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Josef H. Reichholf (*1945)
- Untersuchungen zur Biologie des Wasserschmetterlings Nympula nymphaeata L. (Lepidoptera, Pyralidae) (Dissertation; 1969) -
- Tierfamilien (1977) -
- Tiere des Waldes (1978) -
- Säugetiere (1983) -
- Wir tun was für ... (1987) -
- Feuchtgebiete (1988) -
- Leben und Überleben (1988) -
- Wald (1989) -
- Feld und Flur (1989) -
- Siedlungsraum (1989) -
- Kolibris (1990) -
- Der Tropische Regenwald (1990) -
- Der unerstezbare Dschungel (1990) -
- Das Rätsel der Menschwerdung. Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel mit der Natur (1990) -
- Erfolgsprinzip Fortbewegung (1992) -
- Die große Enzyklopädie der Bäume und Sträucher (1993) -
- Der blaue Planet. Einführung in die Ökologie (1998) -
- Der schöpferische Impuls. Eine neue Sicht der Evolution (1998) -
- Warum wir siegen wollen. Der sportliche Ehrgeiz als Triebkraft in der Evolution des Menschen (2001) -
- Die falschen Propheten. Unsere Lust an Katastrophen (2002) -
- Biologische Vielfalt (2003) -
- Der Tanz um das goldene Kalb. Der Ökokolonialismus Europas (2004) -
- Die Zukunft der Arten (2005) -
- Das letzte Jahrtausend. Ein historisch-ökologischer Rückblick auf die Zeit, aus der die   Gegenwart kommt (2005) -
- Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends (2007) -
- Evolution. Was stimmt?  (2007) -
- Der Bär ist los (2007) -
- Stadtnatur (2007) -
- Waldzeiten (2007) -
- Ende der Artenvielfalt? Gefährdung und Vernichtung der Biodiversität (2008) -
- Stabile Ungleichgewichte. Die Ökologie der Zukunft (2008) -
- Warum die Menschen seßhaft wurden (2008) -
- Rabenschwarze Intelligenz. Was wir von Krähen lernen können (2009) -
Reichholf-Zitate. Da Josef H. Reichholf ein seriöser Naturschützer und Öko-Biologe ist, möchte ich ihm eine                                  separate Seite widmen und aus folgenden seiner demographischen Werke zitieren:
- Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends (2007) -
- Interview (2007) -
- Evolution. Was stimmt? (2007) -
- Stabile Ungleichgewichte (2008) -
- Warum die Menschen seßhaft wurden (2008) -

[Quellen bzw. Sekundärliteratur]

 

 

Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends (2007)

Seßhaftigkeit paßte gar nicht zur natürlichen Entwicklung der Art Mensch; sie brachte in der Tat die größten Schwierigkeiten mit sich. Das gilt bis heute. Immer wieder bricht sich der tiefverwurzelte Nomadismus der Menschen Bahn.“ (Ebd., S. 20).

„Die Kirche verstand es, die Bereitschaft zur Buße zu nutzen. Ablaßzahlungen sollten helfen (wie in unserer Zeit die »Klimasteuer«).“ (Ebd., S. 96).

„Gleich mehrere Hochwasser der letzten Jahre wurden »Jahrhundertfluten« genannt. Sie scheinen nun in größerer Stärke und in gesteigerter Häufigkeit als in früheren Zeiten zu kommen: Pfingsthochwasser 1999 am Alpennordrand, die Elbflut vom August 2002 und ein weiteres, sehr starkes Hochwasser Ende August 2005, das gewaltige Schäden und großflächige Überschwemmungen von der Schweiz bis in den Osten Österreichs verursachte. Unmittelbar davor hatte es in den 1990er Jahren gleichfalls drei sehr starke Hochwasser an Rhein und Oder gegeben. Drei Katastrophenhochwasser in den sechs Jahren von 1999 bis 2005 erwecken zwangsläufig den Eindruck, daß sich gegenwärtig die Hochwasser in noch nie dagewesenem Maße häufen. Doch solche »Eindrücke« haben mit Zeit und Vergessen zu tun. Die Angaben der Versicherungen bestätigen die Häufung allerdings nur höchst vordergründig, weil sie auf (versicherte) Schäden bezogen sind.“ (Ebd., S. 107).

„Das stärkste Hochwasser im ganzen 20. Jahrhundert, das Julihochwasser von 1954, liegt noch nicht einmal ein volles durchschnittliches Menschenalter zurück, und dennoch wird es in der Öffentlichkeit kaum noch einmal erwähnt. Am Inn bei Passau, dem zusammen mit dem Rhein wasserreichsten Alpenfluß Mitteleuropas, erreichte dieses Hochwasser 6000 Kubikmeter pro Sekunde. Die Menge ließ sich recht genau bestimmen, weil der untere Inn in eine Kette von Stauseen aufgegliedert und in Dämme gefaßt ist, die kein Ausufern der Fluten mehr zulassen. Das Hochwasser von 1954 übertraf alle seitherigen bei weitem, das schon zur »Jahrhundertflut« ernannte vom 23. August 2005 mit eingeschlossen. In der Rangfolge wurde es schon vom Hochwasser 1899 jedoch ganz klar an Pegelstandshöhe und noch viel mehr an Menge des Wassers übertroffen. Weitaus größere Überschwemmungen gab es 1786, und die höchste im letzten halben Jahrtausend über Wasserstände an Gebäuden verzeichnete Flut fand 1598 statt. Zahlreiche weitere Katastrophenhochwasser hatte es in den vier Jahrhunderten von 1500 bis 1900 gegeben. Sie wurden längst nicht alle an Gebäuden vermerkt, wenn sie unterhalb der früheren Spitzenwerte geblieben sind. Aber aus anderen Quellen lassen sich Häufigkeiten und ungefähre Höhe der Hochwasser ermitteln.“ (Ebd., S. 107-108).

„Für den Rhein und seine süddeutschen Nebenflüsse sowie für die obere Donau werteten R. Glaser, J. Jacobeit, M. Deutsch, H. Stangl die Daten aus. Sie konnten zeigen, daß es gut erkennbare Phasen unterschiedlicher Häufigkeit und Stärke der Hochwasser gegeben hat. So ist für den Niederrhein bei Köln und Koblenz die markanteste und stärkste Hochwasserperiode in den 100 Jahren zwischen 1350 und 1450 ausgebildet. Von 1500 bis 1650 folgt eine breitere und von 1700 bis etwa 1770 eine Zeit geringer Häufigkeit. Danach steigt die Hochwasserhäufigkeit steil an und erreicht um 1800 einen neuen Höchstwert, der 1900 zu einem fast historischen Tiefstand absinkt und seither wieder kontinuierlich auf das bislang dritthöchste (!) Niveau des ganzen letzten Jahrtausends angestiegen ist.“ (Ebd., S. 108).

Hochwassermarken am Inn
Hochwassermarken am unteren Inn in Schärding/Oberösterreich (Foto: Reichholf). Linke Seite vom Innufer aus, rechte Seite landseitig oben anschließend. Der Pfeil verweist auf die Position des Hochwassers 1954 in der landseitigen Fortsetzung auf die jeweils gleiche Höhe.

„Für die obere Donau ergeben die historischen Daten jedoch einen ganz anderen Verlauf. Der große »Rheingipfel« von 1350 bis 1450 ist hier nur schwach ausgeprägt. Erst nach 1500 steigt die Hochwasserhäufigkeit stark an und erreicht zwei markante Gipfel zwischen 1650 und 1680 sowie 1750 bis 1800. Ab dem frühen 19. Jahrhundert liegen für alle größeren Flüsse Messungen vor, die sowohl die Häufigkeit als auch die Stärke der Hochwasser hinreichend genau dokumentieren. Ganz allgemein besagen sie, daß die Fluten im 20. Jahrhundert weder häufiger gekommen noch stärker ausgefallen sind als in den Jahrhunderten davor. Im Gegenteil: Für die beiden wasserreichsten Flüsse Süddeutschlands, den Rhein und den Inn, der beim Zusammenfluß mit der Donau in Passau mehr Wasser und erheblich stärkere Hochwasser als diese bringt, ergibt sich für die vergangenen 100 Jahre eine Abnahmetendenz. Das zeigen die genauen Aufzeichnungen für den Oberrhein und die Auswertungen zur Wasserführung des Rheins von J. Karl sowie die zahlreichen Hochwassermarken an Ufergebäuden. Dabei ist nämlich zu berücksichtigen, daß die großen Flüsse erst im 19. Jahrhundert reguliert und in Dämme oder Deiche gefaßt worden sind. Die Verminderung des Durchflußquerschnitts erzwingt einen Anstieg der Fluthöhe bei gleicher Wassermenge. So hatte sich etwa das stärkste Hochwasser des 20. Jahrhunderts am Inn im Juli 1954 praktisch nicht mehr über die früheren Talweitungen ausbreiten können, die noch den starken Hochwassern vom August 1897, Juni 1940, September 1920 und September 1899 zur Verfügung standen, denn die Stauseen wurden erst ab 1942 gebaut. Die Abfolge der Jahreszahlen gibt die Stärke der Hochwasser wieder (vgl. Abbildung). 1954 rückte die Fluthöhe bis auf etwa einen Meter an den letzten Höchstwert von 1899 heran. Damals waren aber bereits erste »Abflußbeschleunigungen« über Durchstiche und Längsverbau des außeralpinen Inn getätigt worden.“ (Ebd., S. 109-110).

Sommerabflüsse des Rheins bei Basel seit 1810
Die Entwicklung der Wasserführung des Rheins im hydrologischen Sommerhalbjahr seit 1810 anhand der 10-jährigen Mittelwerte läßt keinen Rückgang erkennen, obwohl die Gletscher so stark abgeschmolzen sind. (Daten: J. Karl, 1997).

„Am Rhein fing die Regulierung mit der Tulla'schen Korrektur Anfang des 19. Jahrhunderts an, am Inn dagegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Hochwasser zeigen dennoch das gleiche Bild größerer Höhe im 19. als im 20. Jahrhundert. Aus den Höhenlinien im Flußtal kann man einigermaßen verläßlich abschätzen, wie groß die Wassermengen gewesen sein dürften, die im Zustand des gänzlich unverbauten Wildflusses mehrere Meter höhere Anstiege der Flutspitzen als nach der Regulierung verursachten. Die Inn-Hochwasser von 1786 und vor allem das ganz gewaltige von 1598 müssen demnach noch ein Mehrfaches der Wassermenge gebracht haben als die mit 6000 Kubikmeter pro Sekunde gemessene Flut von 1954. Größenordnungen von 20000 Kubikmeter pro Sekunde und darüber hinaus erscheinen realistisch, denn damals konnte sich die Überschwemmung auf fünf bis sieben Kilometer Breite im Tal ausdehnen. Der Vergleich mit dem Rhein vermittelt einen weiteren Aufschluß. Während sich im Donausystem, zu dem der Inn gehört, der spätmittelalterliche Gipfel um 1400 noch nicht abzeichnet, steigt die Hochwasserintensität nach 1500 stark an, obgleich der Rhein nur eine mittlere Hochwasserhäufigkeit erreicht und dessen zweithöchster Gipfel um 1800 deutlich verzögert auf die besonders großen und häufigen Hochwasser im System der oberen Donau zwischen 1730 und 1800 folgt. Das Spitzenhochwasser von 1786 am Inn deckt sich zeitlich recht gut mit dem Extremhochwasser an Main und Neckar von 1784, das wohl in Zusammenhang mit dem Ausbruch des Vulkans Laki auf Island in den Jahren 1783/’84 steht und gleichfalls mit »alpiner Verzögerung« den Inn und das Stromsystem der oberen Donau erfaßte. Denn die wahrscheinlichste Erklärung für die in der Zeit verschobenen Verläufe der Hochwasser an Niederrhein und Donau/Inn ergibt sich aus der Zwischenspeicherung großer Mengen an Niederschlagswasser im Eis der Alpengletscher. Diese wuchsen, wie die Untersuchungen von C. Pfister für die Schweiz gezeigt haben, im Spätmittelalter sehr stark, allerdings um nach nur einem Jahrhundert Gletschervorstoß schon wieder zu schrumpfen. Erst nach 1500 setzte ein anhaltendes Gletscherwachstum ein, das im 19. Jahrhundert den Höchststand erreichte und danach rasch zu Ende ging. Seither ziehen sich die Gletscher zurück. Auf die Jahreswasserführung der Alpenflüsse hat das so gut wie keinen Einfluß, denn der Anteil des Gletscherwassers macht darin nur wenige Prozent aus.“ (Ebd., S. 109-111).

„Aber die Extremhochwasser müssen im Zusammenhang mit den alpinen Gletschern, den winterlichen Schneemassen und der Eisbildung auf den Flüssen gesehen werden. Viele der Katastrophenhochwasser der letzten Jahrhunderte, die zweite Hälfte des 20. ausgenommen, waren spätwinterliche Eisstoß-Hochwasser gewesen. Sie führten dazu, daß der Rhein über die Mainmündung hinaus in manchen Jahren noch im April oder sogar Anfang Mai Eisschollen abtrieb. Damit taucht ein noch komplexerer Zusammenhang zwischen Hochwasser und klimatischer Änderung auf. In grober Bilanzierung läßt sich feststellen, daß die warmen Jahrzehnte und Jahrhunderte auch die »guten« gewesen sind, während die kalten und niederschlagsreichen die schlimmsten Hochwasser gebracht hatten.“ (Ebd., S. 111).

„Werfen wir vor der Behandlung der Kältewinter und ihrer Auswirkungen auf die Natur Mitteleuropas noch einen etwas genaueren Blick auf den Zustand der Flüsse in den Jahrhunderten vor Beginn der Regulierungen durch den Wasserbau. Was kennzeichnete sie damals, und worin unterschieden sie sich von den heutigen Verhältnissen?“  (Ebd., S. 111-112).

„Zunächst gilt es, ein weitverbreitetes Mißverständnis auszuräumen. Die Flüsse Mitteleuropas waren im 19. Jahrhundert vor den ersten Begradigungen und Ausbaumaßnahmen sicher nicht »im Naturzustand«, wenn damit jener Zustand gemeint sein sollte, in dem ein Fluß vom Menschen tatsächlich nicht nennenswert verändert ist. Ihr Fließen war zwar nicht wesentlich reguliert und ihre Hochwasser auch nicht gelenkt oder gebändigt. Aber dennoch waren längst so gut wie alle größeren Fließgewässer und die meisten Bäche nicht mehr »Natur«, auch wenn sie »natürlich« aussehen mochten. Seit Jahrhunderten waren sie vielfältigen Einwirkungen der Menschen ausgesetzt. Die Auen wurden genutzt zur Gewinnun von Brennholz und als Weide für Rinder, Ziegen und Schafe. Sand und Kies wurden entnommen, Uferwege waren angelegt und als sogenannte Treppelwege auch dazu benutzt worden, mit Pferdegespannen Lastkähne gegen die Strömung flußaufwärts zu ziehen. Holz wurde geflößt, und die Flößerei stellte in früheren Zeiten das dar, was heutzutage die von starken Motoren getriebenen Lastkähne der Binnenschiffahrt sind: Verkehrsmittel auf Wasserstraßen. Natürlich wurde gefischt. Reusenanlagen sperrten ganze Flußarme ab. Es gab Korb- und Netzfischerei, Jagd und eine Wasserverschmutzung, von der wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Aller Unrat, Schmutz und die Fäkalien aus den Städten gingen an den Flüssen einfach »ins Wasser«. Auch das Vieh, das zur Tränke kam, hinterließ Exkremente. Wenn wir die heutige Fischproduktion von Flüssen, die aus den Alpen kommen, und die schon seit Jahrzehnten kein ungeklärtes Abwasser mehr erhalten, mit den früheren Angaben zum Fischreichtum vergleichen, scheint etwas grundsätzlich nicht zusammenzupassen. Wo seit geraumer Zeit ein erwerbsmäßiger Fischfang nicht mehr lohnt und für das Sportangeln immer wieder neuer »Besatz« aus Fischzuchtanstalten nachgesetzt werden muß, wimmelte es »früher« nur so von Fischen unterschiedlichster Arten. Die Fischerei war so einträglich, daß »Fischrechte« auf Uferstrecken bezogen vergeben worden waren wie Rechte der Flur- und Waldnutzung an Land. Auch noch die kleinsten Bäche wurden von Fischereirechten erfaßt. Man faßte sie vielfach als »Verbundrechte« in den sogenannten Koppelfischereirechten zusammen. Das Privileg zum ausschließlichen Fischfang auf bestimmten Strecken konnte an Häuser gebunden sein, und es fiel automatisch den jeweiligen Bewohnern zu, weil diese die dem Haus zugedachte Funktion, etwa eine Fähre zu betreiben oder einen Uferbereich für das Anlanden von Schiffen instand zu halten, zu erfüllen hatten. Unterließe man heute in unseren sauber gewordenen Flüssen und Bächen den Besatz, würden lange Strecken etwa von Inn oder Isar kaum zum Sportangeln locken. Großartige Erträge lassen sich auch mit intensiven Besatzmaßnahmen nicht erzielen. Schuld daran sind keinesfalls die fischefressenden Wasservögel, denn solche hatte es in früheren Zeiten auch und wahrscheinlich sogar in weitaus größeren Mengen gegeben als in der Gegenwart. Wo es in unserer Zeit außerordentlich fischreiche Flüsse gibt, kommen auch Wasservögel in großen Mengen und eindrucksvoller Vielfalt vor. Wie soll man aber die Chroniken verstehen, die von Fischzügen solcher Stärke berichten, daß das Wasser schwarz geworden war, weil die Fische Rücken an Rücken daherkamen? Raubfische, wie die großen Huchen (Hucho hucho) in der Donau und ihren Nebenflüssen, erreichten nach heutigen Standards wahre Rekordgrößen. Wanderfische müssen durch viele Flüsse gezogen sein wie Heringsschwärme im Meer. Im Hohen Mittelalter war es angeblich den Bürgern in Köln zeitweise untersagt, den Dienstboten mehr als fünfmal die Woche Lachs zu essen zu geben. Ob übertrieben oder nicht, daß damals Lachse den Rhein in Mengen hochgezogen kamen, steht außer Zweifel. Kaum etwas anderes fällt für die früheren Jahrhunderte so übereinstimmend aus wie die Angaben zum Fischreichtum in den Gewässern. Kein Fluß, kein See ist davon anscheinend ausgenommen. Die Chroniken berichten von großartigen Ergebnissen der Netzfischerei. Fisch als Nahrungsmittel war so begehrt, daß im späten Mittelalter große Fischteiche und Teichanlagen angelegt wurden, in denen vor allem Karpfen gezüchtet wurden. Die Aischgründer und die Oberpfälzer Karpfenteiche, die riesigen Teichanlagen von Mähren und in der Brenne Ostfrankreichs und viele weitere Fischteiche wurden damals angelegt. Die meisten davon gehen auf Klöster zurück. Bezeichnungen in der Teichwirtschaft wie »Mönch« zeugen davon.“ (Ebd., S. 112-114).

„In unserer Zeit halten Ringkanalisationen die meisten Seen sauber. Die menschlichen Abwässer werden über hochwirksame Kläranlagen gereinigt, und wenn irgendwo Giftstoffe in einen Fluß gelangen, berichten sogleich die Medien von dieser Umweltkatastrophe. Die Teichwirtschaft sichert ihre (hohen) Erträge mit massivem Einsatz von Futtermitteln für die Fische. Ohne diese würde sich heutzutage kaum noch eine rentieren.“ (Ebd., S. 114-115).

„Die Paradoxie dehnt sich sogar noch weiter aus, wenn wir auch anderes Wassergetier betrachten, das einstens (große) Bedeutung hatte. Zum Beispiel die Krebs- und die Perlmuschelfischerei. Flußkrebse gab es bis in das späte 18. Jahrhundert reichlich. Eine Fülle von speziell auf den Krebsfang ausgerichteten Geräten gibt davon ebenso Zeugnis wie umgangssprachliche Begriffe. »Krebsrot« zu werden benutzen wir als Zeichen für einen starken Sonnenbrand. Das wirkliche »Krebsrot«, den nach dem Fluß- oder Edelkrebs Astacus benannten Farbstoff »Astaxanthin«, kennt aber kaum jemand aus eigener Erfahrung. Zwar erholen sich in manchen Bächen die Flußkrebsvorkommen gegenwärtig wieder etwas, aber von früheren Verhältnissen kann dennoch überhaupt nicht die Rede sein.“ (Ebd., S. 115).

„Noch schlechter steht es um die Flußperlmuschel (Margaritifera margaritifera). Allen Bemühungen des Artenschutzes zum Trotz, die letzten Restvorkommen zu erhalten, sieht es nicht gut aus für sie. Die Muschelbänke erzeugen kaum noch Jungmuscheln, oder sie haben überhaupt keinen Nachwuchs mehr. Nun waren aber in früheren Jahrhunderten, als zum Beispiel im Bayerischen Wald die Glashüttenindustrie Einzug gehalten und das Gebiet von weit mehr Menschen als heute besiedelt war, die hochgradig giftigen Abwässer keineswegs geklärt worden. All das, was andernorts Gerbereien oder Färbereien an Abwässern erzeugten, lief gleichfalls als stinkende Giftsoße in die Bäche oder Flüsse. Dennoch hatten diese, von örtlichen Schäden abgesehen, offenbar nicht nur keine geringere Produktivität als gegenwärtig nach so gründlicher Abwasserreinigung, sondern eine sehr viel höhere. Fische, Krebse und Muscheln lebten in den Bächen, Flüssen und Seen in Hülle und Fülle, aber aus hygienischer Sicht herrschten darin katastrophale Verhältnisse. Warum das so war, wird klar, wenn man die Vorstellung von »unregulierten Flüssen im Naturzustand« aufgibt. Zwar hatten die Menschen seit dem Mittelalter wenig sichtbaren Einfluß auf die Struktur der Wasserläufe genommen, dafür aber umso mehr das Leben in den Flüssen verändert. Denn die Abwässer von Mensch und Tier düngten die Fließgewässer ununterbrochen und versetzten von Natur aus »magere« Flüsse in hochproduktive Zustände. Was Menschen und Haustiere ausscheiden, steckt voller verwertbarer Nährstoffe, die keineswegs nur den Böden auf den Fluren als Biodünger zugutekommen und ihre Erträge heben, sondern auch den Gewässern. Von den organischen Reststoffen und den Massen von Bakterien, welche die Exkremente durch- und zersetzen, leben die Kleintiere des Bodenschlammes und der flachen, wenig durchwirbelten Uferzonen der Gewässer. Voraussetzung für ihr Wirken ist allerdings, daß reichlich Sauerstoff vorhanden ist oder nach dessen Zehrung durch die Wasserwirbel rasch genug wieder nachgeliefert wird. Der unregulierte, »offene« Fluß hatte diese Struktur. Ihre Wirkung wurde sogar noch verbessert, weil so viele und weitläufige Uferbereiche offen gehalten worden waren. Die Flußauen dienten seit Jahrhunderten als Weideland. Die uralte Bezeichnung »Aue« meint »Wasserwiese«. Das Vieh konnte bei drohendem Hochwasser vergleichsweise rasch auf sicheren Grund herausgeführt werden. Denn die Siedlungen legte man nicht in den von Überschwemmungen gefährdeten Niederungen, sondern an deren Rändern an. Heute werden die meisten Flußauen als Ackerland genutzt. Bei Überschwemmung geht die Ernte buchstäblich zugrunde. Ungleich besser paßte die Weidewirtschaft zur Wasserdynamik in der Flußaue; Besiedlung und feste Felder gab es kaum oder nur an solchen Stellen, die selten genug vom Hochwasser heimgesucht wurden. Die alten Karten zeigen, daß die Dörfer und Städte im allgemeinen den Flutgrenzen folgten und nicht in die Überschwemmungsbereiche hineingelegt worden waren. Weidevieh und die Abwässer der Siedlungen stellten also die Grundlage für die hohe Produktivität der Flüsse an Fischen und Krebsen, an Muscheln und auch an Insekten dar. Diese schwärmten in früheren Zeiten in solchen Mengen, daß sich manchmal zentimeterdicke Schichten von toten Leibern bestimmter Arten von Eintagsfliegen bildeten. »Uferaas« wurden diese Wasserinsekten genannt, deren Larven im nahrungsreichen Flachwasser leben und zusammen mit anderen Arten der Gruppen von Köcherfliegen, Eintagsfliegen und Steinfliegen die wichtigste Nahrung für viele Fische darstellen. Sie selbst verbrauchen die organischen Reststoffe, die ins Wasser hineinkommen. Im echten Naturzustand wäre dies der Abfall an Blättern und anderen Pflanzenteilen aus dem Auwald gewesen, der die Ufer dicht gesäumt und vor zu starken Abtragungen und Uferverlagerungen geschützt hatte. Beweidung und Holznutzung degradierte frühzeitig die Auwälder zu lückigem Buschwerk. Ganz entsprechend sind die Flüsse auf den Bildern der Landschaftsmaler dargestellt. Es gibt weitflächige Kiesbänke und vielfach einzeln stehende Baumgruppen, unter denen Hirten und Kühe Schatten fanden.“ (Ebd., S. 115-117).

„Gewiß, die Flüsse, zumal die größeren, machten unreguliert einen »wilderen« Eindruck als die begradigten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In diesen sollte das Wasser möglichst schnell und ungehindert abfließen. Natürlicher waren sie jedoch dadurch nicht geworden. Der Wasserbau des 20. Jahrhunderts führte sie dann von einem bereits menschengemachten Zustand in einen anderen über. Unsere heutigen Vorstellungen von Sauberkeit entziehen den Flüssen die letzten Möglichkeiten, biologische Produktivität zu entfalten, denn mit dem Säubern des Abwassers von organischen Reststoffen wird ihnen die Nahrung genommen. Früher gab es, auf den »Naturzustand« bezogen, viel zu viel davon, jetzt aber zu wenig. Hieraus erklärt sich sowohl der frühere Reichtum an Fischen und Krebsen, Perlmuscheln und Massenschwärmen von Eintagsfliegen als auch ihr heutiger Rückgang oder das weitgehende Fehlen trotz »sauberen Wassers«. Die organischen Reststoffe hatten den Fischen eine so überreiche Nahrungsgrundlage an Insektenlarven und schlüpfenden Wasserinsekten geboten, daß sie nicht in der Lage waren, die Schwärmflüge erkennbar zu dämpfen. Von den organischen Resten lebten auch die Muscheln, die Perlmuscheln in den Waldbächen zumal, weil die Täler von Ziegen und auch von Rindern beweidet worden waren. Das hielt die Ufer der Bäche offen, sonnig und verhinderte, daß wie gegenwärtig fast nur Nadeln als pflanzlicher Abfall in die Bäche fallen und diese versauern lassen. Wo Muscheln leben können, gibt es auch Wasserschnecken, große Würmer und anderes Kleingetier im Wasser, von dem sich die Krebse ernähren. Sie dürften auch von zahlreichen Tierkadavern profitiert haben, die früher ins Wasser gelangten. Frösche gab es an den flachen Buchten, an die das Vieh zur Tränke kam, in großen Mengen. In den früheren Jahrhunderten kannte man das Phänomen der »Krötenzöpfe«. Diese entstehen, wenn mehrere Männchen der Erdkröte (Bufo bufo) ein großes Krötenweibchen klammern und so lange unter Wasser drücken, bis dieses stirbt und daher keine Abwehrlaute mehr von sich geben kann. Immer mehr Männchen kommen nun hinzu und klammern ebenfalls, bis ein Gebilde entsteht, das wie ein aus Kröten gemachter Zopf aussieht. Wo sich Erdkröten zum Laichen zu Hunderten oder gar zu Tausenden einfinden, kann so etwas geschehen. Abends schallten dann im Mai und Juni die Chöre der Laubfrösche aus diesen flachen Ufergewässern kilometerweit übers Land. Die alten Angaben zu Vorkommen und Häufigkeit sowie über Merkwürdigkeiten allgemein bekannter Tierarten lassen sich gemäß den heutigen Verhältnissen oft kaum noch verstehen. Erst wenn wir die früheren Verhältnisse in der Landnutzung berücksichtigen, ergeben sich sinnvolle Zusammenhänge.“ (Ebd., S. 117-118).

„Eine weitere bedeutsame Veränderung in der Wasserführung der Flüsse ergab sich natürlich auch aus anhaltenden Trockenperioden. Solche können kalte Winter mit Dauerfrost, aber auch heiße, trockene Sommer verursachen. Vor wenigen Jahren hatte der so niederschlagsarme Hitzesommer von 2003 gleichsam einen späten Nachtrag aus der Frühzeit des 2. Jahrtausends vorgeführt. Im warmen Hochmittelalter gab es deswegen kaum Hochwasser, die für wert befunden wurden, in den Chroniken vermerkt zu werden, weil die Flüsse insgesamt viel weniger Wasser führten. Dieser Zustand zeigte sich im Hoch- und Spätsommer 2003, als Rhein und Donau und andere Flüsse in Mitteleuropa auf »Rekordtiefs« abgesunken waren. Wie schon erwähnt, war der Trockenbau der berühmten Steinernen Brücke in Regensburg deswegen möglich, weil die Donau damals so wenig Wasser führte. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten sich die »üblichen« Verhältnisse der Wasserführung in der Wärmezeit des Hochmittelalters im Vergleich zur Gegenwart regelrecht umgedreht: Viel Wasser kam im Winter und wenig im Sommer. Der Wechsel auf ungefähr heutige Verhältnisse kam mit dem großen Umschwung der Witterung zu Beginn der Kleinen Eiszeit, als Schnee und Eis dominant wurden und langer, tiefer Frost das Wasser zurückhielt. Seither führen viele Flüsse im Winter am wenigsten Wasser. Im Frühjahr steigt mit der Schneeschmelze und dem Eisaufbruch die Menge rasch wieder an, und zwischen 1500 und 1900 gab es viele sehr schwere »Winterhochwasser«. Die Chroniken zeigen erstaunlicherweise während der Kleinen Eiszeit auch vermehrt Extremhochwasser im Spätsommer und Herbst. Die in den letzten 100 bis 150 Jahren gemessenen Werte für den Jahresgang der Wasserführung unserer Flüsse müssen deshalb keineswegs »typisch« sein. Die Hochwasser weisen mit Lage und Stärke auf andere Abflußverhältnisse in früheren Jahrhunderten hin, deren ökologische Folgen in den Flüssen wir nicht abschätzen können. Die Wasserbaumaßnahmen änderten auch diese »Vorgaben« der jüngsten Vergangenheit schon wieder. Das Niederschlagswasser kommt nun immer schneller aus dem Einzugsgebiet zum Hauptlauf, wo die Scheitelwellen eines Hochwassers entsprechend steiler auf- und durchlaufen als in früheren Jahrhunderten. Was im 16. und 17. Jahrhundert noch gar nicht als Hochwasser angesehen worden wäre, kann nun bereits zum mittleren Hochwasser anschwellen und am Unterlauf Schäden verursachen. Wo vor den Regulierungen in weit auseinandergezogenen und verzweigten Flußläufen das ganze Spektrum der Fließgeschwindigkeiten zwischen Stillstand oder sogar rückwärts gerichteter Strömung bis hin zu mehreren Metern pro Sekunde vorhanden war, schießt nun der allergrößte Teil des Wassers durch einen engen Schlauch mit stark überhöhter Geschwindigkeit. Das hat Folgen für Stärke und Häufigkeit der Überschwemmungen und für die Sicherheit von Dämmen und Deichen, aber auch für die ökologischen Vorgänge im Fluß. Die früheren Verhältnisse sagen uns aber nicht einfach, wie der Fluß seiner Natur nach sein soll(te). Vielmehr geht aus ihnen nur hervor, wie er einmal (auch) war.“ (Ebd., S. 118-120).

„Flüsse sind allerdings von Natur aus auch nicht »festgelegt« auf bestimmte Zustände, die »richtig« sind. Sie verändern sich beständig von den Quellen bis zur Mündung und über die Jahreskreise und die Zeiten. Es gibt keinen Sollwert für die Wasserführung des Rheins oder der Elbe und auch keinen idealen Verlauf der Jahresgänge, so wenig, wie es die ideale oder die richtige Witterung gibt. Anders als die viel beständiger erscheinenden, weil träger reagierenden Wälder oder die Menschenwelt mit ihren Zielvorgaben drücken die Flüsse aus, wie sehr die Natur »in Fluß« ist. Darin gleichen sie der Witterung und dem Klima. Ob sie unnatürliche Extreme bringen, hängt davon ab, was wir für Vorstellungen damit verknüpfen. Doch genauso unnatürlich wäre es anzunehmen, daß die Flüsse immer gleich fließen würden und das Wetter alle Jahre auf dieselbe Weise verlaufen sollte.“ (Ebd., S. 120).

„Wo ... die Ressourcen reichlich zur Verfügung stehen, vereinheitlicht die verstärkte Nutzung. Aus Vielfalt wird Einförmigkeit.“ (Ebd., S. 144).

„Es ist der »Ertrag« der unsere Sicht der Natur bestimmt! Nach wie vor verhält es sich so. Naturschützer werden für »Romantiker« gehalten.“ (Ebd., S. 146).

„Unsere Vorstellungen von Natur formten und prägten im 19. Jahrhundert vier geistesgeschichtliche Hauptströmungen. Sie lassen sich an die Namen von vier Personen binden: Goethe, Brehm, Darwin und Haeckel. Diese Großen Vier vertreten die idealistische, die anthropomorphe, die evolutionäre und die ökologische Sicht der Natur. Idealistisch suchte Goethe nach der »Urpflanze« als dem idealien Bild oder Typ aller Pflanzen. Für eine noch stark wertende, auf den Menschen bezogene (also anthropomorphe) Darstellung der Tiere steht Brehms Tierleben. Es vermittelt neben Kenntnissen zur Lebensweise der Tiere auch viel Moralisches. Charles Darwin entdeckte mit Variation und natürlicher Auslese (Selektion) zwei der Hauptursachen des Wandels in der Natur und begründete damit die biologische Evolution. Mit Darwin kamen Zeit und Veränderung in die Natur. Ernst Haeckel schließlich stellte die Lebewesen in einen großen Naturhaushalt hineien. Auf ihn geht die Wissenschaft der Ökologie zurück. Geschichtlich eingebunden waren sie alle in die Hauptzeit des Kolonialismus. Die Europäer versuchten in jenem Jahrhundert, sich die ganze Erde zu unterwerfen. Begründungen hierfür holten sie sich, ganz direkt oder über die Fortschritte ihrer Naturforschung, auch aus der Natur. Darwins berühmtestes Buch über den Ursprung der Arten trug im Titel den Ausdruck der »begünstigten Rassen« (favoured races). Vielleicht ist es nicht allzu überzogen anzunehmen, daß damit auch einem allgemeinen Gefühl jener Zeit Ausdruck verliehen worden war, sich als die Erfolgreichsten durchgesetzt zu haben im Überlebenskampf mit der Natur, die so lange so hart mit den Menschen umgegangen ist.“ (Ebd., S. 147).

„Bereits Carl von Linné (und nicht erst Charles Darwin) ordnete auch den Menschen unter die Tiere ein, und zwar als Gattung Homo zu den »Herrentieren« (Primaten) in nächster Nähe zu Schimpansen, Gorillas und Orang Utans. Denn sein System begründete sich eigentlich schon auf der natürlichen Verwandtschaft nach dem Prinzip von Arten, Fattungen, Familien und noch höheren Einheiten. .... Zudem gab er den Lebewesen eindeutige Namen mit der Gattung als Erstname und der Art als Zweitbezeichnung. Der Mensch wurde so zum Homo (Gattung) sapiens (Art), wie der Hund zu Canis (Gattung: Hunde) familiaris (Art: Haushund), während der Nächstverwandte (und Stammvater aller Hunde, wie wir inzwischen wissen), der Wolf, Canis lupus heißt. Zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Arten, die zum »Typ« der Hunde gehören, bilden sie die Familie der Hundeartigen (Canidae).“ (Ebd., S. 148).

„Je natürlicher die Städter leben, desto verklärter wird ihre Sicht der Natur. Ihre Romantik durchdringt von Anfang an den Naturschutz. Die Landbevölkerung sieht das ganz anders, nämlich nahezu ausschließlich aus dem Blickwinkel der Nützlichkeit. Daran wird sich auch nichts wesentlich mehr ändern.“ (Ebd., S. 154).

„Der Katastrophismus ... bekommt ... immer mehr Zulauf. Längst glauben im (christlichen!) Abendland mehr Menschen an ein katastrophales Ende als an eine bessere Zukunft.“ (Ebd., S. 170).

„Katastrophismus. Sein Einschüchterungspotential wird gegenwärtig wieder hemmungslos ausgenutzt. Längst sind ganz natürliche und häufig wiederkehrende Wetterereignisse zu Katastrophen gemacht worden. In früheren Jahrhunderten hätte man sie nicht für wert befunden, wie Geburten und Sterbefälle in die Kirchenbücher eingetragen zu werden. Die Medien nutzen unseren merkwürdigen Hang zu Katastrophen bekanntlich höchst umfänglich aus und übertreiben in aller Regel bis an die Grenzen des Zumutbaren und darüber hinaus. Vielleicht äußert sich darin unsere kindliche Sehnsucht nach Sicherheit, die eine Gesellschaft nicht mehr bietet, weil sie überaltert ist. Mangels Kinder möchten (zu) viele selbst kindlich bleiben.“ (Ebd., S. 185).

„Die große Wende löste im Stillen ein herausragender, bis in die Gegenwart hoch geehrter deutscher Chemiker aus, als er das zugrundeliegende Prinzip für die Produktivität der Natur erkannte. Justus von Liebig formulierte es als das (sein) »Minimum-Gesetz«. Danach begrenzt jener Nährstoff die (landwirtschaftliche) Produktion, der im Verhältnis zu den anderen benötigten Stoffen im Minimum ist. Das kann etwas so Einfaches sein wie das fehlende Wasser in der Wüste oder der Mangel an Wärme in den polaren Regionen. Letztere lassen sich schwerlich heizen. In zu kalten Gebieten können nur Glashäuser eine gewisse Lösung sein. Die Wüste kann man bewässern. Das ist seit Jahrtausenden bekannt und vielfach gemacht worden. Liebigs Leistung lag nun darin, den Schlüssel für die Produktionsverbesserung gleichsam für das normale Land gefunden zu haben. Die chemische Analyse kann feststellen, ob der Boden genug Stickstoff- oder phosphorverbindungen, Kalium oder Eisen enthält, oder wie viel ihm davon, bezogen auf den Bedarf der Nutzpflanzen, fehlt. Der Mangel läßt sich bestimmen und direkt im Verhältnis zu den anderen Mineralstoffen messen. Das ermöglicht die richtige Versorgung mit Kunstdünger. Das Zauberwort zur nachhaltigen und außerordentlich starken Anhebung der Produktion lautete alsbald »Nitrophoska«. In diesem Kunstdünger wurden die drei mengenmäßig bedeutendsten Wirkstoffe, nämlich Stickstoff (Nitro), Phosphor (Phos) und Kalium (Ka), in ziemlich genau den Verhältnissen geboten, in denen sie von den Kulturpflanzen für Wachstum und Fruchtbildung benötigt werden. Entsprechend nachhaltig ließ sich die Produktion, gemessen an Hektarerträgen, in kurzer Zeit steigern. Sobald Kunstdünger preiswert genug zur Verfügung stand, merkten die Landwirte, daß sie auch ohne aufwendige Analysen nach dem einfachen Prinzip »viel hilft viel« ihre Erträge steigern konnten. Großtechnische Erzeugung senkte die Preise für den Kunstdünger. Die Landwirtschaft wurde zu einem der Hauptabnehmer von Produkten der chemischen Industrie. Deutsche Firmen stiegen in die Weltspitze auf, weil in Mitteleuropa bei ziemlich guten Böden ein Missverhältnis zwischen Produktionsflächen und Bedarf zustande gekommen war. Die Bevölkerung brauchte weit mehr Nahrungsmittel, als das Land in der herkömmlichen Weise erzeugen konnte.“ (Ebd., S. 187-188).

„Die großtechnische Erzeugung und der großflächige Einsatz von Kunstdünger veränderten die Lage, aber richtig zur Wirkung kam dieser erst, als nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Flurbereinigung ein ganz neuer Anfang gemacht werden konnte. Die beiden Weltkriege hatten die Entwicklung weitgehend unterbrochen und gleichsam auf den Anfang zurückversetzt. Noch zwischen den Kriegen bestand die Vollwertdüngung deutscher Flur in einer Menge von 30 bis 50 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr. So viel gelangt seit rund 20 Jahren allein auf dem sogenannten Luftweg als Dünger flächig übers Land. Die Quellen davon sind die modernen Großfeuerungsanlagen, die bei hohen Betriebstemperaturen Luftstickstoff mitverbrennen und so zu Dünger aus der Luft werden lassen, aber auch der Autoverkehr, wenn die Motoren in hohen Drehzahlen laufen. Der direkte Einsatz von Düngemitteln stieg unabhängig von dieser »Düngung nebenbei« produktionsbezogen stark an. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts übertraf die Bilanz zwischen Ernteentzug und Düngung fast überall in Mitteleuropa die Grenze von 100 Kilogramm Stickstoff (als Reinstickstoff gerechnet) je Hektar und Jahr. In den agrarischen Intensivgebieten verdoppelte sich dieser Überschuß und wurde zur Hauptbelastung für Boden, Grundwasser und auch der Luft, weil immer größere Mengen organischen Düngers nicht mehr, wie früher, als Festmist auf die Fluren gebracht wurde, sondern in Form von flüssiger Gülle. Diese Entwicklung veränderte das Grundwasser, die Nährstoffgehalte der Böden und über diese Lebensgrundlagen auch die Artenzusammensetzung und -vielfalt der Fluren weit stärker als alle früheren »Eingriffe«. Denn nun trat genau das auf, was der Mangel verhindert hatte. Einzelne Pflanzen, die sehr »wüchsig« sind und dafür auch reichlich Nährstoffe brauchen, wucherten und erdrückten die genügsameren und zarteren Arten. Der Stickstoff wurde zum »Erstick-Stoff« für die Artenvielfalt. Die Vegetation wächst nun seit Jahrzehnten schon aufgrund dieser Düngung im Frühjahr viel früher und viel dichter auf als in den »mageren Zeiten«. Bodennah wird es daher im Frühsommer und Sommer feucht und kühl. Je dichter die Vegetation, desto stärker wird dieser Abkühlungseffekt. Die wärmebedürftigen Arten nehmen ab und verschwinden, obgleich »offiziell« das Klima im genau gleichen Zeitraum wärmer wurde. Doch für die Pflanzen und für die meisten Tiere zählen nicht die meteorologisch standardisierten Messwerte, sondern die tatsächlichen Bedingungen in ihren Lebensräumen. Für die Grille oder für die Raupe am Wiesenboden bleibt das Mikroklima kalt und feucht, auch wenn einen Dreiviertelmeter darüber, wo die Pflanzendecke endet, schönster Sonnenschein frühsommerliche Wärme liefert. Nicht das schmelzende Eis der Gletscher ist, als rein physikalischer Vorgang, maßgeblich für die Auswirkungen leichter Erhöhungder Durchschnittstemperaturen, sondern die Art und Weise, wie die Pflanzendecke reagiert. Sie bestimmt in ausgeprägter Weise die thermischen Lebensbedingungen und damit Mikro- und Mesoklima auf den kleinen und mittleren Ebenen der Natur. In unserer Zeit drehte die übermäßige Versorgung des Landes mit Pflanzennährstoffen somit die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts geradezu ins Gegenteil um. Damals wurden, wie schon ausgeführt, die Fluren schnell aufgewärmt und abgetrocknet, weil sie weithin offen und intensiv genutzt waren. Jetzt sind sie »zugewachsen«, weil weder Ziegen noch Schafe oder fleißige Hände jeden Streifen und alle Ränder frei halten.“ (Ebd., S. 189-190).

„Die Städte sind seit Jahrzehnten »magerer«, artenreicher und vielfältiger als »die Natur« draußen auf den Fluren. Denn in Städten, Siedlungen und Industrieanlagen enthalten die Böden inzwischen vielerorts weit weniger Nährstoffe für das Pflanzenwachstum als die anhaltend überdüngten Felder und Wiesen. Die Bodenversiegelung mit Pflaster, Beton und Teer leitet das Niederschlagswasser schnell in die Kanalisationen, so daß sich an vielen Stellen trockenwarme Verhältnisse halten können. Die Aufwärmung der Gebäude durch die Heizungen im Winter und die Aufnahme und (nächtliche) Speicherung von Sonnenwärme im Sommer verstärkt diese Effekte und macht die Städte zu »Wärmeinseln«. Entsprechend groß ist der Kontrast in der Artenvielfalt geworden. Das Land verliert sie, während die Städte umso mehr Arten gewinnen, je größer sie sind. Diese Entwicklung stellt das Leitbild Artenvielfalt im Naturschutz seit geraumer Zeit grundsätzlich infrage. Denn es stammt, wie ausgeführt, aus dem 19. Jahrhundert. Die damaligen Verhältnisse werden jedoch auf absehbare Zeit sicherlich nicht wieder nachzuahmen (und anzustreben) sein. Das geht allein schon darum nicht mehr, weil der erreichte, sehr hohe Grad der Selbstversorgung mit den Grundnahrungsmitteln ohne Not nicht wieder aufgegeben werden wird - und auch nicht mehr aufgegeben werden soll. Zurück dreht sich das Rad der Zeit ohnehin nicht. Wie groß die Unterschiede zwischen Stadt und Land in der jüngsten Vergangenheit geworden sind, illustrieren die nachfolgenden Abbildungen.“ (Ebd., S. 191).

Blick auf München
Blick auf München über die Isar um 1820. Gemälde von Ernst Kaiser. Das Bild zeigt, wie offen und wie intensiv genutzt das Isartal wa1; wo heute der Englische Garten und die Hirschau
dicht bewachsen und eigentlich Hochwald geworden sind.
Brutvögel in Mitteleuropa
Verteilung des Artenreichtums von Vogelarten in Mitteleuropa, die in den betreffenden Lebensräumen brüten, von den Innenstädten übers Land bis zu den für besonders artenreich zu erachteten Flußauen. Die Befunde zeigen, wie reichhaltig die Städte im Vergleich zur offenen Flur in unserer Zeit geworden sind.
Nachtaktive Schmetterlinge als Maß für die Verarmung der Feldflur
Ähnliche Verteilungen im Artenreichtum wie bei den Brutvögeln
ergeben sich bei den nachtaktiven Schmetterlingen. Die Verödung der Fluren kommt noch deutlicher zum Ausdruck.
Arten in Mitteeuropa
Flächenbilanzierung der von der modernen Landwirtschaft ausgelösten Veränderungen im Artenreichtum der Natur Mitteleuropas. Die Werte sind auf die Anteile der jeweiligen Lebensräume an der gesamten Landfläche Deutschlands bezogen.
Brutvögel-Rückgang im Donautal von Regensburg
Rückgang der Artenvielfalt im Donautal von Regensburg in die offene Feldflur des »Gäubodens«. Die Befunde (Zahl der Brutvogelarten) sind darin den Erwartungswerten gegenübergestellt, die sich aus den Größen der untersuchten Flächen errechnen lassen. Hieraus ergeben sich die Defizite.

„Die Defizite können direkt berechnet werden, wenn der allgemeine Landesdurchschnitt zugrunde gelegt wird. Für die Vögel gibt es genügend Befunde, aus denen ein solcher berechnet werden kann. Danach sind pro Quadratkilometer Landfläche in Mitteleuropa rund 43 Vogelarten zu erwarten, die auf dieser Fläche auch brüten. Mit Hilfe einer Formel kann berechnet werden, wie viele Arten von Brutvögeln auf Flächen unterschiedlicher Größe zu erwarten wären, wenn diese durchschnittlichen Verhältnissen entsprechen. Die tatsächlichen Befunde ergeben nun im Vergleich mit den Erwartungswerten das Ausmaß an erhöhtem oder vermindertem Artenreichtum. Wo die Minderung unter die Grenze zufälliger Schwankungen abfällt, handelt es sich um echte Defizite. Solche treten, wie die Abbildung zeigt, ganz besonders auf den großflächig landwirtschaftlich genutzten Fluren auf, während die Städte allgemein über dem Durchschnitt liegen und oft einen Artenreichtum erreichen, wie er in hochwertigen Naturschutzgebieten auftritt oder erwartet wird. Da nun aber der gesamte Siedlungsraum, einschließlich der Industrieflächen, mit seinem beträchtlichen Artenreichtum in Mitteleuropa nur rund 10 Prozent der Landesfläche einnimmt, die Wälder mit geringen Defiziten an Diversität gut 30 Prozent und die agrarisch genutzte Flur aber 55 Prozent ausmachen, während Naturschutzgebiete und die besonders artenreichen Truppenübungsplätze oder weitere »Restflächen« geringer Nutzungsintensität die restlichen 5 Prozent stellen, kommt insgesamt der in »Roten Listen gefährdeter Arten« dokumentierte, so starke Artenschwund zustande. Hauptverursacher ist die quasiindustrielle Landwirtschaft mit ihrer Überdüngung und der zu ihrer Leistungssteigerung durchgeführten Vereinheitlichung der strukturellen Verhältnisse auf den Fluren. Die in den Abbildungen
dargestellten Befunde drücken dabei gar nicht einmal den Vergleich mit dem 19. Jahrhundert aus, sondern lediglich die relativen Verhältnisse in der Gegenwart. Sofern zu Vorkommen und Häufigkeit der Arten vor 150 Jahren brauchbare Angaben vorliegen, ergibt sich ein gewaltiger Artenschwund für die Fluren. Denn diese waren damals die besonders artenreichen Lebensräume gewesen und nicht die Städte. Pflanzen und Tiere der Fluren stellen daher auch die weitaus höchsten Anteile in den »Roten Listen«. Sie schwanken zwischen gut 50 und über 90 Prozent bei den Rückgängen. Die »Roten Listen der gefährdeten Arten« wurden auch immer länger, weil die Intensität der agrarischen Bewirtschaftung zunahm, und nicht kürzer, weil Maßnahmen des Artenschutzes wirksam geworden wären. Solche kamen nur wenigen Arten zugute, und zwar fast ausnahmslos solchen, die früher intensiv verfolgt worden waren und nun geschützt sind. Diese Zusammenhänge sind vielfach schon ausführlich beschrieben worden. Hier geht es darum, eine Gesamtbilanz zu ziehen.“ (Ebd., S. 191-194).

„Diese Gesamtbilanz ergibt für den flächengrößten Anteil der mitteleuropäischen Landschaften, die Flur, die ganz starken Rückgänge der Artenvielfalt und die größte Belastung des Landes. Die Entwicklung führte in weniger als einem halben Jahrhundert vom Mangel zur massiven Überdüngung. Diese, im internationalen Fachjargon Eutrophierung genannte Überversorgung von Böden und Gewässern mit mineralischen und organischen Nährstoffen stellt eines der wichtigsten Kennzeichen der Natur des 20. Jahrhunderts europaweit dar. Doch auch in weiten Regionen der übrigen Welt schreitet die Eutrophierung fort. Sie ist eine der Hauptquellen für klimawirksame Gase wie Methan und Ammoniak, und sie wird im Zusammenhang mit den Klimaveränderungen aus anderem Blickwinkel wieder aufgegriffen. Ausgelöst wurde sie von der Erfindung des Kunstdüngers. Dieser machte Deutschland (später auch einige weitere große Staaten Europas) zum Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten auf dem Weltmarkt. Die davon entscheidend mitdiktierten Preise nehmen Einfluß auf die weitere Intensität der Produktion in Europa wie auch auf die übrigen Produktionsgebiete global - mit ganz gewaltigen Folgen für die Natur und für das Klima. Umgekehrt bedeuteten Kunstdünger und Ertragssteigerungen natürlich die ungleich bessere Lösung der ... vorhandenen Versorgungsproblematik. .... Verbesserte landwirtschaftliche Produktion und Zurückdrängung des Hungers stabilisierten so dann die Weltlage ... gewiß mehr als alle politischen Aktivitäten. Eine Zunahme der Nahrungsproduktion in diesem Ausmaß und in so kurzer Zeit hatte es vorher noch nie gegeben. (Vgl. Klaus Hahlbrock, Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?,  2007.). Die »Grüne Revolution« entspricht in mancher Hinsicht der »Neolithischen Revolution« mit der Entwicklung des Ackerbaus .... Nichts veränderte im ganzen letzten Jahrtausend die Natur in Europa und darüber hinaus weltweit so sehr wie die industrialisierte Landwirtschaft. Der globale »Impakt« der Industrie bleibt weit hinter dem der Landwirtschaft zurück.“ (Ebd., S. 191-197).

„Die Flußfischbestände erholten sich ... in solchen Flüssen am besten, die wie der Rhein zwar viel Industrie in seinem Lauf, aber keine großflächigen landwirtschaftlichen Intensivgebiete im Einzugsbereich haben.“ (Ebd., S. 208).

„Wer den Unterschied zwischen »physikalisch« und »biologisch« nicht berücksichtigt, kommt nicht nur in Gefahr, mit seinen Beurteilungen falschzuliegen, sondern gerät rasch in die Zone des Unseriösen.“ (Ebd., S. 213).

„Was bedeuten die Befunde von mehr als 200 Jahren Wetterverlauf am nördlichen Alpenrand? Lasen wir extreme Einzelereignisse beiseite, so geht aus ihnen zunächst hervor, daß die weit verbreitete Annahme, das Klima wäre in Mitteleuropa seit dem 19. Jahrhundert kontinuierlich wärmer geworden, schlicht und einfach falsch ist. Der ganze schwache Trend mag sich rein statistisch absichern lassen, aber er ist für die Natur gänzlich bedeutungslos.“ (Ebd., S. 213).

„In den 100 Jahren seit dem letzten markanten Minimum der Mitteltemperaturen ergibt sich rein rechnerisch eine Erwärmung um gut ein halbes Grad Celsius. Ob diese leichte Erhöhung des Durchschnittswertes, die kurz vor Ende des 20. Jahrhunderts nach Schönwiese (1995 **) gerade wieder die anfängliche Höhe ausgangs des 18. Jahrhunderts erreichte, für unsere Natur von Bedeutung war, ist nach den Darlegungen im letzten Kapitel fraglich. Wahrscheinlich ist sie das nicht. Doch seit dem letzten großen Kältewinter 1962/’63 stiegen die Globaltemperaturen in einem, wie es bei den meisten Klimaforschern heißt, »noch nie dagewesenen Ausmaß« und mit »einzigartiger Geschwindigkeit« an (z.B. Graßl, 2005 **). Zwar widerlegen die Eisbohrkerne aus Grönland und die Befunde zum Ende der letzten Eiszeit beide Ansichten ganz klar, weil es damals in ähnlich kurzen Zeiten sogar Temperaturanstiege von 7 Grad Celsius und mehr gegeben hatte, aber das hält offenbar nicht davon ab, daß die »noch nie dagewesene Geschwindigkeit der Erwärmung« in unserer Zeit öffentlich verbreitet und vielfach wiederholt wird. Unbeschadet der klimageschichtlichen Fragwürdigkeit solcher Feststellungen, die auf komplexen Annahmen und Umrechnungen, nicht aber auf direkten Messungen, etwa der Temperaturentwicklung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, beruhen, wirft die jüngste Erwärmung die Frage auf, welche Auswirkungen sie tatsächlich hatte. Es ist hierzulande üblich geworden, bei der Diskussion der Folgen der Erwärmung, wie auch in anderen Fällen, in denen es um den »globalen Wandel« geht, die angeblichen oder tatsächlich vorhandenen konkreten Beispiele von möglichst fernen Orten heranzuziehen, während das, was vor Ort, in der Region, geschah, ausgeblendet bleibt. Denn das örtliche Geschehen sei ja unbedeutend. Nun sollte zwar die gleiche Argumentation auch für das örtliche Geschehen andernorts gelten, aber auch dies wird in der Regel ignoriert, weil sich das Ferne, falls überhaupt nur wenigen Bekannte leichter aufbauschen und übertreiben läßt als das in der Nähe Liegende, zu dem es jede Menge direkter Erfahrungen und Befunde gibt. Die Wirbelstürme in der Karibik oder in Ostasien gelten sodann als Kronzeugen für den Klimawandel, der bei uns stattfindet. Aber auch die jüngsten Überschwemmungen in Mitteleuropa schiebt man nunmehr ganz selbstverständlich auf den Klimawandel, auch wenn die sachverständigen Hydrologen klar feststellten, daß die Ursachen in der Verbauung der Bäche und Flüsse und in der viel zu schnellen Ableitung des Niederschlagswassers aus der Landschaft liegen und darin, daß unseren Flüssen keine Überschwemmungsflächen mehr zur Verfügung stehen. Mit dieser Vorgehensweise entledigt man sich vor Ort ganz bequem der Verantwortung, entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen, denn der Klimawandel sei eben ins Laufen gekommen, nicht mehr zu stoppen, höchstens noch im Ausmaß der Erwärmung zu begrenzen, aber nicht »dingfest zu machen«. Verursacher sind nun alle und nicht mehr diejenigen, für die man die Flüsse so eingeschnürt hat, daß jeder mittlere Niederschlag schon zu einem Hochwasser führt. Es kann auch den Kommunen keine Schuld zugewiesen werden, wenn sie Baugebiete in den früheren (und als solchen bekannten) Überschwemmungsgebieten der Bäche ausgewiesen hatten und damit Geld verdienten. Die alten Siedlungen hielten sich an die Überschwemmungsgrenzen. Ganz normale Wetterereignisse, wie längere Zeiten niederschlagsreichen und kühlen Sommerwetters oder trockenheißer Wochen, werden nun als Naturkatastrophen erfolgreich beklagt, weil die davon Beeinträchtigten ihre Einbußen an den günstigsten Erträgen von Ernten bemessen und sich vom Steuerzahler »ausgleichen« lassen. Global tatsächlich ablaufende Vorgänge werden so für eigennützige Zwecke benutzt und mißbraucht. Denn die zahlende Allgemeinheit glaubt sich schuld daran, daß das Wetter so verlief, wie es verlaufen ist. Der Naturschutz bedient sich der ganz gleichen Art der Argumentation. Gerdezu begierig schlachtet er Katastrophen aus, die gar nicht stattgefunden haben.“ (Ebd., S. 215-217).

Sonnenflecken und Erdklima von 900 bis 2000

„Die meisten der auffälligen und eine besondere »Besorgnis« hervorrufenden Naturereignisse beruhen aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht auf der globalen Klimaerwärmung, sonder auf der in etwa 11-jährigem Rhythmus schwankenden, dabei sich aber verstärkenden oder sich abschwächenden Aktivität der Sonne. Gemessen wird sie am Ausmaß der Sonnenflecken. Mit diesem Zyklus verbinden sich direkt oder über die ökologischen Vorgänge, die Zeit in Anspruch nehmen, etwas verzögert die markanten Schwankungen in Vorstößen oder Häufigkeit vieler Tiere, vor allem solcher, die in höheren Breiten leben. Auch Zyklen massenhafter Fruchtansätze bei Bäumen und Sträuchern gehören dazu. Der gegenwärtig, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, festgestellte Rückgang der Sonnenaktivität hat offenbar auch den Erwämungstrend seit der Jahrtausendwende zumindest gestoppt, wenn nicht sogar wieder etwas rückläufig werden lassen. Darüber zu urteilen, wäre verfrüht, denn erst wenn ein neuer Aktivitätszyklus der Sonne beginnt, wird sich zeigen, ob eine nennenswerte Minderung des globalen Temperaturanstiegs zustande gekommen ist. Die »Kleine Eiszeit«, insbesondere ihre besonders kalten Abschnitte, fallen demnach genau in Phasen stark verminderter Sonnenfleckenaktivität, während das mitelalterliche Klima-Optimum wie unsere letzten Jahrzehnte von hoher Aktivität gekennzeichnet ist. Nun soll damit keineswegs der globale Klimawandel infrage gestellt werden. Vielmehr geht es darum, weil die Veränderung des Klimas ein großes Problem ist, das ganz erhebliche Folgen nach sich ziehen wird, die Diskussion zu versachlichen und auf die wesentlichen Vorgänge zu konzentrieren. Falsche oder unsinnige »Zusammenhänge«, die konstruiert worden sind und für die nur ein Zweck erkennbar ist, nämlich den Menschen Angst zu machen, müssen unbedingt vermieden werden, um die Glaubwürdigkeit zu wahren. Darin liegt auch die tiefe Verpflichtung der Forschung.“ (Ebd., S. 229-233).

„Es ist den Naturschützern gelungen, Beaduern und Betroffenheit zu wecken, wenn weitere Rückgänge oder Verluste festgestellt werden mußten. Der andere Ansatz des Schutzes agiert mit Angst und Schuld. »Wir sind/ihr seid schuld, daß sich dieses oder jenes Schlimme ereignet hat oder kommen wird!«  Das wirkt ..., weil Fernwirkungen am wenigsten nachprüfbar sind. Nichtfaßbares wie Klimawandel und »Global Change«, Themen also, in die alles hineingepackt werden kann, was sich auch nur in irgendeiner Weise verändert, bieten die besten Möglichkeiten, Ängste zu schüren und Schuldgefühle zu erzeugen. Das war in alten Zeiten nicht anders als heute. Natur- und Umweltschutz nutzen Zukunftsängste umfänglich. Die Anfälligkeit der Menschen für Drohungen ist offenbar seit Urzeiten ziemlich gleich geblieben. Und wie im späten Mittelalter werden auch heute »Ablaßzahlungen« eingefordert und fast ohne Gegenwehr geleistet. Sie reichen von den Spenden für den Naturschutz und der (nicht selten ganz klammheimlich privaten) Unterstützung aggressiver Umweltaktivisten bis hin zu den Umwelt- und Klimasteuern, auch wenn deren völlige Unwirksamkeit offensichtlich ist. Aber das schlechte Gewissen wird beruhigt.“ (Ebd., S. 234-235).

„Nur fällt es dem staatlichen, noch mehr aber dem in Verbänden organisierten Naturschutz sehr schwer, die vielen und höchst beachtlichen Erfolge zu verkünden, obgleich es sie gibt und obwohl der private Naturschutz wirklich stolz auf das unter solch widrigen Rahmenbedingungen Erreichte sein kann. Viele Arten haben kräftig zugenommen, vor allem größere Säugetiere und Vögel, die früher verfolgt worden waren und nun seit Jahrzehnten geschützt sind. In Mitteleuropa leben gegenwärtig mehr Großvögel und größere Säugetiere als seit vielen Jahrhunderten.“ (Ebd., S. 237).

„Der Bevölkerung wird ein ziemlich verzerrtes Bild vom tatsächlichen Zustand unserer Natur vermittelt. In weiten Bereichen Mitteleuropas gibt es inzwischen, abgesehen von wenigen, mit gewisser Berechtigung als gefährlich eingestuften Großraubtieren (Braunbär, Wolf), wieder das nahezu gesamte Spektrum an Säugetieren wie vor 200 oder 250 Jahren. Die meisten kommen sogar erheblich häufiger vor als in früheren Jahrhunderten. Neue Arten kamen hinzu, so daß auch bei den Säugern, wie bei den Vögeln, die Gesamtbilanz nach 100 Jahren positiv aussieht. Mit den paar noch fehlenden »Großen« würden wir durchaus auch leben können ....“ (Ebd., S. 243).

„Zusammengefaßt bedeutet dies, daß für die größere Tierwelt, insbesondere für Säugetiere und Vögel, unsere Zeit nicht die schlechteste ist. Viele Arten treten viel häufiger auf als früher. Manche, die am Rand der Ausrottung waren, kommen ... bei uns in Deutschland längst wieder in gut gesicherten Beständen vor. Anzuführen sind hierzu neben den fast überall so erfolgreich wiedereingebürgerten Bibern und den »an den Grenzen im Osten stehenden« Elchen, die wohl bald, wie schon nach Österreich, auch nach Deutschland kommen werden, insbesondere Großvögel wie Kranich (Grus grus), Schwarzstorch (Ciconia nigra), Seeadler (Haliaaetus albicilla) und Fischadler (Pandion haliaetus). Die beiden letzteren kommen nach weltweiten Maßstäben in Ostdeutschland inzwischen in den größten örtlichen Beständen überhaupt vor. Ihre Brutvorkommen weiten sich aus. Bei See- und Fischadler ist zu erwarten, daß sie in naher Zukunft in Deutschland schon mit jeweils 500 Brutpaaren vertreten sein werden. Der Niedergang des Weißstorchs (Ciconia ciconia) konnte in den letzten beiden Jahrzehnten erfolgreich gestoppt und offenbar in eine Wiedererholung des Bestandes umorientiert werden. Steinadler (Aquila chrysaetos) besiedeln den deutschen Alpenrand Revier an Revier, und auch die größte Eule, der Uhu (Bubo bubo) gehört zu den Gewinnern im Artenschutz. Mancher Fluß hat wieder Lachse (Salmo salar) oder Huchen (Hucho hucho) und an der deutschen Nordseeküste entwickelte sich nach Einstellung der Jagd der Bestand des Seehundes (Phoca vitulina) im Wattenmeer steil aufwärts. Ausflügler können die zunehmend vertrauter werdenden Robben nun wieder an zahlreichen Stellen bewundern. Der Naturschutz hat sich gelohnt. Er war erfolgreich, und die Anstrengungen, das Erreichte zu erhalten, müssen fortgesetzt werden. Die Nutzungsinteressen anderer bedrängen die meisten der häufiger gewordenen Arten schon wieder. Die tatsächlich starken Rückgänge bei vielen kleinen Arten, die ... von sonnigen, trockenen und »mageren« Lebensräumen abhängen oder denen die Moore und Sümpfe trockengelegt und in fettes Agrarland umgewandelt wurden, bilden die Verlustseite in der Entwicklung im Artenspektrum der Tiere und Pflanzen in Mitteleuropa. Die Bestandserholungen und Zugewinne gerade bei den größeren und auffälligeren Arten schlagen als Gewinne zu Buche. Die Natur Mitteleuropas ist im 20. Jahrhundert, vor allem in dessen zweiter Hälfte, sicherlich sehr stark verändert worden. Aber unsere Tier- und Pflanzenwelt stellt keinen hoffnungslosen Fall dar. Wir kennen die Gründe der Gefährdung und könnten diese daher, anders als das Wetter und das Klima, an geeigneten Orten und im nötigen Umfang durchaus gezielt ändern.“ (Ebd., S. 243-244).

„Die tropischen Regenwälder waren nach dem nordischen Nadelwald, der Taiga, die sich über den borealen Bereich von Eurasien und Nordamerika erstreckt, bis in die jüngste Vergangenheit die größten Wälder der Erde. Noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts bedeckten die tropischen Regenwälder, fast unangetastet, eine Fläche von rund 12 Millionen Quadratkilometern (**). Zur Jahrtausendwende, also nur 50 Jahren später, war davon bereits etwa die Hälfte vernichtet. Satellitenaufnahmen, die seit den 1990er Jahren mit guter Auflösungsqualität vorliegen, belegen, daß seit 1994 allein im Regenwald Amazoniens pro Jahr zwischen 1,5 und 3 Millionen Hektar abgeholzt und abgebrannt worden sind. Eine derart hohe Entwaldungsrate hatte es nur während der Vernichtung der Wälder in den heutigen USA etwa zwischen 1750 und 1900 gegeben. Dieser Waldvernichtung fiel der Laubwald der gemäßigten Klimazone Nordamerika bis auf wenige Prozent Restvorkommen zum Opfer. Die jährliche Rodungsrate bewegte sich damals im Durchschnitt zwischen 0,7 und 1 Prozent pro Jahr; in Brasilien liegt sie für die letzten 50 Jahre bei 2,2 Prozent pro Jahr. Europa hatte seine bewaldeten Landschaften im Verlauf von 1500 Jahren mit einer Geschwindigkeit von 0,1 bis höchstens 0,3 Prozent pro Jahr verändert. Die größten historischen Rodungen fanden ... im frühen Mittelalter statt. Der gegenwärtige Waldbestand macht in Mitteleuropa rund ein Drittel der Landesfläche aus. Dieser Wert liegt höher als in Brasilien, das mit dem größten Anteil an den amazonischen Regenwäldern auch der Hauptakteur in der Tropenwaldvernichtung ist. Von 1990 bis 1995 rodete Brasilien allein 128000 Quadratkilometer ....“ (Ebd., S. 245-246).

Tropenwaldvernichtung und Bevoelkerungswachstum
Bevölkerungswachstum pro Jahr und Fläche der Waldvernichtung pro Jahr (in 1000 km²) in den 12 Ländern mit der größten Tropenwaldvernichtung Ende des 20. Jahrhunderts.

Tropenwaldvernichtung und Bevoelkerungswachstum
Die Wachstumsraten der Bevölkerung und die Raten der Waldbevölkerung ergeben für die 12 bedeutendtsen Tropenländer keinen statistischen Zusammenhang..

„Amazonien enthält (enthielt) mit etwa 55 Prozent mehr als die Hälfte aller Regenwälder der Tropen. Der Fläche nach folgt Afrika mit dem Kongobecken. Teile der südostasiatischen Inselwelt bedeckt gleichfalls (noch) Regenwald. Die bedeutendsten Flächen finden sich auf Neuguinea und Borneo. Die südasiatischen Regenwaldreste sind hingegen so klein, daß sie in der globalen Bilanz in den Schwankungsbereichen der regionalen Angaben für die großen Regenwaldgebiete verschwinden. Von den 12 Ländern mit den größten Verlusten an Tropenwäldern seit den 1990er Jahren liegt mit Brasilien, Bolivien, Venezuela, Mexiko und Paraguay die Mehrzahl im tropischen Amerika. In Afrika trugen nur der Kongo und der (südliche) Sudan stark zur Tropenwaldvernichtung bei; in Südostasien Indonesien, Malaysia und Thailand. Doch während in diesen Ländern der asiatischen Regenwaldzone durchschnittlich fast 100 Menschen pro Quadratkilometer leben, sind es in den amazonischen Regenwaldländern, wo die größte Waldvernichtung stattfindet, nur 16 und in Afrika 21 Menschen pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Deutschland leben lm Durchschmtt 233 Menschen je Quadratkilometer, im südasiatischen Bangladesch 825 und in Indien derzeit etwa 300. Damit entfielen pro Brasilianer 0,75 Hektar vernichteter Regenwald von 1990 bis 1995, aber nur 0,25 Hektar pro Einwohner in Indonesien und 0,08 im Kongo im selben Zeitraum. Der Kongo hatte aber einen Bevölkerungszuwachs von 3,2 Prozent pro Jahr, Indonesien von 1,7 Prozent und Brasilien von 1,4 Prozent. Somit stehen Bevölkerungszuwachs und Bevölkerungsdichte in keinem (positiven) Zusammenhang zur Rate der Waldvernichtung. .... Aus diesen Daten geht somit klar hervor, daß kein Zusammenhang besteht zwischen der Bevölkerungszunahme und dem Ausmaß der Waldvernichtung. Das Land mit der mit weitem Abstand größten Vernichtungsrate, Brasilien, hat mit nur 20 Menschen pro Quadratkilometer zudem bloß ein Fünftel der Besiedlungsdichte der Nummer 2, lndonesien, mit über 100 Menschen pro Quadratkilometer. Mit der üblichen Ansicht, die Tropenwälder würden dem Bevölkerungswachstum der Menschheit zum Opfer fallen, weil sich diese seit 1950 von 2,5 Milliarden auf nunmehr schon 6,4 Milliarden vergrößert hat (**), stimmen diese Befunde also nicht überein.“ (Ebd., S. 246-247).

„Welche Gründe gibt es dann? Bevor diese Frage behandelt wird, sollte jedoch geklärt werden, warum man sich überhaupt so sehr über die Tropenwaldvernichtung sorgt, wo doch, wie oben ausgeführt, die USA in den beiden vorletzten Jahrhunderten in noch viel größerem Umfang ihre Wälder (abgesehen von Alaska) vernichtete und in Europa sowie anderen Regionen der Erde die Entwaldung längst Geschichte ist. Eine häufig vorgebrachte Begründung, die tropischen Regenwälder seien die Lungen der Erde, die dafür sorgen, daß wir genügend Sauerstoff haben, stimmt so nicht. Tatsächlich erzeugt ein ausgewachsener Tropenwald wie jeder andere Wald auch, der keinen Zuwachs mehr hat, kein bißchen Sauerstoff. Denn dieselbe Menge, die tatsächlich bei der Photosynthese von den Blättern oder Nadeln abgegeben wird, verbraucht der ausgewachsene Wald wieder für Atmung und Zersetzung der erzeugten Stoffe im Boden. Nur wachsende Wälder können in der Nettobilanz Sauerstoff freisetzen und im Gegenzug Kohlenstoff aus der Atmosphäre (in Form von CO2) aufnehmen und binden. Ansonsten gibt der Wald auch wieder das CO2 ab, das er aufgenommen hat. Insofern stimmt der Vergleich mit der Lunge nur halb. Diese atmet letztlich dieselbe Menge Kohlendioxid aus, wie sie Sauerstoff aufnimmt. In anderer Hinsicht spielt der Vergleich aber durchaus eine Rolle. Da in nur 50 Jahren etwa die Hälfte der Tropenwälder vernichtet worden ist und davon der weitaus größte Teil ihrer pflanzlichen Masse (Biomasse) verbrannt wurde und in Rauch aufgegangen ist, ohne daß entsprechende Mengen durch nachwachsende Vegetation wieder der Luft entnommen worden wären, trug ihre Vernichtung sehr stark zur Zunahme von CO2 und Ruß in der Atmosphäre bei. Wie schon ausgeführt, übertrifft die Verbrennung von Tropenwäldern und Savannen jedes Jahr den gesamten Umsatz von Energie in Deutschland ganz erheblich. Die Vernichtung der Tropenwälder trägt gleich in dreifacher Weise zur Belastung der Erdatmosphäre bei, nämlich durch die direkte Aufheizung mit der von den Bränden freigesetzten Wärme, durch die CO2-Abgabe und durch die Erzeugung von riesigen Mengen Methan (CH4) durch die Rinder und Termiten, die auf den solcherart geschaffenen oder »verbesserten« Weideflächen leben. Rinder und Termiten liefern mehr als die Hälfte des Methans, das als Treibhausgas in die Atmosphäre gelangt und dort über 20-mal stärker als das Kohlendioxid wirkt. Im Gegensatz zu diesem, das bekanntlich Hauptnährstoff für die Pflanzen ist, wird Methan nur von wenigen spezialisierten Bakterien verwertet, die für den Menschen keine Rolle spielen.“ (Ebd., S. 247-249).

„Hinzuzufügen ist weiterhin, daß sich großflächige Rodungen in den Tropen selbstverständlich auch weit stärker aufheizen als die Wälder, die es vorher an ihrer Stelle gegeben hatte. Man kennt dies aus eigener Erfahrung von der Kühlwirkung des Waldes an heißen Tagen. Die Verdunstung von Wasser, die Transpiration, durch die Bäume bewirkt eine starke Kühlung. In den Tropen kann sie mehr als l0°C ausmachen. Gleichzeitig erzeugt dieses transpirierte Wasser immer wieder Wolken und Niederschläge, so daß sich große tropische Regenwälder zu einem Gutteil selbst mit Wasser versorgen. In Oberamazonien stammen bis über 80 Prozent des Niederschlagwassers aus diesem sogenannten kleinen Kreislauf. Er setzt das vom Atlantik mit den Passatwinden antransportierte Wasser mehrfach um, bis es wieder über den Amazonas zum Ozean zuruckfließt. Werden zu große Waldflächen vernichtet und in Weideland oder Sojafelder umgewandelt, nehmen infolgedessen die Niederschläge ab, während sich gleichzeitig die Atmosphäre weit stärker als über Wald aufheizt. Es scheint zwar noch nicht ganz geklärt zu sein, ob die Vermutung zutrifft, daß die Häufigkeit der Tropenstürme und Hurrikane in der Karibik mit der zunehmenden Aufheizung der inneren Tropen mit den großflächigen Waldrodungen zusammenhängt. Zahlreiche gute Indizien sprechen jedoch dafür. So wie wir umgekehrt inzwischen auch wissen, daß die Tropenwälder Amazoniens deshalb existieren und ihre unvermeidbaren Verluste an mineralischen Nährstoffen ausgleichen können, weil die Passatwinde Nährstoffe aus der Sahara herüberwehen. Die amazonischen Wälder wachsen nämlich fast überall auf äußerst unfruchtbaren Böden, die außer Sand und Kaolinit kaum weitere Mineralien enthalten. Globale Zusammenhänge gibt es also sehr wohl in den Tropen - wie auch in außertropischen Regionen. Wo die natürlichen Transportwege nicht ablaufen können, hat der Mensch inzwischen neue geschaffen. Gegenwärtig fließt ein gewaltiger Strom von Nährstoffen aus den südamerikanischen Tropen nach Europa und ernährt das Vieh in den Ställen. Europäische, vor allem auch deutsche und französische Rinder »fressen Tropenwälder auf«, weil für unser Stallvieh dort die Futtermittel angebaut werden, die hier nicht zur Verfügung stehen. Denn unsere Viehbestände sind viel zu hoch für eine Selbstversorgung auf mitteleuropäischem Weideland oder mit heimischem Futtergetreide. Die Mast von Geflügel kommt mit weit über 100 Millionen Hähnchen allein in Deutschland hinzu. Der Nutzviehbestand übertrifft hierzulande das Lebendgewicht aller Menschen um das Drei- bis Fünffache.“ (Ebd., S. 249-250).

„Unsere Massentierhaltung könnte ohne die Importe von Futtermitteln, die auf ehemaligen Tropenwaldflächen erzeugt werden, nicht existieren. Deshalb trifft uns der zweite Vorwurf, der mit der Tropnewaldvernichtung verbunden wird: Vernichtung der Biodervisität. Schon die ersten Naturforscher, die sich intensiver mit den Tieren und Pflanzen der Tropenwälder befaßten (allen voran: Alexander von Humboldt; HB), waren von deren Artenfülle beeindruckt. Sie schien unerschöpflich, weil überall, wo sie genauer suchten, neue Arten zu entdecken waren. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Denn auch heute kann nicht einmal eine ungefähre Abschätzung vom Artenreichtum der Tropen vorgenommen werden. Verschiedene Hochrechnungen ergaben Werte zwischen 5 und mehr als 30 Millionen unterschiedlicher Arten. Bekannt und wissenschaftlich beschrieben sind aber bislang nur 1,8 Millionen Arten. Wenn auch in gemäßigten Breiten, die auf jeden Fall viel artenärmer als die Tropen sind, Jahr für Jahr neue Arten erkannt werden, so weiß man doch hier ganz gut Bescheid. In den Tropen gibt es jedoch zehn- bis hundertmal mehr als in unseren Breiten. In mitteleuropäischen Wäldern wachsen pro Quadratkilometer zwischen 5 und 20 verschiedene Arten von Holzgewächsen (Bäume und sträucher), sofern es sich um Mischwälder handelt und nicht um gepflanzte Einheitsforste. In tropischen Regenwäldern können auf dem Hundertstel eines Quadratkilometers, einem Hektar, aber mehrere hundert verschiedene Arten von Holzgewächsen vorkommen. In Amazonien und in Südostasien wurden über 500 Arten von Bäumen und Lianen auf einem Hektar ermittelt. Vogelarten gibt es doppelt bis viermal so viele pro Quadratkilometer wie in unseren Wäldern, Schmetterlingsarten aber hundertmal mehr. Doch diese Vielfalt verbindet sich ... mit Seltenheit. Die meisten Arten der Tropen sind nach europäischen oder nordamerikanischen Standards selten bis sehr selten. Schon die frühen Naturforscher stellten zu ihrer Verwunderung in unberührten Regenwäldern fest, daß es viel leichter ist, zehn verschiedene Arten von Schmetterlingen zu sammeln als zehn Exemplare einer einzigen solchen Art. In dieser Seltenheit liegt die Verletzlichkeit des tropischen Artenreichtums. Die seltenen Arten sterben viel schneller aus als die häufigen, und sie sind, was noch bedeutsamer ist, oft sehr kleinflächig verbreitet. Vielfach bilden die Arten so etwas wie ein höchst kompliziertes Mosaik, in dem jedes Steinchen eine Art mit winzigem Verbreitungsgebiet repräsentiert. Wird so ein Steinchen entfernt, kommt diese Art unter Umständen nirgendwo mehr vor. Die Forscher, die sich mit der tropischen Biodiversität intensiv befassen, rechnen deshalb mit immensen Artenverlusten, weil auf den gerodeten Flächen viele Arten vorgekommen sein dürften, die nun nicht mehr existieren. Man hat mit den örtlichen Waldflächen auch ihren Lebensraum vernichtet. Hieraus kann man die schon angedeuteten Hochrechnungen anstellen. Sie ergeben für die derzeitige Vernichtungsrate tropischer Wälder Größenordnungen von einer aussterbenden Art pro Stunde bis zu 500 Arten täglich. Wie viele es wirklich sind, weiß niemand, weil die ausgerotteten Arten nicht bekannt sind. Ihre Anzahl hängt entscheidend da von ab, welche Größenordnung für den globalen Artenreichtum insgesamt zugrunde gelegt werden muß. Die Angaben aus dem internationalen Naturschutz sind somit keine wilden, grundlosen Schätzungen oder gar haltlose Vermutungen, sondern Rechenergebnisse auf einer nicht hinreichend bekannten Basis. Sicher können wir nur sein, daß es ein großes Artensterben in unserer Zeit gibt. Wie groß es ist, könnten wir rasch erfahren, wenn ein paar Prozent der Geldmengen, die in den Weltraum geschossen werden, der Erfassung der Lebensvielfalt der Erde zur Verfügung gestellt würden.“ (Ebd., S. 251-253).

„Bei diesem errechneten Artensterben in den Tropen handelt es sich daher um etwas grundsätzlich anderes als bei den »Rote Liste«-Arten in Deutschland und anderen Gebieten Europas. Die allermeisten Pflanzen- und Tierarten kommen weit verbreitet in Europa und Asien vor. Der Artenschutz beklagt ihr örtliches oder regionales Verschwinden, nicht ihr generelles Aussterben, wie es den großen Walen drohte oder dem Großen Panda, allen noch lebenden Arten der Nashörner und den fast 2000 verschiedenen Vogelarten, die vor allem in Amazonien und Südostasien direkt vom Aussterben bedroht sind.“ (Ebd., S. 253).

„In einer anderen Weise stehen die Tropenwälder in bemerkenswertem Zusammenhang mit Mitteleuropa. Denn eine Form der Ausbeutung ist noch nicht aufgeführt worden: Tropenholznutzung. Tatsächlich gibt es vier Hauptursachen der Tropenwaldvernichtung. (1) Die erste und am besten bekannte ist der Eigenbedarf der Menschen in den betreffenden Ländern. Roden, um Siedlungsland zu gewinnen, das war überall das primäre Ziel der Umwandlung von Wäldern. Kleinflächig und ohne nennenswerte Auswirkung auf die Größe der Tropenwälder und auf ihren Artenreichtum wurden die Rodungen als Brandrodung schon seit Urzeiten der Besiedlung durch Menschen betrieben. Die kleinflächige Nutzung im Wanderfeldbau hatte die Regenwaldbewohner auch mit den Eigenschaften der Waldböden vertraut gemacht. Daher kommt es nicht von ungefähr, daß bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die amazonischen Regenwälder fast unangetastet geblieben sind, obwohl Brasilien und Peru schon erheblich länger als etwa Nordamerika von Europäern besiedelt und kultiviert worden sind. (2) Die zweite Ursache war und ist die Holznutzung. In den Tropenwäldern wachsen Edelhölzer mit sehr hartem, gegen Termiten und Pilze widerstandsfähigem Holz. Die Holzhärte weist übrigens darauf hin, daß diese Bäume ziemlich langsam wachsen und nicht einfach unter tropischer Wärme und Feuchtigkeit in die Höhe schießen. Sie gleichen mehr unseren Eichen, die sie allerdings an Holzhärte noch weit übertreffen, als den schnellwüchsigen Kiefern oder gar den Pappeln. Die mageren Böden der Regenwälder lassen kein stürmisches Wachstum zu, außer sie sind jungen vulkanischen Ursprungs und enthalten entsprechend reichlich mineralische Pflanzennährstoffe. Härte und Formstabilität machen Tropenhölzer begehrt - auch in den außertropischen Gebieten sowie für den Schiffsbau. Daher wurde in Zentralafrika weit mehr Tropenwald gerodet, als die dortige Bevölkerung brauchte, um Bananen oder Cassava anzupflanzen. Die tropischen Edelhölzer waren und sind das Ziel des Holzeinschlags. Weltfirmen haben sich Konzessionen dazu gesichert. Auch in Indien, wo es zwar seit gut 100 Jahren Plantagen für die Erzeugung von Teakholz gibt, und in Südostasien bildet die meist raubbauartige Gewinnung tropischer Edelhölzer den Hauptgrund der Waldzerstörung. Dort hat jedoch eine andere Nutzungsform (3) als dritter Grund in den vergangenen Jahrzehnten an Gewicht gewonnen: die Errichtung von Ölpalmenpflanzungen. Palmöl wird von den Industrienationen für chemische und pharmazeutische Zwecke gebraucht. (4) Der vierte Grund schließlich ist die Umwandlung der Regenwälder in Rinderweiden und Sojafelder. Die mittel- und südamerikanischen Tropenwälder sind davon bei weitem am stärksten betroffen. Mit Ausnahme des ersten Grundes, der sich ausschließlich auf die örtlichen, bedürftigen Bevölkerungen bezieht, sind die Industrienationen an allen anderen massiv beteiligt. Sollten sie nicht in ihren Wäldern genügend Ressourcen haben, um den Holzbedarf zu decken?! Der Verbrauch ist aber so groß, daß das Holz aus den eigenen Wäldern nicht annähernd ausreicht, obgleich es bis in die letzten Jahre kaum noch zum Heizen verwendet wurde. Zunehmend werden in unserer Zeit Wälder des Nordens, in Nordwestrußland und in Ostsibirien, für die Holzgewinnung genutzt. Schutzorganisationen befürchten, daß nach den großen Kahlschlägen in den Tropen nun noch größere in den borealen Wäldern bevorstehen, weil diese pro Quadratkilometer weit weniger Bäume tragen als die dicht bewachsenen Tropenwälder. Noch scheint die Taiga unerschöpflich mit ihren 15 Millionen Quadratkilometern Nadelwald (**). Doch das Schicksal der Laubwälder im östlichen Drittel der USA mahnt zur Vorsicht. Was dort mit damals noch technisch primitiven Mitteln in eineinhalb Jahrhunderten vollzogen wurde, wäre gegenwärtig schon in einigen Jahrzehnten möglich. Die Maschinen stehen dafür zur Verfügung -und die Abnehmer auch. Denn Holz ist ein gefragter Naturstoff. Den nordischen (borealen) Nadelwäldern wird zwar weniger Aufmerksamkeit zuteil, weil sie recht einförmig aussehen und im Vergleich zu den Tropenwäldern auch nicht mit eindrucksvoller Biodiversität aufwarten können, aber mit den in deutschen Forsten vorherrschenden Fichtenmonokulturen sind sie keinesfalls gleichzusetzen. Auch die Taiga hat ihren spezifischen, unersetzbaren Artenreichtum. Und sie bedeckt in riesigen Bereichen Sibiriens insbesondere Bodenschichten, die weder das in ihnen gebundene Kohlendioxid noch das Methan in den Sümpfen freigeben sollten. Denn die dortigen Massen an potentiell klimabeeinflussenden Gasen sind so groß, daß sie alle Anstrengungen zum Klimaschutz bedeutungslos werden ließen, so sie in den kommenden Jahrzehnten in die Atmosphäre gelangten. Winterfrost und ununterbrochen kalte Klimaverhältnisse speicherten Massen von organischem Material und entziehen so den Kohlenstoff, der darin gebunden vorliegt, dem Gaskreislauf der Atmosphäre. In den Tropen wachsen die Bäume fast überall auf Böden, die kaum Humus haben und die daher auch nichts freisetzen können. In den Tropenwäldern ist es der Wald selbst, der in die Berechnungen zu den Belastungsfolgen mit einbezogen werden muß, während in den nordischen Nadelwäldern die Böden und die teilweise sehr tiefgründigen Sümpfe dazukommen.“ (Ebd., S. 254-256).

„In einer Hinsicht ähneln die nordischen Wälder aber denen in den feuchten Tropen: Auf den weitaus größten Flächen ihres Vorkommens lassen sie sich kaum oder nur sehr schwer nachpflanzen. Bei den Tropenwäldern geht das Pflanzen besonders schlecht. Deshalb scheiterten auch die mit vielen Millionen Dollar ausgestatteten Plantagenprojekte in Brasilien, wie »Fordlandia« (vom Autokönig Henry Ford in den 1930er Jahren) und am Jarí mit den Gmelina- und Pinus(caribaea)-Pflanzungen des Milliardärs Ludwig. Die Tropenwaldverluste bleiben daher in der Flächenbilanz unserer Zeit Verluste, weil sie nicht, wie bei unseren Wäldern geschehen, in großem Umfang wieder aufgepflanzt werden können. Kaum besser gedeihen gepflanzte Forste allerdings auch in der borealen Waldzone. Sie lassen sich daher gleichfalls nicht mit dem vergleichen, was die europäische Forstwirtschaft in den mittleren Breiten während der zwei oder drei letzten Jahrhunderte erreichte. Unsere tatsächlich von deutschen Forstleuten begründete nachhaltige Forstwirtschaft konnte sich auf zwei besonders günstige Gegebenheiten stützen. Die eine liegt in den Böden, die viel besser für den Waldbau als die tropischen und borealen Böden geeignet sind. Der zweite Vorteil kam dadurch zustande, daß einige ziemlich robuste Baumarten vom so wechselvollen Klimaverlauf der vergangenen Jahrtausende ausgelesen worden waren, die sich durch eine vergleichsweise große Bandbreite an Toleranz gegenüber den Faktoren der Umwelt auszeichnen. Die in dieser Hinsicht beiden wichtigsten Baumarten wurden auch die »Brotbaumarten« der europäischen Forstwirtschaft, die Fichte (Picea abies) und die Waldkiefer (Pinus silvestris). Mit ihnen konnten im späten 18. und im 19. Jahrhundert regelrechte Monokulturen begründet werden, die sogar leicht in sogenannten Altersklassen aufwachsen und häufig aus einem einzigen Klon sind. Ein Klon bedeutet, daß es sich um die Samen eines Baumes handelt, so daß alle gepflanzten Jungbäume »Samengeschwister« sind und sich folglich genetisch wenig voneinander unterscheiden. Die große genetische Vielfalt der europäischen Baumarten, die, wie oben schon betont, den Härtetest starker Umweltveränderungen in den letzten Jahrtausenden hinter sich haben, ermöglichte es der Forstwirtschaft, besonders schnellwüchsige oder ertragreiche Sorten und Klone zu wählen. Unsere Wälder entsprechen daher weit mehr dem auf ähnliche Weise strenger Selektion des Saatgutes unterworfenen Getreide als einem Naturwald mit hoher innerer Vielfalt an Arten und genetischen Linien. Das macht sie anfällig.“ (Ebd., S. 256-257).„Europas Forste sind zwar produktiv, aber zu einheitlich, um den Angriffen gewachsen zu sein, die seitens der Insekten, Pilze oder auch von der Witterung auf sie einwirken. Besonders deutlich wurde dies um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und in dessen ersten Jahrzehnten, als auf Hunderten oder Tausenden von Quadratkilometern Insektenkalamitäten die jungen Forste heimsuchten. Es gab Massenvermehrungen von Kiefernspinnern (Dendrolimus pini), Kiefernspannern (Bupalus piniarius) und sogar von den großen Kiefernschwärmern (Hyloicus pinastri), der auch Tannenpfeil genannt wurde. Riesige Schäden richteten Nonnenfalter (Lymantria monacha) und in den Eichenwäldern die Eichenwickler (Tortrix viridiana) an. Kiefern-, Fichten- und Eichenforste waren jeweils am stärksten betroffen. Die Schäden reichten von Beeinträchtigungen des Holzzuwachses bis hin zu so intensivem Kahlfraß, daß die Bestände abstarben und der Wald nachgepflanzt werden mußte. In Laubwald- und Obstbaugebieten kamen in den 1930er und ganz besonders stark wieder in den warmen Sommern Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre Maikäferkalamitäten hinzu. Auslöser waren sowohl die braunen Waldmaikäfer (Melolontha hippocastani) als auch die gewöhnlichen Feldmaikäfer (Melolontha melolontha). Viele weitere Insektenarten und dazu diverse Pilze wie die schon für die Kartoffelkrise im 19. Jahrhundert verantwortliche Kartoffelfäule durch Phytophthora-Pilze traten massiv als Schädlinge auf. Borkenkäfer (Ipidae, insbesondere Ips typographus) sorgen bis in die Gegenwart für Schlagzeilen, weil sie rasch ganze Bestände befallen und die Bäume bis zu deren Absterben schädigen können. In Mitteleuropa entwickelte sich ein besonderer Zweig der Forstkunde, genannt Waldhygiene. Zum Schutz des Waldes wurden besonders die Großen Roten Waldameisen (Formica rufa) geschützt; Lockstoffallen (Pheromonfallen mit dem artspezifischen Sexuallockstoff) wurden entwickelt, um rechtzeitig Bestandszunahmen bei den Schädlingen zu bemerken. Ab einer Häufigkeitsschwelle wurde dann Gift angewandt. Es kam zum großen, aber recht kurzen Siegeszug von DDT (Dichlordiphenyltrichloräthan), das als umfassendes Insektizid wie ein Wundermittel zur Vernichtung der Malariamücken in den Tropen, der Obstbauschädlinge in den Gärten, der Läuse, Flöhe und Wanzen in den Häusern und eben auch der Schadinsekten in den Wäldern eingesetzt wurde. Schon in den 1950er Jahren traten die verheerenden Nebenwirkungen deutlich zutage. .... Schließlich ... wurde DDT verboten ....“ (Ebd., S. 257-259).

„Am Grundproblem, an den Monokulturen, änderte man fast nichts. Vielartige Mischwälder wären weit weniger schädlingsanfällig. Auch gegen Stürme, Waldbrände und jene neue Gefährdung, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu einer Großkatastrophe aufgebauscht worden war, waren sie widerstandsfähiger: das Waldsterben.“ (Ebd., S. 260).

„In den 1970er und 1980er Jahren traten in den mitteleuropäischen Wäldern an vielen Bäumen Schäden auf, die große Besorgnis bei den Waldbesitzern und Staatsforsten auslösten. Bei den Fichten lichteten sich die Kronen, die Zweige hingen lamettaartig nach unten, die Nadeln verbräunten vorzeitig und fielen ab. Solcherart stark geschädigte Bäume hatten geringen Holzzuwachs oder gar keinen mehr, bevor sie dem Eindringen von Borkenkäfern zum Opfer fielen und vollends starben. Ein System der Ermittlung der sogenannten neuartigen Waldschäden wurde von den Forstdiensten eingerichtet und danach alljährlich ein Waldschadensbericht vorgestellt. Verursacher war, darüber herrschte schnell Einigkeit, die Luftverschmutzung. Merkwürdigerweise war sie zwar viel schwächer als im 19. Jahrhundert geworden, als noch überall die Schlote rußten und schwarzer Rauch den Himmel über England oder dem Ruhrgebiet verdüsterte. Aber der Autoverkehr hatte zugenommen. Die Natur- und Umweltschützer erklärten ihn zum Feind Nr. 1. Das Waldsterben bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. Bei der raschen Zunahme der Schadensgrade, was allerdings hauptsächlich darauf beruhte, daß immer mehr und immer »genauer« beurteilt wurde, prognostizierten einige Waldschadensforscher öffentlich ein Ende des deutschen Waldes zum Ende des 20. Jahrhunderts. Denn dann würde, so die damals in den Medien bereitwilligst verbreitete Befürchtung, in Deutschland kein Wald mehr stehen. Viele Millionen D-Mark Forschungsgelder flossen in die Waldschadensforschung. Kritiker, wie der renommierte Münchner Botaniker Prof. Otto Kandler, fanden kein Gehör, denn der Tod des (deutschen) Waldes war längst beschlossene Sache.“ (Ebd., S. 260-261).

„Der Reihe nach hielt man das Schwefeldioxid (S02), stickstoffverbindungen (NOx) und Ozon (03) für die Hauptschuldigen, verursacht vom Autoverkehr. Aus allen Anschuldigungen wurde nichts, denn der deutsche Wald geruhte nicht zu sterben. Vielmehr hatte er Ende der 1990er Jahre, als es um sein Sterben allmählich stiller wurde, je näher der vorausgesagte Tod heranrückte, massiv an Holzvorrat und sogar auch an Fläche zugelegt. Die Düngung aus der Luft, die jahrzehntelang mit 30 bis 50 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr auf ihn niederging, ließ ihn schneller wachsen und machte manche Bäume wohl auch wegen der erhöhten Wachstumsgeschwindigkeit anfälliger. Trockenheit und Kälte waren dazugekommen. Die ganze Palette von Widrigkeiten stand der Wald durch, verstärkt umsorgt von der Forstwirtschaft, die natürlich Verluste befürchtete (und auf öffentliche Unterstützung hoffte). Inzwischen kümmert sich in der Öffentlichkeit jedoch kaum noch jemand um die alljährlichen Waldschadensberichte. Der Bevölkerung war offenbar auch mit der Zeit aufgegangen, daß die Bäume in den Städten mit ihrer schlechten Luft recht gut wuchsen und daß selbst der extrem trockene und heiße Sommer 2003 den meisten Bäumen und den Wäldem nicht sehr viel hatte anhaben können. Damit geriet der Umweltschutz als äußerst erfolgreiche Bewegung ... zunehmend in Bedrängnis. Die Zeit des sich Erfüllens vieler Prognosen war gekommen, aber die Befürchtungen traten nicht ein. Tiefes Mißtrauen ist aufgekommen. Verhält es sich wirklich so mit der Natur und mit unserer Umwelt, wie die Umweltaktivisten das behaupten und in ihren Weltuntergangsszenarien immer wieder und immer schlimmer herbeibeschwören? War das 20. Jahrhundert, zumal seine zweite Hälfte, wirklich die schlechteste Zeit, die überwunden werden mußte oder die jetzt in eine noch viel schlimmere Zukunft überleitet, weil mit dem globalen Wandel und der Klimaerwärmung nichts mehr kalkulierbar sein wird?“ (Ebd., S. 261-262).

„Wie die persönliche und häusliche Hygiene zu den besonders fortschrittlichen Leistungen des 19. Jahrhunderts gehört, so kennzeichnet der Umweltschutz als Hygiene unserer Umwelt das 20., insbesondere die zweite Hälfte davon. Zwar rauchten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Fabrikschlote schon nicht mehr so stark wie zu Beginn der Industrialisierung, aber die Luft wurde dennoch rasch wieder schlechter, nachdem sich der Rauch der Bomben und der Staub aus dem Schutt der im Krieg vernichteten Städte wieder verzogen hatte. Höhere Kamine schickten nun die Rauchfahnen in höhere Luftschichten und verteilten die Belastungen. Doch ging das nur bei den großen Fabriken und Heizkraftwerken, nicht aber bei den Kaminen der Häuser, aus denen während der Heizperiode, vor allem bei winterlicher Kälte mit Hochdruckwetterlagen, stinkender Kohlerauch hervorquoll und mit dem Nebel Smog bildete. Wo schwefelreiche Braunkohle verheizt wurde, wie insbesondere in der DDR, schädigte dieser saure Rauch, aus dem sich »saurer Regen« entwickelte, die Atmungsorgane der Menschen. In der Natur draußen zerstörte er die Flechten und stellenweise die Bäume und die ganze übrige Vegetation. Dennoch war es nicht die Luftbelastung mit ihren offensichtlichen Folgen für Menschen und Natur, die Anlaß zum Umweltschutz gab und diesen zu einer weltumspannenden Bewegung werden ließ, sondern die Vergiftungen, die von Produkten der Chemie ausgingen. Der Fall des DDT wurde ... bereits angeführt. Schließlich löste er die Abkehr vom naiven Glauben an die Wundermittel der Chemie aus. Rasch zeigten die eingeleiteten Untersuchungen, wie allgegenwärtig vom Menschen freigesetzte Giftstoffe in den Böden, im Wasser und auch in der Nahrung geworden waren. Die Chemie hatte sich in wenigen Jahrzehnten zu einer globalen Gefahr entwickelt. Plötzlich wurde klar, daß es um ernsthafte Bedrohungen und nicht mehr um Kurioses ging, wie man solches in England entdeckt und auch in den westdeutschen und belgischen Industriegebieten bestätigt gefunden hatte. Dort war, beginnend im 19. Jahrhundert, eine seltene Form (eine Mutante) des häufigen Birkenspanners (Biston betularius) immer öfter aufgetreten. Schließlich war die grauweiße, nur fein schwarz gesprenkelte Normalform die Rarität. In Experimenten konnte gezeigt werden, daß Vögel die schwarze Form auf verrußten Stämmen bei weitem nicht so leicht entdecken wie die sich stark abhebende helle Form und umgekehrt, wenn die normalfarbenen Birkenspanner auf dem ihrer Flügelgrundfarbe entsprechenden Bewuchs aus Flechten ruhen. Damit zeigte eine eklatante Umweltveränderung erstmals in der Natur die Wirkung der von Charles Darwin entdeckten natürlichen Selektion. Als 100 Jahre später, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, die Luft fast keinen Ruß mehr enthielt und die starke Verminderung von Schwefeldioxid das Flechtenwachstum nicht mehr hemmte, nahm die ursprüngliche Form des Birkenspanners wieder zu und verdrängte die schwarze Mutante. Diese hatte auf geänderte Umweltbedingungen genauso reagiert, wie das nach Darwin zu erwarten gewesen war. Aber ausgestorben ist der Birkenspanner deswegen nicht. Als Art hatte er sich lediglich an die neuen Verhältnisse angepaßt. Solche Erkenntnisse beunruhigten daher nicht allzu sehr. Sie waren etwas für die Lehrbücher und die Evolutionsbiologen. Die Öffentlichkeit brauchte sich nicht betroffen zu fühlen. Erst als immer mehr Gifte an immer ungewöhnlicheren Stellen, bis hin zur Muttermilch, wie oben ausgeführt im Fall des DDT, festgestellt wurden, weil die Analysetechniken entsprechend verfeinert worden waren, reagierten breite Kreise in der westlichen Bevölkerung. Auf anfängliche Irritationen und frühe Proteste folgte eine politische Umweltbewegung, an der weder die Industrie noch die Politiker vorbeikamen. Doch hier geht es nicht um eine Kurzfassung der Geschichte der Umweltbewegung, sondern um die Frage, wie stark Technik, Chemie und motorgetriebener Verkehr tatsächlich die Natur verändert und beeinträchtigt hatten. Merkwürdigerweise gibt es dazu nur wenige Befunde, die eindeutig genug sind. Deshalb werden die bekannten Fälle wiederholt, wie das DDT, während andere Umweltbelastungen vielfach in der Grauzone blieben, die sich zwischen »möglich«, »wahrscheinlich« und »sicherlich« ausbreitet, jedoch bei genauerer Betrachtung eigentlich nur Messergebnisse geliefert hatten. Was besagten aber so und so viele (wenige) »ppm« oder »ppt« wirklich? Ppm steht für Teile pro Million (parts per million), ppt entsprechend pro Trillion. Als Mengen sind sie so unvorstellbar winzig, daß sie die eindrucksvolle Kleinheit der Zahl wieder groß macht. Die Anreicherung über die Nahrungsketten wurde zum Paradebeispiel für die Wirkung solcher Stoffe in der Natur, die nach ihrer Freisetzung keineswegs verschwinden, sondern irgendwo in unvorhersagbarer Weise weiterwirken und ihr Unwesen treiben. Das Grundschema ist einfach: DDT (oder Reste polychlorierter Biphenyle, abgekürzt PCB genannt) gelangt ins Wasser (oder in den Boden). Dort wird es von Mikroorganismen aufgenommen oder einfach an deren Oberfläche angelagert. Winzig, wie diese sind, benötigen größere Lebewesen, die sich davon ernähren, Tausende solcher Feinstteilchen. Damit reichern sie deren Konzentration schon auf das Tausendfache oder noch stärker an. Zu Tausenden werden die Kleinlebewesen nun von größeren, etwa von Klein- oder Jungfischen, verzehrt. Von diesen ernähren sich, wiederum Hunderte benötigend, größere Fische. So geht es weiter bis zu großen Raubfischen, Fisch- und Seeadlern, Robben oder den Menschen, die sich von Fischen ernähren. Am Ende kommt eine millionenfache Anreicherung zustande. Die Stoffe haben nun eine Konzentration erreicht, von der echte Gift- oder Schadwirkungen ausgehen. Der biologische Verstärkermechanismus der Nahrungskette hat das bewirkt. Die starke Abnahme zahlreicher Tierarten, vor allem großer Säugetiere und Vögel, wurde auf diese Giftanreicherung zurückgeführt. Doch es war schwer, ihre Bestandseinbrüche oder ihr regionales Verschwinden allein damit zu begründen, weil andere Veränderungen abliefen und das Ausmaß der direkten Verfolgung oft die größere Rolle spielte. Hilfreich erwiesen sich Vergleiche zwischen den Kontinenten. So wurden in Nordamerika große Greifvögel wie die Weißkopfseeadler (Haliaaetus leucocephalus), der Wappenvogel der USA, und die Fischadler oder die Pelikane praktisch nicht bejagt. In weiten Teilen ihres Vorkommens waren und sind diese Großvögel daher ähnlich vertraut wie in Europa die Weißstörche. Auch bei Großsäugern gibt es entsprechende Unterschiede zwischen anhaltend starker Bejagung mit dem Zweck des »Kurzhaltens« oder nur kurzzeitiger, an der Bestandsentwicklung orientierter Nutzung oder gar keiner jagdlichen Verfolgung. Diese Vergleiche zeigten, daß häufig die direkten Verfolgungen weitaus entscheidender als die Umweltgifte waren, weil sie die gesunden, kräftigen und Überschüsse produzierenden Bestände (auch) betroffen hatten und nicht nur die ohnehin schon geschädigten Tiere. Daher erholten sich nach dem DDT -Verbot die davon tatsächlich stark betroffenen Arten in Nordamerika viel schneller als in Europa. Hier wurde insbesondere bei der »Wieder«(?)-Vereinigung Deutschlands und dem Fall des Eisernen Vorhangs deutlich, wie groß der Unterschied zwischen »West« und »Ost« geworden war. Der Artenschutz hatte sich auf die großen Arten konzentriert und war entsprechend erfolgreich. Wo sich Biber ansiedelten, war nicht zu befürchten, daß sie gleich wieder vertrieben oder getötet würden. Bären und Wölfe, Elche und Luchse überlebten in den Wäldern, in denen nicht wie in Westdeutschland und Österreich private Jagdrevierinhaber möglichst keine Verluste an »ihrem« Wild hinnehmen wollten. Auf stark belasteten, nach westlichen Maßstäben vergifteten Flächen, deren Boden unter die Sondermüllverordnung gefallen wäre, entwickelten sich besondere Gesellschaften seltenster Pflanzen. Kleintiere, allen voran die Insekten und die Kriechtiere, profitierten von der Tatsache, daß solche belasteten Flächen von Intensivnutzungen frei waren. Im Westen gab es zwei Parallelen. Die eine bilden die Bahnhöfe mit ihren Gleisanlagen, die andere die Truppenübungsplätze. Wo die Natur wohl am stärksten denaturiert worden war, auf den Gleiskörpern und ihrem Umfeld in den (Groß-)Städten, und wo auf den Truppenübungsplätzen regelmäßig »Krieg gespielt« wurde, ging es vielen ansonsten bedrängten Arten am besten. Es war zwar folgerichtig und im Interesse der Menschen notwendig, die Belastungen von Nahrung, Luft und Wasser mit Schadstoffen zu vermindern und möglichst ganz auszuschalten, aber diese Vorgehensweise des Umweltschutzes bedeutete keineswegs automatisch, daß damit alle Probleme in der Natur gelöst worden wären.“ (Ebd., S. 262-267).

„So teilte sich die Welt in der Anfangszeit der Ära des Umweltschutzes global gesehen in zwei Großbereiche. Der fortschrittliche Westen, der dank seiner Wirtschaftskraft zumindest partiell die Belastungen nachhaltig vermindern konnte, und der große Rest, von dem manche geradezu das Recht auf Umweltverschmutzung einforderten, um in der Entwicklung nachziehen zu können. Die Wirkungen auf die Natur, auf die Lebensräume von Tieren und Pflanzen, standen - und stehen - dabei so gut wie nie zur Debatte. Wir stünden sonst ziemlich schlecht da. Denn unsere Erfolge im Umweltschutz schlagen sich bei weitem nicht so in der Umwelt nieder, in der nicht nur wir, sondern auch Pflanzen und Tiere leben, wie sie das sollten und wie es von der Bevölkerung, die für all diese Verbesserungen sehr viel gezahlt hat, erwartet wird. Wie bereits ausgeführt, gehen die Hauptbelastungen in den mitteleuropäischen Landschaften von der Landwirtschaft aus. Es sind die von ihr ausgelöste Überdüngung und die Hilfsstoffe, die ins Grundwasser und in die Oberflächengewässer gelangen, an denen der Umweltschutz nicht angreifen kann, weil die Landwirtschaft von den Einschränkungen und Gegenmaßnahmen ausgenommen blieb. Zwei Hinweise sollen dies verdeutlichen. So müssen alle 83 Millionen Menschen in Deutschland ihr persönliches Abwasser einer höchst kostspieligen Reinigung in modernsten Kläranlagen unterziehen lassen, während die drei- bis fünffache Menge, die von den Schweinen, Rindern und anderen Nutztieren erzeugt wird, gänzlich ungeklärt auf die Fluren gelangen darf und dort als »Wertstoff« eingestuft wird. Wenn, wie in den letzten Jahren immer wieder einmal geschehen, von einem chemischen Betrieb ein paar Kubikmeter eines »die Atemorgane reizenden Gases« austreten oder eine chemische Substanz gar in den Rhein gelangt, wird dies in den Hauptnachrichten im Fernsehen der Öffentlichkeit als Umweltkatastrophe kundgetan. Daß Mitteleuropa mehrfach im Jahr mit drei Schwerpunkten im zeitigen Frühjahr, im Hochsommer und im Spätherbst, fürchterlich zum Himmel stinkt, weil die Gülle ausgebracht wird, ist keiner Erwähnung wert. Ein halbes Jahrhundert Umweltschutz ging einher mit einer Entwicklung der Landwirtschaft zu industriebetriebsgleicher Bewirtschaftung. Die traditionell als Industrien eingestuften Betriebe wurden strengen Auflagen unterworfen, die industrialisierte Landwirtschaft jedoch nicht, obgleich sie mit Abstand am stärksten in der Fläche wirkt. Wer immer das für sinnvoll oder unumgänglich halten mag, muß umgekehrt begründen, warum die Einschränkungen für die klassischen Industrien und für die Bevölkerung insgesamt zumutbar gewesen sind. Auf welcher Basis wird geurteilt? An dieser Frage drückt sich das Kernproblem des Umweltschutzes aus. Die Standards sind menschengemacht. Sie ergeben sich nicht von selbst aus der Natur. Denn diese ist nicht, wie von der großen Mehrzahl der Natur- und Umweltschützer angenommen wird, ein geschlossenes, wohlgeordnetes Haus der Natur, sondern offen und veränderlich. Urteile von vorgestern stellen sich häufig genug als Vorurteile heraus. Das wäre nicht weiter schlimm, könnten wir die Vorurteile im Bedarfsfall rasch wieder korrigieren. Doch dem ist nicht so. Der Umweltschutz liefert zu dieser gänzlich ungelösten Problematik jede Menge Beispiele. So war es nicht möglich, bei der »Wieder«(?)-Vereinigung Deutschlands westliche Standards schnell und realitätsbezogen an die ostdeutschen Verhältnisse anzupassen. Ostdeutschland, Tschechien und Polen waren uns offenbar zu nah. Sie sollten durch Umweltstandards »werden wie wir«. Was China macht, interessiert viel weniger. Sicher ist es richtig, daß Umweltschutz in manchen Bereichen einen globalen Ansatz nötig hat. Die Luft zirkuliert, ohne sich an Grenzen zu halten. Die Reichweite beim Wasser ist schon beschränkter, wenn es sich um ein Flußsystem handelt, oder bleibt lokalisiert, wie im Fall von Seen. Am stärksten orts- oder nahbereichsbezogen sind Einwirkungen auf den Boden oder der Lärm. Infolgedessen wurde am meisten in diesen Nahbereichen erreicht, gleichwohl gespickt mit Ausnahmen, etwa wenn riesige Traktoren zu den Ruhezeiten betrieben werden, obwohl es nicht um das Einbringen von Ernte vor einem nahenden Unwetter, sondern um das Ackern in der Nacht oder am Sonntagvormittag geht. Für die »Natur« bleiben jedoch solche Belastungen, die zweifellos viele Menschen stören, ärgern oder gesundheitlich beeinträchtigen, zumeist reichlich bedeutungslos. Wiederum demonstrieren dies Erfahrungen aus den Truppenübungsplätzen, wo auch scharf und vor allem sehr laut geschossen wird, wo Panzer und Geländefahrzeuge umherrasseln - und beim Wild nicht einmal mehr ein Anheben des Kopfes verursachen. Die Sicherheit, dabei selbst nicht erschossen zu werden, ist ungleich wichtiger als der Lärm. Der hohe Artenreichtum und die vielfach auch sehr hohe Siedlungsdichte der Vögel in den Großstädten bestätigt dies in vergleichbarer Weise. Wenn mitten in Berlin am Rande des brausenden Verkehrs die Nachtigall singt, so drückt dieses Vogellied, wie andernorts die Gesänge der Amseln, deutlich genug aus, daß ihre Umwelt nicht unserer gleichzusetzen ist. Umweltschutzmaßnahmen »dienen« daher nicht automatisch der Natur. Der Naturschutz muß, sofern er die Erhaltung und Förderung freilebender Tiere und Pflanzen als eines seiner Hauptziele betrachtet (also Lebensschutz sein will; HB), auch Umweltschutzmaßnahmen kritisch betrachten und auf ihre » Naturverträglichkeit« hin überprüfen dürfen. Nicht alles ist gut, was uns gut dünkt. Ein verdeckter, höchst bedeutsamer Zug im modernen Umweltschutz besteht darin, mit den auf Menschen bezogenen Umweltzielen gleich auch festgelegt zu haben, was »für die Natur gut« ist. Die Natur wurde dazu aber nicht befragt.“ (Ebd., S. 267-270).

„Das beginnt bei so Unverdächtigem wie sauberem Wasser von Trinkwasserqualität, in dem die allermeisten Lebewesen des Süßwassers gar nicht leben könnten, und endet bei solch althergebrachten Vorurteilen, daß das Wild »wild«, also scheu sein müsse, sonst sei es kein Wild. Daß die Scheuheit den größeren Säugetieren und Vögeln aber sehr viel möglichen Lebensraum nimmt, wird dabei nicht mehr berücksichtigt. Die Naturfreunde fahren in ferne Länder, wo sie vertraute Großtiere derselben Arten, die auch in Mitteleuropa vorkommen, in aller Ruhe beobachten und photographieren können, weil dort der Mensch nicht als Feind der Tierwelt empfunden wird. Das 20. Jahrhundert brachte global viele Nationalparks und Naturschutzgebiete, aber keines in Mitteleuropa, wo wir die Natur so erleben können wie in fernen Reservaten. In der Zeit des Natur- und Umweltschutzes hat man uns durch eine Fülle von Verboten und Einschränkungen geradezu naturentfremdet. Ihr Sinngehalt mag zwar nachvollziehbar sein, aber an Nachprüfung ihrer Notwendigkeit und Wirksamkeit mangelt es. Vielleicht sollte verhindert werden, daß die Natur in ihrer Vielfalt und Dynamik allzu direkt erlebt wird. Denn wer sich der Veränderungen, die in Jahrzehnten ablaufen, bewußt ist, wird nicht so leicht auf wohlfeile, aber falsche Argumente hereinfallen. Dann sind die Silberreiher, die allmählich wieder häufiger geworden sind, kein Zeichen einer Klimaerwärmung mehr, sondern der Beweis dafür, daß früher zu viele um ihrer Schmuckfedern willen unmittelbar zu Beginn der Brutzeit abgeschossen worden waren. Niemand wird die Zunahme der zweifellos »nordischen« Seehunde im Wattenmeer auf das kältere Klima seit den 1970er Jahren zurückführen. Denn das würde nicht »passen«. Warum dennoch immer wieder so offensichtlich Falsches verbreitet wird, liegt auf der Hand. Es geht um die »gute Sache«. Dafür ist (fast) jedes Mittel recht. Der uninformierten Gesellschaft kann man nahezu alles erzählen, wenn es nur irgendwie zu passen scheint. Daß damit das Anliegen selbst in Mißkredit gezogen werden könnte, wird billigend in Kauf genommen. Die Vertreter der Warnergilde hoffen auf das Vergessen. Es wird ihnen fast immer gnädig sein. Denn neue Nachrichten verdrängen die alten Vorhersagen, so daß diese ungestraft dem Vergessen anheimfallen können. Wen kümmert es, daß für 2005 in Mitteleuropa ein heißer Sommer vorhergesagt wurde und die Prognose total falsch war. Die Tageszeitungen, die diese Prognose aus Expertenmund in die Öffentlichkeit trugen, haben längst andere Themen. Gleichgültig, wie das Wetter wird, es wird immer »extrem« sein. An eine mehr als dreitägige Wettervorhersage glaubt ohnehin kein vernünftiger Mensch. Die Sucht nach Zukunftswissen, das Propheten zu haben behaupten, steckt offenbar so tief in uns Menschen, daß sich die Wahrsager leichttun. Das habe ich in meinem Buch »Die falschen Propheten« (2002) ausführlich dargelegt. Drei Prognosen, die von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart die Umweltdiskussion beherrschten, verdeutlichen Vorgehensweise und Fehlschläge. Das »Waldsterben« ist bereits behandelt worden. Der Fehler, der gemacht worden war, lag in der Nennung eines Termins für das Ende (des deutschen Waldes). Die von Kennern vorgebrachte Kritik, sich doch erst einmal mit der Vergangenheit der Wälder und der Waldschäden genauer zu befassen, um die Vorgänge in der Gegenwart besser beurteilen zu können, blieb unberücksichtigt. Der Blick in die Vergangenheit und auf die allgemeinen Entwicklungen in den Landschaften Mitteleuropas, ihre Überfrachtung mit Nährstoffen, die auch das Wachstum der Waldbäume fördern, eingeschlossen, hätte die Problematik relativiert. Das Waldsterben hätte womöglich von Anfang an von einer Katastrophe zur Krise und schließlich zu einer Übergangszeit im ausgehenden 20. Jahrhundert zurückgestuft werden müssen, was allerdings auch mit Einbußen an Forschungsmitteln verbunden gewesen wäre. Die Forschungen ergaben zwar sehr viel Interessantes, aber keinen schlüssigen Zusammenhang mit dem Autoverkehr. Der Wald existiert seit seiner »Todeszeit« weiter - und wird dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch weiterhin tun, selbst wenn sich das Klima erwärmt.“ (Ebd., S. 270-272).

„Einen ganz ähnlichen Fehler, das »Ende« vorherzusagen, machten Dennis Meadows und der »Club of Rome« mit den höchst spannenden Computermodellen und ihren Ergebnissen in den »Grenzen des Wachstums«, Die wesentlichsten Ressourcen der Menschheit sollten danach bereits in den (späten) 1990er Jahren verbraucht worden sein. Die Vorhersage trat nicht ein. Es wurden weit mehr neue Vorräte und Lagerstätten entdeckt, als in den Hochrechnungen angenommen werden konnte. Ein für die Frühzeit solcher Modelle hervorragender Forschungsansatz geriet in Mißkredit und führt dazu, daß nun auch andere, neuere und »bessere« entsprechend kritisch betrachtet werden »sollten«. Denn völlig unerwartet kam es im Prognosezeitraum der »Grenzen des Wachstums« zu Ereignissen von weltpolitischer und europäischer Bedeutung: zum Zusammenbruch des Sowjetimperiums, zur Wende in China und zur »Wieder«(?)-Vereinigung Deutschlands. Innerhalb von nur 30 Jahren hatten sich damit die globalen Rahmenbedingungen, zudem auf ein Jahrzehnt konzentriert, grundlegend geändert. Der »siegreiche« Westen stieg in Form des Hauptvertreters, der USA, zwar zur alleinigen Weltmacht auf, blieb aber globalwirtschaftlich vom unterlegenen Rivalen Rußland im Hinblick auf die Energieversorgung abhängig. Im Grunde genommen wurde der Westen sogar noch abhängiger, weil mit der Wende in China ein Wirtschaftsaufschwung ohne Beispiel einsetzte, der dieses bevölkerungsreichste Land zum Hauptkonkurrenten um die globalen Ressourcen gemacht hat. Auch das war in den Prognosen nicht enthalten und offenbar von niemandem (in einflußreichen Kreisen) vorausgeahnt worden. Die neuen Rahmenbedingungen am Beginn des 21. Jahrhunderts sehen daher erheblich anders als zu Beginn der 1970er Jahre aus. Trotz des Versuchs zwischenzeitlicher Korrektur in den »Neuen Grenzen des Wachstums« blieb Meadows auf der vorgegebenen Bahn. Das Ziel war offensichtlich zeitlich zu kurz gewählt und ließ daher keine Kurskorrektur ohne grundsätzlichen Vertrauensverlust in die Zukunftsberechnungen zu. Es wäre zu wenig übrig geblieben von den Warnungen vor der schlimmen Zeit, die uns schon zum Ende des 2. Jahrtausends ereilt haben sollte. Besser, viel besser steht es um das dritte Prognosemodell. Es ist letztlich wohl auch der wichtigste Teil aller Zukunftsszenarien. Es geht um die Entwicklung der menschlichen Bevölkerung auf der Erde. Vor Ende des 20. Jahrhunderts war die 6. Milliarde erreicht (**). Die Bevölkerungsexplosion der Menschheit fand also hauptsächlich in jenen drei Jahrzehnten statt, von denen die »Grenzen des Wachstums« handelten. Die Zunahme der Zahl der Menschen war weitgehend richtig prognostiziert worden (**). Daß sich das Anwachsen der Menschheit abschwächt, wird nicht nur nicht verheimlicht oder als zu geringfügig abgetan, sondern der Weltöffentlichkeit möglichst wahrheitsgetreu dargelegt. Inzwischen ist ersichtlich, daß auch der Mensch als biologische Art mit seiner »Bestandsentwicklung« dem allgemeinen biologischen Grundmuster folgt, das mit einem nahezu ungebremst exponentiellen Wachstum beginnt und nach Überschreiten der etwa halben Tragkraft der Umwelt (Umweltkapazität) abflacht und auf einen Grenzwert einschwenkt, der dieser entspricht. Daß die Höchstzahl der Menschen wohl erheblich niedriger liegt als ursprünglich befürchtet, gehört gleichfalls zu den guten Nachrichten in dieser Entwicklung, denn das Leben von 10 bis 12 Milliarden Menschen zu sichern eröffnet weitaus bessere Zukunftsaussichten als bei 20 Milliarden oder mehr. Warum aber lief es ,bei den Prognosen zur Bevölkerungsexplosion besser? Der fachliche Grund ist klar. Die statistische Zuwachsrate hängt von der Altersstruktur der Bevölkerung ab. Diese war in den 1970er Jahren gut genug bekannt. Sie bestimmte das Wachstum für die nächsten Jahrzehnte. Die Verfolgung der globalen Bevölkerungsentwicklung unterlag auch keinen politischen Einschränkungen. Die UN-Fachleute konnten so gut arbeiten, wie die Daten waren, die aus den Entwicklungsländern kamen. Diese wurden immer besser und daher auch die permanent korrigierten Prognosen immer zuverlässiger. Schon die Ausgangsbasis war als Teilstück eines Entwicklungsprozesses angesetzt und nicht als feste Ausgangsgröße, bei der noch alles (einigermaßen) in Ordnung gewesen war. Den Grundfehler, letzteres anzunehmen, machten die meisten Natur- und Umweltschützer bis hin zu manchen Klimaforschern, die anhand ihrer Modelle die Zukunft bewerten, ohne ausreichend die Vergangenheit berücksichtigt zu haben. Bei der Erfassung der globalen Bevölkerungsentwicklung gab es keine Einschränkungen, wer berücksichtigt werden darf und wer nicht, wie beim Klimawandel und dem Kioto-Prozeß. Wie immer die jeweiligen Zwischenergebnisse ausfallen, sie blieben unverdächtig und neutral. Solche Prognosen tragen die Selbstkorrektur gleichsam fest eingebaut in sich. Sie tragen auch keine Verpflichtungen in sich, denn jedem Land bleibt seine eigene Bevölkerungsentwicklung von anderen unbenommen. Solche Prognosen werden für die Zukunft gebraucht!(**)  Nicht »verbesserte« Vorhersagen, die einen für uns Lebende nicht mehr nachkontrollierbar fern in der Zukunft liegenden Weltuntergang verkünden. Vielmehr sollten wertungsfreie Verläufe, die beständig mit realen Messungen justiert werden, die Grundlagen für die Beurteilung und für das Mitverfolgen der bevorstehenden oder angelaufenen Entwicklungen liefern. Wo aber von vornherein in gut und schlecht, richtig und falsch unterschieden wird, geraten die Modelle in den Verdacht, zu einer Weltdiktatur zu führen. Die tatsächlichen Entwicklungen, die Prognosen bestätigen, sollten die falschen von den zuverlässigen Propheten scheiden, und nicht die Absichten zur Weltverbesserung, die vorgegeben werden. Daß wir Prognosen nötig haben, steht außer Frage. Die Welt ändert sich. Es wäre absurd, die Fortdauer eines festen Zustandes annehmen zu wollen. Vielleicht ist das Tempo der Veränderungen gegenwärtig tatsächlich besonders hoch; vielleicht dünkt es uns auch nur so, weil wir hier und jetzt und nicht mehr im 19. Jahrhundert leben, in dem sich so vieles so unfaßbar schnell verändert hatte.“ (Ebd., S. 272-275).

„Es gehört zu den besonders spannenden Aspekten der Evolution des Menschen und seiner Ausbreitung in die von den Tsetsefliegen bewohnten Feuchtsavannen und Regenwälder Afrikas, die Wirkung der Tsetsefliegen entsprechend zu berücksichtigen. (Vgl. Josef H. Reichholf, Das Rätsel der Menschwerdung, 1990). In historischen Zeiten konnten nomadische Viehzüchter jedenfalls nicht, zumindest nicht für längere Zeit oder gar dauerhaft, den Tsetsegürtel Afrikas mit ihrem Vieh besiedeln.“ (Ebd., S. 295-296).

„Tsetsefliegen sind daher die besten Naturschützer Afrikas, ... vielleicht der Grund dafür, daß dort mit weitem Abstand auch das global nachhaltigste Großtierleben (an Land) erhaltenn geblieben ist. Ohne die Tsetsefliege hätten die Menschen vielleicht schon vor Jahrtausenden die großen Säugetiere ausgerottet, für die Afrika bewundert und um die es beneidet wird.“ (Ebd., S. 296).

„Europa fand ... den »Ausweg« der Importe von Futtermittel für ... Viehbestände. An ihnen, an den vielen Millionen Rindern, Schweinen und Hühnern in den Mastställen Europas, wird sich die Zukunft der Natur auf den tropischen und subtropischen Kontinenten entscheiden. Die Haustiere sind wirksamer als Veränderungen von Wetter und Klima.“ (Ebd., S. 298-299).

„Auf rund 40 Prozent der Landfläche nimmt die Menschheit gegenwärtig starken Einfluß. Doch auch die übrigen drei Fünftel bleiben nicht frei von Auswirkungen menschlicher Tätigkeiten. .... Unberührte Natur im strengen Sinn der Bezeichnung gibt es nicht mehr. An kaum einem noch so entlegenen Ort wird ein Mensch, der dorthin gelangt, annehmen dürfen, noch nie vor ihm hätte ein Mensch seinen Fuß darauf gesetzt und seinen »ökologischen Fußabdruck« direkt oder indirekt hinterlassen.“ (Ebd., S. 299).

„Die Natur verliert nichts, weil sie keine Person im Sinne des Menschen ist.“ (Ebd., S. 300).

„Sicherlich ist es auch nicht übertrieben zu behaupten, daß in den Wohungen der Menschen in Deutschland oder in anderen Ländern weitaus deren Ländern weitaus mehr Tiere unterschiedlichster Arten gehalten werden, als in öffentlichen zoologischen Gärten zur Schau gestellt sind. Tierfutter, nicht nur für solche besonderen Haustiere wie Hund und Katze, wird in einer Vielfalt und Menge angeboten, daß das Angebot in entsprechenden Abteilungen von Kaufhäusern in manchen westlichen Ländern das für Menschenbabys bestimmte Angebot übertrifft. Somit braucht eigentlich gar keine besondere Begründung für Schutz und Erhaltung der Artenvielfalt vorgebracht zu werden. Die Menschen stellen selbst die lebendige Praxis des Interesses an Tieren und Pflanzen dar. Insofern verwundert es nicht, daß in unserer Zeit, dank des uneingeschränkten Austausches von Information, dem Artenschutz großes Interesse entgegengebracht wird. Die Arten, um deren Schutz es geht, sollten nur möglichst »ansprechend« sein. Dann finden sie rasch eine entsprechend große Schar von Verteidigern, die auch bereit sind, Geld für ihre Erhaltung auszugeben. In den erstaunlichen Summen, die für den Artenschutz gespendet werden, kommt auch vom utilitaristischen Standpunkt aus betrachtet klar zum Ausdruck, daß wesentliche Teile der Menschheit die Vielfalt der Arten erhalten möchten. Umso befremdlicher muten mitunter die stümperhaften Versuche an, die Unentbehrlichkeit einer Art für »den Naturhaushalt« mit sogenannten ökologischen Argumenten zu rechtfertigen. Offenbar mangelt es den betreffenden Menschen selbst an einer wirklichen Zuwendung zu diesen Arten. Es fehlt ihnen jene Empathie, die aus innerer Überzeugung heraus ganz selbstverständlich und ohne sachliche Begründung wirkt. Aus der Art der Begründung kann man oft ganz leicht erkennen, daß es gar nicht um die betreffende »Rote-Liste-Art« geht, sondern um die Verhinderung eines Bauvorhabens oder um die Hinauszögerung einer sonstigen Änderung, die ihnen aus ganz anderen, zumeist sehr persönlich-eigennützigen Gründen nicht paßt. Die Natur dient dann als Vorwand, um eigene Interessen zu verschleiern. Wollen wir versuchen, zur Beurteilung der Lage der Artenvielfalt solche Vorgehensweisen ,öglichst auszuschließen, was bleiben dann für »Fakten«?.“ (Ebd., S. 300-302).

„Die europäische Landwirtschaft ließ bisher nicht die geringste Bereitschaft erkennen, auf Futtermittel aus Tropenländern zu verzichten oder auch nur die Mengen, die von dort importiert werden, zu vermindern. Nach wie vor werden die Tropen in kolonialistischer Weise ausgebeutet.“ (Ebd., S. 308).

„Im 19. Jahrhundert herrschten mehr geistige Freiheiten und viel größere Beweglichkeit als im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert.“ (Ebd., S. 317).

„Damals suchte man noch aktiv nach neuen Horizonten. Heute wird fast immer das Neue erst einmal gebremst und bekämpft, weil es am bekannten Zustand etwas ändern könnte. Altes behält man wider besseres Wissen stur bei. Unsichere Zeiten wurden immer zu Katastrophenzeiten gemacht. Für uns gilt dies als sprichwörtlicher Rückfall ins Mittelalter. Aber es wa r nicht die gute Zeit des Hochmittelalters, sondern die Katastrophenzeit des ausgehenden Mittelalters, das die die finsteren, ja abscheulichen Züge jener Vergangenheit entwickelte, die glücklicherweise überwunden sind - hoffentlich! Die Menschen konnten mit den Katastrophen, die tatsächlich über sie hereinbrachen, nicht umgehen.“ (Ebd., S. 317-318).

„Wenn wir verhindern wollen, daß ein neues Mittelalter heraufzieht, wie der Schriftsteller Umberto Eco meint, der sich wirklich ausgiebig mit jenen Zeiten befaßt hat, hilft Aufklärung allein nicht weiter.“ (Ebd., S. 318).

„Als bloße Vermittlung von Fakten ist die Aufklärung gescheitert. Viel zu wenige Menschen richten sich nach diesem Prinzip. Sie brauchen Vertrauen, um vom Wissen zur Gewißheit zu kommen. Nachprüfbarkeit allein vermittelt dieses Vertrauen. Die zweite Säule gründet sich in der Verantwortung. Das Übernehmen von Verantwortung ist unserer Zeit fast vollständig abhanden gekommen. Für falsche Prognosen steht niemand mehr gerade. Für falsche Entscheidungen auch nicht. Die Folgekosten haben stets die »Gläubigen« zu tragen. Sollte es tatsächlich einmal dazu kommen, daß die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden, bleibt das, von den Ausnahmefällen gestürzter Diktatoren mit schrecklichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgesehen, in aller Regel dennoch ziemlich folgenlos. Was Wunder, wenn sich die große Masse nicht bewegen möchte und den Status des Erreichten behalten will. Es kommen doch nur schlechte Nachrichten auf sie zu. Gutes ist kein Thema.“ (Ebd., S. 318).

„Somit bleibt der Hoffnung nur das Eigeninteresse. Man mag das Egoismus nennen. Aber was den Menschen unmittelbar zugutekommt, werden sie eher bereit sein zu tun als das, was zwar notwendig wäre, sich aber erst in der Zukunft, in der nächsten oder übernächsten Generation, auszahlen wird. Vielleicht! Sicher ist das auch dann nicht, wenn die besten Argumente dafür sprechen. Das zeigte sich in der jüngsten Vergangenheit bei der Einführung des Katalysators. Als es nach langen Widerständen der Autohersteller endlich so weit war, boomten die Dieselfahrzeuge. Denn Diesel war (erheblich) billiger als das bleifreie (Super-)Benzin. Wären die »Benziner« in den Fahreigenschaften nicht schneller gewesen und wären die von einem Großteil der Bevölkerung geforderten Geschwindigkeitsbegrenzungen gleichzeitig eingeführt worden, wären damals vielleicht schon nach wenigen Jahren fast alle Autofahrer auf Diesel »umgestiegen«, obgleich bestens bekannt war, worum es eigentlich ging: um die Verbesserung der Luftqualität und um unsere Lungen. Aber die Politik hat die 3-Wege-Kat-Fahrer mit den erheblich höheren Spritpreisen für rückstandsarmes Superbenzin bestraft. Ähnlich ging es mit der Energiesteuer, die zunächst angeblich das Weltklima retten sollte, dann aber für ganz andere Zwecke eingesetzt wurde. Die Nachbarländer machten gewaltige Profite, weil sie ihren Treibstoff nicht mit dieser Steuer belasteten. Wo sie das können, fahren seither viele Menschen zum Tanken über die Grenzen. Es ist den Mitbürgern auch kaum zu vermitteln, daß beim Pro-Kopf-Energieverbrauch die Anteile der Heizkosten nicht berücksichtigt werden, die nun einmal aus Gründen der klimatischen Lage nicht zu umgehen sind. Skandinavier oder die Menschen in Sibirien und Kanada brauchen nun einmal viel mehr Energie in den langen kalten Monaten als Tropenbewohner. Wer seine privaten Energiekosten betrachtet, wird in der Regel feststellen, daß Ausgaben für die Heizung die Hälfte oder mehr ausmachen. Wie hoch die Kosten werden, darüber befinden die Energieversorger und nicht die Privatverbraucher, und natürlich auch die Dauer und Härte des Winters. Milde Winter senken den Energieverbrauch in den kalten Regionen ungleich mehr als die besten Sparmaßnahmen in anderen Bereichen. Eine grobe Bilanz zur globalen Verteilung des ProKopf-Energieverbrauchs drückt diese Gegebenheit ganz klar aus. Deutschlandliegt, seiner mittleren Position entsprechend, ganz gut in der Mitte“ (Ebd., S. 318-319).

„Beispiele dafür, daß vorhandene Gegebenheiten nicht zu umgehen sind und daß stets nach Schlupflöchern gesucht wird, wenn Nachteile in Kauf zu nehmen wären, aber damit vermieden werden können, gibt es so erdrückend viele, daß die Hoffnung, auf das Gute im Menschen zu bauen, geradezu eine Zumutung für die wirklich Gutwilligen geworden ist. Deshalb nochmals: Zukunft muß sich lohnen! Sie ist zu wichtig, um die Menschen der Gegenwart damit abzustrafen.“ (Ebd., S. 319-320).

„Verzicht zu üben mag moralisch anerkennenswert sein. Die Nutznießer des Verzichts sitzen jedoch anderswo und werden sich bemühen, das Moralische in uns hochzuhalten, für sich selbst aber, aus welchen Gründen auch immer, die Ausnahme in Anspruch nehmen..“ (Ebd., S. 322).

„Würde jede Generation so lebe, daß sie der nächsten das erhält, was sie selbst vorgedunden hat, und nichts davon unwiederbringlich verbraucht. wäre das Ziel der nachhaltigkeit erfüllt. Wir solten danach streben denn es gibt wahrscheinlich kein besseres Ziel. Aber je mehr nachgemacht wird, desto mehr muß auch »nachgelebt« werden, und umso weniger Individualität bleibt übrig und kann sich entfalten ....“ (Ebd., S. 324).

„Was wir, was die Menschheit brauchen würde, sind im evolutionären Sinn überlebensfähige Ungleichgewichte.“ (Ebd., S. 324).

Interview: „Historisch sind Warmzeiten gute Zeiten“. Ein Gespräch mit dem Evolutionsbiologen Josef Reichholf                über sein Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“ (Interview: Cord Riechelmann / Tobias Rapp;                2007).

„Herr Reichholf, »Eine Naturgeschichte des letzten Jahrtausends« haben Sie ihr Buch genannt. Warum ausgerechnet dieser Zeitraum?

Josef Reichholf: Wir haben seit rund tausend Jahren entsprechend gute historische Aufzeichnungen zur Verfügung. Damit können wir das, was wir als sogenannte Proxidaten der Natur entnehmen, mit historischen Ereignissen zusammenführen. Und der Zeitausschnitt ist ausreichend groß, um große klimatische Änderungen sehen zu können. Es ist kein Kurzzeitrückblick, wie er sonst angestellt wird. Der beginnt ja meistens Mitte des 19. Jahrhunderts, weil man da angefangen hat, die Meßdaten der Klimastationen zu sammeln. Damit geht oft einher, daß man so tut, als sei damals die Welt in Ordnung gewesen und als sei es von da an bergab gegangen.

Wie verlief denn die Klimaentwicklung der letzten tausend Jahre in Mitteleuropa?

Eigentlich muß man um das Jahr 800 beginnen. Die Konsolidierung des Frankenreichs unter Karl dem Großen hat ja ein großes Zentralreich in Europa geschaffen, das die alte Macht des Römischen Reichs ablöste. In diesem Frankenreich wuchs die Bevölkerung. Und zwar so sehr, daß man buchstäblich nicht mehr wußte, wohin mit den Menschen. Es gab eine Masse von Städtegründungen in dieser Zeit. Auch München ist in diesen Jahrhunderten des Mittelalters gegründet worden. Die Funde aus der Natur und die Befunde zu den klimatischen Entwicklungen zeigen, daß es eine gute Zeit war. Es war mindestens so warm wie heute. Wahrscheinlich noch wärmer. In Bayern gedieh damals Wein, auch in wesentlich kälteren Regionen als heute. Bayern hat damals Wein exportiert.

Bis es kälter wurde ...

Im 13. und 14. Jahrhundert setzten die Klimaverschlechterungen ein. Drei Großereignisse suchten Europa heim: 1342 die schlimmsten Überschwemmungen, die jemals registriert worden sind. Und dann der Einbruch der Nordsee in das, was heute Deutsche Bucht genannt wird. Diese schlimmen Überschwemmungen und Sturmfluten haben im Wesentlichen das heutige Bild von Inseln und Halligen hervorgebracht. Vorher war die Küstenlinie viel weiter in die Nordsee hinein vorgelagert. Dann kam die Pest. Sie wurde aus Schwarzmeerhäfen eingeschleppt. Von dort gab es auch in früheren Jahrhunderten schon Schiffahrtsverkehr. Aber nun mußte Getreide importiert werden aus jener Gegend, die heute Ukraine heißt. Das waren die produktiven Gebiete und Europa brauchte Getreide. So kamen die Ratten mit. Die kamen ja nicht mit einem Schiff, das Seide transportiert. Das dritte Großereignis war der Mongolensturm. Die Gunst des Klimas hatte sich bis nach Zentralasien hinein ausgewirkt, und als in Europa das Klima schlechter wurde, reichten die Regenfälle bis in die zentralasiatischen Steppengebiete, die damals hochproduktives Grasland waren, und Dschingis Khan und seine Mannen wurden in die Lage versetzt, das größte Weltreich aller Zeiten zu gründen. Mit einem Schlag - und mit Pferden. Dazu muß man sehr produktive Weiden haben.

Eine Katastrophenzeit. Und Bayern wird zum Bierland.

Tatsächlich ließ sich Wein in vielen Gegenden nicht länger anbauen, und die kalten Winter sorgten dafür, daß bis weit ins Jahr hinein genug Eis zum Kühlen des Biers da war. Am Ende des 15. Jahrhunderts gibt es eine kurze Zwischenerholung, bis dann ein noch stärkerer Witterungsumschwung einsetzt: die sogenannte kleine Eiszeit. Die ist etwa über die Bilder der holländischen Meister dokumentiert - die Jäger im Schnee, die vereisten Grachten, auf denen die Holländer Schlittschuh laufen. Das lernt man nicht in einem Eiswinter. Es muß viele solche Winter gegeben haben. So große Seen wie der Bodensee waren regelmäßig für lange Zeit zugefroren. Auch die Ostsee. Das geht so bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, als es sich zaghaft erwärmt. Und seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es nun eine wirkliche Klimaerwärmung, zunächst zögerlich und mit Schwankungen, mit Hitzesommern wie dem von 1807, der durchaus dem von 2003 vergleichbar ist. Aber vor allem mit einer Serie kalter Winter, die dann immer seltener werden. Bis in die Gegenwart.

Wie kommt es, daß immer wieder gesagt wird, die heutigen Temperaturen seien so ungewöhnlich hoch?

Die heutigen Klimamodelle gehen von diesem Tiefstand aus. Würde man sie auf den Durchschnitt der letzten 1000 Jahre beziehen, dann sind wir noch gar nicht im oberen Bereich. Und vollkommen falsch ist es, wie vielfach behauptet wird, daß es noch nie so warm gewesen wäre wie heute. Das ist absurd: vor 120000 Jahren gab es Nilpferde am Rhein und an der Themse. Diese Daten sollte man sich anschauen, bevor man die aktuellen Zahlen zu Horrorszenarien aufbauscht. Außerdem, und das zeigt der Rückblick in die vergangenen tausend Jahre in aller Deutlichkeit: Es waren die Kaltzeiten, in denen wir und andere Teile der Welt von den großen Katastrophen heimgesucht wurden. Nicht die Warmzeiten.

Heißt das nun: Alles in Ordnung, soll die Welt wärmer werden, umso besser für uns? Weiter den Regenwald abholzen, so tun, als wäre nichts?

Nein. In diesen Gebieten geht es um die Vielfalt der vorhandenen Arten. Das ist der Kernpunkt. Und da geht es mir gar nicht so sehr um die potentielle ökonomische Nutzung, die damit einhergeht, die medizinische Forschung, die aus unbekannten Pflanzen neue Wirkstoffe gewinnen könnte. Es gibt allemal Grund genug zu sagen: Wir müssen die Schönheit der Natur erhalten. So wie wir auch vom Menschen Gemachtes erhalten. Niemand würde den Kölner Dom abreißen, weil im Nahbereich gerade Steine benötigt werden. Ein Tiger ist nicht ersetzbar. Wenn der ausgestorben ist, dann ist er weg. Da kann man zu Recht die Frage stellen: Müssen Arten wie der Jaguar in Südamerika aussterben, nur weil wir in Europa so unmäßig viel Fleisch produzieren wollen, daß riesige Flächen in den Tropen abgeholzt werden, um Futtermittel anzubauen? Zumal die Subventionen für die europäische Landwirtschaft das unterstützen.

Sie beschreiben die Natur als Kulturlandschaft. Der Artenreichtum in Deutschland, sagen Sie, hat viel zu tun mit dem Menschen. Wie kann es sein, daß so etwas Künstliches wie ein Stausee so vielfältige Biotope ausbildet?

Man muß sich die Frage stellen: Wie alt sind unsere Seen? Nehmen Sie die Seen rund um Berlin, die sind kaum 10000 Jahre alt. Das ist nichts im Vergleich mit dem Alter der Flüsse. Die Donau ist Millionen Jahre alt. Seen sind von Natur aus vergänglich. Und die meisten Seen sind aus zurückgestautem Eiswasser entstanden. Das bedeutet, daß das, was die Technik mit Stauseen macht und was man jahrhundertelang mit Mühlteichen gemacht hat, nichts Neues ist. Tiere, Pflanzen und Mikroben, die solche Gewässer bewohnen, finden also keine grundlegend andere Situation vor, wenn solche Bauwerke errichtet werden. Es gibt auch Seen, die abflußlos sind, und selbst die sind von Fischen bewohnt. Deshalb ist auch das Argument, daß eine Staumauer die Wanderung von Fischen behindert, zwar richtig, aber doch unzureichend. Denn es steht nirgendwo geschrieben, daß alles so bleiben muß, wie es ist, nur weil es ein paar tausend Jahre lang so war. Die mittelfristige Zeitdimension ist der Umweltdiskussion vollkommen abhanden gekommen. Man tut so, als ob die Welt im besten aller möglichen Zustände gewesen wäre, als die westlichen Naturforscher sie entdeckten und angefangen haben, objektiv zu messen, zu beobachten und aufzuzeichnen.

Obwohl die Temperatur seit vielen Jahren steigt, nimmt die Zahl der wärmeliebenden Tier- und Pflanzenarten in Bayern ab. Wie kann das sein?

Im 19. Jahrhundert war das Land in ganz Mitteleuropa massiv übernutzt. So sehr, daß die Böden so ertragsschwach waren, daß sie nicht mehr leisten konnten, was die Bevölkerung brauchte. Die Menschen wanderten zu Tausenden aus, weil das Land nichts mehr hergab. Das änderte sich mit einem Schlag, als Justus von Liebig den Kunstdünger erfand. Er fand heraus, daß sich feststellen läßt, was den Böden fehlt. Daß nicht nur der Mist das Wachstum fördert, sondern weitere Stoffe. Mit dieser Erkenntnis konnte nicht nur gezielt Mangel behoben, sondern auch überdüngt werden. so daß die Produktion über das normale Maß hinaus steigen konnte. Die Folge dieser Überdüngung ist, daß mehr Wirkstoffe in die Böden hineingebracht als über die Ernte wieder herausgeholt werden. Früher war es umgekehrt, da hat die Ernte mehr entzogen, als über den Mist zurückgebracht werden konnte, also magerten die Böden aus. Jetzt reichern sie Nährstoffe an. Das bedeutet, daß immer weniger Pflanzenarten immer besser wachsen können. Und weil die Vegetation so gut mit Nährstoffen versorgt ist, wächst sie im Frühjahr schneller und dichter auf.

Das Land verschattet.

Richtig. Der Aufwuchs erzeugt am Boden ein kühles und feuchtes Kleinklima. Die meisten Arten, die wir als wärmeliebend einstufen, brauchen trockene und offene Böden, das ist ihr Lebensraum. Die Überdüngung macht alles zu. Also wird es kälter. Auch wenn die Metereologen höhere Temperaturen messen.

Sie benutzen explizit den Begriff »Naturgeschichte«. Das ist ungewöhnlich, gerade in Deutschland. Seit Alfred Brehms »Tierleben« hat das kein Biologe mehr gemacht. Heißt das, daß Sie geisteswissenschaftliche Methoden in Ihre Arbeit einbeziehen?

Den Begriff habe ich aus zwei Gründen gewählt. Erstens sind die Abläufe in der Natur Geschichte. Also nicht vergleichbar mit chemischen oder physikalischen Zuständen, die reversibel sind. Dadurch müssen die Prinzipien der Geschichtswissenschaften in der Biologie genauso oder zumindest gleichrangig angewendet werden. Man kann nicht so tun, als ob es sich bei der Natur nur um die physikalischen oder chemischen Vorgänge handeln würde. Und zweitens hat die Naturbetrachtung auch so angefangen. Der Begriff der Geschichte ist aus der Biologie verdrängt worden, zugunsten einer pseudowissenschaftlichen Art und Weise, mit der die Biologie sich an die exakten Wissenschaften anbiedern wollte. Im Ergebnis kommt es fortwährend zu Mißverständnissen, weil die Naturwissenschaften so tun, als sei die Biologie gar keine exakte Wissenschaft, weil sie dem direkten Experiment nicht zugänglich ist. Dann wäre Geschichte allerdings auch keine Wissenschaft, sondern nur ein Aufzählen von Ereignissen, ohne daß man Gründe oder Hintergründe erfassen könnte. Als Evolutionsbiologe sehe ich hingegen keine Kluft im methodischen Vorgehen zwischen den rein auf den Menschen bezogenen historischen Wissenschaft und der naturhistorischen Wissenschaft.

Josef Reichholf ist Professor für Naturschutz an der Technischen Universität München, leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München und ist Präsidiumsmitglied des deutschen World Wide Fund for Nature. Er ist einer der renommiertesten Biologen Deutschlands. Sein neues Buch »Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends« (2007) verbindet die Geschichte Mitteleuropas mit der Entwicklung der klimatischen Bedingungen.“ (Zitat-Ende).

Evolution. Was stimmt? Die wichtigsten Antworten (2007)

„Es gehört zu den größten Entdeckungen in der Biologie überhaupt, dasd Programm gefunden zu haben, das diese Entwicklung steuert und in der richtigen Weise ablaufen läßt. Es handelt sich um dasselbe Programm, das auch der Vererbung zugrunde liegt. Ein lang gezogenes und wie eine Wendeltreppe gewundenes Großmolekül trägt in sich das Alphabet des lebens. Seine wissenschaftliche Bezeichnung ist mit »Desoxyribonukleinsäure« so schwierig, daß man sich schon seit seiner Entdeckung mit einer Abkürzung behilft: DNS oder DNA (S steht für Säure im Deutschen, A entsprechend für Acid im Englischen).“ (Ebd., S. 17).

„Die meisten Zellen enthalten zwei komplette Kopien dieser DNS mit ihren Informationen zum Wachsen und Funktionieren der Zelle und des ganzen Organismus. Die verschiedenen Arten unterscheiden sich in den gleichsam als Betriebsanweisungen gespeicherten Informationen, die in der DNS enthalten sind. Es liegt an ihr, ob aus einem Ei eine Raupe schlüpft, die sich verpuppt und in einen Schmetterling verwandelt, in ein Pfauenauge etwa, oder in einen Käfer. Oder ob ein Laubfrosch oder auch ein Mensch daraus wird. Die Bezeichnung Erbgut umfaßt alles, was über dieses chemische Großmolekül an Entwicklungs- und Funktionsanweisungen für ein Lebewesen auf die Nachkommen weitergegeben werden kann.“ (Ebd., S. 18).

„In ihrer Grundstruktur ist dieses Erbgut in allen Lebewesen gleich. Wie das Alphabet einer Sprache hat es »Buchstaben«, allerdings nur vier verschiedene. Es gibt im Leben kein »Latein« und »Chinesisch« oder weitere Sprachen und Schriften als Anweisungen für das Lebendige, sondern nur die eine einzige Schrift des Lebens. Seit einiger Zeit wissen wir darüber so viel, daß die Schriftzeichen, die alle Erbinformation etwa des Menschen umfassen, »entziffert« und aufgezeichnet sind.“ (Ebd., S. 18).

„Es gibt solch vollständige Erfassungen für eine Reihe weiterer Lebewesen, für noch sehr viel mehr liegen sie in Ausschnitten vor. Das Überraschende ist, daß alle Lebewesen die gleiche »Schrift« benutzen und daß sich die Unterschiedlichkeit der Arten in den Erbguttexten direkt ausdrückt. So stimmen Menschen und Schimpansen zu 98,8 Prozent im Erbgut überein, und diese Menschenaffen stehen uns Menschen damit eindeutig am nächsten. Zum Gorilla macht der Unterschied mehr als 2 Prozent und zum Orang-Utan etwa 2,5 Prozent aus. Mit kleinen Fliegen haben wir nur noch etwa die Hälfte der Erbinformation gemeinsam. Nur noch? Was ist damit gemeint? Noch weniger Übereinstimmung haben wir zwar mit Bakterien, wie etwa den Coli-Bakterien in unserem Darm, aber genug, um zweifelsfrei daraus die Verwandtschaft aller Lebewesen untereinander ableiten zu können. Bestimmte Erbeigenschaften, Gene genannt, können bei den verschiedensten Lebewesen gleich sein. Daraus folgt, daß alles Leben aus einer Wurzel stammt und daß die Lebensformen einander umso ähnlicher sind, je mehr sie im Erbgut übereinstimmen und umgekehrt.“ (Ebd., S. 18-19).

„Somit verbinden uns Gene mit den einfachsten Lebewesen auf eine Art und Weise, die frappierend ist. Das Leben stellt sich als Strom dar, der sich in vielfältiger Weise an den unterschiedlichsten Stellen aufgespaltet hat. Der Lebensfluß fing an einer Quelle an, vergleichbar dem Beginn eines neuen Lebewesens mit der Entwicklung der befruchteten Eizelle. Mit unserer Gegenwart machen wir gleichsam einen Schnitt durch den vielfach verzweigten Fluß und sehen an den Enden die heutigen Lebewesen, die Bäume und Vögel, die Fische und uns Menschen. Von jedem existierenden Lebewesen kommen wir über diesen Strom dey Lebens zurück zur Quelle, zum Anfang.“ (Ebd., S. 19-20).

„Alles Leben auf der Erde, die Erde selbst und der ganze Kosmos sind aus einer sehr langen Entwicklung hervorgegangen, die einen Anfang hatte und seit Millionen und Milliarden von Jahren im Laufen ist. Dabei entstand aus einfachen Anfängen immer Komplexeres. Einfachste Lebewesen beherbergte die Erde den allergrößten Teil ihrer Existenzzeit, nämlich seit mindestens vier Milliarden Jahren.“ (Ebd., S. 21).

„Wir Menschen sind das höchstentwickelte Lebewesen!“ (Ebd., S. 22).

„Unter der Bezeichnung »Evolution« fassen die Biologie und Paläontologie alle Entwicklungen vom Ursprung des Lebens bis zu seiner heutigen Vielfalt zusammen. Die Erdgeschichte, die Geologie, kennt ähnliche Veränderungen, die mit der Entstehung der Erde und der Verschiebung der Kontinente auf ihrer Oberfläche zusammenhängen, verwendet aber den Ausdruck Evolution dafür kaum. Hingegen ist es in der Astronomie und insbesondere in der Kosmologie gebräuchlich, von der Evolution des Kosmos, der Galaxien, Sterne und Planeten zu sprechen.“ (Ebd., S. 23).

„Begründet wird dies mit dem Hinweis auf die Erfahrung, daß die Zeit eine »Richtung« hat, also nur fortschreitet und nicht in sich wieder zurückkehrt oder Kreisläufe macht. Jedes Jahr auf der Erde, das wir selbst erleben, trägt diese Richtung in sich. Das letzte ist vorbei und kommt nicht wieder. Das neue Jahr, das kommt, wird anders sein als das gegenwärtig laufende. Aus guten Gründen unterscheiden wir zwischen Vergangenheit und Zukunft. Jahreskreise werden so zu Spiralen, die dem »Zeitpfeil« folgen. Für das Leben bedeutet dies die unablässige Aufeinanderfolge von Werden und Vergehen, von neuern Leben und Tod.“ (Ebd., S. 23-24).

„Auch das ist uns nur allzu geläufig, selbst wenn wir uns noch so sehr gegen das Vergehen stemmen möchten. Die Zeit erscheint uns unerbittlich. In ihrem Verlauf altern wir. Altert das Leben insgesamt? Eigentlich nicht. Denn das Altern gehört zum einzelnen Lebewesen, die Bakterien und andere ganz kleine Organismen ausgenommen, die sich durch Teilung vermehren. Der Organismus durchläuft von der Entstehung in der befruchteten Eizelle über sein Wachstum bis hin zum Tod jene Entwicklung, die wir Altern nennen. Mit der Fortpflanzung erzeugen die Lebewesen jedoch immer wieder »neues«, d.h. junges Leben, so daß das Sterben des Individuums im Lebensprozess so lange nicht wirklich etwas ausmacht, wie sich die betreffende Lebensform erfolgreich fortpflanzt. Damit erneuert sie sich ununterbrochen. Gealtert und zum Aussterben verurteilt sind all jene Lebewesen, die sich nicht mehr oder nicht genügend fortpflanzen. Auch das kennen wir: Ganze Familien »sterben aus«, weil sie keine Nachkommen mehr hinterlassen haben. Mitunter trifft dies auch für kleine Völker zu. Weiter kommt nur, wer sich erfolgreich genug fortgepflanzt hat. Darin steckt das Kernstück der Evolution: Überleben heißt sich mit nachhaltigem Erfolg fortpflanzen.“ (Ebd., S. 24).

„Halten wir kurz inne: Alles Leben, das es hier und jetzt auf der Erde gibt, muß sich folglich bislang mit Erfolg fortgepflanzt haben, sonst gäbe es all die Blumen und Tiere, die Bäume und Bakterien nicht, die gegenwärtig existieren. Allesamt haben die heutigen Lebewesen also den gleichen Erfolg gehabt.“ (Ebd., S. 24-25).

„Weitaus mehr, vielleicht das Hundertfache an Arten, überlebte nicht bis in die Gegenwart. Sie sind irgendwann ausgestorben. Gründe dafür sind viele vorstellbar. Wiederum liefert die Erfahrung eine ganze Reihe davon. So erzeugen offenbar alle Lebewesen insgesamt mehr Nachkommen, als in den kommenden Generationen überleben können. Welche Unmengen an Samen streuen die uns umgebenden Pflanzen aus. Viele Millionen kommen auf den seltenen Erfolg, daß ein Same keimt und aufwachsen kann. Die Masse der Anderen verhindert, daß auch nur ein nennenswerter Anteil der Samen es schaffen wird. Nur in den seltenen Fällen neuer freier Möglichkeiten zum Wachstum fällt der Erfolg groß aus. Die Landwirtschaft kennt dieses Problem und schlägt sich seit Anbeginn der Bodenbewirtschaftung mit den »Unkräutern«, mit der Konkurrenz der anderen herum. Aber auch die eigene Konkurrenz ist groß und kann mächtiger wirken als der Druck, der von anderen, ähnlichen Arten ausgeht. Wo ein neuer Wald angesät oder gepflanzt wird, müssen die meisten Bäume zu Grunde gehen, bis der Jungwuchs den Zustand eines ausgewachsenen Waldes erreicht. Selbstausdünnung nennt der Forstmann diesen Vorgang im Naturwald; im Forst beschleunigt er ihn mit seinen Durchforstungsmaßnahmen. Geradezu verschwenderisch geht das Leben mit der Fortpflanzung um. Das ergibt jeder vertiefende Einblick in die Lebensweise von Tieren und Pflanzen.“ (Ebd., S. 25-26).

„Warum dieser Aufwand? Eine Antwort darauf kennen die Züchter von Pflanzen und Tieren schon seit vielen Jahrhunderten. In der Natur geschieht ganz von selbst das, was unter der Hand des Züchters vorgenommen wird: Auslese! Sie, die natürliche wie auch die von Menschenhand getätigte Selektion, legt fest, wie sich das betreffende Leben weiterentwickeln wird. Der Mensch geht nach seinen Gesichtspunkten vor. In der Natur hingegen gibt es keine vorgegebenen Züchtungsziele. Die Lebensbedingungen schwanken von Ort zu Ort und mit der Zeit. Sie können sich anhaltend verändern und neue Zustände erzeugen oder allen Schwankungen zum Trotz langfristig in etwa gleich bleiben. Kein Lebewesen, uns Menschen eingeschlossen, kann aber wissen, wie die Lebensbedingungen in 10 oder 20 weiteren Generationen sein werden. Die Antwort des Lebens auf diese Unsicherheiten der Zukunft liegt in den Variationen, die es entwickelt und immer wieder erneuert. Wir sind damit vertraut, daß kein Mensch einem anderen völlig gleicht.“ (Ebd., S. 26).

„Zu Recht halten wir uns alle für Individuen. Selbst eineiige Zwillinge sind einander nichtwirkli ganz exakt gleich, wenn sie sich auch für andere sehr ähnhch sehen können. Emzigartlg sind wir Menschen aufgrund dieser Unterschiedlichkeiten. Wir empfinden diese Unverwechselbarkeit als ein besonderes Gut. Sie schenkt uns die Identität mit uns selbst. Wir sind nicht einfach vervielfältigte Ausgaben der Art Mensch. Jeder von uns stellt etwas Besonderes, weil noch nie Dagewesenes dar. Diese »innere Vielfalt« ist bei den Tieren und Pflanzen die Grundlage für die Variationen, die Züchter genutzt haben, um Lebewesen zu »erzeugen«, die anders sind als die Ausgangsform. Wer würde ohne Kenntnis der generationenlangen Züchtungen vermuten, daß Dackel wie Mops die Nachkommen von Wölfen sind? Doch nicht nur in der Individualität der Menschen und in den Ergebnissen der Züchter sehen wir die Vielfältigkeit der Arten. Bei genauerer Betrachtung finden wir viele Beispiele von mehr oder weniger ausgeprägter Variabilität in der Natur.“ (Ebd., S. 26-27).

„Charles Darwin kam über die Züchter darauf, die Abweichungen zu beachten, die ganz normal in der Natur auftreten. Zusammen mit der Überproduktion von Nachkommen ergibt sich das, was er das Ringen um die Existenz nannte. Er meinte damit also weit mehr die Anstrengungen, gleichsam das »Strampeln « als den später geprägten Ausdruck » Kampf ums Dasein«, von dem der Sozialphilosoph Herbert Spencer sprach und meinte, die Natur sei rot von Blut an Zähnen und Krallen.“ (Ebd., S. 27).

„Die menschliche Geschichte stellt unabhängig davon, daß Veränderungen in ihr viel schneller als in der Natur ablaufen, die winzig kleine Spitze der viel längeren Zeitspannen dar, in denen die Naturgeschichte bisher abgelaufen ist. Als geschichtliche Vorgänge sind beide im Grundsatz nicht wiederholbar.“ (Ebd., S. 28).

„Fit fürs Überleben zu sein heißt nicht automatisch, über die größte Kraft zu verfügen. Fit sein bedeutet Lebensgestaltung. Was »tauglich fürs Überleben« ist, ergibt sich erst aus der Rückschau. Die Gegenwart lebt für die Zukunft, und diese ist offen. Der momentane Erfolg muß nicht von Dauer sein. Die Geschichte lehrt eher das Gegenteil. Evolution sei zukunftsblind, meinen die meisten Evolutionsbiologen. Das Wechselspiel zwischen Varation und Auslese (Selektion) findet in der Gegenwart unter den gegenwärtigen Bedingungen statt. Auf die Zukunft sei dieses »Spiel« nicht ausgerichtet. Die Evolution hat kein Ziel; kann und darf der Mensch als Teil dieser Evolution folglich auch kein Ziel haben?“ (Ebd., S. 30).

„Die auslesende Wirkung der Umwelt kann man sich leicht vorstellen. Eigentlich experimentieren wir Menschen ja schon seit Jahrtausenden damit, weil wir die Erde verändern und so der Evolution neue Bedingungen geschaffen haben. Es gibt auch jede Menge von natürlichen Umweltveränderungen, wie verheerende Überschwemmungen und Stürme, Vulkanausbrüche oder Klimawandel. Vor 15000 Jahren reichte Gletschereis von den Alpen noch fast bis München und von Skandinavien her bedeckte es weite Teile Nordostdeutschlands. Zehntausend Jahre sind für die meisten Lebewesen »kurz«, denn die Entstehung der Arten dauert in der Regel viel länger. Nahezu alle Tier- und Pflanzenarten, die es gegenwärtig in Mitteleuropa gibt, gab es schon während der Eiszeit. Sie lebten in Rückzugsgebieten, die das Eis verschont hatte, wie auf der Iberischen Halbinsel oder im südöstlichen Balkan und Vorderasien. Andere überdauerten die Vereisungszeiten im fernen Ostasien. Die letzte Eiszeit ging vor gut 10000 Jahren ziemlich plötzlich zu Ende. Eine gewaltige Verschiebung setzte daraufhin in der Natur ein. Sie ist bis heute noch nicht ganz abgeschlossen. Das Wirken der Menschen stellt somit nichts grundsätzlich Neues dar. Züchtungen gehen, da ein Ziel vorschwebt, allerdings weit schneller als natürliche Veränderungen.“ (Ebd., S. 31).

„Doch woher kommt die Variation? Zweifellos ist sie die Grundlage dafür, daß sich die Arten verändern können. Wie aber kommt sie zustande? Diese Frage trieb Darwin sehr heftig um, aber er konnte sie nicht beantworten, weil die Natur der Vererbung und die Träger des Erbguts in seiner Zeit noch unbekannt waren. Man wußte nur, daß es Vererbung gibt, aber nicht, wie sie funktioniert. Es war auch klar, daß Kinder nicht einfach Abbilder ihrer Eltern sind, und die Mädchen den Müttern, die Söhne den Vätern gleichen. Selten genug ist das der Fall, so daß sich die meisten Eltern damit herumschlagen müssen, daß ihre Kinder anders als sie sind - und die Kinder umgekehrt genauso!“ (Ebd., S. 32).

„Inzwischen deckte die Biologie die Natur des Erbguts auf. Sie erwies sich als noch weitaus vielfältiger, als man das angenommen, ja erahnt hatte. Die im Erbgut gespeicherten Informationen können in so unfaßlicher Vielfältigkeit miteinander kombiniert werden, daß die Möglichkeiten, die allein in zwei Menschen stecken, in astronomische Zahlengrößen aufsteigen. Lottospiel-Wahrscheinlichkeiten sind winzig im Vergleich zur Kombinationsvielfalt, die uns das Erbgut bereitstellt. Daraus ergibt sich, daß es weder in der Vergangenheit jemals einen Menschen gegeben hat, der mit einem heutigen im Erbgut identisch gewesen wäre, noch daß es jemals wieder einen solchen geben wird!Kein Wunder also, daß die Nachkommen so unterschiedlich aussehen und so verschiedene Anlagen oder Fähigkeiten mitbringen. Die besonderen Qualitäteneines neuen Menschen lassen sich nicht aus den Eigenschaften der Eltern vorhersagen. Weder in guter, noch in schlechter Hinsicht!“ (Ebd., S. 32-33).

„Diese Vielfältigkeit schützt uns davor, Erregern von Krankheiten gleich massenhaft zum Opfer zu fallen. Manchmal gelingt es Bakterien oder Viren, in eine menschliche Bevölkerung hineinzukommen, die nicht genügend Vielfalt aufweist. Dann gibt es furchtbare Verluste, wie seinerzeit, als vor rund 500 Jahren die Europäer ihre Krankheiten nach Amerika hinübergetragen hatten. Dort lösten für uns »einfache« oder eher belanglose Krankheiten wie Masern, gewöhnliche Grippe oder Pocken katastrophale Massensterben bei der indianischen Urbevölkerung aus. Normalerweise schützt uns aber die innere Vielfalt recht gut vor den Angriffen der gefährlichen Mikroben. Bei Tieren und Pflanzen verhält es sich grundsätzlich ähnlich. Deswegen brauchen Land- und Forstwirtschaft die züchterische Vielfalt, damit ihre Nutztiere und -pflanzen nicht plötzlich von Seuchen vernichtet werden.“ (Ebd., S. 33).

„Die gute Seite dieses Krieges gegen die Mikroben ist die Individualität. Wir brauchen sie also nicht nur, um jeder auf seine Weise sich selbst erkennen und als Individuum einschätzen zu können, sondern auch als Schutz vor den krankmachenden oder tötenden Feinden. Die Folge dieser Gegebenheit ist der Wandel. Seit gut einem Jahrhundert wissen wir, daß sich die Krankheitserreger immer wieder verändern und »anpassen«. Mittel, die vorher sehr wirksam waren, verlieren oft viel zu schnell ihre Wirksamkeit. Bei Krankheiten, wie der Malaria, spielt sich der Wettlauf zwischen den Erregern und den Medikamenten gegen sie, buchstäblich vor unseren Augen ab. Noch drastischer zeigte uns das AIDS-Virus die ungemein schnelle Anpassungsfähigkeit und Veränderlichkeit. Natürliche Auslese, Selektion, verursacht weit seltener die »Natur« , die wir zumeist meinen, also Wetter und Klima, Wasser oder Trockenheit oder gar die Naturkatastrophen, sondern weitaus wirkungsvoller greifen die Mikroben in den Gang des Geschehens ein. Krankheiten verursachen oft die hohen Verluste, denen zufolge sich die genetische Zusammensetzung verändert. Solche Veränderungen sind Evolution, weil sie vom Ausgangszustand abweichen und nicht wieder zu diesem zurückkehren.“ (Ebd., S. 33-34).

„Warum ist das so wichtig? Passen wir uns, passen sich die Betroffenen, nicht einfach auch dieser Art von Umwelt an? Das ist richtig! Aber gerade weil es so ist, erfahren wir Entscheidendes über die Veränderungen selbst. Denn von den Mikroben wissen wir, daß die meisten Veränderungen zufällig zustande kommen. Fehler treten beim Kopieren des genetischen Programms auf. Es kommen stückweise Verdoppelungen zustande oder ein Teil des Erbguts wird an anderer Stelle eingesetzt. Bei Zigtausenden von Genen und vielen Millionen einzelner Bausteine sind nahezu unberechenbar hohe Anzahlen von Möglichkeiten dazu gegeben. Was »zufällig« zustande kommt, kann in der neuen Zusammensetzung andere Wirkungen entfalten. Genau darin steckt das Problem mit den Mikroben. Weil sie sich so schnell und gleich in solchen Massen vermehren, gibt es auch entsprechend rasch zufällige Veränderungen, die gegen die benutzten Medikamente resistent sind oder die auf andersartige Weise infektiös werden können.“ (Ebd., S. 34-35).

„Doch umgekehrt verhält es sich bei der Fortpflanzung der betroffenen Lebewesen ganz ähnlich. Auch sie mischen ja das Erbgut immer neu und stellen die Mikroben damit vor eine neu formierte Abwehr. Wer für seine Seite einen »Treffer« landet, hängt von den geschilderten Zufälligkeiten ab. Die zusammengefaßt sogenannten Mutationen gelten daher als Produkt des Zufalls.“ (Ebd., S. 35).

„Das ist richtig und mißverständlich zugleich. Denn wir meinen mit Zufall meist das, was beim Würfeln oder bei der Ziehung der Lottozahlen herauskommt. Doch das ist der »reine Zufall« und nicht jener ganz andere, der im Leben und Überleben die Hauptrolle spielt. Im reinen Zufall des Würfelns hat die gerade gewürfelte Zahl keinerlei Einfluß auf die nächste, die kommen wird. »Per Zufall« kann es fünfmal hintereinander die Eins oder die Sechs geben, oder jedesmal eine andere Zahl. Der jetzige Wurf beeinflußt den nächsten nicht. In der Evolution sieht die Rolle des Zufalles jedoch ganz anders aus. Jede zufällige Änderung hängt davon ab, in welchem Zustand sich das Erbgut befindet und welche Neukombination oder Veränderung lebensfähig ist. Falsche Kombinationen entwickeln sich erst gar nicht oder scheitern zu früh, bevor sich der Träger dieser Änderung wieder fortpflanzen kann. Allein die Voraussetzung, daß sich jede Veränderung in das Leben des Organismus einfügen muß, sortiert einen Großteil der echten Fehler aus.“ (Ebd., S. 35-36).

„Dennoch brauchen solche Mutationen, die im Erbgut erhalten und weitergegeben werden, nicht gleich oder grundsätzlich vorteilhaft zu sein. Es reicht, wenn sie zunächst keinen Schaden anrichten. Die große Mehrheit aller Mutationen ist daher »neutral«. Sie bleiben unbemerkt und werden mitgenommen, weil sie weder Schaden noch Nutzen bringen. Das kann sich irgendwann ändern, wenn plötzlich solche Kombinationen auftreten, die viele schon vorhandene Änderungen in einen neuen, in einen richtig guten Zusammenhang bringen. Dann werden all diese Änderungen wirksam und das sie tragende Lebewesen kann sich über die nächsten Generationen mit seinesgleichen verändern. Nicht das einzelne Individuum trägt nämlich die Neuerung in sich, sondern viele Artgenossen bereits mit ihm.“ (Ebd., S. 36).

„Um zu einer nachhaltigen Veränderung zu kommen, würde ein Individuum allein gar nichts beitragen können, wenn nicht viele Partner schon vorhanden wären, die bereits ähnlich ausgestattet sind. Im Ergebnis scheint die Entwicklung daher »gelenkt« oder »gerichtet«, weil nur bestimmte Veränderungen zulässig sind. Alle anderen passen nicht, sind nicht fähig zu überleben oder ergeben keine brauchbaren Kombinationen mit Artgenossen, die diese »Mutation« nicht tragen oder ertragen können. Aus diesem Grund war und ist es auch gänzlich undenkbar, einem Hund durch Züchtung Flügel wachsen zu lassen oder bei Haushühnern das Eierlegen durch das Gebären von lebenden Jungen ersetzen zu wollen. Das Wozu ergibt sich aus dem Woher und nicht aus einer vorgegebenen Richtung oder gar aus einem festgelegten Ziel. Selbst wenn wir Menschen uns ein Ziel vorgeben möchten, muß dieses »realistisch«, also auf die gegebene Wirklichkeit bezogen sein.“ (Ebd., S. 36-37).

„Diese Wirklichkeit beschränkt uns in so vielfältiger Weise, daß die Lösungen, die der Mensch suchte und fand, fast immer mit Hilfe von Technik und mit äußeren, von unserem Körper unabhängigen Produkten, den Gerätschaften im weitesten Sinne, zustande kamen. Fliegen können wir nicht mit eigenen Armen, die Schwingen von Adlern tragen, wohl aber mit Fluggeräten. Beim Laufen stellen knapp 10 Sekunden für 100-Meter-Sprints die biologische Grenze dar. Für Motoren oder Raketenantriebe spielen die Grenzen, die unser Körper setzt, natürlich keine Rolle. Mehr noch: Weil die Vorgänge bei der Neuzusammensetzung des Erbguts in den Organismen keine Möglichkeit haben, in die Zukunft zu blicken, werden sie stets nur in der Gegenwart ihrer Träger wirksam. Die Evolution ist zukunftsblind, wurde bereits betont. Das stimmt hinsichtlich einer bestimmten Zielsetzung. Sie ist jedoch offen, sehr weit offen sogar, für die Zukunft, weil sie mit der unfaßbaren Vielfalt an Möglichkeiten zu neuen Kombinationen mehr »bietet«als die Zukunft tatsächlich ausschöpfen und durchprobieren kann.“ (Ebd., S. 37).

„Was oft als »blinder Zufall« mißverstanden wird, beinhaltet eigentlich die denkbar beste Antwort des Lebens auf alle Unwägbarkeiten der Zukunft. Weil das Leben zukunftsorientiert ist, konnte es bestehen und wird es weiter erfolgreich bleiben. Komme, was da wolle!“ (Ebd., S. 38).

„Damit löst sich die oft aufgeworfene Frage nach dem Woher und Wohin der Evolution ganz von selbst. Das Woher umfaßt die ganze Geschichte des Lebens vom allerersten Anfang an, als Materie sich so organisiert hatte, daß Vorgänge ablaufen konnten, die wir in der Rückschau mit dem Leben verbinden: Abgrenzung von innen und außen, Stoffwechsel, Aufnahme und Umsatz von Energie, Fortpflanzung, Veränderung (also Evolution). Alle Teile davon lassen sich in der nichtlebendigen Natur finden. Die besondere Kombination ergibt den Zustand, den wir für »lebendig« halten, aber nicht immer so ganz eindeutig von nicht oder noch nicht lebender Materie unterscheiden können. So tragen Viren prinzipiell gleichartig aufgebaute Information in ihrem Erbgut wie alle »echten Lebewesen« auch. Dennoch müssen sie anders betrachtet werden, weil sie lebende Zellen brauchen, um selbst »lebendig« werden zu können. Man hat die Existenzform der Viren als »geborgtes Leben« bezeichnet. Weniger geheimnisvoll verhält es sich mit unseren Roten Blutkörperchen. Sie sind so kennzeichnend geformt, daß sie bei mikroskopischer Betrachtung mit nichts anderem im Blut verwechselt werden können. Da sie aber keinen Zellkern und damit auch kein eigenes Erbgut haben, können sie sich auch nicht fortpflanzen. Zum »Leben« brauchen sie das Blut des Körpers, um entstehen zu können das Rote Knochenmark. Sie transportieren Sauerstoff und stellen damit einen ganz und gar unentbehrlichen Bestandteil des Körpers dar. Sie entstehen, wachsen und sie altern, bis sie schließlich nach rund 100 Tagen, wenn ihnen sonst nichts passiert, vergehen. “ (Ebd., S. 38-39).

„Die modernen Methoden der Analyse erlauben es inzwischen, freies Erbgut etwa im Boden oder in unseren Ausscheidungen nachzuweisen. Bruchstücke von DNS-Erbgut halten sich noch lange in den Resten von Lebewesen, die nach und nach zerfallen. Für sich allein genommen sind sie natürlich nicht mehr lebendig, auch wenn sie vordem die Informationen getragen hatten, die für das Leben der Art, von der sie stammen, die unentbehrliche Voraussetzung gewesen waren. Lebendiges und Totes sowie Unbelebtes gehen somit andauernd ineinander über. Das Wohin stellt sich als Frage daher beim Menschen, wenn er nach Sinn und Zweck sucht. Die Evolution als Ganzes erweist sich als großartiger Vorgang, bei dem im Verlauf von mindestens 4 Milliarden Jahren auf der Erde eine phantastische Vielfalt von Lebewesen entstand, die nachhaltig und anhaltend die äußere Natur der Erde veränderten.“ (Ebd., S. 39).

„Zu oft ziehen wir ... den »falschen« »echten Zufall« heran, anstatt den »richtigen«, den vom Vorhandenen gelenkten Zufall zu Grunde zu legen. Die Vergangenheit, insbesondere das Aussterben, sagt uns vielleicht mehr über die Zukunft!“ (Ebd., S. 40).

„So unglaublich es auch klingen mag, es überlebten solche Verwandte der Dinosaurier, die wir ohne genauere Kenntnisse ihnen gar nicht zuordnen würden, nämlich die Vögel. Ihre große Zeit begann, als die Dinosaurier ausgestorben waren.“ (Ebd., S. 44).

„Das Leben wurde auf seinem Weg durch die Zeiten offenbar immer wieder von mehr oder weniger gewaltigen Katastrophen getroffen. Dabei geriet es mitunter fast aus der Bahn und an den Rand der Vernichtung. Vor etwa 400 Millionen Jahren wäre es beinahe ganz zu Grunde gegangen. Das Ende der weitaus besser bekannten Dinosaurier wurde wahrscheinlich - so der gegenwärtige Stand der Forschung - durch ein Zusammentreffen von mehreren gewaltigen Einschlägen von Riesenmeteoriten und Vulkanausbrüchen ausgelöst. Sie veränderten weithin auf dem Land wie auch im Meer die damaligen Lebensbedingungen so sehr, daß nahezu alle Tiere ausstarben, die mehr als 10 Kilogramm Körpergewicht hatten. Das Meer muß seinen Zustand plötzlich so stark verändert haben, daß ein noch größerer Anteil des Lebens in diesem größten und für gewöhnlich stabilstem Lebensraum zu Grunde ging.“ (Ebd., S. 45).

„Vorsichtige Bilanzen besagen, daß der allergrößte Teil der Lebewesen - Einzeller und Bakterien, die die wahren Überlebenskünstler sind, wohl ausgenommen - nicht auf Dauer überlebt hatte, sondern ausgestorben ist. Mit 90 bis 99 Prozent »Fehlschlägen« ist zu rechnen. Das Aussterben ist also völlig normal im Gang des Lebens; außergewöhnlich sind die sogenannten lebenden Fossilien. Damit meint man solche Arten von Lebewesen, die es seit vielen Jahrmillionen gibt.“ (Ebd., S. 47-48).

„Bei uns Menschen gehören Fossilien mit eindeutig aufrechtem Gang, aberSchädelgröße und -form, die sehr stark an Menschenaffen erinnert, zu ... Zwischen-oder Übergangsstadien. Es war weahrscheinlich auch eine Katastrophe, die den Anstoß zur eigentlichen biologischen Menschwerdung gegeben hatte. Vor zweieinhalb bis drei Millionen Jahren schloß sich die Landbrücke zwischen den beiden Kontinentalblöcken von Nord- und Südamerika und wurde über eine Reihe von Vulkanen zudem, was wir heute die »mittelamerikanische Landbrücke« nennen. Als sie vor etwa drei Millioenn Jahren weitgehend fertig war, erzeugte sie einen besonderen Meeresstrom, der das Klima der ganzen Erde seither verändert hat und nachhaltigst beeinflußt, den Golfstrom. Seine warmen Wassermassen ließen die riesige Eiskappe über dem Nordpol weitgehend abschmelzen und das vorher ziemlich ruhige Klima aus dem »Gleichgewicht« (Anführungszeichen von mir; HB) geraten. Es setzte die »eiszeitliche Klimaschaukel« mit ihrem Wechsel zwischen Kaltzeiten (= Eiszeiten) und Warmzeiten (= Zwischeneiszeiten) ein, der bis in unsere Gegenwart andauert. Zusammen mit gewaltigen Vulkanausbrüchen in Ostafrika gestalteten diese erdgeschichtlichen Großereignisse das Leben neu. Für noch in den Tropenwäldern Afrikas vorhandene Formen von Menschenaffen wurde die an Großtieren so reiche Savanne mit dem Wechsel von Regen- und Trockenzeiten ein ergiebiger neuer Lebensraum.“ (Ebd., S. 48-50).

„Die fernen Vorfahren der Menschen schafften es, sich diese neuen Lebensmöglichkeiten nutzbar zu machen. Sie gewannen mit mehr Fleisch in ihrer Nahrung ganz erhebliche Vorteile. Diese äußern sich bis heute in mehr Kindern pro Frau und weit längerer Betreuungszeit des Nachwuchses als bei den Menschenaffen. In der Bilanz ergab sich etwa eine Vervierfachung bis Verfünffachung der Fortpflanzungsleistung für die werdenden Menschen. Die Katastrophen hatten dazu die neuen Rahmenbedingungen geschaffen.“ (Ebd., S. 50).

„Überlegungen, daß die durchschnittliche Existenzzeit einer Art (bei Säugetieren) mindestens eine Million Jahre beträgt, mögen tröstlich erscheinen. Der Neandertaler überlebte rund 200000 Jahre, also ein gutes Stück länger als der moderne Mensch. Für diesen »modernen Menschen«, für Homo sapiens (sapiens; HB), ist es jedoch ohne Belang, wie der Durchschnitt für andere Lebensformen aussieht. Für die Zukunft des Menschen geht es wohl erstmals in der gesamten Geschichte des Lebens darum, wie sich der Mensch benimmt, wie wir uns verhalten! Wir haben es in der Hand, unser Überleben zu sichern und die Zukunft lebenswert zu erhalten. Ob wir dieser Verantwortung gerecht werden können, hängt auch keineswegs davon ab, was für ein Erbe wir in uns tragen. Die Genetik spielte bis in unsere Gegenwart die überwältigende Rolle in der Evolution. Deshalb verlief sie so langsam. Mit der Entstehung der Kultur sind die Entwicklungen vielhundertfach beschleunigt worden. Was das bedeutet, ergibt sich am besten aus einer genaueren Betrachtung der Genetik in der Evolution des Menschen.“ (Ebd., S. 51-52).

„Geneteiker haben das Erbgut von Mensch und Schimpanse verglichen. Ihre Befunde überraschten. .... Denn zu 98,8 Prozent sollten wir demnach (noch) Schimpanse sein, weil wir die gleichen Gene wie sie haben. Und nur zu etwas mehr als einem Prozent »Mensch«. Alle Menschen sind sich untereinander genetisch aber so ähnlich, daß Unterschiede nur im Promillebereich festzustellen sind. Was besagt dieser »Ein-Prozent-Unterschied« zwischen Affe und Mensch? Zunächst einmal bedeutet der Befund, daß wir Menschen eine ganze Anzahl, nämlich knapp 400 verschiedene Gene in uns tragen, die Schimpansen und andere Menschenaffen nicht haben. Da sich die Stammeslinien von Menschenaffen und Menschen aber bereits vor gut 6 Millionen Jalhren voneinander getrennt hatten, würde sich rein rechnerisch ein neues oder anderes Gen alle 15000 Jahre ergeben. In dieser Zahl wird die Langsamkeit der biologischen Evolution recht anschaulich. Tatsächlich besitzen die Menschenaffen im Wesentlichen sogar dieselben Blutgruppen wie wir Menschen.“ (Ebd., S. 53-54).

„Von einer anderen Affenart, die uns noch viel ferner steht, stammen Befunde zu einem weiteren wichtigen Blutfaktor, der z. B. über Erfolg oder Misserfolg von Schwangerschaften mit entscheidet. Das ist der Rhesus-faktor, benannt nach den südasiatischen Rhesusaffen. Das zeigt: Wir sind Teil des Lebens -und nicht außerhalb der lebendigen Natur!“ (Ebd., S. 54).

„Es sind die Eigenschaften und Fähigkeiten, wie die Sprache, die Fähigkeit, Schrift zu entwickeln, zu erlernen und zu benutzen, Musik hervorzubringen, zu denken, bewußt zu handeln und zu planen. Unser Denken in Zeit und Raum,. kurz unser Geist, gehört fraglos weit mehr zum Menschsein als der Körperbau.“ (Ebd., S. 56).

„Das Menschenkind kommt bei der Geburt mit einem im Vergleich zum Schimpansenbaby oder zu andern Affenkindern viel zu großen Kopf und einem geradezu unternetwickelten Kopf zur Welt. Kopf- und Körperentwicklung scheuinen aus dem Gleichmaß geraten. Auch nach der Geburt entwickelt sich der Kopf mit dem vergleichsweise riesigen Gehirn sehr rasch weiter, während der Körper weit dahinter herhinkt. Deshalb dauert es auch rund ein Jahr, bis das Neugeborene anfängt, sich auf die Füße aufzurichten und das Gehen zu versuchen. Schneller erlernt es das Sprechen und die Sprache als die völlige Beherrschung des Körpers. Ein drei- oder vierjähriger Schimpanse ist längst ein blitzschneller, frecher »Lümmel«, wenn das Kleinkind damit beginnt, beim Laufen in Schwung zu kommen. Die nachgeburtliche Entwicklung des Kindes nimmt die doppelte bis fast dreifache Zeitspanne bis zum Selbständigwerden in Anspruch, verglichen mit den Schimpansen. Was sich hierin ausdrückt, sind unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten. Sie betreffen nicht nur die kindliche Entwicklung insgesamt, sondern auch einzelne Phasen. Das Gehirn kommt weit schneller voran als der Körper, die Hände greifen rascher als die Füße zum Laufen taugen. Als Besonderheit kommt die Verlagerung des Kehlkopfes nach unten hinzu. Anfänglich sitzt dieser beim Neugeborenen noch so hoch, daß dieses gleichzeitig an der Mutterbrust trinken und atmen kann. Dabei verschluckt es sich nicht. Mit der Absenkung des Kehlkopfes gewinnt der Mund- und Rachenraum die Struktur, die eine voll artikulierte Sprache ermöglicht. Aber nun kann sich der Mensch auch verschlucken und sollte tunlichst vermeiden, während des Essens (Schluckens) zu sprechen.“ (Ebd., S. 58-60).

„Vorgeburtlich kommt noch etwas höchst Merkwürdiges hinzu. Der sich entwickelnde Fötus bildet ein embryonales Haarkleid aus, das schon vor der Geburt wieder abgestoßen und dann nicht wieder erneuert wird. Die Anlagen zur Entwicklung eines Fells sind also vorhanden. Sie werden jedoch normalerweise nachgeburtlich nicht wieder »angeschaltet«. Nicht das Vorhandensein von Genen an sich ist entscheidend, sondern zu welchem Zeitpunkt der Entwicklung sie tätig werden. Einzelne so genannte Regulator-Gene können durch unterschiedliches Aktivieren anderer somit die weiteren Entwicklungen sehr stark verändern, obwohl sich am Vorhandensein der Gene nichts geändert hat. Kurz gefaßt: Der Mensch weicht bei seiner Entwicklung im »Zeitprogramm« weitaus stärker von den Menschenaffen ab, als an dem Grad seiner Abweichung inden Genen abzulesen ist. Die Menschwerdung liegt offensichtlich nicht allein in den anderen Genen als vielmehr in einem anderen Programm begründet.“ (Ebd., S. 60).

„Die von einer Sprache unabhängige Verständigung funktioniert recht gut. Sie bildete die Voraussetzung für die Kontaktaufnahme zu ganz fremden, neu entdeckten Menschengruppen, die von der gesprochenen Sprache der Ankömmlinge nichts verstehen konnten.“ (Ebd., S. 62).

„Der Mensch konnte nur überleben durch Zusammenhalt, durch Kooperation. Im Kern seiner Lebensweise steht die Familie. Sie konnte nur erfolgreich sein, wenn die Kinder entsprechend gut und sicher über die so stark verlängerte Betreuungszeit versorgt wurden. Wie schon ausgeführt, fällt diese bei Menschenkindern doppelt oder dreimal so lange aus wie bei Schimpansen bis zur hinreichenden Selbständigkeit.“ (Ebd., S. 64).

„Für das Überleben zählt in der Evolution nur eines. Das sind die Nachkommen. Wer keine Nachkommen hinterläßt oder zu wenige im Vergleich zu anderen, stirbt mit seiner Linie aus. Unter den urzeitlichen Bedingungen, die bis in die jüngste Vergangenheit, nämlich bis zur Entwicklung von Viehzucht und Ackerbau (**) herrschten, hätte es sicherlich niemals ausgereicht, wenn Menschen nur in Kernfamilien gelebt hätten. Die Frau mit hilflosen Kleinkindern vielleicht tagelang zu verlassen, um auf der Jagd oder der Suche nach Fleisch von toten Tieren erfolgreich zu sein, hätte über kurz oder lang mit Sicherheit das Auslöschen der Familie zur Folge. Sie wäre Raubtieren oder Feinden der eigenen Art zum Opfer gefallen. Auch der Geschickteste setzt sich allein im wilden Gelände einer unverhältnismäßig großen Gefahr aus, verglichen mit einer ganzen Gruppe von Jägern. Sie kann sowohl dem Wild nachstellen als auch auf Gefahren achten und sich gegen Angreifer von anderen Gruppen zur Wehr setzen. Bei Tieren, vor allem auch bei Affen, zeigt sich dies vielfach. Die Strategien der Gruppen und die Rahmenbedingungen der Gruppenbildung sind gut erforscht. Zudem wissen wir aus den Forschungen von Völkerkundlern an so genannten Steinzeitvölkern, daß alle zumindest in Großfamilien, meistens aber in Clans organisiert waren, die mehrere solcher umfaßten. Über die Zusammenschlüsse wurden so lebenswichtige Maßnahmen möglich, wie Arbeitsteilung, Spezialisierung auf bestimmte Aufgaben oder Leistungen und eben der so wichtige Schutz.“ (Ebd., S. 64-65).

„Kooperation zahlt sich aus. Das geht aus allen Studien hervor, die an sozial organisierten Lebewesen durchgeführt worden sind. Die Vorteile wirken in doppelter Weise. Zunächst begünstigt die soziale Kooperation den eigenen Nachwuchs, weil dieser niemals so gut und so gesichert aufwachsen könnte, wie im Schutz der größeren Gruppe. Die Sorge für die eigenen Nachkommen gewinnt mit der Kooperation. Aber auch wechselseitige Vorteile ergeben sich ganz von selbst, denn so gut wie nie wird es jahraus jahrein den gleichen Ertrag aus der Umwelt geben. Auf Tage und Zeiten des Überflusses werden auf jeden Fall solche des Mangels folgen. Wer mit anderen teilt und kooperiert, kann auf deren Bereitschaft, es auch so zu machen, zählen. Das mag nicht immer klappen, denn betrogen wurde vermutlich von Anbeginn an, aber sicher häufig genug, so daß sich kooperatives Verhalten langfristig lohnte.“ (Ebd., S. 65-66).

„Die Egoisten hatten auf Dauer keine Chance. Sie vereinzelten und waren letztlich zum Aussterben verdammt. Wer sich jedoch der Gruppe gegenüber kooperativ verhielt, dessen Altruismus wurde auch immer wieder belohnt. »Gibst Du mir, geb ich Dir!«, sagt der Volksmund. Fachleute nennen das »reziproker Altruismus«, was nichts weiter meint als wechselseitiger Ausgleich von Hilfen oder Leistungen. Der Mensch ist daher aus gutem Grund »von Natur aus gut«, wenn er »den Nächsten hilft«. Nächstenliebe ist so gemein, und sie wurde seit Urzeiten auch so praktiziert. Wer hingegen nur von Anderen nimmt, aber nichts gibt, muß in allen Kulturen dieser Welt damit rechnen, ausgeschlossen oder gar ausgestoßen zu werden.“ (Ebd., S. 66).

„Das mit Abstand beste Mittel, zu diesem wechselseitigen Ausgleich von Leistungen und Interessen zu kommen, stellt natürlich die Sprache dar. Mit ihr verständigen sich die Gruppenmitglieder untereinander. An ihr werden Fremde aus anderen Gruppen erkannt und »eingestuft«. Nur wer versteht, was gemeint ist, kann uneingeschränkt teilnehmen am Leben der Gemeinschaft. Die Sprache vermittelt die Identität. Sie wird deshalb auch unbedingt benötigt, um ein gut funktionierendes Gruppenleben aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Von Anfang an beeinflußt, ja prägt sie das Denken der Menschen. Denn was von klein an in der Gruppe gelernt wird, das prägt sich auf eine fast unauslöschliche Weise ein. Wir wissen, daß Erlebnisse und Eindrücke aus der Kindheit im fortgeschrittenen Alter wieder auftauchen. Oder daß von Krankheiten schwer beeinträchtigte alte Menschen im Gastland, dessen Sprache sie jahrzehntelang uneingeschränkt benutzt hatten, wieder auf ihre Muttersprache zurückfallen.“ (Ebd., S. 67).

„Wir benennen die Gefühle, die mit der Prägung auf die Herkunft verbunden sind, mit den Wörtern »Heimat« und »Heimweh«. Die Stärke dieser Gefühle drückt aus, ob und in welchem Ausmaß die betreffenden Menschen mit ihrer Herkunft verbunden, »verwurzelt« sind. Für »die Heimat« waren und sind ungezählte Menschen bereit, ihr Leben zu geben. Kämpfe und Kriege verbinden sich mit dieser starken Bindung an die eigene Gruppe, an das eigene Volk.“ (Ebd., S. 67).

„ Im Ausdruck »Nation« steckt das Wort Herkunft (das Geborensein) und kaum eine andere Bereitschaft, sich mit den eigenen Leuten kooperativ zusammenzutun, wird von so starken Gefühlen begleitet, wie dann, wenn es um die Nation geht. Der guten, ja der besten Seite des Menschen, seine Fähigkeit zu umfassender Zusammenarbeit mit dem Mitmenschen, steht die so dunkle, andere Seite gegenüber, daß er mittels der Ausgrenzung von Anderen für diese zum schlimmsten Feind wird.“ (Ebd., S. 67).

„Parallelen dazu im Tierreich sollten uns nachdenklich stimmen: Die am höchsten entwickelten »Staatswesen« bei Tieren gibt es bei Ameisen. In Ameisenstaaten sind die einzelnen Ameisen so sehr dem »Wohl des Ganzen« unterworfen, daß sie auf chemische Signale hin ohne zu zögern umfassend das eigene Leben einsetzen, mit anderen Kolonien Kriege führen, Sklaven halten und raubend umherziehen. Was sie praktizieren, fällt oftmals so »menschenähnlich« aus, daß dieselben Wörter benutzt werden, auch wenn weder Denken, noch Strategien vergleichbarer Art dahinter stehen. Der extreme soziale Zusammenschluß hat auch die extremsten Verhaltensweisen »den Anderen« gegenüber hervorgebracht. In der menschlichen Geschichte spiegelt sich vielfach dieses Ringen zwischen Freiheit und Abhängigkeit, zwischen Eigenverantwortlichkeit und einer Staatsräson, die blinden Gehorsam fordert. Ein totalitärer Staat ist genauso unmenschlich wie ein extremer Individualismus unverantwortlich ist. (Ein extremer Individualismus ist auch insofern totalitär und unmenschlich, weil jedes Lebewesen nur genetisch-biologisch ein »Individuum« und schon soziobiologisch kein »Individuum« mehr ist; HB). Der Mensch gehört als soziales Wesen in eine menschliche Gesellschaftsform. Nur dann wird er zu jener Kooperation bereit sein, die allen daran Beteiligten zugute kommt.“ (Ebd., S. 67-68).

„Aristoteles, der große Gelehrte der Alten Griechen, dessen Lehren und Ideen bis in die Gegenwart nachwirken, vertrat eine gleich dreifache Unterlegenheit der Frau. Sie sei dem Manne an Körperkraft (physisch), geistig (intellektuell) und sittlich (moralisch) unterlegen.“ (Ebd., S. 69).

„Eine der wichtigsten Wirkungen der sexuellen Fortpflanzung, wenn nicht die bedeutendste überhaupt, liegt ... in der neumischung der Gene. Diese erschwert es den Krankheitserregern, die Immunabwehr zu überwinden. Deswegen treffen sich in dieser Funktion auch Kraft und Schönheit. Was die Vogelmännchen zur Schau stellen, ist nämlich keineswegs eine nutzlose »reine Schönheit«, sondern der sichtbare Nachweis dafür, daß sie kerngesund und topfit sind.“ (Ebd., S. 74).

„Weibchen sind wahlerisch, weil sie einen (sehr) hohen Einsatz für die Fortpflanzung leisten, Mannchen hingegen versuchen jede Chance zu nutzen, die sich bietet.“ (Ebd., S. 75).

„Noch immer, ohne zu werten, betrachten wir jetzt die Verhältnisse bei den nachsten Verwandten, den Menschenaffen. Ihr Sozial- und Sexualverhalten ist sehr gründlich erforscht worden. Bei den nächsten Verwandten durchzieht ein für viele Säugetiere festzustellendes Verhalten den Bereich der Sexualität. Das ist die Rangordnung. Gesellschaften von Affen und Menschenaffen sind in der Regel ziemlich ausgeprägt hierarchisch organisiert. An der »Spitze« der Gruppe steht das kräftigste Männchen, der Pascha oder »Alphamann«. Er hat sich die Position im Kampf erobert; mitunter auch mit geschickten Allianzen und List, nicht nur mit seinen Muskeln allein. Die Weibchen in der Gruppe versucht er zu beherrschen, doch diese verstehen es durchaus, mit eigenen Allianzen gewisse Gegengewichte und teilweise Unabhängigkeiten zu schaffen.“ (Ebd., S. 75).

„Doch gibt es nun im sexuellen Bereich etwas Merkwürdiges, was die Menschen beim Betrachten der Vorgänge in Zoologischen Gärten fasziniert oder befremdet. Sexuelles Verhalten wird nicht nur direkt zum ersichtlichen Zweck der Fortpflanzung eingesetzt, sondern auch, um Bindungen in der Gruppe zu erzeugen oder gar, wie bei den Bonobo-Schimpansen, um Konflikte zu bereinigen. Diese Schimpansen können geradezu Frieden stiften mit Sexualität, die allerdings nun treffender Erotik genannt werden sollte. Wie ausgeprägt und wer mit wem, hängt von der Zusammensetzung der Gruppe ab. Es ist nicht einfach »von Natur aus« festgelegt. In Schimpansengruppen geht es mitunter weit brutaler zu als in Gemeinschaften der Bonobos. Paarung und Fortpflanzung können zum rechten Zeitpunkt zusammenfallen, tun dies einen Großteil des Jahres aber überhaupt nicht. Die Sexualität hat eine andere, eine soziale Funktion.“ (Ebd., S. 76).

„Was läßt sich daraus für den Menschen entnehmen? Erstens, daß die viel gerühmte Natur keineswegs »das« Vorbild für ein gutes Leben »im Einklang mit der Natur« sein muß. Die Bedingungen sind verschieden, die Entwicklungswege, welche die verschiedenen Arten genommen haben, sind es auch. Wenn etwas in der Natur so ist, heißt das nicht, daß es für immer und ewig und überall so sein muß! Genau das ist die Botschaft, die sich aus dem Gewordensein, aus der Evolution ergibt. Zweitens lassen sich Geschlechterrollen keineswegs nur über die Fortpflanzung bestimmen.“ (Ebd., S. 76).

„Das Verhältnis zwischen Mann und Frau konzentriert sich ... in allen Gesellschaften der Menschen ungleich stärker auf die Bindung als auf die bloße Zeugung. Je kleiner die Kernfamilien werden, desto stärker steigt dieser Bindungsanteil an. In Großfamilien und eng zusammenhaltenden Familienclans garantiert das viel weiter gefächerte Netzwerk sozialer Bindung die Sicherheit des Nachwuchses. Der extreme Rückgang der Geburtenrate in den modernen westlichen Gesellschaften ergab sich aus der weitgehenden Auflösung der Großfamilien. An ihre Stelle trat auf höchst zweifelhafte und gänzlich unzureichende Weise »der Staat« als anonyme Auffangorganisation. Die Folgen sehen wir im gesamten Sozialbereich. Sie stehen in Zusammenhang mit der hohen Arbeitslosigkeit und belasten die Zukunftssicherung durch die Renten. In der Natur würden solche Sozietäten als »sterbend « eingestuft werden. Politische Maßnahmen werden kaum etwas dagegen ausrichten können, so lange sie nicht an den Ursachen ansetzen.“ (Ebd., S. 77).

„Die Grundlage der Vererbung liegt ... darin, daß väterliches und mütterliches Erbgut bei der Befruchtung in jeweils einfacher Ausführung zusammenkommen und zum »Doppelstrang« der Erbinformation vereint werden. Die Fehler, die auf dem einen Strang auftreten, gleichen die »richtigen Positionen« auf den andren wechselseitig aus. So enbtsteht nicht nur die für die Abwehr von Krankheitserregern so wichtige Neukombination, sondern es wird auch weitestgehend vermieden, daß Erbgutschäden auftreten.“ (Ebd., S. 78).

„Sogar bei vielen Tieren sind Verhaltensweisen gefunden worden, die verhindern, daß Verpaarungen zwischen allzu eng Verwandten regelmäßig vorkommen. “ (Ebd., S. 79).

„Die Samenzelle kann sich nicht teilen. Sie hat die nötige Ausstattung dazu bei ihrer Entstehung nicht mitbekommen. Insbesondere fehlen winzige, aber äußerst wichtige Bestandteile, die mit dem Fachausdruck Mitochondrien bezeichnet werden. Bei diesen handelt es sich gleichsam um Mini-Organe (wissenschaftlich Organellen genannt). Sie liefern die Energie für das Leben der Zelle. Man könnte sie die kleinen Kraftwerke der Zellen nennen. Diese gibt also nur die Mutter mit dem Ei, das befruchtet wird, dem neuen Lebewesen mit. Die Mitochondrien teilen und erneuern sich selbst. Sie stammen daher alle von der mütterlichen Linie ab. Da auch sie ein wenig Erbgut enthalten, in dem es im Lauf der Zeiten zu Mutationen kommt, läßt sich durch genau Ermittlung der Menge der Mutationen das Alter der Stammeslinie berechnen.“ (Ebd., S. 80).

„In einem einfachen Vergleich könnte man sagen, wenn der Familienname stets nur über die Mütter weitergegeben wird, und es mit der Zeit zu veränderten Schreib- oder Aussprechweisen (durch Dialekte) kommt, sollte sich auch herausbekommen lassen, wann der Name zum ersten Mal aufgetreten ist.“ (Ebd., S. 80).

„Im Prinzip geht so die Forschung bei der Untersuchung der Mitochondrien vor. Sie dienen als molekulare Uhr; eine Uhr, die sehr langsam tickt. Sie mißt die Zeit nicht nach Tagen oder Jahren, nicht einmal nach Jahrhunderten, sondern erst in Tausenden bis Hunderttausenden von Jahren. Was die moderne Molekulargenetik damit fand, war der afrikanische Ursprung von uns Menschen. Er wird nach heutigem Kenntnisstand auf die Zeit vor etwa 150000 Jahren zurückdatiert. Aus Afrika heraus nach Vorderasien und Europa kamen die Menschen erst vor 70 bis 50000 Jahren. Doch da sich in so langen Zeiträumen auch anderweitige Mutationen ereignen und, wenn sie nicht sehr schädlich sind, auch anreichern, ergibt sich die Möglichkeit, die Wege der Menschen damit nachzuverfolgen. Unsere Ausbreitungsgeschichte steht in groben Zügen in den Genen geschrieben. Übrigens deckt sie sich für die letzten 40000 Jahre weitestgehend mit der Geschichte und geographischen Ausbreitung der Sprachen.“ (Ebd., S. 80-81).

„Kriege sind keine Folge der Bevölkerungsexplosion der Menschheit, sondern sie begleiten die Wege der Menschheit offenbar von Anfang an.“ (Ebd., S. 83).

„Klimaveränderungen und Bedrohung durch Krankheiten dürften die äußeren Triebkräfte für die Auswanderungen aus der afrikanischen Urheimat gewesen sein.“ (Ebd., S. 83).

„Vor Ursprung des Lebens vor mehr als vier Milliarden Jahren an entwickelte sich eine zunehmende Komplexität. Die am einfachsten gebauten Lebensformen sind die ältesten.“ (Ebd., S. 87-88).

„Die Kompliziertesten, die am weitesten von der unbelebten Natur verselbständigten Formen sind die jüngsten. Dabei geht es nicht allein um die Größe der Lebewesen, sondern um die Komplexität im inneren Aufbau und in der Leistungsfähigkeit, vor allem im Nervensystem und im Gehirn. Als Grundtendenz läßt sich die fortschreitende Lösung von den Umweltbedingungen feststellen, die »Emanzipation des Lebens«. Es schafft sich vielfach die Existenzbedingungen selbst.“ (Ebd., S. 88).

„Aus den langen Zeiten des frühen Ursprungs stammen die Grundlinien der Entwicklung. Sehr klar erscheinen uns in der Gegenwart Tiere und Pflanzen voneinander getrennt, aber in der femen Anfangszeit der Evolution treffen sie zusammen auf ununterscheidbare Weise. Evolution bedeutet daher auch die Entstehung von Vielfalt, die voneinander getrennt ist und nicht einfach allmählich ineinander übergeht. Die stoffliche Grundlage der Evolution bildet das Erbgut, das Genom. Es enthält die Bau- und Betriebsanweisungen für alle Organismen. Diese sind Computerprogrammen vergleichbar gespeichert und in ihrer konkreten Form wie ein Text »aufgeschrieben«. Sie sind veränderlich. Die Mechanismen ihrer Veränderungen kennen wir: Vervielfältigung, Versatz von Teilstücken, Hinzufügung neuer Information aus anderer Quelle und Änderungen durch Mutationen.“ (Ebd., S. 88).

„Letztere sind keineswegs, wie vielfach und fälschlich angenommen wird, die alleinigen Auslöser von Veränderungen. Sie setzen so komplizierte Gebilde wie die Augen nicht »per Zufall« zusammen, sondern aus der Gesamtheit von Informationen, die im Genom gespeichert sind und die in Zusammenhang mit Lichtempfindlichkeit und Bildung von Lichtsinnesorganen (»Augen«) stehen. Hunderte und Aberhunderte unterschiedlicher Augenformen gibt es dazu. Vom einfachsten, auf Licht reagierenden Sehfarbstoff (»Sehpurpur« ) und Zellansammlungen, die diesen enthalten, über kleine, nach innen gesenkte Grübchen, die einfachste Möglichkeiten zur Richtungserfassung des Lichtes eröffnen, bis zu komplizierten Augen mit Linsen oder ganzen Komplexen von Linsen gibt es alle Übergänge - bis heute! Darin steckt ein weiteres Merkmal der Evolution: Sie baut ausnahmslos auf dem Vorhandenen auf. Nichts kommt plötzlich ganz neu hinzu. Das gilt auch für die so genannten geistigen Prozesse. Wir Menschen nehmen sicherlich zu Recht in Anspruch, einen menschlichen Geist zu haben. Zu gern aber vergessen wir, das »menschlich« hinzuzufügen.“ (Ebd., S. 88-89).

„Denn ohne Zweifel sind Vorgänge, die über Nerven ablaufen und in Gehirnen ausgewertet werden, zumindest auch bei vielen Tieren (die wir als »höhere« oder »intelligente« Tiere ganz von selbst einstufen!) vorhanden. Katze und Hund, Vogel und Fisch haben sicherlich auch »Geist«, nur eben nicht den menschlichen! Schimpansen, die uns so nahe stehen, ähneln uns Menschen in zahlreichen Formen des Verhaltens. Sie begreifen viel, was wir tun oder wollen. Auch Hunde können das bekanntlich. Dennoch bleiben sie mit ihrem Geist Schimpansen oder Hunde und werden keine nur etwas unterbemittelten Menschen. Worum es sich bei dem, was wir so ganz allgemein (und nicht auf den Menschen beschränkt) Geist nennen, wirklich handelt, wissen wir nicht. Vielleicht können wir einschränken: noch nicht? Denn auch in diesem Bereich macht die moderne Forschung enorme Fortschritte. Schon sind die Kenntnisse so gut, daß mit »Gentechnik« Veränderungen möglich geworden sind, die man sich in der Zeit nach der Entdeckung der DNS (DNA) nicht hätte erträumen können. Gerade die Gentechnik weist mit ihren Erfolgen nach, daß die Natur des Erbguts und die von ihr getragene und ermöglichte Evolution richtig verstanden worden ist.“ (Ebd., S. 89-90).

„Nach und nach wird auch die Rolle des Stoffwechsels deutlicher. Das Erbgut kann seine »Anweisungen« nur dann umsetzen, wenn es die Möglichkeiten dazu in den Zellen gibt. Diese stellt der Stoffwechsel her. Viele Abläufe darin sind erforscht und verstanden. Die Forschung wird intensiv weitergeführt, auch um herauszubekommen, warum sich mitunter das Erbgut (oder Teile davon) so ganz falsch verhalten und unkontrolliertes Wachstum in Gang setzen kann, das nicht mehr oder nur mit massiven, schädigenden Eingriffen von außen zu stoppen ist. Krebs nennen wir dieses rätselhafte Phänomen, bei dem sich das Erbgut wie ein Parasit verhält, der sein eigenes Leben zerstört. Dieser Punkt leitet zu einem noch allgemeineren Befund über: Die Gesamtheit der Lebewesen ist (zumindest aus unserer Sicht) nicht einfach und umfassend »gut«. Die Welt des Lebendigen enthält außerordentlich viel Zerstörerisches.“ (Ebd., S. 90).

„Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. das gilt seit langem als eine Art von Lebensweisheit. Wir sollten daher Tiere und Pflanzen nicht nur nach unseren menschlichen Empfindungen »messen«, weil wir von Natur aus damit Schönes von Häßlichem, harmonisch-symmetrisch Aufgebautes von Abartigem und von Missbildungen ganz von selbst unterscheiden.“ (Ebd., S. 90-91).

„Ergibt sich aus alledem die Notwendigkeit, eine lenkende, die Richtung vorgebende Kraft für die Evolution anzunehmen oder gar einzufordern? Die meisten Evolutionsbiologen werden dazu genauso nein sagen wie die Physiker und Chemiker als »exakte Naturwissenschaftler« ein zeitweises Außerkraftsetzen der Naturgesetze durch Wunder ablehnen. Es liegt in der Naturgesetzlichkeit, daß sich die Welt nicht nur in physikalischer und chemischer Hinsicht entwickeln konnte, sondern auch im gesamten Bereich des Lebendigen. Lenkende Eingriffe oder Wunder sind nirgends in der Evolution zu finden oder als Erklärung für die Vorgänge notwendig. Schließlich gibt es auch keine Anzeichen dafür, daß die Evolution einer bestimmten, festgelegten Richtung folgen würde. Im Gegenteil: Sie erscheint uns offen und frei für die Zukunft, nicht vorbestimmt und in eine Bahn gezwungen. Freiheit kennzeichnet den Verlauf - und eben diese Freiheit wollen wir auch für uns, für unser eigenes Leben in Anspruch nehmen. Wir betrachten uns nicht wie Marionetten, denn wenn wir solche wären, hätten wir auch keine eigene Verantwortung und keinen freien Willen. Diesen unseren »freien Willen« (**) näher zu betrachten, gebietet das Nachdenken über die Evolution und über uns selbst.“ (Ebd., S. 91).

„Kann ich wollen, was ich will, oder will ich, weil ich (so) wollen muß?“ (Ebd., S. 92).

„Psychologie und Psychoanalyse sind ... gleichermaßen ... umstrittene Wissenschaften ....“ (Ebd., S. 94).

„Eine Wiederholung ist unmöglich.“ (Ebd., S. 94).

„Freiheit und Notwendigkeit greifen so sehr und so untrennbar ineinander, daß sie eine Einheit bilden.“ (Ebd., S. 94).

„Nein, es gibt keine allgemeine Festlegung der Evolution durch unverrückbare »Gesetze«! Nein, es sit auch nicht alles frei! Die Abläufe in der zeit, die wir als »Evolution« zusammenfassen, zeichnen sich durch beides aus: Bedingtheit und Freiheit! Aus dem in mancher Hinsicht einem langbeinigen Hasen ähnlichen Urpferdchen mußte nicht ein Pferd entstehen - so, wie wir es kennen -, aber es konnte so werden, weil die Freiheit dazu gegeben war. Nilpferde oder gar Seepferdchen hätten sich daraus nicht entwickeln können.“ (Ebd., S. 95).

„Vom Alten hängt das Neue ab und wird durch jenes weiter bestimmt und geprägt. Es handelt sich um eine von sogenannten Rahmenbedingungen eingeschränkte Freiheit. Wahrscheinlich ist es mit unserem »freien Willen« auch so. Wir können nur im Rahmen dessen frei entscheiden, was wir wollen können. Der »freie Wille« wird daher von manchen Forschern, etwa aus dem Bereich der Hirnforschung, als Wunschbild abgetan. Gern würden wir frei sein, können es aber nicht, von unwesentlichen Kleinigkeiten abgesehen.“ (Ebd., S. 95).

„Evolution bedeutet Anpassung und Freiheit. Gerade aus diesem allgemeinen Befund gewinnt der »freie Wille« (**) des Menschen seine stärkste Stütze. Freiheit ist vorhanden. Aus jeder Einschränkung erwachsen neue, bisher nicht dagewesene Freiheiten. Betrachten wir dazu, um vom Menschen abzusehen, die Evolution der Vögel. Sie nahmen ihren Ursprung in Kriechtieren (Reptilien), und zwar in solchen, die auf die Hinterbeine halb aufgerichtet schnell laufen konnten. Die Vorderbeine waren dabei eher hinderlich. Einige heute noch existierende Reptilien drücken sie bei schnellem Lauf seitlich an den Körper und bewegen sie nicht im Wechselschritt mit, wie wir Menschen beim Laufen die Arme, die vormals auch Vorderbeine gewesen waren. Als nun durch Verstärkung der Stoffwechseltätigkeit dauerhaft warmes Blut im Körper und sich vergrößernde, auffransende Schuppen entstanden waren, wurde der Zustand erreicht, daß die beschuppten Vorderbeine wie eine einfache Tragfläche wirkten und einige Meter Flug ermöglichten. Wir können dies bei Küken beobachten, wenn sie in Freiheit aufwachsen, Federn und Flügelchen entwickeln. Die Verbesserung dieser kleinen Gleitstrecken mit raschen »Flügelschlägen« vergrößert die Reichweite. Bald erreichen die jungen Hühner dann den Zustand, richtig fliegen zu können.“ (Ebd., S. 97).

„Ganz ähnlich muß es sich bei der Evolution der Vögel abgespielt haben, weil zu den verschiedenen Stadien Fossilfunde vorliegen. Diese zeigen, daß es durchaus mehrere, vielleicht sogar viele unterschiedliche Ansätze dazu gegeben hatte. Wichtig ist aber nur, daß nach anfänglicher Einschränkung der Benutzung der vorderen Gliedmaßen und deren allmählicher Umbildung zum flugtauglichen Flügel buchstäblich eine neue Welt erschlossen werden konnte. Aus Echsen, die zwar gut und schnell laufen konnten, aber an den Boden gebunden blieben, waren Vögel geworden, denen der Luftraum der ganzen Erde offen stand. Keine anderen Lebewesen, nicht einmal wir Menschen, wenn wir ohne technische Hilfsmittel sind, können die Erde so umfassend von Pol zu Pol und rund um den ganzen Globus in allen Höhen und tief hinab ins Weltmeer nutzen wie die Vögel. Der konstruktive Zwang der Zweibeinigkeit mit Umgestaltung der beiden Vordergliedmaßen zu den Flügeln eröffnete ihnen den Luftraum. Besser als jedes Flugzeug fliegen sie mit ungleich größerer Sicherheit durch die Nacht über Land und Meer. Sterne reichen ihnen zur Orientierung oder das Magnetfeld der Erde. Dennoch finden sie zielgenau, was sie suchen. Viele Millionen Jahre vor ihnen eröffneten sich an Land gehende Fische die große Welt außerhalb des Wassers. So baut auf jede größere evolutionäre Veränderung neue Vielfalt auf.“ (Ebd., S. 97-98).

„Vielleicht sollten wir Menschen uns mit unserer eigenen Mannigfaltigkeit als eine solcherart neue Stufe des Lebens empfinden. Wir fügen uns damit ein in den großartigen Vorgang der Evolution und heben uns gleichzeitig daraus hervor mit dem Hinausgreifen in die Welt des Geistes. Mag sein, daß dieser noch nicht weit genug entwickelt und gediehen ist, um sich seiner selbst in umfassender Weise bewußt zu werden. Das Geistige existiert dennoch, auch wenn es stofflich nicht faßbar ist. Zur Evolution wäre dies nicht nur kein Widerspruch, sondern vielmehr Fortsetzung der grundlegenden Vorgänge in eine weitere Sphäre hinein. Das Auftauchen des Geistigen, die »Emergenz« von materielosem Geschehen, das gleichwohl an Materie in bestimmter Organisationsform gebunden ist (Nervensysteme und Gehirne), fügt sich nahtlos in das Evolutionsgeschehen und macht dieses noch großartiger, als es bei Betrachtung der rein materiellen Ausdrucksformen des Werdens schon gesehen werden muß. Doch erneut und noch stärker als vordem wirft dies die Frage auf, ob es eine Zielstrebigkeit in der Evolution gibt.“ (Ebd., S.98-99).

„Charles Darwin hatte die Evolution nicht erfunden. Der Entwicklungsgedanke war lange vor ihm schon vorhanden. Darwins Leistung bestand darin, mit der »natürlichen Auslese« (natural selection) einen nachvollziehbaren Mechanismus vorgeschlagen zu haben, dessen Wirken überprüft werden konnte. Sein Vorbild waren die Tier- und Pflanzenzüchter. Doch diese hatten Ziele. Wenigstens ungefähre Vorstellungen, wie das betreffende Tier oder die Gartenpflanze werden sollte, leiteten ihr Tun. .... Darwin Schlußfolgerung war, daß die natürliche Selektion eben keine vorgegebene Richtung hab. Diese ergibt sich ganz von selbst aufgrund der herrschenden Bedingungen. An diese, an die sogenannte Umwelt passen sich die Lebewesen an.“ (Ebd., S. 100).

„Nach Darwin mußte Evolution außerordentlich langsam verlaufen, weil sich die Veränderungen immer nur nach statistischen Zufälligkeiten ergeben, anhäufen und über die natürliche Selektion sortiert werden. Die Befunde der Erdwissenschaften, zumal der Geologie, unterstützten Darwin.“ (Ebd., S. 101).

„Als die Natur des Erbguts erkannt war, schien ein für allemal die Frage geklärt, ob die Evolution Ziele habe, wie Lamarck meinte, oder im Sinne Darwins ein Zufallsprozeß sei. Die Gene selbst geben keine Richtung vor. Was von Generation zu Generation wirklich zählt, das sind die Veränderungen in der Häufigkeit von Genen und den von ihnen bestimmten Merkmalen. Meistens »stabilisiert« die Umwelt, weil solche Gene bessere Chancen haben, in die nächsten Generationen zu gelangen, die den Umweltbedingungen am besten entsprechen. So lange sich diese nicht nachhaltig und rasch verändern, ändert die Selektion die Richtung nicht. In diesen, zumeist recht lang anhaltenden Zeiten scheint die Evolution Roulette zu spielen. Das Ergebnis bleibt sich im Endeffekt gleich, weil »Rot« und »Schwarz« sehr nahe beieinander liegen. Die zufällig unterschiedlichen Häufigkeiten, mit denen sie auftreten, bewirken nichts. Erst wenn sich die Außenbedingungen stark verändern, kommt Richtung in das »Spiel«, in das evolutionäre Spiel auf der Bühne der Natur.“ (Ebd., S. 101-102).

„Richtungsänderungen können auf zwei recht unterschiedliche Weisen zustande kommen. Die eine, überwiegend angenommene beruht auf einem »Druck« der Umwelt. Die betreffende, unter Druck geratene Art weicht nach und nach aus, weil diejenigen Individuen, die gleichsam zum Bereich der dem Druck abgewandten Seite gehören, etwas günstiger dran sind als die dem Druck ganz unmittelbar ausgesetzten.“ (Ebd., S. 102).

„Weit weniger bekannt, für die großen Veränderungen aber unvergleichlich bedeutungsvoller ist die ganz andere Möglichkeit: Es haben sich neue Lebensperspektiven ergeben, die genutzt werden können. Die Art, die angefangen hat, diese zu nutzen, entwickelt sich auch ohne Druck in diese hinein. Die Evolution des Menschen gehört zu diesem Modell. Die Nutzung der freien Savanne mit ihrem Reichtum an hochwertiger Nahrung (in Form des Fleisches und der Markknochen von Großtieren) stellte vor gut sechs Millionen Jahren so eine »große Chance« dar. Die fernen Vorläufer der Menschen nutzten sie und gelangten so auf eine ganz neue, höchst vorteilhafte Entwicklungsbahn, während die Vorfahren der Schimpansen und der anderen Menschenaffen diese Möglichkeit nicht ergriffen hatten, sondern in den Wäldern blieben. Sie machen seither kaum nennenswerte Fortschritte - ganz im Gegensatz zum Menschen.“ (Ebd., S. 102-103).

„Wiederum tun sich sogleich Parallelen in der jüngeren Geschichte der Menschheit auf. Sie reagierte nicht als Ganzes. Vielmehr folgten einzelne Völker oder Regionen den »fortschrittlichen neuen Möglichkeiten«, während andere im Traditionellen verhaftet blieben und zurückfielen. (Angemerkt werden muß jedoch, daß die »Fortschrittlichen«, das sind die Abendländer und ihre »Ableger«, sich nicht vermehren, also aussterben, während die »Traditionellen«, die Nichtabendländer, sich explosionsartig vermehren, also überleben; HB). Manche führen eine Lebensweise wie zu biblischen und vorbiblischen Zeiten, während die »fortschrittlichen« Völker, die wir heute die »entwickelten« nennen, mit Wissenschaft und Technik enorme Fortschritte machten, die Oberhand gewannen und den weiteren Weg der Geschichte entscheidend bestimmen. Der Selektion durch massiven Druck waren zum Beispiel die Ureinwohner Amerikas ausgesetzt, denen die Europäer verheerende Krankheiten gebracht hatten.“ (Ebd., S. 103).

„Die Bilanz erzeugt zwangsläufig den Eindruck von Zielstrebigkeit, weil Erfolg auf Erfolg aufbaut und Mißerfolge bedeuten, daß die betreffenden Bevölkerungen (oder Arten in der Natur) zurückfallen. Der Wandel ist es, der dem Leben Beständigkeit garantiert. Eigentlich wissen wir, daß dies auch in unserem Leben so ist !“ (Ebd., S. 103).

„Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte, daß ausgerechnet der heftigste Verfechter von ~s Sicht der Evolution in Deutschland, Ernst Haeckel, eine umfassende Geistigkeit der Materie seinem »Monismus« zugrunde gelegt hatte. Es gibt nichts außerhalb der Natur; alles ist Natur. Materie und Geist sind eins. Jedes Atom trägt sein Quäntchen Geist in sich. Je komplexer die Organisation desto mehr Geist kann sie erzeugen. Die Milliarden untereinander vernetzter Gehirnzellen stellen die bislang erreichte höchste Stufe der Geistigkeit dar. Wenn sie absterben, verschwindet der Geist. Unabhängig von der Materie kann nichts Geistiges existieren. Daher gibt es weder Seelen noch ein Leben nach dem Tod.“ (Ebd., S. 105).

„Diese als Materialismus bezeichnete Sicht mag im Grundsatz von vielen Menschen geteilt werden, nicht nur von Evolutionsbiologen, die sich dann selbst auch mitunter als Agnostiker zu erkennen geben. Großreligionen der Menschheit stecken die beiden Pole ab, die sich daraus ergeben: Ein vollständiges Bezogensein auf das »Diesseits«, weil es kein »Jenseits« gibt, oder eine umfassend beseelte Natur, in die der Mensch eingebettet ist und sich über die Seelenwanderung durchaus auch in anderen Lebewesen wiederfinden kann. Das Ringen um Einsicht in das Phänomen des Geistes drückt sich darin aus. Ein völlig geistfreies, rein maschinenhaft-mechanistisches Weltbild vertreten sicherlich nur sehr wenige Menschen.“ (Ebd., S. 105-106).

„Nun kann man sich zwar fragen, was denkt sich eigentlich ein Computer, der mit so viel Daten, intelligenten Verknüpfungen und anderen Computern verbunden ist. Merkwürdigerweise halten wohl die allermeisten Menschen solche Fragen für eine Spielerei oder für eine Denksportaufgabe. »Die Natur« hingegen sind sie bereit zu personifizieren. Sie sprechen über die Natur wie zu Urzeiten von der »Mutter Erde«, von »Gaia« oder einfach auch nur von »der Natur«, die über dem Menschen stehe. Man bescheinigt ihr Schönheit und Vollkommenheit. Und wie gelungenes Menschenwerk einen (oder zahlreiche) Erzeuger hat, so müsse »die Natur« zwangsläufig einen Schöpfer haben, der all das Schöne und Vollkommene in ihre Entwicklung legte. Alles paßt so wunderbar zueinander. Darwin gestand, daß ihm der Anblick des so vollkommenen Pfauenrades größtes Kopfzerbrechen bereitete. Weil es offenbar keine äußere Notwendigkeit dafür gab, eine solche Pracht zu erzeugen, die sogar für den Träger hinderlich sein müsse und sein Überleben gefährde, weil ihn der überlange Schmuck so auffällig mache.“ (Ebd., S. 106).

„Nun ist bereits darauf hingewiesen worden, daß es gute Gründe dafür gibt, Schönheit als solche erkennen zu können. Sie verrät dem ersten Blick, daß es diesem Lebewesen gut geht und daß es ohne nennenswerte Schwierigkeiten aus dem befruchteten Ei aufgewachsen und zur Reife gelangt ist. Schönheit spiegelt Lebenskraft (oder Fitneß, wie es in der Evolutionsbiologie genannt wird, um keine Mißverständnisse mit einer geheimnisvollen Kraft aufkommen zu lassen!). Belasten Krankheiten und Parasiten einen Organismus zu sehr, büßt er nach und nach an Schönheit ein. Alterung ruft andere Eindrücke und Empfindungen hervor als die Schönheit einer lebensvollen Jugend. Das wissen wir alle, und so empfinden wir, ohne dazu angeleitet werden zu müssen.“ (Ebd., S. 107).

„Schönheit und Vollkommenheit tragen also zumindest teilweise überlebenswichtige Botschaften nach außen: Dieser Organismus ist gesund und tauglich für die weitere Fortpflanzung. Wenn mit dieser auch noch weiterer Aufwand verbunden ist, wird der Nachweis von Kraft, Stärke oder Ausdauer wichtig. Auch dazu finden wir eine Fülle höchst überzeugender Beispiele in der gesamten Natur. Es ist auch noch gar nicht so lange her, daß etwa in Europa junge Männer, die heiraten wollten, nachweisen mußten, daß sie in der Lage sind, eine Familie zu ernähren. Daß der Bursche jung und hübsch war, wurde als nicht ausreichend erachtet.“ (Ebd., S. 108).

„Die Natur in uns drängt uns immer wieder das Vorurteil auf, das uns dazu verleitet, nach dem ersten Eindruck zu reagieren. Viele Menschen sind darauf hereingefallen, noch mehr wurden deswegen unfair behandelt. Wir sollten daher unseren Blick auf »die Natur« mit mindestens derselben nüchternen Skepsis begleiten, die beim Blick auf andere Menschen angebracht ist. Allzu leicht fallen wir auf die Vorurteile herein.“ (Ebd., S. 108).

„Es rührt uns nicht, daß über 90 Prozent aller Lebewesen, die jemals auf der Erde existierten, wieder ausgestorben sind; vielleicht auch mehr als 99 Prozent. Ob die Menschheit irgendwann auch zu diesen Ausgestorbenen zählen wird, bekümmert uns Gegenwärtige nicht. Wir gehen mit der Erde und ihrem Leben um, als ob alles uns allein gehörte und wir auf keine Zukunft Rücksicht nehmen müßten. Der allergrößte Teil der Menschheit, mindestens sechs Milliarden Menschen, lebt so völlig zukunftsblind in der Gegenwart, wie es alle Organismen zu allen Zeiten getan haben. Wer das Wirken der Menschheit auf der Erde in seiner Gesamtheit betrachtet, wird schwerlich daran zweifeln können, daß der Mensch genauso weitermacht, wie alle anderen Lebewesen in der Evolution auch.“ (Ebd., S. 109).

„Ob die Evolution, ob das leben selbst, ob vielleicht die gesamte Natur bis zum letzten atomaren Teilchen und zur fernsten Galaxie von einem geistigen Prinzip durchdrungen ist, wird sich so lange unserer Kenntnis entziehen, wie wir die Natur der Materie nicht verstanden haben. Davon sind wir bekanntlich noch weit entfernt. Vielleicht werden wir das sein auch nie begreifen, nur glauben können. “ (Ebd., S. 110).

„Wie klein, wie stümperhaft ist doch Menschenwerk, verglichen mit der Größe der Natur! Nicht einmal allein das Leben offenbart das Wirken einer solchen höheren Instanz, sondern auch die nichtlebendige Natur. Es gäbe in ihr kein Leben, zumindest nicht dieses, so wie wir es kennen und erleben, hätte das Wasser nicht so besondere Eigenschaften. Es durchsetzt alles Lebendige. Ohne Wasser gäbe es zumindest kein höheres Leben. Doch dieses Wasser verhält sich in höchst merkwürdiger und außerordentlich bedeutsamer Weise anders als andere, vergleichbare chemische Verbindungen. Seine Schwere (genauer; seine Dichte) nimmt nicht zu, wenn die Temperatur abnimmt, sondern unter vier Grad Celsius beginnt es wieder leichter zu werden. Wenn es gefriert, also zu Eis wird und damit in den festen Zustand übergeht, wird es noch einmal leichter, so daß es auf dem Wasser schwimmt. Wäre das nicht so, würde das Eis zum Boden aller Gewässer absinken. Das Weltmeer wäre längst ein vollständiges Eismeer, das nur an der Oberfläche Pfützen getauten Wassers tragen würde. Auch das Bodenwasser würde wie in den polaren Breiten zu Bodeneis gefrieren. Keine günstigen Lebensbedingungen wären das. Die Erde wäre im wesentlichen eine Eiskugel und kein Wasserplanet.“ (Ebd., S. 111-112).

„Eine ganze Anzahl weiterer wichtiger Voraussetzungen für das Leben ließen sich anführen, von denen nur ein Stoff noch genannt werden soll, der Sauerstoff. Wir brauchen ihn zur Atmung. Die Tiere und auch eigentlich die Pflanzen brauchen ihn. Ohne Sauerstoff können nur winzig kleine, zur Großgruppe der Bakterien gehörige Lebewesen auskommen. Für diese ist er allerdings ein zerstörerisches Gift. Freien Sauerstoff gab es jedoch in der langen Phase der Urzeit der Erde gar nicht. Seine heutige Fülle, die etwa 21 Prozent der Gase ausmacht, welche die Lufthülle der Erde bilden, stammt von Pflanzen. Von winzig kleinen pflanzenartigen Lebewesen, die noch zu den Bakterien gehören. Früher wurden sie Blaualgen genannt. Aber da sie keine Algen, sondern eben Angehörige einer bestimmten Gruppe von Bakterien sind, sollten sie zutreffender als Blaugrünbakterien (Cyanobakterien) bezeichnet werden. Hunderte von Millionen Jahre lang erzeugten in der fernen Urzeit der Erde diese Blaugrünbakterien Sauerstoff. Denn sie, und nur sie allein, beherrschen einen chemischen Vorgang, den wir Photosynthese nennen. Dabei wird mit Hilfe der Energie des Sonnenlichts aus Kohlendioxid (CO2) und Wasser (H20) Zucker hergestellt. Als »Abfallprodukt« entsteht Sauerstoff.“ (Ebd., S. 112-113).

„Die grünen Pflanzen, die in unserer Gegenwart wie schon seit gut 500 Millionen Jahren diese Photosynthese betreiben, bedienen sich dazu jener Blaugrünbakterien. Sie hatten diese zu Beginn der Entstehung der Pflanzenwelt in ihre Zellen aufgenommen, einquartiert und seither benutzen sie diese »Mitarbeiter« (Symbionten) zur Erzeugung von Zucker und anderen organischen Stoffen. Der Sauerstoff, der dabei nach wie vor frei wird, sammelte sich in der Atmosphäre an und ermöglichte den Tieren und viel später auch den Menschen die Atmung. Er leistet aber noch mehr, denn aus dem von den Pflanzen freigesetzten Sauerstoff entsteht durch die »harte« Strahlung der Sonne das Ozon. Dieses schützt das Leben auf der Erde wie ein Hochleistunmgs-Sonnenschirm. Gäbe es die Ozonschicht nicht, hätte das Leben gar nicht aus dem Meer an Land kommen können.“ (Ebd., S. 113-114.

„Die wirklich Guten sind so rar wie die wahren Heiligen.“ (Ebd., S. 116).

„Die weitaus meisten Arten, die das Leben hervorbrachte, sind auch wieder ausgestorben (**). Die Erde ist weit davon entfernt, ein ausgewogenes System darzustellen. Viele Millionen Jahre lang wucherten Wälder so sehr, daß die Überproduktion, die sie erzeugten, nicht wieder in den Kreislauf der Stoffe zurückkehren konnte. Die Folge war, daß große Teile dieser Wälder gleichsam an sich selbst erstickten. Dabei entstanden Steinkohle und Erdöl. Andere Überschüsse kamen zustande, weil Korallentiere so sehr wuchsen, daß ihre Ausscheidungen riesige Kalkriffe bildeten. Nur an ihrer obersten Fläche können die Polypen leben, die all das erzeugten, auf dem sie sitzen. Aus ausgeschiedenem Kalk wuchsen durch Verschiebungen der Kontinente Gebirge in die Höhe. Nicht einmal die feste Kruste der Erde ist »fest«, sondern in Bewegung. Wir bemerken diese Bewegung erst dann, wenn sich wieder einmal irgendwo ein gewaltiger Druck aufgestaut hat und sich in einem Erdbeben löst.“ (Ebd., S. 116).

„Vulkanausbrüche, Erdbebenwellen aus dem Meer, Stürme, Feuersbrünste und sonstige Katastrophen vernichten offenbar ziel- und planlos Leben in großem Umfang. Und sollte der intelligente Plan gar falsch gewesen sein, daß mit der Urgewalt kosmischer Einschläge von Riesenmeteoriten das Leben mehrfach auf eine neue Bahn gebracht wurde?“ (Ebd., S. 116).

„Entgleisungen in der Tätigkeit des Erbguts, wie der Krebs, den es bei Pflanzen und Tieren und nicht nur beim Menschen gibt, lassen sich nicht so recht nachvollziehbar einem intelligenten »Designer« zuschieben, wohl aber der allgemeinen fehlerhaften Natur.“ (Ebd., S. 117).

„Bekanntlich gibt es ja selbst in der Bibel zwei verschieden Schöpfungsberichte, die, würde man sie wörtlich nehmen, einander widersprächen (vgl. Genesis, 1,1-2,4 und 2,4-2,25).“ (Ebd., S. 120).

„Am Anfang steht die Energie, aus der Materie entsteht, die gesondert werden kann, weil sie aus verscheidenen Formen (Elementen) besteht.“ (Ebd., S. 120).

„Der »Kreationismus«, der den biblischen Schöpfergott wörtlich nehmen will, mißachtet Jahrtausende Erfahrung, Forschung und Auslegung.“ (Ebd., S. 122).

„Die Grenzfragen betreffen Materie und Geist, den Materialismus, der alles »nur« auf die Materie bezieht, und die Energien, die wirken oder umgesetzt werden.“ (Ebd., S. 123).

„Stren genommen kann die Naturwissenschaft auch nicht klären, was gut oder böse, was Recht oder Unrecht ist. Die Wertungen gehen vom Menschen aus.“ (Ebd., S. 123).

Stabile Ungleichgewichte. Die Ökologie der Zukunft (2008)

„Nichts ist bekanntlich von Dauer; auch das härteste Gestein unterliegt der Erosion und dem Zerfall mit der Zeit. Das Leben muß dieser Gesetzmäßigkeit allein schon deswegen massiv entgegenwirken, um sich überhaupt erhalten zu können. Die Physik bezeichnt dieses Naturphänomen als Entropie und betont ihre unvermeidbare Zunahme mit der Zeit. Das Leben muß sich gegen diese Entropie stemmen. Wie es das schafft, ist im Grundsatz bekannt, aber in vielen Details noch immer reichlich unverstanden. Der Grundsatz besagt, daß Leben Energie aufnehmen muß, um beständig gegen den Zerfall, gegen die Entropie, sich selbst immer wieder aufzubauen. .... Der Physiknobelpreisträger Ilya Prigogine bezeichnete die Organismen daher als »dissipative Strukturen«, weil sie schneller, als es dem physikalischen Zerfall entspricht, Energie in Entropie umwandeln und davon selbst leben. Sie halten sich - solange sie leben - »fern vom Gleichgewicht«. Nähern sie sich dem physikalischen Gleichgewicht an, gehen sie zugrunde. Der Tod ist das Erreichen des (thermodymischen) Gleichgewichts. In einer solcherart physikalischen Beschreibung erscheint Leben als ein Prozeß, der sich von der unbelebten Welt abgelöst, also emanzipiert hat.“ (Ebd., S. 39).

„Der aus der romantischen Naturschwärmerei und dem Heimatschutz hevorgegangene Naturschutz erhielt mit dieser auf Harmonie abgestimmten Ökologie eine wissenschaftliche Grundlage. Von diser aus ließen sich Ziele entwickeln, wie »die Natur« sein oder bleiben soll und warum Arten geschützt werden müssen. Der Naturhaushalt braucht sie, sonst gerät er aus dem Gleichgewicht. Eine Verherrlichung der Natur griff um sich. Die Natur war gut .... Die Natur war gut, weil sie den Kontrast zu den schrecklichen Zuständen in den durch die Industrialisierung enorm wachsenden Städten bildete.“ (Ebd., S. 43).

„Die Pflanzen benötigen mehr als nur Kohlendioxid, Wasser und Sonnenlicht zum Wachstum. Auch wir können wie alle Lebewesen nicht nur von Energie leben. Die Stoffe, um die es wirklich geht, das sind die Proteine, die essentiellen Aminosäuren, die lebenswichtige Verbindungen sind.“ (Ebd., S. 47-48).

„Das erkannte Anfang des 19. Jahrhunderts der deutsche Chemiker Justus von Liebig - und revolutionierte mit seiner Erkenntnis die Landwirtschaft. Die Felder und Fluren Mitteleuropas waren und blieben trotz Sonnenlicht, Wasser und zumindest einigen Sommern mit ausreichender Wärme ertragsschwach, weil die Böden ausgelaugt und an Mineralstoffen verarmt waren. Liebig ermittelte das richtige Verhältnis der Mineralstoffe und erfand den Kunstdünger. Seine Hauptbestandteile sind Stickstoff, Phosphor und Kaliumverbindungen, und eine lange Zeit benutzte Abkürzung lautete demzufolge Nitrophoska (Nitro für Stickstoff). Das »richtige Verhältnis« führte ihn auch auf die richtige Spur. Liebig formulierte den Befund als Gesetzmäßigkeit: Die Höhe der (pflanzlichen) Produktion hängt von jenem Stoff oder Faktor ab, der im Vergleich zu den anderen im Minimum ist. Als »Liebigsches Minimumgesetz« ist es bekanntgeworden. Die Landwirtschaft nahm ... daraufhin einen ungeahnten Aufschwung zu gänzlich unerwarteten Produktionshöhen.“ (Ebd., 2008, S. 48).

„Im Mutterland der Ökolgie, in Deutschland.“ (Ebd., S. 49).

„3 grundlegende Eigenschaften eines Organismus ...: Abgrenzung des Innenlebens nach außen, zentrale Funktionssteuerung und Fähigkeit zur Fortpflanzung.“ (Ebd., S. 51).

„Wärme begünstigt das Leben, wenn es genug Wasser gibt. Doch selbst in den trockenen Hitzewüsten exitieren noch weit mehr verscheidenartige Lebewesen als in den Kälteregionen, wo zumindest zeitweise reichlich Wasser zur Verfügung steht. Warum ist das so - und warum macht der Mensch eine auffällige Ausnahme? Leben doch die weitaus meisten Menschen in den gemäßigten Klimazonen und erheblich mehr in den kalten Regionen als in tropischen Regenwäldern.“ (Ebd., S. 57).

„So finden wir auch in der globalen Nutzung der Landschaften einen höchst bedeutsamen Zusammenhang: Je instabiler, desto attraktiver und einträglicher. Wo langfristig, über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg, Stabilität herrscht, tut sich der Mensch schwer. Und nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere. Ihre Häufigkeit geht zurück, wenn Mangel eintritt, aber ihre Artenvielfalt nimmt dabei zu.“ (Ebd., S. 70).

„Daß es die Vielfalt an Arten überhaupt gibt, hängt wahrschienlich mit der Bewältigung des Mangels zusammen. Wo Ressourcen knapp sind, überleben die Spezialisten besser, die mit dem wenigen auskommen können, das es gibt. Die Stabilität solcher Systeme wäre demnach nur der Eindruck, der entsteht, wenn sich wenig ändert, weil sich nicht mehr ändern kann. Wo es higegen viel zu holen gibt, wird sich auch viel ändern.“ (Ebd., S. 72).

„Wir können in den höchst bedeutsamen, weil das ganze Leben auf der Erde grundsätzlich charakterisierenden Vorgängen zwei Richtungen erkennen. Die eine, die alte und und ursprüngliche geht von der schnellstmöglichen Vermehrung aus. Die Organismen selbst bleiben (winzig) klein, und es sind die Produkte ihres Stoffwechsels, die sich anhäufen und die zu neuen Ressourcen mit der Zeit werden. Die andere sammelt gleichsam Kapital an. Ihr Anwachsen ist mit starker Größenzunahme verbunden. Die Ressourcen, die Bäume in ihren Stämmen ansammeln, sind den anderen, den Konkurrenten, weggenommen. Man kann diese Verfahrensweise auch »Monopolisierung« nennen. Bäume, die schneller als ihre Nachbarn wachsen, übergipfeln diese und unterdrücken sie. Von Zehntausenden, die als Sämlinge angefangen haben, bleibt vielleicht einer übrig. Die anderen sind durch die zunehmende Konkurrenzkraft dieses einen Baumes erdrückt und verdrängt worden. Der »Gewinn« liegt in der Langlebigkeit und in der damit verbundenen Dauerhaftigkeit. Der Nachteil, am Ort festgesetzt zu sein, muß dadurch ausgeglichen werden, ansonsten würde sich diese Lebensweise nicht lohnen und keinen Bestand auf Dauer haben können. Je nach Art der örtlichen Lebensbedingungen, ob stark flukturierend oder länger andauernd gleichbleibend, hat die eine oder die andere Form Vor- und Nachteile. Eine absolut überlegene Strategie gibt es nicht. Die »Mitte« zwischen den Extremen, zwischen mikroskopisch kleinen Organismen und den gewaltigen Bäumen, bilden unter den Pflanzen vor allem die langlebigen Gräser.“ (Ebd., S. 76).

„Wird das Holz der Wälder genutzt, dauert der Wiederaufbau mindestens Jahrzehnte, bei »Harthölzern« Jahrhunderte. Nachhaltige Nutzung ist daher nur mit langfristiger Vorausplanung möglich. Das erkannten die Forstleute im 17. und 18. Jahrhundert und schufen mit ihrem Grundsatz der forstlichen Nachhaltigkeit die heutige Forstwirtschaft. Auch wenn sie ganze Bäume oder größere »Schläge« nutzt, bleibt sie im Rahmen des auf der Gesamtfläche zu erzielenden Zuwachses undd amit in der Nachhaltigkeit. Einzig die Gräser im weiteren Sinne vertragen kurzfristige Totalnutzungen.“ (Ebd., S. 77-78).

„Die Ressourcennutzung gliedert sich ... in zwei einander entgegengesetzte Enden eines Spektrums von Möglichkeiten, in die freie Ausbeutung und in die soziale Unterdrückung. Die nach menschlicher Wertung mittleren, »vernünftigeren« Bereiche sind nicht besetzt. Daraus folgt der Schluß, daß sie unter Naturbedingungen auch nicht wirklich überlebensfähig sind. Sie stelle, so der Fachausdruck, keine »evolutionär stabile Strategie« dar. Gemeint ist mit dieser Bezeichnung, daß ihr Auftreten, sollte es aus irgendwelchen Umständen heraus tatsächlich zu einer »moderat-vernünftigen« Nutzung und dazu passenden »gerechten« Vermehrung für alle Beteiligten kommen, nur von kurzer Dauer sein wird.“ (Ebd., S. 83).

„Die Ausbeuter leben mit hohem Risiko aus hohen Gewinnen, die »Nachhaltigen« erkaufen sich ihre Beständigkeit mit massiven Zwängen und Einbußen an Freiheit“ (Ebd., S. 84).

„Vögel dürfte es gar nicht geben, wenn das Prinzip vom sparsamen Umgang mit der Energie allgemeine Gültigkeit in der Natur hätte.“ (Ebd., S. 84).

„Leben bedient sich der Ungleichgewichte. Sie sind auch da vorhanden, wo wir Gleichgewichte zu erkennen vermeinen. Auch in der nichtlebendigen Natur herrschen sie vor.“ (Ebd., S. 92).

„Entscheidend ist jedoch das Verhältnis des Sauerstoffs zum Kohlendioxid. Dieses ist mit rund 0,3 Promille im Minimum; ein paar weitere Prozent Sauerstoff mehr spielen demgegenüber nur eine nachrangige Rolle. In diesem so ausgeprägten Spannungsverhältnis von 209 Promille Sauerstoff zu 0,3 Promille Kohlendioxid läuft der bei weitem größte Teil allen lebens auf der Erde ab. Dieses Ungleichgewicht hält die »tragende Spannung« aufrecht.“ (Ebd., S. 93-94).

„Das Fließgleichgewicht bleibt, dem Bild des strömenden Flusses durchaus entsprechend, fernab vom Gleichgewicht.“ (Ebd., S. 96).

„Die Lebewesen bauen die Ungleichgewichte über die aktive Aufnahme von Energie auf .... Organismen können daher die Intensität ihrer Fließgleichgewichte verändern.“ (Ebd., S. 98).

„Aktives Leben bedeutet in jedem Fall die Aufnahme von Energie, die das lebende System fern vom Gleichgewicht hält. Wie schon ausgeführt, muß die aufgenommene Energie schneller umgesetzt werden, als es dem natürlichen Zerfall in Wärme entspräche. Nur dann kann die lebendige Materie Aktivität entfalten.“ (Ebd., S. 99).

„Nur die klare Trennung von innen und außen hält die Spannung aufrecht, unter der sich die Lebensprozesse entwickeln können. Organismen sind, ihrem Namen gemäß, Organisationsformen von Materie, die durch ein inneres Fließgleichgewicht fern vom Gleichgewicht mit der Umwelt gehalten werden. Bricht diese Trennung zusammen, ... erlischt das Leben, und der Körper ist, wenngleich noch vorhanden, tot.“ (Ebd., S. 99-100).

„Die Ökosysteme sind offen. Lebewesen sind das nur eingeschränkt. Die Ökosysteme haben keine feste Struktur. Die Lebewesen entwickeln sich über flexible Strukturen.“ (Ebd., S. 101).

„Eingriffe in den Naturhaushalt, Störung des Gleichgewichts der Natur, Gefährdung ganzer Ökosysteme oder gar ihr Zusammenbruch: solche Begriffiichkeiten bilden längst nicht nur Schlagworte im besonderen Wortschatz von Natur- und Umweltschützern. Sie haben auch Eingang in Gesetze und Verordnungen gefunden. Neue Versionen davon sind Bezeichnungen wie unsere »ökologischen Fußabdrücke«, die wir hinterlassen, weil wir einen viel zu voll geladenen »ökologischen Rucksack« tragen. Das klingt fast wie Erbsünde; zumindest für all jene Menschen, die in der Ersten Welt geboren wurden und hier aufgewachsen sind. Von Geburt an tragen sie nun den Makel, das Kainsmal der hochentwickelten Zivilisation. Viel besser sind die in der Dritten Welt geborenen, weil es ihnen schlechter geht. Daraus folgt die Forderung, allen Menschen sollte die gleiche Menge an Energie zugemessen werden, die sie verbrauchen und als Kohlendioxid freisetzen.“ (Ebd., S. 105).

„Am ehesten entsprechen die naturfernsten Betätigungsbereiche den Idealen von Ausgewogenheit. So die regeln, die für den Straßenverkehr gelten, und die Bestimmungen in der Luftfahrt, die wirklich fast alle gleichermaßen treffen. Aber mit natürlichen Gleichgewichten haben ausgerechnet diese Gleichbehandlungen von vornherein nichts zu tun.“ (Ebd., S. 115).

„Seit dem »Umweltgipfel von Rio de Janeiro« 1992 gilt das Konzept der Nachhaltigkeit als eines der Leitmotive für die Entwicklung. »Nachhaltige Entwicklung« ... hatte der maßgeblich vom damaligen deutschen Umweltminister Klaus Töpfer gestaltete Umweltgipfel der Vereinten Nationen gefordert, ohne dem Ausdruck konkreten Inhalt gegeben zu haben. Allenfalls die in der Forstwirtschaft praktizierte Nachhaltigkeit der Nutzung von Wald läßt sich einigermaßen konkret mit diesem Konzept zur Deckung bringen. Die forstliche Nachhaltigkeit ist so einfach wie problematisch: Dem Wald soll/darf nicht mehr Holz entnommen werden, als nachgewachsen ist, um die Substanz langfristig zu erhalten.“ (Ebd., S. 115).

„Gibt es ... überhaupt ein natürliches und von Menschen nutzbares System, das nachhaltig produziert? Genaugenommen nicht, denn es müssen immer wieder von woanders die Stoffe und die Energien kommen, um einen bestimmten Landschaftsausschnitt langfristig produktiv zu erhalten.“ (Ebd., S. 116).

„Gäbe es tatsächlich vollständige Kreislaufwirtschaften (ein perfektes Recycling), würde dies den Grundgesetzen der Natur widersprechen, genauer: dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Die perfekte Nachhaltigkeit wäre ein »Perpetuum mobile«. Sie ist eine Unmöglichkeit. Somit kann Nachhaltigkeit ohne steuernde und ergänzende Eingriffe durch den Menschen nur bedeuten, vorhandene Ressourcen so schonend zu nutzen, daß sie möglichtst lange vorhalten. Das bedeutet Verzicht in der Gegenwart zugunsten späterer Nutzungen. Verzichten kann man dort am ehesten, wo viel vorhanden ist. Herrscht Mangel, schränkt dieser die Nutzungsmöglichkeiten entsprechend ein. Kapital für die Zukunft läßt sich unter solchen Bedingungen schwerlich zurückhalten und aufbauen. Wo hingegen Überschüsse vorhanden oder (leicht) zu erwirtschaften sind, könnte zwar gespart werden, aber so ein zurückhaltend-schondender Umgang mit den Ressourcen erzeugt unausweichlich das Problem der Konkurrenz. Wer in der Gegenwart mehr Umsatz macht, gewinnt Vorteile. Und das um so mehr, je stärker sich der Konkurrent zurückhält. Konventionen und Beschränkungen sollen in der menschlichen Gesellschaft die Wirtschaft »sozial« - und damit im Zaum - halten. Das gelingt bekanntlich selbst innerhalb eines Staates zumeist nur unbefriedigend. Zwischen den Staaten und insbesondere zwischen verschiedenen Wirtschaftssystemen funktioniert die Zurückhaltung zugunsten der Zukunft noch weniger. Wer nur ein wenig abweicht, gewinnt gleich viel, solange sich die anderen beschränken. Der Verbrauch an Ressourcen wird dadurch kaum gebremst. Das hat die jüngste Vergangenheit seit den weltweit verbreiteten Warnungen von der Endlichkeit der Ressourcen durch den »Club of Rome« und die »Grenzen des Wachstums« von Dennis Meadows klar gezeigt. Sicher hätten Meadows und der »Club of Rome« recht bekommen mit ihren Hochrechnungen, wenn seit den 1970er Jahren nicht neue Funde von Ressourcen und veränderte Technologien die Grenze(n) hinausgeschoben hätten. Daß es um die Jahrtausendwende nicht zum prognostizierten globalen Crash gekommen ist, verdanken wir auf keinen Fall einsichtigem Handeln nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit, sondern neuen Funden von Vorräten und verbesserten Technologien.“ (Ebd., S. 117-118).

„Es darf eben nicht der Kardinalfehler gemacht werden, der sich aus unangebrachten Anwendung des wissenschaftlichen Ökosystembegriffs eingebürgert hat, nämlich abgegrenztes Systeme zu betrachten. Weder der Acker, auf dem Energiepflanzen angebaut werde, noch Deutschland oder Europa stellen solcherart weitgehend geschlossene Systeme dar, die nur im Inneren bewertet werden dürfen. Die Energiepflanzung in Europa hat Folgen in Südamerika und auf den Weltmeeren sowie in der globalen Atmosphäre. Für jegliche Form von Nachhaltigkeit gilt, daß letztlich die weltweite Wirkung das Maß abgibt, und nicht die lokale. Die Zeit kommt hinzu. Was gegenwärtig verzögert wird, um »nachhaltiger« zu werden, baut sich mit der Zeit um so mehr auf. Kurzfristige Zeitgewinne können mittel- und langfristig verheerende Folgen zwitigen. Oder auch sehr »gute«, weil sich in der Zwischenzeit Neues, anderes hat aufbauen lassen. Ohne die umfängliche Nutzung fossiler Brennstoffe seit dem späten 18. Jahrhundert anstelle von Holz trüge die Erde praktisch keinen Wald mehr. .... Ohne die so massive Steigerung des Energieeinsatzes hätten wir weder die moderne Medizin noch all die technischen Hilfsmittel, deren wir uns längst ganz selbstverständlich bedienen ....“ (Ebd., S. 118-119).

„Die hochentwicklte westliche Kultur will doch ihren Zusammenbruch nur noch hinauszögern.“ (Ebd., S. 120).

„Oswald Spengler hatte den »Untergang des Abendlandes« bereits vor einem Menschenalter vorhergesagt. Neue Kulturen werden die aufgebrauchte, zu keiner Erneuerung mehr fähige alte ersetzen. Dafür spricht, daß die jungen, wachsenden Völker ungleich hoffnungsvoller als wir im »Abendland« in die Zukunft blicken. Die Ökokrise unserer Zeit drückt nur mit anderen Worten aus, was der »Untergang des Abendlandes« meinte. Nur die Schuld am Untergang hat sich verlagert - von der kulturellen Unfähigkeit zur landeskulturell-ökologischen Fehlentwicklung. Die »Guten« sind die jungen Völker der Dritten Welt, die unschuldig ins Schlepptau des Niedergangs gerieten, weil sie von den Kolonialmächten abhängig gemacht worden waren. Die »Bösen«, das sind wir, weil wir der Menschheit den »Fortschritt« aufgezwungen haben. Paul Watzlawick hat schon vor zwanzig Jahren gezeigt, wie schnell das geht, vom anfänglich Guten ins Schlechte hineinzugeraten. Der Übergang verläuft in bezeichnender Ähnlichkeit mit Naturvorgängen als schneller Phasenübergang. So wie ein sehr gedüngter See in kurzer Zeit »kippt« oder ein Wirtschaftsaufschwung in eine Rezession übergeht. Gegensteuerungen und Sanierungen dauern lange und kosten sehr viel. Wenn sie überhaupt gelingen.“ (Ebd., S. 120-121).

„Abgesehen von den Vögeln, die noch feiner ihre inneren Zustände abstimmen und ihre Körpertemperatur knapp unter der Todesgrenze von 42 bis 43 Grad Celsius regulieren, halten wir, solange wir gesund sind, unser Innenleben präzise eingestellt im Gleichgewicht auf dem richtigen Sollwert. Ohne genauere Erklärungen zu brauchen, empfinden wir intuitiv, daß Abweichungen von diesem sollwert gefährlich oder tödlich sein können. Unser inneres Gleichgewicht zu erhalten gehört daher für uns zu den wichtigsten Lebenstätigkeiten. Die Vorstellung, daß es draußen in der uns umgebenden Natur so sein müsse, liegt auf der Hand. Dennoch halten wir uns nicht daran, sondern verändern diese Natur so, daß sie möglichst viel abgibt. Wir schaffen Ungleichgewichte, um unser Gleichgewicht zu stabilisieren.“ (Ebd., S. 122).

„Kapitalismus. Seine Wurzeln stecken in jedem von uns. Die Notwendigkeit, unseren inneren Zustand auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten und mit dem Älterwerden weiterzuentwickeln, erzeugt automatisch den Drang, Ressourcen für sich zu beanspruchen, zu monopolisieren. Es gilt als normal und richtig (und als rechtmäßig in den Erbgesetzen festgelegt), die eigenen Nachkommen mit dem vorhandenen Besitz zu beglücken, zumindest zu begünstigen. Für edler wird es gehalten, einen Grund sozialen oder kirchlichen Einrichtungen zugute kommen zu lassen. Von einem für alle gleichen Zugang zu den Ressourcen haben hingegen so gut wie alle menschlichen Gesellschaften nichts gehalten. Der Kommunismus ist nicht zuletzt auch an diesem Prinzip der Gleichmacherei gescheitert, weil es sich im wirklichen Leben als nicht praktikabel herausgestellt hat. Wir müssen also feststellen, daß das Leben selbst ausgeprägter egoistisch lebt als sozial. Wo es besonders auf die Gemeinschaft ausgerichtet erscheint, zeigt sich bei näherer Betrachtung, daß mehr Vor- als Nachteile für die Beteiligten gegeben sind. Sie handeln also, dem Anschein zum Trotz, weiterhin egoistisch. Persönliche Erhaltung des inneren Gleichgewichts und Egoismus bestimmen somit weitestgehend das Verhalten der Menschen (und aller anderen Lebewesen auch!). Das erzeugt Ungleichgewichte nach außen. Genau in der Art und Weise, wie wir es überall in »der Natur« vorfinden.“ (Ebd., S. 123-124).

„Einen stabilen Zustand zu erwarten ist irreal; einen solchen künstlich einstellen zu wollen absurd oder schlichte Überheblichkeit.“ (Ebd., S. 125).

„Menschen haben immer in die Natur »eingegriffen«. Seit Urzeiten war das so, als sie als Jäger und Sammler unterwegs waren, und nicht erst in unserer Zeit. Mit Feuer und Waffen veränderten sie ihre Umgebung, bekämpften einander, vermehrten sich, gerieten an den Rand des Untergangs, kamen da und dort wieder hoch und machten weiter wie gehabt bis in unsere Zeit. Sie werden weitermachen, weil sie alle Menschen sind. Nie lebten sie »im Einklang mit der Natur«. Wo uns das so scheint, liegen entweder romantische Mythen zugrunde, die wenig mit der harten Wirklichkeit zu tun hatten, oder man übersah, daß die Natur einfach nicht mehr zugelassen hatte. Jeder technische Fortschritt, ob Pfeil und Bogen oder Gewehr, Feldbau oder Motorenkraft, verstärkte die Eingriffe in die Natur. Vernichtet wurde sie dennoch nicht. Vielmehr erzeugten die Veränderungen neue, bislang nicht dagewesene Ungleichgewichte.“ (Ebd., S. 126).

„Staatslenker und Wirtschaftsbosse machen Fehler; häufig ganz ähnliche, wie sie immer wieder gemacht worden sind. Offenbar sind sie unfähig, aus den Fehlern anderer und aus der Geschichte zu lernen.“ (Ebd., S. 126-127).

„Ist es da nicht besser, den Dingen und vor allem den Menschen einfach ihren Lauf zu lassen? Nach den Prinzipien der Evolution werden sich die erfolgreichen Strategien ganz von selbst zeigen. Untaugliches wird der Unerbitterlichkeit der Selektion zum Opfer fallen. Anderes überdauert in der Grauzone zwischen beiden eine Zeitlang. Daraus könnte wie der berühmte Phoenix aus der Asche Neues entsteigen, das weder in der einen noch in der anderen Richtung zu extrem (angepaßt) war. Wer eine solche Einstellung vertritt, wird als Fatalist eingestuft. Der Lebensprozeß selbst, die Evolution, wäre demzufolge fatalistisch.“ (Ebd., S. 127).

„Die Gleichheit aller Kulturen würde jegliches Kulturschaffen zum Erliegen bringen. Sie kann nicht Ziel der Entwicklungen in die Zukunft sein. Ganz von selbst werden in jeder zu gleichartig gewordenen Kultur von der Basis her neue Formen entstehen, die sich von der Vorgabe unterscheiden wollen.“ (Ebd., S. 131).

„Sicher scheint mir allerdings, daß die Lösungen nicht im Streben nach Gleichgewichten liegen, sondern in jenem schwer zu begreifenden Fließgleichgewichten fern vom Gleichgewicht, die in der Physik, in der Thermodynamik zumal, spätestens seit Erwin Schrödingers Essay Was ist Leben?  von 1948 bekannt sind. In der wissenschaftlichen Ökologie sind diese Fließgleichgewichte viel zu wenig beachtet worden. Die populäre Vereinfachung zum »Gleichgewicht des Naturhaushalts« hat weiterhin Erwartungen geweckt, die weder erfüllt werden können noch erfüllt werden sollten. Denn das erhoffte Gleichgewicht wäre günstigstenfalls gleichbedeutend mit Stillstand, schlimmstenfalls das Ende. Wir brauchen deshalb ein neues Denken in und mit Ungleichgewichten: in der Ökologie wie in der Gesellschaft. Überlebensfähige Ungleichgewichte werden aus der Gegenwart wie in der Vergangenheit in die Zukunft führen. Wir werden sie auch in der Wirtschaft, in den Gesellschaften und allen voran auch in der Politik brauchen - als menschenwürdige Ungleichgewichte in einer zwar globalisierten, aber unterschiedlich beschaffenen Welt.“ (Ebd., S. 132 ).

„Auf »Harmonie« und schöne Gleichgewichte waren Tiere und Pflanzen oder Mikroben nie aus. Der sich zumeist rasch einstellende Mangel hat sie in solch scheinbare Gleichgewichte hineingezwungen. Gerade deshalb sind die »stabilsten« natürlichen Lebensgemeinschaften der Erde kein praktikables Vorbild für die Zukunft der Menschheit und ihre Bedürfnisse. Wir müssen diese selbst gestalten.“ (Ebd., S. 136).

„Dazu brauchen wir ungleich bessere Kenntnisse über die Grenzen von produzierenden Ungleichgewichten, als die uns bislang zur Verfügung stehen. Wir müssen wissen, wie groß die Energieflüsse und Matreialumsetzungen werden dürfen, um den Rahmen nicht zu sprengen und andere Menschen und die örtliche, regionale oder globale Natur nicht zu schädigen.“ (Ebd., S. 136).

„Die Schwankungen und ihr Ausmaß sind viel wichtiger für die Natur und für die menschlichen Nutzungsansprüche als statistische Mittel.“ (Ebd., S. 137).

„Nur funktionierende Ungleichgewichte können »nachhaltige Entwicklungen« ermöglichen.“ (Ebd., S. 137).

Warum die Menschen seßhaft wurden. Das größte Rätsel unserer Geschichte (2008)

Klimaschwankungen
Abrupte Klimaschwankungen gegen Ende
der letzten Kaltzeit, der Würm-Eiszeit, vor dem
Übergang in die gegenwärtige Warmzeit, das Holozän.
„Ziemlich rasch, dn Eisbbohrkernen aus Grönland zufolge vielleicht in kaum mehr als 100 Jahren, stieg vor etwa 14000 Jahren die Temperatur um über 10 Grad Celsius an. Sie erreichte dabei fast schon den nacheiszeitlichen Durchschnittswert, der unserer Klimazeit zugrunde gelegt wird. Der Anstieg währte allerdings nur kurz. In heftigen Stufen fiel die Temperatur innerhalb von einem Jahrtausend wieder auf jene Kälte ab, aus welcher der ... Anstieg hervorgegangen war, verweilte in diesem Zustand kurz für ein paar Jahrhunderte und schnellte sodann gleich um 16 bis 17 Grad Celsius in die Höhe. Etwa 11000 bis 9000 Jahre vor heute (also: 9000 bis 7000 v. Chr.; HB) war es wärmer als oder zumindest ähnlich warm wie in der Gegenwart. Vor 8200 Jahren (also: 6200 v. Chr.; HB) kam ein neuerlicher Kälteeinbruch, bei dem die Temperatur um etwa 3 Grad Celsius zurückgimg. Darauf folgten sehr warme Zeiten mit Höchstständen der Temperatur, die wahrscheinlich erheblich über die gegenwärtigen Verhältnisse hinausragten. (Vgl. Abbildung).“ (Ebd., S. 27-28).

„Das Ende der letzten Eiszeit trat ... weder abrupt ein noch kam es zu allmählich, sondern mit heftigen Schwankungen, die Jahrtausende anhielten.“ (Ebd., S. 29).

„Gegen Ende der letzten Eiszeit verschlechterten sich die Lebensbedingungen für die Jäger und Sammler in Euurasien. Jahrtausendelang hatten sie Mammuts, Wisente, Hirsche, Wildpferd und andere Großtiere gejagt. Doch nach und nach wurden diese immer seltener. Die Verbesserung der Jagdtechnik konnte lange den Niedergang des Wildes ausgleichen. Mit Pfeilspitzen aus Obsidian und mit Speeren, die von Wurfschlingen wuchtig und treffsicher geschleudert wurden, gelang es, auch scheuere oder große Beute zu erlegen. Da und dort boten sich natürliche Engpässe an, durch die das Wild kommen mußte, wenn es im Frühjahr auf die schneefrei werdenden Flächen hinaus- und im Herbst davon wieder zurückzog. Aber die verstärkte Bejagung beschleunigte den Rückgang der Wildbestände. Fleisch, von dem sich die Menschen bis dahin weitgehend ernährt hatten, wurde bald zur raren Köstlichkeit. Es galt, auf Pflanzenkost auszuweichen. Doch abgesehen von den bis dahin schon genutzen Pflanzen war kein ersatz in Sicht.“ (Ebd., S. 32).

„Die beginnende Erwärmung zwang ... die Eiszeitmenschen immer weiter nach Süden in Regionen, in denen im Sommer recht dürftig anzuschauende Gräser aufwuchsen. An diesen entwickelten sich Körner. Vögel kamen zu Beginn der Reife von weit her geflogen, um sie zu verzehren. Die hungernden Menschen taten es ihnen gleich. .... Sie merkten mit der Zeit, daß sich reife, hart gewordenen Körner längere Zeit aufbewahren lassen. man konnte sie als Vorrat für kommende, noch schlechtere Zeiten zurücklegen.“ (Ebd., S. 33).

„Die junge Saat, das keimende, heranwachsende Wildgetreide, lockte Ziegen und Schafe herbei. Das reife Korn aber würde später den menschen helfen, über die Hungerzeit zu kommen. Einzige Bedingung: Man mußte an Ort und Stelle bleiben. Wer jedoch von der Jagd allein lebte, konnte nicht länger an einem Ort bleiben, denn das vorhandene Wild war schnell dezimiert. Die Jäger mußten dem Wild folgen. Nun aber kam es von selbst herbei. .... Gelang es den Menschen, die Mütter zu erlegen, bleiben die Jungen ganz von selbst. Sie wurden leichte Beute. waren sie schon groß genug, um sich vom Gras der Umgebung zu ernähren, konnte man sie in Umzäunungen einsperren und später, bei Bedarf, töten. Während ihnen die Menschen Schutz boten, wurden die heranwachsnden Ziegen oder Schafe zutraulicher. Die Haustierwerdung konnte beginnen. Da die Menschen nur an den Körnern, nicht aber an den Wildgräsern selbst interessiert waren, kam eine Verwertungsgemeinschaft zustande, die einander ergänzte. “ (Ebd., S. 34-35).

„Von Anfang an sollte sich ... ein Konflikt aufgetan haben zwischen der einen Notwendigkeit, am Ort zu bleiben, die Äcker zu versorgen und die Ernte abzuzwarten, also Bauer zu werden, und der anderen, mit dem Vieh herumzuschweifen, um die jeweils günstigen Weidegründe aufsuchen zu können. Den Grundkonflikt zwischen der seßhaften lebensweise der Ackerbauer und der nomadischen Viehzüchter schildert die Bibel. der Ackerbauer Kain erschlägt den Hrietn Abel, seinen »Bruder«.“ (Ebd., S. 37-38).

„Die Dörfer und Städte wuchsen. Es mag nicht lange gedauert haben, bis konkurrierende Gruppierungen entstanden, die anfingen, sich zu bekriegen. Zunächst dürfte es nur um gespeicherte Vorräte gegangen sein, dann um das Land selbst, das produktiv geworden war, und schließlich um Menschen, die von den Siegern versklavt wurden. Wanderhirten hätten gar kein vergleichbares Sozialsystem entwickeln können, um attraktiv für die Versklavung als Hirten unter fremder Herrschaft zu werden. Das freie Umherziehen hätte sich damit nicht verbinden und vor allem nicht ausreichend kontrollieren lassen. Das Wanderhirtentum hielt die eigene Bevölkerungsentwicklung in vergleichsweise engen Grenzen, weil das Wohl und Wehe der Herden und damit ihre Nutzbarkeit für die Menschen von den äußeren Unwägbarkeiten der Witterung und nicht von eigener Hände Arbeit abhängen. Die Natur setzte der Steigerung der Produktivität enge Grenzen. Die Ackerbauern hingegen veränderten die Natur und machten diese immer produktiver. Erst damit konnte die Bevölkerung wachsen. Auf die Entwicklung des Ackerbaus folgte ein markanter demographischer Wandel. Aus ihm ging nicht nur eine vielfältig strukturierte Gesellschaft hervor, die anfingzunehmend arbeitsteiliger zu wirtschaften, sondern auch ein starkes Wachstum der Bevölkerung. Auf die Entwicklung des Ackerbaus folgte eine Bevölkerungsexplosion. Wo in früheren Zeiten im Durchschnitt nur einige wenige Menschen pro Quadratkilometer leben konnten, ernährte der Ackerbau nun das Zehnfache und mehr. Die Entwicklung wurde zum Selbstläufer. Mehr Nahrung bedeutete mehr Kinder, größere Bevölkerung mehr Arbeitskräfte und diese eine weitere Steigerung der Produktivität. Eine Zunahme von individueller Sicherheit in größeren Gemeinschaften ergab sich von selbst. Der Ackerbau hatte die Tür zu einem ganz neuen Raum für die kulturelle Entwicklung der Menschen geöffnet. Die Natur wurde fortan Gegensatz zur Kultur. Es gab kein Zurück mehr. Aus dem »colere« der Lateiner stammt unser Wort für Kultur (»colere« [latein] = [be]bauen, [be]wohnen, pflegen; HB). Darin steckt noch die Ahnung davon, welch grundlegende Bedeutung das Pflegen und Bebauen des Landes am Anfang der Geschichte hatte. Der Mensch wurde damit zum Kulturwesen. Als Wanderhirte hätte er noch weitestgehend »Natur« bleiben können. Naturverbunden zumindest, wie wir diese Lebensweise verstehen wollen, oder »im Einklang mit der Natur«, so die gegenwärtig bevorzugte Phrase.“ (Ebd., S. 39-40).

„All das paßt in recht überzeugender Weise zusammen. Die Verschlechterung der Lebensbedingungen, die zum Rückgang des Wildes geführt hat, gibt einen klaren Grund für den Umschwung. Die geeigneten Wildgräser zu entdecken, sollte leicht gewesen sein, weil die Vögel darauf aufmerksam machen, wenn sie zur Reifezeit in Schwärmen einfallen. Die Körner, die anfangs noch recht klein waren, sind nahrhaft und ungiftig. Als Gräsersamen enthalten sie recht viel Eiweiß. Somit eignen sie sich auch als Ersatz für das tierische Eiweiß, das mit der Abnahme des Wildes rar geworden war. Körner sind haltbar. Aussaat und Ernte verlaufen in festen Zyklen zu bestimmten Jahreszeiten. Der Ertrag läßt sich steigern, wenn den Wildgräsern durch Bearbeitung des Bodens günstigere Wachstumsbedingungen geboten werden. Gräser bilden von Natur aus ziemlich leicht Hybride. Bessere Sorten konnten einfach per Zufall dadurch entstehen, daß die Wildformen in größeren Beständen beisammen aufwuchsen und von anderen Orten mitgebracht wurden.“ (Ebd., S. 40).

„Skepsis ist die Mutter der Wissenschaft. Sie wirft unangenehme Fragen auf: Mußte es so kommen wie angenommen, oder hätte es auch anders kommen können? Und warum kam es zu den Entwicklungen der Neolithischen Revolution nur an besonderen Orten zu ganz bestimmten Zeiten?“  (Ebd., S. 42).

„Konkret gefragt: Stimmt das mit der Verknappung des Wildes? Warum wurde der Ackerbau ausgerechnet im Vorderen Orient entwickelt, jedoch nicht überall, wo späteiszeitlich das Wild selten geworden war?“  (Ebd., S. 42).

„Warum sollte ausgerechnet dort, wo die passenden Wildpflanzen wuchsen, aus denen Getreide werden konnte, das Wild so selten geworden sein, daß sich die Menschen darauf umstellen mussten, wenn das an vielen anderen Stellen I nicht der Fall war? Das ist bis heute nicht so: Wo gutes Gras wächst, sammelt sich auch das Wild, und oft halten sich dort Jäger und Sammler mit ihrer althergebrachten Lebensweise auf. Die (ein)gängige Modellvorstellung wankt noch stärker, wenn Ort und Zeit näher betrachtet werden. Ausgerechnet im Vorderen Orient, im Bereich des aus guten Gründen so bezeichneten »Fruchtbaren Halbmondes«, der sich vom unteren Niltal und Palästina über die östliche Türkei zum Zweistromland (Mesopotamien) hin erstreckt, sollte das Wild so selten geworden sein, daß die Menschen dort den Ackerbau erfinden mußten. Wie paßt die Fruchtbarkeit der dortigen Böden mit der Seltenheit der Wildtiere zusammen? Müßte es sich nicht gerade umgekehrt verhalten? Hätte es nicht auch in Afrika passende Pflanzen für die Kultivierung geben können? Und Haustiere dazu, wo doch bis heute die größte Vielfalt an größeren Säugetieren in Afrika lebt! Warum also ausgerechnet zuerst der Vordere Orient, dann, mit ganz anderen Pflanzen, Ostasien, wo nicht Gerste und Weizen, sondern Reis kultiviert wurde, und Jahrtausende später sodann Mittel- und Südamerika mit Mais und Kartoffeln? Die drei Hauptgebiete, in denen der Ackerbau erfunden wurde, liegen sehr weit auseinander. Unabhängige Entwicklungen anzunehmen, liegt nahe. Doch diese fanden zu sehr verschiedenen Zeiten statt. Das spricht gegen die Klimaänderung als alleinigem Auslöser der Neolithischen Revolution. Die Kultivierung von Reis, Mais und Kartoffeln war zudem nicht mit der Züchtung von Haustieren verbunden. Diese Tatsache stellt den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Nutzpflanzen und Haustieren in Frage. Darüber hinaus herrschen in den vier Regionen, in denen die vier mit Abstand bedeutendsten Nutzpflanzen der Menschheit kultiviert wurden, höchst unterschiedliche klimatische Bedingungen: im Vorderen Orient (Brotgetreide) mediterranes Halbtrockenklima, in China (Reis) subtropisches Monsunklima, in Mittelamerika (Mais) tropisches und im Heimatbereich der Kartoffel auf den Hochflächen der Anden ein kaltes Höhenklima.“ (Ebd., S. 45-46).

„Allenfalls taugt somit das übliche Modell zur Entstehung des Ackerbaus für den Vorderen Orient, nicht aber allgemein. Die zahlreichen anderen Nutzpflanzen, die andernorts nach und nach in Kultur genommen und weitergezüchtet wurden, können unberücksichtigt bleiben, weil sie nur lokale Bedeutung erlangten und zumeist erst viel später in Kultur kamen, als der entscheidende Durchbruch zum Ackerbau längst geglückt war. Und dann müssen auch jene nicht wenigen Fälle berücksichtigt werden, in denen Jäger-und-Sammler-Kulturen überlebten, obwohl sie in der näheren oder weiteren Nachbarschaft von Ackerbauern existierten. Ein ganzer Kontinent, Australien, blieb von der nacheiszeitlichen Entwicklung ausgenommen. Ein anderer, seiner Natur nach Europa recht ähnlicher, ebenfalls größtenteils: Nordamerika. Zum führenden Getreideland wurde dieser am besten dafür taugliche Kontinent erst in den letzten Jahrhunderten. Der aus dem nahen Mittelamerika stammende Mais gedeiht im »corn belt« der Vereinigten Staaten ähnlich ausgezeichnet wie der aus dem Vorderen Orient stammende Weizen. Nordamerika war der Fläche nach noch stärker vereist als Europa und Westasien. Die klimatischen Änderungen am Ende der letzten Eiszeit verliefen dort ähnlich gewaltig wie in Europa. Damit ist die übliche Begründung für das Zustandekommen des Ackerbaus eigentlich schon gefallen. Sie kann nur noch stark eingeschränkt auf den speziellen Bereich Vorderasiens in Betracht gezogen werden. Doch der Fruchtbare Halbmond war nie isoliert vom großen Rest Eurasiens.“ (Ebd., S. 46).

„Besondere Abläufe für dieses Gebiet annehmen zu wollen, bedarf entsprechend überzeugender Begründungen. Denn das Klima veränderte sich am Ende der letzten Eiszeit global und nicht nur in Vorderasien. So gut wie alle Menschen müssen irgendwie von den Änderungen betroffen gewesen sein. Wie war es, dieses Eiszeit- und Späteiszeitklima? Warum sollte es so bedeutende Anstöße für jene neuen Entwicklungen gegeben haben, denen wir die Kultur verdanken? Im Grunde genommen verschoben sich doch nur die Klimazonen, und zwar in den Kaltzeiten (Glaziale) äquatorwärts und in den Warmzeiten (Zwischeneiszeiten, Warmzeiten, Interglaziale) wieder polwärts. Die Menschen hätten doch nur, wie die Tiere, die sie jagten, entsprechend mitpendeln müssen. Das ganze Eiszeitalter ... funktionierte dies offenbar auch.“ (Ebd., S. 46-47).

„Vieles in unserer heutigen Natur, insbesondere in ihren jahreszeitlichen Abläufen, stammt noch aus der Eiszeit. 10000 Jahre sind zu kurz, um die Lebensweise grundsätzlich zu ändern.“ (Ebd., S. 52).

„Die Eiszeitmenschen ernährten sich hauptsächllich wie Raubtiere. Wir müssen sie von dieser Warte aus betrachten, wenn wir die großen Veränderungen am Ende der letzten (Kaltzeit der jetzigen) Eiszeit verstehen möchten.“ (Ebd., S. 61).

„Die Sprecher der ural-altaischen Sprachen (sie gehören zur Supersprachfamilie »Nostratisch« [**];  HB) ... sind als Völker und Mischgruppe untereinander auch näher verwandt als solche ganz anderer Sprachfamilien.“ (Ebd., S. 158).

„Die Sprache stärkt das »Wir«.“ (Ebd., S. 159).

„Die Bezeichnung »Hopfen« (englisch »hop«, französisch »houblon«) hängt mit lateinisch »Humulus« zusammen, hat aber nicht mit Humus (Erdboden) zu tun. Der name wurde vielmehr aus dem altnordischen »humle« (angelsächsisch »hymele«) lateinisiert. Beide stamme von »qumlix« aus dem efrnen Wogulischen. Der Name des Hopfens komt also aus Zentralasien, den Wugulisch ist eine ural-altaische Sprache. Diese sprachliche Herkunft deckt sich mit der Herkunft der Hopfenpflanze selbst, für die zentralasien als Ursprungsgebiet angenommen wird. Das ist ein bedeutender Befund, auf den ich zurückkommen werde.“ (Ebd., S. 246).

- Gene und Sprachen -
Sprachen und Gene
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- Supersprachfamilien -
GRÜN = Nostratisch
Sprachen
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„Herkunft und Ausbreitungsgeschichte des Getreides erzeugen das Bild eines Zentrums in Asien, von dem aus vier große »Strahlen« ausgehen. Einer nach Westen, nach Europa, ein zweiter stärker südwärts gerichtet nach Südasien und Vorderasien mit Ausläufern nilaufwärts bis ins nordostafrikanische Hochland (Äthiopien). Ein dritter biegt sich auf der Ostseite nach Süden hinein ins heutige China und Südostasien, während der vierte hinübergreift nach Amerika und dort im wesentlichen den großen Gebirgen im Westen bis ins südliche Südamerika folgt. Dieses Bild deckt sich weitgehend mit der späteiszeitlichen und nacheiszeitlichen Ausbreitung der uralaltaiischen Völker und ihrer Sprachen (vgl. Luigi Luca Calli-Sforza Gene, Völker und Sprachen, 1999). Für ein Teilstück davon wissen wir genauer Bescheid. Es ist dies die Ausbreitung der Indogermanen (oder Indoeuropäer). Sie geschah zur selben Zeit, in der auch Ackerbau und Viehzucht nach Europa kamen. Ihre Spuren haben sie im Erbgut der Völker hinterlassen. Sie verwischen nicht, auch wenn sie sich mit den vorher schon ansässigen Völkern mischten. Die Ausbreitung der Indogermanen etwa im mittleren Drittel der letzten 10000 Jahre der »Nacheiszeit« stellt jedoch nur einen Teil der Expansion ural-altaiischer Völker dar, wie die Doppelanalyse von genetischen Spuren und Sprachen von Cavalli-Sforza (1999) gezeigt hat. Wir nähern uns mit unserer Analyse offenbar einem historischen Großereignis. Denn diese Völkerwanderung, um die es hier geht, war ungleich größer und nachhaltiger als jene historische, an deren Beginn die Zeit des Römerreiches endete und die ein halbes Jahrtausend lang, zwischen dem 2. und dem 8. nachchristlichen Jahrhundert, gewaltige Verschiebungen in Westasien und Europa verursacht hatte. Für diese kleinere, die in der europäischen Geschichte sogenannte Völkerwanderung, ist der Auslöser bekannt. Es war dies eine massive Verschlechterung des Klimas auf der Nordhemisphäre. Sie drückte Völker, die weiter im Norden und im Innern Asiens viele Jahrhunderte gelebt hatten, nach Süden und vor allem nach Südwesten, weil in Zentralasien die gewaltigen Hochgebirgsmassive eine direkte Verschiebung südwärts nicht erlaubten. Eine weit ausgeprägtere Verschlechterung des Klimas hatte es vor etwa 6200 Jahren gegeben. Ihr kann die Wanderung der Indogermanen zugeschrieben (oder angelastet) werden. Dabei geht es nun allerdings nicht, wie ganz zu Beginn diskutiert, um das Problem der Verknappung des Jagdwildes, sondern um großräumige Wanderungen von Völkern in neue Räume. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die noch frühere, wenigstens 12000 bis 14000 Jahre zurückliegende Wanderung von Menschen aus Nordostasien, die gleichfalls zur Gruppe der Ural-Altaier gehörten, hinüber nach Amerika. Die breite Landverbindung »Beringia« zwischen Nordostsibirien und Alaska war begehbar, eine rasche Klimaerwärmung fast bis auf die »nacheiszeitlichen« Warmzeitverhältnisse folgt auf diese Zeit und danach ein ganz abrupter Rückfall für Jahrhunderte in eine weitere Kälteperiode, bis sich vor rund 10000 Jahren das warme Klima der Nacheiszeit vollends durchsetzte (vgl. Abbildung). Wir können daraus schließen, daß die Einwanderer nach Amerika bereits das Wissen um Rauschmittel und vielleicht sogar über Pflanzen mitgebracht hatten, das die spätere Entwicklung von Mais als Getreidepflanze ermöglichte. Noch wahrscheinlicher ist es, daß im südlichen Ostasien der Reis nicht einfach so als Körnerpflanze entdeckt worden ist, sondern daß die Nutzung von Gräserkörnern bereits bekannt war und Zusammenhänge mit Gerste und Weizen im vorderasiatischen »Fruchtbaren Halbmond« bestanden. Denn die Völker, die sich zu Beginn der »Nacheiszeit« in diese Räume Vorderasiens und Ostasiens verlagerten, waren aus dem gleichen Ursprungsgebiet im westlichen Zentralasien, aus dem ural-altaiischen Raum, gekommen. Es waren somit Ural-Altaier, von denen die Neolithische Revolution ausging. Abgewanderte Gruppen von ihnen brachten die Kenntnisse zur Nutzung von Rauschmitteln und Alkohol in die Räume mit, in die sie vordrangen. Die Nutzung von Getreide hing somit anfänglich nicht wesentlich mit der Ernährung zusammen. Die gesammelten Körner dienten der Erzeugung von Bier.“ (Ebd., S. 256-258).

„Das Brot als »Frucht des Ackers« muß nicht nur im Schweiße des »Angesichts« erworben werden, sondern unter harter körperlicher Arbeit insgesamt.“ (Ebd., S. 281).

„Fröhlich, wie das Jagen, war der Ackerbau nie. Die Ackerbauern waren die Arbeitskräfte, die sklavengleich das zu erzeugen hatten, was die Herrscher- und die Priesterkaste beanspruchte. “ (Ebd., S. 281).

„Die Neolithische Revolution war keine schnelle Umwälzung, sondern ein nachgerade träger Vorgang, der letztlich bis in die Gegenwart hineinreicht. Denn noch immer gibt es kleine Völker, die verhältnismäßig frei als Jäger- und Sammler oder als Hirtennomaden leben, die sich am liebsten nicht den Gesetzen von Besitz an Grund und Boden unterwerfen möchten. Sie haben keine Zukunft. Die Staaten, auf deren Territorien sie sich bewegen, wollen keine Zugeständnisse mehr an ein freies Leben machen, zumal wenn sich dieses über festgelegte Grenzen hinweg erstreckt. Doch nicht einmal mehr die Landbevölkerung ist bodenständig genug verwurzelt, um sich der Entwicklung entziehen zu können, die zu immer größeren, immer stärker verdichteten Städten führt. Was mit befestigten Orten wie Jericho vor mehr als 10000 Jahren begann, entwickelte sich in unserer Gegenwart zur Megalopolis, in der mehr Menschen leben als »auf dem Land«. Daß gerade diese Stadt-Menschen ein besonders ausgeprägtes Bedürfnis nach Mobilität verspüren, steht in krassem Gegensatz zur Beständigkeit ihrer Gebäude aus Beton und Stahl, die sogar den meisten Erdbeben trotzen. Jahr für Jahr sind die Stadtmenschen zu Wasser, zu Lande und in der Luft in größeren Mengen unterwegs als in allen Völkerwanderungen der Geschichte. Urlaub nennt man dieses Phänomen von »Zugzeiten«, die Menschen anscheinend mit einer ähnlichen inneren Macht wie die Zugvögel erfassen. Der Nomadismus steckt uns noch im Blut. Die Seßhaftigkeit ist eine Neuerung, die nicht einmal ein Zehntel der Zeitspanne unserer biologischen Existenz einnimmt. Sie erwies sich als die erfolgreichere Lebensweise. Der Hauptgrund ist einfach: Menschen, die sich von den Früchten des Feldes und ihrer eigenen Hände Arbeit ernähren, brauchen kaum ein Zehntel des Lebensraumes, den Wanderhirten benötigen. Menschengruppen, die sich von Jagen und Sammeln ernähren, nehmen etwa das Hundertfache von Ackerbauern pro Kopf an Fläche in Anspruch. Hieraus ergibt sich das Anwachsen der Weltbevölkerung ganz von selbst. Gesteigerte Produktion von Nahrung ermöglicht das Überleben von mehr Menschen.“ (Ebd., S. 282-283).

„Auch dieser Befund spricht gegen eine von Anfang an direkte Verbindung von Getreide und Ernährung. Zu viele Jahrtausende Verzögerungszeit liegen zwischen den Anfängen der Nutzung von Wildgetreide und dem Anstieg der Bevölkerungszahlen. Nicht einmal von Natur aus besonders ertragreiche Flussoasen-Kulturen, wie die am unteren Nil, an Euphrat und Tigris oder am Indus, erzeugten Bevölkerungsmassen, die von sich aus expansiv wurden. Im Gegenteil: Sie selbst wurden immer wieder das Ziel von Eindringlingen und Eroberern. Die großen Reiche errichteten Reitervölker aus Asien; das größte von allen die Mongolen unter Dschingis Khan. Ähnlich erfolgreich, wenngleich, wie das bei allen Großreichen der Fall war, nur für verhältnismäßig kurze Zeit, waren Seevölker im Aufbau von Imperien. Die Landwirtschaft diente. Sie lieferte Masse für die »Klasse«.“ (Ebd., S. 283).

„Ihre Wirkung entfaltete sich auf subtilere Weise als mit kriegerischen Eroberungen. Mit dem Übergang zur seßhaften Lebensweise waren die Menschen weit abhängiger vom Jahresgang der Witterung und ihrer Vorhersagbarkeit geworden als die mobilen Wanderhirten oder Jäger-und-Sammler-Gruppen. Insbesondere in niederen geographischen Breiten ohne klaren Wechsel zwischen Winter und Frühling zwang die Dauer des Wachsens und Reifens des Getreides zu einer kalenderartigen Erfassung des Jahreslaufes. Die Anfänge der Astronomie gingen aus dieser Notwendigkeit hervor. In höheren Breiten wurden einfach die Tage länger oder kürzer, gleichgültig wie die Witterung verlief. Für die küstennahe Seefahrt reichte nachts (bei klarem Himmel) die Nordstern-Orientierung. Es war nicht sonderlich wichtig, den Orion zu (er)kennen, wenn die Mittsommertage ohnehin sehr lang oder die sternklaren Winternächte bitterkalt waren. Der Gang der Jahreszeiten verläuft umso verläßlicher, je näher die Gegend zu den Polen liegt und umgekehrt. Die frühen astronomischen Beobachtungsstellen befinden sich aus gutem Grund vornehmlich in den sub- und randtropischen Zonen - in Nordafrika und im Vorderen Orient über Indien und Südostasien bis Mittel- und Südamerika. Die Position der Sterne, die als Bilder gesehen wurden, war wichtiger geworden als die in der Entwicklungsgeschichte unserer Gattung so mächtigen Mondzyklen. Denn nun ging es um Voraussicht; um die Abschätzung, wann welche Witterung eintreten wird. Die Nilflut ließ sich ebenso ungefähr vorhersagen wie die Winterregen im östlichen Mittelmeerraum oder die Wasserfluten aus der Schneeschmelze von den vorder- und südwestasiatischen Hochgebirgen. So wurden die »Seßhaften« auch Initiatoren von Naturforschung und Fortschritt, weil sie sich in der Gegenwart immer intensiver mit dem Kommenden befassen mußten.“ (Ebd., S. 283-284).

„Nach einer ganzen Reihe guter Jahre, in denen die Produktion der Grundnahrungsmittel schneller anwuchs, als die Bevölkerung global zugenommen hat, ist die Menschheit gegen Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert in eine massive Ernährungskrise geraten. Getreide wird rar und teuer. Die Weltbevölkerung wächst weiter. Sie wird um das Jahr 2010 die 7. Milliarde erreichen oder übersteigen (**). Doch die Ackerflächen nehmen nur noch unwesentlich zu. Zwei andere Konkurrenten sind mit Macht auf den Plan getreten, das Fleisch und die Energie für Mobilität. Dem Vieh, das Fleisch erzeugt, wird Getreide und Soja verfüttert. Von beidem können Menschen direkt leben. Aber Fleisch ist begehrt. Die sich rasch entwickelnden großen Volkswirtschaften der sogenannten Schwellenländer gieren nach Fleisch, das ihnen bisher in weitaus geringeren Mengen als den reichen Ländern des Westens zur Verfügung stand. Je mehr Menschen sich Fleisch leisten könnten, desto größer wird der Hunger bei den Armen. Denn pro Kilogramm Fleisch wird mehr als das Zehnfache an Nahrung und Energie verbraucht als pro Kilogramm Getreide. Vom gegenwärtigen Fleischkonsum der Erdbevölkerung könnten ohne weiteres nicht nur die heute Hungernden, sondern weitere Milliarden Menschen, die noch kommen, leben, wenn es in Form von Getreide erzeugt würde. Das Fleisch, das wir konsumieren, brauchte Weideland und Energie. Ein Teil davon wäre als Ackerland nutzbar. Viel, sehr viel Energie ließe sich einsparen. Die zweite, noch gefährlichere Konkurrenz ist die Erzeugung von Bio-Sprit. Ihr werden bereits große Flächen von landwirtschaftlich hochproduktivem Land gewidmet und Millionen Hektar Wald fallen den Energie-Plantagen zum Opfer. Mit Folgen, die nicht nur das Klima der Erde betreffen. Der alte Konflikt zwischen Ackerbau und Seßhaftigkeit, Viehzucht und Mobilität ist in neuer, global gewordener Dimension ausgebrochen. Aus dem Anregungsmittel Alkohol ist ein Betriebsmittel geworden. Wohl dosiert und nur zu besonderen Festen angewandt, die in der Gemeinschaft gefeiert wurden, trug er dazu bei, neue Stufen von Kultur aufzubauen. Als er praktisch frei für die Massen verfügbar wurde, geriet er »über das Lot« des Maßes der Alten, wurde zum »Ubiloz«, zum Übel und zur Gefahr für viele. Mit seiner Erzeugung in noch größeren Mengen soll er gewährleisten, daß die zu seßhaft gewordenen Menschenmassen mobil genug bleiben können. Pessimisten sehen darin das Ende der Kultur.“ (Ebd., S. 287-288).

„Der chinesischen Überlieferung zufolge waren vor dem Xia-Herrschern (auch: Hsia-Herrschern; Anm HB), also vor gut 4000 Jahren, »Fünf Vergöttlichte« ins Land gekommen und hatten die Landwirtschaft aund das Regieren gelehrt. Hierin kommt direkt zum Ausdruck, daß die Kenntnis der zum Ackerbau geeigneten Pflanzen von außen und der Geographie zufolge vom Bereich der Mongolen (Ural-Altaier) her gekommen und die Landwirtschaft die Basis für den Ackerbau eines zentral organisierten Staates geworden war.“ (Ebd., S. 292).

„Der Stern schreib 2003: »Eine Gruppe südkoreanischer Archäologen hat nach eigenen Angaben die bisher ältesten Reiskörner der Welt entdeckt. Die Hand voll verkohlter Körner stamme aus der Zeit vor 14000 bis 15000 Jahren und unterscheide sich genetisch von den heute angebauten Sorten, sagte Lee Yung Jo von der Chungbuk National-Universität in Chongju. Bisher hatten Wissenschaftler den Beginn der Reis-Kultivierung vor etwa 12000 Jahren in China angenommen. ›Bis jetzt waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, daß der Ursprung des Reises der Jangtse-Fluss in China ist‹, sagte Lee. Der Fund der 59 Reiskörner in Südkorea zeige, daß sich das Getreide auch weiter nördlich von China, vielleicht auch in Japan, entwickelt habe.«“ (Ebd., S. 292-293).

„Der Unterschied in der zeitlichen Beurteilung sieht auf den ersten Blick zu groß aus, um glaubwürdig zu sein. Doch entspricht eine solche Datierung tatsächlich dem, was aus biologischer Sicht anzunehmen ist. Auch beim Reis dauerte es viele Jahrtausende, bis er den Zustand einer produktiven Kulturpflanze erreichte! Ein Massenanbau von Weizen als Nahrungsmittel läßt sich gleichfalls erst mit langer »Verzögerungszeit« nach den frühen Datierungen von Körnern der Wildform feststellen. Wildgetreidekörner, die vermutlich von Menschen genutzt worden sind, datieren aus der Zeit um 8000 v. Chr..“ (Ebd., S. 293).

„Historisch gesicherte Getreidekulturen in Mesopotamien und am Nil in Unterägypten entstanden 5000 Jahre später. Wildreis und Kulturreis liegen in China ähnlich weit auseinander. Der Reis rückt den neuen Funden in Südkorea zufolge jetzt sogar deutlich hinein in die Endphase der letzten (Kaltzeit der jetigen) Eiszeit. Damit wird die bislang noch so bruchstückhafte Geschichte spannend. Denn vor rund 15000 Jahren, also zur selben Zeit in die die Wildreiskörner aus Südkorea zurückdatiert werden, fanden der Auszug von (Nord-)Ostasiaten und ihre Einwanderung nach Amerika statt. Könnte es sein, daß die Kenntnisse solcher »Körnerpflanzen« vielleicht tatsächlich bis in jene Zeit zurückreichen, in der die ural-altaiischen Völker in Bewegung gekommen waren und neue Regionen besiedelten? Dann wäre auch ein Zusammenhang mit der »Erfindung« des Maises als Kulturpflanze vorstellbar. Sein Ursprung in Mittel- oder im nördlichen Südamerika gibt gleichfalls Rätsel auf. Wir sollten also nicht nur die Datierungen zum Anbau dieser Kulturpflanzen als Grundnahrungsmittel den Forschungen zugrunde legen, wenn es um ihren Ursprung geht, sondern auch einen Transfer von Kenntnissen in bisher nicht einmal angedachtem Ausmaß in Betracht ziehen. Es könnte durchaus sein, daß Getreide nicht an drei weit auseinanderliegenden Gebieten dreimal unabhängig voneinander »erfunden« wurde, sondern daß es einen grundlegenden gemeinsamen Zusammenhang gibt. Die Rätsel um die Entwicklung von Mais als Kulturpflanze verstärken den Verdacht, daß die Annahme unabhängiger Entstehung kaum mehr als unsere Unkenntnis ausdrückt.“ (Ebd., S. 293-294).

„Doch auch wenn in China der Reis ursprünglich kultiviert wurde, ist der Einfluß ural-altaischer Völker nicht auszuschließen, denn solche sind etwa zur Zeit der indoeuropäischen (indogermanischen; Anm HB) Expansion auch nach China vorgedrungen und die Koreaner gehören wie auch die Japaner ohnehin der nord(ost)asiatisch-mongolischen Gruppe an, die das östliche Gegenstück zu den Indoeuropäern bildet und (wie diese; Anm HB) den »Nostratischen Sprachen« (**) angehört. So dämmert allmählich eineVorgeschichte herauf, die weit vor unserer Vorgeschichte
liegt. Noch ist davon viel zu wenig Konkretes faßbar, um sie deuten zu können. Sicher ist jedoch, daß »die Geschichte«
nicht erst mit der vorderasiatisch-europäischen Geschichte beginnt. Den Hochkulturen im Großraum des » Fruchtbaren
Halbmondes« ist eine weit ältere Kultur vorgelagert, über die wir so gut wie nichts wissen. Sie entstand in Asien und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach im zentralen Bereich, nicht an den Rändern des Kontinents. In diese strahlte sie erst nachträglich aus, als sich in Zentralasien die Lebensbedingungen nachhaltig veränderten. Um eine Verschlechterung hatte es sich wohl gehandelt. Vielleicht war dieser aber eine so günstige Zeit vorausgegangen, daß die Bevölkerung wuchs und Abwanderungen nötig wurden: Nach wie vor ist nicht entschieden, aus welchem Anlaß heraus Nordostasiaten nach Amerika wanderten. Sicher ist den Sprachforschungen wie den genetischen Übereinstimmungen zufolge (vgl. Abbildung [**]), daß die Vorfahren aller Uramerikaner den Mongolen und Koreanern näher stehen als jeder anderen asiatischen Bevölkerung.“ (Ebd., S. 296-297).

„Keine menschliche Kultur war und ist offenbar ganz frei von Anregungs- und Suchtmitteln. Am umfangreichsten bedient man sich ihrer gemeinsam in der Gruppe, insbesondere bei Festen.“ (Ebd., S. 300).

Zitate: Hubert Brune, 2008 (zuletzt aktualisiert: 2009).

Von Josef H. Reichholf benutzte Quellen bzw. Literatur (Sekundärliteratur) u.a.:
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WWW.HUBERT-BRUNE.DE
- Literaturverzeichnis -