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Peter Mersch (*1945)
- Literatur -
Mersch-Zitate. Da ich Peter Mersch für einen der informativsten Wissenschaftler halte, möchte ich ihm einige
separate Seiten widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:   

- Land ohne Kinder (2005) -
- Die Familienmanagerin (2006) -
- Irrweg Bürgergeld (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (2010) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Zitat vom 25.12.2012, 07:22:59 -

Wozu gibt es Sexualität. Das Königsproblem der Evolutionsbiologie (2012) **
–  Die Nachteile der Sexualität (S. 21-23)
–  Die Vorteile der Sexualität (S. 25-43)
–  Zusammenfassung (S. 45)

Die Nachteile der Sexualität

„Sexualität ist komplex, ineffizient und teuer.
Die sexuelle Fortpflanzung ist erheblich komplexer als die asexuelle Reproduktion, und zwar unter anderem durch die folgenden Umstände, die zwar nicht für alle sich sexuell fortpflanzenden Lebewesen zutreffen, jedoch fur die meisten höheren Tierarten:
Frühzeitige Aufteilung der Zellen in Geschlechtszellen (Keimzellen, Gameten) und Körperzellen.
Aufteilung der Gameten in zwei unterschiedliche Typen, die sich bereits von der Größe her ganz erheblich unterscheiden (Anisogamie). Bei allen höheren tierischen Lebewesen einschließlich des Menschen werden die Gameten der Weibchen Eizellen (Eier) genannt, die der Männchen Spermatozoen oder Spermien
Die Anisogamie (Eier sind teuer, Spermien dagegen billig) ist die Basis für die unterschiedlichen Elterninvestments der beiden Geschlechter und damit letztlich auch für die sexuelle Selektion.
Bei sogenannten diploiden Arten (zu denen auch der Mensch zählt) enthalten die Gameten jeweils nur einen Satz Chromosomen, das heißt, sie sind haploid, während die Körperzellen jeweils zwei Chromosomensätze beinhalten, die folglich diploid sind. Bei solchen Arten kommt es während der Produktion der Gameten zum komplexen Vorgang der Reduktionsteilung (Meiose), weshalb die Gameten dann auch Meiogameten genannt werden.
Bei der Befruchtung kommt es zu einer komplexen Vereinigung von zwei haploiden Gameten unterschiedlicher Paarungstypen zu einer diploiden Zygote, aus der sich dann durch weitere Zellteilungen (Mitose) und die nachfolgende Spezialisierung der aus ihr hervorgegangenen diploiden Zellen zunächst ein Embryo und später das ausgewachsene Individuum entwickeln.
Daneben besteht in sich sexuell reproduzierenden Populationen noch ein logistisches Problem, denn die verschiedenen Individuen müssen - bevor sie sich fortpflanzen können - zunächst einen geeigneten Sexualpartner finden. Das kann sich aber insbesondere bei vergleichsweise kurzlebigen Spezies oder geringer Populationsdichte als ausgesprochen schwierig erweisen. Die ausschließlich asexuelle Reproduktion dominiert deshalb vor allem bei Spezies, die die Evolution erst vor noch nicht allzu langer Zeit hervorgebracht hat.“ (Ebd., S. 21).

„Und schließlich ist getrenntgeschlechtliche Sexualität teuer, da die Männchen keinen eigenen Nachwuchs zur Welt bringen können, mit den Weibchen jedoch um die Ressourcen des Lebensraums konkurrieren.“ (Ebd., S. 22).

Sexualität erzeugt eine geringere Zahl an Nachkommen.
Würden in einer getrenntgeschlechtlichen Population weibliche, sich asexuell fortpflanzende Mutanten zur Welt kommen, die lauter Nachkommen des gleichen Typs hätten (weiblich; fähig zur asexuellen Fortpflanzung; Nachkommen ebenfalls weiblich), dann könnten sich diese sukzessive in der Population durchsetzen, da sie doppelt so viele fortpflanzungsfähige Nachkommen produzieren könnten wie die restlichen getrenntgeschlechtlichen Individuen. Das gleiche würde für Hermaphroditen- Mutanten gelten.
Die getrenntgeschlechtlichen Individuen der Population benötigten zur eigenen Bestandserhaltung mindestens eine Fertilitätsrate von 2,0 (mindestens zwei Nachkommen pro Weibchen), die Mutanten (asexuell, Hermaphroditen) dagegen nur eine von 1,0 (mindestens ein Nachkomme pro Individuum).
Getrenntgeschlechtliche Populationen sind folglich -gemessen an der Zahl ihrer potenziellen Nachkommen - reproduktiv weniger leistungsfähig als Hennaphroditen oder sich asexuell vermehrende Populationen.
Allerdings wird bei einer solchen Aussage implizit angenommen, daß männliche Individuen nur ihre Gene zum Nachwuchs beisteuern. Das ist zwar bei vielen Arten tatsächlich der Fall, bei anderen (insbesondere beim Menschen) jedoch nicht. Der reproduktive Nachteil getrenntgeschlechtlicher Populationen gegenüber Hermaphroditen oder sich asexuell fortpflanzenden Populationen könnte sich deshalb in der Praxis auch als geringer erweisen, als es gemäß der obigen Rechnung den Anschein hat.“ (Ebd., S. 22).

Sexualität begünstigt egoistische Gen-Kombinationen.
Da bei der genetischen Rekombination nicht alle Gene weitergegebenwerden, ist ein Aufkommen von Mutanten vorstellbar, die sich auf die Verbreitung ihrer eigenen Gene auf Kosten alternativer Allele spezialisiert haben (zum Beispiel durch Beeinflussung der Meiose). Solche Gen-Kombinationen werden »egoistisch« genannt.“ (Ebd., S. 23).

Rekombination kann günstige Gen-Kombinationen zerstören.
Bei der genetischen Rekombination werden die Gene beider Elternteile durchmischt, wodurch besonders günstige Gen-Kombinationen auch wieder zerstört werden können. Etwas Vergleichbares ist bei der asexuellen Fortpflanzung nicht möglich, denn dort kann es höchstens durch Mutationen zu einer »Verschlechterung« des Genoms kommen.“ (Ebd., S. 23).

4.30.2) Die Vorteile der Sexualität

Rekombination erzeugt eine enorme genetische Vielfalt.
Sexualität erzeugt aufgrund der genetischen Rekombination eine ungeheure genetische Vielfalt, die ihrerseits das »Grundmaterial« fur die natürliche Auslese liefert. Es sind die genetischen Unterschiede, die die Evolution in Gang setzen. Bei genetischer Gleichförmigkeit aller Individuen einer Art wäre Evolution durch natürliche Auslese nicht möglich. Daneben bringt die Durchmischung der Gene eine höhere Flexibilität mit sich, wodurch die Anpassung an neue Umweltbedingungen, Krankheitserreger und Parasiten erleichtert wird.
In diploiden Individuen (mit doppelten Chromosomensätzen) kann das zweite Allel als Backup dienen, falls einmal ein Allel verlorengegangen ist (beziehungsweise zerstört wurde). Aus den gleichen Gründen können diploide Spezies höhere Mutationsraten verkraften, weswegen sie sich besonders schnell an verändernde Rahmenbedingungen anpassen können. Und schließlich codieren verschiedene Allele meist für leicht unterschiedliche Merkmale, wodurch sich die Flexibilität des Phänotyps gegenüber unterschiedlichen Umgebungsbedingungen erhöhen kann (Heterozygotenvorteil).
Die Ausführungen im Abschnitt Sexualität machten aber bereits deutlich, daß die genetische Rekombination keineswegs erklären kann, warum sich die Getrenntgeschlechtlichkeit bei höheren Lebewesen gegenüber dem Hermaphroditismus durchgesetzt hat.“ (Ebd., S. 25).

Sexualität kann ungünstige Mutationen entfernen.
Die Mindestzahl der ungünstigen Mutationen innerhalb einer Population kann bei der asexuellen Reproduktion nicht mehr reduziert werden, höchstens durch Rückmutationen, die aber extrem unwahrscheinlich und selten sind. Bei der sexuellen Fortpflanzung könnten dagegen nachteilige Mutationen wieder durch genetische Rekombinationen verloren gehen. Dies dürfte insbesondere dann der Fall sein, wenn die Weibchen aus der Menge der Männchen diejenigen bevorzugen, die besonders gut an den Lebensraum angepaßt sind und folglich nur über sehr wenige nachteilige Mutationen verfügen.
Der genannte Vorteil dürfte sich besonders stark in getrenntgeschlechtlichen Populationen (und weniger stark bei Hermaphroditen) bemerkbar machen, allerdings auch nur dann, wenn die Männchen im Durchschnitt den deutlich geringeren Anteil an den Elterninvestments tragen, so daß es zu einer verstärkten Auslese unter den männlichen Individuen kommen kann.
Das gerade erzielte Ergebnis steht in einem direkten Bezug zum nächsten Punkt »Sexualität kann günstige Mutationen beschleunigt verbreiten« (**): Die Sexualität ist sowohl in der Lage, ungünstige Mutationen aus dem Gen-Pool einer Population effizient zu entfernen, als auch günstige Mutationen beschleunigt zu verbreiten. Allerdings setzt dies voraus, daß in der Population ein nennenswerter Unterschied in der potenziellen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich besteht.“ (Ebd., S. 26).

Sexualität kann günstige Mutationen beschleunigt verbreiten.
: Die viel höhere potentielle Fruchtbarkeit des männlichen Geschlechts (nur bei durchschnittlich signifikant verminderten Elterninvestments) in Kombination mit dem weiblichen Partnerwahlverhalten (im Tierreich meist anhand sogenannter Fitneßindikatoren) kann zu einer deutlich beschleunigten Verbreitung von Erfolgsmerkmalen innerhalb einer Population führen. Viele männliche Individuen werden dann nämlich keine oder nur sehr wenige Nachkommen haben, andere dafür vergleichsweise viele. Getrenntgeschlechtliche Populationen sind folglich Hermaphroditen gegenüber von der Fortpflanzung her zwar quantitativ unterlegen, doch qualitativ überlegen: dies ist einer ihrer entscheidenden Vorteile.
In diesem Zusammenhang ist zusätzlich zu beachten, daß Männer häufiger von genetischen Mutationen betroffen sind als Frauen, was möglicherweise auf die männliche XY-Chromosomen-Asymmetrie zurückzuführen ist. (Bei den Ameisen etwa sind die Männchen haploid, die Weibchen dagegen diploid. Anch dieser Umstand sorgt für eine schnellere Ausprägung genetischer Mutationen auf der männlichen Seite.). Beispielsweise sind sechs von sieben Inselbegabten Männer. Der bekannte Inselbegabte Kim Peek verfügt zwar über außergewöhnliche geistige Fähigkeiten, die sich auf ein gegenüber nichtautistischen Menschen völlig anders strukturiertes Gehirn zurückführen lassen, gleichzeitig ist er aber auch geistig behindert. Die meisten Mutationen dieser Art wirken sich nämlich in der Summe eher ungünstig aus. Dennoch kann der Natur auf diese Weise gelegentlich ein »Volltreffer« gelingen. So behauptet der Hirnforscher Michael FitzgeraId etwa, selbst bei Genies wie Einstein, Newton, Beethoven oder Mozart habe eine mehr oder weniger starke Ausprägung von Autismus vorgelegen. (Die meisten Sozialwissenschaftler und auch einige Biologen sind der Auffassung, der Mensch habe die genetische Evolution mehr oder weniger aufgehoben. Auch die sogenannte Leere-Blatt-Hypothese [**] geht von dieser Annahme aus. Inselbegabte wie Kim Peek oder Matt Savage demonstrieren aber in aller Deutlichkeit, daß dies nicht der Fall sein kann. Offenbar besitzt das menschliche Gehirn ein für uns geradezu unvorstellbares genetisches Entwicklungspotenzial.).
Auch bei der Intelligenz scheint eine ähnlich asymmetrische GeschIechterverteilung wie bei Inselbegabten vorzuliegen: die Varianz der Intelligenzverteilung bei Männern ist deutlich höher als bei Frauen. Beispielsweise ergab ein Test unter 2.500 Geschwistern, daß sich unter den »klügsten« und »dümmsten« zwei Prozent einer Bevölkerung doppelt so viele Männer wie Frauen befinden.
Beispiel:
Stellen wir uns nun in einem Gedankenexperiment vor, ein Mensch habe durch eine genetische Mutation die Gabe erhalten, durch zehnmimltiges Handauflegen Krebs zu heilen.
Wir können drei Fälle unterscheiden:
Die Person ist eine Frau.
Vermutlich würde die Frau ihre Bestimmung darin sehen, möglichst viele Krebskranke zu heilen. Sie würde zwar viel Geld verdienen, aber kaum Zeitfür eigene Kinder haben. Gegebenenfalls würde sie kinderlos bleiben. In der nächsten Generation wäre die genetische Mutation wahrscheinlich
Der Mann würde ebenfalls seine Bestimmung darin sehen, möglichst viele Krebskranke zu heilen. Er würde viel Geld verdienen, eine Ehefrau, viele Freundinnen und viele Kinder haben. In der nächsten Generation gäbe es wahrscheinlich bereits fünf oder mehr Menschen mit der gleichen genetischen Mutation.
Die Person ist ein Mann in einer Gesellschaft mit geschlechtsneutralen Lebensentwürfen.
Der Mann würde gleichfalls seine Bestimmung darin sehen, möglichst viele Krebskranke zu heilen. Er würde zwar viel Geld verdienen, aber kaum Zeit für eigene Kinder haben, da er für jedes Kind die Hälfte der Familienarbeit leisten müßte. Gegebenenfalls würde er kinderlos bleiben. In der nächsten Generation wäre die genetische Mutation wahrscheinlich bereits wieder verschwunden.
Während die Natur also dem weiblichen Geschlecht den Hauptteil der Fortpflanzungsarbeit zugewiesen hat, kommt es dem männlichen Geschlecht zu, die Evolution zu beschleunigen und für eine möglichst rasche Anpassung an den Lebensraum zu sorgen, das heißt, die Evolutionsfähigkeit zu verbessern. (Vgl. Christoph von der Malsburg, Ist die Evolution blind?, 1987, a.a.O.). Es ist folglich von Vorteil, wenn das männliche Geschlecht stärker von Mutationen betroffen ist, denn dann können ungünstige Mutationen leichter »eliminiert« und günstige gefordert werden, und zwar alles auf ganz natürliche Weise. Vermutlich ist ein Großteil des menschlichen Intellekts auf genau diese Weise entstanden.
Leider verkennen selbst ausgewiesene Experten mitunter die wahre Dynamik der Fortpflanzung in getrenntgeschlechtlichen Populationen ....“ (Ebd., S. 26-28).

Sexualität fördert die Entfaltung von Reproduktionsinteressen.
Die unterschiedlichen elterlichen Aufwände für die beiden Geschlechter haben noch eine andere Konsequenz, die im Rahmen der Systemischen Evolutionstheorie eine wesentliche Rolle spielt: Je geringer der männliche Anteil an den elterlichen Investments ist, desto stärker kann sich das männliche Reproduktionsinteresse entfalten.
Denn im Grunde könnte ja die folgende Kritik an der Systemischen Evolutionstheorie geäußert werden:
Das Kriterium natürliches Reproduktionsinteresse fordert zwar, daß die Reproduktionsinteressen der Individuen nicht negativ mit dem Grad ihrer Anpassung an den Lebensraum korrelieren, sie könnten dann aber theoretisch so stark positiv korrelieren, daß mit zunehmender Anpassung an den Lebensraum durchschnittlich mehr Nachkommen in die Welt gesetzt werden als anschließend versorgt werden können. Die Reproduktionsinteressen würden zwar in einem solchen Falle nicht negativ mit dem Grad der Anpassung der Individuen an den Lebensraum korrelieren, trotzdem würde der Reproduktionserfolg der Individuen mit zunehmender Anpassung sinken. Dies wäre dann eine Verletzung des Prinzips der natürlichen Auslese, welches aber angeblich aus den Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie ableitbar ist.
Zoologen weisen beispielsweise darauf hin, daß sowohl zu geringe als auch zu hohe Reproduktionsinteressen (etwa in Form zu kleiner beziehungsweise zu großer Gelegegrößen bei Vögeln aus evolutionärer Sicht von Nachteil sind. Sie prognostizieren aber, daß sich solche Interessenabweichungen innerhalb einer Population - sofern keine systematische Ursache vorliegt - langfristig ausgleichen werden.
Allerdings haben solche Überlegungen für das männliche Geschlecht eine umso geringere Bedeutung, je kleiner deren Anteil an den Elterninvestments ist, wodurch eine umso größere Varianz beim männlichen Reproduktionserfolg möglich wird. Unter solchen Verhältnissen dürfte das männliche Reproduktionsinteresse allgemein sehr hoch sein, und weitere Abweichungen nach oben werden - anders als beim weiblichen Geschlecht - kaum negative Konsequenzen nach sich ziehen. Ist der männliche Anteil an den Elterninvestments beispielsweise nahezu vernachlässigbar (die Männchen steuern lediglich ihre Gene zum Nachwuchs bei), dann dürfte das männliche Reproduktionsinteresse praktisch unlimitiert hoch sein, und die Männchen werden jede erdenkliche Gelegenheit zur Fortpflanzung nutzen wollen, schließlich entstehen für sie dabei keine zusätzlichen Lasten.
Aus evolutionärer Sicht ist die Höhe des männlichen Reproduktionsinteresses von größerer Bedeutung als die des weiblichen (vgl. Peter Mersch, Die Emanzipation - ein Irrtum!,  2007, S. 94ff. [**]). In familien- und bevölkerungspolitischen Überlegungen konzentriert man sich dagegen fast ausschließlich auf die weiblichen Reproduktionsinteressen, was dem Gesamtkomplex »Fortpflanzung« aber nicht gerecht wird.
Die bisherigen Aufzählungen der Nachteile und Vorteile der Sexualität lassen weitere Zweifel an der Stichhaltigkeit der Theorie der egoistischen Gene (vgl. Richard Dawkins, Das egoiustische Gen, 1976) aufkommen.
Denn aus Sicht der egoistischen Gene stellt die sexuelle Fortpflanzung zunächst einmal ein Risiko dar, da dabei nicht sicher ist, welcher Anteil des eigenen Erbmaterials bei den Nachkommen zur Geltung kommen wird. Bei der asexuellen Fortpflanzung wird das gesamte eigene Erbgut an die nächste Generation weitergeben, bei der sexuellen Fortpflanzung dagegen nur teilweise. Biologen sprechen deshalb auch von den »zweifachen Kosten der Sexualität« für die Weibchen.
Ferner könnten viele der eigenen Allele rezessiv im Vergleich zum Erbmaterial des Fortpflanzungspartners sein. Auch könnte die Kombination mit den Genen des Sexualpartners zu einer geringeren Anpassung an den Lebensraum führen und sich in der Folge als ausgesprochen ungünstig erweisen. Möglicherweise könnten sich die eigenen Nachkommen dann nicht einmal mehr fortpflanzen, so daß mit ihnen das genetische Aus käme.
Trotz all dieser offenkundigen Nachteile aus genzentrischer Sicht hat sich die sexuelle Fortpflanzung evolutionär durchgesetzt.
Wie wir gesehen haben, spielt das männliche Geschlecht - aufgrund dessen größerer Varianz beim Fortpflanzungserfolg - für die Verbreitung von Genen eine bedeutendere Rolle als das weibliche. Auch ist es bei vielen biologischen Arten einer höheren Mutationsrate (Mutagenität) ausgesetzt.
Bei den meisten sozialen Insekten etwa sind die Männchen haploid, weswegen sich genetische Mutationen bei ihnen unmittelbar im Phänotyp bemerkbar machen werden. Vor der Paarung unterliegen die Männchen jedoch zunächst noch einer gesonderten (sexuellen) Selektion. Bei den Treiberameisen beispielsweise entscheiden die Arbeiterinnen, welches zugeflogene und dann entflügelte Männchen zur Königin darf. Bei anderen Ameisenarten kämpfen flügellose Männchen solange gegeneinander, bis nur noch eins übriggeblieben ist, während die geflügelten Exemplare einem weiteren Wettbewerb ausgesetzt sind. Gegebenenfalls konkuuieren die siegreichen geflügelten und ungeflügelten Individuen am Ende um den Zugang zur Königin, wobei sie sich mit allerlei Tricks gegenseitig zu überlisten versuchen (zum Beispiel bei der tropischen Ameise Cardiocondyla obscurior). Es ist deshalb von Vorteil, wenn sich bei ihnen günstige Mutationen sofort in Merkmalen ausprägen können, denn nur dann können sie einen Einfluß auf die sexuelle Selektion nehmen. Ein Merkmal, welches erst bei den Enkeln zur Geltung käme, würde in diesem Zusammenhang nichts nützen.
Offenbar geht es bei der Evolution also nicht nur um die Verbreitung der eigenen Gene, sondern ganz entscheidend auch um deren Verbesserung. Die Reproduktion besitzt stets sowohl quantitative als auch qualitative Aspekte, wobei letztere speziell bei höheren Lebewesen von vorrangiger Bedeutung zu sein scheinen.
Wenn - wie bei vielen Ameisenarten - alle Arbeiterinnen Schwestern sind und sich genetisch zu 75 Prozent gleichen, dann stellen ihre Gene kein Alleinstellungsmerkmal mehr dar. Auch - und das ist ganz wichtig - besitzen Ameisenweibchen keine fälschungssicheren Fitneßindikatoren. Solche Merkmale entfalten sich erst in der Konkurrenz, wie sie nur unter den Männchen besteht.
Erst durch die sexuelle Auslese unter den Männchen und der dadurch bedingten überproportionalen Ausbreitung der Gene der erfolgreicheren männlichen Exemplare entsteht so etwas wie eine beschleunigte Evolution beziehungsweise Anpassung an den Lebensraum, und erst hierdurch kommt ein ganz wesentlicher Vorteil getrenntgeschlechtlicher Populationen zur Geltung.
Aus Sicht ihrer Gene verfolgen die beiden Geschlechter dabei recht unterschiedliche Strategien: Männchen wollen, daß sich ihre Gene durchsetzen, während die Weibchen vor allem an einer Verbesserung beziehungsweise Optimierung ihres genetischen Materials interessiert sind, andernfalls wäre die Parthenogenese (Jungfernzeugung) für sie die bessere Wahl. Daß dies tatsächlich so ist, läßt sich selbst am weiblichen Partnerwahlverhalten in modernen menschlichen Gesellschaften erkennen.
Egoistisch im Sinne ihrer Gene verhalten sich folglich in erster Linie männliche Individuen. Man könnte die Theorie der egoistischen Gene deshalb gewissermaßen auch als male-centric bezeichnen.“ (Ebd., S. 28-30).

Sexuelle Arbeitsteilung kann den Reproduktionserfolg erhöhen.
Lebewesen geht es vor allem um den eigenen Selbsterhalt und die Fortpflanzung. Aus diesem Grund gliedern Soziobiologen den Lebensaufwand eines Individuums in die beiden Unterbereiche somatischer Aufwand und Reproduktionsaufwand, wobei ersterer primär dazu dient, Reproduktionspotenzial zu akkumulieren und letzterer dazu, dieses dann wieder zu verausgaben (vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 84).
Adam Smith rechnete in seinem Hauptwerk »Der Wohlstand der Nationen« (1776) vor, daß ein Nagelmacher, der alles selbst ausführt, pro Tag höchstens ein paar hundert Nägel herstellen kann, während er in einer Nagelfabrik, in der die Arbeiten gemäß dem Prinzip der Arbeitsteilung in kleine Einzelschritte zerlegt sind, umgerechnet mehr als 4800 Nägel pro Tag produzieren kann. Eine arbeitsteilige Produktionsweise kann folglich äußerst effizient sein.
Aus dem gleichen Grund kann es von Vorteil sein, die beiden zentralen Lebensaufgaben zwischen den Geschlechtern aufzuteilen: Das männliche Geschlecht kümmert sich dann vorwiegend um den Selbsterhalt und das weibliche um die Fortpflanzung. Auch ist damit eine effizientere Erfüllung des Darwinschen Selektionsprinzips möglich, welches von einer gleichzeitigen Optimierung der beiden Lebensaufgaben Selbsterhalt und Fortpflanzung (übersetzt: »Individuen, die sich besser selbsterhalten können, pflanzen sich häufiger fort«) spricht. Bei einer fehlenden Auftrennung der genannten Lebensbereiche dürfte es dagegen immer zu Zielkonflikten kommen.
Ist der. Gesamtprozeß der Fortpflanzung (inklusive Erziehung, Bildu.ng und Sozialisation) mit einem ähnlich hohen Aufwand verbunden wie die Ressourcenbeschaffung (Selbsterhalt), könnte eine solch strikte sexuelle Arbeitsteilung gemäß den Berechnungen Adam Smiths sogar reproduktiv leistungsfähiger sein als die Fortpflanzungsweise von Hermaphroditen oder sich asexuell vermehrenden Populationen.
Die Anthropologen Kuhn und Stiner sind der Ansicht, die spezifische menschliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtem habe einen entscheidenden evolutionären Vorteil dargestellt, da es dem Homo sapiens sapiens auf diese Weise gelungen sei, mehr Nachwuchs durchzubringen. Bei den Homo sapiens neanderthalensis soll eine ähnlich strikte sexuelle Arbeitsteilung nicht bestanden haben, was entscheidend zu deren Aussterben beigetragen habe. Allerdings ging die menschliche sexuelle Arbeitsteilung mit einem Autonomieverlust auf weiblicher Seite einher.“ (Ebd., S. 30-31).

Sexualität fördert die Entstehung sozialer Gemeinschaften.
Die Sexualität hatte maßgeblichen Anteil an der Entstehung sozialer Gemeinschaften. Denn einerseits können sich in sexuell reproduzierenden Populationen die Individuen nicht mehr selbstständig fortpflanzen, weswegen sie sich zunächst um einen Sexualpartner bemühen müssen. Bei der anschließenden Paarung handelt es sich dann um einen kooperativen Vorgang zum Zwecke der gemeinsamen Fortpflanzung.
Wenn die verschiedenen Individuen einer Population ohnehin regelmäßig zusammenkommen müssen, damit sie sich fortpflanzen können, dann erleichtert dies das Entstehen sozialer Gemeinschaften, zumal die Mitglieder ihre Bedürfnisse (zum Beispiel Schutz) darin oftmals in der Summe viel besser befriedigen können, als wenn sie auf sich allein gestellt wären.
Ein gewichtiges Problem in sozialen Gemeinschaften stellt die soziale Arbeitsteilung dar (in Abgrenzung zur sexuellen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern), denn dabei dienen die verrichteten Arbeiten nicht mehr ausschließlich dem eigenen Selbsterhalt (oder dem der eigenen Nachkommen), sondern ganz wesentlich auch dem Nutzen anderer. In arbeitsteiligen sozialen Gemeinschaften haben besonders leistungsfähige (fitte) Individuen oftmals besonders viel zu tun. Wenn sich beispielsweise ein Individuum bei der Ressourcenbeschaffung oder der Feindbeobachtung sehr leicht tut, dann dürfte es für die Gemeinschaft insgesamt von Vorteil sein, dieses nun für solche Aufgaben verstärkt einzusetzen. Die restlichen Individuen würden die verbliebenen Aufgaben dann unter sich aufteilen. Besonders kompetente oder engagierte (beziehungsweise sozial eingestellte) Individuen hätten dann aber weniger Zeit, sich um ihren eigenen Nachwuchs zu bemühen, wodurch sich ihre Reproduktionschancen und damit auch ihr Reproduktionsinteresse reduzieren dürften. Sie würden deshalb in der Folge weniger Nachkommen haben als weniger gut angepaßte Individuen, was einer Verletzung des Prinzips der natürlichen Selektion gleichkäme. In der Natur tritt die soziale Arbeitsteilung deshalb stets in Kombination mit einer sexuellen Arbeitsteilung auf, weil sich erst hierdurch soziale Arbeit und Evolutionsprinzipien miteinander vereinbaren lassen.
Dabei haben sich insbesondere zwei verschiedene Modelle durchgesetzt:
Modell Mensch
Die soziale Arbeitsteilung beschränkt sich im wesentlichen auf die Männchen, die im Gegenzug kaum etwas mit der Reproduktionsarbeit zu tun haben. Diese ist dann in erster Linie die Aufgabe der Weibchen.
Modell Insekten
Die soziale Arbeitsteilung beschränkt sich im wesentlichen auf arbeitsame Weibchen (und gegebenenfalls auch auf die Männchen), die im Gegenzug kaum etwas mit der Reproduktionsarbeit zu tun haben. Die Fortpflanzung ist dann vor allem die Aufgabe darauf spezialisierter Weibchen.
Ein entsprechendes Modell ist bei den Ameisen implementiert: Die verschiedenen sozialen Arbeiten werden von unfruchtbaren Weibchen (Arbeiterinnen) ausgeübt, während die Männchen lediglich der Befruchtung der Königinnen dienen, und wiederum nur die können sich fortpflanzen. Vor dem Zugang zu den Königinnen müssen sich die Männchen bewähren, und zwar entweder durch Ausscheidungskämpfe oder durch sexuelle Selektion.
Soziale Gemeinschaften scheinen in der Natur also bereits dann entstehen und sich auch halten zu können, wenn die darin verrichteten sozialen Arbeiten nicht zu einer Reduzierung der persönlichen Fortpflanzungschancen beziehungsweise Reproduktionsinteressen führen, die Zusammenarbeit aber noch weitere Vorteile bietet. Die Ameisenarbeiterinnen stellen sozusagen den Grenzfall dieser Regel dar: Ihr persönlicher potenzieller Fortpflanzungserfolg ist nämlich gleich Null. Kooperative oder altruistische Handlungen können ihre Fortpflanzungschancen folglich nicht weiter mindern. Allerdings können die Arbeiterinnen auf diese Weise für eine stärkere Weitergabe ihrer Gene an die nächste Generation sorgen, und zwar selbst dann, wenn sie - wie etwa bei den Bienen - nur relativ schwach mit den anderen Töchtern der Königinnen verwandt sind. Die folgenden Ausführungen zum Altruismus werden diesen Gesichtspunkt noch weiter vertiefen.“ (Ebd., S. 32-33).

Sexualität erzeugt neue Interaktionsweisen.
Bei vielen biologischen Arten ist mit der Sexualität auch die Gefallenf wollen-Kommunikation gekommen, die nicht nur eine Vielfalt an neuen Lebensformen erzeugt hat, sondern auch ganz neue Formen des gemeinsamen Zusammenlebens und der Interaktion ermöglichte. Mit der Gefallen-wollen-Kommunikation ist der gegenseitige Respekt (die Zivilisation) in die Welt gekommen. Davor ging es nur um fressen oder gefressen werden. Ein Gefallen-wollen innerhalb der gleichen Population scheint ohne Sexualität fund Getrenntgeschlechtlichkeit kaum vorstellbar zu sein. Allerdings kann dies artenübergreifend im Einzelfall durchaus anders aussehen. Beispielsweise könnte eine Baumsorte besonders schmackhafte Früchte entwickeln, damit deren Kerne durch Nutznießer möglichst weit verstreut werden.
Betrachten wir zunächst eine Population aus lauter Hermaphroditen (Zwittern). Auch hier könnten die einzelnen Individuen ihre potenziellen Fortpflanzungspartner vor einer Paarung auf Fitneß testen, zum Beispiel, indem sie mit ihnen kämpfen oder tanzen. Allerdings wäre ein solches Verfahren äußerst ineffizient, da jeder Test die eigene Fitneß und die des potenziellen Partners reduziert. Energetisch günstiger und auch unverbindlicher ist da schon die Begutachtung fälschungssicherer Fitneßindikatoren. Fälschungssicher ist ein Fitneßsignal aber nur, wenn zu seiner Hervorbringung tatsächlich eine entsprechend hohe Fitneß erforderlich ist. Doch dann entsteht unmittelbar das folgende Dilemma: Hat etwa ein hermaphroditischer Pfau enorme Energiemengen in sein Fitneßsignal investiert, stünde ihm weniger Energie zur Aufzucht seiner Nachkommen zur Verfügung, was ihn automatisch weniger attraktiv für andere Fortpflanzungspartner macht, denn deren Gene würden durch ihn weniger stark verbreitet. Sein Fitneßindikator würde sich folglich eher negativ auf seinen Fortpflanzungserfolg auswirken. Also kämen vor allem Fitneßindikatoren in Betracht, die nach der Befruchtung entweder wieder abgelegt oder idealerweise sogar für die Nachwuchsarbeit genutzt werden können (zum Beispiel ein besonders hoher Körperfettanteil). Die beiderseitige Fitneß wäre auf diese Weise zwar durch die Fortpflanzungspartner testbar, jedoch nur auf eine sehr limitierte Weise. Das eigentlich Charakteristische der Gefallen-wollen-Kommunikation, nämlich das einseitige Sich-Anbieten und Gefallen-wollen (Altruismus; Bauen einladender, luxuriöser Nester; Schenken von Blumen und Brillanten), das sich aus der unterschiedlichen potenziellen Fruchtbarkeit und den unterschiedlichen Reproduktionsaufwänden der beiden Geschlechter speist, könnte sich in einer solchen Konstellation nicht ausbilden.
Altruistische Verhaltensweisen können sich in getrenntgeschlechtlichen Populationen viel leichter als in sich auf andere Weise fortpflanzende Populationen durchsetzen, da sie sich bei den Individuen, die die deutlich geringeren Reproduktionsaufwände haben, nicht notwendigerweise nachteilig auf den Reproduktionserfolg auswirken müssen, und zwar selbst dann nicht, wenn die einseitig erbrachten Leistungen überhaupt nicht erwidert werden. Beim Menschen gilt das für die Männer, bei den sozialen Insekten entsprechend für die unfruchtbaren Weibchen.
Im Abschnitt Kooperation und Altruismus konnte darüberhinaus gezeigt werden, daß in getrenntgeschlechtlichen Populationen altruistische Verhaltensweisen auf Seiten der Männchen sogar eine Erhöhung des Reproduktionserfolges bewirken können, da sie einem mit Fitneß assoziiertem Handicap gleichkommen.
Für fortpflanzungsfähige und -willige Weibchen sieht die Situation dagegen ganz anders aus. Ein Weibchen, welches einem anderen Weibchen bei der Aufzucht derer Jungen hilft, dabei aber keine vergleichbaren Leistungen zurückerhält, beeinträchtigt möglicherweise seinen eigenen Reproduktionserfolg, da ihm nun weniger Ressourcen für die eigenen Jungen zur Verfügung stehen.
Ganz ähnlich sieht die Situation bei der asexuellen Fortpflanzung oder in Hermaphroditenpopulationen aus. In allen diesen Fällen müssen kooperative oder altruistische Handlungen vom Empfänger zeitnah und in vergleichbarer Stärke erwidert werden, sonst sind sie für den Geber von Nachteil. Dies wurde in der Soziobiologie anhand des Gefangenendilemmas aufgezeigt, welches nur unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen mittels Strategien wie TIT FOR TAT (»wie du mir, so ich dir«, Fairneßprinzip) aufgelöst werden kann.
Ein entscheidender evolutionärer Vorteil getrenntgeschlechtlicher Populationen scheint also zu sein, daß in ihnen eine Vielfalt an komplexen Interaktionsmustern zwischen den Individuen entstehen kann, allen voran die Gefallen-wollen-Kommunikation, aber auch der Altruismus.
Kooperation könnte sich allerdings auch bei asexueller Fortpflanzung und in Hermaphroditenpopulationen ausbilden, und zwar insbesondere dann, wenn eine Gruppe auf diese Weise Aufgaben bewältigen kann, denen ein einzelnes Individuum nicht gewachsen ist (etwa das Erlegen eines sehr großen Beutetiers). Ein Beleg für die Möglichkeit solcher Interaktionen wäre die Existenz kooperativen Verhaltens bei weiblichen Tieren. Für gewöhnlich ist so etwas aber fast nur unter Verwandten zu beobachten, wo eine Kooperation die Verbreitung der eigenen Gene fordert. So betreuen bei Affen weibliche Familienangehörige die Nachkommen gemeinsam, und Löwinnen eines Rudels - überwiegend Schwestern oder Mütter und Töchter - unterstützen sich bei der Jagd.“ (Ebd., S. 34-36).

Sexualität kann Evolutionen ohne äußeren Selektionsdruck bewirken.
Anhand theoretischer Überlegungen und eines Beispiels können die folgenden Zusammenhänge nachgewiesen werden:
Die getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung in Verbindung mit der unterschiedlichen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich und den damit zusammenhängenden geringeren Elterninvestments des männlichen Geschlechts kann für (eine beschleunigte) Evolution sorgen, und zwar selbst dann, wenn die Reproduktion der gesamten Population nicht einmal mengenmäßig bestandserhaltend ist. Die in verschiedenen Fassungen der Darwinschen Evolutionstheorie genannte Fruchtbarkeitsvoraussetzung für die natürliche Auslese, zum Beispiel
»Alle Populationen sind so fruchtbar, daß ihre Größe ohne Beschränkungen exponentiell zunehmen würde.« (Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 148).
oder
»Pflanzen und Tiere produzieren mehr Nachkommen, als die Umwelt ernähren kann.« (Manuela Lenzen, Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften, 2003, S. 49).
kann dann entfallen. Für eine Evolution genügt es bereits, wenn die Summe der männlichen Reproduktionsinteressen größer ist als die Summe der weiblichen Reproduktionsinteressen (beziehungsweise deren Reproduktionskapazitäten). Im Vordergrund würde dann allerdings nicht mehr der Kampf ums Dasein (Konkurrenz um natürliche Ressourcen wie Nahrung oder Raum) stehen, sondern der Wettbewerb um Fortpflanzungspartner. All dies macht deutlich, daß die eigentliche Triebfeder der Evolution das den Lebewesen innewohnende Eigeninteresse (Selbsterhaltungs- und Reproduktionsinteresse) ist und nicht die natürliche Auslese beziehungsweise Survival of the Fittest.
Auf Dauer wird der beschriebene Mechanismus der sexuellen Selektion aber nur dann funktionieren, wenn die Partnerwahlpräferenzen der wirklichen Fitneß der Fortpflanzungspartner (in Relation zum Lebensraum) entsprechen. Im Beispiel war dies der Fall.
Mit anderen Worten: Befinden sich bei einer biologischen Art die im Rahmen der sexuellen Selektion verwendeten Fitneßindikatoren im Einklang mit der wirklichen Fitneß der Sexualpartner, dann wird auf das Geschlecht, welches die durchschnittlich höhere potenzielle Fruchtbarkeit aufweist (üblicherweise das männliche Geschlecht) ein künstlicher Selektionsdruck ausgeübt, so daß für die weitere Evolution der biologischen Art ein äußerer, durch den Lebensraum ausgeübter Selektionsdruck (natürliche Selektion) nicht länger erforderlich ist. Die Spezies könnte selbst dann evolvieren, wenn die Populationszahlen zurückgehen.
Das männliche Geschlecht muß sich dabei aber - speziell im Zusammenwirken mit der Gefallen-wollen-Kommunikation respektive sexuellen Selektion - nicht nur ganz intensiv fortpflanzen »wollen«, sondern es muß auch Mitglieder des anderen Geschlechts von sich überzeugen können, das heißt gefallen. Hierfür sind gegebenenfalls jede Menge Energie, Einsatzwillen und manchmal eben auch Innovationen erforderlich.
Insgesamt kann festgehalten werden:
Mit der getrenntgeschlechtlichen Fortpflanzung kam die Gefallen-wollen-Kommunikation, und die ersetzt
Kampf durch Wettbewerb,
Dominanz durch Gefallen-wollen,
Fressen-und-Gefressen-werden - und damit den Tod - durch Respekt, Kultur und Geschmack und
Stärke durch Innovation,
ohne dabei auf den ständigen Überlebenskampf einer viel zu großen Schar an Nachkommen angewiesen zu sein. Sie ermöglicht das Entstehen eigenständiger Evolutionsumgebungen, in denen der Wettbewerb um den Geschmack und die Präferenzen einer Gruppe von Selektierern im Vordergrund steht.“ (Ebd., S. 38-39).

Sexualität ist verschwenderisch.
Die wesentlichen Gründe dafür wurden bereits genannt:
In getrenntgeschlechtlichen Populationen müssen gegenüber anderen Reproduktionsarten doppelt so viele Individuen »produziert« werden.
Die in getrenntgeschlechtlichen Populationen häufig anzutreffende Gefallen-wollen-Kommuikation ist per se verschwenderischer als die dominante Kommumkation.
Bei der sexuellen Selektion (Gefallen-wollen-Kommunikation) kommen meist ausgesprochen verschwenderische Fitneßindikatoren (Handicaps) und Werbemaßnahmen zum Einsatz.
Man könnte geneigt sein, die aufgelisteten Punkte allesamt unter Die Nachteile der Sexualität aufzuführen. Allerdings soll der Begriff Vorteil hier im Sinne »evolutionärer Vorteil« verstanden werden, und dann könnte man die Dinge auch genau anders herum betrachten.
Einige Wissenschaftler behaupten nun aber, beim Leben handele es sich um eine dissipative Struktur, die sich im Nichtgleichgewichtssystem Erde zur Ausgleichung sonneninduzierter Gradienten ausbildet, und dabei ihren lokalen Organisationsgrad um den Preis der Entropieerzeugung in der Umgebung erhält. Ihr Fazit ist, das Leben schaffe Ordnung aus Unordnung, allerdings im Dienst der Erzeugung von noch mehr Unordnung.
Ganz ähnlich sieht dies Jacques Neiryncks in seinem 1994 veröffentlichten Buch »Der göttliche Ingenieur«. Argumentiert man in dieser Weise vor dem Hintergrund des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik (Entropiesatz), dann könnte man durchaus folgern: Getrenntgeschlechtliche Sexualität ist verschwenderischer als andere Fortpflanzungsweisen. Mithilfe der Gefallen-wollen-Kommunikation ist sie in der Lage, die Ressourcen (inklusive Energie) der Natur und vorhandene Nischen stärker auszunutzen, als dies andere Reproduktionsarten tun werden und können. Sie dürfte sich deshalb allein schon aus energetischen Gründen durchsetzen.“ (Ebd., S. 39-40).

4.30.3) Zusammenfassung

„Die Vorteile der genetischen Rekombination waren sicherlich von sehr großer Bedeutung für die Entstehung und Durchsetzung der Sexualität, allerdings erklären sie noch nicht, warum sich die getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung bei höheren Lebewesen gegenüber dem Hermaphroditismus durchgesetzt hat. Die auf den letzten Seiten dargelegten Analysen lassen dafür nur einen Schluß zu: Der entscheidende evolutionäre Vorteil getrenntgeschlechtlicher Populationen resultiert aus dem Unterschied in der patenziellen Fruchtbarkeit von männlich versus weiblich (vgl. Eckart Voland, Die Natur des Menschen, 2007, S. 49) und den damit verbundenen geringeren Elterninvestments des männlichen Geschlechts. Solche Populationen sind Hermaphroditen und sich asexuell fortpflanzenden Populationen gegenüber zwar häufig quantitativ unterlegen, jedoch bezüglich der qualitativen Verbesserung des Genpools (beschleunigte Evolution) weit überlegen. Darüberhinaus können sich erst in ihnen komplexere Interaktionsweisen wie Gefallen-wollen-Kommunikat.ion und Altruismus ausbilden und durchsetzen. Bei der Sexualität geht es somit ganz wesentlich auch um Kommunikation.“ (Ebd., S. 45).

„Mit der auf der sexuellen Fortpflanzung beruhenden Gefallen-wollen-Kommunikation sind der gegenseitige Respekt und die Kultur in die Welt gekommen. Davor drehte sich praktisch alles nur ums Fressen-oder-Gefressen-Werden. Erst die Sexualität hat die moderne Welt möglich gemacht.“ (Ebd., S. 45).

 Zitate: Hubert Brune, 2012 (zuletzt aktualisiert: 2013).

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- Literaturverzeichnis -