiner Macht schützen kann, und nicht länger.‹« (Michael Zürn, Regieren jenseits des Nationalstaates, 1970, S. 95).
Hervorzuheben ist aber auch das Identitätsziel, denn es trägt maßgeblich zum selbsterhaltenden Charakter einer Gesellschaft bei. Erst wenn eine Gesellschaft eine Identität besitzt, kann sie einen eigenständigen Selbsterhaltungswillen entfalten und sich um Abgrenzung und Schutz bemühen.“ (Ebd., S. 196-197).

„Ferner muß sie festlegen, welche Verhaltensweisen in ihr zulässig sind und welche nicht, und mit welchen Sanktionen im Übertretungsfall zu rechner ist. Politische Entscheidungen müssen akzeptiert werden beziehungsweis durchgesetzt werden können, ansonsten verlöre die Gesellschaft schon bald ihren selbsterhaltenden Charakter.“ (Ebd., S. 197).

„Zum gesellschaftlichen Selbsterhalt gehört auch die gesellschaftlich Reproduktion. Allgemein streben Männer deutlich stärker nach gesellschaftlichem Status als Frauen. Dies läßt sich unter anderem mit der viel höherer Variabilität des reproduktiven Erfolges auf Seiten der Männer erklären. Während sich Frauen in nichtmodemen Gesellschaften meist relativ unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status fortpflanzen konnten, traf dies für Männer keineswegs zu. Grundsätzlich gilt: Je polygyner ein Paarungssystem ist, das heißt, je mehr Varianz in Bezug auf den männlichen sexuellen Zugang zu Frauen besteht, desto stärker ist der Selektionsdruck auf die Männer, eine Fortpflanzungspartnerin für sich gewinnen zu können.“ (Ebd., S. 197).

4.27) Kooperation und Altruismus

„Menschliche Gesellschaftssysteme unterscheiden sich sehr stark in Bezug auf ihre Herrschaftsstrukturen, Dominanzhierarchien und ihrem jeweiligen Anteil an dominanter beziehungsweise Gefallen-wollen-Kommunikation. Beispielsweise könnte ein Teil der Bürger einer fiktiven Gesellschaft vor dem Gesetz frei und gleich sein, während sich ein anderer als deren Sklaven zu verdingen hätte. In der freien Oberschicht würde dann vermutlich die Gefallen-wollen-Kommunikation vorherrschen, während es zwischen den Schichten vorwiegend dominant zugehen würde.“ (Ebd., S. 201).

„In modernen Gesellschaften ist die Sklaverei abgeschafft. Viele schwere, belastende und monotone Arbeiten werden nun von Maschinen - den modemen Sklaven - erledigt, deren Antrieb die fossilen Brennstoffe sind. Die Behauptung, die nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit fossiler Energiequellen sei die entscheidende Voraussetzung für die Abschaffung der Sklaverei gewesen, läßt sich jedenfalls nicht völlig von der Hand weisen.“ (Ebd., S. 201).

„Da in modemen, individualistischen Gesellschaften alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, und Kollektivaufgaben immer stärker institutionalisiert erden, verliert auch die dominante Kommunikationsform zunehmend an Bedeutung. Noch vorzufinden ist sie bei einigen wenigen Verpflichtungen, dem Wehrdienst, bei Gesetzesüberschreitungen und vielen Maßnahmen zur Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit. Beispielsweise könnte der Staat bei schweren Katastrophen (Überschwemmung, Erdbeben, Seuchen u.s.w.) mobil machen und seine Bürger zur Hilfeleistung anweisen.“ (Ebd., S. 201).

„lm Kapitel Zivilisation wird die These vertreten, daß der Prozeß der Zivilisierung mit einer zunehmenden Durchsetzung der Gefallen-wollen-Kommunikation gegenüber der dominanten Kommunikation einhergeht, ja daß es sich hierbei sogar um das wesentliche Merkmal des Zivilisationsprozesses handelt. Damit soll aber keineswegs suggeriert werden, bei der gesellschaftlichen Evolution handele es sich um eine gerichtete Entwicklung, die das eine oder andere Ziel verfolgt oder einen besseren, gleicheren oder höheren gesellschaftlichen Status anstrebt.“ (Ebd., S. 201).

„Grundsätzlich lassen sich aber die folgenden Dinge festhalten:
Sozialer Wandel ist nichts anderes als die Evolution sozialer Systeme (Gesellschaften), bei denen es sich gemäß den bisherigen Ausführungen um biologische Phänomene handelt. Sozialer Wandel kann deshalb als ein Teilaspekt der biologischen Evolution verstanden werden.
Sozialer Wandel findet statt. Er hat keine Richtung und kein Ziel. Er läßt sich nicht präzise vorhersagen und auch nur bedingt steuern.
Gesellschaften beruhen letztlich immer auf autonomen, selbsterhaltenden Elementen, und zwar den Menschen, die sie beheimaten. Beide Evolutionen, die von Gesellschaften und die ihrer Menschen, können folglich nicht isoliert voneinander betrachtet werden.
Gesellschaften sind mit ihren jeweiligen Umgebungen strukturell gekoppelt. Sozialer Wandel kann deshalb nur im Zusammenhang mit dem Wandel der äußeren Rahmenbedingungen verstanden werden. Eine Gesellschaft, die nahezu unbegrenzten Zugang zu preiswerten Energiequellen hat, dürfte sich folglich ganz anders entwickeln, als eine, bei der Energie knapp ist.
Der Prozeß des sozialen Wandels läßt sich in vielen Fällen wie folgt beschreiben:
Bei komplexen Gesellschaften - insbesondere bei Zunahme der Bevölkerungsdichte beziehungsweise der sozialen Beziehungen - kommt es zu einer zunehmenden gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, und zwar vor allem zur Komplexitätsreduzierung. Denn auf diese Weise können die internen Prozesse in den Subsystemen relativ überschaubar gehalten werden, während alles andere der Umwelt zugerechnet wird.
In allen Gesellschaften wird es immer Menschen geben, die der Auffassung sind, ihre Interessen würden nicht angemessen vertreten. Damit sich das ändern kann, müssen sie sich zunächst organisieren, das heißt, ein eigenes soziales System gründen, was sich ihrer Interessen annimmt. Einzelinteressen sind dagegen meist ohne Belang (**).
Die weitere Vorgehensweise hängt nun stark von den in der Gesellschaft vorhandenen Machtstrukturen und den in ihr etablierten Kommunikationsmechanismen ab. ....
Größere soziale Veränderungen dürften nicht immer dann entstehen, wenn die in der Gesellschaft etablierten Machtstrukturen und Dominanzhierarchien durch entsprechend starke Interessengruppen in Frage gestellt werden, denn dann steht die Eigenorganisation der Gesellschaft selbst zur Disposition. Unter Umständen besitzt die Gesellschaft nach Vollendung der Wandlungsprozesse eine andere Identität als vorher.“ (Ebd., S. 201-202).


„Allein schon aus diesem Zusammenhang lassen sich eine Reihe aktueller gesellschaftlich Probleme ableiten. Einerseits kann die nächste Generation kein sie vertretendes soziales System bilden, da es sie ja noch nicht gibt. Folglich läßt sich so etwas wie Generalionengerechtigkeit schwer durchsetzen. Auf der anderen Seile - und dies hängt sehr eng mit dem ersten Punkt zusammen - dürften sich familienorientierte Frauen sehr schwer damit tun, für ihre Interessen einzutreten, da sie dafür über keine ausreichenden, selbsterwirtschafteten Ressourcen verfügen. Wollten sie ändern, müßten sie arbeiten gehen, woraufhin sie keine familienorienlierten Frauen mehr wären.“ (Ebd.).

„Bei der Sterilität der Arbeiterinnen in Ameisenstaaten handelt es sich folglich in erster Linie um eine organisatorische Notwendigkeit, und wenigerum eine Konsequenz der Verwandtenselektion.“ (Ebd., S. 213).

„Wenn man so will, dann haben Ameisenstaaten einen Weg aus dem Gleichberechtigungsdilemma sozialer Gemeinschaften gefunden: Wie können Weibchen umfangreiche soziale Aufgaben und das Aufziehen eigener Nachkommen miteinander vereinbaren? Ihre Antwort lautet: Im Grunde gar nicht. Denn mit zunehmenden sozialen Aufgaben verbleibt immer weniger Zeit für die eigene Nachwuchsarbeit.“ (Ebd., S. 213).

„Die Lösung der Ameisen lautet: Spezialisierung und sexuelle Arbeitsteilung (siehe Unterabschnitt Die Vorteile der Sexualität). Bei ihnen übernehmen die Arbeiterinnen praktisch alle sozialen Aufgaben, während sich die Königinnen ganz auf die reproduktiven Tätigkeiten konzentrieren. Im übertragenen Sinne könnte man sagen: Arbeiterinnen gehen einer Erwerbsarbeit nach, während für Königinnen die Familienarbeit der Beruf ist (vgl. Peter Mersch, Land ohne Kinder, 2006, ders., Die Familienmanagerin, 2006; ders., Hurra, wir werden Unterschicht!,  2007; ders., Familie als Beruf, 2008). Im Gegensatz zu dem in modemen menschlichen Gesellschaften propagierten Vereinbarkeitsmodell (Familie und Beruf sind möglichst miteinander zu vereinbaren) scheint es sich hierbei um ein evolutionär stabiles Konzept zu handeln (siehe dazu auch die Ausführungen im Kapitel Demographischer Wandel).“ (Ebd., S. 213).

„Beispiel: Eine frühmenschliche Population durchlebt einen sehr harten Winter. Kurt gelingt es, eine Hirschkuh zu erlegen. Mit letzter Kraft schleppt er seine Beute uns heimatliche Lager, wo er das Fleisch mit allen anderen teilt. Am nächsten Tag zwinkern ihm mehrere Frauen geheimnisvoll zu. Noch in der gleichen Nacht wird er auf jede einzelne zurückkommen. Wir können festhalten: Kooperatives altruistisches Verhalten kann sich im rahmen der sexuellen selektion wie jeder andere Fitneßindikator durchsetzen. Solche Verhaltensweisen können speziell von der weiblichen Seite als wünschenswert, angenehm, selektierbar und vor allem als positiv interpretierbares Handicap gewertet werden: »Ein Mann, der sich so etwas leisten kann, muß besonders fit sein.« Und wie wir eben erst gesehen haben, sind im Rang aufgestiegene Individuen meist hilfsbereiter als andere. Hilfsbereitschaft scheint folglich tatsächlich mit Fitneß zu korrelieren.“ (Ebd., S. 216-217).

„Beispiel: Um das Jahr 338 war Martin als Soldat der Reiterei der Kaiserlichen Garde in Ambainum stationiert. An einem Tag im Winter begegnete er am Stadttor von Ambianum einem armen, unbekleideten Mann. Außer seinen Waffen und seinem Militärmantel trug Martin nichts bei sich. In einer barmherzigen Tat teilte er seinen Mantel mit dem Schwert und gab eine Hälfte dem Armen. Wir wissen von diesem Ereignis heute nur, weil Sankt Martin offenbar schon damals den Wert guter Öffentlichkeitsarbeit zu schätzen wußte.“ (Ebd., S. 218).

„Beispiel: Ein Unternehmen kündigt in einer Presseerklärung an, 10 Millionen Euro für die Tsunami-Opfer im indischen Ozean zu spenden. Altruismus und Kooperation harmonieren besonders gut mit der Gefallenwollen-Kommunikation, die sich - wie noch gezeigt wird - im Laufe des Prozesses der Zivilisation immer stärker durchgesetzt hat, so daß auch entsprechende Verhaltensweisen an Bedeutung gewannen. Spieltheoretische Begründungen für das Entstehen von Kooperation oder Altruismus betrachten meist nur die direkte Interaktion zwischen Kommunikationspartnern. Oft geht es aber in diesem Zusammenhang - und sei es nur ganz unbewußt -um eine generelle Verbesserung des »Ansehens«, das heißt darum, Dritten zu »gefallen«..“ (Ebd., S. 218-219).

„Beispiel: Eine etwas verwirrte ältere Dame sucht in einem größeren Gebäude eine Arztpraxis, findet sich aber überhaupt nicht zurecht. Ein jüngerer Mann bietet ihr an, sie dorthin zu geleiten. Im Fahrstuhl kommt er ins Gespräch mit einer jüngeren Frau, der sein Verhalten imponiert hat. Vorleistungen - scheinbarer Altruismus also - gehören heute zu den selbstverständlichen Grundlagen einer erfolgreichen Geschäftstätigkeit. Beispielsweise lädt ein Warenhaus potenzielle Kunden dazu ein, die wohlig warmen Verkaufsräume zu betreten, in den Auslagen zu stöbern, kostenlos die Toilette zu benutzen oder in einer angenehmen Umgebung eine Tasse Kaffee zu trinken. Der Kunde soll sich zunächst wohlfühlen und das Ambiente genießen, denn man möchte gefallen. Auch wenn der Gast nicht gleich beim ersten Mal etwas kauft, so wird er dies vielleicht bei seinem nächsten Besuch tun.“ (Ebd., S. 219).

„Haben sich kooperatives und altruistisches Verhalten in einer Population insgesamt als vorteilhaft erwiesen, dann kann rücksichtsloses und übertriebenes egoistisches Verhalten durch Normen (Rollenvorgaben) und Sanktionen sehr weit zurückgedrängt werden. Es dürfte dann auch für nachbarliche egoistische Gruppen kaum mehr möglich sein, sich (im Sinne des Beispiels Richard Dawkins) in die Population einzuheiraten und altruistische Gene zu verdrängen. Zu den üblichen Sanktionsmaßnahmen gehören:
Verstoßung.
Gefängnis (unter anderem: Hinderung an der Reproduktion).
Todesstrafe (Verhinderung eines weiteren Uberlebens).
Geldstrafen.
Eine sehr frühe Form menschlicher Kooperation stellt der reziproke Altruismus des Familienmodells dar, welcher seine Wurzeln ebenfalls in der Getrenntgeschlechtlichkeit der biologischen Art »Mensch« hat. Die damit einhergehende sexuelle Arbeitsteilung stand Modell für alle später folgenden Arbeitsteilungen und Ausdifferenzierungen:
Die durch den Reifungsprozeß des großen Gehirns verursachte enormei Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit des menschlichen Säuglings machte die Frauen selbst weitestgehend hilflos und schutzbedürftig.
Das wachsende Gehirn erforderte eine regelmäßige Zufuhr größerer Mengen an hochwertigen Fetten und Proteinen. Dazu diente vor allem die Großwildjagd, zu der die nun anderweitig gebundenen Frauen kaum mehr etwas beitragen konnten.
Mit anderen Worten: Die «egoistischen Gene« der Männer konnten sich ohne die enormen Elterninvestments der Frauen nicht fortpflanzen, während die Frauen umgekehrt ohne die Jagdleistungen der Männer und das anschließende Teilen der Beute nicht eigenständig lebensfähig waren.“ (Ebd., S. 219-220).

„Der Mensch zeichnet sich unter allen Lebewesen durch seine ungeheure Kooperationsfähigkeit aus. Einige Autoren behaupten gar, das menschliche Gehirn sei neurobiologisch auf Kooperation ausgelegt (vgl. Joachim Bauer, Prinzip Menschlichkeit, 2006). In der Tat ist der Mensch in der Lage, in beliebig vielen sozialen Systemen dauerhaft zu kooperieren. Dies stellt eine entscheidende Neuerung im Rahmen der Geschichte des Lebens auf der Erde dar.“ (Ebd., S. 220).

4.28) Arterhaltung versus Eigennutz

„Die Evolution hat kein Ziel und keine Richtung. Stattdessen setzt sich zu einem bestimmten Zeitpunkt stets das durch, was aus irgendeinem Grunde von Vorteil ist.“ (Ebd., S. 222-223).

4.29) Central Theoretical Problem of Human Sociobiology

4.29.1)   Das Dilemma des Problems (S. 224-227)
4.29.2)   Genetisch bedingte Erfolgsmerkmale (S. 227-230)
4.29.3)   Thesen zum Theoretical Central Problem (S. 230-231)
4.29.4)   Einige Erklärungsversuche des Central Problems (S. 231-232)
4.29.5)   Die Lösung des Central Theoretical Problems (S. 232-242)
4.29.1) Das Dilemma des Problems

„Folgte man der Darwinschen Lehre, dann müßte man erwarten, das sozial erfolgreiche und damit an den Lebensraum »soziales Umfeld« besser angepaßte Menschen größere Familien gründen als weniger erfolgreiche. Tatsächlich sind die Verhältnisse in den entwickelten Ländern aber genau umgekehrt. Dieser Sachverhalt wurde ... mit dem Namen Central Theoretical Problem of Human Sociobiology versehen. Einge Autoren vermuteten daraufhin, das Prinzip der natürlichen Selektion gelte für moderne menschliche Gesellschaften nicht mehr.“ (Ebd., S. 224-225).

„Entsprechend stellt der soziale Erfolg von Männern einen Fitnessindikator dar, der das weibliche Partnerwahlverhalten bis heute dominiert (vgl. Stefan Woinoff, Überlisten Sie ihr Beuteschema, 2008). Denn auch in modernen Gesellschaften gilt noch immer:
»Nichts steigert die Attraktivität eines Mannes gegenüber dem anderen Geschlecht so sehr wie der soziale Status beziehungsweise der berufliche Erfolg: Zahlreiche Studien scheinen zu belegen, daß Frauen bei Männern Eigenschaften wie finanziellen Wohlstand attraktiv finden, während Männer nach.jungen - und damit fruchtbaren - Frauen Ausschau halten. « (Thomas P. Weber, Soziobiologie, 2003, S. 77).
Diese Präferenzen sind weltweit in allen Kulturen so einheitlich anzutreffen, daß einige Autoren dafür biologische Ursachen vermuten.“ (Ebd., S. 225).

„Obwohl die Evolution kein explizites Ziel kennt, läßt die Körperstruktur des Menschen aber klare Rückschlüsse a:uf die historischen Erfolgsmerkmale zu: Der Mensch zeichnet sich gegenüber anderen Lebewesen in erster Linie durch seine Gehirnleistung aus (vgl. Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 307ff.). Das menschliche Erfolgskriterium hieß somit - vereinfacht ausgedrückt - Verstand. Es kann deshalb angenonlffien werden, daß während des größten Teils der menschlichen Geschichte der soziale und reproduktive Erfolg von Männern stets mit deren geistiger Kompetenz korrelierte.“ (Ebd., S. 225).

„Betrachtet man das Central Theoretical Problem of Human Sociology etwas genauer, dann sticht zunächst die Schwere des Problems hervor, denn im Grunde verbleiben zu seiner Lösung ja nur die folgenden Alternativen:
Moderne menschliche Gesellschaften reproduzieren sich nicht so, wie es das Prinzip der natürlichen Selektion vorhersagt, obwohl dieses gemäß Evolutionstheorie für alle biologischen Populationen gilt. Die Darwinsche Evolutionstheorie wäre somit falsifiziert.
Mit dem Menschen hat die Evolution eine Spezies hervorgebracht, für die die Evolutionsprinzipien nicht mehr gelten. Der Mensch wäre also gewissermaßen aus der Evolution herausgetreten.
Das Prinzip der natürlichen Selektion gilt für alle Spezies, folglich auch für den Menschen. Moderne menschliche Gesellschaften verhalten sich aber nicht entsprechend, weswegen sie sich nicht länger an die sich ständig wandelnden Anforderungen und Rahmenbedingungen (zum Beispiel Computerisierung, Globalisierung) anpassen können. Sie werden deshalb auf Dauer verarmen und/oder zugrunde gehen.
Die erste Alternative kommt für die meisten Biologen kaum in Betracht, denn dann gäbe es schlagartig keine Erklärung mehr für die Evolution des Lebens, was aus ihrer Sicht natürlich wenig wünschenswert ist. Folglich verbleiben nur die beiden anderen Optionen. Und damit offenbart sich auch schon das eigentliche Dilemma des Problems: Man kann kaumwissenschaftlich objektiv darüber sprechen.“ (Ebd., S. 225-226).

4.29.2) Genetisch bedingte Erfolgsmerkmale

„Es kann heute kein Zweifel mehr daran bestehen, daß ein nennenswerter Teil des menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens eine biologische Basis besitzt, die im Überlebenskampf während der Menschwerdung entstanden ist (vgl- Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Die Biologie des menschlichen Verhaltens, 1984). Auch bei der Intelligenz (präziser: beim Intelligenzquotienten) kann von einer erheblichen erblichen Komponente ausgegangen werden, wie die Zwillings- und Adoptionsforschung belegt. (Vgl. Peter Borkenau, Anlage und Umwelt, 1993; Rainer Riemann / Frank M. Spinath, Genetik und Persönlichkeit, a.a.O. 2005, S. 616 ff.; Volkmar Weiss, Die IQ-Falle, 2000; Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns, 2003, S. 110ff.).“ (Ebd., S. 227-228).

„Im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität? werden eine Reihe weiterer Faktoren präsentiert, die für eine starke Beteiligung der Gene an aktuellen menschlichen Erfolgsmerkmalen sprechen, unter anderem:
Inselbegabte (Savants) verfügen über außergewöhnliche geistige Fähigkeiten, die nicht selten mit einem völlig anders strukturierten Gehirn einhergehen (zum Beispiel bei Kim Peek).
Sechs von sieben Inselbegabten sind Männer.
Die Varianz der Intelligenzverteilung bei Männern ist deutlich höher als bei Frauen. Beispielsweise ergab ein Test unter 2500 Geschwistern, daß sich unter den »klügsten« und »dümmsten« zwei Prozent einer Bevölkerung doppelt so viele Männer wie Frauen befinden.
Inselbegabte wie Kim Peek oder Matt Savage demonstrieren in aller Deutlichkeit, daß das menschliche Gehirn noch ein beträchtliches genetisches Entwicklungspotential besitzt, und zwar nicht nur bezüglich bereits vorhandener Kompetenzen (zum Beispiel Musikalität), sondern möglicherweise auch solchen, die zur Zeit noch nicht einmal faßbar sind. Denn wie will man zum Beispiel ausschließen können, daß irgendwann Menschen geboren werden, die sich vier Dimensionen vorstellen, durch Hypnose Krebs heilen, Rohstoffe in 500 Meter Tiefe erspüren oder die Gedanken anderer lesen beziehungsweise sogar manipulieren können? Allerdings dürften sich solche Merkmale nur dann nennenswert in Populationen ausbreiten können, wenn (siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?):
sie auf der männlichen Seite auftreten,
sie sozialen Erfolg begünstigen,
sie männliche potenzielle Fruchtbarkeit größer ist als die weibliche und
sozialer Erfolg bei Männern mit einem höheren Reproduktionserfolg verbunden ist.
Es läßt sich argumentieren, daß dem genetischen Anteil an den menschlichen Kompetenzen in modernen, arbeitsteiligen und individualistische Gesellschaften in aller Regel eine größere Bedeutung zukommt, als dies in Urgesellschaften der Fall war.“ (Ebd., S. 228-229).

4.29.3) Thesen zum Central Theoretical Problem

„Nach diesen »politischen« Vorbemerkungen, die ein wenig den gesellschaftlichen Rahmen beleuchteten, möchte ich zu zwei eigenen Thesen zum Central Theoretical Problems of Human Sociobiology kommen:
These 1
In modernen menschlichen Gesellschaften wird der Reproduktionserfolg aufgrund von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (die in der zweiten These im Einzelnen aufgelistet werden) viel stärker vom Reproduktionsinteresse als vom Grad der Anpassung an den Lebensraum bestimmt. Beim Central Theoretical Problem of Human Sociobiology handelt es sich folglich um eine Widerlegung des Darwinschen Prinzips der natürlichen Auslese.
Anders gesagt: Die Darwinsche Evolutionstheorie ist nicht allgemein genug formuliert, um auch für moderne menschliche Gesellschaften Anwendung zu finden. Sie gilt somit nicht für alles Leben auf der Erde.
These 2
In modernen menschlichen Gesellschaften, in denen
beide Geschlechter praktisch identische Lebensentwürfe besitzen und mit einer Erwerbsarbeit Geld verdienen können,
ein Sozialstaat (ähnlich dem der Bundesrepublik Deutschland) besteht,
sich Familien vom Grundsatz her selbst zu finanzieren haben (Wirtschaftsfunktion der Familie; Familienarbeit mit eigenen Kindern ist kostenlos zu erbringen),
die Entscheidung für oder gegen zusätzliche Kinder nach ökonomischen Gesichtspunkten gefällt werden kann (Familienplanung),
wird sich stets ein negativer Zusammenhang zwischen Fortpflanzungsinteresse und sozialem Erfolg ausbilden. Es kommt dann zum Phänomen des Central Theoretical Problems of Human Sociobiology.“ (Ebd., S. 230-231).

4.29.4) Einige Erklärungsversuche des Central Problems

„So existieren ... negative Zusammenhänge etwa zwischen
sozioökonomischem Status und Fertilität,
Intelligenz und Anzahl der Geschwister,
Intelligenz und Fertilität und
Bildungsniveau und Fertilität.“ (Ebd., S. 231).

„Eine Theorie besagt zum Beispiel, daß es im Rahmen der Modernisierung zu einer drastischen Zunahme von sozialen Interaktionen komme, die zu einer Reduzierung des Anteils der Verwandtenkontakte im Vergleich zu Nichtverwandten führe. Die Nachwuchsarbeit verliere hierdurch an Bedeutung. Eine solche Begründung ist nicht unplausibel, denn immerhin konnte ja in einigen Schwellenländern beobachtet werden, daß offenbar bereits das regelmäßige Schauen von Telenovelas fertilitätssenkend ist. Auch würde sich hierdurch die durchschnittlich niedrigere Fertilität in Schichten mit einem höheren sozioökonomischen Status erklären lassen, denn mit dem sozialen Erfolg steigt üblicherweise auch der Anteil der Nichtverwandteninteraktionen an der Gesamtkommunikation.“ (Ebd., S. 232).

4.29.5) Die Lösung des Central Theoretical Problems

„In diesem Abschnitt sollen schließlich die beiden Thesen zum Central Theoretical Problem of Human Sociobiology begründet werden.“ (Ebd., S. 232).

„Ich werde dabei aber nicht weiter untersuchen, wie es im einzelnen zum demographischen Übergang gekommen ist, und welche gesellschaftlichen Veränderungen wann und wie welchen Einfluß auf das Fertilitätsverhalten hatten, sondern stattdessen vom Ist-Zustand ausgehen, das heißt, von modernen Gesellschaften, die sich aktuell im demographischen Wandel befinden. Und da läßt sich nun zeigen, daß hier gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen wurden, die grundsätzlich zu einem Fertilitätsverhalten führen, welches weder mit dem Prinzip der natürlichen Auslese noch mit den Grundprinzipien der Systemischen Evolutionstheorie vereinbar ist.“ (Ebd., S. 232).

„Ich möchte dies zunächst an einem Beispiel aus dem Tierreich erläutern.“ (Ebd., S. 233).

„Pfauenmännchen können sich ihre imposanten gefiederten Schweife nur deshalb leisten, weil sie im Vergleich zu den Weibchen die viel geringeren Elterninvestments aufzubringen haben. Eine gleichzeitige Meisterschaft in beiden Bereichen (Nachwuchsarbeit, imposanter Schweif) ist aber aus energetischen Gründen nicht möglich. Wären Pfauen Hermaphroditen, dann müßte sich ein Pfau mit einem besonders großen und schönen gefiederten Schweif automatisch mit weniger Nachkommen begnügen, denn seine Energiebilanz ließe nichts anderes zu. Mit jedem zusätzlichen Investment in sein Imponierorgan reduzierte er folglich sein Reproduktionsinteresse. Würden sich die Pfauen-Hermaphroditen ganz normal wie getrenntgeschlechtliche Lebewesen miteinander paaren (woraufhin beide Partner Eier legten), dann entspräche ein großer Schweif zwar weiterhin einer besonders hohen Fitneß in bezug auf den Lebensraum, wäre aber gleichzeitig - und zwar aus energetischen Gründen - mit einer geringeren Gelegegröße verbunden. Dies würde ihn für mögliche Sexualpartner weniger attraktiv machen (siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?).“ (Ebd., S. 233).

„Stellen wir uns für einen Moment vor, alle Menschen wären Hermaphroditen, die sich gelegentlich miteinander paaren.“ (Ebd., S. 233).

„Das Prinzip der natürlichen Auslese erklärt die biologische Evolution auf der Erde damit, daß besser angepaßte Individuen einer Population durchschnittlich mehr Nachkommen hinterlassen als andere. Konkret hieße das in unserer Situation: Sozial erfolgreichere Hermaphroditen würden durchschnittlich mehr Kinder haben als weniger erfolgreiche.“ (Ebd., S. 233).

„Wir befänden uns also sofort in dem bekannten Dilemma der modernen, gleichberechtigten Frau: Wie kann ich im Beruf »meinen Mann stehen« und daneben noch eine Familie gründen? Oder anders gesagt: Wie kann ich beide Aufgaben miteinander vereinbaren? Aber nicht nur das: Das Prinzip der natürlichen Auslese verlangt ja noch viel mehr, und zwar das scheinbar Unmögliche: Ein beruflich ganz besonders erfolgreicher Hermaphrodit sollte in der Regel auch ganz besonders viele Kinder haben («Reproduktionserfolg korreliert mit sozialem/beruflichem Erfolg«), denn dann würde er seine Erfolgsmerkmale überproportional häufig an die nächste Generation weitergeben und damit zur Wahrung des Prinzips der Generationengerechtigkeit beitragen.“ (Ebd., S. 233-234).

„Soziobiologen gliedern den Lebensaufwand eines Individuums in die beiden Unterbereiche somatischer Aufwand und Reproduktionsaufwand, wobei ersterer primär dazu dient, Reproduktionspotenzial zu akkumulieren und letzterer dazu, dieses dann wieder zu verausgaben (vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 84). Überträgt man dies auf moderne menschliche Gesellschaften, dann ließe sich sagen: Der Lebensaufwand eines Menschen gliedert sich in Beruf und Familie, wobei der Beruf primär dazu dient, Reproduktionspotenzial zu akkumulieren und die Familie dazu, dieses dann wieder zu verausgaben. Das Prinzip der natürlichen Auslese besagt dann zusätzlich noch: Individuen, die mehr Reproduktionspotenzial erlangen (mehr Einkommen erzielen, beruflich erfolgreicher sind u.s.w.), hinterlassen im Durchschnitt mehr Nachkommen (haben im Mittel die größeren Familien).“ (Ebd., S. 233).

„Wir stellen somit fest:
Das Prinzip der natürlichen Auslese beinhaltet einen Konflikt, der darin besteht, zwei völlig unterschiedliche und gegeneinander um die gleichen zeitlichen Ressourcen konkurrierende Aufgaben gleichzeitig optimieren zu wollen. Die natürliche Selektion fordert nicht nur die Vereinbarkeif von Familie und Beruf, sondern vielmehr deren gleichzeitige Optimierung: Wenn der Beruf gegen ein Optimum strebt, dann sollte Familie das - im sfafistischen Mittel - auch tun !“  (Ebd., S. 234).

„Sind die beiden Aufgabenbereiche Produktion und Reproduktion (somatischer Aufwand und Reproduktionsaufwand; übersetzt: Beruf und Familie) gleichermaßen mit hohen zeitlichen Aufwänden verbunden, so dürfte sich ein einziges Individuum damit schwer tun, beiden in gleicher Weise gerecht zu werden. Es handelt sich hierbei letztlich um einen Balanceakt zwischen zwei völlig unterschiedlichen, zeitaufwändigen Aufgaben. Aus diesem Grund wird in familienpolitischen Publikationen auch häufig von einer Balance zwischen Familie und Beruf (beziehungsweise im Englischen von einer Work-Life-Balance) gesprochen, siehe zum Beispiel (BMFSFJ, Familie und Arbeitswelt, 2007). Das Prinzip der natürlichen Auslese kennt hier jedoch keine Balance, sondern es erwartet die gleichzeitige Optimierung beider Aufgabenbereiche, jedenfalls im statistischen Mittel und aus Sicht der gesamten Population.“ (Ebd., S. 234).

„Menschliche Gesellschaften unterscheiden sich aber von anderen biologischen Populationen noch in einigen wesentlichen Aspekten, die im vorliegenden Kontext bemerkenswerte Konsequenzen haben: Ein besonders effizienter Hermaphrodit könnte ja in einer natürlichen Umgebung pro Zeiteinheit mehr Nahrung erlangen und dann auch mehr Nachkommen hinterlassen. Auf Dauer würde sich dabei ein Gleichgewichtszustand einstellen: Bekommt er zuviel Nachwuchs, kann er diesen nicht mehr ausreichend ernähren, so daß es einige oder alle Jungen nicht bis ins Fortpflanzungsalter schaffen. Seine Gene würden folglich nicht ausreichend an die nächste Generation weitergegeben. Bekommt er zu wenige Jungen, nutzt er sein Fortpflanzungspotenzial nicht aus, und das Ergebnis wäre ebenfalls suboptimal. (Vgl. Richrad Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 216). Grundsätzlich gilt aber unter solchen Verhältnissen: Wer in einem bestimmten Zeitfenster mehr Nahrung beschafft (bei der Nahrungssuche effizienter ist; besser an den Lebensraum angepaßt ist), kann in der verbliebenen Zeit eine größere Zahl an Nachkommen aufziehen. Exakt so lautet ja auch das Prinzip der natürlichen Auslese der biologischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 234-235).

„Moderne, arbeitsteilig organisierte menschliche Gesellschaften kennen aber einen entsprechenden Effizienzbegriff nicht. Wer über besondere Kompetenzen verfügt und bestimmte komplexe Aufgabenstellungen ganz besonders schnell und präzise erledigen kann, der wird in der Folge nicht weniger, sondern mehr arbeiten, denn seine Kompetenzen sind nun besonders gefragt. Arbeitsteilung heißt Spezialisierung, und Spezialisierung setzt spezifische Kompetenzen voraus, die üblicherweise in langwierigen Ausbildungsprozessen erworben werden müssen. Selbstverständlich besteht dann ein erhöhtes lnteresse daran, solche Kompetenzen auch einzusetzen und weiterzuentwickeln. Die Fähigkeit etwa, ein bestimmtes Computerprogramm in einer vergleichsweise kurzen Zeit fehlerfrei schreiben zu können, bedeutet in modernen, arbeitsteiligen Gesellschaften keineswegs, daß man deshalb zwei Stunden früher nach Hause gehen kann. Im Gegenteil: Nun wird ein solcher Mitarbeiter noch mehr gefordert werden, während sich das Unternehmen gegebenenfalls von anderen, weniger effizienten Arbeitnehmern trennt.“ (Ebd., S. 235).

„Aus diesem System kann auch nicht leicht ausgestiegen werden, zumal es international völlig einheitlich implementiert ist. Wer es dennoch versucht, der dürfte sich schon bald mit einer weniger qualifizierten und dann auch schlechter bezahlten Tätigkeit zufriedengeben müssen.“ (Ebd., S. 235).

„Soziale Systeme differenzieren sich mit zunehmender Komplexität immer weiter aus (siehe Abschnitt Soziale Evolution [Sozialer Wandel]). Im Unternehmensbereich ftihrt das unter anderem zu einer stärkeren Untergliederung der Organisation in Dominanzhierarchien (Leitungsebenen). Sozialer Erfolg, der mit einem erleichterten Zugang zu Ressourcen und bei Männern auch zu Sexualpartnerinnen verbunden ist, ist dann ganz häufig gleichzusetzen mit dem Erreichen einer entsprechend hohen Position in der Dominanzhierarchie eines sozialen Systems, zum Beispiel eines namhaften Unternehmens. Dazu ist dann aber wiederum ein besonders starkes persönliches Engagement erforderlich, das heißt, das Einbringen umfangreicher zeitlicher Ressourcen, die dann für andere soziale Aufgaben - zum Beispiel Familienarbeit - nicht mehr zur Verfügung stehen. Letztlich ist das eine zwangsläufige Konsequenz unserer modernen arbeitsteiligen Wirtschaftsweise.“ (Ebd., S. 235-236).

„Und genau hier kommt nun das Problem der weiblichen Emanzipation ins Spiel: Wenn sowohl die berufliche Karriere als auch die Familienarbeit mit hohen zeitlichen Aufwänden (und damit mit hohen Opportunitätskosten) verbunden sind, und beide Geschlechter beide Aufgaben anteilsmäßig gleich erfüllen sollen, dann wird eine bessere Ausbildung und darauf aufbauend eine größere berufliche Verantwortung im statistischen Mittel immer mit einer Reduzierung der für Familienarbeit zur Verfügung stehenden Zeit einhergehen. Daran werden Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nichts Entscheidendes ändern können.“ (Ebd., S. 236).

„Im Umkehrschluß bedeutet das aber auch: Mit steigender Kinderzahl - das heißt, mit steigenden zeitlichen Aufwänden für die Familienarbeit - verbleibt den Eltern immer weniger Zeit für Beruf und Karriere, was zu folgendem, in patriarchalischen Gesellschaften nicht bekannten Dilemma führt (siehe Abschnitt Gründe für den demographischen Wandel):
Mit zunehmender Kinderzahl steigen die Ausgaben für die Familie, während gleichzeitig ihre Einkünfte sinken.
Und schließlich ist auch noch der Sozialstaat zu berücksichtigen, dessen Wirkungen Richard Dawkins in Bezug auf die natürliche Selektion mit den folgenden Worten zusammenfaßt:
»Nun ist, was den modernen, zivilisierten Menschen betrifft, folgendes geschehen: Die Größe der Familie ist nicht mehr durch die begrenzten Mittel beschränkt, die die einzelnen Eltern aufbringen können. Wenn ein Mann und seine Frau mehr Kinder haben, als sie ernähren können, so greift einfach der Staat ein, das heißt der Rest der Bevölkerung, und hält die überzähligen Kinder am Leben und bei Gesundheit. Es gibt in der Tat nichts, was ein Ehepaar, welches keinerlei materielle Mittel besitzt, daran hindern könnte, so viele Kinder zu haben und aufzuziehen, wie die Frau physisch verkraften kann. Aber der Wohlfahrtsstaat ist eine sehr unnatürliche Sache. In der Natur haben Eltern, die mehr Kinder bekommen, als sie versorgen können, nicht viele Enkel, und ihre Gene werden nicht an zukünftige Generationen vererbt.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 209f.).
Grundsätzlich ist davon auszugehen, daß sich mit einem Fortschreiten der weiblichen Emanzipation und insbesondere einer weiteren Steigerung der Frauenerwerbsquote die Situation für Frauen und Männer immer weiter angleichen wird, da es dann selbst für beruflich erfolgreiche Männer immer schwerer werden dürfte, eine adäquate Lebensgefährtin zu finden, die bereit ist, für die Gründung einer größeren Familie für eine längere Zeit auf ihren Beruf zu verzichten. Dafür sprechen allein schon die festgestellte Bildungshomogamie bei Paaren und IQ-Korrelation bei Ehepaaren. (Vgl. Bernd Eggen / Marina Rupp [Hrsg.], Kinderreiche Familien, 2006, S. 56). Auch scheint eine generelle genetische Homogarnie bei der Partnerwahl eine nicht zu unterschätzende Rolle zu spielen. (vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 62).“ (Ebd., S. 236-237).

„Ferner übertragen sich die hohen Opportunitätskosten von Kindern bei einer gesellschaftsweit angestrebten paritätischen Aufteilung der Familienarbeit unmittelbar auch auf die Männer.“ (Ebd., S. 237).

„In modernen menschlichen Gesellschaften spielen - aufgrund der allgemeinen Verfügbarkeit leistungsfähiger Kontrazeptiva - die unterschiedlichen Reproduktionsinteressen der Individuen eine entscheidende Rolle. Ein Maß für das Reproduktionsinteresse eines Menschen könnte dessen Kinderwunsch (Zahl an gewünschten Nachkommen) sein. Allerdings läßt sich ein solcher Kinderwunsch nicht immer zweifelsfrei messen. Eine Frau, die etwa eine Managernentkarriere in einern internationaloperierenden Konzern anstrebt und gleichzeitig eine größere Familie mit vier oder mehr Kindern haben möchte, hat in aller Regel einen unrealistischen Kinderwunsch. Haben ihre beruflichen Ziele für sie oberste Priorität, dann hat sie faktisch ein geringes Reproduktionsinteresse.“ (Ebd., S. 237).

„In den Industrienationen besteht nun aber irn allgemeinen ein negativer Zusanunenhang zwischen Reproduktionsinteresse und sozioökonomischern Status beziehungsweise Bildungsniveau (siehe dazu den Abschnitt Reproduktionsinteresse), was einer Verletzung des Prinzips Reproduktionsinteresse der Systemischen Evolutionstheorie gleichkommt, denn dieses setzt ja ganz explizit voraus, daß das Reproduktionsinteresse der Individuen einer Gesellschaft nicht negativ mit deren Anpassungsgrad an den Lebensraum (in diesern Fall: das soziale Umfeld) korreliert.“ (Ebd., S. 237).

„Aber damit nicht genug: In den Industrienationen ist nun das Reproduktionsinteresse ihrer Mitglieder meist durchschnittlich so niedrig (siehe den Abschnitt Reproduktionsinteresse), daß die gesellschaftliche Reproduktion nicht einmal mehr mengenmäßig bestandserhaltend ist, und somit massive Alterungs- und in der Folge dann auch Schrumpfungsprozesse zu verzeichnen sind (siehe dazu die Ausführungen im Kapitel Demographischer Wandel). Zuverlässige Kontrazeptiva, die Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter, leistungsfähige Alterssicherungssysteme und weitere soziale Maßnahmen haben die Reproduktionsinteressen der Individuen von den biologischen Grundlagen abgetrennt und zu einer ökonomisch abschätzbaren Größe werden lassen. Dabei ist dann das zum Vorschein gekommen, auf das auch Biologen schon immer hingewiesen haben: Die Fortpflanzung ist ganz wesentlich eine altruistische Tätigkeit. Sie hat in modernen Gesellschaften aus Sicht eines »egoistischen« Individuums nicht mehr unbedingt Sinn. Sie ist primär eine Sache der Population oder des Nachwuchses selbst (also originär altruistisch), und folglich ein ständiges öffentliches Thema.“ (Ebd., S. 237).

„An dieser Stelle sei noch einmal auf einen entscheidenden Punkt hingewiesen. Für die Darwinsche Evolutionstheorie ist die natürliche Auslese so etwas wie ein Naturprodukt, in das keinerlei künstliche Eingriffe - wie sie der Sozialdarwinismus vorschlug - erforderlich sind. Die natürliche Auslese ergibt sich für sie im Rahmen der Evolution ganz von selbst.“ (Ebd., S. 237).

„Die vorliegende Arbeit konnte dagegen zeigen: Dies gilt nur dann, wenn sich alle Individuen einer Population gleichermaßen fortpflanzen wollen, präziser: wenn Fitneß und Fortpflanzungsinteresse der Individuen nicht negativ korrelieren, wie es in der Systemischen Evolutionstheorie dann auch entsprechend als Evolutionsprinzip formuliert ist.“ (Ebd., S. 237).

„Da es dem Menschen jedoch gelungen ist, sein Fortpflanzungsinteresse zu beherrschen, kann in modemen menschlichen Gesellschaften von einer solchen Grundannahme nicht mehr ausgegangen werden, speziell dann, wenn weitere gesellschaftliche Rahmenbedingungen in andere Richtungen weisen. Wie der vorliegende Abschnitt aufzeigen konnte, wird das individuelle Reproduktionsinteresse nämlich maßgeblich durch die Organisation des Paarungssystems - zu der auch der gesellschaftliche Konsens zur Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern zählt - und des Wirtschaftssystems mitbestimmt. Anders gesagt: Der Überlebenserfolg eines Individuums hängt nicht nur - im Sinne eines Survival of the Fittest - von dessen Tauglichkeit ab, sondern ganz entscheidend auch von den in der Population geltenden organisatorischen Rahmenbedingungen, die einen erheblichen Einfluß auf sein persönliches Reproduktionsinteresse nehmen können.“ (Ebd., S. 237-238).

„Die Darwinsche Evolutionstheorie ist folglich nicht allgemein genug formuliert, um auf moderne menschliche Gesellschaften angewendet werden zu können. Das Central Theoretical Problem of Human Sociobiology stellt letztlich eine Falsifizierung des Prinzips der natürlichen Auslese (Survival of the Fittest) der Darwinschen Evolutionstheorie dar.“ (Ebd., S. 237).

„Damit sind die beiden Thesen zum Central Theoretical Problem of Human Sociobiology begründet (**). Der moderne Mensch hat indirekt auch Richard Dawkins' Theorie vom »egoistischen Gen« widerlegt. Die Vorstellung, Individuen seien in erster Linie Überlebensmaschinen ihrer Gene (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, s. 63), kann nicht überzeugend erklären, warum Menschen, sobald Kinder gegenüber Alternativen wie berufichem Erfolg, Automobilen oder Urlaubsreisen ökonomisch aufrechenbar sind, sich ganz häufig für den Beruf, das Auto oder die Urlaubsreise und gegen den eigenen Nachwuchs entscheiden. Unter dem Paradigma des »egoistischen Gens« dürfte es das Central Theoretical Problem of Human Sociobiology eigentlich überhaupt nicht geben, und zwar ganz unabhängig davon, ob Menschen Zugriff auf leistungsfähige Mittel zur Familienplanung besitzen oder nicht.“ (Ebd., S. 237).

„Richard Dawkins entgegnet solchen Einwänden gegen seine Theorie mit den folgenden Argumenten:
»Wir haben die Macht, den egoistischen Genen unserer Geburt und, wenn nötig, auch den egoistischen Memen unserer Erziehung zu trotzen. Wir können sogar erörtern, aufwelche Weise sich bewußt ein reiner selbstloser Altruismus kultivieren und pflegen läßt - etwas, für das es in der Natur keinen Raum gibt, etwas, das es in der gesamten Geschichte der Welt nie zuvor gegeben hat. Wir sind als Genmaschinen gebaut und werden als Memmaschinen erzogen, aber wir haben die Macht, uns unseren Schöpfern entgegenzustellen. Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 334).
Und an anderer Stelle:
»Wir, das heißt unser Gehirn, sind ausreichend getrennt und unabhängig von unseren Genen, um gegen sie rebellieren zu können. Wie ich bereits sagte, tun wir dies immer dann im kleinen, wenn wir Empfängnisverhütung betreiben. Nichts spricht dagegen, uns auch im großen gegen unsere Gene aufzulehnen.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 496).
Die Argumentation Richard Dawkins' in dieser Sache ist leider alles andere als schlüssig. Folgt man den Biologen, dann geht es Lebewesen primär um Selbsterhalt und Fortpflanzung. Einige biologische Fachdisziplinen gehen noch weiter und fokussieren primär auf den Fortpflanzungserfolg:
»Tierisches Verhalten von der Nahrungssuche bis zur Partnerwahl mit einem solchen Anpassungsdenken, das den individuellen Fortpflanzungserfolg ins Zentrum stellt, zu erklären, ist das Gebiet der Verhaltensökölogie. « (Thomas P. Weber, Darwin und die neuen Biowissenschaften, 2005, S. 186).
Wie ich bereits dargelegt habe, gibt es dabei jedoch ein Problem: Aus Sicht des Individuums ist die Fortpflanzungstätigkeit (die Summe aller Reproduktionsaufwände) hochgradig altruistisch, denn sie geschieht vor allem im Dienste anderer Individuen, nämlich der eigenen Nachkommen, wodurch sie gegebenenfalls sogar dem eigenen Selbsterhalt im Wege steht. Warum also sollte sich ein autonomes Lebewesen unbedingt fortpflanzen wollen? Gemäß Richard Dawkins kommt dafür nur eine Erklärung in Frage: Lebewesen sind Überlebensmaschinen der in ihnen wirkenden egoistischen Gene. Bei dem scheinbaren Fortpflanzungsaltruismus von Individuen handelt es sich folglich um den Egoismus von Genen, die möglichst lange fortbestehen möchten. Anders gesagt: Der Lebensaufwand eines Lebewesens mag sich zwar formal in Selbsterhalt und Reproduktionsaufwand und damit in einen Teil für sich und einen zweiten Teil für andere Individuen gliedern, doch dies täuscht lediglich, denn letztlich dient aller Reproduktionsaufwand nur dem Fortbestand der eigenen Gene, ist also aus Sicht der egoistischen Gene ebenfalls dem Selbsterhalt zuzurechnen.“ (Ebd., S. 240).

„Nun behauptet aber Richard Dawkins, das Kulturwesen Mensch sei jetzt als erstes Lebewesen in der Lage, sich auch »im großen« gegen seine eigenen Gene aufzulehnen. Etwas verkürzt könnte man Richard Dawkins' Argumentation wie folgt zusammenfassen: Egoistische Gene haben zum Zwecke ihres eigenen Überlebens sogenannte Überlebensmaschinen gebaut, die sich nun aber »im großen« über die Interessen ihrer Erbauer hinwegsetzen können, wodurch sie sie am Überleben hindern.“ (Ebd., S. 240).

„Allerdings sieht Richard Dawkins für den modernen Menschen zwei alternative Strategien vor, sich in die Zukunft fortzupflanzen:
Kinder in die Welt zu setzen (Vererbung über Gene).
Kulturelle Verewigung (Vererbung über Meme).
Dies begründet er wie folgt:
»Wenn wir einmal sterben, so können wir zwei Dinge hinterlassen: Gene und Meme. Wir sind als Genmaschinen konstruiert, dazu geschaffen, unsere Gene zu vererben. Aber dieser Aspekt von uns wird in drei Generationen vergessen sein. Mein Kind, sogar mein Enkel noch mag mir ähnlich sein, vielleicht in den Gesichtszügen, in einer musikalischen Begabung oder in der Haarfarbe. Aber mit jeder Generation, die vorbeigeht, wird der Beitrag der Gene halbiert. Es dauert nicht lange, und er ist so klein geworden, daß man ihn vernachlässigen kann. Unsere Gene mögen unsterblich sein, aber die Sammlung von Genen, die jeder Einzelne von uns darstellt, muß zwangsläufig auseinanderbröckeln. ....
Doch wenn ich einen Beitrag zur Kultur der Welt leiste, wenn ich einen guten Gedanken habe, eine Melodie komponiere, eine Zündkerze erfinde oder ein Gedicht schreibe, so kann dieser Beitrag noch lange, nachdem meine Gene sich im gemeinsamen Genpool aufgelöst haben, unversehrt weiterleben. Von Sokrates mögen heute .... vielleicht noch ein oder zwei Gene auf der Welt leben oder auch nicht, aber wen interessiert das schon? Die Memkomplexe von Sokrates, Leonardo da Vinci, Kopernikus ... sind immer noch ungeschwächt.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 331f.).
Nun ist aber die Chance, einmal ein neuer Kopernikus zu werden, denkbar gering. Die allermeisten Menschen schlagen sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Schon bald nach ihrem Tod wird niemand mehr wissen, daß es sie überhaupt gegeben hat, insbesondere dann, wenn sie auch noch kinderlos geblieben sind, was heute aber - speziell in gebildeten Kreisen - gar nicht mal so selten ist.“ (Ebd., S. 240-241).

„Man kann es drehen und wenden wie man will, die Dawkinschen Begründungen ergeben keinen Sinn: Unsere persönliche Sammlung an Genen verliert sich binnen ganz weniger Generationen, und auch kulturell - und sei es als Bestandteil irgendeines »Mems« - werden die meisten von uns ganz schnell vergessen sein.“ (Ebd., S. 241).

„ Der Ansatz der Systemischen Evolutionstheorie ist demgegenüber viel plausibler: Lebewesen sind autonome Systeme mit eigenständigen Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungsinteressen, die sich selbsterhalten und fortpflanzen wollen. Entsprechende Verhaltensweisen haben sich evolutionär herausgebildet, denn andernfalls gäbe es die jeweiligen Populationen und Spezies längst nicht mehr. Dem Menschen ist als erstem Lebewesen die sichere Beherrschung des eigenen Fortpflanzungsinteresses gelungen, und zwar ohne dabei auf die angenehmen Gefühle beim Sex verzichten zu müssen. Prompt stellt sich für den modernen Menschen das jahrzehntelange Aufziehen von Kindern als das heraus, was es eigentlich ist: ein zusätzlicher Aufwand, der den eigenen Selbsterhalt erschwert, und den viele Menschen heute nicht mehr so ohne weiteres zu leisten bereit sind.“ (Ebd., S. 241-242).

„Die Resultate zum Central Theoretical Problem of Human Sociobiology legen indirekt den folgenden Schluß nahe: Möchte eine moderne Gesellschaft dem Trend zu Kinderlosigkeit und sehr kleinen Familien entgegenwirken, dann dürfte eine Lastenreduzierung bei der Familienarbeit (zum Beispiel durch Vereinbarkeitsmaßnahmen oder einem verbesserten Familienlastenausgleich) für sich allein nicht ausreichen. Stattdessen sollten die Maßnahmen am Fortpflanzungsinteresse ansetzen, indem das Aufziehen von Kindern wieder so attraktiv gemacht wird, daß sich eine ausreichende Zahl an Menschen eigene Kinder wünscht. Eine tiefergehende Diskussion dazu findet sich in meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) und zum Teil auch im Kapitel Demographischer Wandel.“ (Ebd., S. 242).

4.30) Wozu gibt es Sexualität?

4.30.1)   Die Nachteile der Sexualität (S. 243-245)
4.30.2)   Die Vorteile der Sexualität (S. 246-262)
4.30.3)   Zusammenfassung (S. 262)

„Der vorliegende Abschnitt stellt zunächst die - zum Teil bereits in anderen Abschnitten herausgearbeiteten - Vor- und Nachteile der Sexualität im Vergleich zu alternativen Fortpflanzungsmethoden dar. Auf dieser Basis wird dann gefolgert, daß der eigentliche evolutionäre Vorteil der Sexualität vor allem in qualitativen und kommunikativen Aspekten liegt. Bei der Sexualität geht es ganz wesentlich um Kommunikation.“ (Ebd., S. 243).

„Im Rahmen der sexuellen Fortpflanzung sind insbesondere zwei Populationstypen zu unterscheiden:
Getrenntgeschlechtliche Populationen mit separaten Männchen und Weibchen, bei denen nur die Weibchen Nachwuchs in die Welt setzen können.
Hermaphroditenpopulationen, bei denen sich alle geschlechtsreifen Individuen miteinander paaren können. Anschließend können beide Fortpflanzungspartner Nachwuchs zur Welt bringen.
Hermaphroditismus ist im Pflanzenreich weit verbreitet. Beispiele aus der Tierwelt sind: Regenwürmer, Nesseltiere, manche Schnecken- und Fischarten.
Bei Säugetieren und vielen anderen höheren Tierarten hat sich die getrennt geschlechtliche Fortpflanzung durchgesetzt. Jede Begründung für die Vorteilhaftigkeit der Sexualität muß deshalb unter anderem auch erklären können, worin der Vorteil getrenntgeschlechtlicher Populationen gegenüber Hermaphroditenpopulationen besteht.“ (Ebd., S. 243).

4.30.1) Die Nachteile der Sexualität

„Sexualität ist komplex, ineffizient und teuer.
Die sexuelle Fortpflanzung ist erheblich komplexer als die asexuelle Reproduktion, und zwar unter anderem durch die folgenden Umstände, die zwar nicht für alle sich sexuell fortpflanzenden Lebewesen zutreffen, jedoch fur die meisten höheren Tierarten:
Frühzeitige Aufteilung der Zellen in Geschlechtszellen (Keimzellen, Gameten) und Körperzellen.
Aufteilung der Gameten in zwei unterschiedliche Typen, die sich bereits von der Größe her ganz erheblich unterscheiden (Anisogamie). Bei allen höheren tierischen Lebewesen einschließlich des Menschen werden die Gameten der Weibchen Eizellen (Eier) genannt, die der Männchen Spermatozoen oder Spermien
Die Anisogamie (Eier sind teuer, Spermien dagegen billig) ist die Basis für die unterschiedlichen Elterninvestments der beiden Geschlechter und damit letztlich auch für die sexuelle Selektion (siehe Abschnitt Sexuelle Selektion).
Bei sogenannten diploiden Arten (zu denen auch der Mensch zählt) enthalten die Gameten jeweils nur einen Satz Chromosomen, das heißt, sie sind haploid, während die Körperzellen jeweils zwei Chromosomensätze beinhalten, die folglich diploid sind. Bei solchen Arten kommt es während der Produktion der Gameten zum komplexen Vorgang der Reduktionsteilung (Meiose), weshalb die Gameten dann auch Meiogameten genannt werden.
Bei der Befruchtung kommt es zu einer komplexen Vereinigung von zwei haploiden Gameten unterschiedlicher Paarungstypen zu einer diploiden Zygote, aus der sich dann durch weitere Zellteilungen (Mitose) und die nachfolgende Spezialisierung der aus ihr hervorgegangenen diploiden Zellen zunächst ein Embryo und später das ausgewachsene Individuum entwickeln.
Daneben besteht in sich sexuell reproduzierenden Populationen noch ein logistisches Problem, denn die verschiedenen Individuen müssen - bevor sie sich fortpflanzen können - zunächst einen geeigneten Sexualpartner finden. Das kann sich aber insbesondere bei vergleichsweise kurzlebigen Spezies oder geringer Populationsdichte als ausgesprochen schwierig erweisen. Die ausschließlich asexuelle Reproduktion dominiert deshalb vor allem bei Spezies, die die Evolution erst vor noch nicht allzu langer Zeit hervorgebracht hat.“ (Ebd., S. 243-244).

„Und schließlich ist getrenntgeschlechtliche Sexualität teuer, da die Männchen keinen eigenen Nachwuchs zur Welt bringen können, mit den Weibchen jedoch um die Ressourcen des Lebensraums konkurrieren (siehe dazu den nächsten Punkt und die Ausfuhrungen im Abschnitt Sexualität).“ (Ebd., S. 244).

Sexualität erzeugt eine geringere Zahl an Nachkommen.
Würden in einer getrenntgeschlechtlichen Population weibliche, sich asexuell fortpflanzende Mutanten zur Welt kommen, die lauter Nachkommen des gleichen Typs hätten (weiblich; fähig zur asexuellen Fortpflanzung; Nachkommen ebenfalls weiblich), dann könnten sich diese sukzessive in der Population durchsetzen, da sie doppelt so viele fortpflanzungsfähige Nachkommen produzieren könnten wie die restlichen getrenntgeschlechtlichen Individuen. Das gleiche würde für Hermaphroditen- Mutanten gelten.
Die getrenntgeschlechtlichen Individuen der Population benötigten zur eigenen Bestandserhaltung mindestens eine Fertilitätsrate von 2,0 (mindestens zwei Nachkommen pro Weibchen), die Mutanten (asexuell, Hermaphroditen) dagegen nur eine von 1,0 (mindestens ein Nachkomme pro Individuum).
Getrenntgeschlechtliche Populationen sind folglich -gemessen an der Zahl ihrer potenziellen Nachkommen - reproduktiv weniger leistungsfähig als Hennaphroditen oder sich asexuell vermehrende Populationen.
Allerdings wird bei einer solchen Aussage implizit angenommen, daß männliche Individuen nur ihre Gene zum Nachwuchs beisteuern. Das ist zwar bei vielen Arten tatsächlich der Fall, bei anderen (insbesondere beim Menschen) jedoch nicht. Der reproduktive Nachteil getrenntgeschlechtlicher Populationen gegenüber Hermaphroditen oder sich asexuell fortpflanzenden Populationen könnte sich deshalb in der Praxis auch als geringer erweisen, als es gemäß der obigen Rechnung den Anschein hat.“ (Ebd., S. 245).

Sexualität begünstigt egoistische Gen-Kombinationen.
Da bei der genetischen Rekombination nicht alle Gene weitergegebenwerden, ist ein Aufkommen von Mutanten vorstellbar, die sich auf die Verbreitung ihrer eigenen Gene auf Kosten alternativer Allele spezialisiert haben (zum Beispiel durch Beeinflussung der Meiose). Solche Gen-Kombinationen werden »egoistisch« genannt.“ (Ebd., S. 245).

Rekombination kann günstige Gen-Kombinationen zerstören.
Bei der genetischen Rekombination werden die Gene beider Elternteile durchmischt, wodurch besonders günstige Gen-Kombinationen auch wieder zerstört werden können. Etwas Vergleichbares ist bei der asexuellen Fortpflanzung nicht möglich, denn dort kann es höchstens durch Mutationen zu einer »Verschlechterung« des Genoms kommen.“ (Ebd., S. 245).

4.30.2) Die Vorteile der Sexualität

Rekombination erzeugt eine enorme genetische Vielfalt.
Auf diesen Punkt wurde bereits im Abschnitt Sexualität eingegangen: Sexualität erzeugt aufgrund der genetischen Rekombination eine ungeheure genetische Vielfalt, die ihrerseits das »Grundmaterial« fur die natürliche Auslese liefert. Es sind die genetischen Unterschiede, die die Evolution in Gang setzen. Bei genetischer Gleichförmigkeit aller Individuen einer Art wäre Evolution durch natürliche Auslese nicht möglich. Daneben bringt die Durchmischung der Gene eine höhere Flexibilität mit sich, wodurch die Anpassung an neue Umweltbedingungen, Krankheitserreger und Parasiten erleichtert wird.
In diploiden Individuen (mit doppelten Chromosomensätzen) kann das zweite Allel als Backup dienen, falls einmal ein Allel verloren gegangen ist (beziehungsweise zerstört wurde). Aus den gleichen Gründen können diploide Spezies höhere Mutationsraten verkraften, weswegen sie sich besonders schnell an verändernde Rahmenbedingungen anpassen können. Und schließlich codieren verschiedene Allele meist für leicht unterschiedliche Merkmale, wodurch sich die Flexibilität des Phänotyps gegenüber unterschiedlichen Umgebungsbedingungen erhöhen kann (Heterozygotenvorteil).
Die Ausführungen im Abschnitt Sexualität machten aber bereits deutlich, daß die genetische Rekombination keineswegs erklären kann, warum sich die Getrenntgeschlechtlichkeit bei höheren Lebewesen gegenüber dem Hermaphroditismus durchgesetzt hat.“ (Ebd., S. 246).

Sexualität kann ungünstige Mutationen entfernen.
Die Mindestzahl der ungünstigen Mutationen innerhalb einer Population kann bei der asexuellen Reproduktion nicht mehr reduziert werden, höchstens durch Rückmutationen, die aber extrem unwahrscheinlich und selten sind. Bei der sexuellen Fortpflanzung könnten dagegen nachteilige Mutationen wieder durch genetische Rekombinationen verloren gehen. Dies dürfte insbesondere dann der Fall sein, wenn die Weibchen aus der Menge der Männchen diejenigen bevorzugen, die besonders gut an den Lebensraum angepaßt sind und folglich nur über sehr wenige nachteilige Mutationen verfügen.
Der genannte Vorteil dürfte sich besonders stark in getrenntgeschlechtlichen Populationen (und weniger stark bei Hermaphroditen) bemerkbar machen, allerdings auch nur dann, wenn die Männchen im Durchschnitt den deutlich geringeren Anteil an den Elterninvestments tragen, so daß es zu einer verstärkten Auslese unter den männlichen Individuen kommen kann.
Das gerade erzielte Ergebnis steht in einem direkten Bezug zum nächsten Punkt »Sexualität kann günstige Mutationen beschleunigt verbreiten« (**): Die Sexualität ist sowohl in der Lage, ungünstige Mutationen aus dem Gen-Pool einer Population effizient zu entfernen, als auch günstige Mutationen beschleunigt zu verbreiten. Allerdings setzt dies voraus, daß in der Population ein nennenswerter Unterschied in der potenziellen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich besteht.“ (Ebd., S. 246-247).

Sexualität kann günstige Mutationen beschleunigt verbreiten.
Im Abschnitt Fitneßindikatoren konnte bereits gezeigt werden: Die viel höhere potentielle Fruchtbarkeit des männlichen Geschlechts (nur bei durchschnittlich signifikant verminderten Elterninvestments) in Kombination mit dem weiblichen Partnerwahlverhalten (im Tierreich meist anhand sogenannter Fitneßindikatoren) kann zu einer deutlich beschleunigten Verbreitung von Erfolgsmerkmalen innerhalb einer Population führen. Viele männliche Individuen werden dann nämlich keine oder nur sehr wenige Nachkommen haben, andere dafür vergleichsweise viele. Getrenntgeschlechtliche Populationen sind folglich Hermaphroditen gegenüber von der Fortpflanzung her zwar quantitativ unterlegen, doch qualitativ überlegen: dies ist einer ihrer entscheidenden Vorteile.
In diesem Zusammenhang ist zusätzlich zu beachten, daß Männer häufiger von genetischen Mutationen betroffen sind als Frauen, was möglicherweise auf die männliche XY-Chromosomen-Asymmetrie zurückzuführen ist. (Bei den Ameisen etwa sind die Männchen haploid, die Weibchen dagegen diploid. Anch dieser Umstand sorgt für eine schnellere Ausprägung genetischer Mutationen auf der männlichen Seite.). Beispielsweise sind sechs von sieben Inselbegabten Männer. Der bekannte Inselbegabte Kim Peek verfügt zwar über außergewöhnliche geistige Fähigkeiten, die sich auf ein gegenüber nichtautistischen Menschen völlig anders strukturiertes Gehirn zurückführen lassen, gleichzeitig ist er aber auch geistig behindert. Die meisten Mutationen dieser Art wirken sich nämlich in der Summe eher ungünstig aus. Dennoch kann der Natur auf diese Weise gelegentlich ein »Volltreffer« gelingen. So behauptet der Hirnforscher Michael FitzgeraId etwa, selbst bei Genies wie Einstein, Newton, Beethoven oder Mozart habe eine mehr oder weniger starke Ausprägung von Autismus vorgelegen. (Die meisten Sozialwissenschaftler und auch einige Biologen sind der Auffassung, der Mensch habe die genetische Evolution mehr oder weniger aufgehoben. Auch die sogenannte Leere-Blatt-Hypothese [**] geht von dieser Annahme aus. Inselbegabte wie Kim Peek oder Matt Savage demonstrieren aber in aller Deutlichkeit, daß dies nicht der Fall sein kann. Offenbar besitzt das menschliche Gehirn ein für uns geradezu unvorstellbares genetisches Entwicklungspotenzial.).
Auch bei der Intelligenz scheint eine ähnlich asymmetrische GeschIechterverteilung wie bei Inselbegabten vorzuliegen: die Varianz der Intelligenzverteilung bei Männern ist deutlich höher als bei Frauen. Beispielsweise ergab ein Test unter 2.500 Geschwistern, daß sich unter den »klügsten« und »dümmsten« zwei Prozent einer Bevölkerung doppelt so viele Männer wie Frauen befinden.
Beispiel:
Stellen wir uns nun in einem Gedankenexperiment vor, ein Mensch habe durch eine genetische Mutation die Gabe erhalten, durch zehnmimltiges Handauflegen Krebs zu heilen.
Wir können drei Fälle unterscheiden:
Die Person ist eine Frau.
Vermutlich würde die Frau ihre Bestimmung darin sehen, möglichst viele Krebskranke zu heilen. Sie würde zwar viel Geld verdienen, aber kaum Zeitfür eigene Kinder haben. Gegebenenfalls würde sie kinderlos bleiben. In der nächsten Generation wäre die genetische Mutation wahrscheinlich
Der Mann würde ebenfalls seine Bestimmung darin sehen, möglichst viele Krebskranke zu heilen. Er würde viel Geld verdienen, eine Ehefrau, viele Freundinnen und viele Kinder haben. In der nächsten Generation gäbe es wahrscheinlich bereits fünf oder mehr Menschen mit der gleichen genetischen Mutation.
Die Person ist ein Mann in einer Gesellschaft mit geschlechtsneutralen Lebensentwürfen.
Der Mann würde gleichfalls seine Bestimmung darin sehen, möglichst viele Krebskranke zu heilen. Er würde zwar viel Geld verdienen, aber kaum Zeit für eigene Kinder haben, da er für jedes Kind die Hälfte der Familienarbeit leisten müßte. Gegebenenfalls würde er kinderlos bleiben. In der nächsten Generation wäre die genetische Mutation wahrscheinlich bereits wieder verschwunden.
Während die Natur also dem weiblichen Geschlecht den Hauptteil der Fortpflanzungsarbeit zugewiesen hat, kommt es dem männlichen Geschlecht zu, die Evolution zu beschleunigen und für eine möglichst rasche Anpassung an den Lebensraum zu sorgen, das heißt, die Evolutionsfähigkeit zu verbessern. (Vgl. Christoph von der Malsburg, Ist die Evolution blind?, 1987, a.a.O.). Es ist folglich von Vorteil, wenn das männliche Geschlecht stärker von Mutationen betroffen ist, denn dann können ungünstige Mutationen leichter »eliminiert« und günstige gefordert werden, und zwar alles auf ganz natürliche Weise. Vermutlich ist ein Großteil des menschlichen Intellekts auf genau diese Weise entstanden.
Leider verkennen selbst ausgewiesene Experten mitunter die wahre Dynamik der Fortpflanzung in getrenntgeschlechtlichen Populationen ....“ (Ebd., S. 247-249).

Sexualität fördert die Entfaltung von Reproduktionsinteressen.
Die unterschiedlichen elterlichen Aufwände für die beiden Geschlechter haben noch eine andere Konsequenz, die im Rahmen der Systemischen Evolutionstheorie eine wesentliche Rolle spielt: Je geringer der männliche Anteil an den elterlichen Investments ist, desto stärker kann sich das männliche Reproduktionsinteresse entfalten.
Denn im Grunde könnte ja die folgende Kritik an der Systemischen Evolutionstheorie geäußert werden:
Das Kriterium natürliches Reproduktionsinteresse fordert zwar, daß die Reproduktionsinteressen der Individuen nicht negativ mit dem Grad ihrer Anpassung an den Lebensraum korrelieren, sie könnten dann aber theoretisch so stark positiv korrelieren, daß mit zunehmender Anpassung an den Lebensraum durchschnittlich mehr Nachkommen in die Welt gesetzt werden als anschließend versorgt werden können. Die Reproduktionsinteressen würden zwar in einem solchen Falle nicht negativ mit dem Grad der Anpassung der Individuen an den Lebensraum korrelieren, trotzdem würde der Reproduktionserfolg der Individuen mit zunehmender Anpassung sinken. Dies wäre dann eine Verletzung des Prinzips der natürlichen Auslese, welches aber angeblich aus den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie ableitbar ist, wie der Abschnitt Gültigkeit der Darwinschen Evolutionsprinzipien gezeigt haben will.
Zoologen weisen beispielsweise darauf hin, daß sowohl zu geringe als auch zu hohe Reproduktionsinteressen (etwa in Form zu kleiner beziehungsweise zu großer Gelegegrößen bei Vögeln aus evolutionärer Sicht von Nachteil sind. Sie prognostizieren aber, daß sich solche Interessenabweichungen innerhalb einer Population - sofern keine systematische Ursache vorliegt - langfristig ausgleichen werden.
Allerdings haben solche Überlegungen für das männliche Geschlecht eine umso geringere Bedeutung, je kleiner deren Anteil an den Elterninvestments ist, wodurch eine umso größere Varianz beim männlichen Reproduktionserfolg möglich wird. Unter solchen Verhältnissen dürfte das männliche Reproduktionsinteresse allgemein sehr hoch sein, und weitere Abweichungen nach oben werden - anders als beim weiblichen Geschlecht - kaum negative Konsequenzen nach sich ziehen. Ist der männliche Anteil an den Elterninvestments beispielsweise nahezu vernachlässigbar (die Männchen steuern lediglich ihre Gene zum Nachwuchs bei), dann dürfte das männliche Reproduktionsinteresse praktisch unlimitiert hoch sein, und die Männchen werden jede erdenkliche Gelegenheit zur Fortpflanzung nutzen wollen, schließlich entstehen für sie dabei keine zusätzlichen Lasten.
Aus evolutionärer Sicht ist die Höhe des männlichen Reproduktionsinteresses von größerer Bedeutung als die des weiblichen (vgl. Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum!,  2007, S. 94ff. [**]). In familien- und bevölkerungspolitischen Überlegungen konzentriert man sich dagegen fast ausschließlich auf die weiblichen Reproduktionsinteressen (siehe dazu den Abschnitt Reproduktionsinteresse), was dem Gesamtkomplex »Fortpflanzung« aber nicht gerecht wird.
Die bisherigen Aufzählungen der Nachteile und Vorteile der Sexualität lassen weitere Zweifel an der Stichhaltigkeit der Theorie der egoistischen Gene (vgl. Richard Dawkins, Das egoiustische Gen, 1976) aufkommen.
Denn aus Sicht der egoistischen Gene stellt die sexuelle Fortpflanzung zunächst einmal ein Risiko dar, da dabei nicht sicher ist, welcher Anteil des eigenen Erbmaterials bei den Nachkommen zur Geltung kommen wird. Bei der asexuellen Fortpflanzung wird das gesamte eigene Erbgut an die nächste Generation weitergeben, bei der sexuellen Fortpflanzung dagegen nur teilweise. Biologen sprechen deshalb auch von den »zweifachen Kosten der Sexualität« für die Weibchen.
Ferner könnten viele der eigenen Allele rezessiv im Vergleich zum Erbmaterial des Fortpflanzungspartners sein. Auch könnte die Kombination mit den Genen des Sexualpartners zu einer geringeren Anpassung an den Lebensraum führen und sich in der Folge als ausgesprochen ungünstig erweisen. Möglicherweise könnten sich die eigenen Nachkommen dann nicht einmal mehr fortpflanzen, so daß mit ihnen das genetische Aus käme (siehe Unterabschnitt Die Nachteile der Sexualität).
Trotz all dieser offenkundigen Nachteile aus genzentrischer Sicht hat sich die sexuelle Fortpflanzung evolutionär durchgesetzt.
Wie wir gesehen haben, spielt das männliche Geschlecht - aufgrund dessen größerer Varianz beim Fortpflanzungserfolg - für die Verbreitung von Genen eine bedeutendere Rolle als das weibliche. Auch ist es bei vielen biologischen Arten einer höheren Mutationsrate (Mutagenität) ausgesetzt.
Bei den meisten sozialen Insekten etwa sind die Männchen haploid, weswegen sich genetische Mutationen bei ihnen unmittelbar im Phänotyp bemerkbar machen werden. Vor der Paarung unterliegen die Männchen jedoch zunächst noch einer gesonderten (sexuellen) Selektion. Bei den Treiberameisen beispielsweise entscheiden die Arbeiterinnen, welches zugeflogene und dann entflügelte Männchen zur Königin darf. Bei anderen Ameisenarten kämpfen flügellose Männchen solange gegeneinander, bis nur noch eins übriggeblieben ist, während die geflügelten Exemplare einem weiteren Wettbewerb ausgesetzt sind. Gegebenenfalls konkuuieren die siegreichen geflügelten und ungeflügelten Individuen am Ende um den Zugang zur Königin, wobei sie sich mit allerlei Tricks gegenseitig zu überlisten versuchen (zum Beispiel bei der tropischen Ameise Cardiocondyla obscurior). Es ist deshalb von Vorteil, wenn sich bei ihnen günstige Mutationen sofort in Merkmalen ausprägen können, denn nur dann können sie einen Einfluß auf die sexuelle Selektion nehmen. Ein Merkmal, welches erst bei den Enkeln zur Geltung käme, würde in diesem Zusammenhang nichts nützen.
Offenbar geht es bei der Evolution also nicht nur um die Verbreitung der eigenen Gene, sondern ganz entscheidend auch um deren Verbesserung. Die Reproduktion besitzt stets sowohl quantitative als auch qualitative Aspekte, wobei letztere speziell bei höheren Lebewesen von vorrangiger Bedeutung zu sein scheinen.
Wenn - wie bei vielen Ameisenarten - alle Arbeiterinnen Schwestern sind und sich genetisch zu 75 Prozent gleichen, dann stellen ihre Gene kein Alleinstellungsmerkmal mehr dar. Auch - und das ist ganz wichtig - besitzen Ameisenweibchen keine fälschungssicheren Fitneßindikatoren. Solche Merkmale entfalten sich erst in der Konkurrenz, wie sie nur unter den Männchen besteht.
Erst durch die sexuelle Auslese unter den Männchen und der dadurch bedingten überproportionalen Ausbreitung der Gene der erfolgreicheren männlichen Exemplare entsteht so etwas wie eine beschleunigte Evolution beziehungsweise Anpassung an den Lebensraum, und erst hierdurch kommt ein ganz wesentlicher Vorteil getrenntgeschlechtlicher Populationen zur Geltung.
Aus Sicht ihrer Gene verfolgen die beiden Geschlechter dabei recht unterschiedliche Strategien: Männchen wollen, daß sich ihre Gene durchsetzen, während die Weibchen vor allem an einer Verbesserung beziehungsweise Optimierung ihres genetischen Materials interessiert sind, andernfalls wäre die Parthenogenese (Jungfernzeugung) für sie die bessere Wahl. Daß dies tatsächlich so ist, läßt sich selbst am weiblichen Partnerwahlverhalten in modernen menschlichen Gesellschaften erkennen.
Egoistisch im Sinne ihrer Gene verhalten sich folglich in erster Linie männliche Individuen. Man könnte die Theorie der egoistischen Gene deshalb gewissermaßen auch als male-centric bezeichnen.“ (Ebd., S. 250-253).

Sexuelle Arbeitsteilung kann den Reproduktionserfolg erhöhen.
Lebewesen geht es vor allem um den eigenen Selbsterhalt und die Fortpflanzung. Aus diesem Grund gliedern Soziobiologen - wie bereits im letzten Abschnitt (**) erwähnt wurde - den Lebensaufwand eines Individuums in die beiden Unterbereiche somatischer Aufwand und Reproduktionsaufwand, wobei ersterer primär dazu dient, Reproduktionspotenzial zu akkumulieren und letzterer dazu, dieses dann wieder zu verausgaben (vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 84).
Adam Smith rechnete in seinem Hauptwerk »Der Wohlstand der Nationen« (1776) vor, daß ein Nagelmacher, der alles selbst ausführt, pro Tag höchstens ein paar hundert Nägel herstellen kann, während er in einer Nagelfabrik, in der die Arbeiten gemäß dem Prinzip der Arbeitsteilung in kleine Einzelschritte zerlegt sind, umgerechnet mehr als 4800 Nägel pro Tag produzieren kann. Eine arbeitsteilige Produktionsweise kann folglich äußerst effizient sein.
Aus dem gleichen Grund kann es von Vorteil sein, die beiden zentralen Lebensaufgaben zwischen den Geschlechtern aufzuteilen: Das männliche Geschlecht kümmert sich dann vorwiegend um den Selbsterhalt und das weibliche um die Fortpflanzung. Auch ist damit eine effizientere Erfüllung des Darwinschen Selektionsprinzips möglich, welches von einer gleichzeitigen Optimierung der beiden Lebensaufgaben Selbsterhalt und Fortpflanzung (übersetzt: »Individuen, die sich besser selbsterhalten können, pflanzen sich häufiger fort«) spricht (siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt Central Theoretical Problem of Human Sociobiology). Bei einer fehlenden Auftrennung der genannten Lebensbereiche dürfte es dagegen immer zu Zielkonflikten kommen.
Ist der. Gesamtprozeß der Fortpflanzung (inklusive Erziehung, Bildu.ng und Sozialisation) mit einem ähnlich hohen Aufwand verbunden wie die Ressourcenbeschaffung (Selbsterhalt), könnte eine solch strikte sexuelle Arbeitsteilung gemäß den Berechnungen Adam Smiths sogar reproduktiv leistungsfähiger sein als die Fortpflanzungsweise von Hermaphroditen oder sich asexuell vermehrenden Populationen.
Wie im Abschnitt Menschliche Paarungssysteme angemerkt wurde, sind die Anthropologen Kuhn und Stiner der Ansicht, die spezifische menschliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtem habe einen entscheidenden evolutionären Vorteil dargestellt, da es dem Homo sapiens sapiens auf diese Weise gelungen sei, mehr Nachwuchs durchzubringen. Bei den Homo sapiens neanderthalensis soll eine ähnlich strikte sexuelle Arbeitsteilung nicht bestanden haben, was entscheidend zu deren Aussterben beigetragen habe. Allerdings ging die menschliche sexuelle Arbeitsteilung mit einem Autonomieverlust auf weiblicher Seite einher.“ (Ebd., S. 253-254).

Sexualität fördert die Entstehung sozialer Gemeinschaften.
Die Sexualität hatte maßgeblichen Anteil an der Entstehung sozialer Gemeinschaften. Denn einerseits können sich in sexuell reproduzierenden Populationen die Individuen nicht mehr selbstständig fortpflanzen, weswegen sie sich zunächst um einen Sexualpartner bemühen müssen. Bei der anschließenden Paarung handelt es sich dann um einen kooperativen Vorgang zum Zwecke der gemeinsamen Fortpflanzung.
Wenn die verschiedenen Individuen einer Population ohnehin regelmäßig zusammenkommen müssen, damit sie sich fortpflanzen können, dann erleichtert dies das Entstehen sozialer Gemeinschaften, zumal die Mitglieder ihre Bedürfnisse (zum Beispiel Schutz) darin oftmals in der Summe viel besser befriedigen können, als wenn sie auf sich allein gestellt wären.
Ein gewichtiges Problem in sozialen Gemeinschaften stellt die soziale Arbeitsteilung dar (in Abgrenzung zur sexuellen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern), denn dabei dienen die verrichteten Arbeiten nicht mehr ausschließlich dem eigenen Selbsterhalt (oder dem der eigenen Nachkommen), sondern ganz wesentlich auch dem Nutzen anderer. In arbeitsteiligen sozialen Gemeinschaften haben besonders leistungsfähige (fitte) Individuen oftmals besonders viel zu tun. Wenn sich beispielsweise ein Individuum bei der Ressourcenbeschaffung oder der Feindbeobachtung sehr leicht tut, dann dürfte es für die Gemeinschaft insgesamt von Vorteil sein, dieses nun für solche Aufgaben verstärkt einzusetzen. Die restlichen Individuen würden die verbliebenen Aufgaben dann unter sich aufteilen. Besonders kompetente oder engagierte (beziehungsweise sozial eingestellte) Individuen hätten dann aber weniger Zeit, sich um ihren eigenen Nachwuchs zu bemühen, wodurch sich ihre Reproduktionschancen und damit auch ihr Reproduktionsinteresse reduzieren dürften. Sie würden deshalb in der Folge weniger Nachkommen haben als weniger gut angepaßte Individuen, was einer Verletzung des Prinzips der natürlichen Selektion gleichkäme. In der Natur tritt die soziale Arbeitsteilung deshalb stets in Kombination mit einer sexuellen Arbeitsteilung auf, weil sich erst hierdurch soziale Arbeit und Evolutionsprinzipien miteinander vereinbaren lassen.
Dabei haben sich insbesondere zwei verschiedene Modelle durchgesetzt:
Modell Mensch
Die soziale Arbeitsteilung beschränkt sich im wesentlichen auf die Männchen, die im Gegenzug kaum etwas mit der Reproduktionsarbeit zu tun haben. Diese ist dann in erster Linie die Aufgabe der Weibchen.
Modell Insekten
Die soziale Arbeitsteilung beschränkt sich im wesentlichen auf arbeitsame Weibchen (und gegebenenfalls auch auf die Männchen), die im Gegenzug kaum etwas mit der Reproduktionsarbeit zu tun haben. Die Fortpflanzung ist dann vor allem die Aufgabe darauf spezialisierter Weibchen.
Ein entsprechendes Modell ist bei den Ameisen implementiert: Die verschiedenen sozialen Arbeiten werden von unfruchtbaren Weibchen (Arbeiterinnen) ausgeübt, während die Männchen lediglich der Befruchtung der Königinnen dienen, und wiederum nur die können sich fortpflanzen. Vor dem Zugang zu den Königinnen müssen sich die Männchen bewähren, und zwar entweder durch Ausscheidungskämpfe oder durch sexuelle Selektion.
In meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) und zum Teil auch im Kapitel Demographischer Wandel wird prognostiziert, daß sich das menschliche Modell unter den Rahmenbedingungen der Gleichberechtigung der Geschlechter und der heute üblichen niedrigen Sterblichkeit in manchen Aspekten strukturell an das Modell der sozialen Insekten angleichen könnte (verstärkte reproduktive Arbeitsteilung unter Frauen).
Soziale Gemeinschaften scheinen in der Natur also bereits dann entstehen und sich auch halten zu können, wenn die darin verrichteten sozialen Arbeiten nicht zu einer Reduzierung der persönlichen Fortpflanzungschancen beziehungsweise Reproduktionsinteressen führen, die Zusammenarbeit aber noch weitere Vorteile bietet. Die Ameisenarbeiterinnen stellen sozusagen den Grenzfall dieser Regel dar: Ihr persönlicher potenzieller Fortpflanzungserfolg ist nämlich gleich Null. Kooperative oder altruistische Handlungen können ihre Fortpflanzungschancen folglich nicht weiter mindern. Allerdings können die Arbeiterinnen auf diese Weise für eine stärkere Weitergabe ihrer Gene an die nächste Generation sorgen, und zwar selbst dann, wenn sie - wie etwa bei den Bienen - nur relativ schwach mit den anderen Töchtern der Königinnen verwandt sind. Die folgenden Ausführungen zum Altruismus werden diesen Gesichtspunkt noch weiter vertiefen.“ (Ebd., S. 255-256).

Sexualität erzeugt neue Interaktionsweisen.
Bei vielen biologischen Arten ist mit der Sexualität auch die Gefallenf wollen-Kommunikation gekommen (siehe Abschnitt Gefallen-wollen-Kommunikation), die nicht nur eine Vielfalt an neuen Lebensformen erzeugt hat, sondern auch ganz neue Formen des gemeinsamen Zusammenlebens und der Interaktion ermöglichte. Mit der Gefallen-wollen-Kommunikation ist der gegenseitige Respekt (die Zivilisation) in die Welt gekommen. Davor ging es nur um fressen oder gefressen werden. Ein Gefallen-wollen innerhalb der gleichen Population scheint ohne Sexualität fund Getrenntgeschlechtlichkeit kaum vorstellbar zu sein. Allerdings kann dies artenübergreifend im Einzelfall durchaus anders aussehen. Beispielsweise könnte eine Baumsorte besonders schmackhafte Früchte entwickeln, damit deren Kerne durch Nutznießer möglichst weit verstreut werden.
Betrachten wir zunächst eine Population aus lauter Hermaphroditen (Zwittern). Auch hier könnten die einzelnen Individuen ihre potenziellen Fortpflanzungspartner vor einer Paarung auf Fitneß testen, zum Beispiel, indem sie mit ihnen kämpfen oder tanzen. Allerdings wäre ein solches Verfahren äußerst ineffizient, da jeder Test die eigene Fitneß und die des potenziellen Partners reduziert. Energetisch günstiger und auch unverbindlicher ist da schon die Begutachtung fälschungssicherer Fitneßindikatoren. Fälschungssicher ist ein Fitneßsignal aber nur, wenn zu seiner Hervorbringung tatsächlich eine entsprechend hohe Fitneß erforderlich ist. Doch dann entsteht unmittelbar das folgende Dilemma: Hat etwa ein hermaphroditischer Pfau enorme Energiemengen in sein Fitneßsignal investiert, stünde ihm weniger Energie zur Aufzucht seiner Nachkommen zur Verfügung, was ihn automatisch weniger attraktiv für andere Fortpflanzungspartner macht, denn deren Gene würden durch ihn weniger stark verbreitet. Sein Fitneßindikator würde sich folglich eher negativ auf seinen Fortpflanzungserfolg auswirken. Also kämen vor allem Fitneßindikatoren in Betracht, die nach der Befruchtung entweder wieder abgelegt oder idealerweise sogar für die Nachwuchsarbeit genutzt werden können (zum Beispiel ein besonders hoher Körperfettanteil). Die beiderseitige Fitneß wäre auf diese Weise zwar durch die Fortpflanzungspartner testbar, jedoch nur auf eine sehr limitierte Weise. Das eigentlich Charakteristische der Gefallen-wollen-Kommunikation, nämlich das einseitige Sich-Anbieten und Gefallen-wollen (Altruismus; Bauen einladender, luxuriöser Nester; Schenken von Blumen und Brillanten), das sich aus der unterschiedlichen potenziellen Fruchtbarkeit und den unterschiedlichen Reproduktionsaufwänden der beiden Geschlechter speist, könnte sich in einer solchen Konstellation nicht ausbilden.
Altruistische Verhaltensweisen können sich in getrenntgeschlechtlichen Populationen viel leichter als in sich auf andere Weise fortpflanzende Populationen durchsetzen, da sie sich bei den Individuen, die die deutlich geringeren Reproduktionsaufwände haben, nicht notwendigerweise nachteilig auf den Reproduktionserfolg auswirken müssen, und zwar selbst dann nicht, wenn die einseitig erbrachten Leistungen überhaupt nicht erwidert werden. Beim Menschen gilt das für die Männer, bei den sozialen Insekten entsprechend für die unfruchtbaren Weibchen.
Im Abschnitt Kooperation und Altruismus konnte darüberhinaus gezeigt werden, daß in getrenntgeschlechtlichen Populationen altruistische Verhaltensweisen auf Seiten der Männchen sogar eine Erhöhung des Reproduktionserfolges bewirken können, da sie einem mit Fitneß assoziiertem Handicap (siehe Abschnitt Fitneßindikatoren) gleichkommen.
Für fortpflanzungsfähige und -willige Weibchen sieht die Situation dagegen ganz anders aus. Ein Weibchen, welches einem anderen Weibchen bei der Aufzucht derer Jungen hilft, dabei aber keine vergleichbaren Leistungen zurückerhält, beeinträchtigt möglicherweise seinen eigenen Reproduktionserfolg, da ihm nun weniger Ressourcen für die eigenen Jungen zur Verfügung stehen.
Ganz ähnlich sieht die Situation bei der asexuellen Fortpflanzung oder in Hermaphroditenpopulationen aus. In allen diesen Fällen müssen kooperative oder altruistische Handlungen vom Empfänger zeitnah und in vergleichbarer Stärke erwidert werden, sonst sind sie für den Geber von Nachteil. Dies wurde in der Soziobiologie anhand des Gefangenendilemmas aufgezeigt, welches nur unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen mittels Strategien wie TIT FOR TAT (»wie du mir, so ich dir«, Fairneßprinzip) aufgelöst werden kann.
Ein entscheidender evolutionärer Vorteil getrenntgeschlechtlicher Populationen scheint also zu sein, daß in ihnen eine Vielfalt an komplexen Interaktionsmustern zwischen den Individuen entstehen kann, allen voran die Gefallen-wollen-Kommunikation, aber auch der Altruismus.
Kooperation könnte sich allerdings auch bei asexueller Fortpflanzung und in Hermaphroditenpopulationen ausbilden, und zwar insbesondere dann, wenn eine Gruppe auf diese Weise Aufgaben bewältigen kann, denen ein einzelnes Individuum nicht gewachsen ist (etwa das Erlegen eines sehr großen Beutetiers). Ein Beleg für die Möglichkeit solcher Interaktionen wäre die Existenz kooperativen Verhaltens bei weiblichen Tieren. Für gewöhnlich ist so etwas aber fast nur unter Verwandten zu beobachten, wo eine Kooperation die Verbreitung der eigenen Gene fordert. So betreuen bei Affen weibliche Familienangehörige die Nachkommen gemeinsam, und Löwinnen eines Rudels - überwiegend Schwestern oder Mütter und Töchter - unterstützen sich bei der Jagd.
Simone de Beauvoir meinte in ihrem Buch »Das andere Geschlecht« (1949) noch, »daß der eigentliche Sinn der Unterteilung der Arten in zwei Geschlechter nicht klar ist.« (Vgl. a.a.O., 1949, S. 28). Und weiter: »Die Phänomene der ungeschlechtlichen Vermehrung und der Parthenogenese sind ebenso ursprünglich wie die geschlechtliche Fortpflanzung. Diese ist, wie gesagt, nicht a priori bevorzugt, doch weist keine Tatsache darauf hin, daß sie auf einen elementareren Mechanismus zurückzuführen ist.« (Ebd., 1949, S. 33).
Das Kapitel Zivilisation wird demgegenüber jedoch zeigen: Kultur, Zivilisation, Demokratie, Marktwirtschaft und moderne Technik beruhen letztlich alle auf der Gefallen-wollen-Kommunikation und sind ohne diese nicht vorstellbar. Die Grundlage jeglicher Kultur wurde bereits gelegt, als die Männchen im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation lernen mußten, ihre Triebe so lange zu beherrschen, bis ein Weibchen seine Einwilligung zum Fortpflanzungsakt gab. Entsprechende Verhaltensmuster haben jedoch nur in getrenntgeschlechtlichen Populationen Sinn.“ (Ebd., S. 257-259).

Sexualität kann Evolutionen ohne äußeren Selektionsdruck bewirken.
Im Abschnitt Fitneßindikatoren konnten - anhand theoretischer Überlegungen und eines Beispiels - die folgenden Zusammenhänge nachgewiesen werden:
Die getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung in Verbindung mit der unterschiedlichen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich und den damit zusammenhängenden geringeren Elterninvestments des männlichen Geschlechts kann für (eine beschleunigte) Evolution sorgen, und zwar selbst dann, wenn die Reproduktion der gesamten Population nicht einmal mengenmäßig bestandserhaltend ist. Die in verschiedenen Fassungen der Darwinschen Evolutionstheorie genannte Fruchtbarkeitsvoraussetzung für die natürliche Auslese, zum Beispiel
»Alle Populationen sind so fruchtbar, daß ihre Größe ohne Beschränkungen exponentiell zunehmen würde.« (Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 148).
oder
»Pflanzen und Tiere produzieren mehr Nachkommen, als die Umwelt ernähren kann.« (Manuela Lenzen, Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften, 2003, S. 49).
kann dann entfallen. Für eine Evolution genügt es bereits, wenn die Summe der männlichen Reproduktionsinteressen größer ist als die Summe der weiblichen Reproduktionsinteressen (beziehungsweise deren Reproduktionskapazitäten). Im Vordergrund würde dann allerdings nicht mehr der Kampf ums Dasein (Konkurrenz um natürliche Ressourcen wie Nahrung oder Raum) stehen, sondern der Wettbewerb um Fortpflanzungspartner. All dies macht deutlich, daß die eigentliche Triebfeder der Evolution das den Lebewesen innewohnende Eigeninteresse (Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse) ist und nicht die natürliche Auslese beziehungsweise Survival of the Fittest.
Auf Dauer wird der beschriebene Mechanismus der sexuellen Selektion aber nur dann funktionieren, wenn die Partnerwahlpräferenzen der wirklichen Fitneß der Fortpflanzungspartner (in Relation zum Lebensraum) entsprechen. Im Beispiel war dies der Fall.
Mit anderen Worten: Befinden sich bei einer biologischen Art die im Rahmen der sexuellen Selektion verwendeten Fitneßindikatoren im Einklang mit der wirklichen Fitneß der Sexualpartner, dann wird auf das Geschlecht, welches die durchschnittlich höhere potenzielle Fruchtbarkeit aufweist (üblicherweise das männliche Geschlecht) ein künstlicher Selektionsdruck ausgeübt, so daß für die weitere Evolution der biologischen Art ein äußerer, durch den Lebensraum ausgeübter Selektionsdruck (natürliche Selektion) nicht länger erforderlich ist. Die Spezies könnte selbst dann evolvieren, wenn die Populationszahlen zurückgehen.
Das männliche Geschlecht muß sich dabei aber - speziell im Zusammenwirken mit der Gefallen-wollen-Kommunikation respektive sexuellen Selektion - nicht nur ganz intensiv fortpflanzen »wollen«, sondern es muß auch Mitglieder des anderen Geschlechts von sich überzeugen können, das heißt gefallen. Hierfür sind gegebenenfalls jede Menge Energie, Einsatzwillen und manchmal eben auch Innovationen erforderlich.
Insgesamt kann festgehalten werden:
Mit der getrenntgeschlechtlichen Fortpflanzung kam die Gefallen-wollen-Kommunikation, und die ersetzt
Kampf durch Wettbewerb,
Dominanz durch Gefallen-wollen,
Fressen-und-Gefressen-werden - und damit den Tod - durch Respekt, Kultur und Geschmack und
Stärke durch Innovation,
ohne dabei auf den ständigen Überlebenskampf einer viel zu großen Schar an Nachkommen angewiesen zu sein. Sie ermöglicht das Entstehen eigenständiger Evolutionsumgebungen, in denen der Wettbewerb um den Geschmack und die Präferenzen einer Gruppe von Selektierern im Vordergrund steht.“ (Ebd., S. 259-261).

Sexualität ist verschwenderisch.
Die wesentlichen Gründe dafür wurden bereits genannt:
In getrenntgeschlechtlichen Populationen müssen gegenüber anderen Reproduktionsarten doppelt so viele Individuen »produziert« werden.
Die in getrenntgeschlechtlichen Populationen häufig anzutreffende Gefallen-wollen-Kommuikation ist per se verschwenderischer als die dominante Kommumkation (siehe Kapitel Verschwendung).
Bei der sexuellen Selektion (Gefallen-wollen-Kommunikation) kommen meist ausgesprochen verschwenderische Fitneßindikatoren (Handicaps) und Werbemaßnahmen (siehe Kapitel Verschwendung) zum Einsatz.
Man könnte geneigt sein, die aufgelisteten Punkte allesamt unter Die Nachteile der Sexualität aufzuführen. Allerdings soll der Begriff Vorteil hier im Sinne »evolutionärer Vorteil« verstanden werden, und dann könnte man die Dinge auch genau anders herum betrachten.
Einige Wissenschaftler behaupten nun aber, beim Leben handele es sich um eine dissipative Struktur, die sich im Nichtgleichgewichtssystem Erde zur Ausgleichung sonneninduzierter Gradienten ausbildet, und dabei ihren lokalen Organisationsgrad um den Preis der Entropieerzeugung in der Umgebung erhält (siehe Abschnitt Leben als dissipative Struktur [**]). Ihr Fazit ist, das Leben schaffe Ordnung aus Unordnung, allerdings im Dienst der Erzeugung von noch mehr Unordnung.
Ganz ähnlich sieht dies Jacques Neiryncks in seinem 1994 veröffentlichten Buch »Der göttliche Ingenieur« (siehe Abschnitt Globalisierung). Argumentiert man in dieser Weise vor dem Hintergrund des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik (Entropiesatz), dann könnte man durchaus folgern: Getrenntgeschlechtliche Sexualität ist verschwenderischer als andere Fortpflanzungsweisen. Mithilfe der Gefallen-wollen-Kommunikation ist sie in der Lage, die Ressourcen (inklusive Energie) der Natur und vorhandene Nischen stärker auszunutzen, als dies andere Reproduktionsarten tun werden und können. Sie dürfte sich deshalb allein schon aus energetischen Gründen durchsetzen.“ (Ebd., S. 261-262).

4.30.3) Zusammenfassung

„Die Vorteile der genetischen Rekombination waren sicherlich von sehr großer Bedeutung für die Entstehung und Durchsetzung der Sexualität, allerdings erklären sie noch nicht, warum sich die getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung bei höheren Lebewesen gegenüber dem Hermaphroditismus durchgesetzt hat. Die auf den letzten Seiten dargelegten Analysen lassen dafür nur einen Schluß zu: Der entscheidende evolutionäre Vorteil getrenntgeschlechtlicher Populationen resultiert aus dem Unterschied in der patenziellen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich (vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 49) und den damit verbundenen geringeren Elterninvestments des männlichen Geschlechts. Solche Populationen sind Hermaphroditen und sich asexuell fortpflanzenden Populationen gegenüber zwar häufig quantitativ unterlegen, jedoch bezüglich der qualitativen Verbesserung des Genpools (beschleunigte Evolution) weit überlegen. Darüberhinaus können sich erst in ihnen komplexere Interaktionsweisen wie Gefallen-wollen-Kommunikat.ion und Altruismus ausbilden und durchsetzen. Bei der Sexualität geht es somit ganz wesentlich auch um Kommunikation.“ (Ebd., S. 262).

„Mit der auf der sexuellen Fortpflanzung beruhenden Gefallen-wollen-Kommunikation sind der gegenseitige Respekt und die Kultur in die Welt gekommen. Davor drehte sich praktisch alles nur ums Fressen-oder-Gefressen-Werden. Erst die Sexualität hat die moderne Welt möglich gemacht.“ (Ebd., S. 262).

4.31) Systemische Evolutionstheorie und Selektionen

„In den Kapiteln Zivilisation und Verschwendung werden der Modernisierungsprozeß und einige damit verbundene günstige, aber auch ungünstige Begleiterscheinungen ganz entscheidend auf die Verdrängung dominanter Kommunikationsweisen durch die Gefallen-wollen-Kommunikation zurückgeführt. Bei vielen Erklärungen wird gleichzeitig behauptet, die zugrunde liegende Theorie sei die Systemische Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 262-263).

„Nun könnten Sie vielleicht argumentieren, dies seien doch zwei verschiedene Paar Schuhe. Auf der einen Seite beinhalte das vorliegende Buch eine Systemische Evolutionstheorie, und die könne man im entsprechenden Abschnitt Systemische Evolutionstheorie nachlesen, und auf der anderen Seite eine Theorie zur gesellschaftlichen Selektions- und Kommunikationstechnik, und dafür stünde das Kapitel Selektionen. Beide Dinge hätten aber rein gar nichts miteinander zu tun.“ (Ebd., S. 263).

„Dem ist leider nicht so, auch wenn es vielleicht bislang noch nicht ganz deutlich geworden ist. Die Darwinsche Evolutionstheorie setzt sich aus zwei unabhängigen Teiltheorien zusammen, wobei es in beiden Fällen ganz wesentlich um Selektionen geht:
Die natürliche Selektion erklärt, wie Evolution im allgemeinen funktioniert. Dabei steht die Anpassung an eine sich gleichfalls wandelnde Umwelt im Vordergrund.
Die sexuelle Selektion hat die geschlechtliche Fortpflanzung und den Adaptionsprozeß an (weibliche) Partnerwahlpräferenzen zum Thema.
Im vorliegenden Kapitel konnte gezeigt werden, daß der Natur mit Einführnng der sexuellen Selektion ein entscheidender Durchbruch gelungen ist, da sie nun selbst dann für knappe Ressourcen und damit für eine beschleunigte Evolution sorgen kann, wenn der Lebensraum einer Population keine weiteren Einschränkungen aufweist. Im Prinzip wurde hierdurch für das männliche Geschlecht eine eigenständige »sekundäre« selektive Umwelt geschaffen: die Weibchen, um deren begrenzten Zugang es nun ging. Und dies war dann oft mit deutlich größeren Mühen verbunden, als die ausreichende Erlangung von Ressourcen zum eigenen Lebensunterhalt.“ (Ebd., S. 263).

„Bei der sexuellen Selektion handelt es sich somit quasi um einen Turbolader der Evolution. Sie steht nicht im Widerspruch zur natürlichen Selektion, sondern ergänzt sie. Allerdings - und auch darauf wurde mehrfach hingewiesen - kann es unter ihrer Regie zu Selbstläuferprozessen kommen, bei den eigenständige Merkmale und Phänomene hervorgebracht werden, die sich gelegentlich auch als ausgesprochen ungünstig für die Überlebensfähigkeit einer Art erweisen können. (Vgl. Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 1973, S. 32).“ (Ebd., S. 263-264).

„Was die sexuelle Selektion für die Darwinsche Evolutionstheorie ist, ist nun die Gefallen-wollen-Kommunikation für die Systemische Evolutionstheorie: sie schafft eigenständige selektive Umwelten, in denen dann autonome evolutive Prozesse ablaufen können. Anders gesagt: Die Gefallen-wollen-Kommunikation erzeugt den Rahmen; sie erstellt die evolutive Infrastruktur. Anschließend gestaltet sich darin alles gemäß den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 264).

„Dies hat erhebliche Konsequenzen. Denn offenbar hat die Evolution bislang nicht nur verschiedene biologische Arten, sondern auch noch unterschiedliche Interaktionsweisen - und damit dann auch neue Evolutionsinfrastrukturen hervorgebracht. Anders gesagt: Die Evolution hat es gelernt, sich selbst zu reproduzieren. Es gibt seitdem nicht mehr nur eine Evolution, sondern derer viele.“ (Ebd., S. 264).

„Kamen die Selektionsfaktoren zunächst ausschließlich aus der Natur - weswegen es dafür dann folgerichtig auch natürliche Selektion hieß -, so beziehen sie sich nun mehrheitlich auf fremde Gehirne mit ihren subjektiven Erlebnisgehalten, inneren Zuständen und Welten, wobei letztere gemäß den Vorstellungen der Evolutionären Erkenntnistheorie mit der realen Welt sehr weit in Passung sein dürften. (Vgl. Gerhard Vollmer, Biophilosophie, 1995, S. 107ff.). In allen modernen Evolutionsinfrastrukturen stehen nun also der Selektionsfaktor »persönlicher Geschmack« und die Gefallen-wollen-Kommunikation im Vordergrund.“ (Ebd., S. 264).

4.32) Evolution und Systembildung

„Die Evolution auf der Erde kann gemäß den bislang erzielten Resultaten such als ein Prozeß der Hierarchisierung von Systemen (Systemelemente strukturieren sich zu übergeordneten Systemen) beschrieben werden:
Auf der untersten Ebene entstanden zunächst die autopoietischen Systeme erster Ordnung (Zellen, Einzeller) mit einem eigenständigen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse, die sich selbst reproduzieren konnten. Die Evolution beschränkte sich zu Beginn auf diese Systemebene.
Zu einem späteren Zeitpunkt bildeten sich komplexere Systeme (Mehrzeller, Organismen, autopoietische Systeme zweiter Ordnung), in denen oft viele Billionen Zellen eingepfercht im Dienste übergeordneter Systeme zusammenarbeiten. Die neuen Einheiten besaßen gleichfalls eigenständiges Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse und konnten sich selbst reproduzieren. Der erstmalige Zeitpunkt der Organismusbildung ist nicht bekannt. Die heute vorhandenen Baupläne entstanden aber wohl fast alle im Kambrium (also: vor ungefähr 570 bis 495 Milliarden Jahren; HB). Die Evolution der Organismen brachte die Artenvielfalt hervor.
Auf Basis der Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit des Menschen entstanden schließlich die Superorganismen (soziale Systeme, Gemeinschaften, Gesellschaften, Organisationssysteme). Diese binden Menschen über Kontrakte (siehe Abschnitt Systembindungen) und gegebenenfalls andere Mechanismen zu größeren Einheiten zusammen. Die diese Weise gebildeten Systeme besitzen ebenfalls ein eigenständiges Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse. Anders als die beiden lang genannten Systemtypen reproduzieren sie sich jedoch nicht durch das Erstellen von Kopien, sondern durch die interne Erneuerung ihrer Elemente, Strukturen und Kompetenzen. Die Evolution der Superorganismen bringt maßgeblich das moderne Leben hervor (technische, soziale, kulturelle, wissenschaftliche Evolution). Aus einer Makrosicht dürfte diese Evolution nun alle anderen Entwicklungsebenen dominieren.
Im Grunde kann der Prozeß der Systemhierarchisierung auch als eine Abfolge von sich abwechselnden konkurrierenden und kooperativen Phasen verstanden werden:
Konkurrenzphase: Zunächst konkurrieren Systeme in einem Lebensr. um Ressourcen.
Kooperationsphase: Verschiedene Systeme beginnen zum Zwecke Befriedigung gemeinsamer Bedürfnisse miteinander zu kooperieren. Die verschiedenen Subsysteme (Elemente) der Kooperationsgemeinschaften schließen sich immer enger zusammen, so daß Einzelsysteme ihnen genüber nun erheblich im Nachteil sind. Die Kooperationen werden schließlich so eng, daß sich die Elemente zu eigenständigen selbsterhaltenden Systemen (einer neuen Systemebene) verbinden.
Konkurrenzphase: Nun konkurrieren die neu gebildeten Systeme (einer höheren Systemebene) untereinander um die Ressourcen ihres Lebensraums.
Wie bereits im Abschnitt Biologische Evolutionstheorie erwähnt wurde, ist für Joachim Bauer (Prinzip Menschlichkeit, 2006) der biologische Antrieb des Lebens nicht die Konkurrenz, sondern die Kooperation, weshalb er weite Teile der Evolutionstheorie in Frage stellt. Demgegenüber scheinen Konkurrenz und Kooperation jedoch keine sich widersprechenden, sondern sich ergänzende Selbsterhaltungsstrategien zu sein. Im gewissen Sinne ist nämlich Kooperation lediglich Konkurrenz auf einer höheren Ebene.“ (Ebd., S. 264-266).

„Die biologische Evolution beschränkt sich gemäß den obigen Ausführungen auf Ein- und Mehrzeller, das heißt, auf die beiden unteren Systemebenen, während die technische, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Evolution primär eine Sache der Superorganismen und damit der dritten Systemebene ist. Die Evolution bringt also nicht nur immer komplexere Organismen, sondern auch zunehmend höhere Systemebenen hervor, die dann natürlich ihren eigenen evolutiven Entwicklungen unterliegen.“ (Ebd., S. 266).

„Der Prozeß der Evolution auf der Erde könnte zusammenfassend annäherungsweise wie folgt dargestellt werden:
Zunächst evolvierten ausschließlich Einzeller und Organismen. Die vorherrschende Interaktionsweise war zu dieser Zeit noch die dominante Kommunikation: Fressen und gefressen werden. Alle A11en optimierten sich gemäß dieses Paradigmas.
Mit der sexuellen Fortpflanzung kam dann die Gefallen-wollen-Kommunikation, auf deren Basis eigenständige, marktmäßige Evolutionsumgebungen entstanden. Nun bildeten sich bei den Lebewesen erstmalig Merkmale aus, die zwar den spezialisierten Marktanforderungen genügten, einer optimalen Anpassung an den sonstigen Lebensraum jedoch eher im Wege standen. Beispiele dafür sind die Pfauenschweife, aber auch viele Funktionen des menschlichen Gehirns.
Die ungeheure Kooperationsfähigkeit des menschlichen Gehirns erlaubte dann das flexible Entstehen von Superorganismen, die sich wiederum in eigenständigen Evolutionsumgebungen - meist Märkten auf Basis der Gefallen-wollen-Kommunikation - weiterentwickelten. Dabei brachten sie unter anderem die Evolution der Technik, der Wissenschaften und der Kultur hervor.
Insgesamt darf vermutet werden: Auf der Erde entsteht letztlich alles durch Evolution, also nicht nur Bakterien, Pflanzen und Tiere, sondern Autos, Mobiltelefone, Zahnbürsten, Organisationen wie Banken und Technologiekonzerne, Religionen, Moralvorstellungen, Hypothesen, Wahrheiten und wissenschaftliche Arbeiten ebenso, und zwar gemäß den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 266-267).

4.34) Was ist Leben?

4.34.1)   Eigenschaften lebender Systeme (S. 276-280)
4.34.2)   Leben als Erkenntnisprozeß (S. 280-285)
4.34.3)   Lebewesen als autopoietische Systeme (S. 285-286)
4.34.4)   Leben als dissipative Struktur (S. 286-288)
4.34.5)   Die biologischen Kräfte von Lebewesen (S. 288-291)
4.34.6)   Lebende Systeme gemäß Systemischer Evolutionstheorie (S. 291-296)
4.34.2) Leben als Erkenntbisprozeß

„Ein anderer Erklärungsansatz des Lebens ist, daß Lebewesen die Fähigkeit besitzen, sich selbst als Subjekt gegenüber einer sich von ihnen unterschi denden Umwelt (Objekt) zu erleben (siehe dazu den Abschnitt Leben als Prozeß des Erkennens). Für lebende Systeme besteht somit nicht nur eine System-Umwelt-Differenz, sondern solche Systeme können die Differenz erkennen beziehungsweise auch definieren, was es ihnen ermöglicht, sich als Subjekt aktiv selbstzuerhalten.“ (Ebd., S. 280).

„Gemäß Adolf Heschl besitzen Lebewesen ein aktives Wissen um das Wie der Erhaltung der eigenen Existenz (vgl. Adolf Heschl, Das intelligente Genom, 1998, S. 55f.). Die Evolution des Lebens wird infolgedessen mit dem Prozeß der Erkenntnisentstehung gleichgesetzt (vgl. ebd., S. 61).“ (Ebd., S. 280).

„Grundlage des Erkennens scheinen vor allem zwei Kompetenzen zu sein:
Die Fähigkeit, Zufall und Notwendigkeit (Unordnung und Ordnung) unterscheiden beziehungsweise Regelmäßigkeiten innerhalb der eigenen Umgebung erkennen zu können.
Die Fähigkeit, zwei regelmäßig aufeinander folgende Ereignisse für ursächlich verknüpft zu halten.
Beide Kompetenzen stellen einen evolution ären Vorteil dar, da sie die Adaptionsfähigkeit des Individuums an den Lebensraum - und damit dessen Selbsterhalt - verbessern. Beispielsweise erlaubt das Erkennen von Ordnung innerhalb einer ansonsten ungeordneten Welt das Entdecken von Systemen geringer Entropie. Solche Systeme können einerseits eine Gefahr darstellen (Fressfeind), andererseits aber auch von Nutzen sein (Nahrung, Fortpflanzung).“ (Ebd., S. 280).

„Die Fähigkeit des Herstellens von Kausalitäten bei regelmäßig aufeinandl folgenden Ereignissen ermöglicht es einem Individuum, sich schon dann auf ein bestimmtes Ereignis vorzubereiten, wenn dieses noch gar nicht eingetreten ist. Statt von Erkenntnisentstehung könnte man im Rahmen der Evolution abgeschwächter auch von biologischer Informationsentstehung sprechen:
»Information entsteht aus Nicht-Information. Dabei darf es sich nicht lediglich um eine die Information sichtbar machende Transformation handeln. Der Zustand des Systems nach der Entstehung von Information ist ein völlig neuartiger. Der damit verknüpfte Prozeß ist irreversibler Natur. Der vorherige - informationsärmere - Zustand ist aufgrund der neuen Information instabil geworden und somit irreversibel vergangen.
So etwa könnte eine physikalische Interpretation des Darwinschen Prinzips lauten. Diesem Prinzip zufolge breitet sich das besser angepaßte Neue aus, nachdem es einmal - wie auch immer - entstanden ist, und ersetzt das weniger angepaßte Alte. So baut sich das Komplizierte aus dem Einfachen auf, in der Evolution vom Einzeller bis hin zum Menschen. Evolution beschreibt die Entstehung von Information. Fixiert ist diese Information in den Genen der Lebewesen.« (Manfred Eigen, Stufen zum Leben, 1987, S. 55).
Die Semantik (Bedeutung) der Information entsteht dabei allerdings erst im fortlaufenden Anpassungsprozeß an den Lebensraum:
»Die Umwelt stellt quasi eine extern lokalisierte Information dar, an der die Semantik der genetischen Information selektiv bewertet wird. Und zwar ist der semantische Informationsgehalt eines Lebewesens umso häherwertig, je besser es an seine Umweltbedingungen angepaßt ist, das heißt, je genauer und schneller es bei gleichzeitig hoher Lebensdauer seinen Informationsgehalt reproduziert.« (Bernd-Olaf Küppers, Leben = Physik + Chemie?,  1987, S. 30).
Die Fixierung der Information in den Genen sorgt dafür, daß ein einmal erreichter Ordnungsgrad generationenübergreifend konserviert wird. So kann Ordnung aus Ordnung entstehen (vgl. Erwin Schrödinger, Was ist Leben?,  1948, S. 12Iff.). Allerdings stellten die Gene nur das erste Stadium dieses Informationserhaltungsprozesses dar.“ (Ebd., S. 280-281).

„Informationstheoretisch könnte man den Evolutionsprozeß nämlich stark vereinfacht wie folgt darstellen:
Zunächst kann sich ein einfaches Lebewesen als Ordnungszustand gegenüber seiner Umwelt erkennen. Diese Fähigkeit ermöglicht es ihm, sich selbstzuerhalten und zu reproduzieren.
Einem Nachfolger in einer späteren Generation gelingt es dann sogar, den einen oder anderen Ordnungszustand beziehungsweise die eine oder andere RegeImäßigkeit innerhalb seiner ansonsten ungeordneten Umwelt wahrzunehmen und daraus einen Vorteil zu gewinnen (zum Beispiel in der folgenden Weise: »Wenn ich gegen einen Widerstand stoße, ist der in aller Regel größer als ich. Am besten komme ich voran, wenn ich meine Fortbewegungsrichtung ändere.«).
Die Wahrnehmungsfähigkeit von Regelmäßigkeiten und das an sie angepaßte Verhalten stecken zu diesem Evolutionszeitpunkt noch ausschließlich in den Genen der Lebewesen. Die Evolution verläuft rein darwinistisch.
Später kommen dann ausgefeilte Wahrnehmungsorgane und ein Nervensystem hinzu. Die Lebewesen werden also lernfähig. Sie können selbstständig neue Regelmäßigkeiten in ihrer Umgebung erkennen und ihr Verhalten daraufuin dynamisch anpassen. Sie können ihre Strategien im Umgang mit Regelmäßigkeiten innerhalb ihrer Umwelt in einem eingeschränkten Umfang ändern und hierdurch ihren Selbsterhalt und ihren Reproduktionserfolg verbessern.
Schließlich erreicht das Nervensystem eine solche Reife, daß das Lebewesen Erfahrungen, die von anderen Mitgliedern seiner Population gemacht wurden (etwa seinen Eltern), übernehmen kann, zum Beispiel durch Imitation oder durch Lernen. Spätestens ab hier verhält sich die Evolution nicht länger rein darwinistisch ....
Der moderne Mensch legt einen Großteil seines Wissens über seine Umgebung zeichenbasiert ab. Nur ein Teil der von ihm nutzbaren Information über seinen Lebensraum befindet sich in seinen Genen. Nun können Menschen von allen anderen und gegebenenfalls längst verstorbenen Menschen profitieren.
Der Erkenntnisprozeß-Ansatz ist in der Lage, einiges zur Klärung des Begriffs des Lebens beizutragen, zumal er sowohl die Entstehung von individuellen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen verständlich macht, als auch einen Bezug zur Evolution herstellt.“ (Ebd., S. 281-282).

4.34.3) Lebewesen als autopoietische Systeme

„Mit den Begriffen Autopoiesis und autopoietisches System schlugen die chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela eine systemtheoretische Definition für das, was lebende Systeme sind, vor. Vereinfacht ausgedrückt besagt ihr Ansatz: Lebende Systeme machen sich selbst. Lebewesen zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß bei ihnen Produkt und Produzent zusammenfallen:
»Das gegenwärtige biochemische Wissen erlaubt es uns, lebende Systeme als sich selbst erzeugende Systeme zu bezeichnen, die ihre eigenen Grenzen bestimmen und aufbauen. .... Solche Systeme nenne ich autopoietische Systeme, und die Organisation eines autopoietischen Systems nenne ich eine autopoietische Organisation. Ein autopoietisches System, das durch physikalische Bestandteile verwirklicht wird, ist ein lebendes System.« (Humberto Maturana, a.a.O., S. 280).
Der autopoietische Ansatz vermeidet es, Lebewesen durch das Aufzählen von Eigenschaften und Beziehungen zu beschreiben. Stattdessen definiert er sie über die Art und Weise, wie sie sich konstruieren.“ (Ebd., S. 285).

„Gemäß Maturana und Varela sind autopoietische Systeme strukturdeterminiert. Sie interagieren zwar mit ihrer Umwelt (strukturelle Kopplung), werden durch diese aber bestenfalls gestört (perturbiert), keineswegs determiniert. Ihre konkreten Systemzustände werden somit nicht von der Umwelt, sondern vom System selbst bestimmt (Strukturdeterminiertheit). In diesem Sinne operieren sie autonom. Strukturdeterminierte Systeme können nur das wahrnehmen und ausführen, was sich in ihren inneren Systemzuständen widerspiegelt. Sie können nur das lernen, was sich ihrer inneren Struktur zufügen läßt. Adolf Heschl behauptet deshalb, lebende Systeme könnten im Laufe ihres Lebens zu keiner wirklich neuen Erkenntnis gelangen, sondern nur zu der, die bereits in ihren Genen angelegt ist (vgl. Adolf Heschl, Das intelligente Genom, 1998).“ (Ebd., S. 285-286).

„Gegen die Definition von Lebewesen als autopoietische Systeme lassen sich einige Einwände vorbringen:
Menschen können lebende Systeme für gewöhnlich problemlos an deren Verhalten erkennen. Sie müssen dafür nicht ungedingt etwas über die Art und Weise, wie diese sich konstruieren, wissen. Auf der anderen Seite gehört die Fähigkeit zum Wachstum - die durchaus etwas mit der Autopoiesis zu tun hat - sicherlich zu den wichtigsten Eigenschaften, anhand derer Menschen Objekte als Lebewesen charakterisieren.
Das Konzept der Autopoiesis liefert zwar ein systemtheoretisches Modell für die Ontogenese lebender Systeme, kann aber nicht erklären, warum sich Lebewesen fortpflanzen. Damit wird deren Phylogenese vollständig aus der autopoietischen Lebensbeschreibung ausgeblendet. Ein Bezug zur Evolutionstheorie ist dann kaum mehr herstellbar.
Gleichfalls kann aus der Autopoiesis nicht schlüssig abgeleitet werden, warum sich Lebewesen selbsterhalten (und damit leben) wollen.“ (Ebd., S. 286).

4.34.4) Leben als dissipative Struktur **

„Eine andere Theorie behauptet, Leben sei eine dissipative Struktur, die sich im Nichtgleichgewichtssystem Erde zur Ausgleichung sonneninduzierter Gradienten ausbildet, und dabei ihren lokalen Organisationsgrad mn den Preis der Entropieerzeugung in der Umgebung erhält. Eng damit verwandt sind auch Vorstellungen vom Leben als selbstorganisatorische komplexe Systeme, die sich innerhalb gewisser Freiheitsgrade und aufgrund der auf der Erde vorherrschenden energetischen Verhältnisse selbst koordinieren. Eine eingehende Darstellung und Diskussion solcher Auffassungen findet sich im Abschnitt Leben als dissipative Struktur. Dort wurden allerdings auch einige Einwände gegenüber den genannten Vorstellungen formuliert, zum Beispiel:
Der im Bénard-Experiment beobachtete Materietransport findet bei Lebewesen eben gerade mcht statt.
Das Konzept der Autopoiesis liefert zwar ein systemtheoretisches Modell für die Ontogenese lebender Systeme, kann aber nicht erklären, warum sich Lebewesen fortpflanzen. Damit wird deren Phylogenese vollständig aus der autopoietischen Lebensbeschreibung ausgeblendet. Ein Bezug zur Evolutionstheorie ist dann kaum mehr herstellbar.
Die umfangreiche Artenvielfalt in den Weltmeeren dürfte sich nur schwer mit einer Theorie des Lebens als dissipative Struktur in Einklang bringen lassen. Es läßt sich auf diese Weise nicht erklären, warum die Menschheit die von der Sonne auf die Erde einströmende Energie nicht nur nutzt (beziehungsweise degradiert), sondern auch noch künstlich zu steigern versucht (fossile Brennstoffe, Atomkraftwerke, Fusionsreaktoren u.s.w.), so daß es mittlerweile (vielleicht! HB) sogar zu einem globalen Temperaturanstieg auf der Erdoberfläche gekommen ist.
Auch liefert die Theorie keinen Beitrag zur Beantwortung der Frage, worin sich ein belebtes (lebendes) von einem unbelebten System unterscheidet.“ (Ebd., S. 286-287).

„Die vorrangige Betrachtung des Lebens aus energetischer beziehungsweise thermodynamischer Sicht ist unter Naturwissenschaftlern sehr beliebt. Bereits Erwin Schrödinger beschritt in Was ist Leben? (das Buch erschien 1948) maßgeblich diesen Weg, und auch der größte Teil des Eingangskapitels Leben argumentiert ganz in diesem Sinne.“ (Ebd., S. 287).

„Peter W. Atkins faßt die dahinterstehende Idee in knappen Worten wie folgt zusammen:
»Solange wir unsere Zellen regenerieren können, indem wir uns in der Außenwelt konzentrierte Energie von hoher Qualität beschaffen und einen Teil davon unseren Zellen zugänglich machen, läßt sich unsere Komplexität erhalten. Unter diesem wenig tröstlichen, aber realistischen Blickwinkel betrachtet, erweist sich das Leben also als Kampf (als Kampf, der letztlich nicht von Absicht, sondern von Ausbreitung bestimmt wird). Wir kämpfen darum, minderwertige Energie an die Umgebung loszuwerden und Energie von hoher Qualität aus ihr herauszuholen. Im gewissen Sinne mindern wir die Qualität der Außenwelt, um die unseres Innenlebens zu steigern, Die Nahrungskette - Menschen essen Kühe, Kühe essen Gras, Gras ißt Berge und lebt von Sonne - ist im Laufe der Evolution als vielfältig verzahnter Ausbreitungsmechanismus entstanden. Es besteht keine Notwendigkeit, nach einem verborgenen Zweck Ausschau zu halten: Die Energie hat ihren Ausbreitungsprozeß fortgesetzt, und der hat zufällig Elefanten und erhabene Ideen hervorgebracht.« (Peter W. Atkins, Schöpfung ohne Schöpfer, 1984, S. 53ff.).
Die zitierte Argumentation ist sicherlich elegant und in sich schlüssig, jedoch bleibt sie an einer entscheidenden Stelle ungenau. Sie erklärt nämlich nicht, warum sich das Leben mit all seiner hochkonzentrierten Energie unbedingt selbsterhalten und darüber hinaus auch noch ausbreiten will. Anders gesagt: Sie blendet die zentralen Eigenschaften des Lebens aus, wodurch sie natürlich auch keinen Bezug zur Evolutionstheorie herstellen kann.“ (Ebd., S. 287-288).

„Ein solcher Bezug wäre aber wesentlich, denn die Systemische Evolutionstheorie erklärt ja nicht nur, warum auf der Erde Menschen, Computer und erhabene Ideen entstanden sind, sondern vor allem auch, wie das geschehen konnte. Und sie erklärt, wie diese Dinge dann auch noch auf den unbelebten und lebensfeindlichen Mond gelangen konnten.“ (Ebd., S. 288).

„Die Unterschiede in den beiden Auffassungen sind grundsätzlicher Art und könnten größer nicht sein. Auf eine Kurzformel gebracht: Die Theorie der dissipativen Strukturen nimmt an, daß sich der selbstorganisatorische Prozeß des Lebens aus einem thermodynamischen Ungleichgewicht heraus erklären läßt, während die Systemische Evolutionstheorie vermutet, die Selbstorganisation des Lebens lasse sich primär auf Systemeigenschaften des Lebendigen zurückführen. Zwar kann auch für sie Leben allein schon aus Ordnungsgründen (Selbsterhaltungsinteresse des Lebendigen) nur im thermodynamischen Ungleichgewicht entstehen und gedeihen, allerdings zweifelt sie an, daß sich damit die Evolution des Lebens erklären läßt. Für die Theorie der dissipativen Strukturen ist die Selbstorganisation des Lebens eine unmittelbare Folge äußerer Energiezufuhr, für die Systemische Evolutionstheorie organisiert sich das Leben - einmal auf den Weg gebracht aufgrund von inneren Systemeigenschaften des Lebendigen selbst: Das Leben macht seine eigene Evolution selbst.“ (Ebd., S. 288).

„In den folgenden Unterabschnitten soll das Phänomen des Lebens deshalb vor allem aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie betrachtet werden.“ (Ebd., S. 288).

4.34.5) Die biologischen Kräfte von Lebewesen

„In der Quantenphysik besitzen Teilchen die Messgrößen (Observablen) Ort (Ortskoordinaten, Lage) und Impuls.“ (Ebd., S. 288).

„Jeder bewegliche Körper kann -wie etwa beim Zusammenstoß mehrerer Billardkugeln - Impuls auf andere Körper übertragen oder von diesen übernehmen. Dabei bleibt der Gesamtimpuls der am Ereignis beteiligten Körper unverändert.“ (Ebd., S. 288).

„Der Impulserhaltungssatz der Physik besagt nun, daß Teilchen von Natur aus träge sind. Damit sich ihre Geschwindigkeit ändern kann, müssen sie Impuls erhalten oder abgeben. Die dabei wirkende Kraft entspricht dem pro Zeiteinheit übertragenen Impuls. “ (Ebd., S. 289).

„Im Vergleich zu unbelebten Kötpern sind lebende Systeme alles andere als träge. So können sich Tiere völlig autonom und ohne einer externen Kraft ausgesetzt zu sein - beziehungsweise ohne Impulsübertragung von außen frei in die eine oder andere Richtung bewegen oder sich sonstwie verändern.“ (Ebd., S. 289).

„Im Sinne der Definitionen des Konstruktivismus ist ein lebendes System folglich strukturdeterminiert, das heißt, seine konkreten Systemzustände werden nicht von der Umwelt, sondern vom System selbst bestimmt. “ (Ebd., S. 289).

„Nun könnte man einwenden, das wären Roboter und Unternehmen auch. Allerdings wird der nächste Unterabschnitt (**) zeigen, daß solchen Systemen noch immer wesentliche Lebens-Eigenschaften fehlen, weswegen sie nicht wirklich als Lebewesen bezeichnet werden können.“ (Ebd., S. 289).

„Unabhängig davon möchte ich an dieser Stelle die folgende These aufstellen:
Lebewesen besitzen biologische Kräfte (Lebenskräfte), die sich als emergente Eigenschaften (siehe Abschnitt Emergenz) in ihnen ausbilden, und zwar ihr
Selbsterhaltungs- und
Reproduktionsinteresse.
Zwar werden Lebewesen auch durch äußere Kräfte und Ereignisse beeinflußt, aber es sind maßgeblich diese inneren »Kräfte«, die ihr Verhalten steuern. Damit soll nun aber nicht im Sinne eines Vitalismus behauptet werden, daß Lebewesen originäre Lebenskräfte besitzen, die sich nicht auf physikalische oder chemische Gesetze zurückführen lassen, sondern lediglich, daß sie aufgrund ihrer systemischen Organisation Eigenschaften entwickeln, die nach außen hin den Anschein erwecken, als wirkte in ihnen tatsächlich eine innere Kraft.“ (Ebd., S. 289).

„Ich möchte dies anhand einer bekannten physikalischen Kraft verdeutlichen: Es ist nicht auszuschließen, daß es der Physik irgendwann einmal gelingt, die Gravitation auf die anderen physikalischen Grundkräfte zurückzuführen. Vielleicht stellte sich dabei heraus, daß sie eine Konsequenz materieller Organisation ist. Ganz entsprechend möchte ich die obigen »Lebenskräfte« verstanden wissen.“ (Ebd., S. 290).

„Selbstverständlich mobilisieren Tiere ihre Muskeln mit Hilfe der in ihnen gespeicherten Energie. Der physikalische Impuls zur Fortbewegung entspringt also letztlich diesem Mechanismus. Darum geht es hier aber nicht. Gemeint ist der eigentliche Lebensimpuls, der zeitlich noch vor der Mobilisierung des internen Energiekraftwerks und der Muskeln liegt, und durch den sich ein lebendes System von lebloser Materie abhebt.“ (Ebd., S. 290).

„Doch es besteht in diesem Punkt noch ein weiterer signifikanter Unterschied zum Unbelebten: Während sich in der Physik Phänomene meist auf einige wenige Ursachen kausal zurückführen lassen, ist das bei Lebewesen keineswegs der Fall, denn bei den lebensimpulsgebenden Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen handelt es sich um emergente Systemeigenschaften, deren jeweilige Ausprägungen praktisch nicht vorhersehbar sind:
»Anders als in manchen allgemein bekannten Fällen physikalischer Kausalbeziehungen hat das Verhalten, das man in komplexen Systemen erklären möchte, mehr als nur eine einzige beherrschende Ursache. Daß eine Billardkugel sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit in eine bestimmte Richtung bewegt, liegt an dem Stoß, den ihr der Queue versetzt hat. Natürlich gibt es im Vergleich zu dem Verlauf, den man nach einem solchen einzelnen Stoß erwarten sollte, durch Drehung und Reibung geringfügige Abweichungen, aber zum größten Teil läßt sich das Verhalten der Kugel mit einer einzigen beherrschenden Ursache erklären. In der Welt des Komplexen ist das anders. Wie ich bereits erwähnt habe, gibt es mehrere Arten von ›Komplexität‹. Manche davon stehen der Billardkugel näher, wobei nur die Zahl der kausalen Einflüsse größer ist. Eine größere Zahl von Faktoren ist nicht sonderlich problematisch, insbesondere wen
Lebewesen besitzen ein Reproduktionsinteresse.
n ihre Interaktionen sich addieren oder anderen einfachen Regeln unterliegen. Die an einem Flugzeug angreifenden Kräfte (eine komplizierte Version der Billardkugel) sind als Ursachen seiner Flugbahn zu erkennen, und wenn man sie einfach summiert, kann man voraussagen, wohin die Reise geht. An komplexen Systemen sind jedoch häufig auch Rückkopplungsmechanismen beteiligt, die dazu führen, daß die Folgen nichtlinearen chaotischen Verhaltens verstärkt oder abgeschwächt werden; unter solchen Bedingungen versagt eine kausale Erklärung, die sich auf Addition stützt.« (Sandra Mitchell, Komplexitäten, 2008, S. 50). “ (Ebd., S. 290-291).

4.34.6) Lebende Systeme gemäß Systemischer Evolutionstheorie

„....
Lebewesen besitzen ein Selbsterhaltungsinteresse.
Das wichtigste Kritrium des Belebten ist, daß es am Leben bleiben möchte. Lebewesen sind darum bemüht, ihren entropieramen Zustand möglichst lange aufrechtzuerhalten. Anders gesagt: Lebewesen wollen sich selbsterhalten (Selbsterhaltungsinteresse). ....
Lebewesen besitzen ein Reproduktionsinteresse.
Das zweitwichtigste Kriterium des Belebten ist, daß es »überleben« möchte. Lebewesen möchten folglich nicht nur am Leben bleiben, sondern sich auch reproduzieren. ....“ (Ebd., S. 292-294).

„Zusammenfassend kann gesagt werden:
Lebewesen sind offene, stofflich zusammenhängende, selbsterhaltende, sterbliche, entwicklungsfähige, entropiearme Systeme, die durch Selbstreproduktion aus anderen, ihnen ähnlichen Systemen hervorgegangen sind. Sie »wollen« leben und überleben, das heißt, sie ebsitzen eigenstädige Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen (Eigeninteressen), bei denen es sich um (emergente) Systemeigenschaften handelt.
Einige der genannten Eigenschaften sind redundant. So können die Eigenschaften offen und entropieram auf das Merkmal der Selbsterhaltung und die Eigenschaften sterblich und entwicklungsfähig auf den Mechanismus der Selbstproduktion zurückgeführt werden. Vereinfachend können wir deshalb definieren:
Lebewesen sind stofflich zusammenhängende, selbsterhaltende Systeme, die durch Selbstreproduktion aus anderen, ihnen ähnlichen Systemen hervorgegangen sind. Sie »wollen« leben und überleben, das heißt, sie ebsitzen eigenstädige Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen (Eigeninteressen), bei denen es sich um (emergente) Systemeigenschaften handelt.
In diesem Sinne sind weder Roboter noch Unternehmen Lebewesen, denn:
Roboter besitzen kein Reproduktionsinteresse. Auch sind sie (noch) nicht durch Selbstproduktion aus anderen Robotern hervorgegangen.
Unternehmen sind weder stofflich zusammenhängend noch gehen sie stets durch Selbstproduktion aus anderen, ihnen ähnlichen Unternehmen hervor.“ (Ebd., S. 295-296).

5) Demographischer Wandel (S. 297-326)

5.1)   Wie es dazu kam (S. 298-301)
5.2)   Fertilitätstheorien (S. 301-309)
5.3)   Problemfall Mehrkindfamilie (S. 309-311)
5.4)   Reproduktionsinteresse (S. 312)
5.5)   Familie (S. 313-320)
5.6)   Gründe für den demographischen Wandel (S. 320-324)
5.7)   Vereinbarkeit von Familie und Beruf (S. 324-326)

„Die fortgeschrittenen Industrienationen befinden sich auf dem Weg hin zu Wissensgesellschaften: Nicht mehr die Ressourcen Arbeit, Kapital und Rohstoffe spielen die entscheidende Rolle, sondern die geistigen Fähigkeiten und das theoretische Wissen ihrer Menschen. Gleichzeitig entwickeln diese Staaten ein demographisches Problem: Die Lebenserwartung steigt, während die Geburtenrate sinkt.“ (Ebd., S. 298).

„Dieses als demographischer Wandel bezeichnete Problem drückt sich allgemein in drei unabhängigen Teilaspekten aus:
Es werden zu wenige Kinder geboren, oder wissenschaftlich ausgedrückt: die gesellschaftliche Reproduktion ist insgesamt mengenmäßig nicht bestandserhaltend.
Analysen zeigen: Der Geburtenrückgang in Deutschland ist wie auch in den USA und in den übrigen europäischen Ländern einschließlich der Länder Nordeuropas in erster Line das Ergebnis des zunehmenden Verschwindens der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern (vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 10) und weniger das Resultat einer zunehmenden Kinderlosigkeit.
Bliebe die deutsche Fertilitätsrate auch in der Zukunft konstant bei den heutigen Werten (ca. 1,4), würde die deutsche Bevölkerung nicht von 83 auf zum Beispie 150 Millionen schrumpfen, sondern langfristig auf Null. Bei einer angenommenen Generationendauer von 30 Jahren würden bei ausgeglichenen Zuwanderungen und Abwanderungen in Deutschland in 300 Jahren etwa nur noch ca. 1 Million Menschen leben. Ähnliches gilt für die meisten anderen modernen Länder. Zur Zeit weiß niemand, wie eine solche Entwicklung verhindert werden kann.
In sozial schwachen beziehungsweise bildungsfernen Schichten werden mehr Kinder geboren als in Schichten mit hohem sozioökonomischen Status beziehungsweise Bildungsniveau. Anders gesagt: Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl und sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau ( Johannes Kopp, Geburtenentwicklung und Fertilitätsverhalten, 2002, S. 89). Dieser Zusammenhang besteht in analoger Weise auch länderübergreifend: In den entwickelten Industrienationen werden pro Frau meist viel weniger Kinder geboren als in den Entwicklungsländern. Man nennt dieses Phänomen das demographisch-ökonomische Paradoxon (vgl. Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 30 [**]). |**|**|
Auch diese Erscheinung könnte als fehlende Bestandserhaltung bezeichnet werden, diesmal aber nicht bezüglich der Zahl an Menschen, sondern den Kompetenzen und Qualifikationen.
Die allgemeine Lebenserwartung steigt (die Menschen werden immer älter). Dieser Aspekt wird im Rahmen des vorliegenden Buches jedoch als gegeben angenommen und nicht weiter thematisiert.
Insgesamt kann also von einer fehlenden quantitativen und qualitativen Bestandserhaltung der Bevölkerung gesprochen werden.“ (Ebd., S. 298).

Einige Länder, wie etwa die USA, sind nur vom zweiten und dritten Teilaspekt betroffen, die meisten entwickelten Länder allerdings von allen dreien.“ (Ebd., S. 298).

„Wir können zusammenfassen:
Es werden in Deutschland zu wenige Kinder geboren.
Der Hauptgrund dafür ist das zunehmende Verschwinden der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern.
Darüber hinaus werden in sozial schwachen und bildungsfernen Schichichen mehr Kinder geboren als in gebildeten Bevölkerungskreisen.
Sie werden jetzt vielleicht einwenden, der letzte Punkt sei doch egal, alle Menschen seien schließlich gleich. In Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) konnte jedoch gezeigt werden, daß es sich bei diesem Befund um das eigentliche Hauptproblem des demographischen Wandels handelt.“ (Ebd., S. 298).

5.1) Wie es dazu kam

„Bevor ich mit der Analyse beginne, möchte ich zunächst den demographischen Wandel, den die Fachliteratur manchmal auch als die fünfte Phase des demographischen Übergangs bezeichnet, in einen historischen Kontext stellen.“ (Ebd., S. 298).

„Während der gesamten Geschichte der Menschheit mußten Frauen eher durchschnittlich fünf bis acht Kinder in die Welt setzen, damit sich eine Population mengenmäßig erhalten konnte . Der Grund: Die Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit waren hoch, und auch noch im Erwachsenenalter konnten Krankheiten, Seuchen, Hunger, Kriege, Unfälle oder Verbrechen zu einem frühen Tod bei nur sehr wenigen Nachkommen fuhren.“ (Ebd., S. 298-299).

„Dies änderte sich schlagartig zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgrund einiger Errungenschaften der Medizin - insbesondere der Hygiene -, einer besseren Nahrungsversorgung der Bevölkerung und weiterer Modemisierungsprozesse. In der Folge ging die Sterblichkeit zurück und es entstand ein dramatischer Bevölkerungszuwachs: die zweite Phase des demographischen Übergangs.“ (Ebd., S. 299).

„Als demographischer Übergang wird in der Demographie allgemein der Transformationsprozeß von hohen Geburten- und Sterberaten zu niedrigen Geburten- und Sterberaten verstanden. .... Viele Experten ordnen auch den heutigen demographischen Wandel mit seinen extrem niedrigen Fertilitätsraten einer Spätphase (posttransformative Phase) des demographischen Übergangs zu. Dies wird im vorliegenden Buch jedoch nicht getan. Stattdessen wird der demographische Wandel als ein eigenständiges Phänomen mit ganz anderen Ursachen verstanden.“ (Ebd., S. 299).

„Der demographische Übergang gliedert sich in vier Phasen:
Phase 1Stark schwankende Geburten- und Sterberaten, die auf hohem Niveau dicht beieinander liegen. Es findet kein gravierender Bevölkerungszuwachs statt.
Phase 2Die Sterberate sinkt bei etwa gleichbleibender Geburtenrate. Es entsteht ein signifikanter Bevölkerungszuwachs.
Phase 3Die Geburtenrate sinkt, und zwar sehr bald schneller als die Sterberate. Beide Werte gleichen sich sukzessive an. Der Bevölkerungszuwachs nimmt laufend ab.
Phase 4Die Geburten- und Sterberaten liegen auf tiefem Niveau eng beieinander. Es findet kein nennenswerter Bevolkerungszuwachs statt.“ (Ebd., S. 299).

„Im Jahr 1816 lebten auf dem Gebiet in den Grenzen des späteren Deutschen Reichs 25 Millionen Menschen, am Vorabend des Ersten Weltkriegs dagegen bereits 68 Millionen (vgl. Josef Ehmer, Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1800-2000 , 2004, S. 6f.). Weitere fünf Millionen waren - vor allem nach Übersee - ausgewandert (vgl. ebd, 2004, S. 9). Zwischen 1900 und 1910 erreichte die jährliche deutsche Bevölkerungszuwachsrate mit rund 1,5 Prozent ihren Höhepunkt. Die Bevölkerung nahm in dieser Periode schneller zu als jemals zuvor und jemals danach in der deutschen Geschichte (vgl. ebd., 2004, S. 7). Der Zuwachs war auch stärker als in den meisten anderen europäischen Ländern. (**).“ (Ebd., S. 300).

„Auch heute lassen sich in vielen Krisenherden der Welt zum Teil extreme Bevölkerungszuwachsraten nachweisen (Afghanistan, Somalia, Ruanda, Palästina, Irak, Pakistan u.va.). Gunnar Heinsohn sieht insbesondere einen sehr hohen Anteil junger Männer an der Gesamtbevölkerung als kritisch für eine mögliche Kriegsentwicklung an (vgl. Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht, 2003 [**]). Die Zusammenhänge lassen sich auch unmittelbar aus der Systemischen Evolutionstheorie ableiten. Wenn eine Bevölkerung aus lauter Individuen besteht, die sich alle selbsterhalten und fortpflanzen wollen, dann wird es bei hohen Bevölkerungszuwachsraten und einer dadurch bedingten deutlichen Zunahme der Bevölkerungsdichte zwangsläufig zu einer verstärkten Konkurrenz der Individuen um die knapper werdenden Ressourcen kommen. Charles Darwin nannte dies den Kampf ums Dasein, der sich in extremen Fällen natürlich auch in Kriegen, Rassismus, Völkermord und Völkerwanderung (Auswanderung) ausdrücken kaun. All dies unterstreicht, daß es der Menschheit endlich gelingen muß, die eigene Bevölkerungsentwicklung zu beherrschen. Ich persönlich halte dies - trotz aller Tabuisierungen des Themas - für das wichtigste globale Problem der Menschheit überhaupt.“ (Ebd., S. 300).

„Im 20. Jahrhundert paßten die europäischen Bevölkerungen ihre Geburtenraten sukzessive an die niedrigen Sterberaten an, so daß der starke Bevölkerungszuwachs ab etwa 1930 fast überall zum Erliegen kam.“ (Ebd., S. 300).

„Ab etwa 1970 traten sehr viele moderne Gesellschaften in den demographischen Wandel, mit dem sich das vorliegende Kapitel schwerpunktmäßig beschäftigt. Als vermutliche Hauptgründe können angeführt werden:
Zuverlässige Kontrazeptiva (die Pille).
Berufsorientierte weibliche Emanzipation.
Rentenversicherung.
Heute reichen durchschnittlich ca. 2,1 Kinder pro Frau aus, damit sich eine Bevölkerung mengenmäßig erhalten kann. Im 18. Jahrhundert lag diese Zahl noch deutlich über 4. Man kann deshalb durchaus behaupten: Der Rückgang der Sterblichkeit war die Voraussetzung für die Emanzipation der Frauen. So würde eine sich abgeschlossene Gesellschaft (das heißt, es existieren weder Zu- noch Abwanderungen) mit 83 Millionen Einwohnern einer Fertilitätsrate von 1,4, einer Generationendauer von 30 Jahren und einer Bestandserhaltungsrate von 2,1 (niedrige Sterblichkeit) binnen 100 Jahren auf ca. 20 Millionen Einwohner schrumpfen, bei einer Bestandserhaltungsrate von 4,2 (hohe Sterblichkeit) dagegen auf ca. 2 Millionen. Unter solchen Verhältnissen würde sich eine Gesellschaft bereits innerhalb der Lebenszeit von Menschen erkennbar zu Tode schrumpfen, was gesellschaftlich wohl kaum hingenommen würde.“ (Ebd., S. 300-301).

5.2) Fertiltitätstheorien

„Demographen, Ökonomen und Sozialwissenschaftler machen sich ... Gedanken darüber, wie das weltweit und auch historisch sehr unterschiedliche Fortpflanzungsverhalten der Menschheit zu erklären ist.“ (Ebd., S. 301).

„Die ökonomische Theorie der Fertilität (vgl. Paul B. Hill / Johannes Kopp, Familiensoziologie, 2002, S. 198ff.) von Harvey Leibenstein und Gary S. Becker gilt als eines der überzeugendsten theoretischen Modelle, um das global sehr unterschiedliche Fertilitätsverhlaten von Bevölkerungen zu erklären. Insbesondere die sehr niedrigen Fertilitätsraten in den entwickelten Staaten ließen sich mit älteren Theorien nicht in Einklang bringen.“ (Ebd., S. 302).

„Gemäß der ökonomischen Theorie lassen sich drei verschiedene Nutzenarten für Kinder unterscheiden (vgl. Thomas Klein, Sozialstrukturanalyse, 2005, S. 81):
Konsumnutzen
Einkommensnutzen
Sicherheitsnutzen
Diesen Nutzenarten stehen zwei Kostenarten gegenüber:
Opportunitätskosten
Dierekte Kosten
Wägt man die verschiedenen Nutzen- und Kostenarten gegeneinander ab, dann läßt sich feststellen:
 - Kinder haben einen Konsumnutzen (mehr als früher! HB) ....
 - Kinder haben nur einen vergleichsweise geringen Einkommensnutzen (geringer als früher! HB) ....
 - Kinder haben keinen Sicherheitsnutzen (sehr viel anders als früher [denn früher war er sehr hoch]! HB) ....
 - Kinder sind mit hohen Opportunitätskosten verbunden (höher als früher! HB) ....
 - Kinder kosten Geld (mehr als früher! HB) ....
Fazit: Einzig der Konsumnutzen kann heute Kinder noch ausreichend rechtfertigen. Dieser reicht aber bei den meisten Personen nicht aus, um große Familienstärken zu bewirken.“ (Ebd., S. 302-306).

„Bei der biographischen Fertilitätstheorie (vgl. Herwig, Birg / Ernst-Jürgen Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie der demographischen Reproduktion, 1991) handelt es sich um die demographische Entsprechung der Individualisierungsthese (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986). Sie argumentiert ökonomisch, konzentriert sich aber kostenseitig auf die biographischen Opportunitätskosten der Familiengründung und klammert Nutzenaspekte und dierekte Kosten weitestgehend aus. ([**|**|**]).“  (Ebd., S. 307).

„Kernausassagen der Theorie sind (vgl. Herwig, Birg / Ernst-Jürgen Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie der demographischen Reproduktion, 1991):
Die Größe des biographischen Universums nimmt durch den Wegfall sozialer, normativer und ökonomischer Beschränkungen permanent zu
Je größer das biographische Universum ist bzw. je vielfältiger die Optionen für eine Biographie sind, desto größer ist die Zahl der Alternativen, die mit einer biographischen Festlegung aus dem Möglichkeitsspielraum ausscheiden.
Bei einer Expansion des biographischen Möglichkeitsspielraums steigt das Risiko einer biographischen Festlegung.
In Gesellschaften mit Konkurrenzprinzip im Individualverhalten ist das Risiko biographischer Festlegungen in der Familienbiographie größer als das Risiko von Festlegungen in der Ausbildungs- und Erwerbsbiographie.
Das Risiko familialer Festlegungen läßt sich aufschieben oder vermeiden.
Schlußfolgerung: Die Wahrscheinlichkeit der demographisch relevanten biographischen Festlegungen nimmt ab.
Dies bedeutet: Durch die zunehmende Individualisierung (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986) steigt die Anzahl der Lebenslaufalternativen für eine konkrete person. Bei einer Familiengründung erfolgt aber eine sehr große biographische Festlegung für einen längeren zeitraum, und folglich scheiden sehr viele Lebenslaufalternativen aus dem sogenannten biographischen Universum aus. Dies macht es wahrscheinlicher, daß eine solche Festlegung zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erfolgt, zumal familiale Entscheidungen größere Risiken bergen können als Ausbildungs- und Karriereentscheidungen. Die Konsequenz ist, daß Entscheidung für eine Familiengründung immer später oder gegebenfalls gar nicht mehr getroffen wird.“ (Ebd., S. 307-308).

„Die biographische Fertilitätstheorie gilt allgemein als eine der schlüssigsten Thesen für die Erklärung der niedrigen Fertilitätsraten in entwickelten Gesellschaften. Denn immerhin konnten einzelne Folgerungen der Theorie empirisch bestätigt werden. (Vgl. Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 27-56 [**]).“  (Ebd., S. 308).

5.4) Reproduktionsinteresse

„Im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie wurde gezeigt, daß sich das Prinzip der natürlichen Selektion aus einem grundsätzlicheren Prinzip, nämlich der »natürlichen Verteilung« der Reproduktionsinteressen unter den Individuen einer Population herleiten läßt. Die biologische Evolution dürfte also ganz entscheidend durch die den Individuen innewohnenden Reproduktionsinteressen vorangetrieben werden.“ (Ebd., S. 312).

„In menschlichen Populationen könnte das Reproduktionsinteresse in einer ersten Amläherung mit der gewünschten Zahl an Kindern (dem Kinderwunsch) gleichgesetzt werden. In der Regel wird es größer als die dann tatsächlich realisierte Zahl an Nachkommen sein.“ (Ebd., S. 312).

„Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) offenbarte, daß sich Frauen in Deutschland durchschnittlich nur noch 1,75 Kinder wünschen, Männer sogarnur 1,59 (vgl. Robert-Bosch-Stiftung, Bosch-Studie, 2006 [**]). Kinderlose ohne beruflichen Abschluß wünschen sich signifikant häufiger Kinder als Kinderlose mit beruflichem Ausbildungsabschluß beziehungsweise Hochschul-/Fachhochschulabschluß (vgl. D. Klein, Zum Kinderwunsch von Kinderlosen, a.a.O., 2006, S. 76).“ (Ebd., S. 312).

„Man könnte die Ergebnisse auch so zusammenfassen: Das natürliche Reproduktionsinteresse der Bürger der Bundesrepublik Deutschland ist beschädigt, und zwar bei Männern mehr als bei Frauen und bei Menschen mit hoher Bildung und beruflichem Ausbildungsabschluß mehr als bei Menschen ohne beruflichen Abschluß.“ (Ebd., S. 312).

„In den Entwicklungsländern scheint der Wunsch nach weniger Kindern eher bei Frauen ausgeprägt zu sein (vgl. Hans Joas [Hrsg.], Lehrbuch der Soziologie, 2001, S. 497), was normalerweise auch zu erwarten wäre, denn getrenntgeschlechtliche Populationen haben aus evolutiven Gründen nur dann wirklich Sinn, wenn das männliche Geschlecht ein durchschnittlich höheres Reproduktionsinteresse besitzt als das weibliche (siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?). Daß dies in vielen modernen Industrienationen genau umgekehrt ist, ist nicht nur äußerst alarmierend, sondern weist vor allem darauf hin, daß eine sich vorwiegend an den Interessen und Anforderungen von Frauen orientierende Familienpolitik am Kernproblem vorbeigeht (und daß diese Politik genau jene Variante ist, die typisch ist für die Zivilisation abendländischer [westliche] Kultur; HB).“ (Ebd., S. 312).

5.5) Familie

5.5.1)   Kernfamilie (S. 313)
5.5.2)   Ganzes Haus (S. 313-314)
5.5.3)   Ernährermodell (S. 314-316)
5.5.4)   Familienmodell bei weiblicher Emanzipation (S. 316-320)

„Ich möchte nun auf die Institution Familie, die zentrale gesellschaftliche Reproduktionseinheit, zu sprechen kommen. Dabei werden die weiteren Ausfuhrungen zeigen, daß die Familie in ihrer bisherigen Form unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht mehr zu halten sein dürfte.“ (Ebd., S. 313).

5.5.1) Kernfamilie

„Im westlichen Kulturkreis wird heute unter Familie in der Regel die sogenannte Kernfamilie aus Vater, Mutter und deren Kindern verstanden.“ (Ebd., S. 313).

„In der Tat ist sie in modernen Gesellschaften die weiterhin häufigste Familienform. Alternative Modelle wie Alleinerziehung, Wohngemeinschaften, das Zusammenleben zweier Elternteile mit nichtgemeinsamen oder gar jeweils eigenen Kindern nehmen zwar anteilsmäßig zu, bleiben aber vorläufig noch in der Minderheit.“ (Ebd., S. 313).

„Allerdings werden die Begriffe Familie und Kernfamilie in der Soziologie nicht einheitlich verwendet. Für Rosemarie Nave-Herz ist beispielsweise die Generationendifferenzierung (zum Beispiel: Mutter mit Kindern) kennzeichnend für den Begriff der Familie, eine kinderlose Ehe ist für sie noch keine Familie (vgl. Rosemarie Nave-Herz, Familie heute, 2000, S. 15). Entsprechend dieser Auffassung ist eine Kernfamilie eine Familie mit einem oder beiden Elternteilen und Kindern, jedoch ohne dritte Generation (zum Beispiel Großmutter). Eine Wohngemeinschaft mit zehn jüngeren Menschen, die sich selbst »Familie« nennen, wäre in diesem Sinne dagegen noch keine Familie, wenn darin ein Kind aufwächst, dann allerdings schon.“ (Ebd., S. 313).

5.5.2) Ganzes Haus

„Als Ganzes Haus wird die seit dem Mittelalter vor allem in Westeuropa entstandene Familienform der Bauern und Stadtbürger bezeichnet, in der neben der Kernfamilie noch Verwandte (zum Beispiel Großeltern, Geschwister) und Gesinde wohnten. Einige Schätzungen gehen davon aus, daß im Mittelalter zeitweise funfzig Prozent aller seßhaften Menschen in solchen Gemeinschaften lebten.“ (Ebd., S. 313).

„Im Ganzen Haus vereinbarte sich Familienarbeit und berufliche Tätigkeit auf besonders einfache Weise, denn häufig wurden Kinder bereits frühzeitig in ihre spätere Aufgabe eingearbeitet und waren praktisch ständig unter der Aufsicht der Eltern, von Verwandten oder des Personals. Allerdings blieb dabei nicht selten eine ausreichende Bildung auf der Strecke, da dafür entweder die Kompetenzen fehlten oder sie als nicht notwendig erachtet wurde. Dies galt in besonderem Maße für Mädchen.“ (Ebd., S. 313-314).

„Auch heute noch können in ländlichen Gegenden, aber auch in manchen Berufen, ähnliche Konstellationen vorgefunden werden. Dies ist insbesondere bei freiberuflichen und selbstständigen Tätigkeiten der Fall, zum Beispiel bei einem Lebensmittelgeschäft mit angeschlossenem Wohnbereich. Beide Elternteile stehen in diesem Fall über weite Strecken des Tages als Ansprechpartner für die Kinder zur Verfügung.“ (Ebd., S. 314).

„Einige Experten vermuten, in Wissensgesellschaften und aufgrund von Fortschritten in der Telekommunikation könnten wieder vermehrt Heimarbeitsplätze entstehen, so daß das Ganze Haus gleichfalls eine Renaissance erleben würde.“ (Ebd., S. 314).

5.5.3) Ernährermodell

„Die Industriegesellschaft mit ihrem hohen Kapitaleinsatz und ihrer starken Verlagerung der Produktion aus dem häuslichen Bereich heraus machte es erforderlich, daß ein Elternteil - üblicherweise der Mann - das Haus verließ, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Diese wurde mit Geld und/oder Waren vergütet, womit der Familienvater dann Frau und Kinder ernährte.“ (Ebd., S. 314).

„Als Familienform setzte sich deshalb sukzessive das patriarchalische Ernährermodell durch, bei dem der Vater als Ernährer der Familie fungierte, während sich die Mutter als Hausfrau um Haus und Kinder kümmerte.“ (Ebd., S. 314).

„Zwischen beiden Geschlechtem etablierte sich erneut die bereits biologisch vorgeprägte Arbeitsteilung, bei der der Mann primär fur die produktiven, die Frau dagegen für die reproduktiven Aufgaben verantwortlich war. Eine ähnliche Konstellation gab es bereits in der Altsteinzeit während der Menschwerdung, als die Männer zur Jagd aufbrachen und die Frauen die Kinder aufzogen und gegebenenfalls in der Umgebung Pflanzen sammelten.“ (Ebd., S. 314).

„Allerdings besteht zwischen den aktuellen und historischen Familienkonstellationen noch ein entscheidender Unterschied, der gern übersehen wird: In der Altsteinzeit gingen in der Regel die Männer gemeinsam zur Jagd, um dann später ihre Beute mit ihren Frauen zu teilen. Ganz im Gegensatz dazu ist die moderne Familie als ökonomisch autarke Einheit angelegt, das heißt, sie hat sich selbst zu versorgen. Übertragen auf die Altsteinzeit hieße das: Alle Männer gehen einzeln zur Jagd, haben alle für sich einen individuellen Jagderfolg, der dann ausschließlich ihren jeweiligen Familien zur Verfügung steht.“ (Ebd., S. 314-315).

„Im Rahmen einer Wertedebatte könnte deshalb auch durchaus angemerkt werden, daß das patriarchalische Ernährermodell vom Kern her individualistisch angelegt ist. Naturvölker würden möglicherweise sogar einen beträchtlichen Werteverlust reklamieren.“ (Ebd., S. 315).

„Beim Ernährermodell besteht eine Hierarchie an sozialen Funktionen: Der Mann ernährt und schützt die Frau, diese wiederum die Kinder.“ (Ebd., S. 315).

„Häufig wird das patriarchalische Familienmodell (Ernährermodell) wie folgt beschrieben:
Der Mann geht arbeiten, und die Frau zieht die Kinder auf.
Wie der Ausdruck Ernährermodell bereits sagt, ist diese Beschreibung jedoch unvollständig. Präziser müßte es heißen:
Der Mann geht arbeiten und verdient dafür Geld die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür kein Geld.
Das patriarchalische Ernährermodell erwies sich in der Praxis als äußerst erfolgreich, zumal es ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Produktion und Reproduktion etablierte, was es dem Staat erlaubte, sich weitestgehend aus der gesellschaftlichen Reproduktion herauszuhalten und diese als ausschließliche Angelegenheit seiner Individuen zu betrachten.“ (Ebd., S. 315).

„Allerdings hatte das Modell einen entscheidenden Nachteil: Die Frauen verblieben dabei in ökonomischer Abhängigkeit von ihren Männern, eine Tatsache, die mit modernen Gleichheitsgrundsätzen nicht mehr zu vereinbaren war. Auf der anderen Seite stellte es sich auch für die Männer nicht nur als vorteilhaft dar, denn deren Arbeitswelt war häufig gefährlich, schmutzig und erschöpfend, also alles andere als selbstbestimmt. Diese Anstrengungen wurden aber mit einem Einkommen entlohnt, was die Männer gleichzeitig - als Teil des Lohns - zum Oberhaupt der Familie machte.“ (Ebd., S. 315).

„Erst das verstärkte Aufkommen von angenehmeren Jobs, bei denen in erster Linie intellektuelle und von Frauen in gleicher Weise erbringbare Leistungen gefordert waren, ließ die klassische Rollenaufteilung als eher günstig für den männlichen Teil der Bevölkerung erscheinen.“ (Ebd., S. 316).

5.5.4) Familienmodell bei weiblicher Emanzipation

„Die Frauenbewegung hat das patriarchalische Ernährermodell erfolgreich bekämpft und ein anderes Familienmodell (Vereinbarkeitsmodell) dagegen gestellt, welches in unserer Gesellschaft mittlerweile auf breiteste Akzeptanz stößt. Es basiert auf der Annahme einer grundsätzlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**).
Mann und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Außerdem teilen sie sich die Familienarbeit und verdienen dafür beide kein Geld.
Vielen Familien erscheint die prinzipielle Vereinbarkeit dieser völlig unterschiedlichen und zeitaufwendigen Aufgaben jedoch als Mythos; sie erleben beides als Addition (vgl. Iris Radisch, Die Schule der Frauen, 2007, S. 139ff.). Auch scheint die Reduzierung der Arbeitszeiten bei beiden Ehepartnern zwecks einer gerechteren Aufteilung der Familienarbeit aus ökonomischer Sicht für die betroffenen Familien häufig die schlechteste Lösung zu sein, da dann beide Ehepartner auf eine Karrieremöglichkeit und somit zusätzliche Verdienstmöglichkeiten verzichten müssen. Auch schließen zahlreiche Berufe - und hier insbesondere typische Männerberufe (Pilot, Lokführer, Matrose, Dachdecker, Fernfahrer etc.) - Vereinbarkeitsszenarien von vornherein weitestgehend aus (**).“ (Ebd., S. 316).

„Die bisherigen Ausführungen konnten deutlich machen: Der Geburtenrückgang in den entwickelten Ländern ist in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern zurückzuführen.“ (Ebd., S. 316).

„Bei einer größeren Familie mit vier oder fünf Kindern nimmt die Familienarbeit eine solche Größenordnung an, daß ein Elternteil (in der Regel die Mutter) über einen Zeitraum von zehn oder mehr Jahren keiner oder nur einer geringfügigen gleichzeitigen Erwerbsarbeit nachgehen kann und sollte (Ausnahmen bestätigen die Regel). Damit verfügt die Familie fast ausschließlich über das Einkommen des Ehemannes und damit über deutlich geringere Einkünfte bei gleichzeitig wesentlich höheren Kosten gegenüber berufstätigen Kleinfamilien beziehungsweise Kinderlosen.“ (Ebd., S. 316).

„Ferner sind solche Familien, die - wie gesagt - für die Bestandserhaltung der Bevölkerung unbedingt erforderlich sind, dazu gezwungen, für einen längeren Zeitraum zu einer modernen Abwandlung des patriarchalischen Ernährermodells zurückzukehren, was aber eigentlich nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Dieses Familienmodell trägt den Namen Phasenmodell.
Mann und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Die Frau unterbricht ihre berufliche Tätigkeitfür eine längere Familienphase und verdient in dieser Zeit kein Geld.
Konkret heißt das: Während der Familienphase kommt das patriarchalische Ernährermodell zur Anwendung. Die Frau verzichtet dann auf nennenswerte Rentenansprüche, vor allem aber auf ein eigenes nennenswertes Einkommen und damit auf eine Kernerrungenschaft der weiblichen Emanzipation, nämlich Berufstätigkeit und ökonomische Selbstständigkeit. Die Alternativen lauten jetzt: Ökonomische Abhängigkeit vom Ehemann oder von der Sozialhilfe. Daneben besitzt das Modell weitere Nachteile. Speziell für gut ausgebildete Frauen dürfte es wenig attraktiv sein.“ (Ebd., S. 317).

„Das klassische Ernährermodell inklusive seiner modernen Variante Phasenmodell hat in diesem Sinne also auch für größere Familien längst ausgedient. An die Stelle des Ehemanns als Ernährer der Familie tritt mehr und mehr der Staat (vgl. Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006; S. 35f. [**]).“ (Ebd., S. 317).

„Dieser Tatbestand gilt in der Bundesrepublik längst für einen nennenswerten Anteil kinderreicher Familien. Ca. 60 Prozent aller Alleinerziehenden mit zwei oder mehr Kindern gelten als arm. Bei Paaren öffnet sich die Schere ab drei Kindern (vgl. Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott, 2004, S. 71). Man könnte auch sagen: Basierte im Patriarchat die Familie noch auf Vereinbarungen zwischen Privatpersonen, so wird sie unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter mehr und mehr zu einer öffentlichen Angelegenheit, bei der der Staat zunehmend in die Rolle des vormals männlichen Ernährers schlüpft.“ (Ebd., S. 317).

„Dies ist auch aus anderen Gründen naheliegend: Individualisierungsprozesse - wie sie im Rahmen der weiblichen Emanzipation auf Seiten der Frauen stattgefunden haben - gehen üblicherweise mit einer Auslagerung von Kollektivaufgaben, die ja einen Teil der vormaligen gesellschaftlichen Rolle ausgemacht haben, an Dritte, häufig an den Wohlfahrtsstaat, einher (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986, S. 109f.; Stefan Lange / Dietmar Braun, Politische Steuerung zwischen System und Akteur, 2000, S. 20). Es ist also nur folgerichtig, wenn der Wohlfahrtsstaat nun die Finanzierung größerer Familien in seine Verantwortung übernimmt: Frauen und Männer als Individuen sind unter den heutigen Verhältnissen dazu offenkundig nicht mehr in der Lage. Das Prinzip der ökonomisch autarken Familie war eine Eigenart des Patriarchats, welches unter der Gleichberechtigung der Geschlechter in der bisherigen Form nicht mehr bestehen bleiben kann.“ (Ebd., S. 317-318).

„In meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) wurde deshalb eine alternative Familienfinanzierung vorgeschlagen: Jeder Bürger müßte für ein Kind Unterhalt zahlen. Allerdings könnte er sich von dieser Verpflichtung durch das Aufziehen eines eigenen Kindes befreien. Additiv oder alternativ zu den Unterhaltszahlungen könnte auch eine (Teil-)Finanzierung über die Renten- und Pensionsansprüche von Kinderlosen mit entsprechend hohen Leistungsbezügen erfolgen.“ (Ebd., S. 318).

„Der eingenommene Unterhalt könnte wie folgt verwendet werden: Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kommen insgesamt zu wenig Kinder auf die Welt. Die Differenz zu einer bestandserhaltenden Geburtenrate könnte dann von staatlich beschäftigten Familienmanagerinnen abgedeckt werden, die in aller Regel größere Familien mit drei oder mehr Kindern gründen. Da die Familienarbeit dabei zum Vollzeitjob generiert, würden solche Familienfrauen (oder auch -männer) vom Staat bezahlt. Allerdings benötigten sie entsprechende Qualifikationen, da sie einen Beruf mit sehr hoher Verantwortung ausüben. Auch müßten sie sich regelmäßig fortbilden (**).“ (Ebd., S. 318).


„Das Familienmanager-Konzept kann im vorliegenden Buch nur kurz angerissen werden. Die Grundidee ist: Kinderlose zahlen Unterhalt, mit dem dann staatlich beschäftigte Familienmanagerinnen ihre eigenen Kinder aufziehen (**|**). Alles andere ist dagegen diskutabel.“ (Ebd.).

„Dabei würde das folgende ergänzende Familienmodell zum Einsatz kommen:
Der Mann geht arbeiten und verdient Geld, die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld.
Dieses Familienmodell trägt den Namen Familienmanagermodell. Es dürfte das einzige Familienmodell sein, welches einen nennenswerten Anteil gut ausgebildeter Frauen unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter zur Gründung einer Mehrkindfamilie bewegen könnte.“ (Ebd., S. 318).

„Natürlich würde auch die umgekehrte Variante (Die Frau geht arbeiten und 1 verdient Geld, der Mann zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld) funktionieren, allerdings dürften solche Konstellationen eher selten sein. Ferner würde das Modell Alleinerziehung (Die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür Geld) - gegebenenfalls im Zusammenleben mit unterschiedlichen Partnern - unterstützen, was für moderne Gesellschaften unerläßlich zu sein scheint. Es umgeht die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**), indem es Familie zum Beruf macht.“ (Ebd., S. 318-319).

„Grundlage des Familienmanagermodells könnte die folgende »Norm« beziehungsweise modifizierte verantwortete Elternschaft sein, die die Nachwuchsarbeit als eine gesellschaftliche Kollektivaufgabe versteht, die prinzipiell von allen Bürgern anteilsmäßig in direkter oder indirekter Form zu erbringen ist:
Jedem steht es in unserer Gesellschaft frei, Kinder in die Welt zu setzen. Doch bitte beachten Sie: .... Ein unkontrollierter Bevölkerungszuwachs sollte ... unbedingt vermieden werden. Beschränken Sie sich nach Möglichkeit auf maximal zwei Kinder pro Paar. Der Staat wird Maßnahmen ergreifen und fördern, die für eine möglichst optimale Vereinbarkeit einer kleineren Familie mit bis zu zwei Kindern mit einem Beruf und für einen relativ fairen Familienlastenausgleich sorgen werden.
Allerdings ist die Gesellschaft auf eine insgesamt bestandserhaltende Reproduktion angewiesen. Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kann eine solche nicht gewährleistet werden. Deshalb ist es in unserer Gesellschaft zusätzlich Ihre Aufgabe, als Paar zwei Kinder aufzuziehen, als Einzelperson ein Kind. Damit leisten Sie Ihren Beitrag zu einer bestandserhaltenden gesellschaftlichen Reproduktion. Sie müssen das aber nicht selbst tun, sondern Sie können die Aufgabe zum Teil oder in Gänze anderen Fachleuten überlassen. Dafür müssen Sie dann aber regelmäßig einen bestimmten Betrag abführen, damit diese das auch in der entsprechenden Qualität für Sie tun können.
Wenn es laut Präferenzmodell Frauen jedes Qualifikationsniveaus gibt, die lieber eine größere Familie gründen würden aIs einer Erwerbsarbeit nachzugehen ((vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 27ff.; Catherine Hakim, , Work-Lifestyle in the 21st Century, 2005), dann ist die grundsätzliche Nichtkommerzialisierbarkeit dieser für unsere Gesellschaft so eminent wichtigen Familienarbeit nicht mit den Prinzipien der Geschlechtergleichberechtigung vereinbar, weil sonst solche Frauen in ihrer Lebensplanung massiv benachteiligt werden.“ (Ebd., S. 319).

„Im Abschnitt Systemflexibilität wurde darauf hingewiesen, daß moderne Organisationssysteme (**|**|**|**) ihre Systemstrukturen bereits aus ihrem Selbsterhaltungsinteresse heraus immer weiter flexibilisieren werden, denn hierdurch können sie ihre Anpassungsfähigkeit an die Markterfordernisse und damit ihre Überlebensfähigkeit signifikant erhöhen. Sie operieren in dieser Hinsicht aus einem Eigeninteresse heraus. Allerdings wirkt sich dieser Prozeß auch unmittelbar auf die Mitarbeiter der Unternehmen aus, denn nun müssen auch diese in ihrer Lebensplanung immer flexibler werden (vgl. Richard Sennett, Der flexible Mensch, 2006), was aber mit deren natürlichen Reproduktionsinteressen kollidiert, da beim Aufziehen von Nachwuchs nicht Flexibilität, sondern ganz im Gegenteil dazu vor allem Verläßlichkeit verlangt wird. Auch aus diesem Grund dürfte die zukünftige Erweiterung der vorhandenen Familienmodelle um ein Familienmanagermodell für Mehrkindfamilien geradezu unerläßlich sein.“ (Ebd., S. 320).

5.6) Gründe für den demographischen Wandel

5.5.1)   Geringes und ungleiches Reproduktionsinteresse (S. 320-322)
5.5.2)   Selbstfinanzierte Familie (S. 322-324)

„Die Ursachen des demographischen Wandels werden in meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) im Detail erörtert. Ich möchte an dieser Stelle zwei Gründe exemplarisch herausgreifen und damit dann auch die wichtigsten Ergebnisse des vorliegenden Kapitels noch einmal zusammenfassen.“ (Ebd., S. 320).

5.6.1) Geringes und ungleiches Reproduktionsinteresse

„Seit der allgemeinen Verfügbarkeit moderner Kontrazeptiva lassen sich Paarung und Fortpflanzung präzise voneinander trennen. In der Folge hat sich das menschliche Reproduktionsinteresse von einem machtvollen biologischen Trieb in eine ökonomisch abschätzbare Größe gewandelt.“ (Ebd., S. 320).

„Gleichzeitig wurde damit die berufsorientierte weibliche Emanzipation ermöglicht. In unserer Gesellschaft gilt nun die Norm, daß sowohl Frauen als auch Männer einer Erwerbsarbeit nachgehen und sich eventuelle Familienarbeiten dann paritätisch teilen.“ (Ebd., S. 320).

„Dies hat eine ganze Reihe bemerkenswerter Konsequenzen:
Kinder haben in modernen Gesellschaften fast ausschließlich nur noch einen Konsumnutzen. Dieser wächst aber mit zunehmender Kinderzahl nicht schnell genug, um oberhalb der gleichzeitig linear ansteigenden Familienkosten zu bleiben, weswegen sich moderne Familien in der Regel auf kleine Familiengrößen beschränken. Ihr Reproduktionsinteresse ist folglich gering, und zwar im Durchschnitt geringer, als es für eine bestandserhaltende gesellschaftliche Reproduktion erforderlich wäre.
Sind beide Elternteile berufstätig (was in unserer Gesellschaft allgemein angestrebt wird), ergeben sich für Kinder nennenswerte Opportunitätskosten, und zwar für beide Elternteile. Kinder werden dann potenziell umso teurer, je mehr die Eltern verdienen, beziehungsweise je qualifizierter und verantwortungsvoller ihre berufliche Tätigkeit ist.
Ferner gilt: Je höher die beruflichen Qualifikationen sind, desto größer ist meist auch der zeitliche Arbeitseinsatz, weswegen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dann selbst bei optimaler Vereinbarkeitsinfrastruktur besonders schwer zu realisieren ist (**).“ (Ebd., S. 320-321).


„Beruflich erfolgreiche und gutverdienende Paare sind auf keine öffentlichen Vereinbarkeitsinfrarstrukturen angewiesen, da sie sich entsprechende Betreuungsleistungen privat kaufen köjnnten (Studentinnen, Aupairmädchen, Kindermädchen, Haushälterin u.s.w.). Trotzdem haben gerade solche Paare sehr wenige Kinder. Dies allein demonstriert in aller Deutlichkeit, daß die Vereinbarkeitsthese (»Paare bekommen deshalb so wenige Kinder, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch nicht gegeben ist.«) nicht korrekt sein kann (**).“ (Ebd.).

„In der Folge sinkt das Reproduktionsinteresse mit steigenden Qualifikationen beziehungsweise mit dem sozialen Erfolg. Es bildet sich dann ein Dilemma heraus, welches der Kernaussage des »Central Theoretical Problems of Human Sociobiology« (siehe Abschnitt Central Theoretical Problem of Human Sociobiology) entspricht. Anders gesagt: Die gesellschaftliche Reproduktion verletzt das Prinzip Reproduktionsinteresse der Systemischen Evolutionstheorie. Es ist deshalb davon auszugehen, daß sich moderne Gesellschaften mit solchen Eigenschaften nicht weiterentwickeln können (**). (Ebd., S. 321).


„In der Tat ist in den meisten entwickelten Ländern seit Ende der 1990er Jahre ein Absinken des durchschnittlichen IQs der Bevölkerung feststellbar (vgl. Wissenschaft.de, 2005 [**]). Gleichzeitig steigt in Deutschland seit Jahren der Anteil der Studierenden mit mindestens einem akademischen Elternteil , kontinuierlich an, und zwar von 29 Prozent in 1985 auf 44 Prozent in 2000 (gl. E. Schnitzer / W. Isserstedt / E. Middendorff, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland, 2001, S. 119). Meist wird behauptet, dies sei ein deutliches Anzeichen dafür, daß es in der Bundesrepublik noch immer keine gleichen Bildungschancen für Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten gebe. Dies übersieht allerdings, daß sich dieser Effekt erst recht herausstellen würde, wenn absolute Chancengleichheit bei der Bildung bestehen würde, weil dann der hohe erbliche Anteil bei der Intelligenz zwangsläufig zum Ausdruck kommen müßte. Eltern mit hoher Intelligenz würden daun nämlich mit höjherer Wahrscheinlichkeit einen Hochschulabschluß erreichen und gleichfalls mit höherer Wahrscheinlichkeit Kinder mit hoher Intelligenz haben, die nun wiederum mit einer höheren Wahrscheinlichkeit studieren werden.“ (Ebd.).

„Separat zu analysieren und zu diskutieren ist in diesem Zusammenhang aber auch das männliche Reproduktionsinteresse, welches gemäß Untersuchungsergebnissen speziell in der Bundesrepublik Deutschland unterhalb der weiblichen liegt, was aus biologischen Gründen nicht sein dürfte (siehe Abschnitt Wozu gibt es Sexualität?). Dies deutet darauf hin, daß insbesondere für Männer nun gesellschaftliche Verhältnisse in Kraft sind, die mit ihrem natürlichen Reproduktionsinteresse nicht mehr in Einklang zu bringen sind.“ (Ebd., S. 322).

„Ich möchte das Thema an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, lediglich auf zwei Punkte hinweisen:
Die öffentliche Debatte zur prekären Nachwuchssituation in den Industrienationen analysiert die Problematik vorwiegend aus weiblicher Sicht, dabei scheint die Situation bei den Männern noch verfahrener zu sein
Das in meinen Büchern »Land ohne Kinder« (2006), »Die Familienmanagerin« (2006), »Hurra, wir werden Unterschicht!« (2007) und »Familie als Beruf« (2008) vorgestellte Familienmanager-Konzept würde ganz wesentlich auch den natürlichen männlichen Interessen entgegenkommen, nämlich durchschnittlich weiterhin die deutlich geringeren Fortpflanzungsaufwände zu haben.“ (Ebd., S. 322).

5.6.2) Selbstfinanzierte Familie

„Familien sind in unserer Gesellschaft ökonomisch autarke Einheiten, die sich vom Grundsatz her selbst zu ernähren haben. Anders gesagt: Familien besitzen eine Wirtschaftsfunktion. Eine solche gesellschaftliche Vorgabe ist aber alles andere als selbstverständlich, denn viele Naturvölker kennen etwas Vergleichbares nicht.“ (Ebd., S. 322).

„Im Patriarchat galt unter dem Paradigma der familialen Wirtschaftsfunktion noch die einfache Regel: Familien, die mehr Ressourcen (Geld) erlangten, konnten sich mehr Kinder »leisten«, sofern sie nur wollten. Eine solche Regelung steht noch nicht im Widerspruch zu den Prinzipien der Darwinschen Lehre.“ (Ebd., S. 322).

„Im Rahmen der Gleichberechtigung der Geschlechter wurde die Wirtschaftsfunktion der Familie unbesehen beibehalten. Nun sollen also im Rahmen des gesellschaftlich präferierten Vereinbarkeitsmodells beide Elternteile gleichermaßen die erforderlichen Ressourcen beschaffen, während sie sich gleichzeitig die Familienarbeit paritätisch teilen.“ (Ebd., S. 322).

„Allerdings ist ein solches Modell - wenn überhaupt - nur für kleinere Familien sinnvoll. Denn spätestens ab dem dritten oder vierten Kind nimmt die Familienarbeit ein solches Ausmaß an, daß entweder ein Elternteil oder gar beide ihre Arbeitszeiten signifikant reduzieren müssen, und zwar selbst dann, wenn sie auf eine optimale Vereinbarkeitsinfrastruktur zurückgreifen können.“ (Ebd., S. 323).

„Mit jedem weiteren Kind dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Dies führt dann zu dem folgenden bemerkenswerten - in patriarchalischen Gesellschaften nicht bekannten - Dilemma:
Mit zunehmender Kinderzahl steigen die Ausgaben für die Familie, während gleichzeitig ihre Einkünfte sinken (**|**).
Ich möchte das an einem - allerdings stark vereinfachenden - Beispiel deutlich machen:
Ehepaar Müller ist beruflich qualifiziert und erfolgreich. Die beiden Ehepartner verdienen monatlich jeweils 3000 Euro nach Steuern. Mit jedem Kind würden ihnen 500 Euro an zusätzlichen Kosten entstehen, bei vier Kindern also 2000 Euro. Gleichzeitig entstünde dann soviel Familienarbeit, daß beide nur noch halbtags arbeiten gehen könnten. In der Folge reduzierten sich ihre Einkünfte aufjeweils 1500 Euro pro Monat, das heißt, auf insgesamt 3000 Euro. Verdienten sie also vorher zusammen 6000 Euro im Monat, die ihnen allein zur Verfügung standen, hätten sie mit ihren vier Kindern noch 3000 Euro, während ihre Kosten gleichzeitig um 2000 Euro angestiegen wären. Im Endeffekt würden sich ihre persönlichen Einkünfte durch die Familiengründung von 6000 Euro auf 1000 Euro pro Monat reduzieren.
Das gerade geschilderte Dilemma ist mit den bislang öffentlich diskutierten familienpolitischen Maßnahmen auch nicht einmal ansatzweise behebbar. In der Folge verschwinden die größeren Familien, oder sie werden systematisch in die Sozialhilfe abgedrängt, wo das Selbsternährerdogma nicht mehr gilt, denn dort versorgt ja der Staat.“ (Ebd., S. 323).


„Man könnte diese Aussage auch als die Brasilianisierungsformel bezeichnen, denn aus genau diesen Gründen wird in den entwickelten Ländern zunehmend Armut »produziert« (vgl. Peter Mersch, Hurra, wir werden Unterschicht!,  2007).“ (Ebd.).

„Auf die Unternehmenswelt übertragen könnte das Dilemma wie folgt lauten: »Mit zunehmenden Investitionen in die Zukunft des Unternehmens sinken die Umsätze.« Unternehmen würden unter solchen Gegebenheiten ihre Investitionen in die Forschung einstellen. Offenbar handeln moderne Paare ganz entsprechend.“ (Ebd.).

„Dies wäre alles noch hinnehmbar, wenn die gesellschaftliche Reproduktion auch ohne größere Familien funktionieren könnte. Diverse Analysen konnten jedoch zeigen: Dies ist nicht möglich. Und so wies denn auch der 7. Familienbericht der Bundesregierung erneut darauf hin, daß der Geburtenrückgang in Deutschland, aber auch in vielen anderen entwickelten Ländern, in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie zurückzuführen ist (Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 10).“ (Ebd., S. 323).

„Eine Konsequenz aus den obigen Ausführungen ist:
Die Familie, wie wir sie kennen, ist mit der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht kompatibel. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen muss das System F amilie neu überdacht werden.“ (Ebd., S. 324).

5.7) Vereinbarkeit von Familie und Beruf **

„Zum Abschluß des Kapitels möchte ich noch einmal ein Thema aufgreifen, welches im Laufe der bisherigen Ausführungen schon häufiger angesprochen wurde, da es in einem unmittelbaren Zusammenhang zur Systemischen Evolutionstheorie steht: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**).“ (Ebd., S. 324).

„Wie wir gesehen haben, sind die beiden zentralen Lebensaufgaben der eigene Selbsterhalt und die Fortpflanzung. In modernen menschlichen Gesellschaften erfolgt die Sicherung des Selbsterhalts im allgemeinen durch eine berufliche Tätigkeit, während die Fortpflanzung primär eine Sache der Familie ist. Man könnte deshalb auch sagen: Die zentralen menschlichen Lebensaufgaben sind Beruf und Familie.“ (Ebd., S. 324).

„Gemäß dem Prinzip der natürlichen Reproduktionsinteressen der Systemischen Evolutionstheorie sollten die Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen innerhalb einer Population nicht negativ mit der relativen Fitneß der Individuen in Bezug auf den Lebensraum korrelieren (siehe Abschnitt Systemische Evolutionstheorie). In unserem konkreten Fall bedeutet das: Das Fortpflanzungsinteresse (der Kinderwunsch) sollte nicht systematisch und statistisch signifikant mit dem sozialen Erfolg (Karriere, Einkommen u.s.w.) der Bürger zurückgehen. Im Abschnitt Gültigkeit der Darwinschen Evolutionsprinzipien konnte gezeigt werden, daß sich dann auch das Prinzip der natürlichen Auslese einstellen würde.“ (Ebd., S. 324).

„Tatsächlich sind die Verhältnisse in modernen menschlichen Gesellschaften aber genau umgekehrt (siehe die einleitenden Bemerkungen zu diesem Kapitel [**]), denn dort besteht im allgemeinen ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl und sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau (vgl. Johannes Kopp, Geburtenentwicklung und Fertilitätsverhalten, 2002, S. 89). Der Grund für dieses Dilemma ist das in modernen menschlichen Gesellschaften mit zunehmendem beruflichen Erfolg zurückgehende Reproduktionsinteresse, wie der Abschnitt Central Theoretical Problem of Human Sociobiology aufzeigen konnte. Empirische Untersuchungen bestätigen diesen Zusammenhang (siehe Abschnitt Reproduktionsinteresse).“ (Ebd., S. 324-325).

„In der öffentlichen Debatte zum demographischen Wandel und zur Familiensituation wird meist behauptet, die genannten Probleme resultierten aus der noch immer nicht gegebenen Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**). Allerdings verkennt eine solche Argumentation die enorme Wirkmacht der Opportunitätskosten.“ (Ebd., S. 325).

„Wenn sich in einem Restaurant die zeitlichen Aufwände für Kochen und Bedienen ungefähr die Waage halten, dann ist die Vereinbarkeit von Kochen und Bedienen (alle Mitarbeiter machen beide Arbeiten gleichermaßen) eine ineffiziente Lösung, eine Arbeitsteilung zwischen Kellnern und Köchen dagegen vergleichsweise effizient. Spätestens seit den Arbeiten von Adam Smith und David Ricardo (Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile) gehört dies zu den gesicherten Erkenntnissen der Wirtschaftswissenschaften. Ganz ähnlich sieht es beim Verhältnis von Familie und Beruf aus, und zwar insbesondere in Mehrkindfamilien, wo die Familienarbeit ein solches Ausmaß annimmt, daß sie zum Vollzeit-Job generiert.“ (Ebd., S. 325).

„Grundsätzlich handelt es sich bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) um einen Balanceakt zwischen zwei völlig unterschiedlichen, zeitaufwändigen Tätigkeiten. Man hat sich dann individuell zu entscheiden, wo die Trennlinie zwischen den beiden zentralen Lebensaufgaben gezogen werden soll: mehr auf der Seite des Berufs oder eher auf der Familienseite. Entscheidet sich beispielsweise ein Paar beiderseitig für eine berufliche Karriere, bleibt ihm zwangsläufig weniger Zeit für die Familie. Es hätte zwar dann die ökonomischen Mittel, eine größere Familie zu finanzieren, allerdings fehlte es ihm an Zeit. Mit der beruflichen Beanspruchung dürfte sein Fortpflanzungsinteresse somit zurückgehen. Daraus folgt aber unmittelbar: Als generelles Konzept zur Lösung der Familienproblematik steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Widerspruch zur Systemischen Evolutionstheorie. Eine menschliche Gesellschaft mit einem auf solchen Prinzipien basierenden Fortpflanzungsverhalten könnte sich nicht weiter an sich veränderode Rahmenbedingungen anpassen. Sie könnte also nicht weiter evolvieren.“ (Ebd., S. 325-326).

„Unsere komplexe Wirtschaftswelt hat eine ganze Reihe an Berufen hervorgebracht, bei denen man zum Teil ganze Tage oder sogar Wochen außer Haus verbringen muß. Ganz so neu ist die Situation eigentlich nicht, denn für die Seefahrt gilt das schon seit vielen tausend Jahren. Auch heute kann man nicht einerseits auf einem Fracht- oder Kreuzfahrtschiff anheuern und gleichzeitig noch einen angemessenen Beitrag zur Familienarbeit leisten. Familie und Beruf lassen sich in solchen Fällen nur arbeitsteilig vereinbaren. Eine gesellschaftsweite Vorgabe, die davon ausgeht, daß Frauen und Männer ähnliche Lebensentwürfe besitzen und folglich gleichermaßen einer Erwerbsarbeit nachgehen und sich eventuelle Familienarbeiten dann paritätisch teilen, würde Menschen mit solchen Berufen aber regelrecht zur Kinderlosigkeit verdammen, da die jeweiligen Ehepartner dann die gesamte Familienarbeit - ähnlich Alleinerziehenden - zu leisten hätten, wodurch sich für sie eine gleichzeitige Berufstätigkeit und damit Verdienstmöglichkeit praktisch ausschließt. Selbst kleinere Familien wären unter solchen Verhält nissen kaum noch zu finanzieren.“ (Ebd., S. 326).

„Im Abschnitt Systemflexibilität wurde aufgezeigt, daß die moderne Wirtschaftsweise immer höhere Flexibilitätsanforderungen an die Beschäftigten stellt, die aber mit deren Reproduktionsinteressen kollidieren, da beim Aufziehen von Nachwuchs nicht Flexibilität, sondern in erster Linie Verläßlichkeit verlangt wird. Auch aus diesem Grunde dürfte eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) in der Praxis auf erhebliche systemimmanente Schwierigkeiten stoßen.“ (Ebd., S. 326).

„Und schließlich steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) als generelles gesellschaftliches Konzept im Widerspruch zur Individualisierungsthese (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986; Peter Mersch, Hurra, wir werden Unterschicht!,  2007, S. 136ff. [**]; Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum!,  2007, S. 74ff. [**]), die eine sich verstärkende Arbeitsteilung, keineswegs aber das Zusammenführen völlig unterschiedlicher und vorher bereits arbeitsteilig verrichteter Tätigkeiten prognostiziert (siehe dazu auch die Ausführungen im Kapitel Zivilisation).“ (Ebd., S. 326).

„Fazit: Das Konzept der grundsätzlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf (**) steht in Verbindung mit der generellen Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter und dem Konzept der Familie als ökonomisch autarke Einheit (Wirtschaftsfunktion der Familie) sowohl im Widerspruch zur soziologischen Individualisierungsthese als auch zur Systemischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 326)

6) Zivilisation ** (S. 327-378)

6.1)   Soziologische Theorien (S. 327-352)
6.2)   Evolutionismus und Neoevolutionismus (S. 352-353)
6.3)   Zivilisierungsthese (S. 353-354)
6.4)   Tragik der Allmende (S. 354-356)
6.5)   Individualisierung (S. 356-358)
6.6)   Moderne (S. 358-370)
6.7)   Globalisierung (S. 371-376)
6.8)   Grundeinkommen (S. 376-378)

Peter Mersch definiert den Begriff „Zivilisation“ zum Teil anders als ich (HB)! **

6.2) Evolutionismus und Neoevolutionismus

„Während ältere Theorien (Evolutionismus) häufig noch davon ausgingen, daß sich menschliche Gesellschaften auf unterschiedlichen Stufen der sozialen Entwicklung befinden, die bei »primitiven« Urgesellschaften beginnt und sich dann immer mehr in Richtung »Zivilisation« bewegt, um dann etwa bei den westlichen Gesellschaften und ihrer Kultur zu kulminieren (die soziokulturtellen Evolutionstheorien von Auguste Comte, Herbert Spencer, Lewis Henry Morgan und gewissermaßen auch die von Karl Marx fallen in diese Kategorie), lehnen die meisten jüngeren Theorien (Neoevolutionismus) - ähnlich der Systemischen Evolutionstheorie - die Vorstellung einer zielgerichteten gesellschaftlichen Änderung oder gar eines sozialen Fortschritts ab.“ (Ebd., S. 352).

6.3) Zivilisierungsthese

„Beim Prozeß der Zivilisation handelt es sich um die sukzessive gesellschaftsweite Umstellung von dominanten Kommunikationsweisen (Zwangsselektionen) auf die Gefallen-wollen-Kommunikation (das heißt aber: der Beginn der Sexualität bzw. Gefallen-wollen-Kommunikation ist auch der Beginn der Zivilisation [??] ! HB), bei der die Selektionsinteressen der Kommunikationspartner wahr- und ernstgenommen werden.“ (Ebd., S. 354).

„Indirekt wird damit auch definiert, was im vorliegenden Kapitel unter Zivilisation verstanden werden soll: Eine Gesellschaft, in der die Selektionsinteressen aller Mitglieder üblicherweise respektiert werden - und zwar sowohl von Bürgern, sonstigen Akteuren und gesellschaftlichen Organen -, wäre in diesem Sinne zivilisierter als ein anderes Sozialsystem, in dem es für die menschen zu häufigen dominanten Übergriffen und belästigungen kommt. Dies würde ganz unbahängig davon gelten, ob man in der Gesellschaft nur von Jagd und Fischfang lebt, oder auch Atomkraftwerke, Internet und Autobahnen besitzt.“ (Ebd., S. 354).

6.4) Die Tragik der Allmende

„Unter der Tragik der Allmende versteht man in der Volkswirtschaftslehre die Beobachtung, daß Menschen unter bestimmten Bedingungen bei einer gemeinschaftlichen Tätigkeit, bei der der individuelle Ertrag den Personen nicht zurechenbar ist, weniger leisten. Dieses Problem tritt häufig bei Gemeinschaftseigentum, so genannten Allmenden, auf. Dies sei an einem Beispiel erläutert:
Angenommen, eine Gruppe von 80 Personen bewirtschaftet gemeinsam ein Feld. Alle Gruppenmitglieder haben bei voller Arbeitsleistung einen Aufwand von 50 Einheiten, ziehen jedoch dann einen Ertrag von 100 Einheiten aus der Ernte, die sie ja in gleichen Teilen erwirtschaften. Die Tragik der Allmende besteht nun darin, daß bei genügend großer Gruppengröße die Faulheit eines einzelnen Mitglieds die Ernte pro Gruppenmitglied nur unwesentlich verringert, der Aufwand für das faule Gruppenmitglied aber stark abnimmt, wodurch sein Nutzen insgesamt steigt.
Wenn alle 80 Gruppenmitglieder voll arbeiten, dann erwirtschaften sie gemeinsam einen Ertrag von 80 • 100 = 8000 Einheiten. Jedem Gruppenmitglied steht am Ende ein Ertragsanteil von 100 Einheiten zu. Zieht er davon seinen Aufwand von 50 Einheiten ab, dann hat er einen eigenen Nutzen von 50 Einheiten erwirtschaftet.
Angenommen, ein Mitglied arbeitet nur halb so viel wie die anderen Gruppenangehörigen. Dann hat es nur noch einen Aufwand von 25 Einheiten. Für die Gesamtgruppe ergibt sich nun ein Ertrag von 79 • 100 + 100 • 1/2 = 7950 Einheiten. Jedem Gruppenmitglied steht unter diesen Umständen ein individueller Ertrag von 99,375 Einheiten zu. Für die voll arbeitenden Mitglieder ergibt dies einen Nutzen von 99,375 - 50 = 49,375 Einheiten.
Günstiger sieht der Ertrag für das etwas faulere Gruppenmitglied aus, denn dieses erwirtschaftet einen Nutzen von 99,375 - 25 = 74,375 Einheiten.
Obwohl ein Gruppenmitglied also nur die Hälfte geleistet hat, erzielt es mit 74,375 Einheiten einen deutlich größeren Nutzen als vorher (50 Einheiten) beziehungsweise als die anderen Gruppenmitglieder aktuell erzielen (49,375 Einheiten).
Es lohnt sich also in einer Allmende, faul zu sein, sofern eine gewisse Anzahl an Mitgliedern es nicht ist. Es ist nun aber zu erwarten, daß sich immer mehr Gruppenmitglieder faul verhalten werden und der Gruppenertrag noch weiter sinken wird. Die Tragik der Allmende schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen.“ (Ebd., S. 355-356).

„»Es geht - moralisch gesprochen - gar nicht um die Maximierung des eigenen Vorteils, sondern darum, nicht selbst in eine schlechte Position zu geraten (**).« (Frank Schirrmacher, Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft, 2006, S. 67).“ (Ebd., S. 356).


„Es geht also primär um den eigenen Selbsterhalt und nicht um die Übervorteilung anderer. “ (Ebd.).


„Die Tragik der Allmende schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen.“ (Ebd., S. 356).

6.5) Individualisierung

„Die in der Soziologie sehr weit akzeptierte Individualisierungsthese besagt nun, daß sich der Einzelne in modernen Gesellschaften immer stärker aus übergeordneten Vorgaben bezüglich Geschlecht, Alter beziehungsweise sozialer oder regionaler Herkunft löst, so daß es zu einer drastischen Zunahme der individuellen Entscheidungsspielräume und einer Reduzierung des Grads der Außensteuerung kommt. Das Individuum wird zentraler Bezugspunkt für sich selbst und die Gesellschaft. (Vgl. Matthias Junge, Individualisierung, 2002, S. 7).“ (Ebd., S. 356).

„Individualisierung bewirkt nicht nur eine stärkere Abhängigkeit des Einzelnen von Leistungen Dritter und dabei zum Teil auch von (wohlfahrts)staatlichen Funktionen (Bildungseinrichtungen, innere Sicherheit, Rechtsprechung, Altersversorgung u.s.w.; vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986, S. 109f.), sondern setzt diese geradezu voraus. Dies hat aber umgekehrt zur Konsequenz, daß der Wohlfahrtsstaat immer mehr Funktionen übernehmen und garantieren muß, die gemeinhin dem Kollektivverhalten zuzurechnen sind. (Vgl. Stefan Lange / Dietmar Braun, Politische Steuerung zwischen System und Akteur, 2000, S. 20).“  (Ebd., S. 357).

„Wird dem Individuum also zugestanden, sich zeitlich möglichst vollständig auf eine am Arbeitsmarkt angeforderte Leistung zu konzentrieren und seinen individuellen Lebenslauf frei zu wählen, dann müssen bei sich einstellenden Defiziten alle anderen Leistungen, die üblicherweise Teil seiner zu erbringenden Kollektivleistung sind (zum Beispiel Herstellen von Sicherheit, Weitergabe von Wissen, Aufziehen von Nachwuchs, Versorgung Älterer, Unterstützung von Notleidenden) von Dritten und damit unter Umständen vom Wohlfahrtsstaat übernommen werden. Dieser wird sich dabei häufig selbst des Arbeitsmarktes bedienen, beispielsweise um dort geeignete Lehrer für das Unterrichten von Kindern zu rekrutieren.“ (Ebd., S. 357).

„Zusammenfassend könnte man sagen:
In traditionellen Gesellschaften hatten die Menschen neben ihren individuellen Aufgaben auch kollektive Pflichten zu erfüllen. Zur Sicherstellung der Erfüllung der Gemeinschaftsaufgaben dienten gesellschaftliche Rollenvorgaben.
Im Rahmen der Individualisierung verselbständigt sich der Einzelne nun immer mehr gegenüber der Gemeinschaft. Dabei löst er sich von den traditionalen Rollenvorgaben. Als Handelnder sucht er seinen individuellen Erfolg zum Beispiel bei einer Erwerbsarbeit, wo er um so mehr Einkommen erzielen kann, je geringer seine Aufwände (inklusive Opportunitätskosten) bei den Gemeinschaftsaufgaben sind, denn er hat ja dann mehr Zeit für die Erwerbsarbeit. Für ihn lohnt es sich also ganz besonders, bei den »sozialistischen« Gemeinschaftsaufgaben »faul« zu sein, weswegen es dort zwangsläufig zur Tragik der Allmende kommen wird.
Die verbindliche Ausführung von notwendigen Gemeinschaftsaufgaben muß nun also auf andere Weise gewährleistet werden. Dazu dient die Institutionalisierung. Statt die Kollektivaufgaben weiterhin dem Einzelnen anteilsmäßig aufzubürden, werden sie an Dritte ausgelagert, und zwar ganz häufig an den Wohlfahrtsstaat. Dieser erwartet dann aber von seinen Bürgern einen Obolus, üblicherweise in Form von Steuern oder eines so genannten Parafiskus. Diese Steuern müssen wiederum verpflichtend erhoben werden, andernfalls dürfte es bei der Steuerzahlung selbst zur Tragik der Allmende kommen. Steuern stellen somit ein Äquivalent für die Summe aller Kollektivaufgaben des Individuums dar. Wenigstens dieser Punkt muß verpflichtend bleiben (**).
Der Wohlfahrtsstaat wird dann neue Institutionen schaffen, die die freigesetzten Gemeinschaftsaufgaben in seinem Sinne und Auftrag erfüllen.
Finanziert werden die Institutionen durch die Steuerzahlungen der Bürger. Die Mitarbeiter der neu erschaffenen Organe rekrutiert der Staat wie jedes andere Unternehmen über den Arbeitsmarkt, so daß auch diese von den Vorteilen der Individualisierung profitieren können.“ (Ebd., S. 358).


„Neuerdings versucht man mit dem bedingungslosen Grundeinkommen (**|**|**|**|**|**) auch diesen letzten Rest an verbindlichen Kollektivaufgaben in Frage zu stellen (vgl. Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007), was aber aus den bereits genannten Gründen nicht möglich sein dürfte (vgl. Peter Mersch, Irrweg Bürgergeld, 2007). Siehe dazu auch die Ausführungne im Abschnitt Grundeinkommen.“ (Ebd.).

6.6) Moderne **

6.6.1)   Affektkontrolle (S. 363-366)
6.6.2)   Schutz (S. 366-367)
6.6.3)   Demokratisierung (S. 367-369)
6.6.4)   Säkularisierung (S. 369-370)
6.6.5)   Zusammenfassung (S. 370)

Peter Mersch definiert den Begriff „Moderne“ zum Teil anders als ich (HB)! **

„Der Begriff der Moderne bezeichnet einen Umbruch in allen Bereichen des individuellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens gegenüber traditionellen Lebensformen, und zwar kulturell schon beginnend mit der Aufklärung ab dem 17. Jahrhundert, ökonomisch mit der Industrialisierung ab Mitte des 18. Jahrhunderts und politisch mit der französischen Revolution.“ (Ebd., S. 358).

„Voraussetzung für die Entstehung der Moderne waren unter anderem einige entscheidende Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Leben und Energie). Zu nennen sind insbesondere:
Entdeckung und Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe.
Hierdurch verfugten die Menschen über Energie in einer bislang unbekannten Größenordnung. Viele Arbeiten konnten nun von Maschinen erledigt werden.
Erfindung des Buchdrucks.
Der Buchdruck war die Voraussetzung für die schnelle Verbreitung und Akkumulation des menschlichen Wissens und damit für viele spätere wissenschaftliche Entdeckungen.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse.
In zahlreichen Naturwissenschaften gelangen bahnbrechende neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Die wissenschaftliche Vorgehensweise setzte sich mehr und mehr als allgemeingültige Methode des Erkenntnisgewinns durch.
Geldverkehr, Märkte, Finanzwirtschaft.
Das Geld wurde allgemein anerkanntes Tauschäquivalent. Im gleichen Zuge entstanden Börsen (Finanzmärkte), Banken und Märkte aller Art.
Ein ganz entscheidendes Merkmal der Moderne dürfte aber das massenhafte Entstehen größerer Organisationen (Unternehmen) sein, bei denen es sich quasi um neuartige biologische Phänomene mit eigenen Identitäten und eigenständigen Selbsterhaltungsinteressen handelt. Anfanglich befanden sich diese noch überwiegend im Besitz von einigen wenigen Personen (»der Kapitalist«). Auch begrenzten sie ihr Tätigkeitsfeld aufgrund vorhandener Kommunikationslimitationen meist auf eingeschränkte lokale Regionen.“ (Ebd., S. 359).

„Organisationssysteme besitzen in aller Regel einen im Vergleich zu Menschen ungeheuren Energie- und Ressourcenbedarf (Kapitalbedarf). Beiden Anforderungen wurde die beginnende Moderne mit der Nutzbarmachung fossiler Brennstoffe und dem Aufkommen leistungsfahiger Banken und Finanzmärkte gerecht. Erst damit waren die Voraussetzungen geschaffen, um biologische Phänomene dieser Größenordnung entstehen zu lassen.“ (Ebd., S. 359-360).

„Mit zunehmender Größe können Unternehmen kostengünstiger produzieren (aufgrund der Nutzung von Skaleneffekten) und sich somit gegenüber Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Mit dem Wachstum differenzieren sie sich dann intern immer weiter aus, und zwar zur Komplexitätsreduzierung.“ (Ebd., S. 360).

„Ein ganz ähnlicher Effekt ist mit Beginn der Neuzeit auch gesellschaftsweit zu verzeichnen. Aufgrund des in diesem Zeitraum einsetzenden starken Bevölkerungswachstums und der dadurch bedingten höheren Bevölkerungsdichte kam es gemäß Émile Durkheim zunächst zu einer Verstärkung der Arbeitsteilung und dann auch zu einer zunehmenden funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft, und zwar auch hier zur Komplexitätsreduzierung.“ (Ebd., S. 360).

„Eine hohe Bevölkerungsdichte hat aber noch ganz andere Konsequenzen. Beispielsweise ist es dann viel schwieriger, individuell für den eigenen Schutz oder den der Familie zu sorgen, und zwar insbesondere dann, wenn Menschen im allgemeinen noch bewaffnet sind und sich auf unmittelbare körperliche Auseinandersetzungen eingestellt haben. Unter solchen Verhältnissen bietet es sich geradezu an, sich in Konfliktsituationen etwas zurückzunehmen, die Interessen anderer wahrzunehmen und zu wahren und vor allen Dingen auch jederzeit »cool« zu bleiben. Mit anderen Worten: Eine deutliche Erhöhung der Bevölkerungsdichte hat nicht nur veränderte Anforderungen bei den Schutzmaßnahmen zur Folge, sondern auf der anderen Seite auch eine verstärkte Affektkontrolle auf Seiten der Individuen. Auf diese beiden wichtigen Aspekte soll in den folgenden Abschnitten (**|**) noch einmal gesondert eingegangen werden.“ (Ebd., S. 360).

„Hohe Bevölkerungsdichten dürften auch in der Natur mit einem Rückgang ausgeprägter Dominanzhierarchien einhergehen, denn ansonsten würden durch die dann alsbald zu erwartenden permanenten Auseinandersetzungen um Rangpositionen viel zu viele Reibungsverluste entstehen. Beispielsweise wäre ein einzelnes Männchen unter solchen Gegebenheiten wohl kaum noch in der Lage, seinen Harem aus mehreren Weibchen gegen eine Übermacht aus partnerlosen Männchen zu verteidigen. In solchen Konstellationen scheint also die sexuelle Selektion mit der Auswahl geeigneter Männchen durch die Weibchen die bessere und friedlichere Strategie zu sein. Mit anderen Worten: Allein schon die Zunahme der Bevölkerungsdichte dürfte einen Trend zur Gefallen-wollen-Kommunikation zur Folge haben.“ (Ebd., S. 360).

„Eine verstärkte Arbeitsteilung und gesellschaftliche Ausdifferenzierung geht Hand in Hand mit einer zunehmenden beruflichen Spezialisierung. Im Rahmen der sich ausdifferenzierenden Arbeitswelt entstehen dann immer mehr Jobs mit ganz spezifischen Anforderungen, auch was die dafür erforderlichen Kompetenzen angeht. Die Menschen sind nun allgemein dazu gezwungen, sich mit ihren jeweiligen Kompetenzen auf den Arbeitsmärkten anzubieten, das heißt, mit ihren Fähigkeiten »gefallen« zu wollen. Auch hier wäre also ein genereller Trend zur Gefallen-wollen-Kommunikation festzustellen.“ (Ebd., S. 361).

„Umgekehrt erfolgt die gesellschaftliche Ausdifferenzierung aber nicht nur zur Komplexitätsreduzierung, sondern sie dürfte zum Teil eine direkte Konsequenz der zunehmenden Bedeutung der Gefallen-wollen-Kommunikation sein. Gefallen-wollen bedeutet nämlich auch, sich immer wieder - und ganz besonders nach Mißerfolgen - auf die Suche nach neuen Möglichkeiten, Nischen oder Geschäftsoptionen zu machen. Die hierdurch entstehende weitere Ausdifferenzierung schafft dann gegebenenfalls ganz neue Bedürfnisse und Erwartungen. Jeder Einzelne ist nun gefordert, seinen eigenen Weg zu finden und einzuschlagen, spezifische Fähigkeiten zu entwickeln und Qualifikationen zu erwerben und dann auch damit zu werben. Anders gesagt: Es kommt zu einem Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz und damit auch zu einer zunehmenden Individualisierung, bei der die Menschen aus ihren traditionalen Bindungen gerissen und verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Arbeitsmarktsrisiko verwiesen werden (vgl. Rüdiegr Peuckert, Familienformen im sozialen Wandel, 2000, S. 363f.). Die durch gesellschaftliche Rollenvorgaben vermittelten Fremdzwänge werden im Rahmen dieser Entwicklung dann mehr und mehr durch Selbstzwänge ersetzt.“ (Ebd., S. 361).

„Gefallen-wollen-Kommunikation und gesellschaftliche Ausdifferenzierung bewirken sich folglich gegenseitig.“ (Ebd., S. 361).

„Es wurde bereits erwähnt, daß ein wesentliches Merkmal der Moderne das massenhafte Entstehen größerer Organisationssysteme ist. Karl Marx bezeichnete die Wirtschaftsform dieser Epoche sogar als Kapitalismus.“ (Ebd., S. 361).

„Nun bilden aber Organisationen ihre eigenen Organisationsstrukturen und Dominanzhierarchien aus, wobei sie die jeweiligen Rechte und Pflichten der einzelnen Ebenen untereinander meist präzise festlegen und beschreiben.“ (Ebd., S. 361).

„In modernen Marktwirtschaften halten sich die Staaten aus dem eigentlichen Marktgeschehen weitestgehend heraus. Der Grundgedanke dabei ist, den Wettbewerb unter den verschiedenen Marktteilnehmern anzuregen und so für mehr Leistung und Innovation im Vergleich zu staatlichen Monopolbetrieben zu sorgen. Die Unternehmen sind nun aber wiederum aus Wettbewerbsgründen vor allem an hohen menschlichen Kompetenzen interessiert. Solange Energie in ausreichender Menge und dabei auch noch preiswert zur Verfügung steht, werden Unternehmen es immer vorziehen, Maschinen statt Menschen für die Verichtung monotoner und körperlich schwerer Tätigkeiten einzusetzen. Die an qualifiziertem Humankapital interessierten Organisationen dürften deshalb eher Gesellschaftsstrukturen präferieren, in denen sich ihnen alle Bürger frei und gleich mit ihren Qualifikationen anbieten können, die Gesellschaft selbst also möglichst wenige Dominanzhierarchien und Klassen-, Rassen- beziehungsweise Geschlechterunterschiede aufweist (**).“ (Ebd., S. 361-362).


„Allerdings müssen sich die Gesellschaften vor einem solch universellen Zugriffsanspruch der Organisationen auf ihr Humankapital auch ausreichend schützen, weil sie dieses sonst nicht mehr angemessen reproduzieren können. Eine entsprechende Fehlentwicklung ist in den Industrienationen längst festzustellen.“ (Ebd.).

„In Gesellschaften, in denen fast alle wesentlichen produktiven Aufgaben von Organisationssystemen erledigt werden, haben gesellschaftliche Dominanzhierarchien (einschließlich denen zwischen den Geschlechtem) keinen wirklichen Sinn mehr. Es reicht, wenn die Organisationen selbst über solche verfügen. Das verstärkte Aufkommen größerer Organisationen mit Beginn der Neuzeit dürfte deshalb ebenfalls einen beschleunigenden Effekt auf die allgemeine gesellschaftliche Durchsetzung der Gefallen-wollen-Kommunikation gehabt haben.“ (Ebd., S. 362).

„Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung und der damit einhergehende Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz hat eine immer stärkere Konzentration des Einzelnen auf eng umrissene Aufgaben (Spezialisierung) zur Folge, die sich dann aber ganz häufig nicht mehr mit anderen Tätigkeiten vereinbaren lassen (**). Ferner besitzt die Spezialisierung gemäß Ricardos Theorem in der Regel zusätzliche komparative Kostenvorteile, aber eben auch nur dann, wenn es zu einer echten Spezialisierung kommt, und die Aufgaben nicht doch wieder mit irgendwelchen anderen Tätigkeiten zu vereinbaren sind. All dies bewirkt letztlich, daß sich das Individuum immer stärker von gesellschaftlichen Rollenvorgaben inklusive den durch sie vermittelten Gemeinschaftsaufgaben löst. Es kommt dann zum Prozeß der Individualisierung und - sofern keine Gegenmaßnahmen erfolgen - bald darauf bei den davon betroffenen Gemeinschaftsaufgaben zur Tragik der Allmende. Dies wurde bereits in den Abschnitten Tragik der Allmende und Individualisierung näher erläutert.“ (Ebd., S. 362-363).


„Eine Vereinbarkeitsproblematik bezüglich Beruf und Gemeinschaftsaufgaben hat folglich während der gesamten Geschichte der Individualisierung bestanden. Interessanterweise wird im Rahmen der Individualisierung auf Seiten der Frauen (Emanzipation der Frauen) und der damit verbundenen Loslösung der Frauen von der ihnen per gesellschaftlicher Rollenvorgabe aufgebürdeten Gemeinschaftsaufgabe Nachwuchsarbeit nun so getan, als handele es sich hierbei um ein neues Phänomen, welches völlig neue Lösungsansätze erforderlich mache. (**).“ (Ebd.).

6.6.1) Affektkontrolle

„Eine starke Zunahme der Bevölkerungsdichte erzwingt zunächst einmal die weitestgehende Beherrschung von Affekten, denn jedes auffällige Verhalten (zum Beispiel lautes Schreien) könnte von einem Anwesenden als eine Warnung oder gar Attacke verstanden werden und dann eventuell sogar zu einem unnötigen Blutvergießen führen. Um die hierdurch entstehenden Gefahren zu minimieren und auch sonstige Gewaltverbrechen zu erschweren, wurde dem Staat dann schließlich das Gewaltmonopol übertragen. Auf diesen entscheidenden Schritt im Prozeß der Zivilisation soll ... näher eingegangen werden.“ (Ebd., S. 363).

„Wie wir bereits gesehen haben, gehen der Bevölkerungszuwachs und der damit in Zusammenhang stehende Trend zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, Individualisierung, Arbeitsteilung und Spezialisierung mit einer sukzessiven Umstellung von dominanten Kommunikationsweisen auf die Gefallen-wollen-Kommunikation einher. Denn nun kommt es ja vor allem darauf an, sich zu qualifizieren, sich mit seinen Kompetenzen anzubieten und andere von sich zu überzeugen, das heißt, zu gefallen.“ (Ebd., S. 363).

„Dies gilt im Grunde für alle gesellschaftlichen Interaktionen, denn schließlich könnte es sich ja bei jeder Begegnung um einen möglichen späteren Sexualpartner, Kunden oder Arbeitgeber handeln. Und wenn nicht, dann könnte man noch immer von einer solchen Person in der Kommunikation mit anderen beobachtet werden. Allein schon deshalb sollte man stets darum bemüht sein, einen guten Eindruck zu hinterlassen.“ (Ebd., S. 363).

„Dies hat weitreichende Konsequenzen. Denn wie wir im Abschnitt Gefallen-wollen-Kommunikation gesehen haben, handelt es sich selbst bei der ungefragten Bekundung von Selektionsinteressen um eine Form der dominanten Kommunikation. Es wäre deshalb beispielsweise völlig undenkbar, wenn man einem Mann in einer Alltagssituation seine sexuelle Erregung ansehen könnte. Und umgekehrt hat es eine Frau dann natürlich auch tunlichst zu vermeiden, einen Mann in dieser Hinsicht zu provozieren. Die Körper sind folglich zu bedecken.“ (Ebd., S. 363-364).

„Generell gilt nun, daß Triebregungen und Gefühle zu kontrollieren und eventuell auch sehr weit zurückzustellen sind. Aber dies war ja ohnehin eine der Grundvoraussetzungen bei der Ernführung der sexuellen Selektion in der Natur: Ein an einem Weibchen interessiertes Männchen hatte sich zu beherrschen, mußte versuchen es zu überzeugen, und wenn dies nicht heute gelang, dann vielleicht ein anderes Mal. Es mußte lernen, sich so lange zu kontrollieren, bis es von der weiblichen Seite erhört wurde, ganz anders etwa als bei einem Haremsbesitzer, der auf die Interessen der Gegenseite nur wenig Rücksicht nehmen muß. Mit der sexuellen Selektion kam die Kultur in die Welt.“ (Ebd., S. 364).

„Von da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, bis auch die Beherrschung , aller anderen Gefühle und Triebregungen gelingt. An vorderster Stelle steht hier sicherlich die Nahrungsaufnahme, die so lange zurückzustellen ist, bis die Tischzeit gekommen, oder man auch nur einfach an der Reihe ist. Und selbst dann sollte man sich vorzugsweise maßvoll verhalten und Speisen und Getränke nur jeweils in kleinen Portionen zu sich nehmen, schluckweise und durch Messer und Gabel entsprechend portioniert.“ (Ebd., S. 364).

„Auch sonst ist alles zurückzunehmen, was andere irritieren oder gar belästigen könnte, wie unvermittelte Laute, unangenehme Gerüche, Rülpsen u.s.w.. Die Speisen sind mit Messer und Gabel zu verzehren, um nicht die eigenen Finger zu beschmutzen, was sich in darauffolgenden Kornmunikationen als nachteilig erweisen könnte. (Allerdings könnten dabei auch hygienische Gründe eine Rolle spielen.) Die Kleidung hat attraktiv zu sein, man sollte gewaschen sein, einen angenehmen Körpergeruch haben, sich elegant bewegen und auch sonst ständig darum bemüht sein, einen positiven Eindruck zu hinterlassen und - im wahrsten Sinne des Wortes - bei niemandem ins Fettnäpfchen zu treten. Damit dies nicht zu häufig geschieht, ist man gut beraten, sich pennanent selbst zu kontrollieren: Selbststeuerung statt Fremdsteuerung also. (Ebd., S. 364).

„Generell sollten nun die Umgangsformen höflich sein, denn damit erweist man anderen seine Wertschätzung, die Grundregel Nummer eins bei der Gefallen-wollen-Kommunikation. So werden den Frauen die Türen aufgehalten oder ihnen in den Mantel geholfen, und zwar als generelles Zeichen der Wertschätzung, aber auch der Werbung um sie. (Ebd., S. 364).

„Wer all dies bis zur Perfektion beherrscht, demonstriert damit seine Kultiviertheit, aber auch, daß er bereits ganz in der Moderne angekommen ist. Denn in einer komplexen, arbeitsteiligen Welt müssen Arbeitsabläufe präzise kalkulierbar sein, und dies setzt die Verläßlichkeit der daran beteiligten Personen voraus, die folglich in der Lage sein müssen, ihre elementaren Gefühle und Triebregungen entsprechend den Anforderungen der Produktion zurückzustellen. Wer auf diese Weise verläßlich ist, der gefällt. “ (Ebd., S. 365).

„Eine weitere Facette der Moderne ist die Individualisierung, die mit einer Verbesserung der Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen und der zunehmenden Wahrnehmung von dessen Rechten - einschließlich des Rechts, nicht gestört zu werden - einhergeht. Im Grunde ist nun jedes Individuum (Ego) so zu behandeln, als wäre es ein König. Allein schon die deutlich zugenommene Bevölkerungsdichte macht so etwas zu einer Notwendigkeit. Der Grundgedanke dabei ist:
Ego hat das Recht, nicht gestört zu werden.
Wenn Ego Selektionsinteressen entgegennehmen möchte, betritt es den dazu passenden Kontext (ähnlich wie bei einer königlichen Audienz).
Aus Sicht des Systems Ego gehört Alter zu dessen Umwelt. Ein Selektionsinteresse seitens Alter könnte Ego stören (perturbieren). Also tritt Alter zunächst zurück und wartet so lange, bis Ego einen Kontext betritt, bei dem das Äußern von Selektionsinteressen zulässig ist.“ (Ebd., S. 365).

„Allerdings sind bei sehr dringenden und wichtigen Anliegen auch Ausnahmen erlaubt, die jedoch angemessen höflich vorzutragen sind: Entschuldigen Sie, kennen Sie sich hier aus? Die versteckte Botschaft dahinter lautet: Ich habe ein wichtiges Anliegen, nämlich Sie nach dem Weg zu fragen. Sind Sie dazu bereit? Würden Sie mich als Ihren Kommunikationspartner akzeptieren? Würden Sie mich selektieren?“ (Ebd., S. 365).

„Im Rahmen des Prozesses der Zivilisation hat die Gefallen-wollen-Kommunikation fast die gesamte gesellschaftliche Interaktion durchdrungen.“ (Ebd., S. 365).

„Im Abschnitt Systemische Evolutionstheorie wurde deutlich gemacht, daß die biologische und die kulturelle Evolution nicht gänzlich unabhängig voneinander betrachtet werden können, sondern daß zwischen beiden eine enge Wechselwirkung besteht.“ (Ebd., S. 365).

„In unserer Gesellschaft wird davon abweichend jedoch meist die Auffassung vertreten, die mit dem Prozeß der Zivilisation einhergehenden langfristigen psychogenen Veränderungen von Menschen hätten keinerlei biologische Grundlagen, sondern wären das ausschließliche Produkt des gesellschaftlichen Wandels und einer sich daran anpassenden Sozialisation. Dies dürfte wenig wahrscheinlich sein. Stattdessen ist davon auszugehen, daß der Veränderungsprozeß der Zivilisation alle Evolutionsebenen betrifft.“ (Ebd., S. 366).

6.6.2) Schutz

„Das Gefühl der Sicherheit gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation. Dieses stellt sich in vielen entwickelten Ländern selbst dann ein, wenn man abends noch ganz alleine einen Spaziergang macht: Kein Wolf greift an, und auch niemand sonst trachtet einem nach dem Leben, mißachtet das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder verlangt die Herausgabe der Brieftasche. Sicherheit bedeutet letztlich nichts anderes als: Gefährliche und belästigende dominante Kommunikationsweisen (insbesondere der Natur) sind sehr weit zurückgedrängt (**).“ (Ebd., S. 366).


„Im Sinne der Zivilisation ist es ein Unterschied, ob jemand bei einem Autounfall ums Leben kommt (Unfall), oder von einem streunenden Bär gerissen wird.“ (Ebd.).

„Damit all dies möglich wurde, mußte dem Staat das Gewaltmonopol übertragen werden. In der Tat ist sogar die Herausbildung der Territorialstaaten ganz wesentlich auf diesen Akt zurückzuführen. Interessanterweise gehören Schutzleistungen zu den ganz wenigen, wenn nicht sogar einzig verbliebenen Kollektivaufgaben, zu deren Zielerfüllung in den entwickelten Ländern selbst heute noch vereinzelt dominante Kommunikationsweisen angewendet werden. Beispielsweise besteht in der Bundesrepublik Deutschland für junge Männer nach wie vor die allgemeine Wehrpflicht. Ferner könnte der Staat in Verteidigungssituationen, aber auch bei schweren Katastrophen, mobil machen und Menschen zu bestimmten Aufgaben bindend verpflichten.“ (Ebd., S. 366).

„Die Übertragung des Gewaltmonopols an den Staat ging mit einer Erhöhung der Affektkontrolle bei den Individuen einher: Auseinandersetzungen werden seitdem nicht mehr spontan unter Streitenden geregelt, sondern neutralen staatlichen Instanzen überlassen. Dies hat maßgeblich zu einer Verbesserung des persönlichen Sicherheitsstatus geführt. Da nun die Menschen in der Regel keine Waffen mehr tragen und im großen und ganzen auch gar nicht mehr verteidigungsbereit beziehungsweise -willig sind, reduzierte sich gleichzeitig die Gefahr spontaner Überfälle. Was in den frühen Gesellschaften noch die Aufgabe jedes gesunden Mannes war, erledigen in modernen Gesellschaften Polizei und andere staatliche Organe.“ (Ebd., S. 366-367).

„Die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols stellte eine entscheidende Voraussetzung für den Übergang in die Industrialisierung und den Beginn der Moderne dar, denn sie machte das Leben kalkulierbar. Wer ständig kämpfen und sich, seine Angehörigen und sein Eigentum verteidigen muß, der kann nicht langfristig planen. Das staatliche Gewaltmonopol wird allgemein als so substanziell für den Prozeß der Zivilisation angesehen, daß es selbst dann nicht mehr in Frage gestellt wurde, als es zu einem späteren Zeitpunkt von despotischen Machthabern für ihre Interessen ausgenutzt wurde.“ (Ebd., S. 367).

6.6.3) Demokratisierung

„Individualisierung, Arbeitsteilung, gesellschaftliche Ausdifferenzierung und Gefallen-wollen-Kommunikation machen die prinzipielle Gleichstellung aller Menschen bei gleichzeitiger Respektierung ihrer sonstigen Verschiedenheiten erforderlich (**). Hierdurch kommt es zum Verschwinden von sozialen Dominanzhierarchien, Rassen- und Geschlechterdiskriminierungen und von Klassenunterschieden als dem entscheidenden Kriterium für die gesellschaftliche Rangordnung von Individuen, denn die soziale Interaktion basiert ja nun auf der Arbeitsteilung, das heißt, ... auf der Differenz und nicht mehr der Ähnlichkeit von Individuen.“ (Ebd., S. 367).


„Gemäß Theodor W. Adorno ist der Äquivalententausch der Bann, der nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Welt, das Denken, die Liebe, das Leben und die Theorien verhext - der also dafur verantwortlich ist, daß es »kein richtiges Leben im falschen gibt« (Jochen Hörisch, Es gibt [k]ein richtiges Leben im falschen, 2003, S. 46f.). Tatsächlich dürfte er aber wohl auch die unabdingbare Voraussetzung für die Entstehung moderner Demokratien, die eine Gleichstellung von eigentlich Differentem verlangen, gewesen sein.“ (Ebd.).

„Zivilisierung und Individualisierung bewirken also einerseits einen Wandel von der Ähnlichkeit zur Differenz, allerdings damit gleichzeitig auch eine zunehmende Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz, weil sich ja sonst Differenz als gesellschaftliches Prinzip kaum rechtfertigen ließe. Damit verschwinden dann sukzessive auch alle durch die Geburt oder die Zugehörigkeit zu einer Klasse, Rasse oder einem Geschlecht legitimierte Rechteunterschiede. Die Gleichheit aller Gesellschaftsmitglieder vor dem Gesetz dürfte dann irgendwann das zwangsläufige Resultat dieser Entwicklung sein.“ (Ebd., S. 367).

„Es liegt im unmittelbaren Interesse der Unternehmen, menschliche Leistungen tauschbar und gemäß den tatsächlich erbrachten Leistungen bewertbar zu machen. Sonstige menschliche Merkmale wie Klassenzugehörigkeiten beziehungsweise Rassen- oder Geschlechterunterschiede dürften solchen Äquivalenzbestrebungen eher im Wege stehen. Dominanzhierarchien sind daher eher eine Sache der Unternehmen selbst; und zwar auf Basis von Verantwortungen, Kompetenzen und Leistungen.“ (Ebd., S. 368).

„Weil Differenz, Arbeitsteilung, Spezialisierung und Individualität nun die gesellschaftlichen Prinzipien sind, muß Ähnlichkeit wieder künstlich hergestellt werden. Dies geschieht über Interessengruppen oder andere Organisationen (Gewerkschaften, Parteien u.s.w.), die Menschen mit vergleichbaren Interessen zu größeren Verbänden bündeln, und die deren und vielleicht auch ihre eigenen Anliegen mittels der Gefallen-wollen-Kommunikation - das heißt, auf demokratische Weise - einer breiteren Öffentlichkeit vortragen, beziehungsweise sich damit zur Wahl stellen.“ (Ebd., S. 368).

„Die Demokratie ist dann die sich fast zwangsläufig ergebende Staatsform. Basiert auch noch die Wirtschaft auf der Gefallen-wollen-Kommunikation, dann haben wir es mit einem marktwirtschaftlich organisierten demokratischen Rechtsstaat zu tun (**).“ (Ebd., S. 368).


„Wenn sich auf der Erde nun mehr oder weniger alles - selbst die jeweilige Staatsform - auf evolutive Weise entwickelt, könnte sich der Eindruck aufdrängen, ich legitimierte mit der hier vorgetragenen Theorie irgendwelche spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Tatsächlich stellt sich Evolution aber gerade eben dadurch ein, daß sich einzelne Menschen oder ganze Interessengruppen mit ihren persönlichen Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteressen bemerkbar machen (und sei es in Form des vorliegenden Buches), um Einfluß zu nehmen und die weitere Entwicklung in die eine oder andere Richtung zu lenken. Dies können sie natürlich auf unterschiedliche Weise tun. In Demokratien sind die dafür zulässigen Wege aber relativ klar umrissen: Sie müssen mit ihren Anliegen einer ausreichenden Zahl an Menschen gefallen und nach Möglichkeit auf dominante Interaktionsweisen, die grundlegende Rechte anderer verletzten, verzichten. (Aber genau dieser Verzicht auf dominante Interaktionsweisen wird ja gerade in der Bundesrepublik kaum, jedenfalls immer seltener praktiziert! Dies zeigt - wie vieles andere auch -, daß die Bundesrepublik zu wenig demokratisch ist! HB).“ (Ebd.).

„Ein individualisiertes Gesellschaftsmitglied dürfte für sich allein betrachtet kaum lebensfähig sein. Es benötigt im Allgemeinen eine voll funktionierende Gesellschaft. Gleichzeitig hat die Individualisierung eine beträchtliche Zunahme individueller Lebensrisiken zur Folge, die sozialisiert werden müssen, will man dem Individuum nicht zu hohe und gegebenenfalls untragbare Lasten aufbürden. Der Wohlfahrtsstaat dürfte somit eine unmittelbare Konsequenz der bislang beschriebenen Prozesse der Moderne sein, womit wir schließlich insgesamt beim marktwirtschaftlich organisierten, demokratischen Wohlfahrtsstaat heutiger Ausprägung (soziale Marktwirtschaft) angekommen wären.“ (Ebd., S. 368).

„Ein bislang ungelöstes Problem solcher Staatsformen ist die angemessene Vertretung von Interessengruppen, die sich kaum oder überhaupt nicht selbst vertreten können. Individuen und sonstige Akteure besitzen zwar ein eigenständiges Selbsterhaltungsinteresse, oft aber nur eine recht begrenzte Wahrnehmung für die Interessen anderer, beispielsweise die der nächsten Generation, die ja noch gar nicht geboren ist, und somit auch kein Stimmrecht besitzt. So verfügen die meisten modernen Länder zwar über hochentwickelte Alterssicherungssysteme, aber kaum über Mechanismen zur Sicherstellung des Prinzips der Generationengerechtigkeit. das heißt, einer angemessenen Vertretung der kommenden Generationen. Ein ähnliches Problem gilt für den Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion insgesamt.“ (Ebd., S. 369).

„Auch können in Demokratien ungünstige Selbstläuferprozesse entstehen. Beispielsweise ist denkbar, daß in einer alternden Gesellschaft aus wahltaktischen Gründen zunehmend Gesetze zum Nutzen des älteren Teils der Bevölkerung verabschiedet werden. Hierdurch könnte es zu einem weiteren Rückgang der Geburtenraten und damit zu einer Beschleunigung des gesellschaftlichen Alterungsprozesses kommen. In der Folge entstünde dann eine Gerontokratie, in der für notwendige gesellschaftliche Reformprozesse keine Mehrheiten mehr erzielbar wären. Ähnliche Entwicklungen sind auch bei anderen sozialstaatlichen Maßnahmen vorstellbar.“ (Ebd., S. 369).

„Und schließlich haben Interessengruppen vor allem ihren eigenen Selbsterhalt und die durch sie vertretenen Interessen im Sinn. So möchte beispielsweise eine politische Partei zunächst einmal die nächste Wahl gewinnen. Sie wird folglich eher politische Maßnahmen präferieren, die für eine möglichst große Zahl aktueller Wähler von Vorteil sind, statt solchen, die der Gesellschaft langfristig von Nutzen sind. Der Selbsterhalt der politischen Parteien kann deshalb dem Selbsterhalt der Gesellschaft auch im Wege stehen.“ (Ebd., S. 369).

6.6.4) Säkularisierung

„Säkularisierung bedeutet die Abschaffung von Staatsreligionen. In der Regel ist sie mit einem erheblichen Machtverlust der religiösen Institutionen, vor allem der Kirchen, zugunsten des Staates verbunden.“ (Ebd., S. 369).

„Religionen vermitteln meist nicht nur den Glauben an Gott oder die Vision eines Lebens nach dem Tod, sondern auch Werte und Moralvorstellungen, auf denen das Zusammenleben und die Zusammenarbeit in ... nichtindividualistischen Gesellschaften beruhen. Ganz häufig wurden Werte und Moral über gesellschaftliche Rollenvorgaben vermittelt, die aus Sicht des Individuums aber einen dominanten Charakter besitzen, da sie ihm klare Vorgaben machen. In modernen, individualistischen Gesellschaften lösen sich diese Rollen nun aber sukzessive auf. (Diese sogenannten »individualistischen Gesellschaften« sind übrigens insgesamt eine ungefähr 20% umfassende Minderheit [= westliche + westlich-orientierte »Gesellschaft«], deren Anzahl ausgerechnet auch noch schrumpft! So gesehen ist es wahrscheinlicher, daß sich die »individualistischen Gesellschaften« mit ihren Rollen sukzessive auflösen! HB). Das einzelne Individuum konzentriert sich auf seinen individuellen Lebenslauf und sein jeweiliges Arbeitsmarktrisiko, während die vormaligen Gemeinschaftsaufgaben nun weitestgehend professionalisiert und institutionalisiert sind, und dann nicht selten unter der Regie des Wohlfahrtsstaates abgewickelt werden.“ (Ebd., S. 369-370).

„In einer individualistischen, ausdifferenzierten, arbeitsteiligen und auf der Gefallen-wollen-Kommunikation beruhenden Gesellschaft haben Staatsreligionen folglich keinen Sinn mehr. Die neuen Religionen heißen Arbeitsteilung und Individualismus (jedenfalls bis zu deren Untergang bzw. Ablösung durch Religionen nichtindividualistischer Gemeinschaften; HB [**|**]).“ (Ebd., S. 370).

6.6.6) Zusammenfassung

„Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß der Prozeß der Zivilisation unter anderem mit den folgenden gesellschaftlichen Veränderungen und Prozessen Hand in Hand geht:
Individualisierung;
Institutionalisierung und Professionalisierung von Kollektivaufgaben;
Ausdifferenzierung, zunehmende Arbeitsteilung, Spezialisierung;
Staatenbildung;
Staatliches Gewaltmonopol;
Demokratisierung;
Säkularisierung;
Wohlfahrtsstaatliche Entwicklungen;
Aufkommen von Märkten und Unternehmen;
Abbau gesellschaftlicher Dominanzhierarchien und Klassen;
Gleichberechtigung der Geschlechter;
Generelle Umstellung auf die Gefallen-wollen-Kommunikation;
Zurückdrängung aller gefährlichen/bedrohlichen/belästigenden dominanten Kommunikationsweisen;
Psychogene Veränderungen wie zunehmende Affektkontrolle, Anhebung der Peinlichkeitsstandards, Schamgefühle.“ (Ebd., S. 370).

6.7) Globalisierung **

Peter Mersch definiert den Begriff „Globalisierung“ zum Teil anders als ich (HB)! **

„Die sogenannte Globalisierung ist untrennbar mit einigen bahnbrechenden technologischen Neuerungen im Bereich der Informationstechnologie (Hardware- und Softwaretechnologie, Internet, Telekommunikation, Glasfaserkabel, geostationäre Satelliten u.s.w.), aber auch sonstigen physischen Kommunikationsverbesserungen (z.B. bezüglich Flugzeug, Schiffahrt, Containertechnologie) verbunden. Daneben waren die Verbindung der Finanzmärkte (der Handel in allen Zeitzonen), verschiedene internationale Standardisierungen, Handelserleichterungen, aber auch der Zusammenbruch des Kommunismus von entscheidender Bedeutung.“ (Ebd., S. 371).

„All das gab den Organisationssystemen nun die Möglichkeit, sich von nationalen Beschränkungen zu befreien und über die Grenzen ihrer vormaligen Heimatmärkte hinaus zu wachsen.“ (Ebd., S. 371).

„Aufgrund der riesigen Erdölfürderkapazitäten konnte jetzt auch ihr enormer Energiebedarf gedeckt werden. Gleichzeitig stand an den Finanzmärkten ausreichend Kapital zur Verfügung, um selbst die größten Vorhaben finanzieren zu können.“ (Ebd., S. 371).

„Man könnte sagen: Mit der Entdeckung des Erdöls öffnete der Mensch Pandoras Büchse: Der Handel mit Erdöl wird (noch! HB) hauptsächlich in US-Dollar - in diesem Zusammenhang Petrodollar genannt - abgerechnet. Das dabei von den Erdölförderländern eingenommene Geld fließt anschließend wieder zu erheblichen Anteilen in die Finanzmärkte zurück, wo es dazu beiträgt, Organisationssysteme (**|**|**|**) mit einem hohen Energiebedarf (meist auf Basis fossiler Brennstoffe) entstehen oder wachsen zu lassen. Den Organisationen stehen nun also effiziente Möglichkeiten zur Verfügung, sehr rasch große Mengen an Kapital und Energie aufzunehmen und zu wachsen. Anders gesagt: Jedes zusätzliche geförderte Barrel Erdöl trägt mit dazu bei, Systeme zu erzeugen, die es verbrauchen und anschließend noch mehr davon haben wollen.“ (Ebd., S. 371).

„Dies soll an einem einfachen Beispiel erläutert werden:
Nehmen wir an, Bauer Anton stößt auf seinem Grund und Boden bei der Anlegung eines neuen Brunnens auf einen riesigen Ölvorrat.
Nun könnte Bauer Bert für 10000 Euro Landwirtschaftsmaschinen erwerben, die pro Jahr 10000 Euro an Treibstoffen (Öl) verschlingen. Dabei könnte er mindestens 5 Landarbeiter einsparen, die zusammen 30000 Euro pro Jahr gekostet hätten. Für Bauer Bert stellt sich die Umstellung auf die Maschinen also als ein günstiges Geschäft dar.
Am Ende des Jahres hat Bauer Anton durch seine Ölquelle 10000 Euro verdient. Dieses Geld stellt er Bauer Christoph als Kredit zum Kauf von Landwirtschaftsmaschinen zur Verfügung. Anschließend kauft auch Bauer Christoph filr 10000 Euro Öl pro Jahr bei Bauer Anton.
Ein Jahr später erhalten die Bauern Dieter und Eberhard von Bauer Anton jeweils einen Kredit über 10000 Euro zum Erwerb von Landwirtschaftsmaschinen, die nun gleichfalls 10000 Euro an Treibstoff pro Jahr und Bauer verbrauchen.
Auf diese Weise schafft sich die Ölquelle ihre Abnehmer selbst.
Organisationen wollen wachsen, und zwar einerseits zwecks Erschließung neuer Märkte und Ressourcen, andererseits zur Realisierung von Skaleneffekten und den damit verbundenen Wettbewerbsvorteilen.“ (Ebd., S. 371-372).

„Im Rahmen der Globalisierung lassen die Organisationssysteme nun massenhaft ihre nationalen Beschränkungen hinter sich, wobei sie die jeweiligen Nationalstaaten regelrecht zu ihren Lieferanten für Humankapital, Ressourcen (Rohstoffe, Entsorgung, Endlagerung u.s.w.) und Infrastrukturen degradieren, während sie sich selbst zu eigenständigen, international operierenden Systemen von geradezu ungeheuerlicher Macht und Größe aufbauen, die nun durch praktisch niemanden mehr kontrollierbar sind.“ (Ebd., S. 372).

„Basierte der Wohlstand eines Landes bislang maßgeblich auf der Leistungsfähigkeit seiner Unternehmen (»der Wirtschaft«), so dürfte er in Zukunft eher auf dem Reichtum seiner Ressourcen (Rohstoffe wie Erdöl, Humankapital) und der Ausgereiftheit von Regelwerken und Infrastrukturen beruhen.“ (Ebd., S. 372).

„Bei Organisationssystemen (**|**|**|**) handelt es sich um neuartige biologische Phänomene einer bislang unbekannten Größenordnung und mit einem gigantischen Energie- und Kapitalbedarf. Einmal auf den Weg gebracht, verhalten sie sich wie Lebewesen (**) mit einer eigenen Identität und einem eigenständigen Selbsterhaltungsinteresse, wobei sie eine beträchtliche Eigendynamik entwickeln können (**). Ihre primäre selektive Umwelt sind vor allem die Märkte, auf denen sie bestehen wollen und müssen. Sie werden also weniger durch einzelne Menschen gesteuert, sondern in erster Linie durch Marktgeschehnisse und sonstige Wirtschaftsfaktoren (**).“ (Ebd., S. 372-373).


„Im übertragenen Sinne könnte man sagen: Die Früchte eines Apfelbaumes sind Äpfel, die von Nokia dagegen Mobiltelefone, die ganz ähnlich darauf warten, geerntet zu werden.“ (Ebd.).

„Auch bilden sie mit ihren Rechenzentren zum Teil gewaltige eigene Gehirne aus. Robert B. Laughlin weist daneben noch auf eine andere Entwicklung hin (vgl. Robert B. Laughlin, Das Verbrechen der Vernunft - Betrug an der Wissensgesellschaft, 2008): Unternehmen sammeln immer mehr proprietäres Wissen - das Teil ihres Wettbewerbvorteils ist - an, auf das Menschen nur dann Zugriff haben, wenn sie in diesem Unternehmen in den entsprechenden Positionen arbeiten. Die von den Mitarbeitern erbrachten neuen Erkenntnisse gehören ganz automatisch wieder dem Unternehmen. Auf diese Weise entsteht zunehmend unternehmerisches Geheimwissen, was der Menschheit nur indirekt (über die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens) zur Verfügung steht. Auch dieser Zusammenhang offenbart, daß die biologische Spezies Mensch (beziehungsweise menschliche Gesellschaften) und die durch Menschen gebildeten Organisationssysteme als voneinander unabhängig betrachtet werden müssen. Beide Seiten verfolgen zum Teil ganz unterschiedliche Interessen.“ (Ebd.).

„Die Entstehung von Mehrzellern (Organismen, autopoietischen Systemen zweiter Ordnung) war ein entscheidender Durchbruch in der Evolution des Lebens. Seitdem dominierten diese biologischen Phänomene das Leben auf der Erde. Mit der Herausbildung von Organisationssystemen scheint der Evolution ein weiterer Komplexitätssprung gelungen zu sein.“ (Ebd.).  –  Anmerkung zur Anmerkung: Man beachte die Vergangenheitsform („dominierten“) - ein weiterer Hinweis darauf, daß Peter Mersch tatsächlich davon ausgeht, daß nicht mehr die Mehrzeller (Organismen, autopoietische Systeme zweiter Ordnung) das Leben der Erde beherrschen, sondern die sie über Verträge an sich bindenden „Mehrorganismen“, d.h. Unternehmen (Organisationssysteme, autopoietische Systeme dritter Ordnung). HB

„Wie wir gesehen haben, sind Märkte evolutive Infrastrukturen: Kaum eingerichtet, findet auf ihnen bereits Evolution statt, denn die Marktteilnehmer wollen sich ja selbst erhalten und damit vor allem auch ihre Adaptionen in Relation zur Konkurrenz, weswegen sie ihre Produkte und Dienstleistungen permanent aktualisieren und verbessern müssen.“ (Ebd., S. 373).

„Eine Marktwirtschaft ist dann die Plattform, auf der solche evolutiven Infrastrukturen - und mit ihnen die Organisationssysteme - auf leichte Weise entstehen können, was sicherlich einerseits Innovation zur Folge hat, ohne weitere Gegenmaßnahmen aber auf der anderen Seite auch - dank Gefallen-wollen-Kommunikation - eine ungeheure Verschwendung und damit eine beschleunigte Entropie (siehe dazu das Kapitel Verschwendung). Mit der Globalisierung haben sich diese Plattformen nun internationalisiert.“ (Ebd., S. 373).

„Gemäß Maturana und Varela handelt es sich bei Organismen (Mehrzellern) um autopoietische Systeme zweiter Ordnung, in denen zum Teil mehrere Milliarden Zellen zur Erfüllung einer gemeinsamen Aufgabe kooperativ zusammengeschaltet sind. In solchen Strukturen kann sich die einzelne Zelle nicht mehr selbst ernähren. Stattdessen wird sie nun vom Organismus mitversorgt, der die erforderlichen Ressourcen - insbesondere Energie - für alle seine Elemente beschafft.“ (Ebd., S. 373).

„Bei Organisationssystemen, die ihre Zellen zwar nicht fest an sich schweißen, sondern nur vertraglich binden (siehe dazu den Abschnitt Systembindungen), sieht das letztlich nicht viel anders aus. So wird beispielsweise in vielen Arbeitsverträgen explizit festgelegt, daß ein Mitarbeiter seine Arbeitskraft ganz dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen hat und nicht gleichzeitig noch für andere Arbeitgeber tätig werden kann.“ (Ebd., S. 373-374).

„In der Folge hängt der Selbsterhalt des Arbeitnehmers - der einzelnen Zelle des Organisationssystems - entscheidend vom wirtschaftlichen Erfolg seines Arbeitgebers ab, weshalb er sich schon bald dessen Geschäftsziele und damit insbesondere dessen Selbsterhaltungsinteressen zu eigen machen wird, ein durchaus erwünschter Effekt, denn nun wird der Mitarbeiter ja ein unmittelbares eigenes Interesse daran haben, seine Kreativität im Dienste des Arbeitgebers zu entfalten. Bei Zulieferern und externen Mitarbeitern, die häufig recht ähnlich am Erfolg ihres Auftraggebers partizipieren, wird das nicht viel anders sein.“ (Ebd., S. 374).

„Verursacht ein Unternehmen beispielsweise gravierende ökologische Belastungen, weswegen ihm zusätzliche Auflagen erteilt werden sollen, die seinen wirtschaftlichen Erfolg ganz erheblich beeinträchtigen könnten, dann wird man gerade bei dessen Mitarbeitern mit Widerstand gegen die geplanten Maßnahmen zu rechnen haben, denn diese sind ja davon ebenfalls betroffen. Wenn ein Unternehmen mit 50000 Mitarbeitern Konkurs anmelden muß, dann verlieren gegebenenfalls alle 50000 Arbeitnehmer ihren Job. Entsprechend machtvoll sind die gebündelten Interessen, die das Unternehmen von innen heraus vorantreiben, ganz ähnlich wie dies Zellen bei einem Organismus tun.“ (Ebd., S. 374).

„Allerdings besteht zwischen einer Zelle und ihrem Organismus eine viel engere Bindung als zwischen einem Mitarbeiter und seinem Organisationssystem. Eine Zelle könnte sich nie von ihrem Organismus trennen, sie ist ihm auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Bei einem Unternehmen und seinen Mitarbeitern sieht das ganz anders aus, denn hier hat die gegenseitige Bindung ja nur vertraglichen Charakter.“ (Ebd., S. 374).

„Doch genau dieser Umstand wird nun im Rahmen der Globalisierung zunehmend als Problem oder gar als Bedrohung empfunden. War ein Unternehmen vor noch nicht allzu langer Zeit an einen bestimmten Standort und damit weitestgehend an das dort verfügbare Humankapital gebunden, so kann es heute seine Standorte dahin verlegen, wo es die günstigsten Bedingungen und die »besten Gehirne« (Franz Josef Radermacher, Die Brasilianisierung der Welt, 2006 [**|**]) zur Erfüllung seiner eigenen Selbsterhaltungsinteressen vorfindet. Dies führt automatisch zu einer Schwächung der Stellung von Arbeitnehmern und Nationalstaaten gegenüber den global operierenden Organisationssystemen. Mit einer hohen Sensibilität der Unternehmen gegenüber den reproduktiven Interessen von Arbeitnehmern darf unter solchen Umständen nicht gerechnet werden.“ (Ebd., S. 374-375).

„Im Abschnitt Leben und Fortpflanzung wurde gezeigt, daß es sich auch bei der biologischen Evolution ganz wesentlich um Entwicklungsprozesse bezüglich der Nutzung von Energie handelt. Ist irgendwo Energie in konnzentrierter Form vorhanden, dann dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch ein geeigneter Nutzer dafür auftaucht (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt Leben als dissipative Struktur [**]). Fressen und gefressen werden, lautet die Devise. Aus diesem Grunde ist auch davon auszugehen, daß die Organisationssysteme jegliche zur Verfügung stehende Energie - egal ob aus Kohle, Öl, Gas, Atom oder der Sonne - nutzen werden. Gleichzeitig werden sie immer mehr Energie für sich nutzbar machen. Ihre Selbsterhaltungsinteressen werden alle Energien ansaugen, die sie nur bekommen können. Franz Josef Radermacher interpretiert entsprechende, vom Entropiesatz geleitete Äußerungen Jacques Neiryncks in einem Geleitwort zu dessen Buch »Der göttliche Ingenieur« (2006) denn auch wie folgt:
»Dies gipfelt in der These, daß die Erfindung von biochemischen Strukturmechanismen bis hin zur Erfindung des Lebens beziehungsweise denkender Wesen, ein besonders effizienter Weg der Natur sein könnte, den Weg in die totale Unordnung immer noch mehr zu beschleunigen.«
Einige Autoren sehen in der Menschheit selbst etwas wie einen Superorganismus. Darwin faßte sogar Ameisen- und Bienenkolonien als solche auf. Im vorliegenden Buch wird eine davon abweichende Auffassung vertreten: Die Organisationssysteme sind Superorganismen (**). Die Menschheit selbst besitzt dagegen diesen Status zur Zeit noch nicht. Im Gegenteil: Die Menschheit als Ganzes ist noch weitestgehend unorganisiert.“ (Ebd., S. 375).


„Ein wesentliches Merkmal menschlicher Organisationssysteme wie etwa Unternehmen ist, daß sie sich von ihrer Humanbasis lösen können. Beispielsweise könnte Nokia seine Produktionsstätten in Bochum schließen und nach Rumänien verlegen. Dort würde es nun aber ganz andere Mitarbeiter haben. Eine Ameisenkolonie kann sich dagegen nicht selbstständig von einem Ort zu einem anderen bewegen, sie ist stets untrennbar mit ihren Mitgliedern verbunden. Gleiches gilt für menschliche Gesellschaften. Obwohl Organisationssysteme weniger autopoietisch sind als menschliche Gesellschaften (sie produzieren ihre autopoietischen Elemente nicht selbst), sind sie auf der anderen Seite doch auch deutlich autonomer als letztere. Der Begriff »Superorganismus« dürfte wohl deshalb auch in Zukunft eher den Organisationssystemen vorbehalten sein.“ (Ebd.). **

„Jacques Neirynck beschreibt in »Der göttliche Ingenieur« (2006) die Geschichte der Menschheit als eine Abfolge unterschiedlicher »technischer Systeme«, die nach einiger Zeit stets an ökologische Grenzen gestoßen sind. Nach Überwindung der jeweiligen Scheidelinien - durch technische oder organisatorische Innovationen - sei dann das nächste System gefolgt. Seiner Meinung nach wurde in Europa um das Jahr 1300 die äußerste Spitze dessen erreicht, was mit einem auf erneuerbaren Ressourcen beruhenden technischen System möglich ist.“ (Ebd., S. 376).

„Ich bin dagegen der Auffassung, daß es ab etwa der Moderne nicht mehr primär die menschlichen Gesellschaften und ihre jeweiligen technischen Systeme sind, die den Gang der Geschichte bestimmen, sondern die Organisationssysteme - Aggregationen von Menschen also - mit ihren spezifischen Anforderungen und Interessen.“ (Ebd., S. 376)

6.8) Grundeinkommen

„Zum Schluß dieses Kapitels möchte ich noch kurz ein Thema diskutieren, welches auf den ersten Blick kaum etwas mit den bisherigen Ausführungen zu tun hat, an dem man aber viele der bislang angesprochenen Punkte noch einmal verdeutlichen kann: Das bedingungslose Grundeinkommen (**|**|**|**|**|**) .“ (Ebd., S. 376).

„Soziale Solidarität entsteht durch die Anerkennung einer gemeinsamen Moral, die darin mündet, daß jeder auf jeden angewiesen ist und folglich umgekehrt auch die eigenen Fähigkeiten zur Förderung des Ganzen einzusetzen hat (vgl. Hermann Korte, Soziologie, 2004, S. 46). Man könnte dies als die Moral der Arbeitsteilung bezeichnen.“ (Ebd., S. 376).

„Wichtig hierbei sind vor allem zwei Punkte:
Jeder ist auf jeden angewiesen.
Jeder Einzelne muß sich mit seinen Kompetenzen zur Förderung des Ganzen einsetzen. Oder anders gesagt: Man muß arbeiten.
Im vorliegenden Buch wurde die These aufgestellt, daß der Prozeß der Zivilisation weitestgehend mit der sukzessiven Umstellung aller dominanten Kommunikationsweisen auf die Gefallen-wollen-Kommunikation gleichzusetzen ist. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist aber die Loslösung des Individuums von allen verpflichtenden Kollektivaufgaben, und zwar unabhängig davon, ob diese über direkten Zwang (zum Beispiel Wehrpflicht) oder gesellschaftliche Rollenvorgaben (zum Beispiel Hausfrau und Mutter) vermittelt werden.“ (Ebd., S. 376-377).

„Weil die Gemeinschaftsaufgaben nach einer solchen Loslösung nicht mehr zufriedenstellend erledigt werden (siehe dazu den Abschnitt Tragik der Allmende), ist die Maßnahme der Institutionalisierung erforderlich, wofür es fallweise recht unterschiedliche Ausprägungen gibt. Nicht selten wird die Aufgabe dann professionalisiert und unter der Verantwortung des Staates ausgeübt (Schulen, Polizei, Berufsheer u.s.w.).“ (Ebd., S. 377).

„Die einzige Verpflichtung (Dominanz), die dem Bürger nun noch gegenüber dem Ganzen bleibt, ist: Er muß arbeiten und Steuern zahlen, damit der Staat seine Institutionen auch finanzieren kann. Genau das steckt letztlich hinter Émile Durkheims Moral-These zur sozialen Solidarität.“ (Ebd., S. 377).

„Götz W. Werner zweifelt im Rahmen seiner Argumentation für das Bürgergeld selbst diese noch verbliebene letzte Verpflichtung innerhalb einer ansonsten individualistischen und arbeitsteiligen Gesellschaft an. Gemäß seiner Auffassung handelt es sich beim bedingungslosen Grundeinkommen um ein Grundrecht, welches sich angeblich sogar regelrecht aus der deutschen Verfassung ableiten läßt:
»Die Würde und das Lebensrecht des Menschen sind in jeder Beziehung ›unantastbar‹. Auf ihnen gründet alles übrige. Niemand darf in diese Rechte eingreifen.
Was aber bedeutet das in Hinblick auf den Zusammenhang von Arbeit und Einkommen? Im Grunde ist es ganz einfach. Wer leben, und zwar in menschlicher Würde und in Freiheit leben will, der braucht etwas zu essen, er muß sich kleiden, er benötigt ein Dach über den Kopf - und er muß in einem angemessenen Rahmen am politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen können.
Nirgendwo in unserem Grundgesetz aber steht, daß der Mensch dafür arbeiten muß. ....
Dieses - unserer Verfassung völlig angemessene - Verständnis der Grundrechte hat eine simple Konsequenz: Wenn das Recht, in Würde und in Freiheit zu leben, bedingungslos ist, dann muß auch das Recht auf Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung und auf grundlegende gesellschaftliche Teilhabe bedingungslos sein.« (Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007, S. 59ff.).
Und weiter:
»Die Freiheit, nein zu sagen, hat aber nur der, dessen Existenzminimum gesichert ist. Das allein wäre Grund genug für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.« (Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007, S. 62).
Götz W. Werner attackiert hier etwas, was aber gemäß Émile Durkheim die Grundlage für das Entstehen von sozialer Solidarität in einer insgesamt individualistischen und arbeitsteiligen Gesellschaft ist. Denn wem bereits der Staat ein ausreichendes bedingungsloses Grundeinkommen garantiert, der ist nicht länger dazu verpflichtet, seinen Beitrag zum Gemeinwohl beizutragen, der muß nicht einmal mehr »gefallen wollen«, geschweige denn zu anderen höflich sein.“ (Ebd., S. 377-378).

„Eine vollständig individualistische und arbeitsteilige Gesellschaft, in der es keinerlei gegenseitige Verpflichtungen mehr gäbe, weder eigene Kinder zu haben, noch Ältere zu versorgen, morgens aufzustehen, arbeiten zu gehen, Schutz zu leisten, Steuern zu zahlen oder sich an irgendwelchen sonstigen Gemeinschaftsaufgaben zu beteiligen (da letztlich alles freiwillig ist), wäre überhaupt kerne Gesellschaft mehr.“ (Ebd., S. 378).

„Nun könnte ich mich täuschen, und auch die These Durkheims muß nicht unbedingt stimmen, wenngleich sie mir recht plausibel erscheint. Ich möchte an dieser Stelle jedoch darauf hinweisen, daß es bei Vorschlägen dieser Art mehr zu bedenken gibt (**) als die Dinge, die in den einschlägigen Büchern zum Thema bislang diskutiert werden. Wer ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger des Staates vorschlägt, sollte - im Vorfeld - plausibel erklären können, wie unter solchen Verhältnissen gesellschaftliche Solidarität entstehen kann.“ (Ebd., S. 378).


„Dazu gehören auch die zur Zeit nicht abschätzbaren Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens auf das generative Verhalten der Bevölkerung (vgl. Peter Mersch, Irrweg Bürgergeld, 2007).“ (Ebd.).

7) Verschwendung (S. 379-396)

7.1)   Verschwendung durch „Gefallen-wollen“ (S. 379-388)
7.2)   Evolution und Verschwendung (S. 388-390)
7.3)   „Klimakiller“ Internet (S. 390-391)
7.4)   Tragic of the Commons (S. 391-392)
7.5)   Schutz von Gemeinschaftsgütern (S. 392-395)
7.6)   Ökosoziale Marktwirtschaft (S. 395-396)

„Die Einführung der »Gefallen-wollen-Kommunikation« im Rahmen der sexuellen Selektion stellte einen entscheidenden Durchbruch für die Evolution des Lebens auf diesem Planeten dar, bewirkte sie doch unter anderem erheblich beschleunigte Evolutionsprozesse und in der Folge auch die menschliche Intelligenz. Aufgrund des durch sie ermöglichten fairen Wettbewerbs unter Gleichen wurde sie zum Modell für viele spätere menschliche kulturelle Entwicklungen. Sie ist die Basis heutiger Marktwirtschaften und wohl auch des Zivilisationsprozesses insgesamt. Auch war sie die Voraussetzung für das Entstehen moderner Organisationen wie etwa Unternehmen. Allerdings ist sie alles andere als nebenwirkungsfrei, denn sie führt unter anderem zu einer sehr weiten Ausnutzung der Ressourcen eines Lebensraums und vor allem zu einer beträchtlichen Verschwendung. Dieser letzte Punkt soll im vorliegenden Kapitel näher untersucht werden.“ (Ebd., S. 379).

7.1) Verschwendung durch „Gefallen-wollen“

7.1.1)   Werbung (S. 379-382)
7.1.2)   Wirtschaft (S. 382-385)
7.1.3)   Dominanter Zugriff auf die Natur (S. 385)
7.1.4)   Organisationen (S. 385-337)
7.1.5)   Ressourcenverknappung und Dominanz (S. 387-388)
7.1.1) Werbung

„Auf die Bedeutung der Verschwendung im Rahmen der Partnerwerbung wurde bereits im Abschnitt Fitneßindikatoren eingegangen. Ich möchte dazu Geoffrey F. Miller noch einmal etwas ausführlicher zu Wort kommen lassen:

»Das Handicap-Prinzip betont, daß sexualspezifischer Schmuck und Werbungsverhalten aufwendig sein müssen, um zuverlässige Fitneßindikatoren zu sein. Ihre Kosten können fast jede Form annehmen. Vielleicht erhöhen sie das Risiko, von Raubfeinden entdeckt zu werden, indem sie das Tier durch leuchtende Farben auffälliger machen. Vielleicht erhöhen sie das Risiko einer Infektion, indem sie das Immunsystem des Tieres beeinflussen (wie viele Geschlechtshormone). Vielleicht verschlingen sie, wie der Vogelgesang, enorme Mengen an Zeit und Energie. Vielleicht verlangen sie, wie bei der Jagd in menschlichen Stammesgesellschaften, gewaltigen Aufwand für ein kleines Stückchen Fleisch.
Nach Veblens Prinzip des demonstrativen Konsums spielt die Form des Aufwands keine große Rolle. Allein die ungeheure Verschwendung zählt. Nur sie sorgt für die Aufrichtigkeit der Fitneßindikatoren und macht Partnerwerbung erst romantisch: das verschwenderische Tanzen, das verschwenderische Schenken, die verschwenderische Konversation, das verschwenderische Lachen, das verschwenderische Vorspiel, die verschwenderischen Abenteuer. Vom Standpunkt des ›Überlebens des am besten Angepaßten‹ aus erscheint dies verrückt und sinnlos und nicht zur Anpassung geeignet. Die menschliche Partnerwerbung scheint sogar vom Standpunkt der sexuellen Selektion auf nichtgenetische Vorteile verschwenderisch zu sein, weil, wie wir noch erfahren werden, die als besonders romantisch geltenden Liebestaten für den Gebenden oft am kostspieligsten sind, dem Empfänger aber die geringsten Vorteile bringen. Nach der Theorie der Fitneßindikatoren ist diese Verschwendung jedoch der effektivste und zuverlässigste Weg, etwas über jemandes Fitneß zu erfahren. Wenn man in der Natur offensichtliche Verschwendung beobachtet, ist die sexuelle Selektion am Werk.
Jeder sexualspezifische Schmuck bei jeder sich sexuell fortpflanzenden Art ließe sich als eine eigene Form der Verschwendung betrachten. Männliche Buckelwale verschwenden ihre Energie mit 30-minütigen, 100e von Dezibel lauten Gesängen, die sie während der Paarungssaison den ganzen Tag über wiederholen. Männliche Webervögel verschwenden ihre Zeit mit dem Bau kunstvoller Nester. Männliche Hirschkäfer verschwenden Materie und Energie aus ihrer Nahrung für gewaltige Mandibeln (Oberkiefer). Männliche Seelefanten verschwenden in jeder Paarungssaison 500 Kilogramm ihres Körperfettes auf den Kampf mit männlichen Artgenossen. Männliche Löwen verschwenden unzählige Kalorien darauf 30-mal am Tag mit Löwinnen zu kopulieren, bis die Weibchen endlich empfangen. Männliche Menschen verschwenden ihre Zeit und Energie darauf, akademische Titel zu erlangen, Bücher zu schreiben, Sport zu treiben, andere Männer zu bekämpfen, Bilder zu malen, Jazz zu spielen und religiöse Kulte zu begründen. Dies mögen keine bewußten sexuellen Strategien sein, aber die hinter ›Leistung‹ und ›Status‹ steckenden Motivationen - selbst deren Bevorzugung vor materiellen Quellen - wurden wahrscheinlich durch sexuelle Selektion geprägt. Allerdings wird das während der Partnerwerbung attraktiv erscheinende verschwenderische Gebaren möglicherweise nicht mehr gewürdigt, wenn die Nachkommen da sind - elterliche Pflichten und sichtbares Werbungsverhalten vertragen sich nicht.
Dem Handicap-Prinzip zufolge interessiert sich die sexuelle Selektion in jedem Falle mehr für die ungeheuren Ausmaße der Verschwendung als für ihre exakte Form. Haben die zur Entscheidung führenden Mechanismen der sexuellen Auswahl einem sexuellen Signal erst einmal die nötige hiformation über die Fitneß entnommen, ist alles andere an diesem Signal reine Geschmackssache. Dieses Zusammenspiel von Geschmack und Verschwendung läßt der Evolution viel Freiheit. Man könnte sogar jede Spezies mit sexualspezifischem Schmuck als eine Spielart sexuell selektierter Verschwendung betrachten. Ohne diese vielfältigen Formen sexueller Verschwendung wäre unser Planet nicht von so vielen Spezies bevölkert.« (Geoffrey F. Miller, Die sexuelle Evolution, 2001, S. 150ff.).
Ganz ähnlich sieht es in der Unternehmenswelt aus. Auf speziellen Messen präsentieren die jeweiligen Hersteller und Marken ihre Produkte, als handele es sich um einmalige Sehenswürdigkeiten. Im Einzelhandel oder eleganten Einkaufszentren liegt die Ware dann - lichtbestrahlt und mit einem auffälligen Design (produktspezifischem Schmuck) versehen - in einladenden Regalen aus. Gleichzeitig weisen aufwendige Werbekampagnen auf die angeblichen Vorzüge der Produkte hin, wobei nicht selten ein sexueller Bezug hergestellt wird (das heißt, es werden vorgeblich reproduktive Vorteile reklamiert). Die Hauptverwaltungen der Unternehmen selbst residieren in protzigen Bürogebauden, die Macht, Starke und Kompetenz signalisieren sollen:
»Pracht entsteht folgerichtig umso wahrscheinlicher, je drückender die Konkurrenz ist. Die größten und teuersten Bankenhochhäuser werden dort gebaut, wo schon die der Konkurrenz stehen.« (Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 133).
Im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation geht es zunächst um die Erlangung von Aufmerksamkeit. Dabei spielt der Preis oftmals nur eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: Je teurer ein Signal ist, desto zweifelsfreier belegt es die Qualität des Absenders. Auf dieses Bemühen, Aufmerksamkeit zu erlangen und gefallen zu wollen, das heißt, selektiert zu werden, dürfte auch ein Großteil der menschlichen Kulturleistung zurückzuführen sein:
»Die menschliche Kulturgeschichte ist nicht zuletzt eine grandiose Geschichte der Übertreibung durch teure Signale. Man besinne sich für einen Moment auf all das, was die Geschichte und die Leistungen der menschlichen Kultur symbolisiert, auf die materiellen, künstlerischen und philosophischen Hinterlassenschaften. Was erklärt eigentlich die Unesco zum Weltkulturerbe? Alles in allem kann man sich dem Schluß nicht entziehen, daß hier durchweg Dinge unter Schutz gestellt werden, deren hervorragendste Eigenschaft es war, zwar unpraktisch, aber unglaublich , teuer gewesen zu sein. .... Kulturgeschichte ist nicht zuletzt Ausfluß eines ewigen Wettstreits um Aufmerksamkeit.« (Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 133).“ (Ebd., S. 379-382).

7.1.2) Wirtschaft

„Stellen Sie sich vor, Sie seien Hausfrau und Mutter einer sechsköpfigen Familie und wollten für Ihre Lieben etwas zum Abendessen kochen. Sie entscheiden sich für Königsberger Klopse mit Kartoffeln. Doch Ihre Kinder machen Ihnen deutlich, daß sie lieber Hamburger essen würden und stellen Ihnen die Frage, warum es nicht auch McDonalds sein könne. Sie sind enttäuscht. Schließlich geht Ihr Ehemann dazwischen und spricht ein Machtwort: »Schluß jetzt Kinder. Es wird gegessen was auf den Tisch kommt! Und wehe ich sehe hier noch irgendwo ein langes Gesicht!«“  (Ebd., S. 382).

„Und nun stellen Sie sich vor, Ihre Familie würde an Ihrem Geburtstag abends zu einem guten Italiener (??  HB) gehen. Sie bestellen Dorade Royal, Ihr Mann ein Steak, Ihre Jüngste Spaghetti mit Tomatenketchup (auf Wunsch statt der sonst üblichen, aus frischen Tomaten hergestellten Sauce, Ihre beiden Söhne Scaloppine Milanese und Ihre Älteste ein fettarmes, vegetarisches Gericht.“ (Ebd., S. 382).

„Was unterscheidet die beiden Situationen? Möglicherweise werden Sie jetzt sagen: Einmal koche ich, ein anderes Mal lasse ich kochen. Dies ist einerseits richtig, aber es gibt noch einen viel wesentlicheren Unterschied: Im ersten Fall handelt es sich um eine dominante, im zweiten um eine Gefallen-wollen-Kommunikation. Denn wenn Sie kochen, bestimmen Sie, was auf den Tisch kommt, und vor allem auch, wieviel. Sie kennen ungefähr den Appetit Ihrer Familie und können dementsprechend einkaufen. Meist kochen Sie etwas mehr als notwendig wäre, aber im Grunde bleibt nie viel übrig. Beim Restaurant sieht das ganz anders aus. Zunächst wählen Sie als Gäste das Lokal. Vielleicht wird es das am Ende Ihrer Straße sein, vielleicht aber auch ein ganz anderes. Es soll ja nicht nur gut schmecken, sondern auch das Ambiente sollte stimmen.“ (Ebd., S. 382).

„Im Lokal legt man Ihnen zunächst eine Karte vor, aus der Sie wählen: die klassische Gefallen-wollen-Kommunikation.“ (Ebd., S. 383).

„Das Problem hierbei ist nun: Der Gastwirt weiß nie, wie viele Gäste am Abend kommen werden. Und er kennt natürlich auch nicht deren Präferenzen. Beispielsweise könnte er heute besonders viel frischen Fisch eingekauft haben, und wenn Sie dann die einzige Person sind, die sich am Abend für Fisch entscheidet, dann wird er möglicherweise sogar einen Großteil der Ware entsorgen müssen.“ (Ebd., S. 383).

„Dieses Problem kennt praktisch jeder Händler. Einerseits möchte er, daß die Kunden sofort kaufen und nicht seinen Laden aufgrund von Lieferzeiten gleich wieder verlassen, andererseits möchte er aber auch nicht unnötig lange auf seiner Ware sitzen bleiben.“ (Ebd., S. 383).

„Auch kann es eine ganze Menge Unwägbarkeiten geben. Wenn Sie beispielsweise auf einem Markt Äpfel und Birnen anbieten, jeweils ungefähr 50 Prozent Ihres Angebots, und am Morgen wird bekannt, daß irgendwo in der Umgebung ein Kind ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil es einen Apfel einer bestimmte Sorte gegessen hat - genau die, die Sie vorzugsweise anbieten -, dann kann es Ihnen passieren, daß Sie an dem Tag keinen einzigen Apfel verkaufen und an den Folgetagen ebensowenig, woraufhin Sie ihre gesamtes Apfelsortiment entsorgen müssen.“ (Ebd., S. 383).

„Eine präzise Kapazitätsplanung ist also bei der Gefallen-wollen-Kommunikation nicht immer möglich. Stattdessen führt sie häufig zu Überkapazitäten und damit zu Verschwendung (**).“ (Ebd., S. 383).


„In manchen Industriezweigen versucht man die Problematik durch eine sogenannte »Just-in-Time«-Produktion zu entschärfen. Dies gilt zunehmend auch filr das Verlagswesen. Beispielsweise wurde das vorliegende Buch »On Demand« hergestellt.“ (Ebd.).


„Ähnlich sieht es in der Natur bei der Dimensionierung männlicher Sexualorgane aus. Bei Arten mit Haremsbildung können die Männchen die Häufigkeit zukünftiger Kopulationen relativ präzise abschätzen. Auch kann es dann zu keiner Spermienkonkurrenz kommen, weswegen sie sich eher kleine, an den recht genau abschätzbaren Bedarf angepaßte Hoden leisten können. Verhalten sich die Weibchen dagegen promisk, sollte ein Männchen möglichst allzeit bereit sein, denn mit etwas Glück könnte es an einem Tag vielleicht sogar dreißig oder mehr Kopulationen mit verschiedenen Weibchen haben. In solchen Konstellationen ist die Leistungsfähigkeit der männlichen Hoden eher am maximalen Bedarf auszurichten. Auch ist dabei die nun stets mögliche Spermienkonkurrenz zu berücksichtigen.“ (Ebd., S. 383-384).

„Bei technischen Produkten gibt es weitere Formen der Verschwendung, zum Beispiel der Einbau möglichst vieler, manchmal kaum genutzter Funktionen. Im Prinzip ist die Situation mit der des Gastwirts vergleichbar: Da der Anbieter meist nicht weiß, welche Funktionen der Anwender nutzen möchte - und dieser ja vielleicht anfänglich selber nicht -, baut er lieber gleich möglichst viele ein.“ (Ebd., S. 384).

„Auch kann ein besonders cooles und aufwendiges Design (so etwas wie »Pfauenschweife« also) manchmal für höhere Marktanteile, aber eben auch für eine zusätzliche Verschwendung sorgen.“ (Ebd., S. 384).

„Und schließlich gibt es noch die Entwicklung unbenötigter Funktionen und Produkte, sogenannter Flops. Denn im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation ist Kreativität gefragt, das heißt, das ständige Suchen nach neuen Geschäftsoptionen und gegebenenfalls nicht besetzten Nischen. Und natürlich dürfte dann auch mancher Fehlgriff darunter sein.“ (Ebd., S. 384).

„Auf der anderen Seite werden auf diese Weise viele Bedürfnisse erst geschaffen: Die Märkte reagieren auf Erwartungen von Konsumenten, differenzieren sich durch neue Produkte und Dienstleistungen aus und schaffen hierdurch wiederum neue Erwartungen. So erfinden die Märkte - beziehungsweise die auf ihnen anbietenden Organisationssysteme - das moderne Leben mit all seinen Annehmlichkeiten und Verschwendungen ganz allein aus sich heraus.“ (Ebd., S. 384).

„Konrad Lorenz kommentiert diese Entwicklung wie folgt:
»Selbst wenn man die unberechtigt optimistische Annahme macht, daß die Überbevölkerung der Erde nicht in dem heute drohenden Maße weiter zunähme, muß man den wirtschaftlichen Wettlauf der Menschheit mit sich selbst für allein hinreichend betrachten, um sie völlig zugrunde zu richten. Jeder Kreisprozeß mit positiver Rückkopplung führt früher oder später zur Katastrophe, und der hier in Rede stehende Vorgang enthält deren mehrere. Außer der kommerziellen intraspezifischen Selektion auf ein ständig sich verschnellerndes Arbeitstempo, ist noch ein zweiter gefährlicher Kreisprozeß am Werke, auf den Vance Packard in mehreren seiner Bücher aufmerksam gemacht hat, und der eine progressive Steigerung der Bedürfnisse der Menschen im Gefolge hat. Aus naheliegenden Gründen sucht jeder Produzent das Bedürfnis der Konsumenten nach den von ihm erzeugten Waren nach Möglichkeit in die Höhe zu treiben. Viele ›wissenschaftliche‹ Forschungsinstitute beschäftigen sich ausschließlich mit der Untersuchung der Frage, welche Mittel zur Erreichung dieses durchaus verwerflichen Zieles am besten geeignet seien.« (Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 1973, S. 37).“ (Ebd., S. 384-385).

7.1.3) Dominanter Zugriff auf die Natur

„Wenn ein Pfau einen großen gefiederten Schweif hinter sich herträgt, muß er sich permanent mit ausreichender Energie versorgen können. Auch dürfte er dann dem anderen Geschlecht besonders gut gefallen, das heißt, er hat einen weiteren Bedarf an Energie, die ihm möglichst regeImäßig zur Verfügung stehen sollte.“ (Ebd., S. 385).

„Und wenn ein Händler auf einem Marktplatz einen Obststand betreibt, benötigt er zunächst einmal eine verläßliche Quelle für die unterschiedlichsten Sorten an wohlschmeckenden und appetitlich aussehenden Äpfeln, ansonsten dürfte er seine Kunden schon bald an seine Konkurrenten verlieren (**).


„Sofern diese liefern können, aber damit muss ein Händler im Rahmen der Gefallen-wollen-Kommunikation rechnen.“ (Ebd.).


„Aus diesem Grunde wird sich unser Händler auch nicht mit Lieferantenaussagen wie »Äpfel sind zur Zeit nicht; die mir bekannten Apfelbäume wurden in der letzten Zeit von Ungeziefer befallen« zufrieden geben. In einer Welt der Märkte, des Gefallen-wollens, müssen die erforderlichen Waren zuverlässig lieferbar sein, und bei Lebensmitteln geht das nun einmal nur mit Ackerbau und Viehzucht.“ (Ebd., S. 385).

„Mit anderen Worten: Gefallen-wollen-Kommunikationen haben einen verstärkten dominanten Zugriff auf die Ressourcen dieser Welt zur Folge.“ (Ebd., S. 385).

7.1.4) Organisationen

„Ein Charakteristikum der Moderne ist das massenhafte Entstehen und Auftreten sozialer Systeme wie etwa Unternehmen. Heute besitzen einige dieser Organisationen einen größeren Jahresumsatz als die Bruttosozialprodukte mancher Schwellenländer. Und einige große Unternehmen haben einen größeren Energiebedarf als viele Millionenstädte. Die Voraussetzungen für dieses Phänomen waren unter anderem die Entwicklung allgemeiner Tauschäquivalente (zum Beispiel Geld) und entsprechender Lebensräume, in denen die sozialen Systeme auf friedliche Weise miteinander konkurrieren können, nämlich die Märkte.“ (Ebd., S. 385-386).

„Organisationen (zum Beispiel Unternehmen) sind selbsterhaltende Systeme mit einer eigenen Identität und einem eigenständigen Selbsterhaltungsinteresse (**), die auf Märkten - ihren primären selektiven Umwelten - um den Zugang zu Ressourcen konkurrieren. Dabei bringen sie Produkte und Dienstleistungen hervor, nach denen vorher kaum jemand gefragt hat, ohne die man sich aber schon bald darauf kaum mehr ein lebenswertes Leben vorstellen kann.“ (Ebd., S. 386).


„Also fast so etwas wie ein neuer Typus von Leben, nur in einer ganz anderen Größenordnung. Jedenfalls entwickeln diese Gebilde eine Eigendynamik, ein Eigenleben sozusagen.“ (Ebd.).


„Unternehmen produzieren fortlaufend neue und bislang unbekannte Bedürfnisse, damit sie sich selbst erhalten können. Die Folge ist eine Verschwendung - und ein damit einhergehender Raubbau, an der Umwelt - in bislang unbekannter Größenordnung. Denn Unternehmen geht es ja vor allem um eins: Sie wollen und müssen gefallen, damit sie fortbestehen können. Und dazu müssen sie sich permanent erneuern und auch immer weiter wachsen, denn dann können sie von Skaleneffekten profitieren, die ihnen einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschaffen. Gegenüber heutigen internationalen Konzernen wirken Menschen wie kleine Ameisen, die man versehentlich auf dem Weg zur Arbeit überläuft (**).“ (Ebd., S. 386).


„Wie die Größenverhältnisse sind, könnte man an folgendem Beispiel verdeutlichen: Wören die etwa 1,5 Millionen Einwohner der Amazonas-Stadt Manaus in der Lage, den gesamten brasilianischen Regenwald abzuholzen? Wohl kaum. Könnte dies General Electric mit seinen ungefähr 130000 Mitarbeitern tun? Ich persönlich möchte das jedenfalls nicht ausschließen.“ (Ebd.).


„Die Gefallen-wollen-Kommunikation bewirkt eine beschleunigte Evolution, da sie zu immer neueren, ausgefalleneren und besseren Angeboten zwingt, zu etwas, was die Konkurrenz nicht oder nicht in ausreichender Menge beziehungsweise Qualität hat, was sozusagen sensationell oder noch nie dagewesen ist. Auf der Ressourcenseite hat das dann aber eine ungeheure Verschwendung und den rigorosen Zugriff auf die Natur zur Folge. Während die Welt des Marktes Dinge wie 300 Stundenkilometer schnelle Sportwagen, das Internet oder ultraflache Mobiltelefone hervorbringt, entsteht auf der Ressourcenseite (der Umwelt) eine verheerende Unordnung. Ähnlich wie sich die Sonne verbraucht, damit auf der Erde Leben entstehen kann, so verbrauchen sich die natürlichen Ressourcen der Erde, damit Automobilkonzerne wachsen können.“ (Ebd., S. 386).

„Erschwerend kommen heute die Wirkungen der Finanzmärkte hinzu. Denn moderne Technologie ist häufig so komplex und in der Entwicklung und Herstellung so kapitalintensiv, daß neue Geschäftsideen meist nur mit einem Gang an die Börse realisiert werden können. In diesem Fall gehört das Unternehmen aber - wie die meisten heutigen größeren Konzerne - nicht mehr sich selbst, sondern Investoren. Es wird dann auch nicht mehr ausschließlich durch die Entwicklungen auf den Produktmärkten vorangetrieben, sondern maßgeblich durch die Bewegungen auf den Finanzmärkten und die Interessen seiner Investoren. Und erfahrungsgemäß steht der ressourcenschonende Umgang mit der Umwelt nicht unbedingt an vorderster Stelle auf deren Prioritätenliste.“ (Ebd., S. 387).

„Die größten Organisationen operieren heute global und damit nationenüberspannend, so daß sie national auch kaum mehr zu kontrollieren sind. Die Deutsche Bank, Siemens oder Volkswagen sind längst keine nationalen Unternehmen mehr, auch wenn es vom Namen her noch den Anschein hat. Wie jedem anderen Lebewesen auch geht es ihnen in erster Linie um ihren Selbsterhalt und Eigennutz und nicht um irgendwelche nationalen Interessen. Und wenn dann etwa ein Konkurrent seine Gewinne auf den Cayman Islands versteuert, werden alle anderen folgen müssen, weil sie sonst im Nachteil wären. Hier greift die gleiche Trittbrettfahrerproblematik wie auch in vergleichbaren menschlichen Kontexten.“ (Ebd., S. 387).

„Mit ethisch-moralischen Argumenten wird man auf die beschriebenen Verhaltensweisen keinen Einfluß nehmen können, höchstens mit Maßnahmen, die dem gleichen System (Wirtschaft) zurechenbar sind, wie auch schon Niklas Luhmann (in seinem Buch Ökologische Kommunikation, 1986) anmerkte (**). Wirkungsvoll könnte möglicherweise die internationale Besteuerung globaler Finanztransaktionen sein (vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft, 2007, S. 176ff.).“ (Ebd., S. 387).


„Dies gilt im Grunde für alle Lebensbereiche: Selbsterhaltende Systeme wollen sich selbsterhalten, sie handeln also vom Kern her egoistisch. Wenn in einer Gemeinschaft aus lauter selbsterhaltenden Systemen Möglichkeiten bestehen, den Egoismus auf Kosten anderer auszuleben (weil man dann Vorteile hat und sich besser selbsterhalten kann), dann werden dies einzelne Individuen über kurz oder lang auch tun. Dagegen helfen keine Vorwürfe, sondern höchstens Maßnahmen, die solchen Verhaltensweisen die entscheidenden Vorteile nehmen.“ (Ebd.).


7.1.5) Reccourcenverknappung und Dominanz

„Wie wir gesehen haben, ist die Gefallen-wollen-Kommunikation viel verschwenderischer als die dominante Kommunikation. Gleichzeitig setzt sie einen zuverlässigen Zugang zu den natürlichen Ressourcen voraus. Kommt es irgendwann einmal zu einer Ressourcenverknappung, dann dürfte die elegante, herrschaftsfreie Gefallen-wollen-Kommunikation schon bald wieder zur Disposition stehen. Die Folgen könnten Krieg, Dominanzhierarchien (zum Beispiel Klassenstrukturen), Zwangsmaßnahmen beim Zugriff auf die Ressourcen und vieles andere mehr sein. Da die dominante Kommunikation insgesamt ressourcenschonender operiert, dürfte sie die Gefallen-wollen-Kommunikation schon bald wieder in weiten Teilen ersetzen.“ (Ebd., S. 387-388).

„Nehmen Sie beispielsweise an, sie verdienten ausreichend gut, um mit Ihrer Familie jeden Abend essen gehen zu können (Gefallen-wollen-Kommunikation). Insgesamt käme Sie das wesentlich teurer als wenn zu Hause gekocht würde, denn nun müssen Sie ja für die Anfahrt und die Speisen und Getränke, in deren Preis auch die Kosten für die Räumlichkeiten, das Personal, Trinkgeld, die Energie und möglicherweise auch nicht gewünschte und alsbald entsorgte Speisen enthalten sind, aufkommen. Wenn Sie ihren gutbezahlten Job verlieren, könnten Sie sich so etwas nicht mehr leisten. Es würde dann wieder zu Hause gegessen, zum Beispiel Königsberger Klopse für alle (dominante Kommunikation).“ (Ebd., S. 388).

„Es gehört deshalb auch nicht viel Vorstellungskraft dazu, sich die Folgen einer kritischen globalen Ressourcenverknappung auszumalen: An vielen Stellen würden Kriege ausbrechen, und Demokratien, Marktwirtschaften und die Freiheit und Gleichheit der Menschen gäbe es dann wohl schon bald nicht mehr.“ (Ebd., S. 388).

7.2) Evolution und Verschwendung

„Im letzten Kapitel (**) und im Kapitel Leben wurde darauf hingewiesen, daß es sich bei der biologischen Evolution ganz wesentlich um Entwicklungsprozesse bezüglich der Nutzung von Energie handelt. Ich hatte daraus gefolgert: Ist irgendwo Energie in konzentrierter Form vorhanden, dann dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch ein geeigneter Nutzer dafür auftaucht.“ (Ebd., S. 388).

„Eine Ursache dafür liegt tief im Inneren der Evolutionsprinzipien verborgen: Wie wir gesehen haben, dürfte sich bei einem kompetenzneutralen Reproduktionsinteresse im Regelfall dann auch das Prinzip der natürlichen Selektion einstellen. Für dieses gilt: Wer besser an den Lebensraum angepaßt ist und mehr Ressourcen erlangt, hinterläßt im Mittel auch mehr Nachkommen.“ (Ebd., S. 388).

„Übertragen auf unsere Verschwendungsproblematik bedeutet das: Wer in der Lage ist, mehr Energie zu verbrauchen und Unordnung zu schaffen, wird mehr Nachkommen als andere haben, und diese Nachkommen werden dann im Mittel ebenfalls mehr Energie verbrauchen und Unordnung schaffen als andere. Eine Population optimiert sich auf diese Weise gewissermaßen wie von selbst in Richtung eines möglichst hohen Energieverbrauchs beziehungsweise der Schaffung von größtmöglicher Unordnung.“ (Ebd., S. 389).

„Natürlich wird sie dabei immer wieder an Grenzen stoßen, etwa aufgrund des Widerstands anderer Lebewesen oder einer generellen Begrenztheit der Ressourcen. Eine Löwenpopulation kann beispielsweise nicht mehr Zebras fressen als in ihrem Lebensraum tatsächlich vorhanden sind.“ (Ebd., S. 389).

„Der Mensch jedenfalls hat historisch betrachtet alle neu entstandenen Ressourcenerschöpfungen irgendwann technologisch überwinden können (vgl. Jacques Neirynck, Der göttliche Ingeniuer, 1994). In einem originär endlichen Lebensraum (die Erde) dürfte dies jedoch nicht beliebig fortsetzbar sein: Früher oder später wird die Menschheit dann doch ihre Grenzen des Wachstums erreichen.“ (Ebd., S. 389).

„Franz Josef Radermacher äußert sich im Geleitwort von »Der göttliche Ingenieur« (von Jacques Neirynck, 1994) zu der dort vertretenen Sichtweise:
»Der Mensch ist in dieser Sicht ein Lebewesen, das immer effizienter dazu beiträgt, in einem globalen Sinne Ordnung zu zerstören und Energien zu verbrauchen, und zwar als Folge seines - in einer längerfristigen Perspektive hoffnungslosen - Bemühens, für sich lokal kurzfristig das zu ermöglichen, was wir jeweils als ein erfülltes menschliches Leben bezeichnen.«
Sozialer Erfolg ist in menschlichen Gesellschaften üblicherweise mit einem höheren Einkommen verbunden und damit mit höheren Verfügungsrechten über Ressourcen und auch Energie. Wer mehr verdient, kann sich beispielsweise all die neuen technologischen Errungenschaften leisten, die das modeme Leben für uns bereithält.“ (Ebd., S. 389).

„Genügt das Reprouktionsverhalten einer Gesellschaft also den Evolutionsprinzipien, dann wird hoherer Ressourcen- und Energieverbrauch mit einer höheren Zahl an (mehr Ressourcen verbrauchenden) Nachkommen belohnt, ganz so wie es in der Natur auch ist. Genügt das Reproduktionsverhalten aber nicht diesen Prinzipien, dann kann die Gesellschaft nicht weiter evolvieren. Aus ökologischer Sicht befinden wir uns folglich in einer Zwickmühle.“ (Ebd., S. 389).

„Es stellt sich somit die Frage, ob sich auch Belohnungssysteme vorstellen lassen, die für Menschen tatsächliche Anreize liefern, aber dennoch nicht zu einem stetig höheren Energie- und Ressourcenverbrauch führen. Letztlich ist dies ein noch ungelöstes Problem.“ (Ebd., S. 390).

„Im Abschnitt Wachstum wurde gezeigt, daß evolutionsfähige (selbsterhaltende und selbstreproduktive) Systeme generell zu Wachstun tendieren, und zwar sowohl bezüglich ihrer individuellen Größe als auch den Populationszahlen. Auch dies demonstriert die generelle Neigung evolutiver Prozesse, vorhandene Ressourcen zu nutzen und langfristig restlos zu verbrauchen.“ (Ebd., S. 390).

7.3) „Klimakiller“ Internet

„Bislang herrschte allgemein die Vorstellung vor, die Computertechnologie könnte in ein ressourcenschonendes Zeitalter führen, da die Menschen dann irgendwann nicht mehr täglich zu ihren Arbeitsplätzen fahren oder auf kostspielige Geschäftsreisen gehen müßten, sondern die meisten Tätigkeiten gleich von zu Hause aus abwickeln könnten, also ganz ähnlich so, wie man sich auch vorstellte, die elektronische Datenverarbeitung führe schlußendlich zum papierlosen Büro. Das genaue Gegenteil trat ein.“ (Ebd., S. 390).

„So wird dann auch längst behauptet, die durch das Internet verursachte Belastung entspräche bereits heute dem des gesamten weltweiten Flugverkehrs (vgl. Welt.de, 2007).“ (Ebd., S. 390).

„Andere Berechnungen ergaben, daß bereits im Jahr 2005 rechnerisch weltweit rund zwanzig Eintausend-Megawatt-Großkraftwerke ausschließlich zur Deckung des Strombedarfs des Internets und der zugehörigen Datenzentren benötigt wurden. Ferner habe sich der Stromverbrauch des World Wide Webs zwischen 2000 und 2005 verdoppelt. Dies dürfte kaum überraschen, denn aktuell verdoppelt sich die vom Internet transportierte Datenmenge etwa alle vier Monate. Allein das Video-Portal You Tube soll im Jahr 2007 so viel Datenverkehr produziert haben, wie das gesamte Internet zwei Jahre zuvor (vgl. Welt.de, 2007).“ (Ebd., S. 390).

„Ich möchte an dieser Stelle keine abschließende Antwort darauf geben, ob die Computertechnologie auf lange Sicht einen nennenswerten Beitrag zur Entschärfung der Energieproblematik des Menschen liefern kann oder diese umgekehrt verstärken wird, jedoch zu bedenken geben, daß das Gehirn des Menschen ebenfalls schon bis zu 25 Prozent seiner gesamten Ruheenergie verschlingt (**). Es ließe sich deshalb durchaus argumentieren, daß die geballten Datenverarbeitungskapazitäten von Unternehmen, Privatpersonen und der gemeinsam genutzten Infrastruktur (Internet, World Wide Web) auf Dauer gleichfalls einen erheblichen Anteil am gesamten weltweiten Energieverbrauch der Menschheit haben werden, und zwar Tag und Nacht, das heißt, auch »in Ruhe«.“ (Ebd., S. 390-391).


„Im Rahmen der Menschwerdung waren dafür die Umstellung auf eine energetisch hochkonzentrierte Nahrung und der rudimentäre Anschluß des Gehirns an den Fettstoffwechsel erforderlich (vgl. Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 40ff.). Unter den Ernährungsverhältnissen ab dem Neolithikum haben diese Umstellungsmaßnahmen beim Menschen aber für einen insgesamt asymmetrischen Stoffwechsel gesorgt, der maßgeblich für die weltweite Adipositaswelle verantwortlich sein dürfte (vgl. Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 55ff.).“ (Ebd.).


7.4) Tragic of the Commons

„Abschließend soll nun noch ein weiteres Problem beleuchtet werden: Die systematische Erschöpfung von Ressourcen durch den Menschen, sofern es sich um niemandem gehörende Gemeinschaftsgüter handelt.“ (Ebd., S. 391).

„Stellen Sie sich vor, Sie seien Dagobert Duck und badeten täglich im Geld. Wenn Sie dabei auf jeglichen Schutz verzichten, geben Sie anderen (zum Beispiel der Panzerknackerbande) die Gelegenheit, Ihr Eigentum als Gemeinschaftsgut zu deklarieren, um es Ihnen dann zu entwenden. Schon bald wären Sie arm, das heißt, man hätte Sie aller Ihrer Ressourcen beraubt. Ganz ähnlich sieht es mit natürlichen Ressourcen aus, sofern diese keinen ausreichenden Schutz genießen.“ (Ebd., S. 391).

„Die Tragic of the Commons ... entspricht - mit umgekehrten Vorzeichen - genau der Tragik der Allmende (siehe Abschnitt Tragik der Allmende), die sich allerdings mit Problemen bei der Bewältigung von Gemeinschaftsaufgaben statt der Allokation von Gemeinschaftsgütern auseinandersetzt:

Angenommen, eine Gruppe von 80 Schafhirten bestellt gemeinsam ein Feld, welches maximal 4000 Tieren Nahrung geben kann. Nehmen wir ferner an, alle Gruppenmitglieder haben jeweils 50 Schafe, insgesamt also 80 • 50 = 4000. Die maximale Auslastung des Feldes ist also bereits erreicht.
Für die Pachtung, Betreuung und Regeneration des Feldes fallen jährlich 160000 Euro an Kosten an, an denen sich die Gruppenmitglieder anteilsmäßig beteiligen. Jeder einzelne Schafhirte muß also 160000 : 80 = 2000 Euro an Kosten tragen.
Mit jedem satten Tier kann er einen Ertrag von 60 Euro erzielen, insgesamt also 50 • 60 = 3000 Euro. Zieht er seinen Aufwand vom Ertrag ab, dann hat er zum Jahresende einen Nutzen von 3000 - 2000 = 1000 Euro erwirtschaftet.
Die Tragic of the Commons besteht nun darin, daß bei genügend großer Gruppengröße der Egoismus eines einzelnen Mitglieds den Nutzen pro Gruppenmitglied nur unwesentlich verringert, der Nutzen des Egoisten aber deutlich steigt.
Angenommen, ein egoistisches Mitglied stellt noch 50 weitere Schafe auf die Weide. Dann ist aus jedem Schaf nur noch ein Ertrag von (4000 : 4050) • 60 = 59,259 Euro erzielbar, eine zunächst kaum spürbare Differenz pro Tier. Alle Gruppenmitglieder würden folglich zum Jahresende einen Nutzen von 50 • 59,259 - 2000 = 2963 - 2000 = 963 Euro erwirtschaften.
Günstiger sieht es für unseren Egoisten aus, denn er erwirtschaftet einen Nutzen von 100 • 59,259 - 2000 = 5926 - 2000 = 3926 Euro.
Im vorliegenden Fall lohnt es sich also, egoistisch zu sein, sofern eine hinreichend große Anzahl an Mitgliedern es nicht ist. Es ist nun aber zu erwarten, daß sich immer mehr Gruppenmitglieder egoistisch verhalten werden, und der Ertrag für die nichtegoistischen Gruppenmitglieder noch weiter sinken wird.
Die Tragic of the Commons schaukelt sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe gerät in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen.

Am Ende wird das gesamte Feld so sehr mit Schafen vollstehen, daß es sich nicht mehr regenerieren kann. Die Schafe können sich dann nicht mehr ausreichend ernähren und die ökologische und wirtschaftliche Katastrophe nimmt ihren Lauf.“ (Ebd., S. 391-392).

7.5) Schutz von Gemeinschaftsgütern

7.5.1)   Steuern (S. 393-394)
7.5.2)   Zwangsmaßnahmen (S. 394)
7.5.3)   Institutionalisierung (S. 394-395)
7.5.4)   Grenzwerte (S. 395)
7.5.5)   Verursacherprinzip (S. 395)

„Der letzte Abschnitt (**) hat gezeigt: Stehen Gemeinschaftsgüter ungeschützt allen zur Verfügung, unterliegen sie der Gefahr, restlos ausgebeutet und erschöpft zu werden. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit der verschwenderischen Gefallen-wollen-Kommunikation, die in modernen Marktwirtschaften die alles bestimmende Kommunikationsform ist.“ (Ebd., S. 392-393).

„Im folgenden sollen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einige naheliegende Schutzmaßnahmen kurz erläutert werden.“ (Ebd., S. 393).

7.5.1) Steuern

„Zu den mildesten Schutzmaßnahmen gehört die Erhebung von Steuern: Die freie Nutzung des Gemeinschaftsgutes ist zwar dann weiterhin möglich, allerdings wird sie nun umso teurer, je intensiver die Nutzung ist.“ (Ebd., S. 393).

„In vielen Staaten etwa stellen die Verkehrsstraßen ein Gemeinschaftsgut dar: Sie stehen jedem Verkehrsteilnehmer zur freien Nutzung zur Verfügung. Allerdings werden in diesem Falle Benzin und Diesel besteuert, um mit den erzielten Einnahmen die Verkehrsinfrastruktur zu warten beziehungsweise zu erweitern.“ (Ebd., S. 393).

„Steuern, die in erster Linie der gezielten Verhaltenslenkung von Bürgern oder Unternehmen und nicht der staatlichen Einnahmeverbesserung dienen, werden allgemein Pigou-Steuern genannt. Beispielsweise könnte der Staat für unerwünschte Emissionen eine Steuer in einer bestimmten Höhe pro Emissionseinheit erheben. Der potenzielle Verschmutzer hätte dann die Wahl, entweder die Emission und damit auch die Steuerzahlung zu vermeiden, oder zu emittieren und die Steuer zu entrichten.“ (Ebd., S. 393).

„Zu den steuerlichen Maßnahmen kann auch der Emissionsrechtehandel gezählt werden .... Bei dem Konzept handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Coase-Theorems, welches davon ausgeht, daß Märkte Probleme, die durch externe Effekte entstehen (zum Beispiel Umweltverschmutzungen), unter bestimmten Voraussetzungen selbst lösen können. Das Konzept des Emissionsrechtehandels sieht dagegen vor, einen Markt für Verschmutzungsrechte einzurichten, um unerwünschte Emissionen in die Umwelt zu begrenzen. Neu an der Idee war, daß die Politik auf diese Weise die Möglichkeit erhält, konkrete Obergrenzen der Gesamtemission als Umweltziel direkt vorzugeben.“ (Ebd., S. 393).

„Dazu muß sie zunächst Obergrenzen für bestimmte Emissionen (zum Beispiel CO2) innerhalb eines festgelegten Gebietes und Zeitraums festlegen. Anschließend werden - entsprechend den vorgegebenen Obergrenzen sogenannte Umweltzertifikate ausgegeben, die zur Emission einer bestimmten Menge Schadstoff berechtigen. Wird etwa für eine bestimmte Region eine Obergrenze von 100 Millionen Tonnen CO2 innerhalb eines Jahres festgelegt, so können Umweltzertifikate, die insgesamt zur Emission von 100 Millionen Tonnen CO2 in einem Jahr berechtigen, ausgegeben werden. Die Obergrenzen könnten in den Folgejahren aus umweltpolitischen Gründen schrittweise gesenkt werden. Da die Umweltzertifikate frei handelbar sind, wird ihr Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Emissionen, die ohne ein durch entsprechende Umweltzertifikate erkauftes Emissionsrecht erfolgen, würden mit einer Strafe belegt.“ (Ebd., S. 393-394).

7.5.2) Zwangsmaßnahmen

„In bestimmten Fällen muß aber der Zugang zu Gemeinschaftsgütern durch Zwangsmaßnahmen (zum Beispiel Verbote) regelrecht verhindert werden. Darauf wies auch schon Garrit Hardin in seinem Artikel über die Tragic of the Commons (1968) hin. Interessanterweise schloß er in seine Aussage auch das Recht auf eigenen Nachwuchs ein, indem er prognostizierte, daß man dafür schon in naher Zukunft eine staatliche Erlaubnis benötige.“ (Ebd., S. 394).

7.5.3) Institutionalisierung

„Wie wir gesehen haben, besteht zwischen der Tragik der Allmende (siehe Abschnitt Tragik der Allmende) und der Tragic of the Commons (siehe Abschnitt Tragic of the Commons) eine gewisse Symmetrie. Die Tragik der Allmende handelt von Problemen im Umgang mit Gemeinschaftsaufgaben und die Tragic of the Commons mit Gemeinschaftsgütern.“ (Ebd., S. 394).

„Eine Tragik der Allmende läßt sich in vielen Fällen durch Institutionalisierung vermeiden, wie dies auch meist im Rahmen von Individualisierungsprozessen geschieht (siehe Abschnitt Individualisierung). Entsprechend könnten auch die Strategien zur Verhinderung einer Tragic of the Commons aussehen.“ (Ebd., S. 394).

„In unserem Schafhirtenbeispiel (**) etwa könnte das zu bestellende Feld einer Institution übergeben werden, die den weiteren Zugang regelt. Ein egoistisches Gruppenmitglied wäre dann nicht länger in der Lage, ungefragt weitere 50 Schafe auf die Weide zu stellen. Es wäre die Aufgabe der Institution, darauf zu achten, daß das Feld nicht überwirtschaftet wird und sich auch regelmäßig regenerieren kann.“ (Ebd., S. 394-395).

„Ganz ähnlich ließen sich auch andere Umweltressourcen verwalten. Beispielsweise könnte man die Gesamtverantwortung für den Rhein oder auch den brasilianischen Regenwald staatlich oder international kontrollierten Institutionen übertragen, die deren wirtschaftliche Nutzung und Reproduktion verantworten.“ (Ebd., S. 395).

„Grundsätzlich sollte stets die folgende Regel eingehalten werden: Nicht erneuerbare Ressourcen sind - sofern möglich - zu schonen beziehungsweise durch erneuerbare Ressourcen zu ersetzen. Erneuerbare Ressourcen sollten nur so stark genutzt werden, wie es ihre Reproduktionskapazitäten erlauben, das heißt, sie sollten sich regelmäßig regenerieren können.“ (Ebd., S. 394).

7.5.4) Grenzwerte

„Bei technischen Geräten lassen sich häufig bereits erhebliche Wirkungen durch Vereinbarung verpflichtender Grenzwerte erzielen. Ein Gerät erhielte unter solchen Voraussetzungen folglich nur dann eine Betriebserlaubnis, wenn es bezüglich bestimmter kritischer Werte innerhalb der festgesetzten Grenzen liegt.“ (Ebd., S. 395).

7.5.5) Verursacherprinzip

„In anderen Fällen könnte sich ein Verursacherprinzip als nützlich erweisen. Beispielsweise könnten Unternehmen dazu verpflichtet werden, vom Kunden ausrangierte Geräte zurückzunehmen und gemäß dem aktuellen Stand der Technik zu entsorgen.“ (Ebd., S. 395).

7.6) Ökosoziale Marktwirtschaft

„Als Gegenreaktion auf die immer offener zu Tage tretenden globalen ökologischen und sozialen Probleme wurde eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft vorgeschlagen (vgl. Franz Josef Radermacher, 2002; Frans Josef Radermacher / Bert Beyers, 2007, S. l35ff). Dabei soll insbesondere eine Balance zwischen drei sehr unterschiedlichen Zielvorgaben angestrebt werden, nämlich (**):
einer wettbewerbsstarken, auf Innovation und technologischer Spitzenleistung beruhenden Wirtschaft;
einer Ökologie im Sinne des nachhaltigen Schutzes unseres Lebensraumes für die Menschheit heute und für alle künftigen Generationen;
einem Bemühen um soziale Fairneß im kleinen und im großen als Voraussetzung für Frieden und ein stabiles Gemeinwesen.
Einige Ergebnisse des vorliegenden Buches lassen ahnen, daß ein Ausbalancieren der drei genannten unterschiedlichen Ziele in der Praxis auf äußerste Schwierigkeiten stoßen dürfte.“ (Ebd., S. 395-396).


„Auffällig ist, daß in der Liste keine Ziele bezüglich der gesellschaftlichen Reproduktion aufgeführt sind.“ (Ebd.).


„Insbesondere die ersten beiden Ziele scheinen in einem unmittelbaren Widerspruch zueinander zu stehen. Eine Wirtschaft aus lauter innovativen Märkten - evolutiven Infrastrukturen auf Basis der Gefallen-wollen-Kommunikation also - dürfte ganz automatisch zu Verschwendung und einer Ausnutzung aller frei oder zumindest leicht zugänglichen erneuerbaren beziehungsweise nichterneuerbaren Ressourcen tendieren. Es bedarf deshalb unbedingt weiterer Konzeptionierungen, wie die angestrebte Balance - auch vor dem Hintergrund der immer mächtiger werdenden Organisationssysteme - dann tatsächlich dauerhaft erreicht werden kann.“ (Ebd., S. 396).

Zitate: Hubert Brune, 2008 (zuletzt aktualisiert: 2009).


Anmerkungen
Peter Mersch definiert die Begriffe „Kultur“, „Zivilisation“ und „Moderne“ zum Teil anders als ich (**). In meiner Theorie ist eine Kultur erst dann auch Zivilisation, wenn sie „erwachsen“ bzw. modern geworden ist. Kultur ist hier stets als Oberbegriff gemeint. Genauer: Kultur als Hyperonym (Superordination) umfaßt auch Zivilisation als Hyponym (Subordination), auch Moderne als Hyponym (Subordination). Ähnlich wie Peter Mersch „Organisationssysteme“ definiert, so definiere ich Kultur(en), wobei auch ich davon ausgehe, daß derartige Organisationsysteme als „Superorganismen“ seit der Moderne sogar dabei sind, auch biologisch einen ähnlich großen evolutionären Sprung („Komplexitätssprung“, so Peter Mersch, ebd., S. 373) zu vollziehen wie vor ihnen die erfolgreichen Organismen. Organisationssysteme beinhalten Organismen, die Zellen beinhalten. (Zellen [Einzeller] sind autopoietische Systeme erster Ordnung; Vielzeller [Organismen] sind autopoietische Systeme zweiter Ordnung; Organisationssysteme sind autopoietische Systeme dritter Ordnung.) Mersch begründet seine sympathische Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen, ökonomischen und demographischen Argumenten, ich meine Theorie vor allem mit biologisch-evolutionstheoretischen, ökologischen, ökonomischen, demographischen und kulturgeschichtlichen. Unsere Theorien treffen sich also argumentativ in nicht wenigen Bereichen. Mersch vernachlässigt, wie ich finde, die Kulturgeschichte zu sehr. Kultur ist gemäß meiner Theorie vor allem als eine  G e m e i n s c h a f t s f o r m  - in etwa so wie ein  K u l t u r k r e i s  - zu verstehen, und zwar bezogen auf zwei Erscheinungen:
(1.) „Menschen-Kultur“ (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) als ein bis heute doch ziemlich abstrakt gebliebener „Kulturkreis“, da die Kultur dieser einen Menschheit ja konkret kaum existiert.
(2.) „Historien-Kultur“ als die aus bislang acht unterschiedlichen „Historien-Kulturen“ bestehende „Historiographie-Kultur“, und das heißt: die „Moderne der Moderne der Menschen-Kultur“ bzw. die „Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur“ oder aber sogar die „Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur“.
Man kann die Entwicklung der Menschheit evolutiv und/oder histori(ographi)sch beschreiben, aber sie blieb so lange nur evolutiv, so lange ihr die Schrift fehlte - also ist sie erst seit Beginn der Schrift zusätzlich auch historiographisch. Gemäß meiner Theorie ist die Schriftlichkeit - zusätzlich zu der ihr vorausgegangenen Seßhaftigkeit, der „Neolithischen Revolution“, den ersten Städten u.ä. - der Grund für die Notwendigkeit der Aufteilung einer Erscheinung in zwei Erscheinungen: „Menschen-Kultur“ (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) und die in ihr enthaltene „Historiographie-Kultur“ („Historien-Kultur“) mit den unterschiedlichen „Historien-Kulturen“. Die Aufteilung in diese beiden menschlichen Kulturphänome ist auch aus folgendem Grund sehr sinnvoll: Die „Menschen-Kultur“ hat bis heute keine wirkliche Einheit bzw. kein wirkliches Organisationssystem werden können, ihre einzelnen „Historien-Kulturen“ dagegen sehr wohl. Die „Menschen-Kultur“ ist also bis heute sehr blaß und abstrakt geblieben - ganz im Gegenteil zu ihren „Historien-Kulturen“.
(1.) Die „Menschen-Kultur“ umfaßt die Evolution bzw. die Geschichte der Menschheit - das heißt: die „Prähominisierung“, „Hominisierung“, „Sapientisierung“, „Historisierung“. Mit ihrer „Moderne“ als ihrer „Historisierung“ beginnt auch ihre „Zivilisation“, obwohl „Moderne“ und „Zivilisation“ nicht genau dasselbe bedeuten.
Die Menschwerdung ist noch lange nicht beendet! Sie wird definitiv erst mit dem Tod des letzten Menschen beendet sein. Das letztmalige echte Gefühl der Zusammengehörigkeit der Menschen als eine Menschheit war vielleicht die „Mondlandung“ (1969). Aber Einrichtungen wie die UNO, die ein historienkulturelles - nämlich ein abendländisches (und innerhalb des Abendlandes ein angelsächsisches und also ein genuin sehr wikingerhaftes [Motto: „Nimm dir, was du haben willst“], zu „individuelles“ und deshalb unbrauchbares) - Konstrukt ist, oder die WTO dienen nur der Minderheit (4%) einer Minderheit (20%) aller Menschen (100%). UNO, WTO, Weltbank und IWF sind also eher Beispiele dafür, daß ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen eben gerade nicht entstehen soll und wird. Die echten Gefühle dafür müssen aus der kulturellen Seele selbst kommen.
(2.) Die „Historien-Kultur“ ist die aus den 8 Historienkulturen bestehende „Moderne der Menschen-Moderne“ - das heißt: „Moderne der Moderne der Menschen-Kultur“ bzw. „Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur“ oder eben sogar „Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur“.
„Historien-Kultur“ bedeutet somit einerseits die Moderne der Moderne der Menschen-Kultur und andererseits die eigenartigen und sich unterschiedlich beeinflussenden Historien-Kulturen (in der Fachliteratur oft „Hochkulturen“ oder auch einfach nur „Kulturen“ genannt), für die gilt: je näher, desto mehr Berührungen, gegenseitiger Einfluß und also Beziehungen, aber auch entschiedene Abgrenzung voneinander (vgl. folgende Abbildung):
In meiner Theorie sind Kulturen im allgemeinen und im besonderen als den Lebewesen sehr ähnlich aufzufassen. Außerdem sind alle Historienkulturen als Abweichungen (besonders in der künstlerischen Art bzw. Form) von der Menschenkultur zu verstehen, in die sie über ihre Modernen bzw. Zivilisationen allmählich wieder einmünden - allerdings auf jeweils andere, nämlich kulturspezifische Art und Weise. Insofern und auch aufgrund anderer Hypothesen, z.B. auch der über die „vorgeburtliche“ Existenz einer jeden Kultur, unterscheidet sich meine Kulturtheorie auch sehr von allen bisherigen mir bekannten Kulturtheorien.
Die abendländische Kultur ist übrigens die einzige Kultur, die es tatsächlich geschafft hat, den Globus zu erobern und also ihre Globalisierung - sie ist grundsätzlich Absicht, Ziel bzw. Finalität jeder Kultur (ähnlich dem Motto: „Ausdehnung ist alles“) - in eine Wirklichkeit umzusetzen. Um das zu können, muß man aber zunächst noch nicht so wirtschaften wie heute, sondern zuvor (!) eine kulturelle Gemeinschaft gebildet haben. Kulturelle Gemeinschaft - vor allem als Gefühl (!) - ist die Voraussetzung dafür, nicht ihre Wirtschaft, die lediglich eine Folge davon ist, wenn auch bald so stark, daß sie gerade das historienkulturelle Gemeinschaftsgefühl fast ganz in den Schatten zu stellen vermag und als ein „Motor“ für die oben erwähnte Einmündung der Historienkulturen in die Menschenkultur fungiert, obwohl diese Einmündung bisher noch nie so richtig geklappt hat, weil die Menschenkultur ein zu sehr abstraktes und also zu wenig konkretes Gebilde ist. Die abendländische Kultur hat also wegen ihrer tatsächlich realisierten Eroberung des Planeten Erde die Möglichkeit zum Beweis, ob ihr eine solche Einmündung gelingt (dafür müßte sie alle anderen Menschen und damit alle anderen noch existierenden Kulturen integrieren [ich persönlich glaube, daß sie gerade das nicht kann]). Die Wirtschaft hat sich im Abendland bereits viel zu sehr von der Kultur als der Gemeinschaft getrennt, und die Kulturgemeinschaft selbst ist offensichtlich nicht mehr fähig, die Wirtschaft zu zähmen. Die abendländische Wirtschaft hat sich von der abendländischen Kultur so sehr „emanzipiert“, daß sie neben anderen abendländischen Erscheinungen eine ziemlich große Gefahr für den Untergang des Abendlandes bedeutet.
Als ich feststellte, daß Mersch offenbar ebenfalls davon ausgeht, daß „die Schrift ... die Grundvoraussetzung für das Entstehen moderner menschlicher Superorganismen“ (**) war, war ich über diese Aussage zunächst fast wie verblüfft, denn gemäß meiner Kulturtheorie (die ich übrigens 11 Jahre eher veröffentlichte als Mersch seine Systemische Evolutionstheorie) war für das Entstehen der Historienkulturen die Schrift die Grundvorausetzung, so daß man hier die Schlußfolgerung ziehen könnte, daß das, was Mersch „Superorganismen“ nennt fast deckungsgleich ist mit dem, was ich „Historienkulturen“ nenne.
Peter Mersch definiert auch den Begriff „Globalisierung“ zum Teil anders als ich (**). Gemäß meiner Theorie ist Globalisierung die Geschichte einer jeden Historienkultur, besonders die des Abendlandes. Die Kulturgeschichte des Abendlandes ist eine Geschichte der Globalisierung. Nachdem die drei für das Abendland unentbehrlichen Faktoren aufeinander getroffen waren - Germanentum, Römerreich, Christenheit -, wurde sie mittels einer zunächst noch wenig konkrete Formen annehmende „Mythomotorik“ des jungen Abendlandes möglich. Der Gedanke an ein Reich spielte also von Beginn an eine ganz besonders wichtige, weil „kulturgenetisch“ bedingte Rolle, nämlich reichshistorisch (römisch), reichsreligiös (christlich) und reichskybernetisch (germanisch), denn eine „Kultur“ kann nur dann Kultur werden, wenn sie auch sich selbst steuern kann. Ohne die Germanen gäbe es keine Abendland-Kultur, kein Europa. Ohne die Germanen hätte sich das Abendland nicht zu einer selbständigen Kultur entwickeln können. Die Germanen sind die Gründer Europas.
Wer von „Globalisierung“ spricht, kann dreierlei meinen: (a) Globalisierung als Kulturgeschichte, (b) Globalisierung als eine kulturgeschichtliche Phase (Globalismus, Cäsarismus, Zeusiokratie u.ä.), (c) Globalisierung als eine absolute Dominanz der globalen Wirtschaft (Weltwirtschaft, Globalwirtschaft, Globalkapitalismus u.ä.). Zwei (b und c) dieser drei Definitionen kann man zusammenfassen, weil das von der heutigen Öffentlichkeit „Globalisierung“ genannte Phänomen sowohl ein Ausdruck des Zeigeistes im Sinne der erwähnten abendländischen Kulturphase (vgl. b) ist als auch die Dominanz der ja vom Abendland hervorgebrachten und dominierten Globalwirtschaft (vgl. c) bezeichnet. Aber das, was „Globalisierung“ dem Ursprung nach bedeutet, ist den meisten Menschen gar nicht mehr bewußt.
Der Globalismus ist eine Kulturphase, nicht aber die Globalisierung, denn diese wird häufig lediglich als ein wirtschaftliches Phänomen begriffen, also im Sinne einer Welt- bzw. Globalwirtschaft, eines Globalkapitalismus.
Globalismus als Kulturphase bedeutet auch Befruchtung und, daß diese Phase allen Akteuren alle Möglichkeiten schenkt. Doch deren Auswirkungen können positiv, aber auch negativ sein. Diese Phase ist so offen wie keine andere Phase; in ihr sind alle Chancen gegeben; in ihr werden die Karten neu gemischt (und verteilt !); es wird gewürfelt, und wer kein Glück hat oder die Gelegenheiten verpaßt, ist erst einmal draußen - vielleicht auch für immer. Das Abendland steht erst am Anfang dieser Phase und sollte sich nicht von ihren Verlockungen des Allen-alles-Versprechens leiten lassen oder sich etwa darauf verlassen oder gar berufen, daß die anderen 7 Kulturen diese Phase glücklich erlebt oder überlebt haben. Keine der anderen 7 Kulturen war eine so extreme Globalisierungskultur wie das Abendland!Eine sehr interessante Frage, ob das für die Zukunft der abendändischen Menschen, ja sogar für die Zukunft aller Menschen (mehr) positive oder (mehr) negative Auswirkungen haben wird!
„Organisationen wollen wachsen ....“ (**). Ganz besonders seit der oben beschriebenen Zeit degradieren Organisationssysteme „die jeweiligen Nationalstaaten regelrecht zu ihren Lieferanten für Humankapital, Ressourcen (Rohstoffe, Entsorgung, Endlagerung u.s.w.) und Infrastrukturen ..., während sie sich selbst zu eigenständigen, international operierenden Systemen von geradezu ungeheuerlicher Macht und Größe aufbauen, die nun durch praktisch niemanden mehr kontrollierbar sind.“ (**). Dies geschieht - wie gesagt - in ganz besonders hohem Ausmaß seit der oben beschriebenen Zeit. „Basierte der Wohlstand eines Landes bislang maßgeblich auf der Leistungsfähigkeit seiner Unternehmen (»der Wirtschaft«), so dürfte er in Zukunft eher auf dem Reichtum seiner Ressourcen (Rohstoffe wie Erdöl, Humankapital) und der Ausgereiftheit von Regelwerken und Infrastrukturen beruhen.“ (**). Schlechte Zeiten besonders für diejenigen Nationen und Imperien, die darüber nicht (mehr) oder kaum (mehr) verfügen.
Es ist durchaus möglich, daß die von Peter Mersch beschriebenen „Organisationssysteme“ (**) der „Moderne“ einen bedeutenden, vielleicht sogar den bedeutendsten Beitrag (er ist seit Beginn der abendländischen Moderne exponentiell gestiegen), zur weiteren Entwicklung leisten, aber ob dieser positiv oder negativ zu bewerten ist, wird erst die Zukunft zeigen können, denn der Globalismus als Kulturphase (Befruchtung oder Cäsarismus) hat gerade erst begonnen, muß aber beendet sein, um sich darüber ein Urteil bilden zu können. Hier wäre eine Prognose angebracht. Ich verweise diesbezüglich auf die vielen um dieses Thema kreisenden Seiten meiner Webpräsenz (**).
Hubert Brune

WWW.HUBERT-BRUNE.DE
- Literaturverzeichnis -