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Peter Mersch (*1949)
- Land ohne Kinder. Wege aus der demographischen Krise (2005) -
- Die Familienmanagerin. Kindererziehung und Bevölkerungspolitik in Wissensgesellschaften (2006) -
- Migräne. Heilung ist möglich (2006) -
- Irrweg Bürgergeld. Eine Kritik aus Sicht der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft  restlos ruinieren wird (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2009) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (in: Kulturelle Vererbung; 2010) -
- Eva Herman, der BGH und die deutsche Sprache (2011) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie. Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? Das Königsproblem der Evolutionsbiologie (2012) -
-Bevölkerungsplanung (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Familienarbeit in gleichberechtigten Gesellschaften (2012) -
- Wie Übergewicht entsteht ..., und wie man es wieder los wird (2012) -
- Gesund abnehmen ohne Jojo-Effekt (2012) -
- Klüger werden und Demenz vermeiden (2012) -
Mersch-Zitate. Da ich Peter Mersch für einen der informativsten Wissenschaftler halte, möchte ich ihm einige
separate Seiten widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:   

- Land ohne Kinder (2005) -
- Die Familienmanagerin (2006) -
- Irrweg Bürgergeld (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (2010) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Zitat vom 25.12.2012, 07:22:59 -

Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion. (2007) **

„Seit einigen Jahren sind in den westlichen lndustrienationen gesellschattliche Veränderungen zu beobachten, die von einer Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und der Herausbildung einer neuen »Unterschicht« geprägt sind. Als Ursache für diesen auch »Brasilianisierung des Westens« genannten Prozeß gilt allgemein die Globalisierung unter dem neoliberalen Paradigma des freien Marktes.
Peter Mersch zeigt dagegen auf, daß diese Entwicklung in den jeweiligen Gesellschaften ganz entscheidend aus sich selbst heraus erfolgt.
Seit der weiblichen Emanzipation und der sie begleitenden Individualisierung haben Frauen die freie Wahl zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten. In den Industrienationen ist aber die Wirtschaft marktwirtschaftlich organisiert, die gesellschaftliche Reproduktion dagegen sozialistisch, denn der Nutzen aus dem langjährigen Aufziehen von Kindern wird sozialisiert. Seitdem die Frauenbewegung die »Mauer« des Patriarchats zu Fall gebracht hat, wandern insbesondere die qualifiziertesten Frauen in die profitablere Wirtschaft ab, wodurch es zu einer Vernachlässigung der gesellschaftlichen Reproduktion und damit zum Phänomen des demographischen Wandels kommt. Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden daran nur unwesentlich etwas ändern können.
In modernen Gesellschaften setzt sozialer Erfolg meist Bildung voraus. Weil nun aber Frauen um so weniger Kinder in die Welt setzen, je gebildeter und beruflich engagierter sie sind, und sich meist Frauen und Männer mit ähnlichem Bildungsniveau zusammenfinden, können die Kompetenzen einer Generation nicht mehr ausreichend an die nächste weitergegeben werden. Die Folgen: Die Generationengerechtigkeit wird verletzt, und die Gesellschaften »brasilianisieren« sukzessive in Richtung Entwicklungsland.
Das Fazit des Autors ist: Die Emanzipation der Frauen macht eine Angleichung der Organisation von Wirtschaft und Nachwuchsarbeit zwingend erforderlich. Der Individualisierung auf Seiten der Frauen müssen nun die entsprechenden Institutionalisierungen folgen. Das Buch zeigt detailliert auf, was zu tun ist.“
(Ebd., Klappentext).

 –  Vorwort (S. i-xix)
 1) Bevölkerungsschrumpfung (S. 1-22)
 2) Evolution (S. 23-94)
 3) Familie (S. 95-101)
 4) Reproduktion (S. 103-161)
 5) Familienpolitik (S. 163-178)
 6) Was tun?  (S. 179-206)
 7) Bevölkerungsplanung (S. 207-212)

Vorwort

„Seit einigen Jahren sind in den entwickelten Ländern gesellschaftliche Veränderungen zu beobachten, die von einer Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, Langzeitarbeitslosigkeit, wachsender sozialer Ungleichheit, Armutsszenarien und der Herausbildung eines abgehängten Prekariats beziehungsweise einer «Unterschicht« charakterisiert sind. Als Ursache dieses Prozesses, der in der Soziologie den Namen »Brasilianisierung« trägt, und für den ein Zukunftsbild einer Gesellschaft skizziert wird, bei dem am Ende eine zahlenmäßig kleine herrschende Klasse einer großen dienenden Klasse gegenübersteht, wird meist die Globalisierung unter dem neoliberalen Paradigma des freien Marktes vermutet, wodurch es weltweit zu einer Angleichung der Arbeitskultur an die Standards der Entwicklungsländer wie etwa Brasilien komme. Gemäß dieser Auffassung hat die Brasilianisierung des Westens also primär ökonomische Ursachen. Im Prinzip stellt man sich den Ablauf so vor: Die Globalisierung macht es leicht möglich, Arbeiten in Entwicklungsländer mit sehr niedrigen Lohnniveaus und unzureichenden Arbeitsstandards - zum Beispiel bezüglich Kinderarbeit oder Umweltschutz - zu verlegen und die Arbeitsergebnisse dann zu deutlich niedrigeren Kosten und oft auch schneller in die Abnehmerländer zu transportieren. In den entwickelten Ländern gehen hierdurch zahlreiche Arbeitsplätze verloren, was immer mehr Arbeitnehmer zu Lohnzugeständnissen und in prekäre Arbeitsverhältnisse zwingt. Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit. Gewinner dieses Vorgangs sind die herrschenden Klassen in den beteiligten Ländern und ein wenig auch die Arbeitnehmer in den Entwicklungsländern, Verlierer die Arbeitnehmer in den entwickelten Ländern, deren Arbeitskultur sich dabei zunehmend »brasilianisiert«, und natürlich die entwickelten Staaten selbst, denen Steuern auf Arbeitseinkommen verloren gehen, während gleichzeitig die sozialstaatlichen Ausgaben steigen, so daß sie zu Abstrichen bei wohlfahrtsstaatlichen Leistungen und im Bildungssystem gezwungen sind. Die drastisch angestiegenen Gewinne der herrschenden Klassen werden dagegen zu erheblichen Anteilen in Steueroasen verschoben.“ (Ebd., S. i).

„Das erste Kapitel »Bevölkerungsschrumpfung« beschäftigt sich mit dem Phänomen des demographischen Wandels, für den insbesondere die folgenden Erscheinungen charakteristisch sind:
Es werden weniger Kinder in die Welt gesetzt, als für eine zahlenmäßige Bestandserhaltung der Bevölkerung erforderlich wären.
Der Geburtenrückgang ist in erster Linie auf das Verschwinden von kinderreichen Familien und weniger auf die Zunahme der Kinderlosigkeit zurückzuführen.
Gebildete beziehungsweise sozial erfolgreiche Bevölkerungskreise setzen im Durchschnitt deutlich weniger Kinder in die Welt als sozial schwache und bildungsfeme Schichten. Dieser Punkt spielt innerhalb der öffentlichen Diskussion zum demographischen Wandel so gut wie keine Rolle. Im Rahmen des vorliegenden Buches wird aber der Nachweis geführt, daß es sich im Vergleich zu den rückläufigen Geburtenzahlen hierbei um das gravierendere Teilproblem des demographischen Wandels handelt.
Alle drei Phänomene können gemäß der ökonomischen Fertilitätstheorie (und einigen alternativen Ansätzen) wesentlich auf die im Rahmen der weiblichen Emanzipation drastisch angestiegenen biographischen und ökonomischen Opportunitätskosten von Kindern für Frauen zurückgefuhrt werden. In patriarchalischen Gesellschaften, in denen die Rolle der Frauen meist von vornherein festliegt, bestehen entsprechende Hindernisse dagegen nicht.“ (Ebd., S. ii).

„Empirische Studien deuten an, daß ein negativer Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Kinderzahl für Männer zur Zeit noch weniger ausgeprägt ist als für Frauen, allerdings dürfte für sie im Rahmen der zunehmenden Bildungshomogamie bei Paaren (gleiches oder ähnliches Bildungsniveau in Paaren) eine sukzessive Angleichung hin zu den aktuell bei den Frauen vorfindbaren Verhältnissen stattfinden.“ (Ebd., S. iii).

„Im Kapitel »Evolution« werden zunächst die evolutionstheoretischen Grundlagen vermittelt und die Prinzipien »Variation«, »Selektion« und »Vererbung« erläutert. Es wird gezeigt, daß das Evolutionsprinzip ein von jeder Absichtlichkeit oder höherer Zweckmäßigkeit freies Optimierungsverfahren ist, welches es Populationen erlaubt, ihre fortlaufende Anpassung an sich gleichfalls verändernde Umgebungen sicherzustellen. Erst durch die natürliche Selektion erhält die Evolution so etwas wie eine Richtung. Generationengerechtigkeit bedeutet, daß die heutige Generation der nächsten Generation die Möglichkeit gibt, sich ihre Bedürfnisse mindestens im gleichen Ausmaß wie die heutige Generation zu erfüllen. Dazu muß sie aber insbesondere alle Merkmale, die ihr im Leben behilflich waren, an die nächste Generation weitergeben, denn dann dürften die Nachkommen im Schnitt gleich gut oder sogar besser als ihre Eltern an diejenige Umwelt angepaßt sein, in der die Selektion stattfand. Die Kompetenzen der nächsten Generation werden in erster Linie durch diejenigen der vorangegangenen Generation bestimmt, die tatsächlich Eltern sind. Aus Sicht der nächsten Generation kommt es deshalb vor allem darauf an, daß die Gesamtheit ihrer Eltern im Durchschnitt möglichst kompetent ist. In modernen Gesellschaften verfugt aber üblicherweise die Teilmenge der Eltern innerhalb einer Generation über durchschnittlich geringere Kompetenzen als die gesamte Generation, denn der Anteil der Kinderlosen steigt mit dem Bildungsniveau, und das durchschnittliche Bildungsniveau von Eltern fällt mit der Zahl ihrer Kinder. Der nächsten Generation einer etwa vom Fischfang lebenden Population dürfte es letztendlich ziemlich egal sein, ob sie ausstirbt, weil ihr See längst leergefischt ist, dessen Wasser verseucht wurde, sie zahlenmäßig zu klein ist, um die schweren Fischerboote zu bewegen, oder sie nicht die geistigen Kompetenzen besitzt, um unter den gegebenen Verhältnissen Fische zu fangen.“ (Ebd., S. iii).

„Ein erstes wesentliches Resultat des vorliegenden Buches ist folglich: Die natürliche Selektion ist ein Verfahren, mit der die Natur Generationengerchtigkeit implementiert. (Woraus sich unmittelbar ein Dilemma ergibt: Die Anwendung der Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften gilt allgemein als Sozialdarwinismus, die Duldung oder gar Förderung eines gesellschaftlichen Reproduktionsverhaltens, welches den Prinzipien der Evolutionstheorie zuwiderläuft, mißachtet dagegen die Generationengerechtigkeit !). Verletzt eine Population mit ihrem Reproduktinsverhalten das Prinzip der natürlichen Selektion, dann verletzt sie auch das Prinzip der Generationengerechtigkeit: Die Populationsentwicklung ist dann nicht länger nachhaltig. Das Evolutionskapitel beschäftigt sich weiter mit der sexuellen Selektion, die neben der natürlichen Selektion für die Evolution von großer Bedeutung ist, und bei der es darum geht, dem anderen Geschlecht im Vorfeld der Paarung Erfolgsmerkmale zu signalisieren und geeignete Partner zu wählen. Für menschliche Kulturen läßt sich nun aber weltweit beobachten, daß Frauen bei der Partnerwahl eher erfolgreiche und wohlhabende Männer, Männer dagegen eher hübsche und jüngere (und damit fruchtbare) Frauen levorzugen. Das menschliche Paarungsverhalten bestand offenbar zu allen Zeiten darin, daß Männer um sozialen und beruflichen Erfolg konkurrierten, wodurch sich ihre Chancen bei den wohlgeratensten und gesellschaftlich angesehensten Frauen erhöhten. Ein wohlhabenderer Mann konnte anschlieiend eine größere Zahl an Nachkommen ernähren. Der Selektionsmechanismus menschlicher Gesellschaften orientierte sich somit zu allen Zeiten am sozialen Erfolg, wie es gemäß der Evolutionstheorie auch zu erwarten ist. In modernen bildungsdurchlässigen Gesellschaften korreliert ein späterer beruflicher Erfolg sehr stark mit dem erreichten Bildungsniveau. Bildung ist nun das höchste Gut und zum entscheidenden Kriterium für den sozialen Erfolg geworden. Doch gleichzeitig zeigen sich eine Reihe neuer Phänomene:
In Folge des allgemeinen Einsatzes leistungsfdhiger Kontrazeptiva ist Paarungserfolg nicht länger gleichzusetzen mit Reproduktionserfolg. Beispielsweise haben erfolgreiche Männer zwar auch heute noch häufiger Sex und mehr Sexualpartnerinnen als weniger erfolgreiche Männer, keineswegs aber mehr Kinder.
Im Rahmen der Gleichberechtigung der Geschlechter scheint sich ein »gleiches oder ähnliches Bildungsniveau« als ein entscheidendes sexuelles Selektionskriterium herauszukristallisieren, wie aus der zunehmenden Bildungshomogamie bei Paaren auszulesen ist.
Auch in modernen Gesellschaften orientiert sich der Selektionsmechanismus somit noch immer am sozialen Erfolg, jetzt aber ganz entscheidend über den Bildungserfolg vermittelt.“ (Ebd., S. iv-v).

„Im Kapitel »Bevölkerungsschrumpfung« wurde nun aber für moderne, »gleichberechtigte« Gesellschaften ein negativer Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Kinderzahl festgestellt, welcher wesentlich auf die in Folge der beruflichen weiblichen Emanzipation deutlich angestiegenen Opportunitätskosten von Kindern für Frauen zurückgeführt werden konnte. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Aufhebung einer biologisch bedingten Asymmetrie zwischen den Geschlechtern: Ein Mann kann seine Erfolgsmerkmale im Prinzip an um so mehr Nachkommen weitergeben, je beruflich erfolgreicher er ist und um so mehr Geld er verdient; bei einer Frau dürfte es bereits aus biologischen Gründen genau umgekehrt sein. Paaren sich in »gleichberechtigten« Gesellschaften in erster Linie Frauen und Männer mit gleichem oder ähnlichem Bildungsniveau, dann können Erfolgsmerkmale nicht mehr in ausreichendem Umfang an die nächste Generation weitergegeben werden, da die Frauen nun der Engpaß sind. Mit anderen Worten: Solche Gesellschaften verletzen trotz aller Erfolgsorientierung das Kriterium der natürlichen Selektion und damit auch das Prinzip der Generationengerechtigkeit. Sie dürften auf lange Sicht ihre Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Umgebungen und Anforderungen (zum Beispiel Globalisierung, Wissensgesellschaft) verlieren.“ (Ebd., S. v).

„Ein zweites Resultat des vorliegenden Buches ist deshalb: Die berufsorientierte weibliche Emanzipation hat massiv in den seit mehreren Millionen Jahren etablierten und der Anpassung an eine sich wandelnde Umwelt dienenden empfindlichen sexuellen Selektionsmechanismus der biologischen Art Mensch eingegriffen und ihn in seiner Wirkungsweise zerstört. (**).“ (Ebd., S. v).

„Im Rahmen der weiteren Ausführungen wird darauf hingewiesen, daß praktisch alle gesellschaftlichen Veränderungen und Maßnahmen das Potential besitzen, in den reproduktiven Selektionsmechanismus einzugreifen. Je nachdem, ob die Richtung der Veränderung dabei die natürliche Selektion unterstützt oder eher ins Gegenteil verkehrt, wird die Maßnahme - übliche Tabuisierungen ignorierend - als eugenisch oder dysgenisch bezeichnet. Eugenische Maßnahmen wirken sich folglich positiv auf die Generationengerechtigkeit aus, dysgenische Maßnahmen dagegen negativ.“ (Ebd., S. v).

„Im Kapitel »Familienpolitik« werden verschiedene familienpolitische oder sonstige gesellschaftliche Maßnahmen auf eugenische beziehungsweise dysgenische Effekte hin untersucht. Dabei zeigt sich, daß unter anderem Kindergelderhöhung, Erziehungsgehalt, bedingungsloses Grundeinkommen (**|**|****|**|**) und Zuwanderung allesamt vorwiegend dysgenische Wirkungen haben dürften, Steuersenkungen für Familien, Steuererhöhungen für Kinderlose und eventuell auch Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dagegen eher eugenische.“ (Ebd., S.v i).

„Die Begriffseinteilung ist aber zusätzlich noch in der Lage, einen Beitrag zu einer grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Problemstellung mit enormen ethischen Implikationen zu liefern: Wo sollte der Wohlfahrtsstaat helfend eingreifen, und wo sollte er sich tunlichst zurückhalten? Die Ergebnisse des vorliegenden Buches lassen eigentlich nur einen Schluß zu: Es ist absolut sinnvoll und ethisch sogar geboten, Menschen in Not zu helfen, und sie nach Möglichkeit in die Lage zu versetzen, sich und ihre Nachkommen aus einem selbst erwirtschafteten Einkommen zu unterhalten. Konkret: Einen Behinderten als wertlos aus der Gesellschaft auszurangieren, ist Sozialdarwinismus der finstersten Sorte, ihm zu helfen, ein eigenständiges Leben in Würde zu führen, dagegen human und erstrebenswert.“ (Ebd., S. vi).

„Auf der anderen Seite verletzen wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen, die eine einseitige Erhöhung der Geburtenziffern in sozial schwachen und bildungsfernen Schichten zur Folge haben, die Generationengerechtigkeit. Bei gesellschaftlichen Verhältnissen, die es als normal ansehen, wenn arbeitslose und schlecht ausgebildete Paare unter Sozialhilfebedingungen fünf oder mehr Kinder in die Welt setzen, während Paare mit hoher Bildung zu Kinderlosigkeit tendieren beziehungsweise dazu regelrecht verdammt sind, dürfte es sich deshalb um Menschenrechtsverletzungen handeln. Üblicherweise werden gegen die hier vorgetragenen evolutionstheoretischen Überlegungen Einwände erhoben, hinter denen eine Theorie steckt, die in unserer Gesellschaft auf breiteste Akzeptanz stößt, ohne je offen ausgesprochen zu werden. Und diese Theorie lautet in etwa wie folgt: »Menschen kommen als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Menschliche Säuglinge sind folglich zunächst einmal alle gleich. Mit entsprechenden Bildungsmaßnahmen und Förderprogrammen können sie dann zu beliebiger Kompetenz geführt werden. Die Weitergabe menschlicher Kompetenzen erfolgt also nicht über Gene, sondern über kulturelle Mechanismen. Das gilt im wesentlichen auch für die beiden Geschlechter. So kommt man nicht als Frau zur Welt, sondern wird dazu gemacht. Sind zu einem späteren Zeitpunkt intellektuelle Unterschiede zwischen verschiedenen Individuen feststellbar, dann ist das in erster Linie die Folge einer unterschiedlichen Sozialisation. Es ist somit egal, wer in einer Gesellschaft Kinder bekommt. Wenn sozial schwache und bildungsferne Schichten mehr Kinder bekommen als Schichten mit hohem sozioökonomischem Status oder Bildungsniveau, dann müssen deren Kinder eben gezielt gefördert werden. Diese Theorie, die im Rahmen der Ausführungen kulturistische Evolutionstheorie genannt wird , kann jedoch widerlegt werden. Mehr noch: Sie scheint nicht nur die Generationengerechtigkeit zu verletzen, sondern auch erhebliche weitere negative ethische Implikationen zu besitzen.“ (Ebd., S. vi-vii).

„Wie das Kapitel »Reproduktion« zeigen wird, avanciert das Humankapital in modernen Gesellschaften zur wichtigsten Ressource. Gleichzeitig verschiebt die Globalisierung die Machtverhältnisse zwischen Staaten und Unternehmen, denn letztere können es sich nun zunehmend aussuchen, wo sie die von ihnen benötigen Humanressourcen einkaufen. Hierdurch geraten Nationalstaaten bezüglich ihrer wichtigsten Ressource in ein Lieferantenverhältnis gegenüber den globaloperierenden Unternehmen, und damit in eine zunehmende Standortkonkurrenz untereinander. Genau hier könnte nun die eingangs erwähnte ökonomische Theorie der Brasilianisierung des Westens und der Welt ansetzen. Allerdings gibt es für Nationalstaaten auch Alternativen, die deutlich werden, wenn man die Strategien sich dem Wettbewerb ausgesetzter Unternehmen betrachtet, denn diese investieren zum Teil erhebliche Summen in ihre Reproduktion, die dort den Namen Forschung & Entwicklung trägt.“ (Ebd., S. vii).

„Anders als Staaten betrachten Unternehmen reproduktive Tätigkeiten als nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu finanzierende Investitionen. So arbeiten in den Forschungslabors der Pharmakonzerne häufig die qualifiziertesten und bestbezahlten Mitarbeiter, denn was hier verpaßt wird, kann später nur noch schwer aufgeholt werden. Ein neues Medikament bedarf nicht selten ähnlich langer Entwicklungszeiten, wie sie in der gesellschaftlichen Reproduktion üblich sind. Und anders als Staaten erwarten ökonomisch denkende Unternehmen dabei nicht, daß ihre Mitarbeiter die kostenintensiven und möglicherweise erst nach mehr als zwanzig Jahren Gewinn erwirtschaftenden Reproduktionsarbeiten auf eigene Rechnung zu erbringen haben.“ (Ebd., S. vii).

„Die Empfehlung, ein Staat solle im Rahmen der Globalisierung verstärkt in die Bildung seiner Bürger - und damit in die gesellschaftliche Reproduktion - investieren, ist auch von anderen schon häufiger erhoben worden; allerdings dürfte sie - rein auf die Bildung beschränkt - zu kurz greifen, denn entsprechende Maßnahmen dürften gemäß der im Kapitel »Evolution« erzielten Ergebnissen in ihrer Wirkung so lange verpuffen, wie gesellschaftsweit ein negativer Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Kinderzahl bestehen bleibt. Mit Bildung allein lassen sich die ungünstigen Effekte einer negativen beziehungsweise dysgenischen Selektion wohl nur mildern, keineswegs jedoch neutralisieren. An dieser Stelle sollen von vornherein einige mögliche Mißverständnisse ausgeräumt werden: Aus der im vorliegenden Buch aufgestellten Behauptung, daß Bildungsmaßnahmen die durch das aktuelle Reproduktionsverhalten der Bevölkerung bewirkten dysgenischen Effekte nicht wieder aufheben könnten, folgt keineswegs, daß solche Maßnahmen nun zu unterlassen seien. Im Gegenteil: Alles was zur Verbesserung der Situation beitragen kann, sollte getan werden. Nur sollte man sich nicht zu viel davon versprechen. Viel wichtiger wären Maßnahmen, die qualifizierte Menschen dazu bewegen können, wieder vermehrt Nachwuchs in die Weil zu setzen. Ferner soll an keiner Stelle suggeriert werden, ein persönliches Abgleiten etwa in die Langzeiltarbeitslosigkeit sei ein Zeichen für mangelhafte Qualifikalionen und damit letztendlich selbstverschuldet. Das Buch beschreibl einen Prozeß, bei dem sich eine Gesellschaft reprodukliv zunehmend selbst beschwert. Am Ende werden aus hochqualifizierten Konzertpianisten und Schauspielern Sozialhilfeempfänger, weil sich die Gesellschaft vor lauter Sozialhilfeempfängern Konzertsale und Schauspielhauser (und Kultur generell) nicht mehr leisten kann. Und schließlich argumentiert das gesamte Buch - ähnlich wie die Evolutionslheorie - statislisch und nicht einzelfallbezogen. Es ist durchaus möglich, daß eine konkrete arme und »bildungsferne« Familie intelligente Kinder hat. Und es ist auch möglich, daß es diese dann trotz ihrer Intelligenz nur zu einem Hauptschulabschluß schaffen. Die stalistischen Aussagen, daß hohe Intelligenz mit hohem Bildungsniveau und beruflichem Erfolg korreliert und intelligente Eltern mil höherer Wahrscheinlichkeit intelligente Kinder bekommen, sind für moderne Gesellschaften dennoch gültig.“ (Ebd., S. viii).

„Im Kapitel »Familie« wird die historische Entwicklung der menschlichen Reproduktionseinheit »Familie« beschrieben. Dabei wird deutlich, daß das bislang weltweit dominierende patriarchalische Ernährermodell ganz wesentlich auf unbezahlter Familienarbeit basiert, eine Eigenart, die in den modernen Familienmodellen, welche von einer grundsätzlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der paritätischen Aufteilung von Familienarbeit zwischen den Geschlechtern ausgehen, nicht angetastet wird. Größere Familien, die gemäß Kapitel »Bevölkerungsschrumpfung« für eine bestandserhaltende Bevölkerungsentwicklung unerläßlich sind, sind hierdurch in aller Regel auch heute noch dazu gezwungen, während der so genannten Familienphase zum Ernährermodell zurückzukehren, was für die daran beteiligten Frauen meist zu einem Verzicht auf wesentliche Errungenschaften der weiblichen Emanzipation, insbesondere Berufstätigkeit und ökonomische Unabhängigkeit, führt. Gerade für moderne, gebildete Frauen dürfte deshalb die Gründung einer größeren Familie heute keine ernsthafte Option mehr sein, was sich auch empirisch belegen läßt. Ein Ergebnis des Kapitels ist: Es existiert zur Zeit kein befriedigendes Familienmodell für größere Familien unter den Rahmenbedingungen der Geschlechtergleichberechtigung. Allerdings wird das vorliegende Buch ein solches vorschlagen.“ (Ebd., S. viii-ix).

„Das Kapitel »Reproduktion« wendet sich weiter der Individualisierungsthese und dem Verhältnis von Individual- und Kollektivaufgaben zu. (**|**). Es zeigt auf, daß Individualisierungsprozesse fast immer mit einer gleichzeitigen Institutionalisierung einhergehen, in deren Rahmen kollektive Aufgaben zum Teil oder in Gänze an Dritte verlagert werden. Dieser Schritt ist aber im Rahmen der weiblichen Emanzipation und der sie begleitenden Individualisierung auf Seiten der Frauen bislang unterblieben. Statt dessen wurde die Reproduktionsorganisation des Patriarchats im wesentlichen unverändert beibehalten. In modernen Gesellschaften ist die Wirtschaft (Produktion) meist marktwirtschaftlich organisiert, die gesellschaftliche Reproduktion dagegen sozialistisch. Oder anders ausgedrückt: Aufwendungen beim Aufziehen von Nachkommen sind individuell zu erbringen, der Nutzen aus dieser Tätigkeit wird dann aber sozialisiert, weswegen es innerhalb der gesellschaftlichen Reproduktion unter den Rahmenbedingungen der Geschlechtergleichberechtigung und der freien Wahlmöglichkeit von Frauen zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten zwangsläufig zur »Tragik der Allmende« kommen wird, und dies um so mehr, als die in der Reproduktion eingesparten zeitlichen Aufwände auch noch gewinnbringend beruflich eingesetzt werden können, was wiederum gut ausgebildeten und beruflich qualifizierten Frauen und Männern besonders gut gelingen dürfte.“ (Ebd., S. ix).

„Ein weiteres Resultat des vorliegenden Buches ist deshalb: Die Gleichberechtigung der Geschlechter macht eine völlige Neuorganisation der gesellschaftlichen Reproduktion erforderlich.“ (Ebd., S. ix).

„Zwar sind patriarchalische Gesellschaften mit der aktuellen Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion kompatibel, nicht jedoch Marktwirtschaften, die von einer Gleichberechtigung der Geschlechter ausgehen. In diesem Fall dürfte es notwendig werden, die marktwirtschaftliche Organisation der Produktion (Wirtschaft) auf die gesellschaftliche Reproduktion auszuweiten. (Es ist ja keineswegs so, daß die Gesellschaft all dies nicht wüßte). Dies hätte dann insbesondere die Professionalisierbarkeit von Familienarbeit mit eigenen Kindern zur Folge. (So naheliegend und banal diese Aussage letztendlich ist, so sehr stellt sie gleichzeitig einen Tabubruch in unserer Gesellschaft dar). Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden das Problem dagegen nicht lösen können, da es einen anderen Hintergrund hat. Wird der aktuelle Zustand der unterschiedlichen und vor allem inkompatiblen Organisationsweisen von Wirtschaft und Reproduktion beibehalten, wird es zwangsläufig zu einer Plünderung des Humanvermögens kommen. Der langfristige Zusammenbruch unserer Gesellschaft wäre dann unvermeidlich.“ (Ebd., S. x).

„Im Prinzip wird hier behauptet, die aktuelle Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion bewirke in Marktwirtschaften unter der Voraussetzung der Gleichberechtigung der Geschlechter eine Brasilianisierung der Gesellschaft von innen heraus. Dies ist vergleichbar mit der Behauptung, die Menschheit selbst verursache die globale Erwärmung. In beiden Fällen ist in erster Linie die nächste Generation betroffen, es geht also letztendlich um Fragen der Generationengerechtigkeit. Beide Behauptungen lassen sich durch empirische Daten sehr weit bestätigen, obwohl es natürlich jeweils noch Unsicherheiten gibt, was Kritiker veranlassen könnte, die Hypothesen zurückzuweisen. Es sollte dann allerdings die Frage erlaubt sein: »Und was ist, wenn die Behauptungen doch zutreffend sind, und man nicht reagiert, obwohl es noch möglich wäre?«“  (Ebd., S. x-xi).

„Als Gegenmaßnahme für die erkannte Fehlsteuerung wird im Laufe des Buches zunächst einmal vorgeschlagen, die Nachwuchsarbeit (ähnlich wie zur Zeit bereits Altersversorgung und Schulbildung) als gesellschaftliche Kollektivaufgabe zu verstehen, die prinzipiell von allen Bürgern anteilsmäßig in direkter oder indirekter Form zu erbringen ist. Ferner wird angesichts einer Erdbevölkerung von ca. 6,7 Milliarden Menschen den Bürgern empfohlen, sich in Zukunft nicht mehr zu vermehren, sondern bestenfalls zu ersetzen, und zwar ganz besonders dann, wenn die Versorgung des eigenen Nachwuchses nicht selbst erwirtschaftet werden kann. Eine solche Regelung sollte zwar nicht mit Zwangsmitteln durchgesetzt, jedoch als anzustrebende Norm klar kommuniziert werden. Als Grundlage für ein zukunftstaugliches Fortpflanzungsverhalten wird deshalb die folgende Handlungsmaxime und modifizierte verantwortete Elternschaft vorgeschlagen:
Jedem steht es in unserer Gesellschaft frei, Kinder in die Welt zu setzen. Doch bitte beachten Sie: .... Ein unkontrollierter Bevölkerungszuwachs sollte ... unbedingt vermieden werden. Beschränken Sie sich nach Möglichkeit auf maximal zwei Kinder pro Paar. Der Staat wird Maßnahmen ergreifen und fördern, die für eine möglichst optimale Vereinbarkeit einer kleineren Familie mit bis zu zwei Kindern mit einem Beruf und für einen relativ fairen Familienlastenausgleich sorgen werden.
Allerdings ist die Gesellschaft auf eine insgesamt bestandserhaltende Reproduktion angewiesen. Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kann eine solche nicht gewährleistet werden. Deshalb ist es in unserer Gesellschaft zusätzlich Ihre Aufgabe, als Paar zwei Kinder aufzuziehen, als Einzelperson ein Kind. Damit leisten Sie Ihren Beitrag zu einer bestandserhaltenden gesellschaftlichen Reproduktion. Sie müssen das aber nicht selbst tun, sondern Sie können die Aufgabe zum Teil oder in Gänze anderen Fachleuten überlassen. Dafür müssen Sie dann aber regelmäßig einen bestimmten Betrag abführen, damit diese das auch in der entsprechenden Qualität für Sie tun können.
In einem zweiten Schritt wird sodann vorgeschlagen, die marktwirtschaftliche Organisation der Produktion in Teilen auf die Reproduktion zu übertragen.“ (Ebd., S. xi-xii).

„Damit eine Gesellschaft auch in der Zukunft noch weiter existieren kann und das Prinzip der Generationengerechtigkeit eingehalten wird, bedarf es einer nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung, mit anderen Worten, einer sowohl quantitativ als auch qualitativ bestandserhaltenden Reproduktion. Deshalb muß jeder Bürger für einen Nachfolger seiner eigenen Person sorgen, entweder durch direktes Aufziehen eines Kindes oder alternativ dazu durch Abführen von Unterhalt. Gemäß Kapitel »Was tun?«  würden mit diesen Zahlungen dann professionelle und entsprechend gut ausgebildete, staatlich angestellte Familienfrauen oder auch -männer, so genannte Familienmanager/innen, finanziert, die für das Aufziehen ihrer Kinder vergütet werden. Der Staat übernähme dabei die Kapazitätsplanung. Über die Zahl der beschäftigten Familienmanager/innen könnte er die Bevölkerungsentwicklung in ganz engen Grenzen halten. Werden mehr Kinder in herkömmlichen Partnerschaften geboren, dann sänken die Einnahmen aus den Unterhaltszahlungen und es würden weniger Familienmanager/innen neu eingestellt. Sänke die Zahl der in herkömmlichen Partnerschaften geborenen Kinder, dann würde die Entwicklung genau anders herum sein. Die Familienmanager/innen würden somit für einen automatischen Ausgleich zu niedriger Fertilitätsraten sorgen. Gleichzeitig würde ihre hohe Qualifikation zu einer Anhebung der Geburtenzahlen in Familien mit hohem Bildungsniveau führen.“ (Ebd., S. xii).

„Bei dem gerade Gesagten handelt es sich um eine völlige Neudefinition der gesellschaftlichen Nachwuchsarbeit, und zwar weg vom Prinzip »jeder macht es so, wie er lustig ist« hin zu einer planerischen und menschenwürdigen Vorgehensweise, die den begrenzten Ressourcen dieser Erde gerecht wird. Moderne Gesellschaften könnten dann sogar - wie das Kapitel »Bevölkerungsplanung« zeigen wird - die eigene Bevölkerungsentwicklung beherrschen, ohne dabei in Persönlichkeitsrechte eingreifen zu müssen. In der Folge wären dann globale Bevölkerungskonferenzen vorstellbar, in denen Nationalstaaten - um die Tragfähigkeit der Erde besorgt - ihre jeweiligen zukünftigen Bevölkerungsentwicklungen untereinander abstimmten.“ (Ebd., S. xii).

„Leider spielen reproduktive gesellschaftliche Prozesse in den Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften so gut wie keine Rolle. Meist beschränkt man sich in diesem Zusammenhang auf familiensoziologische und demographische Fragestellungen. Damit wird man aber der Mächtigkeit der gesellschaftlichen Reproduktion nicht gerecht. Selbst Themen wie Generationengerechtigkeit sind ohne die Berücksichtigung reproduktiver Prozesse kaum ernsthaft zu behandeln. Und auch die Evolutionstheorie macht unmißverständlich klar, daß die großen Veränderungen in der Natur reproduktiv erfolgen.“ (Ebd., S. xii-xiii).

„Eine weitere Kernaussage des vorliegenden Buches ist deshalb: Es fehlt eine Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion.“ (Ebd., S. xiii).

„Ich gebe zu, dies ist ein komplexes Thema, da eine solche Disziplin ja generationenübergreifende Gesichtspunkte behandeln müßte, die ganz leicht den eigenen Erfahrungshorizont sprengen können. Auch ist die gesellschaftliche Reproduktion letztendlich eine Transformation der Bevölkerung auf sich selbst und damit eine Operation von hoher Abstraktheit. Ferner würden viele Fragestellungen vor allem Rechte von Menschen tangieren, die zur Zeit noch nicht geboren sind, folglich auch kein Stimmrecht haben. Auf der anderen Seite erkennen wir aber auch zunehmend in vielen anderen Wissenschaftsdisziplinen, daß sich die Menschheit solchen Themen endlich zuwenden muß ....“ (Ebd., S. xiii).

„Das vorliegende Buch versucht, zu einer solchen Theorie einen Beitrag zu leisten. Durch die Verbindung von Erkenntnissen aus Soziologie, Evolutionsbiologie, Soziobiologie, Anthropologie, Ökonomie, Politologie und Demographie gelingt es unter anderem, das Problem des demographischen Wandels in einem ganz neuen Licht darzustellen.“ (Ebd., S. xiii).

„Einige der auf den nächsten Seiten präsentierten und in diesem Vorwort stark verdichteten Befunde zum Zustand unserer Gesellschaft sind so schwerwiegend (einem Unternehmen mit vergleichbaren Organisationsmängeln wi!rde man den Rat erteilen, den Geschäftsbetrieb zwecks Vermeidung weiterer Verluste baldmöglichst einzustellen), daß es mir nicht immer leicht fiel, sie zu Papier zu bringen. Manche Formulierungen mögen respektlos klingen (womit ich natürlich vielen die Gelegenheit gebe, einzelne Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen und auf dieser Basis dann weite Teile des Buches zu kritisieren), allerdings möchte ich auch ein wenig wachrütteln, denn die Sorge ist groß. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.“ (Ebd., S. xiii).

„Überalterung und Unterjüngung, Kinderlosigkeit, Armut unter Kindern, Langzeitarbeitslosigkeit, Herausbildung einer »Unterschicht«, Gewalt an Schulen, schlechte PISA-Resultate, vernachlässigte Kinder, Staatsverschuldung, Abbau des Sozialstaates, Verlust an Kultur und vieles andere mehr dürften alle eine gemeinsame Ursache haben und letztendlich nur Ausprägungen ein und desselben Problems sein. Folgt ein Entwicklungsland in seinen reproduktiven Verhalten dem Prinzip der natürlichen Selektion, dann hat es Chancen, sich zu evolvieren und ein »entwickeltes« Land zu werden. Widerspricht ein entwickeltes Land in seinem Reproduktionsverhalten der natürlichen Selektion, dann hat es gute Chancen, zu »brasilianisieren« und ein Entwicklungsland zu werden. Die jeweiligen Prozesse dürften dabei aber so langsam voranschreiten, daß sie kaum als solche wahrgenommen werden. Die Evolutionsprinzipien beschreiben, wie auf der Erde aus Chaos Ordnung entsteht. Ändert man deren Richtung, dann dürfte Ordnung wieder in Chaos übergehen, und es werden sich ähnliche Effekte zeigen wie diejenigen, die gerade beschrieben wurden. Strak vereinfachend könnte man in diesem Sinne sagen: Hartz IV ist eine Begleiterscheinung des demographischen Wandels. Weitere Symptome dieser Art werden folgen.“ (Ebd., S. xiii-xiv).

„Unsere Gesellschaft definiert sich überwiegend über die Wirtschaft: wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es uns allen gut. Bislang sahen das nur die Männer so, seit wenigen Jahrzehnten nun auch die Frauen. Das vorliegende Buch zeigt aber unmißverständlich: dies ist ein Irrtum. Die Bevölkerung ist das Fundament, nicht die Wirtschaft. Wenn die wichtigste Ressource in modemen Wissensgesellschaften das Humankapital ist, also die Kompetenzen und das Wissen der Menschen und damit diese selbst, dann ist der Zustand der Bevölkerung von größerer Bedeutung als der der Wirtschaft.“ (Ebd., S. xiv).


„Zahlreiche Themen sind ... komplett tabuisiert. Die Gesellschaftswissenschaften haben sich sogar ihr eigenes Denkgebäude mit Tabus zugezimmert. Was früher die römsiche Inquisition war, leistet die Wissenschaft vielerorts nun selbst.“ (Ebd., S. xv-xvi).

1) Bevölkerungsschrumpfung

1.1) Deiche bauen (S. 1-4)
1.2) Der demographische Wandel  (S. 4-5)
1.3) Fertilitätstheorien  (S. 6-16)
1.4) Problemfall Mehrkindfamilie  (S. 16-19)
1.5) Warum sich die demographische Krise verschärft (S. 19-22)

1.2) Der demographische Wandel

„Die fortgeschrittenen Industrienationen befinden sich auf dem Weg hin zu Wissensgesellschaften: Nicht mehr die Ressourcen Arbeit, Kapital und Rohstoffe (Boden; HB) spielen die entscheidende Rolle, sondern die geistigen Fähigkeiten und das tehoretische Wissen ihrer Menschen.“ (Ebd., S. 4).

„Gleichzeitig entwickeln diese Staaten ein demographisches Problem: Die Lebenserwartung steigt, während die Geburtenrate sinkt.“ (Ebd., S. 4).

„Die fortgeschrittenen Industrienationen befinden sich mehrheitlich im demographischen Wandel, dere sich allgemein in drei unabhängigen Teiaspekten ausdrückt:
 Es werden zu wenige Kinder geboren oder etwas präziser ausgedrückt: die gesellschaftliche Reproduktion ist insgesamt mengenmäßig nicht bestandserhaltend. (Fertiltätsrate < 2,1). Analysen zeigen: Der Geburtenrückgang in Deutschland ist wie auch in den USA und in den übrigen europäischen Ländern einschließlich der Länder Nordeuropas Ergebnis des zunehmenden Verschwindens der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern. (Vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 10) und wenier das Resultat einer zunehmenden Kinderlosigkeit.
 In sozial schwachen beziehungsweise bildungsfernen Schichten werden mehr Kinder geboren als in Schichten mit hohem sozioökonomischen Status beziehungsweise Bildungsniveau. Wissenschaftlich ausgedrückt: Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen Kinderzahl und sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau. Dieser Zusammenhang besteht in analoger Weise auch länderübergreifend und nennt sich dann demographisch-ökonomisches Paradoxon (vgl. Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 30 [**]). Mit anderen Worten: In reichen und entwickelten Ländern werden pro Frau viel weniger Kinder geboren als in armen, unterentwickelten Ländern. Auch bei dieser Erscheinung könnet man von einer fehlenden Bestandserhaltung sprechen, diesmal aber nicht bezüglich der Zahl an Menschen, sondern der Kompetenzen und Qualifikationen.“ (Ebd., S. 4-5).

1.3) Fertiltitätstheorien

„Demographen, Ökonomen und Sozialwissenschaftler machen sich ... Gedanken darüber, wie das weltweit und auch historisch sehr unterschiedliche Fortpflanzungsverhalten der Menschheit zu erklären ist.“ (Ebd., S. 6).

Die ökonomische Theorie der Fertilität (vgl. Paul B. Hill / Johannes Kopp, Familiensoziologie, 2002, S. 198ff.) von Harvey Leibenstein und Gary S. Becker gilt als eines der überzeugendsten theoretischen Modelle, um das global sehr unterschiedliche Fertilitätsverhlaten von Bevölkerungen zu erklären. Insbesondere die sehr niedrigen Fertilitätsraten in den entwickelten Staaten ließen sich mit älteren Theorien nicht in Einklang bringen.“ (Ebd., S. 6).

„Gemäß der ökonomischen Theorie lassen sich drei verschiedene Nutzenarten für Kinder unterscheiden (vgl. Thomas Klein, Sozialstrukturanalyse, 2005, S. 81):
Konsumnutzen
Einkommensnutzen
Sicherheitsnutzen
Diesen Nutzenarten stehen zwei Kostenarten gegenüber:
Opportunitätskosten
Dierekte Kosten
Wägt man die verschiedenen Nutzen- und Kostenarten gegeneinander ab, dann läßt sich feststellen:
 - Kinder haben einen Konsumnutzen (mehr als früher! HB) ...
 - Kinder haben einen vergleichsweise geringen Einkommensnutzen (geringer als früher! HB) ...
 - Kinder haben keinen Sicherheitsnutzen (sehr viel anders als früher [denn früher war er sehr hoch]! HB) ...
 - Kinder sind mit hohen Opportunitätskosten verbunden (höher als früher! HB) ...
 - Kinder kosten Geld (mehr als früher! HB) ...
Fazit: Einzig der Konsumnutzen kann heute Kinder noch ausreichend rechtfertigen. Dieser reicht aber bei den meisten Personen nicht aus, um große Familienstärken zu bewirken.“ (Ebd., S. 7-10).

„Die sozialpsychologische Theorie der Fertilität benutzt zwar eine etwas andere Terminologie als die ökonomische Fertilitätstheorie, ist aber konzeptionell mit ihr weitestgehend deckungsgleich. Sie entspringt im Gegensatz zur ökonomischen Theorie eher sozialpsychologsichen Forschungsarbeiten. Als Nutzen für Kinder stellt sie heraus:
materieller Nutzen
psychologischer Nutzen
sozial-normativer Nutzen (zum Beispiel Statusgewinn durch Kinder, Vererbunbg des Familienanmens).“ (Ebd., S. 13).

„Bei der biographischen Fertilitätstheorie (vgl. Herwig, Birg / Ernst-Jürgen Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie der demographischen Reproduktion, 1991) handelt es sich um die demographische Entsprechung der Individualisierungsthese (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986). Sie argumentiert ökonomisch, konzentriert sich aber kostenseitig auf die biographischen Opportunitätskosten der Familiengründung und klammert Nutzenaspekte und dierekte Kosten weitestgehend aus. ([**|**|**]).“  (Ebd., S. 13-14).

„Kernausassagen der Theorie sind (vgl. Herwig, Birg / Ernst-Jürgen Flöthmann / Iris Reiter, Biographische Theorie der demographischen Reproduktion, 1991):
Die Größe des biographischen Universums nimmt durch den Wegfall sozialer, normativer und ökonomischer Beschränkungen permanent zu
Je größer das biographische Universum ist bzw. je vielfältiger die Optionen für eine Biographie sind, desto größer ist die Zahl der Alternativen, die mit einer biographischen Festlegung aus dem Möglichkeitsspielraum ausscheiden.
Bei einer Expansion des biographischen Möglichkeitsspielraums steigt das Risiko einer biographischen Festlegung.
In Gesellschaften mit Konkurrenzprinzip im Individualverhalten ist das Risiko biographischer Festlegungen in der Familienbiographie größer als das Risiko von Festlegungen in der Ausbildungs- und Erwerbsbiographie.
Das Risiko familialer Festlegungen läßt sich aufschieben oder vermeiden.
Schlußfolgerung: Die Wahrscheinlichkeit der demographisch relevanten biographischen Festlegungen nimmt ab.
Dies bedeutet: Durch die zunehmende Individualisierung (vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986) steigt die Anzahl der Lebenslaufalternativen für eine konkrete person. Bei einer Familiengründung erfolgt aber eine sehr große biographische Festlegung für einen längeren zeitraum, und folglich scheiden sehr viele Lebenslaufalternativen aus dem sogenannten biographischen Universum aus. Dies macht es wahrscheinlicher, daß eine solche Festlegung zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht erfolgt, zumal familiale Entscheidungen größere Risiken bergen können als Ausbildungs- und Karriereentscheidungen. Die Konsequenz ist, daß Entscheidung für eine Familiengründung immer später oder gegebenfalls gar nicht mehr getroffen wird.“ (Ebd., S. 13-14).

„Die biographische Fertilitätstheorie gilt allgemein als eine der schlüssigsten Thesen für die Erklärung der niedrigen Fertilitätsraten in entwickelten Gesellschaften. Denn immerhin konnten einzelne Folgerungen der Theorie empirisch bestätigt werden. (Vgl. Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 27-56 [**]).“  (Ebd., S. 14-15).

„Einen zusätzlichen Gesichtspunkt liefert die sogenannte verantwortete Elternschaft, die eine Familiengrünmdung davon abhängig macht, daß ein Wohlergehen des Kindes in vieler Hinsicht verantwortet werden kann. Gesellschaftlich niedrige Fertilitätsraten können deshalb paradoxerweise auch Ausdruck einer hohen Wertschätzung von Kindern sein.“  (Ebd., S. 15).

„Die Theorie ist bezüglich der ökonomischen Aspekte kongruent mit der ökonomischen Theorie der Fertilität, berücksichtigt darüber hinaus aber auch psychologische oder soziologische Aspekte.“  (Ebd., S. 15).

1.5) Warum sich die demographische Krise verschärft

„Nehmen wir einmal an, eine demographische Analyse sei zu dem Ergebnis gekommen, die meisten Nachhaltigkeitsanforderungen ließen sich mit 1,1 Millionen jährlichen Geburten erfüllen. (Diese Zahl ist willkürlich gewählt und stellt keine persönliche Empfehlung dar). Unter anderem hätte die Untersuchung ergeben, daß damit sowohl der prognostizierte Humankapitalbedarf der Wirtschaft abgedeckt als auch der zukünftigen Generation nicht zu hohe Pro-Kopf-Belastungen etwa bei der Altenpflege oder der Unterstützung von Rentnern und anderen Leistungsempfängern beziehungsweise Hilfsbedürftige aufgebürdet würden. Bei einer Jahrgangsstärke von 1,2 Millionen Menschen hätte dies für die daran beteiligten 600000 Frauen eine Ziel-Fertilitätsrate von 1,83 zur Folge (wobei einfachheitshalber eine vernachlässigbare Sterblichkeit in jungen Jahren angenommen wird). Bei Jahrgangsstärken von 1 Million bzw. 700000 (in Deutschland wurden in 2005 nur noch 686000 Kinder geboren) ergeben sich demgegenüber Fertilitätsraten von 2,2 bzw. 3,14 (siehe Abbildung). Dies sind in beiden Fällen Werte, die auch bei sehr optimistischer Betrachtung unter den aktuellen Rahmenbedingungen als unrealistisch angenommen werden müssen. Hinzu kommt, daß auf schrumpfende Jahrgänge mehr Arbeit und höhere Belastungen zukommen werden, so daß eher weiter sinkende Fertilitätsraten angenommen werden müssen.
JahrgangsstärkeGebärfähige Frauen Ziel-Fertilitätsrate
1 200 000600 000 1,83
1 000 000500 000 2,20
    700 000 350 000 3,14
Abbildung 1) Ziel-Fertilitätsraten bei unterschiedlichen Jahrgangsstärken (**) (**)
Bliebe die Fertilitätsrate dagegen bei ungefähr 1,4, so würden (wie die folgende Abbildung zeigt) 600000 Frauen nur noch 840000 Kinder zur Welt bringen, 350000 Frauen sogar nur noch 490000. Davon wäre natürlich nur die Hälfte weiblich, was die Zahl der gebärfähigen Frauen mit der Zeit weiter reduzieren würde.
JahrgangsstärkeGebärfähige Frauen Geburten
1 200 000600 000 840 000
1 000 000500 000 700 000
    700 000 350 000 490 000
Abbildung 2) Geburten bei Fertilitätsrate 1,4 (**) (**)
Will man die Langzeitfolgen dieser Entwicklung abmildern, wird dies aus ökonomischen Gründen eine Spezialisierung im Rahemn der Reproduktion zur Folge haben müssen, das heißt, weniger Frauen müssen durchschnittlich mehr Kinder in die Welt setzen und aufziehen beziehungsweise aufziehen lassen (**). Oder anders ausgedrückt: Mehr Frauen müssen sich ganz ausschließlich auf die gesellschaftliche Reproduktion konzentrieren. Dies hätte zwangsläufig eine Rückkehr der Mehrkindfamilie zur Folge.“ (Ebd., S. 20-22).

„Seit Jahren steigt der Anteil der Studierenden, von denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulanschluß besitzt, in Deutschland kontinuierlich an (vgl. E. Schnitzer / W. Isserstedt / E. Middendorff, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland, 2001, S. 119), siehe die folgende Abbildung. Anders als von einigen Autoren behauptet (Ralph Bollmann, 2006, Lob des Imperiums - Der Untergang Roms und die Zukunft des Westens, S. 84), ist die relative Geburtenschwäche der Akademiker eben gerade nicht die Chance für Kinder aus sozial schwachen Schichten.“ (Ebd., S. 22).

JahrStudierende mit mindestens einem Elternteil mit Hochschulabschluß
198529 %
198825 %
199137 %
199436 %
199739 %
200044 %
Abbildung 3) Höchster Bildungsabschluß der Eltern von Studierenden

2) Evolution

2.1)   Leben und Energie (S. 23-29)
2.2)   Leben und Fortpflanzung (S. 29-32)
2.3)   Die Evolutionstheorie (S. 32-37)
2.4)   Paarungssysteme und sexuelle Selektion  (S. 37-42)
2.5)   Paarungs- versus Reproduktionserfolg (S. 42-43)
2.6)   Nichtbiologische Evolutionen (S. 43-48)
2.7)   Individual- versus Gruppenselektion (S. 48-50)
2.8)   Die „Soziobiologie“ des Wohlfahrtsstaates (S. 50-62)
2.9)   Demographisch-ökonomisches Paradoxon (S. 62-65)
2.10) Gesellschaftliche Adaptionsfähigkeit (S. 65-94)

2.1) Leben und Energie

„Grundlage jeglichen Lebens auf der Erde ist. die die Erdoberfläche erreichende Sonnenenergie, denn Lebewesen benötigen vor allem Energie.“ (Ebd., S. 23).

„Die Sonne liefert pro Jahr eine Energiemenge von etwa 3,9 Yottajoule auf die Erdoberfläche, das sind 3,9 Millionen Exajoule, wobei ein Exajoule wiederum einer Milliarde Gigajoule entspricht, und bei einem Gigajoule selbst handelt es sich um eine Milliarde Joule. Um ein Gefühl für die Größenordnungen zu bekommen: Ein Mensch benötigt pro Tag ca. 2000 Kcal an Nahrungsenergie. (**). Umgerechnet in Joule (1 cal = 4,18 Joule) und Jahr entspricht dies einem Energiebedarf von ca. 3 Gigajoule pro Jahr. Die gesamte Menschheit von zur Zeit etwa 6,7 Milliarden Menschen hat demzufolge einen jährlichen Nahrungsenergiebedarf von ca. 20 Exajoule. Gemäß den folgenden Ausführungen handelt es sich bei Nahrungsenergie letztendlich um Sonnenenergie.“ (Ebd., S. 23).


„Allerdings stehen heute hinter jeder Kalorie, die wir als Lebensmittel zu uns nehmen. bis zu zehn Kalorien fossiler Energie, die für Kunstdünger, Landwirtschaftsmaschinen, Kühlung, Verarbeitung, Transport u.s.w. aufgebracht werden müssen. (Vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert, 2007, S. 64).“ (Ebd., S. 23). Zusatz-Info: Kcal = Kilokalorie; 1 cal = 4,187 J bzw. 1 J = 0,239 cal; J ist die SI-Einheit der Energie, benannt nach dem englischen Physiker James Prescott Joule (1818-1889).“ (Ebd., S. 23).

„Die Evolution des Lebens auf der Erde könnte auch als eine Evolution der Nutzung von Energie verstanden werden. Pflanzen nehmen Sonnenenergie über die Photosynthese direkt auf, und speichern sie für sonnenarme Zeiten in Form von Stärke beziehungsweise teilweise auch als Fett ab. Sie kommen deshalb ohne Fortbewegung aus. Die Photosynthese der Pflanzen ist die auf der Erde am weitesten verbreitete Nutzung von Sonnenenergie. Daneben gewinnen auch einige Bakterien ihre Energie direkt aus dem Sonnenlicht.“ (Ebd., S. 23).

„Tiere nutzen Sonnenenergie indirekt, zum Beispiel durch Verzehr der in Pflanzen gespeicherten Energie. Man nennt sie dann Pflanzenfresser (Herbivoren). Dafür müssen sie sich allerdings von Pflanze zu Pflanze fortbewegen. Über den Verzehr von Pflanzen kann mehr Energie pro Zeiteinheit aufgenommen werden als über eine direkte Nutzung von Sonnenergie. Die Evolution der Tiere ging folglich mit einer Steigerung der Energieeffizienz einher. Tiere speichern den größten Teil ihrer Energiereserven als Fett ab. Ein Grund dafür ist die hohe Energiedichte von Fett (900 Kcal pro 100 g). Ein Tier kann dann im Vergleich zu anderen Energieträgern mehr Energie pro kg zusätzlichem Körpergewicht mit sich herumtragen. Viele Pflanzenfresser sind den ganzen Tag mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Elefanten nehmen beispielsweise täglich etwa 200 Kilogramm Nahrung beziehungsweise 250000 Kcal zu sich, wofür sie allein 17 Stunden benötigen. Sie fressen vor allem Gras, aber auch Früchte, Wurzeln, Zweige und Rinde. Daneben trinken sie 70 bis 150 Liter Wasser am Tag.“ (Ebd., S. 23-24).

„Tierisches Gewebe besitzt in der Regel eine höhere Energiedichte als pflanzliches. Die Evolution der Fleischfresser (Carnivoren) bedeutete deshalb eine weitere Steigerung der Energieeffizienz. Anders als viele Pflanzenfresser können sich Fleischfresser bei der Nahrungsaufnahme meist auf wenige Stunden pro Tag beschränken. Allerdings ist ihre Nahrungsbeschaffung im Gegenzug mit einem höheren Energieaufwand verbunden. Deshalb können Fleischfresser nicht die maximale Größe von Pflanzenfressern erreichen und diese wiederum nicht die maximale Größe von Pflanzen. (Verdoppelt man den Durchmesser einer Kugel, so verachtfacht sich ihr Volumen. Ein nach allen Seiten doppelt so großer Löwe wäre also 8-mal so schwer. Er müßte dann nicht nur überall wesentlich stabiler konstruiert sein, sondern würde bei Beschleunigungen auch viel mehr Energie verbrauchen.).“ (Ebd., S. 24).

„Der moderne Mensch ist wie die meisten anderen Primaten ein Allesfresser (Omnivore), er kann also sowohl Pflanzen als auch tierische Produkte verdauen. Allerdings ist die Vergrößerung des menschlichen Gehirnvolumens in der Altsteinzeit ohne den enormen Fleischkonsum unserer Vorfahren nicht erklärbar. (Vgl. Josef H. Reichholf, Das Rätsel der Menschwerdung - Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel mit der Natur, 1990, S. 115ff.; Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 40ff.).“ (Ebd., S. 24).

„In der Natur geht es also in erster Linie um Energie. Da nicht nur die Sonnenenergie, sondern auch Lebewesen selbst Energie darstellen, heißt das Prinzip »fressen oder gefressen werden«, wobei die relative Position in der Nahrungskette (Energiekette) von entscheidender Bedeutung ist. Lebewesen, die gezielt auf die Jagd nach Energie in anderen Lebewesen gehen, nennt man deren natürliche Feinde, sie nehmen somit in der Nahrungskette einen höheren Rang ein als ihre Nahrung.“ (Ebd., S. 24).

„Innerhalb der Nahrungskette existieren noch so genannte Destruenten, die abgestorbene Pflanzen und tote Tiere zersetzen und Böden wieder mit zusätzlichen Mineralstoffen anreichern.“ (Ebd., S. 25).

„Der Mensch hat die Energieeffizienz nochmals und auf vielfältige Weise gesteigert. Zunächst trat er aufgrund seiner intelligenten Jagdstrategien und der Erfindung von Waffen und des Feuers als das gefährlichste Raubtier aller Zeiten auf. Dabei konzentrierte er sich über weite Strecken sogar darauf, die größten Pflanzenfresser (zum Beispiel Mammuts) zu jagen, die davor noch keine natürlichen Feinde besaßen. Auf diese Weise konnte er den Zeitaufwand für die Nahrungssuche und -aufnahme drastisch reduzieren. Die freigewordene Zeit stand nun für die Weiterentwicklung von Waffen, die Verfeinerung der Kommunikation, aber insbesondere auch die Verbesserung der Brutpflege zur Verfügung. Dies erlaubte es dem Menschen, sich sukzessive auf der Erde auszubreiten.“ (Ebd., S. 25).

„Mit der Beherrschung des Feuers und dem Erfinden des Kochens gelang dem Menschen eine weitere Steigerung der Energieeffizienz, da nun die Nahrung zum Teil bereits außerhalb der eigenen Verdauungsorgane aufgeschlüsselt werden konnte. Dazu war allerdings eine separate Energiequelle (Holz) erforderlich, eine Innovation von geradezu historischer Tragweite, gelang es doch damit einem Lebewesen zum ersten Mal, eine zusätzliche Energiequelle gezielt für die eigenen Zwecke einzusetzen. Heute verbraucht der durchschnittliche US-Amerikaner mehr als 100-mal soviel Energie für andere Belange, wie für die Versorgung des eigenen Körpers.“ (Ebd., S. 25).

„Als die Bevölkerungszahlen stiegen, die Nahrungsversorgung aufgrund der begrenzten Ressourcen aber immer schwieriger wurde, erfand der Mensch vor ca. 10 000 Jahren Ackerbau und Viehzucht. Mit dieser, als neolithische Revolution bezeichneten Innovation, begann der Mensch, sich quasi aus der Natur herauszulösen und sich seine eigene Natur zu schaffen .... Sich seine eigene Natur zu schaffen, hat einige offenkundige Nachteile: Man muß unter anderem durch eigene Arbeit für all das sorgen, wofür die Natur normalerweise ganz automatisch sorgt. Die paradiesischen Verhältnisse der Altsteinzeit, als der Mensch nur nach den Früchten der Natur zu greifen brauchte, waren also vorbei.“ (Ebd., S. 25).

„Doch gleichzeitig gab es einige entscheidende Vorteile, die die Nachteile des harten Arbeitens mehr als aufwogen. Dazu zählten die stärkere Unabhängigkeit gegenüber den Launen der Natur und die Erhöhung der Erträge pro Quadratkilometer Boden. Allerdings erfolgte der Wandel vom Jagen und Sammeln hin zu Ackerbau und Viehzucht weniger aus strategischen Überlegungen heraus, sondern in erster Linie aus reiner Not.
»Als das Zeitalter des Paläolithikums (Altsteinzeit) sich seinem Ende näherte, in der mesolithischen Periode (mittlere Steinzeit: vor 20000 bis 10000 Jahren), kam es in Europa. Nordamerika und Asien auf breiter Front zu einem Aussterben der großen Säugetiere. Das fiel zusammen mit einer grundlegend veränderten Nutzung der Umwelt sowie anderer Nahrungsquellen durch die Jäger und Sammler. Überall auf der Welt begannen die Menschen ausgedehnter zu jagen und zu sammeln; so wurden alle Nischen ihrer Umwelt besser genutzt. ....
Zum ersten Mal tauchen vor 15000 Jahren im Nahen Osten Mahlsteine und grobe Mörser unter den archäologischen Funden auf sie weisen auf den Beginn der Nutzung von Getreide durch den Menschen hin. ....
Als ... vor 10000 Jahren die Bevölkerungszahlen zunahmen und große Pflanzenfresser entweder ausgerottet oder sehr selten geworden waren, mußte die Menschheit zunehmend häufiger auf kleine Säugetiere, Fisch, Geflügel und gesammeltes Pflanzenmaterial zurückgreifen, um ihren Kalorienbedarf zu decken. Schrittweise, je mehr sich auch diese Ressourcen zu erschöpfen drohten, wurde angesichts wachsender Bevölkerungszahlen der Ackerbau zum vorherrschenden Lebensstil und das Getreide zum bestimmenden Kalorien- und Proteinlieferanten in vielen, wenn auch nicht in allen prähistorischen Kulturen.« (Loren Cordain, 2004, S. 5f.).
Die Revolution bei der Nahrungsbeschaffung hatte einige unmittelbare Konsequenzen (vgl. Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 107ff.; Jared Diamond, Der dritte Schimpanse, 2006, S. 232ff.; Loren Cordain, 2004):
Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung: Gab es vorher im wesentlichen eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtem (Männer: Sicherstellen des Überlebens auf täglicher Basis, Frauen: Sicherstellen des Überlebens in der Zukunft), so erfolgten nun weitere Spezialisierungen im Rahmen der Nahrungsproduktion (Bauer, Hirte) und bei anderen, gegebenenfalls sogar rein geistigen Tätigkeiten.
Verstädterung: Die außerhalb der Städte produzierte Nahrung konnte eine große Zahl an Menschen auf gesicherte Weise versorgen. Die Menschen wurden seßhaft, und es bildeten sich die ersten Städte heraus.
Kulturelle und wissenschaftliche Weiterentwicklung: Verstädterung und Arbeitsteilung führten zu einer verbesserten Kommunikation, einer Vertiefung des Wissens und einem schnelleren Wissenszuwachs. Es entstanden die ersten Hochkulturen (ich nenne sie: Historienkulturen! HB).
Bevölkerungsexplosion: Die eigene Nahrungsproduktion machte den Menschen unabhängig von der Natur und schützte ihn gleichzeitig vor natürlichen Feinden. In Verbindung mit der veränderten Nahrungszusammensetzung kam es zu einem deutlichen Bevölkerungszuwachs.
Ungehinderte Ausbreitung über die ganze Erde: Die Umstellung von Jagen/Sammeln auf Ackerbau/Viehzucht erlaubte es dem Menschen, bislang unbewohnte Gebiete zu besiedeln. Dazu mußte lediglich die Nahrungsmittelproduktion gemäß den erlernten und beherrschten Methoden in die neue Lokation exportiert werden. Immer mehr Land wurde der Natur entrissen.
Die mit der veränderten Nahrungsbeschaffung einhergehende Veränderung in der Nahrungszusammensetzung hatte aber auch erhebliche gesundheitliche Konsequenzen:
»Als die vorwiegend auf Fleisch aufbauende Kost der Jäger und Sammler durch eine auf Getreide beruhende Ernährung ersetzt wurde, waren die Folgen in allen Erdteilen gleich: Das Höhenwachstum entwickelte sich rückläufig (die Menschen wurden kleiner), die Kindersterblichkeit nahm zu, die Lebenserwartung sank (die Menschen starben früher), Infektionserkrankungen traten häufiger auf, Eisenmangelkrankheiten (Blutarmut) nahmen zu, ebenso wie Knochenerweichung, Deformationen des Schädels und andere auf Mineralstoffmängel zurückzuführende Knochenerkrankungen, und es kam vermehrt zu Dentalkaries sowie anderen krankhaften Veränderungen des Zahnschmelzes.« (Loren Cordain, 2004, S. 6f.).
Als weitere negative Effekte der neolithischen Revolution sind zu nennen: Soziale Ungleichheiten, Sklaverei, Gewaltherrschaft.“ (Ebd., S. 26).

„Der entscheidende Grund für den Durchbruch und den langfristigen Erfolg von Ackerbau und Viehzucht war aber wohl die weitere Steigerung der Energieeffizienz, denn nun konnte pro Quadratkilometer Land mehr Energie gewonnen werden als dies Jäger/Sammler-Kulturen möglich war.“ (Ebd., S. 26).

„Weitere Steigerungen des Energieertrags setzten eine verstärkte Arbeitsteilung und den Einsatz zusätzlicher Arbeitskräfte voraus, sei es als Mensch (zum Teil als Sklave) oder Tier (Pferd, Ochse, Esel u.s.w.). Natürlich mußten die Arbeitskräfte genährt werden, das heißt sie benötigten Energie.“ (Ebd., S. 28).

„Später erschloß der Mensch dann weitere Energiequellen, insbesondere die fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Gas, bei denen es sich um Ablagerungen früherer Lebewesen und damit um Sonnenenergie handelt. Der Mensch nutzt also heute ganz gezielt die Energie, die vor Jahrmillionen von der Sonne auf die Erde eingeflossen ist. Die fossilen Brennstoffe haben das Zeitalter der Technik erst möglich gemacht. Seitdem werden Arbeitsleistungen in erster Linie durch Maschinen erbracht. Auf menschliche und tierische Arbeitskräfte konnte zunehmend verzichtet werden. Ein günstiger Nebeneffekt war die Beendigung der Sklaverei.“ (Ebd., S. 28).

„Die von der Menschheit neben der Nahrung pro Jahr verbrauchte Primärenergie (fossile Brennstoffe, Atomenergie, erneuerbare Energiequellen) wird auf ca. 430 Exajoule geschätzt. Zusammen mit den für die Nahrung verbrauchten 20 Exajoule ergibt sich ein jährlicher Gesamtenergieverbrauch der Menschheit von ca. 450 Exajoule, soviel wie etwa 150 Milliarden Naturmenschen verbrauchen würden. Zum Vergleich: Die gesamte von der Sonne auf der Erdoberfläche eintreffende Energie entspricht ungefähr dem 9000-fachen des aktuellen menschlichen Energiebedarfs. Die Menschheit nutzt aktuell bereits rund die Hälfte der weltweiten Netto-Photosynthesekapazität, also des Überschusses, der aus der Fähigkeit der Pflanzen resultiert, Sonnenenergie zu speichern. (Vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert, 2007, S. 64). Der Primärenergieverbrauch pro Kopf und Land ist weltweit sehr unterschiedlich, in Deutschland sind es ca. 172 Gigajoule, in den USA 325, in Norwegen 392 und in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gar fast 700. Überspitzt könnte man sagen: Jeder Deutsche beschäftigt noch zusätzliche 60 Sklaven, jeder US-Amerikaner sogar 110. Würden alle Menschen auf der Erde den gleichen Energiebedarf wie die US-Amerikaner haben, dann hätte die Menschheit einen jährlichen Energieverbrauch von ca. 2200 Exajoule. Die gesamte auf der Erde nutzbare Sonnenenergieleistung wäre dann nur noch 1800-mal so groß, nähme man die VAE als Maßstab, dann sogar nur noch das 870-fache. (**).“ (Ebd., S. 28).

„Da der Vorrat an fossilen Brennstoffen sich in den nächsten 50 Jahren dem Ende zuneigen dürfte und der bisherige Energieverbrauch bereits klimatische Veränderungen zur Folge hat, sind für die Zukunft neue Energiekonzepte erforderlich. Entweder der Menschheit gelingt es, neue leistungsfähige Energiequellen (zum Beispiel Kernfusion) zu erschließen - wobei einige Kritiker darin einen Widerspruch zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik erkennen wollen (vgl. Entropie; und vgl. z.B. Jeremy Rifkin, Entropie - Ein neues Weltbild, 1985; Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik, 1994) und vor möglichen klimatischen Folgen warnen -, oder sie muß ihren Energieverbrauch reduzieren und den Energiebedarf hauptsächlich aus erneuerbaren Energiequellen decken. Letzteres hätte vermutlich erhebliche gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. Beispielsweise basieren die momentanen Wirtschafts- und Globalisierungsprozesse ganz erheblich auf der freien Verfügbarkeit nahezu unbegrenzter Mengen an Energie.“ (Ebd., S. 28-29).

„Die Ausführungen in diesem Abschnitt sollten in erster Linie deutlich machen, daß es sich bei biologischen, gesellschaftlichen und technischen Evolutionen ganz wesentlich um Evolutionen in der Nutzung von Energie handelt.“ (Ebd., S. 29).

2.2) Leben und Fortpflanzung

„Eine allgemeinverbindliche Definition des Begriffes Leben existiert nicht. Was Leben ist, was sein Wesen ausmacht, ist letztendlich auch für die Wissenschaften eine offene und vieldiskutierte Frage. Üblicherweise wird aber angenommen, daß eine Entität mindestens die folgenden Eigenschaften besitzen muß, um ein Lebewesen zu sein:
Selbstregulierung (Homöostase).
Selbstregulierung bezeichnet die Fähigkeit, sich mittels Rückkopplung selbst innerhalb gewisser Grenzen in einem stabilen Zustand zu halten.
Stoffwechsel (Metabolismus).
Lebewesen sind entropiearme Systeme hoher Ordnung. Mit anderen Worten: Sie halten Energie konzentriert vor. (Was sie für natürliche Feinde so interessant macht). Damit dieser unwahrscheinliche Zustand aufrechterhalten werden kann, ist eine ständige Zufuhr von Energie bei gleichzeitiger Abgabe (Export) von Entropie (Entropie ist ein Maß für die energetische Unordnung eines Systems) erforderlich. Dies geschieht über den Stoffwechsel.
Tiere nehmen energiereiche Nährstoffe wie Fett oder Glukose auf und bauen sie in energiearme Verbindungen wie Wasser und Kohlendioxid ab. Dabei wird sehr viel Energie freigesetzt, welche zur Aufrechterhaltung des entropiearmen Zustandes im Inneren des Lebewesens eingesetzt werden kann.
Übersteigt die innere Entropie des Lebewesens einen bestimmten Maximalwert, stirbt es. Sofort nach dem Tod zerfällt es, und die Entropie strebt einem Maximum zu.
Vereinfacht könnte man sagen: Lebewesen erhalten ihre innere Ordnung auf Kosten einer zunehmenden Unordnung in ihrer Umgebung. Je mehr Energie ein Lebewesen verbraucht, desto mehr Unordnung schafft es. (Vgl. Neirynck, 2006). In Deutschland benötigt jeder Bürger im Durchschnitt die 60-fache Energiemenge eines steinzeitlich lebenden Jägers.
Fähigkeit zur Selbstreproduktion (Fortpflanzung beziehungsweise Selbstreplikation).
In diesem Sinne ist ein Hurrikan kein Lebewesen, denn ihm fehlt allein schon die Fortpflanzung. Die meisten Lebewesen pflanzen sich geschlechtlich fort. Konkret heißt das: Es gibt zwei Geschlechter - Männchen und Weibchen -, die gelegentlich Sex miteinander haben. Wenn sie dabei erfolgreich waren, wird (üblicherweise) das Weibchen schwanger, und es trägt dann nach einer mehr oder weniger langen Zeit (und zwischen den verschiedenen Arten auf sehr unterschiedliche Weise) Nachwuchs aus. In der Soziobiologie bezeichnet man den Nachwuchs auch als Reproduktionserfolg. Seit der Erfindung der Pille und anderer sicherer Kontrazeptiva haben Menschen jedoch in erster Linie Sex, um Spaß miteinander zu haben, nicht aber um Kinder zu zeugen. Paarungserfolg und Reproduktionserfolg sind deshalb zu unterscheiden. Hatte ein Mann in seinem Leben viele Sexualpartnerinnen und häufigen Sex, dann war sein Paarungserfolg entsprechend groß. Entstanden aus diesen sexuellen Vereinigungen aber keine oder nur sehr wenige Kinder, dann hatte er nur einen geringen Reproduktionserfolg. Die Unterscheidung zwischen Paarungs- und Reproduktionserfolg wird in der weiteren Diskussion noch eine wesentliche Rolle spielen.“ (Ebd., S. 29-30).

„Die Biologie teilt Lebewesen unter anderem in Arten beziehungsweise Spezies ein; unsere Art ist der Mensch. Eine Population stellt demgegenüber eine Gruppe von Individuen (Phänotypen) der gleichen Art dar, die eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden und in einem einheitlichen Verbreitungsgebiet leben. Auch wenn es beim Menschen praktisch keine abgeschlossenen Populationen mehr gibt, könnte man in diesem Sinne dennoch grob vereinfacht sagen: Der Mensch ist eine biologische Art, die deutsche Bevölkerung dagegen eine menschliche Population, der einzelne Deutsche ein Individuum. Während ein einzelnes Individuum im Glücksfall vielleicht hundert oder auch etwas mehr Jahre alt werden kann, können Arten und Populationen viele Millionen oder im Extremfall gar einige Milliarden Jahre existieren. Damit das geschehen kann, sind allerdings zwei Dinge erforderlich: Die Population muß sich stets
ausreichend fortpflanzen und
an die sich ständig verändernde Umwelt rechtzeitig und angemessen anpassen.
Doch was ist nun eine ausreichende Fortpflanzung? Demographen verwenden dazu den Begriff der Fertilitätsrate; dies ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau. Damit die deutsche Bevölkerung auf Dauer ungefähr gleich groß bleibt, müßte sie eine Fertilitätsrate von 2,1 haben (einige Kinder sterben vor dem Erwachsenenalter oder sind unfruchtbar, deshalb benötigt man etwas mehr als zwei). Seit vielen Jahren hat Deutschland aber nur eine Fertilitätsrate von weniger als 1,4. Würde diese Zahl die nächsten 1000 Jahre unverändert bleiben und würden stets etwa genauso viele Menschen zu- wie auswandern, dann lebten im Jahr 3000 in Deutschland nur noch 128 Menschen. Würde die deutsche Fertilitätsrate dagegen die nächsten 1000 Jahre konstant bei 2,3 liegen, dann gäbe es im Jahr 3000 fast 1,7 Milliarden Deutsche. Sich ausreichend fortzupflanzen scheint also gar nicht so einfach zu sein. Wie man es macht, ist es offenbar verkehrt. Ich werde allerdings im Laufe des Buches ein Verfahren vorstellen, welches es einer modernen menschlichen Population erlauben würde, sich auf Dauer mit einer Fertilitätsrate von exakt 2,1 fortzupflanzen. (**). Demographen nennen das eine bestandserhaltende Fertilität. (**). Eine solche Bevölkerung wäre dann im demographischen Gleichgewicht. Gemäß der zweiten Bedingung müssen sich Populationen stets an ihre Umgebung anpassen, wenn sie auf Dauer existieren wollen. Sollte zum Beispiel eine Löwenpopulation im Laufe der Zeit immer schneller werden, dann werden die Antilopen aus dem gleichen Lebensraum mit Gegenmaßnahmen (Anpassungen) reagieren müssen, wollen sie nicht restlos ausgerottet werden.“ (Ebd., S. 31-32).


„Offenbar besitzen Populationen nur eine sehr rudimentäre Fortpflanzungshomöostase. So weist Dawkins etwa auf eine fehlende Gruppenselektion hin (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976), wie noch näher in diesem Kapitel erläutert wird. Im vorliegenden Buch wird allerdings eine leistungsfdhige Fortpflanzungshomöostase für modeme menschliche Gesellschaften vorgeschlagen.“ (Ebd., S. 31-32).

„Im Sinne der Definitionen des vorangegangenen Kapitels ist eine Fertilität demgegenüber erst dann bestandserhaltend, wenn die beiden obigen Bedingungen (ausreichende Fortpflanzung, angemessene Anpassung an die Umwelt) erfüllt sind, das beißt, die Reproduktion quantitativ und qualitativ bestandserhaltend ist.“ (Ebd., S. 32).


„Die Frage ist nun: Wie gelingt diese Anpassung an eine sich verändernde Umgebung? Wie schaffen es Populationen, sich über Millionen von Jahren an sich gleichfalls verändernde Umweltbedingungen anzupassen? Die Antwort darauf gibt die Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 32).

2.3) Die Evolutionstheorie

„Die von Charles Darwin entwickelte biologische Evolutionstheorie (im folgenden einfachheitshalber »Evolutionstheorie« genannt) erklärt die Entwicklung des Lebens auf der Erde und die fortlaufende Anpassung von Populationen an ihren Lebensraum. In ihr spielt der Fortpflanzungsmechanismus eine entscheidende Rolle. Die Kernhypothesen der Evolutionstheorie sind:
.... Variation ....
.... Selektion ....
.... Vererbung ....
Für die ursprüngliche Darwinsche Evolutionstheorie spielt es keine Rolle, ob die Vererbung über Gene oder etwa durch Erziehung (beziehungsweise Imitation der Eltern) erfolgt. Für die moderne synthetische Evolutionstheorie steht aber die Genetik im Vordergrund: Die Individuen einer Population unterscheiden sich durch erbliche Zufallsveränderungen (Variation). Durch die natürliche Selektion werden diejenigen Veränderungen, die ihren Träger besser an eine gegebene Umwelt anpassen, häufiger an die nächste Generation weitergegeben (Vererbung).“ (Ebd., S. 32-33).

„Die Kernaussage der Evolutionstheorie ist nun: Wenn die drei Voraussetzungen Variation, Selektion und Vererbung gegeben sind, ist Evolution unvermeidlich die Folge.“ (Ebd., S. 33).

„Ich möchte dies an einem visuellen Beispiel verdeutlichen: Nehmen Sie ein Blatt Papier und markieren darauf einen roten Punkt, der den aktuellen Zustand der Umgebung repräsentieren soll. Hierbei handelt es sich um eine starke Vereinfachung, da Umgebung üblicherweise mehr als zwei Dimensionen hat. (Allerdings sind solche Vereinfachungen in wissenschaftlichen Überlegungen üblich. (Vgl. Lisa Randall, Verborgene Universien - Eine Reise in den extradimensionalen Raum, 3. Auflage, 2006, S. 47ff.). Und nun markieren Sie rund um den Umgebungspunkt einige weitere schwarze Punkte, die den Individuen einer Population entsprechen sollen (Variation). Bildlich gesprochen: Ein Individuum ist um so besser an die aktuelle Umgebung angepaßt, je geringer sein Abstand zum roten Punkt ist. Stellen Sie sich nun vor, die Umgebung würde sich mit der Zeit verändern, das heißt, auf dem Blatt bewegen. Wenn nun diejenigen Individuen, die dichter am roten Umegebungspunkt sind, mehr Nachkommen durchbringen als andere (Selektion) und die Nachkommen in der Regel ihren Eltern ähneln (Vererbung), dann wird die gesamte Population der Bewegung des roten Umgebungspunktes folgen. Wenn sich der rote Umgebungspunkt nur langsam bewegt, dann ist der Selektionsdruck gering, und die gesamte Population wird sich kaum verändern. Bewegt sich der Umgebungspunkt dagegen schnell, dann ist der Selektionsdruck groß, so daß gegebenfalls nur noch deutlich veränderte Individuen ihm folgen können.“ (Ebd., S. 34).

„Man könnte ... das Evolutionsprinzip auch als Optimierungsalgorithmus verstehen, der die fortlaufende Anpassung von Populationen an sich gleichfalls verändernde Umgebungen sicherstellt, ein von jeder Absichtlichkeit oder höherer Zweckmäßigkeit freies Verfahren. (Vgl. Franz M. Wuketits, Evolution - Die Entwicklung des Lebens, 2005, S. 25). Erst die natürliche Selektion verleiht der Evolution so etwas wie eine Richtung. (Vgl. Franz M. Wuketits, ebd., 2005, S. 25).“ (Ebd., S. 34).

„Die Evolutionstheorie erklärt, wie auf der Erde aus Chaos zunehmende lokale Ordnung (das heißt, Evolution beziehungsweise Entwicklung) in Form von Leben entstehen konnte, was aufgrund des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik (Entropiesatz), der im Universum eine generelle Entwicklung von der Ordnung hin zum Chaos postuliert, zunächst nicht erwartet werden konnte.“ (Ebd., S. 34).

„»Wenn es Lebewesen gibt, die in ihrer Form untereinander variieren, und wenn es eine Selektion dahingehend gibt, daß nur einige dieser Lebewesen überleben, und wenn die Überlebenden all das an ihre Nachkommen weiterreichen, was ihnen beim Überleben behilflich war, dann müssen diese Nachkommen im Schnitt besser als ihre Eltern an diejenige Umwelt angepaßt sein, in der die Selektion stattfand. Es ist der zwingende Charakter dieses Prozesses, der die Evolution zu einem derart mächtigen Erklärungswerkzeug gemacht hat: Wenn die drei Voraussetzungen - Variation, Selektion und Vererbung - gegeben sind, ist Evolution unvermeidlich die Folge. Aus diesem Grund nennt Dennett diesen Prozeß auch den ›Evolutionsalgorithmus‹. Er ist ein von jeder Absichlichkeit freies Verfahren - ein ›Prinzip, wonach Gestaltung ohne Zutun eines Geistes aus dem Chaos entstehen kann‹ ....« (Susan Blackmore, Evolution und Meme, in: Alexander Becker et al., Gene, Meme und Gehirne, 2003, S. 50).“ (Ebd., S. 34-35).

„Wird der Algorithmus der natürlichen Selektion in sein Gegenteil verkehrt, das heißt, pflanzen sich in erster Linie die weniger gut angepaßten Individuen fort, dann dürfte lokale Ordnung wieder sukzessive in Chaos übergehen.“ (Ebd., S. 35).

„Die Natur implementiert über die Prinzipien der Evolutionstheorie so etwas wie Generationengerechtigkeit. Generationengerechtigkeit bedeutet, daß die heutige Generation der nächsten Generation die Möglichkeit gibt, sich ihre Bedürfnisse mindestens im gleichen Ausmaß wie die heutige Generation zu erfüllen (Jög Tremmel, Bevölkerungspolitik im Kontext ökologischer Generationenegerechtigkeit, 2005,S. 98). Oder anders ausgedrückt: Wenn Individuen gemäß der natürlichen Selektion all das an ihre Nachkommen weiterreichen, was ihnen beim Überleben behilflich war, dann müssen diese Nachkommen im Schnitt gleich gut oder besser als ihre Eltern an diejenige Umwelt angepaßt sein, in der die Selektion stattfand. Hat sich diese Umwelt in der Zwischenzeit kaum verändert, dann kann sich die Folgegeneration ihre Bedürfnisse gleich gut oder besser erfüllen als die vorangegangene. Das Prinzip der Generationengerechtigkeit ist also gewahrt.“ (Ebd., S. 35).

„Der Gegenstand der Evolutionstheorie ist die Population inklusive deren reproduktives Verhalten (vgl. Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 147ff.), was ihre unmittelbare Relevanz für demographische Fragestellungen begründet. Für Richard Dawkins ist die Einheit der Selektion hingegen das Gen. (Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 50f.). Allerdings beschränkt sich die Fortpflanzung von Spezies auf Mitglieder der gleichen Art beziehungsweise sogar der gleichen Population (Letzteres erklärt die Artenbildung), so daß die Evolutionstheorie ohne en Populationsgedanken auf Schwierigkeiten stoßen dürfte.“ (Ebd., S. 35-36).

„Strenggenommen ist die natürliche Selektion kein Auswahlverfahren, sondern ein Eliminierungsverfahren in Hinblick auf die Fortpflanzung. (Vgl. Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 150). Denn es scheiden die am wenigsten gut angepaßten Individuen aus, während besser angepaßte (tauglichere) Individuen eine größere reproduktive Überlebenschance besitzen.“ (Ebd., S. 36)

„Die Evolutionstheorie wird häufig mit einem »Kampf ums Dasein« in Verbindung gebracht. Ein üblicher Einwand ist, einen solchen Überlebenskampf gäbe es in modernen Gesellschaften nicht mehr (siehe die Diskussion in den folgenden Abschnitten), weswegen die Theorie auf menschliche Gesellschaften nicht anwendbar wäre. Allerdings kommt der Optimierungsalgorithmus der natürlichen Selektion auch ohne die Nebenbedingung der Ressourcenverknappung und dem damit verbundenen gnadenlosen Kampf ums Überleben aus. Statt dessen reicht bereits eine ganz normale Konkurrenz unter den Individuen. Auf diesem Mißverständnis beruht ganz wesentlich die Kritik Joachim Bauers an Kernaussagen der Evolutionstheorie. (Vgl. Joachim Bauer, Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren, 2006). »Die Macht der natürlichen Auslese ist größer als uns bloße Intuition zu erwarten erlaubt. .... Denken Sie an eine Herde von tausend grauen Pferden und darunter ein paar Individuen mit leicht abweichenden Grautönen sowie Mutationen, die dieses Merkmal beeinflussen können. Besuchen Sie die Herde alle hundert Jahre einmal und entfernen Sie die Variante mit der jeweils hellsten Farbe. Einfache Berechnungen können zeigen, daß diese Vorgehensweise innerhalb von einer Million Jahren in einer Herde einheitlich schwarzer Pferde resultieren könnte. Mit anderen Worten: Zufallsbedingte Variation und eine sogar sehr ›mild‹ wirkende Selektion können Erstaunliches hervorbringen.« (Franz M. Wuketits, Was ist Soziobiologie?,  2002, S. 35f.).“ (Ebd., S. 36).

„Im allgemeinen wird das Wachstum von Populationen durch ökologische Faktoren wie Nahrung oder Raum gehemmt. (Vgl. Franz M. Wuketits, Darwin und der Darwinismus,  2005, S. 62). Allerdings gelang es dem Menschen, die beschränkenden Faktoren durch einen direkten Eingriff in die Natur (Ackerbau und Viehzucht, Erschließung neuer Böden, Ertragssteigerung durch Düngemittel, Medizin, Kleidung, geschützte Umgebungen u.s.w.) sehr stark zurückzudrängen. Siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt »Leben und Energie« ab Seite 23.“ (Ebd., S. 36-37).

2.4) Paarungssysteme und sexuelle Selektion

„Mit Elterninvestment wird in der Soziobiologie die Gesamtheit der Maßnamhen bezeichnet, die Lebewesen ergreifen, um Nachkommen zu zeugen und sie für das Leben und ohne spätere eigene Fortpflanzung vorzubereiten und fit zu machen. Dabei werden Brutpflege (= Gesamtheit der Verhaltensweisen, die Lebewesen bei der Aufzucht ihrer Jungen entwickeln) und Brutfürsorge (= alle Verhaltensweisen von Eltern, die ihrem Nachwuchs im voraus günstige Entwicklungsmöglichkeiten bieten) unterscheiden. (Vgl. Franz M. Wuketits, Was ist Soziobiologie?,  2002, S. 42f.)“ (Ebd., S. 110).

„Sexualpartner, die den höheren elterlichen Aufwand treiben, stellen im allgemeinen für das andere Geschlecht die knappere Ressource dar. Das Konzept des Elterninvestments ist deshalb in der Lage, die Geschlechterrolle und die Intensität des Paarungswettbewerbs vorherzusagen:
Das Geschlecht, welches die geringeren Elterninvestments erbringt, konkurriert untereinander um die Fortpflanzungspartner.
Das Geschlecht mit dem höheren elterlichen Aufwand wählt (selektiert) die Fortpflanzungspartner unter den konkurrierenden Individuen nach bestimmten Kriterien aus.
Bei vielen Tierarten und auch dem Menschen belastet die Fortpflanzung die Weibchen ungleich stärker als die Männchen. (Vgl. Franz M. Wuketits, Was ist Soziobiologie?,  2002, S. 45). Erstere sind dann bei der Wahl der Sexualpartner selektiver, während letztere um die Weibchen konkurrieren. Darwin entwickelte das Konzept der sexuellen Selektion und versuchte damit zu verdeutlichen, daß die Auswahl der Männchen seitens der Weibchen und die damit einhergehende Konkurrenz unter den Männchen eine große Bedeutung in der Evolution hat. (Vgl. Franz M. Wuketits, ebd., S. 39).“ (Ebd., S. 37).

„Im Rahmen der sexuellen Selektion wählen die Weibchen bevorzugt Männchen mit bestimmten Merkmalen aus, die eine besonders große genetische Fitneß des Sexualpartners erwarten lassen. Durch die Auswahl desjenigen Männchens mit der besten genetischen Fitneß wird die Fitneß der Nachkommen erhalten oder sogar erhöht. (**) “ (Ebd., S. 37-38).

„Der Mensch hebt sich in der Natur durch besonders ausgeprägte Elterninvestments hervor (vgl. Thoams P. Weber, Soziobiologie, 2003, S. 80), was eine direkte Folge der Entwicklung des menschlichen Gehirns sein dürfte. Damit die Passage des im Laufe der Menschwerdung immer größer werdenden Kopfes von Säuglingen während der Geburt durch den Muttermund und die Beckenknochen der Frau noch möglich war, bedurfte es seitens der Natur einer Doppelstrategie: Menschliche Säuglinge kommen als hilflose Frühgeburten zur Welt, damit ihr Kopf nach der Geburt noch weiter wachsen kann (vgl. Paul B. Hill / Johannes Kopp, Familiensoziologie, 2002, S. 27). Ein Kind muß deshalb unbedingt durch Erwachsene aufgezogen, beschützt und über eine längere Zeit sogar getragen werden (vgl. Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik, 1994, S. 88; Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 303ff.).“ (Ebd., S. 41).

„Damit verbunden waren eine ganze Reihe weiterer Veränderungen (vgl. Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 74ff.):
Herausbildung der menschlichen Familienstruktur und die damit einhergehende Arbeitsteilung der Geschlechter: Der Mann sorgt für Fleisch und Schutz, die Frau zieht die Kinder auf. Diese grundlegende Familienorganisation entwickelte sich beim Menschen vermutlich bereits vor zwei Millionen Jahren (vgl. Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 75). Unter Primaten kommen dauerhafte Kernfamilien nur beim Menschen vor (vgl. Thoams P. Weber, Soziobiologie, 2003, S. 74).
Angleichung des Körpergewichts zwischen den Geschlechtern als Ausdruck relativer Monogamie.
Ständige sexuelle Empfänglichkeit der Frauen, möglicherweise um das Interesse und die Loyalität des zugehörigen monogamen Mannes auf rechtzuerhalten.
Körperliche Verdeckung des Eisprungzeitpunktes bei den Frauen.
Einige Anthropologen sind der Ansicht, die spezifische menschliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern habe einen entscheidenden evolutionären Vorteil dargestellt, da es dem Homo Sapiens (Homo Sapiens Sapiens; HB) auf diese Weise gelungen sei, mehr Nachwuchs durchzubringen. Bei den Neandertalern soll eine ähnlich strikte sexuelle Arbeitsteilung nicht bestanden haben, was entscheidend zu deren Aussterben beigetragen habe (Steven L. Kuhn / Mary C. Stiner, What's a Mother to Do? The Division of Labor among Neandertals and Modern Humans in Eurasia, in: Current Anthropology, 2006).“ (Ebd., S. 41).

„In diesem Zusammenhang sind auch die folgenden Fakten zu bedenken:
Der enorme Größenzuwachs des menschlichen Gehirns während der Altsteinzeit läßt sich nur mit einer fleischbetonten Ernährung erklären (Vgl. Josef H. Reichholf, Das Rätsel der Menschwerdung - Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel mit der Natur, 1990, S. 115ff.; L. C. Aiello / P. Wheeler, The Expensive-Tissue Hypothesis, 1995; Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 40ff.).
Die spezifische menschliche Nahrung in Verbindung mit der Hilflosigkeit menschlicher Säuglinge machte die Frauen in der Altsteinzeit von der regelmäßigen Nahrungsversorgung durch männliche Jäger abhängig. Auf sich allein gestellte Frauen konnten als Sammlerinnen nur eine Notnahrung beschaffen. Dies erklärt den reziproken Altruismus des menschlichen Familienmodells.
Ohne die Errungenschaften der Medizin und Hygiene und der damit verbundenen verringerten Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit mußten Frauen für eine bestandserhaltende Reproduktion stets eher durchschnittlich 5-6 Kinder in die Welt setzen und aufziehen und nicht wie heute durchschnittlich 2,1. (Eine Voraussetzung für die Gleichberechtigung der Geschlechter und insbesondere die freie Berufswahl der Frauen war folglich der medizinische Fortschritt). Gleichzeitig war ihre Lebenserwartung während der größten Zeit der Menschheit deutlich geringer als heute. Frauen waren deshalb über weite Strecken ihres Lebens mit dem Gebären und Aufziehen von Kindern beschäftigt und dabei auf die männlichen Versorgungsleistungen angewiesen.“ (Ebd., S. 42).

2.5) Paarungs- versus Reproduktionserfolg

„Offenbar hat die Natur den Drang zur Reproduktion zumindest beim Menschen mit Lustgefühlen unterlegt, die für sich allein schon ausreichen, den Fortpflanzungstrieb zu stillen, und die möglicherweise - ähnlich wie die ständige sexuelle Empfänglichkeit der Frauen - der gegenseitigen Partnerbindung dienen. Seit der Einführung der Pille ist die Befruchtung durch die Frau sicher kontrollierbar, während die angenehmen Fortpflanzungsgefühle beim Sex unabhängig von den Fortpflanzungsabsichten bestehen bleiben. Dies hat zu einer Trennung von Sexualität und Fortpflanzung (beziehungsweise von Paarnngs- und Reproduktionserfolg) geführt, die die Reproduktion nicht länger als einen Trieb des Lebens erscheinen läßt, sondern als eine ökonomisch abschätzbare Verhaltensweise. Dies erklärt unter anderem auch die Bedeutung der ökonomischen Theorie der Fertilität (siehe Abschnitt »Fertilitätstheorien« ab Seite 6) für das Reproduktionsverhalten in entwickelten Gesellschaften.“ (Ebd., S. 42-43).

2.6) Nichtbiologische Evolutionen

„Gemäß der Evolutionstheorie ist Evolution dann unvermeidlich, wenn die drei Voraussetzungen Variation, Selektion und Vererbung gegeben sind. Im folgenden sollen drei nichtbiologische Bereiche näher beschrieben werden, für die die genannten Bedingungen erfüllt sind:
Kultur.
Technik.
Sport.
Und tatsächlich kann gezeigt werden, daß in allen Fällen Evolution stattfindet, wobei die jeweilige Entwicklung selbständig und aus sich heraus erfolgt. Sie ist damit in der Regel auch nur noch bedingt steuerbar.“ (Ebd., S. 43).

„Die ... Eliminierung der Tauglichsten ist das genaue Gegenteil der natürlichen Selektion. Sie entspricht dem aktuellen Reproduktionsverhalten moderner menschlicher Gesellschaften. Die langfristigen Folgen dürften in beiden Fällen ähnlich verheerend sein.“ (Ebd., S. 43).

Kultur

„Kernbestandteil der Mem-Theorie ist die Behauptung einer neben der Evolution der Gene existierenden zweiten, schnelleren und unabhängig von den Genen verlaufenden Evolution: die kulturelle Evolution, deren Einheiten die Meme sind. (Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976; Susan Blackmore, Evolution und Meme, in: Alexander Becker et al., Gene, Meme und Gehirne, 2003). Lebewesen streben nach Reproduktion, denn diese macht das Leben aus. Gemäß der Auffassung von Richard Dawkins sind Lebewesen in erster Linie Überlebensmaschinen für die im Rahmen der Reproduktion weiterzugebenden Gene. (Vgl. Richard Dawkins, ebd., S. 52ff.; Matt Ridley, Eros und Evolution, 1995, S. 20). Allerdings erklärt sich hieraus noch nicht die Rolle der menschlichen Kultur, weswegen für Dawkins das Konstrukt eines Kulturreplikators mit dem Namen Mem erforderlich wurde. (vgl. Richard Dawkins, ebd., S. 316ff.).“ (Ebd., S. 43-44).

„Meme sind also etwas grundsätzlich anderes als Gene, sollen sich aber nach einem ähnlichen Schema als Überlebensmechanismus deuten lassen. Auch für die Meme gilt der evolutionstheoretische Dreiklang von Variation, Selektion und Vererbung (Replikation).“ (Ebd., S. 44).

„Meme vermehren sich, anders als Gene, nicht über die biologische Vererbung, sondern durch Imitation. Wann immer jemand etwas per Nachahmung von jemand anderem übernimmt - zum Beispiel Wörter und Wendungen, Theorien, Techniken, Moden und Melodien -, wird ein Mem repliziert (Vererbung). Der genetischen Mutation entsprechen dabei die Abwandlungen oder Neukombinationen von Memen, wie sie im Prozeß der Imitation unweigerlich geschehen (Variation). Und schließlich findet sich auch so etwas wie eine Selektion von Memen. Meme stehen nämlich in Konkurrenz zueinander. Sie brauchen gemäß Mem-Theorie zur Replikation den menschlichen Geist als Ressource. Es kommt dann zum Survival of the Fittest, denn nur wenige Theorien, Geschichten oder Melodien werden sich über einen längeren Zeitraum in viele Gehirne einnisten.“ (Ebd., S. 44).

„Was die Gene für die Lebewesen sind, sind die Meme für die Kultur. Die Akteure sind letztendlich die Meme, die Menschen als deren vermeintliche Autoren dagegen bloß deren Transportvehikel. Bei Memen handelt es sich also um Einheiten, die ähnlich wie Gene danach »streben«, sich zu verbreiten und zu vermehren. Meme wetteifern darum, in so viele Gehirne wie möglich zu gelangen und sich dort zu behaupten. Diese Konkurrenz der Meme hat letztendlich unseren Geist und unsere Kultur geformt. In diesem Sinne sind Menschen allesamt Mem-Maschinen.“ (Ebd., S. 44).

„Ein Aspekt ist jedenfalls dabei nicht von der Hand zu weisen: Menschen können sich anders als Tiere offenbar auch kulturell verewigen. Möglicherweise ist dies mit ein Grund für das zunehmend feststellbare Bedürfnis, im Internet eine virtuelle Spur der eigenen Person zu hinterlassen.“ (Ebd., S. 44).

„Offenbar gibt es für Menschen zwei unterschiedliche Strategien, sich in die Zukunft fortzupflanzen:
Kinder in die Welt zu setzen (Vererbung über Gene).
Etwas kulturell Bleibendes zu hinterlassen, was für die Nachkommen von Bedeutung ist (Vererbung über Meme).
Die Bedeutung einer so genannten »großen« Person (zum Beispiel Beethoven) macht sich jedenfalls weniger an deren Nachwuchs, sondern in erster Linie an deren Taten und kulturellen Leistungen aus.“ (Ebd., S. 44-45).

Technik

„ln den modernen Industriegesellschaften bewegt sich der Mensch nicht mehl in der Natur, sondern vorwiegend in einer technisierten, künstlichen Umgebung. Diese künstliche Umgebung entwickelt sich gemäß den gleichen Prinzipien, wie die sie umgebende Natur.“ (Ebd., S. 45).

„Betrachten wir als Beispiel einmal den Volkswagenkonzern mit seinem wichtigsten Produkt, dem »VW Golf«. Der Golf konkurriert innerhalb eines bestimmten Marktsegments direkt mit Produkten anderer Hersteller. Auf dem Markt existiert also eine Vielfalt ähnlicher Produkte (Variation). Ökonomen weisen immer wieder darauf hin, daß Konkurrenz den Markt belebt und die Weiterentwicklung fördert, Staatsmonopole dagegen den Fortschritt behindern. Die Bedingung der Variation ist also auch für die technische Evolution von entscheidender Bedeutung. Je erfolgreicher sich der Golf verkaufen läßt, desto höher werden die Einnahmen (Geld, Ressourcen) des Volkswagen Konzerns sein, weswegen dieser entsprechend mehr in die Produkterneuerung und gegebenenfalls in zusätzliche Produkte (= Nachwuchs) investieren kann (Selektion), wodurch er mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft besonders erfolgreich sein dürfte. Ein Golf neuerer Generation wird in der Regel aber immer noch große Ähnlichkeiten mit seinem Vorgängermodell besitzen (Vererbung). Auch ganz neue Produkte werden üblicherweise auf den bei älteren Produkten gewonnen Erkenntnissen und Fertigkeiten basieren.“ (Ebd., S. 45).

„Die drei Kriterien der Evolutionstheorie sind also erfüllt.“ (Ebd., S. 46).

„Mit anderen Worten: Der moderne Mensch bewegt sich zunehmend in einer künstlichen und technisierten Welt, die seine Umgebung darstellt, und die sich gemäß den Evolutionsprinzipien weiterentwickelt. Jacques Neirynck beschreibt in Der göttliche Ingenieur (1994) den unvermeidlichen, ziellosen und sich verselbständigenden Charakter der technischen Evolution.“ (Ebd., S. 46).

„Durch eine Veränderung von Rahmenbedingungen kann in der Regel jedoch steuernd auf die Richtung der technischen Evolution Einfluß genommen werden. Beispielsweise könnte man allgemein beschließen, nur noch Autos zum Straßenverkehr zuzulassen, die weniger als fünf Liter Benzin auf 100 km verbrauchen.“ (Ebd., S. 46).

„Das Beispiel der technischen Evolution zeigt ganz nebenbei, daß das Vererbungsprinzip der Evolutionstheorie auf Konstrukte wie Meme nicht angewiesen ist. Statt dessen reicht bereits ein einfacher Statuserhaltungsmechanismus. Bei der Fortpflanzung von Lebewesen dienen dazu die Gene. Im obigen Volkswagenbeispiel könnte dies das Unternehmens-Know-how sein. Im Rahmen der kulturellen Evolution könnte man sich dafür die menschlichen Gehirne, aber auch anderes Wissen in Form von Bibliotheken, Archiven und Datenbanken vorstellen.“ (Ebd., S. 46).

Sport

„Auch die Entwicklung des Leistungssports folgt den Gesetzen der Evolution. Dies soll am Beispiel des Profifußballs verdeutlicht werden. Betrachten wir dazu einmal die Fußball-Bundesliga als eine Population, die sich zu jedem Zeitpunkt aus 18 Individuen zusammensetzt, und zwar den verschiedenen Bundesligamannschaften (Variation). Eine Bundesliga-Saison entspräche einer Generation. In unserem Beispiel besteht die Fortpflanzung nun darin, in die nächste Saison zu kommen. Anders als beim Menschen handelt es sich hierbei natürlich um eine nichtgeschlechtliche Fortpflanzung. Man darf sich das vereinfacht ungefähr so vorstellen: Wenn Bayern München sowohl in der Saison 2005/2006 als auch 2006/2007 in der Fußball-Bundesliga spielt, dann handelt es sich hierbei um zwei verschiedene Individuen. In der Saison 2005/2006 spielt sozusagen das Elterntier und in der darauf folgenden Saison dann dessen Kind. Dabei bleibt der Name unverändert, ähnlich wie dies im wirklichen Leben bei Eltern und Kindern auch ist. Wenn wir uns nun die Spieler einer Mannschaft noch als deren Gene vorstellen, dann haben die Mannschaften in einer Saison zwar nicht notwendigerweise die gleichen Gene wie in der vorangegangenen Saison, aber wohl doch sehr ähnliche (Vererbung). Auf diese Weise haben wir ein einfaches Vererbungsmodell konstruiert, welches nun noch um das Prinzip der natürlichen Selektion erweitert werden soll. Am Ende einer Fußballsaison bleiben die erfolgreicheren Mannschaften der Fußball-Bundesliga erhalten, während die drei Mannschaften mit den schwächsten Ergebnissen absteigen müssen. Mit anderen Worten: Die Tauglichsten pflanzen sich in die nächste Saison (Generation) fort, während schwächere Mannschaften (Individuen) eliminiert werden. Dieses Prinzip entspricht exakt der natürlichen Selektion der Evolutionstheorie (Selektion). Zusätzlich gilt zumindest für den Profisport: Besonders erfolgreiche Mannschaften erzielen meist besonders hohe Einnahmen, können folglich teurere und bessere Spieler beziehungsweise Trainer verpflichten als ihre direkten Widersacher und eventuell damit ihren Vorsprung gegenüber der Konkurrenz sichern oder sogar ausbauen. Auch dies entspricht dem Selektionsprinzip: Wer erfolgreicher ist und mehr Einnahmen erzielt, pflanzt sich fort und kann zusätzlich auch mehr in die Zukunft investieren.“ (Ebd., S. 46-47).

„Alle drei Prinzipien der Evolutionstheorie - Variation, Selektion und Vererbung - sind also erfüllt. Evolution ist somit unvermeidlich.“ (Ebd., S. 47).

„Bei den Prinzipien Variation, Selektion und Vererbung handelt es sich um die zentralen Mechanismen, die eine Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Anforderungen und damit eine Spielentwicklung im Fußball überhaupt erst möglich machen. Beispielsweise hat sich das Fußballspiel im Laufe der Zeit sowohl in Bezug auf Tempo, Taktik als auch Professionalität deutlich verändert. Diese Veränderungen geschahen aber nicht absichtsvoll oder waren gar von langer Hand geplant, sondern sind Ergebnis einer fortlaufenden Optimierung auf Basis der Evolutionsprinzipien im Zusammenwirken mit gleichzeitigen Änderungen der äußeren Rahmenbedingungen. Es muß sich dabei auch nicht zwingend um »Verbesserungen« handeln, die das Fußballspiel »schöner« oder »attraktiver« als noch vor 50 Jahren machen, allerdings um Optimierungen im Bezug auf die jeweils aktuellen Rahmenbedingungen.“ (Ebd., S. 47).

„Doch nehmen wir einmal an, man würde die Fußball-Bundesliga ganz anders, und zwar gemäß den folgenden Regeln organisieren:
Am Ende einer Saison scheiden nicht die drei schwächsten Mannschaften aus, sondern die drei besten, welche durch Mannschaften aus der zweiten Bundesliga ersetzt werden. Damit die Mannschaften sich auch wirklich ernsthaft um die ersten Plätze bemühen, hat man sich den folgenden Trick ausgedacht: Alle Spieler der ersten drei Mannschaften erhalten am Saisonende ein Haus und eine lebenslängliche üppige Rente. Sie werden also mit sozialem Erfolg belohnt. Im Gegenzug müssen sie versprechen, niemals mehr professionell Fußball zu spielen.
Wie würde sich dieses Regelwerk auf die Qualität der Fußball-Bundesliga auswirken? Nun, wenn die Vereine auf ein riesiges Potential an preisgünstigen und hochqualifizierten ausländischen Spielern zugreifen könnten, dann könnte man dieses System vielleicht noch eine zeitlang durchhalten. Aber stellen Sie sich vor, jede Mannschaft dürfte nur bis zu maximal drei ausländische Spieler beschäftigen. Wie würde die Bundesliga in vielleicht zehn oder zwanzig Jahren aussehen? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Talente wären ausgegangen, auf dem Feld würde nur noch langweilig herumgekickt und die Zuschauer hätten sich längst anderen Sportarten zugewendet.“ (Ebd., S. 48).

„Die hier gerade vorgestellte Eliminierung der Tauglichsten ist das genaue Gegenteil der natürlichen Selektion. Sie entspricht dem aktuellen Reproduktionsverhalten moderner menschlicher Gesellschaften. Die langfristigen Folgen dürften in beiden Fällen ähnlich verheerend sein.“ (Ebd., S. 48).

2.7) Individual- versus Gruppenselektion

„Eine unter Evolutionsbiologen häufig diskutierte Frage ist, ob biologische Arten so etwas wie eine Gruppenselektion kennen. Oder anders ausgedrückt: Haben Individuen einen Gesamtblick für die Größe der jeweiligen Population, so daß die einzelnen Mitglieder ab einer bestimmten Populationsstärke ihre Nachwuchszahlen reduzieren, oder entscheiden sie über die Zahl ihrer Nachkommen ausschließlich gemäß individuellen, egoistischen Kriterien ganz eigenständig für sich?“  (Ebd., S. 48).

„Die Beantwortung dieser Frage ist auch für demographische Erörterungen von erheblicher Bedeutung, denn schließlich geht es hierbei um das Thema Bevölkerungsentwicklung: Denken Familien bei der Nachwuchsentscheidung ausschließlich an sich, oder betreiben sie ganz nebenbei auch noch ein wenig Bevölkerungsplanung?“  (Ebd., S. 49).

„Das biologische Konzept der Gruppenselektion stammt von Wynne-Edwards, der die Vermutung äußerte, die Individuen einer Population würden zum Wohle der ganzen Gruppe weniger Nachkommen haben, als sie zu bekommen fähig sind. (Vgl. V. C. Wynne-Edwards, Evolution Through Group-Selection, 1986). Dabei dienen insbesondere wichtige Funktionen des sozialen Lebens wie Territorialverhalten und Dominanzhierarchien als Mechanismen der Populationsregulation. (Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 203).“ (Ebd., S. 49).

„Relativ gut dokumentiert ist, daß Tiere bei Überbevölkerung ihre Geburtenraten reduzieren, wobei sie das in Experimenten selbst dann tun, wenn die Nahrung bewußt reichhaltig angeboten wird. Gemäß Wynne-Edwards ist das ein Beleg für die Existenz einer Gruppenselektion. Dawkins hält dem allerdings entgegen, Tiere seien für die freie Wildbahn programmiert und würden deshalb bei Überbevölkerung (= geringem Raumangebot) implizit von einer zukünftigen Hungersnot ausgehen. (Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 213). Trotz reichhaltiger aktueller Nahrung würden sie eine baldige Nahrungsknappheit antizipieren und folglich ihre Nachwuchszahlen reduzieren.“ (Ebd., S. 49).

„Unabhängig davon, welche der beiden Auffassungen nun zutreffend ist oder nicht, in jedem Fall dürften die Überlegungen auch für menschliche Gesellschaften von Bedeutung sein, denn immerhin wurde bereits von anderen Autoren ein so genanntes biologisches Massenwirkungsgesetz vorgeschlagen, welches ebenfalls eine Beziehung zwischen Fertilität und Bevölkerungsdichte vermutet. (Vgl. Eckart Knaul, Das biologische Massenwirkungsgesetz - Ursache von Aufstieg und Untergang von Kulturen, 1985). Und tatsächlich ist die Fertilitätsrate in Städten meist deutlich niedriger als auf dem Land, was insbesondere Stadtstaaten wie Hongkong oder Singapur zu spüren bekommen, die mit Fertilitätsraten von 0,95 beziehungsweise 1,05 mittlerweile die Schlußlichter in der Welt bilden. Auf der anderen Seite haben nun aber häufig auch Staaten niedrige Geburtenraten, die gleichzeitig über geringe Bevölkerungsdichten verfügen (z.B. Rußland: Fertilitätsrate 1,28 bei 8 Einwohner pro km²).“ (Ebd., S. 49).

„Zur Zeit gehen fast alle gängigen Fertilitätstheorien (zum Beispiel die ökonomische Theorie der Fertilität, siehe Abschnitt »Fertilitätstheorien« ab Seite 6) von einer Nachwuchsentscheidung auf individueller Familienbasis aus, wenngleich daneben sehr wohl die Bedeutung von übergeordneten kulturellen Gesichtspunkten gesehen wird.“ (Ebd., S. 49-50).

„Staatliche und gegebenenfalls sogar international abgestimmte Gruppenselektion dürften bereits im naher Zukunft zu den unerläßlichen Kompetenzen der Menschheit zählen.“ (Ebd., S. 50).

2.8) Die „Soziobiologie“ des Wohlfahrtsstaates

„Der Begriff Ressourcen der Evolutionstheorie übersetzt sich in modernen Gesellschaften nahtlos in Geld: Wer Geld hat, hat den Zugriff auf Ressourcen (zum Beispiel Energie) seiner Wahl. Gesellschaftlicher Erfolg läßt sich folglich an einem entsprechenden Einkommen beziehungsweise Besitz oder auch an einer mit entsprechenden Verfügungsrechten verbundenen gesellschaftlichen (Macht-)Position ausmachen. Für menschliche Gesellschaften kann die natürliche Selektion dann wie folgt vereinfacht formuliert werden:
Reproduktionserfolg korreliert mit sozialem Erfolg.
Oder noch einfacher:
Wer mehr Geld verdient, kann mehr in die Zukunft investieren.
... In modernen Gesellschaften existiert allerdings noch ein ganz anderes Kriterium, welches mit sozialem Erfolg assoziiert ist: Bildung. Bildung ist in entwickelten und auf dem Weg hin zu Wissensgesellschaften befindlichen Ländern der Königsweg zum Geld, das heißt, zum Zugriff auf die Ressourcen. Sie ist das beste Kriterium für die Abschätzung eines späteren beruflichen und sozialen Erfolges.“ (Ebd., S. 50-51).

„Bildung avancierte zum entscheidenden Erfolgskriterium unserer Gesellschaft. »Bildung ist das höchste Gut, Bildung ist teuer, in Bildung muß investiert werden sowohl von den Einzelnen als auch von Staat und Wirtschaft.« (Ulrich Beck, Was zur Wahl steht, 2004, S. 103). ... Bildung eröffnet in Gesellschaften unseres Typs die größte Vielfalt an beruflichen Möglichkeiten. .... So weit so gut. Die Sache hat leider nur einen Haken: Bildung steht der Reproduktion im Wege. So läßt sich beispielsweise für die USA und Deutschland feststellen: »Je mehr in die individuelle Bildung investiert wird, um so unwahrscheinlicher ist die Entscheidung für Kinder, insbesondere für mehrere Kinder. .... Bei genauerer Betrachtung der Kinderlosigkeit us-amerikanischer Frauen im Alter zwischen 40 und 44 Jahren und dem Vergleich mit Deutschland sind die Ausbildung und die erreichte Berufsposition die beiden zentralen Faktoren für die individuelle Entscheidung, ohne Kinder zu leben.« (Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 14). Diese Ergebnisse gelten bezüglich des Grades der Kinderlosigkeit als auch der vollständigen Fertilität ganz ähnlich auch für schwedische (vgl. G. Neyer / G. Andersson / J. Hoem / M. Ronsen / A. Vikat, in: Hans Bertram / H. Krüger / C. K. Spieß [Hrsg.], Wem gehört die Familie der Zukunft?, 2006) und französische (Jan M. Hoem, Warum bekommen die Schweden mehr Kindr als die Deutschen?, 2006) Frauen, obwohl in vielen Studien und Medienberichten etwas anderes behauptet wird. Allerdings zeigt die Analyse für Schweden, daß Frauen, die einen Bildungsabschluß für den Unterrichts- oder den Gesundheitsbereich haben, unabhängig vom Bildungsabschluß eine deutlich niedrigere Kinderlosigkeit und eine deutlich höhere Zahl an Kindern (vollständige Fertilität) aufweisen, als Frauen, die eine Ausbildung im Verwaltungsbereich, in den Sozialwissenschaften, im Wirtschaftsbereich, aber auch in persönlichen Diensten haben. Man könnte deshalb sagen: Je sicherer und kindorientierter die Beschäftigung, desto mehr Kinder werden von den Frauen geboren. Grundschullehrerinnen weisen zum Beispiel eine deutlich höhere Fertilität als Oberstufenlehrerinnen auf. Besonders niedrig ist die Zahl der Kinder bei promovierten Geisteswissenschaftlerinnen.“ (Ebd., S. 52-53).

„Eine bestandserhaltende gesellschaftliche Reproduktion wird bei durchschnittlich 2,1 Kindern pro Frau erreicht. Eine solche Fertilitätsrate ist aber primär unter den Erfolgreichen und Hochqualifizierten anzustreben, denn das Selektionsprinzip reklamiert in erster Linie eine Bestandserhaltung unter den am besten an die aktuellen Bedingungen engepaßten Individuen (Korrelation zwischen sozialem Erfolg und Reproduktionserfolg). .... Reproduziert sich eine Bevölkerung ... nur mit einer Fertilitätsrate von 1,38, der Bevölkerungsteil mit hoher Bildung sogar nur mit einer Rate von 1,14, dann ist folglich in erster Linie der Wert für die hohe Bildung von Interesse, weil er das Ausmaß der tatsächlichen Nichtbestandserhaltung realistischer widerspiegelt.“ (Ebd., S. 53).

„Insgesamt lassen die Daten aus verschiedenen internationalen Erhebungen nur einen Schluß zu: Das Fortpflanzungsverhalten der Bevölkerungen in den entwickelten Ländern widerspricht dem Prinzip der natürlichen Selektion. Eine weitere Evolution solcher Populationen scheint deshalb kaum vorstellbar.“ (Ebd., S. 54).

„Wenn sozialer Aufstieg Bildung voraussetzt, dieser gleichzeitig aber die Fortpflanzungschancen signifikant reduziert, dann stellt sich die Frage nach dem Sinn des sozialen Auftsiegs. geht es hier nur darum, ein möglich angenehmes Leben zu führen und jedes Jahr ein- oder zweimal einen Urlaub in fernen Ländern zu verbringen, und das alles auf Kosten eines genetischen Ausscheidens asu dem Spiel der Evolution?“  (Ebd., S. 54).

„Das Selektionsprinzip der Evolutionstheorie postuliert klipp und klar: Erfolgsmerkmale werden insbesondere dadurch von einer Generation an die nöächste »vererbt«, daß erfolgreiche Individuen im Durchschnitt mehr Nachkommen aufziehen als weniger erfolgreiche. Wenn Bildung das höchste Gut ist und sich daran ganz entscheidend gesellschaftlicher Erfolg ausmacht, dann müssen gemäß Evolutionstheorie Menschen mit hohem Bildungserfolg im Durchschnitt mehr Nachkommen haben als andere. Tatsächlich ist es in unserer Gesellschaft aber genau anders herum.“ (Ebd., S. 54).

„Das empirisch nachgewiesene, mit Bildung negativ assoziierte Fortpflanzungsverhalten moderner Gesellschaften wird auch als das zentrale theoretische Problem der Soziobiologie bezeichnet, da es im offenkundigen Widerspruch zu Grundprämissen der Evolutionstheorie steht. Erklären läßt sich der weltweit bestehende negative Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderzahl durch die hohen Opportunitätskosten von Kindern für qualifizierte und beruflich erfolgreiche Frauen: »Eine höhere Bildung und damit bessere Erwerbschancen sollten ... für Frauen und Männer unterschiedliche Effekte auf die Fertilitätsentscheidung haben. Während bei Männern ein positiver Effekt erwartet wird, da sich mit einer höheren Bildung auch das Einkommen erhöht, ist bei Frauen eher mit einem negativen Effekt einer höheren Bildung auf die Fertilität aufgrund der gestiegenen Opportunitätskosten zu rechnen.« (Johannes Kopp, Geburtenentwicklung und Fertilitätsverhalten, 2002, S. 92).“ (Ebd., S. 54).

„Grundsätzlich ist davon auszugehen, daß sich mit einem Fortschreiten der weiblichen Emanzipation und insbesondere einer weiteren Steigerung der Frauenerwerbsquote die Ergebnisse für Frauen und Männer angleichen werden, da es dann selbst für beruflich erfolgreiche Männer immer schwerer werden dürfte, eine adäquate Lebensgefährtin zu finden (siehe Bildungshomogamie), die bereit ist, für die Gründung einer größeren Familie für eine längere Zeit auf ihren Beruf zu verzichten.“ (Ebd., S. 57).

„Auch wird bei einer geschlechtsneutralen Besetzung von Führungspositionen der Anteil qualifizierter Männer, die sich die Finanzierung einer größeren Familie leisten können, signifikant zurückgehen. Die anstelle der Männer aufrückenden Frauen werden dagegen häufig kinderlos sein und bleiben. Und die im öffentlichen Dienst etablierte so genannte Frauenquote dürfte ebenso eine fertilitätssenkende Wirkung haben, da das Geschlecht bei einer Auswahl von Bewerbern Vorrang vor dem Familienstatus hat, und Frauen in verantwortungsvollen Positionen weniger Kinder haben.“ (Ebd., S. 57).

„Wir können insgesamt die folgenden Zusammenhänge festhalten:
In modernen Gesellschaften mit Gleichberechtigung der Geschlechter und allgemeiner Verfügbarkeit oraler Kontrazeptiva besteht ein negativer Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Erfolg und der Zahl an Nachkommen. Denn die Frauen haben um so höhere Opportunitätskosten pro Kind, je beruflich erfolgreicher sie sind. Bei einer paritätischen Aufteilung der Familienarbeit gilt dies entsprechend auch für Männer. In solchen Gesellschaften besteht folglich eine negative Selektion, bei der die am besten angepaßten Individuen »eliminiert« werden, während weniger gut angepaßte Individuen eine größere evolutionäre Überlebenschance besitzen. Die reproduktive Selektion solcher Gesellschaften ist gegenläufig zur natürlichen Selektion der Evolution und könnte auch als Elimination of the Fittest bezeichnet werden.
In patriarchalischen Gesellschaften besteht ein positiver Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Erfolg und der Zahl an Nachkommen. Denn die Frauen haben dabei vernachlässigbare Opportunitätskosten pro Kind, während sich die Männer um so mehr Kinder »leisten« können, je beruflich erfolgreicher sie sind. In solchen Gesellschaften besteht folglich eine positive Selektion, bei der die am wenigsten gut angepaßten Individuen »eliminiert« werden, während besser angepaßte Individuen eine größere evolutionäre Überlebenschance besitzen. Die reproduktive Selektion solcher Gesellschaften entspricht der natürlichen Selektion der Evolution (= Survival of the Fittest).
Allerdings müssen hierbei noch die Wirkungen des Wohlfahrtsstaates berücksichtigt werden. In der Natur kann ein Individuum auch dann schon von der Selektion ausgeschlossen werden, wenn es im Überlebenskampf frühzeitig stirbt, beziehungsweise wenn dies allen seinen Nachkommen passiert (zum Beispiel bei hoher Säuglingssterblichkeit). Eine solche Möglichkeit schließt aber bereits der Wohlfahrtsstaat aus. Erzielt ein Mensch kein ausreichendes Einkommen, erhält er die notwendigen Ressourcen von staatlichen Einrichtungen. Auch ist die Sterblichkeit in sozial schwachen Schichten bis zum Ende der Fortpflanzungsperiode nicht wesentlich höher als in Schichten mit hohem sozioökonomischem Status. Jedem Einzelnen stehen eine ausreichend gute medizinische Versorgung und ein akzeptabler Wohnraum zu. Der von Darwin angenommene Konkurrenzkampf um die begrenzten Ressourcen findet also nur bedingt statt, weil der Wohlfahrtsstaat praktisch keine begrenzten Ressourcen kennt. (Dank der Erfindungen ist die Grenze für Ressourcen immer weiter verschoben worden!HB). Es kann jedoch festgehalten werden: Unter den Bedingungen des Patriarchats führt der Wohlfahrtsstaat aufgrund der Norm der verantworteten Elternschaft und der weiblichen Partnerwahl-Präferenzen (sexuelle Selektion) noch zu keiner Verletzung des Prinzips der natürlichen Selektion.“ (Ebd., S. 57-58).

„Im Rahmen einer Bekräftigung der Norm der verantworteten Elternschaft sollte Familien, die schon die Mittel für ihre beiden vorhandenen Kinder nicht erwirtschaften können, von einem dritten und weiteren Kindern (das heißt, einer Vermehrung statt Ersetzung der vorhandenen Kopfzahl) abgeraten werden. (Siehe dazu auch die ergänzenden Ausführungen im Abschnitt »Nachwuchsarbeit als Kollektivaufgabe« ab Seite 181). Allerdings sollte auf die Entscheidung der Eltern möglichst kein direkter staatlicher Zwang ausgeübt werden. Denn wenn Eltern in ihrem aktuellen Lebensraum schon nicht die Mittel für das eigene Überleben finden und statt dessen auf Ersatzleistungen und Almosen der Gemeinschaft angewiesen sind, dann ist es um so wahrscheinlicher, daß drei, vier oder mehr Nachkommen diese Mittel später einmal erst recht nicht finden werden. Die Eltern würden auf diese Weise zwar ihr (egoistisches) Bedürfnis nach Vermehrung befriedigen, allerdings auf Kosten der Bedürfnisbefriedigung ihrer Nachkommen. Im Klartext heißt das: die Eltern ignorierten das Prinzip der Generationengerechtigkeit. (Kein Wunder!Die Politiker tun es ja auch! HB). Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Hier soll nicht einer staatlich verordneten Reduzierung der Geburtenzahlen in sozial schwachen Schichten das Wort geredet werden. Statt dessen soll an Grundprinzipien der Solidargemeinschaft und Generationengerechtigkeit erinnert werden:
In Not geratenen Menschen sollte nach Möglichkeit so geholfen werden, daß sie danach aus eigener Kraft für ihren Unterhalt und den ihrer Kinder sorgen können: »Gerechtigkeit statt Geschenke! Es muß darum gehen, die Familien in die Lage zu versetzen, ihre Kinder aus dem selbst erwirtschafteten Einkommen zu unterhalten, statt dies aus einer Position eines Almosenempfängers heraus zu tun.« (Jürgen Borchert, Der »Wiesbadener Entwurf« einer familienpolitischen Strukturreform des Sozialstaats, 2002, S. 78).
Ist dies nicht möglich, dann sollten zusätzliche Sozialleistungen zwar für ein ausreichendes Einkommen sorgen, nicht aber eine Reproduktion über das Ersetzen der vorhandenen Kopfzahl hinaus fördern. Es sollte staatlicherseits kommuniziert werden, daß eine Vermehrung (drei oder mehr Kinder pro Paar) unter Sozialhilfebedingungen unerwünscht ist.“ (Ebd., S. 60-61).

„Leider scheinen solche einfachen Prinzipien in unserer Gesellschaft zunehmend in Vergessenheit zu geraten, wie auch die Analysen im Abschnitt »Kindergeld« ab Seite 164 zeigen werden.“ (Ebd., S. 61).

„Neben einem dem Evolutionsprinzip zuwiderlaufenden Reproduktionsverhalten lassen sich in den entwickelten Ländern auch für die so genannte Brutpflege Auffälligkeiten feststellen. Hochqualifizierte Frauen bekommen nicht nur deutlich weniger Kinder, sondern reduzieren bei starker Berufsorientierung offenbar auch ihre Erziehungsanstrengungen, was zusätzlich zu Lasten der Kinder gehen kann: »Reproduktionsarbeit mutiert zu einer Restgröße, deren Erfordernisse grundsätzlich nachrangig behandelt werden. .... Für beruflich leitende Frauen, insbesondere jedoch für die in Spitzenpositionen ist eine parallele Realisierung der beiden Lebensorientierungen Beruf und Familie (man beachte die Reihenfolge! HB) dem Sinne, daß regelmäßig kindbezogene Alltagsarbeit und eine kontinuierliche Entwicklungsbegleitung der Kinder durch sie geleistet werden, nicht möglich. Die alltägliche Erziehungsarbeit wird weitgehend delegiert (oder findet ab der mittleren Kindheit nur noch sehr eingeschränkt statt).« (Marianne Dierks, Karriere! - Kinder, Küche? Zur Reproduktionsarbeit in Familien mit qualifizierten berufsorientierten Müttern, 2005, S. 398). Ganz allgemein werden in der Bevölkerung zunehmend Erziehungs-, Verhaltens- und Gesundheitsdefizite bei den Heranwachsenden reklamiert. (Vgl. Peter Mersch, Die Familienmanagerin, 2006, S. 105ff. [**]). Allein zu diesem Thema gibt es eine umfangreiche Liste an einschlägiger Literatur. Mittlerweile läßt sich in vielen modernen Gesellschaften ein immer stärkerer Trend zu einer Trennung von Zeugungs- und Pflegetätigkeiten erkennen: Mütter setzen zwar ihre Kinder in die Welt, ein erheblicher Teil der Erziehungsarbeit wird dann aber ganz häufig bereits ab der frühen Kindheit von Dritten geleistet33. Eltern können bei diesem Modell ihre spezifischen Kompetenzen nur noch bedingt an ihre Kinder weitergeben. 33 Was bereits zu dem Vorwurf geführt hat, Frauen würden auf diese Weise zu »Gebärmaschinen« degradiert (vgl. KREUZ.NET 2007). Es ist keineswegs sicher, ob sich auf diese Weise noch ausreichende Anreize für das Gebären von Kindern finden lassen. Auch ist fraglich, ob eine solche Vorgehensweise evolutionär stabil sein kann. (Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 198).“ (Ebd., S. 61-62).

2.9) Demographisch-ökonomisches Paradoxon

„Das beschriebene nationale Fertilitätsproblem hat eine globale Entsprechung und nennt sich dann demographisch-ökonomisches Paradoxon (vgl. Herwig Birg, Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Deutschland und Europa [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 30 [**]). Übersetzt heißt dies nichts anderes als: Das aktuelle Reproduktionsverhalten der Menschheit (bzw. einer bestimmten Gruppe von Menschen; HB) entspricht nicht dem Selektionsprinzip der Evolutionstheorie. So verfügen arme Entwicklungsländer im allgemeinen über deutlich höhere Fertilutätsraten als entwickelte Nationen. Dies führt zu immer größer werdender ökonomischer Ungleichheit (und diese wiederum zu immer noch größer werdender demographischer Ungleichheit u.s.w. u.s.w. u.s.w. [... ein Teuefelskreis]! HB).“  (Ebd., S. 62).

„Betrachten wir zur Veranschaulichung einmal das folgende Beispiel: Eine Bevölkerung aus insgesamt 1001000 Personen sei in 1001 Gruppen mit jeweils 1000 Personen gegliedert (oder die Erde in eine entsprechende Zahl an Ländern). Die Gruppen seien mit den Ziffern 0 bis 1000 gekennzeichnet. Nehmen wir nun an, die Mitglieder der Gruppe 0 hätten ein monatliches Einkommen von 100 Euro, die Mitglieder der Gruppe 1 von 101 Euro, bis schließlich zur Gruppe 1000, in der jedes Mitglied monatlich 1100 Euro verdient. Insgesamt ergibt dies ein monatliches Gesamteinkommen von 600600000 Euro, woraus sich ein monatliches Durchschnittseinkommen von 600 Euro pro Kopf errechnet. Gemäß der Definition der Europäischen Union würden alle Personen mit einem Einkommen niedriger als 300 Euro als arm gelten. In unserem Beispiel wären dies 200000 Personen, das heißt fast 20 Prozent der Bevölkerung. Nehmen wir nun zusätzlich an, die obige Bevölkerung verhielte sich gemäß dem demographisch-ökonomischen Paradoxon, das heißt, die ärmeren Bevölkerungsgruppen würden mehr, die reicheren weniger Kinder in die Welt setzen. Einfachheitshalber sei angenommen, die einzelnen Bevölkerungsgruppen G reproduzierten sich von einer Generation zur nächsten gemäß der Formel:
1,5 - G/1000
Mit anderen Worten: Die Gruppe 0 (die Ärmsten) vervielfältigt sich mit dem Faktor 1,5 (bestände also in der nächsten Generation nicht mehr aus 1000, sondern aus 1500 Personen), während die Gruppe 1000 (die Reichsten) nur einen Erneuerungsfaktor von 0,5 besäße (und wäre dann nur noch 500 Personen stark). Insgesamt würde dabei die Bevölkerungszahl unverändert bleiben: Auch die nächste Generation hätte insgesamt 1001000 Mitglieder. Allerdings schrumpfte das monatliche Gesamteinkommen der Bevölkerung auf 517016500 Euro, was einem monatlichen Durchschnittseinkommen pro Kopf von 516,50 Euro zur Folge hätte. Als arm würden nun alle Menschen gelten, die weniger als 258,25 Euro im Monat verdienten. Dies wären 225939 Personen beziehungsweise 22,57 Prozent der Bevölkerung. Oder anders ausgedrückt: Relative Armut breitete sich aus, und die Gesellschaft (bzw. die gesamte Welt) würde zunehmend ungleicher.“ (Ebd., S. 62-63).

„Allerdings könnte man das Modell auch etwas eigentumsorientierter gestalten. In diesem Fall würde das Gesamteinkommen pro Gruppe generationenübergreifend unverändert bleiben. Hätten etwa die 1000 Mitglieder der Gruppe 1000 in der ersten Generation ein Gesamzeinkommen von 1100000 Euro, so teilten sich dieses in der nächsten Generation nur noch 500 Personen, weswegen deren Pro-Kopf-Einkommen nun auf 2200 Euro angewachsen wäre. Möglicherweise ist eine solche Vorstellung sogar realistischer als das erste Modell, zumindest im internationalen Kontext.“ (Ebd., S. 63).

„Nimmt man dieses Modell als Basis, dann wären in der zweiten Generation sogar fast 32 Prozent der Bevölkerung arm (vormals 20 Prozent), während eine kleiner werdende Elite immer reicher würde. Mit anderen Worten: Große vermögen konzentrierten sich auf einige wenige Superreiche, während der Rest der Bevölkerung zunehemnd verarmte. (Man beachte: Das Modell argumentiert ausschließlich reproduktiv und benötigt keinerlei Rückgriffe auf ökonomische Prozesse wie Globalisierung, Paradigma des freien Marktes, Kapitalkonzentration u.s.w.).“ (Ebd., S. 63).

„Genauso sieht aber auch die Realität längst aus: Auf Länderebene bewirken die geringen Kinderzahlen der Oberschicht eine immer stärkere Konzentration ihrer Vermögen, während weite Teile der Bevölkerung immer ärmer werden. Auf globaler Ebene bewirken die geringen Geburtenzahlen der entwickelten Länder ebenfalls eine immer stärkere Konzentration ihres Reichtums, während die Entwicklungsländer immer bevölkerungsreicher und ärmer werden.“ (Ebd., S. 63-64).

„An dieser Stelle möchte ich eine gewisse Skepsis gegenüber verschiedenen Initiativen des globalen Ausgleichs anmelden. Diese werden meines Erachtens nur dann erfolgreich sein, wenn es den Entwicklungsländern gelingt, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen. In einigen Zukunftsszenarien wird bereits auf die Gefahr von globalen Völkerwanderungen hingewiesen. Ursächlich dafür dürfte aber nicht nur eine durch die reichen Länder bewirkte Ungleichheit sein, sondern auch das ungeplante Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern selbst. Wenn die eine Seite etwa gelobt, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und jeden Menschen auf dem Globus die gleichen Verschmutzungsrechte zugesteht, dann kann das nur funktionieren, wenn die andere Seite ihre Bevölkerungszahlen in Grenzen hält. Einschränkungen auf der einen Seite und ungeplantes Wachstum auf der anderen seite sind zwei Dinge, die nur schwer zueinander finden werden.“ (Ebd., S. 64).

„Auch fiür das global wirkende demographisch-ökonomische Paradoxon gibt es naheliegende Gründe: Durch zivilisatorische Errungenschaften (insbesondere der Medizin) können es sich die Menschen in den entwickelten Ländern »leisten«, weniger Kinder in die Welt zu setzen, da die Sterblichkeit gering ist. Einige der wichtigsten medizinischen Erkenntnisse (zum Beispiel Hygiene) und viele Leistungen der Lebensmittelindustrie wurden aber auch in die Dritte Welt exportiert, so daß dort Kinder nun eine deutlich höhere Überlebenschance besitzen. Mit anderen Worten: Die Sterblichkeit geht zurück. Die Bevölkerungen scheinen aber ihr Reproduktionsverhalten nur sehr langsam an die veränderten Verhältnisse anzupassen, zumal wirksame Empfängnisverhütungsmittel häufig gar nicht zur Verfügung stehen. Es wird aber erwartet, daß eine solche Anpassung, die in zahlreichen Schwellenländern und sogar einigen Entwicklungsländern bereits zu beobachten ist und den Namen demographischer Übergang (**|**) trägt, global noch stattfinden wird, so daß viele dieser Länder noch in diesem Jahrhundert in den demographischen Wandel eintreten könnten. Beschleunigende Effekte können offenbar durch Bildungsmaßnahmen - insbesondere auf Seiten der Frauen - erzielt werden.“ (Ebd., S. 64).


„Als demographischer Übergang (**) wird in der Demographie der Transformationsprozeß von hohen Geburten- und Sterberaten zu niedrigen Geburten- und Sterberaten verstanden. Ursächlich war dabei vor allem der Rückgang der Sterberaten, in erster Linie verursacht durch Fortschritte in der Medizin und Hygiene und die Verbsserung der Ernährungsbasis. ... Viele Experten ordnen auch den heutigen demographischen Wandel mit seinen extrem niedrigen Fertilitätsraten einer Spätphase (posttransformative Phase) des demographischen Übergangs zu. Dies wird im vorliegenden Buch jedoch nicht getan. Statt dessen wird der demographische Wandel als ein eigenständiges Phänomen mit ganz anderen Ursachen verstanden.“ (Ebd.).

„Generell läßt sich feststellen: Je höher die gesellschaftlichen Bildungsanforderungen sind, desto mehr steigen die elterlichen Investitionen in Kinder und desto kürzer wird gleichzeitig der speziell den Frauen für die Reproduktion zur Verfügung stehende Zeitraum, was wiederum ein Sinken der Fertilitätsrate und eine Verlängerung des Generationenabstands zur Folge haben dürfte. (Vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 45f.).“ (Ebd., S. 65).

„Durch die Überbevölkerung und den dadurch verursachten Mangel an Ressourcen kann es in naher Zukunft in zahlreichen Ländern der Erde vermehrt zu kriegerischen Auseinandersetzungen (insbesondere Bürgerkriegen) kommen, bei denen es sich nach Meinung einiger Autoren um Mittel zur Bevölkerungsreduktion handelt. (Vgl. Eckart Knaul, Das biologische Massenwirkungsgesetz - Ursache von Aufstieg und Untergang von Kulturen, 1985; Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik, 1994). Auch der globale Terrorismus könnte Ausdruck eines sich global verschärfenden Bevölkerungsproblems sein. (Vgl. Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht, 2003 [**]).“ (Ebd., S. 65).

2.10) Gesellschaftliche Adaptionsfähigkeit

2.10.1) Eugenik und Dysgenik (S. 65-70)
2.10.2) Sozialdarwinismus (S. 70-75)
2.10.3) Kulturistische Evolutionstheorie (S. 75-79)
2.10.4) Widerlegung der kulturistischen Evolutionstheorie (S. 79-94)
2.10.1) Eugenik und Dysgenik

„In den letzten Abschnitten (**|**) wurde herausgearbeitet, daß das Reproduktionsverhalten moderner menschlicher Gesellschaften das Prinzip der natürlichen Selektion verletzt. Statt dessen gelten nachweislich die folgenden Beziehungen:
Bildungserfolg korreliert mit sozialem Erfolg.
Reproduktionserfolg korreliert negativ mit sozialem Erfolg.
Reproduktionserfolg korreliert negativ mit Bildungserfolg.
Diese für moderne menschliche Gesellschaften und global für die gesamte Menschheit (demographisch-ökonomisches Paradoxon) beobachtbare Inversion des Prinzips der natürlichen Selektion ist -wie bereits erwähnt -auch unter dem Namen zentrales Problem der Soziobiologie (Daniel Vining, Social versus Reproductive Success - The Centra Theortical Problem of Human Sociobiology, in: Behavioral and Brain Sciences, 9, 1986) oder auch als negative Selektion bekannt.“ (Ebd., S. 65).

„Menschliche Gesellschaften fördern ganz explizit kooperative Verhaltenaweisen und sanktionieren unerwünschte Verletzungen des Prinzips. Dies scheint eine so lange Tradition zu haben, daß es im menschlichen Gehirn dafür bereits entsprechende Strukturen und biochemische Belohnungsprozesse gibt (vgl. Joachim Bauer, Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren, 2006). Für menschliche Gesellschaften ist Kooperation wichtiger als Konkurrenz. (Vgl. Franz Josef Radermacher / Bert Beyers, Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert, 2007, S.88ff.)“ (Ebd., S. 68-69)

„Die Gleichberechtigung der Geschlechter wird - sollte keine Lösung für die mit ihr einhergehende Geburtenschwäche gefunden werden - erneut dem Patriarchat weichen müssen. (**).“ (Ebd., S. 69).


„Vgl. FAZ.NET, Nur das Patriarchat kann uns noch retten, 03. April 2006 [**]; Phillip Longman, The Empty Cradle - How Falling Birthrates Thraeten World Prosperity and What to Do about it, 2004.“ (Ebd.).

„Auch wenn die Begriffe Eugenik und Dysgenik durch die Vergangenheit negativ besetzt sind, sollen sie im weiteren Text aus Gründen der Einfachheit im folgenden Sinne verwendet werden (aber auch, um der Philosophie des vorliegenden Buches treu zu bleiben, daß nämlich ein Tabu zunächst einmal etwas sein könnte, was dem Erkenntnisgewinn im Wege steht):
Das Reproduktionsverhalten einer Gesellschaft ist
eugenisch, wenn Reproduktionserfolg und sozialer Erfolg korrelieren,
dysgenisch, wenn Reproduktionserfolg und sozialer Erfolg dagegen negativ korrelieren.
Familien- bzw. bevölkerungspolitische Maßnahmen gelten als
eugenisch, wenn sie ein eugenisches,
dysgenisch, wenn sie ein dysgenisches
Reproduktionsverhalten fördern.“ (Ebd., S. 69).

„In modernen Gesellschaften sind sozialer Aufstieg und sozialer Erfolg ganz eng mit Bildung verknüpft. Bevölkerungspolitische Maßnahmen, die in solchen Gesellschaften die Anhebung der Geburtenraten in Schichten mit hohem Bildungsniveau zum Ziel haben, wären dann ebenfalls als eugenisch zu bezeichnen. Die scheinbare Wertung kommt hierbei erst durch die soziale Bedeutung der Bildung (»Bildung ist das höchste Gut«) zustande. In Gesellschaften, in denen eher Laufleistung, Werfgenauigkeit oder Muskelkraft von Vorteil sind, könnten die gleichen Maßnahmen dagegen sogar ausgesprochen dysgenische Effekte haben.“ (Ebd., S. 69-70).

„Interessant ist nun, daß in den meisten Gesellschaften, wie etwa der Bundesrepublik Deutschland, die folgenden Maßnahmen allesamt (und zum Teil kumulierend) dysgenisch wirken:
Bildung und Gleichberechtigung der Frauen.
Empfängnisverhütung.
Rentenversicherung.
Sozialhilfe.
Kindergeld.
Frauenquote.“ (Ebd., S. 70).

2.10.2) Sozialdarwinismus

„Die Prinzipien der Evolutionstheorie wirken eugenisch, moderne menschliche Gesellschaften reproduzieren sich dagegen dysgenisch. (**).“ (Ebd., S. 70).

„Die Anwendung der Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften wird häufig als Sozialdarwinismus bezeichnet und diskreditiert. Meist steckt hinter einer solchen Kritik ein unzutreffendes Verständnis der Evolutionstheorie. Eine Diskussion des Verhältnisses von Evolutionstheorie und Sozialdarwinismus findet sich zum Beispiel in: Christian Vogel, Anthropologische Spuren [Hrsg.: Volker Sommer], 2000, S. 179ff.. Der Brockhaus definiert Sozialdarwinismus wie folgt: Sammelbegriff für alle sozialwissenschaftlichen Theorien, die Charles Darwins Lehre von der natürlichen Auslese (Selektionstheorie) auf die Entwicklung von menschlichen Gesellschaften übertragen. So wurde die wirtschaftliche und soziale Entwicklung als vom Kampf der Individuen und Gruppen ums Dasein verursacht gedacht und als Grundgesetz der Geschichte aufgefaßt (L. F. Ward, W G. Summer). Der Sozialdarwinismus diente zeitweise als Rechtfertigung für bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten sowie rassistische Theorien. (Vgl. Brockhaus in 18 Bänden, 2002, Band 13, S. 153). Man erkennt unmittelbar: Hier geht es in erster Linie um den Kampf ums Dasein. Dieser spielt zwar auch in den ursprünglichen Darwinschen Formulierungen eine Rolle (Antilopen kämpfen nun einmal gegenüber Löwen ums Überleben), allerdings hat dieser Kampf für die Evolutionstheorie tatsächlich nur eine untergeordnete Bedeutung, den sie kommt bereits mit einfacher Konkurrenz aus.“ (Ebd., S. 70-71).

„Die ... Kriterien der Evolutionstheorie sind Variation, Selektion und Vererbung, ihr Gegenstand ist die Weiterentwicklung von Populationen und Arten mittels Reproduktion. Auf welche Weise die verschiedenen Lebewesen ihre für die Reproduktion zusätzlich erforderlichen Ressourcen erwirtschaften - ob durch Konkurrenz, Mord, Lug, Betrug, Kooperation oder Altruismus -, ist der Evolutionstheorie letztendlich egal.“ (Ebd., S. 71).

„Physikalische Gesetze legen zum Beispiel fest, daß Satelliten in geostationärer Umlaufbahn etwa in 42000 km Entfernung vom Erdmittelpunkt (beziehungsweise in 36000 km Höhe über der Erdoberfläche) verankert werden müssen. Im Umkehrschluß heißt das: Ein Satellit in 15000 km Höhe befindet sich nicht in geostationärer Position.“ (Ebd., S. 72).

„Die Evolutionstheorie behauptet nun aber, Variation, Vererbung (die Nachkommen sind ihren Vorfahren ähnlich) und die Korrelation zwischen individuellem Erfolg und Reproduktionserfolg (Selektion) erwirke die Evolution in der Natur. Dieser Mechanismus erlaube es Populationen, sich fortlaufend und über einen möglichst langen Zeitraum an eine sich gleichfalls verändernde Umwelt anzupassen.“ (Ebd., S. 72).

„Eine zwangsläufige Folgerung daraus ist: Haben die »Tüchtigen« einer Population niedrigere Reproduktionsraten als deren Rest, ist eine fortgesetzte Evolution dieser Population wenig wahrscheinlich. Eine solche Population verlöre schon sehr bald ihre Adaptionsfähigkeit an sich verändernde Rahmenbedingungen, und zwar um so eher, je stärker sich die Rahmenbedingungen verändern. Natürlich hat dann eine anschließende Feststellung wie etwa: »Der Verlust der Adaptionsfähigkeit unserer Gesellschaft an sich verändernde globale Rahmenbedingungen sollte unbedingt vermieden werden.« einen normativen Charakter. Aber wer wollte ernsthaft die Sinnhaftigkeit einer solchen Norm bezweifeln?“  (Ebd., S. 72).

„Betrachten wir zur Verdeutlichung einmal zwei verschiedene Giraffenpopulationen mit völlig unterschiedlichem Reproduktionsverhalten. Der Körperbau der Giraffe ist durch deren hohe Statur, den sehr verlängerten Hals, Vorderbeine, Kopf und Zunge für das Abweiden hoher Baumzweige angepaßt. Sie kann dadurch Nahrung jenseits der Höhe, bis zu welcher andere Huftiere aus ihrem Lebensraum hinaufreichen können, erlangen. Wenn nun die Bäume auf den Fraß der Tiere oder aus anderen Gründen mit einem Anheben der unteren Baumzweige reagieren, dann werden Giraffendividuen mit besonders langen Hälsen einen Vorteil haben. Weil sie mehr Nahrung erhalten, können sie sich besser als ihre kurzhalsigen Brüder und Schwestern vermehren. Auf diese Weise verlängert sich der Hals der Giraffen mit der Zeit, und zwar ausschließlich aus evolutionären Gründen.“ (Ebd., S. 72-73).

„Giraffen könnten aber auch eine Strategie des demographischen Wandels verfolgen: Die Giraffen mit dem längsten Hals fressen das hohe Laub nur zum Teil selbst, einen größeren Teil (»Laub-Steuer«) brechen sie lediglich ab und lassen ihn zu Boden fallen. Dort wird das Laub von ihren Brüdern und Schwestern mit kürzeren Hälsen gierig aufgenommen und verzehrt. Weil die langhalsigen Giraffen nun den ganzen Tag nicht nur für ihre eigene Nahrungsbeschaffung, sondern auch für die der weniger gut angepaßten Individuen beschäftigt sind, und es bei ihnen keine Aufgabenverteilung bezüglich der Nahrungsbeschaffung zwischen den Geschlechtem gibt (mit anderen Worten: Giraffen-Weibchen sind emanzipiert), haben sie kaum Zeit, sich um eigene Nachkommen zu bemühen. Das erledigen dann für sie - sozusagen arbeitsteilig als Gegenleistung für die Nahrungsbeschaffung - die kurzhalsigen Individuen, die deutlich mehr Jungen bekommen als langhalsige Individuen. Mit der Zeit wird die gesamte Population auf diese Weise immer kurzhalsiger, denn es werden entsprechende Anpassungsreize gesetzt. Der lange Hals stellt zwar prinzipiell einen evolutionären Vorteil dar, allerdings führt er aufgrund der Reproduktionsorganisation der Giraffenpopulation sehr bald zur genetischen Elimination. Weil die kurzhalsigen Giraffen aber sich und ihre Nachkommen ohne die Hilfe ihrer langhalsigen Brüder und Schwestern nicht mehr ausreichend versorgen können, sterben sie kurze Zeit später ebenfalls aus, wobei es zunächst eine längere Übergangszeit mit zunehmender Nahrungsverknappung (Verarmung) geben dürfte.“ (Ebd., S. 73).

„Interpretiert man die höheren Reproduktionschancen der »Tüchtigen« nicht als das »angestrebte Ziel« der »natürlichen Auslese«, sondern als deren zwangsläufiges Produkt, dann müßte aus dem zweiten Giraffenbeispiel unmittelbar gefolgert werden: Die kurzhalsigen Giraffen sind die »Tüchtigen«, denn sie haben die höchsten Reproduktionschancen. (Oder auch: In modernen menschlichen Gesellschaften befinden sich die Tüchtigen vorwiegend in sozial schwachen und bildungsfemen Schichten.). Leider hätte man aber damit die Evolutionstheorie um eines ihrer wichtigsten Kriterien beraubt, nämlich die Verknüpfung zwischen Ressourcenbeschaffung und Reproduktionserfolg. Das Prinzip der natürlichen Selektion degenerierte auf diese Weise zur bloßen Tautologie. Fehlt die Verbindung zwischen sozialem Erfolg und Reproduktionserfolg, dann können Individuen Erfolgsmerkmale nicht ausreichend an ihre Nachkommen weitergeben. Eine Generationengerechtigkeit kann unter diesen Umständen nicht gegeben sein. Und das obige Beispiel zeigt dann auch unmißverständlich: Die zweite Giraffenpopulation hat eine ungünstige Fortpflanzungsstrategie gewählt und stirbt in der Folge als Ganzes aus. Natürlich könnte man auch den letzten Satz als wertend abtun. Dies macht aber keinen Sinn, denn letztendlich geht es in der Evolution darum, die Überlebensfähigkeit von Individuen und Populationen zu verbessern. In diesem Sinne ist eine frühzeitige Elimination aus Sicht der Population dann tatsächlich ein unerwünschtes Ereignis.“ (Ebd., S. 73-74).

„In den entwickelten Gesellschaften kann man nun ein ganz ähnliches Reproduktionsverhalten wie das der zweiten Giraffenpopulationen beobachten, man muß dazu lediglich »langen Hals« durch »großen Kopf« ersetzen. Die sich verändernde Umweltbedingung heißt gesellschaftliche Weiterentwicklung hin zur Wissensgesellschaft im Rahmen der Globalisierung. Wissen und kognitive Fähigkeiten avancieren zu den Kompetenzen, die in modernen und sich im globalen Wettbewerb befindlichen Gesellschaften die höchsten ökonomischen Vorteile (= Erfolg, Geld, Ressourcen) versprechen. Tatsächlich führen sie aber bevorzugt zur evolutionären Elimination, und zwar aus einem geradezu aberwitzigen Grund: Bildung ist in unserer Gesellschaft zwar das höchste Gut, aber nur solange es um die Produktion und nicht die Reproduktion geht. Für das langjährige Aufziehen von Kindern ist dagegen angeblich Liebe das höchste Gut, und für Bildung besteht plötzlich kein Bedarf mehr. Vielfach wird Bildung für Familienarbeiten sogar regelrecht als Verschwendung aufgefaßt. So heißt es dann etwa, eine akademisch ausgebildete Mutter, die sich ganz dem Aufziehen ihrer Kinder widmet, verschwende die Investitionen in ihre Ausbildung und stehe der Gesellschaft gegenüber im Soll. (Vgl. Christian Rickens, a.a.O., 2006, S. 53). All dies zeigt, wie selbstverständlich die allgemeine Abwertung reproduktiver Tätigkeiten in unserer Gesellschaft längst ist.“ (Ebd., S. 74-75).

2.10.2) Kulturistische Evolutionstheorie

„Es gibt einen weiteren Einwand gegen die Übertragung evolutionstheoreticher Überlegungen auf gesellschaftliche Prozesse, hinter dem eine Theorie steckt, die in unserer Gesellschaft auf breiteste Akzeptanz stößt. Und diese Theorie lautet in etwa wie folgt: Menschen kommen als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Menschliche Säuglinge sind folglich zunächst einmal alle gleich. Mit entsprechenden Bildungsmaßnahmen und Förderprogrammen können sie dann zu beliebiger Kompetenz geführt werden. Die Weitergabe menschlicher Kompetenzen erfolgt also nicht über Gene, sondern über kulturelle Mechanismen. Das gilt im wesentlichen auch für die beiden Geschlechter. So kommt man nicht als Frau zur Welt, sondern wird dazu gemacht. Sind zu einem späteren Zeitpunkt intellektuelle Unterschiede zwischen verschiedenen Individuen feststellbar, dann ist das in erster Linie die Folge einer unterschiedlichen Sozialisation. Es ist somit egal, wer in einer Gesellschaft Kinder bekommt. Wenn sozial schwache und bildungsferne Schichten mehr Kinder bekommen als Schichten mit hohem sozioökonomischem Status oder Bildungsniveau, dann müssen deren Kinder eben gezielt gefördert werden. Eine qualitative Nichtbestandserhaltung ist immer Folge unzureichender Fördermaßnahmen für den kindlichen Nachwuchs. Diese Theorie soll im folgenden kulturistische Evolutionstheorie genannt werden. (Eine weniger freundliche Bezeichnung ist »Gutmenschentum«). Typische Aussagen im Umfeld der Theorie sind:
Erst die geringe Kinderzahl altrömischer Senatoren oder moderner Akademiker gibt dem Nachwuchs aus unteren Gesellschaftsschichten Raum für die eigene Karriere. (Ralph Bollmann, 2006, Lob des Imperiums - Der Untergang Roms und die Zukunft des Westens, S. 84).
Wenn hauptsächlich die Schwachen Kinder bekommen, dann müssen wir eben aus diesen Kindern Atomphysiker machen, Gerichtspräsidenten, Abgeordnete, verantwortungsvolle Bürger. (Susanne Gaschke, Die Emanzipationsfalle - erfolgreich, einsam, kinderlos, 2005, S. 102f.).
Betrachtet man die Theorie im Detail, dann fällt zunächst auf, daß sie auf alle drei Kriterien der Evolutionstheorie verzichtet:
Alle Menschen verfügen bei der Geburt über gleiche Möglichkeiten. Folglich gibt es keine angeborene Variation unter den Individuen einer Population.
Reproduktionserfolg und sozialer Erfolg (beziehungsweise die Fähigkeit der Ressourcenbeschaffung) müssen nicht miteinander korrelieren. Das Selektionsprinzip ist somit ohne Bedeutung.
Alle Menschen verfügen bei der Geburt über gleiche Möglichkeiten. Hervorstechende Kompetenzen der Eltern werden nicht an ihre Nachkommen vererbt. Das Vererbungsprinzip ist folglich nicht gültig.
Die Kernaussage der Evolutionstheorie ist: Wenn die drei Voraussetzungen - Variation, Selektion und Vererbung - gegeben sind, ist Evolution unvermeidlich die Folge. (Vgl. Susan Blackmore, Evolution und Meme, in: Alexander Becker et al., Gene, Meme und Gehirne, 2003, S. 50). Es stellt sich nun umgekehrt die Frage: Kann Evolution eventuell auch dann stattfinden, wenn eine oder mehrere der drei Voraussetzungen Variation, Selektion und Vererbung nicht gegeben sind? Die obige Theorie behauptet nichts weniger als: Ja, Evolution kann in modernen menschlichen Gesellschaften sogar dann stattfinden, wenn keine der drei Kriterien erfüllt ist. Falls Sie sich fragen sollten, ob denn in modernen Gesellschaften Evolution überhaupt noch erforderlich ist, so ist dies zu bejahen. Denn auch entwickelte Gesellschaften sind ständigen Veränderungen ausgesetzt (Technik, Wissensgesellschaft, Globalisierung, Ressourcenverknappung, Klimawandel, ...), auf die sie zu reagieren und an die sie sich anzupassen haben. Und schließlich drücken auch die Begriffe Entwicklungsland und hochentwickeltes Land einen gesellschaftlichen Evolutionsprozeß aus.“ (Ebd., S. 75-76).

„Der Grundgedanke der kulturistischen Evolutionstheorie scheint sich in Teilen auf die Mem-Theorie von Richard Dawkins zu stützen (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976; Susan Blackmore, Evolution und Meme, in: Alexander Becker et al., Gene, Meme und Gehirne, 2003):
Im Rahmen der kulturellen Weiterentwicklung entstehen geistige Elemente, die sich in die verschiedenen Gehirne der Mitglieder der Gesellschaft replizieren.
Eine gesellschaftliche Weiterentwicklung erfolgt durch kulturelle Weiterentwicklung. Eine genetische Weiterentwicklung ihrer Mitglieder ist dagegen nicht erforderlich und aufgrund der aktuellen menschlichen Reproduktionsstrategie auch gar nicht mehr möglich.
Strenggenommen wird hier eine reine Softwareevolution postuliert: Geboren wird immer der gleiche anpaßbare Mensch mit der gleichen genbasierten Hardware. Wenn im Laufe der Zeit Veränderungen oder gar Verbesserungen erfolgen, dann geschehen diese in der Software. Auf Computer übertragen würde das bedeuten: Die Hardware ist längst ausgereift. Alle Computer besitzen die gleiche Hauptspeichergröße, den gleichen Prozessor, die gleiche Festplatte. Alle Weiterentwicklungen konzentrieren sich auf das Betriebssystem und die Anwendungssoftware. (So könnte der manchmal regelrecht hitzig ausgetragene Konflikt zwischen Soziobiologie und Soziologie auch als ein Konflikt zwischen Hardware und Software interpretiert werden. Während die Soziobiologie vor allem sehr niedrige und grundsätzliche menschliche beziehungsweise biologische Verhaltensmuster untersucht, befaßt sich die Soziologie in erster Linie mit höheren gesellschaftlichen und kulturellen Themen. Oft werden dann zwischen den beiden Disziplinen Fronten aufgemacht, die eigentlich nicht sein müßten.). Vergleicht man dagegen die wirkliche Entwicklung in der Computerindustrie, dann dürfte die Aussage überraschen, denn dort sind es in der Regel die Weiterentwicklungen in der Hardware, die neue Softwareapplikationen ermöglichen. Und auch beim Menschen hat erst die enorme Gehirnentwicklung während der Altsteinzeit die spätere kulturelle Entwicklung ermöglicht.“ (Ebd., S. 76-77).

„Für die Diskussion spielen auch die Begriffe Phänotyp und Genotyp eine wesentliche Rolle:
Phänotyp: Meist wird als Phänotyp das äußere Erscheinungsbild eines Organismus bezeichnet. Allerdings ist das nicht ganz korrekt, denn auch das Aussehen, die Lage, die Größe der inneren Organe gehören dazu, ferner Verhaltensmerkmale (zum Beispiel ob ein Lebewesen eher ängstlich oder aggressiv ist) und physiologische Größen (zum Belspiel der Blutdruck eines Menschen).
Genotyp: Der vollständige Satz von Genen, den ein Organismus geerbt hat. Im Grunde handelt es sich dabei um das Genom des Organismus.
Eine Kernaussage der kulturistischen Evolutionstheorie ist nun, der Genotyp eines Menschen stehe in modernen Gesellschaften in praktisch keinem direkten Zusammenhang mehr mit seinen geistigen Kompetenzen, die aber Teil seines Phänotyps sind.“. (Ebd., S. 77).

„Genauer betrachtet bestehen zwischen biologistischen und kulturistischen Auffassungen Vorstellungsunterschiede von beträchtlicher Tragweite: Die Evolution bringt Lebewesen hervor, die an einen bestimmten Lebensraum angepaßt sind. Der Lebensraum selbst unterliegt ständigen Veränderungen. Damit eine Population auf Dauer fortbestehen kann, müssen sich ihre Mitglieder fortpflanzen, was veränderte Genotypen hervorbringt, die dann besser oder schlechter an die sich wandelnde Umgebung angepaßt sind. Die Prinzipien Variation, Selektion und Vererbung sorgen für möglichst gute Startbedingungen der Folgegeneration. Viele Lebewesen sind aber darüber hinaus auch schon zu ihren Lebzeiten so anpassungsfähig, daß sie mit einer Vielfalt an Veränderungen in ihrem Lebensraum klarkommen. Dennoch: Die großen Anpassungen an den Lebensraum erfolgen bei eher biologistischen Auffassungen über die Gene. Eine Konsequenz daraus ist: Lebewesen müssen sterben, denn es wird in regelmäßigen Abständen eine »verbesserte« Hardware benötigt. Kulturistische Auffassungen behaupten nun aber, der Mensch habe diese Verhältnisse durch Kultur und Technik sehr stark verändert und den beschriebenen Prozeß beendet. Beispielsweise habe er erst gar nicht mehr auf eine genetische Anpassung zur optischen Erkennung von Bakterien warten müssen. Ihm genügte es statt dessen, das Mikroskop zu erfinden. Eine fortlaufende natürliche genetische Adaption des Menschen an einen sich verändernden Lebensraum (Gesellschaft, Kultur, Technik) sei nicht länger erforderlich. Deshalb spiele es auch keine Rolle mehr, wer in unserer Gesellschaft Kinder in die Welt setzt. Im Umkehrschluß bedeutete das allerdings: Eine solche Form der regelmäßigen Anpassung wäre nicht länger möglich. Die genetische Weiterentwicklung des Menschen mittels der natürlichen Selektion wäre also zum Erliegen gekommen. Oder anders ausgedrückt: Die biologische Evolution hätte ein Lebewesen hervorgebracht, bei der sie sich selbst ausgehebelt hat. Dieses Lebewesen wäre nun auf ihre Leistungen nicht mehr angewiesen. Eine unmittelbare Konsequenz daraus wäre: Veränderungen am Erbmaterial des Menschen müßten in Zukunft gentechnologisch erfolgen. Die rigorose Ablehnung der Anwendung der Lehre Charles Darwins auf menschliche Gesellschaften könnte der Eugenik also zu einem späten Sieg verhelfen.“ (Ebd., S. 78).

„Ferner dürfte sich nun die Hoffnung aufdrängen, Alterung und Tod und damit auch die Fortpflanzung könnten irgendwann einmal der Vergangenheit angehören. Denn eine Populationsanpassung wäre ja nicht wirklich mehr erforderlich (und auf natürliche Weise auch gar nicht mehr möglich). Statt dessen könnte es genügen, die einzelnen Mitglieder der Population durch technologische Maßnahmen ausreichend anpassungsfähig zu halten oder alternativ die Umwelt durch Technik passend zu machen.“ (Ebd., S. 79).

„An dieser Stelle möchte ich dann doch einmal ganz »unwissenschaftlich« meine Meinung äußern: Ich halte den Grundgedanken der kulturistischen Evolutionstheorie für pure Religion. Die Auffassung hat möglicherweise die Darwinsche Abstammungslehre zur Kenntnis genommen, aber nicht wirklich akzeptiert. Sie hält den Menschen für ein Lebewesen, was zwar ursprünglich einmal vom Affen abstammt, sich nun aber vollständig aus der Evolution herausgelöst hat und damit einzigartig ist. Die Evolution hätte demzufolge ... Milliarden Jahre benötigt, um auf der Erde den Menschen hervorzubringen, woraufhin sie sich von der weiteren Entwicklung verabschiedet hat. Nicht Gott hätte also den Menschen erschaffen, sondern die Evolution. Im Prinzip handelt es sich bei der kulturistischen Evolutionstheorie um eine Variante des Kreationismus.“ (Ebd., S. 79).

2.10.2) Widerlegung der kulturistischen Evolutionstheorie

„Die biologische Evolutionstheorie ist eine empirisch sehr weit überprüfte Theorie. Doch welche Belege gibt es für die kulturistische Evolutionstheorie, die in unserer Gesellschaft in Wissenschaft, Medien und Politik auf breiteste Akzeptanz stößt? Die ernüchternde Antwort ist: Keine. Im Gegenteil: Zahlreiche Fakten sprechen unmittelbar dagegen. Beispielsweise kann heute kein Zweifel mehr daran bestehen, daß ein nennenswerter Teil des menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens eine biologische Basis besitzt, die im Überlebenskampf während der Menschwerdung entstanden ist (vgl. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Die Biologie des menschlichen Verhaltens - Grundriß der Humanethologie, 1984), Auch bei der Intelligenz kann von einer erheblichen erblichen Komponente ausgegangen werden, wie die Zwillings- und Adoptionsforschung belegt (**). Was Intelligenz genau ist, ist umstritten. Meist wird jedoch darunter verstanden, daß es sich zum einen um eine allgemeine Lern-, Denk-, Vorstellungs-, Erinnerungs-, und Problemlösefähigkeit handelt, und zum anderen um den Besitz von Kenntnissen aus bestimmten Gebieten (Expertenwissen). (Vgl. Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns, 2003, S. 109).“ (Ebd., S. 79).


Vgl. Birgitta Vom Lehm, Kindeswohl ade! Gesndheitsverhütung im Wohlstandsland, 2004; Peter Borkenau, Anlage und Umwelt - Eine Einführung in die Verhaltensgenetik, 1993; Rainer Riemann / Frank M. Spinath, Genetik und Persönlichkeit, in: Jürgen Hennig / Petra Netter (Hrsg.), Biopsychologische Grundlagen der Persönlichkeit, 2005; David Shaffer / Katherine Kipp, Developmental Psychology, 7. Auflage, 2006, S. 105ff.; Volkmar Weiss, Die IQ-Falle, 2000; Jochen Paulus, Gene oder Umwelt?  Falsch, Gene mal Umwelt, 2001; Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns, 2003, S. 110ff..

„Die einschlägige Forschung nennt eine Zahl von 117 Paaren eineiiger Zwillinge, die zwischen 1937 und 1990 identifiziert wurden und entsprechenden Tests zur Verfügung standen, Gefunden wurde, daß die Intelligenz von getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen mit einem Koeffizienten zwischen 0,67 und 0,78 korreliert. Dies bedeutet, daß ihre Intelligenz zwar nicht völlig gleich ist, aber doch eine beträchtliche Ähnlichkeit aufweist. Man muß dabei berücksichtigen, daß bei gemeinsam aufgewachsenen eineiigen Zwillingen der Korrelationskoeffizient keineswegs 1 ist, wie man meinen könnte, sondern 0,86. Bei Tests an genetisch nichtverwandten adoptierten Kindern und ihren Adoptiveltern fand man hinsichtlich der Intelligenz eine sehr schwache Korrelation von 0,1 oder darunter, während die Intelligenz von Eltern und ihren leiblichen Kindem, die von ihnen zur Adoption freigegeben und also nicht von ihnen erzogen wurden, eine mittelstarke Korrelation von 0,4 aufwies.“ (Ebd., S. 80).

„Was bedeuten diese vielfach bestätigten Resultate? Sie lassen erst einmal den Schluß zu, daß dasjenige, was man unter Intelligenz versteht, in einem erheblichen Maße angeboren ist, und daß die Umwelteinflüsse dabei eine relativ geringe Rolle spielen - wie anders kann man sonst erklären, daß es kaum eine Korrelation zwischen der Intelligenz von Adoptiveltern und der ihrer Adoptivkinder gibt!“ (Ebd., S. 80).

„Was Erziehung nach Ansicht von Experten hinzufügt, macht aus der Sicht der IQ-Statistik fünfzehn bis zwanzig Prozent der Gesamtintelligenz aus. Dies mag gering erscheinen, bedeutet aber, daß zum Beispiel eine Person, die ohne jegliche geistige Förderung einen IQ von 90 aufweist und damit leicht »minderbemittelt« wirken kann, bei intensivster Förderung auf einen IQ von 105 oder gar 110 kommen könnte und damit einen überdurchschnittlich intelligenten, wenngleich im Normbereich liegenden Eindruck macht. Wir müssen dabei berücksichtigen, daß zwei Drittel aller Personen im IQ-Intervall zwischen 85 und 115 liegen und sich hier relativ kleine Veränderungen im Intelligenzquotienten deutlich bemerkbar machen.“ (Ebd., S. 80).

„Die grundsätzliche Erblichkeit der Intelligenz läßt sich aber auch unmittelbar evolutionstheoretisch plausibilisieren.“ (Ebd., S. 80).

„In der Evolutionsbiologie wurde lange darüber gestritten, ob erworbene Eigenschaften vererbt werden können (Lamarckismus). Die Frage war etwa: Kann das tägliche Strecken von Elterntieren bei der Nahrungsaufnahme über viele Generationen hinweg bei der Verlängerung von Giraffenhälsen eine Rolle gespielt haben? Diese Frage wird heute von den meisten Evolutionsbiologen verneint. (Vgl. Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 197). (**)“ (Ebd., S. 80-81).


Die als Weismann-Barriere bezeichnete Regel, daß Erfahrungen, die ein Individuum mit der Umwelt macht, nicht in den Erbgang einfließen können, wird heute wieder von einigen wenigen Experten in Frage gestellt. (Vgl. Hans-Helmut Niller, a.a.O., 2005; Joachim Bauer, Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren, 2006, S. 13). Die Weismann-Barriere ist nach dem deutschen Biologen August Weismann (1834-1914) benannt und besagt, daß Erbinformationen nur in Richtung Körperzellen wirken können, aber niemals umgekehrt. Dieses Dogma wurde von August Weismann 1893 formuliert und unterstützt Darwins Evolutionstheoerie. Individuell erworbene Eigenschaften werden durch die Weismann-Barriere gehindert, ins Erbgut aufgenommen zu werden. Eine Vererbung individuellen Verhaltens ist so nicht möglich. Durch die Barriere wird die DNS geschützt. Die DNS kann höchstens durch zufällige oder toxische Mutationen verändert werden, so die Darwinisten. Lamarcks Thesen zur Evolution verschwanden aus Lehrbüchern. Seit Ende des 20. Jahrhunderts gibt es Zweifel am Weismann-Dogma. Das Enzym Rücktranscriptase und andere Mechanismen ermöglichen gezielte Veränderungen der Erbinformationen. Lamarcks Gedanken werden wieder diskutiert. Trotzdem konnte bis heute die Weismann-Barriere nicht falsifiziert werden.

„Mit anderen Worten: Giraffenhälse sind über Generationen hinweg deshalb gewachsen, weil:
Elterntiere mit besonders langen Hälsen einen evolutionären Vorteil hatten (mehr Nahrung fanden und folglich mehr Nachwuchs bekamen) und
die Halslänge von Giraffen erblich ist, das heißt, zwischen Eltern und Kindern korreliert.
Das herausragende Merkmal des Menschen ist aber dessen Gehirnleistung beziehungsweise Intelligenz. (Vgl. Ernst Mayr, Das ist Evolution, 2005, S. 308ff.; Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 52ff.). So nahm die Größe des menschlichen Gehirns binnen 3 Millionen Jahren von 450 ccm auf nun ca. 1350 ccm zu. Dies ist analog zum Wachsen der Giraffenhälse nur erklärbar, wenn:
eine erhöhte Gehirnleistung im Laufe der Geschichte der Menschheit leinen evolutionären Vorteil darstellte, der sich in einer vermehrten Zahl an Nachkommen ausdrückte und
Intelligenz beziehungsweise Gehirnleistung erblich ist, das heißt zwischen Eltern und Kindern korreliert.
Denn nehmen wir einmal an, ein Frühmensch hat ein Gehirn von 800 ccm wie alle anderen Männer in seinem Stamm. Allerdings ist er ganz besonders lernbegierig, so daß er den anderen Männern in der Jagd bald überlegen ist. Die daraus resultierende soziale Anerkennung drückt sich schließlich in einer erhöhten Zahl an Nachkommen aus. Die Annahme, ein Teil seiner Kinder könnte nun ein größeres Gehirn von zum Beispiel 850 ccm entwickeln, entspräche aber der allgemein als widerlegt geltenden Vermutung von der Erblichkeit erworbener Eigenschaften.“ (Ebd., S. 81).

„Evolutionstheoretisch ließe sich die Entwicklung dagegen wie folgt erklären: Alle Mitglieder eines Frühmenschenstammes haben ein Gehirn von ca. 800 ccm Größe. Ein Kind wird aufgrund einer Mutation oder durch eine Vererbung mütterlicherseits mit einem Gehirn geboren, welches zu einer Größe von 850 ccm ausreift. Im Erwachsenenalter zeigt sich: Dieser Jäger ist geistig flexibler als seine Stammesbrüder, so daß er bald die Führung bei der Jagd übernimmt. Die hohe soziale Stellung drückt sich schließlich in einer erhöhten Zahl an Nachkommen aus, von denen ein erheblicher Anteil aus Vererbungsgründen ebenfalls ein Gehirn mit einer Größe von 850 ccm oder mehr hat.“ (Ebd., S. 81-82).

„Ein Einwand könnte sein, daß Gehirngröße und Intelligenz nicht korrelieren müssen. Abgesehen davon, daß eine solche Korrelation im Rahmen der Menschwerdung auf jeden Fall vorhanden gewesen sein muß, scheinen auch Untersuchungen beim heutigen Menschen einen statistischen Zusammenhang zwischen Gehirngröße und Intelligenz zu bestätigen. (Vgl. Mens Health, Es kommt also doch auf die Größe an, 2005). Allerdings ist die Tatsache umstritten, zumal sich das Gehirngewicht bei Lebenden nicht sicher ermitteln läßt (die genannte Untersuchung erzielte ihre Ergebnisse mit Todkranken, deren Gehirn nach dem Ableben vermessen wurde). Wesentlich bedeutender für die Intelligenz scheint aber die allgemeine Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns zu sein. (Vgl. Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns, 2003, S. 112; Siegfried Lehrl / Bernd Fischer, a.a.O., 1990). Auch für diese werden genetische Ursachen vermutet.“ (Ebd., S. 82).

„Ohne eine erhebliche erbliche Komponente bei der Intelligenzbildung dürfte sich die gesamte menschliche Gehirnentwicklung kaum erklären lassen.“ (Ebd., S. 82).

„Unter der Annahme einer starken Korrelation der Intelligenz von Eltern und Kindern (**) ist ... die beobachtete Entwicklung in einem durchlässigen Bildungssystem exakt zu erwarten. Sie ist ... Ausdruck der Erblichkeit von Intelligenz.“ (Ebd., S. 82).


Vgl. Rainer Riemann / Frank M. Spinath, Genetik und Persönlichkeit, in: Jürgen Hennig / Petra Netter [Hrsg.], Biopsychologische Grundlagen der Persönlichkeit, 2005, S. 617; Volkmar Weiss, a.a.O, 2007.

„Richard Lynn behauptet, die deutsche Bevölkerung sei mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten von 107 das intelligenteste Volk. (Vgl. Der Spiegel, Britische Studie, 27.03.2006 [**]).“ (Ebd., S. 82-83).


Der Spiegel, 27. März 2006: „Ein britischer Forscher hält die Deutschen ... für das Volk mit dem höchsten Intelligenzquotienten .... Der Psychologe hat eine ungewöhnliche Erklärung für die Ergebnisse. .... Mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten von 107 liegen die Deutschen laut der Untersuchung ... vor ... den Schweden (104) und den Italienern (102), wie die Londoner »Times« in ihrer heutigen Ausgabe berichtet. Mit einem Durchschnitts-IQ von 100 liegen die Briten zwar hinter der Spitzengruppe, aber immerhin sind sie der Untersuchung zufolge noch klüger als die Franzosen (94). Die letzten Plätze nehmen Rumänen, Türken und Serben ein. Als normal gilt ein IQ von 85 bis 115; besonders intelligente Menschen können jedoch durchaus Intelligenzquotienten von 145 erreichen.“ (**).

„Der Flynn-Effekt bezeichnet die Tatsache, daß die Ergebnisse von IQ-Tests bis in die 1990er Jahre jährlich besser wurden, die Intellignez also offenbar zunahm (dieser Satz ist so nicht ganz richtig formuliert, denn: der Flynn-Effekt bedeutet die jährliche besser werdenden Ergebnisse der IQ-Tests; HB). Heute ist der Flynn-Effekt zwar in den Entwicklungsländern, allerdings nur noch in wenigen Industrienationen zu beobachten, wenngleich ein unterschiedliches Tempo festgestellt wird. (**).“ (Ebd., S. 83).


„Sollte es sich beim Flynn-Effekt um ein zeitlich begrenztes Phänomen handelt, würde dies bedeuten, daß die Menschen im allgemeinen intelligenter würden. Flynn selbst glaubt allerdings nicht, das dies der Fall ist. (Vgl. James Flynn / William Dickens, Heritability Estimates Versus Large Environmental Effects, 2001).“ (Ebd., S. 83).

„Neure Untersuchungen zeigen ..., daß der Flynn-Effekt in den meisten Industrienationen mittlerweile seine Wirkung verloren hat, und sich nun gegenläufige Effekte einstellen. So stagniert der mittlere IQ in vielen Ländern ab etwa 1990 und seit dem Ende der 1990er Jahre nimmt er sogar wieder ab. (**).“ (Ebd., S. 83-84).


Ob überhaupt und - wenn ja - bis zu welchem Ausmaß die Intelligenztests bzw. IQ-Tests als wissenschaftlich bezeichnet werden dürfen, bleibt fraglich.

„In ihrem Buch IQ and the Wealth of Nations (2002) stellen die Autoren Lynn und Vanhanen die These auf, der Wohlsstand eines Landes korreliere mit dem durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) der Bevölkerung. Auf Basis von Daten aus 81 Ländern eine Korrelation von 0,82 zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen des Landes und dem durchschnittlichen IQ der Bevölkerung und eine Korrelation von 0,64 zwischen dem Wirtschaftswachstum und dem IQ. Sie stellen die These auf, daß der durchschnittliche IQ der Bevölkerung sowohl auf genetischen als auch Umweltfaktoren beruhe. So könne einerseits ein niedriger durchschnittlicher IQ ein niedriges Bruttoszialprodukt bewirken, als auch umegkehrt ein niedriges Bruttoszialprodukt einen niedrigen durchschnittlichen IQ. Wie nicht anders zu erwarten war, wurden die Autoren für die Vorlage ihrer Resultate zum Teil recht hart kritisiert, denn sie hatten ein Tabuthema berührt. Dabei sind ihre Resultate durchaus naheliegend:
Das demographisch-ökonomische Paradoxon behauptet einen weltweiten negativen Zusammenhang zwischen der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines Landes (seines Pro-Kopf-Einkommens) und der Fertilitätsrate.
Gleichfalls ist in vielen Ländern ein negativer Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Kinderzahl zu beobachten. Das Bildungsniveau einer Person dürfte eng mit ihrem IQ korrelieren.
Aufgrund dieser beiden Relationen läßt sich ein Zusammenhang zwischen dem durchschnittliche IQ der Bevölkerung und dem Pro-Kopf-Einkommen des Landes vermuten. Die folgende Tabelle zeigt ausgewählte Länder mit ihren durchschnittlichen IQs und Fertilitätsraten. Offenkundig besteht auch ein negativer Zusammenhang zwischen IQ und Fertilitätsrate, was ebenfalls nicht überraschend ist. .... In jedem Fall sollten die ... vorgetragenen Ergebnisse ernst genommen werden, denn sie legen nahe, daß eine dauerhaft ausgeführte negative Selektion zu einem Abfall des durchschnittlichen IQs der Bevölkerung führen kann und damit natürlich auch zu erheblichen Wohlstandsverlusten. Es ist nicht auszuschließen, daß dabei langfristig ein Gleichgewichtszustand auf niedrigerem Niveau erreicht wird. Denn mit dem Absinken des IQs und den Qualifikationen der Bevölkerung dürfte deren Fertilitätsrate gemäß dem demographisch-ökonomische Paradoxon sukzessive wieder ansteigen.“  (Ebd., S. 84-85).

Korrelation von Intelligenz und Fertilität (am Beispiel ausgewählter Länder; Stand: 2007)
Stand: 2007Intelligenz-
Quotient
(IQ)
Zusammengefaßte
Fruchtbarkeitsrate
(TFR)
Südkorea1061,27
Japan1051,40
Deutschland103 (108)1,39
Italien1021,28
Niederlande1021,66
Schweden1011,66
China1001,73
Großbritannien1001,66
Spanien  991,28
Australien  981,76
Frankreich  981,84
USA  982,09
Argentinien  962,16
Rußland  961,28
Israel  942,41
Irland  931,86
Stand: 2007Intelligenz-
Quotient
(IQ)
Zusammengefaßte
Fruchtbarkeitsrate
(TFR)
Thailand  911,64
Türkei  901,92
Indonesien  892,40
Brasilien  871,91
Irak  874,18
Mexiko  872,42
Philippinen  863,11
Afghanistan  836,69
Ägypten  832,83
Bangladesh  813,11
Indien  812,73
Pakistan  814,00
Sudan  724,72
Ghana  713,99
Nigeria  675,49
DR Kongo   656,54
Abbildung 4) IQs und Fertilitätsraten ausgewählter Länder

„Neben der Intelligenz scheinen auch andere menschliche Attribute und Merkmale wie Risikofreudigkeit bzw. Vertrauensbereitschaft eine erbliche Komponente zu besitzen (vgl. Armin Falk, a.a.O., 2006). Dabei ist es unerheblich, ob diese Erblichkeit durch Genetik oder Imitation (Memetik) vermittelt wird. denn entscheidend ist die nachgewiesene Korrelation der Attribute zwischen Eltern und Kindern.“ (Ebd., S. 86).

„Aufgrund des spezifischen Reproduktionsverhaltens moderner Gesellschaften scheiden die Erfolgreichen und Kompetenzträger somit nicht nur bei der genetischen, sondern weitestgehend auch bei der kulturellen Reproduktion aus: »Kulturgeschichte begann, als das Survival-of-the-Fittest ein Imitation-of-the-Fittest in Schlepptau nahm. Was immer Kultur definieren mag, sie gründet auf adaptiver Imitation, also auf dem erfolgversprechenden Versuch einer vorteilhaften Teilhabe an der Lebensleistung anderer. .... Konkurrenz entsteht dort, wo gleiche Lebensansprüche vorherrschen und gleiche Ressourcen genutzt werden, also vorrangig innerhalb der Populationen. Der evolutive Erfolg bemißt sich am genetischen Abschneiden in diesem Wettbewerb, denn nur die Gene der erfolgreichen Individuen kommen eine Runde weiter im unendlichen Evolutionsspiel, und wer erfolgreiche nachahmt, verbessert ohne Frage seine Chancen. (Eckart Voland, Grundriß der Soziobiologie, 1993, S. 24f.). Sowohl für biologistische als auch kulturistische - beziehungsweise im Sinne von Richard Dawkins (vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 3l6ff.) für genetische als auch memetische - Auffassungen gilt deshalb: Die Gesellschaft richtet sich am Erfolg aus. Gerade wer der Meinung ist, der Mensch komme als »unbeschriebenes Blatt« zur Welt und sei fast unbegrenzt formbar und anpassungsfähig, müßte einen Sinn im Selektionsprinzip der Evolutionstheorie sehen, denn dieses sorgt ganz nebenbei für ein besonders vollständiges Beschreiben des Blattes, weil dann Kinder bevorzugt in Familien mit hohem Bildungsniveau, hoher sprachlicher und kultureller Kompetenz und reichhaltiger Mimik und Gestik aufwachsen, und es somit für sie besonders viel zum Nachahmen gibt. Wer auch dies noch anzweifelt und der Auffassung ist, all dies könne Kindern auch auf anderem Wege (insbesondere über staatliche Bildungseinrichtungen) und mit gleicher Qualität vermittelt werden, der zweifelt generell an der Bedeutung und der Erziehungskompetenz von Eltern. Im Prinzip wird die Rolle der Eltern dabei auf eine reine Gebär- und Nährfunktion reduziert.“ (Ebd., S. 87).

„Um diese doch sehr bedenklichen Konsequenzen der kulturistischen Evolutionstheorie noch deutlicher herauszustellen, soll zunächst das Beispiel (**) aus dem Abschnitt »Demographisch-ökonomisches Paradoxon« ab Seite 62 ein wenig modifiziert werden (im Prinzip könnte man sich die folgenden Überlegungen sparen, denn wie die letzten Seiten eindrucksvoll gezeigt haben, ist Intelligenz im Wesentlichen erblich): Eine Bevölkerung (Population) aus insgesamt 1001000 Personen sei in 1001 Gruppen mit jeweils 1000 Personen gegliedert. Die Gruppen seien mit den Ziffern 0 bis 1000 gekennzeichnet. Nehmen wir nun an, die Mitglieder der Gruppe 0 hätten ein durchschnittliches Humankapital (eine Erläuterung des Begriffs wird im Abschnitt »Humankapital« ab Seite 105 gegeben) der Größe 1000, die Mitglieder der Gruppe 1 von 1001, bis schließlich zur Gruppe 1000, in der jedes Mitglied ein durchschnittliches Humankapital von 2000 hätte. Dies ergäbe ein durchschnittliches Humankapital pro Kopf von 1500 für die gesamte Bevölkerung. Zusätzlich sollen die folgenden Annahmen getroffen werden:
Eltern ähneln ihren Kindern. Mit anderen Worten: Eltern »vererben« ihren Kindern Kompetenzen, entweder über ihre Gene oder durch Imitation. Die zwischen Eltern und Kindern feststellbaren Unterschiede sind zufällig und nicht zielgerichtet, so daß sie sich pro Gruppe gegenseitig aufheben (sie schwanken also zufällig um den Ausgangswert der Eltern).
Unsere fiktive Gesellschaft ist vollständig bildungsdurchlässig. Mit anderen Worten: Das Humankapital eines Menschen korreliert mit den von seinen Eltern »ererbten« Basiskompetenzen.
Wenn wir nun annehmen, die obige Bevölkerung reproduziere sich umgekehrt proportional zu ihrem jeweiligen Humankapital (in der Praxis würde das bedeuten: umgekehrt proportional zum beruflichen Erfolg beziehungsweise Bildungsniveau), und zwar gemäß der Formel:
1,5 - G/1000
dann bliebe auf diese Weise zwar die Bevölkerungsgröße unverändert, das durchschnittliche Humankapital der Bevölkerung sänke aber auf 1417 pro Kopf. Oder anders ausgedrückt: Die Bevölkerung verlöre Humankapital.“ (Ebd., S. 88).

„Manche werden einwenden, es sei nicht sicher, daß das durchschnittliche Humankapital pro Gruppe durch die Reproduktion unverändert bleibt, schließlich könnten weniger gebildete Menschen ja gebildeten Nachwuchs hervorbringen, dazu bedürfe es lediglich geeigneter Erziehungs-, Bildungs- und Integrationsanstrengungen. Leider verbirgt sich hinter diesem Argument ein Denkfehler. Denn in unserer fiktiven Gesellschaft gehen ja durch die Reproduktion zunächst einmal einige durch die Eltern (genetisch oder memetisch) vermittelte Kompetenzen verloren, wobei wir angenonunen hatten, diese Kompetenzen würden aufgrund der optimalen Bildungsdurchlässigkeit der Gesellschaft mit dem finalen Humankapital der jeweiligen Person korrelieren.“ (Ebd., S. 89).

„Wollte die Gesellschaft diesen Kompetenzverlust noch wettmachen, dann müßte sie durch entsprechende Aktivitäten (insbesondere Bildungsmaßnahmen) für eine nachträgliche Anhebung des Humankapitals sorgen. (Natürlich im Rahmen des Möglichen.). Die fehlenden 6 Prozent an Humankapital übersetzten sich deshalb in gesellschaftliche Kosten zum Schließen der Lücke. Und diese Kosten wären wie immer durch die Kompetenzträger zu erbringen, die nun gleich doppelt zur Kasse gebeten würden: Einerseits müßten sie die Sozialleistungen für sozial schwache und bildungsfeme Schichten erwirtschaften, andererseits die zusätzlichen Bildungsmaßnahmen für deren Kinder. Unterblieben die gesellschaftlichen Anstrengungen zum Schließen der Humankapitallücke (**), dann würde es in der nächsten Generation wie beschrieben weitergehen, weswegen dann vielleicht schon ein l2-prozentiger gesellschaftlicher Kompetenzverlust zu bedauern wäre. Damit würde eine Spirale in Gang gesetzt, die der Gesellschaft sukzessive ihre gesamten Kompetenzen rauben könnte.“ (Ebd., S. 89).


„Sollte der Humakapitalverlust doch genetische Ursachen haben, dann hätten die gesellschaftlichen Bildungsmaßnahmen keinen Einfluß auf den hier beschriebenen Prozeß, denn gemäß der Weismann-Barriere (**) können Bildungsmaßnahmen keinen Einfluß auf den Erbgang nehmen.“ (Ebd., S. 89).

„Nun war aber eine der Kernaussagen der kulturistischen Evolutionstheorie (wir erinnern uns): Es ist egal, wer in einer Gesellschaft Kinder bekommt. Wenn sozial schwache und bildungsferne Schichten mehr Kinder bekommen als Schichten mit hohem sozioökonomischem Status oder Bildungsniveau, dann müssen deren Kinder eben gezielt gefördert werden. Daraus folgt aber zwangsläufig: Der elterliche Beitrag zur Entwicklung der Kinder kann durch gesellschaftliche Fördermaßnahmen wieder ausgeglichen werden, was erhebliche ethische Konsequenzen hätte:
Das genetische Erbe der Eltern wäre ohne Bedeutung. Wer die leiblichen Eltern sind, spielte somit keine Rolle.
Die Erziehungsleistungen der Eltern wären vernachlässigbar, denn alle Kompetenzen könnten ja in gleicher Weise durch staatliche Einrichtungen vermittelt werden.
Beide Punkte zusammen degradierten die Eltern zur Bedeutungslosigkeit. Im Prinzip wären sie ersetzbar. (Bei dieser Haltung handelt es sich also letztendlich um eine Respektlosigkeit dem Leben gegenüber). Wie wir gesehen haben, arbeitet die natürliche Selektion der Evolution absichtslos. Ein als Konzertpianist tätiger Vater ließe seine Tochter möglicherweise schon frühzeitig einmal ans Klavier, während der Sohn einer Sopranistin vielleicht versuchte, einige Übungsstücke seiner Mutter nachzusingen. Die kulturistische Evolutionstheorie ersetzt nun aber Absichtslosigkeit durch staatliche Planung, in dem sie indirekt behauptet, beide elterlichen Beiträge (inklusive der nicht erwähnten, aber vermutlich erheblichen genetischen Beiträge) könnten durch das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern im Kindergarten ausgeglichen werden. Wäre dies nicht der Fall, hätten ja die Kinder des Konzertpianisten und der Sopranistin doch wieder irgendeinen Startvorteil.“ (Ebd., S. 89-90).

„Hatten bestimmte Formen des Sozialdarwinismus die Absicht, angeblich wertlose und inkompetente Menschen aus der Gesellschaft zu entfemen, oder sie doch wenigstens an der Reproduktion zu hindern, so betreibt die kulturistische Evolutionstheorie die Elimination besonderer Fähigkeiten, und zwar mit planerischen Mitteln. Stellten aktive Formen des Sozialdarwinismus eine Verletzung von Menschenrechten dar, so ignoriert die kulturistische Evolutionstheorie das Prinzip der Generationengerechtigkeit. Beide Auffassungen sind deshalb aus ethischen Gründen abzulehnen. Chancengleichheit bedeutet eigentlich nur: gleiche Chancen bei gleichen Voraussetzungen. Ein Mann mit einer Körpergröße von 1,65 m würde wohl niemals Olympiasieger im Hochsprung werden können. Er hätte zwar prinzipiell die gleichen Chancen (er würde nicht von vornherein vom Wettbewerb ausgeschlossen), nicht aber die gleichen Möglichkeiten Weswegen zum Beispiel in manchen Sportarten nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach Gewichtsklasse separiert wird.“ (Ebd., S. 90).

„Da Bildung in unserer Gesellschaft das höchste Gut und die wichtigste Voraussetzung für einen späteren beruflichen Erfolg ist, schließt die kulturistische Evolutionstheorie das Vorhandensein unterschiedlicher geistiger »Möglichkeiten«, insbesondere solchen, die von den Eltern vermittelt oder gar vererbt werden, von vornherein aus. Aus einem »Bildung-für-Alle« generiert auf diese Weise ein Zwang zur Bildung: »Die Idee, daß alle gebildet sein sollten, ist doch eine verkleidete sozialistische Utopie im neoliberalen Gewand, die die natürliche Ungleichheit der Menschen ignoriert.« (Matthias Heine, Ich war Unterschicht, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.10.2006 [**]). Es wäre die Aufgabe einer Solidargemeinschaft, sich zu bemühen, allen Menschen einen Lebenssinn zu geben, selbst dann, wenn sie nicht bildungsfähig sind. Allerdings setzt dies ein ausgewogenes gesellschaftliches Reproduktionsverhalten voraus. Um nicht mißverstanden zu werden: Hier wird nicht behauptet, Bildungsmaßnahmen für sozial schwache beziehungsweise bildungsferne Schichten lohnten sich nicht. Im Gegenteil: Jeder der bildungsfähig und -willig ist, sollte Zugang zu einem möglichst breiten Bildungsangebot haben. Der Staat sollte alles dafür tun, ein Optimum an Bildungsdurchlässigkeit zu erreichen. Die Aussage ist allerdings: Solche Maßnahmen mögen für Einzelpersonen sehr sinnvoll sein, sie stellen aber kein generelles gesellschaftliches Konzept dar, um Generationengerechtigkeit zu gewährleisten.“ (Ebd., S. 91).

„Sozialer Erfolg hängt aber auch in modernen Gesellschaften nicht nur von den geistigen Kompetenzen, sondern auch von körperlichen Merkmalen ab. Ein Großteil der genetischen Vielfalt und Weiterentwicklung dient zum Beispiel der Abwehr von Krankheitserregern oder der Verbesserung des Stoffwechsels. Dies soll am Beispiel der chronischen Erkrankungen Migräne und Typ-2-Diabetes verdeutlicht werden. Menschen, die frühzeitig an schwerer Migräne erkranken, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit unter beruflichen Nachteilen zu leiden haben. Möglicherweise werden sie sogar irgendwann ihre Arbeit wegen hoher Fehlzeiten verlieren. Sie gehören dann zu den weniger erfolgreichen Menschen. In verschiedenen Studien konnte aber längst nachgewiesen werden, daß sich die Verbreitung von Migräne umgekehrt proportional zur sozialen Position verhält. Ein analoger Zusammenhang gilt für Typ-2-Diabetes. Nimmt man - wie die Medizin - an, bei Migräne und Diabetes spiele die genetische Disposition eine entscheidende Rolle (vgl. Peter Mersch, Migräne, 2006, S. 225ff.), dann greifen bei einem negativen Zusammenhang zwischen sozialer Position und Kinderzahl die im obigen Beispiel angeführten Mechanismen, und die genetische Disposition für Migräne oder Diabetes dürfte sich in der Bevölkerung weiter ausbreiten. Man vergleiche dazu auch die Ausführungen in: Thomas Junker, Die Evolution des Menschen, 2006, S. 114). Normalerweise verhält sich eine Population gemäß dem Evolutionsprinzip genau umgekehrt. Beispielsweise konnten Untersuchungen zeigen, daß in einer Bevölkerung um so seltener HLA-Antigene (bei Menschen, die das HLA-DQ2-Antigen besitzen, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko, an Zöliakie zu erkranken) nachgewiesen werden können, je länger die Einführung von Getreide als Grundnahrungsmittel bereits zurückliegt (Loren Cordain, 2004, S. 55f.). Dieses Ergebnis entspricht dem Evolutionsprinzip: Eine Unverträglichkeit (fehlende Anpassung an die Umwelt) wächst sich sukzessive genetisch aus, sofern sie mit evolutionären Nachteilen verbunden ist.“ (Ebd., S. 91-92).

„Insgesamt konnte auf den letzten Seiten unter anderem herausgearbeitet werden:
Intelligenz ist zu mindestens 70 Prozent erblich. Es besteht eine hohe Korrelation zwischen der Intelligenz getrennt aufwachsender eineiiger Zwillinge, eine beträchtliche Korrelation zwischen der Intelligenz von leiblichen Eltern und ihren in anderen Familien aufwachsenden Kindern und fast keine Korrelation zwischen der Intelligenz von Adoptiveltern und Adoptivkindern.
Der durchschnittliche Intelligenzquotient eines Landes korreliert mit dessen Wirtschaftskraft.
In modernen Gesellschaften korreliert Intelligenz mit Bildungserfolg und Bildungserfolg mit sozialem Erfolg.
Der durchschnittliche Intelligenzquotient der entwickelten Gesellschaften ist ... rückläufig. Parallel dazu haben sich gesellschaftliche Phänomene wie Langzeitarbeitslosigkeit und das Entstehen eines abgehängten Prekariats (»Unterschicht«) herausgebildet.
Ein fortwährender negativer Zusammenhang zwischen sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau und Zahl an Nachkommen dürfte die Generationengerechtigkeit verletzten, soziale Ungleichheiten vergrößern und Brasilianisierungsprozesse begünstigen.
Ein fortwährender negativer Zusammenhang zwischen sozialer Position beziehungsweise Bildungsniveau und Zahl an Nachkommen dürfte einen gesellschaftsweiten Verlust an Humankapital zur Folge haben, der durch zusätzliche Bildungsmaßnahmen mcht mehr wettzumachen ist.
Die Befunde sind in der Summe so schwerwiegend, daß sie keinen Raum für Tabuisierungen oder ideologische Fixierungen lassen. Im Prinzip wird hier gesagt: Unser Staat zerstört sich selbst von innen heraus. Und die Ursache dafür ist ganz wesentlich in der einseitigen und sogar staatlich geförderten Priorisierung von produktiven gegenüber reproduktiven Tätig keiten zu suchen.“ (Ebd., S. 92-93).

„Wer der »kulturistischen« Auffassung ist, ein negativer Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status beziehungsweise Bildungsniveau und Kinderzahl stelle für eine Gesellschaft (beziehungsweise global gesehen für die ganze Welt) kein substanzielles Problem dar, sollte präzise erläutern können, mit welchen nachträglichen Mitteln aus einem »Weniger« dann doch noch ein »Mehr« entstehen kann, wie aus einer geringeren Anpassung an die äußeren Bedingungen eine größere werden kann, wie ein Pro-Kopf-Verlust an Humankapital noch wett gemacht werden kann, zumal ja bei dieser Reproduktionsweise gleichzeitig auch die Mittel schwinden, also diejenigen, die die Kompetenzen für den Ausgleich der fehlenden Anpassung oder des Humankapitals hätten. Und derjenige sollte erklären können, wie auf diese Weise Generationengerechtigkeit gewährleistet werden kann. Ein einfaches Behaupten von angeblichen Zusammenhängen ist in diesem Falle nicht ausreichend. Dafür sind die möglichen langfristigen Implikationen viel zu groß.“ (Ebd., S. 93).

„Solange für die kulturistische Evolutionstheorie kein schlüssiges nachrechenbares Konzept vorliegt, sollte man dem Einfachheitsprinzip folgen: Eine negative Selektion belohnt gesellschaftlichen Mißerfolg mit genetischem »Überleben« und wird deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach die Stärkung sozial schwacher und bildungsferner Schichten zur Folge haben. Schlimmer noch: sie bestraft gesellschaftlichen Erfolg mit genetischer Elimination, obwohl genau diese Personen erforderlich wären, um sozial schwache und bildungsferne Bevölkerungskreise aus ihrer Misere zu holen. Es sind die Leistungsträger, die die Ideen entwickeln, die Arbeitsplätze schaffen, die Kultur weiterentwickeln und das Wissen vermitteln können, und genau diese schwinden als Folge des aktuellen Reproduktionsverhaltens mehr und mehr.“ (Ebd., S. 93-94).

3) Familie

„Im westlichen Kulturkreis wird heute unter Familie in der Regel die sogenannte Kernfamilie aus Vater, Mutter und deren Kindern verstanden. In der Tat ist sie in modernen Gesellschaften die weiterhin häufigste Familienform. Alternative Modelle wie Alleinerziehung, Wohngemeinschaften, das Zusammenleben zweier Elternteile mit nichtgemeinsamen oder gar jeweils eigenen Kindern nehmen zwar anteilsmäßig zu, bleiben aber vorläufig noch in der Minderheit.“ (Ebd., S. ).

„Einige Experten vermuten, in Wissensgesellschaften und aufgrund von Fortschritten in der Telekommunikation könnten wieder vermehrt Heimarbeitsplätze entstehen, so daß das »Ganze Haus« gleichfalls eine Renaissance erleben würde.“ (Ebd., S. 96).

„Erst das verstärkte Aufkommen von angenehmeren Jobs, bei denen in erster Linie intellektuelle und von Frauen in gleicher Weise erbringbare Leistungen gefordert waren, ließ die klassische Rollenaufteilung als eher günstig für den männlichen Teil der Bevölkerung erscheinen (und deshalb die Frauen in die männliche Welt drängen; HB).“ (Ebd., S. 97).

„Die berufsorientierte weibliche Emanzipation hat die grundsätzliche Struktur der gesellschaftlichen Reproduktionseinheit Familie in Frage gestellt. Nun sollen sowohl Männer als auch Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen. In diesem Fall verliert der ursprüngliche Arbeitsvertrag zwischen den Eheleuten - die Ehe - an Bedeutung beziehungsweise Sinnahaftigkeit. Die Folgen sind heute bereits überall spürbar: Ehen haben keinen wirklichen Bestand mehr.“ (Ebd., S. 98).

„Die Neue Frauenbewegung hat ein anderes Familienmodell dagegen gestellt, welches in unserer Gesellschaft mittlerweile auf breite Akzeptanz stößt. Es basiert auf der Annahme einer grundsätzlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Mann und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Außerdem teilen sie sich die Familienarbeit und verdienen dafüir beide kein Geld.
Vielen Familien erscheint die prinzipielle Vereinbarkeit dieser völlig unterschiedlichen und zeitaufwändigen Aufgaben jedoch als Mythos; sie erleben beides als Addition. (Vgl. Iris Radisch, Die Schule der Frauen - Wie wir die Familie neu erfinden, 2007, S. 139ff.). Auch scheint die Reduzierung der Arbeitszeiten bei beiden Ehepartnern zwecks einer gerechteren Aufteilung der Familienarbeit aus ökonomischer Sicht fur die betroffenen Familien häufig die schlechteste Lösung zu sein, da dann beide Ehepartner auf eine Karrieremöglichkeit und somit zusätzliche Verdienstmöglichkeiten verzichten müssen. Auch schließen zahlreiche Berufe und hier insbesondere typische Männerberufe (Pilot, Lokführer, Dachdecker, Fernfahrer u.s.w.) Vereinbarkeitsszenarien von vornherein weitestgehend aus.“ (Ebd., S. 98-99).

„Die bisherigen Ausführungen konnten deutlich machen: Der Geburtenrückgang in den entwickelten Ländern ist in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern zurückzuführen. Ferner konnte evolutionstheoretisch abgeleitet werden: Solche größeren Familien sollten vor allem in sozial erfolgreichen und gebildeten Schichten entstehen, wo sie aber wegen den seit der Emanzipation der Frauen enorm angestiegenen Opportunitätskosten von Kindern für Frauen nur noch besonders selten vorzufinden sind. Bei einer größeren Familie mit vier oder fünf Kindern nimmt die Familienarbeit eine solche Größenordnung an, daß ein Elternteil (in der Regel die Mutter) über einen Zeitraum von zehn oder mehr Jahren keiner oder nur einer geringfügigen gleichzeitigen Erwerbsarbeit nachgehen kann (Ausnahmen bestätigen die Regel). Damit verfügt die Familie fast ausschließlich über das Einkommen des Ehemannes und damit über deutlich geringere Einkünfte bei gleichzeitig wesentlich höheren Kosten gegenüber berufstätigen Kleinfamilien beziehungsweise Kinderlosen. Ferner sind solche Familien, die - wie gesagt - für die Bestandserhaltung der Bevölkerung unbedingt erforderlich sind, dazu gezwungen, für einen längeren Zeitraum zu einer modernen Abwandlung des patriarchalischen Ernährermodells zurückzukehren, was aber eigentlich nicht mehr dem Zeitgeist entspricht.“ (Ebd., S. 99).

„Dieses Familienmodell trägt den Namen Phasenmodell.
Mann und Frau gehen beide arbeiten und verdienen dafür Geld. Die Frau unterbricht ihre berufliche Tätigkeit für eine längere Familienphase und verdient in dieser Zeit kein Geld.
Konkret heißt das: Während der Familienphase kommt das patriarchalische Ernährermodell zur Anwendung. Die Frau verzichtet dann auf nennenswerte Rentenansprüche, vor allem aber auf ein eigenes nennenswertes Einkommen und damit auf eine Kernerrungenschaft der weiblichen Emanzipation, nämlich Berufstätigkeit und ökonomische Selbständigkeit. Die Alternativen lauten jetzt: Ökonomische Abhängigkeit vom Ehemann oder von der Sozialhilfe. Daneben besitzt das Modell weitere Nachteile. Speziell für gut ausgebildete Frauen dürfte es wenig attraktiv sein.“ (Ebd., S. 100).

„Ferner wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Gesetze (zum Beispiel die Scheidungsgesetze) so umgestaltet, daß die Gründung einer größeren Familie mittlerweile mit unkalkulierbaren Risiken für beide Ehepartner verbunden ist.“ (Ebd., S. 100).

„Das klassische Ernährermodell inklusive seiner modernen Variante Phasenmodell hat in diesem Sinne also auch für größere Familien längst ausgedient. An die Stelle des Ehemanns als Ernährer der Familie tritt mehr und mehr der Staat. (Vgl. Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006, S. 35 [**]). Dieser Tatbestand gilt in den entwickelten Ländern längst für einen nennenswerten Anteil kinderreicher Familien. Ungefähr 60 Prozent aller Alleinerziehenden mit zwei oder mehr Kindern gelten als arm. Bei Paaren öffnet sich die Schere ab drei Kindern.“ (Ebd., S. 100).

„Man könnte auch sagen: Basierte im Patriarchat die Familie noch auf Vereinbarungen zwischen Privatpersonen, so wird sie unter den Gesetzen der Geschlechtergleichberechtigung mehr und mehr zu einer öffentlichen Angelegenheit, bei der der Staat zunehmend in die Rolle des vormals männlichen Ernährers schlüpft. Dies ist auch aus anderen Gründen naheliegend: lm Abschnitt »Kollektivaufgaben« ab Seite 138 wird aufgezeigt, daß so genannte Individualisierungsprozesse - wie sie im Rahmen der weiblichen Emanzipation auf Seiten der Frauen stattgefunden haben - üblicherweise mit einer Auslagerung von Kollektivaufgaben, die ja einen Teil der vormaligen gesellschaftlichen Rolle ausgemacht haben, an Dritte, häufig an den Wohlfahrtsstaat, einhergehen. Es ist also nur folgerichtig, wenn der Wohlfahrtsstaat nun die Finanzierung größerer Familien in seine Verantwortung übernimmt: Frauen und Männer als Individuen sind unter den heutigen Verhältnissen dazu offenkundig nicht mehr in der Lage.“ (Ebd., S. 100-101).

„Aber auch der im Abschnitt »Unternehmen und Reproduktion« ab Seite 117 angestellte Vergleich zwischen der Produkt-Reproduktion in Unternehmen (Forschung und Entwicklung) und der gesellschaftlichen Reproduktion weist in die gleiche Richtung. Pharmakonzerne finanzieren ihre Forschungsaktivitäten keineswegs produktbezogen, denn andernfalls könnten die mit einem Produkt erzielten Milliardengewinne nicht für Forschungsaktivitäten in ganz anderen zukunftsträchtigen Bereichen verwendet werden.“ (Ebd., S. 101).

„Es könnte deshalb auch für menschliche Gesellschaften Sinn machen, sich an dieser Vorgehensweise zu orientieren: Die Gemeinschaft der Kinderlosen investiert einen Teil ihrer Gewinne in die gesellschaftliche Nachwuchsarbeit. Die Verteilung der Gelder erfolgt dann über zentrale Instanzen. Dabei würde zunächst ein alternatives (ergänzendes) Familienmodell zur Unterstützung von Mehrkindfamilien implementiert. Konkret könnte das so aussehen:
Der Mann geht arbeiten und verdient Geld, die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld.
Dieses Familienmodell wird im Rahmen des vorliegenden Buches als Familienmanagermodell bezeichnet. Wie noch gezeigt wird, dürfte es das einzige Familienmodell sein, welches einen nennenswerten Anteil gut ausgebildeter Frauen unter den Gesetzen der Gleichberechtigung der Geschlechter zur Gründung einer Mehrkindfamilie bewegen könnte. Natürlich würde auch die umgekehrte Variante (Die Frau geht arbeiten und verdient Geld, der Mann zieht die Kinder auf und verdient dafür ebenfalls Geld) funktionieren, allerdings dürften solche Konstellationen eher selten sein. Ferner würde das Modell Alleinerziehung (Die Frau zieht die Kinder auf und verdient dafür Geld) - gegebenenfalls im Zusammenleben mit unterschiedlichen Partnern - unterstützen, was für moderne Gesellschaften unerläßlich zu sein scheint.“ (Ebd., S. 101).

4) Reproduktion

4.1)   Wissensgesellschaft (S. 104-105)
4.2)   Humankapital (S. 105-108)
4.3)   Marktwirtschaft und Reproduktion (S. 108-110)
4.4)   Staat und Unternehmen (S. 110-112)
4.5)   Produktivität und Reproduktivität (S. 112-117)
4.6)   Unternehmen und Reproduktion (S. 117-120)
4.7)   Staat und Reproduktion (S. 120-121)
4.8)   Sind Frauen heute emanzipiert?  (S. 121-123)
4.9)   Sind Frauen heute benachteiligt?  (S. 124-126)
4.10) Reproduktion und Wirtschaftsentwicklung (S. 126-131)
4.11) Warum Mutti doch die Beste ist (S. 131-136)
4.12) Individualisierungsthese (S.136-138)
4.13) Kollektivaufgaben (S. 138-142)
4.14) Die Tragik der Allmende (S. 143-146)
4.15) Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion (S. 146-161)

„Es gibt gar keinen Primat der Ökonomie .... Die meisten - und Politiker sowieso - wissen nicht, was Deutschland ist. Denn ob sich etwas rechnet oder nicht, hängt zunächst einmal ganz entscheidend davon ab, für wen sich sich etwas rechnet. Und da schienen doch seit vielen Jahren die Fronten verwechslt zu werden. Macht man es dann richtig, stellt sich heraus: nichts rechnet sich so sehr für Deutschland wie gebildete und guterzogene Kinder.“ (Ebd., S. 103).

4.1) Wissensgesellschaft

„Der Begriff Wissensgesellschaft bezeichnet eine Gesellschaftsform in hochentwickelten Ländern, in der kognitive Fähigkeiten und individuelles und kollektives Wissen zur Grundlage des sozialen und ökonomischen Zusammenlebens werden. Eine ganz ähnliche Intention besitzt der Begriff »Informationsgesellschaft«, allerdings stehen dabei spezifische technische Aspekte wie die Informationstechnologie stärker im Vordergrund, so daß dem Begriff »Wissensgesellschaft« heute in der Regel der Vorzug gegeben wird. Eine Vorstufe davon benennt der Begriff »Dienstleistungsgesellschaft«, in der nicht die Produktion von Waren, sondern das Abwickeln nichtmaterieller Dienstleistungen zum wichtigsten Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette geworden ist. (**). Gemeinsam ist allen diesen Begriffen und Ansätzen die zunehmende Relevanz eher nichtmaterieller Prozesse und Produkte für das Wirtschafts- und Sozialleben (»Dematerialisierung«). Wissensgesellschaften sind also letztendlich intelligente Gesellschaften, in ihnen werden Wissen und kognitive Fähigkeiten zu den entscheidenden Produktionsfaktoren.“ (Ebd., S. 104-105).

4.2) Humankapital

Die in Wissensgesellschaften besonders relevanten Produktionsfaktoren können wie folgt eingeteilt werden:
Humankapital
- Das in ausgebildeten und lernfähigen Individuen repräsentierte Leistungspotential einer Bevölkerung
Sozialkapital
- Bewährte und intakte soziale Strukturen, Traditionen, elementare Normen und Sanktionen.
Wissenskapital
-
Das nicht an Personen gebundene, ökonomisch relevante Wissen.
Es läßt sich argumentieren, daß neben den obige Ressourcen auch das »Reproduktionskapital« für die Stärke und zukünftige Entwicklung einer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sein könnte.
Reproduktionskapital
- Das in ausgebildeten und lernfähigen Individuen repräsentierte Reproduktions- und Erziehungspotential einer
   Bevölkerung
... Der Unterscheidung von Human- und Reproduktionskapital liegt der Gedanke zugrunde, daß die Erneuerung der Ressource Humankapital selbst Ressourcen bindet und nicht kontextfrei zu haben ist. Die Quantitäten und Qualitäten dieser Ressourcen bestimmen ganz wesentlich die zukünftigen Quantitäten und Qualitäten des Humankapitals.“ (Ebd., S. 105-106).

„Und damit bin ich bei einem sehr ernsten problem moderner Gesellschaften, welches in den vergangenen Kapiteln herausgearbeitet werden konnte:
Das Humankapital eines Menschen korreliert schon aus biologischen Gründen mit dem seiner Eltern.
Humankapitalreiche Frauen paaren sich meist mit humankapitalreichen Männern - und umgekehrt.
Frauen, und nun zunehmend auch Männer, haben um so weniger Nachkommen, je höher ihr Humankapital ist. Dieses wird dann nämlich priorisiert in der produktion angefordert, wodurch es zu einem Verlust an Reproduktionskapital kommt.
Die zwangsläufige Folgerung daraus ist (dies wurde noch etwas formaler in einem Beispiel im Abschnitt »Widerlegung der kulturistischen Evolutionstheorie« ab Seite 79 nachgewiesen):
Die nächste Generation wird durchschnittlich pro Kopf weniger Humankapital besitzen, als die vorangegangene. Für das Reproduktionskapital dürften ganz ähnliche Aussagen gelten.
Wir haben es hier mit einem klassischen Organisationsfehler zu tun. Und natürlich auch mit der noch öfter zu bemängelnden allgemeinen gesellschaftlichen Entwertung reproduktiver Tätigkeiten und Kompetenzen. Denn eine humankapitalreiche Frau hat ja in modernen Gesellschaften die Alternativen, ihr Humankapital produktiv einzusetzen, wodurch sie reich werden kann, oder es als Reproduktionskapital »multipliziert« an die nächste Generation weiterzugeben, wodurch sie arm werden kann. Sie dürfte sich unter diesen Gegebenheiten in aller Regel für den produktiven Weg entscheiden und sich dabei vermutlich mit einem humankapitalreichen Mann paaren (ohne dadurch Kinder zu bekommen, versteht sich; HB), so daß auch dessen Kompetenzen der nächsten Generation nicht mehr zur Verfügung stehen.“ (Ebd., S. 106-107).

„Grundsätzlich läßt sich feststellen: In der Produktion werden Ressourcen konsumiert, in der Reproduktion - sofern es sich um erneuerbare Ressourcen handelt - dann wieder aufgebaut. Stärkt man die Produktion auf Kosten der Reproduktion, werden sich Ressourcen schneller verbrauchen, möglicherweise sogar deutlich schneller, als sie von der Reproduktion wiederhergestellt werden können. Man beginnt dann von der Substanz zu leben. Genau dies erleben wir aber zur Zeit in den entwickelten westlichen Staaten: Männer und Frauen in die Produktion, kaum jemand in die Reproduktion.“ (Ebd., S. 107).

„Die relative Gleichgewichtigkeit von Produktion und Reproduktion war eines der Erfolgsgeheimnisse der Spezies Mensch. Durch die klare und effiziente Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern (Männer: Produktion, Frauen: Reproduktion) konnten besonders viele Kinder durchgebracht, aufgezogen und unterrichtet werden. Die sexuelle Arbeitsteilung des Menschen stellte einen evolutionären Vorteil dar. Allerdings ist diese heute nicht mehr in gleichem Umfang vonnöten. Aufgrund der hohen Säuglings-, Kinder- und Müttersterblichkeit war in der gesamten Geschichte der Menschheit wohl eher eine Fertilitätsrate von fünf oder mehr zur Bestandssicherung einer Population erforderlich. Durch bessere Medizin, Hygiene und Ernährung reichen heute bereits durchschnittlich 2,1 Kinder pro Frau. Berücksichtigt man zusätzlich noch die gleichzeitig deutlich gestiegene Lebenserwartung, dann besteht nun die Möglichkeit, die Gewichtung von Produktion und Reproduktion anteilsmäßig ein wenig in Richtung Produktion zu verschieben. Wie weit das allerdings sinnvoll ist, wird auf den nächsten Seiten diskutiert.“ (Ebd., S. 107-108).

„Im vorliegenden Buch wird einfachheitshalber überall dort, wo eine Unterscheidung von Human- und Reproduktionskapital nicht unmittelbar von Bedeutung ist, nur der etabliertere Begriff Humankapital (beziehungsweise Humanvermögen) verwendet“ (Ebd., S. 108).

4.3) Marktwirtschaft und Reproduktion

„Eine der wichtigsten Aufgaben eines Staates in Wissensgesellschaften ist die Sicherung, Reproduktion und Mehrung des Humanvermögens. (Vgl. Peter Mersch, Land ohne Kinder, 2006, S. 39ff.). Dies gilt insbesondere dann, wenn - wie in der gesamten Europäischen Union - kaum weitere natürliche Ressourcen (Rohstoffe, Erdöl u.s.w.) zur Verfügung stehen, die bei einer Minderung des Humanvermögens für einen temporären Ausgleich sorgen könnten. Deutschland wird auch als Land der Dichter und Denker bezeichnet, was bereits darauf hinweist, daß Intelligenz und Kompetenzen seiner Menschen Schlüselfaktoren für seinen Erfolg waren und sind (und hoffentlich auch bleiben! HB), ja man könnte sagen: Geistige Fähigkeiten und theoretisches Wissen sind das Öl der Deutschen.“ (Ebd., S. 108).

„Einzelpersonen und Unternehmen gehen einer wirtschaftlichen Tätigkeit nach, ein Staat sorgt dagegen dafür, daß diese dies innerhalb seiner Grenzen möglichst erfolgreich und störungsfrei tun können. dabei spielen diverse Faktoren eine entscheidende Rolle: »Die Vorstellung einer »Standortkonkurrenz« zwischen ganzen Volkswirtschaften bezieht sich nicht etwa nur auf Löhne und Abgaben, sondern auf den Zusammenhang zwischen politischen (z.B. Rechtssicherheit, sozialer Friede), ökonomischen und soziokulturellen Standortfaktoren; zu letzteren zählen insbesondere die Arbeitskräfte mit ihren Motivationen und Fähigkeiten, also das sogenannte Humanvermögen, aber auch die infrastrukturellen Voraussetzungen der Produktivität wie Forschung, Kommunikation oder Lebensqualität.« (Vgl. Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 170 [**]). Optimalerweise hält sich ein Staat also aus dem eigentlichen Marktgeschehen weitestgehend heraus und sorgt statt dessen für attraktive Infrastrukturen und leistungsfähige Regelwerke, auf denen sich die Märkte entwickeln können. Marktwirtschaften ... fußen dabei üblicherweise auf den folgenden Grundregeln:
Privateigentum:
Privateigentum und privatwirtschaftliche Regelungsformen haben Vorrang gegenüber staatlichen Einflußnahmen. Insbesondere ist es nicht Aufgabe des Staates, unternehmerisch tätig zu werden.
Markt als Steuerungsinstrument:
Allein der Markt, also Angebot und Nachfrage, entscheidet über Art, Preis und Menge der Sach- und Dienstleistungen.
Wettbewerb:
Der Staat hat für funktionierende Märkte zu sorgen und im Falle deutlich unvollkommener Märkte regulierend einzugreifen
Daneben verbleibt als eine wesentliche staatliche Aufgabe die Reproduktion und Mehrung des Humanvermögens. Denn gemäß den obigen Darstellungen (und den weiteren Ausführungen des vorliegenden Buches) stellt ja das Humankapital in Form von »gut ausgebildeten, orientierten und motivierten Menschen« eines der wichtigsten vermarktbaren »Produkte« eines Landes dar. Anders als beim Erdöl handelt sich hierbei jedoch um eine erneuerbare Ressource, die regelmäßig in hoher Qualität »reproduziert« werden kann und muß. Wie im Abschnitt »Widerlegung der kulturistischen Evolutionstheorie« ab Seite 79 gezeigt wurde, spielen dabei aber nicht nur Erziehung und Bildung, sondern ganz entscheidend auch erbliche Faktoren eine Rolle. Die über den durchschnittlichen Intelligenzquotienten grob meßbaren Humankapitalqualitäten ein Bevölkerung scheinen eng mit dem Wohlstand eines Landes zu korrelieren. All dies hebt die enorme Bedeutung der gesellschaftlichen Reproduktion aus Sicht eines Territorialstaates hervor.“ (Ebd., S. 109-110).

„Die gesellschaftliche Reproduktion ist jedoch - anders als das eigentliche Wirtschaftsgeschehen - in den Industrienationen zur Zeit sozialistisch organisiert (der Aufwand für das Aufziehen von Kindern ist von den Familen privat zu erbringen, der Nutzen wird dagegen sozialisiert), weswegen es gemäß den Ausführungen im Abschnitt »Die Tragik der Allmende« ab Seite 143 zu den dort beschriebenen Problemen kommen wird, was ja in den meisten modernen Gesellschaften auch längst zu beobachten ist. Im Kapitel »Was tun?«  ab Seite 179 wird vorgeschlagen, einige marktwirtschaftliche Elemente nun auch auf die gesellschaftliche Reproduktion zu übertragen. Es erscheint nämlich kaum vorstellbar, daß eine marktwirtschaftliche Produktion und eine sozialistisch organisierte Reproduktion dauerhaft im gleichen Wirtschaftsraum erfolgreich nebeneinander existieren können. In Unternehmen wird dies jedenfalls nicht so praktiziert, wie in den nächsten Abschnitten gezeigt wird.“ (Ebd., S. 110).

4.4) Staat und Unternehmen

„Abstrakt könnte man ein Land mit einem Forstbetrieb vergleichen, der etwa Obstbäume anpflanzt. Diverse lokale, aber auch globaloperierende Lebensmittelkonzerne haben temporäre Rechte daran erworben, die Früchte von ausgewählten Bäumen exklusiv ernten zu können. Einige Unternehmen sind vorwiegend an Äpfeln interessiert, andere an unterschiedlichen Früchten, zum Teil auch an speziellen Sorten, die nur von ganz wenigen Forstbetrieben in ausreichender Menge angeboten werden.“ (Ebd., S. 111).

„Im übertragenen Sinne: Die Forstbetriebe sind die Gesellschaften (die Staaten), die Bäume die Menschen, die Früchte deren Kompetenzen und die Lebensmittelkonzerne die Unternehmen. Die Lebensmittelkonzerne (Unternehmen) entwickeln sich folglich zu den Kunden der Forstbetriebe (Staaten), beziehungsweise die Forstbetriebe (Staaten) umgekehrt zu deren Lieferanten.“ (Ebd., S. 111).

„Das eigentliche Geschäft wird mit Marmelade oder Obstsäften (= VW Golf, Transrapid, Aspirin) gemacht. Dies ist aber das Geschäft der Lebensmittelkonzerne (Unternehmen), welche es sich letztendlich aussuchen können, wo auf der Welt sie ihre Früchte einkaufen. Wenn ein Forstbetrieb (Staat) sehr ertragreiche und leicht zugängliche Bäume mit besonders wohlschmeckenden und saftigen Sorten zu akzeptablen Konditionen und unter leistungsfrthigen marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen anzubieten hat (= Michael Schumacher), dann wird sein Angebot möglicherweise viele Interessenten ansprechen. Die Aufgabe des Forstbetriebes wäre es also, stets eine ausreichende Menge an möglichst ertragreichen Bäumen bereitzustellen und dafür zu sorgen, daß deren Früchte unter fairen Marktbedingungen erworben und möglichst leicht geerntet werden können (zum Beispiel durch Infrastrukturentwicklungen). Es ist nicht seine Aufgabe, in den Markt oder das Geschäft der Lebensmittelkonzerne direkt hineinzuregieren.“ (Ebd., S. 111).

„Der Fokus der Lebensmittelkonzerne (Unternehmen) liegt folglich auf der Produktion, der des Forstbetriebes (Staat) auf der Reproduktion.“ (Ebd., S. 111).

„Da aber der Forstbetrieb letztendlich auch nur an den Früchten Geld verdient, könnte er auf die Idee kommen, die Nachhaltigkeit der Geschäftstätigkeit zu reduzieren, den Ertrag pro Baum zu steigern und die Investitionen in neue Pflanzen zu vernachlässigen. Auch wäre eine Möglichkeit, in erster Linie Bäume mit weniger schmackhaften Früchten für die Reproduktion zurückzuhalten, da für diese keine Abnehmer gefunden werden können. Und schließlich könnte er bei Bedarf Bäume pflanzen, die in anderen Forstbetrieben beziehungsweise Baumschulen herangewachsen sind (Zuwanderung). Eine Zeitlang wird das vielleicht noch gut gehen und die Einnahmen sogar steigern, da gleichzeitig weniger Geld für die Aufforstung ausgegeben werden muß. Aber irgendwann werden die vorhandenen Bäume immer älter und ertragsärmer, so daß sie für die Lebensmittelkonzerne uninteressant werden, zumal ein immer größerer Anteil der nachkommenden Bäume nur noch Früchte von minderer Qualität trägt. Die global operierenden Lebensmittelkonzerne werden sich bald nach anderen Forstbetrieben umschauen. Verzweifelt wird der Forstbetrieb versuchen, den Verkauf und damit die Konjunktur wieder anzukurbeln und den Ertrag pro Baum zu steigern, nicht erkennend, daß die Probleme längst wesentlich aus der nicht ausreichenden Nachhaltigkeit der eigenen Geschäftstätigkeit her resultieren.“ (Ebd., S. 111-112).

4.5) Produktivität und Reproduktivität

„Wie das Forstbetriebsbeispiel deutlich macht, haben wir es hier mit einem scheinbaren Konflikt zwischen Produktion und Reproduktion zu tun. Norbert Bolz erläutert dies wie folgt: »Die Faustregel lautet: je produktiver, desto weniger reproduktiv. Das gilt natürlich nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich. ndustriegesellschaften sind sehr produktiv, aber nur schwach reproduktiv. So erleben wir im Westen seit Jahrzehnten eine reproduktive Depression. Und der Grund dafür sit denkbar einfach: Produktion ist profitabel, Reproduktion ist kostspielig. Die Welt der Reproduktion hat es mit Menschen und Verpflichtungen zu tun; die Welt der Produktion hat es mit Dingen und Dienstleistungen zu tun.« (Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006, S. 67 [**]).“ (Ebd., S. 112).

„Karl Otto Hondrich sieht in der Verdrängung von Reproduktivität durch Produktivität sogar ein Naturgesetz: »Die Steigerung der Produktivität ist denn auch die Erklärung für das, was die Wirtschaft mit den Menschen tut: Sie stößt diejenigen ab, die, gemessen an ihrem Lohn, nicht mehr oder noch nicht genug produktiv sind. Sie braucht, trotz erhöhter Produktion, weniger Menschen als früher. Bei denjenigen, die sie braucht, achtet sie auf das günstigste Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Es kann bei denjenigen, die im Ausland angeworben werden, günstiger sein als bei hierzulande Geborenen, bei Frauen ohne Kinder günstiger als bei Menschen, die Kinder bekommen, direkt oder indirekt: Hohe Produktivität der Arbeit erzeugt niedrige Reproduktivität. Das ›Gesetz sinkender Reproduktivität durch steigende Produktivität‹ kann auch, dramatisierend, als ›Vernichtung oder Erübrigung von menschlichem Nachwuchs durch ökonomische Effizienz‹ bezeichnet werden. Der Kinderreichtum oder die natürliche Jugend, auf die die menschliche Spezies ... gesetzt hat, wird durch eine Art künstliche oder soziokulturelle Jugend ersetzt. Das Verdrängen von Reproduktivität durch Produktivität scheint selbst die Kraft eines Naturgesetztes zu haben.« (Karl Otto Hondrich, a.a.O., 2007, S. 65). Doch ist dies tatsächlich zutreffend?“  (Ebd., S. 112-113).

„Wie in den nächsten Abschnitten gezeigt wird, haben auch Unternehmen eine Reproduktion, und diese nennt sich üblicherweise Forschung & Entwicklung. Im Unternehmensumfeld sind aber genau gegenläufige Effekte beobachtbar: Je intensiver Unternehmen im Wettbewerb stehen, je produktiver und erfolgreicher sie sind, desto mehr investieren sie in die betriebsinterne Reproduktion. Und auch in der Natur läßt sich eine entsprechende Entwicklung beobachten: Der Mensch ist das bislang leistungsfähigste (produktivste) Lebewesen, was die Evolution hervorgebracht hat. Und es ist gleichzeitig das Lebewesen, welches die größten Investitionen in den Nachwuchs, das heißt, in die Reproduktion tätigt. Dies ging so weit, daß ... die Hälfte der Menschheit (die Frauen) fast ausschließlich für reproduktive Aufgaben reserviert wurde. Allerdings unterscheidet die Soziobiologie zwei grundsätzlich unterschiedliche Wege, wie biologische Arten das genetische Überleben sichern. (Franz M. Wuketits, Was ist Soziobiologie?,  2002, S. 33ff.):
Die Produktion möglichst vieler Nachkommen, gleichsam nach der Devise: »Die Menge soll es machen«. Dabei wird in jeden einzelnen Nachkommen wenig oder nichts investiert. Aufgrund einer statistischen Wahrscheinlichkeit bleibt der eine oder andere Nachkomme so lange am Leben, bis er sich selbst fortpflanzt. Bei dieser Strategie steht also die Quantität der Nachkommen im Vordergrund.
Die Zeugung sehr weniger Nachkommen, die aber optimal betreut werden, sozusagen nach dem Motto: »Jeder ist ein kostbares Gut, das es zu schützen gilt«. Die Wahrscheinlichkeit, daß wenige sehr gut betreute Nachkommen das Fortpflanzungsalter erreichen, ist relativ hoch. Bei dieser Strategie steht also die Qualität der Nachkommen im Vordergrund.
Den ersten Weg bezeichnet man in der Soziobiologie als R-Strategie, den zweiten als K-Strategie. K steht für die Tragekapazität eines Lebensraums, R für die Wachstumsrate einer Population.“ (Ebd., S. 113-114).

„Der Mensch zeichnet sich in der Natur durch eine besonders ausgeprägte K-Strategie aus. Karl Otto Hondrich schreibt allerdings dazu: »In der Stammesgeschichte des Menschen hat sich die Qualitätssicherung durchgesetzt. Die menschliche Spezies, zunächst quantitativ überaus erfolgreich, hat selbst einen Umschlag von der Quantität in die Qualität erfahren. So etwas ist mcines Wissens von keiner anderen Lebensart bekannt.« (Karl Otto Hondrich, a.a.O., 2007, S. 38). Dies ist nicht richtig: Der Mensch hat in seiner gesamten Geschichte immer eine ausgeprägte K-Strategie verfolgt.“ (Ebd., S. 114).

„Versteht man unter Reproduktivität lediglich die Zahl der pro Person »produzierten« Nachkommen, dann hat Karl Otto Hondrich recht: Der Mensch ist ausgesprochen produktiv, aber nur sehr schwach reproduktiv. Versteht man , stattdessen darunter die Zahl an Nachkommen, die letztendlich das Fortpflanzungsalter erreichen, dann sieht es bereits ganz anders aus: Der Mensch hat sich wie kaum ein anderes Lebewesen über den gesamten Planeten ausbreiten können, so daß mittlerweile mehr als 6,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Doch wie lassen sich die offenkundigen Widersprüche in den bisherigen Aussagen auflösen? Ein Grundgedanke in der Argumentation Karl Otto Hondrichs scheint zu sein: Moderne menschliche Gesellschaften sind so enorm produktiv, daß sie mit immer weniger Menschen auskommen. Was früher Menschen machten, erledigen heute Maschinen. (Von Hondrich als »künstliche Kinder in Form der Produktivitätssteigerung« genannt; vgl. Karl Otto Hondrich. a.a.O., 2007, S. 94). Folglich können immer mehr Frauen der Produktion zugeführt werden, da für ihre reproduktiven Tätigkeiten ein deutlich verringerter Bedarf besteht. Die Sache hat leider nur einen kleinen Haken. Der wohl herausragendste Grund für die ständigen Produktivitätssteigerungen in modernen menschlichen Gesellschaften ist die fast beliebige Verfügbarkeit von Energie. Und diese Energie stammt zum Großteil aus nicht erneuerbaren fossilen Brennstoffen.“ (Ebd., S. 114).

„Bedurfte der Pyramidenbau der alten Ägypter noch eine enorme Zahl an Sklaven und Tieren, so würden dafür heute einige wenige Arbeiter und ein paar große Krans reichen, die allerdings alle mit fossilen Brennstoffen angetrieben werden. Jeder Deutsche verbraucht insgesamt mehr als sechzig Mal soviel Energie wie ein steinzeitlicher Jäger. Man könnte deshallb auch sagen: Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland leben nicht 83 Millionen Menschen, sondern 5 Milliarden. Denn unsere 83 Millionen Bürger mobilisieren in etwa soviel Energie, wie das 5 Milliarden »Naturmenschen« tun würden. (Anführungszeichen von mir; HB). Damit diese 5 Milliarden »Naturmenschen« ihre kollektive Leistungsfähigkeit erhalten können, müßten sie vermutlich jedes Jahr mehr als 60 Millionen Kinder in die Welt setzen. Zum Vergleich dazu: In der Bundesrepublik Deutschland wurden im letzten Jahr weniger als 700000 Kinder geboren. Auch das bestätigt eindrucksvoll: Je produktiver eine Gesellschaft ist, desto effizienter verbraucht sie ihre Humanressourcen und desto weniger reproduktiv muß sie folglich sein, denn man kommt ja dann mit viel weniger Humanressourcen aus, um die gleichen Aufgaben erledigen zu können. Allerdings steigen dabei gleichzeitig auch die Anforderungen an die Kompetenzen der wenigen noch verbliebenen Menschen, da sie ja mit komplexer Technik hantieren müssen. Es ist ein Unterschied, ob man einer unter vielen Galeerenruderern ist, oder ob man fast allein auf der Brücke eines 500 Meter langen Öltankers steht.“ (Ebd., S. 115).

„Wie jedoch die beiden vorangegangen Kapitel deutlich gemacht haben, werden in den meisten modernen Gesellschaften aus den gestiegenen Qualitätsanforderungen an die wenigen verbliebenen Humanressourcen die falschen Konsequenzen gezogen: Anstatt ganz gezielt in die Qualität und Qualifikation des verbliebenen Nachwuchses und damit in Humankapital zu investieren, wird die Reproduktion immer mehr in bildungsfeme und sozial schwache Schichten abgedrängt und damit weiter entwertet. Profan gesagt: Statt Kapitäne bildet man Galeerenruderer heran. Derweil werden die qualifiziertesten Männer und Frauen in der Produktion verbraucht. Unabhängig davon haben wir es bei der obigen Argumentation mit einem Taschenspielertrick zu tun. Denn die erneuerbare Ressource menschliche Arbeitskraft wurde in modernen Gesellschaften in erheblichem Maße durch nicht erneuerbare Ressourcen ersetzt.“ (Ebd., S. 115).

„Kein Mensch weiß zur Zeit, wie moderne Gesellschaften funktionieren werden, wenn sich das fossile Zeitalter dem Ende zuneigen sollte. Selbst die so genannte Globalisierung könnte dann ein abruptes Ende finden. Auch dürften Zweifel daran angebracht sein, ob die wenigen und möglicherweise auch weniger qualifizierten zukünftigen Erwerbstätigen die dann anstehenden gewaltigen Umstellungsaufgaben noch bewältigen können. Doch dafür hat Karl Otto Hondrich ein anderes Patentrezept: Die Zuwanderung (**): »Auch junge qualtfizierte Einwanderer rechnen sich für Wirtschaft und Sozialstaat in der Regel besser als hierzulande geborene Kinder. Letztere müssen hier erzogen, großgezogen, gepflegt, gebildet werden. Für erstere geschieht das alles in der Herkunftsgesellschaft. .... In Ägypten, Indien, Vietnam, Brasilien werden die Kinder geboren und großgezogen, von denen ein Teil später in die deutschen sozialen Sicherungssysteme einzahlt (das bedeutet Kolonialismus! HB).« (Vgl. Karl Otto Hondrich. a.a.O., 2007, S. 94f.). Wie das obige Forstbetriebsbeispiel gezeigt hat, macht die Globalisierung, welche insbesondere mit einer Globalisierung der Arbeitsmärkte einhergeht, die entwickelten Nationalstaaten zu Konkurrenten um die Gunst der global operierenden Unternehmen bezüglich ihrer wichtigsten Ressource, dem Humankapital, das heißt den Kenntnissen, Fähigkeiten und Erfahrungen ihrer Menschen. Zwischen Nationalstaaten und Unternehmen entwickelt sich auf diese Weise eine Lieferanten-Kunden-Beziehung, bei der die Kompetenzen der Bürger die wichtigsten vermarktbaren staatlichen »Produkte« sind. Ist die Qualität der Produkte generell niedrig, wird sich das Land eher als Niedriglohnland positionieren müssen. Sinkt die Qualität der Produkte bei weiterhin hohem Lohnniveau, werden viele Arbeitsplätze in andere Länder abwandern und zahlreiche noch qualifizierte Bürger dazu.“ (Ebd., S. 116).


Franz-Xaver Kaufmann kommt dagegen zu dem Ergebnis, daß der »Beitrag, den die Zuwanderung zur Minderung der skizzierten Investitionslücke in Humankapital bisher geleistet hat, als deutlich unterproportional zur Zahl der Zuwanderer« einzuschätzen ist. (Vgl. Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 86. [**]).“ (Ebd.).

„Für die entwickelten Nationalstaaten avanciert im Rahmen der Globalisierung und auf dem Weg hin zu Wissensgesellschaften die Reproduktion des Humanvermögens, das heißt, die Erhaltung und Erneuerung der menschlichen Kompetenzen, zu einer zentralen Aufgabe. Mit anderen Worten: Die Bedeutung der gesellschaftlichen Reproduktion steigt und nicht sinkt!“ (Ebd., S. 116).

„Deshalb empfehlen verschiedene Autoren verstärkte Investitionen in die Bildung. (Vgl. Ulrich Beck, Was zur Wahl steht, 2005, S. 98; Thomas L. Friedman, Die Welt ist flach - Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts, 2006, S. 32lff.). Gesellschaftliche Reproduktion ist aber mehr als nur Bildung, sie beginnt bereits im Mutterleib, setzt sich mit der kindlichen Erziehung fort, umfaßt alle weiteren Bildungsmaßnahmen, und selbst Aspekte eines gesundheitsbewußten Lebensstils gehören dazu. Dabei sind alle frühkindlichen Maßnahmen von besonderer Bedeutung, denn was da bereits versäumt wurde, kann zu einern späteren Zeitpunkt kaum noch nachgeholt werden.“ (Ebd., S. 117).

„Im Rahmen der Globalisierung kann deshalb der Rat nur lauten: Der Staat muß die gesellschaftliche Reproduktion aufwerten. Dies gilt insbesondere für die (früh)kindliche Erziehung, die heute stattdessen immer stärker in Sozialhilfeumgebungen oder wenig entwickelte Länder abgedrängt wird. Dabei sind auch die im Kapitel »Evolution« ab Seite 23 festgestellten Bedingungen der natürlichen Selektion zu beachten. Alle empirischen Daten und theoretischen Überlegungen weisen darauf hin, daß Investitionen in die Bildung sich ganz besonders dann auszahlen werden, wenn Gebildete mehr Nachwuchs bekommen. Oder anders ausgedrückt: Will man das Bildungsniveau in der Bevölkerung insgesamt anheben, dann besteht der naheliegendste und vermutlich auch einzig effiziente Weg darin, für eine höhere Fertilität unter Gebildeten zu sorgen.“ (Ebd., S. 117).

4.6) Unternehmen und Reproduktion

„Auch Unternehmen kennen die Unterscheidung von Produktion und Reproduktion (Erneuerung). Betrachten wir dazu einmal den Pharmakonzern Pfizer und eines seiner bekanntesten Produkte: Viagra. Medikamente besitzen üblicherweise einen Patentschutz von bis zu 20 Jahren. In dieser Zeit kann mit dem Produkt ein maximaler Gewinn erzielt werden. In der Regel werden einige Jahre nach Einführung eines ganz neuen Wirkstoffes die Konkurrenten mit vergleichbaren und manchmal sogar wirkstärkeren Produkten nachziehen, ganz so wie es in der Natur üblich ist. Meist gilt aber immer noch das Gesetz: Der Gewinn des Erstproduktes entspricht den Umsätzen der Folgeprodukte. Wenn der Patentschutz eines umsatzstarken Medikamentes ausläuft, dann werden zahlreiche Generika auf den Markt drängen und den Preis deutlich unterbieten. Nun dürfte die Vermarktung des Produktes schwieriger werden, es altert sozusagen. Oft kann der Hersteller noch kleinere Verbesserungen vornehmen, die etwa für eine schnellere Wirksamkeit oder bessere Verträglichkeit sorgen. Viagra würde dann zum Beispiel als » Viagra Turbo« auf den Markt gehen und die konkurrierenden Generika wieder etwas auf Abstand halten. Man könnte solche Produktinnovationen mit Qualifizierungsmaßnahmen beim Menschen vergleichen, mit dem Ziel, die Produktlaufzeiten zu verlängern. Aber irgendwann dürfte es dann auch bei Viagra soweit sein: es können kaum noch Gewinne erzielt werden. Das Produkt geht dann in Rente. Doch wovon sollte Pfizer dann leben? Selbstverständlich von den Produkten, die in der Zwischenzeit in den Forschungs- und Entwicklungslabors entstanden und zur Marktreife gebracht worden sind. Zum Beispiel« Viagra für Frauen«.“ (Ebd., S. 117-118).

„High-Tech-Unternehmen, die es gewohnt sind, auf Märkten mit anderen Unternehmen um Kunden zu konkurrieren, wissen, daß sie in die aktuellen und zukünftigen Produkte investieren müssen, das heißt, in Forschung und Entwicklung, oder abstrakter ausgedrückt: in ihre Produkt-Reproduktion. Tun sie dies nicht, laufen sie Gefahr, den technologischen Anschluß und damit Kunden an andere Anbieter zu verlieren. Je besser ihre aktuellen Produkte sind, desto mehr können sie verdienen, desto mehr Mittel stehen ihnen für die Reproduktion, das heißt, für Investitionen in die Zukunft, zur Verfügung. Auch hier bewahrheitet sich also das Selektionsprinzip der Evolutionstheorie:
Wer mehr Geld verdient, kann mehr in die Zukunft investieren.
Mit zunehmender Konkurrenz steigt die Bedeutung der Reproduktion. Innovativen Unternehmen sind die Zusammenhänge längst bewußt: »In zukunftsfähigen Unternehmen sind die Abteilungen für Forschung und Entwicklung die gehätschelten Lieblingskinder, die üppig wachsen und gedeihen. Zeitgleich wird in den anderen Abteilungen stetig Personal abgebaut.« (Götz W. Werner, Einkommen für alle, 2007, S. 71). Einige Unternehmen bestehen sogar überwiegend aus einem Management zuzüglich einer Entwicklungsabteilung (Reproduktion), während die gesamte Produktion ausgelagert ist. Um es salopp zu sagen: Nike könnte sich auf den Entwurf neuer Schuhmodelle konzentrieren, die Herstellung der Schuhe aber der Konkurrenz überlassen.“ (Ebd., S. 118).

„Eine ähnliche Entwicklung hat im Staatswesen stattgefunden. So ist zum Beispiel aus einem ehemaligen Monopol-Staatsunternehmen das global operierende privatwirtschaftliche Unternehmen »Deutsche Telekom« geworden, das daraufhin den Wind des Wettbewerbs verspürte und folgerichtigerweise sofort in die Produkterneuerung (Reproduktion) investierte, etwas, was man sich von dieser Transaktion auch erhofft hatte. Der Staat hat sich also auf diese Weise eigener produktiver Aufgaben entledigt, was schon bald zu mehr Wettbewerb und damit verstärkter Innovation (Reproduktion) führte.“ (Ebd., S. 119).

„Bei Produktion und Reproduktion handelt es sich um eigenständige und gleichgewichtige Aufgaben. Das folgende Beispiel macht deutlich, daß diese nur schwer miteinander vereinbar sind. Unternehmen investieren in neue Produkte (das heißt in ihre Reproduktion) häufig ähnlich lange vor, wie dies menschliche Gesellschaften beim Aufziehen von Nachwuchs tun. Ein neues Medikament hat in der Pharmaindustrie heute üblicherweise eine Entwicklungszeit von 12 bis 15 Jahren. In zahlreichen anderen Branchen (zum Beispiel Automobilindustrie) sieht es ganz ähnlich aus. Rechnet man die Grundlagenforschung dazu, dann führen neue Erkenntnisse manchmal erst in 25 Jahren zu neuen Produkten, wobei die Produkteinflihrung nicht selten nochmals mehrere Jahre andauern kann. Erst dann können endlich Gewinne eingefahren werden. Und kommt es im Rahmen von Produktzulassungsprozessen zu Problemen, dann muß gegebenenfalls eine neue Produktlinie, deren Entwicklung 20 Jahre vorher hoffnungsfroh begonnen wurde, am Ende sogar vollständig eingestellt werden. Betrachten wir deshalb einmal das folgende fiktive Pharmaunternehmen: Die eigentliche Produktion besteht in der Herstellung von verschiedenen Medikamenten. Damit wird letztendlich das Geld verdient. In der Produktion arbeiten ausschließlich Frauen, die für ihre Tätigkeit auch entlohnt werden. In der Forschung (Reproduktion = Produkterneuerung) sind dagegen ausschließlich Männer beschäftigt. Diese erhalten kein Gehalt, da mit der Forschung keine Einnahmen erzielt werden. Statt dessen werden die Forscher von den weiblichen Produktionsmitarbeitern täglich zum Essen eingeladen und etwas Hübsches zum Anziehen dürfen sie sich hin und wieder auch noch aussuchen. Irgendwann ist es den Forschern zu bunt. Aber anstatt auf einer ordentlichen Bezahlung für ihre reproduktiven und auf lange Sicht für das Unternehmen bedeutungsvollen Tätigkeiten zu bestehen, beharren sie auf ihrem Recht, nun ebenfalls in der Produktion beschäftigt zu werden, um Geld verdienen zu können. Aus Gründen der Geschlechtergleichstellung kann man ihnen diesen Wunsch nicht verwehren, so daß nun massenhaft Männer in die Produktion drängen. Die Folge ist: Die Reproduktion liegt danieder, die Zukunft des Unternehmens steht auf dem Spiel. Gleichzeitig ist jetzt das Arbeitsangebot für die Produktion zu groß, so daß Frauen ab 50 in Frührente geschickt werden und weniger qualifizierte entlassen. 50-jährige Männer werden erst gar nicht übernommen und bei den weniger qualifizierten gilt das Gleiche. Ebenso sinken die Gehälter, während die Anforderungen steigen, denn die Auswahl an potentiellen Arbeitnehmern ist groß. Weil die Innovation der Produkte zu wünschen übrig läßt, wird in rationellere Produktionstechniken investiert, wozu hohe Anleihen aufgenommen werden. Damit hofft man die Preise der vorhandenen Produkte senken zu können und konkurrenzfähig zu bleiben. Wie man sieht: Business as usual! Die Forderung nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf entspricht in unserem Pharmakonzern-Beispiel dem Anliegen, vorwiegend die Männer sollten neben der Produktion auch noch ein wenig Forschung betreiben: Tagsüber Herstellen von Pillen, abends unentgeltliches Forschen im Labor. In ernsthaften Unternehmen wäre man sich sehr schnell im klaren darüber: Dies kann und wird nicht funktionieren. Aber Staaten sind ja auch keine ernsthaften, gewinnorientierten Unternehmen ....“  (Ebd., S. 119-120).

4.7) Staat und Reproduktion

„Hart kalkulierende und durch und durch ökonomisch denkende, gewinnorientierte Unternehmen investieren Milliardensummen in ihre Reproduktion, obwohl sich diese nicht unmittelbar »rechnet«. Sie beschäftigen in diesen Bereichen üblicherweise ihre fähigsten Mitarbeiter. Oft repräsentieren solche Abteilungen sogar die eigentliche Kernkompetenz des Unternehmens, während fast alles andere ausgelagert werden könnte und zum Teil auch wird. Dabei fällt aber vor allem eins auf: Leistungsfähige Unternehmen organisieren sowohl ihre produktiven als auch reproduktiven Bereiche marktwirtschaftlich, Staaten tun dies dagegen nicht.“ (Ebd., S. 120).

„Wenn folglich ein Staat die eigene Reproduktionsarbeit vernachlässigt und keine ausreichenden Investitionen in sein Hauptvermögen - das Humanvermögen - tätigt, dann hat das nichts mit einem Trend zum Primat der Ökonomie zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit unprofessionellem Management und einer völlig verfehlten (sozialistischen) Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion.“ (Ebd., S. 121).

„Leider haben die Globalisierung und der Trend zur Wissensgesellschaft noch nicht zu der Erkenntnis geführt, daß eine kritische staatliche Aufgabe nun die Reproduktion ist, und diese dann auch entsprechend zu oganisieren ist. Statt dessen liegt der Fokus weiterhin auf der wirtschaftlichen Entwicklung.“ (Ebd., S. 121).

4.8) Sind Frauen heute emanzipiert?

„Reproduktionsarbeit gilt in unserer Gesellschaft als grundsätzlich minderwertig. Und da diese vorrangig von Frauen erbracht wird, ist deren Emanzipationsprozeß noch nicht abgeschlossen, was ein wesentlicher Grund für die immer noch von Frauen reklamierte Benachteiligung sein dürfte.“ (Ebd., S. 122).

„Wenn es tatsächlich Frauen jedes Qualifikationsniveaus gibt, die lieber eine größere Familie gründen würden als irgendwo einer Erwerbsarbeit nachzugehen (vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 14; Catherine Hakim, Work-Lifestyle in the 21st Century, 2005), dann ist die grundsätzliche Nichtkommerzialisierbarkeit dieser für unsere Gesellschaft so eminent wichtigen Familienarbeit nicht mit den Prinzipien der Geschlechtergleichberechtigung vereinbar, weil sonst solche Frauen in ihrer Lebensplanung massiv benachteilgt werden. Letztendlich sind das Brutalitäten.“ (Ebd., S. 122).

„Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet also: Nein, Frauen sind heute nicht vollständig emanzipiert. Und das liegt weniger an einer unzureichenden Gleichbehandlung in vormals männlichen Arbeitsfeldern oder an fehlenden Quotenregelungen, sondern vor allem an der fehlenden Kommerzialisierbarkeit vormals weiblicher Tätigkeiten. Wenn Männlichkeit heute in unserer Gesellschaft noch immer höher als Weiblichkeit bewertet wird (vgl. Margret Karsch, Feminismus für Eilige, 2004), dann ist ein Grund dafür die Trivialisierung, Marginalisierung und Proletarisierung reproduktiver Tätigkeiten (Marianne Dierks, Karriere! - Kinder, Küche? Zur Reproduktionsarbeit in Familien mit qualifizierten berufsorientierten Müttern, 2005, S. 409), wozu feministische Positionen maßgeblich beigetragen haben (vgl. Alice Schwarzer, a.a.O., 1975, S. 277ff.). Die Folgen tragen nun in erster Linie die Kinder (vgl. Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006, S. 47 [**]). .... Den Preis für die bisherige Form der Emanzipation der Frauen zahlen folglich die kommenden Generationen.“ (Ebd., S. 122).

4.9) Sind Frauen heute benachteilgt?

„Mittlerweile gibt es in unserer Gesellschaft ein ganzes Bündel an Maßnahmen, welches gezielt der Förderung und Gleichstellung von Fraun dient. Beispielsweise wurde im öffentlichen Dienst eine Frauenquote implementiert, die gezielt der anteilsmäßigen Stellenbesetzung mit Frauen dient.“ (Ebd., S. 124).

„Betrachtet man Privilegien vom Standpunkt der Lebensoption aus, dann ließe sich ... die folgende Rangordnung argumentieren:
Kinderlose Frau
Kinderloser Mann
Mann mit unterhaltspflichtigen Kindern beziehungsweise Familie
Frau mit unterhaltspflichtigen Kindern beziehungsweise Familie
Ein Mann hat in westlichen Gesellschaften im wesentlichen nur eine Lebensoption: Einen Beruf finden und Geld verdienen. Hat er dies geschafft, dann kann er an eine Familiengründung denken. Oft müssen Männer auf dem Wege dahin erheblich Kompromisse eingehen. Die meisten schmutzigen, gefährlichen, lauten, ungesunden und körperlich stark belastenden Jobs werden von ihnen ausgeführt. Eine Frau hat dagegen heute zwei völlig unterschiedliche Lebensoptionen.
Einen Beruf finden und Geld verdienen (ähnlich wie die Männer)
Einen Partner finden und gegebenenfalls mit ihm eine Familie gründen. Verfügt der lebensgefährte über ein ausreichendes Einkommen, könnte er sie und die Kinder ernähren.
Diese große Vielfalt dürfte der entscheidende Grund dafür sein, warum deutlich mehr jüngere Frauen als Männer die alten Bundesländer verlassen, um in den alten Bundeländern ihr Glück zu suchen. Ein Mann kann seine Chancen mehr oder weniger direkt beim lokalen Arbeitsamt erfahren, eine Frau hat dagegen Aletrnativen.“ (Ebd., S. 124).

„Das Problem der Frauen ist nun leider aber, daß sie durch Ausübung ihrer wesentlichen biologischen Funktion, nämlich das Gebären und Nähren von Kindern, aus ihrer Spitzenposition als Prinzessin an das gesellschaftliche Ende /nun als Magd) katapultiert werden können. Es ist beispielsweise keineswegs unwahrscheinlich, daß eine akademisch ausgebildete und beruflich erfolgreiche und engagierte Frau nach der Geburt eines Kindes ihre Arbeit oder doch zumindest jegliche Möglichkeit auf Karriere aufgeben muß. Und wenn dies nicht beim ersten Kind der Fall war, mit jedem weiteren Kind wird es umso wahrscheinlicher. Bei Männern sieht das etwas anders aus: Ein gut ausgebildeter Familienvater ist zwar gegenüber einem entsprechenden kinderlosen Mann ökonomisch benachteiligt, allerdings muß er mit keinen direkten beruflichen Nachteilen rechnen (wohl aber mit privaten bzw. scheidungsrechtlichen! HB). Er kann meist immer noch ein recht ähnliches Leben wie vorher führen.“ (Ebd., S. 124-125).

„Dennoch, und das wird leider in der öffentlichen Debatte immer wieder übersehen: Ein Familienvater ist in unserer heutigen Gesellschaft gegenüber einer kinderlosen Frau, die dies auch bleiben möchte - und das ist der springende Punkt - klar benachteiligt. Benachteiligung macht sich in unserer Gesellschaft weniger am Geschlecht, sondern viel mehr an der Tatsache aus, ob man Familie, das heißt, Kinder hat. Nicht Frauen werden benachteiligt, sondern Eltern, und unter den Eltern wiederum ganz besonders die Frauen. Wie wir gesehen haben, verschlechtert ein gut verdienendes Paar seine ökonomische Situation durch eine Familiengründung zum Teil erheblich, während dies bei einem von der Sozialhilfe lebenden Paar üblicherweise nicht der Fall ist. Daraus läßt sich nun aber keineswegs der Schluß ziehen, gut verdienende Paare seien in unserer Gesellschaft grundsätzlich benachteiligt und folglich in besonderem Maße zu schützen. Für Frauen gilt dies analog. Sollte zum Beispiel ein Familienvater mit drei Kindern im Rahmen einer Bewerbung um eine höhere Position im öffentlichen Dienst bei gleicher Qualifikation aufgrund einer existierenden Frauenquotenregelung gegen eine kinderlose Frau unterliegen, dann handelt es sich hierbei um eine klare Diskriminierung. Der Vorteil der Männer gegenüber den Frauen ist aber: Sie verschlechtem durch eine Familiengründung ihre gesellschaftliche Position im Vergleich zu Frauen in aller Regel nur geringfügig. (**). Dies sollte eigentlich nicht weiter verwundern, denn wie im Kapitel »Evolution« ab Seite 23 dargestellt wurde, leiten sich ja bereits wesentliche Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern (zum Beispiel im Paarungsverhalten) ganz entscheidend aus den gegenüber den Männern sehr viel höheren Elterninvestments der Frauen ab. Diese können nicht einfach wegdiskutiert werden, es sei denn, es gelingt in Zukunft, Kinder vollständig in Brutkästen und außerhalb eines Mutterleibs aufwachsen zu lassen.“ (Ebd., S. 125-126).


Aus dem gleichen Grund haben sich die männlichen Forscher aus unserem Pharmakonzernbeispiel der letzten Abschnitte zwar nach einem Wechsel in die Produktion noch nicht vollständig emanzipiert (sie sind noch immer nicht in der Lage, aus ihren wirklichen Kompetenzen und Neigungen ein Einkommen zu generieren), aber sie werden nicht länger gegenüber den weiblichen Produktionsmitarbeitern benachteiligt: Für die gleiche Arbeit in der Produktion erhalten sie das gleiche Geld, und wenn sie ihre parallele Forschungstätigkeit aufgeben, sind sie in jeder Hinsicht gleich.“ (Ebd.).

„Die große Schwäche der meisten bisherigen familienpolitischen Initiativen war das fehlende Bemühen um eine bessere Anerkennung reproduktiver Leistungen. Reproduktion ist langfristig wichtiger und mächtiger als Produktion, die Evolutionsgesetze machen es deutlich. Der Fortschritt des Lebens (und der Technik ja offenkundig auch) steckt vor allem in der Reproduktion, deutlich weniger in der Produktion.“ (Ebd., S. 126).

„Was weiterhin fehlt, ist ein Modell, wie Frauen (und gegebenenfalls auch Männer) in unserer Gesellschaft mit qualifizierter Reproduktionsarbeit bezüglich ihren eigenen Kindern eine ihnen angemessene Anerkennung erlangen können, die sich naturgemäß dann auch in Geld ausdrücken muß. Knallhart kalkulierende Unternehmen haben dieses Problem ftir ihre eigenen Reproduktionsabteilungen längst elegant gelöst.“ (Ebd., S. 126).

„Wir reden seit Jahrzehnten über vergleichsweise marginale und auch nicht sauber belegbare Probleme, wie etwa die angeblich ungleiche Bezahlung von Frauen im Beruf, während andere Frauen trotz jahrzehntelanger anstrengender, fokussierter und hochqualifizierter Familienarbeit nicht einmal einen Anspruch auf eine angemessene Altersrente erwerben, von einer Vergütung ihrer Leistungen ganz zu schweigen.“ (Ebd., S. 126).

„Um unser Land für Familienfrauen - und nur um diese geht es - lebenswerter zu machen (Maria Welser / Ursula von der Leyen, Wir müssen unser Land für die Frauen verändern, 2007, S. 48ff.), ist vor allem eine vollständige Neukonzeption der gesellschaftlichen Reproduktion erforderlich. Vereinbarkeitsszenarien allein werden da wohl nicht weiterhelfen.“ (Ebd., S. 126).

4.10) Reproduktion und Wirtschaftsentwicklung

„»Der Geburtenmangel und die daurch fehlenden Kinder sind die Ursache der kontinuierlich zunehmenden Arbeitslosigkeit. So wie sich die lebenslange Kinderlosigkeit seit 1970 ausgehend von den damals 30-Jährigen hin zu den heute 65-Jährigen in den Altersaufbau hinein geschoben hat, stieg die Arbeitslosigkeit an .... Die Betreuung, Ausbildung und Versorgung der fehlenden 7 Millionen Kinder und Jugendlichen mit Wohnraum, Nahrung, Kleidung, Betreuung. Ausbildung und allen anderen benötigten Gütern wäre eine riesige Menge Arbeit, die leicht 4 Millionen Menschen erfordern würde und die heute nicht mehr anfällt .... Daß die Arbeitslosigkeit tatsächlich eine Folge der Kinderlosigkeit ist, erkennt man sofort, wenn man sich in einem Gedankenexperiment vorstellt, seit 1970 wären überhaupt keine Kinder mehr geboren worden - es würde also nicht nur ein Drittel der Kinder fehlen, sondern es würden alle Kinder fehlen. In diesem Fall wären heute die Jüngsten 34 Jahre alt, die älteren Jahrgänge wären so besetzt wie heute auch. Jeder erkennt sofort, dies wäre ein absolutes Horrorszenarium: Die sozialen Sicherungssysteme wären schon zusammengebrochen. Es gäbe keine Schulen, keine Universitäten, keine Kinderärzte und keine Fabriken für Kinderfahrräder (u.s.w.) mehr, und es würde kein einziges Haus mehr gebaut werden, da jährlich 500000 Häuser und Wohnungen zusätzlich frei würden. Wenn dann jeder erwerbstätig sein wollte, um einen hohen materiellen Lebensstandard zu erreichen, läge die Arbeitslosigkeit bei 40 Prozent. Diese absolut katastrophale Situation haben wir in ihren Auswirkungen ›nur‹ zu einem Drittel zu erwarten, weil eben ›nur‹ ein Drittel unserer Kinder fehlt.« (Hermann Adrian, Die demographische, wirtschaftliche und soziale Lage in Deutschland, 2005, S. 12; vgl. UNI-MAINZ.DE; Hermann Adrian ist Physiker. An seinem für Naturwissenschaftler ganz typischen Argumentationsstil könnten sich manche familienpolitische Debatten ein Beispiel nehmen. Adrian argumentiert nämlich mit Grenzfällen [»keine Kinder«]. So unwahrscheinlich diese in der Praxis auch sein mögen, so klar lassen sich damit viele Zusammenhänge aufdecken.).“ (Ebd., S. 127-128).

„Manfred Winkler zeigt auf, daß in der Bundesrepublik Deutschland seit Jahrzehnten ein relativ konstantes Verhältnis zwischen Bevölkerungszahl und Arbeitsplätzen von ca. 2,3 zu 1 besteht, oder anders ausgedrückt: 2,3 Verbraucher rechtfertigen einen Arbeitsplatz. (Vgl. Manfred Winkler, Die 9b-Situation, 2004, S. 26ff.). Eine Million Kinder ergäben demgemäß also 400000 Arbeitsplätze. Möglicherweise werden Sie fragen, ob nicht für den Exportweltmeister Deutschland die Zahl der Einwohner im eigenen Land bedeutungslos sei, da man ja schließlich nicht nur für Deutschland, sondern vor allem für die ganze Welt produziere. Allerdings sind zur Zeit nur 21,6 Prozent aller Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe tätig, während allein 72,1 Prozent im Dienstleistungsbereich (**|**) arbeiten (vgl. Manfred Winkler ebd., 2004, S. 31 ), der fast ausschließlich im Inland in Anspruch genommen wird, also mit wenigen Ausnahmen besonders qualifizierter Dienstleistungen keine exportierbaren Produkte herstellt. (Vgl. Manfred Winkler, ebd., 2004, S. 30). Der überwiegende Teil der in Deutschland Erwerbstätigen lebt von der Binnennachfrage. Fehlen die Menschen im eigenen Land, schwindet auch die Binnennachfrage.“ (Ebd., S. 128).

„Viele Arbeitsplätze werden erst durch Kinder, oder allgemeiner, durch die gesellschaftliche Reproduktion geschaffen. Und: Man kann die Arbeit nicht einfach immer weiter steigern. Eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote bei gleichzeitigem Rückgang der Kinderzahl würde bestenfalls zu einem Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt führen: Ältere und unqualifiziertere Arbeitskräfte werden ausgesondert und durch qualifiziertere jüngere Frauen ersetzt (siehe dazu die Ausführungen im Abschnitt »Unternehmen und Reproduktion« ab Seite 117). Damit würde aber eine Entwicklung in Gang gesetzt, die ohne entsprechende Gegensteuerung geradezu fatale Züge annehmen könnte:
Qualifizierte Frauen drängen verstärkt auf den Arbeitsmarkt und ersetzen weniger qualifizierte und ältere Arbeitnehmer, beziehungsweise verhindern, daß Schulabgänger Arbeit oder Lehrstellen finden, denn es entstehen ja auf diese Weise keine neuen Arbeitsplätze. Im Gegenteil: Möglicherweise verrichten die qualifizierten Frauen die Arbeit besonders effizient. Ein Großteil der ersetzten oder nicht eingestellten Personen wird in der Folge arbeitslos oder frühzeitig in Rente gehen. Es entsteht eine größere Zahl weniger qualifizierter Arbeitswilliger, die aber auf Dauer keine Arbeit findet und sich bald aufgibt.
Auf der anderen Seite bekommen qualifizierte und berufstätige Frauen nun besonders wenige Kinder. In der Folge verschiebt sich die Nachwuchsarbeit verstärkt in sozial schwächere Schichten, was - wie das Kapitel »Evolution« ab Seite 23 zeigen konnte - langfristig beträchtliche Einbußen bei der Bevölkerungsqualität beziehungsweise dem Humanvermögen nach sich ziehen dürfte. Nun wachsen also prozentual noch mehr Menschen heran, die auch mit zusätzlichen Bildungsanstrengungen nur schwer für die Anforderungen einer modernen und im Wind der Globalisierung stehenden Wissensgesellschaft fit gemacht werden können. Die Wirtschaft wird deshalb fordern, die Frauenerwerbsquote weiter zu erhöhen, denn nur hier können noch ungenutzte Potentiale mobilisiert werden. (Vgl. Matthias Horx, Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Frauen, 2004). Sie wird also qualifizierte Frauen noch stärker ködern und diese werden daraufhin mit einer noch niedrigeren Geburtenrate reagieren. Gleichzeitig werden sich die Stimmen derer mehren, die behaupten, man könne doch weitestgehend auf die teure eigene Nachwuchsarbeit verzichten und stattdessen Zuwanderer ins Land holen (so wie das ja Bayern München auch tue), die all das in ihren Heimatländern bereits erfahren hätten, was sonst deutsche Eltern ihren Kindern mühselig vor Ort beibringen müßten, weswegen sie dann weniger arbeiten könnten.
Am Ende ist die gesamte Bevölkerung ausgetauscht, das Humankapital geplündert und das Land verarmt. Und niemand hat dem zugestimmt.
Ähnliche Fehlsteuerungen wie die gerade beschriebene kennt man auch in der Unternehmenswelt. Zum Beispiel könnte sich ein Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten (oder als Folge einer Übernahme mit kurzfristigen Gewinnmitnahmen) dazu entscheiden, die Investitionen in die Zukunft, nämlich in Forschung und Entwicklung, zurückzufahren. Damit könnten gegebenenfalls zunächst wieder erhöhte Gewinne erzielt werden. Wird diese Strategie aber für eine zu lange Zeit durchgehalten, dann fehlen irgendwann die Produkte, mit denen man auf dem Markt konkurrieren könnte. Eine erneute Steigerung der Investitionen zur Rückerlangung der Konkurrenzfähigkeit dürfte in einer solchen Phase dann aber viel zu spät kommen: Der Konkurs wäre unvermeidlich.
Bei der gesellschaftlichen Reproduktion handelt es sich um Investitionen in die Zukunft eines Landes. ....
Was fehlt, sind die täglichen zeitlichen und materiellen Aufwendugen für das jahrzehntelange Aufziehen von Kindern. Kinderlose konsumieren statt dessen den größten Teil ihres Einkommens. Die Zukunftsinvestitionen überlassen sie ganz wesentlich den Familien.
Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein Unternehmen erwirtschafte einen Gewinn von einer Milliarde Euro. Dann macht es einen großen Unterschied, ob der Gewinn in zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsprojekte (Reproduktion) investiert wird, oder ob dafür rote Ferraris und Yachten für Top-Manager gekauft werden. Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind Investitionen in die Zukunft des Unternehmens, Ferraris und Yachten dagegen nicht (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt »Unternehmen und Reproduktion« ab Seite 117). Die unterschiedlichen Investitionen von Kinderlosen und Familien sind analog zu bewerten.
Sollten Sie als Leser zur Zeit keinen Arbeitsplatz oder ihre Kinder keine Lehrstelle finden, dann lassen Sie sich bitte nicht durch Aussagen wie »Es ist gut, daß wir so wenig Nachwuchs bekommen, denn der würde doch auch wieder arbeitslos und müßte dann finanziert werden« verunsichern.
Die aktuellen Arbeitsmarktprobleme werden ganz wesentlich durch die folgenden Umstände mitangetrieben:
Als in der Bundesrepublik Deutschland der letzte Babyboom stattfand, wurden pro Jahr ca. 1,35 Millionen Kinder geboren. Heute sind es noch knapp die Hälfte. Hinzu kommt: Diese Generation verinnerlichte ganz besonders stark das Paradigma der gleichberechtigten, berufstätigen Frau. Die Frauen setzten folglich weniger Kinder in die Welt und arbeiteten dafür um so mehr. Auch profitierte diese Generation bereits von der Bildungsexpansion. Durch die hohe Erwerbsbeteiligung der Frauen nimmt diese Generation besonders viele Arbeitsplätze in Anspruch. (Vgl. Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott - Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß, 2004).
Heute ist diese Generation ... (noch! HB) besonders leistungsfähig. Mit einer Familiengründung hat sie abgeschlossen, sie verfügt über weitreichende Berufserfahrungen und muß in der Regel nicht erst kosten- und zeitaufwandig eingearbeitet werden. All das trägt dazu bei, daß jüngere und ältere Menschen zur Zeit auf dem Arbeitsmarkt vergleichsweise nur schwer zu vermitteln sind, denn sie weisen gegenüber diesen starken Generationen Defizite (zum Beispiel fehlende Berufserfahrung) auf. Was aber passieren wird, wenn der größte Teil dieser starken Jahrgänge in Rente geht und dann von den nachrückenden schwächeren Jahrgängen finanziert werden will, darüber läßt sich zur Zeit nur spekulieren.“ (Ebd., S. 128-131).

4.11) Warum Mutti doch die Beste ist

„Stellen Sie sich einen Staat vor, der normalerweise aus drei Generationen zu jeweils 8 Personen besteht, insgesamt also 24 Menschen, wobei jeweils 50 Prozent der Mitglieder männlich beziehungsweise weiblich sind. Jeweils 30 Jahre lang wäre man zunächst Kind beziehungsweise Auszubildender, dann Erwerbstätiger, und schließlich Rentner. Stellen Sie sich bitte weiter vor, in dieser Gesellschaft seien alle Erwerbstätigen Akademiker (deshalb auch die lange Ausbildungszeit). Und von Akademikern wissen wir ja nun, daß sie besonders wenige Kinder haben. Konkret: Die Frauen brächten durchschnittlich jeweils ein Kind zur Welt und wären dann auch nicht gezwungen, ihre Arbeit nennenswert zu unterbrechen. Desweiteren hätte jeder Erwerbstätige 30 Jahre lang jeden Monat 2000 Euro an Steuern zu zahlen und einen Rentner mit 1000 Euro und ein halbes Kind mit 400 Euro (pro ganzes Kind also 800 Euro) zu versorgen. Wir erinnern uns: Jede Familie hat in unserer fiktiven Gesellschaft nur ein Kind, das heißt, ein halbes Kind pro Person.
SozialleistungenPro Erwerbsperson und Monat in €Pro Erwerbsperson insgesamt in €
Steuern2000  720000
Rentenbeitrag1000  360000
Kind  400  144000
Summe34001224000
Abbildung 5) Sozialleistungen der aktuellen Generation (**) (**)
Doch betrachten wir jetzt einmal die Situation in der nächsten Generation. Nun gäbe es nur noch 4 Erwerbstätige, die insgesamt zwei Kinder und acht Rentner zu versorgen hätten. In der Folge ürden die monatlichen Rentenbeitragszahlungen auf 2000 Euro anwachsen.
SozialleistungenPro Erwerbsperson und Monat in €Pro Erwerbsperson insgesamt in €
Steuern2000  720000
Rentenbeitrag2000  720000
Kind  400  144000
Summe44001584000
Abbildung 6) Sozialleistungen der nächsten Generation (**) (**)
Die nächste Generation hätte also pro Kopf deutlich mehr Sozialleistungen als die vorangegangene abzuführen.
Daneben ist aber noch folgendes zu beachten: Die erste Generation würde im Laufe ihres Lebens 5760000 (= 8 • 720000) Euro Steuern an den Staat abführen, die nächste dagegen nur noch 2880000 (= 4 • 720000) Euro. Aus Sicht des Staates dürfte das alles andere als wünschenswert sein, denn er verlöre ja dabei die Hälfte seiner gesamten Einnahmen.“ (Ebd., S. 132-133).

„Betrachten wir nun eine Alternative: Eine Frau (in meinem Buch »Die Familienmangerin« [2006] heißen solche Mütter »Familienmanagerin« - im folgenden sollen sie aber »Mutti« genannt werden) hätte sich dazu bereit erklärt, nicht nur ein Kind, sondern gleich fünf in die Welt zu setzen und liebevoll und gewissenhaft aufzuziehen. Allerdings wollte sie dafür angemessen entlohnt werden und nicht noch gleichzeitig einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen. Konkret: Mutti forderte ein Gehalt in Höhe von 2000 Euro monatlich und zusätzlich 800 Euro Kostenerstattung für jedes ihrer Kinder (denn Mutti ist emanzipiert). Diese Zahlung von insgesamt 6000 Euro monatlich erhielte sie rein Netto, Steuern und Rentenbeiträge müßte sie dagegen nicht abführen. Indirekt forderte sie also noch weitere 1000 Euro an Rentenbeitragszahlungen pro Monat, die von den anderen sieben Erwerbstätigen aufzubringen wären. Insgesamt kosteten Mutti und ihre fünf Kinder also 7000 Euro monatlich, das heißt, jeder der sieben verbliebenen Erwerbstätigen hätte für sie 1000 Euro monatlich zu zahlen. Die drei anderen Frauen würden natürlich - wie schon bisher - jeweils ein Kind haben und gemeinsam mit ihren Ehemännern aufziehen. Gleichzeitig würden sie - wie die Männer - einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Auf diese Weise reduzierte sich die Zahl der Erwerbstätigen von acht auf sieben und dem Staat entgingen im Laufe einer Generation immerhin 720000 Euro an Steuereinnahmen. Insgesamt nähme er dann nämlich nicht mehr 5760000 Euro an Steuern ein, wie im ersten Beispiel, sondern nur noch 5040000 Euro. .... Für die Erwerbstätigen würde sich die Situation nun wie folgt darstellen:
 SozialleistungenPro Erwerbsperson und Monat in €Pro Erwerbsperson insgesamt in €
Steuern2000  720000
Rentenbeitrag1000  360000
Kind  400  144000
Mutti mit Kindern 1000  360000
Summe44001584000
Abbildung 7) Sozialleistungen der aktuellen Generation MIT MUTTI (**) (**)
Die Erwerbstätigen der aktuellen Generation müßten also genauso viele Sozialleistungen abführen wie im ersten Beispiel (ohne Mutti) die nächste Generation. Denn die 360000 Euro Differenz würden sie ja nicht länger in teure Flugreisen und schicke Autos, sondern in die nächste Generation investieren. Ich glaube, so etwas nennt man Generationengerechtigkeit.
Doch kommen wir nun zur nächsten Generation »mit Mutti«. Die obige Abbildung bliebe völlig unverändert, denn die aktuelle Generation hätte sich ja nachhaltig fortgepflanzt. (Vorausgesetzt natürlich, auch in der nächsten Generation rande sich wieder eine »Mutti«, die entsprechend zu finanzieren wäre). Auch würde der Staat wieder genau die gleichen Steuereinnahmen haben, nämlich insgesamt 5040000 Euro für die gesamte Generation. Und hier entstünde nun eine bemerkenswerte Differenz: Denn ohne die Leistung Muttis würde der Staat in der nächsten Generation lediglich insgesamt 2880000 Euro einnehmen.“ (Ebd., S. 134-135).

„Wir können also festhalten: Durch Muttis fehlende Erwerbstätigkeit gehen dem Staat in der aktuellen Generation 720000 Euro an Steuereinnahmen verloren, dafür nähme er in der nächsten Generation dank Mutti 2160000 Euro mehr ein. (Damit ließe sich dann sicherlich auch noch Muttis akademische Ausbildung rechtfertigen, oder?). Oder anders ausgedrückt: Mutti ist die Beste!“ (Ebd., S. 135).

„Betrachtet man die Sache aus Sicht des Staates und der Solidargemeinschaft und weniger aus Sicht der Wirtschaft, dann rechnet sich nichts so sehr wie eine ausreichende Zahl an wohlerzogenen und kompetenten Kindern.“ (Ebd., S.135-136).

4.12) Individualisierungsthese

„Die Individualisierungsthese besagt, daß sich der Einzelne in modernen Gesellschaften immer stärker aus übergeordneten Vorgaben bezüglich Geschlecht, Alter beziehungsweise sozialer oder regionaler Herkunft löst, so daß es zu einer drastischen Zunahme der individuellen Entscheidungsspielräume und einer Reduzierung des Grads der Außensteuerung kommt. Das Individuum wird zentraler Bezugspunkt für sich selbst und die Gesellschaft. (Vgl. Matthias Junge, Individualisierung, 2002, S. 7).“ (Ebd., S. 136).

„Individualisierung bewirkt nicht nur eine stärkere Abhängigkeit des Einzelnen von Leistungen Dritter und dabei zum Teil auch von (wohlfahrts)staatlichen Funktionen (Bildungseinrichtungen, innere Sicherheit, Rechtsprechung, Altersversorgung u.s.w.; vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft, 1986, S. 109f.), sondern setzt diese geradezu voraus. Dies hat aber umgekehrt zur Konsequenz, daß der Wohlfahrtsstaat immer mehr Funktionen übernehmen und garantieren muß, die gemeinhin dem Kollektivverhalten zuzurechnen sind. (Vgl. Stefan Lange / Dietmar Braun, Politische Steuerung zwischen System und Akteur, 2000, S. 20).“  (Ebd., S. 137).

„Wird dem Individuum also zugestanden, sich zeitlich möglichst vollständig auf eine am Arbeitsmarkt angeforderte Leistung zu konzentrieren und seinen individuellen Lebenslauf frei zu wählen, dann müssen bei sich einstellenden Defiziten alle anderen Leistungen, die üblicherweise Teil seiner zu erbringenden Kollektivleistung sind (zum Beispiel Herstellen von Sicherheit, Weitergabe von Wissen, Aufziehen von Nachwuchs, Versorgung Älterer, Unterstützung von Notleidenden) von Dritten und damit unter Umständen vom Wohlfahrtsstaat übernommen werden. Dieser wird sich dabei häufig selbst des Arbeitsmarktes bedienen, beispielsweise um dort geeignete Lehrer für das Unterrichten von Kindern zu rekrutieren.“ (Ebd., S. 137).

4.13) Kollektivaufgaben

„Heute gehört die Gewährleistung der inneren Sicherheit (Schutz) als vormals männliche Kollektivaufgabe zu den wichtigsten Aufgaben des Nationalstaates und dieser besitzt das Gewaltmonopol. Der Beruf des Polizisten ist uns eine Selbstverständlichkeit geworden. Die frühere Staatenbildung ist ganz wesentlich auf diese Entwicklung zurückzuführen: »Unter den vier allgemeinen Zielen des Regierens, die sich im demokratischen Wohlfahrtsstaat herausgebildet haben, nimmt Sicherheit zweifellos eine herausragende Stellung ein. Bereits der Ursprung des Territorialstaates ist ganz wesentlich daraufzurückzziführen. .... Wird Sicherheit , durch den Staat nicht mehr hinreichend gewährleistet, so erübrigt sich selbst gemäß des Staatstheoretikers des Absolutismus, Thomas Hobbes, für die Bevölkerung die Gehorsamspflicht: »Die Verpflichtung des Untertanen gegenüber dem Souverän dauert nur so lange, wie er sie aufgrund seiner Macht schützen kann, und nicht länger«. (Michael Zürn, Regieren jenseits des Nationalstaates, 2. Auflage, 2005, S. 95)“ (Ebd., S. 141-142).

„Könnte folglich ein Nationalstaat eine nicht mehr ausreichende Gewährleistung der inneren Sicherheit als einen Sicherheitswandel bezeichnen und gar von dessen Chancen sprechen? Nein, das könnte er selbstverständlich nicht. Statt dessen würde er sich zum Beispiel bemühen, zusätzliche Polizisten einzustellen. Und ganz ähnlich könnte - wie noch gezeigt wird - auch die Lösung für die gesellschaftliche Nachwuchsarbeit aussehen.“ (Ebd., S. 142).

„Im Abschnitt »Individualisierungsthese« wurde auf die Parallelität von wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung und Individualisierung hingewiesen. Auch im beschriebenen Fall zeigt sich: Die stärkere Konzentration des männlichen Teils der Bevölkerung auf spezifische Aufgaben und die sich hierdurch entwickelnde Pluralisierung der männlichen Lebensformen bewirkt gleichzeitig eine Vernachlässigung von typisch männlichen Kollektivaufgaben. An die Stelle des Individuums tritt dann der Wohlfahrtsstaat. Bei der Nachwuchsarbeit ist das im Prinzip nicht anders, allerdings hat sich hier allgemein noch nicht die Erkenntnis durchgesetzt, daß es sich dabei um eine gesamtgesellschaftlich zu erbringende Kollektivaufgabe handelt. Statt dessen wird so getan, als sei die Zahl an Nachkommen die alleinige Entscheidung von Individuen beziehungsweise Familien, und wenn Frauen im Jemen durchschnittlich 6,6 Kinder zur Welt bringen, dann sei das staatlicherseits genauso hinzunehmen wie bei 1,3. Die Botschaft solcher Aussagen könnte sein: Der Staat kann nicht steuern, da Fortpflanzung ausschließlich Privatsache ist. Auf die sich daraus ergebenden problematischen Folgerungen wird im Laufe des Buches noch einzugehen sein. Im folgenden Abschnitt (**) soll nun aber zunächst anhand eines bekannten Dilemmas aus der Volkswirtschaft erläutert werden, daß die augenblickliche Organisation der gesellschaftlichen Nachwuchsarbeit unter den Gesetzen der Gleichberechtigung der Geschlechter grundsätzlich nicht funktionieren kann, da sie mit der Zeit von immer mehr Trittbrettfahrern ausgehebelt wird.“ (Ebd., S. 142).

4.14) Die Tragik der Allmende

„Unter der Tragik der Allmende versteht man in der Volkswirtschaftslehre die Beobachtung, daß Menschen unter bestimmten Bedingungen bei einer gemeinschaftlichen Tätigkeit, bei der der individuelle Ertrag den Personen nicht zurechenbar ist, weniger leisten. Dieses Problem tritt häufig bei Gemeinschaftseigentum, so genannten Allmenden, auf. Dies sei an einem Beispiel erläutert:
Angenommen, eine Gruppe von 80 Personen bewirtschaftet gemeinsam ein Feld. Alle Gruppenmitglieder haben bei voller Arbeitsleistung einen Aufwand von 50 Einheiten, ziehen jedoch dann einen Ertrag von 100 Einheiten aus der Ernte, die sie ja in gleichen Teilen erwirtschaften. Die Tragik der Allmende besteht nun darin, daß bei genügend großer Gruppengröße die Faulheit eines einzelnen Mitglieds die Ernte pro Gruppenmitglied nur unwesentlich verringert, der Aufwand für das faule Gruppenmitglied aber stark abnimmt, wodurch sein Nutzen insgesamt steigt.
Wenn alle 80 Gruppenmitglieder voll arbeiten, dann erwirtschaften sie gemeinsam einen Ertrag von 80 • 100 = 8000 Einheiten. Jedem Gruppenmitglied steht am Ende ein Ertragsanteil von 100 Einheiten zu. Zieht er davon seinen Aufwand von 50 Einheiten ab, dann hat er einen eigenen Nutzen von 50 Einheiten erwirtschaftet.
Angenommen, ein Mitglied arbeitet nur halb so viel wie die anderen Gruppenangehörigen. Dann hat es nur noch einen Aufwand von 25 Einheiten. Für die Gesamtgruppe ergibt sich nun ein Ertrag von 79 • 100 + 100 • 1/2 = 7950 Einheiten. Jedem Gruppenmitglied steht unter diesen Umständen ein individueller Ertrag von 99,375 Einheiten zu. Für die voll arbeitenden Mitglieder ergibt dies einen Nutzen von 99,375 - 50 = 49,375 Einheiten.
Günstiger sieht der Ertrag für das etwas faulere Gruppenmitglied aus, denn dieses erwirtschaftet einen Nutzen von 99,375 - 25 = 74,375 Einheiten.
Obwohl ein Gruppenmitglied also nur die Hälfte geleistet hat, erzielt es mit 74,375 Einheiten einen deutlich größeren Nutzen als vorher (50 Einheiten) beziehungsweise als die anderen Gruppenmitglieder aktuell erzielen (49,375 Einheiten).
Es lohnt sich also in einer Allmende, faul zu sein, sofern eine gewisse Anzahl an Mitgliedern es nicht ist. Es ist nun aber zu erwarten, daß sich immer mehr Gruppenmitglieder faul verhalten werden und der Gruppenertrag noch weiter sinken wird. Die Tragik der Allmende schaukelte sich dann weiter hoch, und die gesamte Gruppe geriete in eine Rationalitätenfalle, bei welcher Kollektivrationalität und Individualrationalität im Konflikt miteinander stehen. (**)“ (Ebd., S. 143-144).


Neben der hier beschriebenen Rationalitätenfalle gibt es auch den umgekehrten, von Garrit Hardin (vgl. a.a.O., 1968) beschriebenen Fall, bei dem gemeinsame Ressourcen immer weiter erschöpft werden. Auf diese Weise lassen sich nicht nur viele Umweltprobleme, sondern interessanterweise auch die Bevölkerungsexplosion in vielen Ländern der Erde erklären. Hardin vertritt die Ansicht, daß ein freiheitlicher Zugriff auf Gemeinschaftsgüter am Ende alle ruinieren wird. Deshalb fordert er entsprechende Einschränkungen.“ (Ebd.).


„Beim demographischen Wandel befindet sich die gesellschaftliche Reproduktion in einer ganz ähnlichen Rationalitätenfalle. Denn auf der einen Seite ist das Kollektiv darauf angewiesen, daß stets eine ausreichende Zahl an Kindern geboren und aufgezogen wird, auf der anderen Seite können Individuen dann den höchsten ökonomischen Nutzen erzielen, wenn sie selbst kinderlos bleiben.“ (Ebd., S. 144).

»Ich zitiere des weiteren eine Untersuchung der Deutschen Bundesbank mit einem Einkommensvergleich von höher verdienenden Ehepaaren vor und nach der Geburt des ersten Kindes: Ein Ehepaar soll vor der Geburt des ersten Kindes monatlich 9500 DM brutto verdienen, wozu Mann und Frau jeweils zur Hälfte beitragen. Netto, also nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge und Steuern, bleiben davon 5300 DM oder 56% des Bruttolohns. Nach der Geburt des ersten Kindes, welches die Mutter zur Abgabe der Erwerbstätigkeit zwingt, verringert sich das Nettoeinkommen im zweiten Jahr auf 3220 DM. Nimmt die Mutter dann eine Teilzeittätigkeit auf, erhöht sich das verfügbare Einkommen nach den Modellvorgaben auf monatlich 4460 DM. Gelingt das nicht, bleibt es bei 3220 DM oder nur noch 60% des Nettoeinkommens am Beginn der Ehe.« (Karl Schwarz, Notwendigkeiten, Ziele und Erfolgsaussichten einer Politik der Nachwuchssicherung, in: Wege zu einer erfolgreichen Familien- und Bevölkerungspolitik, Hrsg.: Ernst-Jürgen Flöthmann / Charlotte Höhn, 2007).“ (Ebd., S. 144).

»Man möchte gar nicht wünschen, daß alle, die Kinder haben wollen, das wissen, weil sich dann wahrscheinlich noch mehr dazu entschließen würden, kinderlos zu bleiben oder allenfalls bei einem Kind, um möglichst bald wieder den alten Lebensstandard zu erreichen.« (Karl Schwarz, Notwendigkeiten, Ziele und Erfolgsaussichten einer Politik der Nachwuchssicherung, in: Wege zu einer erfolgreichen Familien- und Bevölkerungspolitik, Hrsg.: Ernst-Jürgen Flöthmann / Charlotte Höhn, 2007).“ (Ebd., S. 144).

„Manch einer wird nun einwenden, genau deshalb sei es ja so wichtig, für eine optimale Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen. Mal abgesehen davon, daß damit noch immer kein Anreiz geschaffen wird, mehr als zwei Kinder in die Welt zu setzen (und wie wir gesehen haben, solche Familien muß es geben, und zwar insbesondere in sozialisatorisch erfolgreichen und gebildeten Schichten), bleibt das Grundproblem weiterhin bestehen: Der Kinderlose (»Faule«) wird den höchsten ökonomischen Nutzen erzielen. Und aus genau diesen Gründen dürfte sich Kinderlosigkeit immer weiter ausbreiten.“ (Ebd., S. 144-145).

„Allerdings ist die Rationalitätenfalle bei der Nachwuchsfrage noch viel gravierender als beim klassischen Allmendeproblem, da die durch die Kinderlosigkeit eingesparte Zeit ja im Rahmen einer Erwerbsarbeit gewinnbringend genutzt werden kann. Hierdurch könnte sich der ohnehin schon höhere Nutzen des »Faulen« noch weiter erhöhen.“ (Ebd., S. 145).

„Wie im Abschnitt Marktwirtschaft und Reproduktion ab Seite 108 festgestellt wurde, ist die Wirtschaft (Produktion) in modernen Gesellschaften üblicherweise marktwirtschaftlich organisiert, die Reproduktion dagegen sozialistisch. Denn bei der Nachwuchsarbeit muss die Erziehung privat geleistet werden, der Nutzen daraus (Mitbürger, Steuerzahler, Rentenbeitragszahler u.s.w. ) steht dann aber allen Bürgern - Eltern wie Kinderlosen - in gleicher Weise zu.“ (Ebd., S. 145).

„Nun verfügt aber gerade Deutschland in dieser Frage über sehr viel Expertise, denn jahrzehntelang grenzten die sozialistische DDR und die marktwirtschaftliche BRD unmittelbar aneinander. Damit die qualifiziertesten Bürger der DDR nicht in den benachbarten Westen abwanderten, sah sich die DDR zu einem Mauerbau gezwungen.“ (Ebd., S. 145).

„Im Patriarchat gab es - bildlich gesprochen - für die Frauen eine ganz ähnliche Mauer, und diese hieß »Rollenvorgabe als Mutter und Hausfrau«. Die neue Frauenbewegung hat die Mauer zum Einstürzen gebracht, und seit dem können die Frauen zwischen produktiven und reproduktiven Tätigkeiten frei wählen. Die qualifiziertesten unter ihnen suchen nun ihr Glück in der marktwirtschaftlichen Produktion (Wirtschaft) und vernachlässigen dafür die sozialistische Reproduktion.“ (Ebd., S. 145).

„Die gerade beschriebene Problematik besteht in erster Linie für Paare mit einem beiderseitig regelmäßigen Einkommen (beziehungsweise für berufstätige Alleinerziehende ebenso), und zwar umso mehr, je höher das Einkommen beider Partner ist. Auch aus diesem Grund setzen gerade beruflich erfolgreiche Paare beziehungsweise Paare mit hohen beruflichen Potenzialen (zum Beispiel hoher Bildung) besonders wenige Kinder in die Welt. Paare, deren Eltern beide berufslos sind, verschlechtem ihre ökonomische Situation durch zusätzliche Kinder dagegen nicht.“ (Ebd., S. 145).

„Die obigen Ausführungen lassen nun verstehen, wie Individualisierung letztendlich funktioniert:
Wird dem Einzelnen zugestanden, sich gegenüber sozialen Gemeinschaften zu verselbständigen, um als Handelnder eigenständig seinen Lebensunterhalt zu erzielen, dann wird er sukzessive alle »sozialistischen« Kollektivaufgaben vernachlässigen, das heißt, dort »faul« werden.
Konkret: Die Männer würden nicht mehr ausreichend für Sicherheit und Schutz sorgen, die Frauen nicht mehr für Nachwuchs und Eltern nicht meh für Bildung.
Bei fehlender innerer oder äußerer Sicherheit wäre ein Staat unmittelbar gefährdet, bei nicht ausreichendem Nachwuchs oder mangelhafter Bildung dann einige Jahre später.
Individualisierungsschritte müssen folglich durch entsprechende Institutionalisierungen abgesichert werden. Die Ausgestaltung dieser Institutionen dürfte im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Bei der Sicherheit gehört die Polizei dazu, bei der Bildung die Schule und beim Nachwuchs - wir werden sehen. In aller Regel wird nun aber der Wohlfahrtsstaat die Verantwortung für dil zufriedenstellende Abwicklung der vormaligen Kollektivaufgaben übernehmen.“ (Ebd., S. 146).

4.15) Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion

„In marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaftsformen rekrutiert der Staat seine Mitarbeiter üblicherweise über den Arbeitsmarkt. Eine weitere Wirtschaftsform ist der Sozialismus, bei dem in vielen Angelegenheiten der Staat an die Stelle des Marktes tritt. (An dieser Stelle soll sich bewußt auf die ökonomischen Aspekte des Sozialismus fokussiert werden, bei denen weniger die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz, sondern die materielle Gleichheit im Ergebnis [gleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums] im Vordergrund stehen.). Anders als in Marktwirtschaften ist hier die vom Individuum erbrachte Leistung nicht immer präzise zuordbar (beziehungsweise dies ist manchmal sogar ausdrücklich nicht erwünscht), denn viele Arbeiten werden im Kollektiv erbracht. Kritiker weisen darauf hin, es käme dann sehr leicht zur Tragik der Allmende (siehe dazu den Abschnitt »Die Tragik der Allmende« ab Seite 143), weshalb die einzelnen Individuen bei dieser Wirtschaftsform insgesamt deutlich weniger leisten würden, als sie leisten könnten.“ (Ebd., S. 148).

„Ein zentrales Problem moderner Gesellschaften konnte bereits in den letzten Abschnitten identifiziert werden:
Die Produktion ist in den meisten modernen Gesellschaften marktwirtschaftlich organisiert, die Reproduktion dagegen sozialistisch.
Oder anders ausgedrückt: In der Produktion können Gewinne privat abgeschöpft werden, während Verluste meist sozialisiert werden. Dagegen sind in der Reproduktion die Aufwände privat zu erbringen, die Einkünfte daraus stehen aber allen zu. Die Produktion belohnt folglich Leistung, die Reproduktion dagegen Faulheit.“ (Ebd., S. 148).

„Dies verstärkt naturgemäß eine Allmendeproblematik, denn nun werden »Faule« ja in der Reproduktion nicht nur deshalb mit einem höheren Nutzen belohnt, weil sie den gleichen Ertrag bei geringerem Aufwand erhalten, sondern sie können die eingesparten Zeitaufwände sogar gewinnbringend in die Produktion investieren. Oder konkreter ausgedrückt: Statt sich der zeitaufwändigen Arbeit des Kindererziehens zu widmen und dafür keine Vergütung zu erhalten, geht man arbeiten und Geld verdienen. Den Nutzen aus den Kindern anderer in Form späterer Steuer- und Rentenbeitragszahler streicht man aber gemeinsam mit allen anderen ein, da dieser Nutzen sozialisiert ist.“ (Ebd., S. 148-149).

„In einer modernen Gesellschaft konkurrieren sowohl Männer als auch Frauen um berufliche Positionen, während die Reproduktion sozialistisch organisiert ist, weshalb es dort zur Tragik der Allmende kommt. In der Reproduktion hat alos der »Faule« den größten Erfolg beziehungsweise die geringsten Kosten. Gesellschaftlicher Erfolg ist deshalb verknüpft mit beruflichem Erfolg und reproduktive »Faulheit«, gesellschaftlicher Mißerfolg dagegen mit beruflichem Scheitern und reproduktiven Erfolg.“ (Ebd., S. 149).

„Die Konsequenz daraus ist: Die Individualisierung auf Seiten der Frauen macht eine völlige Neuorganisation der gesellschaftlichen Reproduktion (gegebenenfalls mit weiterer Institutionenbildung) erforderlich, anderfalls führt sie zwangsläufig zur reproduktiven Zerstörung der Gesellschaft.“ (Ebd., S. 149).

„Das Interessante an der natürlichen Selektion der Evolutionstheorie im Kontext unserer Diskussion ist, daß sie eine Verknüpfung zwischen Produktion und Reproduktion herstellt. (Und darin ist sie einzigartig). Ihre Kernaussage ist nämlich: Erfolg in der Produktion korreliert mit Erfolg in der Reproduktion. Auf diese Weise werden die Kompetenzen, die der aktuellen Generation im Leben geholfen haben, auch an die nächste Generation weitergegeben, das heißt, es wird so etwas wie Generationengerechtigkeit implementiert. .... In modernen »gleichberechtigten« Gesellschaften wird das Prinzip dagegen verletzt.“ (Ebd., S. 151-152).

„Auf lange Sicht ergibt sich eine immer stärkere Verschiebung der Bevölkerungsanteile hin zu den »Dienstboten«, und zwar einerseits durch das eigene Reproduktionsverhalten und andererseits durch Import (Fremdreproduktion). Die Folge: Die Gesellschaft »brasilianisert« von innen heraus. Statt sich zu einer Wissensgesellschaft weiterzuentwickeln, bewegt man sich in Richtung hin zu einer Dienstbotengesellschaft. Es soll deshalb die folgende These aufgestellt werden (reproduktive Brasilianisierungsthese):
Die Brasilianisierung des Westens hat ganz wesentlich reproduktive Ursachen.
... Und da ist dann noch festzustellen, daß einige Folgerungen der reproduktiven Brasilianisierungsthese empirisch recht gut belegt sind, während dies für den ökonomischen Ansatz in dieser Form nicht gilt.“ (Ebd., S. 155).

„Leider spielen reproduktive gesellschaftliche Prozesse in der Ökonomie und den GesellschaftsWissenschaften so gut wie keine Rolle. Meist beschränkt man sich in diesem Zusammenhang auf demographische Fragesetellungen. Damit wird man aber der Mächtigkeit der gesellschaftlichen Reproduktion nicht gerecht. Was fehlt, ist eine Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion.“ (Ebd., S. 157-158).

„Warum gibt es keine Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion, wenn gleichzeitig Änderungen in diesem Bereich gravierendste Langzeitwirkungn für zukünftige Geneartionen haben können? Ich habe darauf nur drei Antworten:
Das Thema ist aufgrund der Sozialdarwinismus-Debatte und einiger eugenischer Versuche extrem tabuisiert. Dies allein dürfte aber als Begründung nicht ausreichen, denn im Auftrag wirtschaftlicher Interessen (und damit der Produktion) wurden ja sogar zahlreiche Kriege angezettelt.
Die Auswirkungen der Reproduktion betreffen vor allem die nächsten Generationen. Diese sind fern und zum Teil noch nicht einmal geboren.
Die Reproduktion war in patriarchalischen Gesellschaften in erster Linie ein Thema der Frauen und somit gesellschaftlich ohne Bedeutung. Diese Einstellung hat sich bis heute gehalten. Beigetragen hat dazu auch die Neue Frauenbewegung, die sich bewußt von der vorgegebenen Mutterrolle der Frauen distanzieren wollte. Das Ergebnis ist die völlige Entwertung spezifische weiblicher Reproduktionskompetenzen. “ (Ebd., S. 161).

5) Familienpolitik

5.1) Kindergeld (S. 164-166)
5.2) Steuererleichterungen für Familien (S. 167-168)
5.3) Steuererhöhungen für Kinderlose (S. 16-169)
5.4) Vereinbarkeit von Familie und Beruf (S. 169-172)
5.5) Zukunftsvorsorge durch Kinder oder Sparen (S. 172-173)
5.6) Erziehungsgehalt (S. 173-177)
5.7) Zuwanderung (S. 177-178)

„Im folgenden sollen populäre familien- und bevölkerungspolitische Maßnahmen bezüglich ihrer Wirkung auf das gesellschaftliche Fortpflanzungsverhalten und damit zusammenhöngende Parameter hin untersucht werden. Dabei stehen die folgenden Fragen im Mittelpunkt:
(1) Wirkt die Maßnahme generell geburtsteigernd?
(2)Fördert sie die Entstehung von Mehrkindfamilien?
(3)Erhöht sie vor allem die Geburtenrate in Schichten mit hohem sozioökonomischen Status beziehungsweise hohem Bildungsniveau?
(4)Erhöht sie vor allem die Geburtenrate in sozial schwachen und bildungsfernen Schichten?
(5)Ist die Größenordnung der Änderung im Fertilitätsverhalten sicher vorhersagbar?
(6)Hat die Maßnahme für Frauen emanzipatorische Elemente?
Einige Maßnahmen weisen möglicherweise sogar extrem ungünstige Seiteneffekte auf. Dies gilt insbesondere für solche, die sich ausgesprochen »gerecht« und »sozial« geben und gleiche Bedingungen für alle schaffen wollen, dürften sie doch am Ende vor allem dafür sorgen, daß immer mehr Kinder unter ärmlichsten und förderungsarmen Bedingungen aufwachsen und keine wirkliche Chance zum Leben bekommen. Übertriebene Forderungen nach Gerechtigkeit innerhalb der aktuellen Generation scheinen häufig mit einer Verletzung der Generationengerechtigkeit im Schlepptau daher zu kommen. Denn nicht selten handelt es sich dabei um Umverteilungen inerhalb der aktuellen Generation auf Kosten der kommenden.“ (Ebd., S. 163-164).

5.1) Kindergeld

„Eine denkbare Alternative könnte die Staffelung des Kindergeldes in Abhängigkeit vom Schulerfolg beziehungsweise Schultyp sein. Dies würde nicht nur zusätzliche Anreize in sozial schwachen Schichten setzen, sondern auch die höheren Aufwendungen für bildungsmotivierte und -fähige Kinder berücksichtigen.“ (Ebd., S. 166).

5.2) Steuererleichterungen für Familien

„Diese Maßnahme dürfte in erster Linie für beruflich engagierte Familien interessant sein, denn man muß Steuern zahlen, um Steuern sparen zu können. Allerdings müßte die Steuerersparnis erheblich sein, um ein akademisch ausgebildetes und beruflich erfolgreiches Paar .. zu einer größeren Familie zu bewegen.“ (Ebd., S. 166).

„Steuererleichterungen für Familien gehen prinzipiell in die richtige Richtung, sind aber vermutlich nicht dazu angetan, die einschränkenden Opportunitätskosten für Kinder bei hochqualifizierten Frauen überwinden zu können.“ (Ebd., S. 167).

5.3) Steuerhöhungen für Kinderlose

„Diese Maßnahme ist von der Intention her ganz ähnlich zu sehen wie Steuererleichterungen für Familien. Denn im Prinzip könnte der Staat die Steuern generell erhöhen und dann Familien entsprechende Freibeträge einräumen. Dies wäre dann am Ende eine verdeckte Besteuerung von Kinderlosen. Möglicherweise wäre aber eine parafiskalische Lösung ähnlich der gesetzlichen Rentenversicherung vorzuziehen.“ (Ebd., S. 168).

„Die Besteuerung würde die Mittel liefern, mit der andere, stärker wirkende familien- und bevölkerungspolitische Maßnahmen finanziert werden könnten. Sie ist erforderlich, um einen fairen Lastenausgleich zwischen Kinderlosen und Familien zu bewirken.“ (Ebd., S. 169).

„Zum im Kapitel »Was tun?« erläuterten Familienmanager-Konzept gehört allerdings ganz entscheidend auch die stärkere und anteilsmäßige finanzielle Beteiligung von Kinderlosen an der gesellschaftlichen Nachwuchsarbeit. Ich bin davon überzeugt, daß eine solche Beteiligung zu einer Reduzierung der Kinderlosigkeit und hier insbesondere in gebildeten und gut verdienenden Schichten beitragen kann.“ (Ebd., S. 169).

5.4) Vereinbarkeit von Familie und Beruf

„Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bieten für Eltern ... im wesentlichen nur Entlastung. (Franz-Xaver Kaufmann, Sozialpolitik und Sozialstaat: Soziologische Analysen, 2. Auflage, 2005, S. 151). .... Die Opportunitätskosten einer Familiengründung können ... zwar etwas gesenkt werden, allerdings nur für kleinere Familien. Darüber hinaus sind gutverdienende Familien nicht notwendigerweise auf öffentliche Betreuungseinrichtungen angewiesen, da sie alternativ auf private Dienstleister zurückgreifen können.“ (Ebd., S. 169-170).

„Die Maßnahme ... kann bestenfalls einen eingeschränkten Beitrag zur Lösung der Bevölkerungsprobleme der entwickelten Länder liefern. Dies bestätigen auch die Zahlen aus Ländern mit optimaler Betreuungsinfrastruktur, Allerdings dürfte sie für kleinere Familien mit berufstätigen Eltern unverzichtbar sein. Sie gehört als Option ohne Zweifel zu den wichtigen Infrastrukturmaßnahmen moderner Gesellschaften.“ (Ebd., S. 172).

5.5) Zukunftsvorsorge durch Kinder oder Sparen

„Ein weiterer Vorschlag ist die Einführung einer Kinderrente für Eltern und die Reduzieruzng des Rentenanspruchs für Kinderlose. Letztere sollen dann gesetzlich dazu verpflichtet werden, über eine zusätzliche private kapitalstockfinanzierte Rente (Beispiel: Riester-Rente) für eine Erhöhung ihres eignen Rentenanspruchs zu sorgen. Das Ziel des Vorschlags ist es, Realkapital in dem Maße zu bilden, wie es an Humankapital fehlt. Dazu müssen Kinderlose zusätzliche Beiträge abführen.“ (Ebd., S. 172).

5.6) Erziehungsgehalt

„Seit vielen Jahren werden immer wieder Vorschläge zu einer Vergütung- und damit gesellschaftlichen Anerkennung - der durch Eltern geleisteten Erziehungsarbeit unterbreitet. Ein Ziel dabei ist, den Handlungsspielraum von Eltern zu erweitern. In einigen Modellen sind die finanziellem Zuwendungen zusätzlich mit Regelungen für einen besseren beruflichen Wiedereinstieg nach Beendigung der Erzeihungszeit bis hin zur rechtlich verankerten Wiedereinstiegssicherung gekoppelt.“ (Ebd., S. 174).

„Auch Familienväter leisten ... in erheblichem Umfang unentgeltliche (und häufig zu wenig gewürdigte) Familienarbeit, nicht nur erzieherisch, sondern zum Beispiel auch, indem sie in Eigenregie und in der Freizeit ein Eigenheim hochziehen oder sonstige wichtige häusliche Organisations- und Installationsarbeiten vornehmen.“ (Ebd., S. 175).

„Martine und Jürgen Liminski führen zur Berechtigung des Erziehungsgehalts aus: »Die Leistung der Eltern muß auch finanziell anerkannt werde. Und zwar nicht als Almosen von Vater Staat, das heißt als Sozialhilfe, sondern als gerechter Lohn für getane Arbeit. Ähnliche Arbeiten, allerdings mit dem Schwerpunkt Betreuung, also ohne die tieferpflügende Erziehung, werden. so argumentiert zu Recht der sächsische Sozialminister Geisler, selbstverständlich anerkannt und entlohnt, etwa bei Erzieherinnen oder Kindergärtnerinnen, Mütter, die die gleiche Arbeit oft viel besser tun, gingen leer aus.« (Jürgen Limininski / Martine Liminski, Abenteuer Familie - Erfolgreich erziehen, 2002, S. 32f.).“ (Ebd., S. 176).

5.7) Zuwanderung

„Die Qualifikation der nach Deutschland Zugewanderten liegt im Durchschnitt deutlich unter der der einheimischen Bevölkerung. (Vgl. Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 86. [**]). Dieser Trend dürfte sich in Zukunft eher noch verstärken, da alle entwickelten Staaten gleichfalls unter Nachwuchssorgen leiden. Die Industrie sucht vor allem nach gut ausgebildeten Fachkräften mit guten sprachlichen Kenntnissen, die unter Zuwanderern seltener zu finden sind. Die Arbeitslosenquote ist unter den Zuwanderern deutlich höher als in der einheimischen Bevölkerung. (Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, a.a.O., 2005). Gegen Zuwanderung als bevölkerungspolitische Maßnahme können auch ethisch-moralische Gründe vorgebracht werden. Strenggenommen handelt es sich hierbei um einen Versuch der entwickelten Staaten, lästige und zeitaufwändige Arbeiten an Dritte (die Dritte Welt) auszulagern. (**). Der dann in diesen Ländern verursachte Brain Drain dürfte deren Entwicklung behindern und möglicherweise dadurch sogar das dortige Bevölkerungswachstum verstärken. In diesem Sinne handelt es sich bei der Zuwanderung um eine weitere Methode, lokalen Wohlstand auf Kosten der Dritten Welt zu realisieren. Neben tropischen Hölzern werden nun auch Menschen importiert, und zwar nach Möglichkeit die jeweils qualifiziertesten eines Landes: »Wer kommen darf, sind die Green Cards, also ›beste Gehirne‹ oder sonstwie positiv selektierte Untermengen. Die saugt man sich zum Nulltarif heraus, einer der größten Plünderungsfeldzüge unserer Zeit.« (Franz Josef Radermacher, Die Brasilianisierung der Welt - Asymmetrien des globalen Reichtums, 2006, [vgl. auch Fritz R. Glunk, Interview mit Franz Josef Radermacher, in: GAZETTE.DE [**]).“ (Ebd., S. 177-178).


„Auch hat die Maßnahme sozialdarwinistische Züge, stellt sie doch einen Versuch dar, schwache Menschen (die Kinder) aus der »Leistungsgesellschaft« auszugliedern. Unsere hochproduktiven , Menschen überlassen ihre reproduktiven Aufgaben dabei der Dritten Welt. (Vgl. Karl Otto Hondrich, a.a.O., 2007, S. 95f.).“ (Ebd.).

„Fazit: Die Maßnahme ... kann deshalb als völlig unzureichend zur Lösung der Bevölkerungsproblem in den entwickelten Ländern eingeschätzt werden.“ (Ebd., S. 178).

6) Was tun?

6.1) Nachwuchsarbeit als Kollektivaufgabe  (S. 181-187)
6.2) Familienmanagerin  (S. 187-212)

„Ein Ergebnis des vorliegenden Buches ist: In modernen Gesellschaften ist die Produktion (Wirtschaft) marktwirtschaftlich organisiert, die gesellschaftliche Reproduktion (Nachwuchsarbeit) dagegen sozialistisch. Denn derAufwand für das langjährige Erziehen von Kindern ist in den Familien privat zu erbringen, der Nutzen daraus in Form von späteren wohlerzogenen und kompetenten Bürgern beziehungsweise Steuer- und Rentenbeitragszahlern steht dann aber allen gleichermaßen zu (Transferausbeutung der Familiendurch Kinderlose).“ (Ebd., S. 179).

„Eine unmittelbare Folge daraus ist: Innerhalb der gesellschaftlichen Reproduktion kommt es dann zur Tragik der Allmende ( siehe Abschnitt »Die Tragik der Allmende« ab Seite 143), und in »gleichberechtigten« Gesellschaften darüber hinaus auch zu einer Abwanderung von qualifizierten Frauen in die Produktion auf Kosten der Reproduktion, ein Prozeß, dessen konkrete Erscheinung sich demographischer Wandel nennt. Dieser ist unter anderem von einem dysgenischen Reproduktionsverhalten geprägt, welches eine Ursache für die zunehmende Brasilianisierung der Gesellschaft sein dürfte.“ (Ebd., S. 179).

„Ferner konnte gezeigt werden: In streng patriarchalischen Gesellschaften besteht das Problem in dieser Form nicht, da die Frauen dort mehrheitlich keine wirkliche Wahlmöglichkeit zwischen produktiven und reproduktivenTätigkeiten besitzen. Stattdessen wird von ihnen durch Rollenzuweisung erwartet, die erforderliche Nachwuchsarbeit im Kollektiv und für die Gesellschaft insgesamt zu erbringen. Patriarchalische Gesellschaften orientieren sich reproduktiv vor allem am sozialen Erfolg der Männer, weswegen ihr Reproduktionsverhalten meist eugenischer Natur ist.“ (Ebd., S. 179).

„Als Lösung der aktuellen Probleme drängen sich vor allem zwei Ansätze auf (ich möchte nicht ausschließen, daß daneben noch weitere Lösungsansätze existieren):
Rückkehr zum Patriarchat.
Dies wurde bereits von Phillip Longman prognostiziert (vgl. Phillip Longman, The Empty Cradle - How Falling Birthrates Thraeten World Prosperity and What to Do about it, 2004; FAZ.NET, Nur das Patriarchat kann die Menscheit retten, 03.04.2006 [**]; FAZ.NET, Unsere Regierung ist hirntot, 08.09.2006 [**]). ...
Angleichung der Organisation von Wirtschaft und gesellschaftlicher Reproduktion.
Als einzig realistische Option scheint hier die Übertragung marktwirtschaftlicher Prinzipien auf die gesellschaftliche Reproduktion in Frage zu kommen. Genau dies wird auf den nächsten Seiten mit dem Familienmanager-Konzept dann auch vorgeschlagen.
Daneben werden in unserer Gesellschaft zahlreiche Alternativen und Zwitterlösungen diskutiert, namentlich die Einführung eines bedingungslosen Grundgehaltes, welches unter anderem für eine Vergütung aller bislang kostenfrei erbrachten gesellschaftlichen Arbeiten sorgen soll. Die These dabei ist: Erwerbsarbeit wird auf Dauer an Bedeutung verlieren, weswegen sie nicht länger die alleinige Einkommensbasis darstellen könne.“ (Ebd., S. 179-180).

„Im folgenden wird also mit dem Familienmanager-Konzept eine Maßnahmevorgestellt, die in der Lage ist, das Prinzip der natürlichen Selektion in entwickelten und dem demographischen Wandel unterliegenden Gesellschaften wiederherzustellen. Dabei versucht sie ganz gezielt, eine bezüglich der Gleichstellung der Geschlechter noch bestehende Lücke zu schließen. Ergänzende Informationen finden sich in: Peter Mersch, Land ohne Kinder, 2006, S. 99 ff.; Peter Mersch, Die Familienmanagerin, 2006.“ (Ebd., S. 180).

„Der Geburtenrückgang in Deutschland ist wie auch in den USA und in den übrigen europäischen Ländern einschließlich der Länder Nordeuropas Ergebnis des zunehmenden Verschwindens der Mehrkindfamilie mit drei oder mehr Kindern. (Vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 10). Dennoch konzentrieren sich Wissenschaft, Medien und Politik seit Jahrzehnten fast ausschließlich auf Maßnahmen zur Reduzierung der Kinderlosigkeit, was dem Problem nicht gerecht wird. Die hier vorgestellte Maßnahme hat dagegen in erster Linie die Förderung sozialisatorisch erfolgreicher Mehrkindfamilien zum Ziel. Gleichzeitig dürfte sie aber auch ein äußerst wirkungsvoller Beitrag zur Reduzierung der Kinderlosigkeit sein.“ (Ebd., S. 180).

1.2) Nachwuchsarbeit als Kollektivaufgabe

„In unserer Gesellschaft wird die Nachwuchsarbeit als eine freiwillige und nicht als eine von allen Bürgern zu erbringende Kollektivleistung verstanden. Auf diese Weise gelingt es kinderlosen Einzelpersonen oder Paaren überproportional von den von Familien erbrachten Sozialleistungen zu profitieren, weshalb Fachleute von einer Transferausbeutung von Familien durch Kinderlose sprechen. (Vgl. z.B. Herwig Birg, Die ausgefallene Generation, 2005, S. 84 [**]).“ (Ebd., S. 181).

„Nachwuchsarbeit ist mit hohen Kostenn verbunden, insbesondere dann, wenn sie mit einer solch umfangreichen Brutpflege wie beim Menschen einhergeht. Aber auch der körperliche Einsatz auf Seiten der Frauen ist beträchtlich, speziell dann, wenn Mütter ihre Kinder noch stillen.“ (Ebd., S. 181).

„Kollektivaufgaben, die mit hohen Aufwänden und Kosten verbunden sind, unterliegen der Gefahr, von Trittbrettfahrern unterlaufen zu werden, wie im Abschnitt »Die Tragik der Allmende« ab Seite 143 aufgezeigt werden konnte.“ (Ebd., S. 181).

„Ursächlich für die daraufhin entstehende fatale Entwicklung dürfte eine typsich menschliche Handlungsmaxime sein: Es geht - moralisch gesprochen - gar nicht um die Maximierung des eigenen Vorteils, sondern darum, nicht selbst in eine schlechte Position zu geraten.« (Frank Schirrmacher, Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft, 2006, S. 67).“ (Ebd., S. 181).

„Wir können deshalb festhalten:
Eine von der Gemeinschaft insgesamt zu erfüllende gesellschaftliche Kollektivaufgabe, deren Ausführung für den Einzelnen mit hohen Kosten oder Lasten verbunden ist, deren Nichtausführung aber keinerlei Nachteile zur Folge hat, kann prinzipiell nicht zur Zufriedenheit aller ausgeführt werden, da sie stets von einer größeren und auf lange Sicht ansteigenden Zahl an Trittbrettfahrern unterlaufen wird.
Man wird in Zukunft an einer ernsthaften und anteilsmäßigen Beteiligung von Kinderlosen an der gesellschaftliochen Nachwuchsarbeit, die auf den folgenden Seiten Partnerschaftssteuer odfer auch Unterhalt genannt wird, nicht vorbeikommen. Eine Lösung des Problems des demographischen Wandels dürfte ohne entsprechende Maßnahmen faktisch ausgeschlosen sein.“ (Ebd., S. 181).

„Diese Auffassung teilen auch zahlreiche andere Experten, So führt Norbert Bolz etwa aus: »Nicht die Reichen, sondern die Kinderlosen müssen stärker besteuert werden. Es ist einfataler Webfehler unseres sozialen Systems, daß Kinderlose die gleichen Versorgungsansprüche erwerben wie Eltern, obwohl sie nichts zur Erziehung der zukünfligen Beitragszahler beitragen. .... Man sollte Kinderlose nicht stigmatisieren, sondern besteuern.« (Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006, S. 71 [**|**]). Und Paul Kirchhof ergänzt: »Für den Lastenausgleich ist es geboten, die Zukungtssicherung so zu gestalten, daß die Kinderlosen die Geldbeträge erbirngen, die Familien die Zukunft durch ihre Kinderreziehung sichern.« (Paul Kirchhof, Das Gesetz der Hydra - Gebt den Bürgern ihren Staat zurück, 2006, S. 191).“ (Ebd., S. 182).

„Aufgrund der für die Nachwuchsarbeit erforderlichen hohen Investitionen werden in der Natur mittels der natürlichen Selektion insbesondere diejenigen Individuen mit Nachwuchs belohnt, die an den aktuellen Lebensraum besonders gut angepaßt sind, folglich die meisten Ressourcen erlangen und sich somit Nachwuchs besonders gut »leisten« können. Allerdings gibt es im Tierreich auch Populationen, in denen Individuen ein altruistisches Fortpflanzungsverhalten zeigen, zum Beispiel die Arbeiterinnen der Ameisen: Während sie sich selbst nicht fortpflanzen, tragen sie »selbstlos« dazu bei, Ameisenköniginnen die Weitergabe ihrer Gene an Nachkommen zu ermöglichen. In der Evolutionsbiologie galt es lange Zeit als rätselhaft, wie altruistische Gene überleben können, wenn sich die Träger dieser Gene selbst nicht fortpflanzen. William D. Hamilton erklärte dies über die so genannte Verwandtenselektion. Aufgrund der speziellen Fortpflanzung staatenbildender Insekten sind Ameisenarbeiterinnen zu 75 Prozent miteinander verwandt, also stärker, als es mit einer eigenen Tochter möglich wäre. Deshalb bevorzugt die natürliche Selektion solche Gene, welche die Arbeiterinnen veranlassen, Schwestern und nicht eigene Töchter aufzuziehen. Dies ist die Basis des altruistisch sozialen Ameisenstaates.“ (Ebd., S. 182).

„Der Wohlfahrtsstaat ist vermutlich das größte altruistische System der Natur überhaupt. (Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 210). Die anteilsmäßige Beteiligung an der Nachwuchsarbeit anderer und mit einem selbst genetisch nicht verwandter Mitbürger gehört jedoch nicht zu diesem System, und es ist keineswegs klar, ob der moderne Mensch dafür mehrheitlich bereits ausreichend altruistisch eingestellt ist.“ (Ebd., S. 182).

„Zur Zeit werden anläßlich der prekären Nachwuchssituation moderner Gesellschaften in erster Linie Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefordert. Selbst bei optimaler Implementation würde dann aber weiterhin gelten: Wer mehr arbeitet, mehr in die eigene Ausbildung investiert und folglich sozial besonders erfolgreich ist, dem bleibt weniger Zeit für eigene Kinder. Solche Maßnahmen könnten im Sinne der natürlichen Selektion und der Generationengerechtigkeit also nur dann befriedigend funktionieren, wenn gleichzeitig wesentliche wohlfahrtsstaatliche Leistungen eingestellt würden, namentlich die finanzielle Versorgung von Kindern aus sozial schwachen Schichten. Damit würde aber an den Grundfesten der Sozialstaatlichkeit gerüttelt. Wohlfahrtsstaat und Vereinbarkeitsmaßnahmen sind somit nicht ausreichend miteinander kompatibel.“ (Ebd., S. 182-183).

„Es wird deshalb vorgeschlagen, die Nachwuchsarbeit als gesellschaftliche Kollektivaufgabe zu verstehen, die prinzipiell von allen Bürgern anteilsmäßig in direkter oder indirekter Form zu erbringen ist. Grundlage dafür könnte die folgende Maxime sein:
Jedem steht es in unserer Gesellschaft frei, Kinder in die Welt zu setzen. Doch bitte beachten Sie: .... Ein unkontrollierter Bevölkerungszuwachs sollte ... unbedingt vermieden werden. Beschränken Sie sich nach Möglichkeit auf maximal zwei Kinder pro Paar. Der Staat wird Maßnahmen ergreifen und fördern, die für eine möglichst optimale Vereinbarkeit einer kleineren Familie mit bis zu zwei Kindern mit einem Beruf und für einen relativ fairen Familienlastenausgleich sorgen werden.
Allerdings ist die Gesellschaft auf eine insgesamt bestandserhaltende Reproduktion angewiesen. Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kann eine solche nicht gewährleistet werden. Deshalb ist es in unserer Gesellschaft zusätzlich Ihre Aufgabe, als Paar zwei Kinder aufzuziehen, als Einzelperson ein Kind. Damit leisten Sie Ihren Beitrag zu einer bestandserhaltenden gesellschaftlichen Reproduktion. Sie müssen das aber nicht selbst tun, sondern Sie können die Aufgabe zum Teil oder in Gänze anderen Fachleuten überlassen. Dafür müssen Sie dann aber regelmäßig einen bestimmten Betrag abführen, damit diese das auch in der entsprechenden Qualität für Sie tun können.
Im Klartext heißt das: Jeder Bürger müßte für ein Kind Unterhalt zahlen. Allerdings könnte er sich von dieser Verpflichtung durch das Aufziehen eines eigenen Kindes befreien.“ (Ebd., S. 183).

„Im Abschnitt »Familienmanagerin« ab Seite 187 wird erläutert, was mit den eignommenen Patenschaftssteuern geschehen soll. Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, dann kommen insgesamt zu wenige Kinder auf die Welt. Die Dufferenz zu einer bestandserhaltenden Geburtenrate könnte dann von staatlich beschäftigten Familienspezialisten abgedeckt werden, die in aller Regel größere Familien mit drei oder mehr Kindern gründen. Da die Familienarbeit dann zum Vollzeitjob generiert, würden solche Familienfrauen (oder auch -männer) vom Staat bezahlt. Allerdings benötigen sie entsprechende Qualifikationen, da sie einen Beruf mit sehr hoher Verantwortung ausüben. Auch müßten sie sich regelmäßig fortbilden. In Anlehnung an den sozialen Ameisenstaat handelt es sich bei den Familienspezialistinneen also um »Königinnen«, denen von anderen mittels Unterhaltszahlungen zugearbeitet würde.“ (Ebd., S. 184).

„Ein Ausgleich massiver Bevölkerungsrückgänge durch Zuwanderung ist weder möglich noch ethisch sinnvoll, dies zeigt allein schon die fehlgeschlagene »Integration« der bisherigen Zuwanderer nach Deutschland. .... Die Devise kann nun nicht mehr lauten »gehet hin und mehret euch«, sondern eher »bleibet hier und ersetzet euch«.“ (Ebd., S. 184).

„Jedes Individuum muß (und nicht nur soll) für den eigenen Nachfolger seiner eigenen Person sorgen, entweder durch direktes Aufziehen eines Kindes oder alternativ durch Abführen einer so genannten Patenschaftssteuer. Mit diesen Stuerbeiträgen würden dann professionelle und angemessen ausgebildete, staatlich angestellte Familienfrauen/-männer finanziert, die für das Aufziehen ihrer Kinder vergütet werden. Der Staat übernähme dabei die Kapazitätsplanung. ... Werden mehr Kinder in herkömmlichen Partnerschaften geboren, dann sänken die Patenschaftssteuer-Einnahmen, und es würden weniger Familienfrauen/-männer neu eingestellt. Sänke die Zahl der in herkömmlichen Partnerschaften geborenen Kinder, dann würde die Entwicklung anders herum sein. Die Familienfrauen (beziehungsweise die Familienmagerinnen, wie sie im folgenden Abschnitt [**] genannt werden) sorgten also für einen automatischen Ausgleich zu niedriger Fertilitätsraten.“ (Ebd., S. 185-186).

„Konzeptionell würde ein Kinderloser im Rahmen einer solchen kollektiv verstandenen gesellschaftlichen Reproduktion wie ein Unterhaltspflichtiger behandelt. Denn nehmen wir einmal an, ein Mann habe mit seiner Geliebten ein Kind gezeugt, wollte nun aber mit dem Aufziehen des Nachwuchses nichts zu tun haben. Dann ist er immerhin zur Zahlung von Unterhalt verpflichtet. Salopp könnte man sagen: Ein Unterhaltspflichtiger hat das Aufziehen seines Kindes an seine frühere Geliebte ausgelagert, ein Kinderloser an eine Familie in der Nachbarschaft, wobei er sich sowohl dem Zeugungsakt als auch den Unterhalt spart.“ (Ebd., S. 186).

„Bei dem gerade Gesagten handelt es sich um eine völlige Neudefinition der gesellschaftlichen Nachwuchsarbeit, und zwar weg vom Prinzip »Jeder macht es so, wie er lustig ist« hin zu einer planerischen und menschenwürdigen Vorgehensweise .... Ich bin davon überzeugt, daß es in der Zukunft nicht mehr anders gehen kann.“ (Ebd., S. 187).

6.2) Familienmanagerin

6.2.1)   Auswahl und Qualifikation (S. 187-188)
6.2.2)   Bezahlung (S. 188-189)
6.2.3)   Finanzierung (S. 189-192)
6.2.4)   Die Notwendigkeit der Familienmanagerin (S. 193-194)
6.2.5)   Einkommens- und Sicherheitsnutzen (S. 194-195)
6.2.6)   Scheidung, Adoption und Schwangerschaftsabbruch (S. 195-197)
6.2.7)   Betreuung von fremden Kindern (S. 201)
6.2.8)   Familienmanagerin und natürliche Selektion (S. 201-202)
6.2.9)   Bewertung der Familienmanger-Maßnahme (S. 202-203)
6.2.10) »La donna è mobile« (S. 203-206)
6.2.1) Auswahl und Qualifikation

„Um es gleich vorweg zu sagen: Hier wird nicht vorgeschlagen, der Staat solle nun das Kinderkriegen reglementieren oder gar prämieren. Nein, es sollte weiterhin jedem Paar oder auch jeder Einzelperson selbst überlassen bleiben, ob es (sie) ein, zwei oder mehr Kinder haben möchte. Und dafür sollte es ähnliche Zuwendungen im Rahmen des Familienlastenausgleichs geben wie bereits heute. Daneben sind weitere Unterstützungen in Form von Ganztagsbetreuungen und Rentenversicherungsansprüchen denkbar. Allerdings sollte der Staat seinen Bürgern die modifizierte Norm der verantworteten Elternschaft aus dem vorangegangenen Abschnitt (**) vermitteln.“ (Ebd., S. 187).

„Beim Beruf der Familienmanagerin handelt es sich um einen Vollzeitjob. Nebentätigkeiten bedürfen der Zustimmung der zuständigen Behörde und sollten nach Möglichkeit mit der Tätigkeit als Familienmanagerin vereinbar sein. Zum Beispiel ist vorstellbar, daß Familienmanagerinnen zusätzliche Tagesmütter-Dienste anbieten (siehe dazu den Abschnitt »Betreuung von fremden Kindern« ab Seite 201). Da Familienmanagerinnen in der Regel große Familien gründen und eventuell (doch wohl: höchtswahrscheinlich! HB) noch Kinder anderer Eltern betreuen, ist für den Beruf eine qualifizierte (akademische) Ausbildung erforderlich. Eine solche Ausbildungsanforderung ergab sich auch aus Untersuchungen zur kindlichen Betreuung. (Vgl. Hans Bertram, Nachhaltige Familienpolitik und die Zukunft der Kinder, in: Hans Bertram / H. Krüger / C. K. Spieß (Hrsg.), Wem gehört die Familie der Zukunft? - Expertisen zum 7. Familienbericht der Bundesregierung, 2006, S. 13). Eine regelmäßige Weiterbildung sollte ebenfalls zum Beruf gehören.“ (Ebd., S. 187).

„Die Qualifikationsvoraussetzungen für Familienmanagerinnen liefern aber noch etwas anderes, und das ist in diesem Zusammenhang ganz entscheidend: Sie machen die Leistungen tauschbar, und damit überhaupt erst bewertbar und bezahlbar.“ (Ebd., S. 188).

„Die Auswahl der Familienmanagerinnen könnte wie in ähnlichen Berufen erfolgen:
Der Staat (beziehungsweise das zuständige Bundesland) stellt den Bedarf fest und schreibt eine entsprechende Zahl an Stellen aus.
Der Bedarf wird jedes Jahr neu ermittelt und die Zahl der freien Stellen entsprechend angepaßt. Auf diese Weise entstünde ein natürliches Mittel der Bevölkerungsplanung.
Die konkrete Besetzung der Stelle einer Familienmanagerin erfolgt nach diversen Auswahlkriterien, unter anderem Qualifikation, Alter, Familienstand.
Das Leben in einer ehelichen Gemeinschaft könnte die Auswahlchancen erhöhen. Allerdings sind grundsätzlich unterschiedliche Lebensformen mit dem Beruf vereinbar. Auch das Leben in einer homosexuellen Gemeinschaft sollte kein Ausschlußkriterium sein. Die Zugehörigkeit zu einer sozial schwachen Schicht oder gar Armut sollten die Auswahlchancen nicht verschlechtem, da die Familienmanagerin ab einer gewissen Zahl an betreuten Kindern nicht mehr arm ist. Hier bieten sich also qualifizierten Frauen Aufstiegschancen an.
Männer können sich ebenfalls für den Job der Familienmanagerin bewerben (und heißen dann Familienmanager), insbesondere dann, wenn sie Kinder adoptieren oder ihnen nach der Scheidung oder dem Tod einer Familienmanagerin die Kinder zugesprochen werden. Auch kann ein Wechsel auf Antrag der Ehepartner erfolgen, in diesem Fall sollten aber beide Ehepartner über eine entsprechende Ausbildung verfügen. Da aber das Aufziehen von Kindern üblicherweise mit einer Stillphase beginnt, der eine Schwangerschaft vorausgeht, handelt es sich bei dem Beruf der Familienmanagerin um einen Frauenberuf, das heißt einen Beruf mit einem überragenden Frauenanteil.“ (Ebd., S. 188).

6.2.2) Bezahlung

„Die Bezahlung einer Familienmanagerin würde im Wesentlichen von der Zahl der von ihr großgezogenen Kinder abhängen (die auch adoptiert sein können), wobei man eventuell an eine zu definierende Obergrenze an gewerteten Kindern denken könnte. Für jedes Kind - innerhalb der zu definierenden Obergrenze - würde ein Leistungsbetrag gezahlt, zusätzlich bestünde ein Anspruch auf ein 13. Monatsgehalt und auf Kindergeld. Auch würden Rentenversicherungsbeiträge abgeführt.“ (Ebd., S. 188-189).

„Die Bezahlung würde sinnvollerweise so gewählt, daß eine Familienmanagerin etwa ab dem dritten Kind eventuell sogar alleinerziehend ein ökonomisch sorgenfreies Leben fuhren könnte. Der Leistungsbetrag würde pro Kind über einen längeren Zeitraum (zum Beispiel 20 Jahre) gezahlt. Danach besäße die Familienmanagerin eine Übernahmegarantie in andere Berufe, etwa im öffentlichen Dienst (Lehrerin, Erzieherin, Verwaltung u.s.w.) oder bei kooperierenden Unternehmen, die damit werben dürften. Alternativ könnte sich eine Familienmanagerin entscheiden, adoptierte Kinder großzuziehen. Dafür würde erneut der Leistungsbetrag ausgeschüttet.“ (Ebd., S. 189).

„Das heute übliche Fehlen eines Einkommens- und Sicherheitsnutzens von Kindern begründet auch die Kommerzialisierbarkeit von Familienarbeit mit eigenen Kindern in einer sonst arbeitsteiligen Welt: Eine Familienmanagerin würde im Rahmen der Erziehungsarbeit einen Konsumnutzen aus ihren Kindern ziehen, ähnlich wie andere Berufstätige eine Befriedigung aus ihrer Arbeit erhalten. Gleichzeitig erzielte sie ein Einkommen aufgrund der geleisteten professionellen Arbeit. Das schließlich nach ca. 20 Jahren der Gesellschaft übergebene »Endprodukt« (»der erzogene und gebildete erwachsene Mensch«) gehörte aber nicht länger ihr, so daß sie aus der Elternbeziehung keinen direkten Vorteil schlagen kann (FFranz-Xaver Kaufmann, Zukunft Familie - Stabilität, Stabilitätsrisiken und Wandel der familialen Lebensformen sowie ihre gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, 1990, S. 11 ). Es gibt also keinen unmittelbaren Grund dafür, warum eine akademisch ausgebildete Erzieherin für das Betreuen fremder Kinder ein Einkommen erzielen kann, für das Aufziehen ihrer eigenen Kinder aber prinzipiell nicht.“ (Ebd., S. 189).

6.2.3) Finanzierung

„Finanziert werden könnten die Familienmanagerinnen über die bereits erwähnte Patenschaftssteuer. Kinderlose würden auf diese Weise ihre eigenen gesellschaftlichen Aufziehleistungen an Familienmanagerinnen auslagern. Sie dürfen sich als virtueller Pate eines Kindes fühlen.“ (Ebd., S. 189).

„Das im Folgenden beschriebene Finanzierungsbeispiel geht in einer ersten Annäherung davon aus, daß Familienmanagerinnen pro aufgezogenes Kind einen Leistungsbetrag ... erhalten. (Roland Tichy / Andrea Tichy, Die Pyramide steht Kopf - Die Wirtschaft in der Altersfalle und wie sie ihr entkommt, 2003, S. 206). Daneben stünde ihnen noch ein Grundgehalt ... zu. Zusätzlich erhielten sie ein 13. Monatsgehalt. Ferner stünde ihnen das gesetzlich verankerte Kindergeld zu. In der Praxis wären aber vermutlich höhere Leistungsbeträge anzusetzen. Bei den ... Beträgen handelt es sich keineswegs um meine persönliche Empfehlung.“ (Ebd., S. 190).

„Es wird in der folgenden Rechnung davon ausgegangen, daß jede Familienmanagerin durchschnittlich fünf Kinder aufzieht. Ferner wird angenommen, daß Familienmanagerinnen zusammen durchschnittlich 500000 Kinder pro Jahr in die Welt setzten oder adoptierten und daß die höhere steuerliche Belastung der Kinderlosen das Reproduktionsverhalten der Bevölkerung nicht wesentlich beeinflussen würde, sondern daß weiterhin jährlich ca. 700000 Kinder in anderen Familien zur Welt kämen. Durch den Beitrag der Familienmanagerinnen würde sich auf diese Weise die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder von jährlich 700000 auf durchschnittlich 1,2 Millionen, beziehungsweise die Fertilitätsrate auf 2,33 erhöhen. Die Rechnung ist bewußt grob gehalten und ignoriert zunächst einmal die in den nächsten Jahrzehnten weiter absinkende Zahl an gebärfähigen Frauen.“ (Ebd., S. 190).

„Im Vergleich zu anderen Alternativen mit ähnlichen Kosten hat das Familienmanager-Konzept gleich mehrere entscheidende Vorteile:
Die Kosten stehen in direkter Relation zur Anhebung der Geburtenrate.
Das Ergebnis ist vorhersagbar (planbar).
Die aufgezogenen Kinder erhalten eine optimale Erziehung.
Im Laufe von 20 Jahren könnten von zwei Millionen Familienmanagerinnen zehn Millionen zusätzliche Kinder aufgezogen und ausgebildet werden, und um diese Zahl würde sich der bis zum Jahr 2030 prognostizierte Bevölkerungsschwund für die Bundesrepublik Deutschland reduzieren. Gleichzeitig würden dabei zwei Millionen Arbeitskräfte dem produktiven Arbeitsmarkt entzogen und dem reproduktiven Bereich zugeführt werden (dort entstünden also zwei Millionen Arbeitsplätze), rechnet man noch den zusätzlichen Bedarf für Schulunterricht, medizinische Versorgung und kindlichen Konsum hinzu, dann kann insgesamt von mindestens drei bis vier Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen ausgegangen werden (siehe dazu auch die Ausführungen im Abschnitt »Reproduktion und Wirtschaftsentwicklung« ab Seite 126).“ (Ebd., S. 192).

Kostenrechnung Familienmanagerin
JahrKinder (in Millionen)Familienmanager (in Millionen)Kosten (in Milliarden €)
10,50,13,9
21,00,27,8
31,50,311,7  
............
199,51,974,1  
20102,078,0  
Abbildung 8) Finanzierungsbeispiel Familienmanagerin

6.2.4) Die Notwendigkeit der Familienmanagerin

„Im Abschnitt »Fertilitätstheorien« ab Seite 6 wurde aufgezeigt, daß der Konsumnutzen von Kindern in der Regel nicht ausreicht, um große Familienstärken ohne zusätzliche Nutzenarten zu begründen. Statt dessen sorgt er in Abwägung mit den pro Kind steigenden Kosten für eher kleinere Familiengrößen. Eine signifikante Anhebung der Fertilitätsraten läßt sich ... durch eine Förderung von Großfamilien erzielen. (Vgl. Hans Bertram / W. Rösler / N. Ehlert, Nachhaltige Familienpolitik, 2005, S. 10). Dieser Umstand dürfte umso bedeutsamer werden, je weiter die Zahl der gebärfähigen Frauen sinkt. Es wurde deshalb von einigen Autoren gefolgert, in Zukunft müsse es zu einer stärkeren Spezialisierung im Rahmen der gesellschaftlichen Reproduktion kommen. (Vgl. Frank Schirrmacher, Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft, 2006, S. 123f.). Eine detaillierte Beispielrechnung dazu findet sich in: Peter Mersch, Die Familienmanagerin, 2006, S. 137ff. (**). Eine solche Spezialisierung scheint aber auch eine Anforderung von Wissensgesellschaften zu sein. Da die Reproduktion und Mehrung des Humanvermögens in Wissensgesellschaften zu einem entscheidenden Standortvorteil generiert, steigen automatisch auch die beim Aufziehen von Kindern erforderlichen Qualifikationen, speziell dann, wenn es um die Erziehungsarbeit in größeren Familien geht.“ (Ebd., S. 193).

„Familienmanagerinnen würden ihre Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr liebevoll aufziehen. Die Eltern wären auf die Aufgabe des Erziehens fokussiert, es lägen hervorragende Bildungsvoraussetzungen vor und eine optimale Förderung aller Kinder kann praktisch garantiert werden. Schwangerschaften könnten mit weniger Streß durchlebt werden. Ferner könnten bei den Kindern frühzeitig friedfertige, solidarische, gesundheitsbewußte und ökologische Verhaltensweisen eingeübt werden. Genau diese Effekte dürfen aber auch erwartet werden, wenn eine Aufgabe, für die üblicherweise keinerlei Voraussetzungen erforderlich sind, professionalisiert wird (ähnlich wie dies in der Medizin geschehen ist). Die Familienmanagerinnen könnten gleich auf mehrere Arten für mehr Generationengerechtigkeit sorgen. (Vgl. Peter Mersch, Die Familienmanagerin, 2006, S. 155ff. [**|**]):“ (Ebd., S. 193).

„Die Familienmanagerinnen könnten gleich auf mehrere Arten für mehr Generationengerechtigkeit sorgen:
Durch die Sicherstellung einer bestandserhaltenden Fertilität werden der nachfolgenden Generation nicht zu hohe Lasten aufgebürdet.

Durch die Bezahlung professioneller Familienmanager wird familienorientierten Menschen eine wirtschaftlich attraktive Option zur Gründung einer Großfamilie geboten. Solche Menschen können dann wirtschaftlich abgesichert das tun, was eigentlich ohnehin ihr Lebensziel war, ihre Kinder sind nicht der Gefahr von Armut ausgesetzt und die Gesellschaft profitiert als Ganzes davon.

Durch die zusätzliche Besteuerung von Kinderlosen und weitere Steuerentlastungen für Familien werden die Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zwischen Kinderlosen und Familien reduziert.“ (Ebd., S. 193-194).

6.2.5) Einkommens- und Sicherheitsnutzen

„Für die Teilgruppe der Familienmanagerinnen wären alle in unserer Gesellschaft bestehenden ökonomischen Faktoren zur Begrenzung der Familiengröße außer Kraft gesetzt. Denn eine Familienmanagerin würde sich für eine Ausbildung und dann entsprechend für diesen Beruf entscheiden, ähnlich wie das ein Arzt in seinem Falle tut. Ihre biographischen Opportunitätskosten wären also mit anderen Berufen vergleichbar. Hätte eine Familienmanagerin noch keinen Partner gefunden, könnte sie ihre berufliche Karriere mit der Fremdbetreuung von Kindern oder als Springerin für andere Familienmanagerinnen beginnen. Daneben könnte man in der Praxis jungen Müttern Umstiegsmöglichkeiten aus anderen beruflichen Tätigkeiten zum Beruf der Familienmanagerin anbieten. Auch hierdurch ließen sich die biographischen Opportunitätskosten weiter senken. Die biographischen Opportunitätskosten einer Familienmanagerin für ein zusätzliches Kind dürften in aller Regel praktisch gleich Null sein. Gleichfalls dürften die meisten anderen Opportunitätskosten sehr niedrig anzusetzen sein.“ (Ebd., S. 194).

„Da eine Familienmanagerin pro aufgezogenes Kind vergütet würde, und diese Vergütung üblicherweise höher als die direkten Kosten für die Kindererziehung wäre, erzielte sie pro Kind zusätzliche Einnahmen. Ein Kind lieferte dann nicht nur einen Konsumnutzen, sondern tatsächlich auch einen Einkommensnutzen. Mit jedem zusätzlichen Kind besserten sich die wirtschaftliche Situation und vermutlich auch das gesellschaftliche Ansehen einer Familienmanagerin. Alle Mechanismen, die zur Zeit eine Beschränkung auf kleine Familiengrößen bewirken, wären bei Familienmanagerinnen außer Kraft gesetzt: Der Beruf der Familienmanagerin erlaubte eine verantwortete Elternschaft pro Kind. ( (Franz-Xaver Kaufmann, Zukunft Familie - Stabilität, Stabilitätsrisiken und Wandel der familialen Lebensformen sowie ihre gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, 1990, S. 39).“ (Ebd., S. 194-195).

„Es kann deshalb eine Tendenz von Familienmanagerinnen zu großen Familienstärken prognostiziert werden.“ (Ebd., S. 195).

„Mit jedem Kind erhöhte sich das Einkommen einer Familienmanagerin, folglich auch ihr Rentenanspruch. Auch dieser Umstand dürfte die Bereitschaft von Familienmanagerinnen für große Familienstärken fördern.“ (Ebd., S. 195).

6.2.6) Scheidung, Adoption und Schwangerschaftsabbruch
Scheidung

„Betrachten wir dazu einmal den folgenden fiktiven Fall: Sie sind Angestellte(r) in einem deutschen Großunternehmen. Bei der letzten Gehaltserhöhung hat man Sie übergangen, angeblich wegen der zur Zeit undurchsichtigen wirtschaftlichen Lage. Ferner schaut Ihr Chef häufig etwas mißmutig drein. Das stört Sie gewaltig. Sie entschließen sich zu kündigen. Anschließend schicken Sie Ihrem Arbeitgeber per Rechtsanwalt ein Schreiben mit dem Inhalt zu, daß es aufgrund der momentanen Arbeitsmarktlage in naher Zukunft nicht zu erwarten sei, daß Sie einen vergleichbaren Job mit einer Ihrem gewohnten Lebensstandard entsprechenden Bezahlung finden werden. Deshalb erwarten Sie eine Fortführung der Gehaltszahlung von etwa 80% des bisherigen Gehalts. Grundlage des Schreibens ist eine neuerliche Gesetzesänderung im Arbeitsrecht, die das Verursacher- und Schuldprinzip bei Kündigungen aus der Rechtsprechung getilgt hat und Arbeitnehmern nach Einstellung eine Lebensstandardgarantie zuerkennt. Nun muß Ihr Arbeitgeber weiter für Sie aufkommen, auch wenn die Kündigung von Ihnen ausging. Dabei müssen Sie auch keine weiteren Gründe angeben, die Trennung allein genügt, und der Arbeitgeber muß sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Da der Gesetzgeber kein weiteres Unrecht schaffen und Berufstätige genau so absichern wollte wie berufslose Ehepartner, hat man im Rahmen der Gesetzesänderung die Dauer der Gehaltsweiterführung an die gesetzlichen Unterhaltsregelungen bei Ehescheidungen angepaßt. Waren Sie also zum Beispiel 10 Jahre bei einem Unternehmen beschäftigt, dann haben Sie einen gleich langen Anspruch auf Fortführung der Gehaltszahlung, wie eine berufslose Ehefrau Anspruch auf Unterhalt nach 10-jähriger Ehezeit hätte. Wie würde sich eine solche Regelung in Deutschland auf den Arbeitsmarkt auswirken? Ganz einfach: Es würde kaum noch Angestellte geben. Die Unternehmen würden statt dessen »lockere« Beziehungen zu jungen dynamischen und vor allem externen Dienstleistern vorziehen. Genau diese Entwicklung hat aber bei Ehe und Familie längst stattgefunden. Heute ziehen es viele junge Frauen und Männer vor, zunächst einmal eine solide Berufsausbildung abzuschließen. Dies hat zur Konsequenz, daß das Heiratsalter für ledige Personen deutlich angestiegen ist. In 2004 war das durchschnittliche Heiratsalter lediger Männer 32,4 und lediger Frauen 29,4 Jahre. Ein deutlich höheres Alter und eine bessere Ausbildung schützen aber indirekt vor manch unüberlegter Torheit. Wer erst mit 30 Jahren heiratet, wird sich viel eher Gedanken über die Konsequenzen seines Handeins machen als etwa eine 18-jährige Person. Und in diesem Alter werden sehr viele Menschen schon Erfahrungen mit Scheidungen im Familien- und Freundeskreis und den daraus geradezu fatalen und absurden Folgerungen gesammelt haben. Wer ein klein wenig sachlich an das Thema Ehe herangeht und nicht völlig durch Verliebtheit geblendet ist, wird unmittelbar zu dem Schluß kommen, daß eine Ehe ein zu hohes und vor allem unkalkulierbares und durch einen selbst nur wenig beeinflußbares Risiko darstellt. Gerade bezüglich langfristiger Verpflichtungen - bei gleichzeitig fehlendem Nutzen - weicht die Ehe so weit von anderen Vertragsarten (zum Beispiel Arbeits- und Mietrecht) ab, daß viele junge Paare es heute vorziehen, nicht zu heiraten.“ (Ebd., S. 195-196).

„Das Zerrüttungsprinzip bei der Ehescheidung hat zwar einige Vorteile gegenüber dem früheren Schuldprinzip, aber auch gravierende Nachteile, wobei insbesondere die denkbaren unkaikulierbaren Risiken zu nennen sind. Allein schon aus diesem Grunde ist für die meisten Männer das patriarchalische Ernährermodell heute keine attraktive Option mehr. Das Zerrüttungsprinzip dürfte darüber hinaus auf männlicher Seite fertilitätssenkend sein.“ (Ebd., S. 196).

„Im Rahmen des Familienmanager-Konzeptes könnten sich die folgenden Änderungen hin zu einem deutlich sozialverträglicheren Scheidungsrecht ergeben: Bei einer Ehescheidung mit Beteiligung einer Familienmanagerin verblieben die Kinder in aller Regel bei ihr. Eine Unterhaltszahlung für sie und die Kinder entfiele dagegen: Sie ist beruflich als Familienmanagerin tätig und verfügt über ein ausreichendes Einkommen, die Familie zu ernähren. Er hätte - wie vorher auch schon - eine Patenschaftssteuer für ein Kind abzuführen.“ (Ebd., S. 197).

„Bei einer Ehescheidung ohne Beteiligung einer Familienmanagerin und bis zu zwei gemeinsamen Kindern würde aus der Summe der Einnahmen beider Elternteile die zu entrichtende Patenschaftssteuer (für zwei Kinder) ermittelt. Diese würde dann als Unterhalt anteilsmäßig den Elternteilen zufließen, so wie sie für das Aufziehen der Kinder aufkommen. Wohnten die Kinder zum Beispiel ausschließlich bei der Mutter, dann erhielte sie den Unterhalt. Jeder Ehepartner hätte im Rahmen der gesellschaftlichen Normveränderung hin zur generellen weiblichen Berufstätigkeit für sich selbst zu sorgen, oder alternativ die Leistungen des Wohlfahrtsstaates in Anspruch zu nehmen.“ (Ebd., S. 197).

„Bei einer Ehescheidung ohne Beteiligung einer Familienmanagerin und mehr als drei gemeinsamen Kindern wären Sondervereinbarungen zu treffen, die sich am zur Zeit geltenden Recht orientieren könnten.“ (Ebd., S. 197).

Adoption

„Eine Familienmanagerin kann leibliche oder adoptierte Kinder aufziehen. In beiden Fällen wird der gleiche Leistungsbetrag pro Kind gezahlt. Da Familienmanagerinnen ausgewiesene Fachkräfte sind, könnte für sie der Adoptionsprozeß drastisch vereinfacht werden. Allerdings sollten bevorzugt kleine Kinder bis zum Alter von ein oder maximal 2 Jahren adoptiert werden, damit diese in den Genuß ihrer vollen Zuwendung kommen. Für eine Adoption kommen insbesondere in Frage:
Waisenkinder

Kinder, die sonst einem Schwangerschaftsabbruch zum Opfer gefallen wären

Kinder aus der Dritten Welt, deren Eltern gestorben oder in Not geraten sind.
Der letzte Punkt stellt eine aus humanitären Gesichtspunkten wesentlich günstigere Variante zur klassischen Zuwanderungspolitik dar: Ein so wohlhabendes Land wie Deutschland würde damit deutlich machen, daß es gewillt ist, das Aufziehen von zukünftigen Arbeitskräften nach Möglichkeit selbst vorzunehmen, anstatt diese zeitaufwendige Arbeit anderen Ländern aufzubürden. Außerdem könnte ein späterer Integrationsaufwand völlig entfallen ....“ (Ebd., S. 197-198).

„Allerdings sind Auslandsadoptionen zum gegenwärtigen Zeitpunkt äußerst komplex. Oft ist die Herkunft des Kindes nicht gesichert, so daß eine Adoptionsfreigabe aus kommerziellen Gründen nicht ausgeschlossen werden kann. Schon jetzt gibt es viel mehr adoptionswillige Familien als zur Adoption freigegebene Kinder. Eine Verbesserung der Situation kann deshalb nur durch Kooperationen mit verläßlichen Regierungen und in Zusammenarbeit mit humanitären Organisationen erzielt werden.“ (Ebd., S. 198).

„Eine weitere, zur Zeit noch sehr theoretische Option, besteht in der Unterstützung (zukünftiger Gebärtechniken, zum Beispiel das vollständige und nebenwirkungsfreie Aufwachsen von Embryos außerhalb des Mutterleibs (als Retortenbabies). Wenn solche Techniken einmal beherrscht und aus ethischen Gründen nicht abgelehnt werden, bleibt trotzdem immer noch die eigentliche Leistung des Erziehens und Bildens von Kindern. Auch für diesen - zur Zeit noch sehr futuristischen - Fall bieten sich die Familienmanagerinnen als ideale Adoptiveltern an.“ (Ebd., S. 198).

„Eine explizite Ermunterung von Familienmanagern, einen Teil der Kinder zu adoptieren, kann einige Vorteile haben:
Sie ermöglicht eine relativ schnelle Geburtenfolge. Die Einnahmen der Familien verbessern sich relativ schnell, ohne daß die beteiligten Frauen unter Druck geraten, durch frühzeitiges Abstillen für eine beschleunigte Geburtenfolge sorgen zu müssen.

Der Beruf des Familienmanagers könnte auf eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen, da die Bezahlung in der Regel nicht ausschließlich für das Aufziehen leiblicher Kinder erfolgt. Die Familienmanager tun also wichtige Dienste für andere. So etwas wird in unserer Gesellschaft besonders gern akzeptiert.

Der Beruf bekäme neben der offenkundigen Relevanz für die Zukunft der Gesellschaft etwas Humanitäres. Dafür sind Menschen eher bereit, auf einen Teil ihrer Einkünfte zu verzichten.
Die Maßnahme würde von jeglichem »Lebensborn«-Verdacht befreit. (Vgl. Peter Mersch, Land ohne Kinder, 2006, S. 138ff.).“ (Ebd., S. 199-200).

Schwangerschaftsabbruch

„Zuletzt wurden ca. 180 Schwangerschaftsabbrüche pro 1000 Lebendgeburten registriert. (Vgl. Stefan Rehder / Veronika Blasel, Jedes vierte gezeugte Kind wird abgetrieben, 2006, S. 116). .... Einige Experten gehen allerdings von einer beträchtlichen Dunkelziffer aus, so daß bereits auf drei Geburten eine Abtreibung kommen könnte. (Vgl. Stefan Rehder / Veronika Blasel, ebd., 2006, S. 116). Weltweit sollen rund 22 Prozent der 210 Millionen Schwangerschaften pro Jahr mit einer Abtreibung enden (das heißt: 45 Millionen Abtreibungen pro Jahr).“ (Ebd., S. 199).

„Daneben gibt es auch in Deutschland Indikatoren für den beträchtlichen Einsatz von Schwangerschaftsabbrüchen als Mittel der Familienplanung:
Über 97% der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche wurden nach der Beratungsregelung vorgenommen. Medizinische und kriminologische Indikationen waren in weniger als 3% der Fälle die Begründung für den Abbruch. (Vgl. Statistisches Bundesamt, 124000 Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 2005, 2006)

Mehr als 45% der Frauen, die ihr Kind im Jahr 2003 zur Abtreibung freigegeben haben, waren zum Zeitpunkt des Schwangerschaftsabbruchs verheiratet. (Vgl. Stefan Rehder / Veronika Blasel, Jedes vierte gezeugte Kind wird abgetrieben, 2006, S. 111).

Rund 60% der Mütter, die in 2003 ein Kind abgetreiben ließen, hatten zuvor ein oder mehrere Kinder.
„Es könnte Sinn machen, Mütter und Väter bei der Beratung im Vorfeld des Schwangerschaftsabbruchs gezielt auf die Alternative eines Auftrages des Kindes zwecks späterer Freigabe zur Adoption durch eine Familienmanagerin hinzuweisem. Eventuell könnten Familienmanagerinnen sogar direkt in den Beratungsprozeß integriert werden.“ (Ebd., S. 199-200).

„Diese Maßnahme hätte nicht nur erhebliche ethische Vorzüge, sondern könnte zusätzlich dazu beitragen, die Geburtenrate in Deutschland anzuheben.“ (Ebd., S. 200).

6.2.7) Betreunung von fremden Kindern

„Familienmanagerinnen wären in der Lage, besonders leistungsfähige Dienstleistungen für berufstätige bzw. nichtberufstätige Mütter anzubieten. Dazu gehören:
Elternberatungen

Schulungsmaßnahmen für berufstätige Eltern

Ganztags-Kindergruppen
Ganztags-Kindergärten
Ganztägige Aufenthalte von Kindern (24-Stunden-Service) bei Erkrankung oder beruflicher Abwesenheit der regulären Eltern
Tagesmütter-Dienste
Super-Nanny-Dienste
Auf diese Weise könnten Familienmanagerinnen bereits einen nennenswerten Anteil ihres potentiellen Einkommens realisieren, während sie selbst noch keine oder nur wenige Kinder haben. Gleichzeitig würden sie damit einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die übrigen Familien leisten.“ (Ebd., S. 201).

„Denkbar ist zum Beispiel die folgende Sitaution: Tochter Birgit der Familienmanagerin Susanne Mustermann geht tagsüber in die Schule. Nach der Schule bringt Birgit noch ihre beiden Schulkameradinnen Bettina und Britta mit, die solange betreut werden, bis sie von ihren Eltern abgeholt werden. Da die Kinder zunächst gemeinsam (und zum Teil mit Unterstützung der Familienmangerin) ihre Hausaufgaben machen und danach spielen oder etwas anderes zusammen tun, dürfte es kaum stören, wenn sich die Eltern aus beruflichen Gründen auch schon mal etwas verspäten.“ (Ebd., S. 201).

6.2.8) Familienmanagerin und natürliche Selektion

„Die natürliche Selektion begünstigt Eigenschaften und Strategien, die dür das Leben und Überleben von Vorteil sind. Seit der Gleichberechtigung der Geschlechter steht der Erfolg im Leben aber dem genetischen Überleben im Wege. Die weibliche Emanziptaion hat also ... massive Fehlsteuerungen im gesellschaftlichen Selektionsmechanismus hinterlassen, die auf lange Sicht das Ende unserer Kultur bewirken könnten.“ (Ebd., S. 201-202).

„Führte man den Beruf der Familienmanagerin ein, dann dürften qualifizierte Frauen um freie Familienmanagerinnen-SteIlen konkurrieren, familienorientierte Männer wiederum um Familienmanagerinnen, denn letztere erlaubten das relativ risikofreie Gründen einer größeren Familie. Es ist zu erwarten, daß Familienmanagerinnen eher gebildete und potentiell erfolgreiche Männer als Partner selektieren werden, da sie einerseits selbst gebildet sind (siehe: Bildungshomogarnie), und andererseits hierdurch oftmals ihre eigene wirtschaftliche Situation signifikant verbessem könnten.“ (Ebd., S. 202).

„Auf diese Weise würde sich das Reproduktionsverhalten der Gesellschaft wieder an das Muster der natürlichen Selektion angleichen, und die Gesellschaft erhielte die Fähigkeit zurück, sich kulturell gemäß ihren eigenen Erfolgskriterien weiterzuentwickeln. Die von den Familienmanagerinnen vermittelte wertgebende Erziehung dürfte die Gesellschaft nachhaltig verändern.“ (Ebd., S. 202).

6.2.9) Bewertung der Familienmanager-Maßnahme

„Wird das Familienmanager-Konzept dem Benchmark-Test des vorherigen Kapitels unterzogen, dann kann die Maßnahme insgesamt wie folgt bewertet werden:
1.Wirkt die Maßnahme generell geburtensteigemd? Antwort: Ja
2.

Fördert sie die Entstehung von Mehrkindfamilien mit drei oder mehr Kindern? Antwort: Ja

3.Erhöht sie vor allem die Geburtenrate in Schichten mit hohem sozioökonomischern Status beziehungsweise hohem Bildungsniveau? Antwort: Ja
4.Erhöht sie vor allem die Geburtenrate in sozial schwachen und bildungsfernen Schichten? Antwort: Nein
5.Ist die Größenordnung der Änderung im Fertilitätsverhalten sicher vorhersagbar? Antwort: Ja
6.Hat die Maßnahme für Frauen emanzipatorische Elemente? Antwort: Ja
Fazit: Die Maßnahme erreicht fünf von maximal fünf Punkten und kann deshalb als optimal zur Lösung der Bevölkerungsprobleme der entwickelten Länder eingestuft werden.“ (Ebd., S. 202-203).

6.2.10) »La donna è mobile«

„Es gibt Anzeichen dafür, daß die starke institutionelle Bindung von Ehe und Familie durch die im Rahmen der weiblichen Emanzipation erfolgten Aufhebung der klassischen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtem mehr und mehr ihre Sinnhaftigkeit verliert:
Von 1992 bis 2004 stieg die Zahl der jährlichen Ehescheidungen von ca. 140000 auf 213691. Dies entspricht einem Anstieg um mehr als 50 Prozent in 12 Jahren.

In 2004 standen 395992 Eheschließungen 213691 Ehescheidungen gegenüber, was einem Anteil von 54 Prozent entspricht. In zahlreichen Großstädten wie Berlin beträgt der Anteil der Zahl der Ehescheidungen an der Zahl der Ehesthließungen bereits mehr als 65 Prozent.

Von 1955 bis 1965 kamen auf 1000 Einwohner stets ungefähr 9 Eheschließungen, aber nur 1,0 Ehescheidungen. In 2004 wurden auf 1000 Einwohner 4,8 Ehen geschlossen und 2,6 Ehen geschieden
Von 1955 bis 1965 kamen auf 1000 Einwohner stets ungefähr 17 Geburten. In 2004 wurden pro 1000 Einwohner 8,6 Kinder geboren.
1961 bestanden 14,3 Prozent aller Haushalte aus fünf und mehr Personen, während es in 2004 nur noch 4,1 Prozent waren. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Einpersonenhaushalte von 20,6 Prozent auf 37,2 Prozent.
In den letzten Jahren wurden 75 Prozent aller Ehescheidungen von der Ehefrau eingereicht (Vgl. Peter Wippermann, Weniger Kinder - andere Welt: das Vordringen der »Ich-AG« [**], in: Christian Leipert [Hrsg.], Demographie und Wohlstand, 2003, S. 192 [**]).
Es ist also ein Rückgang der Heiratsneigung und eine Zunahme von Scheidungen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften feststellbar: »Um 1970 waren in der Bundesrepublik rund 90% aller Männer und 85% aller Frauen zwischen 35 und 45 Jahren verheiratet, und die Zahl der lebenslang unverheiratet Bleibenden lag unter 10% für beide Geschlechter. Zu heiraten gehörte damals zum selbstverständlichen Lebensentwurf jedes gesunden erwachsenen Menschen. Die Heiratswahrscheinlichkeit ging nach 1970 rasant zurück und erreichte um 1997 lediglich noch Werte um 70%für die 49-Jährigen beiderlei Geschlechts. Eine starke Zunahme war auch bei den Scheidungen zu beobachten: Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Ehe wieder geschieden wird, hat sich zwischen 1970 (15,9%) und 1985 (30,2%) nahezu verdoppelt und ist bis 2000 weiter auf 38,5% gestiegen. Gleichzeitig sank der Anteil wieder heiratender Geschiedener von 80% (Männer) beziehungsweise 75% (Frauen) auf ca. 67% in 1989, seither ist ein moderater weiterer Rückgang zu verzeichnen. Parallel dazu nahmen nichteheliche Lebensgemeinschaften erheblich zu: von ca. 137.000 (1972) auf 963000 (1990) und 1727000 (2002, nur alte Bundesländer).« Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 124ff. [**]).“ (Ebd., S. 203-204).

„Im Kapitel »Evolution« ab Seite 23 wurde erläutert, daß Frauen in ursprünglichen Jäger- und Sammlerkulturen auf den männlichen Schutz und Jagderfolg angewiesen waren, und zwar als unmittelbare Folge der besonderen Schutzbedürftigkeit des menschlichen Säuglings. Dies hatte unter anderem die Entwicklung der menschlichen Kernfamilie zur Folge, deren Bestand sowohl durch biologische Veränderungen als auch kulturelle Verbindlichkeiten gefestigt wurde: »Für die Evolution einer großköpfigen Spezies ist es unumgänglich, daß die Geschlechter sich die Arbeit teilen: Den Männern kommt die Jagd zu, den Frauen das Aufziehen der Kinder und das Sammeln von Pflanzen zur Egänzung der Nahrung. Die Logik der Evolution hat die Männer muskulöser ausgestattet als die Frauen ... Man versteht nun auch die Besonderheit der Fortpflanzung und der Sexualität im Menschengeschlecht besser: Einerseits ist die Geburt für die Frauen ganz besonders schmerzhaft und gefährlich, verglichen mit dem, was sich bei den anderen Säugetieren abspielt. Diese Anomalie ist allein durch den evolutorischen Vorteil zu erklären, Kinder mit großen Schädeln in die Welt zu setzen, die die Fähigkeit besitzen, Techniken zu entwickeln, die die Überlebenschancen verbessern. Andererseits ist das Sexualleben des Menschen anhaltend, wogegen die Paarung der Tiere streng auf eine zur Fortpflanzung günstige Jahreszeit begrenzt ist. Diese Besonderheit ermöglicht eine festere Bindung zwischen Mann und Frau und verhindert, daß letztere mit ihren Kindern verlassen wird, wenn diese noch unfähig sind, selbständig zu überleben. Kurz, es gibt keine noch so primitive Gruppe von Menschen, in der die familiären Beziehungen nicht durch bestimmte Riten und Vorschriften geregelt wären, ergänzt durch Tabus und Sanktionen. Sobald eine Frau niedergekommen ist, ist es verbindlich, daß sie ernährt wird, ebenso wie ihre Kinder. Die männlichen Jäger haben kein Recht, ihren Sexualtrieb rücksichtslos auszuleben.« (Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur - Die Evolution der Technik, 6. Auflage, 2006, S. 88ff.).“ (Ebd., S. 204-205).

„Die Frage ist nun: Bestehen auch umgekehrt analoge Verpflichtungen bei Frauen gegenüber ihren Männern? Und da ist leider zu befürchten, daß es solche nicht wirklich gibt, sondern daß ein großer Teil der Bindungen von Frauen an Männer das Resultat von Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit ist. Verlieren sich diese, verliert sich wohl auch die Verlässlichkeit von Frauen gegenüber ihren Männern (»La donna e mobile«) und die Beziehungen stehen unmittelbar auf dem Spiel. Dies zeigen beispielsweise schon der im Rahmen der weiblichen Emanzipation drastisch angestiegene Anteil der von Frauen beantragten Ehescheidungen und die gleichzeitig deutlich gestiegene Zahl an Ehescheidungen insgesamt: »Die Scheidungsrate ist nämlich ein Maß für die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen. Und wo Frauen mehr verdienen als ihre Männer, wächst die Scheidungsrate. Frauen, die mehr als ihr Ehemann verdienen, reichen doppelt so häufig die Scheidung ein wie Frauen, deren Ehemänner mehr als sie verdienen.« (Norbert Bolz, Die Helden der Familie, 2006, S. 37 [**]).“ (Ebd., S. 205).

„Andererseits berichten aber auch Untersuchungen, daß gebildete und ökonomisch selbständige Frauen offenkundig nur noch einen begrenzten Bindungswillen an Männer besitzen: »Eiduson fand in ihrer empirischen Studie über ledige Mütter in den USA diese Frauen, die sie ›Nest-Builders‹ nannte. Sie ›hatten ihre Schwangerschaft bewußt geplant und den Vater des Kindes gezielt ausgesucht. Sie lebten allein und unterschieden sich von den übrigen Frauen der Stichprobe durch ihre höhere Bildung und stärkeres Karrierestreben. Sie zeigten in ökonomischer, sozialer und psychischer Hinsicht die höchste Zufriedenheit mit ihrer Situation‹. Fallbeispiele in der Erhebung von Burkart und Kohli aus dem alternativen und akademischen Berliner Milieu weisen in eine ähnliche Richtung. Sie schreiben: ›Im Extremfall kann das sogar heißen: Es ist der Frau ziemlich egal, mit wem sie ein Kind bekommt. wichtiger ist, daß sie es zum biographisch richtigen Zeitpunkt bekommt. Ist sie dabei gleichzeitig mit dem Mann fürs Leben zusammen: umso besser. Aber sie wartet nicht auf ihn.‹« (Rosemarie Nave-Herz, Familie heute - Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, 2. Auflage, 2002, S. 102f.). Genau diese Problematik - sofern sie denn eine ist - läßt sich auch auf Familienmanagerinnen übertragen: Eine Familienmanagerin könnte Bindungen eingehen und Kinder in die Welt setzen, ohne dadurch in eine ökonomische Abhängigkeit zu geraten. Diese ökonomische Unabhängigkeit stellt einen entscheidenden Systemwechsel dar und könnte auf lange Sicht auch eine veränderte Partnerwahl bewirken, so wie das bereits bei anderen ökonomisch selbständigen Frauen zu beobachten ist. Es ist denkbar, daß es in erster Linie diese nicht auszuschließende Entwicklung ist, die für Unbehagen gegenüber einem Familienmanager-Konzept sorgen könnte, und die bislang eine angemessene Vergütung von qualifizierter weiblicher Erziehungsarbeit mit eigenen Kindern verhindert hat.“ (Ebd., S. 205-206).

„Werden gesellschaftlich ganz bestimmte Familienmanager-Konstellationen (zum Beispiel die Kernfamilie) präferiert, müßten sie vermutlich durch zusätzliche steuerliche Maßnahmen oder Auswahlkriterien gezielt gefördert werden.“ (Ebd., S. 206).

„Die ökonomische Unabhängigkeit der Familienmanagerinnen könnte aber auch die Bildung ganz neuer Familienstrukturen bewirken. So ist vorstellbar bis wahrscheinlich, daß sich einige Familienmanagerinnen in lockerer oder enger Weise zu größeren Familienformationen zusammenschließen, zum Beispiel um berufliche Synergien zu nutzen.“ (Ebd., S. 206).

„Wie auch immer: Die Partnerwahlkriterien und die Partnerbilldung ökonomisch selbständiger Familienfrauen können zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer vorhergesagt werden. Allerdings handelt es sich hierbei um ein generelles Phänomen, welches mit der ökonomischen Selbständigkeit von Frauen grundsätzlich einherzugehen scheint, was sich also keineswegs auf Familienfrauen beschränkt.“ (Ebd., S. 206).

7) Bevölkerungsplanung

„Vor 2000 Jahren - um Christi Geburt - lebten auf der Erde ganze 160 Millionen Menschen. Die erste Milliarde wurde um 1800 überschritten, 1927 dann schon die zweite. Die jeweils nächste Milliarde wurde in immer kürzeren Zeitabständen erreicht: drei Milliarden 1960, vier Milliarden 1974, fünf Milliarden 1987 und sechs Milliarden 1999. Zu Beginn des Jahres 2007 lebten auf der Erde etwa 6,7 Milliarden Menschen. (**).“ (Ebd., S. 207).

„Ich gehe einfachheitshalber einmal davon aus, dass Bevölkerungszahlen bei einer Fertilitätsrate von 2,1 (das heißt durchschnittlich 2, 1 Kinder pro Frau) stabil bleiben. Zur Zeit ist das ungefähr so, für die Vergangenheit traf das nicht zu, denn da war die Sterblichkeit von Kindern noch viel höher als heute, so daß höhere Fertilitätsraten für das Erhalten einer stabilen Bevölkerungsgröße nötig waren. Aber ich möchte die folgenden Überlegungen bewußt einfach halten, und deshalb sei angenommen, Bestandserhaltung werde grundsätzlich bei einer Fertilitätsrate von 2,1 erzielt. Nimmt man eine Generationendauer von 30 Jahren an, dann folgt aus den getroffenen Annahmen, daß sich die Weltbevölkerung seit 2000 Jahren durchschnittlich mit einer Fertilitätsrate von 2,22 vermehrt hat, also etwas mehr als bestandserhaltend. Möglicherweise sind Sie jetzt überrascht, denn 2,22 ist ja gar nicht so viel mehr als 2, 1, und trotzdem ist der Effekt gewaltig. Nun, wenn es so weitergehen würde wie bisher, dann würden im Jahr 4000, also nach nochmals 2000 Jahren, auf der Erde 264 Milliarden Menschen leben. Und da hört der Spaß dann nun wirklich auf. Oder darf es vielleicht ein bißchen mehr sein, zum Beispiel eine Fertilitätsrate von 2,3? Dann würden im Jahr 4000 fast drei Billionen Menschen auf der Erde leben. Oder sich auch übereinander stapeln. Allerdings gibt es auf der Erde ja auch das umgekehrte Phänomen: die Bevölkerungsschrumpfung. Zur Zeit sind in erster Linie die entwickelten Staaten davon betroffen, aber auch zahlreiche Schwellenländer hat sie bereits erfasst, und viele Bevölkerungsexperten sind der Ansicht, daß die globale Bevölkerungsexplosion nach 2050 bei vielleicht 9 oder 10 Milliarden Menschen zum Stillstand kommen wird und danach die Erdbevölkerung sogar insgesamt schrumpfen könnte. Doch mit welcher Rate? Zur Zeit haben fast alle entwickelten Länder deutlich zu niedrige Fertilitätsraten, insbesondere in Europa (und Nordamerika sowie Nord- und Ostasien; HB). .... Wenn sich die Erdbevölkerung die nächsten 2000 Jahre mit einer Fertilitätsrate von 1,66 fortpflanzen würde, dann würde sie bei einer Generationendauer von 30 Jahren bis zum Jahr 4000 auf ca. 1000 Menschen schrumpfen. Noch einmal in Worten und zum Mitschreiben: Eintausend! Vielleicht glauben Sie aber eher, die Weltbevölkerung könnte sich ... nur mit einer Fertilitätsrate von ca. 1,4 fortpflanzen. Noch besser, denn dann verbleiben im Jahr 4000 noch genau null Menschen übrig. Ausgestorben nennt man das. Man kann es deshalb auch so sagen: Eine Fertilitätsrate von 2,22 wie die letzten 2000 Jahre führt zu Überbevölkerung, Artensterben, Umweltschäden, Klimaveränderung, Krieg, Terrorismus, Armut, Hunger, eine von 1,66 ... zum Aussterben.“ (Ebd., S. 207-208).

„Nun werden Sie vielleicht einwenden, 2000 Jahre sei eine verdammt lange Zeit. Wer kann schon 2000 Jahre in die Zukunft sehen? Politiker sind doch meist schon bei 4 Jahren überfordert. Das ist richtig. Nur sollten die Beispielrechnungen vor allem auf zwei Dinge aufmerksam machen:
Die ... Fertilitätsrate ... von 1,66 ist ... nicht ausreichend.

Unterschiedliche Bevölkerungen vermehren sich auf unterschiedliche Weisen, eben gerade so, wie es den Menschen in den Kram paßt. Beispielsweise könnte die Bevölkerung in einem Land schrumpfen und im Nachbarland wachsen. Allein hierin besteht ein ungeheures Konfliktpotential, was in der Vergangenheit schon zu zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen geführt hat.

Auch dieser Letzter Punkt soll anhand einiger Zahlen beleuchtet werden, und diesmal bedarf es keiner 2000 Jahre, sondern lediglich bescheidenen 100. Im Jemen leben zur Zeit ca. 21,5 Millionen Menschen auf kargen 500000 Quadratkilometern Erde. Deutschland hat dagegen heute etwa 3600000 Quadratkilometer und 83 Millionen Einwohner. .... Setzen sich die Fertilitätsraten der beiden Länder - etwa 1,4 für Deutschland und 6,6 für den Jemen - noch 100 Jhre lang unverändert in die Zukunft fort, dann leben um das Jahr 2100 in Deutschland ca. 25 Millionen Menschen und im Jemen ca. 640 Millionen Menschen. Oder nehmenn wir die »Demokratische Republik« Kongo. Zur Zeit leben dort ca. 61 Millionen Menschen auf 2,345 Millionen Quadratkilometern Erde. .... Das Land hat eine Fertililitätsrate von 6,45, welche - bei unveränderter Entwicklung - dessen Bevölkerung in 100 Jahren auf 1,69 Milliarden Menschen katapultieren könnte. Dies sind kaum vorstellbare Zahlen. Deshalb ist eine langfristige unveränderte Fortsetzung der aktuelle, allerdings schon ein wenig andauernden Fertilitätsraten von Ländern wie Jemen oder »DR« Kongo nicht möglich. Doch woran wird es scheiter, was wird die Entwicklung letztendlich stoppen? Ich will es ihnen sagen: Hungersnöte, Seuchen, Krieg, Terror, Flucht. Und je nachdem wie viele Menschen flüchten, wird es dann auch in den Nachbarländern heißen: Hungersnöte, Seuchen, Krieg, Terror, Flucht.“ (Ebd., S. 208-209).

„Die Menschheit wird auf Dauer nur überleben und in Frieden miteinander auskommen können, wenn ihr die Beherrschung der Bevölkerungsentwicklung gelingt. Ist das zu viel verlangt? Nun, wir waren auf dem Mond, wir haben Atomkraftwerke, und der genetische Code ist auch entschlüsselt. Familienplanung und Abtreibung sind längst selbstverständlich geworden. Irgendwann wird man in der Lage sein, Menschen zu klonen und das Wetter zu beeinflussen. Und unter diesen Bedingungen soll es nicht möglich sein, über Maßnahmen zur zielgenauen Bestimmung zukünftiger Bevölkerungsgrößen nachzudenken, zumal man mit kaum etwas anderem die Welt nachhaltiger befrieden könnte?“ (Ebd., S. 210).

„Daeurhaft überbestandserhaltende Fertilitätsraten führen zu exponentiellem Bevölkerungswachstum, nichtbestnadserhaltende Werte zu exponentieller Bevölkerungsschrumpfung, in beiden Fällen also langfristig zur Katastrophe. Entwicklungsländer haben ohne die allgemeine Verfügbarkeit von leistungsfähigen Kontrazeptiva und ohne eine relative Gleichstellung der Frauen meist deutlich überbestandserhaltende Fertilitätsraten, entwickelte Länder dagegen deutlich nichtbestandserhaltende.“ (Ebd., S. 210).

„Doch wie hält man eine Bevölkerung im demographischen Gleichgewicht?“ (Ebd., S. 210).

„Eckard Knaul behauptet, Bevölkerungen wachsen so lange, bis eine bestimmte Populationsdichte überschritten ist, danach komme es zu Umkehreffekten. (Vgl. Eckart Knaul, Das biologische Massenwirkungsgesetz - Ursache von Aufstieg und Untergang von Kulturen, 1985). Mit anderen Worten: Bevölkerungen wachsen und schrumpfen zyklisch aus biologischen Gründen. Wobei anzumerken wäre: Dies dürfte jedes Mal mit Hungersnöten, Seuchen, Krieg, Terror, Flucht und sonstigem erheblichem Leid vonstatten gehen, ich erwähnte es bereits.“ (Ebd., S. 211).

„Meinhard Miegel und Stefanie Wahl meinen dazu: »Nach wie vor erneuert sich die Bevölkerung in der Zahl ihrer Kinder zu nur zwei Dritteln, und sie ist auch nicht bereit, hieran etwas zu ändern. Sie steht ganz im Banne der Ideologie des Individualismus, für die die Selbstverwirklichung des Einzelnen das höchste Gut ist.« Vgl. Meinhard Miegel / Stefanie Wahl., Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, 1993 [**]).“ (Ebd., S. 211).

„In Zukunft wird die Beherrschung des Bevölkerungswachstums ... schon aus sozialen und ökologischen Gründen zu den unerläßlichen Kompetenzen der Menschheit zählen müssen. Die zu niedrigen Geburtenraten der entwickelten Länder sind dafür von Vorteil, denn das im vorliegenden Buch beschriebene Familienmanager-Konzept erlaubt die zielgenaue Erhöhung von Geburtenzahlen, das heißt letztendlich eine präzise und gegebenenfalls global abstimmbare Bevölkerungsplanung, und zwar ohne dabei in Persönlichkeitsrechte einzugreifen. Es ist dazu lediglich erforderlich, die Differenz zwischen tatsächlicher und optimaler Geburtenrate durch die staatliche Finanzierung einer entsprechenden Zahl an Familienmanagerinnen auszugleichen. Allerdings sollte die Maßnahme mit einer veränderten Einstellung zum Fortpflanzungsverhalten einhergehen, etwa so, wie es im Abschnitt »Nachwuchsarbeit als Kollektivaufgabe« ab Seite 181 beschrieben wurde.“ (Ebd., S. 211-212).

„Viele Experten sind der Ansicht, daß sich ab ca. 2050 global fast überall niedrige Fertilitätsraten durchsetzen könnten. Durch zivilisatorische Errungenschaften (insbesondere der Medizin und Hygiene) können es sich die Menschen in den entwickelten Ländern »leisten«, weniger Kinder in die Welt zu setzen, da die Sterblichkeit gering ist. Einige der wichtigsten medizinischen und hygienischen Erkenntnisse beziehungsweise Verfahren und viele Leistungen der Lebensmittelindustrie wurden aber auch in die Dritte Welt exportiert, so daß dort Kinder nun eine deutlich höhere Überlebenschance besitzen. Die Bevölkerungen scheinen aber ihr Reproduktionsverhalten nur sehr langsam an die veränderten Verhältnisse anzupassen, zumal wirksame Empfängnisverhütungsmittel häufig gar nicht zur Verfügung stehen oder aus religiösen Gründen nicht angewendet werden. Es wird aber erwartet, daß eine solche Anpassung, die in zahlreichen Ländern bereits zu beobachten ist und den Namen demographischer Übergang (**|**) trägt, global noch stattfinden wird. Allerdings dürfte sie kaum schmerzfrei vonstatten gehen. Beschleunigende Effekte können offenbar durch Bildungsmaßnahmen - insbesondere auf Seiten der Frauen - erzielt werden. Generell läßt sich feststellen: Je höher die gesellschaftlichen Bildungsanforderungen sind, desto mehr steigen die elterlichen Investitionen in Kinder und desto kürzer wird gleichzeitig der speziell den Frauen für die Reproduktion zur Verfügung stehende Zeitraum, was wiederum ein Sinken der Fertilitätsrate zur Folge hat. Auch verlängert sich hierdurch der Generationenabstand.“ (Ebd., S. 212).

„Hat also der demographische Wandel erst einmal alle Länder dieser Erde erfaßt, so daß sich auf natürliche Weise global zu niedrige Fertilitätsraten einstellen, dann könnte man mit Verfahren wie dem Familienmanager-Konzept Bevölkerungsgrößen global abgestimmt planen. Das wäre dann die wirkliche Chance des demographischen Wandels.“ (Ebd., S. 212).

 

Zitate: Hubert Brune, 2007 (zuletzt aktualisiert: 2009).

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- Literaturverzeichnis -