WWW.HUBERT-BRUNE.DE
Mut zur Identität. Alternativen zum Prinzip der Gleichheit (Hrsg.: Pierre Krebs; 1988)

- Auszüge -

lUnser inneres Reich (Pierre Krebs)
lDie Religion der Menschenrechte (Alain de Benoist)
lKampf um Europas religiöse Identität (Sigrid Hunke)
lDie indoeuropäische Tradition als Wurzel unserer Identität (Jean Haudry)
lWie sicher ist Europa? (Jordis Heinrich von Lohausen)
l Die neuen ideologischen Herausforderungen (Guillaume Faye)
lPlädoyer gegen die Weltwirtschaft (Arthur Korsenz)
lZur Psycho-Biologie der Identität (Detlev Promp)
lBilanz eines siebenjährigen metapolitischen Kampfes (Pierre Krebs)

 

Unser inneres Reich (Pierre Krebs)

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

Die Religion der Menschenrechte (Alain de Benoist)

 – Einleitung
 – Von der Freiheit zur Schreckensherrschaft
 – Die Kulturen sind in Gefahr
 – Im Dienst des Liberalkapitalismus
 – Rückkehr zum bürgerlichen Humanitarismus

Einleitung

„Um die abstrakten Rechte eines Menschen an sich wissen wir aber nichts - und können auch nichts wissen. Der »universale« Mensch existiert nicht.“ (Ebd., 1988, S. 44).

„Was allerdings existiert, ist eine zoologische Einheit des Menschengeschlechts; im strengen Sinne macht die Art Mensch die »Menschheit«aus. Ein solcher Begriff hat aber eine rein biologische Bedeutung. Nun glauben wir nicht, daß der Mensch sein Wesen aufgrund seiner biologischen Merkmale bestimmen kann. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß das Spezifische am Menschen, d. h. was den Menschen-als-Menschen gründet und ausmacht, aus der Kultur und der Geschichte hervorgeht.“ (Ebd., 1988, S. 44-45).

„Auf kultureller Ebene gibt es aber kein Muster für die gesamte Menschheit. Historisch gesehen entfalten sich die Kulturen immer in der Mehrzahl. In einem kulturellen rein menschlichen Sinne von »Menschheit« zu sprechen heißt nichts anderes, als die Kultur zur Natur zurückzuführen, als die Geschichte auf die Biologie zu reduzieren. Es ist durchaus bemerkenswert, daß die Anhänger der Ideologie der Menschenrechte gerade in diesen »biologischen Reduktionismus« verfallen, indem sie ein moralisches Gebot aus einem Umstand folgern, der nur mit Zoologie zu tun hat.“ (Ebd., 1988, S. 45).

„Es gibt ebensowenig »ewige Ideen« wie das »Gute« oder das »Wahre« an sich.“ (Ebd., 1988, S. 46).

„Wir ... möchten ... daran erinnern, daß der Mensch ... keine andere Natur hat als die Kultur, kraft deren er sich selbst aufbaut. Wird der Mensch allein, in abstracto, außerhalb jeglicher Gelegenheit, sich in Form zu setzen, aufgefaßt, so ist er weder gut noch böse. Nur der durch die historischen Institutionen und Verwirklichungen in Form gesetzte Mensch existiert als Mensch.“ (Ebd., 1988, S. 47).

„Wie Max Weber es nachwies, ist das »Naturrecht« grundsätzlich revolutionär, denn die gesellschaftliche Ordnung wird immer in seinem Namen in Frage gestellt, und zwar dadurch, daß eine vermeintliche Legitimität einer feststehenden Legalität entgegengehalten wird. (Vgl. Max Weber, Rechtssoziologie, S. 266).“ (Ebd., 1988, S. 48).

„Die Ideologie der Menschenrechte ist nicht nur unfähig, die individuellen Freiheiten bei den anderen zum Erstarken zu bringen; sie trägt auch dazu bei, daß die zivilen Freiheiten bei uns verkümmern. Indem sie die Rechte des abstrakten Einzelnen über die konkreten Zugehörigkeiten stellt, neigt die Ideologie der Menschenrechte ebenso wie der Liberalismus dazu, im Namen einer fortwährenden Gegenwart die Vergangenheit wegzuradieren und die Zukunft zurückzusetzen.“ (Ebd., 1988, S. 48-49).

„Als profane Übertragung der mosaischen Gesetze und der noachidischen Gebote kann die Ideologie der Menschenrechte eigentlich nur eine Reduzierung oder eine Homogenisierung bewirken (und wahrscheinlich auch bezwecken). »Jene vereinheitlichende Funktion des Dekalogs gegenüber dem Volk Moses«, schreibt Ghislaine R. Cassin ferner, »soll die Allgemeine Erklärung diesmal gegenüber der gesamten Menschheit ausüben.« (Ghislaine R. Cassin, in: L’Action gaulliste, 30.04.1980). Zu diesem Zweck gilt es, auf die Rechte des Menschen an sich hinzuweisen, und zwar gegen die konkreten Rechte der konkreten Menschen innerhalb ihrer konkreten Gemeinschaften. Der Mensch, den die Ideologie der Menschenrechte beschützt, ist ein nicht-bodenständiger. Er hat kein Erbe und keine Zugehörigkeit - oder er will beide zerstören. Dieser Mensch möchte gern, daß die anderen ebenfalls ungebunden werden. Er würde gern zusehen, wie sie ihr eigenes Erbe abtreten und zu Nachtwandlern werden. Dieses Schreckgespenst berührt uns aber nicht.“ (Ebd., 1988, S. 49).

Von der Freiheit zur Schreckensherrschaft

„Es besteht ... ein großer Unterschied »zwischen den tatsächlichen Freiheiten, die als Privilegien erfochten wurden, und der prinzipiellen, als Recht geforderten Freiheit.« Auch Edmund Burke hält der Ideologie der Menschenrechte ihr potentiell antidemokratisches Wesen vor und äußert die Überzeugung, daß sie die Freiheiten des Volkes gefährdet zugunsten der als »metaphysischer Entität« aufgefaßten Freiheit, die auf einer falschen Auffassung von »Natur« und »Vernunft« beruht und den Arm des erstbesten Tyrannen stärken kann. »Hat man ein Recht auf alles«, schreibt er, »so vergißt man alles.« Er fügt hinzu: »Der Zwang gehört ebensowie die Freiheit zum Recht der Menschen .... Alle vermeintlichen Rechte jener Theoretiker sind extrem; und so wahr sie metaphysisch auch sein mögen, so falsch sind sie moralisch und politisch.«“ (Ebd., 1988, S. 50).

„Damit stellen wir erneut fest, wie die widersprüchlichsten Absolutheiten zueinander stoßen können. Indem die Ideologie der Menschenrechte Recht und Freiheit auf Universalien, auf eine »abstrakte Vollkommenheit« gründet, untergräbt sie die Freiheiten und die konkreten Rechte der Individuen und Gemeinschaften. Indem sie verschiedene Quellen des Rechts homogenisiert, d.h. vermischt, schafft sie die (für moderne Gewaltherrschaften günstigen) Voraussetzungen zu einer ständigen Aufhebung der besonderen, differenzierten Rechte im Namen eines »Universal- und Naturrechts«.“ (Ebd., 1988, S. 50).

„Was bedeutet Freiheit für die Anhänger der Menschenrechte? Blandine Barret-Kriegel antwortet: Es ist »die Zerstörung aller Disziplin.« Deutlicher geht es nicht. In diesem Sinne wird die Freiheit als ein Naturzustand des Menschen wahrgenommen, der u.a. der Gesellschaft, der Regierungsherrschaft, der sozialen Ordnung entfremdet ist. Es ist eine »unbegrenzte Freiheit«, die dem eigentlichen Wesen des Menschen bei Rousseau entspricht; eine Freiheit, die den Menschen aufgrund ihres individuellen, als souverän aufgefaßten Willens rechtmäßig innewohnt (souverän, sofern er mit einer absoluten Souveränität verwandt ist, die vor der Gesellschaft bestanden hat.) Diese Freiheit muß von der Regierungsmacht als eine axiomatische (unanzweifelbare) Freiheit, als eine Berechtigung anerkannt werden. Da sie einer »Befreiung« gleichkommt, führt sie zur Verwerfung der Zugehörigkeit und der Disziplin. Sie arbeitet der Notwendigkeit entgegen; sie bedeutet Erlösung von der Notwendigkeit. »Frei« ist das Individuum, dem das Recht zuerkannt wurde, sich von jedem Zwang zu befreien - das Individuum, dessen individuelles, angeborenes Recht über das aus einer geschichtlichen Tat hervorgehende kollektive Recht gestellt wurde. Die Auffassung der Freiheit, der wir uns anschließen, ist eine ganz andere. In dieser Auffassung »gibt es keine allgemeine abstrakte Freiheit, sondern Freiheiten, die dem eigentlichen Wesen des Menschen gemäß zum Ausdruck kommen.« (Julius Evola). Ein freier Wille existiert nämlich nicht im Abstrakten; es gibt nur Willen, die von Kräften getrieben und mit Projekten verknüpft werden. Der Freiheitsbegriff ist kein philosophischer oder moralischer, sondern ein praktischer und politischer. Die Freiheit ist dem Menschen nicht präexistent, wie ein metaphysisches Recht, das er sozusagen im Wasserzeichen seiner »Person« besäße. Sie muß vielmehr erobert werden. Sie hat keine »spontanen Nutznießer«, sondern nur Stifter und Bürgen. Frei wird niemand geboren, aber manche werden es. Die Freiheit geht nämlich aus der Unternehmung hervor, sie einzuführen oder zu erobern. Eine solche Unternehmung können sowohl Individuen als auch Gemeinschaften geplant haben. Innerhalb der Gesellschaft muß eine eroberte Freiheit vom Staat gewährleistet werden - gegen eine staatsbürgerliche Verpflichtung seitens der Gesellschaftsmitglieder. Die Freiheit an sich« ist nicht in der gesellschaftspolitischen Ordnung zu beobachten. Zu beobachten ist lediglich ein Netz von bestimmten Rechten und Pflichten, die einer Tradition entstammen und deren Gewähr weniger in Prinzipien als in dem Vorhandensein einer wirklichen politischen Kraft enthalten ist. Die politische Freiheit, schreibt Julien Freund, »eben weil sie politisch ist, kann sich den Voraussetzungen des Politischen nicht entziehen .... Mit anderen Worten: die politische Freiheit ist nicht nur im Staat, aber man braucht einen Staat, damit sie sich äußern kann.«“ (Ebd., 1988, S. 50-51).

„»Freiheit«, schreibt der Dichter Rudolf G. Binding, »ist die freiwillige Einfügung oder Einordnung in eine höchste unter Menschen geltende Ordnung. Anders wäre Freiheit Unordnung und Anarchie. Fühle, daß sie das nicht sein kann. Wir leben unter dem Gewölbe der Freiheit wie unter einem weit gespannten Himmel, der über uns steht; aber wir ständen im Leeren und entfielen allen menschlichen hohen Gesetzen und Rechten, wenn wir den Himmel durchstießen.« (Rudolf G. Binding, Von Freiheit und Vaterland). “ (Ebd., 1988, S. 51-52).

„In Sachen Freiheit haben die Erben der europäischen Kultur übrigens von niemandem etwas zu lernen. Der Begriff der politischen Freiheit entstand im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Athen. Bei den Kelten und den Germanen nahm das gesamte Volk an den politischen Entscheidungen teil. (Dort wurde auch die Frau immer als Person angesehen.) Die konkreten Freiheiten entstanden in Rom aus dem System der gegenseitigen Leistungen, innerhalb dessen Verpflichtungen und erhaltene Dienste sich die Waage hielten. Und nicht zu Unrecht rühmte Montesquieu - bei seinem Vergleich zwischen den alten europäischen Demokratien und den orientalischen Despotismen - gerade jene aus dem Norden stammenden »tapferen Völker, die aus ihrem Land ausziehen, um Tyrannen und Sklaven zu vernichten.« (Charles-Louis de Montesquieu, Vom Geist der Gesetze, 1748, 17, 5). Wir könnten sogar der Frage nachgehen, ob die öffentlichen Freiheiten wegen dieses Erbes, dieser Tradition der gemeinschaftlichen Freiheiten, heutzutage noch (relativ) besser in Nordeuropa geschützt sind als in den südlichen Ländern.“ (Ebd., 1988, S. 52).

„Denn die Freiheit besteht ja eigentlich in der Unabhängigkeit« und »Autonomie«. Die »Befreiung« und die »Emanzipierung«, werden sie einmal von der Unabhängigkeit und der Autonomie getrennt aufgefaßt, haben nichts mehr mit dem Kampf um Freiheiten, sondern nur noch mit Kulturpathologie zu tun. Sich von seinen Zugehörigkeiten »emanzipieren« zu wollen heißt, sich selbst vernichten und verleugnen. Keine Gesellschaft darf zulassen, daß in ihr im Namen der »Freiheit« sich Mitglieder absondern und sie zerstören.“ (Ebd., 1988, S. 53).

„Abgesehen davon, daß die Behauptung eines solchen Rechts auf »Emanzipation« den Individuen keineswegs mehr an realer Freiheit einbringt, ist sie auch dazu geeignet, die schlimmsten Gewaltherrschaften zu nähren. Wenn die Freiheit nur eine zurückzuerobernde »Natur« ist, kann diese Zurückeroberung als ein entferntes Ziel hingestellt werden, dessen Zielsetzung die sofortige Negierung der konkreten Freiheiten rechtfertigt. Die Revolution von 1789 mündete somit durchaus folgerichtig in die Schreckensherrschaft von 1793. ... Die Erhöhung einer abstrakten Freiheit führt immer zur Negierung der konkreten Freiheiten, so wie die Erhöhung des »Menschen an sich« immer auf Kosten der Einzelnen geschieht. Das »Universalrecht« ist der allerschlimmste Feind der Privatrechte.“ (Ebd., 1988, S. 53).

Die Kulturen sind in Gefahr

„Der mit dem Monotheismus zusammenhängende Monohumanismus führt logischerweise zu jener besonderen Erscheinungsform des Rassismus, die auf dem Ethnozentrismus gründet. Zu behaupten, daß es grundsätzlich nur »einen« Menschen gebe, heißt letzten Endes nämlich alle Menschen nach denselben Kriterien beurteilen, sie durch das gleiche Sieb schütten. Völlig objektive Kriterien kann es allerdings nicht geben - umso weniger, als es auf kultureller und geschichtlicher Ebene kein Muster für die gesamte Menschheit gibt. Die Menschen als gleich, die Kulturen als zusammengehörig zu betrachten, ihnen die gleichen Bestrebungen und Rechte zuzuschreiben heißt, sie immer von einem einzelnen Standpunkt aus betrachten, dem gegenüber sie nicht gleich sein können. »Für den Durchschnittsmenschen«, schreibt Edmund Leach, »bezeichnet der Begriff Mensch »unseresgleichen, Leute unseres Schlages«, und oft ist der Anwendungsbereich einer solchen Kategorie äußerst begrenzt. Daraus folgern wir, daß es eine effektive Menschengesellschaft, innerhalb deren alle Individuen, selbst nur annähernd und in irgendeinem Sinne, untereinander gleich sind, nie gab und nie geben wird - außer daß sie winzigen Ausmaßes wäre.« (Edmund Leach, a.a.O., 1960, S. 365). Mit anderen Worten, der Egalitarismus besteht darin, alle Menschen als gleich zu betrachten, »unter der Bedingung allerdings, daß sie meine moralischen Werte akzeptieren.« (Ebd., 1960, S. 382).“ (Ebd., 1988, S. 53-54).

„Und Leach schließt mit den Worten: »Möglicherweise wird eine künftige Generation aufdecken, was der verheerende Trugschluß unserer Zeit war: nachdem wir mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Methoden entdeckt hatten, daß der Mensch als zoologische Art tatsächlich einzig ist, waren wir - mit Zwang und politischer Propaganda - bestrebt, dem Menschen als Kulturwesen und moralischer Person eine ähnliche Einheitsbedeutung aufzuerlegen, die dem eigentlichen Wesen unserer menschlichen Natur widerspricht.« (Ebd., 1960, S. 388).“ (Ebd., 1988, S. 54).

„Die Ideologie der Menschenrechte liefert das beste Beispiel für diesen »okzidental-biblischen« Ethnozentrismus. An der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« fällt nämlich am meisten auf, daß sich das »Allgemeine« auf ihre Anmaßung, es zu werden, beschränkt. In den Werten einer besonderen Religion, dem jüdisch-christlichen Monotheismus, gründend, ist sie nach den Worten Marcel Boisards »ein Synthese-Kompromiß zwischen dem westlichen Liberalismus, der gegenüber der Gesellschaft abstrakte Persönlichkeitsrechte definiert, und dem Marxismus, der das Individuum durch die Bindung an die Sozialgruppe zu schützen trachtet.« (Marcel Boisard, a.a.O., 1980). Ebenso bemerkenswert ist übrigens, daß kein einziger Vertreter der Dritten Welt in der achtköpfigen Kommission zu finden war, die mit der Ausarbeitung dieser Allgemeinen Erklärung beauftragt worden war.“ (Ebd., 1988, S. 54).

„Gibt es etwa auf der ganzen Erde nur eine Einheitskultur, deren Modell überall durch ein nach westlichen Kriterien zivilisiertes« Schulsystem gelehrt werden müßte? Besteht nicht in manchen Kulturen auch eine traditionelle Schulung, die außerhalb der Schule geschieht? Der Westen versucht, der ganzen Menschheit eine einheitliche Form des Unterrichts und der Wissensübertragung, folglich auch eine einheitliche Kultur und Weltanschauung aufzuzwingen. Was ist andererseits unter »Sklaverei« zu verstehen? Nach Auffassung der Ideologie der Menschenrechte hört die Sklaverei auf, sobald die Arbeit mit Geld entlohnt wird. Würde aber nicht die Einfuhr einer billigen fremdländischen Arbeitskraft nach Europa - aus der Sicht eines Irokesen zum Beispiel - als neue Form der Sklaverei erscheinen? Und überhaupt: Hat die westliche Welt nicht etwa neue Formen der »Sklaverei« und der kollektiven Unterdrückung geschaffen, und zwar durch den wirtschaftlichen Imperialismus, die kulturelle Beherrschung und die »Diktatur der Medien«?“ (Ebd., 1988, S. 55).

„Auf diese Weise erkennen wir die Gefahr, welche die »universalen« Prinzipien in sich bergen. Sie schließen nämlich in juristischen Bezeichnungen sowie in typisch okzidentalischen Vorstellungen Begriffe ein, die von jeder Kultur unterschiedlich wahrgenommen werden. Mit der gesamten christlichen, dann rationalistischen Philosophie ... münden sie in dieselbe Illusion ein: sie geben vor, eine juristische und philosophische Sprache für den ganzen Planeten freizulegen. Sie wollen einen einzigen Signifikanten (Ausdrucksseite des sprachlichen Zeichens) für alle Signifikate (Inhaltsseite des sprachlichen Zeichens) finden.“ (Ebd., 1988, S. 55).

„Diese Verfahrensweise stößt auf allerlei Hindernisse. Die islamischen Länder zum Beispiel weigern sich, die 1962 verabschiedete Konvention über die freie Partnerwahl, das Heiratsmindestalter und die Registrierung der Eheschließung zu unterzeichnen. In dem bereits erwähnten Artikel geht Marcel Boisard übrigens der Frage nach, ob es eine typische islamische Auffassung der Menschenrechte gebe. Er stellt insbesondere fest, daß in den Ländern islamischer Kultur »die Pflicht des Individuums vor seinem Recht geht. Die soziale Qualität in höchstem Grad ist eher kollektiv als interindividuell. Jener traditionelle Gegensatz, den die abendländische Philosophie zwischen persönlichem Vorteil und Gemeingut aufstellte, ist im islamischen sozialen Denken somit theoretisch nicht anzutreffen.« »Da Welt, Gesellschaft und Individuum alle, auf verschiedenen Ebenen, moralische Gebote darstellen, besteht das höchste Wohl folglich in der harmonischen Anpassung an diese Gebote.« Die »Rechte Gottes« durch die Menschenrechte ersetzen zu wollen kann dem Islam nur widersinnig vorkommen. Der Artikel 29 der »Allgemeinen Erklärung« von 1948, der einzige übrigens, in dem es um die Pflichten des Individuums gegenüber der Gemeinschaft geht, erscheint in juristischer Hinsicht besonders widersprüchlich und verworren (**). Der Rechtsphilosoph John Finnis beurteilt ihn als »unklar« und »vieldeutig«. Um welche Gemeinschaft« handelt es sich eigentlich? Um die Familie, die Nation, die Firma, den Stamm? Die Erklärung hält anscheinend für eine Tatsache (oder für wünschenswert), daß alle Menschen in einer gleichartigen Sozialgruppe leben, die nach westlichem Vorbild rationell und juristisch organisiert ist. Zu den im besagten Artikel erwähnten »Pflichten« gehört die Berücksichtigung »der Moral, öffentlichen Ordnung und allgemeinen Wohlfahrt in einer demokratischen Gesellschaft«. Die Rechte und Pflichten, die mit der wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Unabhängigkeit der Nationalgruppen zusammenhängen, werden dagegen in keiner Weise erwähnt.“ (Ebd., 1988, S. 55-56).

„Es gilt lediglich das »demokratisch«-liberal-kapitalistische Modell, das auf dem westlichen Universalismus und dem bürgerlichen Individualismus gründet, in Achtung zu bringen. Was können aber außerhalb jeder kulturellen Norm die Begriffe »Moral« und »öffentliche Ordnung« überhaupt bedeuten? Letzterer Ausdruck hat nicht einmal die gleiche Bedeutung im Englischen wie im Französischen! Der Versuch, für die gesamte Menschheit die psychischen Normen der allgemeinen Wohlfahrt« (general welfare) nach dem Hedonismus Benthams zu bestimmen, kann auf juristischer Ebene ebensowenig ernstgenommen werden.“ (Ebd., 1988, S. 56).

„Indem sie das Schwinden der ethisch-kulturellen Eigentümlichkeiten legitimiert, bekräftigt die Ideologie der Menschenrechte die Erhöhung des Lebensniveaus - die jedem »gebührt« - als allgemeingültiges Ideal und wesentliches »Erfolgs«-Kriterium für die einzelnen Staatsformen. In diesem Sinne ist beispielsweise der 1966 geschlossene »Pakt über wirtschaftliche und soziale Rechte« zu verstehen. Ein solches durchaus antihistorisches Ideal ist nichts anderes, wie Jürgen Habermas es treuherzig formulierte, als eine Perspektive auf Ruhe und Befriedigung im Leben. Es steht aber keineswegs fest, ob diese Aussicht dem Wunsch aller Menschengruppen entspricht oder entsprechen muß. Das Glück hat nämlich nicht nur mit Materiellem zu tun. Es besteht auch in dem zwangsläufig besonderen Schicksal, das sich die Völker verleihen wollen.“ (Ebd., 1988, S. 56-57).

„Die Ideologie der Menschenrechte kann sich als eine aus dem Westen importierte Lehre nur verheerend auf die Rechts- und Verfassungssysteme der Dritte-Welt-Länder auswirken. In manchen Gesellschaften bedeutet das Auseinandernehmen der Hierarchien nichts anderes, als mühevoll errungene Gleichgewichte zu zerstören. Der Verfall der Gewohnheitsrechte, die Abschaffung jener zum Schutz der Gemeinschaften gedachten Vorrichtungen erweisen sich als ebenso verhängnisvoll. Die Verfasser der »Allgemeinen Erklärung« von 1948 konnten sich offenbar nicht vorstellen, daß ein persönliches Recht für einen afrikanischen Bauern nicht unbedingt die gleiche Bedeutung hat wie für einen wohlhabenden Bürger aus New-York. »Das Individuum zu schützen« bedeutet nicht, daß man ihm überall die Vorrechte zuweist, die im christlichen kanonischen Recht oder im angelsächsischen Jusnaturalismus verankert sind. In den ländlichen Demokratien Südamerikas führt das in ein parlamentarisches Repräsentativsystem mündende Wahlrecht dazu, das Wahlgangstertum zu fördern und das Volk der Tyrannei feudaler Politiker zu unterwerfen. In manchen afrikanischen Gesellschaften kann die »Bewegungsfreiheit« den Zusammenbruch der traditionellen Strukturen sowie die »wilde« Proletarisierung eines nicht unwesentlichen Teils der Bevölkerung hervorrufen usw.. »Im Namen der Menschenrechte«, bemerkt Gilles Anquetil, »kann man ohne weiteres und ungeprüft die islamisch geprägte Rechtspflege, das Kastensystem in Indien oder unzählige afrikanische Gesellschaftsriten in den Bereich der Barbarei zurückwerfen, ohne dabei die von solchen gesellschaftlichen Vorschriften übertragenen Werte zu berücksichtigen, die eine authentische Weltordnung organisieren.« (Gilles Anquetil, a.a.O., 06.03.1980).Wir sind aufgrund der bisherigen Ausführungen nun berechtigt, die Verbreitung der Philosophie der Menschenrechte in den Dritte-Welt-Ländern als ein (wenigstens zum Teil) Phänomen der politisch-juristischen Akkulturation auszulegen sowie als Verzicht auf Normen authentischen Rechts zugunsten abstrakter »universaler« Normen, die im kulturellen Erfahrungsgut der betroffenen Länder auf nichts verweisen. Diese Akkulturation stellt ohne Zweifel eine Form des Neokolonialismus dar, die im unmittelbaren Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht der Völker steht, im Namen dessen sich die Entkolonisierung gerechterweise vollzog.“ (Ebd., 1988, S. 57-58).

„»Die Ideologie der Menschenrechte«, schreibt Gilles Anquetil ferner, »postuliert in ihrem Universalismus und durchaus Kantischen Rigorismus, daß alle Menschen den gleichen Bezug zum Leben und zum Tod haben und daß man ohne Bedenken von den kulturellen und religiösen Traditionen absehen kann, die diesen Bezug bestimmen.« (Gilles Anquetil, a.a.O., 06.03.1980). Und dennoch, »so schockierend es uns erscheinen mag, müssen wir uns damit abfinden, daß ein afghanischer Untergrundkämpfer nicht nur ausschließlich für den Triumph dessen kämpft, was wir als Menschenrechte bezeichnen. Er kämpft, um eine kulturelle Ordnung zu verteidigen, in der das Verhältnis zum gegebenen oder erhaltenen Tod, die moralischen Werte, die Zeit und das Gesellschaftsprojekt in keiner Weise dem entsprechen, worum die Abendländer kämpfen.« (Ebd., 1988, S. 58).

Im Dienst des Liberalkapitalismus **

„In Technik und Wissenschaft als »Ideologie« (1968) weist Jürgen Habermas darauf hin, daß die liberalistische Gesellschaft ... durch die Erweiterung von »Sub-Systemen zweckrationalen Handelns« gekennzeichnet ist.“ (Ebd., 1988, S. 59).

„Max Weber weist seinerseits nach, daß in einer solchen Gesellschaft die Kohäsion nicht mehr durch politische Führung erfolgt, sondern durch eine dezentralisierte Selbstregulierung technokratischen Wesens. Der Konsens beruht dann auf der praktischen Einwilligung der Individuen in eine Lebensweise, auf die sie nicht mehr verzichten können; diese Einwilligung geschieht auf der Ebene der Sub-Systeme, und nicht mehr auf allgemeiner Ebene. (Diese integrierenden Sub-Systeme können u. a. der Betrieb, die Berufssphäre, die Vereinstätigkeit, die Welt des Autos, die häusliche Sphäre sein.) Um seine Herrschaft zu behaupten, braucht das System folglich keinen politischen Diskurs und keine nationalen mobilisierenden Mythen mehr. Aus dieser Tatsache ergibt sich eine Entpolitisierung und Entnationalisierung der bürgerlichen Gesellschaft - was Max Weber als deren Säkularisierung« bezeichnete. Die Legitimation der gesamten Gesellschaftsstruktur durch politische Argumentation oder »fraglose Traditionen« weicht einer Legitimation durch wirtschaftliche Ideologien oder durch private Ethiken, die eine materielle Lebensauffassung rechtfertigen (und sich selbst an dem mechanistischen und ökonomistischen Aspekt des internationalen zu legitimierenden Systems orientieren).“ (Ebd., 1988, S. 59).

„So unterschiedlichen Autoren wie Max Weber, Arnold Gehlen, Helmut Schelsky oder Martin Heidegger zufolge beruht das allgemeine System der liberalkapitalistischen Gesellschaft letzten Endes auf einer Deutung der Wissenschaft und der Technik als Tätigkeiten, die dem Einzelnen zweckrational zu seinem ökonomischen Glück verhelfen sollen. Es kommt also darauf an, über eine Theorie zu verfügen, die eine Synthese der beiden Schlüsselbegriffe Glück und Rationalität in höchstem Maße bestätigt. Die Theorie ist die Ideologie der Menschenrechte.“ (Ebd., 1988, S. 59-60).

„Aus der Sicht ihrer Urheber weist die Ideologie der Menschenrechte mehrere Vorteile auf. In erster Linie besitzt sie ein moralisches Wesen, kraft dessen sie zumeist auch dort annehmbar ist, wo ein rein technokratischer« Diskurs unter Umständen schlecht angenommen werden würde. »Die Lösung technischer Aufgaben«, schreibt Habermas, »ist auf öffentliche Diskussion nicht angewiesen, öffentliche Diskussionen könnten vielmehr die Randbedingungen des Systems, innerhalb dessen die Aufgaben der Staatstätigkeit als technische sich darstellen, problematisieren.« Außerdem verdeckt diese Ideologie die Macht- und Bedeutungslosigkeit des politischen Diskurses einer führenden Klasse, die - da sie eine immer mehr durchökonomisierte Gesellschaft »auf Sicht« steuert - jeglichen legitimierenden ideologischen Diskurs vom herkömmlichen Typ entbehrt. Mit anderen Worten: In dem Augenblick, da die moderne Zivilisation, die ja auf allen Ebenen ihrer Sub-Systeme - mit Ausnahme der Erfahrungsebene - umstritten ist, keine politische Ideologie zu deren Legitimation findet, vermag nur noch die Lehre der Menschenrechte einen Konsens zu schaffen, und zwar in der (etwas lockeren) Form des kleinsten gemeinsamen ideologischen Nenners.“ (Ebd., 1988, S. 60).

„Daß die Ideologie der Menschenrechte größtenteils als eine us-amerikanische Ideologie hervortritt, ist unter diesen Bedingungen folgerichtig. Es ist nämlich kein Zufall, wenn die Vereinigten Staaten gleichzeitig die größten Anhänger des liberalkapitalistischen Gesellschaftsmodells sind; und wenn die zentralen Begriffe der liberalistischen Rechtsphilosophie zur Theorie der us-amerikanischen kapitalistischen Praxis wurde - oder genauer zum legitimierenden Kodex eines Signifikats, das nichts anderes als der Handelsaufschwung der USA ist.“ (Ebd., 1988, S. 60).

„Das hauptsächlich biblische Wesen der us-amerikanischen Ideologie der Anfänge erwies sich in dieser Hinsicht als prädisponierendes Element. »Die dialektische Verwandtschaft des amerikanischen Grundgesetzes mit dem mosaischen Gesetz drängt sich einem beinahe auf«, schreibt Pol Castel. Dem fügt er hinzu: »Es ist kein Zufall, wenn die amerikanische Demokratie so viele Ähnlichkeiten mit der ersten hebräischen Regierung aufweist, denn die Founding Fathers waren mit der biblischen Welt hinlänglich bekannt« (Le Monde, v. 4. Juni 1979).“ (Ebd., 1988, S. 60).

„Die 1776 in Philadelphia unterzeichnete Unabhängigkeitserklärung von Amerika postuliert: »Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören« daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden.« Es ist wahrlich schwierig, in so wenig Sätzen soviel Unsinn auszusprechen. Daß »alle Menschen gleich geschaffen sind«, stimmt nicht - und die Überlegung, ob es gut ist, daß sie es werden, kann nur subjektiv sein: Nur der Mensch ist wirklich Schöpfer, und er kann nicht von »Natur aus« mit irgendeinem Recht oder irgendeiner Pflicht ausgestattet worden sein. Die Regierungen wurden nicht nur eingesetzt, um die persönlichen Rechte zu sichern; sie setzten sich vielmehr selbst ein, um verschiedenen Verpflichtungen nachzukommen, allen voran der Pflicht, den Völkern ein Schicksal zu verleihen. Was die »selbstverständlichen Wahrheiten« betrifft, sind sie ebenso wenig wirklich und »selbstverständlich« wie die goldenen Berge oder die sechsfüßigen Einhörner. Aber die ganze Ideologie der Menschenrechte » keimt« bereits in diesen Behauptungen.“ (Ebd., 1988, S. 61).

„Es sei in diesem Zusammenhang festgestellt, daß die im Schoße der französischen Revolution von 1789 entstandene Philosophie der Menschenrechte – eine rousseauistische, wenig ökonomistische und mehr politische Philosophie - von der us-amerikanischen stark abweicht. Sie ist weniger individualistisch, weniger universalistisch und drückt nicht gleich ein und denselben Wunsch nach einem Abschluß der Geschichte aus. Neben ihrer Theorie über den »Menschen an sich« weist sie dem positiven Begriff des Staatsbürgers eine große Bedeutung zu. Vielleicht deshalb berufen sich die bedeutendsten Theoretiker der Menschenrechte heute eher auf die us-amerikanische als auf die französische Revolution. Hannah Arendt zum Beispiel, deren Lebensweg sie in die Nähe des Marxismus brachte und die schließlich die us-amerikanische Auffassung der Menschenrechte verteidigte (**), lehnt die Praxis der französischen Revolution entschieden ab. Freiheit mit revolutionärer Gewalt zu sichern, ist für sie unannehmbar. Die Freiheit muß auf einem ununterbrochenen Gesellschaftsprozeß gegründet sein. Dadurch daß sie sich von vornherein Lockes Bourgeoisismus und Benthams Utilitarismus (u.a. Ablehnung der historisch gründenden Revolutionen; Wille, die Menschenrechte auf »eine spontane gesellschaftliche Organisation« und nicht auf einen politischen Bruch zu gründen) anschließt, verwirft H. Arendt den polemischen Begriff der Gesellschaftsklasse; und das führt sie dazu, das Problem der wirtschaftlichen Beherrschung und der sozialen Entfremdung nahezu völlig zu vertuschen. »In den Vereinigten Staaten von 1776«, schreibt sie, »behielt der Begriff »Volk« (people) die Bedeutung der Vielzahl, deutete die unendliche Mannigfaltigkeit einer Vielheit an, deren Größe in ihrer Pluralität bestand.« Diese Andeutung ist ebenfalls aufschlußreich. Die »Vielheit« ist nichts anderes als die heterogene und »individualisierte« Menge, wo jedem frei steht, »glücklich zu sein« und wo der ideale gesellschaftliche Raum der konsumierenden Kundschaft entsteht, auf die der Liberalkapitalismus angewiesen ist. Hannah Arendt wird somit dazu gebracht, aus der Ideologie der Menschenrechte das Instrument einer Klassenkollaboration zu machen, und bekräftigt gleichzeitig das Interesse, das die us-amerikanischen Wirtschaftskreise dieser Philosophie entgegenbringen.“ (Ebd., 1988, S. 61-62).

„Die Verwirklichung der weltbürgerlichen Ideologie der Menschenrechte führt ... zu einer Einschränkung der politischen Souveränität der nationalen Staaten. Mit Bezug auf Montesquieu befürwortete Jean-Marie Benoist noch vor kurzem eine Art »Richterregierung« für Europa. Nationale oberste Gerichtshöfe, die einem europäischen obersten Gerichtshof unterstünden, müßten auf alle Hemmnisse aufmerksam machen, mit denen die Regierungen den vollen Genuß der Menschenrechte erschweren könnten. Solche auf dem zweideutigen Prinzip der »Gewaltenteilung« gründenden Auffassungen könnten nur zur Einsetzung eines Obersten Weltgerichtshofes führen - eines ungeheuren, gegen die nationalen Mächte und Regierungen ... gerichteteten Gleichschaltungsapparat ....“ (Ebd., 1988, S. 62).

„Der Vorrang der individuellen Rechte vor den nationalen Souveränitätsrechten ruft gegenwärtig eine gefährliche Erscheinung hervor: die Ablösung der politisch-exekutiven Kategorie durch die juristische. Indem sie im Namen einer moralischen »Weltinstanz« die Macht der nationalen Staaten einschränkt, zielt die Ideologie der Menschenrechte darauf ab, das Politische um seine Vorrechte zu bringen und es einer höheren juristischen Entscheidungsinstanz zu unterwerfen. Daß das Politische und sein Wesen den zersetzenden Praktiken eines metaphysischen, abstrakten Rechtswesens untergeordnet wird, führt zur Diktatur der Juristen über die Regierenden. Diese Unterordnung schließt die Absetzung der Staatsräson in sich; sie bekräftigt den Untergang des Politischen. Der eigentliche Begriff der »menschlichen Person«, auf den die Ideologie der Menschenrechte so großen Wert legt, ist ein juristischer: das Recht ist die »natürliche« Quelle einer Theorie der Person, die das Individuum in erster Linie als Besitzer von Rechten kennzeichnet.“ (Ebd., 1988, S. 63).

„Schon in frühgeschichtlicher Zeit versuchte man in dem einen oder anderen Fall durch Einsetzung einer Nomokratie zu verhindern, daß die politische Macht sich für »allmächtig« erklärt und mit »Gott wetteifert«. Moses war der erste, der die Trennung zwischen dem Politischen und dem Richterlichen sowie die Unterordnung des ersten unter das zweite befürwortete. In Kanaan ist der Richter oberster Führer in Frieden und Chef der Exekutive in Kriegszeiten. Die Regierungsmacht müßte demnach dem Gesetz untergeordnet sein und das Gesetz müßte das Abbild von Jahwes Gesetz sein. Dieses Thema wird heutzutage nach allen Seiten ausgebeutet. Das Recht drückt dann, wie Nietzsche es treffend darlegte, nichts anderes als einen »Willen zur Macht« aus: es dient dazu, die politisch-exekutive Souveränität zugunsten derjenigen Macht zu vernichten, die sich ihrer zu bemächtigen versucht. Zur Zeit des Augustinus und Gregors VII. hatte schon die Kirche die christliche Theorie der Menschenrechte dazu benutzt, sich von der politisch-exekutiven Macht zu emanzipieren. Die im 18. Jahrhundert auf ideologischer Ebene erneut aufgetretene Unterordnung des Politischexekutiven - gegenüber dem Juristischen - nahm im vorigen Jahrhundert mit dem Konstitutionalismus zu. Die politische Tätigkeit wurde immer auf die gesetzgebende reduziert; jeder politische Konflikt unterstand dem gerichtlichen Beschluß usw.. Diese Entwicklung führte zum heutigen sogenannten Rechtsstaat. »Nicht nur, daß das gesamte Recht mit dem Gesetz völlig übereinstimmt; das Gesetz gilt außerdem als politische Tätigkeit bzw. als politisches Tätigkeitsfeld.« (Julien Feund, a.a.O., 1965, S. 242). Die Verrechtlichung des internationalen Menschenrechtsschutzes wurde mit der Gründung des unheilvollen Völkerbundes (1919) konkretisiert, der 1945 von der Organisation der Vereinten Nationen abgelöst wurde. Die Rechtstheorie, an die sich die Ideologie der Menschenrechte anschließt, ist selbstverständlich die »Naturrechtstheorie«. Wir legten bereits dar, weshalb wir diese Theorie als irrig betrachten. (**). Wir sind nämlich der Überzeugung, daß es keinen extrinsischen (außen liegenden) Rechtsdeterminismus gibt, keine rechtliche Verbindlichkeit, die sich aus einer dem Menschen fremden Ordnung ergibt. Die vom Recht gegründete Ordnung ist ursprünglich immer eine gewollte und konventionelle; sie wird durch stillschweigende oder ausdrückliche Übereinkunft eingesetzt. Sie ist also beliebig veränderbar und modifizierbar, je nach dem Willen und den Wahlentscheidungen der Menschen. Das Recht ist im eigentlichen Sinne etwas Künstliches; und hierin ist es rein menschlich. Demnach kann von Rechtsgültigkeit nur innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft die Rede sein. »Das Gesetz im juristischen Sinne ist nicht universal«, unterstreicht Julien Freund. »Es gilt räumlich und zeitlich nur innerhalb der territorialen Grenzen der politischen Autorität, die den unmittelbaren Zwang ausüben kann. Seine Gültigkeit ist auf eine politische Einheit beschränkt.« (Julien Feund, a.a.O., 1972, S. 7). Außerdem bezweckt das Recht nicht etwa die »Gerechtigkeit an sich«, sondern die konkrete Rechtlichkeit in einer Reihe von bestimmten Fällen. »So wie das Recht Vermittlung ist und die Verhältnisse zu den anderen bestimmt, so stellt die Rechtlichkeit keine Gerechtigkeit an sich dar, sondern eine Haltung, die die Freiheit und die Interessen eines jeden achtet.« (Ebd., S. 92). Wir geraten deshalb nicht in den juristischen Positivismus, dem zufolge das Recht einzig das Ergebnis des Willens ist, der es gründet. Das hieße letztlich die Ansicht vertreten, daß alles, was eine konstituierte Behörde entscheidet, gerecht ist; das Recht würde nicht mehr die (zur Ordnung beitragende) Rechtlichkeit bezwecken, sondern lediglich die Ordnung. Das hieße ebenfalls, auf andere Art in die Vormachtstellung des Gesetzes zurückfallen, über das bereits Platons Hippias aussagte, es könne zum »Tyrannen des Menschen« werden (Protagoras). Das Recht enthält auch eine Wertkomponente: ein Gesetz muß, um gerecht zu sein, den spezifischen Werten der Kultur oder des Volkes entsprechen, in dem und für das es geschaffen wurde.“ (Ebd., 1988, S. 63-64).

„Von daher ist es offensichtlich, daß die Destrukturierung der politischen Macht den Zusammensturz des Rechts insofern hervorruft, als dieses nicht mehr anwendbar ist. Das Recht hat nämlich kein ureigenes Wesen. Tritt es einmal zutage, so gibt es Anlaß zu einer autonomen Tätigkeit, deren spezifisches Mittel das Prozeßverfahren ist, aber es vermag nicht, sich selbständig zu konstituieren. »Das Recht hat nur dann einen Sinn, wenn ein politischer Wille die Gesellschaft in Kenntnis setzt, daß sie sich konstituiert, sich eine Regierungsform verleiht, das heißt ihre Ordnung bestimmt.« (Julien Feund, a.a.O., 1972, S. 88). Deshalb kann das Gesetz als Instrument der Ordnung diese nicht aus sich heraus stiften oder sie allein aufrechterhalten. »Gesetze bestehen nur dort, wo es eine gegründete Republik gibt«, schrieb Hobbes. Das liegt daran, daß der zur Verwirklichung der Gesetze notwendige Zwang dem Recht nicht innewohnen kann; er wird ihm von außen beigefügt. Das an sich normende und vorschreibende Recht besitzt weder die Mittel noch die Macht, das, was es verordnet, aufzuzwingen oder einhalten zu lassen. Das bedeutet aber nicht, daß das Politische das Vollstreckungsmittel des Rechts ist. Das heißt vielmehr, daß sich das Politische das Recht gefügig macht, sofern nur jenes dieses verbürgern kann. So wird jener alte Gegensatz von Macht und Gesetz gelöst. Die politische Macht darf nicht an die Stelle des Rechts treten: es wäre die Willkür. Oder auch das Recht darf nicht die politische Macht ersetzen: es wäre die Ohnmacht. »In einem Rechtsstaat, wo ausschließlich das Gesetz regieren würde«, schreibt ferner Julien Freund, »wäre das Recht machtlos und die Politik gelähmt.« (Ebd., S. 10).“ (Ebd., 1988, S. 64-65).

„Auch die von den Verfechtern der Menschenrechtsideologie häufig vertretene Auffassung, wonach das Recht die Macht ausschließe, wonach der Rechtsstaat den Frieden sichere (da der Rückgriff auf das Gesetz genüge, den Konflikt auszuschließen) ist reine Absurdität: die Konflikte rühren nämlich aus der Unterschiedlichkeit von Kräften, die das Recht nur dann zügeln kann, wenn es sich selbst auf eine Macht stützt. Deshalb ist »Friede eine in erster Linie politische Sache, keine juristische. Erst wenn das Politische es vermag, die Gewalt sowohl innen als auch außen zunichte zu machen, kann es Lösungen auf dem rechtlichen Weg erzwingen«. (Julien Feund, a.a.O., 1972, S. 10). Der tatsächliche Schutz der Freiheiten kann nur dann erfolgreich sein, wenn er auf politischer Ebene vorgenommen wird. Die Sicherung der Freiheiten setzt ein Kräfteverhältnis voraus, das für denjenigen, der sie schützen will, vorteilhaft ist. Ganz anders verhält es sich natürlich mit der Ideologie der Menschenrechte, die sich von vornherein auf der moralisch-juristischen Ebene definiert, die das Recht dazu führt, seine eigene Sphäre auf Kosten des Politischen zu verlassen. Je mehr sich das Recht aber ausdehnt, umso mehr verdünnt es sich. Je mehr vom Recht »die Rede« ist, umso mehr sieht es seine Macht dahinschwinden. Für die Menschen wie für die Nationen sind begrenzte, genau beschriebene und gekennzeichnete Rechte besser als ein anspruchsvolles, egalitäres, »universales Recht«, Im dessen Anwendung keine Einschränkung, keine historische Tradition bürgen. Das Recht, das einem Menschen nur deshalb zugesprochen wird, »weil er ein Mensch ist«, ist nichtig; wird dieses Recht nicht anerkannt, und schon kann keiner den Vorteil davon genießen. Nur diejenigen Rechte, die von einer politischen Macht geschützt werden oder die zu schützen sich eine politische Macht entschließt, können effektiv anerkannt und verwirklicht werden.“ (Ebd., 1988, S. 65-66).

„Schon ein kurzer Blick auf die jüngste Vergangenheit zeigt, daß sich die Ideologie der Menschenrechte beim Schützen der konkreten Freiheiten als völlig wirkungslos erwies. Sie ist freilich bestens darauf eingestellt, die westlichen Länder, in denen sie ins Leben trat, zu destrukturieren; es gelang ihr aber andererseits nicht, z.B. mehr reale Freiheit in den Ländern einzuführen, die unter sowjetischer Herrschaft stehen. Kurz nach dem russischen Einfall in Afghanistan sabotierte sie 1980 die Olympischen Spiele von Moskau im Namen des »Weltgewissens« und zur »Sanktion«: sie trug letzten Endes nur dazu bei, den olympischen Geist zu vernichten. In einzelnen Fällen konnten die Verfechter der Menschenrechte die Medien auf das Schicksal des einen oder anderen »Dissidenten« aufmerksam machen. Diese Proteste halfen dennoch nichts (außer wenn die UdSSR es für politisch einträglich hielt, »eine Geste zu machen«).“ (Ebd., 1988, S. 66).

„Das gute Gewissen des Humanitarismus beklagt arglos, daß »die Menschenrechte seit ihrer juristischen Verankerung in höherem Maße verunglimpft werden.« Wir möchten aber darauf hinweisen, daß die konkreten Freiheiten eines jeden Volkes zwangsläufig von dem Augenblick an zurücktreten mußten, da man sie durch ein »universales Recht« und eine abstrakte »Freiheit« zu ersetzen versuchte, die viel leichter zu verletzen waren. Indem die Ideologie der Menschenrechte so unklare Begriffe wie das »Gemeinwohl«, die »Demokratie«, das »Sanitätswesen« oder die »Moralität« als Prinzipien aufstellt, verhilft sie den tyrannischen Regierungen dazu, alle Hemmnisse zu überwinden, die die Gewohnheits- und Lokalrechte für sie darstell(t)en. Die neue chinesische Verfassung, die das »Recht der freien Meinungsäußerung« und des »freien Schriftverkehrs« garantiert, konnte beispielsweise das (konkrete) Recht zum Anschlagen der dazibaos dadurch aufheben, daß sie sich auf die Theorie der Menschenrechte stützte.“ (Ebd., 1988, S. 67).

„Einige schwarzafrikanische Staaten der nachkolonialen Zeit, die die »Allgemeine Erklärung« von 1948 unterzeichnet hatten, verzichteten gleichzeitig auf ihr herkömmliches Gewohnheitsrecht - da sie es viel lieber hatten, nur noch an drei Seiten eines philosophischen und moralisierenden Diskurses gebunden zu sein. Und wir sprechen hier lediglich von den politischen Freiheiten des klassischen Typs: den sprachlichen, kulturellen u.a. Freiheiten ist die Ideologie der Menschenrechte bekanntlich völlig gleichgültig, wenn nicht feindlich gesinnt.“ (Ebd., 1988, S. 67).

„Daß die juristischen Begriffe des angelsächsischen biblischen Demokratismus weltweit übernommen werden, erweist sich nicht nur als völlig fruchtlos für die Besserung der Verhältnisse; diese Entwicklung kennzeichnet unseres Erachtens auch einen eindeutigen Verfall des Rechts, der übrigens auch mit dem Rückgang des Politischen zusammenhängt. Da das Recht allmählich aufhört, praxisbezogen zu sein, an Bräuche oder an überlieferte und vererbte Rechtsprechungen gebunden zu sein, wird es moralisch und ideologisch. Zum Thema wissenschaftlicher Abhandlungen umgewandelt, der Unaufgeklärtheit von Journalisten und Meinungsmachern zur Speisung gegeben, erweist es sich als völlig unfähig, seiner Aufgabe in aller Form gerecht zu werden. Damit die Völker und die Sozialgruppen sich von der wirtschaftlichen Herrschaft und der – auf die liberalkapitalistische Gesellschaftsform zurückgehende - soziokulturellen Entfremdung freimachen, müssen sie eine antiindividualistische Ideologie und Strategie übernehmen, wo die Widerstandsräume möglichst von einem Befreiungswillen beherrscht sowie strukturiert werden, der nur souverän und politisch sein kann. Zu einer entgegengesetzten Haltung drängt leider die Ideologie der Menschenrechte, deren pseudo-befreiender Diskurs sich letzten Endes für das gesamte System verbürgt, indem er dieses anscheinend nur punktuell, auf der oberflächlichen unwesentlichen Ebene der formalen Semiologie anficht.“ (Ebd., 1988, S. 67-68).

Rückkehr zum bürgerlichen Humanitarismus

„Die Ideologie der Menschenrechte bildet heute den Sammelpunkt aller egalitären, sowohl religiösen wie auch weltlichen Strömungen nicht nur, weil die jetzige »egalitäre Zivilisation« eine theoretische Legitimation im höchsten Grad braucht, sondern auch, weil das Thema der Menschenrechte sozusagen eine gemeinsame Entwicklungsschicht innerhalb ihres Diskurses ausmacht. Liberale und Rationalisten westlicher Tradition, gemäßigte Sozialisten, Kantianer, Marxisten, Anhänger der christlich-sozialen Bewegung, ja sogar traditionalistische Christen, alle erlebten irgendwann im Verlauf ihrer »ideologischen Geschichte« den rationalen Idealismus der Menschenrechte. Und aus diesem Grunde eignet sich dieses Thema besonders dazu, sie ökumenisch zusammenzubringen, zu einem Zeitpunkt, wo sie es am meisten nötig haben.“ (Ebd., 1988, S. 68).

„Nur die Ideologie der Menschenrechte war nämlich in der Lage, auf einer breiten Rückzugstellung eine westliche Intelligenzia neu zu gruppieren, die seit etwa zehn Jahren durch das Abbröckeln ihres theoretischen Diskurses sowie den wiederholten Zusammenbruch ihrer politischen und gesellschaftlichen Modelle völlig ratlos geworden war. Daß heute Marxisten und revolutionäre Sozialisten, deren Lehrgebäude einst den »kleinbürgerlichen Idealismus« (Lenin) und den »Formalismus« zu überwinden begehrte, erneut zum Schutz der Menschenrechte ansetzen, zeugt von einem unbestreitbaren theoretischen Rückzug des egalitären Denkens. Dieser Rückzug, dieser ideologische Widerruf fällt mit der Entwicklung des Egalitarismus, von einer dialektischen Phase zu einer soziologischen, zusammen. Die im 18. Jahrhundert eingeleitete dialektische Phase zeichnete sich durch intellektuelle Findigkeit aus: die Formulierung der Ideen ging ihrer politischen und gesellschaftlichen Umsetzung voraus. In der soziologischen Phase läuft die massive Verbreitung der egalitären Lebensformen sowie der Triumph des bürgerlichen Typus parallel zum Rückgang der revolutionären ideologischen Formulierungen und zum erneuten Aufkommen einer pseudo-humanitären Sensibilität: dann steuert das soziale Geschehen die Ideen, und nicht umgekehrt. Die egalitäre Ideologie hört damit auf, erfinderisch zu sein. Sie beschränkt sich auf »bescheidene« Formeln. Sie zielt auf Homogenisierung und Vermassung hin. Die Ideologie der Menschenrechte, als Diskurs eines Weltbürgertums und Sinn dieses Projekts, bildet die Axialform dieser »Vermassung« der Ideen.“ (Ebd., 1988, S. 68-69).

„Auf Seiten der Christen ist die Entwicklung besonders bemerkbar. Vor allem das katholische Christentum bekämpfte lange Zeit die Philosophie der Menschenrechte - zu deren Gründung es dennoch in hohem Maße beigetragen hatte -, als diese Philosophie dazu überging, das »Naturrecht« nicht mehr auf einer geoffenbarten Moral, sondern auf westlichen Prinzipien zu gründen. Heute aber muß das - einen Teil der Vergangenheit übersehende - Christentum sich nicht verweltlichen, um im Evangelium eine zivile Moral zu finden, die auf dem »Naturrecht« und auf dem Vorrang des Individuums gründet. Pater Michel Lelong durfte vor wenigen Jahren sogar schreiben, daß die Einwilligung in die Philosophie der Menschenrechte ein wichtigeres Kriterium zur Beurteilung der einzelnen Lehrgebäude darstelle als die Haltung zum Apostolischen Glaubensbekenntnis. Die ... Vereinigung »Rechte des Menschen und Solidarität« äußerte unlängst den Wunsch, unter diesem Motto Katholiken und Freimaurer zusammenzubringen. Was Papst Johannes Paul II., den würdigen Fortsetzer des Verhaltens von Papst Paul VI., betrifft, tritt er auf seinen Reisen ebenfalls immer wieder für die Menschenrechte« ein. (**).“ (Ebd., 1988, S. 69-70).

„In der streng-marxistischen Tradition, die zwischen »formalen« (bürgerlichen) Freiheiten und »realen« (sozialistischen) Freiheiten unterschied, wurde die Ideologie der Menschenrechte noch vor einiger Zeit verworfen, weil sie einer historisch überholten Phase entspreche. Im Manifest der Kommunistischen Partei (1848) sprach Marx seinen berühmten Fluch aus: »Aber streitet nicht mit uns, indem ihr an euren bürgerlichen Vorstellungen von Freiheit, Bildung, Recht usw. die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums meßt. Eure Ideen selbst sind Erzeugnisse der bürgerlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse, wie euer Recht nur der zum Gesetz erhobene Wille eurer Klasse ist.« Unter den heutigen, mehr auf humanistischen Anstand bedachten Marxisten sind es immer weniger, die auch das bürgerliche Recht als Diskurs wirtschaftlicher Legitimation verwerfen - obwohl diese Verwerfung einen der interessantesten Aspekte der marxistischen Analyse darstellt. Man könnte diese Analyse übrigens wiederaufnehmen und dabei nachweisen, daß sich die Legitimation weniger auf eine Klasse bezieht als auf eine Funktion: auf die ökonomische und kaufmännische Funktion. Die Kritik am bürgerlichen humanitären Recht« ziemt sich heute nicht mehr, seitdem die Revolution in Verdacht gekommen ist, sich dem »Glück« zu widersetzen.“ (Ebd., 1988, S. 70).

„Der Verzicht auf den Antihumanismus geht nicht auf die Stimmungen eines Roger Garaudy zurück. In Wirklichkeit läutete die Frankfurter Schule schon vor dem 2. Weltkrieg die enttäuschte und schmerzvolle Rückkehr zur Ideologie der Menschenrechte ein, der sich ein großer Teil der heutigen Linksintellektuellen mittlerweile angeschlossen hat. Ernst Bloch war einer der ersten, die die Rückkehr zur Bibel und den Verzicht auf jegliche revolutionäre Perspektive priesen.“ (Ebd., 1988, S. 70).

„Die Ideologie der Menschenrechte bildet nunmehr den Treffpunkt all derjenigen, die der Egalitarismus enttäuschte; den Ort, wo sie zugleich ihre Irrfahrten gestehen, ihre Pleiten zugeben, ihre Grundbestrebungen beibehalten und nach wie vor ein gutes Gewissen haben können. Sie ist der ideologische Raum, in den alle gegenwärtigen Universalismen, alle der monotheistischen Mentalität entsprungenen Systeme hineinfließen werden. Sie ist die Religion des ausgehenden 20. Jahrhunderts (und des gesamten 21. Jahrhunderts; Anm. HB).“ (Ebd., 1988, S. 71).

Kampf um Europas religiöse Identität (Sigrid Hunke)

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

Die indoeuropäische Tradition als Wurzel unserer Identität (Jean Haudry)

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

Wie sicher ist Europa?  (Jordis Heinrich von Lohausen)

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

Die neuen ideologischen Herausforderungen (Guillaume Faye)

 – Die Rückkehr der Herausforderungen
 – Die Herausforderung der mehr-rassischen Gesellschaft
 – Der Ethnozid der Europäer
 – Die „Tradition“ im Lichte der faustischen Seele
 – Die europäische Identität im Schatten der modernen Technik
 – Schlußwort

Die Rückkehr der Herausforderungen

„Man wäre versucht zu sagen, daß der Beschleunigung unserer Dekadenz eine immer mehr ausgeprägte Oberflächlichkeit der ideologischen Auseinandersetzung entspricht.“ (Ebd., 1988, S. 187).

„Die Rückkehr zu den Traditionen, die Suche nach der familiären und der regionalen Identität siedeln sich in den kollektiven Mentalitäten allmählich an, und zwar neben dem krankhaften Psychismus der Wohlstandsjahre, der ausschließlich auf die narzißtische Suche nach dem ökonomischen Ansehen ausgerichtet war, und neben der Verleugnung jeglicher Zugehörigkeit. Die in Europa herrschenden Meinungen ... offenbaren ebenfalls dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs eine immer größere Abneigung gegen die Paktgebundenheit, zugleich aber den Wunsch nach einer Neutralität Europas, also eine mehr oder minder zugestandene Sezession gegenüber den westlichen Verbindlichkeiten.“ (Ebd., 1988, S. 190).

„Nun aber pflichten die politischen Kreise dem us-amerikanischen Liberalismus, der atlantischen Abhängigkeit gegenüber der NATO, einem Modell kosmopolitischer und »plurikultureller« Zivilisation (statt nationaler und europäischer Modelle) bei, und zwar merkwürdigerweise gerade in den Jahren, wo aus der Tiefe der europäischen Völker die Ablehnung des Okzidentalismus, des Amerikanismus und des Atlantismus sowie das Bedürfnis nach Identität und Selbstbehauptung hervorzuquellen beginnen.“ (Ebd., 1988, S. 190-191).

„Von den einzelnen Herausforderungen, die der europäischen Identität gestellt werden, möchte wir hier drei bedeutende festhalten: (I) die mehr-rassische Gesellschaft als Herausforderung an unsere anthropologische Persönlichkeit, (II) die Entkulturierung und den Verlust der Traditionen als Herausforderungen an unser kulturelles Gedächtnis, (III) die technomorphe Gesellschaft als allgemeine Herausforderung an unsere Kultur und unsere Psyche. Die strategischen und wirtschaftlichen Bedrohungen, die ebenfalls zu den neuen Herausforderungen gehören, werden an diesem Ort bewußt nicht berücksichtigt, weil das, worauf es am ehesten ankommt und was das übrige bedingt, nach unserer Überzeugung dem infrastrukturellen Bereich der kulturellen und ethnischen Identität, d.h. dem Bereich des Inneren, innewohnt.“ (Ebd., 1988, S. 191).

Die Herausforderung der mehr-rassischen Gesellschaft

-   Die Rassenpsychose der herrschenden Ideologien
-   Der Antirassismus als Träger des Rassismus
-   Die Ethnizität als Mittel gegen den Rassismus

„Die meisten europäischen Länder erwachten im Laufe der letzten Jahre plötzlich mitten in einer völlig neuen Gesellschaftsform – die sie zwanzig Jahre zuvor (= 1968; Anm. HB) hätten voraussehen können, die sie aber nicht voraussahen – eine Form, die bislang den USA vorbehalten zu sein schien: die mehrrassische Gesellschaftsform als Folge der Entkolonisierung, der Einwanderung von Arbeitskräften und des unterschiedlichen Bevölkerungswachstums zwischen Nord und Süd. Erstmals in seiner Geschichte – zumindest im letzten Jahrtausend – wurde Westeuropa zum Gastgeber afro-asiatischer Minderheiten, deren Anteil ständig steigt. Die Erschütterung ist erheblich, und sie tritt in Frankreich am heftigsten zutage. Die Identitätsfrage wird mit einer noch nie dagewesenen Brutalität und Dringlichkeit aufgeworfen. Aber diese Herausforderung ermöglicht den Europäern – endlich –, sich der Natur ihrer eigenen Spezifität bewußt zu werden oder wenigstens darüber nachzudenken. Die Identität, die Stärke des Zugehörigkeitsgefühls und die Bedeutung des Begriffs »Staatsbürgerschaft« beruhen selbstverständlich auf einer relativen ethnokulturellen Homogenität der Europäer; und daher müssen wir nach dem »Wünschbarkeitsgrad« der mehrrassischen oder plurikulturellen Gesellschaft fragen. Ein neues Zeichen immerhin: die öffentliche Debatte erörtert offen die (bislang tabuisierte) Frage nach einer eventuellen und wünschenswerten Rückkehr der Minderheiten in ihre Heimat. Meinungsbewegungen stellen sogar die Möglichkeit, die Bürgerschaft eines europäischen Staates zu erlangen, in Frage, wenn man keine europäische ethnokulturelle Herkunft hat. Die mehrrassische Gesellschaft weist nämlich zwei bedeutende Nachteile auf: zum einen ist sie eine »mehrrassistische« Gesellschaft, in der die Gettos, der Rassenhaß, alle möglichen sozialen Kämpfe »blühen«, wie u.a. die USA, Brasilien, Südafrika es zur Genüge dokumentieren. Zum anderen kommt dieses Gesellschaftsmodell einer New-Yorkisierung Europas gleich, und zwar gemäß der Logik des planetarischen Okzidents,wo die Entwurzelung, der narzistische Individualismus, die Durchmechanisierung und -merkantilisierung des Gesellschaftskörpers, der Verlust der kulturellen Identität die Regel ausmachen und den Begriff der Staatsbürgerschaft – für die Fremdstämmigen und die Einheimischen – abschaffen. “ (Ebd., 1988, S. 192).

„Die mehrrassische Gesellschaft zu beargwöhnen, ist heute ein Gebot: Weil wir jegliche Form des Rassismus verurteilen; weil wir der heute durchwegs pathogenen Vermassungsgesellschaft ein gemeinschaftliches Modell vorziehen und die europäische Kultur respektieren; weil jeder Mensch ein Recht darauf hat, eine Identität und eine Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die Problematik der mehrrassischen Gesellschaft rückt übrigens in den Mittelpunkt und wird zur wichtigsten politischen Frage des ausgehenden Jahrhunderts: die echten Herausforderungen, die neuen Trennungslinien werden nämlich immer weniger eine »Rechte« und eine »Linke« gegenüberstellen (diese sozialökonomische Querele ist heute zweitrangig und überholt), sondern vielmehr die Anhänger des Kosmopolitismus und die der Identität, die nunmehr sowohl links als auch rechts zu finden sind.“ (Ebd., 1988, S. 192-193).

„Was in Europa als »Immigration« bezeichnet wird, ist nach der Einschätzung Albert Sauvys nichts anderes als eine „bevölkernde Kolonisierung“ durch die fruchtbaren Länder Asiens und Afrikas. Wir lassen die Rückbewegung jener Kolonisierung über uns ergehen, die wir den anderen zugefügt haben. Wenn wir uns nicht vorsehen und unseren demographischen Rückgang nicht aufhalten, so wird Pierre Chaunu weiterhin behaupten können: »Europa ist zum Aussterben verurteilt, Europa weiß es aber noch nicht«, mehr noch, ein größerer Teil der Einwohner Europas, vornehmlich unter den Jugendlichen, wird zu Beginn des kommenden Jahrhunderts nicht mehr europäischen Ursprungs, wahrscheinlich auch nicht mehr europäischer »Kultur« sein. Letztere hat nämlich ihre »enkulturierende« Fähigkeit eingebüßt, und die eingewanderten Bevölkerungen werden die Wahl zwischen dem »Maxi-Getto« und der Amerikanisierung haben. Demnach läuft Europa große Gefahr, seine ethnokulturelle Identität zu verlieren; und dieser Verlust ist schlimmer als die Akkulturation, als der Kulturwandel durch Fremdeinfluß, denn er ist nicht wieder gut zu machen. In seiner ganzen Geschichte war Europa noch nie so in Gefahr, von der Bildfläche zu verschwinden, wie heute – und noch nie waren sich seine Führungskräfte dessen so wenig bewußt.“ (Ebd., 1988, S. 193).

„Zu einem Zeitpunkt, wo wir uns – zweifelsohne zu Recht – von den Genoziden verwirrt und betroffen fühlen, die andere Völker zum Teil oder ganz treffen bzw. getroffen haben, bleiben wir gleichgültig und blind gegen den ethnischen, demographischen Genozid, der heute ganz Europa bedroht.“ (Ebd., 1988, S. 193).

„Die Anhänger der Assimilierung der nach Europa Immigrierten (sowie die ihrer Integration durch das Getto-System einer plurikulturellen Gesellschaft) wollen genauso verfahren wie die messianischen Bekehrer der Indianer, die nivellierenden Jakobiner und vor allem die Kolonisatoren des 19. bzw. des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit dem Unterschied allerdings, daß sie jetzt uns durchkolonisieren wollen. Es ist ein bitterer und tragischer Widerspruch der Geschichte, daß das ex-kolonisierende Europa heute an erster Stelle der endgültig zu kolonisierenden Völker steht. Und höchste Ironie: die afro-asiatischen Immigranten, die Söhne also derjenigen, die der Kolonialismus damals zu ethnozidieren begann und deren Identität er zerstörte, werden heute dazu benutzt, Europa um den Rest seiner Identität zu bringen, sind heute die Werkzeuge unserer eigenen »Hyperverwestlichung«! Die mehrrassische Gesellschaft ist zugleich die Umkehrung und die Fortsetzung der kolonialen Gesellschaft; und die Vielrassigkeit ist eine Hypostase, eine Erscheinungsform des Kolonialismus. In beiden Fällen führt der Progressismus, das Fortschrittlertum, den Reigen, und wir können jetzt begreifen, daß der Kolonialismus lediglich das Kindesalter der Mehrrassen-Ideologie war. Im Unterbewußtsein der Progressisten und der Sozialdemokraten muß es doch irgendwo diese Wahnvorstellung – eine Mischung von Masochismus und Alterophobie (Abneigung gegen den Anderen) – geben: Die Südvölker zu kolonisieren, zu verwestlichen und zu entkulturieren reichte nicht aus, wir müssen sie jetzt zu uns kommen lassen, damit wir zusammen in einer riesigen kulturellen Orgie uns gegenseitig ent-identifizieren. Wir, die die Träger eurer Entkulturierung waren, rufen euch jetzt herbei, damit ihr uns und euch entpersönlicht!“ (Ebd., 1988, S. 193-194).

„Die Ideologie, die die Vielrassenheit heute befürwortet und steuert, ist keineswegs neu – trotz ihres Anspruchs, es zu sein. Das Lehrgebäude der französischen Republik orientiert sich ausdrücklich an dem »nationalen« Modell der zentralisierenden Monarchen, das auf der Zwangsangleichung der Volksgruppen und der Abschaffung ihrer Identitäten gründete. Die Kolonisierung der Volksgruppen durch den Zentralstaat, der überseeische Kolonialismus und die heutige Vielrassenheit bzw. Assimilation gehen in Frankreich wie von selbst ineinander über. Die gegenwärtige »multikulturalistische« Regierungsmacht setzt lediglich die Lehren ihrer Vorgänger fort. Paradoxerweise ist die französische Identität Opfer der französischen Ideologie ....“ (Ebd., 1988, S. 194).

„Daß die mehrrassische Gesellschaft die Gettos schafft und den Rassismus institutionalisiert, wird durch den Umstand bekräftigt, daß ab einem gewissen Prozentsatz von »Farbigen« diese ihre Rassenautonomie fordern. Innerhalb der britischen Arbeiterpartei haben die Neger die Bildung einer »schwarzen Sektion« der Labour Party (einer echten Partei in der Partei) gefordert und erzielt (Daily Mail, 15. April 1985). Nach dem belgischen Beispiel, das angesichts des Flamen-Wallonen-Konflikts sämtliche Institutionen zu doppeln gezwungen ist, machen wir uns allmählich eine Gesellschaft zurecht, in der alle Bereiche auf die verschiedenen Rassen und Ethnien zugeschnitten sind. Es erübrigt sich zu sagen, daß das Gemeinschaftsgefühl sowie die Begriffe des öffentlichen Wohls und Dienstes darunter leiden werden, daß als soziales Bindemittel nur noch die kaufmännisch-vertraglichen Beziehungen ökonomischer Interessen bestehen werden.“ (Ebd., 1988, S. 194-195).

„Die mehrrassische Gesellschaft schafft es, den gewöhnlichen Rassismus und die gesellschaftliche Zersetzung mit der absoluten Herrschaft des täglichen Kosmopolitismus zu überlagern, und läuft darauf hinaus, alle menschlichen Beziehungen, die nicht auf dem materiellen Interesse beruhen, abzuschaffen. Die mehrrassische Gesellschaft, deren Wachstum mit der Verstärkung der liberalkapitalistischen Gesellschaftsform, dem Aufschwung der neoliberalen Theorien und der allmählichen Verdrängung der politischen Mächte durch die techno-ökonomischen im Westen zusammenhängt, ist ebenfalls eine Folgeerscheinung der »Neuen Konsumgesellschaft«, die durch die Tribalisierung des Gesellschaftskörpers gekennzeichnet ist. Daraus ergibt sich, daß die einzigen »warmen« Gesellschaftsbeziehungen die privaten oder intra-ethnischen (intra-tribalen) Bindungen sein werden; was die Beziehungen und »Verbindungen«, die auf nationaler und makrosozialer Ebene erfolgen, anbelangt, sie werden immer kälter, anonym, technisch, merkantilisiert sein. Die mehrrassische Gesellschaft trägt also dazu bei, jenen pathologischen Zug der heutigen Bevölkerungen hervorzuheben und zu stärken: Zunahme der Vermassung und des anonymen Individualismus, Abstumpfung der bürgerlichen Bindungen und des gemeinschaftlichen Altruismus.“ (Ebd., 1988, S. 195).

„Denjenigen, die sagen: »Ganz recht! Wir werden unsere kulturelle und anthropologische Identität verlieren; na und? Eine neue universale Mischkultur entsteht. Warum sollen wir sie nicht annehmen?«  müssen wir nicht nur auf rationaler oder moralischer Ebene antworten. Wir müssen auch eine Gegenabsicht bekunden, das heißt den gleichen Wunsch, den gleichen Willen, den beispielsweise Afrikaner oder Araber äußern, wenn sie sich einem eventuellen Eindringen der Europäer widersetzen und ihrer vererbten Identität treu bleiben. So wie es normal und legitim ist, daß der Araber, der afrikanische Neger, der Japaner sie selbst bleiben wollen, daß der Afrikaner zwangsläufig ein Schwarzer oder der Asiat ein Gelber ist, so ist es nämlich legitim, natürlich und notwendig, daß dem Europäer das Recht zuerkannt wird, die Vielrassenheit zu verwerfen und sich als Weißer zu behaupten. Diesen Standpunkt als rassistisch zu bezeichnen, ist eine empörende Zumutung. Die eigentlichen Rassisten sind vielmehr diejenigen, die in Europa an der Bildung einer mehrrassischen Gesellschaft arbeiten.“ (Ebd., 1988, S. 195).

„Seien wir logisch! Wir müssen die Ansiedlung farbiger Völker in Europa ebenso bekämpfen, wie der Kolonialismus bekämpft werden mußte, dem dieselben farbigen Völker einst durch die Weißen unterzogen worden waren – und zwar im Namen des Antirassismus. Die Geschichte zeigt nämlich, daß die Gesellschaften, die sich auf die Mischung oder brutale Nebeneinandersetzung weit entfernter Bevölkerungen gründen, letzten Endes solche Gesellschaften werden, die vom Geist der Rassenfrage (wie einst bei der sozialen Frage) geplagt werden, deren unabwendbaren Hintergrund der Massenrassismus, der Alltagsrassismus bilden – wie die USA oder Brasilien es zur Genüge belegen. Die nord- und südamerikanischen Gesellschaften erbringen den Nachweis dafür, daß die Assimilierung der einzelnen Ethnien zu einem gemeinschaftlichen und kulturellen Ganzen mißlingt und daß nur das hierarchisierte Nebeneinander der Menschengruppen fortbesteht. Glaubt man im Ernst, daß unser gegenwärtiges soziokulturelles Modell, das nicht einmal bei Alteingesessenen konsensuell wirkt, äußerst verschiedene Bevölkerungen wird verbinden können?“ (Ebd., 1988, S. 196).

„Im Namen des Antirassismus müssen wir also die mehrrassische Gesellschaft und ihre Verfechter verurteilen. Im Namen des Antirassismus müssen wir all diejenigen anprangern, die die Existenz der Rassen und Identitäten beseitigen wollen und deren Feinde ebenso der Stammeuropäer wie der auf seine Ethnie stolze Afrikaner sind. Die Anhänger des mehrrassischen Kosmopolitismus zielen in Wirklichkeit darauf ab, eine höchst rassistisch geprägte soziale Organisation der Welt zu gründen: Sie wollen eine planetarische Zivilisation mit westlich-amerikanischer Kultur errichten, wo die Weißen die Mischlinge und die Farbigen beherrschen (da letztere es schwer haben werden, sich in das ja »weiße« westliche kulturelle Modell einzugliedern), wo jedes Land einen heterogenen melting pot darstellt, in dem eine verwestlichte Kaste herrschen wird. Es handelt sich genau um die weltweite Ausbreitung des rassistischen Modells der us-amerikanischen Gesellschaft. Teilen, um zu herrschen. Die Totalitarismen wollen auseinandergesprengte Gemeinschaften.“ (Ebd., 1988, S. 196).

„Aus Antirassismus, aus Achtung vor den Rassen und den Völkern ziehen wir diesem Modell das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker (und nicht umgekehrt) vor, das allein die Achtung vor dem Anderen garantieren kann. Man wird in Europa den afrikanischen oder den arabischen Menschen achten, wenn sie nicht mehr dazu aufgefordert werden, sich zu integrieren und damit als spezifizierte Menschen zu »verschwinden« oder in ihre Gettos zu flüchten, wenn sie als Fremde mit eigenem Vaterland, und nicht als Parias in Assimilationsnöten betrachtet werden können.“ (Ebd., 1988, S. 196).

„Infolge u.a. der Vielrassenheit vollzog der Rassismus – dieses Übel der egalitären Gesellschaften, das im Assimilationsbestreben der Menschenrechte mitenthalten ist – seit einigen Jahren eine imponierende Rückkehr in die öffentlichen Debatten. Auf niedrigst biologischer Ebene erörtern heute erklärte Rassisten (im Privaten, denn das öffentliche Bekenntnis wird, wie früher im Falle der Homosexualität, bestraft) oder professionelle Antirassisten die Problematik um die Identität der Völker. Die Rassenfrage erlangt also heute den gleichen Status wie die soziale Frage und in mancher Hinsicht wie die sexuelle Frage vor einigen Jahrzehnten. Und – tragisches Verhängnis – je mehr man den Rassismus »tabuisiert« und gegen ihn Gesetze erläßt, desto mehr wird er zur hintergründigen Norm aller Debatten und alltäglichen Verhaltensweisen .... Der Rassismus, bösartige Endstufe der zugrunde gehenden Identitäten, wirft seinen Schatten auf jeden von uns.“ (Ebd., 1988, S. 197).

„Die Rassenfrage ist zum inneren Dämon der westlichen Welt nicht nur durch die Planetarisierung der Geschichte, die Abschaffung der Entfernungen oder die politischen Verfechter des Rassismus im 19. und 20. Jahrhundert geworden (in den angelsächsischen Ländern, in Deutschland und in Frankreich – dem Geburtsland des theoretischen Rassismus, wie Zeev Sternhell es nachgewiesen hat); die Rassenpsychose ist größtenteils der Sozialdemokratie anzulasten, die sich als »antirassistisch« bekennt, die aber historisch seit etwa hundert Jahren für den Kolonialismus, später für den unter dem Deckmantel der »Entkolonisierung« getarnten Neokolonialismus, schließlich für die Organisierung der Immigration und der mehrrassischen Gesellschaft in Europa anscheinend verantwortlich ist.“ (Ebd., 1988, S. 197).

„Das ist aber nicht alles: Ein weiterer Faktor wirkte bei der Ausbreitung der Rassenpsychose. Paradoxer- und logischerweise sind es die sogenannten antirassistischen Kreise und die militanten Humanisten, die mit ihrer obsessiven und pathologischen Anprangerung u.a. des »Faschismus« und des »Nazismus« dazu beigetragen haben, diese Lehren in Gesellschaften wieder attraktiv und präsent zu machen, wo sie nach dem Krieg eigentlich verschwunden waren. Wir stehen hier einer der denkbar schönsten Erscheinungen sozialer Heterotelie gegenüber.“ (Ebd., 1988, S. 197).

„Hitler bleibt am Leben, als Mythos, dank des Eifers seiner Widersacher, die seine Rückkehr phantasmagorisch immer wieder verkünden, obwohl er in den 1960er Jahren tatsächlich verschwunden war. Es vergeht kein Tag, ohne daß eine fragwürdige »historische« Veröffentlichung über nazistische Untaten, ein werbender Fernsehfilm über die Deportation, den »Holocaust«, den Widerstand usw. herauskommt. Die Faszination gegenüber dem Phänomen Faschismus-Rassismus-Nazismus wirkt sich auf die Medien aus, unter dem pädagogischen Vorwand, die Bevölkerungen dagegen immun zu machen, oft aber mit dem Hintergedanken, ein gutes finanzielles Geschäft zu machen, wie die skandalösen und zweifelhaften Affären um das »Tagebuch der Anne Frank« (eine Fälschung) oder um den Film »Holocaust« es zeigen. Eine Psychoanalyse dieser vierzig Jahre danach immer heftiger auftretenden obsessiven Syndrome würde bei den pädagogischen Anprangerern der Dreiheit Faschismus-Rassismus-Nazismus ein Phänomen der Anziehung-Abstoßung aufdecken, den ununterdrückbaren Wunsch, »darüber zu sprechen«, das Bedürfnis, eine Rassenpsychose und einen ausgeprägten Rassismus zwecks ihrer Erkennung (bei den anderen) sowie ihrer ständigen Verurteilung gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen und zu verdecken. Intellektuelle wie Jean-Pierre Faye, Bernard-Henri Lévy, Albert Jacquard, André Taguieff, Simone Weil verbringen ihr Leben damit, imaginäre Hitleristen oder die Rückkehr Mussolinis hinter der kleinsten neopoujadistischen Bewegung (nach dem französischen Politiker Pierre Poujade, der die Unzufriedenheit der Bauern und Kleinhändler mit der Wirtschaftspolitik in den 1950er Jahren ausnützte und eine politische Partei gründete) aufzustöbern, und sind eigentlich für die Verbreitung dieses »arischen Mythos« verantwortlich, für die ideologische »Verrassung« unserer Gesellschaft und für die Aufrechterhaltung von Hitlers Schatten in der Vorstellungswelt der heutigen Europäer.“ (Ebd., 1988, S. 197-198).

„Ein solches Syndrom ist mit dem vergleichbar, was für den Sex in den christlichen Kreisen vor nicht allzu langer Zeit galt. Die »antimasturbatorischen Pfaffen« unserer Bildungsanstalten, die Schirmherrinnen, die imaginäre Orgien anprangerten, oder die Familienväter als Homosexuellenaufstöberer (-fahnder, -riecher) waren von den imaginären Vorfällen, die sie verurteilten, stark angezogen und sorgten vor allem dafür, daß sie bei anderen faszinierend und verlockend wirkten. Der von dem Sex oder der Rasse, dem Antisemitismus oder der Päderastie Besessene verbreitet, indem er sein Psychodrama von Verdächtigungen und Tabus schafft, seine Besessenheit und seine Begierden und ermöglicht somit das Auftauchen einer Erscheinung, die er anscheinend verurteilt. In diesem Zusammenhang ist die unglaubliche Werbungskampagne zugunsten der mehrrassischen Gesellschaft zu erwähnen, die 1985 in Frankreich mit der Unterstützung der Regierung, der Vereinigung »SOS-Racisme« und z.T. der Presse gestartet wurde. Das subtile Ziel dieser Kampagne war zugleich, die französische Identität zu entwerten (»Frankreich ist wie ein Mofa, es läuft mit Kraftstoffgemisch«), ethnische (namentlich antiarabische) Spannungen hervorzurufen und die mehrrassische Gesellschaft als eine Tatsache hinzustellen. Die Jugend war moralisch verpflichtet, ein (mehrere hunderttausendmal verkauftes) antirassistisches Abzeichen zu tragen; wer es ablehnte, wurde ausdrücklich beschuldigt. Das überzeugendste Ergebnis dieser Kampagne war es, die Bevölkerung bezüglich der Rassenfrage, die somit offiziell erstmals seit 1945 ans Tageslicht kam, gespalten zu haben und die Zahl der Befürworter einer brutalen Abschiebung der Farbigen erheblich zu steigern .... Wir können sogar die Ansicht vertreten, daß seit 1985 Frankreich das erste Land Europas ist, wo die Rassenfrage offen und ausdrücklich gestellt ist, wo die Identitätsfrage eine ethnische und biologische Formulierung erfährt und wo der Rassismus zu einer gewöhnlichen Denkungsart wurde, übrigens sowohl bei den Farbigen wie auch bei den anderen.“ (Ebd., 1988, S. 198).

„Eine faszinierende Atmosphäre der »Tabuisierung« des Phänomens vornehmlich bei den jungen Generationen zu schaffen, war nämlich eines der wichtigsten soziologischen Ergebnisse, die B.-H. Lévy, A. Taguieff und Genossen (übrigens in der Folge von Hannah Arendt) mit ihrer Ankündigung von der Rückkehr des »Ausschwitz-Geistes« erzielten. Das »Hitler-kenn-ich-nicht« hätte gegen eine Wiedergeburt rassistischer oder faschistischer Lehren dadurch immunisieren können, daß sie in Vergessenheit oder in der Fadheit der Nostalgie untergegangen wären; statt dessen hat die ständige Warnung vor einer unmittelbar bevorstehenden »Wiedergeburt der widerlichen Bestie« – sachlich betrachtet – wieder neonazistische Sekten ins Leben gerufen. Auch die stupide Litanei über das Thema »Es gibt keine Rasse« hat selbstverständlich eine rassistische Gegenoffensive gefördert. Die Warnung vor dem »großen-blonden-arischen-Nazi-Rassisten« ließ eine pathologische Faszination für diesen Mythos aufkommen, den man auszutreiben vorgab. Die Schriften eines Bernard-Henri Lévy zeugen von einer verdächtigen Faszination für die arische Thematik sowie von einem impliziten Protest gegen die Barbarität all dessen, was aus einer »reinen« europäischen Kultur hervorgehen würde.“ (Ebd., 1988, S. 198-199).

Die Rassenpsychose der herrschenden Ideologien

„Die unzähligen ermahnenden Reden über den Rassismus, den Faschismus, den Nazismus; die ständige Suggerierung der angeblichen Wiedergeburt eines Massenantisemitismus; die immer wiederkehrende stupide Assoziierung des blonden, gewalttätigen, rassistischen, rechtsradikalen Ariers mit seinem in der Gestalt eines Juden oder eines Südländers dargestellten Opfers tragen dazu bei, im öffentlichen Geist eine Art »negativen arischen Mythos« zu pflegen und zu entfalten, der sich aber genauso wie der »positive arische Mythos« auswirkt.“ (Ebd., 1988, S. 199).

„Eine Parallele kann diesbezüglich gezogen werden: So wie die westlichen und die »Volksdemokratien« bestrebt sind, sich zu legitimieren, ihre großartigen Pleiten in den Schatten zu stellen und das Blut, das ihnen seit 1945 an den Händen klebt, zu waschen (indem sie den »faschistischen Totalitarismus« als phantasmagorischen Feind anzeigen), so findet unsere Gesellschaft kein Ende, ihren Sieg über Hitler und Mussolini zu feiern, und zwar um die gegenwärtigen Fragen zu verdecken, die sie konkret nicht lösen kann: »Der Schoß der widerlichen Bestie ist immer noch fruchtbar«, so lautet – gemäß Brechts berühmter Formel – der gründende und legitimierende Mythos einer Gesellschaft, die sich selbst nur noch damit rechtfertigen kann, daß sie sich als Bollwerk gegen einen latenten, jederzeit erstehbaren, nie besiegten Faschismus-Rassismus-Nazismus aufstellt.“ (Ebd., 1988, S. 199).

„Der Mythos des latenten Faschismus schließt die Vorstellung in sich, daß die europäische – insbesondere aber die französische und die deutsche – Kultur vom Wesen her schuldig sei, solche »Teufel« hervorzubringen (für die Autoren B.-H. Lévy und André Glucksmann ist ein identitäres und autonomes Europa barbarisch), und daß sie demnach unter Aufsicht bleiben und – durch den Kosmopolitismus – ihre kulturelle und ethnische Identität verlieren müsse. (Diesen Standpunkt vertritt ebenfalls die Kirche, die aus Moralität die Adoption außereuropäischer Kinder befürwortet oder die Rassenkreuzung ermutigt.) Dieser Mythos ermöglicht aber auch, die Schandtaten zu banalisieren und in den Schatten zu stellen, welche die westlichen, aber auch die kommunistischen Staaten seit Dresden und Hiroshima immer wieder begangen haben: abgeschobene oder niedergemetzelte Bevölkerungen nach dem Krieg in Europa, Bürgschaft für die willkürlichen Annexionen der Sowjetunion, das sowjetische System der Gulags, unzählige Kriegsverbrechen durch die westlichen und die kommunistischen Staaten bei sämtlichen Konflikten, die seit 1950 die Welt erschüttert haben usw.. Kurzum, die seit dem Krieg einbalsamierte, sorgfältig gepflegte Leiche Hitlers kommt dieser riesigen ideologisch-politischen Bewegung, die als »egalitär, humanitaristisch und demokratistisch« zu bezeichnen ist, zugute. Sie umfaßt von den Kommunisten bis hin zu den Liberalen alle Mitwirkenden der sogenannten antifaschistischen »Front«, alle Erben des Judäo-Christentums, dessen Hände - wenn auch trocken - ebenfalls mit Blut befleckt sind. Hitlers Leiche dient dazu, den impliziten Totalitarismus dieser Bewegung zu legitimieren, die Tragweite ihrer Untaten zu bagatellisieren. Die letzten wären die von Israel im Libanon begangenen Kriegsverbrechen und Völkermordversuche, die wir aber entschuldigen müssen, weil sie die Tat der »Auschwitz-Überlebenden« sind.“ (Ebd., 1988, S. 199-200).

„Hitler ist noch nie so oft auf dem französischen Bildschirm erschienen wie seit der Machtübernahme durch die Sozialisten 1981. Diese Bombardierung durch die Medien hat natürlich eine ganz andere Wirkung als die angestrebte. Rassismus, Antisemitismus und Hitlerismus siedeln sich in der kollektiven Vorstellungswelt als dämonische Anwesenheit, als teuflische Mythemen an, die, selbst wenn sie nicht sofort verlocken, dennoch im Unterbewußtsein präsent bleiben.“ (Ebd., 1988, S. 200).

„Paradoxerweise sind es also die »Anprangerer« des Nazismus, die für dessen Fortbestand sorgten, ihn sogar in Form des Mythos verstärkten – und damit dem schaurigen Martin Bormann a posteriori Recht gaben .... Die pädagomanische Wut, den Rassismus und den Antisemitismus selbst und vor allem dort, wo sie – glücklicherweise – nicht anzutreffen sind, zu verurteilen und zu verfolgen, kristallisiert endgültig deren Vorstellung im Volksbewußtsein. Manche Leute, die bislang zwischen einem Juden und einem Nicht-Juden keinen Unterschied (jedenfalls keinen größeren als zwischen einem Katholiken und einem Evangelischen, einem Bretonen und einem Antilleneinwohner) machten, erfuhren durch die Lehrer der Antisemitismusbekämpfung, daß der Jude möglicherweise kein Bürger wie jeder andere ist, die Judenheit keine Eigenheit wie jede andere darstellt und der Antisemitismus eine »besondere« (gesteigerte) Erscheinungsform des Rassismus ist. Otto Straßer und Edouard Drumont hätten sich nichts Besseres erhoffen können. Die seit Beginn der 1970er Jahre gestarteten obsessiven Feldzüge gegen den Rassismus und den Antisemitismus führten dazu, den Juden anzuzeigen und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu »verrassen«.“ (Ebd., 1988, S. 200).

„Was die neonazistischen Sekten nicht schafften, wurde von den »anti-rassistischen« Kreisen und den Sektierern der Menschenrechte vollbracht. Es war zwar nicht ihre Absicht – das muß man ihnen lassen. Sie waren eher dumm (bzw. michelig; Anm. HB) als pervers. Im Bereich der politischen Propaganda ist die Dummheit aber unverzeihbar, weil sie zu den schlimmsten und unerwartetsten Ergebnissen führen kann. Diese Ergebnisse sind heute offensichtlich: der Antisemitismus greift – nicht nur in Frankreich – wieder um sich, und zwar um so schneller, als er die verdächtige Saftigkeit der verbotenen Frucht bekommt. Was den gewöhnlichen Rassismus anbelangt, erübrigt es sich sogar, auf seine Ausprägung hinzuweisen ....“ (Ebd., 1988, S. 201).

„Über die Verblendung hinaus ist es dennoch möglich, bei den Professionellen des Antirassismus manche unklare Appetenzen zu entdecken. Die zahlreichen Schnitzer eines Albert Jacquard (**) über die »blonden Arier« und die »Immigranten, die wie Hunde reagieren«, die hitleromanischen Phantasmen eines Bernard-Henry Lévy, dessen letzter Roman eine Anthologie nazimorpher Obsession ist, das Toben eines Pierre-André Taguieff gegen den Hitlerfaschismus, den er hinter jeder Tür vermutet wie die alten Jungfern den Vergewaltiger – hat dies alles nicht mehr oder weniger mit einem verdrängten Wunsch zu tun? Eine negative Faszination freilich, die aber auf einen immer bedeutenderen Markt von Faszinierten trifft – da diese blühenden zweifelhaften Schriften angeblich zur besseren Darstellung der »Nazi-Gefahr« ihre »historischen« Aspekte offenbaren wollen.“ (Ebd., 1988, S. 201).


„Anläßlich einer Fernsehsendung des zweiten französischen Programms, die – wieder einmal – dem Rassismus gewidmet war. Albert Jacquart, der ein Genetiker sein will, in Wirklichkeit aber zum Spott der naturwissenschaftlichen Kreise wurde, versucht seit über zehn Jahren die Franzosen davon zu überzeugen, daß es keine Rassen gebe, tritt aber immer wieder als Verfechter der mehrrassischen Gesellschaft auf, um diese Gegen-Evidenz zu beweisen. Entweder gibt es sie, oder es gibt sie nicht ....“ (Ebd.).

Der Antirassismus als Träger des Rassismus

„Der rassistische Gedanke, der die Kraft und Form eines Archetyps erhalten hat, bleibt nun im Pantheon der Werte als möglicher Rückgriff. So wie die Christen Anlaß zu schwarzen Messen und dämonischen Kulten geben, so geben unsere lieben »Demokraten« und unsere vom antirassistischen Fraternalismus Besessenen Anlaß zur Entstehung einer rassistischen »Kultur«. In vielen Fällen schafft heute der Antirassismus den Rassismus – und nicht umgekehrt. Genauer gesagt: Indem der Antirassismus zu Unrecht und systematisch als »rassistisch« entweder durchweg klassische xenophobe Verhaltensweisen bezeichnet, bei denen der Rassenhaß ursprünglich nicht anzutreffen ist, oder alltäglich soziale Haltungen, die von jeglichem Rassismus frei sind, trägt er letzten Endes dazu bei, die besagten Verhaltensweisen wirklich rassistisch zu machen. Auch die von den besessenen Antirassismus-Jägern geschaffene Atmosphäre rassistischer Verdächtigung läßt die Farbigen vermuten, daß sie überall der Diskriminierung ausgesetzt sind, was sie soziologisch dazu bewegt, sich selbst auf rassistisch diskriminierende Weise zu verhalten.“ (Ebd., 1988, S. 201-202).

„Daraus ergibt sich der äußerst nachteilige Umstand, daß jede Behauptung von einer europäischen Identität Gefahr läuft, als »rassistisch« diskreditiert zu werden. Und das ist überhaupt die Krone des Ganzen, da der Rassismus die Wertminderung des Anderen bezeichnet, und nicht die Selbstbehauptung. Es gilt also, als Anstifter zum Rassismus all diejenigen anzuzeigen, die eine Beziehung zwischen der durchaus legitimen Behauptung von einer europäischen ethnischen Identität und dem Rassismus herzustellen versuchen.“ (Ebd., 1988, S. 202).

„Alle Europäer leiden in unterschiedlichem Maße an Selbstbeschuldigung. Diese tritt bei antirassistischen Psychosen in Erscheinung, die sich der Medien und der Öffentlichkeit bemächtigen, sobald eine Affäre um einen Außereuropäer zum Gegenstand der gerichtlichen Chronik wird. Das antirassistische Drama nimmt pathologische Formen an und wirkt sich als eine Art krankhafte Autotherapie der Gesellschaft aus. Es geht darum, einen Dämon, den man in sich trägt, auszutreiben: indem man einen imaginären Rassismus (die Flut von sogenannten rassistischen »Verbrechen« im Zusammenhang mit den alltäglichen Schlägereien) verurteilt oder indem man sich behördlicherseits weigert, die von den Außereuropäern begangenen Delikte zu bestrafen – aus Angst, der schweren Sünde verdächtigt zu werden. Dieses masochistische Syndrom verschärft noch den Massenrassismus.“ (Ebd., 1988, S. 202).

„Die politischen und ideologischen Kreise, denen es an der Entwurzelung der Europäer, an ihrem Identitätsverlust viel liegt, spielen eine besonders aktive Rolle bei der Verschärfung dieses Rassismus, und zwar gemäß einer doppelten Strategie: zum einen fördern sie die mehrrassische und kosmopolitische Gesellschaftsform, die die Gettos aufrechterhält sowie die Entwurzelung der In- und Ausländer pflegt; zum anderen rufen sie einen Volksrassismus hervor, indem sie die Behörden wie die Bürger dazu anregen, die Gesetze gegen die Fremdländischen nicht anzuwenden; indem sie mit subtilen Pressekampagnen Europäer und Fremde gegeneinander hetzen; kurzum indem sie sich ständig über den »bösen Wolf« auslassen, um eben den Wolf kommen zu lassen. Diese Strategie zielt darauf ab, die europäische Gesellschaft in eine Dublette der zugleich mehrrassischen und mehrrassistischen us-amerikanischen Gesellschaft zu verwandeln. Gemäß dem Beispiel der US-Amerikaner müssen die Europäer identitätslose Individuen werden, die in ihrem ethnischen Gefängnis eingesperrt sind und durch die westlich-materialistische Lebensweise oder durch die »Kommunikation« eines schwachsinnigen audiovisuellen Apparats verbunden werden sollen.“ (Ebd., 1988, S. 202).

„Wird man sich dieser Realität bewußt, so kann man die Problematik des Rassismus, so wie sie von offizieller Seite dargelegt wird, auf den Kopf stellen. Der Rassismus ist auf der Seite derer, die für Europa und eventuell für weitere historische Gebilde eine mehrrassische Gesellschaftsform anstreben; der Rassismus ist auf der Seite derer, die sich das Monopol für den Antirassismus anmaßen; der Rassismus ist auf der Seite derer, die Rassenzugehörigkeit und -bewußtsein, d.h. die Ethnizität der Weltvölker, entwerten, die die Rassen (ein nach wie vor unschätzbarer Reichtum der Menschengattung) zu beseitigen gedenken, indem sie sie auf die Stufe bloßer individueller biologischer Kategorien, auf die Stufe bloßer ethnographischer, oberflächlicher »Kuriositäten« erniedrigen wollen. Der Rassismus ist auf der Seite derer, die uns weismachen wollen, daß die Anerkennung des Rassenkomplexes und der ethnischen Identitäten zum xenophoben Superioritätskomplex führe – während in Wirklichkeit die Verachtung der anderen Rassen, der Superiorismus wie der Rassenhaß in Gesellschaften egalitärer Nebeneinanderstellung der Rassen (USA) aufkommen. Kurzum, der Rassismus ist auf der Seite derer, welche die im biokulturellen Sinne aufgefaßte ethnische Identität zugunsten von falschen, entkulturierenden und primitiven Zugehörigkeiten entwerten: rein politische Modelle (»westliche Demokratie«, »Zivilisation der Menschenrechte« usw.) oder – schlimmer – ökonomische (»Sozialismus«, »Freie Welt« usw.).“ (Ebd., 1988, S. 203).

„Der echte Widerstand gegen den Rassismus bedingt vielmehr, daß die Bekräftigung des ethnischen Bewußtseins und der ethnischen Tatsache von allen Völkern, auch von dem eigenen, als legitim anerkannt wird. Das Recht auf Identität bedeutet für ein Volk auch das Recht auf eine relative ethnische Homogenität und das Recht auf eine Territorialität, das heißt auf eine Souveränität über eine politische Einheit, so daß die Ethnizität und das unabhängige territoriale Gebilde eindeutig zusammenfallen; das Recht eines Volkes auf Identität ist nämlich nicht gewährleistet, wenn es innerhalb einer umfangreichen politischen Einheit mit anderen Minderheiten zusammenlebt und wenn es nicht die Souveränität über ein Gebiet hat, in dem seine Ethnie am meisten vertreten ist. Eine Nebeneinandersetzung von Ethnien im Rahmen einer »Makrogesellschaft« führt systematisch zu einem sozialen Mosaik, wo die Gettos, der Rassenhaß, der kulturelle und religiöse Haß herrschen. Die USA, der Libanon, die westafrikanischen Länder, Südafrika, die Sowjetunion machen die Schädlichkeit des ethnischen Zusammenlebens anschaulich und bringen tribalisierte Nationen zur Schau, wo der Innenkolonialismus herrscht.“ (Ebd., 1988, S. 203).

Die Ethnizität als Mittel gegen den Rassismus

„Eine der negativsten politischen Nachwirkungen, die die Vielrassigkeit und der ihr innewohnende Rassismus verursachen, ist die Verschärfung des antiarabischen Rassismus. Dieser, als unmittelbare Folge einer starken arabisch-moslemischen Präsenz in Westeuropa, kommt bestimmten politischen und strategischen Interessengruppen zugute; denjenigen nämlich, denen viel daran liegt, jegliche euroarabische Zusammenarbeit auf längere Sicht zu verhindern. Eine groß angelegte euroarabische Freundschaftspolitik gefährdet zum einen die Interessen des Kondominiums von USA und UdSSR im Mittelmeerraum.“ (Ebd., 1988, S. 204).

„Die Wiedergeburt des Islams – das bedeutendste politische Ereignis in der Welt seit 1945 – stört zum anderen erheblich die Strategie des Zionismus, dessen antiarabische und -moslemische Politik sich anläßlich der libanesischen Tragödie im rechten Licht gezeigt hat. Es ist kein Zufall, wenn der antiarabische Rassismus zu einem Zeitpunkt wieder zunimmt, wo dieses »arme«, geteilte, von den Blöcken unterworfene Europa – im Westen – um den Atlantismus, den US-Amerikanismus und den Zionismus neu angeordnet wird.“ (Ebd., 1988, S. 204).

„Die Anhänger eines aggressiven antiarabischen Rassismus, genauso wie die angeblichen Antirassisten, die – ohne Araber zu sein, sich das Recht anmaßen, sie zu »beschützen«, und die mit viel Geschick zur Vielrassigkeit »anstiften«, um dafür eine antiarabische Verwerfung hervorzurufen – sind die gleichen, die die Idee eines us-amerikanischen Europas verfechten, die den israelischen Imperialismus unterstützen, die die Palästinenser oder moslemischen Aktivisten als Kriminelle hinstellen, die kurzum alles daran setzen, um die Europäer von den Arabern zu trennen. Sie wissen nur zu gut, daß eine euroarabische Solidarität, eine weltweit auf die arabische und die europäische Einheit angelegte Politik mit dem Zusammenleben mehrerer Kulturen unvereinbar sind und daß man die Regel »Jeder an seinem Herd« übertreten muß, wenn man die Freundschaft zwischen zwei Völkergruppen lösen will. Was für die Araber gilt, gilt auch für sämtliche Völker der Dritten Welt: die Anhänger der mehrrassischen Gesellschaft treiben die europäischen Bevölkerungen zu einer Logik des Hasses auf alle, die im 21. Jahrhundert unsere Verbündeten gegen die beiden Blöcke werden müßten. Sie wollen uns auf den Weg der USA zwingen, dieser riesigen mehrrassischen Gesellschaft, deren gesamte Politik auf der Logik des Antagonismus zwischen Dritter Welt und westlichem Imperialismus aufgebaut ist.“ (Ebd., 1988, S. 204).

Der Ethnozid der Europäer

-   Die Hintansetzung der deutschen und der griechischen Kultur
-   Das Dogma von der Einheit des Menschengeschlechts
-   Die Krise der Weiblichkeit und die Verweiblichung des Mannes
-   Müssen wir wieder ethnozentrisch werden?

„Neben der Gefahr der mehrrassischen Gesellschaft und dem Verlust ihrer anthropologischen Identität betrifft die zweite Herausforderung, mit der sich die europäische Zivilisation auseinanderzusetzen hat, die Aufgabe der eigenen Kultur und den Verzicht darauf, sich eine neue zu geben.“ (Ebd., 1988, S. 205).

Die Hintansetzung der deutschen und der griechischen Kultur

„Deutschland symbolisiert im heutigen Europa die Verdrängung aus dem Erbe, die systematische Entkulturierung, die Untreue gegenüber der Herkunft. Das von beiden Jalta-Komplizen auseinandergenommene Deutschland war das Labor der Amnesie, ein Symbol für den gemeinsam von UdSSR und USA gestarteten Versuch einer Auslöschung der europäischen Identität. Das Vaterland Goethes, Mozarts, Hölderlins wurde zur Figur des europäischen kulturellen Martyriums, wurde der Ort, wo sich die vorsätzliche und programmierte Zerstörung der kulturellen und nationalen Identität am wirksamsten herausgestellt hat. Darum wird möglicherweise aus Deutschland der stärkste Widerstand gegen diese identitäre Entwurzelung hervorgehen; eine Bewegung, die vielleicht zur Volksbewegung werden und das übrige Europa nach sich ziehen wird .... Der Verlust der kulturellen Identität, der den Europäern droht, sowie der Versuch, sie um ihre Herkunft – insbesondere ihre »griechische«, »homerische« – zu bringen, bildet die akuteste Gefahr, uns aus der Geschichte zu verdrängen, an uns einen endgültigen Ethnozid zu begehen, und zwar mit einer schrecklicheren Wirksamkeit als die politisch-militärische Neutralisierung oder die wirtschaftliche Kolonisierung, denen wir ebenfalls zum Opfer gefallen sind.“ (Ebd., 1988, S. 205).

„In seiner Einführung in die Metaphysik erklärt Heidegger, daß ein Volk in die Geschichte mit der Poesie eintritt, die seinen logos und seine Sprache gründet und die es gleichzeitig als Volk gründet. Und wir Europäer, erklärt er ferner, begannen mit den homerischen Dichtern und den vorsokratischen Philosophen als solche zu existieren. Was spielt sich aber heute ab, welche Bedeutung kommt dem kulturellen Krieg zu, der Europa gemacht wird, damit es als solches zu existieren aufhört – wenn nicht der Versuch, in unserem Gedächtnis Parmenides, Heraklit und Homer durch die Bibel und die Propheten zu ersetzen?“  (Ebd., 1988, S. 205).

„Deutschland und die deutsche Kultur sind natürlich den heftigsten Angriffen ausgesetzt, sofern sie »am griechischsten« sind, sofern sie zum metaphysischen Volk, dem philosophisch »hütenden« Volk Europas, dem geopolitischen Volk der Mitte gehören.“ (Ebd., 1988, S. 206).

„Die deutsche Kultur, ihre Philosophen und vor allem ihre Dichter in den riesigen lauwarmen Ozean der westlichen Zivilisation (d.h. des Sammelsuriums, das in den USA seit hundert Jahren zustande gekommen ist) zu versenken, das ist die Garantie dafür, daß sich die Deutschen und die übrigen Europäer affektiv nicht mehr auf ihr Erbe berufen werden, daß ihr Gedächtnis nicht mehr in ihrem Erbe wurzeln wird, sondern in der Kaugummi-Kultur der us-amerikanischen Cowboys, Rocker, Pastoren oder Trucker. Die Deutschen und die übrigen Europäer werden endgültig zu existieren aufgehört haben, wenn sie die Überzeugung gewonnen haben, daß sie die Söhne der »Menschheit« seien, daß ihre Kultur ebenso von Hollywood und Milton Friedman wie von Parmenides oder Hölderlin herstamme.“ (Ebd., 1988, S. 206).

„Nach Bernard-Henry Lévy dozierte Jacques Attali, der Berater von Präsident Mitterrand, daß es »keine europäische Identität gibt«. Die Verbissenheit, mit der manche Kreise jegliche Bekräftigung einer spezifischen Kultur und Anthropologie unterbinden, erscheint als eine neuere gesellschaftspolitische Erscheinung von besonderer Bedeutung. Europa existiert nicht, sagen sie, Europa ist nur die »B-Zone« des Westens. Europa hat überhaupt niemals existiert, es ist lediglich das Produkt von Kreuzungen, von melting pots. Die Hervorhebung des trügerischen Umstands, daß Europa stets kosmopolitisch gewesen sei und eigentlich zu keiner Zeit eine, seine Spezifität gefunden habe, zielt natürlich darauf hin, die augenblickliche Zerstörung unserer Identität durch den Kosmopolitismus als normale und positive Fortsetzung dessen hinzustellen, was seit jeher gewesen sei. (Dieselben Kreise, die jegliche europäische Persönlichkeit verleugnen, erkennen dagegen oft eine »[us-]amerikanische Identität« an, obwohl die USA gerade auf der Idee der Plurikulturalität gründen!). Der »Identitätskrieg« beherrscht demnach unsere Jahrhundertwende. Es handelt sich um einen kulturellen, politischen, geopolitischen, anthropologischen und vor allem ideologischen Krieg. Für oder gegen die Identität? So lautet die »große« Frage, die heute, ausdrücklich oder nicht, sämtliche ideologischen Debatten beseelt. Seitdem die französische »Neue Rechte« als Losungswort das »Recht auf Verschiedenheit« verlangte, wurde dieses überall aufgegriffene Thema zu einem der Dreh- und Angelpunkte der neuen Gruppierungen und Debatten. Da sie diesem »Recht auf Verschiedenheit« nichts entgegenzusetzen hatten, versuchten allerdings die Gegner der Identität der Völker – die Anhänger des Kosmopolitismus, die ja zugleich die Erben des Individualismus, des Liberalismus und der sogenannten Menschenrechte sind – es auf recht geschickte Weise von innen zu neutralisieren. Wie? Indem sie es als Recht auf individuelle Verschiedenheit auffaßten.“ (Ebd., 1988, S. 206).

„Aus der Sicht einer identitären Ideologie der Verwurzelung kann eine derart verzerrende Auffassung der »Verschiedenheit« überhaupt nichts werden. Die u.a. auch von Genetikern verfochtene Lehre von der individuellen Verschiedenheit liegt allen Gesellschaften, die nichts anderes als Mosaiken und tribalisierte Additionen von Gettos darstellen, zugrunde und befindet sich genau in der Linie der heute voll im Angriff liegenden okzidentalistisch-us-amerikanischen Ideologie. Das Recht auf Verschiedenheit ist unter dem Aspekt einer gemeinsamen Verschiedenheit aufzufassen. Das »Recht auf Verschiedenheit« ist in erster Linie das Recht auf Zugehörigkeit, Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft.“ (Ebd., 1988, S. 207).

Das Dogma von der Einheit des Menschengeschlechts

„Zu den Dogmen des jüdisch-christlichen Universalismus, die die Identität der Völker besonders gefährden, gehört das von der Einheit des Menschengeschlechts, wobei letzteres als metaphysische Substanz begriffen wird. Diese Idee der einzigartigen Menschheit (eine Addition von Individuen und Kindern desselben Gottvaters), die anormale und nur vorläufige Zugehörigkeiten verwerfen soll, rührt von der biblischen Menschenauffassung – einer offensichtlich ethnozidären und totalitären Auffassung – her. Die biblische Argumentation drängt eine Weltanschauung auf, wo das Absolute gegenüber den besonderen Vorstellungen entscheidend ist, wo die Betrachtung vom Allgemeinen zum Besonderen – bei ausbleibender Wechselbeziehung – führt: das Besondere befindet sich stets in einem entwerteten Unterhalb. Diese der Weltanschauung der europäischen Paganismen völlig entgegengesetzte Argumentation »leitet das, was wir über das Besondere wissen können, von dem ab, was wir über das Absolute wissen sollen« (Alain de Benoist, Pour une déclaration du droit des peuples, 1982, a.a.O.) – ihr wird jedoch gegenwärtig von der gesamten Biologie, Anthropologie und Physik widersprochen. In der Genesis und in der Lehre der Kirchenväter gründet sowohl dieser ethnozidäre Mythos von der Einheit des Menschengeschlechts wie auch der Archetypus eines universalen Menschen (einer monogenetischen Wesenheit aus demselben Stamm); und dieses Modell führt zur Entwertung der Identitäten.“ (Ebd., 1988, S. 207).

„Der Rassismus, kennzeichnende Haltung der egalitären und entwurzelten Gesellschaften, gründet u.a. in diesem biblischen und christlichen Begriff von der Einheit des Menschengeschlechts. In der Tat: Selbst wenn die Besonderheiten der einzelnen Menschengruppen zugunsten eines »neutralen« und »allgemeingültigen« Modells (die Menschheit, die göttliche Filiation, der adamische Mythos usw.) herabgesetzt werden, bleibt dennoch dieses als überlegen geltende Modell, nach dem sich zu richten alle aufgefordert sind, das Modell einer geoffenbarten Wahrheit, die ursprünglich nur einer Minderheit eigen war: das Gesetz Jahwes, die Lehre der Kirche und heute, in der Folge, die Zivilisation des jüdisch-christianisierten Westens.“ (Ebd., 1988, S. 207-208).

„Das »Recht« aller Menschen auf die christliche Taufe und später auf die »Zivilisation« (Ideologie der Menschenrechte) zu bekräftigen, heißt also implizit zugeben, daß ihr eigenes ethnisch-kulturelles Modell unterlegen ist und daß sie sich an dem Minderheitsmodell der Bibel, dann des Okzidents zu orientieren haben. Wenn der jüdisch-christliche Universalismus tatsächlich der Nährboden des Rassismus (sowohl der Assimilation wie auch der Superiorität) ist, so müssen sich die Europäer heute dessen bewußt werden, daß ein solcher Rassismus, wenn er einst zu ihren Gunsten und auf Kosten der kolonisierten Völker arbeitete, heute infolge einer ironischen Umkehrung eben gegen die europäische Identität wirkt, die ihrerseits zugunsten der mehrrassischen (d.h. der arassischen) Gesellschaft und des kulturellen Zusammenbrauens eines planetarisch gewordenen Okzidents verschwinden soll. Auch wenn Blandine Barret-Kriegel zu Recht behaupten konnte, daß »die Vorstellung vom Menschen biblisch ist« (a.a.O.), müssen wir sofort hinzufügen, daß diese Vorstellung rassistisch und für die in ihrem Namen begangenen Geno- und Ethnozide verantwortlich ist und daß diese Vorstellung auf keiner Tatsache beruht. Der Gattungsbegriff »Mensch« ist nämlich nicht menschlich; er ist zoologisch. Das gesamte paganische Denken (hierbei von der Ethologie und der Anthropologie bestätigt) betont dagegen, daß die Völker und die Menschen, die hauptsächliche Realität der menschlichen Erscheinung, eine biokulturelle und nicht mehr zoologische Realität darstellt, daß die Kulturen und die Personen sich selbst bauen, indem sie der rein tierischen Realität einer »Menschheit« entgehen. Letztere fassen die Genetiker übrigens immer mehr als polygenetisch auf; das heißt, daß sie auf mehrere genetische, vor der Homo-sapiens-Stufe differenzierte Quellen zurückgeht und daß sie gleich den übrigen lebenden Gattungen dazu berufen ist, sich zu differenzieren und zu stauden.“ (Ebd., 1988, S. 208).

„Robert Jaulin, Edmund Leach und viele andere hoben hervor, daß die modernen Totalitarismen, die Ethnozentrismen, die Alterophobie (Negierung der Identität des Anderen durch Angleichung an sich selbst) ihren Ursprung in dem biblischen Universalismus und seiner progressistischen Auffassung der Geschichte (Eschatologie zur Abschaffung der Unterschiede) hat und daß das heutige Europa paradoxerweise den Ideologien zum Opfer fällt, die es verehrt und zur Unterwerfung der anderen benutzt hatte. Der Biblismus, der dem Anderen (dem Heiden oder dem Moslem) seine Religion verwehrte; der Jakobinismus, der die Legitimität der ethnischen Partikularismen bestritt; der progressistische Okzidentalismus, der im Namen der Menschenrechte (weltliche Version der christlichen Nächstenliebe) die Indianer von ihrer Indianität und die Afrikaner von ihrem Tribalismus »befreien« wollte, kehren nun ihre ethnozidäre Logik gegen die Europäer selbst; ihnen spricht heute dieselbe Ideologie das Recht auf Bekräftigung ihrer kulturellen Identität ab, das Recht auf Bewahrung ihrer Ethnizität und sogar ihrer politischen Souveränität.“ (Ebd., 1988, S. 208-209).

„Der Okzident ist schon deshalb ethnozidär, weil er bekehrungssüchtig ist und weil diese Proselytenmacherei die tragische Verbindung des früheren expansiven Dynamismus der Europäer mit dem jüdisch-christlichen Universalismus ist. Die westliche Zivilisation, die sich als moralische Lehre, als Pastoraltheologie versteht, begann mit der Christianisierung Europa zu entkulturieren. Es wundert also nicht, daß dieses okzidentalisierte Europa – als Stätte des sogenannten Eröffnungsethnozids – und seine Verlängerung (UdSSR-USA) den anderen den gleichen Ethnozid zufügt, den es selbst aussteht.“ (Ebd., 1988, S. 209).

„Da sich nun aber der planetarisch werdende Okzident gegen seine Geburtsstätte Europa wendet, erfahren die Europäer sozusagen ihren zweiten Ethnozid. Der erste war das Werk der Christianisierung (Einführung einer dem lokalen Heidentum fremden Mentalität); der zweite war das Werk der Okzidentalisierung, der gegenwärtigen Mundialisierung, mit ihrer doppelten Logik der endgültigen Identitätszerstörung: mehrrassische Gesellschaft und (US-)Amerikanisierung.“ (Ebd., 1988, S. 209).

„Der erste Ethnozid, welcher der Einbürgerung des Christentums entsprach, war nicht völlig zerstörend, weil das religiöse Zeitalter des Christentums, vor allem mit dem Katholizismus, ein Synkretismus europäischer und heidnischer Werte war. Das »christliche« Europa blieb Europa, wenn auch eingeschränkt. Der zweite dagegen ist mit einem radikalen Identitätsverlust gleichzusetzen, da wir das Judäo-Christentum in seiner Vollendung, d.h. die eigentliche Essenz des Biblismus erdulden: den Aufbau der Weltkirche in Form der entwurzelten Welt-Gesellschaft.“ (Ebd., 1988, S. 209).

„Im Hinblick auf den zweiten Ethnozid schreibt Pierre Bérard: »Die Verstoßung des Anderen stellt die offensichtlichste Äußerung von Alterophobie dar. Der Ethnozentrismus äußert sich aber auf eine subtilere, da anscheinend weniger polemische Weise; es handelt sich um die Negierung des Anderen durch Angleichung an sich selbst. Die negierende Handlung stellt hier den Anderen als nicht-fern, als identisch hin, so daß die Möglichkeit, das Problem der Verschiedenheit zu erörtern und die Identität sowie die Originalität der anderen Kultur nicht mehr gegeben ist. Diese Halluzination, sofern man sich in der Andersheit spiegelt, sich in dem »Anderen« sieht, hat mit »externer Autoskopie« zu tun. Ideologisch gesehen wird sie von einer noumenalen, einer bloß gedachten Auffassung der Menschheit hervorgerufen.«“ (Ebd., 1988, S. 209-210).

„Pierre Bérard ist der Ansicht, daß das christliche Aufpfropfen auf die heidnische europäische Kultur eine entkulturierende Wirkung hatte und eine »synkretische«, unbeständige Kultur hervorbrachte, aus der wir heute austreten müßten. Er schreibt dazu: »Die Trümmer der heidnischen Kultur strömten in das »Unterbewußte« des Gesellschaftskörpers zurück, während sich ein christliches »Über-Ich« schichtweise bildete und seine egalitären, universalistischen Werte in immer stärkeren Dosen in die Kultur des Abendlands injizierte. Heute wird das kollektive Über-Ich in dem Maße zwingender, wie es die parusischen Forderungen seiner Anfangszeit entdeckt.« (Pierre Bérard, a.a.O.). (Parusie = Wiederkunft Christi zum Endgericht).“ (Ebd., 1988, S. 210).

„Demzufolge stellt der okzidentale Biblismus und die Ideologie der Menschenrechte die Indianität und die Europäität als Hindernisse für die Würde des indianischen oder europäischen Individuums hin. Erst wenn es sich seiner ethnischen und kulturellen Identitäten entäußern würde, würde es die Menschenwürde erlangen. Genauer gesagt: Erst wenn es das okzidental-jüdisch-christliche Modell annehmen und dem biblischen Universalismus huldigen würde, würde es nicht mehr unrein sein, würde es wirklich ein Mensch werden.“ (Ebd., 1988, S. 210).

„Die Menschen werden aufgefordert, ihre Bindungen an ihre Heimat, ihr Vaterland, ihre Ethnie aufzugeben, damit sie überhaupt als Menschen anerkannt und gerichtet werden können. »Der jüdische Universalismus« schreibt Robert Jaulin, »sowie seine kulturelle Nachkommenschaft (darunter das Christentum) unterscheidet sich von den anderen Kulturen grundsätzlich darin, daß Gott als Herr seiner Kosmologie sich nicht in die irdische Welt, in die Organisation der Staaten, der Orte einträgt.« (Robert Jaulin,a.a.O.). Alain de Benoist vertritt denselben Standpunkt. »Für Jahwe sind die Unterschiede zwischen den Menschen und den Völkern vorübergehend nebensächlich und überhaupt oberflächlich.« (Alain de Benoist, a.a.O.; vgl. ders., Heide-Sein zu einem neuen Anfang, 1982). Wie Gerard Hervé (vgl. a.a.O.) weist Pierre Bérard nach, daß die biblischen Propheten (»alle Völker sind vor ihm nichts und gelten ihm als nichtig und eitel«, Jesaja 40-17; und Paulus: »da gibt es nicht mehr Juden und Griechen«, Galater 3-28) die ethnischen und kulturellen Unterschiede unter den Menschen auf eine Strafe Gottes zurückführen und »eine Welt ohne Unebenheiten« herbeisehnen; und damit rechtfertigen sie den tief gründenden biblischen und jüdisch-christlichen Haß auf die Reiche (Imperien) und die Legitimität der Ethnozide, ja sogar der Genozide ....“ (Ebd., 1988, S. 210).

„Der Prozeß des Identitätsverlustes und des Ethnozids gründet aber nicht ausschließlich auf der Entwurzelung und Dekulturation. Er stützt sich ebenfalls auf eine Philosophie der Geschichte sowie auf eine besondere Auffassung des Zeitlichen.“ (Ebd., 1988, S. 210).

„In der linearen Betrachtung der Zeit, die von der im Westen herrschenden Ideologie vertreten wird, ist der zentrale Begriff der Identität gefährdet. Diese Auffassung der Zeit trug u.a. dazu bei, die Akkulturation, die Entwurzelung und die Amnesie der Völker, auf die sie angewandt wurde, zu beschleunigen. Die progressistische Betrachtung der historischen Zeit (eine jüdisch-christliche Anschauung) stellt die Vergangenheit als ein endgültig Abgeschlossenes dar, das vergessen werden muß. Die Tradition wird nun zu einem sinnlosen Begriff, da eine Tradition ja nichts anderes ist als eine lebendige Vergangenheit, die innerhalb der Gegenwart wirkt und von dieser kristallisiert wird. Ausschließlich nach theologischen oder politisch-weltlichen Parusien orientiert, wurden die Europäer stets dazu bewogen, ihre Vergangenheit, also ihre Identität zu vergessen. Wenn man heute z.B. von der Unabwendbarkeit einer kosmopolitischen und us-amerikanisierten Gesellschaft überzeugen will, entkräftet man die europäische Vergangenheit gegenüber dem, worum es angeblich einzig geht: das messianische Warten auf eine »tischgenossenschaftliche«, rassengemischte und multinationale Welt. In dieser linearen Betrachtung wird die Persönlichkeit der Völker – die an ihrer Vergangenheit und an nichts anderem zu messen ist – für überholt und unbedeutend erklärt; es zählt nur noch das zu erreichende »Ziel« ab dem Nullpunkt, ab der »neutralen Gegenwart«, die das Heute darstellt.“ (Ebd., 1988, S. 211).

Die Krise der Weiblichkeit und die Verweiblichung des Mannes

„Aber nicht nur der Ethnozid, der Kulturkrieg und der westliche Progressismus bewirken die Entidentifizierung der Europäer. Zu den gegen uns eingesetzten ideologischen und kulturellen Waffen kommt eine physiologische Auflösung unserer Persönlichkeit. Um ihr historisches Gedächtnis gebracht, sind unsere Zeitgenossen nicht mehr darauf bedacht, ihre Stammlinie zu sichern. Sind der Anblick leerer Wiegen und der dramatische Widerspruch einer Gesellschaft, die der Jugend niedrig schmeichelt und unter der toten Last der Greise zusammenstürzt, nicht etwa das überzeugendste und tragischste Zeichen des Europessimismus?“  (Ebd., 1988, S. 211).

„Im ausgehenden 20. Jahrhundert taucht die Frage nach dem demographischen Überleben mit aller Wucht auf. Mitten im technischen Zeitalter, mitten im dumpfigen Zeitalter des bürgerlichen Überflusses quält die Rückkehr des rein Biologischen unser Bewußtsein. Trotz der durchaus antinatalistischen herrschenden Ideologie durchdringt der Notruf der Demographen die Mediensperre: Europa erzeugt nicht mehr genug Kinder. Eine alternde, gegenwartsbezogene Gesellschaft, die von der Illusion einer unnatürlichen Jugendlichkeit besessen ist, gibt sowohl ihre Traditionen als ihre historische Zukunft auf.“ (Ebd., 1988, S. 211-212).

„Dadurch wird die Bedeutung der Frau umso mehr unterstrichen. Die Frauenproblematik und -mythologie beherrschen die Jahrhundertwende. Das Bild der Frau ist das neue Rätsel, das neue Epizentrum des europäischen Bewußtseins. Die Frau steht mit auf dem Spiel: sie schenkt das Leben und sorgt für den demographischen Fortbestand; sie ist aber auch diejenige, die die Werte weiter gibt. In einer identitätsgefährdeten Zivilisation (Zivilisation einer Kultur; Anm. HB) kommt der (kulturellen und biologischen) Frauenfrage eine große Bedeutung zu.“ (Ebd., 1988, S. 212).

„In dem zerrissenen Bewußtsein des von seinem eigenen Untergang geplagten europäischen Menschen bekommt der Verlust der Frau und ihre mögliche Zurückeroberung heute eine tragische, zentrale Bedeutung. In der Volksvorstellung beheimatete Bilder, wie die angebliche Neigung der europäischen Frau zum Nicht-Europäer, ihre Unfruchtbarkeit gegenüber der Immigrantin oder der Frau der Dritten Welt, die ebenso sexuelle wie sozial wachsenden Forderungen der Frauen gegenüber den ihrer Virilität enthobenen Männern, bestätigen das dramatisch aufkommende Unbehagen des europäischen Mannes gegenüber der europäischen Frau; ein Unbehagen, das die Bedeutung der weiblichen Funktion in unserer niedergehenden Kultur erhöht und Julien Freund zu dem Ausspruch bewegt, daß wir »von der Ära der Anthropologen zu der der Gynäkologen« übergegangen sind. Der Mythos von der höheren Virilität des afrikanischen Mannes, der Anspruch der europäischen Frau auf Nicht-Befruchtung und Selbständigkeit (Überreste des »Feminismus«), das Aufkommen neuer sexuellen Sitten, die auf den weiblichen Organismus und seine Forderungen gelegte Bedeutung (und damit implizit auf die mögliche Impotenz des in seinem Stolz verletzten Mannes, der sich nun »bewähren« muß), all dies trägt dazu bei, eine Atmosphäre des Verdachts gegen die europäische Frau zu schaffen: sie soll ihrer sexuellen Treue, ihrer biologischen und genesischen Pflicht, ihrer Aufgabe, die traditionellen Werte weiter zu geben, »zuwidergehandelt« haben.“ (Ebd., 1988, S. 212).

„Dieser Verdacht gegen die Frau, eine subtile Mischung von chronischer Misogynie und Gynäkomanie, wohnt, begründet oder nicht, nunmehr dem gestörten Bewußtsein des verletzten Europa von heute inne. Die pornographische Überfülle (»Busen auf der ersten Seite!«), die für alle unsere Medien kennzeichnend ist, wirkt zugleich als Kompensation und als Verstärkung der gegenüber der Frau empfundenen Frustration. Diese kennzeichnet die Psyche des europäischen Mannes, der von der Scheidung und der Ehelosigkeit, ja sogar von der Sterilisation und der Homosexualität gequält wird.“ (Ebd., 1988, S. ).

„Die vermännlichte, auf der Suche nach ihrem sozialen Status befindliche europäische Frau, von der letzten Endes die Fortsetzung der biologischen Stammlinie abhängt, sieht, wie die traditionellen Merkmale der »Weiblichkeit« gerade zu dem Zeitpunkt schwinden, wo die unzähligen Vorträge über diese Weiblichkeit den Nachweis erbringen, daß sie nicht mehr selbstverständlich ist, und wo sich die beunruhigende Perspektive der Verschmelzung der Geschlechter abzeichnet.“ (Ebd., 1988, S. 212-213).

„Der »androgyne Look« ... drückt nicht nur ein pathogenes Phantasma des Egalitarismus aus (der die Unterschiede zwischen Männlichem und Weiblichem nun konkret leugnet), sondern offenbart auch den subtilen Willen, die Frau um ihre erzeugende und mütterliche Funktion zu bringen zugunsten des entfremdeten und gefälschten Bildes der »femme virile«. Diese vorherrschende Androgynie verweist auf einen der beunruhigendsten Aspekte des Identitätsverlustes, auf den biologischen Identitätsverlust nämlich: die systematische und theatralische Erhöhung der Homosexualität (sie hat mit der Eingliederung und der Anerkennung der homosexuellen Tatsache als normaler gesellschaftlicher Komponente nichts zu tun, sondern kommt einem umgestülpten Puritanismus gleich) sowie der Einsatz androgyner Modelle im Mode- und Werbungsapparat drücken eine mehr oder minder unbewußte Ablehnung der Fruchtbarkeit und der Fortpflanzung aus und unterstehen einem gewissen Willen zum biologischen Selbstmord, der mit dem sterilisierenden Narzißmus der westlichen Zivilisation völlig übereinstimmt.“ (Ebd., 1988, S. 213).

„Die androgyne Frau und der theatralische Homosexuelle stoßen im gleichen unnatürlichen und einheitlichen Stil zueinander und bilden das Modell eines neutralen, völlig entwurzelten, sterilisierten (in beiden Sinnen) Individuums. Ein Individuum, das auf jede Nachkommenschaft, jede Zukunft und jede Tradition verzichtet hat; das uns das traurige Gesicht einer entmutigten, von dem langweiligen No-futur-Thema besessenen europäischen Generation zeigt; das aufgegeben hat, sich geschichtlich fortzusetzen, und nur noch die anfällige Stimmung der »Neuen Konsumgesellschaft« fortsetzen will.“ (Ebd., 1988, S. 213).

„Alles läuft also auf die umfassende Entvirilisierung des Europäers hinaus, für die er einzig verantwortlich ist und die einer Selbstkastration, einem Selbstmord gleichkommt, allerdings einem Selbstmord »mit Lächeln«, wie das eines traurigen Clowns. Mit einer gewissen krankhaften Freude, einem frohlockenden Masochismus billigt und fördert ein Großteil der europäischen Eliten den Verlust unserer kulturellen und anthropologischen Identität und unseren totalen Niedergang. Dieser »Europessimismus« verbirgt sich hinter einem Optimismus, der dennoch Glaubwürdigkeit vermissen läßt: man erspäht freudestrahlend das Aufkommen einer höchst fruchtbaren Gesellschaft kulturellen Zusammenbrauens, aus der angeblich wie in den USA eine »neue Identität« hervorgehen würde: die einer »offenen Kultur«, in der sich sämtliche Einflüsse verwischen würden. Man will also jene alte progressistische Illusion, die Leopold Senghor bereits in den 1960er Jahren als »Zivilisation des Universalen« getauft hatte, als neuen Weg hinstellen. Zum Glück aber verwerfen neue Eliten dieses Projekt, weil sie sich seines Überaltertseins bewußt sind, weil sie es für unästhetisch und demobilisierend (da ohne Selbstbehauptungswillen) halten und weil sie dessen senilen Fatalismus erfassen. Deshalb versuchen sie umhertappend zu ihrer Identität zurückzufinden, die sich um drei Angelpunkte drehen soll: die Heimat, das nationale Vaterland und Europa, wobei letzteres die Rolle des großen verbündenden Mythos spielt, der mit zwar unscharfen, dennoch außerordentlich verlockenden Bildern gefüllt ist.“ (Ebd., 1988, S. 213).

Müssen wir wieder ethnozentrisch werden?

„In der Optik der drei Identitäten, der »regionalen«, »nationalen« und »kontinentalen«, wäre es vergeblich und lächerlich, die Stufe der nationalen Zugehörigkeit entfernen zu wollen.“ (Ebd., 1988, S. 214).

„Die Regionalisten wollten es eine Zeit lang. Abgesehen davon, daß dies utopisch ist und die Bedeutung der historischen Traditionen übergeht, erscheint dieser Gesichtspunkt ungemein rationalistisch und totalitär. Obwohl sich die Nationen Europas auf völlig unterschiedlichen Prinzipien (volksmäßige z.B. in Deutschland und Italien; staatliche z.B. in Frankreich und Spanien) gründeten, bestehen sie nun als historisch-geographische Realitäten und ernten starke Zugehörigkeitsgefühle.“ (Ebd., 1988, S. 214).

„Man muß die nationalen, europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Man wird um so mehr ein Deutscher, Franzose oder Italiener sein, als man ein Europäer ist, und um so mehr ein Europäer, als man mit seiner deutschen, französischen oder italienischen Identität verbunden ist; selbst wenn ein »Deutscher« zu sein nicht genau das gleiche bedeutet wie ein »Franzose« zu sein. Es gilt demnach, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Diese »identitäre Gymnastik« wird übrigens in Frankreich am meisten Probleme aufwerfen, weil die französische Nation leider allzu oft ihren Nationalismus entweder als Universalismus (wie heute die USA) oder als Opposition zu ihren Nachbarn auslegte, in beiden Fällen nach einem antieuropäischen Schema. Alles ist aber immer möglich: War die »gaullistische« Ideologie – die es wiederzubeleben gälte – nicht im Grunde zugleich von dem Regionalismus und dem Bau eines blockfreien Europa-der-Nationen angezogen, in dem die französische Identität zur Behauptung der europäischen Macht beitragen sollte?“  (Ebd., 1988, S. 214).

„Wie die traditionellen Gesellschaften müssen wir ethnozentrisch werden oder wieder werden, und nicht ethnozidär. Wie Claude Lévi-Strauss es nämlich unterstreicht (vgl. a.a.O.), sind die sogenannten »primitiven« Völker sowie die Völker der Gegenwart, die nicht sterben wollen, dazu gezwungen, sich selbst als Mittelpunkt zu nehmen, den anderen mehr oder minder »fremd« zu werden. Das vielleicht beste Mittel, den Anderen zu achten, ist, ihn etwas zu vergessen ....“ (Ebd., 1988, S. 215).

„Dem wird man entgegenhalten, daß diese Entwicklung zu einer Welt führen würde, in der jeder steril verschlossen wäre, und daß das »wienerische« Europa zur Zeit seines kulturellen Glanzes kosmopolitisch gewesen sei. In Wirklichkeit wohnte der frühere europäische Kosmopolitismus Europa inne, das damals allein einen Makrokosmus darstellte; alles ändert sich, wenn der Makrokosmus weltweites Ausmaß gewinnt. Der Kosmopolitismus wirkt dann sterilisierend und homogenisierend. Ein echter Austausch wie einst, als die Kulturen als verhältnismäßig autozentrierte »Blöcke« nebeneinander standen, erfolgt erst dann, wenn jeder eine starke Persönlichkeit und einen relativen Abstand zu den anderen wahrt. Alle äußerst fruchtbaren Beziehungen, die Europa mit der arabischen, indischen und chinesischen Welt pflegte, veranschaulichen das. Heute hingegen führt das weltweite kulturelle Zusammenbrauen »plurikultureller« Gesellschaften mit Massen-Narzißmus zu kulturellen Produkten, die denen der identitären Völker unterlegen sind, weil sie sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschen beziehen. Die »Kommunikation« bleibt entgegen einer weiteren zeitgenössischen Illusion dann weitgehend aus. Jeder schließt sich ein in seinem Getto, seiner kulturellen Zunft, seinem gesonderten Geschmack, und die Kultur verliert ihre volkstümliche und organische Bedeutung.“ (Ebd., 1988, S. 215).

„Nun entsteht ein kulturelles Kaleidoskop: Man findet »alles«, wie in einem Supermarkt; »für jeden Geschmack« gibt es etwas, von Mozart bis zur Funkymusik, aber die Kultur büßt ein, was ihre Originalität nährt: ihre Verwurzelung in einer ethnopopulären Identität. Alle Auswirkungen lassen sich zwar heute noch nicht feststellen, da die Identitäten noch existieren, da das Zusammenbrauen erst stattfindet und noch nicht abgeschlossen ist, da es beispielsweise im »arabischen Rock« noch ein arabisches Element gibt, was den Anhängern der plurikulturellen Gesellschaft zu dem Glauben verhilft, daß ein größerer Reichtum aus dem Zusammenbrauen hervorgehen werde .... In Wirklichkeit, und der Untergang des Jazz zeigt es zur Genüge, liefert der kulturelle melting pot zwar zunächst durchaus »annehmbare« Erzeugnisse, mündet dann aber in die neoprimitive rationalisierte Massenkultur (siehe die heutigen us-amerikanischen Exporte), und zwar sobald die ethnopopulären Identitäten gestorben oder folklorisiert sind.“ (Ebd., 1988, S. 215).

„Unter diesen Voraussetzungen bleibt jeder Austausch, jede Kommunikation aus, schwindet jeder »Unterschied«. Die einzigen zugelassenen Unterschiede sind die, die innerhalb jeder aseptisierten plurikulturellen Zone wieder auftauchen, das sind die nach »Geschmacksklasse« oder nach soziologischen bzw. ökonomischen Kategorien programmierten kulturellen Sektoren. Es handelt sich um das letzte Stadium des kulturellen Todes. Jeder ist in seiner Konsumierung kultureller Waren, in seinem Getto gefangen und ignoriert den Anderen. Die USA liefern uns diesbezüglich einen erbaulichen Anblick: den der totalen Verachtung für alles, was nicht für den beschränkten Geschmack des Durchschnitts-us-amerikaners vor-verdaut ist.“ (Ebd., 1988, S. 216).

„Eine Kultur kann nur fortbestehen, der Mensch kann der Primitivität und der Barbarei der Entgeistigung nur entgehen, die Achtung vor dem Anderen kann nur einsetzen, die Fruchtbarkeit des Gedanken- und Sensibilitätsaustausches kann nur andauern, die Erfindungskraft kann sich nur behaupten, wo die Kultur in einem ethnopopulären Bewußtsein wurzelt, wo die Eingebung aus dem Autozentrismus eines Volkes hervorgeht. Angesichts solcher Gefahren bietet nur noch der »Kulturkampf eine anständige Perspektive für die Europäer. Es hat keinen Zweck, sich mit der us-amerikanisch-westlichen Kultur abzufinden; wir müssen sie einer ständigen »Spannungsstrategie« unterziehen und sie, zusammen mit der mehrrassischen Gesellschaftsform, zu einer bevorzugten Zielscheibe machen. Die Entkulturierung und der Identitätsverlust sind zum Glück nicht immer vollständig. Die Selbstverleugnung ist selten absolut. Und häufig sind es die der größten Entkulturierung, dem gewaltigsten Ethnozid ausgelieferten Völker, die aus dem tiefsten Grund des Volksgedächtnisses den Willen, sich eine neue Identität zu geben, schöpfen. Möglicherweise keimt dies im heutigen Westeuropa, und vor allem in dem Land, das systematisch am meisten entkulturiert und entwurzelt wurde: Deutschland. Soziologen und Ethnologen nennen diese Widerstands- und Wiederbelebungsphase Gegen-Akkulturation in bezug auf das, was sich in mehreren Regionen der Dritten Welt (Schwarzafrika, arabische Länder, Südamerika) beobachten läßt. »Zu dieser Phase rufen wir heute die europäische Kultur auf«, schreibt Pierre Bérard, »sowie alle, die in der Welt unter dem Joch eines proselyten Okzidents seufzen. Dieser von seinen Anhängern als »Verus Israel« hingestellte Okzident verwirklicht das Wort aus dem Deuteronomium: »Der Herr, dein Gott, rottet die Völker aus, zu denen du kommst ihr Land einzunehmen« (2. Moses, 12,29).« (Pierre Bérard, a.a.O:)“ (Ebd., 1988, S. 216).

Die „Tradition“ im Lichte der faustischen Seele

-   Die Wahl des surhumanistischen Mythos
-   Die Dreidimensionalität der geschichtlichen Zeit
-   Der „Abbau“ der europäischen Geschichte
-   Die Tradition: einzige Schicksalsförderin
-   Der europäische Neofuturismus

„Die historische Regenerierung Europas sowie seine Rückkehr zur Identität werden vielleicht nicht das Werk dieser Generation sein. Selbst wenn wir, als aktive Pessimisten, mit Verbissenheit daran arbeiten müssen, dürfen wir Hölderlins Wort nicht vergessen: der meditierende Gott haßt vorzeitiges Wachstum.“ (Ebd., 1988, S. 217).

„Europa seine Identität und seine Größe wiederzugeben heißt, es auf den schmalen Weg seiner Wieder-Vergeistigung außerhalb eines nunmehr religiös sterilen Judäo-Christentums zu bringen. Es hieße also, einen Rückgriff auf den Paganismus zu »erfinden«; und das setzt voraus, daß man das ganze Volksbewußtsein auf den Fundamenten des »Surhumanismus« neu baut, während es heute noch von der Ernüchterung des egalitären Nihilismus bewohnt ist. Wir können die historische Bedeutung dieses Unternehmens ermessen.“ (Ebd., 1988, S. 217).

Die Wahl des surhumanistischen Mythos

„Diese Unternehmung muß von Eliten geführt werden, die Scharfsinn, unerschütterliche Ausdauer und vor allem unendliche Geduld aufweiten. Der eigentlichen Bekehrung des »Volkes« muß die Bildung einer Minderheit vorausgehen, die ihre Tradition zurückzugewinnen weiß, die innerlich wagt, die Fesseln des Egalitarismus und der tausendjährigen Ideologie des okzidentalen Humanitarismus zu brechen.“ (Ebd., 1988, S. 217).

„Der Urheber solcher Ideen, der Vorkämpfer dieser Verwandlung des europäischen Bewußtseins, dieser regenerierenden Umkehrung der Geschichte war Nietzsche, der die Ansicht vertrat, daß ein geschichtlicher Wieder-Anfang nur von ihm ausgehen könnte. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß seine Nachfolger den Aufschwung der egalitär-nihilistischen Bewegung nicht aufhalten könnten, und forderte uns auf, als aktive Nihilisten die Fortsetzung dieses Prozesses bis zur Fäulnis zu wünschen. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß sich die Europäer in das verwandeln würden, was sie heute geworden sind: in »köstliche Sklaven«.“ (Ebd., 1988, S. 217).

„Nietzsches Aufruf an die Europäer, den tausendjährigen Nihilismus des Judäo-Christentums zu überwinden, den egalitären Zyklus – wenn historisch möglich – aufzugeben und in dem Surhumanismus die Regenerierung ihrer Geschichte sowie die Rückkehr zu ihrer Identität zu erfahren – dieser Aufruf nimmt die Form eines Mythos (des »surhumanistischen Mythos«, den Wagner und Heidegger formulierten) an, das heißt die denkbar realitätsschwerste und stärkste Form.“ (Ebd., 1988, S. 217).

„Warum ein Mythos? Weil zu einer Zeit, wo alles Gedachte von jüdisch-christlichen und egalitären Werten geprägt ist, die surhumanistische Botschaft der neuen europäischen Identität – will sie die Geister nicht erschrecken – in einer irrationalen und verschlüsselten Form dargelegt werden muß, die mehr die Sensibilität als den Intellekt anspricht. Eine Regenierung des europäischen Paganismus, eine historische Verwirklichung des Surhumanismus, eine Überwindung des westlichen Egalitarismus setzen nämlich, wie Nietzsche es ausdrücklich betonte, eine Umwertung aller bislang angenommenen Werte voraus.“ (Ebd., 1988, S. 218).

„Die Anhänger einer europäischen Regenierung durch Überwindung und Lossagung vom Judäo-Christentum und Egalitarismus werden also bei ihren metapolitischen und kulturellen Unternehmungen darauf achten müssen, diesen »Anteil des Mythos«, der im Dunkeln den Rückgriff schützt, zu bewahren.“ (Ebd., 1988, S. 218).

„Wir müssen uns sehr davor hüten, für die europäische Identität und Regenerierung gemäß dem Surhumanismus eintreten zu wollen, indem wir die Sprache und die »politischen« Verpflichtungen einer gewissen Rechten und einer gewissen Linken übernehmen, da alle politischen Diskurse im heutigen Europa, selbst die positivsten, sich innerhalb der egalitären Weltanschauung befinden. Der Diskurs der »Regeneratoren« Europas darf ferner nicht darauf abzielen, diejenigen zu überzeugen, die von jeher die Träger und Propheten der egalitären Weltanschauung, also die Totengräber Europas und jedes Reichs sind, auch nicht diejenigen, die das surhumanistische Projekt niemals begreifen und sogar wollen werden, weil sie geistig vom Egalitarismus besetzt sind.“ (Ebd., 1988, S. 218).

„Das surhumanistische Projekt wendet sich an all diejenigen, die die heidnische Weltanschauung – häufig ohne es zu wissen – in sich tragen und die zahlreicher als angenommen sind, da der Schatten der Götter immer noch vorhanden ist, die alten Pantheons immer noch fruchtbar und imstande sind, junge Götter ins Leben zu rufen. Wie Meister Eckhart es formulierte, ist ein solcher Diskurs für diejenigen gemacht, die ihn bereits in ihrem Herzen als ihre eigene Wahrheit tragen.“ (Ebd., 1988, S. 218).

„Zwischen dem Egalitarismus und dem Surhumanismus, zwischen Dostojewski und Nietzsche, einer jüdisch-christlichen Geschichte und einem neopaganischen Schicksal zu wählen heißt für den heutigen Europäer nicht zwischen Falschem und Wahrem, Bösem und Gutem wählen. Es handelt sich um eine freie Wahl, da wir von keiner absoluten Tradition »prädeterminiert« sind. Es ist eine Wahl, die auf dem Willen beruht; eine Wahl zwischen Möglichkeiten, die alle gleich authentisch sind; eine Wahl, die letzten Endes eher aufgrund ästhetischer als rationaler Kriterien getroffen wird. Entweder entscheidet man sich – aus durchaus zulässigen Gründen – für ein jüdisch-christliches, humanitaristisches Europa als kosmopolitische Zweigstelle eines weltweiten Okzidents; oder man entscheidet sich aus gefühlsmäßigen und ästhetischen Gründen gegen die jetzige Entwicklung (die von diesem Standpunkt aus »Dekadenz« ist) für ein identitäres, auf den imperialen und heidnischen Teil seiner Tradition ausgerichtetes Europa; ein Europa nämlich, das B.-H. Lévy überall (legitim und subjektiv) als »barbarisch« hinstellt, das man auch – wird man von einer anderen Weltanschauung beseelt – als einzig »kulturales« betrachten kann. Mit der gleichen Wahlentscheidung sind übrigens mehrere außereuropäische Völker, vor allem die Araber, konfrontiert, die ebenfalls an der Wegscheide sich entweder für eine Okzidentalisierung ihrer Gesellschaft aussprechen müssen oder für die Reaktivierung des Großprojekts einer imperialen Einheit des arabisch-islamischen Vaterlands.“ (Ebd., 1988, S. 218-219).

„Diese Wahl findet also zwischen zwei »Traditionen« statt, und das Zukommende wird dann nicht von einer in abstracto projizierten »Zukunft« bedingt, sondern zuvorderst von einer Aneignung der Vergangenheit, einer »möglichen« Vergangenheit. Der Rückgriff auf Zarathustra ist die Bedingung zum Zutagetreten des Übermenschlichen.“ (Ebd., 1988, S. 219).

Die Dredimensionalität der geschichtlichen Zeit

„Was die surhumanistische Weltauffassung, so wie Wagner, Nietzsche und Heidegger sie in ihrer ganzen historischen Potentialität formulierten und ans Licht zogen, eigentlich kennzeichnet, ist die Ablösung der christlichen linearen Zeit durch die dreidimensionale Zeit sowie die Rückgabe dieser Dreidimensionalität an den Menschen, die ihn als solchen begründet. Die dreidimensionale Zeitlichkeit gibt dem Menschen die Möglichkeit, als historisches Wesen aufzutreten.“ (Ebd., 1988, S. 219).

„Wie ist diese dreidimensionale Anschauung der Zeit und der Geschichte zu definieren und worin widerstreitet sie der progressistischen, vom Christentum stammenden Auffassung? Als Antwort möchten wir Giogio Locchis These zusammenfassen. (Vgl. ders., Über Heidegger, a.a.O.).“ (Ebd., 1988, S. 219).

„Indem er die Vergangenheit »abtötet«, indem er ihr jede Legitimität, die Gegenwart zu besetzen, abspricht, indem er die Zeit nach dem segmentären Schema (vollendete, vergessene oder versteinerte Vergangenheit – Gegenwart als »leerer« Nullpunkt – Zukunft als Heil und Ende der Geschichte (**|**|**|**|**|**|**|**), Abschaffung der Geschichte und somit dessen, was die Vergangenheit ausmachte) strukturiert, radiert der christliche Progressismus implizit das Vorhandensein der Tradition, der Identität, des Willens, historisch fortzuleben. Der reaktionäre Traditionalismus gehört übrigens zu dieser Strategie. Von dem Augenblick an, wo die Werke und Ereignisse der Vergangenheit für verjährt und tot erklärt werden, kann man sich leisten, sie einzubalsamieren, zu ehren und wie Fossilien zu erforschen. Die Vergangenheit wird von einem technologischen Schutz um so mehr versteinert, als sie neutralisiert und nichtwirkend ist. In der Kunst werden die Werke aus der Vergangenheit der Völker als »Erbe der Menschheit« hingestellt, um wohl zu zeigen, daß sie keine Zugehörigkeit und keinen Widerhall mehr in der Gegenwart haben. Sobald eine historische Forschung aufgrund der starken Erinnerungen, die sie hervorruft, zurückzuwirken droht, wird sie umgehend für streng wissenschaftlich erklärt: So war Georges Dumézils indoeuropäische (indogermanische) Forschung der Gegenstand einer eifrigen Neutralisierungskampagne, die dem Forscher sogar Erklärungen entlockte, wonach seine Arbeiten über die Indoeuropäer (Indogermanen) überhaupt keine Auswirkungen für die Gegenwart gehabt hätten – daß die dreiteilige Ideologie der Indoeuropäer lediglich eine akademische Bedeutung habe, kurzum daß die indoeuropäische Vergangenheit Europas, die ihm gerade ein einheitliches historisches Gedächtnis geben könnte, entweder abgeschlossen oder phantasmagorisch sei. Die Indoeuropäer in einen Gegenstand bloßer Gelehrsamkeit zu verwandeln erscheint übrigens viel wirksamer, als ihre Existenz als Volk polemisch zu leugnen – wie das ebenfalls geschieht –, da letztere Strategie darauf hinausläuft, ihre Präsenz zu reaktivieren.“ (Ebd., 1988, S. 219- 220).

„Dem Vergangenen der linearen Zeitauffassung (Vergangenheit in der Terminologie Heideggers) müssen wir das Vergangene der dreidimensionalen Zeit entgegenstellen, das Heidegger als Gewesenheit bezeichnet. Die Zukunft baut man nicht auf der »Vergangenheit« sondern auf der »Gewesenheit«, das heißt auf dem, was den archè, den gründenden Anfang, enthält. (Vgl. Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, 1935). Die Zukunft baut man nicht auf einem Determinismus (entweder dem der Progressisten, die von der angeblichen Richtung der Geschichte behandelt werden, oder dem der reaktionären Traditionalisten, die in der Bindung an eine geschlossene und zwingende Tradition gefangen sind), sondern auf der Treue gegenüber einem Schicksalsprojekt, für das man sich freiwillig entschieden hat. Und was wählt man? Man wählt, um historisch gründend zu sein, was sich nicht nur in der Gegenwart, sondern zugleich in der Vergangenheit und in der Zukunft beheimaten läßt, nämlich seine Heroen. Die Geschichte ist in ihrem authentischen Sinn die Wahl der Heroen.“ (Ebd., 1988, S. 220).

„Zwischen Abraham und Achilles ist die Alternative heute offenkundig. An der Wahl der Heroen (mehr noch als an den biologischen und kulturellen Bedingtheiten) wird erkannt, was man ein »Volk« nennen muß. Wagner gab übrigens vom Begriff Volk eine Definition, die mit unserer Auffassung völlig übereinstimmt. Für ihn waren die Mitglieder ein und desselben Volkes diejenigen, die, in der gleichen gegenwärtigen Not lebend, sich der von ihnen gewählten »Väter« gemeinsam erinnern und auch ein ebenso gemeinsames Zukunftsprojekt formulieren.“ (Ebd., 1988, S. 220).

„Die Vergangenheit ist dann nicht mehr, was abgeschafft und auf immer verloren ist, sondern das, was »geworden ist« und seine Präsenz hier und jetzt durchsetzt, ja sogar was wird, was andauert und zu werden nicht aufhört, da die historische Zukunft das Werden der Vergangenheit aufnehmen soll. In dieser Sicht ist die gesamte Zeit (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) in einer dreifachen Osmose ein und dasselbe Werden, ein und dasselbe Ereignis. Die Gegenwart des Volkes ist nicht mehr jener Nullpunkt, jener leere Augenblick des asymptotischen Segments, das zum Ende der Geschichte (**|**|**|**|**|**|**|**) führt, sondern Präsenz, andauernde Präsenz (Anwesenheit bei Heidegger). Diese Anwesenheit bei der eigenen Geschichte und innerhalb der historischen Dreidimensionalität der Zeit ist in dem griechischen Verb »sein« (einai) wiederzufinden, das »in der Dauer anwesend sein« bedeutet. Die Dauer schließt aber auch den Raum, d.h. die Heimat ein. Die Gegenwart der dreidimensionalen Zeitauffassung bedeutet nicht nur, daß das Volk seine eigene Geschichte besitzt, sondern auch, daß es in seinem Raum verwurzelt ist: ein zusätzlicher Grund für die herrschende kosmopolitische Mentalität (**|**|**|**), diese Anschauung der Zeit abzulehnen und ihr die lineare Auffassung vorzuziehen. Der Begriff »Anwesenheit«, in dem die Vorsilbe »an« den Raum bezeichnet, weist daraufhin, daß die Gegenwart der dreidimensionalen Zeit nicht nur das stets wirkende historische Gedächtnis einschließt, sondern in seiner Fortdauer auch das Territorium der Vorfahren, den Boden enthält, wo das Volk seine Geschichte begangen hat und begeht.“ (Ebd., 1988, S. 220-221).

„Diese dreidimensionale Auffassung der Geschichte ist weder »revolutionär« noch »zyklisch«, noch »reaktionär«, noch »progressistisch«. Sie schließt diese Kategorien ein und übersteigt sie zugleich. Da, wo Tradition und Modernismus als gegensätzlich betrachtet wurden, werden sie als harmonierend in Betracht gezogen. Ein solcher Gesichtspunkt ist verwandt mit dem der deutschen Konservativen Revolution, deren Auffassung der Geschichte sowohl dem Progressismus wie auch dem reaktionären Traditionalismus entgegengesetzt war.“ (Ebd., 1988, S. 221).

„Einen revolutionär-konservativen Standpunkt einzunehmen heißt zugleich, eine Rückkehr zum Ursprung und eine Selbstprojizierung in die Zukunft vollziehen, heißt den Willen bekunden, den Anfang wiederzufinden (Heideggers »griechischen Anfang«) und ihn verwandelt in der Zukunft zu rehabilitieren, und zwar gemäß einem Vorgang, den Nietzsche »die ewige Wiederkehr des Gleichen« nannte. Selbstverständlich ist eine solche Perspektive überhaupt nicht erfaßbar für all diejenigen, die der linearen, eschatologischen und messianischen Auffassung der Zeit ausgeliefert sind, für die Anhänger des christlichen Progressismus.“ (Ebd., 1988, S. 221).

„Diese Perspektive können wir ebenfalls als faustisch bezeichnen – in bezug auf die Bedeutung von Goethes dramatischer Gestalt: der faustische Mensch ist »riskiert« (und Heidegger definiert den Menschenstand als das höchste Wagnis für sich und die Welt); er ist gewissermaßen von seinen Göttern »verdammt«, die er wagemutig und trotzend herausfordert. Der faustische Mensch ist in diesem Sinne des-installiert.“ (Ebd., 1988, S. 221-222).

„Man kann übrigens erst dann als des-installiert gelten, wenn man tief verwurzelt ist. Beide Begriffe ergänzen sich völlig. Als Europa ab dem 16. Jahrhundert zur Eroberung der Meere und der anderen Kontinente (Desinstallation) ansetzte, tat es dies als Europa und aus einer verwurzelten Position heraus. Die europäische Verwurzelung trug zur Macht und zur Intensität der Eroberungs- und Entdeckungsbewegung bei, so wie letztere die Persönlichkeit Europas zum Erstarken brachte.“ (Ebd., 1988, S. 222).

„Die universalistische Ideologie des Christentums war es, die die Entpersönlichung Europas beschleunigte – und nicht seine faustische und erobernde Desinstallation. Der faustische und des-installierte Wesenszug der europäischen kollektiven Persönlichkeit verleiht der europäischen Identität übrigens die Form einer ständigen Zurückeroberung. Jede Desinstallationsbewegung bedingt dafür eine neue Verwurzelung, was der (kulturellen, politischen u.s.w.) Identität Europas die Form einer ständigen Spannung, einer immer riskierten und fruchtbaren Verwandlung gibt.“ (Ebd., 1988, S. 222).

„Um das faustische Wesen der historischen Persönlichkeit Europas noch besser zu definieren, müssen wir über den eigentlichen Rahmen des europäischen Menschen hinausgehen und genau festhalten, worin der Mensch selbst ein »historisches Wesen« ist.“ (Ebd., 1988, S. 222).

„Die biologisch programmierten Tiere wissen, kennen aber nicht. Sie können nicht aus ihrem Programm. Die Welt bietet sich ihnen als fertig, als anwendungsbereit dar. Der Mensch dagegen, dessen angeborene Impulse de-programmiert sind, der durch »Weltoffenheit« und Formbarkeit gekennzeichnet ist, besitzt im Grunde wenig Wissen, ist aber für die Erkenntnis geschaffen, die der Technik zugrunde liegt.“ (Ebd., 1988, S. 222).

„Heidegger erkannte, daß der Mensch immer in einer »Befindlichkeit« gegenüber sich selbst und der Welt ist, eine für ihn ständig problematische Befindlichkeit, die ihn aber unaufhaltsam zum Handeln gegen sich selbst und das Milieu bewegt. Während das Tier in die Welt (Umwelt), in einen Zustand der Sicherheit und der »Normalität« gesetzt wird (der ihm ein Einssein mit der Welt [Umwelt], deren Empfänger es ist, gewährleistet), wird der Mensch in die Welt geworfen (Geworfenheit in der Terminologie Heideggers).“ (Ebd., 1988, S. 222).

„Während das Tier auf die Gattung ausgerichtet ist, von dem unbewußten Fleiß seiner Gene bewohnt und beherrscht wird, kein Bewußtsein-seiner-selbst hat, ist der Mensch, wenn er zum historischen Bewußtsein gelangt, auf sich selbst (als Volk – nicht als Individuum) ausgerichtet, wird »zu sich selbst« von dem »gerufen«, was Heidegger das Ereignis nennt, das heißt die Versuchung, sich selbst in ein »Ereignis« für die Welt zu verwandeln, ein riskiertes und störendes Ereignis.“ (Ebd., 1988, S. 222-223).

„Als »Wesen-in-der-Welt« definiert, muß der Mensch folglich unter dem Aspekt eines Lebenden verstanden werden, der im Gegensatz zum Tier um seiner selbst willen lebt. Er ist da, um er selbst zu werden, sich selbst zu gestalten, für sich selbst zu sorgen. »Sich-selbst« kann natürlich die Gemeinschaft, der Stamm, das Volk bedeuten, und nicht nur die »Menschheit« oder das »Individuum«. Der Heideggersche Begriff des Daseins bedeutet, daß die »Welt« nur für den Menschen da ist. Ohne den Menschen keine Welt. Was bedeutet aber dieser Begriff »Welt«? Die Tierwelt existiert nicht »für« das Tier; sie ist lediglich ein Komplex physikochemischer Signale, auf die das Tier in seiner ewigen Kopräsenz mit seiner Umwelt, in seiner ständigen Unmittelbarkeit antwortet. Die Menschenwelt ist mehr als das: sie untersteht der historischen Existenz (**). Was den historischen Menschen als historisches Tier begründet, ist gewissermaßen und trivial formuliert sein Egoismus, die Tatsache, daß er sich die Welt aneignet und sie als »für ihn geschaffen« deutet, als einen außerhalb seiner befindlichen Raum, den er, um für sich selbst zu sorgen, benutzen kann. Für den Menschen stellt die Welt demnach keineswegs die objektive Totalität der Seienden, die Gesamtheit der physikochemischen Welt dar.“ (Ebd., 1988, S. 223).

„Indem er den Völkern dieses »Für-sich-selbst-Sorgen« verwehrt, indem er die Behauptung ihres kollektiven Ego lähmt, fällt der christliche Humanitarismus auf die tierische Stufe des Gattungsbewußtseins zurück. Die Gattung wird hier mit der primitiven und verwirrenden Kategorie der »Menschheit« aufgefaßt, einem rein zoologischen Begriff, der jeglichen historischen Wert entbehrt und dadurch paradoxerweise un-menschlich ist. Der Egalitarismus lehnt im allgemeinen ab, den Menschen als Person oder als Volk aufzufassen, und betrachtet ihn stattdessen nur unter den zoologischen Kriterien der »Menschenmasse« sowie ihres Korrelats: des Individuums. Der Surhumanismus, so wie ihn die heidnische Tradition implizit formulierte und Nietzsches Denken darlegte, behauptet dagegen, daß der Mensch aus sich heraus handelt, und nicht durch die Gattung, d.h. jene »Menschheit«. Er handelt »aus sich heraus«, nicht als atomisiertes Individuum, sondern als Volk oder als schöpferische Person, die die Seele und das Schicksal ihres Volkes zum Ausdruck bringt.“ (Ebd., 1988, S. 223).

„Der Individualismus des egalitär-humanitaristischen Bewußtseins darf nicht mit dem von uns angesprochenen »Personalismus« (**) verwechselt werden; er verweist vielmehr auf das Magma der Gattung, das heißt auf eine Menschheit, die nur die Addition einer Unzahl von »gleichen« Individuen darstellt. Diese rückschrittliche Anschauung des Menschlichen kommt in der jüdisch-christlichen Philosophie der Menschenrechte zum Ausdruck. Hier wird der Mensch nur als human being (nach der schrecklichen angelsächsischen Formulierung) aufgefaßt, das heißt im Grunde als »menschliches zoologisches Wesen«, als Säugetier des Typs Homo.“ (Ebd., 1988, S. 223-224).


„Personalismus: Den Menschen nicht primär als denkendes, sondern als handelndes, wertendes, praktisches Wesen betrachrende philosophische Richtung.“ (Ebd.).

„Und so wie es natürlich erscheint, daß alle Tiere derselben Gattung gleich sind und die gleichen »Rechte« haben, so hält der jüdisch-christliche Zoologismus es für ebenfalls natürlich, daß alle menschlichen Tiere gleich seien. Die Anschauung des Massenmenschen (Christentum und Okzidentalismus) und die Auffassung des Menschen als autonomes Individuum sind somit miteinander verwandt: sie verwerfen das historische Bewußtsein, sie unterwerfen das Menschliche dem Ungedachten der Gattung und dem Determinismus einer theologischen oder ökologischen Entwicklung – je nach der Lehre. So wie man aber zwischen zwei historischen Optionen, zwischen unzähligen Formen der Vergangenheit oder der Zukunft wählen kann, so kann man zwischen der Annahme dieser Historizität (Geschichtlichkeit), die der Mensch in sich trägt, und ihrer Ablehnung wählen.“ (Ebd., 1988, S. 224).

„Was das historische Bewußtsein, die Zeitlichkeit des Menschen, kennzeichnet und dem Tier sowie den untergehenden Zivilisationen völlig entgeht, ist sein Wille zum Fortbestehen, den Heidegger als »Jemeinlichkeit« bezeichnete. Mit diesem Willen sorgt der Mensch als historisches Wesen für sich selbst (siehe die Heideggersche Sorge, die mit der lateinischen Cura verwandt ist), ohne sich dem Programm der Gattung zu überlassen.“ (Ebd., 1988, S. 224).

„Dieses dem historischen Bewußtsein eigentümliche »Für-sich-selbst-Sorgen« bewegt den Menschen, sich in die Zukunft zu projizieren, indem er sich zeitlich vorausgeht und indem er die von ihm gelebte Gegenwart als »Schon-Vergangenes« auffaßt. In dem historischen Bewußtsein, das nicht linear, sondern nur dreidimensional sein kann (da Vergangenheit und Zukunft, die beiden einzigen Realitäten, in den einfachen Inhalt hineinschmelzen, den der gegenwärtige Augenblick darstellt), erlangt der Mensch eine einmalige »Selbstpräsenz«, da sie das bloße unmittelbare Bewußtsein, hier und jetzt zu existieren, übersteigt, das dem Tier und den antihistorischen Zivilisationen des gegenwärtigen Okzidents eigen ist.“ (Ebd., 1988, S. 224).

„Die Selbstpräsenz des historischen Menschen, des historischen Ego enthält eine Tiefe und eine mehrdimensionale Intensität, die zu der Behauptung bewegen, daß die westliche Zivilisation (die von dem Ehrgeiz beherrscht wird, den Massenmenschen im Glück einer ewigen Gegenwart zu bauen) vergleichsweise den Typus eines niederen, zum Zoologischen zurückschreitenden Menschen baut, weil er nicht über diese zeitliche Intensität der Selbstpräsenz verfügt, die das historische Bewußtsein kennzeichnet.“ (Ebd., 1988, S. 224-225).

„Die Welt des Menschen umfaßt nämlich sämtliche Relationen, die um den Menschen in seinem Interesse, im Interesse seines Willens-zur-Macht entstehen. Und diese Beziehungen entstehen potentiell: der Mensch definiert sich nämlich immer wieder als ein Sein-Können. Der Mensch, der sich seiner als Ego annehmen muß (da er »aufgegeben« und in die Welt »geworfen« wird), der für sich selbst sorgen und die Welt dementsprechend verändern (und »pflegen«) muß, wird nämlich zu jedem Zeitpunkt vor eine Wahl gestellt, wird immer wieder aufgefordert, angesichts einer Alternative zu entscheiden und zu handeln, da die Welt – für ihn – als ein Komplex von Wechselbeziehungen, als eine ständige Inter-Kommunikation (das Heiderggersche Mitsein) erscheint.“ (Ebd., 1988, S. 225).

Der „Abbau“ der europäischen Geschichte

„Das Judäo-Christentum und der Egalitarismus scheinen den Menschen ebenfalls als historisches Wesen zu definieren. Doch dem ist in Wirklichkeit nicht so, da das Judäo-Christentum in seiner eschatologischen, messianischen und segmentären Auffassung der Geschichte diese als vorübergehend hinstellt. Sowohl im hegelisch-marxistischen Messianismus wie auch in der progressistischen Lehre der liberalen Demokratien ist die Geschichte dazu bestimmt, sich zu vollenden und (weil sie »schlecht« ist) durch die Errichtung einer weltweiten Justiz, einer weltweit befriedeten Gesellschaft zum Abschluß zu kommen, so wie die Parusie im Christentum die Geschichte der Menschheit zugunsten des Regnum Christi beenden wird (**|**|**|**|**|**|**|**). In dieser Weltanschauung ist der Mensch demnach im Grunde kein historisches Wesen; er wird nicht ewig zur Geschichte bestimmt. Zur Geschichte wird er nur vorübergehend verurteilt. Und das Heil wird ihn, sofern er dem »Sein-Sollen« entflieht, davon erlösen. Die jüdisch-christliche und egalitäre Anschauung des Menschen ist, wie bereits erwähnt, mit einer schlicht zoologischen Auffassung gleichzusetzen, weil sie die Dreidimensionalität des menschlichen Bewußtseins ausschließt und den Menschen nicht als ein stets historisches Wesen definiert.“ (Ebd., 1988, S. 225).

„Die surhumanistische Auffassung des Menschen und der Welt, die man »neopaganisch« bezeichnen könnte und die in Europa mit Nietzsche wiederkam, behauptet dagegen, daß die Geschichte des Menschen mit dem zoologischen Leben und den »Dingen« nichts zu tun hat (siehe Wilhelm Dilthey). Die Geschichte ist eine supravitale, rein menschliche Angelegenheit, und nur der Mensch besitzt (virtuell) die Geschichtlichkeit. Und er besitzt sie als einziger, weil er die Zeit auf dreidimensionale Weise erfährt.“ (Ebd., 1988, S. 225-226).

„Nach diesem ersten Untersuchungsabschnitt können wir bereits die brennende und umstrittene Frage nach dem quantitativen und/oder qualitativen Unterschied beantworten, der bei den einzelnen Zivilisationen und ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe zu beobachten ist.“ (Ebd., 1988, S. 226).

„Ist der europäische Mensch den anderen »überlegen«, weil er als erster die moderne Technik einführte? Nein, denn die Technik gehört der Lebensordnung an, und nicht der Geschichtsordnung. Die Technik geht aus dem Biologischen hervor, denn es liegt in der genetischen Natur des Menschen, ein Techniker zu sein, um in seiner Umweltzu überleben. Aber hinsichtlich der Geschichtlichkeit des Menschen (der wohl wichtigste Gesichtspunkt) ist keine Kultur einer anderen überlegen. Alle Menschen, vom präneolithischen Primitiven bis zum Menschen der modernen Technik, werden von der Geschichtlichkeit bewegt, jener Geschichtlichkeit, die sich als »etwas anderes« denn das Leben enthüllt.“ (Ebd., 1988, S. 226).

„Und selbst wenn eine Zivilisation diese Geschichtlichkeit nicht aktualisierte, indem sie beispielsweise diesseits der Geschichte blieb, kann sie es jederzeit tun und in die Geschichte eingehen; was zum Beispiel die Völker Afrikas im 20. Jahrhundert, im Anschluß an die europäische Kolonisierung taten.“ (Ebd., 1988, S. 226).

„Die Geschichtlichkeit des Menschen wirft eine zweite folgenschwere Frage auf. Würde die Tradition dieser Geschichtlichkeit nicht entgegenwirken, indem sie das Gedächtnis daran hindert, sich in einem Entwurf zu aktualisieren, indem sie dem Menschen verbietet, »Wahlentscheidungen zu treffen« (die wesentliche Tat des historischen Bewußtseins) und indem die ihm ein Programm festsetzt? Käme die Tradition nicht etwa einer Art zoologischer Sperre gleich, wie der Nachklang einer tierischen Vergangenheit, wo das Verhalten der Gattung vom genetischen Code diktiert würde? Auch hier ist die Antwort negativ: die Tradition ist kein Programm in Form eines starren Codes; sie ist vielmehr auch der Gegenstand einer Wahl, einer riskierten Entscheidung; sie ist Bestandteil des historischen Bewußtseins. Jedes historische Projekt (auch jede freie Wahlentscheidung), das eine Selbstprojektion des Menschen in die Zukunft ist, bedingt die homothetische Wahlentscheidung, sich in die Vergangenheit zu projizieren, die Tradition wiederaufzubauen.“ (Ebd., 1988, S. 226).

„Walter Otto (vgl. Die Götter Griechenlands) erinnert uns daran, daß die aus den achäischen Invasionen hervorgegangene »neue Kultur« ihr Pantheon, folglich ihre religiösen Traditionen (Mythos des von Zeus besiegten Chronos) wiederherstellte. Eine Re-Interpretation der Vergangenheit und der gründenden Mythen erfolgt, sobald ein neues historisches Projekt ans Licht tritt. Im allgemeinen kann keine Projektion in die Zukunft, keine Wahlentscheidung ohne die Unterstützung der Tradition durchgeführt werden. Wir können sogar behaupten, daß das Zukunftsprojekt die Projizierung (die Fortsetzung) einer bestimmten Tradition betrifft. Die »Zukunft« des Menschen ist demnach keineswegs, wie die progressistischen Philosophen der jüdisch-christlichen segmentären Zeitauffassung es wähnen, ein Bruch oder eine Fortsetzung« der Vergangenheit und der Tradition, sondern die Vergangenheit selbst (genauer gesagt »eine« Vergangenheit), die in das Zu-Kommende projiziert wird. Der Stoff der Geschichte ist nichts anderes als die Vergangenheit, so wie die Essenz eines historischen Projekts die Tradition ist.“ (Ebd., 1988, S. 226-227).

„Diese These soll veranschaulicht werden. Wenn wir davon ausgehen, daß unsere Epoche in Europa den Kampf zwischen zwei großen historischen und politischen Projekten (dem des egalitären Humanitarismus: aus Europa eine von der mehrrassischen Konsumgesellschaft regierte Zone des weltweiten Okzidents machen; und dem des »ghibellinischen« Surhumanismus: Europa als imperiales Modell gegen die ökonomistische Zivilisation gestalten) erlebt, werden beide Bewegungen, die hinsichtlich der Zukunft Europas unterschiedliche Wahlentscheidungen treffen wollen, die traditionelle Vergangenheit Europas selbstverständlich in aller Freiheit deuten, um ihre Projekte zu stützen. Die einen werden bestrebt sein, Europa in seine jüdisch-christliche Tradition einzubetten, die anderen in seine paganisch-ghibellinische. Und die gesamte Vergangenheit, ebenso die mythologische wie die künstlerische, literarische, politische und religiöse, wird dann mit Hilfe dieser beiden Subjektivitäten wieder gelesen, ohne daß man jemals von »objektiver« Tradition sprechen kann.“ (Ebd., 1988, S. 227).

„Wenn wir von der Geschichtlichkeit des Menschen sprechen, von seinem freien Vermögen, »nur für sich selbst zu sorgen«, risikoreiche Wahlentscheidungen zu treffen und sich in die Zukunft zu projizieren – handelt es sich in der surhumanistischen Sicht nicht um irgendeinen Menschen oder um alle Menschen. Wenn jeder Mensch virtuell zum aktiven historischen Bewußtsein gelangen kann, so tun es in Wirklichkeil recht wenige. Zu ihm gelangen lediglich die Persönlichkeiten (die den Gegensatz zu den »Standardmenschen« abgeben), die ihre Zeitgenossen und ihre Nachfolger ohne ihr Zutun in die Geschichte werfen. Der Mensch verharrt meistens im dem Bereich dessen, was Heidegger das »Man« bezeichnete, und betritt selten die behauptende, supravitale und gewagte Stufe des menschlichen Ego. Die Behauptung des menschlichen Ego, die der historischen Tat und der Geschichte zugrunde liegt, stellt hinsichtlich der Biosphäre, des Lebens etwas Unerhörtes dar: Bruch mit den natürlichen Gesetzen der natürlichen Evolution, Substitution des genetischen Programms durch ein kulturelles. Die Technik, mag sie zwar wie oben ersichtlich aus der Lebensordnung, und nicht aus der Geschichtsordnung hervorgehen (**), »beseelt« in diesem Sinne dennoch von innen her das historische Bewußtsein und sein supravitales Wesen.“ (Ebd., 1988, S. 227-228).

„Das Einwirken der Technik auf die Masse-Energie, die lebende Zelle oder das Genom z.B. verleiht dem historischen Bewußtsein des Menschen die Fähigkeit, Lebensprogramme (die natürliche Evolution oder die Laufbahn der Planeten) durch die Entwürfe des menschlichen Willens konkret zu ersetzen. Letzten Endes entscheidet aber das historische Bewußtsein, der Wille des Ego über die Anwendung dieser Technik und über die Nutzung der damit verbundenen Möglichkeiten, die Lebensordnung zu übersteigen. Wie Heidegger es zeigte, sind natürlich die meisten Menschen (die von dem »Man« beherrschten »Standardmenschen«) die Diener der Technik, sind ihren Forderungen unterworfen: Die Technik selbst wird aber von den Persönlichkeiten sozusagen begangen, die mit dem Willen veranlagt sind, das menschliche Ego und das ihm innewohnende ungeheuere Entscheidungsrisiko (die »Wahl«) einzusetzen. Die Technik ist nicht übermenschlich, sondern dem Übermenschlichen unterworfen.“ (Ebd., 1988, S. 228).

Die Tradition: einzige Schicksalsförderin

„Erkennt man dieses faustische Vermögen zur Behauptung des menschlichen Ego als treibende Kraft der Geschichte an, so begreift man auch, daß der Surhumanismus gegenüber der Zeitlichkeit und ihrem offenbaren Determinismus zu einem Zustand der Freiheit, ja sogar der Befreiung gelangen kann. Dem faustischen und surhumanistischen Bewußtsein erscheint die Vergangenheit nämlich niemals als abgeschafft. Dieser Geschichtsauffassung zufolge ist die Macht der Tradition unzerstörbar. Sie kann jederzeit wiederauftauchen, selbst Jahrhunderte nach ihrem scheinbaren Tod. Gleich dem Gedächtnis, dem Alptraum oder dem bezaubernden Traum, der einen erneut verfolgt, obwohl er sie in Vergessenheit geraten zu sein glaubte, bleibt die Tradition, diese unerschöpfliche Zuflucht, ewig gegenwärtig, ewig gründend, bleibt eine latente Macht mitten im Realen, mitten in der Schwäche der Gegenwart, die vorüber- und vergeht.“ (Ebd., 1988, S. 228).

„Darum müssen wir, wie die Wechselfälle des heutigen kranken Europa auch sein mögen, unsere uralten Traditionen, vor allem die stärksten unter ihnen bewahren; diejenigen nämlich, die uns eigentümlich sind und die uns niemand wird entreißen können, z. B. den imperialen Mythos, die griechischen Dichter und Philosophen, die Denkmäler der Literatur und der Architektur, die unsere Vorfahren errichteten, damit sie eines – heute eingetroffenen – Tages als Inspiration, als Zuflucht in einer Zeit der Not fungieren können. Exegi monumentum aere perennius (Übersetzung: Ich habe ein Denkmal vollendet, dauerhafter als Erz; oder auch: Also schuf ich ein Mal, dauerhafter als Erz; HB), schrieb Vergil (ich kennen es nur von: Horaz, Carminum - Liber tertius, Ode 30, in: Horaz, Werke, S. 176 [**]; Anm. HB).“ (Ebd., 1988, S. 228-229).

„Werden wir uns dessen bewußt, daß in diesem 20. Jahrhundert die »Progressisten« und die »Revolutionäre«, die Anbeter der Gegenwart und zugleich Bestatter der Vergangenheit, die senilste, die kälteste, die am wenigsten abenteuerliche Zivilisation der Geschichte hervorbrachten, die Zivilisation der weltweiten Verspießbürgerlichung und des Rückwärts-Eintritts in die Zukunft!“ (Ebd., 1988, S. 229).

„Trotz ihrer pathologischen technologischen Vibration, trotz ihres fieberhaften Strebens nach Mikroneuerungen schafft diese Zivilisation nichts Historisches. Um zu schaffen, muß man konservativ sein: Wer tatsächlich am Hergebrachten hängt, verfügt nämlich über eine dreidimensionale Anschauung der Zeit, stützt sich auf eine Vergangenheit, auf eine Tradition, die für ihn stets gegenwärtig und lebendig ist und die er nunmehr in die Zukunft projizieren kann. Der Progressist kann nichts gründen und nichts schaffen, da er die Vergangenheit und die Tradition als tot und abgeschafft betrachtet: er stützt sich auf Sand, auf das Trugbild; und dieses Trugbild besteht darin, auf der reinen Gegenwart, d.h. auf dem Vergänglichen selbst, zu bauen.“ (Ebd., 1988, S. 229).

„Der progressistische Revolutionär – ob Marxist, Sozialdemokrat, Utopist der Menschenrechte, Monomane der informatischen Planetisierung (Mac Luhans Mythos des »globalen Dorfes«) – geht von einem Nullpunkt der Geschichte (»Jetzt«) aus, ab dem alles möglich ist, wenn man die Erfahrung der Vergangenheit sowie die dort gespeicherten Kräfte außer acht läßt. Von einem solchen Nullpunkt auszugehen heißt, aber sich dazu verurteilen, in die Null auszulaufen, heißt, sich zur Erstarrung der Geschichte verurteilen, wie das Schicksal dieser Welt seit 1945 es zur Genüge zeigt, wo der Status quo, die allgemeine Ernüchterung über den Fortschritt und die Pleite der großen universalistischen Ideale den Hintergrund für die Gleichgültigkeit und die Willenlosigkeit unserer Zeitgenossen abgibt – trotz der Fortschritte einer sinnlos werdenden Technik.“ (Ebd., 1988, S. 229).

„Der Revolutionär-Konservative bleibt in der Geschichte, und seine Tätigkeit bleibt dadurch zukunftsgründend, zukunftsoffen. Der Progressist, der das Ende der Geschichte (**|**|**|**|**|**|**|**) will und daran glaubt, stimmt dagegen mit dem reaktionären Traditionalisten in der Wahl der Erstarrung überein, da die Vergangenheit für ihn lediglich auch eine Leiche ist, nur eben eine, die man mumifiziert.“ (Ebd., 1988, S. 229-230).

„Sofern die Modernität des Okzidents sich als Sackgasse herausstellte, werden nur der Vergangenheitsschock, der Rückgriff auf die Vergangenheit, Europa eine abenteuerliche Zukunft schenken – vorausgesetzt, daß diese »Vergangenheit« nicht die des Judäo-Christentums und seines Humanitarismus ist, sondern die Reaktivierung jener »anderen Vergangenheit« Europas, die Nietzsche als erster voll ins Bewußtsein zu heben versuchte. Im Lichte dieser anderen Vergangenheit (der paganisch-ghibellinischen Vergangenheit, die unsere gesamte Geschichte durchzieht und sogar mitten in den sogenannten »katholischen« Institutionen wirkte) muß die moderne Technik überdacht werden. Diese Technik, deren Nonsens heute allen offenkundig ist (weil sie nur von der Ideologie des individualistischen Wohlstands, von dem »humanitaristischen« Projekt einer Domestizierung der Gattung angetrieben wird), wird ihren Sinn wiederfinden, wenn sie jener von Nietzsche erkannten Forderung unterworfen wird: jener nach Herrschaft des aufgeklärten Willens-zur-Macht der schöpferischen Persönlichkeiten, die Nietzsche »Aristokratie« nennt.“ (Ebd., 1988, S. 230).

Der europäische Neofuturisms

„Unter dieser Bedingung wird die europäische Zukunft bestehen und Sinn bekommen: Nur die Konservativen können die Geschichte bewahren und ein Schicksal vorbereiten – nur sie sind demnach »Futuristen«. Heraklit meinte nichts anderes in seiner berühmten Fluß-Metapher: um jedesmal in einem anderen Wasser baden zu können (d.h. um dem Schicksalslauf zu folgen und in der Geschichte zu bleiben), ist es notwendig, daß der Fluß (d.h. die Geschichte als Gedächtnis) existiert. Die Utopie, als »Sehnsucht« nach einem Schicksal und einer Zukunft, die nur von unserem Willen und unserer Vorstellungskraft abhängen, ist deshalb steril und todbringend, wenn sie nicht mit einem Mythos verbunden ist. Die liberale und marxistische Utopie, die Erde nach dem Modell des Egalitarismus und des Materialismus zu vereinheitlichen, beruht nicht auf einem historischen Mythos, sondern auf einer Illusion, auf der Wahnvorstellung von dem »Naturzustand« des Gesellschaftsvertrags. Eine solche Illusion hat mit der historischen Vergangenheit nichts zu tun, da der Naturzustand eine moderne Erfindung ist, die auf eine prähistorische Vergangenheit unstatthafterweise projiziert wird, und der Bezug dieser progressistischen Utopien gerade die Nicht-Geschichte ist.“ (Ebd., 1988, S. 230).

„Die Utopie kann sich dagegen als grundlegend erweisen, sobald sie sich auf einen Mythos stützt, d.h. auf etwas Reales, da der Mythos ein Bericht ist, der in die Geschichte einwächst und für den Fortbestand der Geschichte sorgen soll. In diesem Sinne kann sich die Utopie einer zeitgenössischen konservativen Revolution z.B. auf den europäischen imperialen Mythos (Römisches Kaiserreich, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation usw.) stützen, der eine viel reellere Kraft darstellt als sämtliche futurologischen Projektionen der progressistischen Utopien. Die Ideologien des heutigen Okzidents fallen nämlich durch ihr Unvermögen, die Zukunft zu gründen und das Schicksal zu gestalten, auf: ohne gründende und mobilisierende Mythen (unter dem Vorwand des »Realismus«...), auf dem Sand einfältiger »Entwürfe« der universalistisch-egalitären Lehre, und nicht auf dem festen Boden der Geschichte und der Tradition aufgebaut, haben sie kaum Aussicht auf Verwirklichung und überlassen daher die Ereignisse dem blinden Willen des technomorphen Weltsystems. Diese Ideologien erscheinen irrealistisch in ihrem vorlauten Rationalismus. Sie übersehen das Wiederauftauchen des Religiösen und des Politischen, d.h. des Mythos, wie wir es anläßlich der Ereignisse, die die arabisch-moslemische Welt erschüttern, feststellen konnten. Wir sollten alle diese von falscher Weisheit geprägten Diskurse, die ebenso eine kommunistische Gesellschaft wie einen us-amerikanisierten, standardisierten Weltmarkt wollen und prophezeien, nicht mehr ernst nehmen: alle diese kalten Prophezeiungen über das baldige Aufkommen eines weltweiten Modells »globaler Kommunikation«, »post-industrieller Gesellschaft«, das den jetzigen Zustand Kaliforniens auf den gesamten Planeten ausweiten soll.“ (Ebd., 1988, S. 231).

„Ziehen wir vielmehr die politischen Entwürfe und Utopien in Betracht, die sich auf die Reaktivierung eines historischen Mythos (z.B. das »Große Arabische Vaterland«) gründen: Dieses Vorgehen erscheint viel umfassender, organischer, realistischer, weil es alle Aspekte des menschlichen, vor allem das Religiöse und das Irrationale, berücksichtigt, und sich nicht damit begnügt, die Zukunft auf der Illusion des mathematischen und wirtschaftlichen Rationalismus aufzubauen. Es ist einfach bedauerlich, daß die Völker der Dritten Welt (Mexiko, arabische Welt, Indien, Afrika) in viel größerem Maße auf solche Mythen zurückgreifen und dadurch Konservativer, futuristischer und realistischer sind als wir!“ (Ebd., 1988, S. 231).

„Erst wenn Europa den Sinn für das Heilige und die Schicksalsgemeinschaft wiederentdeckt, wird es sich regenerieren. Wir sind diesbezüglich paradoxerweise besser dran als die Amerikaner und die Sowjetrussen, deren Gesellschaft nur auf einer rationalistischen und materialistischen Hoffnung gründet und jede mythische Spiritualität (d.h. was Geschichte in sich trägt) endgültig aufgegeben hat zugunsten des rein technologischen und mathematischen Aufbaus ihrer Zukunft. Henry James sagte: »Ich muß nach Europa kommen, um den Sinn für das Tragische wiederzuentdecken.«“ (Ebd., 1988, S. 231-232).

„Und gerade dieses Tragische fehlt dem okzidentalen und optimistischen Modell der USA und der Sowjetunion. Nur das Tragische ist aber geschichtsgründend. Der Optimismus des westlichen Progressismus führt zum Tod, wie die demographische Implosion es offenbart; letztere, bemerkte Pierre Chaunu, tritt in Ländern zutage, wo man die Präsenz des Todes nicht mehr wahrnimmt, wo die Beerdigungsriten verschwunden sind, wo der Optimismus der Konsumunmittelbarkeit, die bürgerliche Ver-Sicherung des Alltagslebens und der oberflächliche Kult der lachenden Jugendlichkeit in dem kollektiven Bewußtsein den Ahnenkult und die vertraute Präsenz des Todes ablösen. Ohne lebendiges Gedächtnis, ohne Kult um die Toten und die Ahnen, gibt es keine Kinder, keine Geschichte, keine Zukunft, ohne Tragik, kein Wille zum Überleben, ohne vergangene Stammlinie, keine zukünftige Stammlinie.“ (Ebd., 1988, S. 232).

„Der alte, von dem Tragischen, den Toten und dem Gedächtnis bewohnte Erdteil Europa hat paradoxerweise mehr Überlebenschancen als jene amerikanisch-okzidentale Gesellschaft, die der Atheismus (hinter der prosaischen Maske der falschen Religion der Menschenrechte) und die optimistische und absolut vergängliche Scheinjugendlichkeit der »technologischen Zivilisation« bewohnen.“ (Ebd., 1988, S. 232).

„Trotz des Zusammenbruchs des (zur ideologischen Vulgata gewordenen) Christentums als Religion bleibt Europa immer noch vom Sakralen angezogen. Es wird zu seiner kulturellen und demographischen Fruchtbarkeit zurückfinden, wenn es sich wieder Mythen und Beerdigungsriten gibt. Wir wüßten nicht, wo es die dazu nötige Energie noch schöpfen könnte außer in seinem heidnischen Gedächtnis ....“ (Ebd., 1988, S. 232).

„Da die USA jegliches Gedächtnis aufgaben, da sie »ohne Vergangenheit« sein wollten, wüßten wir nicht, wo sie die Mythen, das Gedächtnis und den Sinn für das sakrale, die langfristig zu deren Überleben nötig sind, finden könnten. An anderer Stelle legten wir dar, daß Europa nur »in Dekadenz« begriffen ist (und demnach daraus herauskommen kann), die amerikanisch-okzidentale Zivilisation dagegen der Untergang ist.“ (Ebd., 1988, S. 232).

„Die faustische Seele, die Europa innewohnt, ist tragisch, und in dieser Hinsicht ist der jetzige »Europessimismus« möglicherweise fruchtbarer als der niedrige selbstzufriedene Optimismus des Amerikaners, der aber beim ersten Sturm vergehen und sich in Niedergeschlagenheit wie anläßlich des Vietnam-Kriegs verwandeln wird. Die Tragik, die durch die Bewußtwerdung der Sackgasse (in der sich augenblicklich die europäische Identität befindet) entstand, kann zu einem unerwarteten Erwachen führen. In diesem Zusammenhang müssen wir über die historische Erfahrung des mittelalterlichen Menschen nachdenken, der uns mindestens im gleichen Maße wie der griechische Mensch den Weg dessen aufzeigt, was wir vielleicht wieder-anfangen sollen. Der Mensch des Mittelalters leitet in seinen politischen, religiösen, baulichen Formen eine außergewöhnliche Metamorphose ein. Er befreit sich von dem, was in der Tradition belastend ist, und richtet auf letztere einen ganz neuen Blick. Als Erbauer oder Politiker schafft er radikal erneuernde Formen und macht sie sich als Traditionen zu eigen: zum Beispiel die spitzbogige Kathedrale oder das Lehnswesen. Der präfaustische mittelalterliche Mensch ist sich selbst immanent, schöpferisch. Er entdeckt einen neuen Polytheismus, eine neue Ästhetik, eine neue Politik, ohne auf die Kategorie der »Modernität« oder des »Fortschritts« zurückgreifen oder sich gegen die Vergangenheit auflehnen zu müssen. Eine solche dionysische Macht ist die Haltung, die wir angesichts unserer jetzigen Lage einnehmen müßten.“ (Ebd., 1988, S. 232-233).

„Die Renaissance und damit die künstliche Erinnerung an eine antike Welt sind kaum da, und schon sterilisiert das »Modell«, diese ewige Schrulle, alles. Ein literarischer und toter Paganismus löst einen Katholizismus ab, der im Begriff war, neo-heidnisch zu werden. Und schon werfen Calvin, Luther, die Gegenreformation und die Re-Christianisierung ihre Schatten voraus. Es ist normal: Das Plagiat der künstlich zurückgerufenen Antike sterilisiert die schöpferische Magie des mittelalterlichen Menschen. Man wollte den römischen Staat, die Säulenordnung der antiken Tempel nachahmen. Man zerstörte schließlich das Feudalwesen und gab die bejahende Architektur des Ogivalstils auf, ohne natürlich die Harmonie der Griechen und der Römer jemals wiederzufinden. Man fand lediglich den modernen Staat, das Christentum und den Individualismus. Der Paganismus verließ das erlebte Unbewußte, die soziale Immanenz, den politischen, sakralen oder ästhetischen Alltag, um sich, nun unter Kontrolle stehend, in die sogenannte ,profane Kunst« zu flüchten. Der Mensch des Mittelalters befand sich auf dem richtigen Weg: der zur Rückkehr der verklärten Götter führt.“ (Ebd., 1988, S. 233).

„Der neoeuropäische Geist muß sich die schöpferische Seele des Mittelalters zum Vorbild nehmen. Diese nahm die ungeheure Herausforderung auf, auf den Zusammensturz der gigantischen römischen Welt zu folgen, der bei dem Ausmaß der Katastrophe das Ende aller europäischen Kultur/Zivilisation hätte nach sich ziehen können. Trotz der Umwälzung, die den Übergang von der römischen zur mediävalen Welt hervorrief, blieb die europäische Identität nämlich verwandelt und sich identisch zugleich. Den gleichen Übergang, den gleichen Bruch müssen wir nunmehr vollziehen: uns verwandeln, um unsere Identität zu bewahren; mit der progressistischen »Tradition« brechen, um unser eigenes Wesen zu bewahren.“ (Ebd., 1988, S. 233-234).

„Des-installiert und faustisch sein; den Traditionalismus und das, was als »Futurismus« bezeichnet werden könnte, miteinander verbinden können; gleichzeitig die europäische Verwurzelung und die Fortsetzung unserer Stammlinie in der zu-künftigen Geschichte vor Augen haben, d.h. jeden versteinernden reaktionären Traditionalismus und jeden sterilisierenden Gegenwartskult verwerfen; das bedingt vor allem die Ablehnung des Progressismus und seiner abscheulichen Version, der Idolatrie des »Zukünftigen«. Der europäische Futurismus, der europäische Neofuturismus könnte man sagen, setzt nunmehr paradoxerweise voraus, daß man dem Begriff der Zukunft mißtrauisch gegenübersteht.“ (Ebd., 1988, S. 234).

„Von der Zukunft können wir nämlich keine Erfahrung haben. Wir können keine andere Erfahrung als die der Vergangenheit haben. Die zeitgenössische Futurologie, indem sie unsere Zukunft in deterministischen Attributen einschließt, läßt uns einen Sinn der Geschichte abgöttisch verehren, neutralisiert unseren Willen, historische Projekte auszuwählen und uns eine Zukunft zu geben, bestimmt uns dagegen eine Zukunft, die einer bloßen quantitativen Steigerung der mundialistischen Konsumzivilisation entspricht. Wenn wir nicht an die Futurologen glauben, wird unsere Zukunft frei bleiben, und wir werden dort diesen »Vergangenheitsschock« erzeugen, vor dem sich das humanitaristische Bewußtsein so sehr fürchtet.“ (Ebd., 1988, S. 234).

„In der Tradition, die wir uns aussuchen, werden wir möglicherweise das Gesicht und die Inspiration unserer Zukunft finden: eine für die zeitgenössische Mentalität unvorstellbare Zukunft, eine für die »schöne Seele« des Humanitarismus, die Gérald Hervé geißelt (vgl. a.a.O.), unannehmbare Zukunft (es ist dieselbe Seele, die sich auf der aufsteigenden Linie des Fortschritts wähnt, aber aller Wahrscheinlichkeit nach nur die vorübergehend triumphierende Figur des westlichen Interregnums ist.)“ (Ebd., 1988, S. 234).

„Dieses »Interregnum«, in dem wir leben, können wir als die von Nietzsche eingeweihte Periode bezeichnen, wo der Egalitarismus seine kritische Phase erreicht und sein Tempo beschleunigt, wo Europa ablegt, was ihm an Identität übrig blieb, wo die »Humanität« sich gemäß dem ausgetragenen jüdisch-christlichen Projekt konkret verwirklicht, wo aber gleichzeitig der Wille, die Geschichte zu regenerieren, bei neuen Eliten wieder auftaucht. “  (Ebd., 1988, S. 234).

„Das gesamte 20. Jahrhundert bildet in Wirklichkeit dieses Interregnum. Es kann durchaus sein, daß es in nichts, in nichts anderes mündet als in den bereits eingeleiteten Prozeß des totalen Triumphs des Egalitarismus, der Vermassung und des endgültigen Untergangs der europäischen Kultur/Zivilisation. Es kann aber auch sein, daß es nach der Ernüchterung das Ende des Egalitarismus herbeiführt. Dieses Ende ist für die meisten Zeitgenossen schwer vorstellbar, weil es nicht die »Verneinung« der Gleichheit oder die Ära des »Inegalitarismus« bedeutet, sondern vielmehr die Ära, von der an der Unterschied zwischen Egalitarismus und Inegalitarismus gegenstandslos sein wird, von der an die Wahl zwischen »Rassismus« und »Antirassismus«, zwischen Kosmopolitismus und Verwurzelung keinen Sinn mehr haben wird, von der an der Streit zwischen reaktionären Traditionalisten und Progressisten, zwischen Links- und Rechtssensibilität nicht mehr wird stattfinden können, weil diese Grundfragen dann endgültig gelöst sind, weil etwas anderes dann auf dem Spiel steht, weil die Geschichtsordnung nach dem Wort Homers »durch den Blitz oder durch die Überzeugung« wiederhergestellt sein wird.“ (Ebd., 1988, S. 234-235).

„»Es gilt«, schreibt Pierre Vial, »das längste historische Gedächtnis zu haben, um eine größere Zukunft zu gründen ... Ein Volk ist ein Lebewesen. Es kann sterben; es kann eines physischen, aber auch eines geistigen Todes sterben: Ein Volk, das seine Seele verloren hat, ist ein zum Tode verurteiltes Volk ... Ein Volk ist eine Gemeinschaft, die ihrer selbst bewußt ist und in der Geschichte eben durch ihren Willen, Geschichte zu machen, eingetragen ist... Was gründet ein Volk? Ein gemeinsames Erbe und der Wille, gemeinsam zu leben. Dieser Wille bleibt aber aus, wenn kein Konsens über seine historischen, kulturellen und überhaupt mythischen Bezugspunkte vorliegt. Die gründenden Mythen sind für das Leben eines Volkes, für sein Schicksalsbewußtsein, für seinen Willen-zu-werden unerläßlich« (Pierre Vial, a.a.O.).“ (Ebd., 1988, S. 235).

„Die faustische Seele findet zugleich ihre Kraft und ihre Spezifität in dieser Ambivalenz: Aufruf zu den Mythen, Einsicht in die Dekadenz, die Verlassenheit. Als verdammte Seele trotzt sie dieser Verdammnis durch den Rückgriff auf die Mythen, die als einzige die Geschichte gegen die Schicksalsbestimmung regenerieren. Die heute verurteilte Zivilisation muß von der »faustischen Seele« beherrscht werden wollen (wobei aber zu berücksichigen ist, daß in Zeiten des Nihilismus die »faustische Seele« nihilistisch wirkt; Anm. HB). Julien Freund hat zu Recht nachgewiesen, daß die Dekadenz eine gründende Idee ist, daß die Bewußtwerdung einer reellen oder vermuteten Dekadenz eine historische Regenerierung nach sich ziehen könnte. Gründete sich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nicht auf die Idee der Dekadenz des Römischen Reichs, die alle Geister wie eine düstere Nostalgie quälte?“ (Ebd., 1988, S. 235).

Die europäische Identität im Schatten der modernen Technik

-   Westlicher Technokratismus und europäische Techno-Wissenschaft
-   Die Versuchung der Technophobie
-   Die moderne Technik als zweite Magie
-   Wohin mit der Technik?

„Am Kreuzweg der faustischen Seele und der europäischen Identität ist die beunruhigende Realität der modernen Techno-Wissenschaft zu finden; diese »unbestimmbare«47 Realität, deren doppelte Gefahr darin besteht, daß sie zum einen unkontrollierbar wurde und den menschlichen Willen übersteigt, zum anderen die Identitäten in die Weltordnung des homogenen Artifizialismus eintaucht. »Die Forderung nach absoluter Gleichheit ist nichts anderes als das ideologische Produkt der unbegrenzten Anwendung der Technik«, schreibt Jacques Ellul (vgl. a.a.O.). Die aufgeworfene Frage ist wohl klar: Trüge die moderne Techno-Wissenschaft gleich dem Okzident, mit dem sie zusammenliefe, weitgehend zur Zerstörung der europäischen Identität bei, obwohl sie gerade in Europa aufkommt? Oder kann man im Gegensatz zu Elluls Einschätzung die Ansicht vertreten, daß sie mit dem Egalitarismus nicht zusammenläuft bzw. ihn nicht erzeugte, sondern daß der Egalitarismus, d.h. der Ausdruck der westlichen Ideologie es vielmehr war, der der Technik ihr vermassendes Wesen, dieses Vermögen, die Welt zu entmenschlichen, verlieh? »Die Technik«, schreibt ferner J. Ellul, »war traditionell in einer Kultur eingeschlossen, von der sie einen Teil ausmachte; jetzt hängt alles von der Technik ab; sie beherrscht alle anderen Faktoren; sie ist jetzt ein einverleibendes Element, innerhalb dessen sich alles befindet.«“ (Ebd., 1988, S. 236).

„Alain de Benoist unterstrich, daß der weltweite »Technokosmus« allmählich den menschlichen Willen bei der Bestimmung – durch die Gattung – des eigenen Schicksals ablöste. Heute mehr als anläßlich der ersten industriellen Revolution lenken die »technologischen Neuerungen«, insbesondere im Bereich der Spitzenindustrien, die Entwicklung des Wirtschafts- und Finanzsystems, das wiederum die politischen Bestrebungen bestimmt. Wir können demnach behaupten, daß der menschliche, vor allem politische Wille von einem technologischen und finanziellen System entfremdet wird, das sich in Wirklichkeit jeder Willensäußerung entzieht. Wir befinden uns tatsächlich mitten im Nihilismus, in einer Sinnimplosion.“ (Ebd., 1988, S. 236).

„Diese Feststellung beantwortet allerdings nicht die Zentralfrage nach dem Wesen der Technik und ob diese Technik im Grunde dazu bestimmt sei, nur diese todbringende Logik, diese Abschaffung des menschlichen Willens zu verursachen. Mit anderen Worten: Ist es die Technik selbst oder die jetzige, d.h. okzidentale Technik, die diese Form annimmt? Kann man – was noch nicht geschah – die Technik beherrschen? Und muß man es überhaupt? Eine Vorfrage, die wir an späterer Stelle erörtern werden.“ (Ebd., 1988, S. 236-237).

Westlicher Technokratismus und europäische Techno-Wissenschaft

„Der »Technomorphismus« unserer Kultur/Zivilisation, die Rückführung der Ideologien und der politischen Wahlentscheidungen auf die Zwangsläufigkeit einer technokratischen Verwaltung der Menschen und der Dinge (einer angeblich neutralen Verwaltung!)  – widersprechen sie nicht einer Auffassung der Technik, die dem Menschen dazu verhelfen würde, frei zu entscheiden? Alain de Benoist erklärt, daß die moderne Technik jegliche menschliche Wahl zu unterbinden neigt, indem sie den Willen und das Projekt (den Entwurf) durch einen mechanischen Fatalismus ersetzt. Wir müssen die Richtigkeit dieser Beobachtung, wenigstens innerhalb des jetzigen techno-ökonomischen Systems, bestätigen. Woran liegt es aber, daß die prä-moderne Technik nicht dazu führte, den menschlichen Willen zu sterilisieren, und daß die moderne Technik, die doch die Frucht dessen, was die Intelligenz, die Urteilskraft und der menschliche Wille elaborierten, es paradoxerweise schafft, den Menschen selbst zu roboterisieren, sich ihm zu entziehen, jeden symbolischen Gedanken zu unterbinden, die Menschenwelt zu entzaubern, indem sie sie um Entwürfe und Träume bringt?“  (Ebd., 1988, S. 237).

„Das liegt daran, daß die moderne Technik unter dem Einfluß der vom jüdisch-christlichen Dualismus und Individualismus durchtränkten westlich-egalitären Ideologie steht. »Nunmehr vom dualistischen, rationalistischen und universalistischen Denken beeinflußt, macht der Mensch zwischen der Welt und sich selbst eine fundamentale Trennung. Er macht aus der Welt ein Objekt, dessen Subjekt er selbst wäre ... Die Verwandtschaft von Mensch und Welt verschwindet. Der Mensch glaubt eine nunmehr entzauberte Welt zu beherrschen; in Wirklichkeit wird er selbst zum Sklaven der durchtechnisierten Welt.« (Alain de Benoist, a.a.O.). Erst wenn die egalitäre, christianomorphe, dualistische, universalistische und rationalistische Ideologie überwunden werden kann, wird der Mensch die brutale und blinde Kraft einer sich selbst überlasse neu Technik durch seinen eigenen Willen zur Macht, seine eigenen Geschichtsprojekte ersetzen können, die ihrerseits die Technik benutzen werden.“ (Ebd., 1988, S. 237).

„Der jüdisch-christliche und egalitäre Humanitarismus, der den hierarchischen Herrschaftsgedanken sowie den Machtbegriff ablehnt, führt paradoxerweise zu der schlimmsten Form, die diese beiden Realitäten annehmen können: Unterwerfung und Zerstörung des Menschen und seiner Umwelt (Konsumgesellschaft und sowjetische Gesellschaft) durch die unkontrollierte Macht der Technik, die man für »neutral« hält. Erst eine Weltanschauung, die die Legitimität des Willens-zur-Macht des Menschen (als Wesen-in-der-Welt) und der Völker anerkennt, wird die Technik beherrschen, sie als Instrument, und nicht als Selbstzweck historisieren können.“ (Ebd., 1988, S. 237-238).

„Untersuchen wir das Paradoxon weiter! Da die Technik nun entzaubert ist, da sie nun keine Poetisierung, keine Verwunderung verursacht, verwandelt sie sich in eine prosaische und dadurch blinde, zerstörende Softtechnik. Der Mensch »sieht« nicht mehr, nimmt die Technik, die nun Bestandteil seiner Welt ist (man denke an die technologischen Krücken und Prothesen wie den Fernseher, das Auto), nicht mehr distanziert wahr. Dadurch wird die Technik zu einer unkontrollierten Kraft der Unterjochung und der Zerstörung. Das geschieht, wenn der vom jüdisch-christlichen Geist geprägte Mensch die Technik nicht mehr »in ihrem Wesen« betrachtet, wenn er vergißt, daß er selbst ein historisches, mit Projekten ausgestattetes Subjekt ist. Das geschieht, wenn er »die Technik walten läßt« und durch diese naive Vertrauensseligkeit (typisch für den der jüdisch-christlichen Anschauung innewohnenden Liberalismus) sich selbst verurteilt, deren Sklave zu werden, und die Erde dazu verurteilt, verwüstet zu werden.“ (Ebd., 1988, S. 238).

„Der pessimistische Mensch des Paganismus – den es wieder einzusetzen gälte – weiß dagegen, daß die moderne Techno-Wissenschaft als Ausdruck der faustischen Seele äußerst riskiert ist; unter dem Blickwinkel der Gefahr und der Herausforderung, die der Mensch sich selbst stellte (die Technik und die Götter sind unser eigenes Bild, von uns und gegen uns projiziert) betrachtet, fordert die Technik dafür die Haltung des Willens zur Macht heraus. Der jüdisch-christliche Psychismus gibt sich seinerseits entweder einer optimistischen Gleichgültigkeit hinsichtlich der Natur der Technik, die er für neutral und ungefährlich hält, oder, wie der Protestant Jacques Ellul, einer Verurteilung dessen hin, was als »Übel« im biblischen Sinne wahrgenommen wird.“ (Ebd., 1988, S. 238).

„Die allzu kritischen Haltungen gegenüber der modernen Technik erscheinen allmählich dekadenzfördernd und demobilisierend. Unter dem Vorwand, uns von den Übeln der modernen Technik zu überzeugen, führen sie in Wirklichkeit dazu, die Europäer um die Macht einer Technik zu bringen, die – wir dürfen es nicht vergessen – ihnen kulturell eher gehört als jedem anderen Volk. Der antitechnische Diskurs zielt u. a. darauf ab, uns in rückschrittliche, folklorisierte Gesellschaften ohne Machtmittel zu verwandeln. Den US-Amerikanern und den Japanern soll die Technik gehören; den Europäern die Museen und die Folkloregruppen.“ (Ebd., 1988, S. 238).

„Vor der Technik dürfen wir nicht zurückweichen. Wir sind gezwungen, den Tiger zu reiten – nach Evolas bekanntem Ausspruch. »Wir müssen einfach ran gehen«, wie Julien Freund es formuliert. Die Inkubatoren, die Atomwaffe, die Eroberung des Weltraums, das Widernatürliche der Datenverarbeitung fordern uns heraus und bringen uns aus der Ruhe, in die eine zu literarische Kultur unsere Eliten versetzt hatte. Letztere sind im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht mehr grundsätzlich dazu berufen, über politische Abstraktionen zu dissertieren, sondern sich um Dinge zu kümmern, um riskierte und beklemmende Dinge, die problematisch sind: in absehbarer Zeit wird man Kinder, von der Empfängnis bis zur Entbindung, in Inkubatoren erzeugen können (**); man wird den genetischen Code unterbrechen und somit die Vererbung manipulieren können. (Dieser Text ist von 1988; heute ist das längst möglich!HB). Das alles erfordert Antworten, (Wahl-) Entscheidungen. Die Technik kompromittiert uns, fordert uns auf, auf die Herausforderungen zu antworten, die wir uns – durch sie – gestellt haben. Wegen mangelnden Willens sind die Eliten im Augenblick außerstande zu antworten und lassen die Lage verfaulen. Wenn wir – vor allem was die biogenetische Manipulation und die künstliche Befruchtung anbelangt – ohne Entwürfe und ohne Mut zum Wagnis ausharren, werden wir dem Zufall einer technologischen Revolution ausgeliefert sein, die, wie sie es übrigens immer tat, die Tabus einer jüdisch-christlichen Moral (die sich auf eine hypothetische Erhaltung der »natürlichen Ordnung« beruft) ohnehin brechen wird.“ (Ebd., 1988, S. 239).


„Inkubator: In-Vitro-Befruchtung von menschlichen Geschlechtszellen, mit Heranwachsen von der Konzeption bis zur »Geburt«. Dieses Stadium, das wir nach den jetzigen Erkenntnissen sehr bald auf Höhe der technischen Möglichkeit erreichen werden, wird die Menschengesellschaft vor ein gewaltiges Problem stellen, über das wir jetzt schon nachdenken müssen (»Desozialisierung« der geschlechtlichen Fortpflanzung der Gattung).“ (Ebd., Anmerkung 52).

„Wir müssen ins Spiel kommen, um unser Spiel überhaupt aufzuzwingen, d.h. diese Kraft und dieses Risiko, die der Technik innewohnen, annehmen und wollen, damit wir Herr über sie bleiben. Um aber in Erfahrungen zu bringen, ob die gegenwärtige Techno-Wissenschaft vom Wesen her mit jeglicher Form der kulturellen Identität, mit der Wiedergeburt einer Welt personalisierter Völker unvereinbar ist und ob sie mit der homogenisierenden Logik des planetarischen Okzidents eng zusammenhängt, müssen wir uns zunächst fragen, woher die Technik kommt.“ (Ebd., 1988, S. 239).

„Die Technik gehört zu dem, was im Menschen am menschlichsten ist, sofern der Mensch sich die Welt nur durch die Manipulationen vorstellt, denen er sie unterzieht (**|**|**|**|**). Wir erfassen die Welt als menschliche Well, nicht durch unsere Sinne, sondern grundsätzlich durch die Techniken, die wir entwickeln, um im Milieu zu leben und es zu beherrschen. Jede menschliche Weltanschauung ist in erster Linie eine technische Weltanschauung. Unser Verhältnis zur Materie ist nicht wie beim Tier streng biologisch; es wird vielmehr durch unsere Technik mediatisiert und ausgebaut, da sie, wie A. Gehlen es erkannte, der Ersatz für einen organischen Mangel ist, aufgrund dessen der Mensch das Milieu nicht unmittelbar erfassen kann.“ (Ebd., 1988, S. 239).

„Es ist demnach falsch zu behaupten, daß die Technik dem Symbolischen entgegenstehe und daß die »technische Welt« eine Welt reiner Stimuli und quantitativer Zeichen sei. Es ist vielmehr die Tierwelt selbst, die als Welt von Zeichen, als wirklichkeitsquantifizierende Welt bezeichnet werden kann, da die Verhaltensschemen der Tiere mechanisch sind und aufgrund der umweltlichen Stimuli streng programmiert sind. Indem die Technik beim Menschen ein Gitter zwischen Welt und Wahrnehmung schiebt, verwandelt sie das Reale (das für das Tier ein »Imperativ« ist) in einen Komplex von Möglichkeiten und macht aus einer Wirklichkeit an sich eine Wirklichkeit-für-den-Menschen. Eine von Symbolen beseelte Welt ist von daher möglich, da dank der Technik die Umwelt und die gesamte Realität für den Menschen zu Bereichen werden, wo Wahlentscheidungen und eigene Auffassungen am Werk sind.“ (Ebd., 1988, S. 240).

„Die Technik besitzt also eine Fähigkeit an sich, das Wirkliche zu poetisieren. Das bedeutet, daß die Kultur ihr Wesen in der Technik verwirklicht. Der stets riskierende europäische Mensch fand in seiner Technik die kulturellste aller Kulturen. Es ist kein Wunder, daß alle Völker an dieser Quelle trinken und sich berauschen wollten und daß aus der weltweiten Verbreitung dieser Hyper-Kultur ein Umkehrprozeß der Entkulturierung, des Sturzes in die weltweite Sub-Kultur hervorging. Was in der kulturellen Ordnung am höchsten entwickelt ist, wird nach der Beobachtung von Konrad Lorenz auch am ehesten von Rückentwicklung, von Destabilisierung im Chaos betroffen.“ (Ebd., 1988, S. 240).

Die Versuchung der Technophobie

„Letzterer Aspekt der Technik prägte die Sensibilitäten am meisten, vor allem seit der großen Welle der Antitechnik-Bewegung in den sechziger und siebziger Jahren, die von den USA ausging und von den christlichen Machtgruppen unterstützt wurde: die Technik hängt nicht nur mit der Sünde des »Hochmuts« (Motiv des Babylonischen Turms) zusammen, sie wurde auch im 20. Jahrhundert, sachlich betrachtet, gefährlich«. Trotz der Atombombe, die die Menschheit in Wirklichkeit kaum vernichten wird, hat die moderne Technik den Menschen keineswegs in einen Allzerstörer verwandelt. Der Mensch hat sich seit jeher als animal destructor aufgefaßt, wie die Tragödien des Äschylus (Aischylos) es dokumentieren.“ (Ebd., 1988, S. 240).

„Die Angst vor dem technischen Risiko ist eine Alterserscheinung des europäischen Menschen, der es entgegenzuwirken gilt. Es ist durchaus normal, daß man das technische Risiko erkennt, bestimmt und auffängt; es erscheint dagegen pathologisch, die moderne Technik und die ihr innewohnenden Risiken uneingeschränkt zu verurteilen, wie die antinuklearen Bewegungen es beispielsweise tun. Das Risiko ist übrigens nicht der Technik eigen; sofern diese als Abbild der menschlichen Tätigkeit im Grunde zum Leben (zur Biosphäre) gehört, reflektiert sie dessen Grundmerkmal, das auch alles, was im Kosmos existiert, kennzeichnet: das Aleatorische. Die Sonne kann explodieren oder ausgehen noch vor dem errechneten Zeitpunkt, die Erdrinde kann sich unter unseren Städten in wenig seismischen Gebieten öffnen, oder die Meteoriten können unsere Regionen bombardieren, ohne zuvor, wie allgemein üblich, in der höheren Atmosphäre verdampft worden zu sein, zu behaupten, daß die moderne Technik mörderisch sei, ist ebenfalls eine grobe Unwahrheit. Ganz im Gegenteil ermöglichte sie eine heute problematisch gewordene Vermehrung des Menschengeschlechts. Die industriellen Katastrophen sind äußerst selten und fordern gegenüber der klassischen Hungersnot in den landwirtschaftlichen Gesellschaften wenig Menschenleben. Die größte industrielle Katastrophe der Gegenwart, die in Zentralindien zwei- bis dreitausend Opfer forderte, wurde – vergessen wir es nicht – durch eine Düngerfabrik verursacht, die immerhin dazu beigetragen hatte, Hunderttausende von Menschenleben vor der Unterernährung zu bewahren. Was die militärische Technik anbelangt, sie ist verhältnismäßig weniger verheerend als die traditionellen Kriege (Rom verlor anläßlich der Schlacht bei Cannä80000 der 200000 männlichen Erwachsenen, die es damals zählte) und tötet rein rechnerisch viel weniger, als allgemein angenommen wird.“ (Ebd., 1988, S. 240-241).

„Hinter der Mythologie der »Technik-als-Terror« (der »Elektrofaschismus« der Atomkraftwerke), hinter der Ideologie der Antitechnik verbirgt sich nicht nur eine ländliche, bukologische Nostalgie, sondern muh einer der Drehpunkte des biblischen Denkens: durch die hoch entwickelte Technik beleidigt der europäische Mensch Gott; indem er »Natur vergewaltigt«, eignet er sich etwas an, was ihm nicht gehört. Gleich Adam beißt er in den Apfel vom Baum der Erkenntnis und der Macht. Adam war zwar zur Arbeit verurteilt worden; es wurde aber nicht vorgesehen, daß diese Arbeit, die eine Strafe sein sollte, in eine Aneignung der Welt münden würde, in das Gegenteil also einer Strafe. Diese Ablehnung der Technik (Herausforderung der Rationalität griechischen Ursprungs an die göttliche Vernunft) hat Max Horkheimer, einer der Haupttheoretiker der Frankfurter Schule und schärfsten Gegner der auf dem Willen zur Macht gründenden Weltanschauung, eingehend formuliert.“ (Ebd., 1988, S. 241).

„Die europäische Techno-Wissenschaft darf durch die biblische Anprangerung der »Dämonie gegen das Werk des Schöpfers« nicht gelähmt werden; wir dürfen aber auch nicht in das andere Extrem fallen, das einem umgestülpten Biblismus entspräche: die Technik als absolute Weltbeherrschung und -Unterwerfung auffassen und wollen, und zwar gemäß dem klassischen luziferischen Phantasma. Da wir eine heidnische Weltsicht vertreten, erscheint uns die Natur als »unser« Domän; der fortgeschrittenste Vorgang wird natürlich, und der Begriff des »Kunstgriffs« verblaßt.“ (Ebd., 1988, S. 241-242).

„Zu glauben, daß die Technik die Natur »beherrsche« und daß dies ihre eigentliche Bestimmung sei, heißt nach wie vor eine naive und rationalistische Auffassung der Technik vertreten, nämlich die eines Bacon oder eines Descartes. Mit der Technik beherrscht der Mensch die Natur nicht. Der Mensch erfindet die Technik vielmehr, weil die Natur ihn nach wie vor in ihrer Gewalt hat, weil er die Wirkungen dieser Herrschaft schwächen will. Das Tier dagegen wird von der Natur nicht beherrscht: im Gegenteil, es beherrscht die Natur, genauer gesagt, sein besonderes Ökosystem, den »Abschnitt der Natur«, wo es vollkommen eingeführt ist. Der nicht-spezialisierte Mensch, der in die Natur geworfen wird und ihrer Beherrschung ausgeliefert ist, setzt sich durch die Technik mit der Natur auseinander. In diesem Vorgang dürfen wir kein dämonisches, gegen das Leben gerichtetes Unternehmen sehen. Der technische Weg ist ein vitaler Weg in höchstem Grade – vom gleichen Wert und mit der gleichen Funktion wie die Magie, die wir als den ersten Versuch unserer Gattung, die Welt zu rationalisieren und auf sie einzuwirken, deuten können.“ (Ebd., 1988, S. 242).

„Die Vorstellung, wonach die moderne Technik von der Natur abgeschnitten und abgerückt wäre, bzw. sie als bloßes Veränderungs- und Zerstörungsobjekt betrachten würde, während die traditionellen Techniken mit der Natur »zusammengestimmt« hätten, scheint, so einnehmend sie auch sein mag, historisch falsch. Wahrscheinlich ist das Gegenteil zutreffend. Die Bauern z. B. waren wenig ehrfurchtsvoll vor dieser »Natur«, von der der prä-moderne Mensch übrigens wahrscheinlich keine eindeutige Vorstellung hatte. Die blinden und radikalen Veränderungen, denen die traditionelle Landwirtschaft die Umwelt unterzog, bezeugen es. Daß diese Veränderungen sich weniger auswirken als die der modernen Technik, die sich die Natur ja weltweit aneignet, ist lediglich eine Sache der Quantität, des technologischen Umfangs. Der traditionelle, präindustrielle Mensch faßte sich viel eher als Subjekt und Herr gegenüber einer Objekt-Natur auf.“ (Ebd., 1988, S. 242).

„Der moderne Mensch, der in einer städtisch-industriellen Welt lebt, glaubt paradoxerweise einer »Natur« näherzustehen, deren Begriff er gänzlich verloren hat und über die er in Entzückung gerät; er empfindet eine gewisse Schuld, die Natur zu objektivieren, zu beherrschen, sich von ihr zu trennen. Obwohl seine technischen Mittel stärker sind (und aus diesem Grund), bedauert der moderne Mensch diese Macht und glaubt, daß sie sich gegen ihn wenden wird (Spenglers Standpunkt); er sehnt sich nach jenen Zeiten, da die bescheidenen traditionellen Techniken – seiner Ansicht nach – die Menschen mit der Mutter Natur im »Einklang« ließen.“ (Ebd., 1988, S. 242-243).

„Wenn wir zu dieser Harmonie und zu diesem (zwischen Mensch und Kosmos durch die griechische techné eingesetzten) Gleichgewicht zurückfinden wollen, müssen wir, wie Heidegger es fordert, die instrumentalistische Auffassung der »Technik-als-Werkzeug« aufgeben (die die biblische und okzidentale Weltsicht prägt) und der Technik einen ontologischen Status zurückgeben: Wir müssen uns des metamorphischen Wesens der gegenwärtigen Techno-Wissenschaft, der wesentlichen Herausforderung, die sie uns stellt, bewußt werden.“ (Ebd., 1988, S. 243).

„ Wollen wir mit der Natur in »Einklang« bleiben, so dürfen wir sie nicht mehr auf fixistische Weise betrachten. Das Wesen selbst der Harmonie, ihre Bestimmung muß sich ändern, so wie sich die Technik und ihre Implikation geändert haben. Einst setzte die Harmonie mit der Natur einen Einklang mit dem voraus, was zu jener Zeit als »Natur« aufgefaßt wurde. Und gerade die Technik zwingt uns heute, unsere Vorstellung von der Natur, die nun auf die Masse-Energie, den kosmischen Raum und die allgemeine Relativität ausgedehnt ist, abzuändern.“ (Ebd., 1988, S. 243).

„In den europäischen Mentalitäten muß die dialektische Überwindung des Progressismus, des Ökonomismus und der westlichen Auffassung der Technik demnach ein Begriff werden. Diese Überwindung soll dazu verhelfen, auf einer anderen Ebene die Harmonie, deren sich die antiken und traditionellen Gesellschaften gegenüber »ihrer« Technik f (freuten, wiederzufinden. In diesem Sinne handelt es sich bei diesem qualitativen »Sprung« historischen Wesens, den die europäischen Völker mehrmals zu vollziehen hatten, um eine Verwandlung.“ (Ebd., 1988, S. 243).

„Wir werden somit nicht zu einem Rückschritt diesseits der Technik bewogen sein, nicht zu einer linearen Rückkehr in ein prätechnologisches Zeitalter, nicht zu einer Ausstoßung der industriellen Welt, die, ob wir es wollen oder nicht, zu unseren Werten gehört, sondern zu einer Oberwindung von oben der heutigen technomorphen Welt. Wir sind berufen, zu »Postprogressisten«, ja zu »Postmodernen« zu werden (bei allen Entwertungen, die letzterer Begriff durch falschen Gebrauch erfuhr). “ (Ebd., 1988, S. 243).

„Das am schwersten zu widerlegende Argument bei dem Zusammenstoß der modernen Technik mit der Identität der Völker betrifft die Planetarisierung der Lebens- und Produktionsweisen, zu der erstere verleitet.“ (Ebd., 1988, S. 243).

„Ein entscheidender Punkt, der sowohl die liberalen wie auch die marxistischen Analysen über das technoökonomische Wesen vom Unterbau der Zivilisationen (wobei letztere ideologischer Natur sind) entkräftet: der planetarische Charakter der modernen Technik ebenso wie der planetarische Charakter dieser Zivilisation leiten sich keineswegs von der Technik ab, die nach Ansicht mancher, insbesondere der Liberalen, in ihrem Wesen universalistisch sei; sie rühren vielmehr von einer Bewegung, von einem Impuls, die Erde zu beherrschen, her, der Europa im ausgehenden Mittelalter ergriff. Portugal wurde übrigens als erstes Land von diesem »planetarischen« Impuls erfaßt. Es sei nebenbei darauf hingewiesen, daß der christliche Universalismus und sein Bekehrungsgeist, auch wenn sie sich mit diesem Planetarismus hervorragend paarten, dennoch mit diesem nicht ineinanderfließen, denn er geht auf einen europäischen psychischen Grund zurück, der sich vom Christentum unterscheidet.“ (Ebd., 1988, S. 244).

„Diese Bewegung wendet sich also heute gegen uns. Ein zusätzlicher Grund dafür, daß wir uns die Technik wieder aneignen, damit der Widerspruch aufhört: von einer Erscheinung entkulturiert zu werden, die aus unserer eigenen Kultur hervorging und über deren Anwendung wir nicht mehr Herr sind. Wir sind nicht dazu berufen, eine andere Technik zu verwirklichen, sondern endlich die Technik in ihrem enthüllten Wesen.“ (Ebd., 1988, S. 244).

„Gerade weil sie in ihrem Wesen so genau und intensiv das ausdrückt, was der europäische Mensch ist (**|**|**|**|**), wurde er, als wenn ihn ein starkes Bild seiner selbst verblendet hätte, von dieser Technik zerstört und verrückt; und wiederum konnten andere Völker, etwa die Japaner, die sich von ihr mehr distanzierten, sie fernhalten und damit ihre Kultur bewahren. Warum wirkte sich die Technik überhaupt bei uns als kulturzerstörend aus? Weil wir zwischen der Technik und ihrer Welt und unserer übrigen Kultur keinen Unterschied zu machen, keine Trennung zu markieren wußten noch konnten. Und warum? Weil die moderne Technik eben aus unserer Kultur hervorging, weil sie der eigentliche Ausdruck unserer Psyche war.“ (Ebd., 1988, S. 244).

„Sie war es übrigens derart, daß sie gegen das Christentum und den Willen der Kirche auftrat, wie die Historik der antiwissenschaftlichen Zensur es dokumentiert. In dieser Hinsicht ist die moderne Technik vielleicht der Ausdruck unseres heidnischen Unbewußten (**|**|**|**|**): So wie ein zu heftiger Atemzug reinen Sauerstoffs den niederstrecken kann, der von der verdorbenen Luft vergiftet war, so waren die Europäer (die sich seit langer Zeit mit einer fremden Geistesart, dem Judäo-Christentum, mit kulturellen Verschmelzungen abfinden mußten) angesichts des jähen Aufbruchs der modernen Technik, d.h. des geläuterten Ausdrucks des Paganismus im 20. Jahrhundert möglicherweise nicht auf der Höhe.“ (Ebd., 1988, S. 244-245).

Die moderne Technik als zweite Magie

„Die moderne Technik birgt mindestens im gleichen Maße wie die frühere Technik Mythologie und ästhetische Mobilisierungskraft in sich. Michel Maffesoli spricht zu Recht vom »Zauber der Mikroprozessoren«.54 Die Luftfahrt, das Auto, die Weltraumforschung, die Informatik usw. haben ihre »Fans«; und dieser Fanatismus, moderne Version magischer Verzückungen, treibt das gesamte Volksunbewußte der tiefst verwurzelten europäischen Mythen. In der Darstellung der Science-fiction, des phantastischen, ganz mit hypertechnischen »Wunderwerken« durchströmten Realismus kommen heute – nicht zufällig – die Mythemen des alten Europa, vor allem das des Reichs, zum Ausdruck.“ (Ebd., 1988, S. 245).

„Der technische Gegenstand fungiert seit Jules Vernes als Kristallisierung des Imaginären und führt eine magische Mentalität wieder ein: die Welt der Roboter, der erforschenden Raumschiffe oder der Jagdbomber im Weltraum ebenso wie heute das Staunen der Jugendlichen angesichts einer Mirage 2000, das sich von der Piste sozusagen losreißt, tragen dazu bei, einen psychologischen Hintergrund wiederzuerwecken, den zu unterdrücken die vorherrschende Ideologie und das Christentum bemüht waren: faustischer Glaube an die abenteuerliche Macht des Menschen (Mythos des Erforschers), der sich bei aller Souveränität das Recht anmaßt, Wunder zu tun, d.h. den »Gesetzen« der Natur entgegenzuhandeln (fliegen, sich von der Schwerkraft der Erde loslösen, in die Weltmeere tauchen, den Tod aufschieben, die Synthese des Lebendigen realisieren u.s.w.).“ (Ebd., 1988, S. 245).

„Dem alten Ausspruch gemäß unterwirft man die Natur nur, wenn man ihr gehorcht, und in Wirklichkeit sind die »Wunder der Technik« nur die Anwendung natürlicher Kräfte; auf psychischer und ideologischer Miene sieht es aber anders aus: Der faustisch gewordene europäische Mensch überschreitet durch die Wissenschaft und die Technik, was alle Kulturen – das Judäo-Christentum (die »magische Kultur«; Anm. HB) inbegriffen – nicht zu verletzen wagten, nämlich die offenbare Ordnung der Natur. Und wir brauchen in diesem Zusammenhang die Verfahrensweise der griechischen techné nicht unbedingt zu betrauern (**)oder sie als authentisch zu erklären, wie Heideger es manchmal tut), die sich als »Produktion«, als »Wachsen-Lassen« verstand und Harmonie bzw. »Gehorsam« gegenüber der Natur pflegte. Das hieße sonst jene große Revolution des ausgehenden Mittelalters niedrig zu schätzen, die im deutsch-französisch-italienischen Bereich den faustischen Geist, den echten europäischen Geist aufkommen sah und die den europäischen Menschen dazu trieb, sich an der Natur zu »vergehen«, sie dem kategorischen Imperativ zu unterwerfen, für den Menschen zu produzieren. Alain de Benoist weist zu Recht darauf hin (**), daß eine solche Revolution natürlich ungeheuere Risiken nach sich zieht, insbesondere die Gefahr, den Menschen von der natürlichen Realität abzuscheiden und ihn in einen Roboter, ein künstliches, selbsterzeugtes Wesen zu verwandeln. Diese Risiken müssen aber getragen werden, und darin gründet die Größe der europäischen technischen Hochkultur. Die Risiken werden übrigens um so besser getragen, je mehr die Technik den sie kennzeichnenden Trieb zur Neuerung beibehält. Durch die ständige Des-Installation, die sie bewirkt, durch das Ausbleiben eines Endes, eines Schlußpunkts, das ihren Erfindungsprozeß kennzeichnet, durch die »Weltveränderungen«, die sie verursacht, vollzieht die technische Neuerung nämlich zwei Hauptbewegungen. Die erste ist die Aufrechterhaltung (oder Bereitstellung) einer Geschichtsauffassung, die der messianischen, eschatologischen des Judäo-Christentums und des Progressismus völlig entgegengesetzt ist. Letztere betrachten die Geschichte als Segment, das in ein seliges Ende mündet, zu einem glücklichen Schlußpunkt führt. Die chronologische Welt der technischen Neuerung (die »Zeit der Technik«) erscheint dagegen abenteuerlich und endlos, gleich dem kosmischen Raum oder dem Raum der Mikropartikel: unendlich. Demnach besteht ein Widerspruch zwischen der Zeitlichkeit der progressistischen und »technologischen« Ideologie (die übrigens das Nullwachstum sowie das Stillstehen der Wissenschaften in Betracht zieht, sobald die Erde industriell eine optimale Stufe einheitlichen Wohlstands erreicht haben wird) und der surhumanistischen Anschauung der Zeit und der Geschichte, die der europäischen Technik eigen ist. Der technologische Progressismus strebt das Ende der Geschichte an, wohingegen die techno-wissenschaftliche Neuerung implizit ihre endlose Fortsetzung meint.“ (Ebd., 1988, S. 245-246).


„Oder sie als authentischer zu erklären, wie Heidegger es manchmal tut.“ (Ebd., Anmerkung 55).

„Vgl. Alain de Benoist, Spengler, Marx, Heidegger, penser la technique, in: Nouvelle Ecole, Nr 42, Sommer 1985.“ (Ebd., Anmerkung 56).

„Die zweite Hauptbewegung ist weit davon entfernt, dem Vorgehen der griechischen techné zu widersprechen (was die »erste« moderne Technik, die der industriellen Revolution, in Wirklichkeit tat). Die zweite moderne Technik (Mikrophysik, Genetik, Astrophysik usw.) geht zu einer erneuten Koexistenz mit der Natur über, was Heidegger voraussieht (und Peter Sloterdijk »Homöotechnik« nennt; Anm. HB), auch wenn er es nicht deutlich ausspricht. Die heutige Techno-Wissenschaft entdeckt zunächst wieder, daß ihr Artifizialismus keine Trennung mit der Natur, kein »Ungehorsam« bedeutet, sondern eine Nachahmung, und zwar dank der »Vorwärtsbewegung« der Mikro- und Astrophysik: das Zyklotron gibt in der Sonne beobachtete Erscheinungen wieder, das Raumschiff – wie einst das Großschiff – setzt uns wieder in unmittelbare Beziehung zur »rohen Natur« des Kosmos, die Genetik deckt das bislang vom Glauben entstellte Reale des Lebens auf, die Radioelektronik konfrontiert uns mit einer neuen Dimension der Natur usw..“ (Ebd., 1988, S. 246).

„Die von Heidegger und weiteren Autoren, u.a. Spengler, Jünger, Ellul, vorgenommene Unterscheidung zwischen der »klassischen« Technik der nicht-industriellen Gesellschaften und der »modernen Technik« (wobei sie letzterer eine ungeheuere bzw. diabolische Macht zuerkennen, sie als »außergewöhnliche Tatsache« hinstellen) ist aber in Wirklichkeit nicht operativ. Der Unterschied zwischen klassischer und moderner Technik ist quantitativ, und nicht qualitativ. Wie Anthropologen und Ethologen (Adolf Portmann, Jacob von Uexküll und Konrad Lorenz) es vielfach hervorhoben, hat die Technik an sich nichts Antimenschliches, bei ihrem Unternehmen, die »Naturalität« zu domestizieren. Der Mensch war schon immer von dieser biologischen Anlage angeregt, sein Milieu zu beherrschen und es durch ein menschliches zu ersetzen. Es ist genau der gleiche geistige Prozeß, der einst den neolithischen Bauern dazu trieb, um die Lichtung herum zu roden, und der uns heute dazu bewegt, die gesamte Erde zu beherrschen. Aufgrund der begrenzten technologischen Mittel konnte man früher nicht »sehen« und wahrnehmen, daß sich die menschliche Technik mit ihrer ungeheuren Kraft auf das gesamte irdische Ökosystem bezog, während wir es heute erkennen müssen. Paradoxerweise und entgegen weitverbreiteter Vorurteile sind aber die jetzigen Inhaber der so mächtigen modernen Technik, geistig und gefühlsmäßig, viel mehr um die »Natur« bewegt und angesichts der (jeder Technik inhärenten) Zerstörungswerke viel zurückhaltender, als es die Zeitgenossen der präindustriellen Gesellschaft waren.“ (Ebd., 1988, S. 246-247).

„Die echte Verwandlung betrifft also nicht das technische Vorgehen an sich, sondern das Objekt, auf das sich nun die Herrschaft der Technik bezieht. In der ersten Phase betraf die technische Beherrschung nämlich den Menschen selbst und die Welt als wahrnehmbare Umwelt (Medizin, Landwirtschaft, Industrie, Newtonsche Naturwissenschaften). Seit der Quantenrevolution und der Formulierung der allgemeinen Relativität wagt sich die techno-wissenschaftliche Beherrschung der (astro- und mikrophysischen) Welt an die Masse-Energie heran. Der Gegenstand der Technik ist mit anderen Worten nicht mehr das wahrnehm- und begreifbare Milieu (vom menschlichen Körper bis zum Planeten), der Makrokosmos also, sondernder Mikrokosmos, d. h. die eigentliche Essenz der Materie und des unmittelbar nicht zu erfassenden Wirklichen. Es handelt sich um einen außerordentlichen Sprung, «leinen Folgen wir erst wahrzunehmen beginnen.“ (Ebd., 1988, S. 247).

„Unsere Schizophrenie wird aufhören, wir werden uns mit der Technik versöhnen, wenn wir endlich begreifen, daß sie nicht wie die Maschinen außerhalb unser steht, daß nur die Technologie, bloßes Anwendungsgeschick, außerhalb unser steht.“ (Ebd., 1988, S. 247-248).

„Zu behaupten, daß die Technik nicht außerhalb unser, nicht außerhalb unserer kulturellen Psyche steht, heißt einen riesigen Schritt bei der Erfassung dessen tun, was Heidegger als »Geheimnis ihres Wesens« bezeichnet. Das Wesen der Technik ist schon deshalb geheimnisvoll, weil dieses Wesen uns zu nah steht, als daß wir es richtig aufdecken könnten, weil dieses Wesen in uns ist, weil es aus uns hervorgeht, weil es gewissermaßen ,wir« ist, und das sicherlich seit Anbeginn des indoeuropäischen Abenteuers. Dazu ein Beispiel: Was die Technik u.v.a. kennzeichnet, ist – wie bereits erörtert – eine abenteuerliche Anschauung der Zeit als Aufbau des Willens, und nicht mehr als Wiederholungszyklus ewig hingenommener Traditionen. Aber diese Anschauung der Zeit (verirrt in der zusammengebrauten linear-eschatologischen christlichen Auffassung, die aber zunächst in Europa Gestalt nahm, wo die zyklische und traditionelle Auffassung am wenigsten befestigt war) war in den früheren europäischen Kulturen virtuell vorhanden, wie Dodds (**), Vernant und viele andere es nachgewiesen haben. Mit anderen Worten: die Technik wurde von einer latenten Weltanschauung geboren. Genauer gesagt, es ist nicht die Technik, die als plötzlich auftauchender Gegenstand »von außen her« unsere Weltanschauung verändert hätte, sondern es ist unsere (bereits prätechnische) Weltanschauung, die schließlich die »Technik« verursachte und sich in ihr verwirklichte. Wir Europäer haben schon immer die »moderne« Technik in uns getragen; möglicherweise, dies wäre aber der Gegenstand einer anderen Untersuchung, ist sie die Essenz unserer Kultur? (**|**|**|**|**|**). Unter diesen Bedingungen gebührt es uns, daß wir uns die Technik als Tradition wiederaneignen. Die Technik wäre dann die Aktualisierung einer Potentialität, die wir in uns tragen. Sie würde nicht mehr implizit als fremd und somit als kulturzerstörend wahrgenommen. “ (Ebd., 1988, S. 248).


„Der Verfasser weist nach, daß die sogenannte »moderne«, d.h. prospektive Technik sowie der »artifiziellistische Pragmatismus«, die wir unbedacht der industriellen Revolution zuschreiben, bei zahlreichen griechischen »Technikern« anzutreffen waren: Erbauer von militärischen Geräten, Architekten, Ingenieure u.s.w.. Gleichermaßen wurde um gewisse Großprojekte (voir allem um das öffentliche Bauwesen: Aquädukte, Festungen, Straßenbau, ballistische Rüctungen u.s.w.) die Synthese verwirklicht, die wir der modernen Technik anrechnen, und zwar zwischen dem theoretischen Projekt und der von ihm vorausgesetzten mathematischen Untersuchungen und der technologischen Verwirklichung, die im Hinblick auf ein konkretes Ziel und im Rahmen eines Etats programmiert wird.“ (Ebd., Anmerkung 57).

„Wir stellten z.B. eine auffallende Ähnlichkeit zwischen den »Dekorationswechseln« in der Kultur fest, zu denen die europäischen Künste führten (in allen Bereichen wechselten ständig neue Stile und Weltanschauungen ab, was in anderen Kulturen nicht [so sehr; Anm. HB] vorkam)und em gleichen Merkmal des »Schweifens« der ständigen Neuerung des strukturellen Mutationismus, das die Welt der modernen Technik hervorbringt.“ (Ebd., Anmerkung 58).

„Außer ihrer entkulturierenden Wirkung wird der Technik, insbesondere der modernen, häufig vorgehalten, daß sie die Völker in eine einebnende und vereinheitlichende Vermassung führen würde. In Wirklichkeit ist die Technik im wesentlichen eher inegalitär, da sie diejenigen selektiert, die ihren Herausforderungen entgegenzuwirken vermögen, von den anderen, die dazu nicht in der Lage sind. Hat sich übrigens nicht der Abstand zwischen den Nationen seit der »Technologisierung« der Zivilisation vergrößert? Die von der vorherrschenden Ideologie (die die Technik zu diesem Zweck benutzt) erzeugte Vermassung und Einebnung betrifft ausschließlich die soziologischen Lebensweisen innerhalb jeder Nation und wäre sogar ohne die Hilfe der modernen Technik, langsamer aber auch sicherer, eingetreten.“ (Ebd., 1988, S. 248).

„Die Technik ist sogar besonders inegalitär, sofern sie als die Frucht der menschlichen List gegen die Welt auftritt. Julien Freund zeigte auf, daß die List Ungleichheit erzeugt. Bei ihrer Indifferenz kann die Natur einebnen oder nicht; auf jeden Fall kann ihr Vorgehen nicht als inegalitär verstanden werden. In mancher Hinsicht kann man sogar behaupten, daß die Natur das Menschentum gleichmacht, da sie alle Menschen dazu führt, vor dem Tod gleich zu werden, da sie bemüht ist, alle durch die Technik geschaffenen Ungleichheiten abzuschaffen und als unbedeutend hinzustellen.“ (Ebd., 1988, S. 249).

„Die Technik, die sich als Pakt versteht, d.h. als menschliche Auflehnung gegen den Zufall, das Aleatorische und die Verblendung des Lehens, setzt an die Stelle der dem Menschentum innewohnenden Undifferenziertheit ein inegalitäres Projekt. Zunächst ließ es nicht zu, daß jene Gleichheit, die angesichts der Naturlaunen zwischen Tieren und Menschen vorherrschte, fortbestand. Eine zweite grundlegende Ungleichheit setzte ein, als die Menschengruppen, die über eine entwickelte Technik verfügten, denen überlegen wurden, die keine besaßen. Wenn man die Gefahren der Technik sowie ihre zerstörenden Folgen verurteilt, verwechselt man sehr häufig (gerade aufgrund dieser Deutung der Technik als der europäischen Kultur fremd und als Äußerlichkeil) die Wirkungen einer Ideologie mit der Technik. Der Technokosmus ist ein »System« (Maschinen, Wirtschaftsnetz und Verhaltensweisen), das aus der Technik, unseres Erachtens aber auf mißratene Weise, hervorging, während die Technik eigentlich eine Weltanschauung ist: eine Anschauung der Zeit und des Raums, der Struktur des Imaginären und des Sakralen (**|**|**|**|**). Dieser Annahme zufolge ist die Technik ein äußerst reichhaltiger Komplex, dessen Möglichkeiten wir noch nicht einmal mutmaßen. Die mißratene Anwendung der Technik durch die uns dem Christentum stammenden Ideologien (Rationalismus, Progressionismus) und den liberalkapitalistischen Westen hat die Technik nicht nur, wie oben dargelegt, neutralisiert und entzaubert, sondern »las geschah (unbewußt) auch so, weil die Technik virtuell und über alles »Poetisierung«, »Vergöttlichung« der Welt war: ein typischer Zug des Paganismus.“ (Ebd., 1988, S. 249).

„Inwiefern? Als Weltanschauung schließt die Technik in sich anscheinend nicht nur jenes forschende und abenteuerliche Verhalten, das nach der Auffassung von Lorenz die eigentliche «Spitze« vom Wesen der Natur darstellt, nicht nur jenen latenten Faustismus, der die Seele des europäischen Menschen ausdrückt, sondern auch eine irrationale und ästhetische Auffassung des Kosmos: zwei Aspekte, die das Judäo-Christentum ununterbrochen bekämpfte.“ (Ebd., 1988, S. 249).

„Die Technik ist nicht nur hierarchisierend, sie ist auch bezaubernd« – auch hier entgegen eines weitverbreiteten Vorurteils, wonach die Technik das verursacht hätte, was Max Weber die Entzauberung der Welt in der Neuzeit nannte. Die Technik ist entzaubert, und nicht Entzauberung in ihrem Wesen. Die Entzauberung der Welt, welche die Einförmigkeit, der Atheismus, die Vermassung und der Materialismus dieser Zivilisation zu erkennen geben, ist die Frucht einer Ideologie (des aus dem Christentum hervorgegangenen Egalitarismus), und nicht der Technik selbst.“ (Ebd., 1988, S. 249-250).

„Wenn es nach Heideggers Worten stimmt, daß der befahrene und vom Wasserkraftwerk verbaute Rhein nur noch der Rhein »für« die Technik ist und sein Geheimnis, seine Tiefe, seinen natürlichen« Zauber verliert (**), ist es nicht weniger einleuchtend, daß mit der modernen Technik die Natur und jener verlorene Zauber auf der Ebene des Kosmos und des unendlich Kleinen wieder anzutreffen sind. Die Natur erlangt dadurch eine neue Tiefe, und die Technik findet zu jenem »Enthüllungseffekt« zurück, der der griechischen techné eigen war. Die Natur verweist nicht mehr nur auf die Pflanzen und Hügel, die für unsere Vorfahren geheimnisvoll waren, und für uns weniger rätselhaft sind. Ihre Flucht nach vorn fortsetzend und ihr Geheimnis dabei noch mehr verdichtend, verweist sie nun auf die Welt der Elementarteilchen, die Masse-Energie und den Kosmos: eine neue Realität, die mindestens ebenso geheimnisvoll und unendlich wie die »unmittelbare« Natur erscheint, die sich unseren Vorfahren darbot.“ (Ebd., 1988, S. 250).


„Martin Heidegger, Die Frage nach der Technik, 1953. Wor können hinzufügen, daß die behauptung, wonach der vom Wasserkraftwerk »domestizierte« Fluß oder die durch den Bau eines Atomkraftwerks modifizierte »natürliche« Landschaft ihren ursprünglichen Zauber und ihr »Geheimnis« einbüßen würden, ein rein subjektiver Standpunkt bleibt, der mit einer keineswegs zu verallgemeinernden Sensibilität verbunden ist. Wir können ebensowohl die Ansicht vertreten, daß gleich dem einen Ort zur Geltung bringenden Denkma das Wasserkraftwerk oder die Zentrale ihre Umwelt poetisiert. Was die »Funktionalität« der technischen und industriellen Bauten betrifft, aufgrund deren sie »kalt«, seelenlos seien und im Gegensatz zur »Uneigennützigkeit« der präindustriellen Bauten stünden, muß man daran erinnern, daß diese Funktionalität ebenfalls und unter anderem in den militärischen Einrichtungen der Antike bis zum 20. Jahrhundert anzutreffen war.“ (Ebd., Anmerkung 59).

„Somit haben europäische Technik und Wissenschaft die Welt keineswegs entzaubert: sie haben diesen Zauber »weiter getrieben«; die unmittelbare irdische Natur wurde zur Umwelt, als sie von der Technik beherrscht und entpoetisiert (obwohl ... **) wurde, und eine neue Natur tauchte auf, durch die Bewegung der Wissenschaft und der Technik gewissermaßen entdeckt. Es ist die Natur der Astro- und Mikrophysik, die der Eroberung des Weltraums und der Masse-Energie, die jener »denkenden Partikeln«, von denen Jean Charon spricht. Es ist daher wichtig, zumal sich unsere Götter nun im Kosmos befinden, diese europäische techno-wissenschaftliche Kultur mit der Eroberung des Weltraums fortzusetzen, die für die Europäer ferner den Schlüssel zu ihrer strategischen und militärischen Unabhängigkeit bildet.“ (Ebd., 1988, S. 250).


„Weil die moderne Weltanschauung uns des symbolischen Denkens entwöhnt hat, entdecken wir in der technischen Welt keinen Zauber, keinen Symbolismus mehr. An und für sich ist diese Welt aber nicht die Ursache der »Entsymbolisierung« der Welt; im Gegenteil, die Welt der Technik regt vielleicht mehr als jede andere zum Symbol an.“ (Ebd., Anmerkung 60).

„Wir sollten nicht auf naive Weise versuchen, die »Nachteile der Technik« zu löschen, um nur deren »Vorteile« zu behalten – nach der dürftigen, arglosen Weise derjenigen, die die Technik »domestizieren« wollen, indem sie nur ihre »guten Seiten« behalten. Diese Sicht der Dinge geht auf einen biblischen und eudämonistischen Standpunkt zurück, der sich einbildet, daß man das »Gute« vom »Bösen« trennen könne, und der nicht begreift, daß die Technik eine organische Symbiose von positivem« und »Negativem« ist, die es dialektisch von oben zu überwinden gilt.“ (Ebd., 1988, S. 250).

„Durch die Herausforderungen, die sie enthält, ist die Technik übrigens historisierend: sie zwingt die Menschen, sie anzunehmen; sie spornt zur Flucht nach vorn an. Wir können sogar die Ansicht vertreten, daß ohne die Herausforderungen der modernen Technik die Geschichte und die Bewegung aus unserer Zivilisation völlig verschwunden wären. Was dem weltweiten Status quo, jenem von mehreren Autoren verurteilten »Ende der Geschichte« zugrunde liegt, ist die okzidentale Ideologie »selbst und ihre planetarisch materialistisch-vereinheitlichende Zielsetzung. Und die Technik fungiert zugleich als Beschleuniger dieser Uniformierung (durch Mittel, die sie liefert, z. B. auf dem Gebiet der Medien und der Kommunikation) und als Bremse dieses Prozesses, indem nie vor allem unerwartete (nukleare, biologische usw.) Fragen aufwirft, I ragen, die man mit einer Reinjektion von Politischem und Militärischem, von historischen Entscheidungen überwinden muß, und das in einer der faden Führung der Ökonomie geweihten Welt.“ (Ebd., 1988, S. 251).

Wohin mit der Technik?

„Es geht eigentlich weniger darum zu wissen, wie die Technik zu beherrschen sei, als zu erfragen, was aus der Technik gemacht werden soll. Eine angemessene Antwort auf diese Frage werden diejenigen, die das der Technik inhärente Risiko abschaffen wollen, nicht geben können. Da sie, wie bereits dargelegt, zur Ordnung des Lebens und der lebenswichtigen Herausforderungen gehört, kann die Technik nur dann fruchtbar sein, wenn sie uns in Gefahr – eine von allen akzeptierte Gefahr – bringt, sofern das Leben zu dessen Fortbestehen die Präsenz einer zu überwindenden Gefahr voraussetzt.“ (Ebd., 1988, S. 251).

„Darum sind die Gefahren der Genmanipulationen, der nuklearen Programme oder der Technologien massiver Produktion (in den Meeren oder auf dem Festland) unerläßliche Herausforderungen für unsere Existenz und selbst für unser geistiges Niveau. Man kann sogar die Anweht vertreten, daß wir – oft rückwirkend – von technischen Herausforderungen großen Ausmaßes stimuliert werden, die uns dazu verheilen, in der Geschichte zu bleiben. Die Herausforderung der Massekommunikationen beispielsweise ruft dafür identitäre Forderungen massenweise hervor. Wenn die mondialistischen und kosmopolitischen I ehren des Egalitarismus zu ihrer jetzigen Wirksamkeit gelangt wären, ohne daß es eine technologische Zivilisation gegeben hätte, wären sie paradoxerweise vielleicht noch wirksamer gewesen. Auch die heutige Amerikanisierung Europas ist dadurch, daß sie mit den gewaltigen Mitteln der Medientechnik und des Audiovisuellen erfolgt, sichtbarer, erkennbarer und empörender, ist damit leichter zu bekämpfen, als wenn es sich um eine Entkulturierung »ohne Technik« gehandelt hätte, wie es Völker in der Vergangenheit durch die langsamen, aber tiefgreifenden Mittel der Entzündung der kulturellen Kapillarität ( der kulturellen Gefäße) erleben konnten. Dementsprechend wird es eine Bewegung zur Entamerikanisierung Europas und zur Eroberung der Identität durch die technischen Mittel leichter haben, während sich die »Rekulturierung« in einer traditionellen Gesellschaft äußerst schwierig gestalten würde.“ (Ebd., 1988, S. 251-252).

„Um die Frage »Was tun mit der Technik?«  angemessen zu beantworten, müßte man zunächst den impliziten Gegensatz überwinden, der zwischen ihr und der Wissenschaft besteht, da nach Julien Freunds Untersuchung die Technik als »polytheistisch« sei, die Wissenschaft hingegen als »monotheistisch« wahrgenommen sei.“ (Ebd., 1988, S. 252).

„Die Wissenschaft gründet immer auf der Idee eines »universalen Naturgesetzes«, der Einmaligkeit der Endzwecke und einer Weltwahrheit, die prophetisch zu offenbaren ihr von der Ethik der Erkenntnis gestellter Auftrag sein soll. Die Auffassung der Wissenschaft wohnt dem Zeitgeist immer noch inne, auch wenn die Mikrophysik und die Relativitätstheorie sie theoretisch zermalmten, indem sie das Reale als mannigfaltig, aleatorisch und unfaßbar umdachte.“ (Ebd., 1988, S. 252).

„Die moderne Technik ihrerseits, die eigentlich bereits im ausgehenden Mittelalter mit den Fortschritten in der Schiffahrt zu entstehen beginnt, wird von der vielseitigen Symbolik des Meeres beherrscht. Das Schiff als erster Gegenstand der »modernen Technik«, das ab dem 14. Jahrhundert mit Ruder, Kompaß, Sextanten, der Technologie des hohen Segelwerks versehen wird, konkretisiert, was der Wikingische Schiffsbau bereits andeutete: der Mensch erhebt sich zum »Wesen des Meeres«. Er sticht allein in die feindselige See, sein Leben dem Schiff, d.h. dem technischen Artefakt, anvertrauend. Die Technik verwirklicht durch das Schiff – als Verkehrsmittel, Kampfinstrument, beweglicher Wohnort und Kunstwerk – ihr Wesen voll und ganz: Des-installation des der festländischen Geborgenheit entrissenen Menschen, um in das Risiko und in die poetisierte Welt des Abenteuers geworfen zu werden. Dieser die Technik kennzeichnenden Abschaffung der Sicherheit stellt die »Wissenschaft« die metaphysische Geborgenheit des Festlandes, Symbol des Schutzes und der Unbeweglichkeit, gegenüber. In der europäischen Seele führten diese beiden einander widersprechenden und ergänzenden Prinzipien der Wissenschaft und der Technik zu einer Dynamik zwischen zwei Polen: Verwurzelung / Desinstallation, Wissen / Artefakt, Versenkung / Abenteuer, Natürlichkeit / Künstlichkeit.“ (Ebd., 1988, S. 252).

„ Durch die hegemonische Präsenz der narzißtisch-egalitären Werte des Okzidents werden Wissenschaft und Technik heute leider von ihren Aufgaben und ihrem Wesen abgebracht. Es kommt vor, daß die häufig in ihrem Endzweck entstellte Technik die Wissenschaft beherrscht und die notwendige »Versenkung« abschafft (u. a. in Form der Merkantilisierung der Forschung).“ (Ebd., 1988, S. 252-253).

„Die Herausforderung, die einer neuen europäischen Kultur (einer »neoeuropäischen« Kultur) gestellt und zu einer Wieder-Bezauberung vom Bild des Ingenieurs führen würde, besteht darin, den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Technik zu überwinden und sie miteinander zu multiplizieren, anstatt sie einfach zu addieren, was ihre gegenseitige Entstellung bekräftigt. Wenn die Addition zur mechanischen Ordnung der meist zerstörenden Macht gehört, gehört die Multiplikation zur organischen Ordnung der zumeist konstruktiven Macht. Die Wissenschaft stellt das Eine dar, die Technik das Vielfache; und umgekehrt entdeckt die (moderne) Wissenschaft die Mannigfaltigkeit der Welt, und die Technik wendet ihre Entdeckungen auf die Einmaligkeit der Handlung an.“ (Ebd., 1988, S. 253).

„Nur Europa als Land der Mitte kann die Wissenschaft und die Technik miteinander multiplizieren und aus dem Technomorphismus und dem Merkantilismus des technologischen Westens herauskommen, indem es dieser Wissenschaft und dieser Technik zu ihrem Wesen verhilft, d.h. indem es sie in das verwandelt, wozu sie zu werden bestimmt sind: «he Instrumente des historischen Willens-zur-Macht, der polemischen Beherrschung des Milieus und der Wieder-Bezauberung unserer Welt. Wir Europäer sind nicht der Technik »verfallen« gleich Robotern, die von einem ziellosen Wirtschaftssystem gelenkt werden (wie das in den USA zutrifft); wir sind vielmehr dafür geschaffen, die Herren der Technik zu werden.“ (Ebd., 1988, S. 253).

„Die Frage »Was tun mit der Technik?« enthält einen zweiten Aspekt: den der Beziehungen zwischen Technik und Ökonomie. Es handelt sich um einen von den Philosophen der Technik meistens übersehenen, dennoch durchaus grundlegenden Bereich, da die Technik sich innerhalb eines Wirtschafts-Regimes: entfaltet und da besagtes Regime deren Äußerung verwandeln kann.“ (Ebd., 1988, S. 253).

„Sofern die Anwendung und die Organisation der Technik (die »technische Organisation der Technik« sozusagen) die Technik verdirbt und sie an ihrer Entfaltung als Äußerung der europäischen Identität hindert, müssen wir uns mit dem ökonomischen System befassen. Die Ökonomie ist es ja, die im Rahmen der gesellschaftlichen und historischen Ereignisse die Entwicklung der Technik seit über einem Jahrhundert bedingt. Das System des weltwirtschaftlichen Tausches (internationale Arbeitsteilung) trug nämlich dazu bei, die Produktion und den Verbrauch zu vereinheitlichen, eine einzige Form der Technik weltweit zu verbreiten, und zog zwei nachteilige Folgen nach sich: Verarmung der Technik selbst, die nunmehr auf ein einziges Industriemodell ausgerichtet und auf die Stufe der Konsumideologie herabgesetzt wird; Umwandlung dieser Technik in einen Faktor kultureller Homogenisierung und sozialen Materialismus.“ (Ebd., 1988, S. 253-254).

„Mit der Modellentwicklung autozentrierter, halbautarker Räume, die mit der Weltwirtschaft brechen würde, wären die Bedingungen erfüllt, um aus der Technik einen Faktor der Identitätsverstärkung, und nicht mehr der Entwurzelung zu machen (diese Lehre erfreut sich übrigens einer immer größeren Beliebtheit, vor allem in der Dritten Welt).“ (Ebd., 1988, S. 254).

„Wir haben an anderer Stelle dargelegt61, daß die autozentrierte Wirtschaft sogar bei einer Steigerung des jetzigen wissenschaftlichen Niveaus durchaus möglich ist, wenn sie auf Großräume wie Europa oder die arabische Welt angewendet würde. An die Stelle der gegenwärtigen Weltwirtschaft kämen techno-wirtschaftliche Makrokosmen. Die Technik würde aufhören, ein Faktor der Vereinheitlichung und der Entropie zu sein, da jedes Areal, jeder autozentrierte Raum imstande wäre, seine technische Welt zu entwickeln, die wiederum seine Identität, seine Spezifität, seine Souveränität verstärken würde. Nach der Einschätzung Francois Partants wäre ein solches Modell gegenüber der krebsartigen techno-ökonomischen Entwicklung nach okzidentaler Art von ungeheurem Vorteil: es könnte die Frage der Unterernährung und der ökonomischen Abhängigkeit der Dritten Welt lösen; es würde der Menschheit einen negentropischen (Vielzahl von staudenden kulturellen Systemen) und heterogenen Charakter zurückgeben; es würde die Kulturen in die Lage setzen, mit ihrer Technik, und nicht mehr wie heute gegen und trotz einer entwurzelten und universalen Technik zu leben. Jedes Volk könnte von der Medizin bis zur industriellen oder landwirtschaftlichen Produktion eine seiner eigenen Kultur entsprechende Technik wiederfinden. Die Gegner dieses Modells – Liberale und Marxisten – weisen es mit dem Argument zurück, daß die Nicht-Okzidentalen dazu unfähig seien – was Francois Partant widerlegt.“ (Ebd., 1988, S. 254).

„Was Europa betrifft, wäre es ebenfalls möglich, der Technik ihren vermassenden und entkulturierenden Charakter zu nehmen, kurzum sie zu ent-okzidentalisieren, indem sie »wieder-europäisiert« wird; das setzte eine Veränderung der Ideologie sowie eine Umorganisierung der wirtschaftlichen Produktion voraus. Es ginge darum, aus der Ökonomie der Konsumgesellschaft herauszukommen und das zu bewerkstelligen, was man als »organische Wirtschaft« bezeichnen könnte. Letztere würde die Technik nicht mehr vornehmlich auf den individuellen Verbrauch ausrichten, sondern auf die Produktion kollektiver Güter, die den historisch mobilisierenden Projekten der Souveränität untergeordnet würden. In dieser Perspektive müßte die Eroberung des Weltraums eine zentrale Rolle spielen.“ (Ebd., 1988, S. 254-255).

„Die »großen Entwürfe«, die »großen Projekte« zur Mobilisierung durch die Technik (Projekte, die Abenteuer, Aggressivität, Heroismus in sich tragen) wären nicht die einzigen Anwendungen der Technik in der antibürgerlichen Perspektive, die wir heraufbeschwören. Die Entwicklung regionaler und lokaler Ökonomien mit zweckentsprechenden Produktionen, die soziale und ethnische Wiedereinbettung der erzeugten Güter, die Lenkung der Forschung auf nicht-kommerzielle oder sozial mobilisierende oder noch wissenschaftlich abenteuerliche Tätigkeiten würden bestimmt dazu beitragen, sowohl die Technik zu re-poetisieren wie auch der europäischen Kultur zu deren Wiederaneignung tu verhelfen. Weniger Videogeräte, Waschpulver, Gadget-Autos, und mehr Magnetzüge, Inkubatoren, Forschungsprojekte. Es ginge darum, die Technik wieder zu veredeln, indem man die von ihr erforderte menschliche Energie von den Sektoren der Überkonsumierung individuellen Wohlstands auf den Endzweck der gemeinschaftlichen Mobilisation lenkt.“ (Ebd., 1988, S. 255).

„Die Frage »Was tun mit der Technik?« erfordert noch eine Antwort. Von unserem Standpunkt aus müssen wir – im Namen der Identität des Volkes, dem man angehört – das Abenteuer der Techno-Wissenschaft Im t setzen und erweitern, ins Unbekannte fortschreiten mit der Einstellung derjenigen, die sich Ende des 15. Jahrhunderts auf die Meere stürzten.“ (Ebd., 1988, S. 255).

„Als »ontologische Manipulation« (nach der Formulierung Jean Bruns, der es zu Unrecht bedauert63) ist die Technik demnach »das dunkle Bestreben, das menschliche Wesen aus den Fugen zu bringen, aus seinen Begrenzungen hervorzuholen, um es in ein Anderswo zu projizieren, »das weder zum Menschen noch zur Natur gehören würde« (Gilbert Hottois), das weder zum Menschen noch zur Natur gehören würde. Es gilt die Differenzierung zu überwinden, die im räumlich-zeitlichen Rahmen der Existenz herrscht, innerhalb derer der Mensch wegen seiner Einengung leidet. Hierin gründet die Größe der Techno-Wissenschaft: sie projiziert den Menschen nicht »außerhalb seiner selbst«, nicht »außerhalb der Natur«, sondern in das Mehr-Menschliche, in das von Nietzsche genannte Übermenschliche. Weit davon entfernt, ein Instrument zur Denaturierung des Menschen zu sein, bietet die Techno-Wissenschaft die Möglichkeit zu einer erneuten Besitzergreifung, zu einer Aufnaturierung des Menschen, da der Mensch unter einer »Beschränkung« leidet, wenn er an die Grenzen seines »natürlichen« Körpers und der primitiven räumlich-zeitlichen Wahrnehmungen stößt. Die Techno-Wissenschaft, über alle ihre – unausbleiblichen – Gefahren hinaus, ermöglicht dem menschlichen Verstand, seine Bestrebungen zu konkretisieren, diese Lücke auszufüllen, diese Schizophrenie zu überwinden, die zwischen unserer zeitlich-räumlichen Wahrnehmung und unserem Wunsch, unserem Traum, unserem Bedürfnis »weiterzugehen« entstanden ist.“ (Ebd., 1988, S. 255-256).

„Das Wesen der Technik steht somit dem Materialismus genau entgegen, da es einen in den Stand versetzt, der unmittelbaren räumlich-zeitlichen Umwelt zu entfliehen, die Energien zur sinnlichen Überschreitung, die in unserem Neocortex ungebraucht ruhen, freizusetzen. Arthur Koestler hat dieses Bedürfnis nach Selbstüberwindung genau erkannt.“ (Ebd., 1988, S. 256).

„Die Gefahr der Technik ist nicht die Gefahr, der sie den Menschen als solchen aussetzt, oder die evolutive Herausforderung, die sie ihm stellt, sondern die Gefahr, der sie die Identität der einzelnen Völker dann aussetzt, wenn sie der universalistischen Ideologie untersteht. Die Vermassung und die kulturelle Homogenisierung des Technokosmus müssen wir verurteilen, und nicht den von ihr beschrittenen Weg, die »menschliche Natur zu verändern« oder genauer gesagt die Gattung bzw. einen Teil von ihr einen (zugestandenermaßen gewagten) Sprung vollziehen zu lassen. Eine solche Überlegung muß dann in einen grundlegenden Wunsch münden, den Wunsch nämlich, den Heidegger halb äußerte und den Nietzsche vorfühlte.“ (Ebd., 1988, S. 256).

„Wenn sie ihrem metamorphischen Geist treu bleibt und die Logik der faustischen Seele erfaßt, kann die europäische Identität ihre Rettung in der Wahlentscheidung (für die europäische Kultur) finden, bis ans Ende der Technik zu gehen. Da virtuell nicht die »Geschichte«, sondern die Techno-Wissenschaft die Verlängerung der natürlichen Evolution ist, wäre es dann denkbar, daß die Europäer, sich hierbei von den anderen Völkern unterscheidend, die göttliche Kühnheit zeigen, die Technik – ihre Technik – zu benutzen, um eine steigende Selbstmodifizierung zu vollziehen, was Nietzsche metaphorisch als den Marsch zum Übermenschlichen bezeichnete? Von einer vereinheitlichenden, mondialisierenden Technik wäre dann nicht mehr die Rede, da sie dazu benutzt würde, die Abstände zu vergrößern, und nicht zu vermindern, zu dem Zwecke, eine neue Identität zu behaupten.“ (Ebd., 1988, S. 256).

„Sich auf die dem Menschen eigentümliche Plastizität stützend, legte Vance Packard dar, daß die Technik (indem sie dem Menschen zur Selbstmetamorphose verhelfe) die natürliche Evolution ablöse und dadurch zur tiefsten Naturalität des Menschen gehöre. Die gegenwärtige (und zukünftige) Techno-Wissenschaft ist keineswegs künstlich; sie ist möglicherweise das Natürlichste, genauer gesagt das Menschlichste, was der Mensch hervorgebracht haben wird. In der modernen Technik findet der Mensch seine Identität, oder hätte wenigstens die Möglichkeit, sie zu finden. Könnten wir sogar behaupten, daß die Technik das Wesen des Menschen ist (**|**|**|**|**) ?“ (Ebd., 1988, S. 256-257).

„Von der Ontogenese bis zum Tod, von Lebenserfahrungen (Freude, Angst) bis zu kollektiven Sozialerfahrungen können nämlich alle äußeren und inneren Dimensionen des Menschen von der modernen Technik manipuliert, verändert werden. Durch sie hat der Mensch keine »Eigentümlichkeit« mehr. Seine Plastizität wird vollständig: er kann sehr hoch aufsteigen oder sehr tief im Chaos untergehen. Daher vermehrt die Technik diese Plastizität, diese Formbarkeit, die dem Menschen eigen ist, macht ihn dabei noch gewagter, trägt zu seinem Unglück oder zu seinem Ruhm bei, ihn immer etwas mehr zu humanisieren. »Nach diesem Fazit, das den Jasperschen Begriff der Grenz-Situation verflüchtigt«, bemerkt G. Hottois, »was bleibt noch an Unantastbarem im Menschen übrig, was als Bezugspunkt und Maßstab für die Technik fungieren kann?« (Gilbert Hattois, a.a.O.).“ (Ebd., 1988, S. 257).

„Und an diesem Punkt treffen wir wieder auf den Begriff der Identität durch eine Problematik, die keiner unserer Zeitgenossen zu erörtern wagt, so stark wirkt sich das jüdisch-christliche Verdrängte auf die »Unveränderlichkeit« des Menschen aus, das ein Geschöpf Gottes sein soll, die sich selbst nicht mehr gehört und das aufgrund des fixistischen Dogmas zur Selbstentwicklung nicht berechtigt ist.“ (Ebd., 1988, S. 257).

Worum um handelt es sich? Um die Tatsache, daß die Völker, die die künftige Techno-Wissenschaft fest in die Hand nehmen, sich vor allem durch die Beherrschung der Genetik und der zugehörigen Wissenschaften die Möglichkeit zu einer Selbstmutation geben werden mit allen Gefahren, aber auch mit allen Möglichkeiten, die diese Wette bzw. Wildnis beinhaltet. Anstatt vereinheitlichend und einebnend zu sein, wird die Techno-Wissenschaft den Völkern, die sich ihr hinzugeben wagen, als das wichtigste Mittel erscheinen, ihre Verschiedenheit gegenüber den anderen zu behaupten und zu gestalten – wird gewissermaßen die differenzierende Logik der natürlichen Evolution ablösen (**).“ (Ebd., 1988, S. 257).


„Die Warnungen treffen zu spät ein: Die Selbstmutationen, die mit Hilfe der führenden Techno-Wissenschaft am Menschen selbst durchgeführt wurden, sind bereits - entweder partiell oder im Labor an Tieren - so gut wie abgeschlossen. Dazu drei Beispiele unter vielen anderen: Im Bereich der Aeronautik und der Astronautik ist die Integration des Piloten in seine Maschine so vollständig, daß man über das Übereinandergreifen der Bordelektronik (die die Sinne ersetzt) mit dem Gehirn des Piloten (das bald mit Dioden -auf dem Cortex -versehen sein wird) von interface Mensch-Maschine spricht. Das künftige Kampfflugzeug wird so gut wie kein Instrumentenbrett haben. Das Gehirn des Piloten, wo sich die Daten des Steuerns und des Schießens direkt eintragen werden, wird seine Aufgabe übernehmen. Es erübrigt sich beinahe hinzuzufügen, daß diese Art Neuerungen wahrscheinlich in den Bereich der zivilen und täglichen Anwendungen übergehen wird. Die EDV-Schirme und die unserer guten alten Fernseher werden wahrscheinlich eines Tages »Informationen« und »Sensationen« Platz machen, die wir unmittelbar auf unserem Cortex wahrnehmen werden. Diese Form der technologischen Anwendung stellt uns die Möglichkleit in Aussicht, die berühmten Cyborgs, aktive Mensch-Maschine-Synthesen zu bekommen, von denen man nicht recht weiß, ob es sich um biologische Computer oder um informatisierte lebende Materie handelt. Die Möglichkeit interspezifischer Verflechtung, die in der Tiergenetik bereits durchgeführt werden, werden sehr bald die Frage nach der Zulässigkeit ihrer Anwendungen auf das menschliche Genom aufwerfen. Die Forschungen sind in vollem Gang und schreiten rasch fort. Der Doktor Faust arbeitet, während die Politiker und die Ideologen über das Geschlecht der Engel debattieren ....“ (Ebd., Anmerkung 68).

Schlußwort

„Die drei großen Herausforderungen, die der europäischen Identität heute gestellt sind und ihren historischen Fortbestand in Frage stellen, heißen Vielrassenheit, Zerstörung der eigenen Kulturen und der Traditionen, Schock der technoökonomischen Zivilisation, des »Technokosmus«. Keine dieser Herausforderungen, die zugleich eine Drohung interner Auflösung und externer Homogenisierung darstellen, ist un-überwindbar.“ (Ebd., 1988, S. 258).

„Im Gegenteil: erst bei ihrer Überwindung werden die Europäer eine neue Ära ihrer Geschichte eröffnen. Die »metamorphischen« Völker, zu denen wir gehören, müssen nämlich immer den einen Widerspruch leben und ihm entsprechen: sich selbst treu zu bleiben, indem sie eine Mutation ihrer selbst, eine Selbstüberwindung vollziehen. Diese wird erst durch den Verzicht auf den jüdisch-christlichen, humanitaristischen und universalistischen Anteil unseres Erbes erfolgen. Es ist unseres Erachtens die unerläßliche Bedingung, daß wir mit jenem Nihilismus Schluß machen, mit jener Krankheit, die, wie Nietzsche es erkannte, ausschließlich den modernen Europäern eigen ist und aus der christlichen Geistesart hervorging.“ (Ebd., 1988, S. 258).

„Eine solche Selbst-Überwindung umfaßt genau, was derselbe Nietzsche »die Umwertung aller Werte« nannte. Paradoxerweise sind die Europäer versucht, sich durch den Austritt aus der Geschichte und den anthropologischen bzw. kulturellen Selbstmord abzuschaffen gerade zu dem Zeitpunkt, wo die heutige Techno-Wissenschaft, Produkt ihrer eigenen Kultur, ihnen die Mittel geben würde, einst unvorstellbare Bestrebungen zu verwirklichen.“ (Ebd., 1988, S. 258).

„Der europäische Nihilismus läßt sich mit äußeren und mechanischen Faktoren, mit dem Verallgemeinerungsprozeß, der zum Beispiel der technomodernen Zivilisation eigen wäre, nicht erklären, sondern mit geistigen und ideologischen Faktoren, besonders mit dem Umstand, daß der ... Egalitarismus des Judäo-Christentums heute sein Höchstmaß an Wirksamkeit erreicht und endlich gefruchtet hat, was nicht der Fall war, solange sich das Christentum nicht verweltlicht hatte: die Europäer dazu zu treiben, sich als Völker zu verleugnen und in einer einheitlichen »Menschheit« unterzugehen.“ (Ebd., 1988, S. 258).

„Wir werden uns eine kulturelle Persönlichkeit wiedergeben und die brandende Welle der amerikanisch-westlichen Infrastruktur stoppen, nicht etwa indem wir uns wehmütig in eine versteinerte Vergangenheit flüchten, sondern wenn wir aus allen Stücken eine neoeuropäische Kultur aufbauen. Wir haben dargelegt, daß der echte Traditionalismus dem reaktionären Vergangenheitskult entgegensteht. Es sind die Progressisten und die Bestatter der europäischen Spezifität, die uns in harmlose Einfältige verwandeln wollen und sich daher zugleich für die Mumifizierung, den Amerikanismus und die »Plurikulturalität« einsetzen.“ (Ebd., 1988, S. 258-259).

„Bei dem bejahenden Entwurf einer neoeuropäischen Kultur, die in einer ersten Phase lediglich als Überwindung der jetzigen Ordnung, als Loslösung von der gegenwärtigen Kultur, d.h. als Gegen-Kultur erscheinen kann, muß vor allem der Geist der europäischen Tradition beibehalten werden. Dieser in seinem Daseinsgrund heidnische Geist im »Sturmlauf«, wie es zum Beispiel das feudale Zeitalter, das italienische Quattrocento, der französische und deutsche Klassizismus, die deutsche Romantik oder die Unternehmung des Futurismus waren. Dieser Geist wird sich übrigens als Energie (En-ergie, d.h. »innere Arbeit«, »geistige Kraft, en-ergeion) behaupten können, wenn er an den Futurismus des beginnenden Jahrhunderts wiederanknüpft. Der verborgene Geist der europäischen Kultur, den man im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu zähmen, zu zensieren, zu neutralisieren versuchte, ist mit dem vollen Bewußtsein der göttlichen Ordnung zu trotzen und dem vollen Vertrauen in die eigenen Kräfte verwandt: das Menschliche vergöttlichen, das »Wunder« vom Bereich des Übernatürlichen in den des menschlichen Willens übertragen. Der faustische Geist der alten europäischen Kultur, die den jugendlichen Stempel des Phönix trägt, appelliert an die von Homer besungene Tugend: den Hochmut, den hohen Mut.“ (Ebd., 1988, S. 259).

„Und wenn heute – als Ersatz für die todkranken Religionen – ein »weiter Paganismus« zu definieren wäre, müßte man ihn sowohl in der Überwindung des »Glaubens an das Göttliche« wie auch in der Zurückweisung des Atheismus suchen, d.h. in der Behauptung einer Transzendenz innerhalb der Immanenz, in der Ersetzung des Göttlichen durch das Übermenschliche. Die Götter können in uns herunterkommen und wir, ihre neuen Herren, werden es sein, die sie rufen werden. Es kann auch sein, daß die hohe Figur des Ingenieurs eigentlich das ist, was den Appell formulieren wird.“ (Ebd., 1988, S. 259).

„Ein zweiter Paganismus, sollte er einmal zutage treten, wird wahrscheinlich über den Göttern das Pantheon der Demiurgen setzen. Der Mensch aus dem Mittelalter hatte es vielleicht geahnt. Seine Kathedralen sind nicht zur größten Ehre »Gottes« gebaut, wie die aus Vatikan II hervorgegangenen »modernistischen« Christen (die einzigen authentischen) es völlig begriffen haben, sondern wurden zur größten Ehre des Erbauers selbst errichtet, d.h. zur größten Ehre des erbauenden Volkes. Die Kathedrale rühmt nicht den Christen, der lediglich ein am Ende des Chors befindliches Symbol ist, sondern das Schiff, das souverän auf den leeren Himmel zustürmt, daß die Geste des Baumeisters symbolisiert. Die Reformen, beherrscht von den traurigen Figuren Luthers, Calvins sowie der »normalisierenden« Päpste, verfinsterten die große Lauterkeit des Mittelalters, so wie im 20. Jahrhundert die westliche Konsumgesellschaft und der technomorphe Ökologismus die große apollinische Sonne des Futurismus verfinstert haben.“ (Ebd., 1988, S. 259-260).

„Für den Augenblick aber, da wir noch nicht sehen, wie wir aus dieser tiefsten Tiefe der Nacht herauskommen können, da wir noch nicht wissen, ob wir das erreicht haben, was Nietzsche den Grund des Nihilismus nannte, da die Ära des Fisches immer noch mit dem Tod ringt, da wir zwischen Verzweiflung und Traum geschaukelt werden, da wir auf der tastenden Suche nach unserer eigenen Persönlichkeit, unseres Doubles sind, bleibt uns dennoch der neue Anblick von Völkern, die ihren Willen zur Macht zu behaupten und dadurch vielleicht unseren in der Zukunft anzuspornen wagen.“ (Ebd., 1988, S. 260).

„Die Europäer, die gegenüber der mehrrassischen Gesellschaft oder der westlichen Zivilisation ihre Identität wieder aufbauen wollen, sind nämlich mit denen solidarisch, die um ihre Indianität, ihre Negritüde oder ihren Arabismus kämpfen (wollen). Die Zeit ist vorbei, da man als »Imperialismus« und sogar – auf eine noch mehr skandalöse und diffamierende Weise – als »Rassismus« das Gebaren der Europäer bezeichnen konnte, die für ihren Boden, ihre Kultur und ihre Unabhängigkeit predigten. Heute, da neue Trennungslinien aufkommen, da der Unterschied zwischen der »Rechten« und der »Linken« verschwimmt, ist der echte Krieg der Werte und der Kulturentwürfe eröffnet worden – zwischen den Förderern des Menschheitsuntergangs (Apostel des humanitaristischen, egalitären, sowjetisch-amerikanischen Weltstaats, der vom bürgerlichen Materialismus des Wirtschaftskults und der Zugehörigkeitsauflösung beherrscht wird) und den Verfechtern der Identität, der Verwurzelung, kurzum der polemischen und staudenden Gattungsverschiedenheit, die im Grunde als einzige für die geistige Qualität der Gattung Homo bürgt. Indem wir Zeuge dieser europäischen Identität sind, indem wir in dem und für das Volk, dem wir angehören, Widerstand leisten, werden wir zum Schutz des Homo sapiens sapiens und der einigen hohen Werte beitragen, die er behaupten und dem gleichgültigen, blinden Fluß des Lebens aufzwingen konnte.“ (Ebd., 1988, S. 260).

Plädoyer gegen die Weltwirtschaft (Arthur Korsenz)

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

Zur Psycho-Biologie der Identität (Detlev Promp)

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

Bilanz eines siebenjährigen metapolitischen Kampfes (Pierre Krebs)

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

„“ (Ebd., 1988, S. ).

 

 

Zitate: Hubert Brune, 2001 (zuletzt aktualisiert: 2010).

WWW.HUBERT-BRUNE.DE
- Literaturverzeichnis -