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Peter Mersch (*1949)
- Land ohne Kinder. Wege aus der demographischen Krise (2005) -
- Die Familienmanagerin. Kindererziehung und Bevölkerungspolitik in Wissensgesellschaften (2006) -
- Migräne. Heilung ist möglich (2006) -
- Irrweg Bürgergeld. Eine Kritik aus Sicht der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft  restlos ruinieren wird (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2009) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (in: Kulturelle Vererbung; 2010) -
- Eva Herman, der BGH und die deutsche Sprache (2011) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie. Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? Das Königsproblem der Evolutionsbiologie (2012) -
- Bevölkerungsplanung (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Familienarbeit in gleichberechtigten Gesellschaften (2012) -
- Wie Übergewicht entsteht ..., und wie man es wieder los wird (2012) -
- Gesund abnehmen ohne Jojo-Effekt (2012) -
- Klüger werden und Demenz vermeiden (2012) -
Mersch-Zitate. Da ich Peter Mersch für einen der informativsten Wissenschaftler halte, möchte ich ihm einige
separate Seiten widmen und aus folgenden seiner Werke zitieren:   

- Land ohne Kinder (2005) -
- Die Familienmanagerin (2006) -
- Irrweg Bürgergeld (2007) -
- Hurra, wir werden Unterschicht! (2007) -
- Die Emanzipation - ein Irrtum! (2007) -
- Evolution, Zivilisation und Verschwendung (2008) -
- Familie als Beruf (2008) -
- Die Familie und die Gleichberechtigung der Geschlechter (2008) -
- Kulturelle Vererbung (Mithrsg.; 2010) -
- Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation (2010) -
- Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird (2011) -
- Systemische Evolutionstheorie (2012) -
- Wozu gibt es Sexualität? (2012) -
- Irrweg Gleichheitsfeminismus (2012) -
- Zitat vom 25.12.2012, 07:22:59 -

Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird. Was die Systemische Evolutionstheorie über unsere Zukunft verrät (2011) **
  –  Vorwort (S. I-VI)
  1) Die besorgten Konservativen (S. 1-2)
  2) Das evolutionär-systemische Weltbild (S. 3-40)
  3) Evolution und Ökonomie (S. 41-45)
  4) Nischenbildung (S. 47-49)
  5) Gier (S. 51-64)
  6) Das antibilogistische Weltbild (S. 65-91)
  7) Geschlechterverhältnis (S. 93-139)
  8) Die Rolle der Medien (S. 141-156)
  9) Die Rolle der Wissenschaften (S. 157-167)
10) Der Vorteil des evolutionär-systemischen Ansatzes (S. 169-194)
11) Was tun? (S. 195-241)
12) Literatur (S. 243-253)

Vorwort

„Seit etlichen Jahren mehren sich die schlechten Nachrichten, darunter die folgenden:
Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich.
Ein wachsender Anteil unter den Menschen kann seinen Lebensunterhalt durch Arbeit nicht mehr sichern.
In unserer Gesellschaft werden zu wenige Kinder geboren, das gilt ganz besonders für die gebildete Mittelschicht.
Die zukünftige Finanzierbarkeit der Renten, Pensionen und des Gesundheitssystems ist mehr als fraglich.
Anteilsmäßig immer mehr Menschen sind chronisch krank.
Das Finanzsystem ist instabil und muß häufig staatlich gestützt werden.
Viele Staaten sind überschuldet, einige stehen unmittelbar vor dem Staatsbankrott.
In vielen unterentwickelten Ländern bekommen die Menschen zu viele Kinder, obwohl gleichzeitig Hunger, Armut und Elend vorherrschen.
Die Gefahr des internationalen Terrorismus wächst.
Das Klima wandelt sich.
Zahlreiche wichtige Ressourcen, inklusive der fossilen Brennstoffe, neigen sich dem Ende zu.
Viele biologische Arten sind durch das Wirken des Menschen entweder bereits ausgestorben oder sterben bald aus.
Der Mensch entzieht sich sukzessive seine eigene Lebensgrundlage.
Man fragt sich unwillkürlich: Was ist das und was treibt es an? Kann man es aufhalten, oder müssen wir uns auf absehbare Zeit daran gewöhnen? Wird es noch schlimmer werden? Wird die Menschheit vielleicht sogar ganz von unserem blauen Planeten verschwinden?“ (Ebd., S. I).

„Angesichts der nicht enden wollenden Finanzkrise bekannten einige, politisch eher als konservativ geltende Autoren, sie begännen zu glauben, daß die Linke mit ihren Thesen und Analysen recht hat. Die beiden Artikel von Charles Moore (**) und Frank Schirrmacher (**) nahmen - wie der Titel andeutet - einen wesentlichen Einfluß auf die inhaltliche Gestaltung des vorliegenden Buches, nicht jedoch auf dessen naturwissenschaftliche und systemanalytische Herangehensweise.“ (Ebd., S. I-II).


„Charles Moore: »I'm starting to think that the Left might actually be right«, in: The Daily Telegraph, 22.07.2011. (**).“ (Ebd.).

„Frank Schirrmacher: »Ich beginne zu glauben, daß die Linke recht hat« (**).“ (Ebd.).

„Charakteristische Merkmale unseres Universums sind dessen Expansion und der energetische Zerfall. Sie definieren den kosmologischen und thermodynamischen Zeitpfeil, die Ausdruck seines eigenen Strebens in Richtung Wärmetod sind. Der Kosmologe Stephen Hawking argumentiert in seinem Buch »Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit« (2010), daß es intelligentes Leben nur geben kann, wenn sich das Universum ausdehnt und der kosmologische, der thermodynamische und unser eigener ... Zeitpfeil in dieselbe Richtung weisen. Oder in den Worten des Physikers Peter W. Atkins: »Indes, mag sie auch noch so verborgen sein, die Triebfeder aller Schöpfung ist der Zerfall, und jede Handlung ist die mehr oder weniger unmittelbare Folge der natürlichen Auflösungstendenz.« (Ders., Schöpfung ohne Schöpfer, 1984, S. 39).“ (Ebd., S. II).

„Ich stellte mir die Fragen: Angenommen, es stimmt, was die Physiker und Kosmologen behaupten, daß nämlich unser Universum vor ca. 13,75 Milliarden Jahren aus einer Art Singularität beziehungsweise einem Urknall heraus entstanden ist, sich seitdem ausdehnt und zugleich thermodynamisch zerfällt und dabei - ohne den Eingriff eines externen Schöpfers und ausschließlich auf der Grundlage der in ihm geltenden Naturgesetze - die Materie, Milliarden Galaxien, schwarze Löcher, unsere Sonne, die Erde, den Mond, Pflanzen, Tiere und sogar uns Menschen hervorgebracht hat, wir also gewissermaßen nicht die Kinder Gottes, sondern des Urknalls sind, wie konnte es darin dann zu Lehman Brothers und zur Finanzkrise kommen? Oder zu konservativen und linken Gesinnungen? Und was heißt in einer solchen Welt, angesichts von Milliarden Galaxien und schwarzen Löchern, die Linke könnte recht haben? Und schließlich: Was ist eigentlich Leben?“ (Ebd., S. II).

„In einem zerfallenden Universum kann es keine dauerhaften passiven Systeme von beliebig großer Komplexität geben, jedenfalls wäre ihr Auftreten extrem unwahrscheinlich. Schon nach kurzer Zeit würden sie sich wieder in Bestandteile auflösen.“ (Ebd., S. II).

„Lebewesen sind demgegenüber aktive, informationsverarbeitende Systeme. Sie streben danach, dem universalen Streben nach Zerfall über einen möglichst langen Zeitraum zu widerstehen. Da das Universum in Richtung Zerfall strebt, müssen sie gewissermaßen in die entgegengesetzte Richtung nach Erhalt streben. Hierdurch können sie im Laufe der Zeit zu praktisch beliebiger Komplexität heranwachsen.“ (Ebd., S. II-III).

„Sie haben es als sogenannte selbstreproduktive Systeme beziehungsweise als Evolutionsakteure - durch welchen Mechanismus auch immer (**) - geschafft, gegenüber ihrer Umwelt Kompetenzen zu entfalten, mit deren Hilfe sie aus ihr Ressourcen erlangen können, um ihre Kompetenzen zu reproduzieren, das heißt, zu erhalten und zu erneuern (**). Ferner streben sie danach, genau das zu tun, denn nur so können sie ihre komplexen Kompetenzen und die mit ihr verbundenen Ordnungszustände -auf Kosten ihrer Umwelt - eine Zeitlang bewahren und gegebenenfalls sogar weiterentwickeln. Anders gesagt: Lebende Systeme versuchen, Kompetenzverluste zu vermeiden. Sie verhalten sich nachhaltig gegenüber ihren eigenen Kompetenzen und ausbeutend gegenüber ihrer Umwelt.“ (Ebd., S. III).


„Wie es der Natur gelungen ist, in einer unbelebten Welt lebende beziehungsweise selbstreproduktive Systeme hervorzubringen, ist ein noch ungelöstes wissenschaftliches Rätsel. Als religiöser Mensch könnten Sie an der Stelle einen letzten Eingriff Gottes vermuten. Allerdings wäre das eine trügerische Annahme. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, daß auch dieses Rätsel irgendwann einmal von den Wissenschaften gelöst wird.“ (Ebd.).

„In einem metaphorischen Sinne könnte man deshalb von egoistischen Kompetenzensprechen, denn sie sind es, die im Rahmen der Evolution auflange Sicht erhalten und Iausgebautwerden.“ (Ebd.).

„Als das Leben immer zahlreicher und die Ressourcen folglich knapper wurden, kam der Wettbewerb unter den Lebewesen hinzu. Ab da ging es für die lebenden Systeme nicht mehr nur darum, den Anschluß gegenüber dem Streben des thermodynamischen Zeitpfeils nicht zu verlieren, sondern gegenüber dem Streben aller anderen Lebewesen in derselben Umwelt auch. Wenn das Leben selbst einen Großteil der Umwelt ausmacht, dann müssen sogar relative Kompetenzverluste - relativ in bezug auf die Kompetenzen der anderen Lebewesen in derselben Umgebung - vermieden werden, um weiterhin am Spiel der Evolution teilnehmen zu können. Unter solchen Verhältnissen bildet sich dann ein auf dem sogenannten Red-Queen-Prinzip beruhender Wettbewerbsmechanismus aus, der unter anderem für Phänomene wie die Gier verantwortlich zeichnet, wie im Laufe des Buches noch erläutert wird.“ (Ebd., S. III).

„Das Problem ist nun aber, daß all dies nicht nur für uns Menschen beziehungsweise allgemeiner für Lebewesen gilt, sondern für noch komplexere Systeme - sogenannte Superorganismen -, wie zum Beispiel Honigbienenstaaten und menschliche Unternehmen, genauso. Auch diese Systeme unterliegen dem thermodynamischen Zeitpfeil des Universums. Auch sie sind im allgemeinen einem Wettbewerb um knappe Ressourcen ausgesetzt. Auch sie würden schon bald zerfallen, wenn sie sich nicht beständig nachhaltig gegenüber ihren Kompetenzen und ausbeutend gegenüber ihrer Umwelt verhielten. Unser Universum - und natürlich auch der Wettbewerb um knappe Ressourcen - zwingt sie zu ihren Verhaltensweisen. Ich rede an dieser Stelle von grundsätzlichen Naturprinzipien unseres Universums und nicht von Sachverhalten, die in irgendeiner Weise »umstritten« sind.“ (Ebd., S. III-IV).

„Insgesamt ergibt sich das Bild einer belebten Welt aus lauter Evolutionsakteuren, die allesamt bestrebt sind, Kompetenzverluste zu vermeiden. Statt des gnadenlosen Kampfes ums Dasein steht in ihr das allseitige und fortwährende individuelle Bemühen, sich nicht gegenüber der Vergangenheit und anderen zu verschlechtern, im Vordergrund (**).“ (Ebd., S. IV).


„Selbstverständlich kann dieses Bemühen individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein und beispielsweise stärker in Richtung Egoismus oder gar Aggression ausschlagen als bei anderen, so daß der Erhalt eher wie eine gezielte Ausweitung wirkt. Die Evolution bringt auch beim Streben nach Kompetenzerhalt kein einheitliches Verhalten hervor. Aus diesem Grund unterscheidet die Systemische Evolutionstheorie - anders als etwa die Theorie der egoistischen Gene - individuell unterschiedliche Reproduktionsinteressen. Der Zusammenhang macht deutlich, daß in sozialen Gemeinschaften Regeln oder gar Ethiken beziehungsweise »Werte« existieren müssen, um sozial verträgliches Streben von unverträglichem unterscheiden zu können. Im Laufe des Buches wird allerdings gezeigt, daß negative Entwicklungen wie die Gier bereits aus dem Bemühen aller, sich nicht gegenüber anderen und der Vergangenheit zu verschlechtern, entstehen können. Im Rahmen einer Evolutionstheorie muß deshalb nicht zwingend von vornherein angenommen werden, daß Individuen aus sich heraus »gierig« sind.“ (Ebd.).


„Man kann, wie im Buch gezeigt wird, praktisch alle eingangs angeführten aktuellen Großprobleme der Menschheit auf der Grundlage dieser wenigen fundamentalen Naturprinzipien erklären. Weitere, darüber hinausgehende Annahmen sind nicht erforderlich, insbesondere keine politischen. Man braucht beispielsweise keinen Karl Marx, um die zunehmende Verarmung unserer Gesellschaft prognostizieren zu können. Physik, Evolutions- und Systemtheorie tun es bereits. Daß ich damit indirekt auch behaupte, die Kultur- und Sozialwissenschaften seien eigentlich ebenfalls Naturwissenschaften, versteht sich von selbst. Wenn Menschen keine Geschöpfe Gottes, sondern lediglich Naturphänomene innerhalb unseres Universums sind, bleibt im Grunde keine andere Alternative.“ (Ebd., S. IV).

„Eine wesentliche Rolle bei der zunehmenden Ausbreitung von Armut in unserer Gesellschaft spielt der Umstand, daß in Marktwirtschaften zwei unterschiedliche Systemklassen an Evolutionsakteuren unmittelbar aufeinandertreffen, nämlich Menschen und menschliche Superorganismen - sprich Unternehmen -, wobei erstere für letztere primär Ressourcen (Humanressourcen und Geldbesitzer) darstellen. Weil moderne menschliche Gesellschaften mit Geschlechtergleichberechtigung ihr Humanvermögen jedoch gewissermaßen wie Gemeingut verwalten, kommt es unter den Verhältnisen zwangsläufig zur Tragik der Allmende (**), das heißt zum demographischen Wandel mit einer sich anschließenden gesellschaftsweiten Verarmung beziehungsweise zu kollektiven Kompetenzverlusten mit massenhaftem Leid. Leid ist in dem Sinne ein evolviertes Gefühl. Es hält Lebewesen dazu in, die eigenen Kompetenzen zu bewahren und hierdurch Gefühle des Leids ru vermeiden.“ (Ebd., S. IV).

„Das Problem wird nicht einfach wieder verschwinden. Wir mögen die Finanzkrise lösen, die Staatsverschuldungsproblematik beheben und vielleicht sogar den Klimawandel aufhalten können (**), die beschriebene Entwicklung wird sich - ohne durchgreifende gesellschaftliche Veränderungen - hingegen fortsetzen. Da ich jedoch längst der Illusion entwachsen bin, Menschen könnten bei sich anbahnenden größeren Katastrophen ein Stück weit von ihren persönlichen Kompetenzbewahrungsinteressen zurücktreten, glaube ich, daß es erst wieder gehörig krachen muß, bevor angemessen reagiert wird. Anders gesagt: Ich beginne zu glauben, daß es wieder Krieg geben wird.“ (Ebd., S. IV-V).


Wovon ich allerdings nicht ausgehe, denn im Grunde sind alle Probleme miteinander verwoben, wie im Laufe des Buches noch näher erläutert wird.“ (Ebd.).


„Das Buch steht letztlich für ein neues Weltbild, für ein konsequent evolutionär-systemisches Denken und die bedingungslose Akzeptanz naturwissenschaftlicher Grundprinzipien. Sein theoretisches Fundament ist jedoch nicht die Darwinsche, sondern die allgemeinere und breiter anwendbare Systemische Evolutionstheorie. Dafür gibt es wesentliche Gründe:
Die Darwinsche Evolutionstheorie läßt sich nur auf die Wildnis anwenden. Sie ist eine rein biologische Theorie, die für die komplexen evolutionären Verhältnisse in menschlichen Zivilisationen prinzipiell ungeeignet ist.
Sowohl die Darwinsche Evolutionstheorie als auch ihre Variante, die Theorie der egoistischen Gene, beruhen auf Voraussetzungen und Grundannahmen, die sich - anders als die der Systemischen Evolutionstheorie - nicht auf grundsätzliche physikalische Naturprinzipien zurückführen lassen (**).
Bei einer ausschließlichen Beschränkung auf genetisch vermittelte Kompetenzen und der Annahme von populationsweit einheitlichen Reproduktionsinteressen, wovon die biologischen Evolutionstheorien - anders als die Systemische Evolutionstheorie - ausgehen, lassen sich die Darwinsche Evolutionstheorie und die Theorie der egoistischen Gene aus der Systemischen Evolutionstheorie herleiten. Es handelt sich bei ihnen folglich um enge Spezialfälle einer allgemeineren Theorie.
Die Systemische Evolutionstheorie besitzt ein viel größeres Anwendungsspektrum. Auch kann sie die Verhältnisse in menschlichen Sozialstaaten verläßlicher als die biologischen Evolutionstheorien beschreiben.
Ich bin der festen Überzeugung, daß die Menschheit die vor ihr stehenden Aufgaben - wenn überhaupt - nur dann auf halbwegs friedliche Weise wird bewältigen können, wenn sie die Triebkräfte hinter den aktuellen irritierenden Entwicklungen kennt, oder anders gesagt, wenn sie ein evolutionäres Modell ihres eigenen Tuns besitzt. Wir stehen momentan nicht nur vor einer Vielzahl gewaltiger Probleme, sondern wir haben auch konzeptionelle Defizite. Uns fehlen geeignete Theorien, die uns durch die Wirren der Zukunft lenken könnten. Adam Smith, Karl Marx oder John Maynard Keynes werden uns dabei mit Sicherheit nicht weiterhelfen können. Das Buch dient deshalb auch dazu, das enorme Anwendungspotenzial der Systemischen Evolutionstheorie zu demonstrieren. Im Grunde handelt es sich bei ihr um ein unverzichtbares theoretisches Werkzeug zur halbwegs verläßlichen Zukunftsforschung und generationenübergreifenden politischen Steuerung. Wenn man weiß, wie Evolutionsakteure - und damit sowohl Menschen wie Untemehmen - sich aufgrund der in unserem Universum geltenden Grundbedingungen verhalten, ja verhalten müssen, kann man bei geplanten politischen Maßnahmen leichter für eine Gewährleistung der Generationengerechtigkeit (**|**|**) sorgen.“ (Ebd., S. V-VI).


Mir ist sehr wohl bewußt, daß dies letztlich ein Killerargument ist.“ (Ebd.).


„Obwohl ich, was unsere nahe Zukunft angeht, eher skeptisch bin, endet das Buch dennoch mit einer Handvoll, sich vorwiegend aus der Systemischen Evolutionstheorie ableitenden Vorschlägen, die dazu beitragen könnten, einige der anstehenden Großprobleme der Menschheit zu lösen oder doch zumindest abzumildem. Dabei stehen - ganz evolutionstheoretisch gedacht - einerseits Fortpflanzungsaspekte im Vordergrund, die die desaströsen Auswirkungen sowohl der maßgeblich auf unevolutionären Ideologien wie dem Antibiologismus oder der Gendertheorie beruhenden angeblichen Gleichberechtigung der Geschlechter als auch des Bevölkerungswachstums in der Dritten Welt adressieren, andererseits die nach meinem Dafürhalten viel zu starke Ausrichtung von Geldwirtschaften auf energetische Ressourcen statt auf Wissen und Information.“ (Ebd., S. VI).

„Absolut unverzichtbar scheint mir der Vorschlag »Mondprogramm« zu sein, einem umfangreichen interdisziplinären Projekt, bei dem herausgefunden werden soll, mit welchen Problemen wir es überhaupt zu tun haben, wie seriös sie sind, und wie man sie lösen könnte. Daran schließen sich die eher pragmatischen Vorschläge an: Besitzbeschränkungen bei energetischen Ressourcen, stärkere Trennung von Information und Energie in der Ökonomie, Zügelung der Superorganismen, evolutionär-systemisches Denken in der Politik, Beherrschung der Bevölkerungsentwicklung und Sicherstellung der Nachhaltigkeit des Humanvermögens.“ (Ebd., S. VI).

 

1.) Die besorgten Konservativem

 

2) Das evolutionär-systemische Weltbild

„Um die Kernprobleme unserer Gesellschaft unter einer evolutionärsystemischen Perspektive beschreiben und erklären zu können, muß ich zunächst ein ganzes Stück ausholen, und zwar - Sie werden lachen - bis zum Urknall und der Frage, was Leben eigentlich ist. Dies hat deshalb Sinn, da Evolution einerseits ein durchgehender Prozeß ist, der seinen Anfang mit dem Entstehen des Universums nahm, andererseits mit dem Auftauchen des Lebens aber auch eine ganz neue Qualität gewann. Mit der gewählten Vorgehensweise dürfte bereits deutlich geworden sein, daß ich aus einer primär naturwissenschaftlichen Position heraus argumentiere (**), gemäß der unser Universum vor ca. 13,75 Milliarden Jahren entstanden ist (**), sich seitdem ausdehnt und dabei kontinuierlich an »Ordnung« (**) verliert, das heißt »zerfällt«. Letzteres definiert den sogenannten thermodynamischen Zeitpfeil.“ (Ebd., S. 5).


„Und gleichfalls aus einer agnostischen. Ich halte die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, für nicht klärbar.“ (Ebd.).

„Vielleicht war das Universum aber auch unabhängig davon schon immer da .... Dies spielt jedoch für die weiteren Überlegungen keine Rolle. Vereinfacht ausgedrückt besteht der Unterschied der hier vertretenen Auffassung zu religiösen Schöpfungstheorien vor allem darin, daß gewissermaßen ein einziger »Gesamtschöpfungsvorgang« vor 13,75 Milliarden Jahren angenommen wird, in dessen Anschluß sich dann alles auf der Grundlage physikalischer Gesetzmäßigen entwickelte. Weitere Eingriffe seitens eines Gottes ... sind nicht erfolgt und waren auch nicht erforderlich. In dem Sinne sind wir also Geschöpfe des Urknalls.“ (Ebd.).

„Dies ist absichtlich sehr populärwissenschaftlich und damit ungenau formuliert, da die meisten Menschen mit Begriffen wie »Entropie« nichts anzufan~en wissen.“ (Ebd.).


„Leben hat demnach etwas mit der kontinuierlichen Zunahme der Unordnung in unserem Universum und dessen Expansion zu tun. Und in der Tat sind Lebewesen zunächst einmal komplexe Ordnungszustände der Materie (beziehungsweise lebende »Systeme«), die sich aufgrund der im Universum vorherrschenden Verhältnisse bei eigener Inaktivität nicht lange behaupten könnten. Man erlebt das unmittelbar, wenn Lebewesen sterben: Ihre Ordnung verliert sich dann binnen kurzer Zeit.“ (Ebd., S. 5).

„Beim Leben handelt es sich also gewissermaßen um den Versuch, dem thermodynamischen Zeitpfeil zu entrinnen. Es ist bestrebt, am Leben zu bleiben. Anders gesagt: Lebewesen streben danach, ihren Ordnungszustand aufrechtzuerhalten. Peter W. Atkins faßt die entsprechenden Vorstellungen der Naturwissenschaften mit den folgenden knappen Worten zusammen: »Wir kämpfen darum, minderwertige Energie an die Umgebung loszuwerden und Energie von hoher Qualität aus ihr herauszuholen. In gewissem Sinne mindern wir die Qualität der Außenwelt, um die unseres Innenlebens zu steigern. Die Nahrungskette - Menschen essen Kühe, Kühe essen Gras, Gras isst Berge und lebt von Sonne - ist im Laufe der Evolution als vielfältig verzahnter Ausbreitungsmechanismus entstanden. Es besteht keine Notwendigkeit, nach einem verborgenen Zweck Ausschau zu halten: Die Energie hat ihren Ausbreitungsprozess fortgesetzt, und der hat zufällig Elefanten und erhabene Ideen hervorgebracht.« (Ders., Schöpfung ohne Schöpfer, 1984, S. 55). Mit anderen Worten: Der energetische Ausbreitungsprozeß hat Milliarden Galaxien entstehen lassen, irgendwann auch unsere Sonne und die Erde, später Elefanten, erhabene Ideen, Religionen, bürgerliche Werte, die Marktwirtschaft, den Marxismus und schließlich - im Vergleich zu Galaxien, Sonnen und schwarzen Löchern fast vernachlässigbar - linke und konservative Gesinnungen. Doch wie?“ (Ebd., S. 6).

„In den Augen der Systemischen Evolutionstheorie sind Lebewesen selbstreproduktive Systeme, die gegenüber ihrer Umwelt Kompetenzen (**) besitzen, um aus ihr Ressourcen (Mittel) zu erlangen, mit deren Hilfe sie ihre Kompetenzen (**) reproduzieren, das heißt erhalten und erneuern können (**) . Sie benötigen die Ressourcen, da die Kompetenzreproduktion - gemäß den Gesetzen der Physik - mit Kosten verbunden ist. Zusätzlich sind sie bestrebt, ihre Kompetenzen zu reproduzieren. Das ist im Grunde schon alles.“ (Ebd., S. 6-7).


„Unter Kompetenzen versteht man in letzter Annäherung das, was Darwin als Anpassung bzw. Anpassungsfähigkeit bezeichnete.“ (Ebd.).

„Der Begriff Kompetenzen schließt Strukturinformationen mit ein, dies wird in der Darwinschen Evolutionstheorie im Grunde nicht anders gesehen. Dementsprechend kann ein Schnabeltyp eines Vogels oder das Gebiß eines Raubtiers entweder als Form oder als Anpassung verstanden werden.“ (Ebd.).

„Es handelt sich folglich um eine rekursive Definition.“ (Ebd.).


„Für energetische Ressourcen gilt der Energieerhaltungssatz. Wenn einer Geburtstagstorte ein Stück Kuchen entnommen und auf den Teller des Geburtstagskinds gelegt wird, ist es nicht länger Teil der Torte. Man kann es folglich nur einmal verzehren. Informationen und Wissen können hingegen vervielfältigt und repliziert werden. Beispielsweise lassen sich in menschlichen Populationen neue Erkenntnisse meist relativ rasch an alle Interessenten verteilen, ohne daß sie dabei auf der Quellenseite verloren gehen. Einen entsprechenden Wissenserhaltungssatz gibt es demnach nicht. Dieser wesentliche Unterschied zwischen Energie und Information wird im Laufe des Buches noch eine Rolle spielen.“ (Ebd., S. 10).

„Die Systemische Evolutionstheorie bezeichnet das Streben, die eigenen Kompetenzen zu reproduzieren, als Reproduktionsinteressen. Lebende Systeme verfolgen also letztlich Eigeninteressen, nämlich das Interesse, die eigenen Kompetenzen zu bewahren und gegebenenfalls zu entwickeln. Anders gesagt: Sie bemühen sich, Kompetenzverluste zu vermeiden und hierdurch dem thermodynamischen Zeitpfeil zu entrinnen.“ (Ebd., S. 10).

„Aufgrund ihrer Reproduktionsinteressen verfügen selbstreproduktive Systeme über Akteurseigenschaften (andere Autoren sprechen von Aktoren oder Agenten), weswegen sie synonym auch als Evolutionsakteure bezeichnet werden.“ (Ebd., S. 10).

„Während für das Universum der Zerfall charakteristisch ist, ist es für die Lebewesen die Zerfalls- beziehungsweise Verlustvermeidung - und zwar auf Kosten ihrer Umwelt. Womit wir der Frage nach dem Bezug zu unseren aktuellen sozialen Problemen indirekt schon ein ganzes Stück näher gekommen wären.“ (Ebd., S. 10).

„Mancher Vertreter der in den Naturwissenschaften dominierenden philosophischen Strömung des Reduktionismus, nach dem jedes System durch seine Einzelbestandteile (Elemente) bestimmt wird, mag an dieser Stelle einwenden, daß die Systemische Evolutionstheorie aufgrund ihres zentralen Reproduktionsinteressen-Begriffs eine Spielart des Vitalismus sei. Das Argument ist jedoch insoweit wenig stichhaltig, als das Universum - wie dargelegt -selbst strebt. Es dehnt sich aus, und zwar seit ca. 7,5 Milliarden Jahren sogar mit zunehmender Geschwindigkeit (**|**). Und dabei zerfällt es gewissermaßen (**), wodurch sich das strebende Wesen der Zeit erklärt. Leben ist demzufolge eine emergente Eigenschaft von Systemen, gegen den Zerfall beziehungsweise den thermodynamischen Zeitpfeil des Universums anzustreben und hierdurch »am Leben zu bleiben«. Es handelt sich letztlich um ein lokales Streben, auf Kosten der jeweiligen Umwelt dem universalen Streben nach Zerfall zu widerstehen. Es scheint mir deshalb nicht möglich zu sein, die Evolution des Lebens in theoretischer Weise ohne direkten oder indirekten Bezug auf das Phänomen des Zeitpfeils - und damit des Strebens - zu beschreiben. Charles Darwin und Richard Dawkins ist dies mit ihren Evolutionstheorien jedenfalls nicht gelungen.“ (Ebd., S. 10-11).


„Vgl. Wissenschaft.de, 17.04.2002: Astronomie. Erst bremsen, dann beschleunigen: Vor 7,5 Milliarden Jahren drückte das Universum aufs Gaspedal (**).“ (Ebd.).  –  Dort ist allerdings auch zu lesen: „Dieses Ergebnis gilt aber nur unter der Annahme, daß die mysteriöse »dunkle Energie«, die für die Beschleunigung verantwortlich ist, mit der Energie des Vakuums identisch ist oder auch mit der kosmologischen Konstante, wie Albert Einstein diese Energie ursprünglich genannt hatte.“ (**)Einstein hatte diese von ihm eingeführte „kosmologische Konstante“ später als seine „größte Eselei“ verworfen. Vgl. auch meinen Kommentar zu den Voraussetzungen bzw. Rahmenbedingungen für Merschs Theorie (**). HB.

„Vgl. FAZ, 04.10.2011: Supernova-Forschung - Physik-Nobelpreis für drei Astronomen (**).“ (Ebd.).  –  Meinen Kommentar hierz erspare ich mir, weil er inhaltlich dem obigen (**) zu sehr ähnelt. Vgl. auch meinen Kommentar zu den Voraussetzungen bzw. Rahmenbedingungen für Merschs Theorie (**). HB.

„Vgl. Peter W. Atkins, Schöpfung ohne Schöpfer. Was warvor dem Urknall? 1984, S. 39.“ (Ebd.).


„Da wir gerade von Richard Dawkins sprechen: Bei Reduzierung der Kompetenzen auf durch Gene repräsentierte Fähigkeiten (das heißt auf genetische Kompetenzen, die per Fortpflanzung reproduziert werden) und unter der zusätzlichen Annahme identischer Reproduktionsinteressen für alle Individuen einer Population ergibt sich unmittelbar die Theorie der egoistischen Gene (**|**). Bei letzterer handelt es sich folglich um einen engen biologischen Spezialfall der Systemischen Evolutionstheorie (**). Das Gleiche läßt sich für die Darwinsche Selektionstheorie insgesamt zeigen (**). Wenig Sinn hat hingegen die von Dawkins gleichfalls vorgeschlagene Theorie der Meme (Memetik) zur Beschreibung der kulturellen Evolution, denn auch Meme wären letztlich Ordnungszustände, die aufgrund des thermodynamischen Zeitpfeils unseres Universums regelmäßig unter Energieaufwand zu reproduzieren wären. Auf in gewissem Sinne egoistische Weise könnten sie das nur tun, wenn sie eine einheitliche (replizierbare) Repräsentation ihrer Infonnationen (beziehungsweise ihrer Ordnung) besäßen. Sie müßten also tatsächlich auf Replikatoren beruhen. Nichts deutet aktuell auf die Existenz entsprechender Objekte hin, zumal nicht einmal klar ist, wo man in der Hinsicht suchen könnte.“ (Ebd., S. 11).


Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 2007.“ (Ebd.).

Die Reduktion ist vollständig, da die Theorie der egoistischen Gene keineswegs behauptet, Gene seien tatsächlich egoistisch. Statt dessen wird angenommen, die von den Genen geschaffenen Überlebensmaschinen (Evolutionsakteure im Sinne der Systemischen Evolutionstheorie) verhielten sich so, als seien ihre Gene egoistisch. Schränkt man die Systemische Evolutionstheorie wie beschrieben ein, dann sind die beiden theoretischen Ansätze in der Tat identisch.“ (Ebd.).

„Dies bedeutet nun allerdings nicht, daß ich die Theorie der egoistischen Gene für einen sinnvollen Spezialfall der Systemischen Evolutionstheorie halte. Beispielsweise heißt es bei Richard Dawkins: »Erfolgreiche Büffel vermehren nicht sich selbst, sondern sie vermehren ihre Gene. Von der wirklichen Einheit der natürlichen Selektion muß man sagen können, daß sie eine bestimmte Häufigkeit hat. Diese Häufigkeit nimmt zu, wenn der Typus erfolgreich ist, und sie sinkt, wenn er versagt. Genau das kann man über Gene in Genvorräten behaupten, nicht aber über einzelne Büffel.« (Richard Dawkins, Der entzauberte Regenbogen - Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie, 1998, S. 283). Für erfolgreiche Unternehmen (Superorganismen) - zum Beispiel Mobiltelefonhersteller- gilt jedoch weder das eine noch das andere: Sie vermehren nämlich auf der Grundlage ihrer Kompetenzen lediglich kleine Geräte, die sie in ihre Lebensräume - die Märkte - hinausschicken, um Ressourcen (Geld) im Tausch gegen die Geräte zu erlangen, damit sie ihre Kompetenzen reproduzieren können. Bei der Annahme, die evolutionstheoretische »Einheit der Selektion« könne nur das sein, was eine bestimmte Häufigkeit hat - in diesem Fall also die Mobiltelefone -, handelt es sich um einen Denkfehler.“ (Ebd.).

Vgl. etwa Peter Mersch, Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation, in: Klaus Gilgenmann, Peter Mersch, Alfred K. Treml (Hrsg.), Kulturelle Vererbung - Eniehung und Bildung in evolutionstheoretischer Sicht, 2010, S. 75ff..“ (Ebd.).


„Für den Physiker und Genetiker Carsten Bresch geht die - physikalische und biologische - Evolution mit einem generellen Komplexitätszuwachs einher, jedenfalls auf lange Sicht. (Vgl. Carsten Bresch, Carsten, Evolution. Was bleibt von Gott?, 2010.) Offenbar sind der Physik dabei jedoch Grenzen gesetzt, denn in einem zerfallenden Universum benötigen komplexe Systeme fortwährend Energie - und je komplexer sie sind, desto mehr -, um nicht gleichfalls zu zerfallen. Erst die Eigenart der biologischen Systeme, ihre Kompetenzen (und damit ihre Strukturinformationen) speichern und verarbeiten zu können und sich gleichzeitig nachhaltig gegenüber sich selbst und ausbeutend gegenüber ihrer Umwelt zu verhalten, ermöglichte das Entstehen immer komplexerer Systeme. Das Besondere an Lebewesen als komplexe Systeme ist vor allem, daß sie einerseits wissen, wie sie die Energie zur Aufrechterhaltung ihrer Komplexität und Ordnung (beziehungsweise ihrer Kompetenzen) in ihrer Umwelt beschaffen können, und andererseits, wie sie dieses Wissen tradieren und gegebenenfalls verändern können.“ (Ebd., S. 12).

„Die beschriebene Grundaufgabe des Lebens - die Reproduktion der Kompetenzen - stellt sich im übrigen bereits dann, wenn ein Individuum noch nicht von Konkurrenten umgeben ist. (Eine gewisse Evolution ist deshalb bereits ganz ohne Konkurrenz möglich. Ihre Triebfeder wäre das foftwährende Bestreben, dem thermodynamischen Zeitpfeil zu entrinnen.) Stellen Sie sich beispielsweise Robinson auf seiner einsamen Insel vor, wie er eine flache Bucht entdeckt, in der er nur ins Wasser greifen muß, um einen schmackhaften Fisch an Land zu ziehen. Wird er sich damit zufriedengeben? Vermutlich nicht, denn der nächste Taifun könnte der idyllischen Bucht ein Ende bereiten und für eine unvermittelte Verknappung lebenswichtiger Ressourcen sorgen. Also wird er einerseits täglich Fische in seiner Bucht erbeuten, um seine unmittelbaren Kompetenzen (Kraft, Intelligenz u.s.w.) zu reproduzieren, andererseits aber auch versuchen, seine generellen Fischfangkompetenzen zu verbessern, zum Beispiel durch die Entwicklung von Fangnetzen oder Wurfspeeren. Reproduktionsinteressen können nämlich völlig unterschiedliche Zeitpräferenzen besitzen. Eine besonders hohe Zeitpräferenz hat üblicherweise die Reproduktion der täglich verbrauchten Energie und Stoffe: Man muß atmen, essen und trinken, um am Leben und lebensfähig zu bleiben. Bei der Verbesserung der Fischfangtechnik geht es dagegen um den langfristigen Erhalt von Kompetenzen im Rahmen eines sich verändernden Lebensraums. Dabei wird im allgemeinen keine zeitnahe Amortisation von Investitionen erwartet, sondern eher auf lange Sicht. Die zugehörigen Reproduktionsinteressen besitzen deshalb eine vergleichsweise niedrige Zeitpräferenz, wie Ökonomen sich auszudrücken pflegen. Eine noch niedrigere Zeitpräferenz haben Reproduktionsinteressen, die über das eigene Leben hinaus reichen. Dazu gehören die Fortpflanzung - das heißt, die Reproduktion genetisch vennittelter Kompetenzen - und die sich anschließende Weitergabe von kulturellen Kenntnissen, Fertigkeiten und Mitteln an die Nachkommen. Menschen können sich aber - je nach Ausprägung ihrer individuellen Reproduktionsinteressen beziehungsweise ihrer persönlichen Präferenzen - auch entschließen, auf eine eigene Fortpflanzung teilweise oder ganz zu verzichten und der Nachwelt statt dessen primär kulturelles Wissen zu hinterlassen. Robinson stünden auf seiner einsamen Inselohnehin keine anderen Optionen zur Verfügung, es sei denn, ihm würde irgendwann Arielle die Meerjungfrau ins Netz gehen. Deshalb würde er vennutlich Tagebuch führen.“ (Ebd., S. 12-13).

„Bei regelmäßig sterbenden selbstreproduktiven Systemen (Lebewesen) ist also zwischen der Reproduktion der Kompetenzen zu Lebzeiten und derjenigen über das eigene Leben hinaus zu unterscheiden. Wie ich bereits schrieb, sprechen Ökonomen hierbei von Reproduktionen mit hoher (zu Lebzeiten) beziehungsweise niedriger (über das Leben hinaus) Zeitpräferenzen. Den ersten Fall nennt die Biologie Selbsterhalt, den zweiten Fortpflanzung, beziehungsweise auch - im vorliegenden Kontext leicht mißverständlich - Reproduktion. Für beide Reproduktionsarten sind Energie und weitere Ressourcen (Mittel) erforderlich, die regelmäßig aus der Umwelt beschafft werden müssen. Im allgemeinen dürfte dies nur gelingen, wenn ausreichende Kompetenzen gegenüber der Umwelt bestehen.“ (Ebd., S. 13).

„Tiere müssen folglich regelmäßig auf Nahrungssuche (energetische Ressourcenbeschaffung) gehen, um sich selbsterhalten und fortpflanzen zu können. Bei der sexuellen Fortpflanzung werden zusätzlich noch Fortpflanzungspartner benötigt, bei denen es sich aus evolutionstheoretischer Sicht gleichfalls um Ressourcen handelt, die in der Umwelt zu »beschaffen« sind.“ (Ebd., S. 13).

„Im Rahmen der menschlichen Fortpflanzung entsprechen die nicht spezifisch kulturellen Reproduktionsinteressen mit sehr niedriger Zeitpräferenz (das heißt, die über das eigene Leben hinausreichenden Reproduktionsinteressen) in erster Annäherung dem Kinderwunsch.“ (Ebd., S. 13).

„Alles Leben ist letztlich Kompetenzverlustvermeidung.“ (Ebd., S. 15).

„In zahlreichen zeitgenössischen Büchern wird der Eindruck vermittelt, Konkurrenz sei primär schlecht, Kooperation hingegen gut. Dem ist jedoch nicht so. Oftmals ist Kooperation lediglich eine höhere Form der Konkurrenz: Wenn zwei kooperieren, leidet ein Dritter. (Oder noch banaler: Wenn zehn Steinzeitmenschen kooperieren, leiden die Mammuts.) Häufig wird sich nämlich primär deshalb zusammengetan, um gegenüber Dritten - zum Beispiel bezüglich der Bewahrung der eigenen Kompetenzen - im Vorteil bzw. nicht im Nachteil zu sein. Aus diesem Grund sind in Marktwirtschaften Preisabsprachen - eine Form der Kooperation - unter Konkurrenten üblicherweise verboten: Sie würden zu Lasten der Kunden gehen. Aus demselben Grund gilt organisiertes (kooperierendes) Verbrechen als besonders gefährlich und verwerflich. Man könnte ohnehin sagen, daß ein Großteil unserer aktuellen sozialen Probleme wesentlich auf unserer enormen Kooperationsfähigkeit beruht, wie Ergebnisse des vorliegenden Buches nahelegen.“ (Ebd., S. 17).

„Ist das Zusammenwirken verschiedener Evolutionsakteure besonders eng (mittels Kommunikation, Konkurrenz, Kooperation, Altruismus, Arbeitsteilung, Kompetenztransfer u.s.w.), kann sich per Selbstorganisation eine neue, höhere Systemebene ausbilden, deren Mitglieder nun ebenfalls wieder selbstreproduktive Systeme (Evolutionsakteure) sein können.“ (Ebd., S. 27).

„Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie haben sich in der Natur bislang drei Ebenen selbstreproduktiver Systeme ausgebildet:

Einzellige Organismen (Einzeller).

Vielzellige Organismen (Vielzeller: Pflanzen und Tiere).
Vielzeller sind (zusammenhängende) selbstreproduktive Systeme, die sich aus mehreren, arbeitsteilig zusammenwirkenden Zellen (einzelligen Orgamsmen) - ihren Elementen - zusammensetzen. Zwischen ihren Elementen beziehungsweise Gruppen von Elementen (Subsystemen) besteht folglich eine mehr oder weniger ausgeprägte reproduktive Aufgabenteilung (bis hin zu einer Form der »Eusozialität«, bei der nur die Geschlechtszellen für die Fortpflanzung verwendet werden).

Superorganismen (Organisationssysteme, Unternehmen, Insektensozialstaaten u.s.w.).
Superorganismen sind selbstreproduktive Systeme, die sich aus mehreren, arbeitsteilig zusammenwirkenden Vielzellern (vielzelligen Organismen) und Vielzellergruppen - ihren Elementen - zusammensetzen. Letztere können selbst wieder Superorganismen sein. Zwischen den Elementen beziehungsweise Gruppen von Elementen (Subsystemen) eines Superorganismus besteht folglich eine mehr oder weniger ausgeprägte reproduktive Aufgabenteilung.

Viren gehören gleichfalls zu den selbstreproduktiven Systemen, obwohl sie nicht als Lebewesen gelten. Aufgrund ihrer nichtzellulären Konstruktion fallen sie jedoch in keine der genannten Systemebenen.“ (Ebd., S. 27).

„Einfache Populationen, Interaktionssysteme, Herden oder Schwärme sind aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie - anders als Insektensozialstaaten - noch keine selbstreproduktiven Systeme beziehungsweise Superorganismen, da sie über keine eigenständigen Reproduktionsinteressen verfügen. Bei Gruppierungen aus Evolutionsakteuren, die selbst keine Evolutionsakteure sind (Interaktionssysteme, Herden etc.), werden eventuell beobachtbare Weiterentwicklungen nicht von den übergeordneten Gruppen, sondern im Zusammenwirken von deren Elementen hervorgebracht.“ (Ebd., S. 27).

„Ähnlich wie die Darwimsche Evolutionstheorie kennt die Systemische Evolutionstheorie drei Evolutionsprinzipien. Sie lauten:

Eine Population besteht aus lauter selbsterhaltenden Systemen (Individuen), die sich allesamt voneinander unterscheiden, und die unterschiedliche informative und energetische Kompetenzen in bezug auf ihre Umwelt besitzen.
Dieses Prinzip heißt Variation. **

Die Individuen der Population besitzen (eventuell) unterschiedlich starke) Reproduktionsinteressen. Die - poulationsweit ausreichend stark ausgeprägten - Reproduktionsinteressen korrelieren für alle Zeitpräferenzen nicht negativ mit den informativen Kompetenzen der Individuen in bezug auf ihre Umwelt. Auf Grund ihrer Reproduktionsinteressen konkurrieren die Individuen um den Zugriff auf die Ressourcen der Umwelt. Die Verteilung der Ressourcen unter den Individuen erfolgt dabei mittels des Rechts des Stärkeren und/oder des Rechts des Besitzenden.
Dieses Prinzip heißt Reproduktionsinteresse. **

Es existieren variationserhaltende Reproduktionsprozesse, die die Kompetenzen der Individuen in bezug auf ihre Umwelt aufbauen, modifizieren oder replizieren können, wobei das Ergebnis von Modifikation oder Replikation gegenüber dem Ausgangszustand zwar verändert ist, in der Regel aber auch erkennbare Ähnlichkeiten aufweist (**|**). Für die Reproduktion werden Ressourcen aus der Umwelt benötigt.
Dieses Prinzip heißt Reproduktion. **

Die Kernaussage der Systemischen Evolutionstheorie ist nun: Wenn die drei Prinzipien Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion gegeben sind, dann ist deren Evolution die Folge.“ (Ebd., S. 29-30).


„Zur Frage des Grades der „Ähnlichkeit“ führt Karl Olsberg (Karl-Ludwig Freiherrr von Wendt) aus: »Man kann den Zusammenhang zwischen Mutationsrate und Evolutionsfortschritt mathematisch analysieren. Dies haben Ingo Rechenberg ... und seine Mitarbeiter schon in den 1970er Jahren getan .... In vielen Fällen ist die Mutationsrate optimal, wenn 20 Prozent der Nachkommen besser an die Umwelt angepaßt sind als ihre Eltern, 80 Prozent jedoch schlechter .... Der Grund liegt darin, daß es einen mathematischen Zusammenhang zwischen der Schrittweite der Mutationen und dem Anteil ›schlechter‹ Mutationen gibt. Man kann also die Schrittweite nur vergrößern, wenn man einen höheren Anteil nachteiliger Mutationen in Kauf nimmt« (Karl-Ludwig Freiherrr von Wendt alias Karl Olsberg, Schöpfung außer Kontrolle, 2010, S. 56f.). Eine optimierte Lösung in der Hinsicht stellt offenkundig die Getrenntgeschlechtlichkeit dar: Männlich = hohe Mutationsschrittweite + Selektion; weiblich = niedrige Schrittweite.“ (Ebd.).

„Generell stellt sich in diesem Zusammenhang und in Verbindung mit dem Prinzip Variation die Frage nach den Mechanismen für das Entstehen neuer Variation. Diese Frage kann jedoch im Rahmen einer allgemeinen Evolutionstheorie nicht beantwortet werden, sondern nur durch die zuständigen Fachdisziplinen, Ganz entsprechend schrei ben Bunge und Mahner zu den möglichen Emergenzmechanismen. »Welches sind die Emergenzmechanismen? Hierauf gibt es keine allgemeine Antwort: Die Antwort hängt von der Natur der Dinge ab, d.h. es gibt unzählige Emergenzmechanismen, die außer dem Auftreten neuer Eigenschaften kaum etwas gemeinsam haben. .... Emergenzprozesse können daher nur allgemein als Prozesse der Selbstzusammensetzung und der Selbstorganisation beschrieben werden, als Prozesse der inneren Restrukturierung, als Interaktionsprozesse mit Dingen aus der Umgebung oder eine Kombination dieser Prozesse.« (Mario Bunge / Martin Mahner, Über die Natur der Dinge, 2004, S. 81). Man vergleiche dazu aber auch: Mario Bunge / Martin Mahner, Philosophische Grundlagen der Biologie, 2000, S. 301ff..'“ (Ebd.).


„Die Prinzipien Variation (**) und Reproduktion (**) der systemischen Evolutionstheorie sind im Grunde lediglich systemtheoretische Verallgemeinerungen der namensgleichen Prinzipien der Darwinschen Evolutionstheorie (**).“ (Ebd., S. 30).


„Man vergleiche jedoch dazu die Verwendung des Fitneßbegriffs innerhalb der moder nen Evolutionsbiologie. Ferner ist zu beachten, daß es sich bei den Prinzipien Variation, Reproduktionsinteresse und Reproduktion der Systemischen Evolutionstheorie lediglich um hinreichende Bedingungen für Evolution handelt. Es sind nämlich Populationen vorstellbar, die selbst unter geringfügig schwächeren Bedingungen evolvieren können (zum Beispiel wenn das Reproduktionsinteresse zwarmit zunehmender Fitneß sinkt, jedoch nicht so schnell wie die Fitneß dabei ansteigt, oder wenn es zu einem regelmäßigen ungehinderten horizontalen Kompetenztransfer zwischen den Evolutionsakteuren - per Imitation, Bildung, Mitarbeiterwechsel u.s.w. - kommt). Die genannten Bedingungen sind deshalb nicht unbedingt notwendig für Evolution. Es ist fraglich, ob jemals allgemeine hinreichende und notwendige Kriterien für Evolution formuliert werden können.“ (Ebd.).


„Die Systemische Evolutionstheorie abstrahiert diese relativ allgemeine Formulierung der natürlichen Auslese zu::

Der unterschiedliche Erfolg der Evolutionsakteure bei der Reproduktion ihrer Kompetenzen (in bezug auf die Umwelt) bewirkt schließlich Evolution.

Zu beachten ist: Die Darwinsche Evolutionstheorie basiert (wie die Theorie der egoistischen Gene) auf der Bevölkerungslehre von Malthus. Sie nimmt an, daß alle Individuen einer Population darum bestrebt sind, sich (beziehungsweise ihre Gene) möglichst oft zu reproduzieren. Davon geht die Systemische Evolutionstheorie nicht aus. Statt dessen führt sie als zusätzliche Variable die individuellen Reproduktionsinteressen ein. Sie genügt damit auch moderneren demographischen Fertilitätstheorien. Individuen können sich also von vornherein oder entsprechend der ihnen zugewiesenen sozialen Rolle in bezug auf die Fortpflanzung unterschiedlich altruistisch verhalten und dementsprechend unterschiedlich stark ausgebildete Reproduktionsinteressen besitzen.“ (Ebd., S. 31).

„Für biologische Populationen, deren Individuen alle ein vergleichbar starkes beziehungsweise maximales Reproduktionsinteresse aufweisen (wovon die Darwinsche Evolutionstheorie gemäß Malthus ausgeht), läßt sich die Darwinsche Evolutionstheorie mit ihren Selektionsprinzipien aus der Systemischen Evolutionstheorie ableiten. Mit anderen Worten: Die Darwinsche Evolutionstheorie ist ein Spezialfall der Systemischen Evolutionstheorie (**), Da die Systemische Evolutionstheorie entsprechend der Darwinschen Evolutionstheorie algorithmisch formuliert ist (ihre Prinzipien begründen einen Algorithmus), können auf ihrer Grundlage computergestützte Evolutionssimulationen durchgeführt werden.“ (Ebd., S. 31).

„Daneben besitzt die Theorie zahlreiche Überschneidungen mit der Evolutionsökonomik und den kulturellen Evolutionsvorstellungen Friedrich August von Hayeks.“ (Ebd., S. 31).

„Mit den soeben dargelegten Prinzipien lassen sich auf einheitliche Weise sowohl die Evolutionen von biologischen Phänomenen, Gesellschaften, Kulturen, ökonomischen Systemen als auch Technologien beschreiben. Dabei werden alle evolutionären Prozesse letztlich auf grundsätzliche Naturgesetze zurückgeführt, weswegen das zugrundeliegende Evolutionsmodell auch mit den naturwissenschaftlichen Vorstellungen zur menschlichen Willensfreiheit als Illusion kompatibel ist. Eine Sonderstellung des Menschen wird im Modell an keiner Stelle vorausgesetzt. Auch läßt sich auf diese Weise beschreiben, wie Menschenrechte per Evolution entstehen und welchen evolutionären Sinn sie haben.“ (Ebd., S. 33-34).

„»Nichts hat Sinn, außer im Lichte der Evolution.«“ (Ebd., S. 34).

 

3) Evolution und Ökonomie

„Unternehmen besitzen gegenüber ihrer Umwelt (den Märkten) Kompetenzen, um aus ihr Ressourcen (Mittel, Geld, Humanressourcen u.s.w.) zu erlangen, mit deren Hilfe sie ihre Kompetenzen reproduzieren können.“ (Ebd., S. 41).

„Unternehmen entfalten eigenständige Kompetenzen, die über das Wissen und die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter hinausgehen. In dieser Hinsicht entsprechen sie den Bienenvölkern.“ (Ebd., S. 41).

„Es ist wichig, zu begreifen, daß moderne Unternehmen weder Menschen noch Menschengruppen, sondern Superorganismen sind. Aus diesem Grund wird Wirtschaft auch längst nicht mehr von Menschen für Menschen, sondern von Superorganismen gemacht. Selbst gegenüber ihren eigenen Mitarbeitern bringen solche Systeme oftmals kaum mehr Mitgefühl auf als ein vor einer Meute Raubtiere fliehender barfüßiger Steinzeitmensch gegenüber den Zellen seiner Fußsohlen. In beiden Fällen steht nämlich das Überleben des Gesamtssystems im Vordergrund.“ (Ebd., S. 41-42).

„In einigen ökonomischen Theorien (z.B. der Österreichischen Schule der Ökonomie) wird der Begriff des Kapitals in einem recht ähnlichen Sinne verwendet, das heißt als Vermögen (Fähigkeiten) bzw. Potential. Was die Bedeutung der Wissensentwicklung angeht, bestehen ohnehin sehr viele Übereinstimmungen zwischen der Österreichischen Schule der Ökonomie und der Systemischen Evolutionstheorie. Allerdings mangelt es ersterer an einem grundlegenden systemtheoretischen Fundament. Dementsprechend sind für sie Unternehmen keine eigenständigen Akteure, sondern nur die Menschen, die sie leiten bzw. für sie tätig sind. Diese Beschränkung dürfte dieUrsache einiger Fehlschlüsse und Fehleinschätzungen sein, wie ich noch zeigen werde.“ (Ebd., S. 42).

 

4) Nischenbildung

 

5) Gier

„Information und Wissen lassen sich im Prinzip beliebig vervielfältigen, Energie und Stoffe dagegen nicht. Nur energetische Ressourcen können ernsthaft verknappen.“ (Ebd., S. 54).

„Und daraus erwächst in Geldwirtschaften ein kleines Problem. Da Geld ein universelles Tauschmittel ist, und zwar sowohl für energetische als auch für informative Ressourcen, wird es leicht möglich, aus der vervielfältigbaren Ressource Information nicht nur die nicht vervielfältigbare Ressourcer Energie zu schöpfen - was prinzipiell noch kein Probelm darstellt -, sondern sie gleichfalls zu vervielfältigen. In Geldwirtschaften kann man also gewissermaßen den Energieerhaltungssatz umgehen.“ (Ebd., S. 54).

„Selbst Kinderreichtum könnte als eine Form der Gier interpretiert werden, und zwar als ein beonders starkes Streben nach dem Erhalt (der Reproduktion) der eignen genetischen Kompetenzen. Sie gehört neben der Neugier und der Gier nach energetischen Ressourcehn beziehungsweise nach Geld zur dritten Gierform ....“ (Ebd., S. 58).

 

6) Das antibiologistische Weltbild

„Auf die in besonderem Maße hinterlistigen Tarnumhänge der Linken, »Gutmenschen«, »politisch Korrekten« und Feministinnen werde ich noch zu sprechen kommen, denn sie haben sich regelrcht Tarn-Komplexe zusammengestrickt.“ (Ebd., S. 66).

„Auch ist es nicht zu treffend. daß die aktuelle Wirtschaftskrise einzig eine Ausgeburt der gierigen Reichen und ihrer ... Interessenvertrter ist. Ein Großteil der Finanzkrise ab 2007 und de späteren Schuldenkrise wurde durch eine Politik verursacht, die man eher dem linken Lager zurechnen kann.“ (Ebd., S. 67).

„Die Mehrzahl der Menschen (Ausnahmen bestätigen die Regel) sind ..., wenn sie in einem Intelligenzbereich sehr gut abschneiden, auch in allen anderen Bereichen mindestens gut. Ähnliches gilt für schlechte Resultate. Dies deutet darauf hin, daß eine hohe Intelligenz unter anderem etwas mit einer bestimmten »Hardware«-Ausstattung zu tun hat, die für eine hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit der Neuronen sorgt., Auch die physische Struktur des Gehirns scheint einen großen Einfluß auf die Intelligenz und die verschiedenen Intelligenzbereiche zu haben, wie MRT-Aufnahmen von den Gehirnen eineiiger und zweieiiger Zwillinge nahelegen.“ (Ebd., S. 69-70).

„Der selbstverordnete angebliche Antibiologismus, bei dem es sich in Wirklichkeit um eine antibilogische Ideologie handelt, führt selbst bei relativ einfachen Untersuchungsgegenständen in aller regelmäßigkeit zu geradezu kapitalen Fehlschlüssen.“ (Ebd., S. 71).

„Was gesellschaftlich machbar und wandelbar ist, darüber haben nicht nur diejenigen mitzureden, deren Meinungen auf Vorstellungen beruhen, von denen sich auch Pol Pot leiten ließ.“ (Ebd., S. ).

„Daß es nicht sinnvoll sein kann, wenn ausgerechnte diejenigen Gesellschaftsmitgliederdie meisten Kinder bekommen, die im Sozialstaat weder sich noch ihre eigenen Nachkommen auf eigenständige Weise ernähren können, dürfte selbst den einfachsten Gemütern einleuchten, da uf diese Weise ja vor allem Armut reproduziert und die Generationengerechtigkeit (**|**|**) verletzt wird. Die gesellschaftlichen Entwicklungen in den Industrienationen belegen dies seit mehreren Jahrzehnten auf eindrucksvolle Weise. Auch werden durch solche Verhältnisse Begriffe wie Nächtsenliebe und Altruismus regelrecht pervertiert. Hilfe kann auf lange Sicht stets nur Huilfe zur Slebsthilfe sein. Alles andere stellt eine Entwürdigung von Menschen und eine Menschrenrechtsverletzung dar. “ (Ebd., S. 86).

„Daß man das in den Sozialwissenschaften und in linken Kreisen mehrheitlich ganz anders sieht, hat einen einfachen Grund, und der lautet einmal mehr: Kompetenzerhalt. So wie Ärzte die Kranken brauchen, um überleben zu können, so benötigen Soziologen und die linke Politik die sozial Schwachen, denen gegenüber man sich in einer Position der Stärke beziehungsweise Dominanz (Kompetenzerhalt) präsentiert, was ganz nebenbei fürchterlich gut fürs eigene Ego ist. Die einfache Rechnung lautet: Je mehr soziale Brennpunkte es gibt und je ärmer die Gesellschaft wird, desto mehr Soziologen (einschließlich Sozialpädagogen und v.a. Sozialarbeiter, Sozial...(hier Wortelement einsetzen!)... - versteht sich; HB) werden benötigt und desto bedeutsamer wird die Disziplin und damit man selbst natürlich auch. Und die linke Politik erhofft sich davon mehr linke Wähler, die mit der eigenen Lebenswirklichkeit unzufrieden sind (Linke und Links-Soziologisten müssen also die Lebensverhältnisse immer mehr verschlechtern, um für sich eine Anhänger- bzw. Wählerschaft zu ködern, denen sie die »Verbesserung« der Lebensverhältnisse versprechen, aber das Gegenteil tun, um noch mehr Anhänger und Wähler zu ködern u.s.w. - ein Teufelskreis! HB). Tatsächlich ... gestalten Soziologie und linke Politik die immer unhatbarer werdenden sozialen Zustände maßgeblich mit, zum Teil auf demographische Weise, zum teil durch eine Überforderung des Sozialstaates .... Es ist ein Geschäft mit dem Leid anderer.“ (Ebd., S.86-87 ).

„Antibiologismus und Tabula-rasa-Hypothese sind für die Sozialwissenschaften letztlich Lizenzen zum Gelddrucken.“ (Ebd., S. 87).

„Auf diese Weise kommt es zu einer schweren Verletzung der Generationengerechtigkeit bzw. zur Ausbeutung der kommenden Generationen (**|**|**).“ (Ebd., S. 87).

„Und es kommt zu einer Entwürdigung von Menschen, diedem abgehängten Prkariat zugerechnet werden.“ (Ebd., S. 87).

 

7) Geschelchterverhältnis

„Ein weiterer allgemein verbreiteter Denkfehler ist die Vorstellung, das Nachwuchsverhalten (gemeint ist das Fortpflanzungsverhalten; HB) in modernen menschlichen Gesellschaften sei natürlich. (Überhaupt: Linke und Links-Soziologisten pervertieren alles Natürliche, werten also auch die Natur um; für sie ist »natürlich«, was unnatürlich bzw. krank ist, und »unnatürlich« oder »krank«, was natürlich ist; sie denken und beurteilen falsch, weil sie selbst falsch herum [= links] sind; HB). .... In Wohlfahrtsstaaten wird dr Reproduktionserfolg nicht mehr durch die genetische Fitneß bestimmt, sondern durch die ... Reproduktionsinteressen (den ... Kinderwunsch). Welche Gene die nächste Generation erreichen, ist demgemäß in erster Linie eine Frage des ... Kinderwunsches“ (Reproduktionsinteresses) .... Der ... Reproduktionserfolg in moderenen menschlichen Gesellschaften beruht nicht - wie in der Natur - in erster Linie auf einer günstigen oder weniger günstigen genetischen Ausstattung, sondern auf menschengemachten Rahmenbedingungen, die linderbar sind.“ (Ebd., S. 93).

„Wenn sich von Transferleistungen lebende Frauen aktuell häufiger für mehrere Kinder entscheiden als etwa Akademikerinnen, dann heißt dies zunächst nichts anderes, als daß in unserer Gesellschaft akademisch ausgebildete Frauen bezogen auf ihre jeeilige persönliche Situation im MIttel ungünstigere Fortpflanzungsbedingungen vorfinden als Sozialhilfeempfängerinnen (und eine solche »Gesellschaft« mit einem solchen »Staat« kann nicht natürlich, sondern nur links, also falsch, unnatürlich bzw. krank, dement oder kurz vor ihrem Tod sein; HB). Anders gesagt: Sie (die Nicht-Sozialhilfeempfänger) werden in der Fortpflanzungsfrage benachteiligt (das nennt man auch: Negative Selektion, soziale Selektion, Dysgenik oder Survival of the Unfittest; HB).“ (Ebd., S. 94).

„Die häufig gemachte Anmerkung, daß alle Kinder gleich seien und folglich die gleichen staatlichen Zuwendungen erhalten sollten, ist in diesem Zusammenhang wenig hilfreich, da sich ja nicht die Kinder, sondern deren Eltern für oder gegen Nachwuchs zu entscheiden haben. Und die leben gegebenenfalls in völlig unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten.“ (Ebd., S. 94).

„Eine wesentliche Ursache der Verletzung der Generationengerechtigkeit (**|**|**) und vieler anderer sozialer Probleme unserer Gesellschaft stellt die mißlungene Gleichberechtigung der Geschlechter dar .... Wie ich noch darlegen werde, dürfte es sich in ihrer jetzigen Forma dabei um die wohl größte Plünderung und Vernichtung von Humanvermögen in der Geschichte der Menschheit handeln.“ (Ebd., S. 98).

„Wenn Menschen als selbstreproduktive Systeme schließlich begreifen, daß sie ihre Kompetenzen im Lebensraum Sozialstaat auch im Alter besser bewahren können, wenn sie keine Kinder haben, dann wird sich ein Großteil von ihnen für genau diesen Lebensstil entscheiden.“ (Ebd., S. 99-100).

„Um Machbarkeit oder gar Logik ging es in der Politik noch nie.“ (Ebd., S. 100).

„Tatsächlich werden auf diese Weise sowohl das eigene Humanvermögen - gewissermaßen durch reproduktiven Aotogenozid - als auch das des abgebenden Landes geplündert.“ (Ebd., S. 103).

„Der evolutionäre Sinn der Geschlechtertrennung ergibt sich eben gerade erst aus der Ungleichheit der Geschlechter .... Entsprechendes kann im Grunde für die gesamte Natur behauptet werden: In einem Universum ohne unterschiedliche Energieverteilungen - das heißt ohne »Ungleichbehandlungen und Ungerechtigkeiten« - könnte sich überhaupt nichts entwickeln. Es wäre dann den Wärmetod gestorben, wie Physiker zu sagen pflegen.“ (Ebd., S. 108).

„Nun könnte man die Gendertheorie und die in ihrem Zusammenhang aufgestellten Thesen ihrer Protagonisten als eine weitere Absurdität des Lebens abtun, über die sich nicht weiter aufzuregen lohnte, resultierte daraus nicht eine substanzielle Verletzung des Prinzips der Generationengerechtigkeit (**|**|**). Wie noch dargelegt wird, fehlt der Gendertheorie - wie dem Antibiologismus generell - die Nachhaltigkeit. Ihre Grundannahmen führen zu einer Plünderung vorhandener, gesellschaftlich nutzbarer Humanressourcen im Interesse der aktuellen und zum Nachteil der kommenden Generationen. Es handelt sich letztlich um die gleiche Geisteshaltung, die den nachfolgenden Generationen bedenkenlos immer weitere Schulden aufbürdet, indem man die Gegenwart mit den Mitteln der Zukunft finanziert.“ (Ebd., S. 108-109).


„Wie ich in verschiedenen Aufsätzen und Büchern darzulegen verucht habe, kann man die Begriffe »Evolutionsprinzipien« und »Prinzip der Gnerationengerechtigkeit« gewissermaßen als Synonyme verstehen.“ (Ebd.).


„Gemäß den Ausführungen des Kapitels »Das evolutionär-systemische Weltbild« (**) ist Evolution in erster Linie ein Kompetenz bewahrender beziehungsweise entwickelnder Prozeß. Dies läßt dann aber erwarten, daß Populationen evolutionär um so erfolgreicher sind, je leichter und schneller sich in ihnen neue, überlegene Kompetenzen ausbreiten können. Dies erklärt unmittelbar die überragende Bedeutung kultureller Kompetenzen, denn diese können sich - anders als Gene - gegebenenfalls noch in der aktuellen Generation horizontal in der gesamten Population ausbreiten. Beispielsweise kann heute eine geeignete Therapie für eine irgendwo auf der Welt ausgebrochene Seuche (zum Beispiel EHEC) binnen Stunden allen behandelnden Ärzten zur Verfügung gestellt werden, wodurch sich deren medizinische Kompetenzen praktisch zeitgleich global verbessern. Das setzt allerdings voraus, daß der horizontalen Distribution keine unnötigen künstlichen Barrieren im Wege stehen. Zu nennen wären hier vor allem Nationen-, Sprach-, Kultur-, Klassen- und Schichtgrenzen und andere soziale Undurchlässigkeiten, aber auch religiöse Vorgaben, Dogmen, Ideologien, Denkverbote u.s.w..“ (Ebd., S. 109).

„Umgekehrt sollten aber auch die Populationsmitglieder ausreichend bestrebt sein, für eine Verbreitung ihrer Kompetenzen zu sorgen. Anders gesagt: Sie sollten über ein ausreichendes Reproduktionsinteresse verfügen. Man stelle sich beispielsweise vor, ein auf die Erde zurasender Komet würde allen Berechnungen zufolge in ca. 50 Jahren auf unserem Planeten einschlagen und dann vermutlich alles Leben auslöschen. Gemäß den Aussagen der Wissenschaften kann das Ereignis nicht mehr verhindert werden. Allerdings ist ein 60-jähriger Physiker davon überzeugt, daß man den Kometen mit einer von ihm vor vielen Jahren erdachten Technologie, die er aus Angst vor Mißbrauch bislang für sich behalten hat, doch noch rechtzeitig zerstören könnte. Würde er sein Wissen (seine Kompetenzen) mit ins Grab nehmen, dann würde mit ihm das Leben - und damit alle Kompetenzen gleich welcher Art - von diesem Planeten verschwinden. Sein fortgesetztes Schweigen wäre gewissermaßen inhuman, denn Leben bedeutet Evolution und Evolution wiederum Kompetenzerhalt, und genau den würde er mit seiner Haltung verhindem. Die zu erwartende normale menschliche Reaktion wäre dagegen, alles daran zu setzen, um andere von der eigenen Entdeckung zu überzeugen, d.h. dafür zu sorgen, daß die eigenen Kompetenzen bewahrt bleiben.“ (Ebd., S. 109-110).

„Offenbar existieren in der Wissenschaft längst Parallelwelten.“ (Ebd., S. 117).

„Während die Natur also dem weiblichen Teil den Hauptteil der Fortpflanzungsarbeit zugewiesen hat, ist eine Hauptaufgabe des männlichen Geschlechts, die Evolution zu beschleunigen und für eine möglichst rasche Anpassung an den Lebensraum zu sorgen, das heißt, die Evolutionsfähigkeit zu verbessern (**). Es ist folglich von Vorteil, wenn das männliche Geschlecht stärker von Mutationen betroffen ist, denn dann können ungünstige Mutationen leichter »eliminiert« und günstige gefördert werden, und zwar alles auf ganz natürliche Weise (**|**). Möglicherweise ist sogar ein Großteil des menschlichen Intellekts auf genau diese Weise entstanden. Insgesamt ist das männliche Geschlecht so etwas wie ein »Turbolader« der Evolution, denn es unterliegt aufgrund der aus seiner Sicht knappen weiblichen Ressourcen einem erhöhten Selektionsdruck, und zwar selbst dann, wenn der Lebensraum nicht begrenzt ist.“ (Ebd., S. 121).


Vgl. Christoph von der Malsburg, Ist die Evolution blind?, in: Bernd-Olaf Küppers (Hrsg.), Ordnung aus dem Chaos - Prinzipien der Selbstorganisation und Evolution des Lebens, 1987, S. 269-279.“ (Ebd.).

Karl Olsberg (Karl-Ludwig Freiherrr von Wendt) führt dazu aus: »Man kann den Zusammenhang zwischen Mutationsrate und Evolutionsfortschritt mathematisch analysieren. Dies haben Ingo Rechenberg ... und seine Mitarbeiter schon in den siebziger Jahren getan. .... In vielen Fällen ist die Mutationsrate optimal, wenn 20 Prozent der Nachkommen besser an die Umwelt angepaßt sind als ihre Eltem, 80 Prozent jedoch schlechter. .... Der Grund liegt darin, daß es einen mathematischen Zusammenhang zwischen der Schrittweite der Mutationen und dem Antei-l ›schlechter‹ Mutationen gibt. Man kann also die Schrittweite nur vergrößern, wenn man einen höheren Anteil nachteiliger Mutationen in Kaufnimmt.« (Karl Olsberg, Schöpfung außer Kontrolle, 2010, S. 56f.) Eine optimierte Lösung in der Hinsicht stellt offenkundig die Getrenntge-
schlechtlichkeit dar: Männlich = hohe Mutationsschrittweite + Selektion, weiblich = niedrige Schrittweite.“ (Ebd.).

„Mithilfe eines separaten männlichen Geschlechts kann somit das Mutationsfenster der Art (innerhalb derer die Art lebensfähig bleibt) weiter ausgeschöpft werden, allerdings auch nur dann, wenn die Männchen stärker von Mutationen betroffen sind als die Weibchen und sie den deutlich höheren potenziellen Fortpflanzungserfolg besitzen.“ (Ebd.).


„Man versteht nun also, warum Männer nur ein X-Chromosom besitzen, Frauen aber deren zwei. Ihr fehlendes zweites X-Chromosom und ihr angeblich verkrüppeltes Y-Chromosom machen Männer nicht genetisch minderwertiger, wie es gelegentlich behauptet wurde (**), sondern variabler, wozu möglicherweise auch das kurze Y-Chromosom noch zusätzlich beigetragen haben könnte, wie Untersuchungen gezeigt haben wollen.“ (Ebd., S. 121).


Vgl. Valerie Solanas, S.C.U.M. - Manifest der Gesellschaft zur Abschaffung der Männer: Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer, 2010.“ (Ebd.). Ja, Sie haben richtig gelesen: ABSCHAFFUNG DER MÄNNER: ... VERNICHTUNG DER MÄNNER!


„Es stellt also einen evolutionären Vorteil dar, wenn die Fortpflanzungsaufgaben in einer Population nicht von allen Individuen in gleichem Maße getragen werden (wie etwa beim Hermaphroditismus), sondern sich in unterschiedlicher Gewichtung und Fokussierung auf verschiedene soziale Rollen verteilen. Die Honigbienen haben es in besonderem Maße exemplarisch vorgeführt: Bei ihnen gibt es Königinnen, die die eigentlichen Reproduktionsaufgaben erledigen, Arbeiterinnen, denen die sozialen Aufgaben zufallen, und Drohnen (Männchen), die für Variation und Selektion sorgen. Wie beim Menschen zeichnen sich bei den Bienen die männlichen Geschlechtstiere durch eine stärkere Variabilität (Variation) und eine wesentlich größere Varianz beim individuellen Fortpflanzungserfolg (Selektion) aus. Dies macht letztlich das Wesen des männlichen Geschlechts aus: Seine primäre Aufgabe ist es, den Evolutionsprozeß zu beschleunigen. In ihm entstehen nicht nur die meisten neuen genetisch bedingten Kompetenzen (Variation), sondern es kann aufgrund der viel größeren Varianz beim Fortpflanzungserfolg (beziehungsweise der potenziellen Fruchtbarkeit) zudem maßgeblich dafür sorgen, daß sich die Kompetenzen - sofern vom weiblichen Geschlecht als wünschenswert erachtet - relativ rasch bedingt »horizontal« in der gesamten Population ausbreiten können. Obwohl der Hennaphroditismus -quantitativ betrachtet - reproduktiv leistungsfähiger als die Getrenntgeschlechtlichkeit ist, produziert die heterosexuelle Fortpflanzung die weitaus kompetenteren Nachkommen. Komplexe Lebewesen wie der Mensch konnten in der Natur nur getrenntgeschlechtlich entstehen.“ (Ebd., S. 121-122).

„Gibt es eine Alternative zu Gender? .... Eine solche Alternative gibt es in der Tat. Die Honigbienen haben sie gefunden.“ (Ebd., S. 126-127).

„Die Evolutionsbiologie definiert Altruismus als ein Verhältnis, welches den Reproduktionserfolg anderer auf Kosten des eigenen Reproduktionserfolges erhöht. In der Terminologie der Systemischen Evolutionstheorie übersetzt sich das in: Altruismus ist ein Verhalten, welches das Reproduktionsinteresse anderer auf Kosten des eigenen Reproduktionsinteresses erhöht.“ (Ebd., S. 127).

„Die von den Honigbienen gefundene Lösung läßt sich - verkürzt - wie folgt zusammenfassen: Werden in einem Sozialstaat alle sozialen Aufgaben von den Weibchen wahrgenommen, dann müssen sie sich arbeitsteilig in berufsätige Weibchen und Hausfrauen aufspalten, andernfalls löste sich der Sozialstaat mit der Zeit wieder auf. Ich wüßte nun allerdings nicht, wie Gendertheoretiker und Gleichheitsfeministinnen den Frauen ausgerechnet diesen Zusammenhang plausibel machen wollten. Mit dem Familienmanager-Modell (**) habe ich versucht, eine auf solch grundlegenden Überlegungen und Konzepten aufbauende tragfähige und zwangfreie Lösung für das globale Bevölkerungsproblem unter der Rahmenbedingung der Gleichberechtigung der Geschlechter vorzuschlagen. Eingehend theoretisch und praktisch begründet wird es in meinem Artikel »Familienarbeit in gleichberechtigten Gesellschaften« (**) und in meinen Büchern zum Thema (**). .... Allerdings merke ich ... sogleich an, daß ich dafür auf absehbare Zeit keine Umsetzungschancen sehe, da die Vertreter des Antibiologismus, der Tabula-rasa-Hypothese und der Gendertheorie dies mit ihrem Einfluß nicht zulassen werden.“ (Ebd., S. 129-130).

 

8) Die Rolle der Medien

„In wettbewerbsorientierten Marktwirtschaften kann man den Tag nur in »viel Beruf (beziehungsweise Karriere) und wenig Familie« oder umgekehrt in »wenig Beruf und viel Familie« aufteilen, aber eben nicht in »beides viel«. Letzteres wäre für die Darwinsche Evolutionstheorie jedoch eine Grundvoraussetzung für Evolution, denn gemäß ihr findet Evolution deshalb statt, weil diejenigen, die sich in ihrer Umwelt leichter tun und dort mehr Ressourcen erlangen, auch mehr Nachkommen hinterlassen. Patriarchalische Gesellschaften sind mit ihrer rigorosen sexuellen Arbeitsteilung exakt so orgarnsiert, daß diese Grundbedingung für Evolution erfüllt wird, und aus diesem Grund haben sie sich auch evolutionär durchgesetzt. Modeme gleichberechtigte Gesellschaften genügen der Bedingung hingegen nicht, da sie lediglich die »Vereinbarkeit« von Familie und Beruf (das heißt »viel Beruf und wenig Familie« oder »wenig Beruf und viel Familie«) zum wünschenswerten Prinzip erhoben haben. Im Grunde demonstriert das Konzept von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Lösungsansatz für die prekäre Nachwuchssituation gleichberechtigter Gesellschaften bereits, wie wenig die antibiologistischen Sozial- und Kulturwissenschaften von der Evolutionstheorie verstehen, nämlich buchstäblich nichts.“ (Ebd., S. 143).

„Für das, was Eva Herman damals tatsächlich sagte, interessierten sich die medialen Wortführerinnen in Wirklichkeit nicht. Deshalb laufen auch heute noch alle inhaltlich argumentierenden Fallanalysen praktisch vollständig ins Leere. In Kompetenzbewahrungsspiralen geht es schließlich nicht um Inhalte, sondern um den Erhalt von Kompetenzen, etwa um die Stellung in der Gruppe oder um das gesellschaftliche Prestige, das heißt letztlich um Selbstanpassung. Im konkreten Fall hätte aber eine frühzeitige Unterstützung für Eva Herman, beispielsweise durch die öffentliche Bekundung, daß sie das ihr Unterstellte ja gar nicht gesagt hat, möglicherweise den Verlust der Zugehörigkeit zur Gruppe der gesellschaftlich relevanten Stimmen zur Folge gehabt. Also unterbliebeni entsprechende Stellungnahmen. Man versteht nun, wie politische Korrektheit entsteht und aufrechterhalten (reproduziert) wird und was sie bedeutet. Nennen wir sie einfachheitshalber Selbstanpassung. Gutmenschen und Politisch-Korrekte sind in diesem Sinne besonders gut Selbstangepaßte.“ (Ebd., S. 146).

„Ein wenig erinnert mich der Fall an ein Erlebnis, das ich während meines Mathematikstudiums als poitisch links stehender Zuhörer in einem wissenschaftstheoretischen Seminar an der Philosophischen Fakultät hatte. Als man dort - für links stehende Personen politisch korrekt - Karl Poppers Falsifikationsprinzip substantiell kritisierte, erlaubte ich mir - gestützt auf mein Fachwissen in mathematischer Logik - anzumerken, daß Popper aufgrund der Asymmetrien in den logischen Regeln in dem Punkt absolut recht habe, woraufhin ich von etlichen - ebenfalls linken - Seminarbesuchern fast schon inquisitorisch gefragt wurde, ob ich etwa neuerdings ein Anhänger Poppers sei. Meine damalige Antwort war: »Bislang nicht, jetzt schon.« Der Vorfall begründete übrigens mein tiefes Mißtrauen, welches ich noch heute gegenüber solcherart Wissenschaft hege.“ (Ebd., S. 146).“ (Ebd., S. 146).

„Der Fall Eva Hennan führte auf exemplarische Weise vor, welche Eigendynamik Kompetenzbewahrungsspiralen entfalten können. Nachdem sich einige prominente Personen einheitlich und in eindeutiger Weise gegen Eva Hennan ausgesprochen hatten, stellte eine sinngemäß ähnliche öffentliche Verlautbarung kein persönliches Risiko mehr dar. Mit einer Bekräftigung der Erststimmenmeinungen konnten sogar gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Erstens bekundete man hierdurch seine Zugehllrigkeit zur Gruppe derjenigen, die in unserer Gesellschaft das Sagen haben und für modernes, »vorwärts« gerichtetes Denken stehen, und zweitens brachte man sich einmal mehr ins Gespräch und damit in Erinnerung. Es ging schließlich um den Erhalt der eigenen sozialen Kompetenzen. Eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was Eva Herman tatsächlich gesagt hatte, war dafür an keiner Stelle erforderlich. Es reichte, sich auf das zu beziehen, was die Erststimmen bereits von sich gegeben hatten. Diese konnten aber ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr falsch gelegen haben, weil sich sonst alle anderen ebenfalls geirrt hätten. Auf diese Weise war eine neue, unverrückbare Wahrheit entstanden, frei nach dem Motto: »Es ist nicht das wahr, was ist, sondern was darüber in den Mainstreammedien steht.« Einer solchen Auffassung hat sich im übrigen auch längst das Internet-Lexikon Wikipedia angeschlossen: Fakt ist nur das, was sich durch Artikel der Mainstreammedien belegen läßt. Dieser kollektiven Gewißheit konnte sich dann schließlich auch der Bundesgerichtshof nicht mehr entziehen. In einem Urteil zum Fall behauptete er, Eva Hermans ursprüngliche Aussage könne sinngemäß nur so interpretiert werden, wie es Barbara Möller vom Hamburger Abendblatt seinerzeit getan hatte (vgl. dazu meinen Artikel »Eva Herman, der BGH und die deutsche Sprache« [**|**]).“ (Ebd., S. 146).

„In den Medien nahm man das BGH-Urteil so gelassen zur Kenntnis, als habe Angela Merkel einmal mehr an die »Bedeutung« des Euros für Deutschland und ganz Europa erinnert. Lediglich weniger prominente Autoren, wie ich selbst, versuchten darauf aufmerksam zu machen, daß es sich bei dem BGH-Urteil, welches ja nichts weniger behauptete, als daß Eva Hermans ursprüngliche Äußerung ausschließlich im Sinne der Wiedergabe des Hamburger Abendblattes interpretiert werden könne, um ein krasses Fehlurteil handelte. Von seiten der Mainstreammedien hingegen kein Wort, nichts, niemand, um in der Wortwahl Frank Schirrrmachers zu bleiben.“ (Ebd., S. 147).

„Im Grunde hat der Fall auf eindrucksvolle Weise demonstriert, wie durch das Wirken der Medien kollektiver Schwachsinn erzeugt werden kann. Schließlich sind dann nicht einmal mehr die einfachsten Sachverhalte klärbar und verhandelbar. Denn Eva Herman hatte lediglich das Folgende öffentlich und in freier Rede gesagt: »Wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das - alles, was wir an Werten hatten - es war 'ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter hochgefährlicher Politiker, der das Deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle - aber es ist eben auch das, was gut war - das sind die Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehenbleiben.«“ (Ebd., S. 147-148).

„In den letzten Jahren haben sich genau prominente »bürgerliche« Personen auf sehr eingehende Weise und dabei ihre gesellschaftliche Reputation riskierend zum demographischen Wandel und zu dessen Begleiterscheinungen geäußert. Die eine Person war Eva Hennan, die andere Thilo Sarrazin. Beide Personen sind - trotz großer Zustimmung in der Bevölkerung zu ihren Kernaussagen - von den Medien in einer Art konzertierter Aktion regelrecht niedergeknüppelt und anschließend ausgegrenzt worden. Dabei gelang es - wie beschrieben -, aus Eva Herman - bei grober Sinnentstellung einer ihrer Äußerungen - eine Sympathisantin der Nazi-Familienpolitik zu machen. Ähnlich irritierend war der mediale Umgang mit Thilo Sarrazin, zu dessen Buch und Thesen sich Frank Schirrmacher selbst bereits frühzeitig äußerte, zum Beispiel mit den folgenden denkwürdigen Formulierungen:
»Denn im Innersten dieses Buches steckt eine vulgärdarwinistische Gesellschaftstheorie, die mit einer Unbefangenheit dargelegt wird, als hätte es alle Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben. Ein Kernsatz des Buches lautet: ›Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche, natürliche Zuchtwahl im Sinne von ›survival of the fittest‹, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.‹ Das sind unerhörte Sätze. (Nein, das ist die Wahrheit! Schhirmmacher kann die Wahrheit nicht vertragen, also ist er bereits ein Linker! HB). Und Sarrazin weiß das.«
Offenbar gab es da doch tatsächlich einen Politiker - und dies hätte ich nie und nimmer für möglich gehalten -, dem ein tiefer Einblick in die Evolutionstheorie und die mit ihr zusammenhängenden Probleme unserer Gesellschaft gelungen war. Thilo Sarrazins Kernsatz ist aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie richtig, wie er richtiger kaum sein könnte. “ (Ebd., S. 150).

„Noch verblüffier war ich darüber, daß er sich dabei Formulierungen bediente, die vom Inhalt her praktisch identisch mit den entsprechenden Forrnulierungen der Systemischen Evolutionstheorie waren, zum Beispiel den folgenden«:
Bei der natürlichen Selektion ist die Natur der »Züchter«, bei der sexuellen Selektion sind es die Weibchen und in Sozialstaaten der Sozialstaat selbst. Man könnte in diesem Zusammenhang von einer sozialen Selektion sprechen, bei der die entscheidenden Selektionsfaktoren von Menschen beziehungsweise menschlichen Organisationen geschaffene sozioökonomische Faktoren sind. Anders gesagt: In menschlichen Sozialstaaten gestalten Menschen Selektionsfaktoren, die - über die Selektion - wiederum Menschen gestalten. Wohlfahrtsstaaten müssen sich also auf eine bestimmte Weise organisieren, um ihre humanen Kompetenzen bewahren zu können. Nicht jede Organisation ist in diesem Sinne kompetenzerhaltend. Im ungünstigen Fall können ihre bestimmenden sozioökonomischen Faktoren (die wesentlichen Selektionsfaktoren) so gesetzt sein, daß sich ein negativer Zusammenhang zwischen Kompetenzen und Reproduktionserfolg realisiert.
Nichts anderes behauptet Thilo Sarrazin in seinem Satz. Und dafür ist er kritisiert, als Sozialdarwinist beschimpft und regelrecht öffentlich fertiggemacht worden, unter anderem von Frank Schirrmacher selbst. Dabei steckt in seinem Satz letztlich eine tiefgründige Distanzierung vom Darwinismus. Seine Kernaussage lautet nämlich - in die Terminologie der Evolutionstheorie übersetzt -, daß das Fortpflanzungsverhalten in unserer Gesellschaft weniger von natürlichen (von der Natur gesetzten) Selektionsfaktoren beeinflußt wird -es darin also gewissermaßen nicht mehr zur natürlichen Selektion kommt -, sondern primär durch vom Menschen selbst geschaffene kulturelle Faktoren. Anders gesagt: Wenn man in einer Gesellschaft vorgibt, daß nur diejenigen Männer heiraten dürfen, die eine Ausbildung und ein ausreichendes Einkommen nachweisen können - wie es vor wenigen Jahrhunderten tatsächlich noch der Fall war -, dann wird die Verteilung der Kinder in der Bevölkerung eine ganz andere sein, als wenn ein Sozialstaat grundsätzlich alle (ohne zahlenmäßiges Limit) Kinder von mittellosen Eltern ernährt. Und genauso würde sich die Kinderverteilung in der Bevölkerung beträchtlich voneinander unterscheiden, wenn für gewöhnlich nur Männer arbeiten gehen und Frauen statt dessen mehrheitlich Mutter und Hausfrau werden, oder wenn im allgemeinen sowohl Frauen als auch Männer einem Job nachgehen und nach beruflichem Erfolg streben.“ (Ebd., S. 150-151).

„Das aktuelle Geburtenverhalten in unserer Gesellschaft dürften nur diejenigen als problemlos ansehen, die glauben - bzw. uns glauben machen möchten -, Menschen kämen als sozial beliebig formbare Biomassen zur Welt, konkret: die Anhänger des Antibiologismus, der Tabula-rasa-Hypothese und der Gendertheorie. Folgte man deren Vorstellungen, könnte man das Geburtenverhalten einer Bevölkerung auf eine einzige Zahl reduzieren, nämlich die Fertilitätsrate. Bei einer Zahl von 1,3 hieße es dann beispielsweise »nicht ausreichend«, bei 1,9 hingegen »gut«. Weitere Faktoren seien nicht zu berücksichtigen, zumal ein großer Teil der Antibiologisten ohnehin indirekt der Auffassung ist, daß zwar das Geschlecht eines Menschen eine soziale Kategorie ist, sein Geburtenverhalten hingegen primär »natürlich«. Aus diesem Grund könne man daran angeblich auch nichts wirklich ändern. Wer es dennoch versuchte - wie beispielsweise Thilo Sarrazin -, der würde sogleich als Eugeniker, Sozialdarwinist oder Sozialingenieur beschimpft.“ (Ebd., S. 151).

„Kritik an den vorhandenen sozialen Verhältnissen darf immer nur dann geäußert werden, wenn sie der eigenen Sache dient. Aus diesem Grund stellt für die Vertreter des Antibiologismus und der Gender-Theorie der hohe Anteil von Akademikerkindern unter den Studierenden eine substanzielle Bildungsbenachteiligung von Nichtakademikerkindern und damit eine Diskriminierung dar, die deutlich geringere Geburtenrate von Akademikerinnen hingegen nicht. Ihnen ist es nämlich im Grunde recht, wenn gebildete Menschen nur wenige Kinder bekommen, ich erwähnte es bereits. Feministinnen möchten in erster Linie arbeiten gehen, während für Soziologen, Linke und »Gutmenschen« der Bedürftige das Kerngeschäft darstellt. Kompetenzerhalt lautet das Spiel. Daß es unter dieser unheilvollen Allianz ganz nebenbei zu einer substanziellen Verletzung der Generationengerechtigkeit (**|**|**) kommt, scheint niemanden ernsthaft zu irritieren. Jedenfalls bislang.“ (Ebd., S. 152).

„Doch zurück zu Frank Schirrmacher: Woher soll er denn kommen, der verantwortungsvolle Umgang mit dem demographischen Wandel, wenn all diejenigen, die die auf uns zurollende Entwicklung nicht einfach hinnehmen möchten, sogleich mit vereinten medialen Kräften um Beruf und persönliche Ehre gebracht werden? Und was heißt an dieser Stelle »Ein Bürgertum ... muß in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden«? Bereits 2006 schrieb Eva Herman im Cicero:
»Immer lauter wird nun das Geschrei bei der Suche nach den Ursachen und nach den Schuldigen. Man hat schon griffige Erklärungen bereit: Es seien halt Fehler im System - nicht ausreichende Ganztags-Betreuungsplätze für Kleinstkinder und Vorschulkinder, fehlende Teilzeitangebote für Frauen und Männer, starre Tarifverträge, laue Männer, die ihren Job nicht für eine »Elternzeit« unterbrechen wollen, und natürlich die fehlende Anerkennung jener berufstätigen Frauen, die sich am Spagat zwischen Job und Familie versuchen. Doch nicht das »System« muß überprüft werden. Wir Frauen kommen nicht drum herum: Jetzt müssen wir uns selbst einmal kritisch betrachten und nach unserem Handeln als Frau in all unserer Verantwortung fragen.«
Was sonst als bürgerliche Selbstkritik könnte das gewesen sein?“ (Ebd., S. 152).

 

9) Die Rolle der Wissenschaften

„Offenbar ist man in weiten Teilen der Bildungsforschung noch immer der Meinung, Bildung funktioniere im Stile des Nürnberger Trichters: Wenn man den Kindern und Jugendlichen nur ausreichend viel und gut aufgearbeitetes und vermitteltes Bildungsmaterial zur Verfügung stelle, dann würden sie anschließend gebildet sein. Ich möchte das bezweifeln, denn lernen muß jeder noch immer selbst.“ (Ebd., S. 157).

„Ich bin gewissermaßen selbst ein Gegenbeispiel der Mehrheitsauffassung der Soziologen.“ (Ebd., S. 157).

„In Intelligenztests viel ... auf, daß der genetische Einfluß auf die Intelligenz mit zunehmendem Alter nicht ab-, sondern zunimmt. Beispielsweise soll er im Alter von 74 Jahren bei 82% liegen.“ (Ebd., S. 158).

„Unbewußt würde man vielleicht das exakt Umgekehrte erwarten, daß man etwa im Laufe seines Lebens eine Menge Erfahrungen sammelt und auch ganz fürchterlich viel lernt, so daß die Bedeutung der Gene gegenüber den Umwelteinflüssen mehr und mehr schwindet. Es ist aber andersherum, und zwar weil sich ... ihre Umgebung entsprechend ihren eigenen genetsichen Ausstattungen gestalten.“ (Ebd., S. 158-159).

„Die (falsche! HB) Annahme, alle Menschen seien von Ihrem inneren Potential her gleich, führt auf direkte Weise in ein soziales Klima des Neids und der Mi´gunst. Herausragende persönliche Leistungen werden dann nicht mehr bewundert, sondern mißgönnt. Sie stehen im Verdacht, Ausdruck einer sozialen Privilegierung - gleich welcher Art - zu sein. Eine denkbare Konsequenz daraus ist die gezielte Egalisierung, im schlimmsten Fall dann so, wie es unter den Roten Khmer geschah.“ (Ebd., S. 160).

„Bei Wissenschaften - oder auch Wissenschaftsdisziplinen - handelt es sich um soziale Systeme, in denen die Ergebnisse des jeweilige Arbietsgebietes auf der Grundlage der Wettbewerbskommunikation des Rechts des Besitzenden unter den zugehörigen Personen (den Wissenschaftlern) verhandelt werden. Wir können uns eine Wissenschaftsdiziplin also gewissermaßen wie eine Population aus lauter männlichen Pfauen vorstellen, die sich gegenseitig ihr Gefieder zeigen, um sie nach Schönheit zu ordnen, ohne dabie von ... Dritten - wie den Weibchen - unterstützt zu werden. Daß dies in der Praxis nicht immer ganz einfach sein dürfte, versteht sich von selbst.“ (Ebd., S. 162).

„In Wissenschaftsdisziplinen, in denen die empirische Beobachtung erschwert ist oder die gleichen Daten auf recht unterschiedliche Weise interpretiert werden können, sind die Forschungsergebnisse dann jedoch nicht mehr vorhersehbar. Sie richten sich primär an den Reproduktionsinteressen der Wissenschaftler und Wissenschaftsinstitute und nicht an den realen Gegebenheiten aus. Dies macht es möglich, daß pseudowissenschaftliche Konzepte wie Tabula-rasa-Hypothese, Antibiologismus und Gender-Theorie regelrechten Wissenschaftsstatus erlangen. Ferner werden die Disziplinen hierdurch anfällig für externe wirtschaftliche Interessen oder politische Ideologien, die mitunter einen unmittelbaren Einfluß auf die Forschungsschwerpunkte und Ergebnisse nehmen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Analyse Hans-Walter Leonhards: »... hatten damit die linken, gesellschaftskritischen, nach mehr oder weniger weitgehenden Veränderungen strebenden Kräfte die zu ihren politischen Absichten passenden Theorien« (ders., Recht und Grenzen evolutionsbiologischer Betrachtungen im Bereich des Humanen, a.a.O., 2001, S. 145f.). Anders gesagt: Man brauchte die Theorien zur Verwirklichung der eigenen politischen Absichten (bzw. der eigenen Interessen) und nicht umgekehrt.“ (Ebd., S. 165-166).

„Auch können in solchen Disziplinen unliebsame Konzepte ganz leicht abgelehnt oder ignoriert werden. Das simple Einstreuen des Wortes »umstrittenl« an der richtigen Stelle genügt oft schon. Die gegenseitige Selbstanpassung der Wissenschaftler, angetrieben vom Wunsch, veröffentlichen zu können und soziale Anerkennung in den eigenen Reihen und gegebenenfalls der Öffentlichkeit zu finden, trägt dann ein übriges dazu bei.“ (Ebd., S. 166).

„Mitunter sind die Ergebnisse dermaßen grotesk, daß es manchmal schwerfällt, außer dem allseitigen Streben nach Kompetenzerhalt noch irgendwelche weiteren Kriterien für Wissenschaftlichkeit als relevant anzusehen. Beispielsweise ist die Neurologie davon überzeugt, daß Epilepsie und Migräne in höchstem Maße verwandte Krankheiten sind, einige Neurologen vermuten gar, es könne sich dabei um zwei Formen des gleichen Leidens handeln. Und tatsächlich sind die leistungsfähigsten Medikamente zur vorbeugenden Behandlung von Migräne überwiegend Antiepileptika. Für die Behandlung der Epilepsie existiert jedoch neben der medikamentösen Therapie auch noch eine anerkannte diätische Maßnahme mit mindestens gleich guten Erfolgschancen, nämlich die extrem kohlenhydratarme ketogene Diät. Migränepatienten wiederum wird seitens der Neurologie empfohlen, sich kohlenhydratreich zu ernähren. Als ehemaliger Migränebetroffener mit häufig bis zu 100 schweren Attacken pro Jahr und einer im Alter von 40 Jahren in Aussicht gestellten Frühverrentung konnte ich das vorliegende Buch - und meine anderen Bücher - jedoch nur schreiben, weil ich mich vor Jahren zu einer der ketogenen Diät sehr ähnlichen Ernährungsweise (im weitesten Sinne: Paläo-Diät) entschied (vgl. Peter Mersch, Migräne - Heilung ist mölich, 2006). Hätte ich mich weiterhin an die Diätvorschläge der Neurologie gehalten, wäre ich möglicherweise längst tot.“ (Ebd., S. 166).

„Zusammenfassend läßt sich sagen, daß wissenschaftliche Theorien in ihren jeweiligen Disziplinen nicht bewiesen, sondern kooperativ verhandelt werden. Ganz häufig setzen sie sich vor allem deshalb durch, weil sie den (Reproduktions-)Interessen der beteiligten Wissenschaftler oder anderer gesellschaftlicher Gruppen in besonderem Maße genügen.“ (Ebd., S. 166).

 

10) Der Vorteil des evolutionär-systemischen Ansatzes

10.1) Evolutionär-systemische Zukunftsforschung  (S. 169-170)
10.2) Analysebeispiel: Demographischer Wandel  (S. 170-181)
10.3) Vergleich mit dem evolutionären Humanismus (S. 182-190)
10.4) Ethische Forderung: Generationengerechtigkeit (S. -190-191)

10.1) Evolutionär-systemische Zukunftsforschung

„Evolution verläuft zwar letztlich zufällig und unbestimmt, jedoch nur bedingt. Und genau hier liegen die Chancen (für die Guten und leider auch für die Bösen; HB).“ (Ebd., S. 169).

„Ich bin davon überzeugt, daß wir Menschen nur dann über längere Zeit in Frieden miteinander auf der Erde leben können, wenn wir verstanden haben, welche Grundintentionen das Leben besitzt und wie Evolution auch außerhalb der Biologie und insbesonders in unserem unmittelbaren Lebenszusammenhängen vorangeht (vgl dazu auch meinen Artikel »Bevölkerungsplanung« **).“ (Ebd., S. 170).

10.2) Analysebeispiel: Demographischer Wandel

„Für die menschlichen Superorganismen (Unternehmen) sind wir Menschen in erster Linie Ressourcenlieferanten, entweder als Mitarbeiter für Humanressourcen (hauptsächlich Wissen) oder als Kunden für Geld (Energie).“ (Ebd., S. 170).

„Das, was Pol Pot nit brachialen Mitteln und dem Recht des Stärkeren zu realiseren versuchte, erledigen wir - viel eleganter und zivilisatorischer - per verhinderter Fortpflanzug und dem Recht des Besitzenden. Das Ergebnis ist in beiden Fällen das gleiche, nämlich der Autogenozid.“ (Ebd., S. 172).

„Heute scheint man die Erfolgsrezepte des frühen Menschen vollständig vergessen zu haben. Als man den Superorganismen die Möglichkeit gab, sich auch unter den weiblichen Humanressourcen nach Belieben zu bedienen, griffen diese zu. Würde man ihnen zusätzlich die Kinder geben, nähmen sie auch die. Es ist der allseitige Kompetenzerhalt, der sie dazu zwingt, zumal die Sicherstellung der Nachhaltigkeit des gesellschaftlichen Humanvermögens nicht ihre Aufgabe ist, sondern die der Gesellschaft. Für sie ist das Humanvermögen praktisch ein Gemeingut (Commons) und damit Teil der Umwelt, wie ich bereits schrieb. Solange niemand eine schützende Hand über wertvolle Ressourcen wie Regenwälder, Ölvorräte oder Humanvermögen hält, werden die Superorganismen sie - sofern sich aus ihrer Nutzung Vorteile generieren lassen - plündern. Und zwar restlos.“ (Ebd., S. 173).

„Daß die sexuelle Arbeitsteilung früherer Tage und in ihrer ursprünglichen Form und Rigorosität in der heutigen Zeit keinen Sinn mehr hat, liegt auf der Hand: Bei der aktuell üblichen niedrigen Sterblichkeit (zahlenmäßige Bestandserhaltung wird bereits bei einer Fertilitätsrate von unter 2,1 erreicht) hätten die Frauen dann entweder zu wenig zu tun, oder es käme zu einem gewaltigen Bevölkerungszuwachs - mit allen damit verbundenen Gefahren und Problemen. Definitiv keine Lösung ist aber die vollständige Aufgabe der sexuellen Arbeitsteilung, wie sie vom Gleichheitsfeminismus und den Gendertheoretikern propagiert wird.“ (Ebd., S. 173).

„Frank Schirrmacher kommt in seinem Artikel zu dem Schluß, daß Ludwig Erhard plus AIG (einer der größten Versicherungskonzerne der Welt) plus Lehman plus bürgerliche Werte wahrhaft eine Killerapplikation gewesen sei. Ich möchte ihm in dem Punkt widersprechen: Im Wettbewerb stehende Superorganismen plus Humanvermögen ohne Nachhaltigkeitskonzeption, das heißt, freie Marktwirtschaft plus Antibiologismus plus Gendertheorie beziehungsweise die Kombination aus dem freien Markt ... und der linken Gleichmacherei ist die Killerapplikation. Die eine Ideologie vertritt die Interessen eines Teils der aktuellen Generation, die andere eines anderen, niemand der kommenden Generationen.“ (Ebd., S. 173-174).

„Sollte den Gen-Technikern irgendwann einmal das Klonen von Menschen in Brutkästen auf verläßliche Weise gelingen, dann dürften sich viele Unternehmen -so meine Prognose - von den unzuverlässigen Humanressourcen-Lieferanten »Gesellschaften« weitestgehend abkoppeln und in die eigene Menschenproduktion einsteigen. Sie würden hierdurch ein ganzes Stück »autopoietischer« werden. Auf diese Weise bildete sich neben der Forschung & Entwicklung eine weitere unternehmerische Reproduktion mit niedriger Zeitpräferenz aus. Personen vom Schlage eines Steve Jobs, Bill Gates oder Craig Venter würde es dann möglicherweise öfter geben. Sie glauben das nicht? Nun, die obige Killerapplikation dürfte genau das hervorbringen, schließlich ringen die Unternehmen um ihren Kompetenzerhalt beziehungsweise ihr Fortbestehen auf kompetitiven Märkten. Sie wollen das nicht? Dann beginnen Sie schon jetzt, sich Gedanken darüber zu machen.“ (Ebd., S. 174).

„Anhänger der freien Marktwirtschaft, der österreichischen Schule der Ökonomie und insbesondere des Libertarismus vertreten häufig die Auffassung, daß der freie Markt alles von selbst auf optimale Weise reguliere. Der Staat sollte sich deshalb möglichst. zurückhalten und - wenn überhaupt - auf wenige Kernaufgaben beschränken. Sollten sich beispielsweise die heute in Ausbeutung befindlichen Erdölvorräte langsam dem Ende zuneigen, dann würde sich Rohöl weiter verknappen, wodurch es zu einem Anstieg der Preise käme. In der Folge lohnte es sich mehr und mehr, weitere Vorkornmen in Ölsanden und -schiefern auszubeuten, deren Abbau heute teilweise noch zu teuer ist. Ferner würde hierdurch auch der Einsatz erneuerbarer Energiequellen immer rentabler werden. Genau diese Argumentation geht aber bei einem überlebenswichtigen Gemeingut wie dem Humanvermögen vollständig ins Leere. Um es kurz zu machen: Unregulierte freie Märkte funktionieren nicht überall. Sie mögen eine sinnvolle Einrichtung sein, wenn es um Äpfel oder Birnen geht, nicht jedoch, wenn dabei auf kritische, überlebenswichtige Ressourcen zugegriffen wird. Dann können Allmendenproblematiken zum Tragen kommen, die von den Akteuren selbst nicht mehr beherrscht werden. Erschwerend kommt hinzu, daß es sich bei der Plünderung des Humanvermögens um im Wettbewerb stehende Superorganismen handelt, die keine Menschen sind, so daß man nicht einmal an deren Humanität und Verständigkeit appellieren könnte. Anders gesagt: Man kann die Situation nicht durch den Hinweis auf ein angeblich negatives Menschenbild, welches mir im Rahmen der Darlegung des Problems vielleicht durch den Kopf geschwirrt sein könnte, aus der Welt schaffen.“ (Ebd., S. 174-175).

„Gegen die Utopie des absolut freien Marktes lassen sich - aus meiner Sicht -unter anderem die folgenden Einwände vorbringen:
Märkte sind niemals wirklich frei. Beispielsweise gilt auf ihnen bereits die Einschränkung, daß als Wettbewerbskommunikation nur das Recht des Besitzenden zur Anwendung kommen darf und Eigentum somit zu respektieren ist. Ohne eine solche Einschränkung glichen Märkte der Wildnis. Märkte müssen deshalb reguliert sein.
Zu Beginn ihres Aufkommens beschränkten sich Märkte im allgemeinen auf regionale oder nationale Gebiete. Sie konnten deshalb von einer Stelle aus überwacht und reguliert werden. Ganz entsprechend beschränkten Unternehmen (Superorganismen) ihre Geschäftstätigkeiten zunächst auf das Hoheitsgebiet eines Staates oder einer Region innerhalb eines Staates. Seit der Globalisierung (der globalen Öffnung aller Märkte) haben sich die Machtverhältnisse zwischen Staaten und Unternehmen jedoch fundamental verändert und geradezu umgekehrt. Global operierende Unternehmen sind nun in der Lage, ihre Ressourcen exakt dort zu beziehen, wo sie die günstigsten Bedingungen erhalten. Dies macht Staaten regelrecht erpreßbar.
Auf den Märkten treffen Teilnehmer aufeinander, die über völlig unterschiedliche Ressourcen verfügen. Das hierdurch verursachte Machtgefälle hat bei vielen Menschen ein Gefühl der Ohnmacht hinterlassen. Hinzu kommt, daß die Politik die Interessen der ressourcenreichen Großkonzerne aufgrund von Eigeninteressen längst mit viel größerer Priorität bedient (»too big to fail«) als die von Bürgern oder von kleinen und mittelständischen Betrieben.
Der ungezügelte Wettbewerb auf den freien Märkten würde letztlich zu einer Plünderung aller verfügbaren Ressourcen führen. Das gilt insbesondere für solche Ressourcen, die Gemeingut sind oder als solches (das heißt ohne eigenständiges Nachhaltigkeitskonzept) verwaltet werden. Wie ungehindert dies in den Industrienationen insbesondere gegenüber der Ressource »Humanvermögen« - aber auch gegenüber vielen anderen kritischen Ressourcen - bereits geschieht und wie problematisch dies letztlich ist, wurde erläutert.
Freie Märkte könnten dafür sorgen, daß schließlich alle erwerbbaren Ressourcen der Erde einigen wenigen Personen oder Unternehmen gehören, während die restliche Menschheit buchstäblich nichts (außer vielleicht Schulden) besitzt.
Doch zurück zur Bevölkerungsproblematik. Natürlich könnte die Menschheit auf Dauer mit wesentlich weniger Individuen auskommen. Das wäre sogar äußerst wünschenswert, wie ich in meinem Artikel Bevölkerungsplanung (**) in aller Deutlichkeit dargelegt habe. Doch darum geht es aktuell nicht. Wir haben es in unserem Land (und in vielen anderen Industrienationen ebenso) weniger mit einer Bevölkerungsschrumpfung, sondern in erster Linie mit einer Plünderung des Humanvermögens zu tun. Um dazu einmal einen drastischen Vergleich zu verwenden: Zunächst beuten die Superorganismen das Erdöl aus, dann den Ölsand, schließlich den Ölschiefer. Schafe würden es nicht anders machen: Stellte man sie vor zwei alternative Felder, eines davon öde und karg, das andere vollständig mit saftigem Gras bewachsen, liefen sie alle auf das letztere. Es handelt sich um ein Grundprinzip des Lebendigen und der Evolution (Streben nach Kompetenzerhalt), das man kennen sollte, wenn man ernsthafte und langfristig ausgerichtete Politik machen möchte, die auch die Interessen der nächsten Generationen im Blickfeld hat.“ (Ebd., S. 175-176).

„Aus den genannten Gründen ist übrigens auch zu erwarten, daß sich in der Sozialhilfe auf lange Sicht primär diejenigen Menschen wiederfinden werden, die den Anforderungen der Wirtschaft (der Superorganismen) am wenigsten genügen. Ausnahmen wird es selbstverständlich immer geben. Selbst die Schafe werden das eine oder andere Büschel saftiges Gras übersehen. Und Fehler können natürlich auch gemacht werden. Von der Tendenz her aber werden die im Wettbewerb stehenden Superorganismen die auf dem Arbeitsmarkt angebotenen Kompetenzen in der gleichen Weise ausbeuten, wie es beim Öl erläutert wurde: zunächst Erdöl, dann Ölsand, schließlich Ölschiefer. Hierdurch separieren die Unternehmen Erwerbspersonen gewissermaßen in »nützliche« und »wenig nützliche« Personen. Womit ich zu einer Frage komme, die Frank Schirrrmacher in einem seiner Leitartikel mit kritischem Blick auf Sarrazins Aussagen gestellt hatte: »Wer legt in der menschlichen Zivilisation die ›Nützlichkeit‹ eigentlich fest?« Die simple und möglicherweise ernüchternde Antwort darauf lautet: Es sind die Unternehmen, die heute primär darüber entscheiden, wer im Lebensraum Zivilisation als »nützlich« gilt und einen Arbeitsplatz zum Geldverdienen erhält. Es ist die FAZ, die den kaum Deutsch sprechenden türkischen Migranten als ungeeignet für die ausgeschriebene Stelle des Redakteurs zurückweist. Es sei denn, Frank Schirrmacher möchte neben der deutschen nun auch noch eine türkische Ausgabe seiner Zeitung herausbringen, um sich frühzeitig auf die sich verändernde demographische Lage Deutschlands einzustellen, wofür er händeringend qualifizierte »native Speaker« benötigt. Es ist unter solchen Rahmenbedingungen dann aber nicht möglich, bei der Fortpflanzung ganz andere »Nützlichkeitskriterien« anzulegen, es sei denn, man hätte ohnehin vor, die Marktwirtschaft abzuschaffen, und zwar durch sukzessive Verarmung der Bevölkerung.“ (Ebd., S. 176-177).

„Betrachten wir zum Vergleich einmal die Situation im Tierreich. Bei vielen Arten versammeln sich die Männchen zu bestimmten Zeiten auf sogenannten Arenabalzplätzen, um sich mit den von ihnen herangelockten Weibchen zu paaren. Dabei soll es immer wieder zu extrem ungleichen Kopulationshäufigkeiten auf seiten der Männchen kommen, was zwangsläufig zur Folge hat, daß ein großer Teil der Männchen leer ausgeht. Diese könnten frustriert fragen: »Wer legt eigentlich unsere Nützlichkeit fest und in wessen Interesse?« Richard Dawkins Antwort darauf ist: im Interesse der egoistischen Gene; die der Systemischen Evolutionstheorie: im Interesse des Erhalts der Kompetenzen, mit anderen Worten: im Interesse der nächsten Generation.“ (Ebd., S. 177).

„Beispielsweise wird die nächste Generation einer Paradiesvogel-Population, bei der sich die Weibchen der aktuellen Generation bevorzugt mit besonders ausgeprägt gefiederten männlichen Exemplaren (den »Nützlichen«) paaren, aller Wahrscheinlichkeit nach besser an ihren Lebensraum angepaßt sein, als wenn die Weibchen der aktuellen Generation ihre Partner willkürlich wählen. Und aus denselben Gründen dürfte die nächste Generation einer menschlichen Population, bei der in der aktuellen Generation eine positive Korrelation zwischen sozialem Erfolg respektive Bildung und Zahl an Nachkommen besteht, mehr Wohlstand erlangen - und weniger Leid aufgrund von Kompetenzverlusten erdulden müssen -, als wenn das Fortpflanzungsverhalten der aktuellen Generation genau umgekehrt korrelierte. Man könnte deshalb sagen, daß es Frank Schirrmachers Frage vor allem an einem evolutionär-systemischen, generationenübergreifenden Denken mangelt.“ (Ebd., S. 177).

„Vielleicht lohnt es sich, noch einmal für einen Moment zu den Voraussetzungen und Annahmen der obigen Argumentation zur Plünderung des Humanvermögens zurückzukehren, denn sie sind wahrlich minimal. Es beginnt mit der Annahme, daß Menschen und Unternehmen komplexe Systeme sind. Das ist trivial. Für solche Systeme wissen wir aber, daß sie aufgrund des thermodynamischen Zeitpfeils - ihren Ordnungszustand (beziehungsweise ihre Kompetenzen) binnen kurzer Zeit wieder verlieren würden. Um dies zu verhindern, benötigen sie fortwährend Ressourcen aus ihrer Umwelt. Dahin streben sie auch mit ihren Reproduktionsinteressen, denn sonst gäbe es sie schon bald nicht mehr. Sie verhalten sich also gewissermaßen nachhaltig (»gut«) gegenüber sich selbst und ausbeutend (»schlecht«) gegenüber ihrer Umwelt, denn die Evolution hat sie so geschaffen. Bis hierhin ist die Argumentation pure Physik, Evolutions- und Systemtheorie. Da Gene und weitere biologische Begriffe darin nicht vorkommen, ist sie nicht biologistisch (beziehungsweise biologisch), sondern allerhöchstens »systemisch«.“ (Ebd., S. 177-178).

„Aufgrund der Endlichkeit der Erde und der hierdurch bedingten Verknappung vieler Ressourcen geraten die Systeme jedoch irgendwann in einen Wettbewerb untereinander. Wesentlich für das weitere Verständnis ist, daß Unternehmen (Superorganismen) vor allem an den Ressourcen Wissen und Kapital interessiert sind. Damit hoffen sie, ihre Wissens- und Kapitalkompetenzen reproduzieren und an den Märkten bestehen zu können. Zu den Wissenskompetenzen gehören ganz wesentlich ihre Humanressourcen. Das sind die ihnen zur Verfügung stehenden menschlichen Kompetenzen.“ (Ebd., S. 178).

„Menschliche Kompetenzen werden von den Unternehmen jedoch im wesentlichen nicht selbst aufgebaut, sondern über den Arbeitsmarkt von außen zugekauft. Die Reproduktion menschlicher Kompetenzen beziehungsweise des Humanvermögens einer Gesellschaft unterliegt stattdessen der Gesellschaft. Diese hatte den größten Teil der Aufgabe jedoch stets ihren Bürgern beziehungsweise den von den Bürgern privat gebildeten Reproduktionseinheiten »Familien« überlassen, frei nach dem Motto: »Kinder kriegen die Leute immer«. Dies funktionierte im Grunde so lange, wie Frauen durch gesellschaftliche Normen und Vorgaben (Rollenvorgabe Mutter und Hausfrau) beziehungsweise den ihnen gegenüber geltenden Hoheitsrechten der Ehemänner vor dem ungehinderten Zugriff der humanressourcen-hungrigen Superorganismen geschützt waren. Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, daß die Ehemänner (jeder für sich) ihre Frauen vor den Superorganismen zurückhielten. Für sie war es in früheren Zeiten wohl wichtiger, daß ihre Frauen ihre beiderseitigen Humanressourcen (ihre Gene) reproduzierten, statt weitere Mittel zum Leben zu beschaffen. Zur Humanressourcen-Allmende gehörten deshalb damals im wesentlichen nur männliche Hurnanressourcen. Die weiblichen Humanressourcen befanden sich hingegen unter der Zugriffskontrolle ihrer Ehemänner und waren folglich kein Gemeingut. Aus diesem Grund standen sie auf den Arbeitsmärkten nicht frei zur Verfügung.“ (Ebd., S. 178-179).

„Mit der Aufhebung der männlichen Verfügungsgewalt über ihre Ehefrauen, der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Einführung verläßlicher Empfängnisverhütungsmittel und der Öffnung des Arbeitsmarktes für alle Frauen, änderte sich dies jedoch. In der Folge umfaßte die Humanressourcen-Allmende auch die weiblichen Humanressourcen.“ (Ebd., S. 179).

„Ich möchte Sie bitten, an der Stelle einmal die üblichen politischen Argumente der Sozial- und Kulturwissenschaften beiseitezulegen und stattdessen anzunehmen, daß es sich bei unserer Gesellschaft um eine sozial in höchstem Maße durchlässige Gesellschaft handelt. Mit anderen Worten: All das, was sich die Soziologen in der Hinsicht erträumt haben, wäre längst Realität geworden. Für solche Gesellschaften wissen wir aber, daß sozialer Erfolg wesentlich stärker auf der individuellen genetischen Ausstattung beruht, als dies vielleicht heute noch der Fall ist. .... Mit anderen Worten: In der von mir beschriebenen sozial durchlässigen Gesellschaft wäre ein Arzt nicht deshalb Arzt geworden, weil seine Eltern viel Geld verdienen, sondern weil er sich für den Beruf interessiert und das Zeug dazu hat.“ (Ebd., S. 179).

„Des weiteren ist bekannt, daß sich die Gene von Eltern und Kindern ähneln. Spätestens seit der allgemeinen Medienpräsenz von Vaterschaftstests und kriminalistischen DNA-Analysen gehört dies zur Allgemeinbildung. Und schließlich wissen wir noch, daß gemäß der in der Biologie allgemein akzeptierten Weismann-Barriere, Lebenserfahrungen bzw. erworbene Kompetenzen keinen Eingang in den Erbgang, das heißt, in die genetische Ausstattung fmden.“ (Ebd., S. 179).

„Die simple Annahme, daß Unternehmen und Menschen von der Evolution geschaffene selbstreproduktive Systeme (Evolutionsakteure) sind, deren beständigess Bestreben es ist, ihre Kompetenzen zu bewahren (beziehungsweise kernen Kompetenzverlust zu erleiden), läßt dann aber die folgenden unmittelbaren Schlußfolgerungen zu:
Ganz so wie Schafe sich für die saftigsten Weiden interessieren, werden sich die Unternehmen aus der Humanressourcen-Allmende die für sie geeignetsten Kompetenzen - ganz gleich welchen Geschlechts - heraussuchen.
Umgekehrt werden sich Menschen, die besonders viel in ihre Kompetenzen investiert haben (zum Beispiel durch eine lange Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium) primär um einen interessanten und gut bezahlten Job bemühen, weil sie ihre Kompetenzen auf diese Weise besonders gut und leicht reproduzieren können.
Das Zusammenspiel der beiden Kompetenzverlustvermeidungsstrategien (der Unternehmen und der Menschen) wird eine negative Korrelation zwischen Humankompetenzen beziehungsweise sozialem Erfolg auf der einen Seite und Fortpflanzungserfolg (Kinderzahl) auf der anderen Seite hervorbringen. Sollte daneben noch ein leistungsfähiger Sozialstaat exis. tieren ( eventuell sogar in der Form eines bedingungslosen Grundein. kommens) und eine Rentenversicherung, bei der die Ansprüche maßgeh. lich auf der beruflich erbrachten Leistung beruhen, dann dürften sich die Effekte verstärken.
Bei dem, was Sie gerade lesen konnten, handelt es sich keineswegs um eine Fiktion, sondern um die Beschreibung einer real ablaufenden Katastrophe biblischen Ausmaßes. Es ist ein wenig so, als raste ein schwerer Meteor auf die Erde zu, der uns irgendwann alle treffen wird.“ (Ebd., S. 179-180).

„Das Verblüffende daran aber ist, und das wiederum demonstriert die Stärke der evolutionär-systemischen Analyse, daß sich all das aus minimalsten Voraussetzungen herleiten läßt. Im Grunde wird lediglich angenommen, daß die Evolution nur solche dauerhaften komplexen Systeme hervorbringt, die permanent bestrebt sind, dem ... thermodynamischen Zeitpfeil unseres Universums durch Selbstreproduktivität zu entrinnen, da alles andere sich sowieso schon bald wieder auflösen und aus der Evolution verabschieden würde. Ferner wird davon ausgegangen, daß viele individuelle Kompetenzen von Menschen eine genetische und damit erbliche Komponente besitzen. Das ist im Grunde schon alles. Und damit läßt sich dann zeigen, daß unregulierte Märkte im Zusammenhang mit Gemeingütern nicht funktionieren können, und die Kombination aus freier Marktwirtschaft, Unternehmertum und Antibiologismus beziehungsweise Gendertheorie in den Autogenozid und zur Verarmung der Gesellschaft und letztlich auch der Menschheit führt. Und in der Folge dann möglicherweise zu Bürgerkriegen, Diktaturen und vielen weiteren schrecklichen Dingen auch. Immerhin wurde in der Zwischenzeit damit begonnen, unsere Atomreaktoren sukzessive abzuschalten, denn die würden den kommenden Generationen sonst - mangels geeigneter Kompetenzen - um die Ohren fliegen.“ (Ebd., S. 180-181).

„lch persönlich glaube nicht, daß man den Prozeß jetzt noch wird stoppen können. Dafür müßte er zunächst einmal von der Politik, der Wirtschaft, den Wissenschaften und den Medien verstanden und ernst genommen werden, und ich bezweifle, daß dies noch rechtzeitig und in ausreichendem Maße geschehen wird. Auch wird das Bestreben um den eigenen Kompetenzerhalt nicht unbedingt dazu beitragen, sich ernsthaft mit den von mir vorgetragenen Theorien und deren Konsequenzen auseinanderzusetzen. .... Die menschliche Eigenart - und wohl des Lebens generell -, die Bewahrung der eigenen relativen Kompetenzen notfalls über schwerste drohende Katastrophen zu stellen, könnte man in dem Sinne fast schon zum Allgemeinwissen zählen. Vielleicht ist vielen auch meine Argumentation zu abstrakt. Nicht jeder versteht, daß Eigenschaften, die auf alle Lebewesen zutreffen, zwangsläufig auch für Menschen gelten. Und nicht jeder ist bereit, Menschen und Unternehmen ganz allgemein als selbstreproduktive Systeme zu betrachten. Aber dennoch müßte es eigentlich noch immer genügend Denker geben, die das verstehen, was ich beschreibe, zumal das Modell letztlich so einfach ist, daß man auf seiner Grundlage Simulationen durchführen könnte (**).“ (Ebd., S. 181).


Mit geeigneten Simulationsmodellen könnte man eventuell manche ungünstigen Seiteneffekte bereits vor der Einführung von geplanten »sozialen Maßnahmen« entdecken.“ (Ebd.).


„Andere werden alles von sich weisen und stattdessen mit üblichen politischen Erklärungen aufwarten. Den nachweisbaren Rückgang der mittleren Intelligenz ... und das unbefriedigende Abschneiden der Schüler bei Bildungsvergleichen werden sie auf den schlechten Status des ... Bildungssystems zurückführen. Die an Schwere zunehmenden Finanzkrisen und die sich sich seit Jahrzehnten immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich werden sie je nach politischem Standpunkt als eine Folge der Gier der Reichen oder der zu starken staatlichen Eingriffe in die angeblich alles gütlich regelnden freien Märkte erläutern. Doch wo sollen solche Ursachen denn - bitteschön - herkommen? Ich darf daran erinnern: Vor 13,75 Milliarden Jahren ereignete sich ein Urknall, und der hat unsere Galaxie, unser Sonnensystem und schließlich auch uns hervorge bracht. Welche Mechanismen haben schließlich genau das entstehen lassen, was in der jeweils eigenen Theorie als ursächlich angenommen wird? Die Systemische Evolutionstheorie kann es für sich erklären, doch können es die alternativen Theorien ebenso?“ (Ebd., S. 181).

10.3) Vergleich mit dem evolutionären Humanismus

„Mancher wird sich vielleicht auch fragen, warum ich nicht auf der Grundlage des evolutionären Humanismus (vgl. Michael Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Himanismus, 2005) der Giordano-Bruno-Stiftung argumentiere, deren Ethik bekanntlich gleichfalls auf der Evolutionstheorie beruht. Dies ist jedoch nicht möglich, da bereits das evolutionstheoretische Fundament der evolutionär-humanistischen Ethik für die Breite der hier diskutierten Themen nicht tragfähig genug ist. Außerdem überzeugt mich die dort vertretene, stark soziobiologisch orientierte Vorstellung vom Leben nicht:
»Leben« läßt sich definieren als ein auf dem »Prinzip Eigennutz« basierender Prozeß der Selbstorganisation. Alle Organismen, die heute auf dem blauen Planet leben, verdanken ihre Existenz dem eigennützigen Streben ihrer Vorfahren nach Vorteilen im Kampf um Ressourcen und genetischen Fortpflanzungserfolg. Evolutionäre Humanisten geben freimütig zu, daß sich die stolzen Mitglieder der Spezies Homo sapiens in ihren Grundzielen nicht von der gemeinen Spitzmaus unterscheiden. Wie diese werden auch wir mit der tief verankerten Veranlagung geboren, eigene Lust zu steigern und eigenes Leid zu minimieren.« (Michael Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Himanismus, 2005, S. 17).
Auf einer solchen Basis läßt sich all das, was weiter oben besprochen wurde, nicht einmal ansatzweise diskutieren. Daneben scheinen mir einige Grundannahmen recht fraglich zu sein. Beispielsweise dürfte die angebliche Veranlagung, eigene Lust zu steigern und eigenes Leid zu minimieren, nur der Mechanismus sein, der dafür sorgt, daß Lebewesen ihre Ziele verfolgen, nämlich insbesondere ihre Kompetenzen zu reproduzieren und Kompetenzverluste zu vermeiden. Bedeutsame Verluste verursachen bei uns ein Gefühl des Leids, wie ich im Vorwort bereits schrieb.“ (Ebd., S. 182).

„Auf bloße Mechanismen läßt sich jedoch keine Ethik gründen. Es ist in der Hinsicht wie beim Verhältnis von Sex und Fortpflanzung. Damit letztere oft genug stattfindet, hat die Evolution den Sex für uns Menschen lustvoll gestaltet. Die möglichen Folgen werden jedoch heute von vielen eher als vermeidbares Leid empfunden, da sie nicht selten mit Armut und Kompetenzverlusten einhergehen. Entsprechend findet bei vielen Paaren der Sex ; häufig und regelmäßig, die Fortpflanzung hingegen selten oder gar nicht statt, wodurch es zu einer Verletzung des Prinzips der Generationengerechtigkeit (**|**|**), das heißt, zu einem gesellschaftsweit unethischen Verhalten kommt.“ (Ebd., S. 182).

„Hinzu kommt das Problem des angeblich eigennützigen Strebens nach Vorteilen im Kampf um genetischen Fortpflanzungserfolg. Ein solches Streben ist beim modernen Menschen im Grunde nur noch schwach ausgeprägt, wie auch Richard Dawkins konstatiert. Seine Begründung des Phänomens in »Das egoistische Gen« ist jedoch in höchstem Maße problematisch:
»Wir haben die Macht, den egoistischen Genen unserer Geburt und, wenn nötig, auch den egoistischen Memen unserer Erziehung zu trotzen. Wir können sogar erörtern, auf welche Weise sich bewußt ein reiner selbstloser Altruismus kultivieren und pflegen läßt -etwas, für das es in der Natur keinen Raum gibt, etwas, das es in der gesamten Geschichte der Welt nie zuvor gegeben hat. Wir sind als Genmaschinen gebaut und werden als Memmaschinen erzogen, aber wir haben die Macht, uns unseren Schöpfern entgegenzustellen. Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 334).
Und an anderer Stelle:
»Wir, das heißt unser Gehirn, sind ausreichend getrennt und unabhängig von unseren Genen, um gegen sie rebellieren zu können. Wie ich bereits sagte, tun wir dies immer dann im kleinen, wenn wir Empfängnisverhütung betreiben. Nichts spricht dagegen, uns auch im großen gegen unsere Gene aufzulehnen.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 334).
Die Aussagen brachten ihm unter anderem den Spott des Londoner Biologen Brian Goodwin ein, der sie als stark religiös motiviert abkanzelte. In jedem Fall stellt insbesondere die Behauptung, wir Menschen könnten uns als einzige Lebewesen auf der Erde« »gegen die Tyrannei der egoistischen Replikataren auflehnen«, eine wissenschaftstheoretisch in höchstem Maße bedenkliche Formulierung dar.“ (Ebd., S. 182-183).

„Im »Manifest des evolutionären Humanismus« wird konsequenterweise vorgeschlagen, die soziobiologische Fassung des »Prinzips Eigennutz« um kulturelle Variablen zu erweitern (vgl. Michael Schmidt-Salomon, Manifest des evolutionären Himanismus, 2005, S. 18). Doch einmal mehr ist dann zu fragen: Wo sind diese Prinzipien hergekommen? Welchen natürlichen Mechanismus darf man sich hinter dem angeblichen Gen-Egoismus vorstellen? Und was um alles in der Welt kann dafür gesorgt haben, daß wir Menschen neuerjdings nicht mehr nur den genetischen, sondern nun sogar bevorzugt auch noch den kulturellen Eigennutz - was immer das sein mag - anstreben? Es mag ja durchaus sein, daß der Gen/Mem-Egoismus letztlich die einzig sinnvolle Kompetenzbewahrungsstrategie für Lebewesen ist, was ich allerdings bezweifeln möchte. Nur sollte man dies dann auch begründen können. Und selbst wenn, es würde dennoch nichts wirklich erklären, da es sich um nichts mehr als um eine evolutionäre Strategie handelt.“ (Ebd., S. 183-184).

„Oder nehmen wir die Theorie der egoistischen Gene. In »Das egoistische Gen« schreibt Dawkins dazu:
»Ich werde zeigen, daß die fundamentale Einheit für die Selektion und damit für das Eigeninteresse nicht die Art, nicht die Gruppe und- streng genommen -nicht einmal das Individuum ist. Es ist das Gen, die Erbeinheit.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 50 f.).
Und an anderer Stelle:
»Die These dieses Buches ist, daß wir und alle anderen Tiere Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden.« (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1976, S. 37).
Daß die ursprünglichsten und einfachsten Lebensformen einmal ganz wesentlich auf der DNA beziehungsweise auf Replikatoren beruhten, ist durchaus vorstellbar. Mit irgendetwas muß das Leben schließlich angefangen haben, warum nicht ausgerechnet mit einem Speicher- und Vervielfältigungsmechanismus? Doch warum und auf der Grundlage welcher physikalischen Gesetzmäßigkeiten unseres Universums sollen Gene die fundamentale Einheit für die Selektion und das Eigeninteresse sein? Die Standardantwort der Sozio- und Evolutionsbiologien auf solche Fragen lautet im allgemeinen: »Das ist alles nur metaphorisch gemeint«. Womit wir jedoch kein Stück weiter sind, denn auch metaphorische Antriebe sollten auf reale Mechanismen zurückführbar sein, speziell dann, wenn sie einer Weltanschauung wie dem evolution ären Humanismus als Grundlage dienen. Metaphorisch könnte ich mich im Rahmen der Systemischen Evolutionstheorie ebenfalls ausdrücken, zum Beispiel wie folgt: »Wir und alle anderen Tiere sind Maschinen, die Kompetenzen gegenüber ihrer Umwelt besitzen, mit denen aus ihr Ressourcen erlangt werden können, um die Kompetenzen zu reproduzieren«. Und im Anschluß daran würde ich noch etwas über »egoistische Kompetenzen« philosophieren. Woraufhin Sie, als Leser, zu Recht bemängeln könnten, daß sich dafür nun garantiert kein einziges stützendes Naturgesetz finden ließe. Doch so argumentiert die Systemische Evolutionstheorie eben gerade nicht. Ich darf noch einmal an den entscheidenden Punkt erinnern: Das Wesen unseres Universums, sein fortwährender Zerfall beziehungsweise der ihm entsprechende thermodynamische Zeitpfeil, lassen die Existenz dauerhafter Systeme von sehr hoher Komplexität äußerst unwahrscheinlich werden, jedenfalls auf der Grundlage rein physikalischer Gegebenheiten. Der entscheidende Leistungssprung des Lebens war es, diese grundsätzliche Limitation unseres Kosmos lokal auf unserer Erde und unter den dort vorherrschenden günstigen Bedingungen überwunden zu haben, und zwar durch Informationsverarbeitung, das heißt auf ziemlich genau die Weise, wie ich es wenige Zeilen zuvor bereits formuliert hatte: durch den Besitz von Kompetenzen gegenüber der Umwelt, mit denen Ressourcen erlangt werden können, um die Kompetenzen zu reproduzieren, und zusätzlich durch den inneren Antrieb, dies fortwährend zu versuchen. Vereinfacht gesagt: Für passive Systeme bestehen in unserem Universum Komplexitätsgrenzen, für aktive (Akteure) hingegen nicht. Dies hat weitreichende Konsequenzen, denn selbstverständlich ist bei einer solchen Weltsicht der eigentliche Evolutionsantrieb in den Systemen (in den Akteuren) und nicht in den Genen. Standen bei der reduktionistischen Theorie der egoistischen Gene noch die kleinsten Evolutionseinheiten (die Gene) im Fokus des Geschehens, so dominieren in der Systemischen Evolutionstheorie die größten und ressourcenreichsten Systeme. Profan gesagt: Der Zusammenbruch von Lehman Brothers hat gemäß der Systemischen Evolutionstheorie für die weitere Entwicklung der Menschheit eine größere Bedeutung, als der Tod von Susanne Mustermann oder der genetische Reproduktionserfolg von Hans Müller.“ (Ebd., S. 185-186).

„Daß solche Großsysteme ähnlich agieren wie Lebewesen, liegt auf der Hand: Die weiter oben beschriebenen Naturgesetze lassen nichts anderes zu. Als Systeme von sehr hoher Komplexität können sie nur dann über einen längeren Zeitraum bestehen, wenn »sie Kompetenzen gegenüber ihrer Umwelt besitzen, mit denen sie aus ihr Ressourcen erlangen, um die Kampetenzen zu reproduzieren, und sie dies zusätzlich fortwährend versuchen«. Die Triftigkeit der Argumentation bekam die Welt beim Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank vorgeführt: Wenige Stunden, nachdem sie ihre Marktkompetenzen verloren und ihre Tore geschlossen hatte, löste sie sich in ihre Bestandteile auf, ganz so, wie es bei einem verstorbenen Individuum geschieht.“ (Ebd., S. 186).

„Manch einer wird einwenden, daß Menschen zwar etwas »wollten«, Unternehmen wie die Deutsche Bank hingegen nicht. Dort beschränkte sich das Wollen auf die Investoren, Anteilseigner, Manager, Mitarbeiter u.s.w..“ (Ebd., S. 186).

„Ich halte den Einwand für wenig stichhaltig, denn auch in menschlichen Gehirnen kommen Entscheidungen durch das Zusammenwirken vieler Neuronen (Zellen) zustande. Nach außen hin mag dann dennoch der Eindruck entstehen, als wollte der Mensch in seiner Gesamtheit beziehungsweise als Person (als System) etwas.“ (Ebd., S. 187).

„Gegenstand der Erörterungen an dieser Stelle ist einmal mehr die Frage nach der »Ebene der Selektion«, für die Richard Dawkins in dem weiter oben zitierten Satz aus seinem Buch »Das egoistische Gen« eine spezifische Antwort gab: Sind evolutionäre Prozesse primär aus der Sicht von Gruppen, von Individuen oder der Gene - beziehungsweise allgemeiner: der Replikatoren - zu betrachten? Oder etwas konkreter: Erfolgt die technische Evolution auf der Ebene der Produkte (zum Beispiel der Mobiltelefone) oder der Unternehmen (zum Beispiel der Mobiltelefonhersteller)? Ich bin der festen Überzeugung, daß man an den hier vorgetragenen Gründen für ein Evolutionsmodell, welches den eigentlichen evolutionären Antrieb in den Evolutionsakteuren (das heißt, in den sich selbst reproduzierenden komplexen Systemen, die sich dem universalen Zerfall zu widersetzen versuchen) annimmt, letztlich nicht vorbeikommt. Wer eine andere Weltsicht präferiert, bei der etwa die Gene im Zentrum der Evolution stehen, der sollte dies meiner Meinung nach genauso begründen können, wie ich es beim Evolutionsmodell der Systemischen Evolutionstheorie versucht habe, nämlich über einen Rückgriff auf grundsätzliche physikalische Gesetzmäßigkeiten.“ (Ebd., S. 187).

„Es geht mir nicht darum, mit Darwin oder Dawkins ins Gericht zu gehen oder mich gar über sie zu erheben. Das steht mir nicht zu. Charles Darwin wußte noch nichts über ein expandierendes Universum und dessen sukzessiven energetischen Zerfall. Und Richard Dawkins Weltsicht ist die des Reduktionismus. Systeme oder gar unterschiedliche Systemhierarchien haben darin keinen Platz, da alles Geschehen auf angeblich ursächliche kleinste Einheiten zurückgeführt wird.“ (Ebd., S. 187).

„Allerdings behaupte ich, daß sowohl die Darwinsche Evolutionstheorie als auch deren Variation in der Form der Theorie der egoistischen Gene heute nicht mehr zeitgemäß sind. Sie sind nicht leistungsfahig genug, um die uns umgebenden raschen Evolutionsprozesse beschreiben zu können. Ein hartnäckiges Beharren auf deren Gültigkeit über das enge Anwendungsgebiet der »Wildnis« hinaus würde der wissenschaftlichen Erkenntnis schaden. Das gilt auch für ethische Überlegungen. Es ist beispielsweise ein himmelweiter Unterschied, ob man seine ethischen Grundsätze auf der Annahme beruhen läßt, daß »alle Organismen, die heute auf dem blauen Planeten leben, ihre Existenz dem eigennützigen Streben ihrer Vorfahren nach Vorteilen im Kampf um Ressourcen und genetischen Fortpflanzungserfolg verdanken«, oder ob man statt dessen - wie im vorliegenden Buch - annimmt, daß alle Lebewesen und sonstigen Evolutionsakteure bestrebt sind, ihre Lebensraumkompetenzen zu reproduzieren, so etwa Wissenschaftler im Wissenschaftsbetrieb, Politiker gegenüber den Wählern und die Deutsche Bank oder Volkswagen auf den Märkten. Es handelt sich hierbei letztlich um einen Paradigmenwechsel. Und dieser hat Auswirkungen bis in das konkrete politische Handeln hinein. Wenn man nämlich davon ausgeht, daß Banken im Wettbewerb stehende selbstreproduktive Systeme sind, wird man nicht ernsthaft annehmen können, daß sie nach Beendigung einer Finanzkrise, ein paar frommen Worten, der Ermahnung, in Zukunft doch bitte weniger gierig zu sein und der Bereitstellung von sehr viel Steuergeld sich plötzlich tatsächlich weniger gierig verhalten.“ (Ebd., S. 187-188).

„Unabhängig davon überzeugt mich der dem evolutionären Humanismus zugrunde liegende replikatorenbasierte Ansatz der Theorie der egoistischen Gene insgesamt nicht. Genauso könnte man behaupten, der Firma Microsoft ginge es in erster Linie um die möglichst starke Verbreitung von Windows-Programmen oder gar um den Erhalt irgendwelcher egoistischen, in C++ verfaßten Programmmodule. C++ ist jedoch nur eine Programmiersprache. Und ganz entsprechend ist die DNA letztlich nur das Speichermittel, mit dem Lebewesen ihre Kompetenzen vorhalten und reproduzieren. Mehr sollte man daraus nicht machen.“ (Ebd., S. 188).

„Und schließlich halte ich den evolutionären Humanismus für nicht wirklich evolutionär. Dabei wird zwar versucht, den Menschen und viele seiner Eigenschaften und Eigenarten aus der Evolution heraus zu erklären, das reicht aber bei weitem nicht, da dies nur ein Bezug auf die evolutionäre Vergangenheit des Menschen ist. Mindestens gleich wichtig ist jedoch dessen evolutionäre Zukunft. Anders gesagt: Es fehlt die generationenübergreifende Betrachtung mit besonderer Berücksichtigung des Themas Generationengerechtigkeit (dazu gleich mehr [**|**|**]).“ (Ebd., S. 188).

„Ich möchte das an einem Beispiel erläutern: Stellen Sie sich eine autarke moderne Gesellschaft mit 10 Millionen Einwohnern vor, die eine riesengroße Fabrik zur Herstellung aller benötigten Konsumprodukte betreibt. Von den ca. 7 Millionen Erwerbspersonen arbeiten 1 Million in der Fabrik, 1 Million für die Infrastruktur, 1 Million im Dienstleistungsgewerbe, 1 Million in der Investitionsgüterindustrie, 1 Million für Bildung und Information, 1 Million in der Landwirtschaft und 1 Million in der Verwaltung. Alle Menschen leben im Sinne der Leitkultur des evolutionären Humanismus, infolgedessen existieren weder Religion noch Kirche. Da man sich an die Maxime hält, die eigene Lust zu steigern und das eigene Leid zu minimieren, kommen seit der Erfindung der Pille pro Jahr nur noch zehntausend Kinder zur Welt. Im Erwachsenenalter sind sie zahlenmäßig nicht mehr in der Lage, die Fabrikproduktion aufrechtzuerhalten, genügend Lebensmittel anzubauen und die komplexe Infrastruktur zu betreiben. Die Gesellschaft fällt deshalb zunächst in eine Agrargesellschaft zurück, eine Generation später ist sie ausgestorben.“ (Ebd., S. 188-189).

„Das Problem der Gesellschaft beziehungsweise ihrer evolutionär-humanistischen Ethik war, daß in ihr keine Entsprechung zum biblischen »Seid fruchtbar und mehret euch« existierte. Ökonomisch ausgedrückt könnte man sagen, daß sie zu sehr im Diesseits verhaftet war und ihrem Denken generell eine zu hohe Zeitpräferenz anhaftete, oder in den Worten Rahim Taghizadegans:
»Während die Sorge vor der Endlichkeit der eigenen Existenz zu höherer Zeitpräferenz drängt, verringern transzendentale Motive die Überbewertung der Gegenwart. Das sind etwa religiöse Vorstellungen, die über die eigene Existenz hinausreichen. fm Schnitt kann man auch davon ausgehen, daß Menschen mit Kindern eine etwas niedrigere Zeitpräferenz besitzen. wenn sie ihren Kindern etwas hinterlassen möchten. Die Überalterung einer Gesellschaft und mangelnder Nachwuchs lassen also eher einen Anstieg der Zeitpräferenz erwarten.« (Rahim Taghizadegan, Wirtschaft wirklich verstehen, 2011, S. 123).
Hier könnte man noch anfügen, daß umgekehrt die Überalterung einer Gesellschaft und mangelnder Nachwuchs Hinweise auf eine generell zu hohe Zeitpräferenz in der Population sind. Gestützt wird eine solche These durch Untersuchungen zum unterschiedlichen Fertilitätsverhalten religiöser und nichtreligiöser Menschen.“ (Ebd., S. 189).

„Beim Aufziehen von Kindern handelt es sich um eine langfristige Investition zur Bewahrung der eigenen genetischen und kulturellen Kompetenzen. Sie besitzt eine sehr niedrige Zeitpräferenz, da ihre Amortisation erst in der nächsten Generation erfolgt, und das auch noch zum Nutzen anderer (den Nachkommen beziehungsweise der nächsten Generation). lm lnvestitionszeitraum ist hingegen ein Verzicht auf Ressourcen erforderlich. Genau dieser Verzicht wird heute jedoch nicht mehr in ausreichendem Maße geleistet, im Gegenteil. Statt der nächsten Generation Vermögenswerte zu hinterlassen, werden ihr Schulden aufgehalst.“ (Ebd., S. 189).

„Natürlich könnte unsere fiktive Gesellschaft ihr generationenübergreifendes Problem auch anders als mit religiösen Normen lösen. Mit dem Familienmanager-Konzept (**) habe ich selbst einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet. Ohne eine entsprechende Komponente, die beschreibt, wie gesellschaftliche Kompetenzen generationenübergreifend bewahrt werden können, ist eine evolutionär-humanistische Ethik substantiell unvollständig. Sie wäre gegenüber religiösen Ethiken nicht dauerhaft konkurrenzfähig.“ (Ebd., S. 190).

„Die aktuelle Nachwuchssituation unserer Gesellschaft ist allerdings mittlerweile bereits dermaßen verfahren und bedrohlich, daß religiöse und nichtreligiöse Kräfte in dieser Frage nun sinnvollerweise nicht weiter gegeneinander arbeiten, sondern statt dessen miteinander kooperieren sollten. Ohne eine nennenswerte Unterstützung durch die Religionen wird man das aufkommende Problem meiner Meinung nach nicht mehr in den Griff bekommen. Darauf wiesen auch andere Autoren hin.“ (Ebd., S. 190).

10.4) Ethische Forderung: Generationengerechtigkeit

„Wie bei allen nichtreligiösen Welterklärungsansätzen stellt sich auch bei der Systemischen Evolutionstheorie die Frage, ob sich bereits aus der Theorie, das heißt ohne Rückgriff auf sonstige religiöse oder weltanschauliche Gesichtspunkte, irgendwelche ethischen beziehungsweise politischen Konsequenzen herleiten lassen. Entsprechende Bemühungen hat es auf der Grundlage der Darwinschen Evolutionstheorie ebenfalls gegeben, doch haben sie sich im nachhinein als äußerst problematisch herausgestellt (siehe die Ausführungen zum Sozialdarwinismus).“ (Ebd., S. 190).

„In der Vorstellung der Systemischen Evolutionstheorie ist Evolution ein kompetenzerhaltender - und damit auch kompetenzentfaltender - Prozeß. Populationen aus Evolutionsakteuren, denen die Bewahrung ihrer Kompetenzen gegenüber einem sich ständig verändernden Lebensraum nicht gelingt, scheiden sukzessive aus dem Evolutionsgeschehen aus.“ (Ebd., S. 190).

„Da alle Generationen aus dem Bemühen ihrer Vorgängergenerationen, ihre Kompetenzen fortwährend zu bewahren, zu entwickeln und weiterzugeben, entstanden sind, könnte man ein solches Bestreben gleichsam als Verhaltensnorm für die aktuelle Generation erheben. Sie entspricht dem Prinzip der Generationengerechtigkeit:
Generationengerechtigkeit bedeutet, daß die heutige Generation der nächsten Generation die Möglichkeit gibt, sich ihre Bedürfnisse mindestens im gleichen Ausmaß wie die heutige Generation zu erfüllen. Auf diese Weise ließe sich durchaus evolutionstheoretisch begründen, warum eine Generation nicht alle Meere verseuchen, alle kritischen Ressourcen verbrauchen, beliebig viele Schulden anhäufen oder das Klima unwiderruflich verändern darf. ** **
Eine große Verwandtschaft mit dem Prinzip der Generationengerechtigkeit besitzt der Begriff der evolutionär stabilen Strategie (ESS), bei der jedoch spieltheoretische Aspekte im Vordergrund stehen. Aus evolutionstheoretischer Sicht können die Konzepte der fortwährenden Kompetenzbewahrung, der Generationengerechtigkeit und der evolutionär stabilen Strategie als weitestgehend synonym betrachtet werden.“ (Ebd., S. 191).

„Im Rahmen des Buches konnte gezeigt werden, daß das Prinzip der natürlichen Selektion in menschlichen Wohlfahrtsstaaten nur noch von untergeordneter Bedeutung ist, statt dessen kommt es darin vorrangig zur sozialen Selektion aufgrund menschengemachter sozialer Selektionsfaktoren. Wohlfahrtsstaaten müssen sich folglich auf eine bestimmte Weise organisieren, um ihre humanen Kompetenzen fortwährend bewahren zu können. Nicht jede beliebige Organisationsform ist dazu in der Lage. Man könnte aus evolutionstheoretischer Sicht somit die politische Forderung erheben, menschliche Sozialstaaten seien so zu organisieren, daß in ihnen das Prinzip der Generationengerechtigkeit gewahrt bleiben kann. Dementsprechend wäre im Rahmen der Einführung neuer sozialer Maßnahmen grundsätzlich der Nachweis zu führen, daß das Vorhaben evolutionär stabil beziehungsweise generationengerecht ist, denn nur dann kann angenommen werden, daß mit ihm keine langfristigen Verschlechterungen der Lebensumstände für die kommenden Generationen einhergehen. Beispielsweise läßt sich recht leicht zeigen, daß die genannten Kriterien weder vom bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) noch der Gleichberechtigung der Geschlechter bei Beibehaltung der Wirtschaftsfunktion der Familie erfüllt werden.“ (Ebd., S. 191).

 

11) Was tun?

„Mit dem abschließenden Kapitel habe ich mich ganz besonders schwergetan, da ich im Grunde der Auffassung bin, daß alle erst jetzt begonnenen Maßnahmen sowieso zu spät kommen, und man eigentlich nichts mehr tun kann. Auch bin ich äußerst skeptisch, was die Natur des Menschen angeht. Ich befürchte, daß es erst wieder gehörig krachen muß, bevor man schließlich ernsthaft reagiert. Die Aussage ..., daß der nahe der Stadt emporragende Vulkan aller Wahrscheinlichkeit nach explodieren wird, reicht den Menschen im allgemeinen nicht, jedenfalls, wenn ein Befolgen der empfohlenen Maßnahmen für sie mit erheblichen Kompetenzverlusten verbunden ist. Es darf also nicht verwundern, wenn der warnende Vulkanologe zu ganz anderen Empfehlungen kommt, als die Menschen, an die er sich mit seinen Warnungen wendet.“ (Ebd., S. 195).

„Auf der anderen Seite möchte auch ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben, zumal sie bekanntlich immer erst zuletzt stirbt. Ich wäre auch durchaus zu mancherlei Zusammenarbeit bereit, allerdings zu keiner politischen. Politik ist in meinen Augen reine Interessenvertretung, und zwar einerseits für die aktuelle Generation, andererseits für die menschlichen Superorganismen, das heißt für die Wirtschaft. Sie wird die ernsthaften Probleme nicht lösen können, mit denen wir es zu tun haben.“ (Ebd., S. 195).

„Finanziert werden könnte ein solches Projekt übrigens ganz einfach: ES müßten lediglich Mittel für die im Grunde unsinnige und zum heutigen Zeitpunkt irrelevante Forschungsvorhaben (etwa aus dem Bereich der Gendertheorie) abgezogen und dorthin umgelenkt werden.“ (Ebd., S. 199).

„In einer Welt voller Superorganismen ist der unternehmerische Ressourcenreichtum jedoch gleichfalls einer kritischen Bewertung zu unterziehen.“ (Ebd., S. 200).

„Persönlicher Besitz an Dingen hat mir noch nie viel bedeutet. Beispielsweise besaß ich in meinem Leben nur 2 Jahre lang ein eigenes Auto. Ein uralter hellblauer VW-Käfer, der die Fahrzeit zwischen meiner damaligen Wohnung in Bremen-Mitte und meinem Arbeitsplatz in Bremen-Nord von 90 auf 30 Minuten herunterdrückte - eine Leistung, für die ich ihm noch heute dankbar bin -, und der seine letzten beiden Jahre mit mir verbringen durfte, bevor der TÜV uns schied. Ich verdiente damals als IT-Experte ausreichend viel Geld, um mir ohne weiteres einen »dicken Schlitten« leisten zu können. Allein: Ich wollte es nicht. Das heißt nun nicht, daß ich Autos nicht mag. Im Gegenteil; Wann immer ich mir aus zwingenden beruflichen Gründen für ein oder zwei Tage einen Wagen geliehen habe, entschied ich mich für Modelle, mit denen man auf freien Autobahnstrecken auch mal seinen Spaß haben konnte.“ (Ebd., S. 201-202).

„Demgegenüber bin ich regelrecht süchtig nach Wissen und Information. Internet, Bücher, Musik, all das ist im Grunde für mich völlig unverzichtbar. Und genau deshalb folgt nun der passende Vorschlag dazu. .... In einer auf Informations-Geld beruhenden Informationsgesellschaft könnten sich ganz neue anstrebenswerte, auf Information und Wissen basierende soziale Status etablieren ....“ (Ebd., S. 202).

„Unsere Welt ist begrenzt, und deshalb können wir nicht beliebig energetisch/materiell weiterwachsen. .... Das gilt aber ... nicht für Information und Wissen. Bei letzterem könnte ein weiteres Wachstum toleriert werden. “ (Ebd., S. 203).

„Auch scheint mir aktuell Wissensarbeit mit niedriger Zeitpräferenz tendenziell eher unterbewertet zu sein. Gerade die Anreicherung des Wissens der Menschheit (ihrer Kompetenzen) ist aber für deren langfristige Evolutions- und Überlebensfähigkeit von großer Bedeutung. Besonders viel vedient wird dabei nicht. Das birgt die Gefahr eoner übertriebenen Kommerzialisierung von Forschung und Entwicklung.“ (Ebd., S. 203).

„Der Mensch ist längst nicht mehr die Krone der Schöpfung, sondern die menschlichen Superorganismen - insbesondere die globalen Konzerne sind es jetzt. Superorganismen streben als selbstreproduktive Systeme danach, ihre eigenen Kompetenzen zu reproduzieren. Sie arbeiten folglich nicht primär für die Menschen, sondern in erster Linie für sich. Dabei nehmen sie auch direkten Einfluß auf das Verhalten und die Präferenzen von Menschen. Wenn es für sie wirtschaftlich (das heißt reproduktiv) von Vorteil ist, daß sich die Menschen weltweit in zunehmendem Maße von zuckerhaltigen Industrieprodukten ernähren, dann wird sich eine entsprechende, sowohl von den Medien als auch den zuständigen wissenschaftlichen Fachdisziplinen geförderte Entwicklung ereignen. Die Gesellschaften haben die Folgen anschließend auszubaden.“ (Ebd., S. 210).

„Menschliche Superorganismen arbeiten nicht für Menschen, sondern Menschen für Superorganismen. Sollte sich die augenblickliche Entwicklung ungesteuert fortsetzen, werden wir Menschen möglicherweise zu austauschbaren Zellen der Superorganismen degradiert. Im Grunde werden wir schon heute benutzt.“ (Ebd., S. 210).

„In einigen Bereichen - zum Beispiel der Finanzindustrie - haben die Superorganismen längst Interdependenzen geschaffen, die von Menschen offenkundig nicht mehr durchschaut werden. Kommt es in diesem Zusammenhang zu gravierenden Störungen (»drohende Kernschmelze des Finanzsystems«), erhalten die Reproduktionsinteressen (das Überleben) der Superorganismen Vorrang vor den Reproduktionsinteressen der Menschen, und zwar selbst bei den von den Menschen gewählten Staatsregierungen.“ (Ebd., S. 210).

„Einen unmittelbaren Lösungsvorschlag für die verfahrene Situation habe ich nicht, speziell unter den heutigen Verhältnissen, bei denen die Superorganismen global operieren, die Regierungen aber nur lokale Verantwortung tragen. Möglicherweise lassen sich hierdurch viele sinnvolle Lösungen ohnehin nur noch global abgestimmt durchsetzen, was jedoch ein aktuell wenig realistisches Szenario ist.“ (Ebd., S. 210).

„Karl Marx hatte das Problem gewissermaßen erahnt. Er schlug vor, daß Superorganismen (so nannte man sie damals allerdings nicht! HB) ihre Produktionsmittel nicht selbst besitzen dürfen. Mit einer solchen Einschränkung hätten sie im Grunde nicht als eigenständige selbstreproduktive Systeme entstehen und miteinander in den Wettbewerb treten können. Damit wäre aber unter anderem eine reduzierte Innovationsfähigkeit einhergegangen, wie es sich auch in der Praxis später erwies.“ (Ebd., S. 210).

„Ich möchte ... anmerken, daß man die anstehenden Probleme ohne eine evolutionäre Perspektive nicht in den Griff bekommen wird. Aus evolutionärer Sicht öffnete der Mensch mit dem Aufkommen der Superorganismen gewissermaßen Pandoras Büchse, denn mit ihnen gehen eigendynamische Entwicklungen einher, die sich der Kontrolle der Menschheit weitestgehend entzogen haben. Ob man die Steuerungskompetenz noch einmal zurückgewinnen kann und vor allem auch wie, ist für mich eine völlig offene Frage.“ (Ebd., S. 211).

„Roboter könnten sich entwicklungsseitig vom Menschen abkoppeln und gewissermaßen eigenständig evolvieren und hierdurch schließlich die Weltherrschaft erlangen. .... In dem Augenblick, in dem Systeme ihre eigene Evolutionsfähigkeit erlangen, werden sie praktisch evolutionär autonom.“ (Ebd., S. 211).

„Jeder Versuch einer Neugstaltung der Wirtschaftswelt hat unter einer evolutionär-systemischen Perspektivezu erfolgen.“ (Ebd., S. 212).

„In der Sprache der Systemischen Evolutionstheorie könnte man sagen, daß in einer Diktatur der Herrscher seine Reproduktionsinteressen einseitig gegen die aller anderen Populationsmitglieder durchsetzt. Eventuell verspricht er jedoch, bei seinen Entscheidungen stets auf die Interessen seiner Untertanen zu achten. Tut er dies tatsächlich, und zwar auch noch in ausgeprägter Weise, ist er möglicherweise ein weiser König, dem es in erster Linie um das Wohl seines Volkes geht. In einer Demokratie behaupten die sich einer Wahl stellenden Politiker hingegen, es ginge ihnen in erster Linie um die Wahrung der Reproduktionsinteressen aller Bürger oder bestimmter Teilgruppen innerhalb der Bevölkerung. Die Lauterkeit solcher Aussagen darf jedoch stark angezweifelt werden, wie noch gezeigt wird.“ (Ebd., S. 214).

„Allerdings existieren in der Praxis zahlreiche Mischformen zwischen Demokratie und Diktatur und auch recht unterschiedliche Demokratieformen. Beispielsweise könnte eine Demokratie darin bestehen, daß das Volk alle fünf Jahre einen neuen Herrscher mit fast uneingeschränkten Entscheidungsbefugnissen wählt. Wenn in den weiteren Ausführungen also von Demokratie die Rede ist, dann soll darunter vor allem die repräsentative Demokratie heutiger Ausprägung verstanden werden, bei der politische Sachentscheidungen im Allgemeinen nicht vom Volk direkt, sondern von gewählten Volksvertretern (den Politikern) getroffen werden.“ (Ebd., S. 214).

„Unternehmen besitzen im allgemeinen kaum demokratische Strukturen. Wer der nächste Vorgesetzte wird und welche Entscheidungen in den oberen Leitungsebenen gefällt werden, darauf haben die unteren Hierarchien praktisch keinen Einfluß. Aus Sicht eines Unternehmens, dem es wesentlich um den eigenen Kompetenzerhalt (des Unternehmens) geht, liegen die Vorteile einer solchen Vorgehensweise auf der Hand: Es kann wesentlich schneller entschieden werden. Es können auch unliebsame Entscheidungen zum Wohle des Gesamtunternehmens und zum Nachteil einer Teilgruppe oder sogar der gesamten Belegschaft gefällt werden. Die Entscheidungsprozesse sind weniger verschwenderisch. Die angeführten Vorteile machen im Umkehrschluß einen Großteil der Nachteile von demokratischen Entscheidungsprozessen aus. Daß die Demokratie verschwenderischer ist, liegt zum Teil bereits am zugrunde liegenden Recht des Besitzenden, bei welchem im Allgemeinen deutlich mehr Ressourcen verbraucht werden als beim dominanten Recht des Stärkeren.“ (Ebd., S. 214-215).

„Ich möchte die Nachteile heutiger demokratischer Entscheidungsprozesse an zwei Fallbeispielen verdeutlichen, nämlich an der gesetzlichen Rentenversicherung und den Staatsschulden.“ (Ebd., S. 215).

„Mit der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung wurden Verhältnisse geschaffen, die bei Lichte betrachtet dermaßen absurd sind, daß man geneigt sein könnte, Politikern jegliche Kompetenz abzusprechen, außer der Fähigkeit, für den eigenen Kompetenzerhalt per Wiederwahl zu sorgen. Dies soll an einem Beispiel erläutert werden: Stellen wir uns vor, die beiden Ehepaare Schulze und Meier seien gleich gut ausgebildet. Bei den kinderlosen Schulzes sind beide Partner berufstätig und in leitenden Positionen tätig. Die Meiers hingegen haben vier Kinder. Bei ihnen ist nur der Ehemann berufstätig, und zwar in einer vergleichbaren Position wie Herr Schulze. Wenn man so will, könnte man die Gemeinschaft aus den beiden Paaren Schulze und Meier als eine kleine Gesellschaft auffassen, die sich bestandserhaltend reproduziert: Die vier Erwachsenen haben zusammen exakt vier Nachkommen. Schaut man sich die Einkommenssituation der beiden Paare an, dann fällt allerdings auf, daß die Schulzes zwei Einkommen besitzen, mit denen lediglich zwei Erwachsene zu versorgen sind, während die Meiers mit einem Einkommen zwei Erwachsene und vier Kinder zu ernähren haben. Die Schulzes sind folglich recht wohlhabend, weswegen sie unter anderem dreimal im Jahr in den Urlaub fliegen können, während man bei den Meiers jeden Pfennig dreimal umdrehen muß. Bis hierhin könnte man noch sagen, es war die freie Entscheidung der Meiers, vier Kinder in die Welt zu setzen, ihnen war die Freude an ihren Kindern offenbar wichtiger als der materielle Wohlstand. Wirklich bizarr wird es allerdings unter der Rahmenbedingung der gesetzlichen Rentenversicherung dann im Alter: Obwohl die Meiers alle späteren Rentenzahler in die Welt gesetzt und großgezogen haben, bekommen sie deutlich weniger Rente als die Schulzes. Exakt so wie im Beispiel beschrieben funktioniert heute die gesetzliche Rentenversicherung. Man könnte sie deshalb als eine Form der Ausbeutung oder gar Enteignung von Familien durch Kinderlose bezeichnen. Die Frage ist: Wie konnte es dazu kommen? Sind Kinderlose eventuell gierig?“ (Ebd., S. 215-216).

„Die ursprüngliche Verabschiedung der Regelung läßt sich vergleichsweise leicht erklären, nämlich durch Konrad Adenauers »Kinder kriegen die Leute immer.« Als er seinen Satz sagte, mag er vielleicht sogar recht gehabt haben, denn die Frauen hatten sich noch nicht emanzipiert, die Pille war noch nicht auf dem Markt und Alice Schwarzer hatte ihre, sich später gewissemaßen als Bluff herausstellende »Wir haben abgetrieben!«-Kampagne auch noch nicht gestartet. Als es dann jedoch zum sogenannten Pillenknick kam, hätte die Politik eigentlich reagieren müssen. Daß sie es nicht tat, und zwar keine einzige Partei, läßt erahnen, was die eigentliche Sorge der Politiker stets war: Nicht die Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland, sondern ihre eigene Wiederwahl, das heißt der Erhalt der eigenen Kompetenzen.“ (Ebd., S. 216).

„Man könnte dies sicherlich noch alles so hinnehmen, wenn es sich dabei nicht um einen handfesten Politikskandal handelte: Mit der Verabschiedung der gesetzlichen Rentenversicherung im Umlageverfahren (Rentenreform von 1957[**|**|**|**]) hatte der Gesetzgeber der Bevölkerung signalisiert, daß die Altersversorgung ab sofort nicht mehr ihre Sache beziehungsweise die ihrer direkten Nachkommen, sondern der Gesellschaft, das heißt letztlich des Staates sei. Es war für die Bürger demnach nicht mehr zwingend erforderlich, eigene Kinder zu haben, um im Alter gut versorgt zu sein, da man die gesamte nächste Generation für die Altersversorgung der aktuellen Generation in die Pflicht nahm. Daß diese bei der Entscheidung kein Stimmrecht besaß, versteht sich von selbst.“ (Ebd., S. 216).

„Spätestens ab hier bestand dann aber seitens des Staates auch die Verpflichtung, alles dafür zu tun, damit sich die Voraussetzungen des Umlageverfahrens erfüllen. Und diese Voraussetzungen lauten unter anderem: Es müssen ausreichend viele Kinder geboren werden. Die gesellschaftliche Fertilitätsrate muß angesichts zu erwartender Produktivitätssteigerungen vielleicht nicht unbedingt exakt bestandserhaltend sein, auf jeden Fall aber annähernd. Nun hätte sich die Politik vielleicht noch mit dem Hinweis herausreden können, daß sie ja alles versucht habe, Kinder für die Menschen wieder attraktiver zu machen, doch hätten diese leider nicht auf ihre zahlreichen Anreize reagiert. In einem solchen Fall seien dem Staat dann bedauerlicherweise die Hände gebunden.“ (Ebd., S. 216-217).

„Diese Ausrede trifft jedoch in keiner Weise zu. Für gut ausgebildete, am Erhalt ihrer Kompetenzen interessierte Paare ist es heute besonders günstig, keine Kinder zu haben. Damit können sie sowohl während ihrer beruflich aktiven Zeit als auch im Alter deutlich mehr Ressourcen erlangen (Geld verdienen), als wenn sie eigene Kinder hätten. Ferner können sie sich viel ausgiebiger dem Ausbau der beruflichen Kompetenzen (Weiterbildung u.s.w.) oder dem Aufbau der eigenen Karriere widmen, da weniger sonstige zeitliche Verpflichtungen bestehen. Es ist dann beispielsweise ohne weiteres möglich, für eine längere Zeit ins Ausland zu gehen, um weitere Erfahrungen (beziehungsweise Kompetenzen) zu sammeln. Zum großen Teil beruhen die genannten Vorteile jedoch nicht auf natürlichen Gegebenheiten, sondern auf Verhältnissen, die vom Staat explizit selbst geschaffen wurden. Die gravierende Altersarmut der kommenden Jahrzehnte hat die Politik somit in erster Linie selbst zu verantworten.“ (Ebd., S. 217).

„Man kann an solchen Fällen übrigens sehr gut erkennen, daß die Politik in ihrem Wirken implizit vom gleichen Menschenbild ausgeht, wie die Systemische Evoutionstheorie beziehungsweise das vorliegende Buch. Sie scheint nämlich anzunehmen, daß man Wählern - ich ennnere: vom Urknall erschaffene, Kompetenzverlust vermeidende Systeme - nichts wegnehmen, sondern höchstens etwas hinzugeben kann (das funktioniertabwer nur, wenn man anderen Wählern, nämlich denen der konkurrierenden Partei[en], etwas wegnimmt! HB). Aus diesem Grund mag man Familien vielleicht Steuererleichterungen, Elterngelder, eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf und jede Menge Krippen versprechen, aber man darf nicht die Steuern einseitig erhöhen, um auf diese Weise für mehr Familiengerechtigkeit zu sorgen (zum Beispiel, indem man die Steuern generell anhebt, sie aber für Familien wieder auf die ursprüngliche Höhe absenkt). So etwas würden die Wähler nämlich bei der nächsten Wahl abstrafen.“ (Ebd., S. 217).

„Wir haben es hier mit einem Problem zu tun, welches meiner Meinung nach auf demokratische Weise nicht mehr lösbar ist, zumal die Politik nicht evolutionär-systemisch und generationenübergreifend denkt, sondern primär bewahrend gegenüber den eigenen Kompetenzen, mit anderen Worten: wahlergebnisbezogen.“ (Ebd., S. 217-218).

„Damit ist die zweite der weiter oben genannten Schwächen von repräsentativen Demokratien durch das Fallbeispiel »gesetzliche Rentenversicherung« belegt: In Normalzeiten lassen sich in Demokratien keine notwendigen Maßnahmen zum Nachteil einer größeren Teilgruppe oder sogar der gesamten Bevölkerung durchsetzen.“ (Ebd., S. 218).

„Doch nun zum zweiten Fallbeispiel, der Staatsverschuldung. Für deren Entwicklung in den letzten 40 Jahren nannte ich bereits einen sachlichen Grund, ich wiederhole die Kernargumente einfachheitshalber noch einmal: Aufgrund der Emanzipation der Frauen und der hierdurch bedingten stärkeren weiblichen Erwerbsbeteiligung kam es zu einer steten Zunahme der Zahl an Erwerbspersonen. Gleichzeitig sank durch die niedrigen Geburtenraten der Binnenbedarf. In der Folge blieb ein nennenswerter Teil der Erwerbswilligen arbeitslos. Diese Menschen waren dann vom Staat zu ernähren, was - sofern sie Kinder hatten - auch für deren Familien galt. Davon betroffen waren in erster Linie Personen mit geringer Ausbildung und jüngere und ältere Erwerbspersonen. Für den Staat waren die vielen Arbeitslosen ein Hinweis auf eine Rezension, gegen die er entsprechende Konjunkturprogramme startete - auf Pump. Da Menschen mit geringen Berufsaussichten überproportional viele Kinder bekamen, hatte der Staat entsprechend viele Kinder und Jugendliche zu versorgen. Der wesentliche Punkt dabei ist, daß in der Bundesrepublik Deutschland bis ungefähr Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre Vollbeschäftigung bestand. Erst ab da stieg die Arbeitslosigkeit nennenswert an - während gleichzeitig die Geburtenrate einbrach - und mit ihr auch die Schuldenaufnahme, denn die Politik sah es damals als ihre Aufgabe an, die Auswirkungen der Krise, die sie zu sehen glaubte, möglichst gering zu halten, und die Menschen wieder rasch an die Arbeitsplätze zurückzubringen. Allerdings ging die Arbeitslosigkeit - anders als in den Konjunkturflauten zuvor - diesmal nicht wieder zurück. So mußte Konjunkturprogramm auf Konjunkturprogramm gestartet werden, beziehungsweise den Wählern eine solche Vorgehensweise versprochen werden (mit anderen Worten: mit dem Ende der 1960er Jahre war im Grunde auch die BRD schon am Ende! HB).“ (Ebd., S. 218).

„Allerdings stellt sich die Frage, ob demokratische Politiker auch ohne sachliche Gründe (Arbeitslosigkeit, Wiedervereinigung, Finanzkrise u.s.w.) zur Verschwendung und zur Anhäufung von Staatsschulden neigen würden. Mit anderen Worten: Handelt es sich bei der dritten der oben angefuhrten Schwächen der repräsentativen Demokratien möglicherweise tatsächlich um ein Systemproblem?“ (Ebd., S. 218-219).

„Die Menschheit wird auf Dauer nur überleben und in Frieden miteinander auskommen können, wenn ihr die Beherrschung der Bevölkerungsentwicklung gelingt (vgl. dazu meinen Artikel »Bevölkerungsplanung« **).“ (Ebd., S. 222).

„Ist das zu viel verlangt? Nun, wir waren auf dem Mond, wir haben Atomkraftwerke, der genetische Code ist auch entschlüsselt. Familienplanung und Abtreibung sind längst selbstverständlich geworden. Irgendwann wird man in der Lage sein, Menschen zu klonen und das Wetter zu beeinflussen (zu beidem ist man doch schon in der Lage! HB). Und unter diesen Bedingungen soll es nicht möglich sein, über Maßnahmen zur zielgenauen Bestimmung zukünftiger Bevölkerungsgrößen nachzudenken, zumal man mit kaum etwas anderem die Welt nachhaltiger befrieden könnte?“ (Ebd., S. 222).

„Dauerhaft überbestandserhaltende Fertilitätsraten führen zu exponentiellem Bevölkerungswachstum, nichtbestandserhaltende Werte zu exponentieller Bevölkerungsschrumpfung, in beiden Fällen also langfristig zur Katastrophe. Entwicklungsländer haben ohne die allgemeine Verfügbarkeit von leistungsfähigen Kontrazeptiva und ohne eine relative Gleichstellung der Frauen meist deutlich überbestandserhaltende Fertilitätsraten, entwickelte Länder dagegen deutlich nichtbestandserhaltende.“ (Ebd., S. 222).

„Die große Frage ist jedoch, wie man Bevölkerungen international abgestimmt und ohne Anwendung von Zwangsmaßnahmen im demographischen Gleichgewicht halten beziehungsweise zu einem sachten, kontrollierten Schrumpfen bringen kann. Das von mir vorgeschlagene Familienmanager-Konzept (**) könnte ein erster Ansatz dazu sein ....“ (Ebd., S. 222-223).

„Bedauerlicherweise besteht gerade in feministischen und soziologischen Kreisen kaum ein ernsthaftes Problembewußtsein in der Sache. Dies erschwert den Diskurs ungemein. Evolutionstheoretische Argumente werden in den betreffenden Disziplinen und Zirkeln meist von vornherein abgelehnt, für Generationengerechtigkeit (**|**|**) scheint kein Interesse zu bestehen, und daß es sich bei der Teilverlagerung der Fortpflanzungs- und Erziehungsarbeit in Drittländer um Kolonialismus handelt, will man offenkundig erst gar nicht wahrhaben.“ (Ebd., S. 223).

„Ein in dieser Hinsicht besonders erschreckendes - aber keineswegs untypisches - Beispiel liefert Bettina Rainer mit ihren Arbeiten . So schreibt sie an einer Stelle: »›Geburtenschwund‹ und ›Überbevölkerung‹ werden einander gegenübergestellt. Auf den ersten Blick ist dies paradox und widersprüchlich. Bei näherer Betrachtung wird allerdings deutlich, daß sich der Diskurs über das Thema Bevölkerung in zwei Stränge gliedert. In dem einen wird das ›Aussterben‹ und ein ›Zuwenig‹ an Menschen problematisiert, in dem anderen stehen hingegen ›Überbevölkerung‹ und ein ›Zuviel‹ an Menschen im Mittelpunkt. Entscheidend ist dabei, wer die Menschen sind, die ›zuwenig‹. oder aber ›zuviel‹ sind. Solche ideologischen und letztlich auch völlig unethischen Abwägungen haben meiner Meinung nach in wissenschaftlichen Kontexten nichts zu suchen. Wenn beispielsweise in Somalia - einem der ärmsten Länder der Erde - im Jahr 2011 durchschnittlich 6,35 Kinder pro Frau geboren werden (der vierthöchste Wert weltweit), gleichzeitig aber während einer schweren Hungersnot Zehntausende Kinder sterben, dann verbieten sich Debatten darüber, ob die Sorge über die Bevölkerungsentwicklung in Afrika möglicherweise einen rassistischen Hintergrund hat (»unerwünschte Menschen«), von selbst. Die hohen Geburtenraten in Ländern wie Somalia sind nicht natürlicher Art, sondern Ausdruck der dort vorherrschenden sozialen Verhältnisse, insbesondere der Armut, und sie reproduzieren genau diese Verhältnisse immer und immer wieder.“ (Ebd., S. 223).

„Im übrigen wird die europäische Geburtenschwäche aller Wahrscheinlichkeit nach auch negative Auswirkungen auf die geburtenreichen armen Länder haben, denn zum einen werden sich die europäischen Konzerne auch dort nach geeigneten Fachkräften umschauen - die dann nicht mehr zum Aufbau ihrer Heimatländer zur Verfügung stehen -, zum anderen dürften bei zukünftigen Hungersnöten von der Größenordnung Somalia-2011 europäische Hilfen aufgrund der dann fehlenden eigenen Mitteln weitestgehend ausbleiben. Man wird die Menschen einfach sich selbst überlassen. Anders gesagt: Man wird sie verhungern lassen.“ (Ebd., S. 224).

„Die bislang noch fehlende Beherrschbarkeit der Bevölkerungsentwicklung ist das vermutlich wichtigste offene globale Problem überhaupt (**).“ (Ebd., S. 224).


Vgl. dazu etwa Manfred Eigen / Ruthild Winkler, Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall, 1975. Die globale Populationskontrolle enthält gemäß den beiden Autoren »den Schlüssel zur Lösung all der anderen Probleme. Das sollten wir klar erkennen.«“ (Ebd.).


„Das ... Familienmanager-Modell (**) könnte ein solches Verfahren zur Steuerung der Bevölkerungsentwicklung sein. Es leistet aber noch erheblich mehr.“ (Ebd., S. 224).

„Verschiedene Autoren - unter anderem der Biologe Richard Dawkins - haben deutlich gemacht, daß Lebewesen ihre Fortpflanzungsentscheidungen primär auf der Grundlage ihrer eigenen individuellen Lebenssituationen fällen. Anders gesagt: Sie fragen sich nicht, was in der Hinsicht gut für die Gesamtpopulation wäre, sondern was gut für sich beziehungsweise ihre Gene ist. Es geht dabei um-die Debatte Individualselektion versus Gruppenselektion.“ (Ebd., S. 224).

„Die genannten Kernargumente gelten im wesentlichen auch für Menschen. Die Systemische Evolutionstheorie sieht die Sache lediglich ein wenig differenzierter: Die meisten Lebewesen besitzen kaum weitere Kompetenzen als die in ihren Genen gespeicherten, folglich steht bei ihnen die genetische Reproduktion (Fortpflanzung) im Vordergrund, und man könnte ihnen oftmals gar ein genegoistisches Verhalten unterstellen. Die Situation beim Menschen ist jedoch erheblich komplexer. Er besitzt eine Vielfalt an sehr unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, bei denen es sich mehrheitlich um kulturelle Kompetenzen mit einem gewissen genetischen Fundament handelt. Aber auch Menschen sind selbstreproduktive Systeme. Sie verhalten sich nachhaltig gegenüber ihren Kompetenzen und ausbeutend gegenüber ihrer Umwelt. Anders gesagt: Auch sie lassen sich vor allem von ihren Individualinteressen (Reproduktion ihrer Kompetenzen) leiten. Es ist deshalb nicht zu erwarten, daß sie von sich aus und ausschließlich auf der Grundlage von Individualbedingungen zu einem gruppenweit opimalen Fortpflanzungsverhalten finden.“ (Ebd., S. 224-225).

„Ich bin davon überzeugt, daß das individuelle Streben der Individuen nach Kompetenzerhalt auf demokratische Weise keine langfristigen gesellschaftsweiten Maßnahmen zuläßt, die mit substantiellen persönlichen Nachteilen (mit persönliche Kompetenzverlusten) verbunden sind. Und damit wissen Sie dann auch, warum das vorliegende Buch einen solch pessimistischen Titel trägt. Wenngleich es für mich selbst vermutlich nicht ganz so fürchterlich ausgehen wird, da ich Jahrgang 1949 bin. Als Mann hat man im allgemeinen eine geringere Lebenserwartung.“ (Ebd., S. 236).

 

 Zitate: Hubert Brune, 2011 (zuletzt aktualisiert: 2013).

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- Literaturverzeichnis -