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Wochenschau Tagesschau
Leben Christen/Ökos Geber - R.DemoKampfClash
Peter Sloterdijk
„Die nehmende Hand und die gebende Seite“

- „Rückblick auf eine verzerrte Diskussion“ -
- „Der nehmende Staat“ -
- „Die neuen sozialen Fragen“ -
- „Unterwegs zu einer Ethik des Gebens“ -

- „Die ganze Welt schien reif für die Sozialdemokratie“ -
- „Kapitalismus ist ein janusköpfiger Prozeß“ -
- „Wir leben in einer Frivolitätsepoche“ -
- „Unruhe im Kristallpalast“ -
- „Verschwendung für alle“ -
- „Kapitalismus und Kleptokratie“ -
- „Tragische Sozialdemokratie“ -
- „Eingeweide des Zeitgeistes“ -
- „Ansichten der Finanzkrise“ -
- „Von Zauberern und Philantropen“ -
- „Worauf beruht der Steuerstaat?“ -
- „Steuern sind das zentrale moralische Phänomen unserer Zivilisitaion“ -
- „Dankesschreiben vom Finanzamt“ -
- „Letzte Ausfahrt Empörung“ -

Ente will nach obenDer nehmende Staat

„Auf den ersten Blick erscheint im Verhältnis zwischen den Staaten und ihren Gesellschaften nichts so normal wie die Tatsache, daß sich die öffentliche Hand am produktiven wie am konsumtiven »Leben« der Gesellschaft durch alle Arten von Steuererhebung und Abgabenerzwingung »beteiligt«. Der Steuerstaat ist eine Instanz, die praktisch bei allen Geschäften seiner Bürger als nehmende Partei im Spiel ist. Er bildet die Idealbesetzung für die Rolle des unsichtbaren Dritten bei jedem bilateralen Tausch. In Gemeinwesen des in Europa heute dominierenden Typs wird kaum irgendwo ein Tag bezahlter Arbeit geleistet, ohne daß der Fiskus auf seinem Vorrecht besteht, den Ertrag derselben mit einer Steuer zu belasten. Auch der Konsum wird punktgenau erfaßt. Es wird keine Zigarette geraucht, ohne daß der Finanzminister aus dem grauen Dunst seinen Vorteil herausliest, es wird kein Glas Wein getrunken, ohne daß der Fiskus mit angeheitert würde. Es wird von »Menschen unterwegs«, man sagt auch: von Mobilitätskonsumenten in eigenen Fahrzeugen, kein Kilometer zurückgelegt, ohne daß die staatliche Seite dabei das Ihre kräftig geltend macht. Man kann keine Suppe auswärts essen und keine Nacht in einem Hotel verbringen, ohne daß der Fiskus seine Hand auf die Rechnungen legt. In früheren Zeiten nahm der französische Fiskus die Zahl der Fenster an Häusern zum Vorwand, um den Ausblick mit einer Steuer zu belegen, er zählte die Kamine an einem Gebäude, um von ihrer Anzahl die Höhe der Abgabe für das menschliche Wärmebedürfnis abzuleiten. Die preußische Staatsweisheit ersann die Mahl- und Schlachtsteuern (die bis 1873 erhoben wurden), um überall den Fiskus mit zu Tisch zu bitten, wo Bürger Brot und Fleisch verzehrten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 12-13).

„An Begründungen für den Steuerzwang hat es nie gefehlt - von alters her führten die Schatzverwalter jedes nur denkbare Argument ins Feld - vom Willen der Götter bis zur Not des Vaterlandes. Unsere Gewöhnung an die Zumutung, an die immer durchschlagend bewiesenen staatseigenen Wahrheiten zu glauben, reicht bis in alte Schichten unseres Daseins als politische Wesen. Fiskalische Unterwerfungsübungen gehen bis auf frühe Staatsbildungen zurück, und die Resignation der Geber reicht tief, trotz gelegentlicher Rebellionen (»No taxation without representation!«). Auch die gegenwärtigen Zustände fügen sich in das Kontinuum der widerspenstigen Ergebung ins fiskalische Schicksal ein. Schwerlich läßt sich ein Tatbestand des zeitgenössischen Lebens benennen, der so hintergrundwirksam wäre wie die konfuse Überzeugung: daß es dem Staat eben irgendwie zukommt, bei allen Vorgängen unseres ökonomischen und vitalen »Stoffwechsels« auf seine Weise mit im Spiel zu sein - und im Spiel sein, das heißt hier: eine Prä. mie auf alles nehmenHätte der Gedanke, die Gewährung von Bürgerrechten sei gegen die Erfüllung von Bürgerpflichten aufzurechnen, je einer Illustration bedurft, sie würde durch den Hinweis auf die aktuelle Steuerlast der einzelnen, der Haushalte, der Betriebe und der Körperschaften geliefert. Seit langem wird diese Bürde wie eine natürliche Gegebenheit hingenommen; nur libertäre Querulanten mukken hin und wieder gegen das fiskalische Fatum auf. Damit wir uns recht verstehen: Es steht außer Frage, daß der Staat, der autoritäre wie der freiheitliche, eine hinreichend gefüllte Schatztruhe braucht, um seinen Aufgaben nachkommen zu können. Er wird an so vielen Fronten zum Tätigwerden berufen: als Befehlshaber einer Streitmacht, als Bürge für die Sicherheit seiner Schutzbefohlenen im Inneren, als Organisator von Infrastrukturen, als oberster Präfekt des Schulwesens, als Schutzherr des Rechtssystems, als Wächter über die Orthographie sowie als Dienstherr zahlloser sonstiger Ordnungsfunktionen - nicht zuletzt als Garant seines Engagements für die Benachteiligten und Schwachen -, so daß kein Bürger sich der Einsicht entziehen kann, er müsse seine Taschen für den schwer beanspruchten großen Bruder öffnen. Zur Fülle der Aufgaben kommt hinzu, daß der Staat als Kommandeur eines stehenden Heeres eigener Bediensteter auf dem Posten sein muß. Mit gut viereinhalb Millionen Beschäftigten ist der Öffentliche Dienst hierzulande der lebende Beweis dafür, daß der Staat bei der Schaffung von Arbeitsplätzen im eigenen Hoheitsgebiet geradezu kreativ zu werden vermag. Man kann dem heutigen Staat alles mögliche vorwerfen, nur das eine nicht: daß er die Seinen vergäße.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 13).

„Adolph Wagner hat bereits um 1860 die Aufblähung des Öffentliches Dienstes durch den Parallelismus zwischen dem »Gesetz der Ausdehnung der Staatstätigkeit« und dem »Gesetz der wachsenden Ausdehnung des öffentlichen Finanzbedarfs« (»Wagnersches Gesetz«) prophezeit. Selbst dieser hellsichtige Gelehrte konnte das Wachstum der Staatsausgaben von 1876 bis heute um das mehr als 50fache ebenso wenig vorhersehen wie den Anstieg des Anteils der Staatausgaben am Volkseinkommen von 12,6% im Jahr 1881 auf 53,3% im Jahr 1994. (**|**|**).“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 13-14).


Der nehmende Staat

„Bei der Nahme von Gütern, die in den Fiskus neuzeitlicher Staatswesen fließen können, sind prinzipiell vier verschiedene Modi der Aneignung und ebenso viele Optionen zur Begründung des Nehmens seitens der staatlichen Agenturen in Ansatz zu bringen. Sind diese explizit benannt, kann man sich ein Urteil darüber bilden, welche von ihnen für ein demokratisches Gemeinwesen akzeptabel sind.
(1) An erster Stelle sind die »Plünderungen« in kriegerisch - beutemacherischer Tradition zu nennen. ....
(2) Der zweite Modus der Beschaffung und Begründung von Staatseinnnahmen ergibt sich aus der autoritär-absolutistischen Tradition der »Auflagen«. Auf sie geht der größte Teil der aktuellen Steuerkultur zurück. .... Bekanntlich hatte die Fiskalität des absolutistischen Staats das Bürgertum und die ärmeren Schichten der Bevölkerung gewohnheitsmäßig stark zur Kasse gebeten, indessen die Vermögen von Adel und Klerus über lange Zeit kaum angetastet wurden. Für die Moderne ist charakteristisch, daß die Wohlhabenden in puncto Steueraktivität an die Spitze rückten. .... Um die Prozeduren der zeitgenössischen Fiskalität zu würdigen, ist daran zu erinnern, daß sie noch immer in direkter Kontinuität aus den absolutistischen Traditionen hervorgehen. ....
(3) Das dritte Verfahren zur Beschaffung und Begründung von Steuern stützt sich im modernen Gemeinwesen auf das Motiv der »Gegenenteignung«, das bis in die jüngere Zeit der sozialistischen und linksradikalen Auffassungen von der Rolle des Fiskus in der kapitalistischen Gesellschaft prägend war. Der Vorstellung der »Gegenenteignung« liegt die bekannte Devise von der »Enteignung der Enteigner« zugrunde, mit welcher die Linke des 19. Jahrhunderts bis weit ins bürgerliche Lager hinein Sympathien erwarb. .... Weist man für die Gegenwart das vergilbte Dogma der Exproproation der Werktätigen durch die Arbeitgeberseite zurück, ist der gängigen Steuerbegründung sozialistischen Stils der Boden entzogen. Der Mythos vom Diebstahl der Reichen an den Armen und vom moralisch legitimen Gegendiebstahl des sozial engagierten Staats zugunsten der Benachteiligten hält in unseren Breiten und unter heutigen Umständen der Überprüfung nicht stand (falls er je dazu taugte, das angeblich systembestimmende Verhältnis von Kapital und Arbeit zu deuten. Angeblich deswegen, weil in der modernen Eigentumswirtschaft, die man konventionell und oft irreführend »Kapitalismus« nennt, die wirkliche Primärrelation, die das Wirtschaftsleben dynamisiert, nicht der symbiotische Antagonismus von Kapital und Arbeit ist, sondern der von Gläubigern und Schuldnern.) ....
(4) Der vierte Weg zur Beschaffung und Begründung von Einnahmen der öffentlichen Hand wird durch die Tätigkeit von Spendern und Stiftern in philantropischer Tradition eröffnet. Die moderne Philanthropie fließt aus der christlichen, humanistischen, solidarischen und volksmoralischen Überzeugung, daß es den Habenden gut ansteht, den Nicht-Habenden und den Organisationen ihrer Helfer - bis hinauf zur Steuerkasse - einen angemessenen, also nicht unbedeutenden Teil ihrer Überschüsse abzutreten: sei es aufgrund des Solidaritätsgefühls, das Erfolgreiche an den Schicksalen der weniger Glücklichen Anteil nehmen läßt, sei es aufgrund des schlechten Gewissens, das oft als moralischer Schatten auf das Leben der Bevorzugten fällt.
Das aktuelle Fiskalsystem läßt sich nur als ein Amalgam aus dem zweiten (siehe 2 **) und dritten (siehe 3 **) Modus der der Steuerrechtfertigung verstehen. Bei dieser Betrachtung springt die profunde innere Widersprüchlichkeit dieses Konstrukts ins Auge: Zur einen Hälfte ist es nach wie vor autoritär-obrigkeitlich bestimmt und in der Auflagen-Praxis vordemokratischer Staatswesen verankert - was sich nicht zuletzt in der Kontinuität der Finanzverwaltungen vom Spätabsolutismus bis heute zeigt. In seiner anderen Hälfte stützt es sich weiterhin auf die Gegenenteignungslogik des sozialistischen Umverteilungsdenkens, das es irgendwie geschafft hat, sich mit den Versprechen der sozialen Marktwirtschaft zu verbinden - was nicht allzusehr verwundert, wenn man zur Kenntnis nimmt, daß »soziale Marktwirtschaft« von Anfang an ein Deckname war für den mischwirtschaftlichen Semi-Sozialismus der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg unter christlich- Konservativer Bemäntelung. Bei ihrer Fusion erzeugen die beiden Komplexe einen Block, der für die gebende Seite keine andere Option als die Unterwerfung übrig läßt. Die Widersprüchlichkeit zwischen der spät - absolutistischen und der semi-sozialistischen Steuermotivierung wird durch den Umstand verdeckt, daß beide dank ihrer gemeinsamen demokratiefernen Vision von der Rolle der Staatlichkeit aufeinander zugehen können. De facto kommen sie sich bis zur Verwechselbarkeit der Standpunkte nahe: Hier die alt-etatistische Konzeption des Staats als einer wohltätigen Ordnungsmacht, die sich selbst Autorität zubilligt, indem sie vorgibt, von oben eingesetzt zu sein; dort die neu-etatistische Konzeption des Staats als einer moralisch autorisierten Agentur der umfassenden sozialen Fürsorge. In psychopolitischen Ausdrücken gesprochen: Der paternalistische Staat von einst und der maternalistische Staat von heute verstehen sich blind und ergänzen sich zu einer unwiderstehlichen Bevormundungs- und Betreuungsmaschine.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 17-23).

„Im Steuersystem der modernen Staaten (einige Kantone der schweizerischen Urdemokratie vielleicht ausgenommen) überlebt unbemerkt der Absolutismus. Vom Ohr der Steuerbehörden ist der Satz, wonach ale Gewalt vom Volke ausgeht, nie gehört worden. Die okkulte Wahrheit des herrschenden Finanzsystems lautet vielmehr: Alle Gewalt geht vom Fiskus aus Weil souverän ist, wer über die Zwangsvollstreckung entscheidet - also über den Ernstfall der Steuerschuld gegenüber dem Staat (als ob es die gäbe! Wer »Schuld« sagt, will betrügen, stehlen! HB) -, ist der Fiskus der wahre Souverän der modernen Gesllschaft. Begriffe wie »Volkssouveränität« oder »Bürgermacht« sind in dieser Sphäre bisher nicht eingedrungen. Sogar die Idee einer nachträglichen Kontrolle des Fiskus durch den Bürger steht nach wie vor auf schwachen Füßen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 24-25).

„Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler beträgt die Summe der verschwendeten öffentlichen Gelder in Deutschland nicht weniger als 30 Milliarden Euro pro Jahr, was rund einem Zehntel des Bundehaushalts entspricht.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 25).

„Die De-Automatisierung des fiskalischen Abläufe würde die Zurückdrängung des zweiten (**) und dritten (**) Modus vor Steuermotivierung nach sich ziehen und unvermeidlich den vierten (**) Modus stärken. Nur sie würde aus dem fiskalischen Mittelalter herausführen, in dem wir in quasi ungebrochener Kontinuität leben. Allein sie könnte das mental ebenfalls »mittelalterliche« Phänomen der Steuerflucht eindämmen, die ja nichts anderes besagt, als daß zahlreiche Wohlhabende sich noch immer für Adlige halten, die nicht einsehen, warum ausgerechnet sie für das Gemeinwesen etwas (etwas? HB) erübrigen sollten - über die Wohltat ihrer bloßen Gegenwart hinaus. Die im Januar und Februar 2010 bekanntgewordenen Vorgänge um den illegalen Handel der BRD-Behören mit gestohlenen Daten über Stuerflüchtlinge und ihre ausländischen Konten lassen erkennen, wie sich ein strukturell absolutistischer Fiskus mit einer mental mittelalterlich gebliebenen Kaste von Besitzenden konfrontiert sieht. Die großen Steuerhinterzieher und Steuerflüchtlinge bringen durch ihr Verhalten zum Ausdruck, daß sie nicht verstanden haben, auf welcher Geschäftsgrundlage sie dem nationalen (nicht nationalen, sondern sozialistischen! HB) Gemeinwesen sechs-, sieben- und achtstellige Euro-Beiträge »schulden« könnten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 26).

„Von der Geste des Spenders läßt sich ohne großen Aufwand zeigen, daß sie die einzige Form von Zuwendung an den Staat ist, die einer sich selbst ernst nehmenden Bürgergesellschaft zu Gesicht steht.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 27).

„Der Neuordnung des fiskalischen Geschehens wird sich nur widersetzen, wer von vornherein auf eine stichhaltige Steuerbegründung verzichtet. Einen solchen Verzicht leistet ohne Skrupel, wer offen für die vorgeblich gutartige Despotie des leviathanischen Wohlfahrtsstaats eintritt, erst recht, wer in der paranoischen Tradition des Marxismus die rechtsstaatlichen Verfassungen als bloße freiheitlich getarnte Herrschaftsappartae des kapitalbesitzenden »Klasse« zu durchschauen meint. Im letzteren Fall wäre es nur konsequent, sich ganz auf die Intensivierung des dritten (**) Modus von Steuerbegündung zu konzentrieren und bedingungslos auf die Karte »Enteignung der Enteigner« zu setzen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 27).

„Wahrschienlich würden heute schon sehr bescheidene Kompromißmodelle dramatische Veränderungen amgebenden Verhalten der Bürger hervorrufen. Kleine Änderungen des Steuerrechts könnten den moralischen Tonus des Gemeinwesens entscheidend modifizieren .... Um es noch einmal zu sagen: Es geht nicht um Steuersenkungen für geizige Wohlhabende, die dem Gemeinwohl den Rücken gekehrt haben, sondern um die ethische Intensivierung und Verlebendigung von Stueren als Gaben des Bürgers an das Gemeinwesen. Ohne Zweifel würde diese an erster Stelle dem Bildungswesen zugutekommen, zu dessen Prorität sich Politiker aller Parteien an Sonntagen gern bekennen - um es an Werktagen mit seinen chronischen Defiziten allein zu lassen. Die zum gezielten Geben befreiten Bürger würden die nötigen Investitionen in die Bildung als die Zukunftsgarantin des Gemeinwesens auf keinen Fall versäumen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 29).

„Was die psychopolitischen Wirkungen einer solchen anscheinend bloß semantischen Änderung des Steuerbegriffs angeht, wären sie kaum zu überschätzen. Zahllose Bürger würden die Schönheit des Gebens neu für sich entdecken - in der direkten Zuwendung zu den Bildungsaufgaben ebenso wie zu vielen anderen ihrem Verständnis nach einleuchtenden Motiven wie dem Umweltschutz, der medizinischen Forschung, der Stadtentwicklung, dem Tierschutz und einer Vielzahl anderer Engagements. Nach einer langen Ära erzwungener Passivität würden die endlich als Geber anerkannten wirklichen Finanzierer des Gemeinwesens wieder erfahren, was lebendiges Verantwortlichsein für innerlich mit vollzogene, durch eigene Spenden persönlich »besetzte« Projekte bedeutet. Die neuen Geber würden begreifen, was es für eine moralische und politische Absurdität ist, wenn das Steuernzahlen, der Sache nach die intensivste Zuwendung des Bürgers zu seinem Staat, dem Verfahren nach sein passivstes, ohnmächtigstes und wÜrdelosestes Moment darstellt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 30).


Die neuen sozialen Fragen

„Es gibt sie also, die neue soziale Frage - der eingangs erwähnte Gemeinplatz hat eine Grundlage in der Sache. Wie bei den übrigen Gemeinplätzen ist aber auch bei diesem zu bemerken, daß er durch seine allzu glatte Evidenz das Nachdenken eher paralysiert als anregt. In Wahrheit haben wir es nicht bloß mit der einen sozialen Frage zu tun, die heute das Mediengespräch dominiert: Wie konnte es kommen, daß mitten in der» Überflußgesellschaft« umJohn Kenneth Galbraiths ominösen Ausdruck aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufzugreifen - eine wachsende Schicht von Ausgemusterten, Prekären und »Überflüssigen« entstand - und was ließe sich tun, um deren Desintegration zu mildern? Gleichzeitig mit dem neuen Unterschichtproblem, das den größten Teil der politischen Aufmerksamkeit bindet, ist eine zweite soziale Frage aufgetaucht, von der man annehmen darf, daß sie demnächst die erste an Explosivität übertreffen wird. Nennen wir sie provisorisch: das Phänomen der erodierenden Mitte (alternativ: die Entfremdung zwischen den Staatsbürgern und dem politischen System). Die Unheimlichkeit dieser Entwicklung verrät sich darin, daß sie keineswegs allein den glücklosen unteren Rand der Gesellschaft betrifft, sondern ihren Kern und ihre aktive Mehrheit.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 30-31).

„Die zweite soziale Frage ist weniger leicht auf den Begriff zu bringen als die erste, da sie sich unter sehr verschiedenen Titeln vorstellt. Einige Kommentatoren sprechen vom Verschwinden des Bürgertums, andere von der Desertion der Eliten, wieder andere von der Verstimmung der Leistungsträger. Häufig ist auch von wachsender Staatsverdrossenheit in weiten Kreisen der Bevölkerung die Rede, insbesondere bei den sozialstaatsskeptischen Mittelschichten, die seit langem ein teures System von Alimenten finanzieren, von dem sie selbst wahrscheinlich nie profitieren werden. Politologen haben den fortschreitenden Schwund der Loyalitäten zwischen Parteien und Wählerschaften ins Auge gefaßt. Leitartikler bemerken den zunehmenden Ekel der Bürger vor dem Autismus der politischen Klasse. Demographen konstatieren nicht nur eine Senilisierung und Schrumpfung der Populationen mitsamt ihrem direkt steueraktiven Segment, sondern auch eine zunehmende Auswanderungsneigung bei den Jungen und Smarten. Ein wichtiger Teil derer, die morgen hier zu den Eliten hätten zählen sollen, sitzt auf gepackten Koffern oder lebt bereits irn Ausland, namentlich in den Ländern der anglophonen Welt. Unter den 650000 Menschen, die jährlich der Bundesrepublik Lebewohl sagen, befinden sich 150000 Hochqualifizierte, die für den nationalen Arbeitsmarkt verloren sind und bis auf weiteres durch keine entsprechende Zuwanderung ersetzt werden.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 31).

„Wohin man auch sieht, die Malaise ist bis in die feinsten Ritzen des sozialen Gefüges vorgedrungen. Einer der aufmerksamsten Beobachter der wachsenden Entfremdung zwischen dem Staat und seinen Bürgern hat jüngst von einer »staatsbürgerlichen Migräne« gesprochen, die - nach der hier vertretenen These - vor allem durch die »Hydra« des ausufernden Steuerstaats verursacht wird. (Vgl. Paul Kirchhof, Das Gesetz der Hydra - Gebt den Bürgern ihren Staat zurück! ,2008, S. 34.) Kirchhofs Ideen zur Steuerreform (auch jene, die er im Vorfeld der Wahlen von 2005 zu popularisieren versuchte) bleiben ihrer Denkform nach nehmerzentriert und sind strikt vom staatlichen Bedarf her gedacht. In ihren Prinzipien (Senkung, Vereinfachung, Transparenz, Aufhebung der Privilegien) drücken sie jedoch ein hohes Maß an Verständnis für die Geberseite aus. Gelegentlich geht Kirchhof bis an die Grenze der systemsprengenden Kühnheit: »Der Gedanke, der Steuerzahler selbst möge über die maßvolle und gleichmäßige Steuerlast und damit über die Staatsaufgaben entscheiden, bleibt faszinierend. Der Weg von einem Faszinosum zu einer privilegienfeindlichen Rechtswirklichkeit ist vorgezeichnet« (ibid., 5.193). Anläßlich eines öffentlichen Streitgesprächs in einem Forum des Bundestags in Berlin am 5. Juli 2010 unter der Moderation von Frank-Walter Steinmeier hat sich Kirchhof zwar gegen meine These vom zu wünschenden freiwilligen Charakter der Steuer ausgesprochen, jedoch die Idee einer »Kultur des Gebens im Steuerrecht« aufgegriffen und in einem dort vorgelegten Thesenpapier elaboriert.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 31-32).

„Die Formulierungen für das große Unbehagen in der aktuellen Staatlichkeit sind so divers, daß es eines gewissen AbstraktionsvermÖgens bedarf, um zu begreifen, daß man es stets mit demselben Komplex zu tun hat. In all ihren Aspekten weisen die vielfältigen Miseren auf einen basalen Befund zurück: Immer mehr Menschen können sich des Eindrucks nicht erwehren, es habe keinen Sinn mehr, sich für das Gemeinwesen einzusetzen. Längst haben sie die Empfindung, einem blinden Monstrum gegenÜberzustehen, das sich nur noch um seine eigenen Betriebsgesetze kümmert. Was auch immer die Bürger für das Allgemeine erÜbrigen, die nehmende Staatsmaschine ist so konstruiert, daß sie sich für ihre Abhängigkeit von Zuwendungen seitens einer aktiv anteilnehmenden Bürgergesellschaft blind stellen muß. Blind verfährt die Maschine nicht nur darin, daß sie ihren Routinen ohne Rücksicht auf die Leistungen der gebenden Seite folgt: Für sie existiert in Wahrheit gar keine gebende Seite, sondern nur eine besteuerbare Bevölkerung, von welcher sie selbst einseitig festlegt, wie viel sie ihm schuldet. Blind ist die große Maschine auch in der Theorie. Ja, schon die Behauptung, es gebe so etwas wie eine valide Theorie der Steuerrechtfertigung, wäre eine freundliche Übertreibung - es gibt nur Lehrstühle für Finanzwissenschaft und Steuerrecht, die sich zum Fiskus verhalten wie die Theologen zur Dreieinigkeit.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 32).

„Wer jüngere Literatur zu Steuerrecht und Staatsfinanzen aufblättert, stößt auf einen Bodensatz von etatistischen Platitüden, die ausschließlich vom faktischen Bedarf der öffentlichen Hand handeln. Nirgends ist auch nur eine Spur von zeitgemäßer Herleitung der Steuer zu entdecken - und zeitgemäß wäre, wie gesagt, eine solche Herleitung allein dann, wenn sie die Geberqualitäten der steueraktiven Bevölkerung ins Zentrum rückte. Vom Geber weiß die staatliche Seite bis heute aber gerade so viel, wie sie wissen muß, um dessen voraussichtliche Belastbarkeit im nächsten und übernächsten Jahr abzuschätzen. Jedoch: Daß den Routinen des staatlichen Nehmens stets eine in riskanter Tätigkeit erwirtschaftete Geber-Leistung gegenübersteht, die von Monat zu Monat, von Quartal zu Quartal, von Jahr zu Jahr neu erbracht werden will: das nimmt der staatliche Pol heute wie früher nur dann zur Kenntnis, wenn sogenannte »Steuerausfälle« die Automatismen der nehmenden Hand zu stören drohen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 32-33).

„Wollte man für die Automatik des staatlichen Nehmens und die ihm inhärente Mentalität einen kompakten Ausdruck finden, er müßte »Gebervergessenheit« lauten. Im Jargon der Soziologen würde man sagen: Das Fiskalsystem hat das Stadium der Selbstbezüglichkeit erreicht und sich von den Intentionen der Bürger abgekoppelt. Es betrachtet die zahlende Seite bloß als seine Umwelt, zu der es ausschließlich durch systemeigene Schemata Zugang gewinnt. Die Bürger bilden für den Fiskus eine Randbedingung seines Funktionierens, so wie die Kuh die Randbedingung des Milcherzeugungssystems ist. Die nehmende Maschine weiß nicht mehr, wer diejenigen sind, bei denen sie sich bedient. Sie hat es tatsächlich nie gewußt noch jemals wissen wollen. Wenn die Dinge bleiben, wie sie sind, wird sie es auch in Zukunft nicht zur Kenntnis nehmen. – Im übrigen spricht viel dafür, daß die Marxsche Mehrwerttheorie in ihrem sinnvoll rekonstruierbaren Anteil eine erste Form einer Theorie der Gebervergessenheit war, und zwar für das Verhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitern. Auch die letzteren waren, vor allem in der Frühphase der Industrialisierung, in bezug auf ihre Betriebe als eine gebende Seite zu verstehen, ohne daß die Unternehmen dies durch adäquate Löhne zu würdigen wußten. Wo diese anfängliche Form von Gebervergessenheit revidiert wurde - nicht zuletzt unter dem Druck der Gewerkschaftsbewegungen -, entstanden sozialpolitisch und unternehmensethisch plausiblere Verhältnisse zwischen »Kapital« und »Arbeit«. – Diese Beobachtungen lassen sich nicht mit der systemtheoretischen Auskunft erledigen, die Subsysteme »Politik« und »öffentliche Finanzen« hätten sich in der Moderne eben »ausdifferenziert« und könnten nur noch ihren internen Parametern gemäß funktionieren. In Wahrheit zeigt sich ein anderes Bild: Wo reales Geld im Verkehr zwischen Staat und Bürgern fließt, stößt die »Ausdifferenzierung« an Grenzen. Konkretes Geben und konkretes Nehmen sind keine unpersönlichen Abläufe in einem automatisierten Funktionssystem, sondern diskrete Dramen, die nach Darstellung in hinreichend sensiblen Begriffen verlangen. Mit funktionalistischen Abstraktionen ist die Transaktion zwischen der nehmenden Hand und der gebenden Seite ebenso wenig begreiflich zu machen wie mit dem verklemmten Idealismus der hierzulande gängigen Kommunikationstheorien.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 33-34).

„Die vergessenen Geber-Bürger ihrerseits nehmen sehr deutlich ~wahr, welches Spiel mit ihnen gespielt wird. Sie machen sich keine Illusionen mehr über die Tatsache, daß aus Staatsbürgern Träger von Steuernummern geworden sind. Viele von ihnen teilen die Empfindung, sie seien nur noch Positionen auf einer Liste nützlicher Idioten. Zieht man Bilanz, führt die zweite soziale Frage letztlich I auf den Befund zurück, daß die Routinen eines anachronistisch , begründeten und psychopolitisch falsch konstruierten Steuerstaats mit der Zeit unvermeidlich die kollektive Demoralisierung hervorrufen. Die unbefragte (und wie man in der aktuellen Debatte beobachten konnte: durch kritische Theoretiker vor kritischen Fragen militant geschützte) Zwangsnatur der Steuern und Abgaben zieht die Zerstörung aller Ansätze zur Entstehung einer freiheitlichen staatsbürgerlichen Geberkultur nach sich. Deren Verkümmerung - herbeigeführt durch eine systemautistische, taktlose und überdehnte Staatlichkeit - hat unmittelbare Auswirkungen auf das notleidende Gemeinwohlbewußtsein. Wo dieses heute noch Lebenszeichen sendet, tut es dies in der Regel eher den staatlichen Mechanismen zum Trotz als durch diese gefördert.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 34).

„Es wäre freilich ungerecht, die Gebervergessenheit des Steuerstaats allein auf das Konto der Fiskalbürokratie zu setzen. Gebervergessenheit existiert auch in der Gesellschaft selbst - zumindest auf einem ihrer ideologischen Flügel. Sie zeigt sich typischerweise in dem stark politisierten Segment, welches traditionell das lebhafteste Interesse an einem umverteilungsfähigen Staat ausdrückt bei den Empfängern von Transferleistungen und bei der großen Schar ihrer politischen, journalistischen, akademischen und therapeutischen Anwälte. Für diese hochmotivierten Interessenvertreter - die man sehr zu Unrecht »Gutmenschen« nennt - ist Staatsgeld wesensmäßig Geld ohne Eigenschaften und Dispositionsmasse ohne Herkunftsappellation. Sie alle rechnen am liebsten mit einem Geld, das es gibt, weil es gebraucht wird, und das vorhanden ist, weil der Staat es sich holt. Man versteht sehr gut, wieso es eine wirkungsvolle Allianz zwischen dem nehmenden Staat und seinen ihn zum Nehmen auffordernden Mandanten gibt - und warum beide sich so sehr gegen jeden Hinweis auf die Fragwürdigkeit des bestehenden Systems zur Wehr setzen. Der erste nimmt, wo immer etwas zu holen ist, und die zweiten rufen ihm zu, wo noch mehr zu holen wäre. Fiskalisten und Sozial-Lobbyisten aller Couleur zeigen seit jeher ein massives Interesse daran, aus »geholtem« Geld Niemandsgeld zu machen - Geld ohne Fingerabdruck eines Gebers, Geld, das aufgrund seiner scheinbaren Herkunftslosigkeit geeignet ist, als reine Etatmasse durch die Hände von Umverteilern zu fließen. Hat Geld als Zahlungsmittel immer schon eine abstrakte Seite, wird es als liquide Masse in der Staatskasse noch um eine Stufe abstrakter, weil es dort in den Zustand purer polyvalenter Verfügbarkeit versetzt ist. Auf diese Weise wird es zu Niemandsgeld und Jedermannsgeld zugleich - ein ideales Mittel zur Subventionierung, Privilegierung und Bestechung von Partei-Klienten, die Selbst-Alimentierung der helfenden Klasse nicht zu vergessen. Dank seiner willkommenen Abstraktheit wandert es in die Hände von Empfängern, die a priori von der Frage entlastet sind, woher die Beträge stammen. Jedermannsgeld kommt scheinbar jedem Interessenten zu, weil Geld ohne Eigenschaften sein Vorhandensein vorgeblich nur dem allgemeinen Wertschöpfer, der »Gesellschaft«, verdankt, will sagen, unterschiedslos allen Mitgliedern des mysteriösen Kollektivs.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 34-35).

„Insbesondere die konservative Linke war seit jeher an der Destillation eines Geldes in staatlicher Hand interessiert, dem man es nicht mehr ansehen sollte, aus welchen Taschen es kam. Vergessen wir nicht anzumerken, daß die Anonymisierung von Geldern in der öffentlichen Hand zunächst eine progressive Funktion erfüllt: Sie objektiviert die Staatsfinanzen und emanzipiert sie von »feudalen« Geberaufträgen. Wenn aber die Anonymisierung die Schwelle von der gebotenen Diskretmachung der Geberseite zur völligen Gebervergessenheit überschreitet, wird sie kontraproduktiv. Von da an entsteht aus dem kleineren Übel das größere: Indem sie am fiskalischen Geld jede Herkunftsspur tilgt, erzeugt die Anonymisierung der Steuern Demoralisierung bei der gebenden und Wirklichkeitsverlust bei der nehmenden Seite.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 35-36).

Steueraktive und Steuerpassive
1) 6,1% zahlen 70% der Steuern;
2) 24,4% zahlen 30% der Steuern;
3) 19,5% sind von Steuern befreit;
4) 50% sind zu 100% Sozialfälle.
1+ 2) 30,5% Steueraktive;
3 + 4) 69,5% Steuerneutrale, - passive.
Steueraktive und Steuerpassive
1) 70% der Steuern von 6,1% bezahlt;
2) 30% der Steuern von 24,4% bezahlt.
1+ 2) 100% der Steuern von 30,5% bezahlt.

„Die antibourgeoise Polemik auf dem altlinken Flügel der heutigen Gesellschaft verkennt, wie sehr sich das Schwergewicht der Bürgerleistungen für den Staat im Laufe des letzten Jahrhunderts zur Mitte hin, insbesondere zur oberen Mitte, verschoben hat. Um in Zahlen zu reden: Von der Gesamtpopulation der Bundesrepublik Deutschland, die aktuell rund 82 Millionen Menschen zählt (offiziell! Illegale werden ja nicht mitgezählt! HB), gehen gegenwärtig circa 41 Millionen Menschen Einkünfte erbringenden Tätigkeiten nach. In diesen Zahlen kommt die Generationen-Staffelung der Gesellschaft in Sicht, da die nicht - berufstätige größere Hälfte überwiegend aus Jungen und Alten besteht, die ins Arbeitsleben noch nicht beziehungsweise nicht mehr eingegliedert sind, somit aus realen ehemaligen und möglichen künftigen fiskalischen »Leistungsträgern«, um das ominöse Wort zu benutzen. Das untere Drittel der aktuell Berufstätigen, etwa 16 Millionen Arbeitnehmer, erzielen so niedrige Einkommen, daß sie von direkten Steuern befreit sind. Bleiben also auf der Haben-Seite die 25 Millionen Haushalte, die den Kern der aktuell aktiven Steuerbürgerschaft in der BRD bilden. Von ihnen bringt das obere Fünftel, also fünf Millionen Haushalte und Einzelpersonen, circa 70 Prozent der Einkommensteuern auf, indessen ungefähr 20 Millionen Steuerzahler sich die restlichen 30 Prozent teilen. (**).“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 36).

„Da die Einkommensteuern nur einen Teil des fiskalischen Gesamtvolumens ausmachen, obschon nach wie vor den beträchtlichsten Posten, indessen die übrigen Steuerkategorien, insbesondere die Umsatzsteuer und die Konsumsteuern, das Übergewicht der Staatseinnahmen bilden, ist es legitim zu fragen, von welcher Seite und auf welche Weise die übrigen Summen aufgebracht werden. Bei nüchterner Betrachtung der Tabellen ergibt sich ein eindeuti ger Befund: Auch alle anderen Kategorien von Steuern - die Umsatzsteuer, die Erbschaftsteuer, die Gewerbesteuer, die Kapitalertragsteuer, die Mineralölsteuer usw. (wir sind ... so glücklich, 36 Arten von Steuern unterscheiden zu dürfen) - laufen summa summarum immer wieder auf die gleiche Gruppe zu. Das ist nicht erstaunlich, da die kritischen 25 Millionen aufgrund ihrer größeren Konsum- und Verkehrsintensität und ihrer fast exklusiven Betroffenheit von vermögensbezogenen Abgaben auch bei diesen Kategorien naturgemäß den Löwenanteil erbringen. Andererseits sind die Beiträge der übrigen Zahler auf dem Gebiet der flächendeckend erhobenen Konsum- und Mehrwertsteuern nicht ganz zu vernachlässigen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 36-37).

„Im Blick auf diese Gruppe der Steueraktiven möchte man den zeitweilig außer Dienst gestellten marxistischen Begriff vom »falschen Bewußtsein« reaktivieren und die Frage stellen: Warum gibt es bei diesen vielen Zahlern bis heute kaum eine Spur von kollektivem Bewußtsein? Warum ist das effektive Geberkollektiv im heutigen Gemeinwesen bisher so gut wie ohne jede adäquate politische Artikulation geblieben? Warum zögert diese Gruppe, sich ihr gemeinsames Merkmal bewußt zu machen, und wieso läßt sie zu, daß sich ihr politischer Ausdruck in dem bestehenden Parteiensystem zersplittert? Die Antwort lautet wohl: weil die politische Semantik unserer Zeit - und folglich auch die herkömmliche Parteienrhetorik - noch immer an die Sprachspiele des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gebunden ist, die vom Konflikt zwischen Liberalismus und Sozialismus bestimmt waren. An den Fronten dieses semantischen Bürgerkriegs war von allem möglichen die Rede - nur nicht von den Tatsachen der Gabe. Inzwischen ist es an der Zeit, einer tieferen ethischen Evidenz Platz zu machen, die früher oder später auch eine politische Wahrheit werden muß: daß »Ausbeutung«, falls es sie in unseren Breiten noch gibt, weder durch Gegenausbeutung noch durch Zwangscaritas überwunden wird, sondern durch die Kultur der Gabe. Deren Verwirklichung wird bis auf weiteres durch das System der Zwangsbesteuerung verdeckt. Dieses verhindert die Einsicht, in welchem Maß die Steuern selbst schon Gaben sind, die darauf warten, endlich als solche begriffen zu werden. Die Neubeschreibung der sozialen Tatsachen aus der Sicht der gebenden Seite ist ein notwendiger Schritt zu der Verwandlung der Gesellschaft im ganzen. Es wäre absurd, dieses Ziel durch die Gründung einer neuen Partei am rechten Rand des politischen Spektrums verwirklichen zu wollen. Was fehlt, ist nicht eine neue konservative Partei, sondern eine neue Leidenschaft für die Verdeutlichung der gebenden Tugenden inmitten der vorhandenen Strukturen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 37).


Unterwegs zu einer Ethik des Gebens

„Müssen wir nicht eine gemeinsame äußere Bedrohung verspüren, ehe wir intern füreinander einstehen? Brauchen wior nicht ein effektives Feindbild, bevor wir uns reell miteienander solidarisieren? Wenn solche Unterstellungen zulässig sind, darf man auch den gedanken wagen, man sei der Wahrheit am nächsten, wenn man die unvornehmen Annahmen hinsichtlich der Beweggründe menschlichen Sozialverhaltens favorisiert - Angst, Gier, Neid, Ressentiment und Lust an der Erniedrigung des Mitmenschen. Dies zugegeben, ist es dann niicht politisch gerechtfertigt, diese real existiertende »Gesellschaft von Teufeln«, Kantianisch klug und pädagogisch realistisch, auch steuergesetzlich streng an die Kandare zu nehmen?“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 39-40).

„Das alles gehört in einen Bezirk anthropologischer Spekulation, über deren Legitimität oder Illegitimität nichts vorentschieden ist. Ich möchte freilich umgehend erklären, warum ich diese allzupopuläre Anthropologie der primären Gier, die weit verbreitete Dogmatik des Nichts-zu-geben-Habens und die bequeme Überzeugung von der überwiegend niederträchtigen Motiviertheit menschlichen Verhaltens (worin bürgerliche »Konservative« [Anführungszeichen von mir; HB] und altgediente Linke längst konvergieren) für von Grund auf falsch halte - und nicht nur für falsch, sondern für ethisch prekär und sozialklimatisch verheerend.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 41).

„Ich wollte nichts anderes sagen, als daß das Gemeinwesen mittels einer weit ausgebauten und psychopolitisch klug gesteuerten Geberkultur auf thymotischer und freiheitlicher Grundlage durchaus nicht hinter das aktuelle Niveau zurückzufallen bräuchte, ja daß es möglicherweise leistungsfähiger würde als das System, das wir zur Stunde kennen, vor allem aber: daß das alternative Projekt - nach der Metamorphose in ein erweitertes, motivational vertieftes und diskret personalisiertes Spendewesen - um ein Vielfaches vitaler, humaner und wirksamer geriete, als ess in den heute dominierenden dumpfen anonymen, ineffizienten, verschwenderischen und ausbeutungsoffenen Zwangsroutinen jemals sein kann.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 41).

„Nur ein System der Freiwilligkeit - selbst wenn dieses vorerst nur einen kleinen Teil der öffentlichen Haushalte ausmachte und für eine unbestimmt lange Übergangszeit mit zwangssgesicherten Abgaben kombiniert bliebe - kann der Population im ganzen ihre moralische Lebendigkeit widergeben. Allein die Wende zu einer Kultur der Gabe und der Geber-Anerkennung kann sie aus ihrer Wohlstandsverdrossenheit befreien. Menschen, die sich auf die Geberseite stellen, erwachen moralisch zum Leben. Das ist tatsächlich so, und wer es nicht aus eigener Erfahrung weiß, hat als Moralsubjekt noch gar nicht zu existieren begonnen - er ist im Vorleben steckengeblieben, in dem man immer darauf wartet, daß die anderen etwas für uns tun.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 41-42).

„Jedoch: Auch die moralisch Erwachsenen bekommen Lust, den Krempel hinzuwerfen, wenn sie kontinuierlich zum Abgeben genÖtigt werden, indessen ihnen von der nehmenden Seite nichts anderes entgegenkommt als die Aussicht auf noch längere Formulare, noch tiefere Demütigungen, noch umfassendere Nachzahlungen. Dabei sind die Befunde über den Zustand unseres Gemeinwesens seit längerem evident. Jeder Besucher, der von außen kommt, nimmt die moralische Klimakatastrophe, die unsere politische Kultur kennzeichnet, als das erste wahr, was einem bei der Einreise in die Wohlstandzone entgegenschlägt: Den Ankommenden ist unbegreiflich, warum die materiell reichste Gesellschaft der Geschichte, die heutige und hiesige, zugleich die mürrischste, die unzufriedenste und mißtrauischste ist, die es in Friedenszeiten jemals gab. Mit diesem Klimaproblem wollen sich seine Verursacher nicht befassen. Von ihren eigenen moralischen Emissionen machen sie sich keinen Begriff, und über deren Ursachen und Wirkungen weigern sie sich nachzudenken. Der Grund der großen Verstimmung ist gleichwohl mit Händen zu greifen: Er liegt in der systematischen Entwürdigung der Geber durch die organisierten Nehmermächte. Sie geht auf die chronische Demütigung zurück, durch welche man den Bürgern in der breiten Mitte, die mit ihren zu Abgaben degradierten Gaben nahezu alles ermöglichen, was die soziale Welt zusammenhält, chronisch unterstellt, sie müßten mit Gewalt gezwungen werden, zu tun, was sie aus freien Stük ken niemals täten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 42).

„Woher nimmt diese pessimistische Soziologie ihre Gewißheiten? Seit jeher ist der Pessimismus die Ausrede derer, die sich, wenn es um die lieben Mitmenschen geht, ausschließlich auf den Zwang verlassen wollen - in diesem Punkt finden Augustinus, Hobbes und Lenin, die Meisterdenker der Herrschaft durch den Schrecken, auf einer gemeinsamen Linie zusammen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 42).

„In jedem authetischen Austausch zwischen Menschen ist der Vorsprung des Gebens uneinholbar. Gerechtigkeit kann nur jenseits der Symmetrie von Nehmen und Geben gedacht werden. Sie läßt sich nie ohne Ungleichheit und Einseitigkeit vorstellen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 45).

„Das niedere Denken hat - nicht nur wegen der unzureichenden Rezeption der Derridaschen Impulse, aber mittelbar auch ihretwegen - die altlinken Milieus unseres Landes fest im Griff, und im übrigen Europa steht es um sie in keiner Hinsicht besser. Das Zentrum der Gebervergessenheit liegt heute paradoxerweise auf dem linken Flügel - paradoxerweise, weil die klassische Linke ja ein besonderes Sensorium für »Ausbeutung«, das heißt für unbedanktes Geben besitzen müßte. Jedoch sucht sie das Unbedankte und Nicht-Anerkannte immer noch dort, wo man es im 19. Jahrhundert entdeckt hatte - in der Unterbezahlung der Lohnabhängigen sowie in der Geringschätzung des Beitrags, den alle Arten von »anderen« zum Gelingen des sozialen Lebens leisten. Die Vorsprecher dieser Tradition kennen bis heute keine Scheu, die vielen Millionen direkt Steueraktiven in der breiten Mitte der heutigen Geseilschaft, die zahlreichen mittelständischen Unternehmer, die Selbständigen und die neuen Kreativen, die jetzt zu den kräftigen Einzahlern in die Gemeinschaftskasse zählen, unter ihre alte automatisierte Feind-Adresse zu fassen: alles bloß gierige, hoffnungslose, räuberische Bourgeoisie. Von diesen Gruppen und ihren Leistungen erwartet die altlinke Reaktion alles mögliche, nur nichts, wodurch bewiesen würde, daß Menschen gerade in reichen, ausdifferenzierten und individualisierten Gesellschaften füreinander etwas übrig haben, selbst wenn sie ihre eigenen Interesse nie aus dem Auge verlieren.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 46).

„Bei einer solchen dogmatisch negativen Grundhaltung ist es nur konsequent, wenn die sozialen Sozialpessimisten ihre Hoffnungen ausschließlich auf den Ausbau der autoritären Fiskalität setzen. Diese Liebhaber der Zwangsmacht - ein luzider Interpret nannte ihre Mission die »autoritär-karitative Verteilung« (Wilhelm Röpke, Die Lehre von der Wirtschaft, 1937, S. 249) - stehen, zusammen mit den anderen Agenten der Staatsüberlastung, an der Quelle der bedrohlichsten Fehlentwicklung im System der öffentlichen Finanzen unserer Zeit. Sie sind es, die das Krankheitsmuster des Zwangsfiskalismus, die objektiv fahrlässige, in der Sache längst als kriminell einzustufende Staatsverschuldung in allen Industrieländern, bis in immer näher an den Absturz führende Zustände vorantreiben. Sie haben es so weit gebracht, daß die Staatsbankrottvermeidung heute wie eine politische Utopie erscheint. , Dennoch wird man nicht eines Tages behaupten können, die wohlmeinenden Fiskalisten hätten nicht gewußt, was sie tun. Die Maxime ihres HandeIns liegt offen zutage: Ihre eigene schöne Moral ist ihnen die Demoralisierung der übrigen Gesellschaft wert. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 46-47).

„Mir scheint, es ist an der Zeit, mit den misanthropischen Phantasiesystemen linksreaktionären Ursprungs zu brechen - so nobel ihre Motive anfangs gewesen sein mögen. Wir haben genug erlebt, um endlich ein neues Kapitel im Buch des Zusammenlebens von Menschen in modernen Gemeinwesen aufzuschlagen. Einen in meinen Augen unentbehrlichen Leitsatz, der ganz am Anfang des neuen Kapitels stehen muß, habe ich in den nachfolgenden Interviews und Essays mehrmals wiederholt, ich betone ihn auch hier: Der Mensch ist zwar ein vom Habenwollen geprägtes Geschöpf, und es gibt keine Wirtschaftstheorie, die dies nicht unter ihre Axiome rechnet, doch ist er immer auch als ein von Grund auf anteilnehmendes Wesen zu denken, dessen affektives Repertoire durch Empathie, Stolz, Generosität und Gebenwollen mitbestimmt ist. Man befindet sich ethisch, anthropologisch, soziologisch und nicht zuletzt ökonomisch auf einem gefährlichen Irrweg, gefährlich, weil selbstwahrmachenden Effekten unterworfen, wenn man den Menschen bloß als ein Bündel von niederen Antrieben und Defiziten beschreibt: ein kümmerliches Wesen, das überwiegend von Angst bewegt würde, wie bei Hobbes, von Haß auf den Mitmenschen, wie bei Pascal, von Aneignungsgier, wie bei Proudhon und Marx, von Neid und Eifersucht, wie bei Girard, von Mängelmitgiften überhaupt, wie bei Gehlen. Die konservativ-realistischen dunklen Menschenbilder haben in eng definierten Kontexten ihre Berechtigung. Sie können trotz problematischer Primärwirkungen aufklärerische Nebenwirkungen freisetzen - weswegen sie vom Hauptstrom modernen Denkens nicht zu trennen sind.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 47-48).

„In einer kompletteren Sicht wird man die Menschen als Doppelwesen anerkennen, in denen Mängel und Überschüsse miteinander ringen. Die Psyche agiert permanent in einem Parallelogramm aus gierhaften und stolzhaften Regungen - griechisch gesprochen im Kraftfeld von Eros und Thymos. Der Eros ist nehmend gepolt und strebt nach Aneignung ohne Rücksicht auf Vornehmheit. Nicht ohne Grund ist er heute der Gott der Massenkultur, in der sich alles um das entgrenzte Begehren dreht. In seinem Einflußbereich wird die Elite zur Prominenz herabgesetzt, und Prominenz erscheint als Lohn der Gier. Der Thymos hingegen bleibt, heute wie immer, gebend ausgerichtet und folgt vornehmen bzw. prestigerationalen Motivationen. Daher steht er der high culture und dem aristokratischen Verhaltenscodex vergangener Gesellschaftsordnungen näher. Zahllose Beispiele aus bürgerlicher Zeit bezeugen jedoch die Möglichkeit und Wirklichkeit von Generosität im Umgang zwischen den gewöhnlichen Leuten. Sie demonstrieren die Gegenwart der Großzügigkeit auch bei den Armen und Ärmsten. Ja, gerade jüngere sozialpsychologische Studien zeigen, daß es die Ärmeren sind, die sich die Chance zu großzügigem und solidarischem Verhalten am wenigsten nehmen lassen wollen. Das Abenteuer der höheren Moral ist nur durch die zivilisatorische Macht des Thymos begreiflich zu machen - vor allem, wenn die Ausweitung der Empathie - Zone ihm zu Hilfe kommt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 48).

„Daher erübrigt es sich, über die neuerdings wieder viel zitierten animal spirits in der Ökonomie zu grübeln. Die regierenden Geister reduzieren sich auf die beiden Primärkräfte, die erotisch-habenwollenden und die thymotisch-gebenwollenden. Beide kennen vielfältige Deklinationen durch die Widerstände des Realen. Wer diese Grundkräfte und ihre Brechungen studiert, gewinnt einen zuverlässigen Leitfaden durchs Labyrinth der Leidenschaften, ökonomisch wie außerökonomisch. Das hat die antike philosophische Psychologie gewußt, und das haben die neuzeitlichen Psychologien des Unbewußten wie auch die gängigen Sozialpsychologien vergessen, als sie sich auf eine verkürzte Mängelwesendogmatik und eine verstümmelte Anthropologie des Wunsches und des Neides festlegten. (**). Daher dürfte klar sein, warum man auf dem Weg zu einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert keinen Schritt weiterkommt, solange man sich an die Dogmen der Armseligkeitsanthropologie klammert - so begreiflich dieser Reflex auch sein mag. Er verführt dazu, am Unhaltbaren Halt zu suchen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 48-49).


Vgl. Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006, S. 9-73 (**), insbesondere S. 51f., wo ich die Prämissen einer Ökonomie der Generosität im Anschluß an Nietzsche und Bataille andeute. Naturgemäß bewegen sich meine überlegungen auf einem Feld, das zuerst Marcel Mauss umrissen hatte und auf dem Jacques Derrida in jüngerer Zeit neue Markierungen gesetzt hat. Ich darf daran erinnern: Der generöse Sozialist Marcel Mauss ist der Autor, der in meinem Sphären-Projekt (1998-2004 **) das letzte Wort hat. Ich lasse am Ende des dritten Bandes einen Historiker auftreten, der über die Sphären insgesamt den Verdacht äußert, deren »Autor habe eigentlich eine Universalgeschichte der Großzügigkeit schreiben wollen«. Das Sphären-Projekt, vermutet er, sei eine lange Paraphrase über den kategorischen Imperativ nach Marcel Mauss: »Wir sollen aus uns herausgehen und uns in Geschenken verwirklichen, in freiwilligen wie in obligatorischen, denn darin liegt kein Risiko.« Die moralische Leitidee von Mauss lautete, die Menschheit möge die Kunst des Teilens erlernen - von der handelt sein klassisches Werk über die Gabe. Vgl. Peter Sloterdijk, Sphären III. Plurale Sphärologie, Schäume, 2004, S. 885.

„Die traditionelle Sozialdemokratie, als Partei verstanden - ich habe sie immer als mein Verwandtschaftssystem angesehen (aber wer glaubt Ihnen das? HB) -, liegt ideell am Boden, weil sie in sozialethischer Hinsicht keinen neuen Gedanken zu fassen vermochte. Sie war allzulange unfähig, ihren Wortschatz zu erneuern. Sie hat es nicht gelernt, das Wortfeld der Großzügigkeit in ihre Sprache zu intergrieren und die Verben des Gebens zu konjugieren. Sie ist in den zeitgenössischen psychischen und psychopolitischen Tatsachen nicht mehr zu Hause. In der alten Unzufriedenheit bewegt sie sich weiterhin wie der Fisch im Wasser, auf dem Boden der gebenden Tugenden humpelt sie - ich wünsche, sie würde bald wieder aufrecht gehen lernen. Wenn sie sich künftig wieder deutlicher als» Partei der kleinen Leute« (Sigmar Gabriel auf einem SPD-Parteitag im September 2010) profilieren möchte, muß man um ihre Fähigkeit zur Zeitgenossenschaft weiter fürchten. Sie weiß nicht mehr genug von den in unserer Hemisphäre schon sehr zahlreichen Menschen, die aus dem Ärgsten heraus sind und sich nach Projekten, Bündnissen und Szenen umsehen, in denen sie ihre soziale Phantasie, ihr Geberbewußtsein, ihre stolzen und schöpferischen Impulse verwirklichen können. Zu lange hat sie auf eine »realistische« Soziologie und auf eine abgeschlagene, vom gutsituierten Ressentiment diktierte Sozialphilosophie gehört. Und je weiter man heute nach links schaut, desto reaktionärere Konzepte blicken zurück.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 49-50).

„Und je weiter man heute nach links schaut, desto reaktionärere Konzepte blicken zurück.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 50).

„Die zweite neue soziale Frage (**) ist nur zu beantwirten, wenn man die zweite Gbervergessenheit in der aktuellen politischen Kultur überwindet - so wie die Arbeiterbewegung die Gbeervergessenheit der älteren Unternehmerbourgeosie überwand. Niemand wird glauben, dies werde sich von selbst und über Nacht vollziehen. Das kommende Jahrhundert gehört einem Titanenkampf zwischen der Vernunft der Großzügigkeit und den Berechnungen des niederen Denkens. Wenn die großzügie Ethik ihn gewinnen kann, so deswegen, weil der wachsende Druck gegenseitiger Abhängigkeit der globalen Spieler in ihre Richtung wirkt. Die Weltgesellschaft wird ein Patchwork thymotischer Kommunen sein, oder sie wird nicht sein.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 50-51).

„Das Gemeinwesenbewußtsein kann sich auf breiter Front nur regenerieren, wenn es gelingt, ein von Grund auf verändertes soziales Klima zu erzeugen, das es erlaubt, die effektiv gebenden Instanzen unserer Tage ins Zentrum zu rücken. Das sind nicht mehr die guten alten Proletarier, die im Verhältnis zu den Fabrikherren den kürzeren zogen, solange sie nicht gelernt hatten, ihre Interessen in mächtigen Assoziationen geltend zu machen. Es sind nicht die Arbeitslosen, die Marginalen und Prekären von heute, die man bis auf weiteres überwiegend auf der Seite der Empfänger von staatlichen Hilfen finden wird .... Es sind jetzt die effektiven Geber auf allen Stufen des Gemeinwesens, die in letzter Instanz das ganze Gewicht der geldvernetzten, wissensvernetzten und empathievernetzten sozialen Konstrukte tragen, es sind die kleinen, mittleren und großen Zahler direkter und indirekter Steuern, die Spender, die Sponsoren, die Stifter, die freiwilligen Helfer, die Netzwerker,die Ideengeber und sämtliche bekannten und unbekannten Kreativen auf allen Spielfeldern der Wirksamkeit, die mit ihren Zahlungen, Impulsen und Ideen das Gemeinwesen bereichern. Die Zeiten sollten vorüber sein, in denen die alten und neuen Geber diffamiert werden - etwa durch gut gemeinte, doch törichte und verrottete Formeln wie »Klassenkampf von oben«. Für die reaktionär phantasierende Linke mögen die Besserverdienenden noch immer ihren bevorzugten Feind darstellen; sie mag ruhig weiter ihren Groll kultivieren und ihren Revolver ziehen, wenn sie das Wort »Leistungsträger« nur hört. Realisten und freiere Geister richten ihren Blick auf die riesenhafte Wirklichkeit der gebenden Mitte, die in ihrem oberen Segment an die Wohlhabenden rührt. Um so besser für alle, wenn viele von den Reichen sich dieser Mitte anschließen, indem auch sie kraft ihrer Geberqualitäten den Pool des Gemeinsamen verstärken. Im Sommer 2010 hat die von Bill Gates und Warren Buffett angeregte historisch beispiellose Initiative »The Giving Pledge«, nach welcher die Superreichen in aller Welt die Hälfte ihres Vermögens für Gemeinwohlaufgaben spenden sollen, weltweit für Aufsehen gesorgt (in Europa hingegen eher hämisches Abwinken provoziert); sie hat die neuerdings zirkulierenden Ideen zu einem »Philanthrokapitalismus« mit konkreten Beispielen untermauert.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 51).

„Die zahllosen Akteure in diesem Bereich bilden das Ensemble der Gruppen, die heute einen Anspruch auf Vertretung durch visionäres politisches Denken erheben dürfen - so wie das Industrieproletariat des 19. Jahrhunderts ein gutes Recht auf intellektuelle Vertretung durch die theoretische Avantgarde seiner Zeit besaß. .... Obwohl alle Parteien darum wetteifern, für die Mitte zu sprechen, hat die reale Mitte heute keine Vertretung. Sie ist kaum besser organisiert als ein Schwarm von Blättern in einem von allen Seiten kommenden Wind. In Wahrheit bildet sie genau jene Multitude, die kreative Vielheit, von der nostalgische Immer-noch-Kommunisten wie Negri, Hardt, Zizek und einige andere ... begrifflich hilflos träumen. Diese Autoren suchen die schöpferischen Vielen, unverbesserlich romantisch, weiterhin an den vorgeblich subversiven unteren Rändern der Gesellschaft - dem zähen Vorurteil folgend, wonach ein neues »revolutionäres Subjekt« nur aus dem Widerspruch der Erniedrigten und Beleidigten zum »Bestehenden« hervorgehen könne. Indem sie einer verbrauchten Radikalitätsfolklore nachhängen, versäumen sie zu begreifen, daß das Objekt ihrer Suche dort lebt, wo sie nie hinsehen: im erodierenden Zentrum der aktiven Populationen. Mitte sein heißt heute: riskieren, zwischen zwei Undankbarkeiten zerrieben zu werden. Doch selbst die romantischen Sucher nach der verlorenen »radikalen Politik« und die Anwälte der »drastischen Umverteilung« sollten früher oder später fähig sein, einzusehen, daß die gebende Mitte heute den Kern des Prinzips des Gemeinsamen bildet. Was die mechanische Ausbeutung der Produktiven durch die Hydra angeht, ist das Nötige gesagt. Die Sonne scheint auch hier über nichts Neues, solange sie keine Alternative hat. Die neue Idee ist ausgesprochen: Es ist an der Zeit, den sozialen Zusammenhang von der Gabe her zu denken.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 52-53).

 


- DOKUMENTATION -


Die ganze Welt schien reif für die Sozialdemokratie

(Gespräch; zuerst in: Wirtschaftswoche, Wir Tropen-Krulls, 19.05.2005 )

„Die besten aller Verlierer sein wollen - das war der Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 58).

„Weil wir genug Zeit hatten, die Formel zu verinnerlichen, daß wir als militärische und moralische Verlierer des Weltbürgerkrieges dennoch seine ökonomischen Gewinner sein werden. Nichts anderes war das Betriebsgeheimnis der alten Bundesrepublik: politische Demut, kombiniert mit triumphaler Wirtschaftsexpansion.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 58).

„Houellebecq hat den empfindlichen Punkt getroffen: Das Signum der globalisierten Welt ist die »Ausweitung der Kampfzone«.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 59).

„Nach 1945 haben wir von Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt, parteiübergreifend (**|**|**|**). Folglich konnte damals der einzige real existierende Beinahe-Sozialismus der Welt auf deutschem Boden entstehen, in Form der guten alten Bundesrepublik Deutschland. Die DDR lieferte hierzu die Parodie.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 60). (Anmerkung überspringen!)


War der Nationalsozialismus primär ein Sozialismus und sekundär ein Nationalismus oder primär ein Nationalismus und sekundär ein Sozialismus? Seinem Namen nach ist die Antwort eindeutig: primär ein Sozialismus und sekundär ein Nationalismus. Man könnte aber auch meinen, daß er primär ein Nationalismus und sekundär ein Sozialismus war, oder?
Wortzusammensetzungen (Kompositionen) haben nur dann einen klaren Sinn, wenn auf einem der Morpheme oder Morphemfolgen (Wörter) der Akzent liegt, wodurch sowohl die Wortart als auch die Flexionsklasse bestimmt wird, und das ist im Deutschen immer das letzte Morphem bzw. die letzte Morphemfolge der Komposition. So liegt z.B. in der Komposition „Nationalsozialismus“ der Akzent auf der Morphemfolge (dem Wort) „Sozialismus“, das sowohl die Wortart als auch die Flexionsklasse bestimmt. Der Philosoph und Historiker Ernst Nolte: „Wortzusammensetzungen haben nur dann einen klaren Sinn, wenn der Akzent wirklich auf dem Substantiv liegt und wenn das hinzugefügte Adjektiv bloß eine zusätzliche, wenngleich wesentliche Bestimmung zum Ausdruck bringt. Der Nationalsozialismus war indessen nie primär ein Sozialismus, d.h. eine hauptsächlich von den Motiven einer inneren Klassenauseinandersetzung bestimmte Bewegung, sondern er war ein Sozialnationalismus des faschistischen Typs, und zwar in dessen radikalster Erscheinungsform.“ (Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945, 1987, S. 478-479
**). Nolte meint offenbar, daß der Nationalsozialismus primär ein Sozialnationalismus und nur sekundär ein Nationalsozialismus, aber eben doch beides war, während Sloterdijk behauptet, daß der Sozialnationalismus der Nachfolger des Nationalsozialismus sei (**). Recht gebe ich Nolte insofern, als daß der Nationalsozialismus beides war - nämlich primär ein Sozialnationalismus und sekundär ein Nationalsozialismus -, jedoch war er beides auf so sehr ähnliche Weise, daß ein Unterschied kaum zu erkennen ist. Der Nationalsozialismus war - linguistisch gesprochen - ein Sozialismus nationalistischer Art, und er war - historisch gesprochen - ein Nationalismus sozialistischer Art. Für Nolte war „er die am meisten links stehende der rechten Parteien ..., der fast ebenso viele linke wie rechte Züge aufwies.“ (Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 362 **). Und „sein Hauptfeind wiederum, der in Rußland siegreiche Kommunismus, ... war die am meisten rechte der linken Parteien“ (ebd, S. 362 **). Auch meine Analyse kam immer schon und kommt immer noch eindeutig zu diesem Schluß. Der Bolschewismus (Sowjetismus, ob als Leninismus, Stalinismus u.s.w. oder auch als Maoismus u.v.a.) war selbstverständlich kein Kommunismus, sondern gab nur vor, einer zu werden, und war in Wirklichkeit ein russischer (in China ein chinesischer u.s.w.), also nationaler Sozialismus, der schon wegen der drohenden Unruhen einen Sozialismus (mit Aussicht auf das Paradies [den Kommunismus], worauf seine christlich-orthodox und islamisch geprägten Einwohner zumindest ansprechbar waren), zulassen mußte und nur über diesen Umweg sein eigentliches Ziel - den sozialen Nationalismus - verfolgen konnte (man denke nur z.B. an die Russifizierung des gesamten Sowjetreiches) - kurz: der Bolschewismus war primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus. So war er das eine mehr aus Gründen der „Sachzwänge“ und das andere mehr aus Gründen der Zielvorstellungen. Exakt umgekehrt war es bei Hitler und seiner Bewegung - nicht umsonst verstand sich Hitler als „Anti-Lenin“ (**|**|**). Der von Lenin begründete Bolschewismus war primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus, und der von Hitler begündete Nationalsozialismus war primär ein Sozialnationalismus und sekundär ein Nationalsozialismus. So, als hätte Hitler zu Lenin gesagt: Ich zeige dir, wie das geht, was du niemals kannst.
Die spiegelverkehrten Seiten von Nationalsozialismus und Bolschewismus machen aber trotzdem die sehr gravierenden Unterschiede in den Entwicklungsstufen der sie betreffenden Länder deutlich: hier Deutschland als die weltweit führende Nation in allem (ob in Kultur-, Wissenschaft, Technik Wirtschaft oder sonstigem
**) und dort Rußland bzw. die Sowjetunion als „frühmittelalterliches“ Zwangsssystem und vorindustrieller Gefängnisstaat (keine Nation, sondern ein Gefängnis), in dem außer Terror und Gewalt nichts funktionierte.
Lenin hat hat den Kapitalismus (den Liberalismus, das Recht auf Eigentum, die Markwirtschaft u.s.w.) wegen der auch diesbezüglichen Schwäche Rußlands (Weltrang 100 [geschätzt]) abgeschafft; Hitler hat den Kapitalismus (den Liberalismus, das Recht auf Eigentum, die Markwirtschaft u.s.w.) wegen der auch diesbezüglichen Stärke Deutschland (Weltrang 1 **) nicht abgeschafft, ja auch gar nicht abschaffen wollen, weil er dadurch ja noch mehr Macht gewinnen konnte.
Deutschland und Rußland unterscheiden sich in ihren Entwicklungen wie z.B. Tag und Nacht. Kein Wunder, daß Lenin von Deutschland absolut begeistert war und Hitler von Rußland absolut nicht. Lenin und später auch Stalin wollten Rußland industrialisieren, auf „Westniveau“ bringen - mit Gewalt! Hitler wollte Deutschland vom Weltrang 1 (
**) zwar nicht auf einen niedrigeren Rang bringen, aber von diesem Rang aus gibt es nur niedrigere Ränge, d.h. wenn man hier etwas ändern will, kann es nur in eine Richtung gehen, und die Tatsache, daß andere Länder Deutschland um seinen Weltrang 1 beneideten, gierig nach ihm waren, ihn um jeden Preis haben wollten, und die andere Tatsache, daß Hitler seine Ideologie auch mit Gewalt in die Praxis umgesetzt sehen wollte, führten dazu, daß nach dem 2. Weltkrieg Deutschland seinen Weltrang 1 an die USA abgeben mußte.
Um auf Sloterdijks Aussage zurückzukommen (
**): War es wirklich so, wie Sloterdijk behauptet, daß nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland „von Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt“ (**) worden ist, wenn doch schon der Nationalsozialismus selbst primär ein Sozialnationalismus und nur sekundär ein Nationalsozialismus war? Die zwei Hauptideologien im „Deutschland-der-Besatzer“ waren doch die der angelsächsisch dominierten Ideologie (der Globalkapitalismus mit dem Ziel: Ein Weltmarkt in möglichst wenigen Händen [zuletzt: in nur einer Hand {?}]) und die der sowjetsch dominierten Ideologie (der Bolschewsismus, der, wie gesagt, primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus war). Zwischen diesen beiden Hauptideologien stand die alte Bundesrepublik von ihrem Anfang an, während die DDR von ihrem Anfang an nur dem Bolschewismus der Sowjets zu gehorchen hatte. Wer die alte Bundesrepublik noch bewußt erlebt hat, weiß, daß die Bolschewisten hier immer mehr Einfluß bekamen: je reicher die BRD wurde, desto einflußreicher wurde bei ihr die DDR, d.h. die Ideologie der Bolschewisten. Sloterdijk hätte also eher so formulieren sollen: Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde in Deutschland von einem Nationalsozialismus, der primär ein Sozialnationalismus und sekundär ein Nationalsozialismus war, einerseits auf einen Bolschewismus, der primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus war, und andererseits auf einen Globalkapitalismus, der immer mehr durch diesen Bolschewismus gelähmt wurde, umgestellt. Und nach dem Mauerfall (09.11.1989) hat sich diese Entwicklung - für viele wider Erwarten - sogar noch enorm verstärkt, und zwar auch oder sogar besonders zugunsten des Bolschewismus (so, als hätte er doch noch, nämlich durch sein „Ende“, durch seine „Öffnung“ gesiegt!), weil ja die Ideolgie nicht verschwunden ist, sondern sich mehr denn je verbreitet und (wieder) verbündet hat (wo Liberalismus ist, da ist auch Sozialismus - und wenn sich diese beiden Todfeinde verbünden, ist ihr Kampf erst recht nicht vorbei!).
Hat sich 1990 wirklich die DDR der BRD oder nicht viel eher die BRD der DDR angeschlossen? Hat seit Ende des Kalten Krieges bei uns nicht der Bolschewismus mehr Sieg davongetragen als der Globalkapitalismus? Und das in einer Zeit, in der kein einziger Arbeitnehmer mehr ausgebeutet wird, aber sogar auch die Herrschenden so tun, als wäre es noch so, damit sie die Mittelschicht immer mehr ausbeuten, ja „fristgerecht“ enteignen und dabei auch noch ihr „schlechtes Gewissen“ beruhigen können. Das, was noch zur Zeit der Ausbeutung der Arbeitnehmer durch die privaten Unternehmer „rechte“ und „linke“ Ideologie und Politik war, hat sich längst geändert, nämlich umgedreht in einer Übergangszeit bis hin zu der Zeit der Ausbeutung der Mittelschicht durch den staatlichen „Unternehmer“ (das kleptokratische Monster „Leviathan“), die immer noch andauert und hoffentlich bald zu Ende gehen wird. Deswegen ist Sloterdijks Unterscheidung in „Altlinke“ (
**|**|**) und „Neulinke“ (heutige Linke = frühere Rechte) richtig und zu ergänzen: „Altrechte“ und „Neurechte“ (heutige Rechte = frühere Linke). Welche Partei vertritt denn bei uns heute wirklich die Interessen der Mittelschicht? Eindeutige Antwort: Keine! Aber alle Herrschenden bei uns reden so, als ob sie sie verträten, um anschließend wieder die Steuern zu erhöhen und ihre eigenen Schulden allen Mittelschichtlern und deren Nachwuchs in immer größer werdenden Ausmaßen zuzuschieben, aufzubürden. Unsere Herrschenden lügen mehr als alle Herrschenden vor ihnen. Heute sind Rechte verboten, weil sie, nämlich als „Neurechte“ (heutige Rechte = frühere Linke), genau das sind, was früher die Linke, also die „Altlinke“, war: die Partei der Ausgebeuteteten. Genau davor haben unsere Herrschenden am meisten Angst, und genau deshalb - und nur deshalb - sind Rechte verboten! Die Ausgebeuteten kommen heute aus der Mittelschicht! Und nur aus ihr! Meine Forderung lautet: Laßt die Interessen der Mittelschicht zu! Laßt ihre Partei zu! Laßt ihre Rechte zu! Laßt die Rechte zu! Eure Angst vor der Revolution der gebenden Hand, dem Aufbruch der Leistungsträger u.s.w. ist - wie immer - Angst vor dem Machtverlust und sonst nichts! (HB).

„Wenn Sie ein so häßliches Wort wie »Eigennutz« verwenden, brauchen Sie sich über das Ergebnis nicht zu wundern. Man müßte die Frage anders formulieren: »Glauben Sie, daß Menschen eher unternehmerisch werden, wenn sie die Früchte ihrer eigenen Arbeit genießen können?« - und schon haben Sie 67 Prozent Bejahung, oder mehr. Das Wort »Eigennutz« dürfte man erst ins Feld führen, wenn man zuvor über zwei Generationen hin Nietzsches Grundeinsicht in den Schulen gelehrt hätte, daß der Egoismus oft nur das moralische Pseudonym unserer besten Energien ist.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 60).

„Die Konsumgesellschaft frißt ihre Kinder, wen wundert es?“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 61).

„Ich erzäle gern die Geschichte des deutschen Wirtschaftsromans Fortunatus,anonym 1509 zu Augsburg erschienen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 62).

„Es ist nicht ganz einfach, vor unseren christlich-miserabilistischen Hintergrund ein positives Verhältnis zum Reichtum zu entwickeln (das ist Nietzscheanismus bzw. erinnert an Nietzsche, der hier allerdings statt »Reichtum« »Übermensch« geschrieben hätte; vgl. auch: »Nietslot«; HB).. Wir sprechen lieber Arme selig als Millionäre.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 63).

„Die gute Nachrhicht heute lautet: Die Renaissance ist nicht vorüber.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 64).

„Der Wille zu schützen ist zunächst ganz richtig. Man muß begreifen, daß Immunität einen unverzichtbaren systemischen Wert darstellt. Lebende Körper bilden Immunsysteme aus, um sich gegen Invasoren zur Wehr zu setzen. Auch der Nationalstaat erbrachte mit seiner eifersüchtigen Aufmerksamkeit auf Symbole und Grenzen sowie mit seinem Stolz auf die heimischen Klassiker die typischen Aufgaben eines politischen Immunsystems. Seine wichtigste Leistung bestand darin, daß er die internen Verlierer halbwegs zu integrieren wußte. Größere politische Systeme können nur überleben, wenn ihnen die Verliererintegration irgendwie gelingt. Das haben die Römer vorgemacht mit ihrer Brot-und-Spiele-Politik, die nichts anderes war als eine erste Massenkultur, mit dem Zweck, die Ruhigstellung des städtischen Pöbels zu bewerkstelligen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 65).

„Wir wissen, man kann nicht alle Menschen in neue Nomaden und Global Player verwandeln.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 66).

„Die politische Heimat ist das Sekundäre und notfalls entbehrlich, das Wohnen hingegen ist ein primärer anthropologischer Imperativ. .... Menschen sind so gebaut, daß sie, um nicht verrückt zu werden, in guten Redundanzen eingebettet sein müssen - das nennt man Gewohnheiten. Wir leben auf einem Sockel von Gewohnheiten - nur von dem Basislager der Üblichkeiten und Verläßlickeiten aus können wir in das Nicht-Redundante, Außergewöhnliche, Seltene vorstoßen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 66).

„Weltoffenheit entsteht nur, wenn Menschen so etwas wie ein operationsfähiges Zuhase haben, das heißt: wenn sie richtig wohnen. .... Im Heideggerschen Sinne des leisen In-der-Welt-Seins-an- einer-betsimmten-Stelle. Menschen sind darauf angewiesen, bei sich zu Hause zu sein.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 66).


Kapitalismus ist ein janusköpfiger Prozeß

(Gespräch; zuerst in: Tages-Anzeiger, Die Welt als großhelvetisches Experiment, 27.05.2005 )

„Geschichte, im engeren Sinn, nenne ich die Periode, in der die einseitigen expansiven Operationen der Europäer mit echten Erfolgsaussichten ausgestattet waren (vgl. dagegen meine Definition für Geschichte i.e.S. [**|**|**]; HB). Das ist die Ära zwischen der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, 1492, und der Etablierung der ersten globalen Weltwirtschaftsordnung mit dem Währungsabkommen von Bretton Woods, 1944. In ihr hat sich dank der europäischen Expansion das erste echte Weltsystem durchgesetzt (**). Wenn man Weltgeschichte als den Vollzug der Globalsisierung definiert, dann wird auch der ... Satz plausibel: Geschichte ist die Erfolgsphase des Unilateralismus (**).“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 68).


Das ist mir etwas zu westlich, zu okzidentalistisch gedacht. Sloterdijk denkt hier zu wenig in kulturgeschichtlichen Dimensionen. Beispielsweise hatten auch die Ägypter, die Chinesen und vor allem die Römer zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung überhaupt keinen Zweifel daran, daß sich ihre Macht bis zum „Ende der Welt“, wie sie es sich vorstellten (das ist kulturgeschichtlich entscheidend!), ausgedehnt hatte, daß sie also die Welt beherrschten. Daß es auch Gebiete gab, die von ihnen nicht beherrscht wurden (der freie, große Teil Germaniens z.B.), war ihnen bewußt, spielte aber bei ihrer Interpretation, die „Welt“ zu beherrschen, keine Rolle, weil eine solche Interpretation von der Macht, den Machtverhältnissen ausgeht - und das ist auch heute nicht anders. Auch die früheren, auch die nichteuropäischen Expandierer verstanden sich zu den entsprechenden Zeiten als „Welt“-Eroberer und ihre daraus resultierenden Imperien als ein „echtes Weltssystem“, obwohl ja, wie Sloterdijk richtig sagt, „das erste echte Weltssystem“ („echt“ heißt in diesem Zusammenhang für mich: im Sinne naturwissenschaftlicher Überprüfbarkeit!) erst ab 1492 von den Europäern „durchgesetzt“ wurde und (hier setzt mein zweiter Kritikpunkt an) immer noch wird, denn nach meiner Deutung ist dieser Prozeß - trotz Bretton Woods und Atombombe - noch nicht beendet. (HB).

„Im Unterschied zu Leidenschaften und Kränkungen machen Interessen fast immer klug.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 70).

„Der Handlungsstil der heute maßgebenden Akteure wird postheroisch (**), das heißt, es kommen immer weniger Helden und Romantiker an die Macht. Der Postunilateralismus (**) zieht den Postheroismus (**) nach sich.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 70).


Die Vorsilbe „Post“ („post“) muß nach meinem Dafürhalten unbedingt durch die Vorsilbe „Spät“ („spät“) ersetzt werden, also in Sloterdijks Beispielen: „postheroisch“ durch „spätheroisch“, „Postunilateralismus“ durch „Spätunilateralismus“ und „Postheroismus“ durch „Spätheroismus“ (**); denn, wie schon gesagt, weder das Heroische noch das Unilaterale ist zu Ende. Geschichte ist auch nicht oder jedenfalls nicht nur „die Erfolgsphase des Unilateralismus“, wie Sloterdijk meint (**). Vgl. meine Definition für Geschichte als: Geschichte i.w.S., Geschichte, Geschichte i.e.S. (**|**|**|**) und außerdem meine vorherige Anmerkung (**). Ich finde, daß Sloterdijk diesbezüglich denselben Denkfehler macht wie alle Zeitgenossen einer Spätmoderne (**), und weil er Abendländer ist, diesen Fehler auf spezifisch abendländische (faustische!) Weise, also z.B. mit sehr viel Dynamik und darum auf besonders fatale Weise begeht! Es mag sein, daß es dem Abendland - also dem sogenannten „Westen“ - gelingen wird, das „erste echte Weltsystem“, den „Postheroismus“, den „Postunilateralismus“ u.ä. spätmoderen Vorstellungen zu verwirklichen. In allen anderen Kulturen aber führten derartrige Verwirklichungen bisher stets - früher oder später - in ein Chaos, zu einem Machtwechsel (oft sogar fremdkultureller Art), in ihre Vereisung, ihre Erstarrung, oft sogar ihren endgültigen Untergang, ihr Ende, ihren Tod. Das annschaulichste Beispiel hierfür liefert - wohl nicht zufällig - jenes von „Europäern“ gegründete Imperium: Rom! (HB).

„Früher gab es interantionale Beziehungen. Heute ist die Welt interkantonal strukturiert. Es gibt keine Nationen mehr (noch gibt es sie, und es wird sie, falls sie wirklich überwunden werden sollten, noch für gewisse geben, ja sogar geben müssen; HB), es gibt nur noch Kantone (schön wär’s ja; HB), die das ersetzen, was man früher Nationen nannte. Ein Teil der europäischen Malaise gründet darin, daß die Menschen noch nicht verstanden haben, daß die Zukunft den Kantonen und nicht den Nationen gehört. In Europa - wie auf der Welt insgesamt - versucht man, ein großhelvetisches Experiment (**) durchzuführen. Überall dort, wo das große Wohlfahrtstreibhaus seine klimatischen Verhältnisse und Bedingungen durchgesetzt hat, tritt eine Interkantonalverfassung ein (meistens muß der Krieg nachhelfen, aber schon zu Zeiten von Roms Cäsaren sagte man ja nicht mehr „Krieg“, sondern „Befriedung“; HB). ... Wir befinden uns in einer neuen Situation, in der die konföderierten Staaten von Europa entstehen: Diese basieren auf der unsichtbaren Gleichung von Nation und Kanton. .... Immer wenn eine solche konföderierte Struktur im Auftauchen begriffen ist, bietet sich auch die Chance zu entdecken, daß es eine entlastete, eine schwache Form von Anatomie geben kann. Auf der höheren Ebene, an der Außengrenze des Verbundes, entstehen um so rigidere Abgrenzungen. Der Kanton selber wird zu einer relativ entpolitisierten, in einem guten Sinne öffentlichen Zone, in der ein hohes Maß an Zivilität eintritt: Man muß hier nicht mehr über Fragen von Sein und Nichtsein diskutieren. Dies kommt einer Entlastung von den höchsten Formen de Politischen gleich. Im Binnenraum setzt sich - und das meine ich, wenn ich vom sozialen Treibhauseffekt rede - ein ganz anderer Modus des Realitätsmanagements durch. Während man an der Außenraumgrenze, wo die großen Schutz- und Immunsysteme wirksam sind, über Grundsätzliches streitet, streitet man im Innern nur noch über kulturelle Differenzen und Präferenzen, das heißt über Fragen der Moral und des Geschmacks (wie tödlich - langweilig! HB).“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 71-72).

„Kapitalismus ist ein janusköpfiger Prozeß, der nach außen hin Härte erzeugt und nach innen hin verwöhnt mit künstlichen Tropen des Konsums. Man stellt die Temperatur im Innern des großen Genußtreibhauses relativ hoch ein, damit sich die Menschen in Orchideen oder sonstige Schling- und Verschlingpflanzen verwandeln. Nach außen hingegen stellt man sie tief auf Ungemütlichkeit ein. Dieses thermopolitische Netz ist die neue Biopolitik oder Anthropopolitik.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 72).

„Ich stelle die unvermeidliche Kritik an der Globalisierung nicht in Frage, ich naturalisiere sie bloß. Wie der Körper auf eine Infektion mit Fieber reagiert, so reagieren bestimmte imaginäre Systeme auf Invasion mit Xenophobie (und selbst dann, wenn Außerirdische kämen, wäre die Immunreaktion auf sie nur »Xenophobie«, nicht wahr? HB). ... Da diese Phase irgendwann überwunden sein wird (aha - also doch! HB), kann man von einer Kinderkrankheit sprechen. Dieser Begriff zeigt übrigens eine erbauliche Perspektive auf: Einerseits weist er auf eine unvermeidliche Reaktion auf eine unvermeidliche Irritation hin, andererseits ordnet er sie in eine Biographie ein. Wie unser Immunsystem zum Lernen durch die Umwelt verdammt ist, so ist auch unser Denken zum Lernen durch das Reale verurteilt. Das ist Evolution (aber das ist auch und zuerst einmal Schopenhauerianismus und dann noch mehr Nietzscheanismus und zuletzt auch ein wenig Sloterdijkianismus; vgl. auch: »Schonietslot«; HB). Man kann nur vorwärts, nicht rückwärts leben.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 73).


Wir lebten in einer Friovolitätsepoche

(Gespräch; zuerst in: Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2008 )

„Wenn das so ist, würde ich dafür plädieren, daß sie (die Wirtschaftsnobelpreisträger sind gemeint; HB) die Nobelpreise zurückgeben, denn die wurden fast alle für Arbeiten vergeben, die auf rationalistischen Idealisierungen und mathematischem Bluff beruhten. Man muß endlich auch die Wirtschaftswissenschaften als Wissenschaften vom Irrationalen rekonstruieren, als eine Theorie des leidenschaftsgetriebenen und zufälligen Verhaltens. .... Der wirkliche Mensch, wie er außerhalb der theoretischen Modelle erscheint, lebt durch die Leidenschaften, aus dem Zufall und dank der Nachahmung. Für aufklärerisch gesinnte Menschen enthalten diese Diagnosen starke Zumutungen. Wir wollen als vernünftig, organisiert, selbstdurchsichtig und originell gelten und sind in Wahrheit unberechenbar, chaosanfällig, trüb und repetitiv.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 75-76).

„Ungleichheiten haben dort am stärksten zugenommen, wo sich der Staat am meisten einschüchtern ließ. Bei uns ging das so weit, daß der Staat unter dem Druck der Ideologien seine Definition als Hüter des Gemeinwohls vergessen hat. Er stellte sich ohnmächtig und verlor seine effektive Definition aus dem Auge. Unseligerweise mißversteht man den Sozialismus seit langem bloß als Parteiprogramm oder als soziale Bewegung, in Wahrheit ist der moderne Staat per se funktional sozialistisch oder besser semisozialistisch, so wie die moderne Gesellschaft per se kapitalistisch funktioniert. Aus der Verkennung dieser Sachlage durch die politische Klasse erklärt sich ein Gutteil der aktuellen Staatsschwäche. Man hielt den Sozialismus für historisch widerlegt und begriff nicht, daß er keine Ideologie ist, die kommen und gehen kann, sondern die funktionale Dimension der Staatlichkeit selbst darstellt, mit der das Gemeinwesen steht und fällt. Ein Politiker auf der Höhe wäre jemand, der den klaren Blick auf dieses Szenario besitzt. Er würde verstehen, daß der erfolgreiche Staat eine semisozialistische Agentur ist, die sich Jahr für Jahr die Hälfte des Bruttoinlandprodukts holt, um ihre Ordnungs- und Umverteilungsaufgaben zu erfüllen. Das kann sie nur im Bündnis mit einer belastbaren Ökonomie, die sich die regelmäßige Schröpfung gefallen läßt. Bei einer Staatsquote um fünfzig Prozent (**|**|**|**|**) ist die öffentliche Hand nicht so jämmerlich, wie sie seit langem tut.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 76-77).

„Wir werden sehen, ob die massiven Staatshilfen und Konjunkturprogramme, die überraschenderweise über Nacht auf die Beine gestellt werden konnten, die gewünschten Wirkungen zeitigen. Ein positiver Effekt ist schon jetzt evident: Der dumpfe Riese Politik wacht auf. Inzwischen weiß man auch etwas besser als nach dem Schwarzen Freitag, wie man mit Panikökonomie und Abschwung umgeht. Im Alltag muß der Staat als Steuersouverän permanent den Balanceakt zwischen zwei gleich gefährlichen Suggestionen meistern. Die eine sagt: Erhöhe die Steuern, damit die Umverteilungsmasse wächst, die andere: Senke die Steuern, damit die Konjunktur in Schwung kommt. Aber das ist die Essenz der Moderne selbst – das ständige Hin und Her zwischen Entlastung und Wiederbelastung.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 77).

„Das englische Wort »Commonwealth« und das deutsche »Gemeinwohl« drücken die moralische Intuition aus, daß es Formen von Wohlergehen gibt, die man nur gemeinsam erlangt. Beide Wörter spielen auf eine immunsystemische Bedeutung des Sozialen an, in ihnen klingt der Zusammenhang zwischen Gesundheit, Wohlstand und Gemeinsamkeit mit. Leider sind in der Ära des eingeschüchterten Staats und der blühenden individualistischen Illusion Politiker selten, die hieran mit Autorität erinnern könnten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 77).

„Man redet heute viel zu viel von der Gier der Reichen. In meinem persönlichen Umgang mit großen Wirtschaftsleuten beobachte ich, daß die simple Psychologie des Bereicherungstriebs bei ihnen nicht greift. Von einem bestimmten Vermögensvolumen an ändert sich die psychische Dynamik, der wohlhabende Mensch wechselt von der Gier zum Stolz.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 78).

„Es gibt natürlich auch einen Oligarchismus, der gierig und kläglich bleibt. Oder wie unsere Großmütter sagten: »Ein reicher Mann ist ein armer Mann mit viel Geld.« Für die Menschen, die ihren Wohlstand verinnerlicht haben, trifft diese Bemerkung aber nicht mehr zu. Sie führen den Beweis, daß Menschen ebenso Geber sein wollen wie Nehmer. Das Geben ist die Grundlage für die Ökonomie der Geltung, und wer Prestigekapital bilden will, muß als Geber auffällig werden. So entstehen philanthropische und kulturelle Engagements. Warren Buffett und Bill Gates etwa haben sich in einem Akt kathartischer Selbststeigerung von einem großen Teil ihres Vermögens getrennt. Das sind keine kleinbürgerlichen Gier-Gesten, sondern neoaristokratische Stolz-Gesten (da ist er wieder: der Nietzscheanismus; vgl. auch: »Nietslot«; HB). Man muß sich davor hüten, die Vorgänge in der Welt des Reichtums immer nur durch die kleinbürgerliche Brille zu sehen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 78).


Unruhe im Kristallpalast 

(Gespräch; zuerst in: Cicero, 01 / 2009 )

Zum Text


Verschwendung für alle

(Gespräch; zuerst in: Psychologie heute, Die Welt da draußen und unsere kommunikativen Utopien, 10 / 2009 )

„Das Monadenkonzert kam einzig durch Gottes prästabilierte Harmonie zustande. Hingegen müssen die aktuellen Monaden, die Mensvchen in ihren Wltinseln, den Zusammenhang mit anderen in eigner Aktivität herstellen. Deswegen ja auch dieser ungeheure Akzent auf dem Wort Kommunikation, das allen sensiblen Zitgenossen längst zum Halse raushängt - gleichwohl beschreibt es eine ununterdrückbare Realität. In den Prozessen der Inselbildung in den postmodernisierten (**) Gesellschaften haben die technischen Medien eine so herausragende Bedeutung gewonnen, weil sie es den Menschen nämlich ersst ermöglichen, den Welteffekt hervorzurufen, den ihre Insel erreichen muß. Die Menschen haben Welt in dem Maße, wie sie von etwas relativ Vollständigem umgeben sind.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 87).


Die Vorsilbe „Post“ („post“) muß unbedingt durch die Vorsilbe „Spät“ („spät“) ersetzt werden, also in Sloterdijks Beispielen: „postmodernisierten“ durch „spätmodernisierten“, (**); denn es gibt noch keine „Postmoderne“ - was wir erleben, ist keine „Postmoderne“ (noch nicht!) , sondern eine „Spätmoderne“. In meiner obigen Anmerkung (**) habe ich mit Bezugnahme auf ander Beispiele hierauf bereits hingewiesen. Der Prozeß der Moderne ist noch nicht zu Ende (noch nicht!). Sloterdijk denkt in dieser Hinsischt zu voreilig!

„Jede Insel ist ein Weltmodell. Und ein Modell muß alles repräsentieren, was eine Welt zur Welt macht, es bedarf also einer Art ontologischer Vollständigkeit.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 87).

„Wir können sowieso nicht »da draußen« sein (nein? HB). »Welt« ist kein gültiger Name für einen realen Auefenthaltsort. Das ist zugleich mien Einwand gegenüner Martin Heidegger unds einem Ausdruck »In-der-Welt-Sein«, der eine gernzenlose ontologische Ekstase bezeichnet. Wirt müssen diese Wendung abmildern zu dem Begriff »In-Spären-Sein«.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 87).

„Erst die bewohnte Sphäre liefert die Zwischengröße zwischen der totalen Ekstatse in der Welt und der totalen Enstatse im Kokon. Der völlig kokonisierte Mensch wäre derjenige, der dem »In-der-Welt-Sein« die vollkommenste Absage erteilt hätte und dem es gelungen wäre, sich auch in der Erwachsenenposition wieder sozusagen zu fötalisieren. Er zwingt die Mitwelt, Mutterschoßeigenschaften zu entwickeln.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 87-88).

„In meinen Augen erzeugt der Kapitalismus so etwas wie eine Anthropdizee, das heißt, er holt an den Menschen Wesenszüge hervor, die altent immer schon angelegt sind. Zum Beispiel die antisoziale Tendenz. Durch die moderne Technologie wird ein einzigartiges Experiment möglich, in dem beide Grundstrebungen, die soziale wie die antisoziale, neu ausbalanciert werden.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 89).

„Eine der erstaunlichsten leistungen unserer Zivilisation besteht offenkundig darin, daß es uns gelingt, Sedimente von Jahrmillionen in hundert Jahren wegzupusten. Diese Mobilmachungsleistung ist noch nicht geung gewürdigt worden. Sie ist das Hintergrundfeuerwerk der gegenwärtigen Zivilisation ....“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 89).

„In Wahrheit sind wir alle Feuerwerker.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 90).

„Wonach wir künftig suchen, ist eine technische Utopie für die Art der Postfossilität, ein Energiesystem, das dem Feuerwerkscharakter des modernen Modus vivendi stabilisiert und sogar noch potenziert - ohne die fatalen ökologischen Probleme heraufzubeschwören, die mit der »Fossilkultur« (Anführungszeichen von mir; HB) verbunden sind. Diese Utopie könnte nur dadurch verwirklicht werden, daß die Menschheit, verterten durch ihre technische Avantgarde, das Projekt der technologischen Moderne fortführt (**) - welches ... lautet: Sieg über die Sonne.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 90).


Hier gibt Sloterdijk ja sogar zu - wenn auch nur indierkt (!) - , daß die „Moderne“ noch nicht zu Ende ist (vgl. seine spekulativen Aussagen über die sogenannte „Postmoderne“ [**] und dazu meine Anmerkung [**]), wie ich immer wieder betonen muß. Sloterdijk wäre mir wesentlich sympathischer, wenn er - wenigstens vorübergehend - seine Spekulationen über die „Postmoderne“ (**) aufgeben würde! Er kann offenbar die „Post“ (als Vorsilbe!) nicht abwarten!

„Beispielsweise soll im Fusionsreaktor-Forschungszentrum ... ganz ersnthaft an der Sonnenmaschine gearbeitet werden - auch wenn die Kernfusion letztlich physikalisch nicht ganz dasselbe sein wird wie die Prozesse, die im Inneren der Sonne ablaufen. Der Sache nach ist die Moderne eine heliotechnische Unternehmung. Und daran hängt die utopische Valenz des 21. Jahrhunderts (**) und des Modus vivendi einer voll dynamisierten, hyperkonsumistischen Menschheit.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 90).

„Ich glaube, es würde zumindest einen entscheidenden Zug beibehalten vom alten Lebensgefühl der fossilenergetischen Feuerwerkszeit: Nämlich dieses Empfinden, daß die Energiebilanz des Einzellebens grenzenlos negativ sein darf. Das heißt, es fließt dem Menschen aus einer nicht näher identifizierten Quelle unerschöpflich Energie zu. Im übrigen würden dann immer mehr Menschen lernen müssen, mit Überfluß umzugehen. Und das ist psychologisch sehr, sehr schwierig. Denn in dem Augenblick, wo die Menschen mehr haben als das Nötigste, fangen sie an, sich zu vergleichen mit solchen, die noch mehr haben. Daraus entwickeln sie Mangelgefühle zweiter Ordnung, die aus dem Vergleich stammen. Der Mangel erster Ordnung wird in der Wohlstandskultur außer Kraft gesetzt - um so wütender wird er als Mangel zweiter Ordnung wieder eingeklagt. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 90-91).

„In dieser Situation muß in der modernen Kultur die Funktion Weisheit eingreifen. Ich bin sicher, so etwas wie ein AUttauche;; e1~er~~uen Weisheitskultur steht unmittelbar bevor. Sie setzt genau an der kritischen Alternative an: Entweder begreifen die Menschen ihre postmaterielle Chance, oder sie fallen auf das sozialpsychologische Teufelswerk eines Mangels zweiter Ordnung herein, der gegenwärtig an allen Fronten der Gesellschaft aufgeheizt wird.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 91).

„Auf der einen Seite ist die materielle Sättigung erreicht, und das Mehrwollen wird nur noch durch eine künstliche Mangelideologie weiter gesteigert. In dem Moment, wo viel vorhanden ist, kann man natürlich unendlich viel nachfordern. Wer da nicht aufpaßt, gerät in die Unzufriedenheitsfalle, die gerade in der Reichtumskultur so weit aufklafft wie nie zuvor. Was man schon daran erkennt, wie in der reichen Welt Armut definiert wird. Wer weniger als sechzig Prozent des sogenannten Durchschnittseinkommens bezieht, gilt hieraIs arm. Ein vollkommener Wahnsinn, wenn man bedenkt, wie die Verhältnisse in der Sphäre der absoluten Armut sich darstellen, also in der Sphäre der Bedürfnisse erster Ordnung.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 91).

„Die moderne Massenkultur exekutiert die Tendenz zur Veräußerlichung der Innenwelten. Wir haben eine mediale Bilderwelt geschaffen, die dem einzelnen die Traumarbeit, die mythologische Arbeit abnimmt, indem sie fertige Traumbilder für die fehlenden eigenen Imaginationen anbietet. Wer sich dem entziehen will, kann nur durch eine Art Roß-und-Reiter-Spiel in bezug auf sich selbst in die dominierende Position kommen. Ein Leben führen heißt ja nichts anderes, als daß sich die Person gegenüber ihrem vitalen Grund sozusagen in den Sattel schwingt und das eigene Leben in Roß und Reiter aufspaltet. Der Reiter wäre als derjenige, der das Leben führt, und das Leben selber ist das geführte Roß. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 91-92).

„Wir finden solche Metaphern bereits bei Platon, wenn er in der Politeia sagt, daß eine innere Aristokratie dem inneren Mob Zügel anlegen müsse, damit nicht das viele Schlechte in uns an die Macht kommt, sondern das wenige Gute. Wir haben es mit einem über 2000 Jahre sich hinstreckenden Kontinuum an selbstbeherrschungsmetaphern zu tun, die notwendigerweise dann auftreten, sobald beobachtet wird, daß es in höheren Kulturen nicht mehr genügt, einfach so heranzuwachsen, sondern daß regelrecht Erziehung stattfinden muß.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 92).

„Darum entsteht das Reich der Pädagogen, in dem wir seit der Antike leben und das heute durch die Psychologen ergänzt wird. Es beweist, daß die traditionelle Passung zwischen den Kulturen und den Individuen verlorengegangen ist. Vor allem jene, die 1. höhere Leistungen erbringen sollen, müssen einen jahrzehntelangen Anpassungsvorgang durchlaufen, sie müssen so lange geschliffen werden, bis sie imstande sind, die unwahrscheinlichen Leistungen zu erbringen, die die höheren Kulturen von ihnen erwarten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 92).

„Die Verwandlung der Welt in ein Trainingslager ist seit 3000 Jahren im Gang - und die Ära der Globalisierung wird dieses Merkmal noch verstärken.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 92).

„Es gibt beim Menschen keine ursprüngliche Passivität. Wie alle Lebewesen ist der Mensch zunächst und zumeist innerhalb seines Wirkungskreises ganz auf Tätigkeit ausgelegt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 92).

„Jedes Lebewesen ist der Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte des Etwas-tun-Könnens, einer Ausdehnungsgeschichte von Kompetenzen und Kräften und Ausgriffen. Aber es gibt in den menschlichen Kulturen die bedauerlicherweise schon sehr alten politischen und psychosozialen Mechanismen, die die Individuen unter ihre Möglichkeiten drücken: jahrtausendelange Versklavungen, jahrtausendelange Niederlagen der Intelligenz, an denen die sogenannten religiösen Überlieferungen ein gut Teil der Mitschuld tragen. Denn in den religiösen Seelensteuerungssystemen ist viel Entmutigungsmythologie enthalten, es wird in ihnen oft eine gefährliche Unterwerfungs- und Schwächungsmythologie überliefert. Überdies haben wir in den Hochkulturen gut 3000 Jahre Welt- und Lebensverneinung zu verbuchen. Die Umstellung der Spiritualität auf Bejahungswerte ist erst vor wenigen Jahrhunderten erfolgt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 92-93).

„Die expansiven Weltreligionen, vor allem Buddhismus und Christentum, aber auch der Hinduismus, waren zumeist ganz mißverständlich Doktrinen der Welt- und Lebensverneinung. Erst vor relativ kurzer Zeit, in Europa vielleicht beginnend mit der Renaissance und eigentlich erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, wurden die Vorzeichen von Minus auf Plus umgestellt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 93).

„Es ist im wesentlichen der Übergang von einer Metaphysik des Mangels auf die gelassene Feststellung der Fülle. Diese Kehre zu einer Weltauffassung im Geist des Fülledenkens hat in jüngerer Zeit das Denken in planetarischem Maßstab verändert. Aufgrund dieser Umstellung auf Lebensbejahung ist Friedrich Nietzsche eine Jahrtausendfigur. Sein großes Anliegen ist es gewesen, die Selbstlosigkeitsaskesen, die Welt- und Lebensverneinungsübungen zu ersetzen durch Steigerungs- und Kreativitätsaskesen sowie durch Übungsformen der Welt- und Lebenszugewandtheit. Er hatte begriffen: Die Welt ist kein Ort, der von sich aus zur Magersucht einlädt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 93).

„Man muß lernen, den Reichtum als neue Grundgegebenheit zu erfassen. Doch eine Reichtumskultur braucht Weisheit im Hinblick auf ihre internen Gefährdungen - sie muß wissen, daß alles, was an Reichtum hinzugewonnen worden ist, im Nu durch die Wettbewerbe der Unersättlichkeit entwertet werden kann.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 94).

„Die Ermutigung erzeugt der einzelne nicht aus sich selber. Ermutigung ist in Allianzen eingebettet. Ermutiger sind öffentliche Instanzen. Es sind die vorbildlichen Menschen, und die muß man sich suchen. Das heißt, man muß den Trainer finden, dem man vertraut. Der Trainer ist derjenige, der dir sagen darf: Du mußt dein Leben ändern. So etwas lasse ich mir nur von demjenigen sagen, von dem ich aufgrund einer intuitiven Vorwegnahme zu wissen glaube, daß er das Recht hat, einen solchen Satz zu äußern. Wenn er mich in der zweiten Person Singular anspricht, darf keine Anmaßung im Spiel sein. Das kann nur der vorbildliche Mensch, und solche Menschen melden sich jetzt in der Krise der Moderne, die ja auch eine Krise der Vorbilder ist, allmählich zurück. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 94).

„Wir hatten jahrhundertelang fragwürdige Vorbilder. Zum Beispiel das Vorbild des selbstzerstörerischen Künstlers, der vor lauter Intensität seine Kerze an beiden Enden anzündet und sich in einer Art fröhlicher Selbstzerstörung so früh wie möglich aus der Welt schafft. Oder der faustische Unternehmer, der nie zur Ruhe kommt, und der neureiche Spekulant, der das Wort »genug« nicht mehr gebrauchen kann.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 94).

„Die nächstliegenden Modelle sind die Sportler. Das sind diejenigen, die aufgrund eines persönlichen Ehrgeizes oder einer Kombination von Ehrgeiz und Talent sich aus der Menge herausheben und unglaubliche Anstrengungen auf sich nehmen, um die Grenze des Möglichen im physischen Bereich weiter hinauszurücken.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 94).

„Sie erlangen nicht das Unmögliche, aber sie rücken die Grenzen des Unwahrscheinlichen hinaus. Daneben haben wir auch in unserer Zeit die großen Helfer, das heißt Menschen, die stark für andere sind. Sie sind in der modernen Welt bereits allgegenwärtig. Im Grunde geht die ganze Bewegung in Richtung auf das, was Nietzsche die schenkenden Tugenden genannt hat. Weg von der Seinsweise der Gier - hin zur Seinsweise der Großzügigkeit.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 94).

„In der Tat, weil das Individuum dann aus dem Schein und der Wirklichkeit der Mangelkultur austritt und übergeht in eine Welt der Fülle, in der ein anderes Verhaltensgesetz gilt. Sobald das Gesetz des Mangels außer Kraft gesetzt wird, wechselt der einzelne von der Rolle des Nehmers ohne Grenzen über in die Position des Gebers. Das bringt die entscheidende Wandlung.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 95).

„Meine Wahl entspringt einer lebensgeschichtlich gewachsenen Präferenz. Man kann sich, einen gewissen Freiheitsinstinkt vorausgesetzt, gegen die Opferreligion entscheiden, die uns von allen Seiten nahegelegt wird, man kann gegen die Genugtuung an der eigenen Depression Stellung nehmen. In unserer Kultur gibt es einen gut eingespielten Teufelskreis, der bewirkt, daß es sich viele Menschen bequem machen in einer Negativität, die sich selber immer wieder recht gibt. Wer diesen Zirkel erkannt hat, kann ihn auchverlassen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 95).

„Es ist sicher leichter, ihn zu erkennen, als ihn zu sprengen. Denn die Genugtuungen, die man beim Laufen in diesem Zirkel erhält, sind groß. Man glaubt ja auch leicht, daß man auf der Seite der moralisch Besseren steht, wenn man bei den tristen Menschen ist und mit ihnen im Zirkel der Negativität lebt. Dies ist aber die schlimmste Verführung, weil damit eine geistige Lustprämie auf Negativität ausgesetzt wird, die man nicht so gerne aus der Hand gibt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 95).

„Eine globale Bescheidenheitsrevolution ... würde auf ein Ethos der menschheitsweiten Selbstbeschränkung hinauslaufen .... Eine Utopie der Verschwendung für alle läßt sich nur aufrechterhalten, wenn sich das geotechnische, weitgehend unverstandene Projekt der Moderne, aus der Erde eine Sonne zu machen, verwirklicht (**).“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 95).

„Ich selber bin ein Mensch des Verschwenungszeitalters, und ich bin sentimentaler Regungen zugänglich. Darum würde ich gerne Verschwendung für alle anbieten, wohl wissend, daß das unmöglich ist. Jedoch: Einen politischen Aspekt der Schwankung zwischen Bescheidenheit und Verschwendung sollten wir nicht übersehen: Die Bescheidenheit für alle wäre nur auf dem Wege einer planetarischen Ökodiktatur zu verwirklichen. Man sollte rechtzeitig dafür sorgen, daß eine solche nicht notwendig wird.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 96).


Kapitalismus und Kleptokratie

(zuerst in: F.A.Z, Die Revolution der gebenden Hand, 10.06.2009 )

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Tragische Sozialdemokratie

(zuerst in: Cicero, Aufbruch der Leistungsträger, 11 / 2009 )

„Sozialdemokratie ist zugleich eine Systemformel: Sie beschreibt genau die politisch ökonomische Ordnung der Dinge, die den modernen Staat als Steuerstaat, als Infrastrukturstaat, als Rechtsstaat und nicht zuletzt als Sozialstaat und Therapiestaat definiert. Man hat es infolgedessen in der systemischen Wirklichkeit der westlichen Nationalstaaten immer mit zwei Sozialdemokratien zu tun, die man sorgfältig auseinanderhalten sollte, wenn man der Verwirrung entgehen will. Wir begegnen überall einer phänomenalen und einer strukturellen, einer manifesten und einer latenten Sozialdemokratie, einer, die als Partei auftritt, und einer, die in die Definitionen, Funktionen und Prozeduren der modernen Staatlichkeit als solcher mehr oder weniger irreversibel eingebaut ist.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 106).

„Die nominellen Sozialdemokraten hingegen hatten von den Tagen Schröders an politischer Reife demonstrieren wollen, indem sie tapfer selbstzerstörerisch die unumgänglich »notwendige« Reformpolitik praktizierten, von welcher der listig träge Kanzler Kohl stets die Finger gelassen hatte. Aus dieser Sicht war es Gerhard Schröder, der aufgrund seiner nicht-lethargischen Qualitäten den Niedergang seiner Partei einleitete. Man muß begreifen: Seit den Tagen Helmut Kohls herrscht im Bundestag nicht bloß das Gesetz der Wählerverwirrung durch Programmvertauschung zwischen links und rechts, auch der Begriff Opposition hat einen neuen Sinn angenommen: Opposition ist längst nicht mehr das, was die Nichtregierungsparteien treiben. Opposition wird wirksam nur noch durch die aktuelle Regierung ausgeübt, und zwar dadurch, daß sie ihrer möglichen Nachfolgerin die Probleme hinterläßt, an denen sie zuverlässig scheitert. In diesem Sinne brachte die Merkel- Wahl von 2005 eine späte Genugtuung für den Vater aller Lähmungen. Auf seinen Spuren zog seine natürliche Tochter ins Kanzleramt ein. Man lernt daraus: Der lethargokratische Politiker wird mittelfristig belohnt, weil er und seine Nachfolger die besten Chancen haben, die nächste Wahl zwar zu verlieren, aber dafür die übernächste zu gewinnen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 107).

„Ein suspektes Sprichwort behauptet, es gäbe Leute, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Ob so etwas vorkommt, sei bis auf weiteres dahingestellt. Sicher ist aber, daß es Leute gibt, die vor lauter Parteien den Staat nicht sehen. Solche Leute sehen auch vor lauter Mangelalarm die unglaublichen Reichtümer nicht, die heute wie gestern durch die öffentliche Hand gesammelt und zur Umverteilung gebracht werden. Man redet von »leeren Kassen« und beschreibt damit eine Staatlichkeit, die Jahr für Jahr rund 1000 Milliarden Euro vereinnahmt und verteilt. Solche Staatsblindheit gilt besonders für die diskutierende Klasse, an ihrer Spitze eine Anzahl von »kritischen« Soziologen, in Frankfurt und anderswo, die seit Jahrzehnten die scheinplausible These verbreiten, wir lebten unter der Knute des Neo-Liberalismus und des »ökonomischen Horrors« ....“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 107-108).

„Die Wesensgleichheit zwischen objektiver Sozialdemokratisierung und starker Steuerstaatlichkeit geht hierzulande bis in die Bismarkzeit zurück, als der Eiserne Kanzler den Forderungen seiner Widersacher im preußischen Parlament entgegenkam, um sie spöttisch zu neutralisieren. Doch hat auch die Wilhelminische Ära das ihre zur Etablierung des modernen Fiskalsystems beigetragen, als mit den Miquelschen Finanzreformen 1891/’93 die progressive Einkommenssteuer in Preußen heimisch wurde. Seither läßt sich mit gutem Grund die These vertreten, der moderne Steuerstaat sei per se das Vollzugsmedium des objektiven Sozialdemokratismus. Zugespitzt gesagt: Der durch sein Fiskalprinzip ermächtigte Umverteilungsstaat aktuellen Typs verkörpert essenziell eine krypto-semi-sozialistische Struktur. Aus Hegelscher Sicht dürfte man hinzufügen, dies könne und dürfe auch gar nicht anders sein, sofern die Staatlichkeit als solche das Organon des Allgemeininteresses verkörpert. Die sichtbare Hand des Allgemeinorgans, verkörpert durch den empirischen Finanzminister, greift dem wirtschaftenden Bürgern mit einiger sittlicher Berechtigung regelmäßig in die Tasche, um sie zu einer kräftigen Abgabe ans Ganze zu bewegen. Für einen Philosophen deutsch-idealistischer Provinzienz bereitet es nicht die geringste Schwierigkeit, das aktuelle System starker Steuerstaatlichkeit als real existierenden Semisozialismus zu definieren. Um aber den fiskalisch basierten Semisozialismus in seiner Eigenart zu begreifen, muß man zwei Dinge stets in Betracht ziehen: zum einen, daß seine Existenz von allen Akteuren strikt geleugnet wird - von den Linken, weil sie andernfalls erklären müßten, mit welcher Begründung sie chronisch mehr wollen, von den Rechten, weil sie sonst zugeben müßten, daß sie im wesentlichen längst heimliche Linke sind. Zum anderen ist für den realen Semisozialismus bezeichnend, daß er bisher ausschließlich in nationalstaatlichen Formen praktizierbar war.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 108-109).

„Der Grund hierfür ist leicht zu nennen: Schon das späte 19. Jahrhundert hat die beiden großen Impuls-Ideen der neueren Zeit, den nationalen und den sozialen Imperativ, zu mehr oder weniger effektiven, auch zum Teil fatalen, Synthesen zusammengebaut. Infolgedessen ist der moderne Staat bis heute strukturell nationalsozial oder sozialnational ausgerichtet. Als Nationalstaat formatiert er die Solidargemeinschaft zu einem »Volk« mit gemeinsamen Schicksalen und Symbolen, als Sozialstaat formatiert er das Volk zu einer operativen Solidargemeinschaft, und zwar temporal als Zusammenhang der Generationen und funktional als Zusammenhang von Volk und Eliten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 109).

„Dieses System stößt seit einer Weile an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. In seiner erhöhter Migration, also intensiverer Zuwanderung, zunehmender Elitenabwanderung und demographischer Ausdünnung macht der moderne Staat die irritierende Entdeckung, daß es mit der sozialnationalen Synthese allein auf Dauer nicht mehr getan ist. Seiher lautet die Aufgabe für den Staat, der sich und seine Populationen reproduzieren will: Es gilt, eine Integrationsformel höherer Stufe zu finden, kraft welcher eine zunehmend heterogene Staatsbevölkerung als Leistungsträgergemeinschaft jenseits der divergierenden Herkunftskulturen bestimmt wird. Diese Formel kann nur durch einen neuen »Gesellschaftsvertrag« zustande kommen, der die Leistungsträger aller beteiligten Seiten in die Mitte der sozialen Synthesis rückt. An dieser Problemfront engagieren sich seit einer Weile die weitsichtigeren Teile der Bürgergesellschaft und der Staatlichkeit, denen eines völlig klar ist: Das soziale Band von morgen wird durch die Investitionen und Integrationen geknüpft, die hier und heute geschehen. Wird die vorausschauende Pflege dieses Bandes vernachlässigt, bringt man durch Unterlassungen von heute den Zerfall von morgen auf den Weg.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 109-110).

„Wenn schon die zweite Große Koalition (der BRD; HB) ... verhängnisvoll war, weil sie den Volksparteien das Genick brach, so könnten die vielfältigen Koalitionsfiguren, die sich für die Zukunft abzeichnen, erst recht fatale Folgen zeitigen, weil sie die Italienisierung der Verhältnisse in unserem Land vorantreiben.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 112).

„Die Antithese zwischen der Linken und den Liberalen ist überaus bedeutungsvoll, um nicht zu sagen zukunftsentscheidend, weil sich in ihr eine bisher systematisch verschleierte Polarisierung der Gesellschaft in nie zuvor gesehener Klarheit artikuliert. .... Ihre Rolle im System bestimmt sich vielmehr durch ihre Stellung im fiskalisch-monetären Prozeß und im staatlich gesteuerten Umverteilungsgeschehen. Hier finden wir in dem einen Lager die Steueraktiven, die den Fiskus mit ihren Abgaben bereichern, im anderen, vorsichtig gesprochen, die Steuerneutralen (Steuerpassiven, um im Bild de Polarisierung zu bleiben! HB) die überwiegend von Transferleistungen profitieren. An der neuen politischen Front stoßen also, um die Sache technischer auszudrücken, zwei finanzpolitische Großgruppen aufeinander: hier die Transfermassengeber, die aufgrund von unumgehbaren Steuerpflichten die Kassen füllen, dort die Transfermassennehmer, die aufgrund von sozialpolitisch festgelegten Rechtsansprüchen die Kassen leeren.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 113-114).


Eingeweide des Zeitgeistes

(Gespräch; zuerst in: Der Spiegel, 26.10.2009 )

„Faktisch haben die Habermasianer es fertiggebracht, den zwanglosen Zwang des besseren Arguments durch den sehr zwangvollen Zwang der schnelleren Denunziation zu ersetzen - und wo sich Denunzianten zu Wort melden, ist die Debatte vorbei, bevor sie begonnen hat. Es werden hierzulande keine Argumente, sondern Anschuldigungen ausgetauscht. Wie im Fall von Thilo Sarrazin - kaum war der erste Protest gegen seine gepfefferten Thesen erschienen, haben alle Späteren ihre Empörung vom Vorempörer abgeschrieben. Mich ärgert so etwas, es kommt mir vor wie organisierte Feigheit vor der Wahrheit.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 116).

„Als Zeitdiagnostiker ist es mein Beruf, in den Eingeweiden des Zeitgeistes zu lesen. Wie viele andere Zeitgenossen ziehe ich seit einem Jahr Konsequenzen aus der Finanzkrise - und mache mir Gedanken über die vielbeschworene Wiederkehr des Staates. Ich setze aber den Akzent an einer Stelle, die viele lieber nicht beleuchten. Ich gehe der Frage nach, woher überhaupt der plötzlich wieder stark scheinende Staat seine Stärke nimmt - und die Antwort heißt: Sie beruht auf der Zwangsbesteuerung.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 116).

„Ich glaube, daß wir den Steuerstaat und mit ihm das ganze öffentliche Zusammensein nur dann reformieren können, wenn wir uns dem Staat gegenüber nicht als Schuldner, sondern als Geber begreifen. Ich möchte dem gebenden Bürger einen Rahmen für eine veränderte Selbstauffassung anbieten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 116).

Steueraktive und Steuerpassive
1) 6,1% zahlen 70% der Steuern;
2) 24,4% zahlen 30% der Steuern;
3) 19,5% sind von Steuern befreit;
4) 50% sind zu 100% Sozialfälle.
1+ 2) 30,5% Steueraktive;
3 + 4) 69,5% Steuerneutrale, - passive.
Steueraktive und Steuerpassive
1) 70% der Steuern von 6,1% bezahlt;
2) 30% der Steuern von 24,4% bezahlt.
1+ 2) 100% der Steuern von 30,5% bezahlt.

„Stolz ist ... ein Weckruf, der darauf hinweist, daß die Gesellschaftsmaschine bis auf weiteres nur von den Leistungen der Steueraktiven lebt, und die bilden eine relative Minderheit. Leider hat man bei uns die Tatsachen und die Zahlen in den Keller gesperrt. Rund 25 Millionen Menschen zahlen in Deutschland in nennenswertem Umfang Steuern, sofern man von den Konsumsteuern absieht. Rein fiskalisch gesehen sind diese 25 Millionen die Leistungsträger, die den Rest der 83-Millionen-Population (offiziell! Illegale werden ja nicht mitgezählt! HB) in Deutschland mittragen. (**). Nicht nur Junge und Alte, was völlig in Ordnung ist, sondern auch ein wachsendes Heer an Leistungsfernen, die, da sind sich die Experten einig, tendenziell nie wieder in der Leistungszone auftauchen werden, weil sie durch das Transfersystem in eine maligne Abhängigkeit gelockt werden.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 117).

„Bösartig ist, was sich weder von selbst noch durch die laufende Behandlung bessert. Wir haben auf Kosten der Steueraktiven ein einzigartiges Umverteilungssystem geschaffen, das zudem enorme latent illegale Subventionen in bestimmte Industrien kanalisiert. Man wartet seit längerem auf eine umfassende Darstellung der Verhältnisse, doch bei solchen Themen schläft unsere Kritische Theorie den kritischen Schlaf der Gerechten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 117).

„Riefe ich zur Demontage des Sozialstaates auf, was ich in keiner Weise tue, wäre die Empörung mancher Kritiker wohl erklärbar. Doch mir ging es um etwas völlig anderes, nämlich den sozialpsychologischen Umbau der Gesellschaft oder besser um eine psychopolitische Umstimmung. Ich möchte darauf hinwirken, daß das Klima, in dem die Bürger a priori als Schuldner des Staates gesehen werden, abgelöst wird durch ein alternatives Klima, in dem sich alle darüber Rechenschaft ablegen, wer die gebenden Gruppen sind. Außerdem würden sich in einer Geberkultur die Aktiven besser um das kümmern, was aus ihren Spenden wird - sie würden ihre Gelder zum Teil selber an bestimmte Gemeinwohladressen fließen lassen. Jetzt aber herrscht nur dumpfe Hinnahme der Abgaben und ebenso dumpfer hintergründiger Widerstand.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 117).

„Ich möchte eine Gesellschaft voranbringen, die auf einem Wettbewerb stolzer Geber beruht und nicht auf der dumpfen Konfiskation von geschuldeten Gütern. In den Stadtstaaten der Antike haben die Wohlhabenden den großen Rest des Gemeinwesens ganz selbstverständlich mitgetragen, aber nicht aufgrund von Schuldgefühlen, sondern weil das Wertsystem sie dazu motivierte. Deren Aktivitäten wurden als ein »euergetisches System« beschrieben, ein Netzwerk der »guten Werke«. Das klingt fürs Erste nach Neuem Testament, aber der zugrundeliegende Gedanke reicht weiter zurück. Im Übrigen ist dieser antike Gedanke in den USA, wo unter christlichem Gewand viel mehr römische Motive wiederaufgenommen wurden, als Europäer erkennen, zu neuem Leben erwacht, denn dort gibt es in spektakulären Formen, was hier nur ganz diskret passiert: ein neues euergetisches Netzwerk und einen lebhaften Großzügigkeitswettbewerb der Wohlhabenden, weit über die Steuerpflichten hinaus.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 118).

„Technisch gesehen ist die Krise vor allem durch die abstruse Niedrigzinspolitik der Zentralbanken ausgelöst worden, wodurch das Anlagekapital dazu verführt wurde, sich auf alles zu stürzen, was mehr als null bringt. Etwas anderes ist die Frage nach der psychopolitischen Steuerung der Kultur im Ganzen, und auf diesem Feld trifft die Feststellung zu, daß die Balance zwischen Gier und Stolz völlig verlorengegangen ist. Würden wir den Akzent auf die stolzen, die gebenden Tugenden zurückverlagern, würden wir mit der Zeit eine andere Zivilisation ansteuern. Die wäre nicht notwendigerweise postkapitalistisch, aber sie würde das jetzige gierbetonende System hinter sich lassen. Solange wir eine solche Umstimmung nicht erreichen, bleibt nur der unvornehme Steuerzwang, um die Menschen an ihre vornehmeren Aufgaben zu erinnern.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 119).

„Der Staat ... als nehmende und umverteildende Hand letzter Instanz in unserem Weltentwurf unübertroffen. Bei einer Staatsquote von über fünfzig Prozent (**|**|**|**|**) kann es nicht ausbleiben, daß der Staat die größte Wirtschaftsmacht darstellt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 119).

„Kohl hat den Begriff der Opposition neu definiert: Opposition beschreibt nicht mehr die Funktion der Nichtregierungsparteien. Opposition wird wirksam nur von der aktuellen Regierung ausgeübt, indem sie ein Chaos hinterläßt, an dem die Nachfolgeregierung mit Sicherheit scheitert.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 120).

„Ich habe nie etwas anderes als die SPD wählen können (aber wer glaubt Ihnen das? HB), aus familiären und persönlichen Gründen, nicht unbedingt aus philosophischen. Aber es gibt einen Trost: Die objektive Sozialdemokratisierung der Staatsstruktur sorgt dafür, daß man die Sozialdemokratie als Partei während ihres Aufenthalts im Oppositiossanatorium vorübergehend entbehren kann.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 120).


Ansichten der Finanzkrise

(Gespräch; zuerst in: Profil, Ein riesiges Wettbüro für das legale Glücksspiel, 21.12.2009)

„Am 15. September 2008 ... wurde ... der Offenbarungseid über die Verfehltheit einer Niedrigzinspolitik geleistet, mit der fast ein Jahrzehnt lang die sogenannten Selbstheilungskräfte des Marktes stimuliert werden sollten. Seither weiß man noch besser, was man auch vorher wissen konnte: Die Weltwirtschaft ist ein Ungleichgewichtssystem, das sich durch die chronische Flucht nach vorn stabilisiert - von einer Instabilität zur nächsten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 121).

„Ich würde den Ausdruck »Kapitalismus« hier lieber in Anführungszeichen setzen, weil die von Spekulation geprägten Krisenvorgänge, mit denen wir es zu tun haben, das reale Kapitalsystem nicht authentisch abbilden. Nach der Marxschen Definition findet Kapitalverwertung statt, indem Geld auf dem Umweg über die Ware zu mehr Geld wird. Die klassische Kapitalismustheorie ist an die Warenmetamorphose gebunden und daher produktionszentriert. In den vergangenen Jahrzehnten ist aber eine gespenstische Sonderentwicklung im Bereich der Finanzwirtschaft in Gang gekommen, bei welcher Geld auf dem Umweg über Geld zu mehr Geld werden soll, ohne daß das Geld sich in Kapital verwandelt das heißt, ohne daß es jemals die Sphäre der Produktion berührt. Das alles spielt sich in hermetischen Clubs ab - dort sind Zentralbanken, Geschäftsbanken und Fonds unter sich und betreiben ein riesiges Wettbüro für das legale Glücksspiel, das vorgibt, die Wirtschaft selbst zu sein. Die Schlüsselrolle in diesem System liegt naturgemäß bei den Zentralbanken, die mit ihrer aberwitzigen Politik des billigen Geldes ihre Mitspieler zur Spekulation verführen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 121-122).

„Die Geschäftsbanken wurden von den Zentralbanken regelrecht genötigt, auf die Droge Billiggeld einzusteigen. Vorgeblich hoffte man, mit leichtem Geld die reale Wirtschaft anzukurbeln, in Wahrheit hat man den Spekulationsmarkt beflügelt. Denn was ist Spekulation? Sie bedeutet, kostenloses Geld, das man nicht braucht, aber so nebenher mitnimmt, in Geschäfte zu stecken, von denen man nichts versteht, die man aber so nebenher betreibt - vorausgesetzt, sie bringen mehr als ein Prozent, und jedes vernünftige Geschäft sollte doch mehr als ein Prozent Rendite abwerfen. Sie und ich, wir haben keinen Zugang zum Schalter einer Zentralbank, aber hätten wir ihn, würden wir nicht anders handeln als die Spekulanten, weil niemand so dumm ist, sich die Geschenke der obersten Geldmacher entgehen zu lassen. Deshalb hat es überhaupt keinen Sinn, hier mit sozialpsychologischen Kategorien wie »Gier« zu operieren - es geht um völlig rationales Verhalten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 122).

„Eine Begleiterscheinung der Lehman-Krise war darum die fast gerührte Rückwendung zu dem Phänomen Realwirtschaft. Dieses Wort feierte im Herbst 2008 ein triumphales Comeback. Alle hatten plötzlich ein warmes Timbre in der Stimme, wenn sie es aussprachen. »Realwirtschaft«, das war mit einem Mal der utopische Horizont, das war der gute alte ehrliche Kapitalismus, in dem Geld gegen wirkliche Waren und wirkliche Dienstleistungen getauscht wird. In ihm schien die ökonomische Welt noch in Ordnung zu sein, und von ihm sollte die Heilung für die spekulativen Tumore kommen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 122).

„Man übersieht gern, daß auch die Realwirtschaft von jeher durch und durch kreditabhängig ist. Fast alle Unternehmen machen Schulden, und wer Schulden hat, steht unter Zinsstreß, weil er ständig seine Schuldentilgungsfähigkeit und damit seine Profitabilität beweisen muß. Wer das nicht schafft, wird vom Marktgeschehen ausradiert. Die aktuelle Krise war ja vor allem ein großes wirtschaftspolitisches Seminar über diesen Punkt, ein Seminar, das absurderweise überwiegend von denselben Leuten geleitet wurde, die ihre Inkompetenz schon zuvor kräftig unter Beweis gestellt hatten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 122-123).

„Immerhin gibt es jetzt einen Konsens darüber, daß ein zweites Desaster à la Lehman verhindert werden sollte. Die meisten Experten, auch in den USA, tendieren heute zu der Meinung, daß es ein Fehler war, die Bank fallenzulassen. Boshaftere Beobachter meinen, dies sei eine kalkulierte Maßnahme im Weltwirtschaftskrieg der USA gegen den Rest der Welt gewesen. Ich halte diese Theorie für eine Überinterpretation. Es mag wohl einen Weltwirtschaftskrieg geben, aber ich sehe keinen Generalstab, der fähig wäre, die Megapleite als Kriegswaffe einzusetzen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 123).

„Noch einmal: Das Kapitalsystem bedeutet zinsstreßgetriebenes Wirtschaften, das immer mit einem Fuß in realen Produktionen und realen Dienstleistungen steht. Das Finanzsystem hingegen wäre eher mit einem seriös camouflierten Kasino zu vergleichen. »Kapitalismus« ist ohne Krisen nicht zu denken: Es kommt unweigerlich immer wieder zu technischen Innovationen, bei denen alle mitmachen müssen, um ihre Unternehmenswerte zu verteidigen. Gleichwohl ist von vornherein klar, daß sich gut ein Viertel der innovierenden Wettbewerber nicht werden halten können sie fallen den typischen Überkapazitätskrisen zum Opfer.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 123).

„Die »Standardkrise« jedenfalls wird mit Darwins Logik gut verständlich, insofern der Darwinismus ein elegantes Instrument zur Deutung des Unterschieds zwischen längeren und kürzeren Erfolgsgeschichten bei Arten, Unternehmen und Kulturen darstellt. Die weniger anpassungstüchtigen unter den Wettbewerbern werden früher eliminiert. Diese robuste Krisentheorie zählt seit dem 19. Jahrhundert zum Basiswissen der Ökonomie. Die Blasenproblematik gehört aber einer ganz anderen Ordnung von Phänomenen an. Blasen können nur dann anschwellen und platzen, wenn kurzfristig bestätigte, längerfristig illusorisch überhöhte Gewinnerwartungen in der Welt sind, die an das Temperament der Spielernaturen unter den Marktteilnehmern appellieren. Für kurze katastrophische Pulsationen ist Darwins Logik nicht zuständig. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 123-124).

„In den typischen Überproduktionskrisen verschwinden zwanzig bis dreißig Prozent der Wettbewerber vom Markt, die übrigen teilen ihn bis zur nächsten Innovationswelle unter sich auf. Solche Standardkrisen führen in der Regel dazu, daß eine begrenzte Anzahl von Beschäftigten, wie man sagt, »freigesetzt« wird, was unmittelbar die Sozialpolitik auf den Plan ruft: Wer Kapitalismus sagt, sagt darum auch Sozialpolitik. Sobald man sich für eine Wirtschaftsform entschieden hat, die nicht primär sozial denken kann, sondern zunächst nur Überlebenskämpfe zur Werterhaltung von Produktivkapital forciert, sind Freisetzungseffekte unvermeidlich. Im seIben Maß wird Sozialpolitik unverzichtbar. Folglich muß ein System geschaffen werden, das die unvermeidlichen Verlierer der Krisen durch Sozialhilfen, Arbeitslosengeld, Umschulungsprogramme reintegriert und sie durch Umleitung in neue Beschäftigungsverhältnisse bindet. Man könnte sagen: Standardkatastrophen werden durch Standardkompensationen abgefedert.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 124).

„Die alten Kulturnationen Europas sind mit starken inneren Kohäsionskräften und entsprechend massiven Solidaritätskonzepten ausgestattet; Gefährlich ist die Situation viel eher in den Nationen der dritten, vierten oder fünften Generation - in den improvisierten Nationen, die erst im Lauf des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Sie haben sich als Kulturnationen nicht gefestigt, sie kennen daher keine nationweit wirksamen Solidaritätsgefühle und keine volksgemeinschaftlichen Bindungen. Große Teile von ihnen bleiben weiterhin stammeskulturell gegliedert. Man konnte das exemplarisch beim Zerfall von Jugoslawien beobachten, als gewisse neotribalistische Reaktionsmuster aufbrachen. Dem Sozialismus ist nirgendwo eine effektive Nationenbildung geglückt, weshalb nach dessen abruptem Ende massive Desolidarisierungsphänomene zutage traten. Paradoxerweise gehörte Solidarität nie zu den Stärken der sozialistischen Systeme, sie zeigt sich eher in alten, bürgerlich geprägten Kulturnationen und in religiösen Gruppen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 124-125).

„Die westlichen Nationen älteren Typs verfügen über relativ gut ausgebaute Institutionen der Umverteilung. In Deutschland etwa gehen sie bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts zurück, als Bismarck die vernünftig erscheinenden Forderungen der Sozialdemokratie zur herrschenden Politik machte. In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts führte Preußen die progressive Einkommensteuer ein, etwas, woran Bürgertum und Aristokratie vorher nur mit Grauen zu denken vermocht hatten. Die Errungenschaften des Sozialstaats sind tief in unser Moralgefühl eingesickert, und hinter diese Standards wird man bei uns nicht so leicht zurückfallen. In den Ländern, in denen es ohnehin nie effiziente Sozialsysteme gab, wird jedoch die neue soziale Frage unter dem Druck der Verhältnisse im 21. Jahrhundert heftiger aufbrechen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 125).

„Von Naturgesetzlichkeit kann bei diesem Miteinander keine Rede sein. Historisch betrachtet, hat sich die Zivilgesellschaft ausschließlich in einigen alteuropäischen Nationen parallel zur Geld- und Kreditwirtschaft entwickelt. Der aktuelle asiatische Gegenentwurf spricht für sich: Im fernöstlichen Machtbereich sind Formen des autoritären Kapitalismus entwickelt worden, die im Lauf der Zeit durchaus zur Herausforderung des westlichen way of life avancieren könnten. Japan pflegt seit langem einen strukturierten Kapitalismus auf der Basis einer kaiserlich - staatlichen Planwirtschaft. In Südkorea wurde eine Marktgesellschaft per Entwicklungsdiktatur implantiert und erst nach Erreichen einer gewissen Wohlstandsschwelle in eine formale Demokratie überführt. Und schließlich gibt es den extrem bedeutsamen Modellfall Singapur, wo Lee Kuan Yew eine Art benigner Wohlstandsdiktatur installierte. Nach seiner Analyse ruht die westliche Kultur auf drei Grundpfeilern: der geldwirtschaftlich-kapitalistischen Produktionsweise, dem wissenschaftlich-technologischen Zugriff auf die Natur und der demokratisch - individualistischen Lebensform. Davon hat er die ersten beiden Elemente übernommen, an die Stelle des dritten tritt in dem eher holistischen Wertgefüge Asiens eine konfuzianische Sozialethik mit einem starken paternalistisch-autoritären Element. Lee Kuan Yew nimmt für sich in Anspruch, vom Sessel des wohlmeinenden Patriarchen aus die Entwicklung seines Landes besser steuern zu können, als es auf Basis einer demokratischen Gremienkultur möglich wäre. Er weiß mithin sehr genau, daß Demokrtaie und Kapitalismus voneinnander trennbare Größen sind. Teng Xiaoping wußte das, als er die maoistische Ara in China für beendet erklärte.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 125-126).

„Der große Verlierer des letzten Jahrzehnts ist in der Tat der Freiheitsgedanke altliberalen Stils. Immer mehr Menschen sind empfänglich für den Tausch von Freiheiten gegen Annehmlichkeiten, so als könne es Wohlfahrt für sie auf Dauer nur um den Preis von Gefügigkeit geben. Auf dieses Thema bin ich im abgelaufenen Jahrzehnt häufig zurückgekommen: Ich war von Anfang an entsetzt über die Leichtigkeit, mit der man hierzulande bereit war, sich einer von hysterischen Spießern formulierten Security-Agenda zu unterwerfen. Der überwiegend konservative Zeitgeist der Gegenwart manifestiert sich darin, daß die Bilanz unserer Errungenschaften an Liberalität und Komfort keinen positiven Widerhall im Inneren der Menschen mehr findet, vermutlich, weil der öffentliche Raum zu sehr von Verunsicherungen imprägniert ist. Hier liegt ein zivilisatorisches Paradoxon vor: Die in welthistorischer Perspektive bestversorgten und bestgesicherten aller Populationen sind zugleich die ängstlichsten und die mürrischsten. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 126).

„Und wir wollen niemandem zuhören, der es uns sagt. Unsere mediale Konstruktion der Wirklichkeit bringt es mit sich, daß der Konsum von Streßthemen ständig zunimmt. Die Aufmerksamkeit der Massen ist ein Gut, das exklusiv von den großen Medien bewirtschaftet wird. Diese Entwicklung geht letztlich auf den August 1914 zurück, als die militärische Mobilmachung mit eine1 Unterwerfung der Bewußtseine unter die mediale Dauerhysterie gekoppelt wurde. Das ergab die erste Totalsynchronisation der kollektiven Aufmerksamkeit. Von diesem Standard des Informations~ gegen die eigene Bevölkerung sind wir auch in Friedenszeiten nie wieder abgegangen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 126-127).

„Schon im 19. Jahrhundert wurde Unternehmensführung in vielen Fällen als Auftragstätigkeit vergeben. Damit entstand ein Sondertypus des leitenden Angestellten, von dem man bis heute - vor allem auch nach der Krise - gern vermutet, daß er für Geld zu jeder Schandtat bereit sei. Ich bin nicht sicher, ob solche Unterstellungen beschreibende Kraft haben. Manager sind, wie der Name sagt, Haushaltungsangestellte: Sie haben eine Menage erfolgreich zu führen, was eine gewisse Loyalität gegenüber dem ihnen anvertrauten Haus voraussetzt. Daß auch dem modernen Manager das Hemd näher ist als der Rock, war immerhin öfter zu beobachten. Mir scheint jedoch, daß die vielgenannte Gier der Manager eine volkspsychologische Projektion ist, die für die Beschreibung des Seelenhaushalts solcher Menschen nicht den geringsten Aussagewert hat. Es handelt sich bei ihnen ja zum großen Teil um Spielernaturen mit einem Drang zur Macht und deren Insignien. Man könnte sie eher als Abenteurer ansehen, die sich in die Unternehmenswelt verirrt haben. Wären sie nur großformatige Knauserer, wie man oft unterstellt, dann hätten sie es nie zu höheren Positionen gebracht. Herabsetzungsphantasien sind bei der Krisenbewältigung nicht hilfreich, sie vergrößern lediglich die Kluft zwischen der Denkweise der kleinen Leute und den Sorgen derer, die ganz oben stehen. Es gehört zum mentalen Elend unserer Gesellschaft, daß die Einfühlung in Verantwortungsträger in Zeiten der Krise versagt. Man sollte sich vor pauschalen Skrupellosigkeitsvorwürfen in bezug auf Manager oder Politiker hüten - die machen gelegentlich auch etwas richtig.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 127).


Von Zauberern und Philanthropen

(Gespräch; zuerst in: Süddeutsche Zeitung, Zukunft, 03.01.2009 )

„»Krisis« meint den Entscheidungskampf eines Organismus, aus dem dieser entweder als überlebender Sieger oder als toter Verlierer hervorgeht. Nein. Nach dieser Definition ist der Zustand, in dem wir uns befinden, keine Krise. Denn, und darüber sind sich alle einig, das Resultat der jetzigen Krise kann nur die nächste Krise sein. Das Beste, was wir erreichen können, ist eine Vertagung der Endkrise oder besser: das Außerkraftsetzen der Endkrise durch die permanente Krise. Um bei medizinischen Redeweisen zu bleiben: Wir beobachten an der heutigen Ökonomie einen chronischen Defekt. Für den chronisch Multimorbiden - und um einen solchen handelt es sich bei der modernen Gesellschaft - gibt es keine Krise mehr, die zur Gesundung führen könnte. Was uns bleibt, sind Maßnahmen, um lebensgefährliche Verschlechterungen des Befunds zu dämpfen oder zu verschleiern. Wir bewegen uns im Bereich der palliativen Medizin, die Symptome mildert, nicht heilt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 128).

„Vor Jahren benutzte Altbundeskanzler Helmut Schmidt im Blick auf das Verhältnis von Finanzwesen und produzierender Wirtschaft eine schöne Metapher: Geldmengen müßten eine Art Kleid sein, das einem Körper angemessen wird. Es sollte eher locker fallen, casual, wie man sagt. Nun hat sich aus dieser lockeren Finanz-Couture eine aberwitzige, gespenstische Umhüllung entwickelt, die haltlos im Raum flattert. Es gibt Schätzungen, die selbst typischerweise unscharf sind: Die eine nimmt an, die Finanzwirtschaft habe sich im Faktor eins zu zehn gegenüber der Realwirtschaft aufgebläht, die andere sagt, im Faktor eins zu fünfzig. Zur Maßlosigkeit gehört, daß man nicht einmal mehr sagen kann, in welchen Dimensionen man sie sich vorstellen soll. Daraus folgt alles übrige, vor allem das Gefühl einer bodenlosen Werte-Inflation, die sich nicht nur auf ökonomische Güter, sondern auf sämtliche Wertskalen bezieht. Man weiß nicht mehr, was groß und klein, was viel und was wenig ist. Von Stabilität wagt niemand mehr zu sprechen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 128-129).

„Unser System schwingt durch die Extreme von Enge- und Weite-Gefühlen, anders formuliert: von Ernst und Frivolität. Die eigentlichen Opponenten sind also Enge-Zustände wie Sorge und Knappheitserleben, die zur Selbstbeschränkung motivieren, und Weiteempfindungen bis hin zur Illusion, fliegen zu können. .... Sie erlaubte den Adlerflug der Gier über einer ungeheuren Landschaft von Gewinnen. Die maßgebliche Antithese ist also das Hin und Her zwischen der angstgetönten Sorge und dem Rausch des Leichtsinns. Letzterer tritt ein, wenn man den Widerstand des Realen nicht mehr spürt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 129).

„Wenn ...die us-amerikanische Zentralbank Geld für null Zinsen emittiert, muß der vernünftige Global Player - beinahe hätte ich gesagt: Global Prayer - zugreifen, weil er sich sonst einen Nachteil gegenüber denen einhandelt, die das Geld mitnehmen. Die Finanzkrise hat ihren Grund in technischen Fehlern der Zentralbanken. Hinter ihr steht der Streit zwischen einem inflationistischen und einem anti-inflationistischen Kurs in der Geldpolitik. Was wir heute erleben, ist eine Folge davon, daß sich die Inflationisten beziehungsweise die Schuldenakrobaten auf ganzer Linie durchgesetzt haben.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 130).

„Wenn die US-Notenbank zur Behebung der Defizite die Rotationspressen laufen und zusetzliche Trillionen Dollar ausspucken läßt, kann man mit Händen greifen, wie die Umwertung aller Werte funktioniert. Dabei sind keine perversen Cäsaren am Werk, keine aufgeblasenen Übermenschen, die auf den Kopf stellen, was die Menschheit bis gestern für gut und richtig hielt. Die heutige Wertekrise ist das Werk grauer Bürokraten, die meinen, man könne dem Verlust an Vertrauen mit der Emission von Scheingeld abhelfen. .... Sie sind nicht ohnmächtig, sondern sie sind Somnambule, Schlafwandler, die nichts aufweckt. In ihrem Weitermachen auf dem falschen Kurs liegen die Quellen aller Demoralisierung. Auch unsere Regierung ersetzt, wie fast alle anderen, fehlendes Geld durch Scheingeld. Sie versucht, mit einer energisch kaschierten Inflationsstrategie die Turbulenz zu meistern, die bereits eine Inflationskrise ist. Fällt Ihnen auf, daß in der ganzen Debatte nie das Wort Inflation fiel?“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 130).

„Der eigentliche Held des Neoliberalismus ist Harry Potter. .... Weil die Potter-Romane die Fibel einer Welt ohne Realitätsgrenze darstellen. Sie überredeten eine ganze Generation, den Zauberer in sich zu entdecken. Das englische Wort »Potter« bedeutet übrigens »Töpfer«, einen Handwerker, der Hohlkörper verfertigt. Nur Verlierer glauben heute noch an die Arbeit, die übrigen betreiben magische Töpferei und lassen ihre strukturierten Produkte fliegen. .... Gefäße sind Medien, die aufnehmen, um abzugeben. Martin Heidegger hat in einer tiefsinnigen Betrachtung über das Wesen der »Dinge« am Beispiel eines Kruges ausgeführt, wie der seine Funktion nur in dem Maß erfüllt, als er hohl ist, mithin gefüllt werden kann. Was er erhält, gibt er in der Gebärde des Schenkens weiter. Der moderne Mensch hat den Schnabel des Kruges verstopft. Da fließt nichts mehr hinaus, das geht auf Dauer nicht gut.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 130-131).

„Zaubern ist eine Tätigkeit, die das Verhältnis von Ursache und Wirkung verdunkelt. Die Verwirrung beginnt, wenn die Wirkung die Ursache maßlos übertrifft - ökonomisch gesprochen, wenn der Profit in keinem Verhältnis mehr zur Leistung steht. Genau diese Unverhältnismäßigkeit prägt die Grundstimmung der vergangenen Jahrzehnte. Zahllose wollten aus einer Wirklichkeit aussteigen, in der man für 40 Stunden Arbeit pro Woche kaum ein Durchschnittseinkommen erreicht, während man durch ein paar Stunden Magie in die Runde der Superreichen aufgenommen wird. Wir haben eine gefährliche Rechenart erfunden. An die Stelle von prosaischen Gleichungen treten wunderbare Ungleichungen. Das ruiniert den Sinn für Adäquation.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 131).

„Auch die Erziehung bricht zusammen, sobald die Wenn-dann-Logik außer Kraft gesetzt wird. Sie können Ihren Kindern heute nur noch schwer erklären, daß, wenn sie sich so und so verhalten, dies oder jenes folgt. Es folgt ja nichts, wenn alles geht. Unser Sinn für Wenn-dann-Sequenzen ist ebenso demoliert wie der für Proportionen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 131).

„Die Reichen wollen sich selber retten, das ist evident. Es könnte aber sein, daß sie hierzu nebenbei die übrige Welt retten müssen. Die Frage ist also, ob eine philanthro-kapitalistische Makropolitik im Zusammenspiel mit einem spendablen Welt-Steuerstaat global lebbare Verhältnisse herbeiführen kann. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 132).

„Die Erde wird die 50 Millionen Jahre bis zum nächsten großen Meteoriteneinschlag auch ohne uns, unsere Yachten und Luxusresorts bewältigen. Sie braucht uns nicht. Wir hingegen brauchen sie, als Ressource und als Basis für unser Zivilisationstreibhaus.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 132).

„In Treibhäusern gilt der Primat des Inneren. Genau das ist die Lage der technischen Kultur vis-à-vis der Natur. Diese muß künftig als Teil der Zivilisation internalisiert werden. Der Mensch der prähistorischen und historischen Zeiten (**) konnte seine Dramen vor dem Hintergrund einer Natur aufführen, von der man dachte, sie werde nie reagieren. Man ließ seine Abfälle praktisch folgenlos irgendwo liegen, die Hufeisen der römischen Kavallerie stecken ja heute noch im deutschen Schlamm. Doch wir haben die glücklichen Jahrtausende humaner Expansion hinter uns. Natur war das Außen, in dem unser Handeln scheinbar spurlos verschwand. Diese Auffassung ist für immer dahin. Mit einem Mal funktionieren unsere Externalisierungen nicht mehr, die Abfälle kehren zurück, der Wahnsinn verpufft nicht mehr in der Weite der Ozeane. Nun zeigt sich, daß die Natur ein Gedächtnis hat, sie sammelt Eindrücke, sie erinnert sich an uns. Jetzt müssen wir uns mit einer bedrohlich erinnerungsfähigen, scheinbar immer rachelüsterneren Natur zusammenraufen. In diesem Punkt werden die Reichen einen hohen Beitrag zu leisten haben, sie hatten ja auch beim Externalisieren ihrer Handlungsfolgen die Nase vorne. .... Bei einem ökologischen Jüngsten Gericht (**) wird den Reichen, die für die Umwelt etwas taten, im günstigsten Fall verziehen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 132-133).


Die Geschichte ist aber (noch) nicht zu Ende (vgl. die vielen Beiträge zum Thema Ende der Geschichte?), wenn man meiner und nicht Sloterdijks Definition für Geschichte folgt! Vgl. meine Definition für Geschichte als: Geschichte i.w.S., Geschichte, Geschichte i.e.S. (**|**|**|**). Sloterdijk sieht in der Geschichte lediglich Abfolgen von Tragödien oder Epen und sagt: »Geschichte ist die Erfolgsphase des Unilateralismus« (**|**) - und das ist meiner Meinung nach zu westlich, zu okzidentalistisch gedacht (**). Die Definition nämlich, daß Geschichte „nur in der Form der Tragödie oder des Epos“ (**) geschehe, scheint mir, obwohl sie eine sehr interessante und gut durchdachte ist, etwas zu eng zu sein - oder gibt es auch sogar eine Geschichte im engsten Sinne? Die Geschichte im weiteren Sinne ist eine anthropologische Geschichte und kann deshalb so lange nicht zu Ende sein, wie der Mensch existiert; folglich kann es bei der Frage, ob die Geschichte zu Ende sei oder nicht, nur um die Geschichte im engeren Sinne gehen. (**). Es ist aber noch keines der „historischen Existenzialien“ (**|**) völlig verschwunden, und deswegen kann auch die Geschichte im engeren Sinne noch (noch!) nicht zu Ende sein. Menschen haben schon oft gedacht, ja geglaubt (und zwar interessanterweise immer dann, wenn ihre Kultur auf ihrem Zivilisationshöhepunkt war), die Geschichte sei zu Ende: sie sind dann Opfer der (fremdkulturellen Mächte der) Geschichte geworden. Vielleicht wird das ja zukünftig durch uns Abendländer anders werden - denn wir faustischen Abendländer sind ja ohnehin ganz außergewöhnliche Menschen - , aber die Betonung liegt eben auf dem Zeitwort „werden“, weil gegenwärtig das Ende der Geschichte nicht in Sicht ist und also, wenn überhaupt, erst in der Zukunft erreicht werden wird oder gar nicht.

„Seit 3000 Jahren ist ein Imperativ in der Welt, der Menschen verbietet, weiterzumachen wie bisher. Schon die brahmanischen Asketen Altindiens haben so empfunden. Mit dem Aufblühen der Karmalehre entwickelte sich die Vorstellung vom Rad der Wiedergeburten - mit der Folge, daß eine Kultur des metaphysischen Pessimismus aufkam. Aus ihr ging unter anderem der Buddhismus hervor, der nicht umsonst gerade zur Weltreligion der Gegenwart wird.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 133-134).


Worauf beruht der Steuerstaat?

(Gespräch; zuerst in: Süddeutsche Zeitung, Wider die Verteufelung der Leistungsträger, 05.01.2010 )

„Ich rege ein ernstes Gedankenexperiment an, denn die Umstellung von Zwang auf Freiwilligkeit stellt in meinen Augen eine der wichtigsten psychopolitischen und moralischen Fragen der Zukunft dar, in Steuerfragen wie in ökologischen Angelegenheiten. Wir leben nicht mehr in absolutistischen Verhältnissen, und Bürger sollen nicht wie Untertanen behandelt werden. Also muß man über das Phänomen der Steuern, sprich der Gemeinwohlleistungen in Zivilgesellschaften, von Grund auf neu nachdenken.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 135).

„Wenn Sie die Bestimmungen über das Finanzwesen im deutschen Grundgesetz nachlesen, Artikel 104 ff. (**), fällt auf, daß die Väter des Grundgesetzes nicht einmal den Versuch einer demokratischen Neubegründung von Steuern und Abgaben ins Auge gefaßt haben. In diesem Punkt dachten sie in einer staatsabsolutistischen Kontinuität, die in aller Stille aus der Wilhelminischen Ära über die Weimarer Republik und das Dritte Reich hinweg wirkte.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 135).

„Das Wort »brauchen« kann autoritär und obrigkeitlich ausgelegt werden; Reste dieser absolutistischen Tradition sind bei uns virulenter, als man vermutet hätte. Das staatliche »Brauchen« kann auch sozialistisch ausgelegt werden: Wenn Eigentum Diebstahl ist, wie die altlinke Vulgata lehrt, dann dürfte ein kräftiges Maß an Gegendiebstahl legitim sein - auch diese Tradition ist bei uns noch auf diffuse Weise mächtig, nicht zuletzt beim akademischen und sozialkritischen Kleinbürgertum, das seine antikapitalistischen Stimmungen nie überprüft hat. Und schließlich könnte die Idee, daß der Staat finanzielle Hilfe seitens der Bürger braucht, mit einer demokratischen Neubegründung der zivilen Großzügigkeit zugunsten des Gemeinwesens ausgelegt werden. Diese dritte zivile Interpretation der Steuern vermisse ich auf der ganzen Linie. Wir haben uns in fiskalischen Dingen so sehr an die Zwangsabgabenkultur angepaßt, die alt-autoritäre wie die semi-sozialistische, daß über Alternativen nicht einmal mehr nachgedacht wird, weder bei den Begründungen noch bei den Prozeduren.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 135-136).

„Es geht mir um den Grundzug unseres Steuersystems, daß es den Gaben- oder Spendencharakter der zivilen Steuer absichtlich ausblendet und stattdessen nur ihren Zwangs-, Pflicht- und Schuldcharakter hervorhebt. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 136).

„In der Schweiz stimmen die Bürger seit langem über die Höhe ihrer Steuern ab, ohne daß es je zu Hungersnöten gekommen ist. Ich gehe von der anthropologischen These aus, daß Menschen mehr sind als nur gierige Nehmer. Sie müssen sowohl als nehmende wie als gebende Wesen aufgefaßt werden. Wir machen uns einer groben Vereinseitigung schuldig, wenn wir die gebende Dimension im menschlichen Wirtschafts- und Sozialverhalten nicht gebührend herausstellen. Diese Ausblendung des Gebens ist ein dumpfes Erbe des 19. Jahrhunderts. Damals kam die These in Umlauf, das Bürgertum, genauer: die Klasse der »Working Rich«, der unternehmerischen Wohlhabenden, sei nichts anderes als die Fortsetzung der asozialen Feudal-Aristokratie mit den Mitteln des Unternehmenskapitals. Dies wurde zu einer fixen Idee, deren Schädlichkeit sich im Laufe des 20. Jahrhunderts erwiesen haben sollte.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 137).

„Ich habe in meinem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, mit dem ich im Juni 2009 (**) die Debatte in Gang gebracht habe, ein wenig leichthändig angedeutet, daß gut die Hälfte der Einkommensteuern durch eine relativ kleine Minderheit von Zahlern erbracht wird.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 137).

Steueraktive und Steuerpassive
1) 6,1% zahlen 70% der Steuern;
2) 24,4% zahlen 30% der Steuern;
3) 19,5% sind von Steuern befreit;
4) 50% sind zu 100% Sozialfälle.
1+ 2) 30,5% Steueraktive;
3 + 4) 69,5% Steuerneutrale, - passive.
Steueraktive und Steuerpassive
1) 70% der Steuern von 6,1% bezahlt;
2) 30% der Steuern von 24,4% bezahlt.
1+ 2) 100% der Steuern von 30,5% bezahlt.

„Ein Blick in die Statistik verrät: Die oberen zehn Prozent der Steuerbürger leisten mehr als 50 Prozent der Einkommensteuern, und die oberen 20 Prozent über 70. Einige Kritiker haben sich über diesen Hinweis maßlos aufgeregt, als hätte ich ihnen die Möglichkeit wegnehmen wollen, die Wohlhabenden anzuklagen. Man hat gefolgert, ich würde mich nur für die Schicksale der wenigen erwärmen und den Rest ignorieren. Das Mißverständnis könnte nicht größer sein. Mit dem Begriff »Leistungsträger« verbinde ich eine strikt technische Definition: Er steht für die 25 Millionen Steueraktiven, die zur Stunde praktisch die Gesamtheit des Steueraufkommens in der Bundesrepublik tragen - bei einer Gesamtpopulation von 82 Millionen Einwohnern. (**|**). .... Man verschweigt .. .gern, daß die an den Konsum gebundenen Steuern nicht gleichmäßig von der gesamten Bevölkerung aufgebracht werden. Der Löwenanteil entfällt auch hier wieder auf die Bezieher der höheren und mittleren Einkommen, weil diese sich naturgemäß als die konsumintensiveren Haushalte hervortun. Wenn es ans Zahlen geht, ob Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Erbschaftsteuer, Kapitalertragsteuer, Mineralölsteuer und so weiter, läuft es immer wieder auf dieselbe Gruppe hinaus. Im wesentlichen dreht sich alles um die kritischen 25 Millionen, nicht zuletzt um deren oberes Drittel, ohne dessen fiskalische Feuerkraft unser politisches Modell unhaltbar wäre.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 137-138).

„Was Plünderungen angeht, denken bei uns viele noch immer ganz anders herum. Die größeren Steueraktiven werden als Ausbeuter beargwöhnt, denen nur Recht geschieht, wenn man sie stark belastet. Die Mißdeutung der Unternehmenskultur ist bei uns ein alter Reflex. Man denunziert allzu gern diejenigen, die etwas zu geben haben, indem man behauptet, sie hätten nur zu geben, weil sie vorher gestohlen haben. Der Glaube an die Legitimität des Gegendiebstahls hat den Bankrott des Sozialismus in den dumpferen Bewußtseinsschichten überlebt - nicht zuletzt bei den intellektuell stehengebliebenen Soziologieprofessoren, die sich in der aktuellen Debatte zu Wort gemeldet haben.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 138).

„Wen wundert es, wenn im Klima der einseitigen Gier-Theorie viele Leute wirklich so werden, wie die Kritiker behaupteten? In anderen Nationen läßt sich die Gegenprobe machen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 138).

„Meine Vorschläge haben ein philosophisches Motiv, aber auch eine autobiographische Note. Ich bin prinzipiell überzeugt, es tut den modernen Gesellschaften nicht gut, wenn man die gebende Dimension in der menschlichen Psyche kleinredet.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 139).

„Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen und stelle doch seit einer Weile mit einer Mischung aus Genugtuung und Verwunderung fest, daß ich in die Lage gekommen bin, nicht nur Bagatellbeträge an die Finanzbehörden abzugeben. Ich meine, es paßt zu einem Philosophen, wenn er versucht, Verwunderung theoretisch zu bewältigen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 139).

„Ich kann seitens der Freien Demokraten nicht den geringsten Ansatz einer positiven Resonanz auf meine Thesen beobachten. Mit Genugtuung habe ich hingegen wahrgenommen, daß der neue Bundesfinanzminister sich offenkundig für meine Überlegungen interessiert, andernfalls hätte er mich nicht vor kurzem nach Berlin zu einer Aussprache eingeladen. .... Wir kamen terminlich nicht zusammen. Aber ich hoffe, wir holen es nach. .... ch würde ihm sinngemäß das Gleiche sagen wie Ihnen heute. Das soziale Band erodiert, wenn man die Leistungen der Steueraktiven zu einem zwanghaften Automatismus herabdrückt - als wären die Tüchtigen auf eine mysteriöse Weise strafbar. .... Von der Weisheit der Steuersenkungspolitik bin ich nicht a priori überzeugt. Wir können einzelne Steuern- oder Abgabenvorschläge, wie ich lieber sagen würde - ohne weiteres höher ansetzen, wenn die kollektiven klimatischen Voraussetzungen stimmen. Es käme darauf an, den Stärkeren zu erklären, warum im Blick auf diese oder jene Aufgabe eine Zusatzanstrengung öffentlicher Großzügigkeit plausibel ist. .... Man darf nicht länger mit der Fiktion daherkommen, die Leistungsträger täten zu wenig und müßten noch mehr Druck kriegen. Aber die Starken bei ihrer Stärke aufrufen, das ist sinnvoll.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 139-140).

„Die meisten Parteipolitiker interessieren sich sehr wenig für die Gedanken und Gefühle der Leute, deren Geld sie ausgeben. In Steuerfragen denken sie nach wie vor rein etatistisch. Sie glauben an die wohlmeinende Kleptokratie, kaum anders als die Fürsten und die fiskalische Obrigkeit von einst. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 140).


Steuern sind das zentrale moralische Phänomen unserer Zivilisation

(Gespräch; zuerst in: Stern, Der Philosoph und die elende Ideologie, 07.01.2010 )

„Ich liebe die Zuspitzung. Das ist eine Nuance, auf die es mir ankommt. Zuspitzung heißt, daß man die Dinge bis zur Kenntlichkeit vorantreibt. .... Ich mache nie bunt schillernde Sätze, ich drücke mich nur gut aus. Gewisse Leute, die sich schlechter ausdrücken, halten das vielleicht für schillernd. Wenn ich Metaphern benutze, so nur, um deutlicher zu reden. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 141).

„Was (von Peter Slotedijk) bleiben sollte, ist die Idee der Alllgemeinen Immunologie. In den letzten zehn Jahren kreist meine Arbeit um die Denkfigur, daß Menschenleben immer in drei Immunsysteme eingebettet sind: Das erste Immunsystem, das wir entwickelt haben, als wir vor 5° 000 Jahren Kulturwesen wurden, waren die Rituale, die uns halfen, mit den Toten und den Göttern zu verhandeln. Aus dem Komplex der Riten hat sich bei den Römern vor mehr als 2000 Jahren das Rechtssystem abgelöst und zu einem sozialen Immunsystem eigener Art herausgebildet. Vor hundert Jahren schließlich hat man entdeckt, daß jeder Organismus ein Abwehrsystem besitzt, das ihm die Auseinandersetzung mit der mikrobischen Umwelt erlaubt. Seither stellt sich die Aufgabe, die drei Immunsysteme zusammenzudenken.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 141).

„Ich sage ja, Religionen als solche gibt es nicht, es gibt nur symbolische oder rituelle Immunsysteme, die manchmal die Form von »Religion« annehmen. Diese symbolischen Immunsysteme haben die Aufgabe, uns gegen ein Übermaß an Weltoffenheit abzuschirmen. Der Mensch ist ein Wesen, das zuviel Voraussicht hat. Das allgemeine Merkmal von Immunsystemen besteht ja darin, daß sie Verletzungen antizipieren. Sie sind verkörperte Schadenserwartungen. Der Körper weiß schon im voraus, daß ich mich verletzen werde, und hat dafür den Blutgerinnungsmechanismus vorgesehen. Das Rechtssystem weiß schon, daß mir Unrecht geschehen wird, und es hält Entschädigungen und Bußen bereit, selbst wenn mir bis heute nichts passiert ist. Das Weisheitssystem weiß schon, daß den Menschen der Tod bevorsteht, und es integriert dieses Ereignis in eine rituelle Ordnung.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 141-142).

„Seit dem Ersten Weltkrieg ist die Wirklichkeitsverfassung des Westens dadurch bestimmt, daß Massenmedien über Nacht ganze Populationen in künstliche Aufregungen versetzen. Das übt die moderne Gesellschaft täglich mit ihren Nachrichtenritualen. Mit ihrer Hilfe wird ständig der Erregungspegel der Gesellschaft justiert. wir erhalten täglich eine Liste von Erregungsvorschlägen und dürfen entscheiden, worüber wir uns echauffieren wollen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 142).

„Es wäre besser, einzusehen, daß Steuern das zentrale moralische Phänomen unserer Zivilisation sind. Das aktuelle Steuersystem liefert die effiziente sozialdemokratische Alternative zum Prozedere der russischen Revolution: Lenin beschlagnahmte bekanntlich alles Produktiveigentum ein für allemal und mußte dann zusehen, wie die Wirtschaft zerfiel.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 142-143).

Steueraktive und Steuerpassive
1) 6,1% zahlen 70% der Steuern;
2) 24,4% zahlen 30% der Steuern;
3) 19,5% sind von Steuern befreit;
4) 50% sind zu 100% Sozialfälle.
1+ 2) 30,5% Steueraktive;
3 + 4) 69,5% Steuerneutrale, - passive.
Steueraktive und Steuerpassive
1) 70% der Steuern von 6,1% bezahlt;
2) 30% der Steuern von 24,4% bezahlt.
1+ 2) 100% der Steuern von 30,5% bezahlt.

„Unser System begnügt sich damit, jährlich etwa die Hälfte der nationalen Wertschöpfung in die Umverteilung zu bringen - in der Bundesrepublik Deutschland rund eine 1 Billion Euro. Die werden weit überwiegend von den 25 Millionen Menschen aufgebracht, die in unserem Land die Kerngruppe der Steueraktiven darstellen (sowie von den Zwangsversicherten) und die man im Sinn der Finanztheorie die Leistungsträger nennt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 143).

„Ich plädiere dafür, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn dieselben Beträge, die jetzt aufgrund der jährlichen Zwangskonfiskation eingebracht werden, auf der Basis von freiwilligen Abgaben zustande kämen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 143).

„Ich glaube, was ich sehe. Faktisch finanzieren sie (die Leistungsträger; HB) ihn (den Sozialstaat; HB).“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 143).

„Angst ist keine akzeptable Grundlage für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, die vorgibt, sie sei eine Demokratie. Die reale Solidargemeinschaft mit fiskalischen Zwangsmaßnahmen herstellen zu wollen ist ein blamabler Ansatz. Ich fand die von mir ausgelöste Debatte in diesem Punkt sehr bezeichnend. Ich sage: Gebt freiwillig! Und es schallt zurück: »Nein, wir wollen gezwungen werden. Wir wollen nicht wollen, wir wollen müssen.« Das zeigt, die Leute glauben, sobald der staatliche Zwang fehlt, lösen sich alle Bindungen über Nacht auf. Ich behaupte dagegen, diese ganze asoziale Tendenz, diese elende Ideologie die bei sich und den anderen nur die Gier kennt, diese billige Greedy-Pig-Psychologie in den Köpfen von Soziologen und Politologen, das alles beweist nur eines, nämlich, daß wir im Lauf des 20. Jahrhunderts einem falschen Menschenbild aufgesessen sind. Man glaubt, der Mensch ist das Tier, das soviel wie möglich nimmt. Man kommt gar nicht mehr auf den Gedanken, die Menschen in ihren Geberqualitäten ernst zu nehmen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 143).

„Ob Sie es glauben oder nicht, bei mir läuft das anders. Erstens habe ich einen Steuerberater, der früher selber Finanzbeamter war. Ich habe ihn gelegentlich im Verdacht, dat5 er immer noch tür die andere Seite arbeitet - und im Grunde finde ich das ganz gut. Zweitens bin ich manchmal stolz darauf, daß ich größere Beträge an das Finanzamt abführe. Kurzum, ich behaupte, die vorherrschende Greedy-Pig-Psychologie führt in die Irre - übrigens ein Fachausdruck, der besagt: Solange Menschen mit den gröberen Antriebssystemen arbeiten, funktionieren sie noch überwiegend giergesteuert. Sobald sie aus dem Gröbsten heraus sind, stellen sie auf prestigegesteuertes Verhalten um. Und in dem Augenblick, wo sich eine prestigebewegte Gesellschaft ausbildet, wie etwa in den USA, können Sie sofort beobachten, wie ein Wettbewerb auf der Seite des Gebens einsetzt. Im Jahr 2008 haben einzelne Spender und philanthropische Gesellschaften in ~ über 300 Milliarden Dollar aufgebracht, fast soviel wie der Berliner Bundeshaushalt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 143-144).

„Es geht um die Abschaffung einer Beengung, die den Gebern nicht gerecht wird.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 144).

„Ich denke aus allen Situationen, am besten vom Rand her, und Rand gibt es oben wie unten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 144).

„Es geht nicht um die Großmut von Aristokraten, sondern um die Tatsache, daß es in der bürgerlichen Gesellschaft vorwiegend die gebenden Menschen sind, die die Dinge voranbringen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 141).

„Auch das Geld, das mir rechtmäßig zusteht, ist letztlich ein Geschenk der Solidargemeinschaft an mich. Nein. Eine Zwangsabgabe.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 144).

„Es muß ein Zwang sein, damit es etwas taugt. Was würden Sie sagen, wenn der staatlich gezwungene Geber seine Gabe mit dem Gefühl aus der Hand gibt, dies sei sein freiwilliger Beitrag zum Gemeinwohl - zufällig in gleicher Höhe wie der letzte Steuerbescheid? Wo bleibt dann der beleidigte Nehmer? Sie fühlen sich offenbar gerne in die Lage der Erniedrigten und Beleidigten ein?“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 145).

„Sie verwechseln Philosophie mit Diakonie. Auch ich kann die Perspektive der Erniedrigten und Beleidigten einnehmen, und ich denke selbstverständlich auch in ihrem Interesse, aber ich vergesse dabei nicht die Perspektive derer, die mit ihren Gaben, die wir gedankenlos Steuern nennen, das ganze System erst möglich machen. Ich kann nichts dafür: Die Philosophie steht für den ganzen Zusammenhang.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 145).


Dankesschreiben von Finanzamt

(Gespräch; zuerst in: Enorm, Wirtschaft für den Menschen, 3 / 2010 )

„Reichtum macht verlegen, weil er moralisch nicht ohne weiteres einzuordnen ist. Mit dieser Erfahrung leben bürgerliche Menschen seit dem 17. Jahrhundert, Menschen also, die zu eigenen Lebzeiten zu Reichtümern gekommen waren und mit der Tatsache ihres Wohlstands noch nicht umzugehen wußten. Adelige älterer Zeit wurden in ihre Daunen hineingeboren und kannten nichts anderes als Luxus und Privilegien - sie gerieten ab dem 18. Jahrhundert eher in die Verlegenheit, ihrem verlorenen Reichtum nachzutrauern, indessen die reichgewordenen Bürger Stellung nehmen mußten zu der Tatsache, daß sie jetzt zu den happy few gehörten, obwohl sie mental oft noch nicht reif dafür waren. Die Philanthropie war eine der Möglichkeiten, wie bürgerliche Menschen das Reichwerden psychisch und metaphysisch verarbeiten konnten. ... Sie ist zunächst vor allem eine Kompensation, aber zugleich der Versuch, in die Rolle des guten Reichen hineinzuwachsen. Philanthropie war das moralische Spalier, an dem die Seele des reich gewordenen Menschen sich emporranken wollte. Der neue gute Reiche ist unweigerlich Philanthrop, der vor seiner Mitwelt darstellen will, daß er moralisch auf Höhe seines Wohlstandes steht.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 147).

„Zuerst durch einen Trick, den die calvinistische Prädestinationslehre bereitgestellt hatte: Im Calvinismus wurde der irdische Geschäftserfolg als Hinweis darauf interpretiert, daß der eigene Name im Jenseits auf der Liste der Erwählten aufgeführt ist - man gehört also nicht zur massa perditionis, wie es beim Kirchenvater Augustinus so schön heißt, sprich zur Verlustmasse, zum weggeworfenen »Klumpen« - der christliche Gott ist bekanntlich Töpfer, als solcher hat er das Vorrecht, die mißratenen Stücke wegzuwerfen. Der theologische Trick Calvins drückte einen so wirkungsvollen wie bösartigen Aberglauben aus: Als ob Gott es nötig haben könnte, seine Ratschlüsse in puncto Erwählung durch Winke mit dem materialistischen Zaunpfahl kundzutun! Doch solange der Reichtum, vor allem in der calvinistischen Welt, unter einer starken metaphysischen Optik interpretiert wurde, war es unumgänglich, ihn als Zeichen von drüben zu lesen und ihn hierdurch zu christianisieren. Damit waren die Weichen gestellt zu einer Ethik des Weitergebens.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 147).

„Vergessen wir nicht: Wenn man früher den Begriff »die Reichen« verwendete, waren immer müßige Reiche gemeint - Menschen, die außerhalb der Arbeitssphäre standen. Das war naturgemäß die Klasse der Erben - die aristokratischen zuerst, später auch die Erben von neuen bürgerlichen Vermögen, die nicht ohne Grund fortunes heißen. Im 19. Jahrhundert erfolgt dann der tiefe Einschnitt, der die aktuellen Verhältnisse von allen früheren trennt: Der typische Reiche unserer Zeit ist ein »arbeitender Reicher« - die US-Amerkaner nennen ihn geradeheraus warking rich - , wohl aus dem sicheren Instinkt, daß diese Figur ein anthropologisches Wundertier darstellt, für das es historisch kein Beispiel gibt. Die Reichen der Vergangenheit waren unvermeidlich Parasiten, Ausbeuter und Günstlinge dubioser Gottheiten wie der Fortuna, die nie verrät, warum sie den einen bevorzugt und die anderen leer ausgehen läßt. In der beginnenden Neuzeit jedoch sollte Reichtum mit einem Mal als Zeichen der Erwählung und schließlich sogar als Lohn für eigene Verdienste interpretiert werden. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 147).

„Wie jeder Berufstätige weiß: Bloße Arbeit als solche kann nicht gut die Quelle des Reichtums sein. Der Ölmagnat, Sponsor und fromme Baptist John D. Rockefeller hat das in seinem bekannten Diktum zum Ausdruck gebracht: »Wer den ganzen Tag arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.« Die starke Pointe verrät unverblümt, warum die Herleitung des Reichtums aus der Arbeit nicht schlüssig ist. Folglich muß sich der Reiche etwas einfallen lassen, um sich vor der Mitwelt von der Erfolgsschuld freizukaufen. Und das geschieht in der Regel durch philanthropische Gesten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 147-148).

„Karl Marx hat von Pierre-Joseph Proudhon den Satz übernommen: »Eigentum ist Diebstahl«. Die in der historischen Linken bis heute beliebte Diebstahls-These wurde von Marx weiterentwikkelt, indem er der Frage nachging: Woher stammt der Profit des Unternehmers? Seine Antwort: Profit entsteht durch die Unterbezahlung der Produzenten, der Arbeiter. Anders gesagt: Der Kapitalist profitiert, weil er nur einen Teil des geschaffenen Werts an die Schaffenden auszahlt und eine übertrieben große Portion für sich behält. Die Diagnose war moralisch und politisch explosiv: Nach ihr wäre überall der ungleiche Tausch an der Macht.” (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 148).

„Der Tausch ist nicht mehr ganz ungerecht, sobald der Arbeiter von seinem Lohn anständig leben kann. Das ist heute überwiegend der Fall? Für die Wohlstandszone der Welt dürfte es fast zutreffen. Man erkennt das daran, daß hier auf hohem Niveau weiter gestritten wird, was »anständig leben« bedeutet. Weshalb das Proletariat in seiner bisherigen Form keine Rolle mehr spielt? Richtig. Im 19. Jahrhundert fungierte das Proletariat als eine Art unfreiwilliger Sponsor der bürgerlichen Gesellschaft. Systemisch gesprochen: In allen Gesellschaften gibt es eine Gruppe, die, freiwillig oder unfreiwillig, die Rolle des stärkeren Gebers ausfüllt. Es waren die kritischen Theorien von Marx bis Andre Gorz, die auf die Absurdität aufmerksam machten, daß die Armen die Geber für die Reichen sein sollen. .... Im aktuellen System sind die manifest Ärmeren unverkennbar in die Position der Nehmenden übergewechselt - weswegen die Diskurse der traditionellen Linken heute ins Leere greifen. Folglich bietet sich ein anderer Ansatz an - im Rückgriff auf den Soziologen Marcel Mauss, der in der Gabe das primäre soziale Band erkannt hat. Das Phänomen Gabe ist von den alten kritischen Theorien unterschätzt worden, weil sie sich auf den Tausch konzentrierten. Ich meine hingegen, wir müssen den sozialen Zusammenhalt von der Gabe her denken - und zwar auch von der einseitigen Gabe her.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 148-149).

„Wenn man sich auf den Tausch fixiert, gerät man schnell auf moralisch schwieriges Gelände. Man stellt dort ja immer Ungleichungen fest: Der eine gibt mehr als der andere - und bekommt nicht so viel zurück, wie er gegeben hat. Die Tauschanalyse ist problematisch, weil sie eine Matrix für die Erzeugung von Unzufriedenheit darstellt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 149).

„Jedenfalls könnten wir alle gebende Wesen sein, wenn die kulturellen Prämissen es begünstigen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 149).

„Letztlich hängt alles von dem Menschenbild ab, das die Kultur bereithält. Solche Bilder sind nicht, wie manche Fotografen glauben, Abbildungen oder Nachbildungen des Realen, sie sind Vorbildungen oder Gußformen, in die man reale Materie einfüllt. Wenn wir uns selbst als ein Bündel von Defiziten beschreiben, als gierige Autisten, die überwiegend von Angst und Hunger bewegt werden, so hat das einen selbstwahrmachenden Effekt. Wir dürfen uns darum nicht mehr in der Weise kleindenken, wie es die sogenannten »Realisten« (Anführungszeichen von mir; HB) taten und tun. Wenn wir dieser Spur folgen, landen wir bei den schwarzen Anthropologien, die in Europa zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert entwickelt wurden. Von Thomas Hobbes, der den Krieg aller gegen alle behauptete, läuft eine direkte Linie zu Adolf Hitler, der an die grausame Göttin Natur zu glauben vorgab. »Es reicht nicht für alle«: So lautete die Botschaft der Hitler-Natur an die übrige Welt - darum müssen wir rücksichtslos für das Unsere sorgen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 149-150).

„Es ist die Botschaft derer, die vom Menschen nichts halten. Auch ein Großteil der Marxisten gehörte in diese Linie. Lenin war überzeugt, daß man die jetzt Lebenden in Rußland bis auf wenige Ausnahmen ausrotten und mit den Überlebenden eine neue Menschheit starten sollte, in der die besseren Eigenschaften herangezüchtet würden. In Wahrheit ging das auf eine katastrophale anthropologische Fehlkonzeption zurück. In den vergangenen 300 Jahren hat man den Menschen im allgemeinen und den Bürger im besonderen einseitig als Nehmewesen diffamiert - anstatt den Menschen von vornherein als bipolare Größe zu definieren, nehmend und gebend.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 150).

Aber was genau macht den Menschen zu einem gebenden Wesen? Ich würde dies fürs erste mit einem Naturalismus des Sozialen begründen. Wir haben in den vergangenenJahrhunderten viel über die antisozialen Tendenzen im Menschsein nachgedacht. Immanuel Kant nannte es die ungesellige Geselligkeit des Menschen. Arthur Schopenhauer prägte das Bild von den frierenden Stachelschweinen, die sich nur gegenseitig weh tun können, wenn sie sich zusammendrängen. Die heutigen Banker glauben an den Primat der Gier - und Journalisten in aller Welt reden ihnen nach dem Mund. Und doch sind das alles einseitige Stilisierungen und interessierte Fälschungen. Übersehen haben diese düsteren Anthropologen, daß es tausend und drei gute Gründe für das Kooperieren gibt, ja daß die Großzügigkeit ebenso im Menschen steckt wie die Gier. Den größten Teil ihrer Evolution haben die Menschen als Familientiere in kleineren Horden erworben. Unsere gesamte biologisch-moralische Grundausstattung übernehmen wir aus einer Zeit, in der es für uns lebenswichtig gewesen ist, uns in den anderen einfühlen zu können.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 150).

„Es gibt beim homo sapiens eine geradezu erschütternd breite neurologische Grundlage der Einfühlungskraft und der anteilnehmenden Gestimmtheit. Dies meint eine Fähigkeit, die nicht über den Verstand, die reflektierende Vernunft, das Kalkül verläuft, sondern über die emotionale Anschlußfähigkeit hinsichtlich der Zustände des anderen. In der Regel ist die Einfühlung schneller als jede Berechnung. In der modernen Erwerbsgesellschaft wurden diese Eigenschaften eher wegtrainiert als kultiviert. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 150-151).

„Mir geht es um eine Umstimmung des kollektiven Klimas. Eigentlich betreibe ich seit vielenJahren nichts anderes als philosophische Umstimmungsarbeit - mit dem paradoxen Ergebnis, daß die Vorsprecher der Verstimmten mit noch größerer Verstimmung reagieren. Mein Umstimmungsversuch zielt auf vertieften sozialen Zusammenhalt und ethisch akzeptablere Lebensgefühle. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 151).

„Tatsächlich, in mein Projekt fließt manches ein von dem, was man im Kommunismus Solidarität genannt hat oder im Christentum Nächstenliebe. Oder in buddhistischer Perspektive Mitgefühl. Die klassischen moralischen Impulse sind in meinem Ansatz allesamt mit gemeint. Umstimmung bezieht sich auf alles, was uns daran hindert, die partizipativen Eigenschaften zu stärken. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 151).

„Natürlich können die Menschen zum Geben erzogen werden. Wenn sie nicht zum Geben erzogen wurden, werden sie zum Geben gezwungen. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 151).

Steueraktive und Steuerpassive
1) 6,1% zahlen 70% der Steuern;
2) 24,4% zahlen 30% der Steuern;
3) 19,5% sind von Steuern befreit;
4) 50% sind zu 100% Sozialfälle.
1+ 2) 30,5% Steueraktive;
3 + 4) 69,5% Steuerneutrale, - passive.
Steueraktive und Steuerpassive
1) 70% der Steuern von 6,1% bezahlt;
2) 30% der Steuern von 24,4% bezahlt.
1+ 2) 100% der Steuern von 30,5% bezahlt.

„Die unfreiwillige Geberfunktion hat sich binnen der letzten anderthalb Jahrhunderte von den Proletariaten zu den Mittelschichten verschoben. Der zeitgenössische Steuerstaat stützt sich ja gerade nicht auf die Geringverdiener und all diejenigen, die zum Fiskus wenig oder nichts beitragen, die Arbeitslosen inbegriffen. Statt dessen sind es die rund 25 Millionen Haushalte, die als efffektive Nettoeinzahler beim deutschen Fiskus das System tragen. Im Zentrum des sozialen Lebens steht heute die steueraktive Mittelschicht, die mit ihren oberen ein oder zwei Prozent in die Gruppe der reichen Leute hineinragt. Und an diesem oberen Rand des steueraktiven Segments findet man eine bemerkenswerte Anzahl von Personen, die offensichtlich der Maxime folgen, daß einfaches Zahlen an den Staat nicht genügt. Man redet zur Zeit viel über geheime CDs mit den Namen von Steuerflüchtlingen, mir schiene es klüger, man erstellte eine Kassette mit den Namen derer, die freiwillig mehr geben. .... Sie sind diejenigen, die mehr geben, als sie müßten, zuweilen sehr viel mehr. Indem sie spenden, sponsern, stiften und helfen. Zugleich verkörpern diese Philanthropen eine innere Haltung, die Sie in Ihrem utopischen Gegenentwurf zum Fiskalstaat der gesamten steueraktiven Bevölkerung vorschlagen. Aus mißmutigen Steuerzahlern soll eine Gesellschaft freiwilliger Geber werden.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 151-152).

„Ich mache ambivalente Erfahrungen: Einerseits treffe ich nicht wenige Leute, die mir sagen, sie würden sofort mehr geben, wenn man es in anständiger Form von ihnen verlangte. Andererseits spreche ich auch mit Personen, die mir sagen: Ich finde Ihre Idee sympathisch, aber ich habe in meinem Leben schon so viel Zwangssteuern bezahlt, daß es mir ein für allemal reicht.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 152).

„Ich frage mich aber, wie es dazu kommt, daß viele Menschen, deren Lebenssteuerbilanz bedeutend ist, so verbittert sind und sich auf der Seite der Geplünderten sehen. Für diese Leute fehlt offensichtlich ein Gegenstück dessen, was früher die Arbeiterbewegung für die einfachen Arbeiter gewesen ist. Diese Bewegung hat neben der Herbeiführung von halbwegs anständigen Löhnen etwas geschaffen, was man vorzeiten Klassenbewußtsein nannte: Ein stolzes Bewußtsein davon, daß der Produzent letztlich auf der gebenden Seite steht. Daß er nicht ein Schuldner der Gemeinschaft ist, sondern deren Förderer. Das war die große psychopolitische Leistung der klassischen Arbeiterbewegungen. Wir sollten diese schon deswegen nicht vergessen, weil wir heute eine analoge Geberbewegung stiften müssen, die mehr von der breiten Mitte als vom unteren Rand getragen wird.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 152).

„»Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will«, heißt es im klassischen Arbeiterlied. Inzwischen haben wir es jedoch mit einer zum permanenten Geben genötigten Mitte zu tun, der jede adäquate Artikulation ihres faktischen Geberseins vorenthalten ist. Warum ist das So? Weil sie zu einer Art von Zwangsphilanthropie auf monatlicher Basis genötigt werden, die rein mechanisch erfolgt. Oder erhalten Sie etwa am Jahresende einen Brief vom Finanzamt: »Sehr geehrter Steuerzahler, wir sprechen Ihnen hiermit unsere Anerkennung dafür aus, daß Sie auch in diesem Jahr wieder einen fünfstelligen oder sechsstelligen Betrag für das Gemeinwesen erübrigt haben!« Statt dessen ist die Atmosphäre geschwängert von dem Verdacht, dieser Steueruntertan hätte noch mehr geben können, wenn man ihn besser überwacht und stärker ausgepreßt hätte. Diese Herausholmentalität verdeckt die Tatsache, daß das, was die Bürger für den Staat erübrigen, durchaus keine Schulden des Bürgers beim Staat sind, sondern vielmehr Gaben, die auf der Grundlage staatsbürgerlicher Anteilnahme erbracht werden - obschon bisher überwiegend in aufgenötigter Form.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 153).

Der zeitgenössische Steuerstaat ist demnach undemokratisch? In Wahrheit erleben wir im heutigen Finanzwesen gleichzeitig vor- und nachdemokratische Zustände. Wir gehen einerseits zurück in die absolutistische, spätfeudale Fiskalität, indem der Staat einseitig nimmt, nimmt, nimmt, ohne zu argumentieren. Andererseits bewegen wir uns längst weit voraus in die Fiskalität eines postdemokratischen Gemeinwesens - erkennbar an dem wahnwitzigen Zustand der Staatsschulden, durch den die nächsten hundert Jahre Zinsendienst vorprogrammiert sind - bis hin zur Enteignung der Ungeborenen. Was gegenwärtig überhaupt nicht vorkommt, ist der Gedanke, daß die Bürger nicht die Schuldner des Gemeinwesens sind, sondern seine Sponsoren.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 153).

„Vielen Menschen fehlt das Gebergefühl, weil sie in der Demokratie nicht angekommen sind - oder besser gesagt, weil die Demokratie bei ihnen nicht angekommen ist. Und zwar deswegen nicht, weil ihnen im Augenblick ihrer stärksten Anteilnahme am Gemeinwesen, nämlich beim Zahlen von Steuern, die vollkommene Fremdbestimmung widerfährt. Wählen dürfen wir nur alle vier Jahre. Steuern zahlen wir jeden Monat. Aber der Augenblick des Steuerzahlens ist nie mit dem Dank des Gemeinwesens an den Geber verbunden. Es geht dabei genauso zu, wie man sich den ausbeuterischen Unternehmer im 19. Jahrhundert vorstellte: Der dachte doch tatsächlich, ihm stehe der Mehrwert des vom Arbeiter erzeugten Gutes zu. Genauso meint heute der Fiskus, ein Anrecht darauf zu haben, bei allen, die Geld verdient haben, sofort einen bemerkenswerten Anteil abzuschöpfen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 153-154).

„Solange die staatlichen Strukturen bestehen, wie sie bestehen, gibt es keine Gelegenheit, herauszufinden, wie Menschen sich entwikkeIn würden, wenn sie aus dem fiskalischen Zwangssystem entlassen wären. Eine ähnliche potentielle Kulturrevolution stellt das Konzept eines Grundeinkommens dar, das in verschiedenen Varianten diskutiert wird. Von der Geste her ist das durchaus eine Angelegenheit nach meinem Herzen. Das wäre ein Ernstfall dessen, was ich mit dem Begriff Umstimmung beschreibe.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 154).

Ein womöglich sogar bedingungsloses Grundeinkommen könnte den Menschen ein existentiell verändertes Lebensgefühl bescheren? Ohne Zweifel. Das Problem ist aber, daß wir damit eine Form von Privilegien-Nationalismus erzeugen würden, der weltweit anstößig wäre - vorausgesetzt, das Projekt wäre finanzierbar. Was wäre am unbedingten Grundeinkommen so anstößig? Wir würden damit sämtliche Menschen beleidigen, die in Armut leben und die nichts anderes kennen als den langen Umweg über die Arbeit zum Wohlstand. Ein neuer Sozialismus in einem Land wäre eine Provokation, die den Einwohnern Deutschlands nicht guttäte. Man könnte sich des Ansturms von Einwanderern nicht mehr erwehren. Überdies sollten wir nicht vergessen, daß Menschen Wesen sind, die auf das Streben nach Genugtuung über eigene Leistung nicht verzichten können. Dies steht im Widerspruch zu der verwöhnenden Tendenz, die in der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens steckt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 154-155).

„ Seien wir realistisch: Die moderne Kreativität ist ein Nebeneffekt von Aufstiegswillen und Zinsstreß. Wer mit diesen psychopolitischen Motiven spielt, geht Risiken ein, die kaum geringer wären als die der russischen Revolution.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 155).

„Auf dem Zeichenbrett scheint alles möglich. Doch wir haben noch kein Labor für experimentelle Politik und hypothetische Geschichtsschreibung entwickelt. Wir können nur hoffen, es werde demnächst Länder geben, die mutig genug sind, radikal neue Dinge zu versuchen. Wir bräuchten Prototypen von Gesellschaften, die den Versuch unternehmen, vollständig von Zwangssteuer auf Philanthropie umzustellen. Ebenso wie wir sehr bald Länder brauchen, die ihre Wirtschaft zu 100 Prozent auf erneuerbare Energiequellen umstellen. Erst nach dem Experiment würde man wissen, warum es nicht funktioniert, falls sich zeigt, daß es nicht funktioniert. Welche Länder kämen dafür in Frage? Bis zur Größe eines deutschen Bundeslandes oder einer europäischen Nation sollte man experimentelle Politik durchaus vorantreiben können. Grundsätzlich kommen hierfür nur die reichen Länder in Frage, womit wir wieder zu unserem Ausgangspunkt gelangen: Dem Reichtum fällt künftig in sozialpolitischer wie in weltpolitischer Perspektive eine ungeheure Bedeutung zu. Der Reichtum hat jetzt die Verantwortung dafür, daß das ganze nicht im Chaos endet. Noch mehr als früher müssen wir die Starken bei ihren Stärken ansprechen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 155).


Letzte Ausfahrt Empörung. Über Bürgerausschaltung in Demokratien

( zuerst in: Der Spiegel, Der verletzte Stolz, 08.11.2010 )

„Über Bürgerausschaltung in Demokratien Wann immer Politiker und Politologen sich über den Zustand einer modernen res publica Gedanken machen, drängen Reminiszenzen an das alte Rom sich auf. Das widerfuhr auch jüngst dem glücklosen deutschen Außenminister, als er, um den in seinen Augen allzu üppigen Sozialstaat unseres Landes zu kritisieren, auf den Gedanken verfiel, die heutigen Verhältnisse mit den Niederungen der »spätrömischen Dekadenz« zu vergleichen. Welche Vorstellungen er hiermit verband, konnte nie genau ermittelt werden. Vielleicht waren dem Gast an der Spitze des Auswärtigen Amts vage Erinnerungen an das System des kaiserzeitlichen Plebs-Managements durch Gladiatorenspiele in den Sinn gekommen, möglicherweise dachte er auch an die obligatorischen Getreidespenden für die arbeitslosen Massen der antiken Metropole. Beides wären Nachklänge des hastigen Geschichtsunterrichts, den die meisten deutschen Gymnasiasten des Jahrgangs 1961 (Westerwelle u. a.) genossen. Sie enthalten nichts, was zu Besorgnis Anlaß gäbe. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 156).

„Immerhin, der Hinweis auf die »spätrömische Dekadenz« im Mund eines deutschen Politikers war nicht nur ein Symptom von standesgemäßer Halbbildung. Er war auch nicht bloß ein Symptom von verbalem Draufgängertum, das bei einer gewissen Klientel Eindruck machen sollte. Er enthielt eine Reihe von gefährlichen Implikationen, denen der Redner ohne Zweifel ausgewichen wäre, hätte er sie sich bewußt gemacht. Das römische Brot-und-Spiele-System war ja nicht weniger gewesen als die erste Ausgestaltung dessen, was man seit dem 20. Jahrhundert als »Massenkultur« bezeichnet. Es symbolisierte die Wende von der gravitätischen Senatorenrepublik zum postrepublikanischen Theaterstaat mit einem kaiserlichen Mimen im Zentrum. Dieser Übergang war unausweichlich geworden, seit das römische Imperium nach seiner Konversion zur cäsarischen Monarchie mehr und mehr auf die Eliminierung von Senat und Volk aus der Regelung der öffentlichen Angelegenheiten zusteuerte. In dieser Sicht war die vielzitierte römische Dekadenz nichts anderes als die Kehrseite der politischen Bürgerausschaltung, die mit der Machtübernahme durch eine Junta von imperialen Berufspolitikern einherging. Sie ist nur angemessen zu begreifen, wenn man in ihr das Symptom der Auflösung von republikanischem Leben in Verwaltung und Unterhaltung erkennt. Während die Reichsverwaltung sich zunehmend in Formalien verstrickte, setzte sich auf der Seite der Unterhaltung – namentlich in den Arenen rund um das Mittelmeer und bei den Festen der metropolitanen Oberschicht – der Trend zur Verrohung und Enthemmung durch. Das Miteinander von Verwaltungsstaat und Unterhaltungsstaat antwortete auf einen Weltzustand, in dem die Machtausübung nur noch durch die weitgehende Entpolitisierung der Reichspopulationen gesichert werden konnte.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 156-157).

„Das Spiel mit römischen Reminiszenzen rührt früher oder später an gefährliche Materie. Wer Rom erwähnt, sagt zugleich res publica, und wer von dieser spricht, sollte nicht versäumen, nach dem Geheimnis ihrer Anfänge zu fragen. Mochten auch die Cäsaren ihre Dekrete nach wie vor mit der geheiligten Formel »Senat und Volk von Rom« (SPQR) absegnen – es stand doch fest, daß beide Instanzen so gut wie völlig entmachtet waren. Versuchen wir also zu erklären, wie es kam, daß die exemplarische »öffentliche Sache« Alteuropas mit einem bedenkenswerten Affektsturm begann: Der Sohn des letzten römisch-etruskischen Königs, Tarquinius Superbus junior, war auf die Reize einer jungen römischen Matrone namens Lucretia aufmerksam geworden, nachdem er durch die Prahlereien ihres Gatten Collatinus von deren Schönheit und Sittsamkeit erfahren hatte. Offensichtlich wollte er nicht hinnehmen, daß ein Untergebener erotisch glücklicher sein sollte als er selbst, der Sproß aus königlichem Haus. Der Rest ist dank Livius Weltgeschichte und dank Shakespeare Weltliteratur: Der junge Tarquinius dringt in Lucretias römische Wohnung ein und nötigt sie durch eine infame Erpressung, in ihre Vergewaltigung einzuwilligen. Nach der erlittenen Entehrung ruft die junge Frau ihre Verwandten zusammen, berichtet ihnen von den Vorfällen und erdolcht sich vor den Augen der Versammelten. Eine beispiellose Welle der Erschütterung verwandelt nun das harmlose Hirten- und Bauernvolk der Römer in eine revolutionäre Menge. Tarquinius Superbus wird vertrieben, die etruskische Vorherrschaft ist für immer beendet. Nie wieder werden Hochmütige an der Spitze des Gemeinwesens geduldet sein. Der Name des Königs wird für alle Zeiten geächtet – nicht nur ad personam, sondern im Hinblick auf die monarchische Funktion als solche.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 157-158).

„Aus der Konvulsion der Bürger erwächst eine folgenschwere Idee: Die Gemeinwesenlenkung wird künftig allein von Römern ausgeübt werden, sie wird pragmatisch und profan erfolgen. Zwei Konsuln halten sich gegenseitig in Schach, ihre jährliche Neuwahl beugt jeder erneuten Verwechslung von Amt und Person vor. Der religiöse Überbau implodiert, bis auf die Staatsorakel, ohne dies es auch in der Republik nicht geht; für immer bleibt die königliche Superbia verbannt. Die produktiven Energien des Hochmuts werden auf das Format des Strebens nach Ansehen durch Vortrefflichkeit zurückgeschraubt, wie in Meritokratien üblich. Aufgrund dieser Beschlüsse setzt sich im Jahr 509 vor Christus die am klügsten konstruierte republikanische Maschine der Menschheitsgeschichte in Gang; durch die nachträgliche Hinzufügung des Volkstribunenamts erlangt sie einen unüberbietbaren Grad an Effizienz. Eine Erfolgsstory ohnegleichen beginnt, bis, fast ein halbes Jahrtausend später, die Überdehnung des römischen Machtkomplexes den Übergang zu neo - monarchischen Verhältnissen erzwingt.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 158).

„Eine bedeutsame Information sollte der heutige Leser dieser Geschichte festhalten: Die Lucretia-Legende handelt von der Geburt der res publica aus dem Geist der Empörung. Was man später Öffentlichkeit nennen wird, ist anfangs ein Epiphänomen des Bürgerzorns. Aus dem Unmut der zusammenströmenden Menge bildete sich das erste Forum. Die erste Tagesordnung umfaßte nur einen einzigen Punkt: die Zurückweisung einer herrscherlichen Infamie. Aus ihrer synchronen Erregung über den zügellosen Hochmut der Machthaber lernten die einfachen Leute, daß sie von nun an Bürger heißen wollen. Der consensus, mit dem alles anfängt, was wir bis heute öffentliches Leben nennen, war die zivile Einmütigkeit hinsichtlich eines unerträglichen Affronts gegen die ungeschriebenen Gesetze des Anstands und des Herzens.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 158).

„Um das Entscheidende noch einmal zu sagen: Was wir jetzt mit dem griechischen Ausdruck »Politik« umschreiben, ist ein Derivat des Ehrsinns und der stolzen Regungen gewöhnlicher Menschen. Für das Spektrum der stolzverwandten Affekte hält die alteuropäische Tradition den Ausdruck thymós bereit. Auf der thymotischen Skala der menschlichen Psyche erklingen viele Töne – von Jovialität, Wohlwollen und Generosität über Stolz, Ambition und Trotz bis hin zu Empörung, Zorn, Ressentiment, Haß und Verachtung. Solange eine politische Kommune von ihrem Stolzzentrum her gelenkt wird, stehen Fragen von Ehre und Ansehen im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Die Unverletztheit der zivilen Würde gilt als höchstes Gut. Der öffentliche Argwohn wacht darüber, daß Arroganz und Gier, die immer virulenten Hauptmächte der Gemeinheit, in der res publica niemals die Oberhand gewinnen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 158-159).

„Es dürfte klar sein, warum es nicht unverfänglich ist, in unseren Tagen von römischer Dekadenz zu sprechen und aktuelle Zustände mit ihr gleichzusetzen. Wer so redet, bekennt sich implizit zu der Auffassung oder der Befürchtung, daß auch auf die moderne Republik – wie sie vor gut zweihundert Jahren aus dem monarchiekritischen Zorn der nordamerikanischen und französischen Revolutionen hervorgegangen war – zu gegebener Zeit eine postrepublikanische Phase folgen werde. Typischerweise wäre auch diese durch das erneute Miteinander von Brot und Spielen charakterisiert, oder, um zeitgemäß zu reden, durch eine Synergie von Sozialstaat und Sensationsindustrie. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Vorboten solcher Doppelwirtschaft allgegenwärtig sind. Lesen wir nicht seit geraumer Weile die Zeichen, die für die Rückentwicklung des öffentlichen Lebens auf Administration und Entertainment sprechen – Wärmedämmung für Ministerien und Casting-Shows für Ambitionen? Hat nicht der von Großbritannien ausgehende Diskurs über »Postdemokratie«, also der Gedanke, daß Bürgerbeteiligung durch die höhere Kompetenz politischer Spitzenentscheider eingespart werden kann, diskret die Parteizentralen und soziologischen Seminare in der westlichen Hemisphäre erobert? Sind nicht Unzählige schon wieder existentiell in Deckung gegangen, wie einst die antiken Stoiker und Epikuräer, und haben sich darauf eingerichtet, daß Bürokratie, Spektakel und private Sammlungen jetzt die letzten Horizonte markieren?“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 159).

„Man könnte aus diesen Beobachtungen den vorschnellen Schluß ziehen, die postdemokratischen Tendenzen hätten sich in der Dämmerung der zweiten republikanischen Ära, die wir die politische Moderne nannten, bereits auf ganzer Linie durchgesetzt. Dann bliebe uns, den Bewohnern der zweiten res publica amissa (des preisgegebenen Gemeinwesens) erneut nichts übrig als das Warten auf die Cäsaren – und auf deren billige Ausgaben, die Populisten, sofern Populismus heute den Beweis liefert, daß Cäsarismus auch mit Komparsen funktioniert. Also hätte Oswald Spengler mit seiner gefährlichen Suggestion Recht behalten, man müsse Dekadenztheoretiker sein, um als Zeitdiagnostiker auf der Höhe der Phänomene zu stehen?“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 159-160).

„Doch so anregend rhapsodische Überlegungen dieser Art sein mögen: Wir sind in dieser Angelegenheit besser beraten, wenn wir uns vom Elan der großen Analogie nicht mitreißen lassen. Zwar fehlt es nicht an Hinweisen darauf, daß wir postrepublikanischen und postdemokratischen Zuständen entgegengehen. Deren signifikantestes Symptom, die erneute Bürgerausschaltung durch eine monologisch in sich verschränkte Staatlichkeit, ist heute auf breiter Front zu diagnostizieren. Daß Politik hierzulande immer mehr dem Monolog eines Autistenclubs nahekommt, zeigt die aktuelle Linie der schwarz-gelben Regierung in Fragen der Atomenergie.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 160).

„Wer aber geglaubt hätte, die Bürgerausschaltung in der zweiten postrepublikanischen Situation werde so reibungslos verlaufen wie nach der Etablierung des antiken Cäsaren-Regimes, sähe sich getäuscht. In diesem Punkt ist die historische Analogie nicht schlüssig – aus einem Grund, über den man sich noch immer aus alten Quellen am besten informiert. Die klassischen Autoren Griechenlands besaßen vom Menschen als zugleich erosbewegtem und stolzbewegtem Wesen ein ungleich tieferes Verständnis als die Modernen, weil die letzteren sich mehrheitlich damit begnügten, die menschliche Psyche allein aus der Libido, dem Mangel und dem Habenwollen zu deuten. Zu Fragen des Stolzes und der Ehre fällt ihnen seit über hundert Jahren nichts mehr ein. Folglich nimmt es nicht wunder, wenn heute weder Politiker noch Psychologen Rat wissen, sobald sie es mit öffentlichen Regungen der vergessenen Stolzkomponente im menschlichen Seelenhaushalt zu tun bekommen. Wer sich im Panorama der politischen Unruhen in Europa umsieht, besonders an den deutschen Krisenherden, sollte sich eines möglichst schnell klarmachen: Wenn heute die Bürgerausschaltung trotz aller Aufgebote an Expertokratie und Amüsierkultur nicht ganz gelingt, so darum, weil man die Rechnung ohne den Bürgerstolz gemacht hat. “ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 160-161).

„Mit einem Mal steht er wieder auf der Bühne – der thymotische Citoyen, der selbstbewußte, informierte, mitdenkende und mitentscheidungswillige Bürger, männlich und weiblich, und klagt vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gegen die mißlungene Repräsentation seiner Anliegen und seiner Erkenntnisse im aktuellen politischen System. Er ist wieder da, der Bürger, der empörungsfähig blieb, weil er trotz aller Versuche, ihn zum Libido-Bündel abzurichten, seinen Sinn für Selbstbehauptung bewahrt hat, und der diese Qualitäten manifestiert, indem er seine Dissidenz auf öffentliche Plätze trägt. Wie über Nacht ist er wieder unter uns, der unbequeme Bürger, der sich weigert, ein politischer Allesfresser zu sein, duldsam und fern von »nicht hilfreichen« Meinungen. Lange hatte man ihn nicht mehr gesehen – diesen informierten und empörten Bürger, der plötzlich, man begreift nicht wie, auf den Gedanken verfiel, den Artikel 20, Absatz 2 des Grundgesetzes (**) auf sich selbst zu beziehen, wonach alle Staatsgewalt vom Volk ausgehe. Was ist in ihn gefahren, wenn er das mysteriöse Verfassungsverbum »ausgehen« als die Anweisung versteht, seine vier Wände zu verlassen, um zu bekunden, was er will und weiß und fürchtet?“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 161).

„In Momenten wie dem gegenwärtigen schadet es nicht, sich darauf zu besinnen, daß die ursprüngliche res publica selbst ein Derivat der psychopolitischen Primäraffekte Stolz und Empörung war. Wie bemerkt, stand an der Quelle des römischen Gemeinwesengefühls die Unwilligkeit, die allzu kraß gewordene Arroganz der Herrschenden länger zu dulden. Trotz aller Differenzen zwischen antiken und modernen Situationen muß man nach dem vergleichbaren Aspekt nicht lange suchen. Auch heute sehen zahllose Bürger Grund, sich über die Anmaßung der Herrschenden zu erregen. Selbst wenn die Anmaßung anonym geworden ist und sich in den sachzwanggetriebenen Systemen versteckt – die Bürger, insbesondere in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler und als Adressaten hohler Reden vor Wahlen, spüren doch hin und wieder deutlich genug, welches Spiel mit ihnen getrieben wird.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 161).

„Verstehen wir nun, wieso der Traum der Systeme Ungeheuer gebiert? Die Ungeheuer sind die leibhaftigen Bürger, die sich dem postdemokratischen Gebot der Bürgerausschaltung widersetzen. Daß diese plötzliche Renitenz erklärungsbedürftig ist, wird man zugeben. Warum nur können die Leute mit einem Mal nicht auf den ihnen zugedachten Plätzen ruhighalten? Wieso ist auf ihre systemrelevante Lethargie kein Verlaß mehr? Und was ist an ihrer Funktion so schwer zu verstehen? In der repräsentativen Demokratie werden Bürger – von ihren enormen fiskalischen Aufgaben abgesehen – in erster Linie als Lieferanten von Legitimität für Regierungen gebraucht. Deswegen werden sie in weitmaschigen Abständen zur Ausübung ihres Wahlrechts eingeladen. In der Zwischenzeit können sie sich vor allem durch Passivität nützlich machen. Ihre vornehmste Aufgabe besteht darin, durch Schweigen Systemvertrauen auszudrücken.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 161-162).

„Begnügen wir uns, um höflich zu sein, mit der Feststellung, daß solches Vertrauen zu einer knappen Ressource geworden ist. Sogar Berliner Hofpolitologen sprechen von der manifesten Entfremdung zwischen der politischen Klasse und der Bevölkerung. Noch scheuen die Experten vor der harten Diagnose zurück, wonach die Politik der nützlichen Entpolitisierung des Volks vor dem Scheitern steht.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 162).

„An dieser Stelle mag es sinnvoll sein, nachzufragen, wie den Römern der Cäsarenzeit ihr Entpolitisierungskunststück gelang, während es den heutigen gewählten Postdemokraten aus den Händen zu gleiten droht. Die Antwort ist umweglos zu finden: Den kaiserzeitlichen Eliten stand über lange Zeit die Möglichkeit offen, den thymotischen Ansprüchen ihrer Bürgerwelt halbwegs brauchbare Ersatzangebote zu machen – trotz handfester Anzeichen postrepublikanischer Dekadenz: Sie verstanden sich darauf, im civis romanus den Stolz auf die zivilisatorischen Leistungen des Imperiums zu wecken; sie banden die Völker der Peripherie durch römische soft power an das Zentrum; sie waren klug genug, den haltlosen Massen in den Städten die Teilhabe am theatralischen Narzißmus des Kaiserkults zu gewähren. Im Vergleich hiermit springt die Hilflosigkeit unserer politischen Klasse in allen Belangen des thymotischen Haushalts ins Auge. Sie hat den Bürgern oft nicht mehr zu bieten als die Aussicht auf Teilhabe an ihrer eigenen Kläglichkeit – ein Angebot, auf das die Bevölkerung in der Regel nur im Karneval und bei Aschermittwochsreden eingeht. Wird die Frage gestellt, wie das breite Volk auf die Performance der Regierenden reagiert, verzeichnen Meinungsforscher seit einiger Zeit am häufigsten die Auskunft: mit Verachtung. Unnötig zu sagen, daß dieses Wort zum elementaren Vokabular der thymotischen Analyse gehört. Wenn die Bezeichnung für den Minuspol der Stolz-Skala so häufig und so heftig gebraucht wird wie zur Stunde, dürfte begreiflich werden, in welchem Maß die psychopolitische Regulierung unseres Gemeinwesens aus dem Ruder läuft.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 162-163).

„Der Traum der Systeme gebiert Ungeheuer: Das erleben die Regierenden auf ihre Weise, sobald unzufriedene Bürger sich ihren Projekten und Prozeduren in den Weg stellen. Es überrascht nicht, wenn Verachtung spontan auf Verachtung antwortet. Der unwillkommenen Bürgerdissidenz trat man in Stuttgart und Berlin erschrocken mit Großaufgeboten von Polizei und Schimpfworten entgegen. So also sieht es aus – das dunkle Etwas, von dem alle Staatsgewalt ausgeht? »Berufsprotestierer, Freizeitanarchisten, Stimmungsdemokraten, Altersegoisten, Wohlstandsverwahrloste!« In diesen Vokabeln faßten die Landesregierung und ihre Alliierten in der Hauptstadt ihre Eindrücke von den Zehntausenden zusammen, die gegen ein zerbröckelndes Großprojekt auf die Straße gingen. Soll man diese Wortwahl dadurch entschuldigen, daß die Sprecher unter Schock standen? Im Gegenteil, man schuldet diesen Politikern Dank, daß sie endlich aussprachen, wie sie über die Bürger denken. Bemerkenswerterweise war ein wichtiger Teil der manchmal seriösen Presse bereit, sich in die bedrängte politische Klasse einzufühlen: »Wutbürger« nannte man jüngst die neuen Protestierer – was eine kluge Prägung gewesen wäre, hätte sie die Erinnerung an den ursprünglichen Zusammenhang von Empörung und Republik beschworen. Leider diente sie im aktuellen Gebrauch nur dazu, die lästigen Dissidenzfliegen zu verscheuchen. Man sieht jedenfalls: Manche Journalisten wissen, wie sie das Ihre zum Werk der Bürgerausschaltung beizutragen können.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 163).

„Es sollte nicht bei Verbalattacken gegen das dunkle Etwas bleiben. Mit Schlagstöcken und Tränengas antwortete die verschreckte Kaste auf resolute Argumentierer aus dem Volk, die Unstimmiges in den Plänen für den neuen Stuttgarter Bahnhof entdeckt hatten. Mit der Einleitung eines Parteiausschlußverfahrens reagierte die altehrwürdige SPD auf ein bewährt robustes Mitglied, das unter Aufbietung ausführlicher Beweise Unstimmiges in der deutschen Zuwanderungspolitik aufdeckte – und dabei Tatsachen vortrug, die ohne genetische Begründungsversuche solider dastehen als mit diesen. Beide Male hieß es, man habe sich die notwendigen Reaktionen, das Zuschlagen und das Ausschließen, nicht leicht gemacht. Bürgerausschaltung als Beruf – das ist gelegentlich noch härter als das übliche Bohren von harten Brettern.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 163-164).

„Wer versucht, inmitten der Polemiken Beobachterruhe zu wahren, gewinnt ein Bild, das die verschiedenen Konfliktherde zu einer kohärenten Szene zusammenzieht: Auf breiter Front sieht man dieselben Bunkerreflexe gegen die Störung der Routinen, dasselbe Ausweichen ins Mobbing gegen die Träger »unerwünschter Meinungen«, dasselbe Unbehagen an der Wortergreifung der Unberufenen, dieselbe Verwechslung von Verstopfung mit Charakterfestigkeit.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 164).

„Über so viel eingehauste Dumpfheit kann nur eine genauere Analyse des politischen Systems und seiner Paradoxien hinausführen. Diese würde beginnen mit der Erklärung, warum die moderne repräsentative Demokratie in der Regel außerstande ist, zu bewirken, was den Cäsaren noch scheinbar spielend gelang: Diese waren jahrhundertelang imstande, den systemischen Imperativ der postrepublikanischen Bürgerausschaltung mit dem psychopolitischen Imperativ der thymotischen Bürgerbefriedigung zu verbinden. Die Modernen scheitern an dieser Aufgabe, seit ihnen die Ausflucht in die nationale Selbstüberhöhung nicht mehr so leicht fällt wie vor hundert Jahren. Daher stehen ihnen nur zwei Auswege offen, von denen einer ökonomisch ruinös, der andere psychopolitisch unberechenbar ist: die Bürgerausschaltung durch Stillhalteprämien und die Bürgerlähmung durch Resignation. Wie Prämien funktionieren, weiß jeder, der die aktuellen Debatten über den Alimentenstaat beobachtet. Auch wie die Resignation erzielt wird, ist kein Geheimnis. Diese gleicht oberflächlich der Zufriedenheit unter einer guten Regierung. Sie unterscheidet sich von ihr durch die mutlos grollende Stimmung, nach deren Urteil die da oben im Grunde doch alle gleich sind. In solchem Klima können Wahlbeteiligungen, wie in den USA üblich, auf unter 50% absinken, ohne daß die politische Klasse Grund sähe, sich zu beunruhigen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 164).

„Bürgerausschaltung mittels Resignation ist ein Spiel mit dem Feuer, da sie jederzeit in ihr Gegenteil, die offene Empörung und den manifesten Bürgerzorn umschlagen kann. Hat der Zorn erst einmal sein Thema gefunden, läßt er sich nicht mehr leicht davon ablenken. Für die politische Klasse kommt die Erschwerung hinzu, daß die moderne Bürgerausschaltung sich als »Einbeziehung« des Bürgers präsentieren will. Dessen Entpolitisierung muß mit so viel restlicher Politisierung verbunden bleiben, wie zur Selbstreproduktion des politischen Apparats nötig ist.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 164-165).

„In keiner Hinsicht sind die Bürger unserer Hemisphäre so ausgeschaltet wie in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler. Es ist dem modernen Staat gelungen, seine Angehörigen im Moment ihrer materiellsten Zuwendung zum Gemeinwesen, im Augenblick ihres Einzahlens in die gemeinsame Kasse, die passivste Rolle aufzudrängen, die er zu vergeben hat: Statt die Geberqualität der Zahlenden zu hervorzuheben und den Gabe-Charakter von Steuern respektvoll zu betonen, belasten die modernen Fiskalstaaten ihre Steuerzahler mit der entwürdigenden Fiktion, sie hätten bei der öffentlichen Kasse massive Schulden, so hohe Schulden, daß sie dieselben nur in lebenslangen Raten tilgen können. Im Zentrum des modernen Bürgerausschaltungsgeschehens findet man ein psychopolitisch völlig falsch konstruiertes Steuerwesen. Es raubt den steueraktiven Bürgern den Stolz und drängt sie in die Position von ewigen Schuldnern des Leviathans. Je leistungsfähiger sie sich zeigen, desto tiefer stehen sie in der Kreide, je mehr sie zu geben haben, desto mehr sind sie im Minus. Im übrigen werden die Steuerbürger neuerdings nicht nur im Augenblick ihres Einzahlens in die Gemeinschaftskasse zur Passivität verdammt, sie erleiden eine Passivität zweiten Grades, seitdem der Staat sie hinterrücks an die Galeere der öffentlichen Schulden gefesselt hat. Ohne zu begreifen, wie ihnen geschah, sehen sich die Gebenden in eine Schicksalsgemeinschaft neuen Typs verstrickt. Sie bilden ab sofort eine Kollektivschuldgruppe, die morgen und bis zu ihrem letzten Atemzug für das bezahlen werden, was die Bürgerausschalter von heute ihnen aufbürden. Man sage nicht, die heutige Politik habe keine Visionen mehr. Noch gibt es eine Utopie für unser Gemeinwesen. Wenn das Glück auf unserer Seite ist und alle alles tun, was in ihrer Macht steht, gelingt am Ende sogar das Unmögliche, die Staatsbankrottvermeidung. Sie ist von nun an der rote Stern am Abendhimmel der Demokratie.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 165).

„Unzählige Kommentare haben seit der 2008 aufgebrochenen Finanzkrise (**) die Gefährlichkeit der Spekulation an den Finanzmärkten beschworen. Von der gefährlichsten der Spekulationen war nie die Rede: Die meisten heutigen Staaten spekulieren, durch keine Krise belehrt, auf die Passivität der Bürger. Westliche Regierungen wetten darauf, daß ihre Bürger weiter in die Unterhaltung ausweichen werden; die östlichen wetten auf die unverwüstliche Wirksamkeit offener Repression. Man muß kein Prophet sein, um zu ahnen, in welchem Maß die Zukunft vom Wettbewerb zwischen dem euro-amerikanischen und dem chinesischen Modus der Bürgerausschaltung bestimmt sein wird. Beide Verfahren gehen davon aus, man könne das Aufklärungsgebot der Repräsentation von positivem Bürgerwillen und gutem Bürgerwissen im Regierungshandeln umgehen, indem man weiter mit hoher Bürgerpassivität rechnet. Das ging bisher erstaunlich gut: Sogar nach der mißglückten Kopenhagener Weltklimakonferenz von 2009 widmeten sich die Bürger Europas in jenem fatalen Dezember lieber ihren Weihnachtseinkäufen als der Politik; sie zogen es vor, mit vollen Tüten nach Hause zu kommen, statt ihre mit leeren Händen zurückgekehrten »Vertreter« zumindest symbolisch so zu teeren und zu federn, wie sie es verdient hätten.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 166).

„Auch ohne divinatorische Begabung kann man wissen: Dergleichen Spekulationen werden früher oder später zerplatzen, weil keine Regierung der Welt im Zeitalter der digitalen Zivilität vor der Empörung ihrer Bürger in Sicherheit ist. Hat der Zorn seine Arbeit erfolgreich getan, entstehen neue Architekturen der politischen Teilhabe. Die Postdemokratie, die vor der Tür steht, wird warten müssen.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 166).

 

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