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Peter Mersch (*1949)
- Land ohne Kinder. Wege aus der demographischen Krise (2005) -
- Die Familienmanagerin. Kindererziehung und Bevölkerungspolitik in Wissensgesellschaften (2006) -
- Migräne. Heilung ist möglich (2006) -
- Irrweg Bürgergeld. Eine Kritik aus Sicht der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft  restlos ruinieren wird (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2009) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (in: Kulturelle Vererbung; 2010) -
- Eva Herman, der BGH und die deutsche Sprache (2011) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie. Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? Das Königsproblem der Evolutionsbiologie (2012) -
- Bevölkerungsplanung (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Familienarbeit in gleichberechtigten Gesellschaften (2012) -
- Wie Übergewicht entsteht ..., und wie man es wieder los wird (2012) -
- Gesund abnehmen ohne Jojo-Effekt (2012) -
- Klüger werden und Demenz vermeiden (2012) -
Mersch-Zitate. Da ich Peter Mersch für einen der informativsten Wissenschaftler halte, möchte ich ihm einige
separate Seiten widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:   

- Land ohne Kinder (2005) -
- Die Familienmanagerin (2006) -
- Irrweg Bürgergeld (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (2010) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Zitat vom 25.12.2012, 07:22:59 -

Sytemische Evolutionstheorie. Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie (2012) **

„Die ... Überschußbedingung (Nachkommenüberschuß als Bedingung; HB) ist beim modernen Menschen, aber auch bei einigen anderen Arten nicht gegeben.“ (Ebd., S. 2).

„Die von der Bevölkerungslehre von Thomas Malthus inspirierte Darwinsche Evolutionstheorie geht davon aus, daß sich die Individuen aller Spezies um so schneller vermehren, je mehr Mittel ihnen zur Verfügung stehen (es wird nämlich angenommen, daß alle Individuen nach einer Optimierung ihres Fortpflanzungserfolges streben). .... Beim modernen Menschen besteht dagegen eine negative Korrelation zwische Reproduktion und sozialem Erfolg (Verfügbarkeit von Mitteln). Dieses im direkten Widerspruch zu den Annahmen der Darwinschen Evolutionstheorie stehende menschliche Verhalten hat Vining ... das Central Theoretical Problem of Human Sociobiology (**) genannt. In der Demographie trägt es den Namen Demographisch-Ökonomisches Paradoxon (**). Das Problem ist bis heute ungelöst ....“ (Ebd., S. 2).

„In modernen Industriestaaten besteht im allgemeinen einerseits eine negative Korrelation zwischen dem teilweise geentsich bedingten Merkmal Intelligenz (IQ) - beziehungsweise dem Bildungsniveau - und dem Fortpflanzungserfolg (Fitneß), andererseits aber auch eine positive Korrelation zwischen Einkommen und Intelligenz. .... Das Fortpflanzungsverhalten in den Industrienationen steht folglich im Widerspruch zum Prinzip der natürlichen Selektion der Synthetischen Evolutionstheorie.“ (Ebd., S. 3-4).

„Beim modernen Menschen basiert der individuelle Reproduktionserfolg keineswegs (ursächlich) auf individuellen (genetisch bedingten) Eigenschaften, wie es das Prinzip der natürlichen Auslese in der Fassung der Synthetischen Evolutionstheorie postuliert.“ (Ebd., S. 5).

„Das eigentliche Problem in den aktuellen Lehrbuchformulierungen der natürlichen Selektion ist, daß darin Korrelation mit Kausalität verwechselt wird.“ (Ebd., S. 5).

„Historisch gesehen hat man bislang fast jegliche biologische Abweichung von den bereits vorhandenen Selektionsprinzipien der Evolutionstheorie durch ein zusätzliches Selektionsprinzip zu lösen verucht:
Problem: Die natürliche Selektion ist nicht in der Lage, die Entstehung von Sexualdimorphismen zu erklären, die für den Merkmalsträger in seiner Umwelt eigentlich von Nachteil sind (z.B, Pfauenschweif). Lösung: sexuelle Selektion.
Problem: Die natürliche und sexuelle Selektion sind nicht in der Lage, die eusozial Organisation von Insektensozialstaaten zu erklären. Lösung: Verwandtenselektion (Theorie der egoistischen Gene).
Problem: Natürliche, sexuelle und Verwandtenselektion sind nicht in der Lage, die bei einigen Arten bestehenden, sich über mehrere Ebenen erstreckenden komplexen (teilweise altruistischen) Reproduktionsstrategien zu erklären. Lösung: Multilevel-Selektion.
Problem: Natürliche, sexuelle, Verwandtenselektion und Multilevel-Selektion sind nicht in der Lage, das Reproduktionsverhalten moderner Menschen zu erklären. Lösung: das Kultur- und Sozialwesen Mensch hat sich aus der Evolution verabschiedet.“ (Ebd., S. 6).

„Und schließlich eignet sich die Darwinsche Evolutionstheorie grundsätzlich nicht zur Beschreibung der soziokulturellen Evolution, zumal sie keine Differenzierungen im Hinblick auf die im sozialen Gemeinschaften vereinbarten Wettbewersbkommunikationen macht, sondern lediglich das Recht des Stärkeren zu kennen scheint.“ (Ebd., S. 7).

„Ziel der Systemischen Evolutionstheorie ist es deshalb, die biologische und soziokulturelle Evolution aus einheitlichen Evolutiosnprinzipien heraus zu beschreiben., und zwar auf Basis einer Ontologie, die mit den Grundannahmen des systemischen Materialsimus vereinbar ist. (**).“ (Ebd., S. 7).


Hierzu hat Peter Mersch auf einer Internetseite von Klaus Rohde () einen Kommentar hinterlassen: „»Systemischer Materialismus — Peter Mersch bezieht sich auf den ›ontologischen Materialismus‹ als einer der Grundlagen seiner Theorie.« (**). Die entsprechenden Passagen sind in der aktuellen Variante des Textes etwas schwächer formuliert. Für mich ist der Materialismus keine Grundlage der Systemischen Evolutionstheorie. Ich halte ihn aber ihm Rahmen von Naturwissenschaften für eine ontologische Minimalposition. Damit will ich sagen: Eine naturwissenschaftliche Theorie sollte meines Erachtens mit ihren Begriffen und Konstruktionen auch mit einem ontologischen Materialismus kompatibel sein. Wenn zusätzlich auch noch andere Ontologien mit ihr kein Problem haben, dann ist das um so besser. Aber wenn bereits die Materialisten bei zentralen Aspekten der Theorie die Hand heben, dann hat sie nach meiner Auffassung ein gehöriges Problem. Und das ist z. B. bei der Memetik der Fall, die ja in vieler Hinsicht ein Konkurrenzmodell zur Systemischen Evolutionstheorie darstellt, zumindest, was die Beschreibung der soziokulturellen Evolution angeht. Bei ihr haben sich Hauptvertreter des Materialismus (Bunge/Mahner) dahingehend geäußert: Sorry, das verträgt sich mit unserer Ontologie leider nicht.“ **
Übrigens findet sich in Rohdes Text auch eine Stelle, die meine Annahme, daß eher Schopenhauer statt Darwin als Begründer der Evolutionstheorie zu gelten hat: „Schon Nietzsche hat darauf hingewiesen, daß der von Darwin angenommene Kampf ums Dasein eher die Ausnahme als die Regel darstellt, weil in der Natur weitgehend Überfluß und nicht Mangel herrscht. Aus diesem Grunde betonte Nietzsche die aktive Natur der Evolution (»Evolutionsakteure« der Systemischen Evolutionstheorie), die im allgemeinen nicht als Ergebnis des Kampfes um begrenzte Ressourcen zu verstehen ist. Auch Schopenhauer betonte schon vor (lange vor! HB) Nietzsche die aktive Rolle der Evolution. Nietzsche wies auch darauf hin, daß beim modernen Menschen die (im weitesten Sinne) begabtesten oft weniger Nachkommen erzeugen als die weniger begabten, d.h. er erkannte das demographisch-ökonomische Pardoxon.“
**
Arthur Schopenhauer vertrat lange vor Charles Darwin selbst dessen Evolutionstheorie, die später leider trotzdem den Namen „Darwinsche Evolutionstehorie“ erhielt. Schopenhauers „System ist antizipierter Darwinismus, dem die Sprache Kants und die Begriffe der Inder nur zur Verkleidung dienten. In seinem Buche »Über den Willen in der Natur« (1835) finden wir schon den Kampf um die Selbstbehauptung in der Natur, den menschlichen Intellekt als die wirksamste Waffe in ihm, die Geschlechtsliebe als die unbewußte Wahl aus biologischem Interesse. (Im Kapitel »Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe« [in: Die Welt als Wille und Vorstellung, 1818, Band II, Kapitel 44] ist der Gedanke der Zuchtwahl als des Mittels zur Erhaltung der Gattung in vollem Umfang vorweggenommen.). Es ist die Ansicht, welche Darwin auf dem Umweg über Malthus mit unwiderstehlichem Erfolg in das Bild der Tierwelt hineingedeutet hat. (
**).“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 474 **).

„Die jeweiligen Reproduktionsinteressen, die in biologischen Populationen dem Grad an Fortpflanzungsegoismus bzw. -altruismus entsprechen können, müssen ... nicht notwendigerweise fixe, auf inneren Eigenschaften beruhende Merkmale der Individuen (das heißt, individuelle, genetisch bedingte Verhaltenspräferenzen) sein, sondern können maßgeblich durch deren soziale Rollen im Populationsverband bestimmt sein. Für sie Systemische Evolutionstheorie leitet sich somit das soziale Verhalten von Lebewesen (inklusive Konkurrenz, Kooperation und Altruismus) micht zwingend aus Gen-Egoismen bzw. den zugrunde liegenden genetischen Verwandtschaftsverhältnissen ab, sondern es kann sich auch - den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend - auf eigenständige Weise im Zusammenspiel mit anderen entwickeln. Die Systemische Evolutionstheorie besitzt - anders als die Darwinsche Theorie - in diesem Sinne ein integriertes soziales Konzept.“ (Ebd., S. 17).

„Die Evolution (Entwicklung) der unbelebten Natur begann mit dem Urknall. Ihr vorherrschendes Grundprinzip ist die Selbstorganisation. Selbstorganisaton ist ein irreversibler Prozeß, der durch das kooperative Wirken von Teilsystemen (auf der Grundlage von im Universum geltenden Gestzesmäßigkeiten) zu den komplexen Strukturen des Gesamtsystems führt. Die formgebenden, gestaltenden und beschränkenden Einflüsse auf die Systementwicklung gehen dabei von den Elementen(Teilsystemen) des sich organsierenden Systems selbst aus. (**).“ (Ebd., S. 28).


„Für Robert B. Laughlin organisiert sich die gesamte reale (»Newtonsche«) Welt mitsamt ihren Gesetzmäßigkeiten »ernergent« auf einer darunterliegenden unbestimmten Quantenwelt. Siehe Robert B.Laughlin, Abschied von der Weltformel. Die Neuerfindung der Physik. 2009, S. 305: »Der Mythos, kollektives Verhalten folge aus der Gesetzmäßigkeit, geht in der Praxis genau in die falsche Richtung. stattdessen folgt Gesetzmäßigkeit aus kollektivem Verhalten, ebenso wie andere daraus hervorgehende Dinge wie etwa Logik und Mathematik. Unser Geist kann das, was die physische Welt macht, nicht deshalb antizipieren und meistern, weil wir Genies sind, sondern weil die Natur das Verständnis erleichtert, indem sie sich selbst organisiert und Gesetzmäßigkeit hervorbringt.« Das herrschende Paradigma ist deshalb fiir ihn die Organisation (ebenda, S. 304). Und weiter (ebenda, S. 75): »Der bei weitem wichtigste Effekt der Phasenorganisation besteht darin, daß sie Objekte dazu bringt, zu existieren. Dieser Punkt erschließt sich schwer und wird leicht übersehen, weil wir gewohnt sind, uns die Herausbildung fester Substanzen als Zusammenschluß Newtonscher Kugeln vorzustellen. Atome sind jedoch keine Newtonschen Kugeln, sondern flüchtige quantenmechanische Wesen, denen die wichtigste aller Eigenschaften eines Objekts fehlt - eine feststellbare Position.« Und ( ebenda): »Wächst die Probe aber auf makroskopisch viele Atome an, so wird die Unterscheidung zwischen inneren Bewegungen des ganzen Körpers qualitativ - und letzterer gewinnt Newtonsche Realität. Man kann sich nur deshalb weiterhin Atome als Newtonsche Objekte vorstellen, weil ein emergentes Phänomen den Irrtum unerheblich werden läßt. Das tut es jedoch nur fiir die Bewegung des Körpers als eines Ganzen. Die inneren Vibrationsbewegungen bleiben hingegen vollständig im Quantenbereich.« Schließlich (ebenda, S. l26f.): »Vom reduktionistischen Standpunkt aus ist physikalische Gesetzmäßigkeit der Impuls, der das Universum antreibt. Sie kommt nirgendwoher und schließt alles mit ein. Aus der Sicht der Emergenztheorie stellt physikalische Gesetzmäßigkeit eine Regel kollektiven Verhaltens dar. Sie ist eine Folge ursprünglicher, darunterliegender Verhaltensregeln (obwohl sie das nicht hätte sein müssen), und sie gibt einem die Möglichkeit, innerhalb eines beschränkten Rahmens von Bedingungen Vorhersagen zu treffen. Außerhalb dieses Rahmens wird sie bedeutungslos und durch andere Regeln ersetzt, die innerhalb einer Hierarchie der Abstammung entweder ihre Kinder oder ihre Eltern sind. Keine dieser Sichtweisen kann aufgrund von Fakten die Oberhand über die andere gewinnen, weil beide aufTatsachen gegründet und beide im herkömmlichen wissenschaftlichen Sinn des Begriffs wahr sind.« .... Die Systemische Evolutionstheorie folgt vom Grundsatz her solchen Vorstellungen.“ (Ebd.).

„In einem energetisch zerfallenden Universum können auf diese Weise (ohne Kompetenz bewahrende evolutionäre Prozesse) vermutlich nur begrenzte Komplexitäten entstehen.“ (Ebd., S. 29).

„Charakteristisch für die Evolution des Lebens und aller darauf aufbauenden Evolutionen (Kultur, Gesellschaft, Technik u.s.w.) ist aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie die Selbstreproduktivität der sie vorantreibenden Systeme. Selbstreproduktive Systeme sind Informationssysteme. Sie können ihre Lebensraumkompetenzen speichern, verändern und gegebenenfalls replizieren und auf diese Weise aufbauen, erweitern und anpassen. Der evolutive Wissensaufbau ermöglichte das Entstehen sehr großer Komplexitäten.“ (Ebd., S. 29).

„Wenn im Folgenden von Evolution die Rede ist, dann sind ausschließlich solche höheren, auf Selbstreproduktivität basierenden Evolutionsformen gemeint.“ (Ebd., S. 29).

„Ein Sprichwort sagr: »Drei Dinge machen den Meister: Wissen, Können und WollenKompetenz steht im allgemeinen für (etwas mehr als) die Kombination aus Wissen und Können. Um etwa ein Bergmassiv überqueren zu können, muß man nicht nur die geeigneten Wege kennen (siehe: Wissen), sondern auch eine ausreichende Trittsicherheit, Kraft und Ausdauer besitzen und geeignet ausgerüstet sein (siehe: Können). Mit anderen Worten: Man muß die Kompetenz zur Überquerung des Bergmassivs besitzen. Die Kompetenz allein führt jedoch noch nicht zur tatsächlichen Handlung (in diesem Fall: der Überquerung des Bergmassivs). Dazu wird noch ein entsprechendes Interesse (Intention, Wollen, Bestreben, Ziel) benötigt.“ (Ebd., S. 45).

„In der Vorstellung der Systemischen Evolutionstheorie geht es bei Evolution letztlich um den Erhalt von Kompetenzen.“ (Ebd., S. 63).

„Ein Verlust hat aus Sicht des Lebens immer etwas Bedrohliches an sich, da er - je nach Ausmaß und Charakter - die weitere Lebens- und Überlebensfähigkeit (das heißt, die Reproduktionsfähigkeit) bneeinträchtigen kann.. Gemäß dem 2. Hauptsatz der Thermodynanamik »verlieren« Systeme an Kompetenzen (ihre thermodynamische Entropie nimmt zu; das heißt, sie deqaulifizieren), wenn sie nichts tun, wobei Umweltveränderungen (auh durch Komepetenzzuwäche auf seiten anderer Evolutionsakteure) einen beschleunigenden Effekt auf die Entwicklung haben können. Also müssen sie etwas tun, um »am Leben« zu bleiben.“ (Ebd., S. 63).

„Jedes Lebewesen steht beständig vor der Frage, ob es eher in Selbsterhalt (hohe Zeitpräferenz), Weiterentwicklung (mittlere Zeitpräferenz) oder Fortpflanzung (niedrige Zeitpräferenz) investiertem soll.“ (Ebd., S. 66).

„Aus Sicht des Individuums sind Selbsterhalt und Weiterentwicklung vorrangig egoistisch, Fortpflanzung hingegen altruistisch, denn sie geschieht im Dienste anderer (der Nachkommen). Allerdings behauptet die Theorie der egoistischen Gene, daß die Fortpflanzung primär aus Sicht der Gene betrachtet werden müsse. Unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung der eigenen Gene ist sie dann gleichfalls als egoistisch einzustufen.“ (Ebd., S. 67).

„Auch Superorganismen (z.B. Unternehmen, Honigbienenkolonien) kennen den Zielkonflikt zwischen Kompetenzreproduktion unterscheidlicher Zeitpräferenzen (Kompetenzerhaltungsphasen).“ (Ebd., S. 67).

„Durch Kompetenzzuwachs bzw. Wissensanreicherung läßt sich die Entropie eines Lebensraums ... „subjektiv“ senken. Man ist dann sozusagen an die Umwelt besser angepaßt (sie wirkt sozusagen „geordneter“), was zur Folge hat, daß man darus (vermutlich) leichter Ressourcen zur Reproduktion der Kompetenzen erlangen kann. Allerdings wäre aufgrunde des Kompetenzzuwachses gleichzeitig der Ressourcenbedarf zur Reproduktion der umfangreicheren Kompetenzen gestiegen, speziell dann, wenn sich die Verhältnisse im Lebensarum schnell und gegebenenfalls grundlegend ändern. Unabdingbare Voraussetzungen für die langfristige (Höher-)Entwicklung von Kompetenzen sind deshalb eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle und relativ stabile Lebensraumbedingungen. Anders gesagt: Verbrauchte Ressourcen sollten sich im Lebensraum stets wieder hinreichend schnell erneuern, zum Beispiel, indem verspeiste Pflanzen und Tiere regelmäßig und ausreichend rasch nachwachsen, damit Lebensraumwissen sukzessive akkumuliert werden kann.“ (Ebd., S. 75-76).

„Zu Beginn der biologischen Evolution war das ganze Wissen der Lebewesen noch in den Genen gespeichert. Die Wissensreproduktion (Informationsverarbeitung) erfolgte ausschließlich während der Fortpflanzung. Dabei ging es um den Erhalt des in den Genen gespeicherten Wissens. Eine Spezialisierung auf betsimmte Kernkompetenzen gab es zu dem Zeitpunkt nicht, Fortpflanzung bedeutete stets die Reproduktion des gesamten individuellem Wissens (das heißt, aller Kompetenzen).“ (Ebd., S. 78).

„Die Frage, ob es sich bei Information um eine eigenständige physikalische Größe handelt, die so konkret wie Temperatur, Masse oder Energie und damit auch ohne Semantik (gibt es überhaupt etwas ohne Semantik? HB) existent ist, wird in den Wissenschaften konträr diskutiert. Eine eher spekulative These lautet, das Universum könnte eine nicht-materielle Grundlage besitzen und sich aus Daten zusammensetzen (»It from Bit«) oder gar ein Computer sein. Einige Autoren stellen eine enge Beziehung zwischen Entropie und Information her oder setzen sie schlußendlich gleich. Ferner wird angemerkt, daß bei der Informationsverarbeitung Energie verbraucht wird und sogar verbraucht werden muß (bis hin zu der recht präzisen Aussage des Landauer-Prinzips, daß bei der Verarbeitung von n Bit Information mindestens eine Energie von E = n • k • T • ln (2) verbraucht wird, beziehungsweise - noch etwas präziser -, daß das Löschen eines Bits an Information zwangsläufig die Abgabe von Energie in Form von Wärme gemäß W = k • T • ln (2), wobei k = Boltzmann-Konstante, T = absolute Temperatur der Umgebung, zur Folge hat), wodurch gewissermaßen eine Verbindung zwischen den Begriffen Energie und Information nachgewiesen sei. Dies sei - so wird ergänzt - bemerkenswert, da die Begriffe Entropie und Energie physikalische Begriffe sind. Und schließlich hat sich längst der Begriff der Quanteninformation (und darauf aufbauend auch der Begriff der Quanteninformatik) etabliert Andere Autoren betonen dem gegenüber, daß die Daten des Lebensraums erst durch die Interpretation und Bedeutungszuordnung eines sich an Interessen orientierenden (lebenden) Systems zu Informationen werden, die es ihnen erlauben, aus kleineren Teilen größere Zusammenhänge zu konstruieren, Prognosen zu erstellen und hierdurch Überlebensvorteile zu erlangen.“ (Ebd., S. 80-81).

„Darwinistische Anpassungsprozesse erfolgen stets in die Richtung, in die auch der thermodynamische Zeitpfeil weist.“ (Ebd., S. 88).

„Kosmologen gehen heute mehrheitlich davon aus, daß das Universum als relativ glatter, regelmäßiger (geordneter, entropiearmer) Punkt (eventuell als Singularität) in der Raumzeit begann und sich dann sehr schnell ( exponentiell; 'linflationär") ausdehnte. Es hat also in einem gleichmäßigen und geordneten Zustand begonnen und ist mit der Zeit klumpig (Galaxien, Sterne etc.) und ungeordnet geworden218. Letzteres folgt bereits aus dem Umstand, dass es stets mehr ungeordnete Zustände als geordnete gibt, Während der Expansion des Universums nahm und nimmt die Entropie somit kontinuierlich zu (zweiter Hauptsatz der Thermodynamik; thermodynamischer Zeitpfeil). Solange während dieser Phase noch ausreichend Energie von hoher Qualität zur Verfügung steht, sind Evolution und intelligentes Leben möglich.“ (Ebd., S. 88).

„Für Peter W. Atkins ist jegliche Veränderung in unserem Universum Ausdruck seines energetischen Zerfalls: »Alle Veränderung ... erwächst im Grunde aus einem Zerfall in Chaos. Als letztlich grund- und zweckloser Zerfall wird sich erweisen, was uns als Beweggrund und Zweck erscheinen mag. Absichten und ihre Erfüllung leben vom Zerfall.  –  Die Tiefenstruktur von Veränderung ist Zerfall. Dabei zerfällt nicht die Quantität, sondern die Qualität der Energie. ....  –  Resultate des Zerfalls sind nicht nur Hochkulturen, sondern alle Ereignisse auf unserem Planeten und im Universum.« (Ders., Schöpfung ohne Schöpfer, 1984, S. 33). Und an anderer Stelle: »Die Einfachheit, die aller Veränderungstendenz letztlich zugrunde liegt, ist in manchen Prozessen tiefer verborgen als in anderen. Während sich Abkühlung leicht als natürliche, durch Atomgedränge bewirkte Ausbreitung erklären läßt, ist die ursprüngliche Einfachheit in Prozessen wie Evolution, Willensfreiheit, politischem Ehrgeiz und Kriegsführung nicht so leicht zu entdecken. Indes, mag sie auch noch so verborgen sein, die Triebfeder aller Schöpfung ist der Zerfall, und jede Handlung ist die mehr oder weniger unmittelbare Folge der natürlichen Auflösungstendenz.« (Ebd., S. 39).“ (Ebd., S. 88).

„Die erneute Kontraktion des Universums wird von Kosmologen (wenn: überhaupt) erst ab dann erwartet, wenn es sich bereits in einem Zustand fast vollständiger Unordnung befindet. Da die Unordnung unter solchen Voraussetzungen kaum mehr weiter zunehmen kann, gäbe es dann keinen ausgeprägten thermodynamischen Zeitpfeil mehr, der jedoch Vorbedinigung für Evolution und intelligentes Leben ist. Denn, wie gezeigt wurde, benötigen Lebewesen fortwährend Energie in geordneter (hochwertiger) Form, um ihre Kompetenzen reproduzieren zu können. Im Gegenzug versetzen sie das Universum in weitere Unordnung (Entropie).“ (Ebd., S. 88-89).

„Die Überlegungen zeigen einmal mehr, daß Evolution letztlich eine Folge des fortwäbrenden Bestrebens selbstreproduktiver Systeme ist, den Zeitpfeilen des Universums (für eine gewisse Zeit) zu entrinnen und nutzbare vorhandene Kompetenzen und damit Ordnungen zu bewahren. Anders gesagt: Evolution entspringt den Grundbedingungen unseres Universums.“ (Ebd., S. 89).

„Die Evolutionäre Erkenntnistheorie (vgl. Gerhard Vollmer, Evolutionäre Erkenntnistheorie, 1994) geht in ihrer realistischen Variante davon aus, daß es eine reale Welt gibt, deren Objekte zunächst auf die Sinnesorgane projiziert werden. Im Erkenntnisprozeß wird dann versucht, die Objekte aus ihren Projektionen zu rekonstruieren. Diese Rekonstruktion bleibt jedoch stets hypothetisch. Mit anderen Worten: Alles Tatsachenwissen ist hypothetisch. Daß dennoch eine gute Passung der Erkenntnisstrukturen zur Realität besteht, ist gemäß der Evolutionären Erkenntnistheorie eine Folge von Evolution: »Unser Erkenntnisapparat ist ein Ergebnis der biologischen Evolution. Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese Welt herausgebildet haben. Und sie stimmen mit den realen Strukturen (teilweise) überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglichte. Sie sind individuell angeboren und somit ontogenetisch a priori, aber stammesgeschichtlich erworben, also phylogenetisch a posteriori. .... Die Evolutionäre Erkenntnistheorie deutet die Passung unserer kognitiven Strukturen als Ergebnis eines Selektionsprozesses, einer evolutiven Anpassung. Nicht nur Sinnesorgane, Zentralnervensystem und Gehirn sind Evolutionsprodukte, sondern ebenso ihre Funktionen: Sehen, Wahrnehmen, Urteilen, Erkennen, Schließen.« (Gerhard Vollmer, Biophilosophie, 1995, S. 120 f.).“ (Ebd., S. 89).

„Der Ansatz der Systemischen Evolutionstheorie unterscheidet sich in der genannten Fragestellung nur unwesentlich von der Evolutionären Erkenntnistheorie. Beispielsweise ist für sie der menschliche Erkenntnisapparat ein Ergebnis der biologischen und der soziokulturellen Evolution. Ferner entstanden in ihrer Auffassung die Erkenntnisstrukturen nicht nur durch Anpassungen an die reale Welt und im Rahmen eines Selektionsprozesses, sondern vor allem in Übereinstimmung mit den Reproduktionsinteressen .... Anders gesagt: Erkenntnis ist immer auch interessengeleitet.“ (Ebd., S. 90).

„Bei der natürlichen Selektion ist die Umwelt die Natur, bei der sexuellen Selktion hingegen die Population.“ (Ebd., S. 106).

„Das Besondere an der sexuellen Auslese ist nicht die Selektion, sondern die Akzeptanz von Besitzrechten.“ (Ebd., S. 107).

„Auch sollte man nicht vorschnell schlußfolgern, das Recht des Besitzenden sorge - anders als das brachiale Recht des Stärkeren - ganz automatisch für eine wie auch immer geartete »Gerechtigkeit« oder »Humanität« in sozialen Systemen. Das ist keineswegs der Fall. Unter ungleichen Machtverhältnissen oder bei einseitigem Besitz an kritischen Produktionsmitteln und Ressourcen können sich auch hier Abhängigkeiten ausbilden, die den Verhältnissen des REct des Stärkeren in nichts nachstehen.“ (Ebd., S. 110).

„Der wesentliche Unterschied zwischen Gruppe (Population, Herde u.s.w.) und einem Superorganismus ...: Im Zentrum eines Superorganismus steht die gesamthafte Kompetenz- und Ressourcenkoordination, auf deren Grundlage sich eigenständige Kompetenzen und Reproduktionsinteressen ausbilden können.“ (Ebd., S. 112).

„Die Prinzipien der Systemischen Evolutionstheorie ...:
Eine Population besteht aus lauter selbstreproduktiven Systemen (Individuen), die sich allesamt voneinander unterscheiden, und die unterschiedliche Kompetenzen in bezug auf ihre Umwelt besitzen. Das Prinzip heißt Variation.
Die Individuen der Population besitzen (eventuell unterschiedlich starke) Reproduktionsinteressen. Die - poulationsweit ausreichend stark ausgeprägten - Reproduktionsinteressen korrelieren für alle Zeitpräferenzen nicht negativ mit den informativen Kompetenzen der Individuen in bezug auf ihre Umwelt. Aufgrund ihrer Reproduktionsinteressen konkurrieren die Individuen um den Zugriff auf die zumindest teilweise knappen Ressourcen der Umwelt. Die Verteilung der Ressourcen erfolgt dabei auf der Grundlage des Rechts des Stärkeren (Push; Dominanz) und/oder des Rechts des Beitzenden (Pull; Gefallen-wollen). Das Prinzip heißt Reproduktionsinteresse.
Es existieren variationserhaltende Reproduktionsprozesse, die die Kompetenzen der Individuen in bezug auf ihre Umwelt aufbauen, modifizieren oder replizieren können, wobei das Ergebnis von Modifikation oder Replikation gegenüber dem Ausgangszustand zwar verändert ist, in der Regel aber auch erkennbare Ähnlichkeiten aufweist (**|**). Für die Reproduktion werden Ressourcen aus der Umwelt benötigt. Das Prinzip heißt Reproduktion.
Die Kernaussage der Systemischen Evolutionstheorie ist nun: Wenn für eine Population die drei Prinzipien Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion gegeben sind, dann ist deren Evolution die Folge.“ (Ebd., S. 115).


„Zur Frage des Grades der „Ähnlichkeit“ führt Karl Olsberg (Karl-Ludwig Freiherrr von Wendt) aus: »Man kann den Zusammenhang zwischen Mutationsrate und Evolutionsfortschritt mathematisch analysieren. Dies haben Ingo Rechenberg ... und seine Mitarbeiter schon in den 1970er Jahren getan .... In vielen Fällen ist die Mutationsrate optimal, wenn 20 Prozent der Nachkommen besser an die Umwelt angepaßt sind als ihre Eltern, 80 Prozent jedoch schlechter .... Der Grund liegt darin, daß es einen mathematischen Zusammenhang zwischen der Schrittweite der Mutationen aun dem Anteil ›schlechter‹ Mutationen gibt. Man kann also die Schrittweite nur vergrößern, wenn man einen höheren Anteil nachteiliger Mutationen in Kauf nimmt« (Karl-Ludwig Freiherrr von Wendt alias Karl Olsberg, Schöpfung außer Kontrolle, 2010, S. 56f.). Eine optimierte Lösung in der Hinsicht stellt offenkundig die Getrenntgeschlechtlichkeit dar: Männlich = hohe Mutationsschrittweite + Selektion; weiblich = niedrige Schrittweite.“ (Ebd.).

„Generell stellt sich in diesem Zusammenhang und in Verbindung mit dem Prinzip Variation die Frage nach den Mechanismen für das Entstehen neuer Variation, Diese Frage kann jedoch im Rahmen einer allgemeinen Evolutionstheorie nicht beantwortet werden, sondern nur durch die zuständigen Fachdisziplinen, Ganz entsprechend schrei ben Bunge und Mahner zu den möglichen Emergenzmechanismen. »Welches sind die Emergenzmechanismen? Hierauf gibt es keine allgemeine Antwort: Die Antwort hängt von der Natur der Dinge ab, d.h. es gibt unzählige Emergenzmechanismen, die außer dem Auftreten neuer Eigenschaften kaum etwas gemeinsam haben. ....Emergenzprozesse können daher nur allgemein als Prozesse der Selbstzusammensetzung und der Selbstorganisation beschrieben werden, als Prozesse der inneren Restrukturierung, als Interaktionsprozesse mit Dingen aus der Umgebung oder eine Kombination dieser Prozesse.« (Mario Bunge / Martin Mahner, Über die Natur der Dinge, 2004, S. 81). Man vergleiche dazu aber auch: Mario Bunge / Martin Mahner, Philosophische Grundlagen der Biologie, 2000, S. 301ff..'“ (Ebd.).


„Die Prinzipien Variation (**) und Reproduktion (**) der systemischen Evolutionstheorie sind im Grunde lediglich systemtheoretische Verallgemeinerungen der namensgleichen Prinzipien der Darwinschen Evolutionstheorie (**).“ (Ebd., S. 115).


„Man vergleiche jedoch dazu die Verwendung des Fitneßbegriffs innerhalb der moder nen Evolutionsbiologie. Ferner ist zu beachten, daß es sich bei den Prinzipien Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion der Systemischen Evolutionstheorie lediglich um hinreichende Bedingungen für Evolution handelt. Es sind nämlich Populationen vorstellbar, die selbst unter geringfügig schwächeren Bedingungen evolvieren können (zum Beispiel wenn das Reproduktionsinteresse zwarmit zunehmender Fitneß sinkt, jedoch nicht so schnell wie die Fitneß dabei ansteigt, oder wenn es zu einem regelmäßigen ungehinderten horizontalen Kompetenztransfer zwischen den Evolutionsakteuren - per Imitation, Bildung, Mitarbeiterwechsel u.s.w. - kommt). Die genannten Bedingungen sind deshalb nicht unbedingt notwendig für Evolution. Es ist fraglich, ob jemals allgemeine hinreichende und notwendige Kriterien für Evolution formuliert werden können.“ (Ebd.).


„Zu beobachten ist: Die Darwinsche Evolutionstheorie basiert (so wie die Theorie der egoistischen Gene) in Kernelementen auf der Bevölkerungslehre von Malthus. Sie nimmt an, daß alle Individuen einer Population bestrebt sind, sich (bzw. ihre Gene) möglichst oft zu reproduzieren. Davon geht die Systemische Evolutionstheorie nicht mehr aus. Statt dessen führt sdie als zusätzliche Variable die individuellen Reproduktionsinteressen ein. Sie genügt damit den auch moderen Fertilitätstrheorien für menschliche Gesellschaften. Individuen können sich also von vornherein oder entsprechend der ihnen zugewiesenen sozialen Rolle in bezug auf die Fortpflanzung unterschiedlich altrusitisch verhalten und dementsprechend unterschiedlich stark ausgeprägte Reproduktionsinteressen besitzen.“ (Ebd., S. 116).

„Bei der Darwinschen Evolutionstheorie steht der Reproduktionserfolg im Vordergrund, bei der Systemeischen Evolutionstheorie hingegen das Reproduktionsinteresse.“ (Ebd., S. 121).

„Die einfache Variante der Price-Gleichung, bei der Merkmale identisch vererbt werden, kann ... wie folgt niedergeschreiben werden:
D(r) • (D(m') D(m)) = Cov(r, m), wobei
r für den durchschnittlichen Reproduktionserfolg in der jeweiligen Gruppe,
D(r) für den durchschnittlichen Reproduktionserfolg der Gruppenpopulation,
m für das Fitneßmerkmal in der Gruppe,
D(m) für das durchschnittliche Fitneßmerkmal in der Population in der aktuellen Generation,
D(m') für das durchschnittliche Fitneßmerkmal in der Population in der nächsten Generation,
Cov(r, m) für die Kovarianz zwischen Reproduktionserfolg und Merkmal
steht.
Der Fitneßbegriff wird daebi im ursprünglichen Darwinschen Sinne bzw. dem der Systemischen Evolutionstheorie verwendet, und zwar als Tauglichkeit, Anpassung oder als Kompetenzen gegenüber dem Lebensraum, nicht jedoch als relativer Lebenszeitfortpflanzungserfolg, wie dieys in der Populationsgenetik und zum Teil auch in der Evolutionsbiologie üblich ist.“ (Ebd., S. 129-130).

In der die natürliche Selektion repräsentierenden Price-Gleichung könnte man ... für moderne Wohlfahrtsstaaten den Reproduktionserfolg r durch das Reproduktionsinteresse i ersetzen. Die Price-Gleichung würde dann die folgende Form annehmen:
D(i) D(m') D(m) = Cov(i, m)
Die rechte Seite stellt dabei exakt die Beziehung dar, die die Systemische Evolutionstheorie zum Prinzip erhoben hat, nämlich die nichtnegative Korrelation zwischen Reproduktionsinteresse und den Lebensraumkompetenzen (der Fitneß). Die Korrelationsbeziehung der Systemischen Evolutionstheorie entspricht damit gewisermaßen der Price-Gleichung. Allerdigs beziehen sich ihre Aussagen nicht mehr auf den Reproduktionserfolg, sondern auf dessen wohl wesentlichste Einflußgröße, das Reproduktionsinteresse.“ (Ebd., S. 129-130).

„Je geringer der Selektionsdruck auf eine Population ist, desto stärker wird der Anteil des Reproduktionsinteresses am individuellen Reproduktionserfolg sein. Menschliche Wohlfahrtstaaten haben es sich praktisch zum Ziel gemacht, ihren Mitgliedern jeglichen Selktionsdruck zu nehmen, so daß in ihnen der individuelle Reproduktionserfolg ... praktisch nur noch vom individuellen Reproduktionsinteresse abhängt.“ (Ebd., S. 131).

„Fragte man sich nach dem Sinn des Lebens, dann besteht der aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie vor allem in dem Erwerb, dem Erhalt und der Entfaltung von Lebensraumkompetenzen, das heißt, letztlich im Leben und Überleben selbst. Aufgrund der Sterblichkeit von Lebewesen ist damit auch immer eine (teilweise) Weitergabe vorhandener Kompetenzen an andere verbunden. Dies kann auf biologische und/oder kulturelle Weise erfolgen.“ (Ebd., S. 137).

„In menschlichen Gesellschaften haben sich in der Regel recht einheitliche Reproduktionsstrategien etabliert, da die jeweils vorherrschende Strategie einen Großteil der Kultur ausmacht. Die Hauptunterschiede im reproduktiven Verhalten der einzelnen Gesellschaftsmitglieder bestehen dann üblicherweise beim Anteil des reproduktiven Aufwands am Lebensaufwand, das heißt in der Ausprägung des individuellen Reproduktionsinteresses.“ (Ebd., S. 142).

„Es läßt sich ... leicht zeigen, daß das Erstellen von möglichst vielen eigenen Kopien nur eine (allerdings sehr grundsätzliche) Evolutionsstrategie unter vielen ist. Replikation auf der Grundlage von Replikatoren plus natürliche Selektion ist keineswegs das einzige evolutive Verfahren zur Kompetenzreproduktion, sondern lediglich die dümmste. Es ist dort zwingend erforderlich, wo jegliche Intelligenz noch fehlt. .... Ist ... Intelligenz ... aber schließlich vorhanden, können auch andere Reproduktionsverfahren zur Anwendung kommen.“ (Ebd., S. 145).

„Ricardos Theorie läßt sich ... wie folgt formulieren:
Arbeitsteilig zusammenarbeitende Evolutionsakteure sollten solche Kompetenzen zu ihren Kernkompetenzen machen, für die sie komparative Kompetenzvorteile (Kostenvorteile) besitzen.
Es kann gezeigt werden, daß in diesem Fall auch die kritische Korrelationsbeziehung des Prinzips Reproduktionsinteressen der Systemischen Evolutionstheorie - und damit eine wesentliche Grundvoraussetzung für Evolution - erfüllt ist (**).“ (Ebd., S. 151).


„Allerdings gilt dies zunächst nur für die soziale Arbeitsteilung (bzw. für soziale Kompetenzen). Im Zusammenspiel mit der Reproduktion genetischer Kompetenzen sind weitere Faktoren zu beachten“ (Ebd.).


„Eng mit dem Konzept des Kompetenzerhalts steht der Begriff des Risikos in Verbindung. Risiken unterscheiden sich von Unsicherheiten dadurch, daß letztere grundsätzlich unkalkulierbar sind, erstere jedoch nicht.“ (Ebd., S. 151).

„In einer Welt, in der das Streben nach Kompetenzerhalt von zentraler (evolutionärer) Bedeutung ist, wird es zwangsläufig zu immer ausgefeilteren Verfahren der Risikobewertung kommen, denn man kann vorhandene Kompetenzen um so leichter bewahren beziehungsweise neue um so gezielter aufbauen, je präziser erkennbare Risiken abschätzbar sind.“ (Ebd., S. 151).

„Risikobewertung macht heute einen Großteil des Geschäfts der Finanzindustrie aus. Gemäß Jakob Arnoldi konnten bestimmte Finanzprodukte beziehungsweise Risiken erst dann unter den Finanzinstituten effizient gehandelt werden, als es gelang, ihnen einen Preis zuzuweisen. Dabei mußten allerdings bestimmte (unkalkulierbare) Unsicherheiten naturgemäß noch ausgeblendet werden (das wird Framing genannt). Von zentraler Bedeutung für die finanztechnischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte beziehungsweise der Evolution der Finanzindustrie war in diesem Zusammenhang die Black-Scholes-Formel. Weitere finanztechnische Innovationen erlaubten schließlich das präzisere Bewerten von Risiken und in der Folge auch den Handel mit ihnen. Es lässt sich deshalb durchaus die Ansicht vertreten, daß erst die mathematischen Verfahren zur Bewertung von Risiken die entsprechenden Märkte für den Handel mit Risiken hervorgebracht haben.“ (Ebd., S. 151).

„Da die mathematischen Risikomodelle jedoch zwangsläufig (noch) unkal. . kulierbare Unsicherheiten ausklammern müssen ( der Fachterminus dazu lautet Framing), können sie in Situationen, in denen sich die Unsicherheiten unvermittelt doch realisieren, versagen beziehungsweise regelrecht in sich zusammenbrechen und in der Folge dann auch erhebliche Finanzmarktstörungen bis hin zu globalen Krisen auslösen (das heißt, selbst zum Risiko werden). Dies gilt in gleicher Weise für sonstige Risiken (außerhalb des Verantwortungsbereichs der Finanzindustrie), die in modernen menschlichen Gesellschaften durch Menschen oder menschliche Superorganismen beziehungsweise deren Erzeugnisse - das heißt, letztlich vom Menschen selbst - produziert werden.“ (Ebd., S. 152).

„Die soziologischen Arbeiten zur Risiko- beziehungsweise Weltrisikogesellschaft können aufgrund solcher Überlegungen durchaus als natürliche Erweiterungen und Vertiefungen zur Systemischen Evolutionstheorie verstanden werden: Einerseits machen sie auf besonders eingehende Weise deutlich, daß es beim modernen Leben primär um den Kompetenzerhalt von Superorganismen (insbesondere von Unternehmen) und weniger um den von Menschen geht, andererseits zeigen sie sehr prägnant, daß das kollektive Bemühen, die eigenen Kompetenzen in der Zukunft zu bewahren (und Kompetenzverluste zu vermeiden) dazugehörige Technologien und Maßnahmen von der Wahrscheinlichkeitsrechnung und den sozialstaatlichen Einrichtungen bis hin zu Risikobewertungsformeln und den Handel mit Risiken hervorgebracht hat und weiter hervorbringt.“ (Ebd., S. 152).

„Die Evolution auf der Erde kann in der Sichtweise der Systemischen Evolutionstheorie als ein selbstorganisatorischer Prozeß der Hierarchisierung von Systemen beschrieben werden. Während sich die biologische Evolution auf ein- und vielzellige Organismen (und Viren) beschränkt, das heißt, auf die beiden unteren Ebenen selbstreproduktiver Systeme, ist die soziokulturelle Evolution primär eine Sache der Superorganismen und damit der dritten Systemebene. Die Evolution bringt in diesem Sinne nicht nur immer komplexere Organismen (Arten) hervor, sondern auch zunehmend höhere Systemebenen, die in eigenständigen Lebensräumen evolvieren.“ (Ebd., S. 191).

„Im Grunde kann der Prozeß der Systemhierarchisierung auch als eine Abfolge von sich abwechselnden konkurrierenden und kooperativen Phasen verstanden werden:
Konkurrenzphase: Zunächst konkurrieren Systeme in einem Lebensraum um Ressourcen. Dabei können unterschiedliche Wettbewerbskornmunikationen (Recht des Stärkeren; Recht des Besitzenden) zum Einsatz kommen. Gegebenenfalls kann es zur Nischenbildung und Konstruktion neuer Evolutionsräume kommen.
Kooperationsphase:  Verschiedene Systeme beginnen zum Zwecke der Erfiillung gemeinsamer Bedürfnisse miteinander zu kooperieren. Die verschiedenen Subsysteme (Elemente) der Kooperationsgemeinschaften schließen sich in der Folge immer enger zusammen, so daß Einzelsysteme ihnen gegenüber erheblich im Nachteil sind. Die Kooperationen werden schließlich so eng, daß sich die Elemente per Selbstorganisation zu eigenständigen, selbstreproduktiven Systemen ( einer neuen Systemebene) verbinden.
Konkurrenzphase: Nun konkurrieren die neu gebildeten Systeme ( einer höheren Systemebene) untereinander um die Ressourcen ihres Lebensraums. Erneut können unterschiedliche Wettbewerbskornmunikationen (Recht des Stärkeren; Recht des Besitzenden) zum Einsatz kommen. Gleichfalls kann es zur Nischenbildung und Konstruktion von Evolutionsräumen kommen.“ (Ebd., S. 191).

„Mit den ... dargelegten Prinzipien lassen sich auf einheitliche Weise sowohl die Evolutionen von biologischen Phänomenen, Gesellschaften, Kulturen, ökonomischen Systemen als auch Technologien beschreiben. Dabei werden alle evolutionären Prozesse letztlich auf grundsätzliche Naturgesetze zurückgeführt, weswegen das zugrunde liegende Evolutionsmodell auch mit den modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungen zur menschlichen Willensfreiheit als Illusion kompatibel ist. Eine Sonderstellung des Menschen wird im Modell an keiner Stelle vorausgesetzt. Auch läßt sich auf diese Weise beschreiben, wie Menschenrechte per Evolution entstehen und welchen evolutionären Sinn sie haben. Ferner kann erklärt werden, wie Informationen per Evolution zu ihrer Bedeutung (Semantik) gelangen.“ (Ebd., S. 193).

„Der weltanschauliche Hintergrund der Systemischen Evolutionstheorie deckt sich mit den Vorstellungen der modernen Kosmologie und Physik zur Entstehung des Universums, der Atome, Galaxien, Sterne, Planeten und Monde und zum Wes'en der Zeit und der Evolution. Peter W. Atkins faßt ganz in diesem Sinne zusammen: »Wir kämpfen darum, minderwertige Energie an die Umgebung loszuwerden und Energie von hoher Qualität aus ihr herauszuholen. Im gewissen Sinne mindern wir die Qualität der Außenwelt, um die unseres Innenlebens zu steigern.« (Ders., Schöpfung ohne Schöpfer, 1984, S. 55).“ (Ebd., S. 193).

 

 Zitate: Hubert Brune, 2012 (zuletzt aktualisiert: 2013).

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- Literaturverzeichnis -