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Spengler Spengler-Zitate Spengler
„NEUE FORMEN DER WELTPOLITIK“, 1924
(in: „Politische Schriften“, 1919-1926)
Zitate
Ein Vortrag (Hamburg, 28.04.1924)
Zitate

NACH OBEN Zitate aus dem Vortrag in Hamburg (28.04.1924):

„Frankreich war während des Krieges der Staat, der am meisten von dem guten Willen seiner Verbündeten abhängig war, der unbedingt verloren gewesen wäre, wenn ihn nicht die Bajonette und die unerschöpflichen Milliarden der angelsächsischen Welt immer und immer wieder aus der letzten Gefahr gerettet hätten. Das französische Volk war schon vor dem Kriege infolge des Mangels an Geburten längst dasjenige, das seiner Zahl nach unter den Großmächten den vorletzten Platz einnahm und in sehr kurzer Zeit – wie es heute der Fall ist – bei weitem den letzten einnehmen mußte. Greisenhaft, müde, nur von dem Wunsche beseelt, seine Rente in Sicherheit zu verzehren und dabei ein wenig Liebe und Literatur zu treiben, war es dazu bestimmt, wie Spanien mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, so mit dem Ende des 19. aus der Reihe der lebendigen großen Mächte auszuscheiden. Kluge Franzosen, schon Renan, Flaubert und Zola, haben das längst geahnt und ausgesprochen. Das französische Volk hat seit Waterloo nicht einen neuen politischen Gedanken hervorgebracht. Während alle andern Großmächte und selbst kleinere Völker mit neuen Ideen und Methoden in das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts eintraten – man denke allein an den neuen Stil, den neuen Sinn der Kolonialpolitik, welche den Weltverkehr und damit den Seekrieg auf eine neue Basis stellten und die Küstengliederung ganzer Erdteile strategisch ausnützten – hat das französische Volk tatsächlich von einem einzigen, rein negativen Gefühl gezehrt: der Revanche. Aber das ist ein Gedanke, der durchaus rückschauend, senil und unfruchtbar ist, der zeigt, daß dieses Volk geistig angefangen hat in seiner eigenen Erinnerung zu leben, nicht für irgendeine Zukunft, sondern für das, was einmal dagewesen war. Schon die Zeit Napoleons III. war nichts als eine schlechte Wiederholung größerer Tage. Nun tritt ganz plötzlich das Ereignis vom Ende des Jahres 1918 ein und gibt diesem Volk einen Anstoß, der überraschend kommt und gerade in der altgewordenen französischen Seele überraschende Wirkungen hervorrufen mußte. Binnen einem Jahre hatte Frankreich vergessen, wer in Wirklichkeit der Sieger gewesen ist. (Aufrichtig gesagt: weiß das heute überhaupt schon jemand?)“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 160-161Spengler).

„Wo die Franzosen in fremden Erdteilen als Koloniegründer aufgetreten sind, haben sie mehr Blut vergossen als irgendeine andre Nation und kolonisatorisch weniger erreicht als irgendeine andere. Wo sie irgendwo auf dem Festland längere Zeit einen Erfolg in der Hand behielten, haben sie Spuren hinterlassen, von denen keine einzige aufbauender Natur gewesen ist.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 163Spengler).

„Seit dem Kriege ist eine ungeheure und immer noch wachsende Masse von Farbigen im Heerdienst ausgebildet worden, und diese hat damit als Ganzes gelernt, in europäischer Taktik zu denken und sich darüber klar zu werden, wo die Grenze der Wirkung weißer Truppen liegt, wenn sie es mit schwarzen in der Überzahl und in gleicher Ausbildung zu tun hat. Es kommt hinzu, daß der Nationalismus unter den Farbigen Afrikas nicht nur durch diese französische Militärpolitik – ohne Rücksicht auf deren Folgen – heraufbeschworen wird, sondern noch von zwei anderen Seiten her mit Bewußtsein unterstützt wird, allerdings mit sehr verschiedenem Ziel. Von den Negern der Vereinigten Staaten her wird vor allem über Liberia eine ganz außerordentliche Propaganda mit dem Schlagwort: »Afrika den Afrikanern« getrieben, eine Propaganda, die man bis zum Nil und in die Bergwerksgebiete Südafrikas hinein spürt. Auf der anderen Seite treibt der Islam eine ebenso wirksame Propaganda dadurch, daß er zugleich mit der Bekehrung großer Massen von Negern weit über den Äquator hinaus auch das Bewußtsein verbreitet, welches der moderne, aktiv politisch gewordene Islam seinen Bekennern gibt, die Zusammengehörigkeit im Kampf gegenüber den weißen Völkern. Dazu kommt die bolschewistische Agitation hauptsächlich von Indien her über Ostafrika und ihre Vorbereitung durch die christliche Mission, vor allem die englische puritanische, die den Negern die Gleichheit aller Menschen vor Gott predigt.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 166-167Spengler).

„Jedenfalls ist damit etwas erreicht worden, worauf Napoleon noch nicht rechnen konnte und woran er niemals gedacht hat, daß nämlich Afrika als Ganzes aufgehört hat, bloßes Objekt der Politik zu sein, und mehr und mehr sich auch als mögliches Subjekt der Politik zu empfinden beginnt. Wenn das Netz von strategischen Bahnen und Autolinien, das von französischer Seite geplant ist, sich weiter ausbreitet und von Westafrika her über den Tschadsee in die Gebiete des Nil und Kongo eindringt, also auch in einer Richtung, die in Faschoda einmal beinahe zum Krieg zwischen Frankreich und England geführt hatte (1898), dann ist gar nicht abzusehen, welche Richtung die eigene Stoßkraft dieser ungeheuren Masse erwachter Farbiger nehmen wird. Und wenn sie sich bei irgendwelchen künftigen Auseinandersetzungen zwischen weißen Mächten auf die eine oder andre Seite schlagen, eine Möglichkeit, die man ihnen zum erstenmal im Weltkrieg als Tatsache vorgeführt hat, dann kann unter Umständen die Entscheidung allein von der Stellungnahme dieses strategisch unendlich wichtigen Raumes und seiner Bevölkerung abhängen, die im Begriff ist sich als Nation zu fühlen. Es ist eines der großen Beispiele dieser Tage dafür, daß eine europäische Macht eine Waffe schmiedet, die ihr in Zukunft[167] aus der Hand gleiten und von anderen aufgehoben werden kann.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 167-168Spengler).

„Der schweigende, zähe Kampf ohne Gnade zwischen der politischen Führung der Staaten und der internationalen Hochfinanz, die sie unterwerfen will. Es ist der Versuch, der auch in der römischen Welt vom zweiten punischen Kriege an bis in die Tage Cäsars den Kennern der Verhältnisse sehr fühlbar war und ist, die großen politischen Entscheidungen scheinbar zugunsten einzelner Völker stattfinden zu lassen, tatsächlich aber im Interesse einer nicht an Länder und Völker gebundenen Geldmacht, die, je nachdem sie den Staaten Kredit gewährt oder nicht, die Verschuldung der Staaten anerkennt und steigert oder nicht, die Macht der Staaten an der Börse unterwühlt oder hebt, die große Politik allmählich zu einem Gegenstand bankmäßiger Überlegungen und börsenmäßiger Spekulationen macht, die Kreditgewährung in eine Art von finanziellem Protektorat verwandelt und damit die Politik selbst in ein Geschäftsunternehmen.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 170-171Spengler).

„Ich brauche auf diese Dinge nicht weiter einzugehen, aber es ist sehr wichtig gerade für die allernächste Zeit, wenn die Politiker sich darüber klar werden, daß die Vereinigten Staaten niemals wirkliche Politik getrieben haben, sowenig sie ein eigentlicher Staat sind, sondern daß ihre Politik seit 1865 ohne Ausnahme von finanziellen Mächten im Hintergrunde gesteuert worden ist, vor dem Kriege, während des Krieges und vor allem jetzt, wo es sich darum handelt, das Ergebnis des Krieges in eine finanzielle Form zu bringen. Nicht die Industrie beherrscht die Politik, die Hochfinanz beherrscht sie beide. Es besteht die Tatsache, daß eine Verlagerung des Reparationsproblems aus einem Kampf zwischen politischen Mächten in einen Kampf zwischen politischen und finanziellen Mächten mit unabsehbaren Folgen für die Wirtschaft plötzlich möglich und selbst wahrscheinlich geworden ist..“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 171Spengler).

„Die Wendung liegt in der Zeit des nordamerikanischen Bürgerkrieges (1861-1865). Gegen Ende des Krieges (1865) war die Schlachtflotte im wesentlichen so, wie sie 1914 noch war: mit schwersten geschützen besetzte Panzerschiffe einheitlichen Typs. Aber inzwischen hatte der Wettlauf begonnen, ..., um die außerordentlich gefährliche und fragwürdige, nie recht erprobte Waffe nicht aufs Spiel zusetzen, sondern sie in einer Weise auszunützen, daß auch ohne Schlacht die Entscheidung sicher war. Es beginnt ein Wettrennen in allen Erdteilen um die Besetzung und Befestigung von Küstenstrecken, die sichere Stützpunkte für eine derartige Flotte bilden konnten, um Punkte wie Malta, Aden, Singapur, Hongkomg, Port Arthur, Hawaii, Panama, die Bermudas, aus der einfachen Überlegung, daß, wenn eine Macht in einem Meere diese Punkte sicher in der Hand hat, ein Seekrieg im voraus entschieden ist. Eine feindliche Flotte kann sich in diesen gewässern überhaupt nicht halten. das heißt, der Seekrieg wird vor Kriegsbeginn dadurch entschieden, daß man die Stützpunkte gegeneinander ausspielt. das ist seit 1870 ein sehr wesentlicher Zug europäischer Kolonialpolitik gewesen.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 174-175Spengler).

„Inzwischen hat sich hier eine Wandlung vollzogen. In demselben Maße, wie das Innere Afrikas eigene politische Ziele und Neigungen zu zeigen beginnt, ..., wie Indien immer deutlicher erkennen läßt, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, und wie von Rußland her durch bolschewistische Agitation das ganze Innere Chinas aufgewühlt wird, in demselben Maße ist die Beherrschung der Küsten von beiden Seiten aus möglich geworden, der See oder dem Hinterland. Dann aber ist das Festland unter allen Umständen im Vorteil. Die Zeit der Seegeltung Englands neigt sich dem Ende zu.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 175-176Spengler).

„Heute ist auf der ganzen Erde jede Art von politischer Macht und Tradition derartig zersetzt, daß verhältnismäßig sehr kleine Kräfte in der Lage sind, ganz außerordentliche Umwälzungen hervorzurufen.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 179Spengler).

„Wir haben zu bedenken, daß das einzige Hindernis für derartige Umwälzungen, das System der stehenden Heere, erschüttert und im Verschwinden begriffen ist. Die revolutionäre Stimmung aller Länder hat den Geist dieser Heere verwandelt.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 179Spengler).

„Im Weltkrieg haben nun die revolutionären Elemente der großen Städte reiche Erfahrungen darüber sammeln können, wie das Ergebnis einer bewaffneten Auseinandersetzung ausfallen würde. Der Krieg mit den zahlreichen Beschießungen und Eroberungen großer Städte ist die Probe dafür gewesen, wo die Grenzen der Wirkung regulärer Truppen im Straßenkampf liegen. Er hat jedermann gezeigt, daß unsre steinernen Großstädte bei geschickter Verteidigung auch durch schwächere Kräfte Objekte sind, die einem mit allen modernen Machtmitteln kämpfenden Heer zu erobern schwer und fast unmöglich ist, und damit ist plötzlich und zwar ohne Ausnahme in allen Ländern in den Köpfen der Menschen, die sich als revolutionär bezeichnen, wieder die Überzeugung aufgetaucht, daß man eine Revolution auf revolutionärem Wege durchführen kann.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 180Spengler).

„Wir treten jetzt in ein Zeitalter, wo auch die Außenpolitik in der Gestalt, die überpersönlich und seit Jahrhunderten herangewachsen ist und die wir irgendwie mit den Worten Legitimität, Verfassung, politische Tradition, diplomatischer Stil bezeichnen können, in Formen übergeht, die dem Charakter einzelner Persönlichkeiten entspringen. Von Rußland darf man sagen, daß die Sowjetrepublik die persönliche Form Lenins gewesen ist. In Südafrika war schon lange vor dem Krieg der Aufbau der Staatengruppe ein ganz persönlicher Ausdruck der Arbeitsweise von Cecil Rhodes gewesen. Und das heutige Italien entspricht dem persönlichen Geschmack Mussolinis. Es ist der Cäsarismus der Zukunft, der sich in diesen Erscheinungen meldet. Es beweist den tiefen Blick Metternichs in die Zukunft, wenn er im Jahre 1820 schrieb: »Ich bin entweder zu früh oder zu spät auf die Welt gekommen; jetzt fühle ich mich zu nichts gut. Früher hätte ich die Zeit genossen, später hätte ich dazu gedient, wieder aufzubauen; heute bringe ich mein Leben zu, die morschen Gebäude zu stützen. Ich hätte im Jahre 1900 geboren werden und das zwanzigste Jahrhundert vor mir haben sollen.« Und: »Mein geheimster Gedanke ist, daß das alte Europa am Anfang seines Endes ist. Ich werde, entschlossen, mit ihm unterzugehen, meine Pflicht zu tun wissen. – Das neue Europa ist andrerseits noch im Werden; zwischen Ende und Anfang wird es ein Chaos geben.«“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 182Spengler).

„Aber dies Schwinden der Tradition war in der Zeit Bismarcks und Gladstones noch nicht zur Katastrophe gereift. Damals hatte selbst die stärkste Persönlichkeit den ganz überwiegenden Teil ihrer Arbeitskraft und Energie darauf verwenden müssen, in den Fesseln und gegen die Widerstände einer Form zu arbeiten, die als solche unerschütterlich war, um trotz aller Hindernisse das angestrebte Ziel zu erreichen. Diese Widerstände sind heute nicht mehr vorhanden. Würde Bismarck heute regieren, so würde er seine Arbeitskraft wahrscheinlich ganz für sein Ziel und nicht vorwiegend für die Überwindung widerstrebender Traditionen einzusetzen haben. Die künftige Politik wird, ob man nun an England oder Rußland oder Japan oder andere Länder denkt, geführt werden, indem einzelne Menschen von Rang entweder vorhanden sind, und dann so arbeiten, wie es ihrem privaten Willen entspricht, oder nicht vorhanden sind; in diesem Falle wird trotz aller Machtmittel und aller verfassungsmäßigen Formen des Regierens das Schicksal eines Landes sich außerordentlich ernst gestalten.“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 182-183Spengler).

„Damit besteht für Deutschland in Zukunft eine wachsende Möglichkeit, durch das Auftauchen entscheidender Persönlichkeiten über alles, was jetzt hoffnungslos erscheint, hinweggeführt zu werden. In einem Zeitalter, wo es einzelne sind und nicht unpersönliche Formen, welche das Schicksal darstellen, kann auch ein besiegtes und halbvernichtetes Land über Nacht zu gewaltiger Bedeutung aufsteigen. Aber darüber läßt sich nur mit einem Worte Hamlets sprechen:
In Bereitschaft sein ist alles.
“ (Oswald Spengler, Neue Formen der Weltpolitik, 1924, in: Politische Schriften, S. 183Spengler).

 

NACH OBEN Anmerkungen:


NACH OBEN Quos Jupiter vult perdere dementat: „Wen Jupiter verderben will, dem raubt er den Verstand“.

 

 

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